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Satzsemantik

Sitzung 3
MA. Tran Thi Hue

1
• Dependenz- bzw. Valenzgrammatik
• Argumente und Argumentstruktur
• Semantische Rollen
• Verben und Aktionsarten

2
Dependenz- bzw. Valenzgrammatik

Valenz: ein zentraler Begriff der


Dependenzgrammatik, bestimmt
die Kombinationsmöglichkeiten
eines Wortes.
(vgl. Meibauer 148ff)
Verb

Subjekt Objekt Lucien Tesnière


1893-1954
(Argument / (Argument /
Ergänzung ) Ergänzung) 3
Valenz des Verbs
1a) Die Rektorin stellt ihr den neuen Dekan vor.
--> Der Satz ist richtig.
(1b) Die Rektorin stellt den neuen Dekan vor.
--> Der Satz ist richtig.
(1c) * Ihr stellt den neuen Dekan vor.
--> Der Satz ist falsch.
(1d) * Die Rektorin stellt ihr vor.
--> Der Satz ist falsch.
Valenz des Adjektivs
(2a) Ich bin meinem Bruder in Literatur überlegen.
Der Satz ist richtig.

(2b) Ich bin meinem Bruder überlegen.


Der Satz ist richtig.

(2c) * Meinem Bruder ist in Literatur überlegen.


--> Der Satz ist falsch.
Valenz des Nomens
(3a) Er war Sohn einer Bauerntochter.
--> Der Satz ist richtig.

(3b) * Er war Sohn.


--> Der Satz ist falsch.

(3c) * Er war einer Bauerntochter.


--> Der Satz ist falsch.

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Argumente
Argument in der Formalen Logik: “Terminus zur
Bezeichnung der Leerstellen eines Prädikats bzw.
einer Funktion. Wie viele Argumente ein Prädikat
verlangt, bezeichnet man es als ein-, zwei- und
dreistellig.” (Bußmann 2002)
• vorstellen: dreistellig / dreiwertig
• überlegen: ………………………… öffnet
• Sohn: …………………………

Peter die Tür.


öffnen: zweistellig
(Argument / (Argument /
Ergänzung ) Ergänzung )7
Syntaktische Stelligkeit / Wertigkeit
Nullstellige Verben Einstellige Verben

Es blitzt. Peter niest.

Zweistellige Verben

Er trinkt ein Glas Wein.


Dreistellige Verben

Er gibt dem Verkäufer das Geld.


(vgl. Sommerfeldt/ Starke 2010: 49ff.) 8
Auf der syntaktischen Ebene
hat
gesehen

seinen
Peter in der S-Bahn
Lehrer

Aktant / Modifikator / Aktant /


Argument / Angabe / Argument /
Ergänzung / Supplement Ergänzung /
Komplement Komplement 9
Ebenen der Valenz

Morphosyntaktische
Logische Valenz Semantische Valenz
Valenz
Anzahl von
Argumenten Syntaktische Semantische
Argumentstruktur Argumentstruktur
ESS (x,y)

Syntax Semantik
(vgl. Pittner / Berman 2010: 49ff.)
Ebenen der Valenz

Morphosyntaktische
Logische Valenz
Valenz
Anzahl von
Argumenten Syntaktische
Argumentstruktur
ESS (x,y)

Syntax
Argumentstruktur Argumentstruktur

Argumente Kategorien

Argumentstruktur:
◦ 1. Zeile: die Kategorien, die die Argumente syntaktische
realisieren
◦ 2. Zeile: die Argumente selbst
(vgl. Meibauer et al. 2007: 148f)
das Verb vorstellen:

Die Rektorin (x1) stellt ihr (x2) den neuen Dekan (x3) vor.
Kategorien: NPNom1, (NPDat2), NPAkk3
Argumente: VORSTELL(x1, x2, x3)
Argumentstruktur
überlegen:

Sohn:

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Argumentstruktur

(4a) Arno findet die Ursache heraus.


(4b) Arno findet heraus, dass die Erde keine Scheibe ist.
(4c) Arno findet heraus, ob wir morgen in die Schule
gehen müssen.
(4d) Arno findet heraus, wie das Wetter morgen wird.

• Kategorien: …………………………………
• Argumente: ………………………………..

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Auf der semantischen Ebene

Semantische
Valenz Thematische /
Semantische
Argumentstruktur
Semantische Rollen /
Theta-Rollen /
Tiefenkasus

Semantik
Semantische/Thematische Rollen
• „Die verschiedenen Argumente eines Verbprädikats
werden als seine Rollen oder Partizipanten bezeichnet.“
(Löbner 2003: 173)

• „Thematische Rollen (auch: Thetarollen, semantische


Rollen): Satzglieder können verschiedene thematische
Rollen, d.h. semantische Funktionen einehmen.“
(Schwar/Chur 2004: 71)

• Teilnehmer, die den Argumenten entsprechend, spielen


eine Rolle in der vom Satz beschriebenen Situation >
Thematische/Semantische Rollen (Maibauer 2007: 151)
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Semantische/Thematische Rollen
Rolle Beschreibung Beispiele
Agens vollzieht die Handlung Klaus schreibt einen Brief.

Thema/ Patiens an ihm wird die Handlung Klaus schreibt einen Brief.
vollzogen oder vollzieht sich
das Ereignis
Experiencer nimmt wahr, empfindet Ich hörte ihn husten.
Dieser Anfall überraschte
mich.
Instrument Mittel einer Handlung Sie aß mit Stäbchen.

Ort Ort, wo etwas ist, Der Schlüssel steckt im


Ort des Geschehens Schloss.

Ziel Ziel einer Bewegung Leg das Buch auf die Erde

Weg Weg einer Bewegung Er ritt durch die Wüste.


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(Löbner 2003: 174, Tabelle 6.3 Thematische Rollen)
Semantische/Thematische Rollen

Agens: belebter Verursacher/ Träger einer Handlung


Experiencer: belebter Betroffener einer Handlung
Objekt/ Thema: belebtes oder unbelebtes Objekt einer
Handlung oder eines Zustandes
Instrument: unbelebte Ursache einer Handlung,
Instrument, das bei einer Handlung involviert ist
Lokativ: Ort einer Handlung oder eines Zustandes
Zeit: Zeitpunkt einer Handlung/ eines Zustandes

(Schwarz/ Chur 2004: 71)

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Semantische/Thematische Rollen
AGENS: Person, die eine HANDLUNG ausführt, also nur bei
Handlungsprädikaten.

EXPERIENS: Person, die einen psychischen VORGANG oder ZUSTAND


an sich ERFÄHRT;

PATIENS/BETROFFENER: Person als BETROFFENES OBJEKT einer


HANDLUNG

BENEFAKTIV/NUSSNIESSER bzw. GESCHÄDIGTER: Person, zu


deren NUTZEN/VORTEIL oder SCHADEN/NACHTEIL eine HANDLUNG
ausgeführt wird.

COMITATIV/BEGLEITENDER: Person,die mit dem AGENS zusammen


eine HANDLUNG ausführt;
CAU = CAUSATIV/URSACHE: Sachverhalt1, die die URSACHE für
einen Sachverhalthai darstellt, auch als kausale (r) Zusatz bzw.
Aussageverknüpfung erklärbar (von Polenz 008:170ff)
INSTRUMENT: Person, Sache oder HANDLUNG hai, die bei der
HANDLUNGhai, die bei der HANDLUNG1vom AGENS als
INSTRUMENT(Werkzeug, Mittel, Methode, Verfahren) zur Erreichung
des HandlungsZWECK1 benutzt wird.

PO = POSSESSIV/TEIL: etwas, das im Besitz oder in der VERFÜGUNG


von jemandem ist;

LOC = LOCATIV/ORT/RAUM: ORT oder RAUM, in/an dem ein


Sachverhalt geschieht bzw. der Fall ist;

DIR =DIREKTIV/ZIEL: ORT oder RAUM, WOHIN eine HANDLUNG oder


VORGANG geschieht;

TE = TEMPORATIV/ZEIT: ZEITPUNKT oder –RAUM, an/in dem eine


HANDLUNG oder ein VORGANG geschieht bzw. ein ZUSTAND der Fall
ist;

(von Polenz 008:170ff)


Semantische Rollen
• schenken, verschenken, geben, verkaufen,
überweisen, leihen, vermieten, verpachten,
schicken, spenden
→ Dativargument: Benefaktiv

Max schenkte seinem Opa einen Motorroller.


(Agens) (Benefaktiv) (Patiens)

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Semantische Rollen
• schenken, verschenken, geben, verkaufen,
überweisen, leihen, vermieten, verpachten,
schicken, spenden
→ Dativargument: Benefaktiv

Max schenkte seinem Opa einen Motorroller.


(Agens) (Benefaktiv) (Patiens)

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Argumentstruktur
(5) Arno nimmt das Kind von der Schule weg.
• Kategorien: NPNom1, NPAkk2, (PP3) (syntaktische
Argumentstruktur)
• Argumente: WEGNEHM(x1, x2, x3)

• Thematische Rollen:
x1: Agens, x2: Thema/Patiens, x3: Quelle / Ort / Lokativ
Agens: Arno,
Thema/Patiens: das Kind, (semantische Argumentstruktur)

Quelle / Ort / Lokativ: die Schule


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Argumentstruktur
(6) Berndt ärgert Arno.

(7) Arno bekommt ein Geschenk von seinem Vater.

24
Argumentstruktur
(8) Arno nimmt einen Joghurt aus dem Kühlschrank.

(9) Arno bekommt einen Joghurt aus dem Kühlschrank

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(vgl. Pittner / Berman 2010: 49ff.)

Dimensionen
der Valenz

Logische Valenz Morphosyntaktische


Semantische Valenz
Valenz

Peter öffnet die Tür. Peter öffnet die Tür.


NPNom1, NPAkk2 ÖFFN(x1, x2)
ÖFFN(x1, x2) X1: Agens, x2: Patiens

Syntax Semantik
Ralf trocknet die Wäsche.

Agens Patiens

Was bestimmt, welche und wie viele


semantische Rollen ein Verb zuweist?
→ die Situation, die ein Verb beschreibt
(seine Aktionsart)
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Aktionsarten

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Aktionsarten
• bezeichnen Zustände oder
Atelische einfache Aktivitäten, die nicht
grenzbezogen sind
Verben • z. B.: lachen, schlafen

• bezeichnen Situationen, die eine


Telische Zustandsveränderung enthalten
und grenzbezogen sind
Verben • z. B. sterben, erröten, ankommen

(Meibauer et al. 2007: 195ff.) 29


Aktionsarten
Atelische Verben Telische Verben
• Zeitdaueradverbiale möglich • Zeitdaueradverbiale nicht
möglich
z. B.: z. B.:
Peter schläft zwei Stunden lang. * Peter stirbt zwei Stunden lang.
• Rheinische Verlaufsform • Rheinische Verlaufsform
X ist (etwas) am Machen X ist (etwas) am Machen
impliziert den perfektiven impliziert NICHT den
Satz perfektiven Satz
z. B.: z. B.:
Peter ist am Schlafen. Peter ist am Sterben.
>> Peter hat geschlafen. ≠ Peter ist gestorben.
(Meibauer et al. 2007: 195ff.)
Verben und Aktionsarten

States
Atelisch
Zustand
Aktivities
Aktionsarten

Achievements
Telisch
Zustands-
veränderung
Accomplishments

(vgl. Meibauer et al. 2007: 195ff.) 31


Atelische Verben
States Activities
• Verben, die einen Zustand • Verben, die eine zeitlich
bezeichnen: heißen, begrenzte Aktivität
wissen, sein bezeichnen: schlafen,
laufen, lachen
• Imperativform nicht • Imperativform möglich
möglich
Lies das Buch!
*Heiß Helmut!
• Mehrdeutigkeit nicht • Mehrdeutigkeit möglich
möglich Susi glaubt, dass alle Kinder in
Susi glaubt, dass alle Kinder dieser Klasse kluge Bücher
in dieser Klasse Helmut lesen.
heißen.
(Meibauer et al. 2007: 195ff.)
Telische Verben
Accomplishments Achievements
• Verben, die durativ sind und • Verben, die punktuell sind
eine allmähliche und einen plötzlichen
Zustandsveränderung Zustandswechsel bezeichnen:
beschreiben ankommen, erwachen
sinken, besteigen
• Zeitdaueradverbiale und • Zeitdaueradverbiale und
Zeitspannenadverbiale Zeitspannenadverbiale nicht
möglich möglich
Das Schiff sank seit einer Sie erwachte *seit einer
Stunde / in zwei Stunden. Stunden / *in zwei Stunden

(Meibauer et al. 2007: 195ff.)


Literatur
• Bußmann, H.(2002): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart.
• Löbner, S. (2003): Semantik. Eine Einführung. Berlin Berlin · New
York: de Gruyter.
• Meibauer, J./Demske, U./Geilfuß-Wolfgang, J. u.a. (2007):
Einführung in die germanistische Linguistik. 2. Auflage. Stuttgart:
J.B.Metzler.
• Pittner, K./Berman, J.(2010): Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch. 4.
Auflage. Tübingen: Narr Franke Attempto.
• Schwarz, M./ Chur, J. (2004): Semantik. Ein Arbeitsbuch. Tübingen:
Gunter Narr.
• Sommerfeldt, K./Starke, G. (1998): Einführung in die Grammatik der
deutschen Gegenwartssprache. 3. Auflage. Tübingen: Max
Niemeyer.
• von Polenz, P. (2008): Deutsche Satzsemantik. Grundbegriffe des
Zwischen-den-Zeilen-Lesens. Berlin · New York: de Gruyter.

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