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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


6/2007 ´ 5. Februar 2007

Religion in der Gesellschaft


Mathias Hildebrandt
Krieg der Religionen?

Andreas Hasenclever ´ Alexander De Juan


Religionen in Konflikten

Rolf Schieder
Die Zivilisierung der Religionen

Manfred Brocker
Die Christliche Rechte in den USA

Rudolf Uertz
Politische Ethik im Christentum

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Ûber Jahrzehnte befand sich das Religiæse in der Defensive.
Das æffentliche Reden çber Gott war ¹outª. Spåtestens seit Her-
bert Grænemeyers neuestem Song haben es alle gemerkt: Reli-
gion und Gott gehæren wieder zum Mainstream der Gesellschaft.
Vom Absterben der Religion spricht niemand mehr, obwohl sich
religiæse Vorstellungen gesellschaftlich sehr unterschiedlich arti-
kulieren. Groûe Unterschiede bestehen zum Beispiel zwischen
den USA und Europa. Nordamerika gilt geradezu als ¹religiæ-
serª Kontinent; die Europåer erscheinen so gesehen als vællig
såkularisiert. Aber auch in Europa kann ± wenn auch zægerlich ±
eine genuine Renaissance der Religion beobachtet werden.
Gleichwohl schwindet die Bindung der Menschen an religiæse
Institutionen, insbesondere an die groûen Kirchen.

Wie wichtig die Bindekraft der Religion fçr eine demokratisch


verfasste Gesellschaft ist, hat der ehemalige Bundesverfassungs-
richter Ernst-Wolfgang Bæckenfærde so formuliert: Der freiheit-
liche, såkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst
nicht garantieren kænne. Gemeint sind damit u. a. vorinstitutio-
nelle Bedingungen einer Gesellschaft, die den Charakter von In-
stitutionen prågen. In diesem Sinne kann der ethisch-kulturelle
Beitrag des Christentums fçr eine Humanisierung der Gesell-
schaft nicht hoch genug eingeschåtzt werden.

Der Beitrag der Weltreligionen zum Frieden ist unbestritten.


Aber es gibt kaum eine Religion, in deren Namen nicht auch
Kriege gefçhrt und Gewalt gerechtfertigt worden sind. In jçngs-
ter Zeit wird die Lehre des Islam durch Extremisten missbraucht,
um Terroranschlåge nicht nur gegen ¹den Westenª zu legitimie-
ren. Diesem Missbrauch einer Weltreligion muss widerstanden
werden.

Ludwig Watzal
Mathias Hildebrandt sprechen die einen von religiæs motivierten
Kulturkonflikten, wåhrend andere die Vision

Krieg der eines friedlichen Zusammenlebens der Kultu-


ren beschwæren.

Religionen? Tatsåchlich wåre es falsch, angesichts des


Anstiegs religiæs motivierter Gewalt einseitig
das Konfliktpotenzial von Religionen zu be-
tonen und deren Friedens- und Versæhnungs-

W åhrend die westliche Welt jahrzehnte-


lang durch das Såkularisierungspara-
digma geprågt war, demzufolge der Einfluss
potenzial zu vernachlåssigen. Die Problema-
tik religiæser Ûberzeugungen und ihres Ein-
flusses auf politisches Handeln zeichnet sich
der Religionen auf die Politik im Rahmen vielmehr durch die Komplexitåt der Ambiva-
eines welthistorischen Prozesses in zuneh- lenz des Sakralen aus, in deren Folge sich Re-
menden Maûe an Bedeutung verlieren wçrde, ligionen im Spannungsfeld zwischen Toleranz
låsst sich in den vergangenen Jahrzehnten und Fanatismus und zwischen Gewalt und
eine Revitalisierung von Religionen und reli- Versæhnung bewegen. Dieser Ambivalenz
giæsen Akteuren in vielen nationalen Arenen kænnen keine eindeutigen politischen Konse-
und auf der weltpolitischen Bçhne beobach- quenzen zugeschrieben werden. Der Rçckbe-
ten. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt dem zug auf das Heilige kann sowohl reaktionår
Umstand geschuldet, dass die erfolgten Såku- und konservativ als auch reformerisch oder
larisierungsschçbe in revolutionår wirken. Es kann die Gesellschaft
vielen Teilen der Welt und ihre politische Ordnung befrieden, stabi-
Mathias Hildebrandt lisieren und integrieren, sie aber auch destabi-
ein Unbehagen an den
Dr. phil., PD, geb. 1962; lisieren, desintegrieren und in einem religiæs
sozialen, ækonomi-
Privatdozent an der Universität motivierten und legitimierten Blutrausch zer-
schen und politischen
Erlangen, Institut für Politische fallen lassen. Die Beantwortung der entschei-
Entfremdungseffekten
Wissenschaft, Kochstr. 4, denden Frage, wann und wie die Ambivalenz
der Moderne und
91054 Erlangen. des Sakralen in die eine oder andere Richtung
ihren såkularen Sinn-
mshildeb@phil.uni-erlangen.de umschlågt, muss sowohl die inneren Faktoren
systemen ausgelæst
http://www.polwis.phil.uni- der vielfåltigen Formen der Religionen und
haben, wodurch diese
erlangen.de Politischen Theologien als auch die åuûeren
modernen Ordnungs-
vorstellungen viel von sozialen, ækonomischen und politischen Fak-
ihrer Ûberzeugungskraft eingebçût haben. toren berçcksichtigen.
Der Rçckgriff auf religiæse und kulturelle
Traditionen und deren Neuinterpretation an-
gesichts der erodierenden Sinn- und Identi- Das Gewaltpotenzial
tåtsangebote aus der westlichen Welt scheint Politischer Theologien
in dieser Hinsicht eine verståndliche Reak-
tion zu sein, deren Folgen sich weltweit be- Ganz zweifelsohne wohnt den Religionen ein
merkbar machen und die religiæse Ûberzeu- nicht zu unterschåtzendes Gewaltpotenzial
gungen wieder zu bedeutenden Motiven poli- inne, das ganz erhebliche destruktive Kråfte
tischen Handelns hat werden lassen. freisetzen kann. Dabei scheint keine der
Weltreligionen von diesem Verdacht ausge-
Das Interesse an dieser Entwicklung nommen werden zu kænnen: weder das Chris-
scheint zum einen mit der Deprivatisierung tentum noch der Islam, aber auch nicht das
der zwischenzeitlich Unsichtbaren Religionen Judentum und auch nicht der Hinduismus.
und ihrem Wiederauftauchen als Úffentliche
Religionen erwacht zu sein. Zum anderen ir- Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine stark ge-
ritiert das zunehmend gewalttåtige Auftreten kçrzte Fassung meines Aufsatzes Unfriedliche Religio-
religiæs motivierter Akteure. In der Tat wird nen? Das politische Gewalt- und Konfliktpotenzial von
diese Wiederkehr der Gætter als Rache Gottes Religionen, in: Mathias Hildebrandt/Manfred Brocker
(Hrsg.), Unfriedliche Religionen? Das politische Ge-
oder als Kampf fçr Gott gedeutet, insoweit walt- und Konfliktpotenzial von Religionen, Wies-
mit ihr auch Terror im Namen Gottes verbun- baden 2005, S. 9 ± 35. Dort findet sich auch weiter-
den ist, der sich aus einem Heiligen Zorn fçhrende Literatur, auf deren Nennung ich hier aus
speise. Als Resultat dieser Entwicklungen Platzgrçnden verzichtet habe.

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Selbst der insbesondere durch den Dalai gerade diese Intention begrçndet gleichzeitig
Lama im Ruf besonderer Friedfertigkeit ste- das Konflikt- und Gewaltpotenzial der Reli-
hende Buddhismus kann nicht fçr sich rekla- gionen, insoweit diese auf einer ¹gættlichenª
mieren, keine Gewalt freizusetzen. Definitionsmacht und Definitionsleistung
beruhen, die zwischen Recht und Unrecht,
Worauf beruht also das Gewalt- und Kon- Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und
fliktpotenzial dieser Religionen? Eine erste letztendlich zwischen Gut und Bæse unter-
Antwort wåre in den Strukturen religiæser scheidet. Diese Definitionen werden im All-
Erfahrungen zu suchen. Obwohl wir mit gemeinen durch eine transzendente Sakrali-
einer Vielzahl unterschiedlicher Formen reli- sierung legitimiert, die mit einer Sanktions-
giæser Symbolsysteme konfrontiert werden, macht kosmischen Ausmaûes einhergeht,
kann dennoch jenseits der damit einhergehen- welche die Mæglichkeiten jeder irdischen
den Differenzen ein Gemeinsames im exis- Strafgewalt låcherlich erscheinen låsst. Die
tenziellen Bezug auf das Heilige gefunden Verheiûung von Frieden, Liebe, Gerechtig-
werden: Der Erfahrung eines mysterium tre- keit und Erlæsung wird flankiert von der Ge-
mendum et fascinans, das aufgrund seiner un- walt- und Strafandrohung bei Nichtbeach-
kontrollierbaren Pråsenz sowohl grauenerre- tung der gættlichen Gebote. Das Bild des lie-
gend und furchteinflæûend (tremendum) als benden und zornigen Gottes symbolisiert
auch çberwåltigend und daher achtungsge- paradigmatisch die Ambivalenz des Sakralen.
bietend und faszinierend (fascinans) ist. Mit
anderen Worten, religiæse Erfahrungen des So findet sich im Zentrum jeder (religiæsen)
Heiligen sind auûerordentlich ambivalente Definitionsleistung immer ein binårer Dualis-
Begegnungen mit einer die alltågliche Vorstel- mus, mit dem eine Komplexitåtsreduktion
lungskraft çberschreitenden Macht. der Wirklichkeitswahrnehmung bis hin zu
einem manichåischen Weltbild einhergehen
Diese Ambivalenz des Sakralen låsst sich kann. Diese Gefahr wird durch Tendenzen
deutlicher fassen, wenn wir uns den Strukturen zur Kanonisierung und Dogmatisierung ver-
Politischer Theologien widmen. Von der In- stårkt, in deren Zuge der Anspruch auf die
tention her weisen die meisten Politischen Verkçndigung der einen Wahrheit zu Selbst-
Theologien eine zentrale Gemeinsamkeit auf, gewissheit und Fundamentalismus mutieren
welche die angesprochene Ambivalenz aufzu- kann. So kann die der religiæsen Erfahrung ei-
læsen scheint. Diese wurzelt in der universellen gentçmliche Begeisterung in blinden Fanatis-
anthropologischen Konstante der menschli- mus umschlagen, der das jeweils Andere der
chen Unvollkommenheit. Denn gerade aus der Lçge und Unwahrheit bezichtigt und seine
Spannung der Erfahrung der Unvollkommen- Existenzberechtigung negiert. Diese inhåren-
heit des Menschen und der Ungerechtigkeit ten und potenziellen Tendenzen zu Intole-
der menschlichen Welt einerseits und der spiri- ranz und Ausschluss werden insbesondere
tuell erfahrenen gættlichen oder transzenden- dann radikalisiert, wenn Gewalt als Mittel
ten Vollkommenheit und Gerechtigkeit ande- zur Ûberwindung und Vernichtung des
rerseits entfaltet sich die motivierende Kraft Bæsen und zur Durchsetzung der eigenen
der Religionen: der Wunsch nach Ûberwin- Wahrheit legitimiert wird.
dung der menschlichen Unvollkommenheit
und der Ungerechtigkeit der Ordnung der Der jeweils Andere ist das notwendige und
Welt. Religiæse Symbolsysteme streben die unvermeidliche Nebenprodukt einer religiæ-
Eindåmmung von Konflikten und Gewalt sen (oder såkularen) Identitåtsbildung, weil
durch ethische Handlungsregeln und politi- die Bestimmung der eigenen Identitåt immer
sche Ordnungsprinzipien an, die Gerechtig- durch eine Abgrenzung zum Nichtidenti-
keit zwischen den Menschen stiften sollen. Sie schen vorgenommen werden muss. So fçhren
intendieren die Ûberwindung von Konflikten Religionen auf der einen Seite zur Konstituie-
und Gewalt in einem Jenseits oder in einem ir- rung, Institutionalisierung, Integration und
dischen Paradies. Mit anderen Worten, gemes- Stabilisierung einer ¹in-groupª von Glåubi-
sen an dieser Botschaft sind Religionen eigent- gen, der zwangslåufig eine ¹out-groupª von
lich friedensliebend und friedensstiftend. Unglåubigen gegençbersteht, von der man
sich, um die Geschlossenheit der eigenen
Aber diese Feststellung hebt die angespro- Gruppe zu bewahren, çber eine Abgrenzung
chene Ambivalenz nur scheinbar auf. Denn nach auûen distanzieren muss und mit der es

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unter Umstånden auch zum gewaltsamen Stræmungen aus. Innerhalb jeder dieser Stræ-
Konflikt kommen kann. Aber diese Feststel- mungen ist darçber hinaus mit verschiedenen
lungen dçrfen nun nicht zu dem Fehlschluss Traditionsschichten zu rechnen, welche die
verleiten, dass alle Religionen zwangslåufig Ambivalenz und Komplexitåt der jeweiligen
ein simples manichåisches Weltbild vertreten Religionen weiter erhæhen. Aufgrund dieser
und dass das in ihnen angelegte Gewaltpo- Komplexitåt kann zwangslåufig keine Inter-
tenzial unvermeidlich zum Ausbruch kommt. pretation die Essenz einer Religion repråsen-
Denn in der Realitåt wird die Ambivalenz tieren, sondern wir begegnen immer selekti-
des Sakralen durch die Ambivalenz der men- ven Interpretationen, die einen Aspekt der je-
schlichen Lebenswirklichkeit çberlagert und weiligen Tradition zugespitzt formulieren,
dadurch in seiner Komplexitåt gesteigert. Die indem sie ihn im jeweiligen Erfahrungshori-
meisten Religionen tragen dieser Ambivalenz zont interpretieren.
menschlicher Lebenswirklichkeit Rechnung.
Die oftmals gleichnishaften und nicht immer Trotz dieser vielfåltigen Interpretations-
widerspruchsfreien religiæsen Vorschriften mæglichkeiten zeichnet sich çber den empiri-
stecken einen weiten Auslegungs- und An- schen Vergleich gewaltlegitimierender Politi-
wendungsspielraum ab, der im Prinzip die scher Theologien und ihrer Bewegungen
Mæglichkeit bietet, den vielfåltigen Lebens- doch ein gewisses Grundmuster ab, das man
situationen gerecht zu werden. So legen z. B. aufgrund seiner dogmatischen Verschlieûung
die Auseinandersetzungen um die Konzepte gegençber der Ambivalenz der menschlichen
des Heiligen und des Gerechten Krieges in Lebenserfahrung als religiæse Ideologie oder
der Geschichte des Christentums und des Fundamentalismus bezeichnen kann und das
Islams ein beredtes Zeugnis von der Proble- folgende Elemente enthålt:
matik der Legitimation von Gewalt ab, die
keineswegs immer simplen manichåischen ± Es wird der Anspruch erhoben, zu den ur-
Dualismen folgten und darçber hinaus durch sprçnglichen Quellen der eigenen Tradition
die Debatten um die Konzepte des ius ad zurçckzukehren und sie von den Verfål-
bellum und des ius in bello weiter differen- schungen ihrer historischen Entwicklung zu
ziert wurden. befreien, die zumeist als ein Degenerations-
prozess begriffen wird.
Diese Beispiele deuten die Spannweite
mæglicher Interpretationen eines Korpus reli- ± Die durch diesen mythischen Regress frei-
giæser Traditionen an. Auf der einen Seite be- gelegten Gesetze und Gebote der Grçnder-
steht durch die Verschlieûung gegençber den figuren der eigenen Tradition werden ihres
Ambivalenzen menschlicher Lebenserfahrun- historischen Kontextes entkleidet und trans-
gen und der çberlieferten Tradition die Mæg- historisch und literalistisch auf die eigene Zeit
lichkeit der Degeneration zu einer dogmati- çbertragen. Dem Prozess der Enthistorisie-
schen religiæsen Ideologie, die zur Erreichung rung entspricht auf der anderen Seite eine Es-
ihrer Ziele keine Skrupel vor Gewaltanwen- senzialisierung der eigenen Tradition, die den
dung kennt. Auf der anderen Seite kann Anspruch erhebt, das wahre Wesen der eige-
durch eine Reinterpretation desselben Kor- nen Religion freigelegt zu haben.
pus die Offenheit fçr die Ambivalenz
menschlicher Lebenserfahrungen wieder ge- ± Im Gegensatz zu diesem Anspruch, zur
wonnen und dadurch die ideologiekritischen wahren Lehre zurçckzukehren, entsteht je-
Potenziale entfaltet werden, die es erlauben, doch in den meisten Fållen eine moderne reli-
ebenfalls im Namen einer sakralen Wahrheit, giæse Ideologie, mit der der Anspruch auf Re-
die realen gesellschaftlichen, politischen und gelung såmtlicher Lebenssphåren verbunden
religiæsen Verhåltnisse zu kritisieren. Zwei- wird. Trotz dieser antiliberalen und antimo-
felsohne unterliegt dieses ideologiekritische dernistischen Stoûrichtung rezipieren diese
Potenzial von Religionen auch der Gefahr, religiæsen Ideologien das modernistische Pa-
zur Ideologie zu verkommen. radigma der prinzipiellen Gestaltbarkeit der
Gesellschaft durch politische Herrschaft.
Die verschiedenen Religionen treten uns
nicht als monolithische Blæcke entgegen. Im ± Ausgehend von einer Krisendiagnose der
Gegenteil zeichnen sie sich durch eine interne eigenen Zeit wird diese Ungerechtigkeits-
Pluralitåt verschiedener konkurrierender erfahrung im Lichte eines welthistorischen

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oder sogar metaphysischen Konfliktes zwi- den so genannten jçdischen, christlichen und
schen Gut und Bæse gedeutet. islamischen Fundamentalisten der Fall.

± Eng mit diesem manichåischen Dualismus Es bleibt noch zu klåren, unter welchen åu-
ist eine apokalyptisch-messianistische Ge- ûeren Umstånden die ursprçnglich friedens-
schichtsdeutung verbunden, welche die eige- liebende Intention der Religionen in eine Ra-
ne Gegenwart am Ende der Zeiten wåhnt. dikalisierung der Politischen Theologien und
Der daraus abgeleitete Exzeptionalismus be- des religiæsen Denkens und Empfindens der
freit die Glåubigen von den çblichen Fesseln, Menschen umschlagen kann und zu einer
welche die Ambivalenz des Sakralen der Ge- gewaltsamen Eruption treibt.
waltanwendung anlegt, und setzt damit eine
ungeahnte Gewaltbereitschaft frei, die nicht
vor der Opferung des fremden und des eige- Die åuûeren Ursachen
nen Lebens zurçckschreckt. politisch-religiæser Konflikte
± Der Opferung des eigenen Lebens, die aus Zunåchst mçssen wir davon ausgehen, dass
dem Krieger einen Mårtyrer macht, der fçr die Radikalisierung und Fanatisierung von
seinen Glauben Zeugnis ablegt, entspricht Religionsgemeinschaften durch existenzielle
die Entmenschlichung des Feindes, wodurch Krisen und Bedrohungen ausgelæst wird.
auch die Unterscheidung zwischen Kombat- Denn nur diese stellen den Leidensdruck zur
tanten und Nicht-Kombattanten aufgehoben Verfçgung, die Gefahren und Risiken einer
wird. In einem kosmischen Krieg kann es gewaltsamen Durchsetzung der eigenen Po-
keine Zivilisten geben. sition in Kauf zu nehmen, die immer als ge-
ringer eingeschåtzt werden mçssen als dieje-
± Der diese Radikalisierung stçtzende Wahr- nigen, die mit der Akzeptanz des status quo
heits- und Unfehlbarkeitsanspruch schlieût einhergehen. Aber mit dieser Feststellung ist
konsequenterweise die Mæglichkeiten von die entscheidende Frage, welcher Art die Be-
friedlichen Læsungen und Kompromissen drohung ist und welche Motive die Men-
weitgehend aus. Der Kampf gegen das schen zur Gewalt treiben, noch nicht beant-
¹Bæseª duldet keinerlei Zugeståndnisse. Ge- wortet.
måûigte Personen und Parteiungen, die
Schlichtungsvorschlåge unterbreiten, laufen Ist es denkbar, dass sich Menschen aus rein
Gefahr, mit mindestens der gleichen Vehe- theologischen Motiven zur Gewalt hinreiûen
menz bekåmpft zu werden wie der Feind. lassen? Sind z. B. die in der Geschichte
des Christentums aufgetretenen gewaltsamen
± Dieser religiæse Fanatismus kann dazu fçh- Konflikte um die Dreifaltigkeit, das Laien-
ren, dass selbst ein aussichtsloser Kampf, der priestertum, das Abendmahl, den Bildersturm
keinerlei absehbaren Erfolg verspricht, fort- usw. nur auf theologische Differenzen zu-
gefçhrt wird in der Hoffnung, dass Gottes rçckzufçhren? Ist also in diesem Zusammen-
Wirken in der Weltgeschichte der eigenen hang religiæs mit theologisch gleichzusetzen?
Partei den Sieg schenken wird, auch wenn ihn Oder muss der Begriff der religiæsen Motiva-
erst die nåchste oder çbernåchste Generation tion weiter gefasst werden, so dass er auch
erleben wird. z. B. die Praktizierung des jeweiligen Religi-
onskultes umfasst und die gewaltsame Vertei-
± Das Ziel dieses kompromisslosen Kampfes digung der eigenen Religionsfreiheit als religi-
bleibt ein zukçnftiges Friedensreich, das Ge- æs motiviert gilt? Werden Religionsfreiheiten
walt, Konflikte und Ungerechtigkeiten end- nur eingeengt wegen theologischer Differen-
gçltig çberwindet. In der Regel bleibt Gewalt zen, wie z. B. die Bekåmpfung der aztekischen
das Mittel zu einem hæheren Zweck und ver- Menschenopfer durch die Conquistadores
deutlicht auch in diesem Falle die eigentlich und das Verbot der indischen Witwenverbren-
friedensstiftende Intention von Religion. nung durch die Briten? Oder werden andere
Religionen bekåmpft, weil ein gættlicher Mis-
± Ein gerechter Frieden ist oftmals aber nur sionsauftrag dies fordert, wie z. B. bei der
als eine Wiedererrichtung der Herrschaft Ausbreitung des Islams oder der mongoli-
Gottes und seiner Gesetze in Form einer schen Reichsbildung des hohen Mittelalters
Theokratie denkbar. Dies ist insbesondere bei oder weil Håresien eine politische Bedrohung

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darstellen, wie z. B. das Christentum im Ræ- ûen, die religiæse Antworten auf Krisenphå-
mischen Reich, die mittelalterlichen Katharer nomene der modernen Welt geben.
und die protestantische Reformation? Warum
greifen mittelalterliche Sekten zur Gewalt Eine Folge davon ist die Tendenz, die Dia-
gegen die sie umgebende Gesellschaft? Sind es gnostik und Therapie der Krisenerfahrungen
die sozio-ækonomischen Bedingungen, wel- nicht in den Kategorien der Sozialwissen-
che die Menschen in die Verzweiflung treiben, schaften zu formulieren, sondern unter Rçck-
oder ist es das messianische Heilsversprechen griff auf tradierte religiæse und kulturelle
eines Neuen Jerusalems? Die gleichen Fragen Konzepte, die angesichts der Krisenerfahrung,
kænnen fçr die Religionskriege der Frçhen moderne Elemente aufgreifend, reinterpretiert
Neuzeit wie fçr die religiæsen Konflikte der werden. Diese religiæsen Antworten sind aber
Gegenwart gestellt werden. keine spirituelle Flucht in ein Jenseits, die
einen politischen Quietismus diktieren, son-
Angesichts dieses skizzenhaften Befundes dern fordern im Gegenteil innerweltliches En-
ist es angebracht, im Falle religiæs durchdrun- gagement durch sozialen und politischen Ak-
gener Konflikte von vielfåltigen Ursachen tivismus. Deshalb verschmelzen die religiæsen
auszugehen, die sowohl theologische, reli- Motive mit einer Vielzahl weltlicher Motive,
giæse, politische, soziale, ækonomische, ethni- was es in jedem einzelnen Fall schwierig
sche und nationale Motive umfassen kænnen. macht, die religiæse Komponente innerhalb
Wenn wir uns den gegenwårtigen politisch- eines Konfliktes zweifelsfrei zu isolieren, weil
religiæsen Konflikten zuwenden, dann finden das ¹Religiæseª im Selbstverståndnis der Ak-
wir in den meisten Fållen an den Wurzeln teure gar nicht eindeutig von dem ¹Sozialenª
dieser Konflikte einen Ursachenmix, der sich oder dem ¹Politischenª getrennt ist.
einem monokausalen Erklårungsansatz ent-
zieht. In jedem Fall aber steht am Beginn Zwar ist es richtig, dass bei den gegenwår-
eines politisch-religiæsen Konfliktes eine ob- tigen politisch-religiæsen Konflikten nicht re-
jektive und/oder subjektiv wahrgenommene ligiæs-theologische Differenzen die primåren
Ungerechtigkeitserfahrung, das Gefçhl, nicht Ursachen dieser Konflikte sind, aber es ist
nur unter Druck zu stehen, sondern existen- auch irrefçhrend, ¹die Religionª als interve-
ziell bedroht zu sein. Diese relative Depriva- nierende Variable zu interpretieren, insoweit
tion kann sich aus unterschiedlichen Quellen sie als solche aufgrund der Verschmelzung
speisen, wie z. B. ungerechter politischer mit anderen Motiven gar nicht eindeutig
(Fremd-)Herrschaft, ækonomischer Deklas- identifiziert werden kann. Diese Schwierig-
sierung und sozialen Abstiegsångsten, ebenso keit besteht nicht nur deshalb, weil sich ¹die
wie durch Auflæsungserscheinungen tradier- Religionª durch weltliche Motive kompro-
ter Lebenswelten, die durch Globalisierungs- mittieren låsst, sondern weil Religion auch
prozesse ausgelæst werden. weltliche Ordnungsvorstellungen beinhaltet.
So lassen sich politische und religiæse Kon-
Wenn nun an der Wurzel eines politisch- fliktursachen nicht immer trennen, weil das
religiæsen Konfliktes nicht explizit religiæse Politische religiæs konstituiert ist oder ethni-
Ursachen stehen, dann stellt sich die Frage, sche Konflikte zugleich religiæs motiviert
wie ¹die Religionª in den Konflikt hineinge- sind, weil religiæse Differenzen konstitutiv
råt? Ein mæglicher Erklårungsansatz besteht fçr ethnische Differenzen sind oder sozio-
darin, dass mit diesen Krisenerfahrungen zu- ækonomische und politische Missstånde reli-
meist auch geistige Entfremdungserfahrungen giæs interpretiert werden. Zwar kænnen
einhergehen. Die spirituelle Krisensituation nicht-religiæs motivierte Konflikte durch die
wird oftmals durch die Erschæpfung alter Instrumentalisierung der Religion eskalieren
Sinn- und Orientierungssysteme ausgelæst ± und das Konfliktverhalten nachhaltig radika-
wie z. B. Sozialismus, Panarabismus, Libera- lisieren. Aber es ist a priori nicht festzustel-
lismus, Såkularismus ±, mit deren Hilfe die len, wann ein originår religiæses Konfliktmo-
politischen Eliten nicht in der Lage oder tiv vorliegt und wann die Religion aus såkula-
nicht willens waren, die gesellschaftlichen ren Motiven heraus instrumentalisiert wird.
Ordnungsprobleme zu læsen und berechtig- Beide Varianten sind mæglich.
ten Forderungen nach Reformen entgegenzu-
kommen. In dieses geistige Vakuum kænnen Darçber hinaus kann sich die Motivlage
dann die wiederbelebten Traditionen vorsto- im Rahmen eines Konfliktes auch veråndern,

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und ursprçngliche Motive kænnen durch an- anbetrifft, so ist z. B. der israelisch-palåsti-
dere ersetzt werden. Auûerdem mçssen nicht nensische Konflikt instruktiv. Dieser war
alle beteiligten Akteure die gleichen Motive ursprçnglich kaum ein religiæser Konflikt,
haben. Die einen handeln aus religiæsen Moti- wenn man von den religiæsen Konnotationen
ven, die anderen aus ækonomischen und eine des Zionismus absieht, sondern ein politi-
dritte Gruppe aus wieder anderen Grçnden scher Konflikt zweier Ethnien um Land,
heraus. Es muss also die Pluralitåt der Motiv- Macht und Herrschaft sowie soziale und æko-
lagen zwischen den Streitparteien, aber auch nomische Chancen und Ressourcen. Dieser
innerhalb der beteiligten Streitparteien be- Konflikt steigerte sich aber mit der Zeit auch
rçcksichtigt werden. Wie sich diese Ursa- in einen religiæsen Konflikt, insoweit funda-
chen- und Motivlagen im Einzelnen zusam- mentalistische Gruppen auf beiden Seiten an
mensetzen, kann nur eine detaillierte empiri- Bedeutung gewannen, welche die Auseinan-
sche Analyse jedes Einzelfalles klåren, um die dersetzung in religiæsen Termini deuten, so
verschiedenen Konfliktdimensionen differen- dass dieser Konflikt, zumindest was die radi-
ziert zu erfassen. kal-religiæsen Akteure anbelangt, mittler-
weile als ethno-religiæser zu bezeichnen ist.
Wie notwendig es ist, eine differenzierte
Bestandsaufnahme der verschiedenen Motive, Im Falle des indisch-pakistanischen Kasch-
Diskursstrategien und Politiken vorzuneh- mirkonfliktes mçssen die innen- und auûen-
men, zeigt z. B. die Analyse des islamischen politischen Dimensionen unterschieden wer-
Diskurses in Malaysia, wo sowohl konserva- den. Wåhrend die auûenpolitische Dimension
tive bis fundamentalistische Gruppierungen von offizieller Seite kaum religiæse Aspekte
als auch progressive muslimische Stimmen aufweist, sondern territoriale Ansprçche im
neben einem rein instrumentellen Rekurs auf Vordergrund stehen, werden durch die teil-
islamische Politische Theologien vernommen weise Entstaatlichung des Konfliktes durch
werden kænnen, mit denen jeweils unter- islamische Guerillakåmpfer und durch den
schiedliche politische, soziale und ækonomi- innenpolitischen Bedeutungsanstieg des Hin-
sche Interessen formuliert werden. Wåhrend dunationalismus in Indien und des Islamis-
die malaysische Debatte bisher nur zu einer mus in Pakistan verstårkt religiæse Kompo-
teilweisen rhetorischen Radikalisierung poli- nenten in den Konflikt hineingetragen.
tisch-theologischer Positionen gefçhrt hat,
wurde in Indonesien mit der Erschæpfung der Aufgrund dieser vielfåltigen Motivlagen ist
nationalen und çberkonfessionellen Zivilreli- es deshalb angemessener, nicht pauschal von
gion der Pancasila der islamische Diskurs Religionskriegen, sondern von politisch-reli-
nicht nur rhetorisch radikalisiert, sondern ist giæsen Konflikten zu sprechen. Je stårker al-
durch die Terroranschlåge von Bali auch es- lerdings die religiæse Komponente entwickelt
kaliert. Aber auch in Indonesien zeigt sich, ist, desto verbitterter wird der Konflikt aus-
dass zwischen radikalen und gemåûigten getragen. Obwohl die Religionen in diesen
muslimischen Kråften unterschieden werden Fållen nicht als konfliktursåchlich zu be-
muss, von denen die radikale Seite die Islami- zeichnen sind, so wirken sie dennoch kon-
sierung Indonesiens anstrebt, wåhrend die ge- fliktstrukturierend, insoweit sie die Konflikt-
måûigten Kråfte die Parlamentarisierung des linien festlegen, und konfliktverschårfend,
Islams betreiben. Aber auch innerhalb des is- insoweit sie den Konflikt radikalisieren.
lamistischen Lagers, das die Errichtung eines
Gottesstaates anstrebt, muss weiter differen-
ziert werden zwischen solchen Kråften, die Ethno-religiæse Konflikte
einen legalen Weg gehen wollen, und denjeni-
gen, die entschlossen sind, den Gottesstaat Die Brisanz der Vermischung religiæser und
auf revolutionårem Weg herbeizubomben. In weltlicher Motive und die Schwierigkeiten,
diesem Fall stellen politische, soziale, ækono- diese zu trennen, zeigen sich am deutlichsten
mische und kulturell-religiæse Marginalisie- an den ethno-religiæsen Konflikten im Nahen
rungserfahrungen einen gçnstigen Nåhr- Osten, in Nordirland, im ehemaligen Jugosla-
boden fçr die Radikalisierung zur Verfçgung. wien, in Sri Lanka und in vielen afrikanischen
Bçrgerkriegen. In diesen Fållen handelt es sich
Was die Verånderung von Motivlagen çber um gewaltsam ausgetragene Konflikte kon-
die Dauer eines langjåhrigen Konfliktes kurrierender sozio-politischer Identitåten um

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politische Hegemonie bzw. Autonomie und der Konsequenz, dass insbesondere von inter-
damit um politische Loyalitåten, soziale essierten Eliten exklusive ethnische Identitå-
Chancen und ækonomische Ressourcen. Auf ten formuliert und propagiert werden. Diese
der einen Seite spielen bei diesen Konflikten bauen eine defensive, sektiererische Verteidi-
die religiæsen Differenzen im Sinne theologi- gungshaltung auf, aus der heraus aggressiv
scher Differenzen bestenfalls eine untergeord- gegen den Gegner agiert wird.
nete Rolle. Aus dieser Perspektive betrachtet,
kann man in diesen Fållen keinesfalls von Re- Die Herausbildung einer exklusiven ethni-
ligionskonflikten sprechen. Auf der anderen schen Identitåt wird durch die Instrumentali-
Seite spielen die Religionen aber fçr die Kon- sierung ihrer religiæsen Aspekte unterstçtzt,
stituierung der ethnischen Identitåten eine indem eine Sakralisierung der eigenen Ethnie
entscheidende Rolle. Dies hångt u. a. damit betrieben wird. Das Resultat sind Politische
zusammen, dass im Falle Nordirlands und des Theologien, die in unterschiedlichem Grade
ehemaligen Jugoslawiens andere Unterschei- die genannten fundamentalistischen Elemente
dungskriterien, wie z. B. die Sprache, nicht zur aufweisen. Diese Politischen Theologien kæn-
Verfçgung stehen oder nur schwach ausge- nen, soweit sie neben ihrem Bezug auf einen
prågt sind. Im Falle Sri Lankas und vieler afri- transzendenten Seinsgrund (Gott) das Gættli-
kanischer Konflikte spielen sprachliche Diffe- che in der eigenen Ethnie finden, als inner-
renzen eine Rolle, sind aber in eine religiæs weltliche Religionen bezeichnet werden. Die-
konstituierte ethnische Identitåt eingebunden, sen Ethno-Religionen kommt eine Doppel-
welche die sprachliche Differenz in ihrem funktion zu. Sie verfolgen auf der einen Seite
Stellenwert relativieren. In diesen Fållen als Politische Theologien das politisch-reli-
kommt der Religion eine bedeutende Rolle giæse Interesse am Heil des Menschen, das in
bei der Konstituierung sozialer Identitåten einer ethno-religiæs homogenen, selbstbe-
und damit politisch relevanter Gruppen zu. stimmten politischen Gemeinschaft gesucht
wird. Auf der anderen Seite stçtzen diese Po-
Die Gefahr des Ausbruchs ethno-religiæser litischen Theologien aber auch eine theologi-
Konflikte ist besonders hoch, wenn eine eth- sche Politik, indem diese aus dem politisch
nisch-religiæse Minderheit majorisiert und motivierten Interesse an der Stabilisierung
damit in politischer, sozialer, ækonomischer von Herrschaft einen instrumentellen Rçck-
und kultureller Hinsicht marginalisiert wird, griff auf die Politische Theologie zulassen. In
weil die staatlichen Eliten entweder nicht die diesem Sinne kann man von der Politisierung
Fåhigkeit oder nicht den Willen haben, eine der Religion sprechen.
gerechte Gçterverteilung zwischen den Eth-
nien herzustellen. Entscheidend ist dabei we- Die politischen Folgen dieses instrumentel-
niger die objektive Lage der beteiligten Eth- len Rçckgriffs einer theologischen Politik auf
nien, sondern die subjektive Wahrnehmung die Politische Theologie sind bekannt. Die
ihrer Position in der Gesellschaft, die durch- Radikalisierung und Fanatisierung der zu-
aus von den objektiven Rahmenbedingungen nåchst auf kleinere Kulturmilieus beschrånk-
abweichen kann. So betrachten sich in Nord- ten ethno-religiæsen Krieger kann, wenn
irland Katholiken und Protestanten als be- diese Position politisch dominant wird, zu
drohte Minderheiten, obwohl die demogra- ethnischen Såuberungen fçhren, deren wich-
phische, soziale und ækonomische Entwick- tigstes Ziel neben der Herstellung einer ho-
lung beider Gruppen diese Wahrnehmung mogenen Bevælkerung auch die Rçckerobe-
nicht mehr stçtzt. Noch deutlicher wird das rung der eigenen terra sancta ist, wie z. B. in
Gewicht der subjektiven Wahrnehmung im Jugoslawien, auf Sri Lanka, im israelisch-
Falle der Singhalesen auf Sri Lanka, die ein- palåstinensischen und im pakistanisch-indi-
deutig die çberwåltigende Mehrheit der In- schen Konflikt. Die Ûberwindung dieser Ra-
selbewohner stellen, sich aber dennoch als dikalisierung, die mit entsprechender Kom-
eine von hinduistischen, muslimischen und promisslosigkeit und Gewaltbereitschaft ein-
christlichen Feinden umzingelte Minderheit hergeht, stellt die groûe Herausforderung
betrachten. Damit soll nicht behauptet wer- religiæs-politischer Konflikte dar.
den, dass diesen Wahrnehmungen keine rea-
len Erfahrungen zugrunde liegen, aber oft-
mals geht die Verhåltnismåûigkeit von Erfah-
rung und symbolischer Deutung verloren mit

APuZ 6/2007 9
Andreas Hasenclever ´ tete ¹primordialistischeª Erklårung fçr diese
unheilvolle Allianz besagt, dass dogmatische
Alexander De Juan Differenzen zwischen politischen Gruppen

Religionen in
zwangslåufig zu sozialen Abgrenzungspro-
zessen fçhren, die das Misstrauen zwischen
den Gruppen maûlos steigern und die Bereit-

Konflikten ± eine
schaft der Gruppenmitglieder erhæhen,
Gruppeninteressen mit militårischer Gewalt
durchzusetzen. 1

Herausforderung Die empirische Kriegsursachenforschung


widerspricht aber auch der ¹primordialisti-

fçr die Friedens- schenª Perspektive. Religiæse Ûberlieferun-


gen sind in kriegerischen Auseinandersetzun-

politik
gen nur selten der primåre Konfliktgegen-
stand. Vielmehr werden Kriege in aller Regel
aus politischen und ækonomischen Grçnden
gefçhrt. Dabei kommt rational handelnden
Eliten eine zentrale Bedeutung zu. Sie versu-

F çr viele Zeitgenossen besteht zwischen


Glaube und Gewalt ein einfacher Zusam-
menhang. Demnach machen religiæse Unter-
chen in den hochdynamischen Entschei-
dungskontexten von Gewaltkonflikten
immer die Strategie zu wåhlen, mit der sie
schiede den Ausbruch meinen, ihre Ziele mit mæglichst geringem
Andreas Hasenclever von Kriegen wahr- Mitteleinsatz erreichen zu kænnen. Religiæse
Dr. rer. soc., geb. 1962; Profes- scheinlicher und erhæ- Traditionen dienen in diesem Zusammenhang
sor für Friedensforschung und hen ihre Dauer. Ein als Mobilisierungsressource. Sie werden be-
internationale Politik am Institut kurzer Blick auf die nutzt, um Gefolgschaft und Gewaltbereit-
für Politikwissenschaft der einschlågigen Statisti- schaft zu motivieren. Im Umkehrschluss gilt
Universität Tübingen, Melanch- ken zeigt allerdings deshalb: Je besser eine religiæse Gemeinschaft
thonstr. 36, 72074 Tübingen. schnell, dass die Zu- vor einer solchen Vereinnahmung ihrer Tradi-
andreas.hasenclever@ sammenhånge kom- tionen durch gewaltbereite Eliten geschçtzt
uni-tuebingen.de plexer sind. Wåhrend ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit,
beispielsweise die dass religiæse Differenzen konfliktverschår-
Alexander De Juan Zahl der bewaffneten fend wirken. Entsprechend ist eine pråventive
M.A., geb. 1979; Stipendiat des Konflikte seit Mitte Instrumentalisierungsprophylaxe als zentrale
DFG-Graduiertenkollegs der neunziger Jahre Herausforderung der Friedenspolitik zu ver-
¹Globale Herausforderungen ± çberall auf der Welt stehen. Ein erster Blick auf religiæse Friedens-
Transnationale und transkultu- rçcklåufig ist, melden bewegungen legt dabei nahe, dass sich ent-
relle Lösungswegeª an der Soziologen seit Mitte sprechende Maûnahmen an vier Merkmalen
Universität Tübingen. der achtziger Jahre ein gewaltresistenter Glaubensgemeinschaften
alexander.de-juan@ globales Erstarken re- orientieren kænnen: Dem Grad religiæser
uni-tuebingen.de ligiæser Bewegungen. Aufklårung, der Ausrichtung institutionali-
Entsprechend kann sierter religiæser Diskurse, dem Autonomie-
die offenkundige Renaissance der Religion potenzial und der Úffentlichkeitsstruktur
nicht unmittelbar als Gefahr fçr den Frieden einer Religionsgemeinschaft.
gelten, denn sonst mçssten wir ja eine Zunah-
me und nicht eine Abnahme militårischer
Konflikte beobachten kænnen. Religiæse Differenzen sind keine
Kriegsursache
Allerdings darf diese abstrakte Beobach-
tung nicht darçber hinwegtåuschen, dass Die bekannten Thesen von Samuel Hunting-
Glaube und Gewalt in vielen Konflikten ton zum Verhåltnis von Religion und Gewalt
nachweislich eine unheilvolle Allianz einge-
hen. Religiæse Differenzen tragen immer wie- 1 Vgl. Samuel P. Huntington, Der Kampf der Kultu-
der dazu bei, dass Kriege ausbrechen und mit ren. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahr-
græûter Hårte gefçhrt werden. Eine verbrei- hundert, Mçnchen ± Wien 1996.

10 APuZ 6/2007
im 21. Jahrhundert halten einer wissenschaft- tionale Einkommen aber abnimmt, schwindet
lichen Ûberprçfung nicht stand. Mit Blick die staatliche Kontrollfåhigkeit. Die Anreize
auf die internationale Politik zeigt eine ganze zur Bildung bewaffneter Oppositionsbewe-
Reihe von Studien, dass das Kriegsrisiko zwi- gungen durch Gegeneliten steigen. Dies wie-
schen Staaten aus unterschiedlichen Religi- derum hat eine deutliche Erhæhung der Bçr-
onskreisen nicht signifikant hæher ist als das gerkriegswahrscheinlichkeit zur Folge. Es ist
zwischen Staaten aus ein und demselben Reli- deshalb kein Zufall, dass bewaffnete Feindse-
gionskreis. 2 Deshalb lassen sich internatio- ligkeiten vor allem in krisengeschçttelten Re-
nale Gewaltkonflikte nach wie vor plausibel gionen des Sçdens zu beobachten sind, wåh-
als Macht- und Interessenrivalitåten interpre- rend sie in reichen Låndern auûergewæhnlich
tieren, die mit religiæsen Differenzen einher- selten bleiben.
gehen kænnen, es aber nicht mçssen.
Instrumentalisierung
Ein åhnliches Bild zeigt die Analyse von
Bçrgerkriegen. 3 Zwar gab und gibt es viele religiæser Traditionen
blutige Auseinandersetzungen, in denen sich
Andersglåubige gegençberstanden und -ste- Im Gegensatz zum ersten Eindruck sinnloser
hen. Denken wir nur an die Ausschreitungen Gewalt und maûloser Brutalitåt in vielen Bçr-
in Thailand, Indonesien oder auf den Philip- gerkriegsregionen låsst sich im Verhalten der
pinen, an Nigeria, die Elfenbeinkçste oder Konfliktparteien ein erschreckend hohes Maû
auch an den Kosovo und Tschetschenien. an instrumenteller Rationalitåt beobachten.
Aber es lassen sich weltweit etwa gleich viele Wie auch zwischenstaatliche Kriege, begin-
Gewaltkonflikte ohne religiæse Konnotatio- nen Bçrgerkriege in aller Regel weder spon-
nen identifizieren. Die schiere Zahl von Bçr- tan, noch werden sie willkçrlich gefçhrt.
gerkriegen zwischen Angehærigen ein und Vielmehr stehen sie am Ende einer oftmals
derselben Religion hat zur Folge, dass Glau- langen Planungs- und Entscheidungskette, in
bensunterschiede in quantitativen Untersu- deren Verlauf sich politische Eliten in die
chungen bedeutungslos werden. Das Kriegs- Lage versetzen, anhaltende Kampfhandlun-
risiko einer Gesellschaft wird offenkundig gen zur Wahrung ihrer Interessen zu orga-
nicht wesentlich von ihrer religiæsen Struktur nisieren. 4 Sie rekrutieren Truppen, stellen
beeinflusst. deren Versorgung mit Nahrung, Waffen und
Transportmitteln sicher und erschlieûen in-
Gleichzeitig unterstreichen statistische terne wie externe Finanzquellen fçr die not-
Analysen die groûe Bedeutung ækonomischer wendige Logistik. Im Zuge der Auseinander-
und politischer Faktoren fçr die Gewaltanfål- setzungen mçssen sie die verfçgbaren Ver-
ligkeit von Låndern. So wåchst das nationale bånde strategisch einsetzen, gegnerische
Bçrgerkriegsrisiko in direkter Abhångigkeit Bewegungen so weit wie mæglich antizipieren
von Wirtschaftskrise und Staatsverfall. An- und die interne Disziplin ihrer Truppen opti-
haltende Knappheit fçhrt regelmåûig zu mas- mieren.
siven Verteilungskonflikten zwischen kon-
kurrierenden Eliten. Dabei kænnen Proteste In diesem Zusammenhang låsst sich der
von der herrschenden Elite so lange unter- Rçckgriff auf religiæse Traditionen als Strate-
drçckt werden, wie ihre Repressionsapparate gie interpretieren, Gefolgschaft zu mobilisie-
funktionieren. In dem Maûe, in dem das na- ren und Gewalt gesellschaftlich zu legitimie-
ren. Dabei zeigt eine Reihe von quantitativen
Studien, dass religiæse Differenzen unter be-
2 Vgl. Giacomo Chiozza, Is There a Clash of Civili- stimmten Bedingungen mit einem erhæhten
zations? Evidence from Patterns of International Eskalationsrisiko fçr Konflikte einhergehen ±
Conflict Involvement, 1946±1997, in: Journal of Peace allerdings nur als intervenierende Variable.
Research, 39 (2002) 6, S. 711±734; Erik Gartzke/Kri-
Ihre Wirksamkeit beruht immer auf vorhan-
stian Skrede Gleditsch, Identity and Conflict: Ties that
Bind and Differences that Divide, in: European Journal denen Macht- und Interessenkonflikten.
of International Relations, 12 (2006) 1, S. 53 ±87. Wenn beispielsweise religiæse Diskriminie-
3 James D. Fearon/David D. Laitin, Ethnicity, In-

surgency, and Civil War, in: American Political Science 4 Vgl. Georg Elwert, Gewaltmårkte. Beobachtungen

Review, 97 (2003) 1, S. 75 ±90; Jonathan Fox, Religion, zur Zweckrationalitåt von Gewalt, in: Trutz von Tro-
Civilization, and Civil War. 1945 Through the New tha (Hrsg.), Soziologie der Gewalt (KZfSS Sonderheft
Millenium, Lanham u. a. 2004. 37), Opladen 1995, S. 86 ±101.

APuZ 6/2007 11
rung oder religiæse Unzufriedenheit Macht- siebziger Jahre der South African Council of
oder Wohlfahrtskonflikte begleiten, dann es- Churches unter der Leitung von Desmond
kalieren diese ungewæhnlich oft. Tutu im gewaltfreien Protest gegen das
Apartheidregime engagiert war. Es ist unstrit-
Religiæse Unterschiede und religiæse Un- tig, dass nicht zuletzt der Einsatz von Tutu
zufriedenheit wirken mithin nicht als Brand- und seiner Gemeinde das Land Ende der
ursache, sondern als Brandbeschleuniger. Sie achtziger Jahre vor dem Abgleiten in einen
legen das Feuer nicht, an dessen Ausbreitung blutigen Bçrgerkrieg bewahrt hat. Schlieûlich
sie dann beteiligt sind. Damit ergånzen und zeigt sich die Effektivitåt des Engagements
beståtigen quantitativen Studien eine in der religiæser Akteure fçr den Frieden auch im
qualitativen Forschung gut dokumentierte Irak. Wenngleich auch die Grenzen des Ein-
Vermutung: Konflikte eskalieren schneller flusses des schiitischen Klerus mittlerweile er-
und heftiger, wenn politische Eliten sie mit reicht oder sogar schon çberschritten wur-
religiæser Symbolik anreichern. 5 Einschlågige den, bleibt fçr viele Beobachter evident, dass
Beispiele fçr eine solche Instrumentalisierung Groûayatollah Ali al-Sistani in der Vergan-
religiæser Differenzen durch gewaltbereite genheit einen ganz entscheidenden Beitrag
Eliten sind der Rçckgriff Slobodan Milose- dazu geleistet hat, den Ausbruch eines offe-
vics und Franjo Tudjmans auf christliche nen Bçrgerkriegs zu verhindern. 6
Symbolik im bosnischen Bçrgerkrieg, die
muslimische Rhetorik korrupter Eliten in Nach unserer Einschåtzung lassen religiæse
Nordnigeria und der indische Hindu-Chau- Friedensbewegungen bei allen Unterschieden
vinismus. im Detail eine gewisse Familienåhnlichkeit
im Wittgenstein'schen Sinne erkennen, die
Instrumentalisierungsresistente auf vier Merkmalen beruht: ¹Religiæse Auf-
klårungª, ¹strukturelle Toleranzª, ¹Autono-
Glaubensgemeinschaften miepotenzialª und ¹innerreligiæse Úffent-
lichkeitª. Dabei gehen wir davon aus, dass
Wenn die strategische Vereinnahmung reli- die gewaltbeschrånkende Wirkung der beiden
giæser Traditionen durch gewaltbereite Eliten letzten Merkmale maûgeblich von den beiden
zur Konflikteskalation beitragen kann, stellt ersten beeinflusst wird. Nach unserer Ûber-
sich die Frage nach Mæglichkeiten effektiver zeugung weisen diese vier Merkmale auf
Instrumentalisierungsprophylaxe. Wie lassen einen viel versprechenden Ansatz fçr die Ent-
sich religiæse Traditionen vor politischer In- wicklung einer erfolgreichen Instrumentali-
strumentalisierung schçtzen? Einen Ansatz- sierungsprophylaxe hin.
punkt zur Beantwortung dieser Frage bildet
der Blick auf religiæse Friedensbewegungen,
die in Krisensituationen entstanden sind und Religiæse Aufklårung
die sich mit den ihnen zur Verfçgung stehen-
den Mitteln gegen Gewalt und fçr friedlichen Unter religiæser Aufklårung verstehen wir die
Wandel eingesetzt haben. Dass diese Bemç- Achtung vor der Komplexitåt religiæser Tra-
hungen durchaus effektiv sein kænnen, zeigt ditionen. Dabei macht es die Komplexitåt der
beispielsweise das Engagement der katholi- Traditionen notwendig, sie vernçnftig zu in-
schen Kirche auf den Philippinen. Sie war terpretieren ± wohl wissend, dass diese Inter-
Mitte der achtziger Jahre maûgeblich an der pretation immer nur vorlåufig sein kann.
¹People's Power Revolutionª gegen das Mar- Arbeiten zum Verhåltnis von Religion und
cos-Regime beteiligt und sorgte dafçr, dass Gewalt zeigen regelmåûig, dass Glaubens-
der Diktator nach gefålschten Wahlen und çberschreitungen vor allem dann eskalierend
gegen den Willen der amerikanischen Regie- wirken, wenn sie selektiv und mit radikalem
rung das Land verlassen musste. Ein weiteres Absolutheitsanspruch interpretiert werden.
Beispiel ist Sçdafrika, in dem seit Ende der Wåhrend diejenigen Traditionen von militan-
ten Eliten betont werden, die Gewalt im end-
5 Vgl. R. Scott Appleby, The Ambivalence of the Sa-

cred. Religion, Violence, and Reconciliation, Lanham 6 Vgl. Guido Steinberg, Die irakische Aufstands-

u. a. 2000 ; Volkhard Krech, Opfer und Heiliger Krieg: bewegung: Akteure, Strategien, Strukturen, SWP-
Gewalt aus religionswissenschaftlicher Sicht, in: Inter- Studie, Berlin 2006; Faleh A. Jabar, The Worldly Roots
nationales Handbuch der Gewaltforschung, Opladen of Religiosity in Post-Saddam Iraq, in: Middle East
2002, S. 1254±1275. Report, (Sommer 2003), S. 12±18.

12 APuZ 6/2007
zeitlichen Kampf mit aggressiven Frevlern als Ziele der religiæsen Bildung. 8 Sind die Glåu-
angemessen erscheinen lassen und mæglicher- bigen auf diese Weise in den Mythen, Ritua-
weise sogar fordern, werden gegenlåufige len und zentralen Aussagen ihrer Religion ge-
Ûberlieferungen, welche die fundamentale schult und sich der Komplexitåt und Inter-
Wçrde aller Menschen hervorheben, unter- pretationsbedçrftigkeit ihrer Inhalte bewusst,
drçckt. sind sie in der Lage, selektive, radikale Ausle-
gungen gewaltbereiter Eliten infrage zu stel-
Dieser Mechanismus låsst sich beispiels- len und mit Alternativen aufzuwarten.
weise an der Taliban-Bewegung in Afghanis-
tan studieren, deren Anhånger einen Stein-
zeitislam verkçndeten und keinerlei Verstånd-
nis fçr die differenzierte Tradition zum Recht Strukturelle Toleranz
auf kollektive Selbstverteidigung in Notwehr-
situationen zeigten. In åhnlicher Weise låsst Die Inhalte religiæser Schriften und Botschaf-
sich bei der hindu-nationalen Bewegung in In- ten sind meist nicht unmittelbar auf be-
dien ein åuûerst selektiver Umgang mit den stimmte Situationen anwendbar. Vielmehr
komplexen Ûberlieferungen des Subkonti- mçssen sie ausgelegt und konkretisiert wer-
nents erkennen. Letztere werden vor allem in den. Entsprechend hångt die Wirkung religiæ-
den Schulen des Rashtriya Swayamsevak ser Traditionen weniger von objektivierbaren
Sangh (RSS) so aufbereitet, dass sie die ge- Dogmen als von kontextbezogenen Interpre-
waltsame Ausgrenzung von Christen und tationen ab. Dabei entspricht es der grund-
Muslimen fordern und rechtfertigen. såtzlichen Natur von Religionen, dass diver-
gierende Deutungen weder bewiesen noch
Studien zeigen darçber hinaus, dass Verein- widerlegt werden kænnen. Somit sind auch
fachungsstrategien umso erfolgreicher sind, je die Interpretationen anerkannter Autoritåten
geringer die religiæse Bildung innerhalb der prinzipiell durch gegenlåufige Deutungen an-
Konfliktgruppen ist. Scott Appleby macht greifbar. 9 Die reine Vorherrschaft toleranter
beispielsweise den ¹religiæse Analphabetis- Interpretationen ist daher fçr sich genommen
musª von Serben und Kroaten fçr ihre Tole- ebenso wenig ein Garant fçr die Instrumenta-
ranz gegençber der Gewaltpolitik ihrer Re- lisierungsresistenz religiæser Gemeinschaften
gierungen im Bosnienkrieg verantwortlich. 7 wie exklusiv-fundamentalistische Grundaus-
Umgekehrt zeichnen sich religiæse Friedens- richtungen fçr ihre Instrumentalisierungsan-
bewegungen in der Regel durch ein hohes fålligkeit. Erst wenn spezifische Deutungen
Verståndnis fçr die Komplexitåt ihrer Tradi- innerhalb religiæser Gemeinschaften auch in-
tionen aus, die jeder simplen Schwarz-Weiû- stitutionalisiert werden, kænnen sie deren In-
Malerei entgegensteht. So wurden beispiels- strumentalisierbarkeit beeinflussen. Eine sol-
weise innerhalb der christlichen Anti-Apart- che Institutionalisierung geht mit der Heraus-
heid-Bewegung in Sçdafrika auf sehr hohem bildung von Praxen und Strukturen einher, in
Niveau und durchaus kontrovers Fragen des denen sich die inhaltliche Ausrichtung spezi-
gerechtfertigten Krieges diskutiert. fischer Interpretationen materialisiert. Im
Falle religiæser Deutungen gehæren hierzu
Schlieûlich zeigen entwicklungspsycholo- etwa religiæse Rituale, die Aufnahmebedin-
gische und religionspådagogische Untersu- gungen religiæser Gemeinschaften, die Aus-
chungen, dass die Anfålligkeit fçr selektive bildung zukçnftiger Geistlicher oder Verhal-
Interpretationen oder auch die Neigung, au- tenskodizes. In dem Maûe, in dem solche In-
toritår strukturierten religiæsen Gruppen bei- frastrukturen ausgebildet werden, verfestigt
zutreten, mit zunehmender religiæser Ent- sich ein religiæser Diskurs. Die Flexibilitåt
wicklung und Aufklårung abnimmt. In die- religiæser Inhalte wird reduziert ± eine inhalt-
sem Zusammenhang nennt beispielsweise liche ¹Kehrtwendeª wird erschwert.
Heinz Streib die Ûberwindung buchståbli-
cher Interpretationen und die Færderung des 8 Vgl. Heinz Streib, Fundamentalism as a Challenge

Bewusstseins um die Mehrdeutigkeit sowohl for Religious Education, in: Religious Education, 96
(2001) 2, S. 227±244.
der eigenen Ûberlieferungen als auch der 9 Vgl. Thomas Scheffler, Introduction. Religion be-
Komplexitåt fremder Religionen als zentrale tween Violence and Reconciliation, in: ders. (Hrsg.),
Religion between Violence and Reconciliation. Bei-
7 Vgl. S. Appleby (Anm. 5). ruter Texte und Studien, Bd. 76, Wçrzburg 2002, S. 13.

APuZ 6/2007 13
Im Kontext andauernder politischer oder in der frçhen Phase nach dem Sturz des
sozialer Konflikte kænnen oftmals radikale Baath-Regimes entgegenwirken. 12
religiæse Botschaften institutionalisiert wer-
den und damit die Instrumentalisierungsan- Autonomiepotenzial
fålligkeit religiæser Gemeinschaften erhæhen.
In Nigeria beispielsweise wurden Eliten in Zudem zeigt sich immer wieder, dass Religio-
ihren Verteilungskåmpfen um die Gewinne nen umso leichter instrumentalisiert werden
der nigerianischen Úlwirtschaft jahrzehnte- kænnen, je græûer die Abhångigkeit etablier-
lang von muslimischen und christlichen ter und mitgliederstarker Glaubensgemein-
Geistlichen mit radikalen Interpretationen schaften von Staat oder Gesellschaft ist. Eta-
unterstçtzt. 10 Bestandteile einer institutionel- blierte Religionsgemeinschaften mit einer
len Verfestigung dieser polarisierenden Bot- groûen Zahl von Glåubigen brauchen Res-
schaften sind die Bildung radikaler religiæser sourcen: Gotteshåuser, Geistliche und karita-
Studentengruppen, die Grçndung religiæser tive Leistungen mçssen finanziert werden;
Dachorganisationen, die als Beschçtzer ihrer die Ausçbung und Vermittlung des Glaubens
respektiven Glaubensgemeinschaften auftre- erfordert entsprechende institutionelle und
ten, oder die Verbreitung selektiv çbersetzter gesetzliche Rahmenbedingungen. Hierzu ge-
und kommentierter heiliger Schriften. Die in- hært beispielsweise die Mæglichkeit, religiæse
stitutionelle Stabilitåt dieser Interpretationen Feste æffentlich zu feiern oder Religionsun-
behindert den Einfluss moderater Gegenstim- terricht anzubieten. Sind religiæse Gemein-
men und erleichtert die religiæse Mobilisie- schaften beim Zugriff auf diese Ressourcen
rung durch lokale und nationale Eliten. von der Willkçr und dem Wohlwollen staatli-
cher oder gesellschaftlicher Akteure abhån-
Andererseits kann die Institutionalisierung gig, besteht die Gefahr, dass sich ihre Fçhrer
moderater bzw. toleranter religiæser Haltun- zur Legitimierung staatlicher Gewaltpolitik
gen die Instrumentalisierungsresistenz reli- einspannen lassen, um das institutionelle
giæser Gemeinschaften erhæhen. Unter den Ûberleben ihrer Gemeinschaften zu sichern.
fçhrenden schiitischen Gelehrten Mushin al- Dieses Phånomen låsst sich beispielsweise an
Hakim und Abu al-Qasim al-Kho'i wurde der Haltung der orthodoxen Kirche zur ser-
die quietistische Tradition des Islam im Irak bischen Kriegfçhrung im Bosnienkonflikt
schrittweise institutionalisiert. Al-Hakim und oder auch an der Instrumentalisierung des ka-
al-Kho'i zåhlen zu den Vertretern eines mo- tholischen Klerus durch lateinamerikanische
deraten, apolitischen Islam, der jede Form Diktaturen studieren.
des schiitischen politischen Aktivismus verur-
teilt. 11 Beide gehærten zu den einflussreichs- Umgekehrt ist es fçr gewaltresistente Glau-
ten schiitischen Gelehrten ihrer Zeit, publi- bensgemeinschaften kennzeichnend, dass sie
zierten zahlreiche Schriften und bauten weit
reichende Netzwerke aus schiitischen Laien 12 Eine solche apolitische Ausrichtung ist nur eine

und Geistlichen auf. Unzåhlige junge 'Ulama Form mæglicher religiæser Haltungen, deren In-
(muslimische Religionsgelehrte) studierten stitutionalisierung die Instrumentalisierungsresistenz
religiæser Gemeinschaften færdern kann. Eine weiteres
unter ihrer religiæsen Anleitung. Auf diese
wåre etwa das ¹ækumenischen Bewusstseinª religiæser
Weise konnte die quietistische Tradition çber Gemeinschaften. Der von Karl-Josef Kuschel (Streit
mehrere Generationen hinweg institutionali- um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime
siert werden und dem eskalierenden politi- trennt ± und was sie eint, Dçsseldorf 2001) geprågte
schen Aktivismus von al-Sadr insbesondere Begriff bezeichnet die grundsåtzliche Anerkennung
der inneren Wçrde anderer Religionen. Mit einem
ækumenischen Bewusstsein verbindet sich also ein
10 Vgl. Jibrin Ibrahim, Religion and Political Turbu- grundlegender Respekt vor fremden Traditionen, der
lence in Nigeria, in: The Journal of Modern African sich aus der Erkenntnis gemeinsamer Werte und Ab-
Studies, 29 (1991) 1, S. 115±136. hångigkeiten ableitet. In einer Analyse zweier isla-
11 Vgl. Pierre-Jean Luizard, The Nature of Con- mischer Bewegungen in Besatzungssituationen kann
frontation Between the State and Maja'ism. Grad Michael Hærter (Das Konfliktverhalten islamischer
Ayatollah Mushin al-Hakim and the Ba'th, in: Faleh A. Bewegungen in Besatzungssituationen. Tçbinger Ar-
Jabar (Ed.), Ayatollahs, Sufis and Ideologues. State, beitspapier Nr. 49, 2006) zeigen, dass unter sonst
Religion and Social Movements in Iraq, London 2002, durchaus vergleichbaren Bedingungen ækumenisches
S. 90 ±100; Yousif Al-Kho'I, Grand Ayatollah Abu al- Bewusstsein mit gewaltfreiem Widerstand einhergeht,
Qassim al-Kho'i: Political Thought and Positions, in: wåhrend ein exklusives Heilsverståndnis gewaltsamen
F. A. Jabar, ebd., S. 223±230. Widerstand nach sich zieht.

14 APuZ 6/2007
gegençber Staat und Gesellschaft autonom zugånglich. Ebenso bedeutet die aktuelle Ab-
sind und dass sie çber eigene Finanzquellen hångigkeit einer religiæsen Gemeinschaft
und Institutionen verfçgen, um ihre Traditio- nicht, dass sie sich nicht aus dieser læsen
nen zu pflegen und eine zeitgemåûe Ausle- kænnte, um eine konstruktive Rolle einzu-
gung von Glaubenswahrheit zu betreiben. So nehmen. Der Zugriff auf externe Finanzquel-
war fçr die konsequente Anti-Apartheid-Po- len ermæglichte es beispielsweise der katholi-
litik sçdafrikanischer Kirchen die Verfçgbar- schen Kirche in Chile, sich aus dem engen
keit çber eigenståndige theologische Ausbil- Abhångigkeitsverhåltnis zur Regierung zu
dungsståtten wie das Christian Institute in Jo- befreien und eine kritische Position gegen-
hannesburg von entscheidender Bedeutung. çber dem Pinochet-Regime zu vertreten.
Und das Zweite Vatikanische Konzil fçhrte
nicht zuletzt deswegen die Institution natio-
naler Bischofskonferenzen ein, um die Unab- Innerreligiæse Úffentlichkeit
hångigkeit der Landeskirchen von weltlichen
Måchten zu stårken. Auch der schiitische Schlieûlich låsst sich beobachten, dass reli-
Klerus verfçgt traditionell çber eine ver- giæse Gemeinschaften dann besonders instru-
gleichsweise groûe Eigenståndigkeit gegen- mentalisierungsanfållig sind, wenn ihre
çber staatlichen Instanzen, weil die Glåubi- Strukturen es einzelnen Autoritåten erleich-
gen verpflichtet sind, ihre geistlichen Fçhrer tern, ihre Anhånger mit exklusiven Interpre-
direkt zu unterstçtzen. Aufgrund seiner tationen zu versorgen und vor alternativen
engen Kontakte zur al-Kho'i-Stiftung in Lon- Deutungen abzuschirmen. Solange die Ausle-
don ist al-Sistani auch von irakischen gesell- gungen einzelner Autoritåten konkurrenzlos
schaftlichen Akteuren weitestgehend unab- bleiben, kænnen die Glåubigen nur schwer-
hångig. Die al-Kho'i-Stiftung wurde von al- lich beurteilen, ob es sich um die selektive In-
Sistanis Mentor Abu al-Qasim al-Kho'i ins terpretation eines radikalen und isolierten
Leben gerufen und erhålt heute den græûten Predigers oder den Konsens des religiæsen
Teil der weltweit geleisteten religiæsen Spen- Establishments handelt. In Nigeria beispiels-
den der Schiiten (¹Khumsª). 13 weise verhindern zahlreiche Einzelkonflikte
innerhalb und zwischen verschiedenen Sufi-
Fçr die Diagnose der jeweiligen Instru- Bruderschaften sowie selbsternannten Vertre-
mentalisierungsresistenz bzw. -anfålligkeit re- tern des orthodoxen Islam die Integration der
ligiæser Gemeinschaften ist schlieûlich zu be- islamischen Gemeinschaft und damit eben
achten, dass weniger der tatsåchliche Grad auch die Isolierung radikaler Prediger sowie
der institutionellen und finanziellen Abhån- die Infragestellung ihrer selektiven Interpre-
gigkeit einer religiæsen Gemeinschaft ent- tationen.
scheidend ist als vielmehr ihre Fåhigkeit, sich
gegebenenfalls aus dieser zu læsen. Maûgeb- Umgekehrt zeichnen sich viele instrumen-
lich ist somit nicht die tatsåchliche Autono- talisierungsresistente Gemeinschaften durch
mie, sondern das vorhandene Autonomiepo- komplexe intrareligiæse Strukturen aus, wel-
tenzial. Diese Unterscheidung berçcksichtigt, che die Etablierung von Deutungsmonopolen
dass die beobachtbare Unabhångigkeit einer im oben genannten Sinne verhindern. Zwei
religiæsen Gemeinschaft nicht zwangslåufig Faktoren spielen in diesem Zusammenhang
impliziert, dass sie tatsåchlich autonom çber- eine Rolle: innerreligiæse Koalitionsbildun-
lebensfåhig und daher einer Vereinnahmung gen und transnationale Vernetzung. So kæn-
durch ressourcenstarke Eliten nicht zugång- nen dezentrale Zusammenschlçsse von Geist-
lich ist. Die serbisch-orthodoxe Kirche bei- lichen dazu beitragen, radikale Stræmungen
spielsweise war vor der Machtçbernahme Mi- zu isolieren und gegençber den Glåubigen zu
losevics durchaus unabhångig von staatlichen delegitimieren. In solchen innerreligiæsen
Strukturen. Infolge einer jahrzehntelangen ¹Deutungskoalitionenª bçndeln moderate
Marginalisierung durch das kommunistische Interpreten ihre Autoritåt und stellen die
Regime der jugoslawischen Fæderation hatte Rechtmåûigkeit selektiver Auslegungen in
sie jedoch ihr Autonomiepotenzial nahezu Frage. Im Irak beispielsweise haben sich die
gånzlich eingebçût und war daher der unseli- Groûayatollahs in Najaf angesichts des wach-
gen Koalition mit der serbischen Regierung senden Einflusses des militanten Predigers
Moqtada al-Sadr æffentlich koordiniert, um
13 Vgl. F. A. Jabar (Anm. 6), S. 17. ihre Autoritåt durch gemeinsame religiæse

APuZ 6/2007 15
Anweisungen zu erhæhen. Auf gleiche Weise gegençber Staat und Gesellschaft sowie eine
hat das buddhistische religiæse Establishment diversifizierte innerreligiæse Úffentlichkeit.
(Sangha) auf Sri Lanka in den neunziger Jah- Zweifellos existieren weitere Faktoren, wel-
ren gezielt darauf hingearbeitet, Entscheidun- che von der zukçnftigen Forschung zu identi-
gen zwischen verschiedenen religiæsen Fçh- fizieren sind. Zudem sind die Wechselwir-
rern abzustimmen, um die Abspaltung einzel- kungen zwischen den genannten Merkmalen
ner Geistlicher zu verhindern und ein starkes bislang unzureichend erforscht. Schlieûlich
interpretatives Gegengewicht gegençber radi- ist unstrittig, dass jedes dieser Merkmale fçr
kalen Mænchen zu bilden. sich genommen auch kontraproduktiv wirken
kann und es auf die stimmige und selbstver-
Schlieûlich kann die Verbreitung selektiver stårkende Komposition von religiæser Auf-
Interpretationen auf der Basis der gleichen klårung, struktureller Toleranz, institutionel-
Mechanismen auch durch die transnationale ler Autonomie und innerreligiæser Úffent-
Vernetzung religiæser Gemeinschaften er- lichkeit ankommt.
schwert werden. So hat beispielsweise die
Verurteilung der Apartheid und die korre- Erweisen sich die genannten Eigenschaften
spondierende Unterstçtzung gewaltfreier dennoch als Leitvariablen, ergeben sich hie-
Protestbewegungen durch den Úkumeni- raus unmittelbare friedenspolitische Hand-
schen Rat der Kirchen (ÚRK) und die World lungsempfehlungen. Es ginge dann darum,
Alliance of Reformed Churches (WARC) den eine Religionsauûenpolitik ins Werk zu set-
Wandel der groûen Mehrheit der sçdafrikani- zen, die darauf abzielt, religiæse Bildung zu
schen Kirchen von Befçrwortern der Rassen- stårken, die institutionelle Festigung modera-
diskriminierung zu ihren schårfsten Kritikern ter Interpretationen voranzutreiben, religiæse
nachhaltig beeinflusst. Diese transnationale Autonomie zu færdern sowie die interne Ko-
Einbindung ermæglichte den Gemeinden alitionsbildung und transnationale Vernet-
einen kritischen Blick auf die eigenen Ûber- zung von Glaubensgemeinschaften zu unter-
lieferungen und ihre politische Verantwor- stçtzen. Zwar wçrde dies erfordern, dass der
tung, der schlieûlich dazu fçhrte, dass dem weltanschaulich neutrale Staat çber seinen
Regime in Pretoria mehrheitlich die Unter- ¹såkularen Schattenª springt, doch verdeutli-
stçtzung entzogen wurde und es sich fçr chen die derzeit im Irak beobachtbaren Ent-
einen mæglichst gewaltfreien Wandel einge- wicklungen die Notwendigkeit, die Instru-
setzt hat. mentalisierungsprophylaxe als Herausforde-
rung der Friedenspolitik ernst zu nehmen.

Schlussbemerkungen
Kriege werden in aller Regel aus politischen
oder ækonomischen Grçnden gefçhrt.
Gleichwohl kænnen Religionen einen nach- Richtigstellung
haltigen Einfluss auf den Konfliktverlauf neh- In APuZ 1-2/2007 schreibt Matthias Biskupek auf
men. Sie kænnen dazu beitragen, dass manche S. 18, die Argumentation des Journalisten Hans-Joa-
Konflikte eskalieren, die ohne Beimischung chim Fæller gegen Landolf Scherzers Buch ¹Der
Grenz-Gångerª gipfele in dem Vorwurf, Scherzer
religiæser Symbolik nicht eskaliert wåren, habe ein ¹verzerrtes Weltbildª. Das Zitat ist falsch.
und sie kænnen verhindern, dass manche Diesen Begriff hat Fæller in seinen Besprechungen des
Konflikte eskalieren, die ohne Engagement Buches nicht verwendet. Auf Seite 17 findet sich das
von Glaubensgemeinschaften sicherlich eska- korrekte Zitat aus Fællers Rezension im ¹Tagesspiegelª:
¹Scherzer (...) arbeitet mit verfålschten, irrefçhrenden
liert wåren. und erfundenen Zitaten und konstruiert ein Zerrbild
von den wirklichen Verhåltnissen.ª
Eine Betrachtung religiæser Friedensbewe- Die Landesbeauftragte des Freistaats Thçringen fçr
gungen deutet darauf hin, dass sich instru- die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehe-
maligen Deutschen Demokratischen Republik, Hildi-
mentalisierungsresistente Glaubensgemein- gund Neubert, legt Wert auf die Feststellung, dass sie
schaften insbesondere durch vier Merkmale im Rahmen einer Ausstellung im Thçringer Landtag,
auszeichnen: Respekt vor der Komplexitåt aus der eine Werner-Tçbke-Graphik entfernt worden
ist, kein ¹verbindliches Weltbildª gefordert habe, wie
ihrer Ûberlieferungen, strukturelle Toleranz von Biskupek behauptet wird. Eine solche Forderung
in Form von institutionalisierten moderaten habe sie auch anderen Orts nicht erhoben.
Diskursen, ein hohes Autonomiepotenzial Die Redaktion

16 APuZ 6/2007
Rolf Schieder ren Friedens willen mit den Religionen und
Weltanschauungen, die innerhalb seiner

Die Zivilisierung Grenzen existieren, arrangieren.

der Religionen als


Die Lånder, die durch die Aufklårung ge-
gangen sind, haben dieses religionspolitische
Problem ganz unterschiedlich gelæst. In den

Ziel staatlicher USA legt der Erste Verfassungszusatz fest,


dass es dem Kongress untersagt ist, Gesetze
zu erlassen, die auf ein staatliches ¹establish-

Religionspolitik? ment of religionª hinauslaufen. Der Verzicht


des Staates auf Einmischung in die religiæsen
Aktivitåten seiner Bçrger heiût aber keines-
wegs, dass die amerikanische Politik nicht ein

I m Rahmen der ¹Berliner Reden zur Re-


ligionspolitikª plådierte Justizministerin
Brigitte Zypries angesichts der zunehmenden
intimes Verhåltnis zur Religion unterhålt. ¹In
God we trustª bekennt der amerikanische
Staat mit jedem Dollar, den er druckt oder
religiæsen Vielfalt dafçr, das Recht auf Religi- prågt, und beim tåglichen Fahnenappell in
onsfreiheit mehr als bisher zu beschrånken. 1 den Schulen bekennen sich Kinder aller Kon-
Die ¹ausufernde Auslegungª von Artikel 4 fessionen zur ¹one nation under Godª. Im
GG durch das Bundesverfassungsgericht sei katholischen Frankreich hingegen fçhrte die
nicht mehr zeitgemåû. Einfçhrung des staatlichen Prinzips der laÒcit
Die Medien reagierten im Jahre 1905 zu einer konsequenten Ver-
Rolf Schieder drångung des Katholizismus aus dem æffent-
kritisch. 2 Die Rede
Dr. theol., geb. 1953; Professor lichen Leben ± çbrigens unter dem Beifall der
der Ministerin ver-
für Praktische Theologie und protestantischen und jçdischen Minderheiten
dient Anerkennung,
Religionspädagogik an der in Frankreich. In der Bundesrepublik
weil sie eine aktive
Theologischen Fakultät der Deutschland wiederum gilt ein Neutralitåts-
Religionspolitik an-
Humboldt-Universität zu Berlin, prinzip, das dem Staat aber durchaus die part-
mahnt.
Unter den Linden 6, nerschaftliche Zusammenarbeit mit den Reli-
10099 Berlin. gionsgemeinschaften erlaubt. Auch ist es den
Gegen das viel zi-
rolf.schieder@theologie. Bundeslåndern nicht verwehrt, in ihren Ver-
tierte Bæckenfærde-
hu-berlin.de fassungen ¹die Ehrfurcht vor Gottª zum all-
Diktum von der Un-
www.religionspaedagogik- gemeinen Bildungsziel zu erklåren. 4 Der
fåhigkeit des Staates,
berlin.de jçngste Streit um die Schulweihnacht und um
die eigenen Vorausset-
zungen garantieren zu den Weihnachtsbaum in Schweizer Schulen
kænnen, stellt sie die These, dass ¹wir uns zeigt, wie kompliziert es fçr den såkularen
diese Passivitåt des Staates an diesem Punk-
teª 3 nicht mehr leisten kænnen. In der alten
1 Die ¹Berliner Reden zur Religionspolitikª werden
Bundesrepublik war bereits der Begriff ¹Reli-
vom ¹Forschungsbereich Religion und Politikª an der
gionspolitikª tabu, weil er vielen als ein An- Humboldt-Universitåt zu Berlin veranstaltet. Der
griff der Politik auf die schiedlich-friedliche Wortlaut der Rede vom 12. 12. 2006, das Presseecho
Verteilung der Aufgaben zwischen Staat und sowie Informationen çber den Forschungsbereich fin-
Kirche erschien. Aber auch die so genannte den sich unter www.religion-and-politics.de.
2 Vgl. Christian Rath, Ein Symbol der Ausgrenzung,
¹Trennung von Kirche und Staatª ist eine ak-
tive religionspolitische Entscheidung gewe- in: taz vom 14. 12. 2006, S. 11; Wolfgang Thielmann,
Recht ist nicht alles, in: Rheinischer Merkur vom 21.
sen. Sie setzt zugleich den unlæsbaren Zusam-
12. 2006, S. 4, sowie die Kritik Jochen Bittners unter
menhang von Religion und Politik voraus. http://blog.zeit.de/Bittner/2006/12/15/die-religions-
Denn beide, Religion und Politik, sind an freiheit-geht-zu-weit_87 (27. 12. 2006).
Macht interessiert. Religiæse Menschen wol- 3 http://www.bmj.de/enid/0,0/Ministerin/Reden_

len wissen, was ihr Leben letztlich bestimmt 129.html?druck=1&pmc_id=3758 (20. 12. 2006), 5.
4 Dieses Bildungsziel findet sich in den Verfassungen
und wie sie sich zu dieser Macht verhalten
von Nordrhein-Westfalen, Baden-Wçrttemberg und
sollen. Sie fragen, welche Måchte und Gewal- Bayern; Rheinland-Pfalz spricht von ¹Gottesfurchtª,
ten sie akzeptieren und welche sie ablehnen in Hessen ist die Rede von ¹Ehrfurcht und Nåchsten-
wollen. Der Staat hingegen beansprucht ein liebeª, Sachsen spricht von der ¹Ehrfurcht vor allem
Gewaltmonopol und muss sich um des inne- Lebendigenª und der ¹Nåchstenliebeª.

APuZ 6/2007 17
Staat ist, die notwendige Øquidistanz zu den wir çber valide statistische Daten gar nicht
vorhandenen Religionskulturen zu halten. 5 verfçgen. Anders als bei (Kirchensteuern zah-
lenden) Protestanten und Katholiken gibt es
Mindeststandards fçr eine sachgerechte keine staatliche Registrierung und folglich
auch keine verlåsslichen Zahlen. Der Wechsel
Religionspolitik von einem ethnischen in ein religiæses Katego-
riensystem hat nichts mit einer gewachsenen
Eine aktive staatliche Religionspolitik kann Fræmmigkeit der tçrkischen Minderheit zu
nur erfolgreich sein, wenn drei Bedingungen tun, sondern muss als eine Zuschreibungspra-
erfçllt sind: Erstens mçssen die empirischen xis der Mehrheit gegençber einer Minderheit
und historischen Daten çber das religiæse interpretiert werden, die freilich ihrerseits aus
Leben stimmen. Das gilt fçr die statistischen identitåtspolitischen Grçnden diesen Paradig-
Daten, aber auch fçr die sachgemåûe Be- menwechsel mehrheitlich mit vollzieht. Auch
schreibung der Probleme. So macht beispiels- der Streit um das Kopftuch zeigt, wie notwen-
weise die Behauptung in Politikerreden die dig ein selbstkritischer Umgang mit unseren
Runde, Abmeldungen muslimischer Mådchen Religionszuschreibungspraktiken ist.
vom Turnunterricht aus religiæsen Grçnden
seien ein gravierendes Problem an deutschen Drittens muss eine sachgemåûe Religions-
Schulen. Recherchen der Wochenzeitung politik ihre Ziele offen legen. Wenn beispiels-
¹Die Zeitª ergaben jedoch, dass in keinem weise beim Streit um das Berliner Pflichtfach
Bundesland ein nennenswertes Problem vor- Ethik eine Berliner Lokalpolitikerin als Ziel
liegt. 6 dieses Unterrichts ¹die Relativierung der Her-
kunftsreligionenª angibt, dann mçssen sich El-
Zweitens mçssen sich diejenigen, die religi- tern ernsthaft fragen, ob der Staat sie bei ihrer
onspolitisch aktiv werden wollen, Rechen- Erziehungspflicht noch unterstçtzt, oder ob
schaft çber ihren Religionsbegriff und ihr sich der Staat auf dem Weg çber die Schule zu
Religionsverståndnis ablegen. Immer noch einem Weltanschauungsstaat entwickeln will.
hången viele dem Glauben an eine Såkulari-
sierung an, die mit geschichtsphilosophischer Die Justizministerin machte bei ihrer Berli-
Notwendigkeit zum Niedergang und zum ner Rede Annahmen, die zwar gångig sind, die
Absterben der Religion in der Moderne fçh- aber der Ûberprçfung bedçrfen. So behaupte-
ren werde. In den vergangenen Jahren ist frei- te sie, Religion sei Privatsache, Deutschland
lich auch eine Ûberdehnung und unsachge- sei frçher religiæs-weltanschaulich homogener
måûe Ausweitung des Religionsbegriffs zu gewesen, die religiæse Vielfalt nehme zu und
beobachten. Noch vor zehn Jahren bezeich- die Kirchenbindung ab, Rechtsstreitigkeiten
neten wir die Migranten nach ihrem Her- beruhten auf Konflikten zwischen konkurrie-
kunftsland: Tçrken, Bosnier, Iraner. Heute renden religiæsen Gruppen, der Staat vertrete
sprechen wir ganz selbstverståndlich von 3,3 allgemeinen Werte, die Religionen partikulare
Millionen Muslimen in Deutschland, obwohl Ûberzeugungen. Deshalb solle neben dem Re-
5 Am 11. 12. 2006 wurde der Pråsident des Dach-
ligionsunterricht nach Artikel 7 (3) GG ein
allgemeiner Religionskundeunterricht fçr alle
verbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, Beat W.
Zemp, von der Boulevardzeitung ¹Blickª mit der eingerichtet werden. 7
Aussage zitiert, Adventskrånze und Weihnachtbåume
håtten in Klassenzimmern nichts zu suchen. Zemp de- Ist Religion zur Privatsache geworden?
mentierte, wies aber darauf hin, dass die Adventszeit
fçr muslimische Schçlerinnen und Schçler dann zum
Die Aussage ¹Religion ist Privatsacheª ist
Problem werde, wenn bei Adventsfeiern in den Schu-
len christliche Lieder gesungen wçrden. In diesem eine Kampfparole aus dem Erfurter Pro-
Falle mçsse ihnen erlaubt werden, vom Unterricht gramm der SPD aus dem Jahre 1891. Sie be-
fernzubleiben. Islamische Organisationen riefen dazu schrieb keinen realen Sachverhalt, sondern
auf, christliche und besonders weihnachtliche Tradi- zielte darauf, den Einfluss der Kirchen auf
tionen nicht aus den Schulzimmern zu entfernen. Nå- Politik und Gesellschaft zurçckzudrången.
heres unter http://www.swissinfo.org/ger/swissin-
Welche weltweit æffentliche Rolle die Reli-
fo.htlm (19. 12. 2006).
6 Vgl. Martin Spiewak, Ins Schwimmen geraten, in: gion auch heute noch spielt, låsst sich an der
Die Zeit vom 7. 12. 2006. Der Text ist im Internet ver- ræmisch-katholischen Kirche zeigen. Es gibt
fçgbar unter http://zeus.zeit.de/text/2006/50/B-Schul
verweigerung (15. 12. 2006). 7 Vgl. Anm. 1.

18 APuZ 6/2007
weltweit etwa 1,1 Milliarden ræmisch-katho- im vergangenen Jahrhundert unter religiæs-
lische Christen. Ihr Oberhaupt ist der Papst. weltanschaulichen Konflikten weitaus mehr
Er hat das Petrusamt inne. Dieses Amt ist ein gelitten als heute. Bis 1989 war das Land reli-
eigenståndiges, unabhångiges Vælkerrechts- giæs-weltanschaulich zerklçftet. Das protes-
subjekt. Es trågt im diplomatischen Sprachge- tantisch geprågte Preuûen lieferte sich im aus-
brauch den Titel ¹Heiliger Stuhlª. Der Heili- gehenden 19. Jahrhundert einen Kulturkampf
ge Stuhl ist ordentliches, auf eigenen Wunsch mit der katholischen Kirche, die SPD ver-
beobachtendes Mitglied der Vereinten Natio- stand sich als Weltanschauungspartei und ver-
nen. Er hat Rederecht bei den Vollversamm- folgte eine strikt antiklerikale Linie, die ka-
lungen. 174 von den 192 in der UN vertrete- tholische Zentrumspartei war ihr weltan-
nen Staaten unterhalten diplomatische Bezie- schaulicher Gegenspieler. Die Weimarer
hungen zum Heiligen Stuhl. Der apostolische Republik zerbrach an ihren Weltanschau-
Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland ungskåmpfen. Die politische Religion des
ist zugleich Doyen des Diplomatischen Nationalsozialismus bekåmpfte Sozialisten
Corps. Die Bundesrepublik Deutschland und und Christen und wollte das Judentum aus-
ihre Lånder haben eine Reihe von Konkorda- rotten. Mit der Grçndung der Bundesrepu-
ten, also vælkerrechtlich verbindlichen Staats- blik Deutschland trat im Westen eine Befrie-
vertrågen, mit dem Heiligen Stuhl geschlos- dung der religiæs-politischen Konflikte ein.
sen. Kann man da ernsthaft von ¹Religion als Sowohl die ehemalige Zentrumspartei als
Privatsacheª sprechen? auch die SPD wandelten sich von Welt-
anschauungsparteien zu Volksparteien. Der
Auch ein Blick auf die æffentlichen Råume Staat der alten Bundesrepublik verzichtete
zeigt, wie wenig plausibel die Aussage von bewusst auf eine religiæs-weltanschauliche
der Privatheit der Religion ist. Kirchen be- Selbstlegitimierung und vertraute ± ganz im
stimmen nach wie vor das Stadtbild, sie ste- Sinne Bæckenfærdes ± darauf, dass die zivilge-
hen an stadtplanerisch signifikanten Orten. sellschaftlichen Organisationen ihren je eige-
Die Dresdener Frauenkirche zieht Millionen nen Beitrag zur Aufrechterhaltung von
von Besuchern an. Sie ist Gottesdienstraum Rechtstreue und Gesetzesloyalitåt leisten. Im
der såchsischen Protestanten ebenso wie ein Osten sorgte aber das Weltanschauungsre-
æffentliches Symbol fçr die Versæhnungsbe- gime der SED bis 1989 dafçr, dass die Religi-
reitschaft und den Friedenswillen Deutsch- onsfreiheit eingeschrånkt blieb und Christen
lands in Europa. Bei æffentlichen Katas- diskriminiert wurden. Der Blick zurçck
trophen und Gedenktagen versammeln sich macht deutlich, dass der religiæse Frieden
Politiker aller Glaubensrichtungen ± Konfes- immer dann gefåhrdet ist, wenn der Staat
sionslose eingeschlossen ± im Berliner Dom, seine Kompetenzen auf dem religiæs-weltan-
der so etwas wie das zivilreligiæse Heiligtum schaulichen Feld çberzieht.
der Republik geworden ist. Richtig an der
Aussage ¹Religion ist Privatsacheª bleibt frei-
lich, dass niemand zu einem æffentlichen Be- Wie plural ist die religiæse Landschaft
kenntnis gedrångt werden darf. Mittlerweile in Deutschland?
behalten 192 von 614 Abgeordneten des
Deutschen Bundestages ihre Konfessionszu- Der Marburger Religionswissenschaftliche
gehærigkeit fçr sich. Nur 28 bekennen sich zu Medien- und Informationsdienst e.V.
ihrer Konfessionslosigkeit, einer ist erklårter (REMID) liefert in regelmåûigen Abstånden
Atheist. Darçber hinaus gibt es vier muslimi- die Mitgliederzahlen der religiæsen Gemein-
sche, 180 katholische und 209 protestantische schaften in Deutschland. Fçr das Jahr 2006
Abgeordnete. Konfessionslose, Protestanten verzeichnet REMID etwa 130 religiæse Grup-
und Katholiken finden sich in allen Parteien. pierungen in Deutschland. Die Liste reicht
von der Ræmisch-Katholischen Kirche mit
25 986 384 Mitgliedern çber die Landeskir-
War Deutschland frçher religiæs- chen der Evangelischen Kirche in Deutsch-
weltanschaulich homogener als heute? land (EKD) mit 25 630 000 Mitgliedern bis
hin zur ¹Germanischen Glaubensgemein-
Die Vorstellung von den ¹guten alten Zei- schaft wesensgemåûer Lebensgestaltungª mit
tenª, in denen alle fromm waren, ist nur 140 und dem ¹Dachverband fçr traditionelle
schwer auszurotten. Dabei hat Deutschland Naturreligionª mit 120 Mitgliedern. Sieht

APuZ 6/2007 19
man einmal von den Splittergruppen ab und wurde, ob sie religiæs sei, antwortete sie: ¹Næ,
zåhlt lediglich die religiæsen Gemeinschaften, ich bin eigentlich ganz normal!ª An dieser
die mehr als 50 000 Mitglieder zåhlen, dann Normalitåt der Konfessionslosigkeit wollen
ist die religiæse Pluralitåt in Deutschland immer noch 73 Prozent der Bçrgerinnen und
durchaus ausgeprågt. Im protestantischen Bçrger im Osten festhalten.
Milieu gibt es die Neuapostolische Kirche
(374 635), die Baptistengemeinden (166 500), So gehæren in den æstlichen Bundeslåndern
die Zeugen Jehovas (163 092), die Methodis- also lediglich 27 Prozent der Bevælkerung
ten (64 100) und die Mennoniten (ca. 50 000). einer christlichen Kirche an. Im Westen sind
Die weltweit wachsenden Pfingstgemeinden es 74 Prozent. Aus diesen Zahlen schloss die
kommen in Deutschland zurzeit nur auf eine Justizministerin, dass es keine christlich be-
Zahl von 39 000 Mitgliedern. Einer der or- grçndeten Wertçberzeugungen mehr gebe, die
thodoxen Kirchen gehæren etwa 1,4 Millio- auf allgemeine Zustimmung rechnen kænnten.
nen Menschen in Deutschland an. In den jç- ¹Kein Wunder, dass sich die Verwaltungsge-
dischen Gemeinden sind 110 000 Deutsche richte immer håufiger mit religiæs motivierten
organisiert. Die Gesamtzahl der Muslime Konflikten befassen mçssenª, so die Ministe-
schåtzt REMID auf 3,3 Millionen, davon rin. Aber der Streit um das Fach LER in Bran-
etwa 14 352 deutschståmmige Muslime. Es denburg war gar kein Streit zwischen Konfes-
gibt etwa 90 000 Hinduisten und etwa sionslosen und Christen, sondern ein Konflikt
240 000 Buddhisten in Deutschland. Die neu- zwischen den Christen, die das westliche Sys-
eren religiæsen Bewegungen fallen zahlenmå- tem importieren wollten, und denen, die
ûig kaum ins Gewicht. Scientology hat nach der ostdeutschen kirchlichen ¹Christenlehreª
REMID etwa 6 000 Mitglieder, die Transzen- keine Konkurrenz erwachsen lassen wollten
dentale Meditation etwa 1 000. und deshalb fçr einen religionskundlichen
Unterricht fçr alle plådierten. Marianne Birth-
Die groûe Aufregung in den achtziger Jah- ler, die die Einfçhrung des Faches LER vehe-
ren çber Psychogruppen und Jugendreligionen ment verfocht, war ausgebildete Katechetin
erscheint rçckblickend als çbertrieben. Bei der Brandenburgischen Kirche. Beim Kruzi-
aller Vielfalt ist das religiæse Feld in Deutsch- fixurteil handelte es sich nicht um einen Kon-
land nåmlich auffallend stabil. Von einer gro- flikt zwischen einem Konfessionslosen und
ûen Dynamik ist nichts zu spçren. Religiæse den Kirchen, sondern darum, dass sich das
Pluralitåt ist im Wesentlichen ein Migrations- Land Bayern das Recht herausnahm, christli-
effekt. Das Bedçrfnis der Deutschen nach reli- che Kreuze in Klassenzimmern aufzuhången.
giæs-weltanschaulicher Stabilitåt låsst sich am Es gab auch eine ganze Reihe von Christen,
besten am Verhalten der Menschen im Osten die dem Staat dieses Recht ebenfalls nicht zu-
nach 1989 zeigen. Sowohl die Hoffnungen der billigen wollten. Auch beim Kopftuchstreit
groûen christlichen Kirchen als auch die Hoff- geht es nicht um einen Streit zwischen den
nungen von Missionaren aus den Freikirchen Konfessionen, sondern um einen Streit musli-
erfçllten sich nicht. Die Menschen blieben in mischer Frauen mit dem Staat. Der Staat be-
ihrer groûen Mehrheit das, was sie bis 1989 findet sich also gar nicht in der Rolle des ver-
auch schon waren, nåmlich konfessionslos. meintlichen Schiedsrichters, er ist selbst Teil
Wie sich die Stabilitåt der groûen Volkskirchen des religionspolitischen Konfliktes.
im Westen vor allem darauf stçtzen kann, dass
die Konfessionszugehærigkeit vererbt wird ±
und damit eine eigene religiæse Entscheidung Nehmen die Bindung an die Kirchen und
gar nicht auf der Agenda der eigenen Lebens- ihr Einfluss stetig ab?
fçhrung steht ±, so findet sich auch im Osten
diese konservative, sich an Familientraditionen Wenn auch die Zahl von 61 744 Kirchenein-
orientierende Haltung. Besonders gut låsst tritten im Jahr 2004 in die evangelische Kir-
sich dies an der Jugendweihe studieren. Ob- che nicht wenig ist, so steht dem doch eine
wohl das weltanschauliche Fundament der Ju- Zahl von 141 567 Kirchenaustritten gegen-
gendweihe, die Initiation in die sozialistische çber. 8 Die Mitgliederzahlen der Kirchen
Gesellschaft, weggebrochen ist, erfreut sich die schrumpfen ± damit stehen sie freilich nicht
Jugendweihe als Familienfest nach wie vor
groûer Beliebtheit. Als ein junges Mådchen 8 Die Statistik der EKD findet sich unter http://

aus der DDR nach der ¹Wendeª gefragt www.ekd.de/statistik.

20 APuZ 6/2007
allein. Gewerkschaften, Sportvereine, vor und Sachsen nehmen bis zu einem Drittel
allem aber politische Parteien haben Mitglie- Kinder konfessionsloser Eltern teil. Schulen
derverluste zu beklagen. Vergleicht man die in kirchlicher Trågerschaft sind auch fçr kon-
Zahl der Konfessionslosen mit der der Partei- fessionslose Eltern hæchst attraktiv. Ihre Zahl
losen, dann ergibt sich folgendes Bild: In steigt stetig. In Brandenburg, wo der Religi-
Deutschland gibt es knapp 30 Prozent Kon- onsunterricht kein ordentliches Lehrfach ist,
fessionslose und 68 Prozent Mitglieder christ- sind Zuwachsraten zu verzeichnen. Obwohl
licher Kirchen. Dem stehen 97,82 Prozent sich die Schçlerzahlen an æffentlichen Schu-
Parteilose (bezogen auf die Parteieintrittsbe- len im Land Brandenburg von 305 289 im
rechtigten) und nur 2,18 Prozent Parteimit- Jahre 2001 um 68 920 auf 236 369 im Jahr
glieder gegençber. 9 Die Parteien halten das 2005 verringert haben, ist die Zahl der Schç-
fçr keinen dramatischen, schon gar nicht æf- lerinnen und Schçler, die am Religionsunter-
fentlich zu diskutierenden Sachverhalt, denn richt teilnehmen, von 19 412 im Jahre 2001
sie rechnen damit, dass die parteilosen Bçrge- auf 24 608 im Jahr 2005 gestiegen. Zu diesem
rinnen und Bçrger bei Wahlen ihrer Neigung Befund passt die Feststellung Wilhelm Heit-
zu der einen oder anderen Partei schon alle meyers in seiner Studie ¹Deutsche Zustånde
paar Jahre Ausdruck verleihen werden. Und 4ª, dass sich 32 Prozent aller Konfessionslo-
deshalb nennen sich die Parteien trotz ihres sen eine stårkere Berçcksichtigung christli-
verschwindend geringen Mitgliederbestandes cher Werte in der Politik wçnschen. Von den
weiter munter ¹Volksparteienª. Protestanten tun dies 56 und von den Katho-
liken 63 Prozent. 10
Mit 27 Prozent Mitgliedschaft liegen die
Kirchen im Osten der Republik weit vor den Der Begriff der ¹Konfessionslosenª sugge-
Parteimitgliedschaftszahlen. Bei den fast 70 riert die Existenz einer Gruppe von Men-
Prozent Konfessionslosen kann die Kirche schen, die in Analogie zu den Protestanten
nicht nur auf Zustimmung bei Gelegenheit ± und den Katholiken gemeinsame Ûberzeu-
z. B. an Weihnachten oder bei anlassbezoge- gungen teilen. Das ist aber keineswegs der
nen Gottesdiensten ± rechnen, sondern auch Fall. Bereits die Art und Weise, wie man kon-
auf die zunehmende Inanspruchnahme kirch- fessionslos geworden ist, weist groûe Unter-
licher Kindergårten, Schulen und diakoni- schiede auf: Es gibt Konfessionslose von Ge-
scher Einrichtungen. Aktuelle statistische burt an und es gibt Konfessionslose, die aus
Daten aus der Berlin-Brandenburgischen Kir- finanziellen Grçnden die Kirche verlassen
che zeigen, dass die Attraktivitåt von Kinder- haben. Es gibt Konfessionslose, die eine athe-
tagesståtten in kirchlicher oder diakonischer istische Weltanschauung besitzen und solche,
Trågerschaft ungebrochen ist. Gab es im Jahr welche die Tradition des Christentums fçr
2002 17 570 Plåtze in 367 Einrichtungen, so wichtig halten.
stehen im Jahre 2006 20 864 Plåtze in 411
Einrichtungen zur Verfçgung, ein Zuwachs Auf ein konfessionsstatistisch hoch interes-
also um fast 20 Prozent. Bedenkt man ferner, santes Phånomen hat Axel Noack, der Bi-
dass mehr als 80 Prozent aller Kindergårten schof der Kirchenprovinz Sachsen, bei der
in Deutschland von den Kirchen und ihren EKD-Synode in Leipzig im Jahre 2003 hinge-
diakonischen Einrichtungen betrieben wer- wiesen: ¹In unserem Gebiet gieûen wir so
den und auch die Ausbildung der Erzieherin- viel Glocken wie wir in hundert Jahren nicht
nen und Erzieher græûtenteils an Fachschulen gegossen haben. Das macht man sich gar
in kirchlicher Trågerschaft geschieht, kann nicht klar. Die Leute geben Geld fçr Glo-
von einem schwindenden Einfluss der Kir- cken, Orgeln und Uhren, schon weniger fçr
chen eher nicht gesprochen werden. die Notsicherung und schon gar nicht fçr das
Gehalt des Pastors (. . .). Jetzt kommen im
Der Einfluss der Kirchen auf die Erziehung Færderverein Menschen auf uns zu. Sie haben
wird von vielen Konfessionslosen gutgehei- keine Erfahrungen damit und kænnen auch
ûen. Am Religionsunterricht in Thçringen nur ganz schwer sagen, warum sie mitma-
chen. Beim Kaffeetrinken frage ich immer:
9 Errechnet auf der Grundlage der Daten von Oskar
Warum macht ihr das mit der Kirche? Da
Niedermayer, Parteimitglieder seit 1990: Version 2006,
Arbeitshefte des Otto-Stammer-Zentrums Nr. 10, 10 Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zu-

Berlin 2006. stånde. Folge 4, Frankfurt/M. 2006, S. 181.

APuZ 6/2007 21
sagen die nicht: romanische Rundbogen, goti- dass der Gottesdienstbesuch fçr den eigenen
sche Spitzfenster, sondern sie sagen: Das ist Glauben ohnehin unwichtig ist, 64 Prozent
unsere Kirche. Ich sage: Wieso eure Kirche? am Sonntag ausspannen wollen und 40 Pro-
Ihr geht dort doch gar nicht hinein. Die Ent- zent andere Verpflichtungen haben, sind die
gegnung: Hinein gehen wir nicht, aber meine niedrigen Besucherzahlen nicht verwunder-
Groûmutter ist hier getauft.ª Allerdings lich. 16 Vergleicht man freilich die Gottes-
weist der Bischof auch auf die Spannungen dienstkultur in den USA mit der in Deutsch-
hin: ¹Da sagt zum Beispiel der Bçrgermeister: land, dann erklårt sich der schwache Got-
Herr Bischof, jetzt haben wir uns im ganzen tesdienstbesuch in Deutschland zwanglos
Dorf krumm gelegt, alle Einwohner haben daraus, dass zum einen das gottesdienstliche
Geld fçr die Glocken gegeben, jetzt mçssen Angebot in Deutschland wenig besucher-
die Glocken aber auch låuten, wenn einer freundlich ist und dass zum anderen in
stirbt, der nicht in der Kirche ist.ª 11 Deutschland kein ausgeprågtes Bewusstsein
dafçr herrscht, dass man fçr die Aufrechter-
In der Evangelischen Kirche von Berlin- haltung des gemeindlichen Lebens selbst ver-
Brandenburg-schlesische Oberlausitz gibt es antwortlich ist. Die Deutschen sind es auch
mittlerweile 202 Kirchbaufærdervereine, 12 in auf dem religiæsen Feld gewohnt, ¹versorgtª
der Kirchenprovinz Sachsen 150 13 und in zu werden. Und so unterhålt man zur Kirche
Mecklenburg-Vorpommern 35. 14 In Thçrin- ein Verhåltnis wie zur Feuerwehr oder zum
gen gibt es dank der Initiative von 67 Verei- Arzt: Man nimmt sie nur in Anspruch, wenn
nen und Interessengruppen 15 praktisch keine es unbedingt notwendig ist.
vom Verfall bedrohte Kirche mehr. Obwohl
die exakte konfessionelle Zusammensetzung Diese traditionelle Haltung des ¹believing
der Vereine noch nicht erhoben ist, deutet without belongingª, verbunden mit der Ab-
alles darauf hin, dass die Konfessionslosen in neigung, die eigenen Glaubensçberzeugungen
den Vereinen in der Mehrheit sind. æffentlich zu machen, wird nun neuerdings
mit der Tatsache konfrontiert, dass muslimi-
Von einem rapiden Verfall religionskultu- sche Glåubige auf die Sichtbarkeit ihrer Reli-
reller Bestånde in Deutschland kann also gion Wert legen. Wir werden Zeugen des
keine Rede sein. Die wachsende Pråsenz der Wandels von einer nur virtuellen zu einer
Kirchen im Bildungsbereich låsst auch fçr die realen Pluralitåt, und die Prognosen der De-
Zukunft erwarten, dass die grundsåtzlich po- mographen lassen erwarten, dass das kein
sitive Einstellung zu Kirche und Christentum vorçbergehendes Phånomen sein wird. Nicht
nicht nachlåsst. Gegen diese Diagnose wird nur die Fremdheit des Islam, sondern auch
gerne das Argument ins Feld gefçhrt, dass die ganz andere Art und Weise, ihn zu zeigen,
der Gottesdienstbesuch extrem niedrig sei. irritiert und befærdert die Bereitschaft, dem
Das ist richtig. Da aber beispielsweise 75 Pro- sichtbar Fremden mit einer Hermeneutik des
zent aller Protestanten der Meinung sind, Verdachtes zu begegnen. Deutsche Schçler
geraten in die Defensive, wenn ihnen auf dem
11 Die Øuûerungen von Bischof Noack finden sich im
Schulhof die tçrkischen Schçler vorwerfen,
sie håtten weder eine Religion noch ein aus-
Synodenprotokoll der 1. Tagung der 10. Synode der
EKD, Leipzig, 22. ± 25. 5. 2003. geprågtes National- und Ehrgefçhl. Ausge-
12 Diese Zahl teilt der Færderkreis Alte Kirchen mit. wachsene deutsche Månner dagegen regen
Die Vereine sind im Einzelnen auf der Homepage sich in privater Runde çber junge, Kopftuch
des Færderkreises verzeichnet: www.alte-kirchen.de/ tragende muslimische Mådchen auf und ver-
Adressen.htm (30. 12. 2006). muten, diese seien arrogant, eingebildet und
13 Eine Karte der Kirchenprovinz Sachsen mit den
hielten sich wahrscheinlich fçr etwas Bes-
Færdervereinen dieser Landeskirche findet sich auf der
Homepage des ¹Forschungsprojektes Kirchenbau- seres.
færdervereineª an der Theologischen Fakultåt der
Universitåt Halle-Wittenberg. http://www.theologie. Selbst so verdienstvolle Studien wie die der
uni-halle.de (30. 12. 2006). Konrad-Adenauer-Stiftung çber die Einstel-
14 Der Verein ¹Dorfkirchen in Not in Mecklenburg-

Vorpommern e.V.ª nennt auf seiner Homepage http://


www.dorfkirchen.de die Adressen der Vereine (30. 12. 16 Vgl. Wolfgang Huber/Johannes Friedrich/Peter

2006). Steinacker (Hrsg.), Kirche in der Vielfalt der Lebens-


15 Stand Ende 2004, nach Angaben des Kirchenamts bezçge. Die 4. EKD-Erhebung çber Kirchenmitglied-
der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thçringen. schaft, Gçtersloh 2006, S. 455.

22 APuZ 6/2007
lungen von tçrkischen Kopftuchtrågerinnen 17 Selbstverståndlich hat ein religionspolitisch
sind vor schiefen Schlussfolgerungen nicht ge- wacher und aktiver Staat das Recht, auf die
feit. Aus der Tatsache, dass zwar 77 Prozent religiæse Bildung der heranwachsenden
der weniger gebildeten Kopftuchtrågerinnen Bçrgerinnen und Bçrger Einfluss zu nehmen.
der Aussage zustimmen, dass ¹vor Gott alle Mit der Einfçhrung eines staatlichen Religi-
Menschen gleich sindª, dem aber nur 64 Pro- onsunterrichts nach Art. 7(3) GG hat das die
zent der Gebildeten ± folglich auch theologisch Bundesrepublik Deutschland aber bereits in
Gebildeten ± zustimmen, schlieûen die For- vorbildlicher Weise getan. Das Konzept der
scher auf das Propagieren einer Ûberlegen- ¹Zivilisierung der Religionen durch Bildungª
heitsideologie, mæglicherweise sogar auf einen ist aufgegangen. Die Frage ist also, ob das er-
Widerspruch zu den allgemeinen Menschen- folgreiche und bewåhrte Modell staatlicher
rechten. 18 Eine solche Folgerung wåre stim- Einflussnahme auf die religiæse Erziehung
mig, wenn man die Frauen gefragt håtte, ob alle nach Art. 7(3) GG ergånzungsbedçrftig ist.
Menschen vor dem Gesetz gleich seien, und Bekanntlich regelt Art 7(3) GG, dass der Re-
sich dann ein Drittel verneinend geåuûert ligionsunterricht ein ordentliches Lehrfach
håtte. Aber selbstverståndlich sind auch nach ist. Wie fçr andere Fåcher auch sorgt der
biblischem Zeugnis nicht alle Menschen vor Staat deshalb fçr die Ausbildung der Lehr-
Gott gleich. Zwar sind alle Menschen Gottes kråfte an den Theologischen Fakultåten
Geschæpfe, und insofern gibt es durchaus Ana- (deren Professoren ebenso wie die Lehrkråfte
logien zwischen der politischen Annahme der nicht im Kirchendienst stehen, sondern
unveråuûerlichen Menschenwçrde und der bi- Staatsbeamte sind), fçr attraktive Lehrbçcher,
blischen Vorstellung von der Gottesebenbild- fçr eine angemessene Stundentafel, fçr einen
lichkeit des Menschen. Aber auch das Chris- ausgewogenen Lehrplan und auch dafçr, dass
tentum hat eine Lehre vom Jçngsten Gericht, die Religionsnote ordnungsgemåû zustande
in dem durchaus Unterschiede gemacht wer- kommt. Der einzige Unterschied zu anderen
den. Dass also gerade die Gebildeten unter den Fåchern besteht darin, dass der Staat mit den
Kopftuchtrågerinnen dieser Aussage nicht zu- Religionsgemeinschaften eng kooperiert; der
stimmen konnten, mag schlicht an der theolo- Religionsunterricht wird in ¹Ûbereinstim-
gischen Unterkomplexitåt der Frage gelegen mung mit den Grundsåtzen der Religionsge-
haben. meinschaftenª erteilt.

Ein Vergleich mit dem Deutschunterricht


ist erhellend. So wenig man Sprache çber-
Brauchen wir einen staatlichen haupt lernen kann, sondern eben nur eine
ganz bestimmte Sprache und von dieser aus-
Werte- und Religionskundeunterricht? gehend dann andere Sprachen, so wenig kann
man Religion çberhaupt lernen. Niemand
Dezidiert hat sich Ministerin Zypries dafçr wçrde den Deutschunterricht ¹bekennenden
ausgesprochen, neben dem Religionsunter- Deutschunterrichtª nennen und ihn durch
richt nach Art. 7(3) GG ein Pflichtfach einzu- einen allgemeinen Sprachunterricht ersetzen
richten, das ¹allgemeine Kenntnisse çber Re- wollen. Und niemand wçrde von einer
ligionenª vermittelt. Nur wenn Schçlerinnen Deutschlehrerin erwarten, dass sie zugleich
und Schçler ¹auch die anderen Religionen Franzæsisch, Chinesisch und Hebråisch un-
kennen, kænnen sie sie verstehen und ihnen terrichten kann. Wenn auch immer wieder
mit Respekt begegnen. Deshalb sollten alle behauptet wird, der Religionsunterricht nach
Schçler çber alle Religionen etwas lernen, Art 7(3) GG sei ¹bekennender Unterrichtª,
und zwar gemeinsam und nicht bekenntnis- so ist davon im Art 7(3) GG nicht die Rede.
orientiert. Wir dçrfen deshalb den bekennt- Er ist zuerst ordentliches Lehrfach und ist in-
nisgebundenen Unterricht nicht ausspielen sofern den Standards schulischen Lehrens
gegen Fåcher, die allgemeine Kenntnisse çber und Lernens unterworfen. Die Lehrkråfte
Religionen vermitteln.ª 19 sind an einen staatlich genehmigten Lehrplan
17 Vgl. Frank Jessen/Ulrich von Wilamowitz-Moel-
gebunden. Die Religionsunterrichtsnote ist
versetzungsrelevant. Nicht Fræmmigkeit,
lendorff, Das Kopftuch ± Entschleierung eines Sym-
bols?, St. Augustin ± Berlin 2006. sondern kognitive Leistungen werden beno-
18 Vgl. ebd., S. 45. tet. Die religionspolitische Leistung des Reli-
19 Anm. 1. gionsunterrichts nach Art 7(3) GG besteht

APuZ 6/2007 23
darin, dass sich der Staat in Bezug auf reli- Manfred Brocker
giæse Inhalte einerseits fçr unzuståndig er-
klårt, gleichwohl aber Wert darauf legt, dass
dieser Unterricht der religiæsen Bildung der Die Christliche
Rechte in den
kçnftigen Bçrgerinnen und Bçrger dient.

Angesichts der Notwendigkeit des Er-


werbs interreligiæser Kompetenzen mçssen
die kooperierenden Religionsgemeinschaften
ihren Unterricht fçr Schçlerinnen und Schç-
USA
ler anderer Konfessionen und Religionen
durchlåssig machen. Denn nur so kann ge-
wåhrleistet werden, dass einerseits in ihrer re-
ligiæsen Tradition fundiert ausgebildete Lehr-
E ntgegen allen Erwartungen hinsichtlich
eines Bedeutungsverlustes religiæser
Konfliktlinien in modernen westlichen Ge-
kråfte unterrichten, die Mæglichkeit des ge-
sellschaften entstand in den USA in den
meinsamen interreligiæsen Lernens aber
1970er Jahren die Protestbewegung der so ge-
gewåhrleistet wird. Die Einrichtung eines
nannten ¹Christlichen Rechtenª. Ihre Orga-
Wahlpflichtbereichs ¹Religion/Ethikª, inner-
nisationen, darunter ¹Moral Majorityª, ¹Re-
halb dessen die Schçlerinnen und Schçler frei
ligious Roundtableª und ¹Christian Voiceª,
wåhlen kænnen, wåre eine zeitgemåûe Re-
stritten lautstark fçr eine Rechristianisierung
form des Religionsunterrichts nach Art. 7(3)
Amerikas. Die poli-
GG.
tische Mobilisierung
Manfred Brocker
des evangelikalen, ins-
Eine bundesweite Ausweitung des von der Dr. phil., Dr. rer. pol., geb. 1959;
besondere des funda-
Ministerin bevorzugten Berliner Modells hin- Professor für Politikwissen-
mentalistischen Pro-
gegen wçrde die kunstvoll austarierte Koope- schaft an der Katholischen Uni-
testantismus stellte ein
ration von Staat und Religionsgemeinschaften versität Eichstätt-Ingolstadt,
neuartiges Phånomen
zerstæren, den Religionsunterricht zu einer Lehrstuhl für Politische Theorie
dar, das sogleich Be-
Sonderveranstaltung der Religionsgemein- und Philosophie. Universitäts-
sorgnisse vor einer bi-
schaften an der Schule degradieren und einen allee 1, 85072 Eichstätt.
belbasierten Revision
allgemeinen staatlichen Religionskundeunter- manfred.brocker@ku-
zentraler liberaler Ver-
richt installieren, dessen Bezugswissenschaft eichstaett.de
fassungselemente aus-
ebenso unklar wåre wie die Frage, wer denn
læste. Nicht wenige
angesichts der Såkularitåt ± also der theologi-
Beobachter sahen deutliche Parallelen zum is-
schen Blindheit ± des Staates die Verantwor-
lamischen Fundamentalismus. Es handele
tung fçr Bildungsinhalte an den Religionsge-
sich, so glaubten sie, bei dieser Bewegung um
meinschaften vorbei çbernehmen soll. Eine
Radikale, die das politische System veråndern
Religionspolitik, die sich der Kooperation
und eine Theokratie errichten wollten. ¹I am
der Religionsgemeinschaften im Land nicht
beginning to fearª, erklårte etwa US-Pråsi-
versichert, ist unklug. Je græûer das Recht auf
dent Jimmy Carters Gesundheitsministerin
freie Religionsausçbung und je gebildeter die
Patricia Harris 1980, ¹that we could have an
Religion, umso græûer sind die Chancen auf
Ayatollah Khomeini in this countryª. 1
rechtstreue religiæse Bçrgerinnen und Bçrger.
Der Religionsunterricht in Deutschland ge-
Buchtitel wie ¹Holy Terrorª, ¹God's Bul-
nieût den Schutz des Grundgesetzes. Dieses
liesª oder ¹The Anti-Americanism of the Re-
Buch, so die Justizministerin, gelte fçr uns
ligious Rightª spiegelten die kritische Bewer-
alle. Insofern besteht wohl wenig Grund zu
tung des politisierten ¹Fundamentalismusª in
der Befçrchtung, dass ausgerechnet sie ein In-
Amerika wider. Und wåhrend die einen seine
teresse daran hat, das Grundgesetz und seinen
weitere Radikalisierung fçrchteten, sagten
Artikel 7 mutwillig auszuhæhlen.
ihm andere angesichts seiner extrem konser-
vativen Agenda nur eine kurze Lebensdauer
voraus. Doch beide Prognosen erwiesen sich
1 Zitiert in: Jeffrey K. Hadden/Charles E. Swann,

Prime Time Preachers. The Rising Power of Tele-


vangelism, Reading, Mass. 1981, S. 149.

24 APuZ 6/2007
als falsch. Tatsåchlich konnte sich die Christ- Angaben çber den Anteil der weiûen Evan-
liche Rechte dauerhaft als politische Kraft in gelikalen an der amerikanischen Bevælkerung
den USA etablieren. Nach aggressiven An- schwanken zwischen 23 und 26 Prozent, 5
fången durchlief sie einen Transformations- etwa ein Drittel davon sind protestantische
prozess, der durch organisatorische Refor- Fundamentalisten und zirka ein Fçnftel
men sowie eine programmatische und stra- Pfingstler und Charismatiker. Umfragedaten
tegische Moderierung gekennzeichnet war. zeigen, dass Evangelikale etwas schlechter
Diese Anpassung wurde durch jene Eigen- ausgebildet und weniger vermægend sind als
schaften des amerikanischen politischen Sys- andere Weiûe; sie wohnen vornehmlich im
tems veranlasst, die eine strukturelle Offen- låndlichen Sçden und Mittleren Westen der
heit und Partizipationsorientiertheit gegen- USA, sind aber auch in westlichen Bundes-
çber sozialen Gruppen und Bewegungen staaten wie Washington und Oregon in
bedingen, deren Aktivitåten aber auch kanali- græûerer Zahl anzutreffen. Viele von ihnen
sieren. 2 haben sehr konservative Einstellungen in po-
litischen wie soziomoralischen Fragen.
Im Folgenden soll nun die Christliche
Rechte und ihre Entwicklung skizziert wer-
den: Wer sind ihre Mitglieder, wie sehen ihre Die Christliche Rechte
Ziele aus und welche Erfolge hat sie heute, 30
Jahre nach ihrer Grçndung, vorzuweisen? Bis in die 1970er Jahre hinein war der ameri-
kanische Evangelikalismus weitgehend unpo-
litisch. Erst danach kam es ± in Reaktion auf
Der amerikanische ¹Evangelikalismusª die Protestaktivitåten linksliberaler sozialer
Bewegungen wie der Studenten-, Friedens-,
Die Anhånger der ¹Christlichen Rechtenª re- Frauen- und Homosexuellenbewegung, auf
krutieren sich aus dem Kreis der ¹Evangeli- die Entstehung einer studentisch geprågten
kalenª. Gemeint sind damit jene Glåubige, ¹Gegenkulturª mit ihrer Ablehnung von pro-
die die Verkçndigung des Evangeliums als testantischer Leistungsethik und bçrgerlicher
zentrale Aufgabe betrachten, an die Unfehl- Sexualmoral und vor allem aufgrund ver-
barkeit der Bibel und an die Notwendigkeit schiedener Urteile des Obersten Bundesge-
einer persænlichen Hinwendung zu Jesus richts, die das Morgengebet und die Bibellek-
Christus als einzigem Weg der Erlæsung glau- tçre an æffentlichen Schulen verboten und die
ben und diese meist als spirituelle ¹Wiederge- Abtreibung legalisierten ± zu einer (partiel-
burtª (¹born againª) bezeichnen. Trotz len) politischen Mobilisierung. 6
solcher Gemeinsamkeiten bestehen in wichti-
gen theologischen Fragen durchaus Auffas- Fundamentalistische Radio- und Fernseh-
sungsunterschiede zwischen den verschiede- prediger wie Jerry Falwell, James Robison
nen (¹neo-evangelikalenª, ¹fundamentalisti- und Timothy LaHaye riefen jetzt eigene Or-
schenª und ¹pfingstlerisch-charismatischenª) ganisationen ins Leben und warben unter
Stræmungen des Evangelikalismus, die lange ihren Zuschauern und in ihren Gemeinden
ein erhebliches Konfliktpotenzial bargen, 3 Mitglieder und Aktivisten an. Seit Ende der
inzwischen aber eher an Bedeutung verloren 1980er Jahre betåtigten sich zudem Geistliche
haben. 4 und Laien anderer evangelikaler Stræmungen
als politische Unternehmer und grçndeten
2 Vgl. hierzu im Einzelnen: Manfred Brocker, Protest Organisationen wie ¹Christian Coalitionª,
± Anpassung ± Etablierung. Die Christliche Rechte im ¹Family Research Councilª und ¹American
politischen System der USA, Frankfurt/M.±New York Family Associationª. Neben ¹Fundamen-
2004.
3 Zum amerikanischen Evangelikalismus vgl. James D.
talistenª wurden so nun zunehmend auch
Hunter, American Evangelicalism. Conservative Reli- ¹Neo-Evangelikaleª, ¹Pfingstlerª und ¹Cha-
gion and the Quandary of Modernity, New Brunswick, rismatikerª in græûerer Zahl politisch aktiv.
N. J. 1983; Nancy T. Ammerman, Bible Believers.
Fundamentalists in the Modern World, New Bruns- 5 Vgl. Clyde Wilcox, Onward Christian Soldiers? The

wick, N. J.±London 1987. Religious Right in American Politics, Boulder, Col.


4 Vgl. Manfred Brocker/Clyde Wilcox, Die Christ- 20002, S. 45 ff.; John Cochran, New Heaven, New
liche Rechte und die Pråsidentschaftswahl von 2004, Earth, in: Congressional Quarterly vom 17. 10. 2005,
in: Torsten Oppelland/Werner Kremp (Hrsg.), Die S. 2773.
USA im Wahljahr 2005, Trier 2005, S. 164 ff. 6 Vgl. M. Brocker (Anm. 2), S. 35 ff.

APuZ 6/2007 25
Besonders effektiv agierte in den 1990er Jah- Internet-Pornographie und des (Internet-)
ren die ¹Christian Coalitionª, die der Fernseh- Glçcksspiels, ein Verbot der Abtreibung, 9
prediger Pat Robertson nach seiner gescheiter- der Euthanasie, der Stammzellforschung und
ten Pråsidentschaftskandidatur 1988 ins Leben des Klonens, die Wiedereinfçhrung des
gerufen hatte. Ihren enormen Erfolg verdankte Schulgebets, die Berçcksichtigung der bibli-
sie ihrem lokalen, dezentralisierten Aufbau. schen Schæpfungsgeschichte (statt der Dar-
Wåhrend åltere Organisationen wie die kurz- win'schen Evolutionstheorie) im Biologieun-
lebige ¹Moral Majorityª allein auf der nationa- terricht, die staatliche Færderung religiæser
len Bçhne politisch tåtig geworden waren und (evangelikaler) Privatschulen u. a. die christ-
langfristig kaum Mitglieder an sich hatten bin- lich-protestantisch geprågte ¹Leitkulturª der
den kænnen, grçndeten Robertson und sein USA in ihrem Sinne wieder herzustellen und
Generalsekretår Ralph Reed gezielt lokale und den seit den 1960er Jahren beschleunigten
regionale Untergliederungen, fçr deren Lei- Prozess der soziokulturellen Modernisierung
tungsgremien sie keine Geistlichen, sondern und Liberalisierung aufzuhalten bzw. umzu-
Geschåftsleute, Hausfrauen, Lehrer und Pen- kehren. Sie betrachten Amerika als erwåhlte
sionåre rekrutierten. Nation, deren christliche Grundlagen erhal-
ten werden mçssten, um Gottes Schutz und
Bis 1998 wuchs die ¹Christian Coalitionª Gnade nicht zu verlieren.
stetig: Die Zahl ihrer Mitglieder stieg von
25 000 im Jahr 1990 auf 2,1 Millionen im Jahr Auûenpolitisch vertrat die Christliche
1998. Danach allerdings verlor sie deutlich an Rechte lange Zeit eher eine isolationistische
Zuspruch. Innerorganisatorische Querelen und denn eine aktiv-interventionistische Position:
personalpolitische Fehlentscheidungen des Amerika wurde als ¹exemplar nationª gese-
Grçnders verursachten den Niedergang der in hen, als Vorbild fçr die Welt, nicht als ¹crusa-
den 1990er Jahren æffentlichkeitswirksamsten der stateª. Der 11. September 2001 und der
Gruppierung. Im Ganzen verånderte sich da- Beginn des Irakkrieges bewirkten jedoch ±
durch die Zahl der Anhånger der Christlichen parallel zum allgemeinen Trend in der Bevæl-
Rechten allerdings kaum: Øhnlich einem Sys- kerung ± eine Ønderung ihrer Haltung und
tem kommunizierender Ræhren konnten die fçhrten zu einer Allianz mit den Neo-Kon-
Verluste dort durch steigende Mitgliederzahlen servativen, die eine unilaterale Politik der In-
bei anderen Gruppierungen aufgefangen wer- terventionen befçrworten. 10 Diese Verbin-
den. Insgesamt dçrften heute etwa sechs Mil- dung ist erstaunlich, da beide Gruppen in
lionen Bçrgerinnen und Bçrger als Mitglieder ideologischer Hinsicht und bei der Beurtei-
und 100 000 bis 150 000 als Aktivisten zur lung anderer politischer Fragen durchaus un-
Christlichen Rechten zu zåhlen sein; mehr als terschiedliche Meinungen vertreten. 11
15 Prozent aller Wåhler bekunden in Umfra-
gen Sympathien fçr die Organisationen. 7
Prozent sprechen sich auch gegen ¹eingetragene Le-
benspartnerschaftenª fçr Homosexuelle aus. Der Un-
Von Beginn an versuchte die Christliche
terschied zum Bevælkerungsdurchschnitt ist in dieser
Rechte auf die Grundstrukturen der sozio- Frage allerdings nicht besonders groû: Nur 25 Prozent
kulturellen Normierung Einfluss zu nehmen. unterstçtzen die ¹Homo-Eheª, 35 Prozent die einge-
Doch wåhrend in den achtziger Jahren der tragene Lebenspartnerschaft (¹civil unionª); vgl. David
Kampf fçr die moralische Erneuerung der Brooks, The Values-Vote Myth, in: New York Times
Gesellschaft als Feldzug gegen den Liberalis- on the Web, 6. 11. 2004 (14. 11. 2005).
9 Evangelikale lehnen mehrheitlich das in den USA
mus, Humanismus, Feminismus und Såkula-
bestehende (sehr liberale) Abtreibungsrecht ab, doch
rismus verstanden worden war, dominieren fçr ein ausnahmsloses Verbot plådiert nur eine Min-
seit den neunziger Jahren konkretere politi- derheit; vgl. C. Wilcox (Anm. 5), S. 49 ff.
sche Forderungen die Programme. Innenpoli- 10 In der Auûenpolitik råumen jetzt 40 Prozent der

tisches Ziel der Christlichen Rechten ist es, Evangelikalen dem Aufbau militårischer Stårke die
durch ein Verbot der ¹Homo-Eheª, 8 der oberste Prioritåt ein und 30 Prozent dem Kampf gegen
den Terrorismus; vgl. Poll: America's Evangelicals
More and More Mainstream But Insecure, in: Religion
7 Vgl. Clyde Wilcox, Whither the Christian Right? & Ethics News Weekly vom 16. 4. 2004; http://
The Elections and Beyond, in: ders./Stephen J. Wayne www.pbs.org/wnet/religionandethics/week733/p-re-
(Eds.), The Election of the Century, Armonk, N. Y.± lease.html (16. 11. 2006).
London 2002, S. 116 f. 11 Vgl. Tarek Mitri, In Gottes Namen? Politik und
8 84 Prozent der weiûen Evangelikalen missbilligen Religion in den USA, Frankfurt/M. 2005, S. 131 ff.;
die Zulassung von gleichgeschlechtlichen Ehen, 73 Stefan Halper/Jonathan Clark, America Alone. The

26 APuZ 6/2007
Eher typisch fçr die Christliche Rechte ist frontative Aktionen wie die Blockade von
die Ablehnung Internationaler Organisatio- Abtreibungskliniken, Massendemonstratio-
nen (wie der UNO, UNESCO etc.), die in nen vor dem Gebåude des Kongresses und
ihren Augen die Souverånitåt der USA be- des Obersten Bundesgerichts prågten ihr æf-
drohen und durch Konferenzen und das Lan- fentliches Erscheinungsbild in den frçhen
cieren internationaler Konventionen eine 1980er Jahren. Als sich jedoch im Laufe der
¹såkular-liberaleª, ¹antichristlicheª Politik Zeit die Erfolglosigkeit ihres Vorgehens
betreiben. Genannt werden etwa die UN- zeigte und ihr ¹bullyingª selbst nahe stehen-
Konferenz çber die Rechte der Frauen und de Abgeordnete und Pråsident Reagan ab-
çber Bevælkerungspolitik, die UN-Konven- schreckte, adaptierten sie sukzessive die Me-
tion çber die Rechte der Kinder oder das thoden anderer bereits etablierter politischer
UN-Biosphåren-Programm. Interessengruppen. Seither operieren die Or-
ganisationen eher wie die amerikanische
Starke Unterstçtzung findet bei der Christ- ¹United Auto Workersª-Gewerkschaft denn
lichen Rechten der Staat Israel. Die Forde- als religiæs-fundamentalistische Protestbewe-
rung nach einer israelfreundlichen Politik der gungen in anderen Teilen der Welt. So gehært
US-Regierung wird dabei eschatologisch be- zu ihrem neuen Strategien-Repertoire das
grçndet: Danach gilt die Grçndung des Staa- (Insider-)Lobbying in Kongress, Weiûem
tes Israel als Zeichen fçr die bevorstehende Haus und vor den Gerichten (letzteres durch
Wiederkehr Christi, die ohne die Existenz das Fçhren von Musterprozessen oder das
eines jçdischen Staates in seinen biblischen Einreichen eigener Rechtsgutachten in wich-
Grenzen nicht erfolgen kænne. Insofern tigen Verfahren), die Initiierung oder Unter-
spricht man sich u. a. gegen die Rçckgabe be- stçtzung von Referenden auf lokaler und ein-
setzten Landes und gegen die Grçndung zelstaatlicher Ebene (etwa gegen die ¹Homo-
eines eigenen Palåstinenserstaates aus. Eheª), 13 die Beeinflussung des ¹Meinungskli-
masª durch Anzeigenkampagnen in den Me-
Weiterhin setzt sich die Christliche Rechte dien sowie die Publikation von Bçchern und
fçr die Religionsfreiheit ¹in Ûberseeª ein und Broschçren. Darçber hinaus aber hat die
protestiert gegen ¹Christenverfolgungenª in Christliche Rechte in den letzten 20 Jahren
China und in muslimischen Låndern wie dem vor allem zwei Wege der politischen Einfluss-
Sudan, gegen die nach ihrer Auffassung Han- nahme beschritten: die ¹Infiltrationª der
delssanktionen verhångt werden sollten. Ins- Fçhrungsgremien der Republikanischen Par-
besondere der Islam ist seit den Anschlågen tei (G.O.P.) und die Wåhlermobilisierung fçr
des 11. September 2001 zu einem neuen konservative Kandidaten auf lokaler, einzel-
Feindbild avanciert. Fçhrer der Christlichen staatlicher und nationaler Ebene.
Rechten sehen in ihm eine ¹bæse, unmensch-
liche Religionª, die einen ¹Heiligen Kriegª Infiltration der Republikanischen Partei
gegen den (¹christlichenª) Westen fçhre. 12
Diese Herausforderung mçsse man anneh- Spåtestens mit der Pråsidentschaftskandida-
men und sich mit allen zur Verfçgung stehen- tur des Fernsehpredigers Pat Robertson
den Mitteln zur Wehr setzen. 1987/1988 begann die Christliche Rechte, die
Fçhrungsgremien der G.O.P. gezielt zu ¹un-
terwandernª, um Einfluss auf deren Kandida-
Politische Strategien ten- bzw. Delegiertenauswahl (fçr die Partei-
13 Initiativen und Referenden verliefen fçr die Christ-
Um ihre Forderungen durchzusetzen, be-
liche Rechte çberwiegend erfolgreich: In einer Zu-
dienten sich die Organisationen der Christli-
fallsstichprobe wurden fçr die Zeit zwischen 1994 und
chen Rechten anfånglich durchaus aggressiver 2000 150 ¹ballot initiativesª auf kommunaler und ein-
± wenn auch nicht militanter ± Mittel. Kon- zelstaatlicher Ebene ausgewåhlt. In 42 Fållen (= 28
Prozent) waren Organisationen der Christlichen
Neo-Conservatives and the Global Order, Cambridge Rechten aktiv, und in 24 davon entsprach der Ausgang
2004, S. 18 ff. des Referendums ihrer Position (= 57 Prozent); vgl.
12 Martin Kilian, Eine bæse, verdorbene Religion, in: M. Brocker (Anm. 2), S. 249 ff. Verhindert wurden auf
Die Weltwoche, (2003) 7; http://www.weltwoche.ch; diese Weise etwa die Zulassung der aktiven Sterbehilfe,
Verbal Attacks on Muslims by Conservative Chris- die Legalisierung von Marihuana und die Einfçhrung
tians, in: http://www.religioustolerance.org/reac_ter der ¹Homo-Eheª. Vor allem letzteres wurde zu einem
18.htm (15. 11. 2006). zentralen Thema der Christlichen Rechten.

APuZ 6/2007 27
tage) und das Parteiprogramm zu nehmen. 14 keine gleichgeschlechtlichen Ehen eingehen
Untersuchungen belegen den Erfolg dieser dçrfen. Der Konfessionsschulbesuch sollte
Strategie. 15 Kimberly Conger und John durch Bildungsgutscheine oder steuerliche
Green konnten zeigen, dass die Christliche Maûnahmen gefærdert, das Recht zum ¹home
Rechte im Jahr 2000 in 18 Bundesstaaten çber schoolingª von allen Bundesstaaten aner-
einen ¹starken Einflussª auf die Partei (vor kannt werden. Das Schulgebet sollte an die
allem im Sçden, Mittleren Westen und Wes- æffentlichen Schulen zurçckkehren, der Sexu-
ten der USA) verfçgte, d. h. mehr als 50 Pro- alkundeunterricht dagegen abgeschafft oder
zent der jeweiligen Parteivorstånde stellte. In durch ein ¹Abstinence Onlyª -Programm er-
26 Staaten hatte sie einen ¹moderaten Ein- setzt werden, das die sexuelle Enthaltsamkeit
flussª ± ihre Mitglieder hatten dort zwischen vor der Ehe als moralisches Leitbild vermit-
25 und 50 Prozent der Vorstandssitze inne. telt. 17
Nur in sechs Staaten war ihre Bedeutung ¹ge-
ringª (Nordosten). 16 Wåhlermobilisierung

Die starke Position, die die Christliche Gerade durch ihre programmatische Neu-Po-
Rechte in der Bundespartei und zahlreichen sitionierung gelang es umgekehrt der G.O.P.,
Landesverbånden der G.O.P. aufbauen Evangelikale als Stammwåhler zu gewin-
konnte, versetzte sie in die Lage, bei der Aus- nen. 18 Mobilisiert wurden sie dabei von den
wahl von Kandidaten ein gewichtiges Wort Organisationen der Christlichen Rechten, die
mitzusprechen. Dabei verzichtete sie jedoch Evangelikale vor den Wahlen gezielt anspra-
weitgehend darauf, eigene Leute auf dem Ti- chen und zur Stimmabgabe fçr Republikani-
cket der Partei zu platzieren, die in den Augen sche Kandidaten motivierten. Umfragen do-
der Wåhler als zu ¹ideologischª betrachtet kumentieren den Erfolg dieser Strategie: Al-
worden wåren. Als aussichtsreicher erwies es lein zwischen 1994 und 1998 stieg der Anteil
sich, konservative Kandidaten aus der G.O.P. aller ¹traditionalistischenª, d. h. besonders
selbst zu unterstçtzen, die der Bewegung zwar strengglåubigen Evangelikalen (das sind etwa
nicht angehærten, ihrem Forderungskatalog 13 Prozent der Bevælkerung), die fçr einen
aber aufgeschlossen gegençberstanden. Dieses Republikanischen Abgeordneten oder Sena-
Vorgehen hatte in nicht wenigen Fållen Erfolg. tor votiert hatten, von 71 auf 79 Prozent.
Es trug mit dazu bei, dass die Reihen der Schlieût man die ¹nicht-traditionalistischenª
G.O.P. in beiden Håusern des Kongresses mit Evangelikalen mit ein, stellten evangelikale
einer Vielzahl åuûerst konservativer Abgeord- Protestanten Ende der 1990er Jahre mehr als
neter besetzt werden konnten. ein Drittel aller Republikanischen Wåhler. 19

Auch der Blick auf die Programmatik der Sofern sie nicht politisch gånzlich Absti-
G.O.P. macht den wachsenden Einfluss der nenz geçbt hatten, waren Evangelikale in den
Christlichen Rechten vor allem in soziomora- 1950er und 1960er Jahren noch ein fester Be-
lischen Fragen sichtbar: Die Bundeswahlpro- standteil der demokratischen ¹New Dealª-
gramme, die allerdings kaum Verbindlichkeit Wåhlerkoalition. Seither hatte sich offenbar
fçr erfolgreiche Kandidaten besitzen, sind ± ein religiæses ¹realignmentª vollzogen. Evan-
ebenso wie die ¹platformsª zahlreicher ¹state gelikale kehrten ± wie auch konservative Ka-
partiesª ± deutlich konservativer geworden. tholiken ± der Demokratischen Partei zuneh-
So fordern sie seit einiger Zeit ein verfas-
sungsrechtlich verankertes striktes Abtrei- 17 Fçr Einzelnachweise aus den Programmen der

bungsverbot und ein Verbot der Sterbehilfe. 1990er Jahre vgl. M. Brocker (Anm. 2), S. 208 ff. Fçr
die ¹Republican Party Platformª 2004, die die meisten
Homosexuelle sollen nach Auffassung der
der genannten Forderungen wiederholte, vgl. http://
Partei nicht mehr im Militår dienen und www.gop.com/media/2004platform.pdf. (25. 7. 2005).
18 Vgl. C. Wilcox (Anm. 7), S. 116 f.; Scott Keeter,
14 Vgl. M. Brocker (Anm. 2), S. 191 ff. Evangelicals and the GOP. Pew Research Center,
15 Vgl. etwa John F. Persinos, Has the Christian Right 18. 10. 2006, in: http://pewresearch.org/obdeck/
Taken Over the Republican Party?, in: Campaigns and ?ObDeckID=78 (16. 12. 2006).
Elections, 15 (September 1994), S. 20±24. 19 Angaben nach: John C. Green, Religion and Politics
16 Kimberly H. Conger/John C. Green, Spreading in the 1990s. Confrontations and Coalitions, in: Mark
Out and Digging In. Christian Conservatives and State Silk (Ed.), Religion and American Politics. The 2000
Republican Parties, in: Campaigns and Elections, 23 Election in Context, Hartford, Ct. 2000, S. 20 ff.;
(Februar 2002), S. 58±65. S. Keeter, ebd.

28 APuZ 6/2007
mend den Rçcken. Nicht zuletzt deshalb trug wahlstrategisch bestimmtes Verhåltnis zur
George W. Bush in der Pråsidentschaftswahl Christlichen Rechten. Von Anfang an war er
2004 den Sieg çber John F. Kerry davon: 82 sich der Tatsache bewusst, dass er ohne das
Prozent der weiûen evangelikalen Wåhler, die evangelikale Wåhlersegment keine Wahl-
mindestens einmal pro Woche zur Kirche bzw. Wiederwahlchance hatte. Zugleich war
gingen, hatten fçr Bush votiert, wåhrend nur ihm klar, dass er ebenso dringend ± vielleicht
46 Prozent der çbrigen Stimmen an ihn ge- dringlicher noch ± die Unterstçtzung der an-
gangen waren. Fast ein Viertel dieser weiûen deren republikanischen Stammwåhlergrup-
Evangelikalen sagte, mit Blick auf die persæn- pen brauchte ± etwa der Wirtschaftsliberalen,
lichen Eigenschaften der Kandidaten habe die in soziomoralischen und religionspoliti-
vor allem deren Glaube ihre Wahlentschei- schen Fragen eher moderat eingestellt sind.
dung beeinflusst; nur fçnf Prozent der çbri- Entsprechend belieû es Bush gegençber der
gen Wåhler erklårten sich ebenso. 20 Christlichen Rechten bei symbolischen Ges-
ten 23 und rhetorischen Avancen, die diese
Die Kongresswahlen 2006 bedeuteten je- Klientel zufrieden stellen sollte, ohne andere
doch eine Zåsur in der Erfolgsgeschichte der Wåhlergruppen zu verprellen.
Republikanisch-evangelikalen Wåhlerallianz.
Erstmals seit 1995 çbernahm die Demokrati- So unternahm er keine konkreten Schritte,
sche Partei in beiden Håusern des Kongresses um die Abtreibung zu verbieten oder das
die Mehrheit. Hieraus auf ein Ende der natio- Schulgebet wieder einzufçhren. Im Gegenteil:
nalen Bedeutung dieser Allianz zu schlieûen, Mit Blick auf moderate Wåhlergruppen dis-
wåre allerdings verfrçht: Denn es waren tanzierte er sich schon in seinem ersten Wahl-
kurzfristig wirksame Faktoren, insbesondere kampf 1999/2000 von der Forderung nach
der Verlauf des Irakkrieges und eine Reihe einem strikten Verbot aller Abtreibungen
von Sex- und Korruptionsskandalen, die die (auch bei Inzest, Vergewaltigung und Lebens-
Stimmverluste der Republikaner bei allen gefahr fçr die Schwangere) der Republikani-
Wåhlergruppen ± auch bei den Evangelikalen, schen Wahlkampfplattform. Zwar setzte er
von denen diesmal nur etwa 70 Prozent fçr sich nach seinem Amtsantritt vor allem vor
die Partei votierten ± verursachten. 21 Zahlrei- den Kongress- bzw. Pråsidentschaftswahlen
che der aktivsten Færderer der Christlichen 2002, 2004 und 2006 immer wieder demons-
Rechten im Kongress wie der Senator Rick trativ fçr Themen ein, die der Christlichen
Santorum (Pennsylvania) und die Abgeord- Rechten am Herzen lagen: das verfassungs-
neten Jim Ryun (Kansas) sowie John Hostett- rechtliche Verbot von ¹Homo-Ehenª etwa
ler (Indiana) verloren ihre Mandate. oder das Verbot von Spåtabtreibungen oder
die Beschrånkung der embryonalen Stamm-
Die Christliche Rechte und zellforschung. 24 Kostbares politisches Kapi-
tal investierte er jedoch nicht, um diese ± in
George W. Bush der Bevælkerung umstrittenen ± Forderungen
durchzusetzen. Der Verfassungszusatz zum
Anders als es in Europa vor allem zu Beginn Verbot der ¹Homo-Eheª scheiterte so bereits
des Irakkriegs wiederholt geschah, darf Geor- im Kongress, ohne dass der Pråsident beson-
ge W. Bush nicht als Exponent oder gar ¹Ma- ders intensiv um Unterstçtzung fçr die Vorla-
rionetteª des politisierten ¹Fundamentalis-
musª in den USA betrachtet werden. 22 Der 23 Nach seiner Nominierung fçr die Pråsidentschafts-
gegenwårtige US-Pråsident hat ein primår wahl 2000 deklarierte Bush etwa kurzerhand den
10. Juni zum ¹Jesus Tagª in Texas.
20 Vgl. M. Brocker/C. Wilcox (Anm. 4), S. 180 f. 24 Vgl. Matthias Rçb, Streit um den ¹Heiligen Bundª.
21 Vgl. WHIOTV.com, Sex, Corruption Peeved Ehe und gleichgeschlechtliche Partnerschaften als
Evangelical Voters; 9. 11. 2006, in: www.whiotv.com/ Thema im amerikanischen Wahlkampf, in: Frankfurter
print/10282754/detail.html (16. 11. 2006); Jane Little, Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 13. 2. 2004; Robin
US elections: Which side was God on?, in: BBC News Toner, A Call to Arms by Abortion Rights Groups, in:
vom 14. 11. 2006, in: http://news vote.bbc.co.uk New York Times on the Web vom 22. 4. 2004; Sheryl
(16. 11. 2006). G. Stolberg, Limits on Stem-Cell Research Re-emerge
22 Vgl. Manfred Brocker, Europåische Miss- as a Political Issue, in: New York Times on the Web
verståndnisse çber die æffentliche Pråsenz von Reli- vom 6. 5. 2004; Peter Baker, Bush Re-Enters Gay
gion in den USA, in: Gerhard Besier/Hermann Lçbbe Marriage Fight, in: Washington Post vom 3. 6. 2006,
(Hrsg.), Politische Religion und Religionspolitik, S. A4; Bush verhindert Embryo-Forschung, in: FAZ
Gættingen 2005, S. 145 ± 166. vom 21. Juli 2006, S. 6.

APuZ 6/2007 29
ge geworben håtte. Das verabschiedete und der Bilanz der Bush-Administration zufrie-
von Bush unterzeichnete gesetzliche Verbot den sein kann. 27
von Spåtabtreibungen erklårten Bundesge-
richte spåter ± wie zu erwarten war ± fçr ver-
fassungswidrig. Dies håtte nur durch eine Erfolgsbilanz
Verfassungsånderung verhindert werden kæn-
nen, die der Pråsident jedoch nicht anregte. Ûberblickt man die 30 Jahre ihrer Existenz,
Und die von ihm gefundene Regelung zur so hat die Christliche Rechte einen Lern- und
Stammzellforschung bedeutete einen Kom- Anpassungsprozess durchlaufen, der ihre or-
promiss, der erkennbar die Interessen von ganisatorische Struktur gestårkt und ihr Stra-
Wirtschaft und Wissenschaft berçcksichtigte tegienrepertoire erweitert hat. Sehr viel besser
und die Rechtschristen entsprechend wenig als in den Anfangsjahren gelingt es ihr heute,
zufrieden stellte. Mitglieder langfristig an sich zu binden, sta-
bile Finanzierungsquellen aufzutun und sich
Dass Bushs Umgang mit der Christlichen als seriæser ¹Mitspielerª im politischen Pro-
Rechten wahlstrategisch motiviert war, zeigt zess in Szene zu setzen. 28
schlieûlich der Blick auf seine Auûenpolitik.
Hier machte er der Bewegung nicht einmal Doch trotz der erfolgreichen Anpassung an
rhetorisch Zugeståndnisse. Wåhrend die die Funktionsimperative des politischen Sys-
Christliche Rechte frçh ¹den Islamª als tems und der positiven innerorganisatori-
neuen ¹Satanª und ¹Inbegriff des Bæsenª an- schen Entwicklung blieben græûere Erfolge
geprangert hatte, den die USA bekåmpfen bei der Durchsetzung der Agenda aus. Zwar
mçsse, bemçhte sich Bush immer wieder ± zeigten ihre Lobbyaktivitåten bisweilen
insbesondere wåhrend des Afghanistan- und durchaus Wirkung: So wurden gesetzgeberi-
Irak-Feldzugs ±, den Eindruck eines ¹clash sche Maûnahmen zum Schutz von Homose-
of civilizationsª, eines religiæs motivierten xuellen vor Diskriminierung im Kongress
¹Kreuzzugesª gegen den Islam zu vermeiden. wiederholt blockiert; ¹Abstinence onlyª-Pro-
Verantwortlich fçr die Anschlåge des 11. Sep- grammeª (statt des frçheren Sexualkundeun-
tember 2001 sei nicht ¹der Islamª, betonte terrichts) werden inzwischen an vielen æf-
Bush wiederholt, sondern ¹Terroristenª, die fentlichen Schulen durchgefçhrt und vom
den Namen dieser Religion missbrauchten. Kongress finanziell unterstçtzt. Das milliar-
Wåhrend fçhrende Vertreter der Christlichen denschwere Programm zur Bekåmpfung von
Rechten verkçndeten, der Islam sei antisemi- AIDS in Afrika und der Karibik wurde im
tisch, ja ¹abgrundtief bæseª, 25 distanzierte Kongress so formuliert, dass vor- und auûer-
sich Bush mehrfach mit deutlichen Worten eheliche Enthaltsamkeit als Leitbild vermit-
von diesen pauschalen Verurteilungen ± und telt werden muss. Zudem reaktivierte Bush
nahm dafçr die scharfe Kritik der Christli- die ¹Mexico City Policyª, wonach keine
chen Rechten in Kauf. 26 staatlichen Gelder an Organisationen flieûen
dçrfen, die in ihren Familienplanungspro-
Bushs Auûenpolitik ist durch realpolitisch grammen Abtreibung nicht ausschlieûen. Aus
orientierte ¹standard-konservativeª Berater eben diesem Grund wurde dem ¹UN Fund
beeinflusst, fçr die weniger christlich-evange- for Population Activitiesª die Zuweisung von
likale Glaubensinhalte als vielmehr amerika- bereits bewilligten Mitteln durch den Pråsi-
nische Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen denten verweigert. Weiterhin erhebt der ¹In-
im Vordergrund stehen ± wie im Ûbrigen in ternational Religious Freedom Actª von 1998
der Innenpolitik vor allem die Wirtschafts- die Verteidigung der Religionsfreiheit zu
lobby (und nicht die Christliche Rechte) mit einem wesentlichen Ziel der amerikanischen
Auûenpolitik.
25 Susan Sachs, Baptist Pastor Attacks Islam, Inciting

Cries of Intolerance, in: New York Times on the Web Ihre zentralen Anliegen aber konnte die
vom 15. 6. 2002. Christliche Rechte letztlich nicht durchset-
26 Vgl. Dana Milbank, Hawks Chide Bush over Islam,

in: Washington Post vom 2. 12. 2002; Bush Steps Away 27 Vgl. hierzu auch die Ergebnisse einer Gallup-Um-

From Christian Fundamentalists' Comments on Islam, frage vom April 2005: The Brookings Institution,
in: Ethics Daily.com vom 15. 11. 2002; www. American Politics and the Religious Divide,
ethicsdaily.com/article_detail.cfm?AID=1812 (16. 11. Washington, D.C., 26. 9. 2006, S. 32.
2005). 28 Vgl. M. Brocker (Anm. 2), S. 283 ff.

30 APuZ 6/2007
zen: So bleibt das Schulgebet an den æffentli- Rudolf Uertz
chen Schulen verboten, und auch die Abtrei-
bungsentscheidung des Obersten Bundesge-
richts von 1973 (Roe v. Wade) erfuhr keine Politische Ethik
im Christentum
Revision. Weder wurde die Pornographie
vollståndig illegalisiert noch der Zugang zu
ihr via Internet oder Kabelfernsehen effektiv
eingeschrånkt. Darwins Evolutionstheorie
wird weiterhin an den æffentlichen Schulen
unterrichtet, die zudem nach wie vor ¹såkular
humanistischeª Lehrbçcher verwenden und
A nders als die Soziologie, die mit der Re-
ligionssoziologie eine eigene Teildiszi-
plin hervorgebracht hat, hat die Politikwis-
ihre Curricula multikulturell ausrichten.
senschaft bisher noch kein klar konturiertes
Fachgebiet, das sich mit den ideengeschichtli-
Zwar gelang es der Christlichen Rechten,
chen, politiktheoretischen und rechtlich-in-
die æffentliche Diskussion çber die Bedeu-
stitutionellen Problemen des Verhåltnisses
tung von Werten und die Grundlagen der
von Politik, Gesellschaft und Religion be-
Moral wiederzubeleben und zu intensivieren.
fasst. Dennoch haben Politikwissenschaftler
Tatsåchlich ist die ¹religiæse Redeª (¹God
in den vergangenen Jahren die aktuellen politi-
Talkª) in der Úffentlichkeit långst wieder
schen, kulturellen und religiæsen Herausfor-
hoffåhig geworden, und selbst viele demokra-
derungen im nationalen und internationalen
tische Bewerber pråsentierten sich in ihren
Bereich aufgegriffen und zu einer deutlichen
Wahlkåmpfen 2006 håufig als ¹people of
Belebung von For-
faithª. Doch Auswirkungen auf den sozialen
schungsprojekten und
und politischen Wandel in den USA hatte all Rudolf Uertz
Publikationen zu inter-
dies nicht. Vielmehr zeigen Umfragen, dass Dr. phil. habil., Dipl.-Theol.,
disziplinåren Fragen
die Einstellung der amerikanischen Bevælke- Dipl. sc. pol., geb. 1947; apl.
von Politik und Reli-
rung zur Stellung der Frau in der Gesell- Professor für Politikwissen-
gion beigetragen. 1 In
schaft, zur Homosexualitåt, zur Porno- schaft an der Katholischen Uni-
Anlehnung an das eta-
graphie und zu anderen soziomoralischen versität Eichstätt-Ingolstadt und
blierte Fach Religions-
Fragen (mit Ausnahme der Abtreibung) nach an der Kardinal-Wyszynski-Uni-
soziologie wurde hier-
der Jahrtausendwende liberaler ist als 30 versität Warschau; Referent in
fçr verschiedentlich die
Jahre zuvor, als die Christliche Rechte ihre der Konrad-Adenauer-Stiftung,
Bezeichnung Religions-
Anhånger politisch zu mobilisieren begann. 29 KAS, Postfach 1420,
politologie vorgeschla-
Das selbst gesteckte Ziel, die in der ¹jçdisch- 53732 Sankt Augustin.
gen. Die folgende Dar-
christlichen Traditionª der USA begrçndete rudolf.uertz@kas.de
stellung bietet einen
Werteordnung gegen das Vordringen ¹indi-
Ûberblick çber die
vidualistisch-hedonistischerª Auffassungen
Grundzçge der politischen Ethik des Chris-
und Lebensformen zu verteidigen oder diesen
tentums und ihrer konfessionellen Ausprå-
Trend gar umzukehren, hat sie damit eindeu-
gungen im Katholizismus, 2 Protestantismus 3
tig verfehlt. Im Hinblick auf ihren gesamtge-
und in der Orthodoxie. 4
sellschaftlichen Einfluss, so låsst sich ab-
schlieûend sagen, fållt die Christliche Rechte 1 Vgl. Manfred Brocker/Tine Stein (Hrsg.), Christen-
deutlich hinter andere soziale Bewegungen tum und Demokratie, Darmstadt 2006; aus religions-
des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise die wissenschaftlicher und sozialethischer Sicht Karl-
Bçrgerrechts- oder die Frauenbewegung Heinz Ohlig/Martin Honecker, Christlicher Glaube,
zurçck. Religion und moderne Gesellschaft, Alfter-Oedekoven
1988.
2 Vgl. Rudolf Uertz, Vom Gottesrecht zum Men-

schenrecht. Das katholische Staatsdenken von der


Franzæsischen Revolution bis zum II. Vatikanischen
Konzil (1789±1965), Paderborn 2005; Bernhard Sutor,
29 Dies gilt vor allem fçr die jçngeren Alterskohorten; Politische Ethik, Paderborn 19922.
3 Vgl. Friedrich Wilhelm Graf, Der Protestantismus,
vgl. C. Wilcox (Anm. 5), S. 147±153; Brookings Ins-
titution (Anm. 27), S. 56 ff.; Carolyn Lochhead, Bush Mçnchen 2006; Martin Honecker, Grundriss der So-
rallies the right on same-sex marriage, in: San Francisco zialethik, Berlin 1995; Manfred Jacobs (Hrsg.), Die
Chronicle vom 6. 6. 2006, S. A1. evangelische Staatslehre, Gættingen 1971.
4 Zur Sozialethik des Katholizismus, Protestantismus

und der Orthodoxie: Ingeborg Gabriel/Alexandros K.

APuZ 6/2007 31
Katholizismus der virtuellen Gewaltinnehabung des Volkes
keine praktizierte Gewohnheit, sondern nur
Vor dem Hintergrund des Zerfalls der konfes- eine Mæglichkeit sieht, politischer Sprengstoff.
sionellen Einheit infolge der Reformation, der Potenziell ist sie demokratisch. So sah man in
Abspaltung der Anglikanischen Kirche, der dieser These eine Vorwegnahme der modernen
Entdeckung Amerikas und der Bedeutung Volkssouverånitåt und der Ideen Rousseaus
neuer Handelsbeziehungen hatten spanische (z. B. Leopold von Ranke und Otto von Gier-
Theologen und Philosophen des 16. und 17. ke). Die spanischen Spåtscholastiker verstehen
Jahrhunderts (Franz Vitoria, Franz Suarez u. a.) die politische Ordnung als historisch-kulturel-
grundlegende Normen des Vælkerrechts und les Produkt, an dem das Volk ¹irgendwieª be-
der Staatslehre entwickelt. Ihre politische teiligt ist. Das heiût: Die konkrete Ordnung ist
Theorie basiert auf der Naturrechtslehre des kein vom Himmel gefallenes Produkt, sie be-
Thomas von Aquin, der seinerseits Anleihen steht auch nicht einfach ¹von Natur ausª, son-
bei Aristoteles macht. Die Ideen der frçhneu- dern ist vielmehr menschlichen Ursprungs; sie
zeitlichen spanischen Denker kulminieren in ist also ± insofern sind die Vorstellungen der
der Lehre vom Volke als dem ursprçnglichen spanischen Naturrechtstheoretiker zukunfts-
Tråger der politischen Gewalt. Diese so ge- weisend ± ein artifizielles Gebilde. Doch blei-
nannte scholastische Volkssouverånitåtsthese ben die spanischen Denker auf halbem Wege
modifiziert die Gewaltenlehre des paulinischen stehen, wenn sie ± trotz voluntaristischer An-
Ræmerbriefs, die den Grundstock des Legiti- såtze ± an der traditionellen Vorstellung fest-
mismus und der christlichen Monarchien dar- halten, dass der Mensch in eine vorgegebene
stellte (in Deutschland bis 1918). Das zentrale Ordnung eingebunden sei. Die Theologen be-
biblisch-theologische Argument war, dass die gnçgten sich also mit der theoretischen An-
(rechtmåûig) bestehende Gewalt von Gott nahme der prinzipiellen Beteiligung des Volkes
komme. Diese These interpretieren Vitoria und (oder von Repråsentativorganen) durch Ver-
Suarez schæpfungstheologisch. Das bedeutet: tråge oder nicht nåher modifizierte gewohn-
Die Staatsgewalt ist ihrem Wesen nach eine na- heitsrechtliche Formen der Zustimmung.
turnotwendige Bedingung des Erhalts des Ge-
meinwesens; sie entspringt dem gættlichen Wil- Aufgrund der Ambivalenz voluntaristi-
len. Die konkrete Bestellung und Ausçbung scher und traditionalistischer Rechtsideen
der Herrschaft beruht jedoch auf historisch- war die Naturrechtstheorie der spanischen
kontingenten Gegebenheiten. Notwendiger- Denker fçr Papst Leo XIII. (1878±1903) von
weise ist daher das Volk, fçr dessen Wohl die besonderem Nutzen. Er entwickelte auf spåt-
Herrschaftsgewalt ja besteht, der ursprçngliche scholastischer Basis eine christliche Staats-
Tråger der Gewalt. Das Volk çbertrågt diese und Soziallehre (Enzyklika Diuturnum illud,
gemåû den jeweiligen Gepflogenheiten auf 1881, u. a.). Diese konnte dort, wo sich die
einen oder mehrere Gewaltinhaber, deren demokratische Ordnung durchgesetzt hatte,
Herrschaftsbefugnisse auch zeitlich befristet ebenso als Rechtfertigungsgrund dienen wie
sein kænnen. Bei der Mitwirkung des Volkes in den bestehenden konstitutionellen und ab-
dachte man an vertragliche, jedoch nicht nåher solutistischen Monarchien. Die Legitimation
modifizierte Formen der Zustimmung. der jeweiligen Ordnung erfolgte theologisch
mit Ræmer 13 und durch Verweis auf das Ge-
Zweifellos steckt in der scholastischen meinwohl als oberster staatsethischer Norm.
Volkssouverånitåtsthese, auch wenn man in Leo XIII. fordert 1892 die Katholiken Frank-
reichs auf: ¹Acceptez la Rpublique.ª Zwei-
fellos war die Aussæhnung der franzæsischen
Papaderos/Ulrich H. J. Kærtner, Perspektiven ækume-
und belgischen Katholiken mit der Republik
nischer Sozialethik, Mainz 20062; speziell zur Ortho-
doxie: Vasilios N. Makrides, Orthodoxes Christentum, (seit 1830/31) von groûer Bedeutung fçr ein
Pluralismus, Zivilgesellschaft, in: Andreas Gotzmann/ positives Verhåltnis der Katholiken zur de-
V. N. Makrides u. a., Pluralismus in der europåischen mokratischen Ordnung.
Religionsgeschichte, Marburg 2001; Josef Thesing/
Rudolf Uertz (Hrsg.), Die Grundlagen der Sozial- Aber andererseits war die scholastische
doktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Deutsche
Staatstheorie aufgrund verschiedener Kaute-
Ûbersetzung mit Einfçhrung und Kommentar, Sankt
Augustin 2001; Konstantin Kostjuk, Der Begriff des len nur bedingt mit der liberalen Staatsrechts-
Politischen in der russisch-orthodoxen Tradition, theorie vereinbar. Naturrechtlich betrachtet,
Paderborn 2005. konnten gemåû aristotelisch-thomistischer

32 APuZ 6/2007
Staatsformenlehre Monarchie, Aristokratie tont rechtspositivistischen, voluntaristischen
und Demokratie legitime Ordnungen sein, und szientistischen Staats- und Gesellschafts-
sofern sie den Prinzipien des Gemeinwohls theorien. Auch war die Naturrechtstheorie ein
und der Gerechtigkeit folgten. Die katholi- gewisses Bollwerk gegen totalitåre Politik von
sche Doktrin hielt sich also in der Frage der links und rechts. Aber in einem wesentlichen
Staatsform neutral (Staatsneutralitåtsthese). Punkt war sie in einer Verlegenheit: Vom
Andererseits wurde vom traditionellen Ko- ganzheitlich-organischen Ansatz her, wonach
operationsmodell von Kirche und Staat, des- Einzelrechte im Gemeinschaftsganzen aufge-
sen Ideal der katholische Glaubensstaat war, hoben sind und der legale Gewaltinhaber çber
der weltanschaulich neutrale Staat noch als die Gemeinwohlordnung zu disponieren be-
¹Abfall vom Glaubenª bewertet. Zudem war rechtigt ist, konnten individuelle, vorstaatli-
das naturrechtlich-organische Ordnungsmo- che Grundrechte nicht geltend gemacht wer-
dell, das die Einheit von Moral und Recht den. Entsprechend konnte 1933 die Diktatur
postulierte und Persænlichkeitsrechte nur im Hitlers vom christlichen Sozialdenken her
Staatsganzen definieren konnte, individuell- verfassungstheoretisch nicht konsistent dele-
vorstaatlichen Rechtsideen abtråglich. gitimiert werden. Angesichts der Verbrechen
des nationalsozialistischen Staates und der
Mit seinen sozialen Rundschreiben gab diktatorischen Rechtsauffassung des Groû-
Leo XIII. der Entwicklung christlicher Par- deutschen Reichsrechts setzte innerhalb des
teien und Verbånde Auftrieb. In der Sozialen- deutschen Katholizismus eine politikethische
zyklika Rerum novarum: Ûber die Arbeiter- Neubesinnung ein, die ± u. a. durch den Fran-
frage (1891) fordert Leo Lohngerechtigkeit zosen Jacques Maritain (Humanisme intgral,
und stårkere staatliche Aktivitåten im Wirt- 1936) angeregt ± von der christlichen Persæn-
schaftsprozess, ferner das Koalitionsrecht der lichkeitsauffassung her die Menschenrechte
Arbeiterschaft sowie zeitgemåûe Arbeitneh- als Fundamente einer humanen, rechts- und
merorganisationen. Diese Forderungen sind verfassungsstaatlich geschçtzten demokrati-
Elemente eines umfånglichen Sozialpro- schen Ordnung postulierte.
gramms, das mittelbar auch demokratische
Tendenzen enthielt. Das Rundschreiben gab Die politische Ethik des Christentums ent-
in mehreren europåischen Låndern den An- hålt Prinzipien und sachgerechte Normen zur
stoû zur Bildung sozialpolitischer katholi- Gestaltung einer freiheitlichen und gerechten
scher Verbånde sowie christlicher Parteien Ordnung von Staat und Gesellschaft. Hierzu
und Bewegungen. Aus der Sicht der ræmi- gehæren insbesondere die Sozialprinzipien
schen Kurie drohten diese Gruppierungen je- der Subsidiaritåt, der Gerechtigkeit und der
doch einen autonomen Status anzunehmen Solidaritåt, freilich in einer personalethisch
und sich kirchlich-politischen Interessen zu modifizierten Sichtweise. Insofern versteht
entziehen. Zu diesen Befçrchtungen gaben sich das Naturrecht eigentlich als ein Ver-
u. a. die interkonfessionellen christlichen Par- nunftrecht. Nach 1945 wurde die politische
teien und Gewerkschaften in Deutschland Ethik in staatstheoretischer Absicht aus den
Anlass. Leo XIII. hat daher im Rundschrei- Engfçhrungen der Schultheologie herausge-
ben Graves de communi (1901) dekretiert, læst. Solche Modifizierungen ergaben sich
dass sich die politischen Aktivitåten der Ka- nicht zuletzt aus dem Umstand, dass die inter-
tholiken lediglich auf sozial-karitative Aktio- konfessionellen Unionsparteien in Deutsch-
nen zu beschrånken håtten. Der christliche land konfessionsspezifische Interpretationen
Demokratiegedanke dçrfe nur auf die Volks- im Sinne der katholischen Sozialdoktrin nicht
wohlfahrt, nicht aber auf politische und Ver- mehr zulieûen (vgl. Verantwortungsethik im
fassungsfragen gerichtet sein. Die Katholiken Protestantismus; die christliche Sozialethik
sollten nach dem Willen des Papstes die gege- wurde auch in anderen Parteien rezipiert 5).
bene staatliche Ordnung ± ob monarchisch Die wichtigsten Motive aber fçr die konse-
oder demokratisch ± stçtzen, selbst aber quente Hinwendung zur Konzeption des
nichts unternehmen, um eine demokratische christlichen Personalismus waren die ent-
Ordnung herbeizufçhren. schiedenen Abgrenzungen von katholisch-

Eine wichtige Leistung der naturrechtlichen 5 Vgl. Rudolf Uertz, Annåherungen: Christliche
Staatslehre ± in Deutschland u. a. von der Zen- Sozialethik und SPD, in: Historisch-Politische
trumspartei vertreten ± war die Kritik an be- Mitteilungen, 13 (2006), S. 93 ff.

APuZ 6/2007 33
konservativen, traditionalistischen und orga- also eine radikal vom Einzelnen ausgehende
nologischen Positionen, wie sie noch im Glaubensform, die zugleich die herkæmmli-
Katholizismus der Weimarer Zeit anzutref- chen Formen des geistlichen Amtes und der
fen waren (z. B. ¹organische Demokratieª als institutionellen (sakramentalen) Vermittlung
Ausfçllung der ¹Formdemokratieª). Das beseitigt und mit der Hervorhebung des all-
christliche Menschenbild beinhaltet einen an- gemeinen Priestertums, demgemåû der Ge-
thropologisch-sittlichen Grundkanon von meindeleiter nur noch ein primus inter pares
Prinzipien und Leitideen. Nåherhin sind dies: ist, zugleich auch eine kulturell einflussreiche
die Wçrde, Freiheit und Verantwortungs- Kirchlichkeit und Sozialform schafft. 7
fåhigkeit der Einzelperson, ihre Endlichkeit
und Schuldfåhigkeit (Gebrochenheit), ferner Wohl gab es schon im Mittelalter Vorstufen
die Gleichheit der Menschen (vor Gott) und der Bewegung subjektiver Denk- und Glau-
die Idee der Gerechtigkeit. Diese Leitideen benshandlung (Mystik, Armutsbewegungen,
einer freiheitlichen, demokratischen und so- Nominalismus in Philosophie und Theologie
zialen Ordnung und die Sozialprinzipien sind u. a.), aber erst in den reformatorischen Kir-
notwendigerweise entwurfs- und gestal- chen wird diese Bewegung radikalisiert. Mit
tungsoffen: Ihre Anwendung erfolgt entspre- der Neuorientierung im kirchlichen und theo-
chend im Kontext konkreter politischer, wirt- logisch-biblischen Bereich entwickelt sich zu-
schaftlicher, finanzpolitischer und kultureller gleich auch eine eigene protestantische Ethik
Umstånde und Herausforderungen. mit spezifischen Beziehungs- und Handlungs-
mustern fçr das Verhåltnis des Christen zum
Staat und zur weltlichen Kultur. Die Såkulari-
Protestantismus sierung von Gesellschaft und Kultur, d. h. die
¹Ablæsung der politischen Ordnung als sol-
Wåhrend die politische Ethik des Katholizis- cher von ihrer geistlich-religiæsen Bestim-
mus aufgrund der spezifischen Verfasstheit der mung und Durchformungª ist Folge der Plu-
katholischen Kirche bis einschlieûlich zur ralitåt und Konkurrenz der verschiedenen
Neuorientierung des II. Vatikanischen Konzils christlichen Bekenntnisse in der Neuzeit. An-
(1962±1965) 6 eine relative Geschlossenheit gesichts von konkurrierenden Wahrheitsan-
aufweist, ist die protestantische Ethik grund- sprçchen fållt dem modernen Staat zwangs-
såtzlich åuûerst vielfåltig. Denn zum Prote- låufig die Funktion der Befriedung von Ge-
stantismus zåhlen alle neuzeitlichen Kirchen sellschaft und Gemeinwesen zu mit der Folge,
und Glaubensgemeinschaften (Lutheraner, die dass das christliche Bekenntnis primår in den
Reformierten wie Calvinisten und Zwinglia- privaten Bereich verwiesen wird und der Staat
ner, die Unierten, die Anglikaner, aber auch weltanschaulich neutral ist. Das bedeutet, dass
die vorreformatorischen Bekenntnisse der er einerseits die Religionen und die Religions-
Waldenser und Hussiten), d. h. all diejenigen freiheit seiner Bçrger schçtzt, andererseits
Gemeinschaften, die ¹neben der ræmisch-ka- aber keine Konfession bevorzugt. 8
tholischen ,Weltkirche` und den æstlichen, or-
thodoxen Kirchen ein religiæs-theologisch und Die Såkularitåt der Gesellschaft hat Ernst
ethisch eigenståndiges Christentum repråsen- Troeltsch (Politische Ethik und Christentum,
tierenª (Friedrich Wilhelm Graf). 1904) im Blick, wenn er die christliche Ethik
im pluralistischen Gemeinwesen betrachtet.
Was markiert im Gegensatz zu den eta- Er erkennt im Christentum eine starke gesell-
blierten Kirchen die eigenståndige protestan- schaftliche Macht, verneint aber ¹eine unmit-
tische Bekenntnis- und Gemeinschaftsform? telbar und wesentlich aus den christlichen
Es ist ± verkçrzt gesagt ± die gegen die tra- Ideen abgeleitete politische Ethikª. Christli-
dierte Kirchlichkeit gerichtete subjekt-
orientierte Form des Glaubens und der theo- 7 Vgl. Karl-Heinz Ohlig, Christentum ± Individuum ±
logischen Rechtfertigung des Einzelnen, des
Kirche, in: Richard van Dçlmen (Hrsg.), Entdeckung
Sçnders vor Gott: In der Reformation und in des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom
den protestantischen Kirchen vollzieht sich Mittelalter bis zur Gegenwart, Kæln 2001, S. 11 ff.
8 Vgl. Ernst-Wolfgang Bæckenfærde, Die Entstehung
6 Vgl. die Dokumente Gaudium et spes und Dignitatis des Staates als Vorgang der Såkularisation, in: Ders.,
humanae: Ûber die Religionsfreiheit, in: Karl Rahner/ Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie,
Herbert Vorgrimler (Hrsg.), Kleines Konzilskompen- Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt/M.
dium, Freiburg i. Br. 200229. 1992, S. 92 ff.

34 APuZ 6/2007
che Sozialethik kænne immer nur ¹zum Teil zurçck in die antike Vorstellung des Bçrgers
christliche Ethikª sein, da sie kulturell vermit- im Gemeinwesen. Das Christentum hat den
telt ist, mithin theologische, philosophische Gedanken der Verantwortung vor Gott und
und soziale Faktoren zusammenwirken. Eine dem Gewissen hinzugefçgt; die Neuzeit gab
rein aus theologischen Normen abgeleitete der Idee vom verantwortlichen Regieren in
Ethik verneint Troeltsch; die Sozialethik des den Verfassungen ein rechtliches Gefçge.
Katholizismus, die ein ¹politisches Pro- Diese drei Traditionslinien ergånzen und kor-
grammª enthalte, basiere primår auf natur- rigieren sich gegenseitig.
rechtlichen Ideen.
Die Verantwortungsethik, die in åhnlicher
Der Zugang des Christen zu Staat, Politik Weise in der Gewissenslehre und dem Moral-
und Recht ist ein kompliziertes Phånomen. system des Katholizismus anzutreffen ist
In den verschiedensten Spielarten politischer (Probabilismus), ermæglicht den Christen
Theologie gab es im Protestantismus wie auch einen angemessenen Umgang mit den Proble-
im Katholizismus immer wieder Versuche, men moderner Rechts- und Ordnungsgestal-
unmittelbar von theologischen und biblischen tung im pluralistischen Gemeinwesen (so
Normen her Handlungsoptionen fçr das så- etwa im so genannten Kulturprotestantismus
kulare Gemeinwesen zu gewinnen. Versuche und politischen Protestantismus, ferner im
dieser Art standen und stehen aber stets in politischen und sozialen Katholizismus).
der Gefahr ideologischer Verengungen. Zwar
wird der Christ aus theologisch-biblischen Die Verantwortungsethik wird in der pro-
Ideen Orientierungen und Motive fçr sein testantischen Ethik jedoch durch weitere In-
Handeln schæpfen, doch ist die Entscheidung terpretationsmodelle theologischer Weltdeu-
fçr diese oder jene politische Option im såku- tung modifiziert und teilweise çberlagert. Die
laren Bereich, in dem der Handelnde mit wichtigsten Interpretationsmodelle, zu denen
konkreten sachlichen Gegebenheiten kon- auch verschiedene Spielarten der politischen
frontiert ist, nur auf Grund ethischer Bewer- Theologie gehæren, sind die Zwei-Reiche-
tung zu treffen. So kann der Christ im Falle Lehre, die Lehre von den Schæpfungsordnun-
sozialer Ungerechtigkeit durchaus fçr ein- gen (diese eher geschichtstheologische Theo-
schneidende oder gar revolutionåre Maûnah- rie grenzt sich von der Naturrechtslehre ab:
men plådieren. Aber die Frage, ob dieser Fall Staat als ¹Erhaltungsordnungª oder ¹Notver-
vorliegt, ist eine sozialethische. Hier ist der ordnungª) und die Lehre von der Kænigsherr-
Glaube çberfragt. Im Ûbrigen trifft der schaft Christi. Wåhrend die vor allem im
Christ im politischen Abwågungs- und Ent- Luthertum verbreitete Zwei-Reiche-Lehre,
scheidungsprozess ja auch nicht auf einen die keine ausgearbeitete Theorie darstellt,
ethikfreien Raum. Vielmehr basieren auch die unter Berufung auf die Unterscheidung von
politischen Ideenkreise des Liberalismus, So- weltlicher Ordnung und Reich Gottes die Ei-
zialismus, des Konservatismus und andere genståndigkeit der weltlichen Ordnung be-
politische Theorien sehr wohl auf sozialethi- tont (u. a. Walter Kçnneth, Helmut Thie-
schen Normen. Schlieûlich sind die Men- licke), heben demgegençber der reformierte
schenrechte, deren demokratisches und recht- Theologe Karl Barth und seine Anhånger den
liches Ethos hohe Affinitåten zum christli- umfassenden Anspruch Gottes auf die Welt
chen Glauben aufweist, allgemein sittlicher hervor, womit Theologie und Kirche ein pro-
Natur (Menschenrecht als Vernunftrecht). phetisches Amt beanspruchen. Im Kirchen-
Der Protestantismus hat mit der Verant- kampf des Jahres 1934, in dem die Mitglieder
wortungsethik, der idealtypisch die Gesin- der Bekennenden Kirche gegençber dem na-
nungsethik gegençbergestellt wird und die tionalsozialistischen Totalitarismus und den
die Verantwortbarkeit der Folgen von Hand- ¹Deutschen Christenª den unbedingten An-
lungen und Entscheidungen intendiert, eine spruch Gottes auf das ganze Leben des Chris-
bedeutende ethische Theorie entwickelt, die ten zum Ausdruck brachten, war die Lehre
weit çber den protestantischen und christli- von der Kænigsherrschaft Gottes sicherlich
chen Bereich hinaus Verbreitung findet. 9 Die die theologisch çberzeugendste Form, den
Wurzeln der Verantwortungsethik reichen Missbrauch der Zwei-Reiche-Lehre, d. h. die
Rechtfertigung von Gewaltpolitik im natio-
nalsozialistischen Gewaltstaat, zu bekunden.
9 Vgl. Max Weber, Politik als Beruf, Tçbingen 1919. Zu diesem Missbrauch trug nicht zuletzt die

APuZ 6/2007 35
im Protestantismus lange çbliche Interpretati- Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen, der
on des Ræmerbriefs bei, wonach die jeweils Ausbau rechtsstaatlicher Institutionen sowie
bestehende politische Herrschaft (bis 1918 das der Beitritt orthodox geprågter Lånder wie
evangelische Landesfçrstentum) religiæs legi- Bulgarien und Rumånien zur Europåischen
timiert wurde, dagegen sozialethisch-rechtli- Union verlangen Antworten von der ortho-
che Legitimationsfiguren kaum Bedeutung doxen Kirche, fçr die diese sozialethisch nur
hatten. So war die von Karl Barth und Hans unzureichend vorbereitet ist.
Asmussen formulierte Barmer Theologische
Erklårung (1934) auch gegen falsche und ein- Als Grçnde sozialethischer Zurçckhaltung
seitige Ansprçche und Interpretationen der werden vor allem die Unterdrçckung durch
protestantischen Theologie gerichtet. Nach feindliche und antichristliche Regierungen,
1945 sollte die Barmer Erklårung zu einer die konservative Einstellung der orthodoxen
wichtigen Quellen politik- und sozialethi- Kirche in frçheren Epochen, ihr Festhalten
scher Neuorientierung des Protestantismus am traditionalistischen Bibelverståndnis und
und seiner positiven Einstellung zum demo- an den Interpretationen der frçhchristlichen
kratischen Rechtsstaat werden. Lehre genannt. Hinzu kommt ein gravieren-
des gesamtorthodoxes Problem: Die Ortho-
So bedeutsam das christliche Bekenntnis in doxie kænnte eine sozialethische Erneuerung
existenzieller Situation ± auch als prinzipielles nur auf einer panorthodoxen Synode be-
Unterscheidungsmerkmal zwischen gættli- schlieûen, wobei alle Teilkirchen zustimmen
chem und weltlichem Anspruch ± ist, so mçssten; ein solches Konzil ist derzeit nicht
wenig ist die Lehre von der Kænigsherrschaft in Sicht.
Christi in der Lage, materialethische Normen
fçr das Gemeinwesen zu formulieren. Denn Der distanzierten Haltung der Ostkirche
ein Bekenntnis, so sehr es sittliche und reli- zu sozialpolitischen und juridischen Formen
giæse Motive und Impulse freizusetzten ver- steht auf der anderen Seite die Betonung des
mag, enthålt keine sozialethischen Normen. Liebesgebots und der Bruderliebe sowie die
Es bedarf zu einer verantwortlichen Gestal- Verschiebung des Gleichgewichts zwischen
tung des Gemeinwesens vielmehr der Ver- Verkçndigung, Sakrament und sozialer Ver-
mittlung von Interpretationsmodellen, wie sie wirklichung der Kirche zugunsten des Sakra-
die Zwei-Reiche-Lehre und die Lehre von ments und der ¹Verselbståndigung der Litur-
den Ordnungen grundsåtzlich intendieren. gieª gegençber. In dieser Charaktereigen-
Doch verlangen theologische Interpretations- schaft liegen zugleich Græûe und Schwåche
modelle sozialethische Modifizierungen. Ent- der Orthodoxie begrçndet. Ihre Græûe be-
sprechend gilt es, auf der Basis genauer Sach- steht darin, ¹dass sie die Fçlle der altkirchli-
kenntnis eine Politik- und Gesellschafts- chen Katholizitåt getreulich bewahrt hat.
analyse mit ethischer Bewertung und Dies gilt fçr alle Lebensbereiche. Vor allem in
theologischer Weltdeutung zu verbinden. ihrer Liturgie leben das altkirchliche Ver-
ståndnis und die altkirchliche Praxis des Got-
tesdienstes unmittelbar weiter.ª 10
Orthodoxie
Aus der Einheit von ¹irdischerª und ¹obe-
Bis zum Beginn der Perestroika 1985 waren rer Kircheª, von irdischer Gemeinde und Ge-
die orthodoxen autokephalen Kirchen Mittel- genwart Gottes in Liturgie und Sakrament
und Osteuropas fast durchweg in den Unter- schæpft die orthodoxe Christenheit ihre Kraft
grund gedrångt. Teils wurden sie toleriert, und Zuversicht. Die Essenz dieser Ideen spie-
teils versuchte man ± mitunter in Zusammen- gelt sich wider im Prinzip der Katholizitåt,
arbeit mit staatlichen Stellen ±, einen Modus dem wichtigsten sozialethischen Baustein. Es
vivendi mit dem ¹Systemª zu finden. Nach beruht auf der ¹Verbindung eines echten Per-
dem Zusammenbruch des Kommunismus sonalismus, einer Hochschåtzung der Einzig-
haben Religion und kirchliches Leben eine artigkeit und Einmaligkeit der menschlichen
Renaissance erfahren. Zugleich stehen die Einzelpersænlichkeit mit dem urchristlichen
orthodoxen Kirchen vor einer Fçlle von Auf- Gemeinschaftsbewuûtseinª. Die Synthese
gaben, die den sozialen, kulturellen und poli-
tischen Bereich betreffen. Der Systemwech- 10 Ernst Benz, Geist und Leben der Ostkirche, Ham-

sel, die Transformation der Wirtschaft, der burg 1947.

36 APuZ 6/2007
von religiæs-sittlichen Grundideen und den Westen mit seinen vielfåltigen und differen-
kulturellen Entwicklungen der Vælker hat der zierten religionspolitischen Formen (Koope-
orthodoxen Kirche in den Phasen geschicht- ration von Kirche und Staat auf bestimmten
licher Katastrophen und Verfolgungen ver- Feldern bei grundsåtzlicher [freundlicher]
schiedener Art, nicht zuletzt gegençber isla- Trennung bis hin zu radikaler Trennung)
mischen und anderen Bedrohungen, groûe orientiert sich das Symphonieprinzip tradi-
Stårke verliehen. Man wçrde daher der Or- tionell am Bild idealer kirchlich-staatlicher
thodoxie Unrecht tun, wçrde man ihr çber- Zusammenarbeit und homogener Religiositåt
kommenes Erbe, wie oft behauptet, als ¹his- ± ein Bild, das dem Pluralismus des moder-
torisches museales Requisitª ohne Entwick- nen Gemeinwesens nicht mehr entspricht.
lungsfåhigkeit betrachten. Die Orthodoxie Schlieûlich will der moderne Staat die Heim-
hat das Verdienst, die kulturelle und ethni- statt der Bçrger verschiedenster Bekenntnisse
sche Identitåt der Vælker ihres Bereichs ge- und Ethnien sein.
stçtzt und bewahrt zu haben.
Politiktheoretisch gesehen bleibt die ortho-
Das Katholizitåtsprinzip (russisch Sobor- doxe Sozialethik weitgehend dem traditiona-
nost), das die Einheit, Ganzheit (Allgemein- listischen organologischen Gesellschaftsden-
heit) und Vollkommenheit im Hinblick auf ken verhaftet. In den Grundlinien Christli-
das jeweilige Volk und ± in ganzer Fçlle ± auf cher Ethik des griechisch-orthodoxen
die Kirche intendiert, fçhrt konsequent zur Theologen Georgios Mantzaridis (1998) heiût
Idee der Volkskirche als einer nationalen Kir- es: ¹Die moralische Herausforderung der
che. Was oben als besondere Leistung ge- kommenden Welt interessiert vor allem die
kennzeichnet wurde, d. h. der Umstand, dass orthodoxe Ethik, deren Zentrum des Interes-
die orthodoxe Kirche durch ihre Verbindung ses die Person des Menschen ist. Die gegen-
mit der ethnischen und nationalen Kultur po- wårtige Zivilisation mit ihrer egozentrischen
sitiven Einfluss auf die Kulturen und Vælker und eudåmonistischen Ausrichtung kommt
nehmen konnte und diese gegençber Angrif- in direkten Gegensatz zu der orthodoxen
fen von auûen und Zersetzungen von innen christlichen Tradition mit ihrem asketischen
zu stårken vermochte, birgt als Kehrseite die Geist. Aber auf der anderen Seite kann die ge-
Gefahr, dass die orthodoxe Idee zu eng mit genwårtige Zivilisation auch nicht ohne die
der Nationalkultur verschmilzt. Das Gleich- christliche Tradition gedeutet werden, wie sie
gewicht zwischen Staat und Kirche ist in der westlichen christlichen Welt entwickelt
zugunsten des Staates verschoben. und weitergegeben wurde.ª

Anders als in der lateinischen Kirche, in Nach orthodox-kirchlicher Auffassung


der sich seit dem Investiturstreit (11. Jahr- låsst die theonome Betrachtung nicht die An-
hundert) ein åuûerst produktiver Prozess der erkennung von Menschenrechten zu. Zwar
Differenzierung zwischen Kirche und Staat håtten Freiheit, Gleichheit und Menschen-
vollzog, der schlieûlich auch die Idee der wçrde sowie die Anerkennung ihrer unveråu-
christlichen Existenz im såkularen, weltan- ûerlichen Rechte ihren Ursprung in der ural-
schaulich neutralen Gemeinwesen befærderte ten christlichen Tradition. Doch sieht die Or-
(Religionsfreiheit, Menschenrechte u. a.), hat thodoxie in der Menschenrechtsidee, wie sie
in der Ostkirche eine solche Entwicklung die Allgemeine Erklårung der Menschenrech-
nicht stattgefunden. Im Gegenteil hat das te der Vereinten Nationen von 1948 zur
Symphonieprinzip zu einer starken Harmo- Grundlage des modernen staatlichen und in-
nie zwischen Staat und Kirche gefçhrt, zeit- ternationalen Lebens erhoben hat, den Hu-
weise zugunsten eines betråchtlichen Ûber- manismus der Aufklårung am Werk, der den
gewichts des Staates çber die Kirche und theologischen Humanismus des Christen-
verbunden mit der Gefahr, dass die Kirche tums untergrabe, d. h. den Menschen von
ganz oder teilweise ihre innere Freiheit ge- Gott wegfçhre.
gençber dem Staat einbçûte. Das Sympho-
nieprinzip intendiert eine spezifische Form Letztlich vermag damit die Orthodoxie
orthodoxen Staatskirchentums, indem es den keine positive Wçrdigung des pluralistischen
Staat als Schçtzer der Orthodoxie, d. h. des såkularen Gemeinwesens vorzunehmen,
kirchlich und national im christlichen Glau- wenngleich vereinzelt orthodoxe Theologen
ben geeinten Volkes sieht. Anders als im vom Katholizitåts- und Synodalprinzip her

APuZ 6/2007 37
die Annåherung an das liberale Menschen- Evangeliums ungeachtet seiner historischen
rechtsdenken und die demokratisch-rechts- Manifestationen und seiner notwendigen in-
staatliche Ordnungsidee fçr mæglich halten. stitutionellen Vermittlungsformen ein zutiefst
Fçr die Orthodoxie als Ganze aber verbietet individuell-personales Ereignis darstellt
sich dieser Schritt. (Transzendenzbezug). Der çberzeitliche und
çbergeschichtliche Zurechnungspunkt des
Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche christlichen Glaubens (1 Kor 7,31) relativiert
(ROK), die als erste orthodoxe Teilkirche im jegliche weltliche Ordnung und beinhaltet
August 2000 eine umfangreiche Sozialdoktrin eine Institutionenkritik, die die Unterschei-
vorgelegt hat, verwirft die Menschenrechte dung zwischen geistlicher und weltlicher
ebenso wie das Recht auf Religionsfreiheit. Herrschaft ebenso einschlieût wie die institu-
Die traditionelle theologisch-kirchliche und tionelle und kirchliche Selbstkritik.
kulturelle Verwiesenheit auf das ¹Volkª und
seine religiæse und kulturelle Identitåt im Diese Elemente kennzeichnen insbesonde-
Sinne russisch-orthodoxen Glaubens ist står- re den Protestantismus, aber auch den jçnge-
ker als das Bedçrfnis liberaler Freiheiten des ren Katholizismus. Von daher vermochten
Einzelnen in religiæsen, politischen, gesell- die westlichen Kirchen und ihre Theologien
schaftlichen und kulturellen Belangen. mit der modernen Philosophie sowie den So-
zial- und Naturwissenschaften in einen Dia-
Allerdings entfaltet die ROK in ihrer So- log zu treten und zu einer politischen Ethik
zialdoktrin 2000 eine Synthese traditioneller zu finden, die prinzipiell dem pluralistischen,
Theologie und Ethik und sozialethischer weltanschaulich neutralen Gemeinwesen ge-
Leitlinien, die in praktisch-sozialethischer gençber aufgeschlossen ist. Die Ethik des
Perspektive auch allgemeine Grundsåtze Christentums leistet einen auûerordentlichen
einer såkularen Staatsbçrgerkunde und So- Beitrag zur Differenzierung zwischen religiæ-
ziallehre enthalten. Die Sozialdoktrin der sen Wahrheitsansprçchen und demokratisch-
ROK will so zu einer befriedenden Situation rechtsstaatlicher Ordnung, wie sie u. a. in den
Russlands und der russischen Orthodoxie verfassungsrechtlich definierten Zuståndig-
beitragen; zugleich vermag das Dokument keiten von Religion und Politik zum Aus-
den interkulturellen und interreligiæsen Dia- druck kommt. Beachtlich sind auch die An-
log zu bereichern. nåherungen, welche die katholische und
evangelische Sozialethik zueinander gemacht
haben. 11 Zu einer solch weitgehenden Annå-
Schlussbemerkungen herung an die liberalen Ordnungs- und Le-
bensformen vermag die Orthodoxe Kirche
Resçmierend und ergånzend kann festgestellt aufgrund historischer, kultureller Hinter-
werden: Die politische Ethik des Christen- grçnde und theologisch-systematischer Prin-
tums, die sich konfessionsspezifisch in den zipien bisher nicht zu gelangen. Aber die or-
typologisch vorgestellten Richtungen des Ka- thodoxe Ethik befruchtet mit ihrem eigenen
tholizismus, des Protestantismus und der Or- Ansatz den interreligiæsen und -kulturellen
thodoxie entfaltet hat, korrespondiert mit Dialog, wobei sie die Westkirchen mahnt,
den klassischen politischen Ideenkreisen (Li- ihre Sozialethik nicht in såkularer Beliebig-
beralismus, Konservatismus, Sozialismus), keit aufgehen zu lassen.
unterscheidet sich aber von ihnen durch ihre
religiæse Eigenart. Ûberraschend sind diese
Befunde nicht, insofern das Christentum als
historische Religion mit den verschiedensten
Kulturen konfrontiert war, sie mitprågte und
sich entsprechend mit verschiedenen Sozial-
formen zu arrangieren wusste. Was das
Christentum hierzu besonders befåhigt, ist
der Umstand, dass die Verkçndigung des
11 Vgl. Im Zentrum: Menschenwçrde. Politisches

Handeln aus christlicher Verantwortung ± Christliche


Ethik als Orientierungshilfe, hrsg. von Bernhard Vogel,
Berlin 2006.

38 APuZ 6/2007
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Månnerkultur bremst weibliche Karrieren ISSN 0479-611 X
Religion in der Gesellschaft APuZ 6/2007

Mathias Hildebrandt
3-9 Krieg der Religionen?
Bei der Analyse politisch-religiæser Konflikte mçssen sowohl die inneren Struk-
turen Politischer Theologien als auch die åuûeren sozialen, ækonomischen und
politischen Ursachen berçcksichtigt werden. Prinzipiell zeichnen sich Religionen
durch eine Ambivalenz des Sakralen aus, die unter gravierenden åuûeren Bedro-
hungssituationen das Gewalt- und Konfliktpotenzial der Religionen freisetzen
kann.

Andreas Hasenclever ´ Alexander De Juan


10-16 Religionen in Konflikten ± Herausforderung fçr die Friedenspolitik
Glaube und Gewalt gehen in vielen kriegerischen Konflikten eine unheilvolle Alli-
anz ein. Dies hångt auch damit zusammen, dass religiæse Traditionen von politi-
schen Eliten zur Legitimation von Gewaltstrategien instrumentalisiert werden.
Deshalb ist es eine zentrale Herausforderung der Friedensforschung, wirksame
Mittel der Instrumentalisierungsprophylaxe zu entwickeln.

Rolf Schieder
17-24 Die Zivilisierung der Religionen
Die religiæs-weltanschauliche Pluralitåt in Deutschland hat sowohl durch die
Wiedervereinigung als auch durch Migration zugenommen. So stehen auf der
einen Seite der Religion fast vollståndig entfremdete Menschen einer wachsenden
Zahl von Muslimen gegençber, die ihrer Religion æffentlichen Ausdruck verlei-
hen. Der Staat steht vor der Notwendigkeit einer aktiven, den religiæsen Frieden
und die Religionsfreiheit sichernden Religionspolitik.

Manfred Brocker
24-31 Die Christliche Rechte in den USA
Seit 30 Jahren nimmt die ¹Christliche Rechteª Einfluss auf die amerikanische
Politik. Nach aggressiven Anfången hat sie inzwischen einen Prozess der Mode-
rierung und Professionalisierung durchlaufen. Doch ihre Erfolgsbilanz bleibt
bescheiden.

Rudolf Uertz
31-38 Politische Ethik im Christentum
Der Beitrag bietet eine Ûbersicht çber die politische Ethik des Christentums und
ihrer konfessionellen Ausprågungen im Katholizismus, Protestantismus und in
der Orthodoxie. Die politische Ethik korrespondiert mit den klassischen politi-
schen Ideenkreisen, unterscheidet sich aber von ihnen durch ihre religiæse Eigen-
art.