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10 (2021-07-25 11:12)
Lutz Jäncke Verlag Hans Huber
Ist das Hirn Programmbereich Psychologie
vernünftig?
Wissenschaftlicher Beirat:
Prof. Dr. Guy Bodenmann
Prof. Dr. Dieter Frey, München
Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich
Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen
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Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg


Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i. Br.

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Aus: Lutz Jäncke, Ist das Hirn vernünftig?, 1. Auflage
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Lutz Jäncke

Ist das Hirn vernünftig?


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Erkenntnisse eines Neuropsychologen

Verlag Hans Huber

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Programmleitung: Dr. Susanne Lauri


Lektorat: Tino Heeg
Herstellung: Adrian Susin
Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München
Druckvorstufe: Claudia Wild, Konstanz
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s. r. o., Český Těšín
Printed in Czech Republic

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1. Auflage 2015
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(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-456-95523-0)
(E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-456-75523-6)
ISBN 978-3-456-85523-3

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Inhaltsverzeichnis

Prolog  9

Descartes Erbe  13

Das Gehirn des Menschen  23


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Das Unbewusste  31
Ein alter Unbekannter  31
Lust auf Popcorn?  33
Ich sehe was, was ich nicht sehe   36
Wahre Fans reagieren schneller  44
Für Elise  48
Wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste   55
Lache und die halbe Welt lacht mit dir   60
Von Weinkennern und Weinlaien  65

Funktionelle Blindheiten  71
Taschenlampen im Gehirn  71
Wie kann man einen Gorilla übersehen?  75
Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters  79
Die Welt sehen, wie sie nicht ist  82

Alles ist relativ  87

Sind wir cool und überlegt?  97


Gefühle als graue Eminenzen  100
Warum lieben manche Menschen Horrorfilme?  104
In der Hitze des Augenblickes  107
Geld allein macht nicht glücklich – oder doch?  109
Wie Emotionen Entscheidungen vereinfachen  122
Impulskontrolle  127
Wanting und Liking  135

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6 Inhaltsverzeichnis

Das interpretationswütige Hirn   141


Interpretation und Illusion  145
Comicgesichter und das Leiden eines Klassikfans  147
Teure Placebos gegen den Schmerz  154
Empathischer Schmerz oder Rache ist süß  160
Weltmeister im Rückwärtsinterpretieren  164

Das fragile Gedächtnis  175


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Wie Kaiser Wilhelm die Schwebebahn einweihte  175


Die Erinnerungsillusion  181
Ich bin meine Vergangenheit  194
Déjà-vu  204

Neuronale Maschinerie der Interpretation  209


Split-Brain-Experimente  214
Nein, ich bin nicht krank  220
Die Gummihandillusion  225
Das ist nicht meine Hand  230
Du bist nicht meine Ehefrau  233
Ein einfaches Modell  239

Ich «will», also bin ich  243


Ein unschuldiger Serienkiller?  243
Feuernde Neurone und Bewusstsein  246
Wir wollen, was wir tun  256
Der unbewusste Automat  272

Eine elegante Informationsverarbeitungsmaschine  281


Die Maschinerie der Entscheidung  281
Die neuronale Maschinerie  289
Das Gehirn – eine Vorhersagemaschine?  292
Lernen passiert an den Synapsen  294
Demut vor der Individualität  296

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Inhaltsverzeichnis 7

Vernunft, quo vadis?  303


Lernen und Anpassen  310
Seelenlose Wesen?  312
Auch langsames Denken ist emotional  314

Personen- und Sachregister  319


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9

Prolog

Schon als Kind habe ich mich über die vielen Merkwürdigkeiten des
menschlichen Verhaltens gewundert. Menschen können Bewun­
derungswürdiges, aber auch Verabscheuungswürdiges vollbringen.
Diese Faszination und Irritation steigerte sich noch während mei-
ner Zeit auf dem Gymnasium. Die vielen Eindrücke, die ich dort
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über verschiedene Menschen und Kulturen sammelte, machten


mir nur klar, dass wir alle sehr unterschiedlich agieren und reagie-
ren. Selbst in dem Klassenverband, dem ich neun Jahre angehörte,
änderten sich Meinungen, Ansichten, Interpretationen meiner
Klassenkameraden und Klassenkameradinnen ständig – ja, manch-
mal sogar Persönlichkeitseigenschaften. Im Grunde war der Besuch
des Gymnasiums – entgegen meiner Erwartung – für die Entwick-
lung eines festen Weltbildes und einer klaren Erkenntnis über das
menschliche Verhalten eher ungünstig.
Natürlich herrschte bei mir kein totales Chaos im Hinblick auf
die Betrachtung des Menschen. Allerdings blieben immer Fragen
offen: Wieso gab es den Holocaust? Warum quälen, bekämpfen und
betrügen sich Menschen unaufhörlich? Die vielen Kriege der ver-
gangenen 500 Jahre in Europa waren vielfach religiös motiviert oder
zumindest durch im Nachhinein merkwürdig anmutende Ereig-
nisse initiiert. Warum war das so, wo doch die Religionen Nächsten-
liebe predigen? Die berühmten Persönlichkeiten, denen wir im
Geschichtsunterricht begegneten, waren bei genauer Betrachtung
oft seltsame, ja gelegentlich sogar soziopathisch veranlagte Men-
schen. Bis heute werden Alexander der Große, ­Friedrich II. von
Preußen oder Napoleon von vielen Menschen verehrt, sie sind his-
torische Ikonen und dienen gelegentlich sogar als nationale Sym-
bole. Bei genauer Betrachtung handelten sie zumindest ansatzweise
menschenverachtend, nicht selten brutal, oft hart ihren Unterta-
nen gegenüber und eben kriegerisch, ja aggressiv. Eigentlich keine
Eigenschaften, die man als erstrebenswert für eine humanistische
Ausbildung erachten würde! Gut, man kann auch  – allerdings

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10 Prolog

wenige – friedfertige historische Figuren in den Schulbüchern fin-


den. Ihr Einfluss auf das historische Gesamtbild hatte eigentlich nur
eine marginale Bedeutung für die Gesamtsicht.
Auch innerhalb eines Kulturkreises oder Landes, ja sogar
innerhalb von recht kleinen sozialen Gruppen existieren teilweise
sehr unterschiedliche Ansichten hinsichtlich verschiedenster Sach-
verhalte. Dies zeigt sich häufig eindrücklich, manchmal sogar ver-
störend im Hinblick auf politische Meinungen. Vermeintlich ver-
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nünftige Menschen bewerten politische Situationen vollkommen


unterschiedlich, stehen sich in den Kontroversen gelegentlich offen
feindselig gegenüber. Ich erinnere mich noch lebhaft an politische
Diskussionen innerhalb des engsten Familienkreises: dort wurde
emotional, heftig und außerordentlich kontrovers gestritten. Kurz­
­um, die Heterogenität von Ansichten und Meinungen innerhalb
eines Kulturkreises und über die Kulturgrenzen hinweg ist bei uns
Menschen enorm und bleibt für mich ein fortdauerndes Faszino-
sum. Als Neurowissenschaftler glaube ich, zu einem besseren Ver-
ständnis der menschlichen Urteile, Ansichten, Neigungen und
Wünsche beitragen zu können. Aus diesem Grund habe ich dieses
Buch geschrieben. Es soll ausdrücklich keine wissenschaftliche
Abhandlung sein, sondern Ihnen in verständlicher Sprache die
Vielfalt der menschlichen Informationsverarbeitung erklären.
Noch ein Wort zu den Quellen, auf die ich mich stütze: Ich
setze mich seit einigen Jahrzehnten intensiv mit dem menschlichen
Gehirn aus­ei­nan­der und versuche, Neuroanatomie und Neurophy-
siologie des menschlichen Gehirns mit unserem Verhalten in Ver-
bindung zu bringen. Dabei habe ich natürlich schon sehr viele Arti-
kel und Bücher rezipiert. In diesem Buch habe ich mein Bestes
gegeben, um die wichtige Literatur auch entsprechend zu würdi-
gen, sie hier zu erwähnen und zu zitieren. Notgedrungen musste
ich dabei aber auch selektiv vorgehen und konnte einzelne Autoren
und Kollegen nicht zitieren. Trotzdem haben diese Wissenschaftler
und Forscher natürlich ebenfalls einen großen Anteil an den
erstaunlichen Fortschritten der Neurowissenschaften.

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Prolog 11

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Reise durch unser ver-
nünftiges Gehirn.

 Zürich, im April 2015


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13

Descartes Erbe

«Das erste, das diese Reuter taten, war, daß sie ihre Pferd einstell-
ten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verrichten,
deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, denn obzwar
etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, daß es sah,
als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen
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andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das heim-
lich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gülden Fell von
Kolchis darinnen verborgen;…»
«unser Magd ward im Stall dermaßen traktiert, daß sie nicht mehr
da­­raus gehen konnte, welches zwar eine Schand ist zu melden! den
Knecht legten sie gebunden auf die Erd, stecketen ihm ein Sperr-
holz ins Maul, und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig
Mistlachenwasser in Leib, das nenneten sie ein Schwedischen
Trunk, wodurch sie ihn zwangen, eine Partei anderwärts zu führen,
allda sie Menschen und Vieh hinwegnahmen, und in unsern Hof
brachten, unter welchen mein Knan, mein Meuder und unser Ursele
auch waren.»
(Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:
Simplicius Simplicissimus)1

Diese Szene aus dem Werk von Hans Jakob Christoffel von Grim-
melshausen beschreibt aus heutiger Sicht eigentlich merkwürdig
distanziert eine Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg. Dieser Kon-
flikt ist eine unermessliche Katastrophe. Er produziert Menschen
im Blutrausch, die sich wie Bestien verhielten. Da wird gemetzelt,
niedergeschlagen, vergewaltigt, verbrannt, geschändet, Dörfer und
Städte werden niedergebrannt. Ganze Landstriche werden durch
die direkten und indirekten Folgen des Krieges verwüstet. Wäh-
rend geschätzt etwa 600 000 Landsknechte ihr Leben lassen müs-

1 http://gutenberg.spiegel.de/buch/simplicius-simplicissimus-5248/5

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14  Descartes Erbe

sen, sind die Verluste bei der Zivilbevölkerung sogar wesentlich


höher. Obwohl die Verlustschätzungen aus heutiger Sicht sehr
schwierig sind, kann man davon ausgehen, dass etwa 20 Prozent
der damaligen Zivilbevölkerung (20 Mio. Menschen) im Deut-
schen Reich ihr Leben ließen  – das heißt, dieser Krieg forderte
rund vier Millionen zivile Opfer. Kurzum: Im kollektiven Gedächt-
nis ist dieser Konflikt als eine Katastrophe für die Zivilisation haf-
ten geblieben.
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In dieser apokalyptischen Zeit reist ein Mann quer durch die


Kriegsgebiete, verdingt sich teilweise als Soldat in verschiedenen
Armeen, um dann dem Soldatenleben den Rücken zu kehren. Als
Adeliger hatte er eine hervorragende Ausbildung genossen, die
seine Begabungen förderte. Die Kriegserlebnisse und das Solda-
tenleben lassen ihn jedoch erkennen, dass er zu etwas anderem
berufen ist – nämlich zum Denken. René Descartes, Philosoph und
Mathematiker, wird unsere Welt und unser Denken beeinflussen, ja
sogar grundlegend verändern. Und das in einer Zeit, in der der
Mensch seine dunkle Seite für jedermann und allzeit sichtbar
offenbarte. Welch ein Anachronismus!
Der französische Philosoph markiert mit seinen Werken den
Beginn einer Epoche, die wir Aufklärung oder das Zeitalter der
Vernunft nennen. In dieser Epoche erwächst eine bis heute andau-
ernde Überzeugung, gemäß derer die Vernunft für den Menschen
eine herausragende Bedeutung hat. 16372 veröffentlichte er eine
Abhandlung, in der er den berühmten Satz «cogito ergo sum» (ich
denke, also bin ich) als Kerngedanken seiner Ideen formulierte. In
diesem Werk macht Descartes den denkenden Menschen zum
Mittelpunkt seiner Betrachtung. Alles was der Mensch weiß, weiß
er vor allem durch sein Denken. Descartes ist unter anderem ein
empirischer Naturwissenschaftler und  – wenn man so will  – ein

2  Descartes, René (1637). Abhandlung über die Methode des richtigen Ver-
nunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung. (Discours sur la
méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences).
Übersetzung: Kuno Fischer, 1863. http://www.textlog.de/descartes-methode.html

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Descartes Erbe  15

Universalgelehrter. Er beschäftigt sich mit Botanik, Anatomie,


Mathematik und Kosmologie. Er ist auch ein Verfechter des Expe-
rimentierens und wehrt sich bereits schon zu seiner Zeit gegen die
«Sesselphilosophen», die der Überzeugung sind, alle Erkenntnisse
könnten sich alleine durch Nachdenken ergeben.3 Denken ist für
Descartes Weltsicht zen­tral, aber das Denken muss auf objektiven
Grundlagen beruhen, die man durch Beobachtung und Experi-
mentieren erzielt. Vernünftiges Denken fasst er als eine Methode
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auf, mit der eine lückenlose und schrittweise Beweisführung zur


Erklärung von Sachverhalten möglich ist. Damit ist er ein Anhän-
ger jener, die sich der Suche nach Ursache-Wirkungs-Zusammen-
hängen4 verschrieben haben. Decartes’ Denken passt perfekt in die
damals sich entwickelnde Naturwissenschaft.5 In diesem Denk-
gebäude hat alles, was sich nicht kausal ergründen und logisch
darstellen lässt, bestenfalls eine zweitrangige Bedeutung.
Damit hebt der Philosoph den menschlichen Geist (res cogi-
tans) aus dem «Sumpf» tierischen Lebens hervor und lässt ihn alles
andere überstrahlen. Dieser wunderbare denkende Geist haust im
Körper. Der Körper ist Materie und funktioniert wie ein Automat,
eine Maschine (res extensa). Diese Maschine ist bewusstlos und
verrichtet ihre vorprogrammierte Arbeit. Denken  – das ist für

3  Vgl. Descartes, René. Regulae ad directionem ingenii, V: Kritik der Philoso-


phen, die Experimente unterlassen und meinen, «die Wahrheit werde aus ihrem
eigenen Gehirn entspringen wie Minerva aus dem Jupiters».
4  Damit steht er in der Tradition der Naturphilosophie von Aristoteles, der den
Begriff der causa efficiens geprägt hat, womit er die wirkende oder einfach ausge-
drückt die Wirkursache meinte. Diese Wirkursache ist eine von vier Ursachen. Die
restlichen sind: causa materialis (Stoffursache), causa formalis (Formursache),
und causa finalis (Zweckursache).
5  Diese philosophische Strömung wird auch als Rationalismus bezeichnet. Ihr
wesentliches Merkmal ist, dass rationales Denken beim Erwerb und bei der
Begründung von Wissen wesentlich ist. Andere Erkenntnisquellen (Sinneserfah-
rung oder religiöse Offenbarung) werden als weniger wichtig erachtet. Wichtige
Protagonisten dieser Denkrichtung sind René Descartes (1596–1650), Baruch de
Spinoza (1632–1677) oder Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Als wichtiger
Vertreter oder Begründer der modernen Naturwissenschaft gilt Isaac Newton
(1643–1727).

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16  Descartes Erbe

Descartes «alles, was derart in uns geschieht, dass wir uns seiner
unmittelbar aus uns selbst bewusst sind». Und er fährt fort: «Alle
unsere Begriffe knüpfen wir an Worte.» Da Tiere nicht sprechen
können, verfügen sie demzufolge auch nicht über ein Bewusstsein
und funktionieren eigentlich «nur» wie bewusstlose Automaten –
ein Gedankengang, der noch heute für viele als Rechtfertigung für
Tierquälerei jedweder Art gilt. Descartes argumentiert zudem, dass
«Sprache (…) das einzige sichere Anzeichen dafür (ist), dass im
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Körper ein Geist verborgen ist»6.


Fassen wir Descartes Thesen zusammen: Menschen verfügen
über eine Vernunft (Ratio) und einen bewussten Geist. Der Körper
ist Materie und funktioniert völlig automatisch und ohne Geist
oder Bewusstsein. Tiere sind Automaten und verfügen demzufolge
über keine Ratio.
Der Mensch: ein reflektierendes Wesen, das über sich selbst
bewusst nachdenkt und kraft seiner Ratio zu logischen und nach-
vollziehbaren Schlussfolgerungen gelangt. Das ist eine Einsicht, die
bis heute unser Denken und vor allem unsere Sicht auf uns selbst
beherrscht. Allerdings wird uns allzu oft bewusst, dass wir über
Sachverhalte nachdenken, die sich rationalen Erklärungen entzie-
hen. Solche Sachverhalte werden dann oft als unvernünftig abge-
tan. Leider ist in unserer Denkweise das Adjektiv «unvernünftig»
häufig negativ besetzt. Wenn etwas nicht vernünftig ist, dann ist es
oft auch vernunftwidrig. Es verschließt sich einer logischen Beweis-
führung und damit einer verstehbaren Ursache-Wirkungs-Kette.
Doch das liegt schlicht daran, dass menschliches Verhalten nicht
einfach mathematisch-logisch zu beschreiben ist.
In der Zeit nach Descartes entwickelten seine Ideen eine starke
Dynamik, und es ergab sich die eigentlich merkwürdige Situation,
dass im Zeitalter der Vernunft viele Menschen fast fanatisch und
irrational an die Allgemeingültigkeit der Vernunft glaubten. So
kommt es, dass Vernunft eigentlich nie wirklich erschöpfend defi-

6  Descartes, René (1644). Principia Philosophiae. Amsterdam: Elzevir. Deutsch:


(1955). Die Prinzipien der Philosophie. Hamburg: Meiner.

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niert wurde. In den philosophischen Abhandlungen wird sie oft


einfach als gegeben und menschtypisch vorausgesetzt.7
Zudem wird die Vernunft in diesen Schriften und Thesen oft
als emotionslos und kalt eingeschätzt. Man denkt «messerscharf»
und unbeeinflusst von «störenden» Gefühlen. Dabei hatte Descartes
gerade im Hinblick auf die Emotionen eigentlich (wie wir sehen
werden) recht moderne Vorstellungen: Für ihn kann die Vernunft
(Ratio) die Emotionen kontrollieren, wobei er den Emotionen
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trotzdem eine wichtige Bedeutung zuschrieb. Für ihn mussten


Emotionen durch die Ratio irgendwie «zum Guten» gelenkt wer-
den. Insofern kommt der Vernunft im descartesschen Weltbild eine
verhaltenssteuernde Bedeutung zu.

Mit dem Fortschritt der Verhaltens- und Neurowissenschaften


wird zunehmend deutlich, dass wir mit einem komplexen Gehirn
ausgestattet sind, dass uns auch komplex handeln und denken lässt.
Menschliches Verhalten ist vielfältig, es hängt von individuellen
Erfahrungen ab und wird durch bewusste und unbewusste Mecha-
nismen gesteuert oder gar determiniert. Kausalketten werden ent-
sprechend beim menschlichen Verhalten oft gar nicht ersichtlich.
Auch der Glaube, dass wir als Menschen exklusiv mit Vernunft
begabt sind, wird durch moderne neurowissenschaftliche For-
schung zunehmend erschüttert.
Die Vernunft ist ein seit vielen Jahrhunderten lebhaft disku-
tiertes Thema der Philosophie des Geistes sowie der Verhaltens-
und Neurowissenschaften. Ich möchte hier nicht die gesamte Phi-
losophiegeschichte aufrollen  – mir geht es aber darum, unseren
alltäglichen Gebrauch des Begriffs Vernunft klarer zu machen. In
der philosophischen Debatte um die Vernunft existieren natürlich

7  Möglicherweise begebe ich mich hier auf philosophisches Glatteis. Ich habe
allerdings keine wirklich überzeugende und bis heute gültige Definition der Ver-
nunft gefunden. Meines Erachtens ist das aber auch für dieses Buch nicht wirklich
wichtig, denn dieser Text soll keine philosophische Abhandlung sein. Dieses Buch
repräsentiert vielmehr einen Versuch, menschliches Verhalten aus der Sicht der
modernen Verhaltens- und Neurowissenschaften zu beschreiben.

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18  Descartes Erbe

auch weiterhin unterschiedliche Standpunkte. Eine gewisse Son-


derstellung nimmt die sogenannte objektive Vernunft ein, die von
einigen Philosophen postuliert wird und die man als ein die Welt
ordnendes Prinzip verstehen muss, das auch den Menschen beein-
flussen und steuern kann. Dieses Prinzip wird als kosmologische
oder metaphysische Vernunft aufgefasst und ist Teil diverser theo-
logischer Theorien.
Aber ungeachtet der unterschiedlichen philosophischen Strö-
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mungen besteht Einigkeit darin, die Vernunft als das herausra-


gende Erkenntnisvermögen aufzufassen, das den Verstand kontrol-
liert, diesem Grenzen setzt und dessen Beschränkungen erkennt.8
Das Erkenntnisvermögen nährt sich aus der Fähigkeit, universelle
Zusammenhänge in der Welt sowie ihre Bedeutung zu erkennen.
Der Mensch ist aufgrund dieser Vernunft in der Lage, sein Verhal-
ten zu kontrollieren und danach auszurichten. In anderen Worten:
Er ist in der Lage, sein Verhalten durch Vernunft zu steuern.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang jedoch Erkenntnis-
vermögen, und sind alle Menschen in der Lage, zu den gleichen
Schlussfolgerungen zu gelangen? Interessant ist auch die Frage, ob
ein und derselbe Mensch immer über das gleiche Erkenntnisver-
mögen verfügt. Und was bedeutet in diesem Zusammenhang her-
ausragend, und warum soll gerade die Vernunft durch etwas beson-
ders Herausragendes genährt werden?
Diese Definitionen zeigen noch eine starke Orientierung am
Menschen und an den ihm zugesprochenen Fähigkeiten. Aber ist es
denn tatsächlich so klar, dass Tiere nicht vernünftig sein können?
Oder können sie nicht auch in bestimmten Situationen vernünftig
handeln? Ich denke, dass dem durchaus so ist, und werde später da­­
rauf zurückkommen. Und wenn sie also auch vernünftig handeln
können – tun sie dies auf der Grundlage von kognitiven (also geis-
tigen) Entscheidungen? Die gleiche Frage möchte ich aber auch im
Zusammenhang mit menschlichem Verhalten stellen: Liegt wirk-
lich jedem vermeintlich vernünftigen Verhalten auch Vernunft und

8 http://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft

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Erkenntnisvermögen zugrunde? Ist es nicht auch möglich, dass


Menschen angepasstes (vernünftiges) Verhalten zeigen, ohne dass
dieses Verhalten durch ein «herausragendes Erkenntnisvermögen»
geleitet wird? Dieses Verhalten könnte vernünftig erscheinen, ohne
dass besondere geistige Tätigkeiten es angestoßen hätten.

Neben vielen anderen Aspekten hat sich Descartes auch Gedanken


über den Zusammenhang zwischen Leib und Seele gemacht. Die
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Seele war ihm sehr wichtig (wie wir oben bereits gesehen haben),
denn sie ist vernünftig, während das Unvernünftige quasi aus dem
Körper kommt. Die Seele und damit die Vernunft betrachtete er
dabei als nicht fassbare immateriell-geistige Zustände, eine Auffas-
sung, die der von Aristoteles ähnlich ist. Descartes war aber zutiefst
davon überzeugt, dass der immaterielle Geist mit dem materiellen
Körper kommunizieren kann und dass der immaterielle Geist
ursächlich für das Verhalten ist. Umgekehrt soll aber auch der
immaterielle Geist durch den Körper beeinflusst werden können.
Aber wie kann Immaterielles mit Materiellem kommunizieren  –
und dann noch kausal?
Wenn eine Person etwa in eine Flamme greift, so Descartes
Idee, dann werden die sensorischen Reize vom materiellen Körper
registriert und zum Gehirn weitergeleitet. Diese materiell kodier-
ten Informationen erzeugen dann ein Schmerzerlebnis, also ein
geistiges Ereignis. Umgekehrt können aber auch geistige Zustände
wie Gedanken und Gefühle ganz bestimmte körperliche Prozesse
auslösen. Aber irgendwo und irgendwie muss doch das Immateri-
elle mit dem Materiellen vereint werden! Wie das genau gehen soll,
war auch Descartes unklar, er verfügte zumindest über eine Vor-
stellung da­­rü­ber, wo das stattfinden sollte, nämlich in der Zirbel-
drüse (Epiphyse). Die Zirbeldrüse ist ein klitzekleines Hirngebiet,
das hinten unten am viel größeren Zwischenhirn anliegt.
Warum der Philosoph gerade dieses Hirngebiet gewählt hat, ist
nicht ganz ersichtlich. Vermutlich stellte er einige Besonderheiten
an diesem kleinen Hirngebiet fest: Es ist beispielsweise nicht paarig
wie viele andere Hirngebiete angelegt. Descartes wusste auch, dass

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20  Descartes Erbe

A) B)
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Abbildung 1: Descartes Vorstellung über den Zusammenhang zwischen Leib und


Seele. In A ist seine Vorstellung hinsichtlich der Reizleitung zum Gehirn darge-
stellt. In A ist die Zirbeldrüse als Oval mit dem Buchstaben F gekennzeichnet. In
B ist die Zirbeldrüse als zwiebelförmige Struktur hinter den Augen zu erkennen.

es eine direkte Verbindung von den Augen zur Zirbeldrüse gibt,


und vermutete deshalb, dass die Zirbeldrüse der Hauptsitz des
Sehens sei. Gemäß seiner Auffassung war die Zirbeldrüse über ein
hydraulisches Röhrensystem mit den Muskeln des Körpers verbun-
den. So konnte (so seine Interpretation) dieses Hirngebiet mecha-
nisch mit dem Körper kommunizieren. Über die Zirbeldrüse sagte
er: «Es gibt eine kleine Drüse im Gehirn, in der die Seele ihre Funk-
tion spezieller ausübt.»
Die theoretische Position, die Descartes damit formulierte,
wird als interaktioneller Dualismus bezeichnet. Geist und Körper
existieren als separate Einheiten nebeneinander, können sich aber
gegenseitig beeinflussen. Obwohl diese Form des Dualismus aus
der Sicht moderner neurowissenschaftlicher Forschung nicht
mehr haltbar ist, findet sie bis heute Anhänger. Die bekanntesten
Vertreter waren der Philosoph Karl Popper und der Nobelpreisträ-
ger John Eccles.9 Sie hielten dem wichtigsten Einwand gegen den

9  Eccles, J. C. (1994). Wie das Selbst sein Gehirn steuert. München: Piper.
­Popper, K. R. & Eccles, J. C. (1989). Das Ich und sein Gehirn. München: Piper.

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Descartes Erbe  21

Dualismus – man wisse nicht, wie der Geist auf den Körper ein-
wirken würde – entgegen, wir wüssten ja eigentlich nicht einmal
genau, wie es möglich ist, dass physikalische Objekte auf andere
physikalische Objekte einwirken. Allerdings ist es offensichtlich
eine Tatsache, so die beiden Wissenschaftler weiter, dass physika-
lische Objekte sich gegenseitig beeinflussen. Und da­­raus erkennen
wir, dass etwas möglich ist, obwohl wir den Mechanismus nicht
kennen. Meines Erachtens eine kühne Argumentation, denn damit
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kann man praktisch alle Argumente aushebeln  – man muss nur


davon überzeugt sein, dass etwas offensichtlich ist, dann muss es
schon stimmen. Wie wir im weiteren Verlauf dieses Buches noch
sehen werden, ist die subjektive Empfindung und Einschätzung
meistens kein guter Beleg für die Ergründung der Realität.
Descartes war und ist für die Aufklärung, aber auch für unser
heutiges Denken und unsere Sicht auf den Menschen weiterhin von
herausragender Bedeutung. Auch wenn viele Menschen nie eine
einzige Zeile von Descartes gelesen haben, ist dieser Dualismus fest
in unseren Köpfen verankert: Hier der niedere bewusstlose Körper,
dort der alles überragende bewusste Geist. Diesen Geist muss man
nur schulen, dann wird man ihn nicht nur pflegen, sondern vor
allem vervollkommnen. Lerne und du wirst die höchsten Weihen
der Bildung und Einsicht erreichen. Aber was soll man lernen oder,
anders ausgedrückt, führt jedes Lernen zu einer besseren Einsicht
und zu einem geschulten Geist? Auch das Unbewusste ist irgend-
wie verloren gegangen und wurde erst durch Sigmund Freud und
seine psychoanalytischen Theorien wiederbelebt. Allerdings in
Form von bedrohlichen, manchmal verlockenden irrationalen
Dämonen, die in den Kellern des Unbewussten hausen und sich
ihre Wege mehr oder weniger unkontrolliert an die Oberfläche des
Bewusstseins bahnen. In dieser psychoanalytischen Welt bleiben
diese Dämonen oft im Verborgenen und richten dort ihr Unheil
an – in Form von seelischen Erkrankungen. Dass aber das Unbe-
wusste ein wichtiges Element unseres Verhaltens, Denkens und
unserer Entscheidungen ist, das zu angepasstem und sinnvollem
Verhalten führt, ist den wenigsten von uns geläufig. Wir werden

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22  Descartes Erbe

uns im Verlauf dieses Buches mit den teilweise erstaunlichen unbe-


wussten Mechanismen auseinandersetzen, die unser Verhalten
bestimmen. Doch bevor wir uns dies genauer anschauen, richten
wir unsere Aufmerksamkeit auf das fantastische Organ, das unser
Verhalten steuert.
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Das Gehirn des Menschen

«Wenn unser Gehirn so klein wäre, dass wir es verstehen würden,


wären wir so dumm, dass wir es doch nicht verstehen würden.»
(Immanuel Kant)
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Für uns alle ist das Gehirn ein faszinierendes Organ. Aus heutiger
Sicht ist es unbegreiflich, wie lange es gedauert hat, bis die Men-
schen die herausragende Bedeutung erfassten. Selbst in den Jahr-
hunderten vor der Aufklärung, als viele wichtige naturwissen-
schaftliche Entdeckungen die Menschen faszinierten, war man noch
weit davon entfernt, dem Gehirn für die Kontrolle des mensch­
lichen Verhaltens irgendeine wichtige Bedeutung zuzugestehen.
Dabei weckt das Organ durchaus schon sehr lange unser Interesse.
Die älteste Erwähnung des Wortes «Gehirn» findet sich in den
Edwin Smith Papyrus-Rollen, die wahrscheinlich bereits um 1700
v. Chr. erstellt worden sind.10 In diesen Aufzeichnungen sind 48 kli-
nische Fälle beschrieben, da­­run­ter 27 dezidierte Beschreibungen
von Hirnverletzungen. Doch in der Antike erlischt das Interesse
an diesem faszinierenden Organ praktisch wieder. Lediglich in
einer kurzen Periode im 3. Jahrhundert v. Chr. führen in Alexandria
zwei Ge­­lehrte, Herophilus und Erasistratos, anatomische und phy-
siologische Studien an den Leichen Hingerichteter durch. Leider
sind nur Bruchteile ihrer Arbeiten erhalten geblieben, der größte
Teil ihrer Schriften fiel dem großen Brand der Biblio­thek von Ale-
xandria 47 v. Chr. zum Opfer.
Möglicherweise hängt das schwindende Interesse am Gehirn
mit den einflussreichen Ansichten des berühmten Philosophen
Aristoteles (384–322 v. Chr.) zusammen, denn für ihn diente das
Gehirn lediglich als eine Art Kühlaggregat für das vom Blutkreis-

10  Siehe hierzu auch die Ausführungen im Kapitel «Geschichte der Hirnfor-
schung» im Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften (vgl. Fußnote 11).

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24  Das Gehirn des Menschen

lauf erhitzte Blut. Aristoteles sah im Herzen das zentrale Organ des
Menschen. Diese Ansicht blieb lange Zeit sehr einflussreich, Spu-
ren davon finden sich noch heute in unserer Alltagssprache. So
nehmen wir uns doch etwa tragische Vorfälle zu Herzen  – und
nicht etwa zu Hirne. Sehr lange hält das Desinteresse am Hirn an,
erst im Mittelalter werden einige Mediziner und Mönche erneut
anatomische Arbeiten über das Gehirn anfertigen. In dieser Zeit
herrscht die von Aristoteles inspirierte Ansicht vor, dass die Hohl-
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räume in unserem Gehirn (die Ventrikel) eine besondere funktio-


nelle Bedeutung für das menschliche Verhalten hätten (die ventri-
kuläre Lokalisationshypothese). Gemäß dieser Hypothese soll in
den Ventrikeln das psychische Pneuma zirkulieren und über das
Ventrikelsystem quasi in den Körper gepumpt werden. Das Gehirn
selbst spielt bei dieser Vorstellung eher eine nebensächliche Rolle,
denn es wird lediglich als Stützkörper für die viel wichtigeren Ven-
trikel aufgefasst.
Nach einer Phase eher kurioser Ansichten über die Bedeutung
des Gehirns (zum Beispiel in der Phrenologie) beginnt im 19. Jahr-
hundert die ernsthafte Erforschung des Gehirns, die sich in der
Gegenwart und besonders in den vergangenen dreißig Jahren
besonders intensiviert hat. Vorangetrieben wird diese besondere
Fokussierung auf das Gehirn durch viele bemerkenswerte techni-
sche und inhaltliche Weiterentwicklungen, die das Verständnis der
genetischen, molekularen, chemischen und elektrophysiologi-
schen Grundlagen des Gehirns verbessern konnten. Die moder-
nen bildgebenden Verfahren helfen uns zudem dabei, das mensch-
liche Gehirn als ein dynamisches selbstorganisierendes System
aufzufassen.
Insgesamt besteht inzwischen kein Zweifel mehr daran, dass
unser Gehirn alle psychischen Funktionen (also Denken, Wahr-
nehmen, Handeln und Fühlen) kontrolliert. Auch wenn es in unse-
rem Magen grummelt oder unsere Hand kribbelt, sind während-
dessen ganz bestimmte Hirngebiete aktiv. Das Gehirn ist quasi die
morphologische Hardware, auf deren Grundlage unser Denken,
Fühlen und Handeln möglich ist. Um psychische Funktionen bes-

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Das Gehirn des Menschen  25

ser zu verstehen, ist es natürlich zen­tral, einige zentrale Funktions-


weisen des Gehirn zu verstehen.

Das Gehirn des Menschen ist ein außergewöhnlich faszinierendes


Organ. Mit einem Gewicht von 1,2 bis 1,4 Kilogramm und einem
Volumen von 1,1 bis 1,3 Liter nimmt es zwar nur zwei Prozent des
gesamten Körpergewichtes beziehungsweise Körpervolumens ein.11
Ungeachtet dessen verbraucht es aber mindestens zwei Drittel unse-
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res gesamten Zuckerumsatzes. Entsprechend fließt auch ein erheb-


licher Anteil unseres Blutes durch unser Gehirn, nämlich rund ein
Fünftel. Warum ist dieses bezogen auf den Gesamtkörper winzige
Organ ein derartiger Energievampir? Das Gehirn ist zunächst ein
sehr schlechter Energiespeicher. Deshalb muss ständig Energie und
Sauerstoff von außen – über das Blut – zugeführt werden. Da­­rü­ber
hi­­naus besteht das Organ aus etwa 80 bis 100 Milliarden Nerven-
zellen. Jede dieser Nervenzellen verfügt im Durchschnitt über etwa
10 000 Verbindungen zu anderen Nervenzellen. Die Menge dieser
neuronalen Verknüpfungen ist also gigantisch und für uns in ihrer
Größenordnung nicht mehr fassbar. Und all diese neuronalen Ver-
knüpfungen werden durch das «Feuern» unserer Neuronen aufrecht­
erhalten oder ausgebaut. All das kostet natürlich sehr viel Energie.
Aber wie funktioniert das Gehirn grundsätzlich?
Aus der Gedächtnispsychologie wissen wir, dass Erfahrungen
als Muster von Verbindungsstärken gespeichert sind. In diesem
Netzwerk aus etwa 80 Milliarden mal 10 000 Verbindungen kann
eine unglaublich große Zahl an Verbindungskombinationen gespei-
chert werden. Jede Verbindungskombination ermöglicht das Spei-
chern unterschiedlicher Informationen. Insofern bietet uns dieses
riesige Netzwerk die Möglichkeit, unbeschreiblich viele Informa-
tionen zu speichern. Zudem kann es anhand einiger weniger Infor-
mationen, die man ihm zuführt, die gespeicherten Informationen
abrufen beziehungsweise aktivieren. In anderen Worten, dieses

11  Jäncke, L. (2013). Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften Bern: Hans


Huber.

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26  Das Gehirn des Menschen

Netzwerk ist die Grundlage für unser sehr gutes Gedächtnis und
die Fähigkeit, Gedächtnisinformationen anhand von wenigen
Informationen zu rekonstruieren. Dieses Netzwerk ist die Grund-
lage für die Interpretation unserer Welt.
Diese verschwenderisch großen Speichermöglichkeiten des
Gehirns haben wahrscheinlich die Evolution zu einer entscheiden-
den Strategieänderung veranlasst: Das riesige neuronale Netzwerk
bietet so viele Möglichkeiten zur Informationsspeicherung, dass es
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praktisch unmöglich wird, all das, was zur Verhaltenssteuerung


notwendig wäre, genetisch zu codieren und zu vererben. Der ele-
gante Ausweg, den die Evolution gefunden hat, besteht in der Neu-
roplastizität. Nach und nach entwickelt unser Gehirn immer mehr
Möglichkeiten zum Lernen und «Formen» der Netzwerke, so dass
sich diese Netzwerke durch Umwelterfahrungen fortlaufend verän-
dern und der spezifischen Umwelt anpassen können. Diese beson-
dere Formbarkeit des menschlichen Gehirns nennen wir eben
Hirn- oder Neuroplastizität, und sie ist in den vergangenen zwan-
zig Jahren sehr intensiv untersucht worden.
Trotz der mit der Plastizität verbundenen enormen Anpas-
sungsfähigkeit des Menschen an seine spezifischen Umwelten, in
die er praktisch zufällig hineingeboren wird, muss der ultimative
biologische Zweck des Lebens sicher gewährleistet werden  – die
Fortpflanzung. Aus diesem Grunde sind viele Verhaltensweisen,
die zur Unterstützung der Fortpflanzung des Menschen dienen,
genetisch vorgegeben. Dazu gehören die ersten und unmittelbar
wirksamen Signale, die die Attraktivität potenzieller Geschlechts­
partner signalisieren, sowie jene Mechanismen, die unsere Kinder
fest an uns binden.
Die große Anzahl von Neuronen und die damit zusammen-
hängenden Verbindungen zwischen den Neuronen sind wahr-
scheinlich auch die Grundlage für die vielen psychischen Funk­
tionen, über die Menschen im Vergleich zu den Tieren verfügen.
Typische menschliche Funktionen sind die Sprachkompetenz und
die Fähigkeit, sehr viele verschiedene und hochkomplexe Kultur-
techniken zu erlernen und durchzuführen. Mit dem guten Gedächt-

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Das Gehirn des Menschen  27
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Abbildung 2: Das Gehirn des Menschen. Dargestellt sind verschiedene Ansichten.

nis und der Sprach­fertigkeit ergaben sich beim Menschen auch


flexible Möglichkeiten zum Lernen von Bewegungen und Hand-
lungen. Eine weitere besondere Eigenschaft des Menschen ist die
Fähigkeit zum rekursiven Denken. Nur wir können viele Gedan-
kenschritte aufeinander aufbauend entwickeln und diese dann auch
über einen längeren Zeitraum (bis zu mehreren Jahren) aufrechter-
halten beziehungsweise unser Verhalten gezielt danach ausrichten,
beispielweise beim Bau eines komplexen technischen Gegenstan-
des, sei es ein Haus oder ein Musikinstrument. Hierzu müssen wir
ein oder mehrere Werkzeuge entwickeln, mit denen wir andere
Werkzeuge erstellen, die dann dazu genutzt werden können, um die
verschiedenen Arbeitsschritte durchzu­führen. Solche komplexen,
in­­ei­nan­der verschachtelten rekursiven Handlungsabläufe sind in
dieser ausgeprägten Form nur beim Menschen zu beobachten. Selbst
Affen sind zu solchen komplexen Handlungen nicht befähigt.12

12  Affen können komplexe Handlungsabläufe durchführen. Sie sind auch zu


intelligenten Einsichten fähig. Aber was ihnen fehlt, ist die Rekursivität ihres Den-

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28  Das Gehirn des Menschen

Auch die Sprache ist eine besondere Fähigkeit des Menschen,


die auch von sehr gut trainierten Affen nicht annäherungsweise
erreicht wird. Der Mensch ist prinzipiell in der Lage, eine oder auch
mehrere von 6000 existierenden Sprachen beziehungsweise etwa
20 000 Dialekte zu lernen, je nachdem wann und wie intensiv er mit
diesen Sprachen in Kontakt kommt. Die Hirngebiete, die für die
Sprachwahrnehmung und -produktion spezialisiert sind, haben
sich beim Menschen im Vergleich zu den Affen enorm vergrößert
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und sind besonders stark miteinander vernetzt. Eine andere ana-


tomische Vo­­raus­set­zung ist die hochgradige Spezialisierung der
Sprachareale, denn die Neuronengruppen, die für die Sprachkont-
rolle spezialisiert sind, versammeln sich bei uns vorrangig auf einer
Hemisphäre. Dadurch verringern sich die Distanzen, die die elekt-
rischen Signale zurückzulegen haben. Auch wenn das nicht sehr
relevant klingt: Wenn diese Signale noch auf die andere Hemi-
sphäre wechseln müssten, würde dies enorme Verzögerungen zur
Folge haben, und das stünde einer schnellen und effizienten Infor-
mationsverarbeitung im Wege.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass der Mensch im Zuge der Evolu-


tion ein außergewöhnliches Gehirn entwickelt hat, dass ihn zu
einem besonders lernfähigen Wesen gemacht hat. Wegen dieses
Gehirns wurde der Mensch zu dem Wesen, das sich sehr viele ver-
schiedene Kulturen erschaffen konnte. Der Mensch ist in der Lage,
Fertigkeiten zu erlernen oder sich durch technische Erfindungen
zu ermöglichen, die normalerweise nicht zu seinem Verhaltensre-
pertoire gehören: Er kann fliegen, schwimmen oder mit Fahrzeu-

kens und Verhaltens. Affen würden nie ein Werkzeug erfinden, mit dem sie ein
weiteres Werkzeug herstellen, um mit diesem dann ein weiteres Werkzeug zu
bauen. Man kann sich in diesem Zusammenhang ein Musikinstrument als Bei-
spiel vorstellen, dessen Herstellung sehr viele Arbeitsschritte und verschiedene
Instrumente benötigt. Hinzu kommt, dass die Bedienung eines Musikinstrumen-
tes besondere motorische und intellektuelle Fähigkeiten erfordert, die nach dem
Bau erworben werden müssen. Dieses komplexe Ineinanderverschachteln ver-
schiedener psychischer Funktionen ist eine typisch menschliche Fähigkeit.

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Das Gehirn des Menschen  29

gen Geschwindigkeiten der Fortbewegung erreichen, die um ein


Vielfaches schneller sind, als es anderen biologischen Wesen mög-
lich ist. Er kann sich mit seiner Verhaltensflexibilität fast jeden
Lebensraum dieser Erde und mittlerweile auch einige Lebensräume
außerhalb der Erde erschließen: Er lebt zumindest zeitweise in eisi-
ger Kälte, großen Höhen, unter Wasser oder im Weltraum.
All dies ist ihm möglich, weil die Natur ihm im Zuge der Evo-
lution dieses bemerkenswerte Gehirn geschenkt hat. Es befähigt
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ihn allerdings auch zu etwas, das auch im negativen Sinn absolut


einzigartig ist: Der Mensch kann sich inzwischen theoretisch selbst
ausrotten. Er verfügt über die notwendigen Motive, die Intelligenz
und die Fähigkeiten, dieses fatale Ergebnis zu erzielen. Kein uns
bekanntes anderes Lebewesen ist hierzu in der Lage. Zudem
bekämpft sich der Mensch inzwischen nicht mehr vorrangig wegen
lebensnotwendiger Ressourcen, sondern insbesondere aufgrund
kultureller und damit erlernter Unterschiede. Jene enorme Lernfä-
higkeit, die ihn zu einem flexibel anpassbaren Wesen gemacht hat,
hat also auch eine Schattenseite: Sie kann dazu führen, dass er sich
in bestimmte kulturelle Systeme hineinlernt und andere erbittert
ablehnt. Dann kommt es zu Konflikten mit Angehörigen anderer
Kultursysteme, die sogar so heftig werden, dass letztlich die Exis-
tenz der Menschheit auf dem Spiel stehen könnte. Bei der Kuba­
krise auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges waren die beiden
Supermächte USA und UdSSR nur noch wenige Schritte von einem
Krieg mit Nuklearwaffen entfernt. Auch die aktuellen kulturellen
Brennpunkte stellen unkalkulierbare Bedrohungen dar, auch wenn
die Zuspitzung der 1960er-Jahre noch relativ weit entfernt scheint.
Fest steht: Offenbar ist der Mensch sich selbst der größte Feind.
Dieses Gehirn ist also zu vielen extremen Leistungen fähig, im
Guten wie im Schlechten: Offen bleibt allerdings die Frage, ob es
denn auch zur Vernunft beziehungsweise vernünftigem Verhalten
in der Lage ist. Wenn dieses Gehirn so viele Optionen zur Verfü-
gung hat, ist es dann nicht eher unwahrscheinlich, dass eine spezi-
fische Entscheidung getroffen wird? Kann es nicht sein, dass eine
spezifische Entscheidung nur unter ganz bestimmten Randbedin-

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30  Das Gehirn des Menschen

gungen zutage tritt, beispielsweise wenn die Freiheitsgrade enorm


eingeschränkt sind? Das würde allerdings bedeuten, dass diese Ent-
scheidungen nur unter ganz bestimmten Randbedingungen oder
Vorerfahrungen zustande kommen könnten. Gehirne, die Ent-
scheidungen unter ganz anderen Randbedingungen treffen müss-
ten, würden dann mit großer Wahrscheinlichkeit zu anderen Ent-
scheidungen gelangen. Das würde in letzter Konsequenz zumindest
die These von einer objektiven Vernunft stark schwächen, denn
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unter dieser Vo­­raus­set­zung wären für alle Menschen gleich gel-


tende Entscheidungsgrundlagen eher unwahrscheinlich. Wie sieht
es dann mit der subjektiven Vernunft aus, die ja als herausragendes
Erkenntnisvermögen verstanden wird, das den Verstand kontrol-
liert, diesem Grenzen setzt und dessen Beschränkungen erkennt?
Wie agiert die subjektive Vernunft, wenn das Gehirn zum Beispiel
in vielen Situationen gar kein Erkenntnisvermögen erkennen lässt,
weil die Grundlagen der Entscheidungen und Wahrnehmungen
entweder nicht bewusst sind oder durch Randbedingungen ver-
fälscht werden und mit den zugrunde liegenden Realitäten nicht
kompatibel sind? Mit solchen und ähnlichen Fragen werden wir
uns in den nächsten Kapiteln auseinandersetzen. Beginnen wir mit
einem faszinierenden Bereich des menschlichen Verhaltens, dem
Unbewussten.

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Das Unbewusste
Wir berechnen unsere Vorteile sogar bei unseren uneigennützigsten
Handlungen, wir berechnen fast unbewußt, unwillkürlich!
(Fjodor M. Dostojewski)13

Ein alter Unbekannter


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Es war das Modethema der frühen Psychologie – und insbesondere


der verschiedenen psychoanalytischen Strömungen. Einige Wis-
senschaftler behaupten sogar, dass es das größte Verdienst von
Sigmund Freud gewesen sei, die Aufmerksamkeit da­­rauf gelenkt zu
haben: auf das Unbewusste. Freuds Idee war es, dass Unbewältigtes
und andere Lebensereignisse im Unbewussten eigene Dynamiken
entfalten und auf verschiedenen Wegen das aktuelle Verhalten des
Menschen beeinflussen können – ohne dass ihm das bewusst wird.
Eine faszinierende, aber auch erschreckende Idee: In uns sollen,
außerhalb des objektiv Greifbaren, noch weitere Kräfte wirken und
unser Leben beeinflussen, ja es sogar bestimmen können. Sind wir
nicht logisch denkende und vernunftbegabte Wesen, die ihr eige-
nes Leben kontrollieren, lenken und damit auch selbst gestalten?
Inzwischen hat sich das freudsche Konzept des Unbewussten zwar
in unserer Vorstellung festgesetzt. Aber ich behaupte, dass wir es
noch lange nicht begriffen und richtig akzeptiert haben. Offen
bleibt die Frage, ob unbewusste Prozesse einen Einfluss auf unser
Verhalten entfalten, und wenn ja, wie lange sie wirksam sind.
Auch in der akademischen Psychologie konnte sich die Idee
des Unbewussten zunächst nicht durchsetzen. Die wissenschaft-
liche Psychologie, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte,
sah sich eher als ein Ableger der Physik und war deshalb bemüht,
sich mit objektiv messbaren Aspekten des menschlichen Verhaltens

13  Gefunden auf: http://www.zitate-aphorismen.de/zitate/thema/Unbewusst/740

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32  Das Unbewusste

auseinanderzusetzen. Damals wie heute lautet die Frage: Wie soll


man unbewusstes Denken, Wahrnehmen und Entscheiden unter-
suchen und nachweisen? Bei der Beantwortung der Fragen haben
wir inzwischen ein paar Fortschritte gemacht. Und der alte Unbe-
kannte wird uns langsam etwas vertrauter.
Die Verhaltensforscher haben uns gelehrt, dass Tiere kom-
plexe Verhaltensmuster zeigen können, die von verborgenen Trie-
ben gesteuert werden. Wir gehen davon aus, dass Tiere im Wesent-
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lichen kein Bewusstsein haben. Nehmen wir also mal an, ein
Löwenweibchen in der Kalahari verspürt Hunger. Das löst bei ihr
eine Kette von vorprogrammierten Verhaltensweisen aus, was
letztlich dazu führt, dass sich dieses Löwenweibchen auf die Pirsch
nach potenzieller Beute macht. Die Verhaltensbiologen nennen
das Appetenzverhalten (oder deutsch Suchverhalten). Dieses Ver-
halten ist vorprogrammiert, kann mitunter sehr komplex sein  –
und ist vollkommen unbewusst. Bei beginnendem Hungergefühl
Appetenzverhalten zu zeigen, ist für Löwen natürlich lebensnot-
wendig. Verfügt auch der Mensch über solche vorprogrammierten
Verhaltensweisen?
Diese Frage hat eine gewisse Tragweite: Wenn solche Verhal-
tensprogramme beim Menschen wirksam sein sollten, hätte das
weitreichende Konsequenzen für das Verständnis des psychischen
Apparates. Nehmen wir mal an, auch der Mensch könnte durch
unbewusste Programme so gesteuert werden, dass er sich unbe-
wusst in die Nähe möglicher Bedürfnisbefriedigung begibt. Dafür
sind eine Reihe von interessanten psychischen Voraussetzungen
notwendig: Da das Verhalten ja nicht zufällig erfolgen kann, son-
dern mehr oder weniger sinnvoll auf die Umwelt abgestimmt wer-
den muss, ist es notwendig, dass es sich an Außenreizen orientiert.
Bei einem unbewussten Verhaltensablauf bedeutet dies, dass wir
die Außenreize auch unbewusst wahrnehmen. Wir müssen also
über eine unbewusste Wahrnehmung verfügen.
Des Weiteren müssen diese unbewussten Wahrnehmungen
etwas auslösen, sie steuern das Verhalten und setzen demzufolge
weitere Prozesse frei, die bei uns in der Regel gleichzeitig oder leicht

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Das Unbewusste  33

zeitverzögert ablaufen. Wenn aber mehrere Prozesse zur Auswahl


stehen, bedeutet das, dass Entscheidungen getroffen werden müs-
sen  – unbewusste Entscheidungen, denn das Bewusstsein greift
nicht ein, es hat ja keinerlei Kenntnis von den ablaufenden Prozes-
sen. Insofern müssen unbewusste Entscheidungsprozesse wirksam
werden. Für diese Entscheidungen müssen auch unbewusste Erfah-
rungen berücksichtigt werden, die in die Entscheidungen einflie-
ßen, also ein unbewusstes Gedächtnis. Letztlich muss der Organis-
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mus noch überprüfen, ob all die Prozesse zu einem akzeptablen


Erfolg geführt haben oder ob es notwendig ist, weitere (unbe-
wusste) Prozesse auszulösen. Es muss also ein unbewusster Bewer-
tungsprozess zurate gezogen werden.
Fassen wir zusammen: Wenn ähnlich wie bei anderen Säuge-
tieren menschliches Verhalten durch unbewusste Prozesse wie
beim Appetenzverhalten gesteuert werden könnte, würde dies
bedeuten, dass folgende psychische Prozesse auch beim Menschen
vorhanden sein müssten:
·· Unbewusste Wahrnehmung
·· Unbewusstes Denken und Entscheiden
·· Unbewusstes Gedächtnis
·· Unbewusste Bewertung

Ob solche Prozesse beim Menschen wirksam sind, können wir


inzwischen beantworten. Und damit auch die Frage, ob es das
freudsche Unbewusste wirklich gibt – und wie es tatsächlich aus-
sieht. Schauen wir es uns jetzt genauer an.

Lust auf Popcorn?

Manche Ereignisse entfalten eine ungeahnte Triebkraft. So auch


die Pressekonferenz, zu der der US-amerikanische Marktforscher
James Vicary am 12. September 1957 in ein Kino in New York ein-
lädt. Vor der eigentlichen Konferenz demonstriert Vicary den
anwesenden Journalisten eine neue Methode, die Sensationelles

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34  Das Unbewusste

leisten soll.14 Er hat einen Filmprojektor konstruiert und gebaut,


mit dem er in der Lage ist, in einem beliebigen Film Worte und
Bilder sehr kurz und unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, näm-
lich etwa für 30 Millisekunden, einzublenden. Diese tachistoskopi-
sche Darbietung  – das Gerät nennt man Tachistoskop  – ist eine
technische Meisterleistung, denn es erfordert präzise arbeitende
mechanische Verschlüsse, die vor den Objektiven von Filmprojek-
toren angebracht sind. Heute kann man solche und noch kürzere
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Präsentationszeiten mit durchschnittlichen Computern sehr ein-


fach umsetzen.
James Vicary präsentiert den anwesenden Reportern einen
eher langweiligen Film über Fische. Aber: Der Film ist natürlich
unwichtig. Während dieser Vorführung spielt er immer wieder
den schriftlichen Befehl «Trink Coca-Cola!» ein. Exakt 169-mal
werden die Anwesenden während des halbstündigen Films aufge-
fordert, das Getränk zu konsumieren. Erst gegen Ende der Vorfüh-
rung lässt Vicary diesen Befehl absichtlich dunkler werden, so dass
man ihn wie ein Wasserzeichen im Film wahrnehmen kann. Den
Journalisten berichtet Vicary anschließend, dass er diese Technik
bereits in einem Kino in Fort Lee in New Jersey eingesetzt hat.
Während sechs Wochen sind dort über 45 000 Filmbesucher so
manipuliert worden, und ihnen wurde dabei der Konsum des Soft-

14  Die hier dargestellten Ereignisse habe ich aus dem Buch von Reto Schneider
(Schneider, Reto U. (2006). Das Buch der verrückten Experimente. München:
Goldmann) und dem Buch von Vance Packard (Packard, Vance (1992). Die gehei-
men Verführer  – Der Griff nach dem Unbewussten in jedermann. München:
Econ) entnommen. Insbesondere die Beschreibungen von Retro Schneider sind
sehr erhellend gewesen. Retro Schneider hat sich bei seinen Recherchen große
Mühe gegeben, die in den 1950er- und 1960er-Jahren zu James Vicary publizierten
Berichte zu finden. Eine wissenschaftliche Nachbearbeitung des Vicary-Falles hat
Pratkanis in seinem 1992 erschienen Artikel geliefert (Pratkanis, A. R. (1992). The
cargo-cult science of subliminal persuasion. Skeptical Inquirer, 16, 260–272.)
Auch in dem Buch, das Pratkanis gemeinsam mit Aronson publiziert hat, greift er
diesen Fall nochmals auf (Pratkanis, A. R. & Aronson, E. (2001). Age of propa-
ganda: The everyday use and abuse of persuasion. New York: Henry Holt).

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Das Unbewusste  35

getränks sowie von Popcorn nahegelegt. Als Folge davon sei der
Umsatz des Getränks an der Kinokasse um 18 Prozent und der von
Popcorn um 57 Prozent gestiegen, verkündet Vicary den stauen-
den Reportern.
Die Journalisten berichten anschließend ausführlich da­­rü­ber,
aber diese Berichterstattung löst ein überwiegend negatives media-
les Echo aus. Vielen Berichterstattern ist nicht wohl bei dem Gedan-
ken, manipuliert zu werden. Aber Vicary treibt seine Idee weiter
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voran: Bereits auf der anschließenden Pressekonferenz im Kino-


saal verkündet der Forscher die Gründung seiner Firma «Sublimi-
nal Productions», die in Kürze in einer dreimonatigen Testphase
diese Technik in 15 Kinos anwenden wird. Im folgenden Jahr zeigt
Vicary in Washington auch führenden Politikern die revolutionäre
Beeinflussungstechnologie. Er spult dabei das gleiche Programm
ab und zeigt seinen Film mit den verborgenen Befehlen zur Konsu-
mierung des Softgetränks. Allerdings bemerken die anwesenden
Politiker keine Bedürfnisveränderungen. Niemand von ihnen ver-
spürt den dringenden Wunsch, mehr Popcorn zu essen oder Coca-
Cola zu trinken.

Immer wieder versuchen in den folgenden Jahren Wissenschaftler,


die Befunde von Vicary zu replizieren – aber bleiben dabei erfolg-
los. In der Folge steigt der Druck auf den Forscher, die Ergebnisse
und Einzelheiten seines Versuches zu veröffentlichen. Doch Vicary
kommt diesen Aufforderungen nie nach. Zunächst gibt er an, dass
er gerade eine Patentierung vorbereiten würde. Schließlich gesteht
er 1962 in einem Interview, dass seine Versprechungen keine Subs-
tanz hatten.
Doch inzwischen hat der Verband der US-Rundfunk- und
Fernsehsender quasi in vorauseilendem Ungehorsam den Einsatz
dieser Technik untersagt. Und auch in Australien, Großbritannien
und Deutschland werden solche Präsentationstechniken verboten.
Vielleicht gerade deswegen hält sich der Mythos der unbewussten
Beeinflussbarkeit in der öffentlichen Meinung bis heute hartnä-
ckig. Und er hat sich zu einem gigantischen Geschäft entwickelt.

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36  Das Unbewusste

Der Psychologe Anthony Pratkanis15 schätzt, dass US-amerikani-


sche Konsumenten jährlich mehrere Millionen Dollar für Produkte
ausgeben, die ihnen unbewusste Botschaften und Befehle übermit-
teln. Meistens handelt es sich dabei um Audio-Kassetten oder CDs,
die dem Hörer Botschaften zur vermeintlichen Steigerung des
Selbstbewusstseins und der Charakterstärke versprechen. Lassen
sich diese Menschen also alle übers Ohr hauen?
Auch wenn die Ergebnisse von Vicarys «Experiment» nie repli-
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ziert werden konnten – und er ja auch zugegeben hat, die Resultate


frei erfunden zu haben –, zeigen inzwischen immer mehr stichhal-
tige wissenschaftliche Arbeiten, dass unter kontrollierten Laborbe-
dingungen durchaus unbewusste Wahrnehmungen möglich sind.
Insofern ging James Vicarys Vermutung in die richtige Richtung.
Wie weit diese Beeinflussung wirklich reicht, da­­rü­ber kann uns die
moderne Hirnforschung etwas genauer Auskunft geben.

Ich sehe was, was ich nicht sehe

Unsere Umwelt ist vielfältig und versorgt uns mit unglaublich vielen
Informationen. Natürlich ist die genaue Menge schwer zu schätzen,
aber Wissenschaftler gehen davon aus, dass jede Sekunde ungefähr
elf Millionen Bit Informationen unser Sensorium erreichen. Der
Begriff Bit stammt aus der Informatik und Nachrichtentechnik und
dient als Maßeinheit für den Informationsgehalt. Ein Bit ist der
Informationsgehalt, der in zwei gleich wahrscheinlichen Möglich-
keiten enthalten ist. In der Computertechnik wird hierfür eine
Binärzahl genutzt (als 0 und 1), die zu Bytes gruppiert werden. Ein
Byte ist eine Folge von acht Bit. Mit diesem Rüstzeug können wir
uns nochmals die Datenmenge, die von unserem Sensorium aufge-

15  Pratkanis, A. R. (1998). Subliminale Werbung. In G. von Randow (Hrsg.).


Mein paranormales Fahrrad. Hamburg: Rowohlt, 47–61. Pratkanis A. R. & Green-
wald, A. G. (1988). Recent perspectives on unconscious processing: Still no mar­
keting applications. Psychology and Marketing, 5, 337–353. Pratkanis, A. R. (1992).
The Cargo Cult ­Science of Subliminal Persuasion. Skeptical Inquirer, Spring 1992.

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Das Unbewusste  37

nommen wird, etwas genauer anschauen. Also pro Sekunde verar-


beitet unser sensorischer Apparat elf Millionen Bit, was 1 375 000
Byte oder 1342 KB (also Kilobyte) oder 1,31 MB (Megabyte) ent-
spricht.16 Pro Minute sind das bereits fast 79 MB und pro Stunde 4,6
GB (Gigabyte). Am Tag summiert sich die Datenmenge dann auf
circa 111 GB auf. Das ist schon eine ganze Menge an Daten! Mein
Computer verfügt über eine Speicherkapazität von einem Terabyte.
Demzufolge würde mein Computer pro Tag ein Zehntel seines Spei-
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cherplatzes alleine für diese Daten benötigen. Und in zehn Tagen


hätte ich überhaupt keinen Platz mehr auf meinem Computer. Das
sind lediglich die Informationen, die unser Gehirn aus der Umwelt
aufnehmen und unverarbeitet kodieren kann. Hinzu kommen dann
noch die Informationen, die unser Gehirn selbst erzeugt, weil es
diese Daten interpretiert. Auch diese neuen Informationen müssen
irgendeinen Platz auf der Festplatte finden. Wie auch immer, eine
schier unglaubliche Menge an Informationen! Kann unser Gehirn
dies überhaupt verarbeiten?
Natürlich nicht, das Gehirn muss eine Auswahl treffen. Des-
halb wird nur ein kleiner Teil dieser Informationen bewusst und
unbewusst verarbeitet. Der größte Teil wird wahrscheinlich abge-
blockt. Man schätzt, dass wir nur etwa sieben Byte pro Sekunde
bewusst verarbeiten können. Das sind pro Minute 420 Byte, pro
Stunde 24,6 Kilobyte und pro Tag knapp 590 Kilobyte. Demzufolge

16  Die Schätzung der «Bandbreite» der von unserem sensorischen Apparat sen-
sorisch zu verarbeitenden Informationen habe ich dem Buch von Detlef Zühlke
entnommen (Zühlke, D. (2011). Nutzergerechte Entwicklung von Mensch-
Maschine-Systemen: Useware-Engineering für technische Systeme. Wiesbaden:
Springer). Ähnliche Zahlen finden sich auch in anderen Publikationen (zum Bei-
spiel im Buch von Tor Norretranders (1999): The User Illusion: Cutting Con-
sciousness Down to Size. London: Penguin). Die Schätzung der «bewusst» verar-
beiteten Informationen beruht auf der Anzahl der Informationen, die wir bewusst
im Kurzzeitgedächtnis halten können. Dies sind 7 ± 2 Informationsblöcke. Da
diese Informationsblöcke («chunks») aus einfachen Zeichen, aber auch aus Zei-
chenkombinationen bestehen können, ist es möglich, dass die Informations-
menge, die bewusst verarbeitet werden kann, deutlich größer sein kann. Sie kann
durchaus 10- bis 20-mal größer werden als die Werte, die ich hier für die Schät-
zung verwendet habe.

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38  Das Unbewusste

erreicht nur ein ganz kleiner Teil der aufgenommenen Informatio-


nen aus unserer Umwelt tatsächlich unser Bewusstsein. Um meine
1 TB große Festplatte vollzuschreiben, bräuchte ich also eine Sti-
mulation, die sich über ein Jahr erstreckt. Wie groß die Informa­
tionsmenge ist, die wir unbewusst aufnehmen, ist noch nicht ge­­
klärt  – und sogar noch nicht mal eindeutig schätzbar. Ich gehe
jedoch davon aus, dass wir tatsächlich mehr Informationen unbe-
wusst als bewusst aufnehmen (möglicherweise wird ein Drittel
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aller Informationen unbewusst verarbeitet). Aber wie erforscht


man eigentlich unbewusste visuelle Wahrnehmungen?
Eigentlich prinzipiell so wie James Vicary. Man präsentiert
visuelle Reize kurzfristig  – und damit nicht wahrnehmbar  – und
überprüft anschließend, ob und wie die Versuchsperson auf diese
Stimulation reagiert. Die Reaktionen können als Veränderungen
der peripheren Physiologie (zum Beispiel der Herzschlagrate oder
der Hautleitfähigkeit), der Hirnaktivität, der Empfindungen und
Emotionen, der Aufmerksamkeit, des bewussten Verhaltens und
der Urteilsfähigkeit gemessen werden. Bei der kurzfristigen Darbie-
tung «sehen» die Versuchspersonen diese visuellen Reize sehr kurz,
nämlich für 20 bis 30 Millisekunden. Ungefähr ab 50 bis 80 Milli­
sekunden werden viele Reize schon bewusst wahrgenommen. Diese
sehr kurzfristig dargebotenen Reize nennt man Primes. Die For-
scher können das ohnehin schon unmögliche Erkennen der Primes
noch weiter erschweren, indem kurz vor oder nach der Bildpräsen-
tation Maskierungsreize präsentiert werden. Das können ganz
unterschiedliche Reize sein, beispielsweise ein Punktmuster – wich-
tig ist nur, dass sie mit den eigentlichen Primes nichts gemein haben.

Tabelle 1: Bandbreiten für bewusste und unbewusste Prozesse. Bezogen sind


diese Bandbreiten auf die recht präzise schätzbare sensorische Bandbreite
Sensorische Bandbreite des Bandbreite des
Bandbreite Unbewussten (geschätzt) Bewusstseins
Bit/Sekunde Bit/Sekunde Bit/Sekunde

11 Millionen 3 Millionen 40–56


100 % 33 % Ca. 0.0005 %

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Das Unbewusste  39

Bei dieser Darbietungstechnik erkennen die Versuchsteilnehmer


bestenfalls ein kurzes Flackern und sehen dann etwa kurz das
Punktmuster, aber eben nicht die maskierten Reize. Als Primes
kommen praktisch alle visuellen Reize in Frage, die man kurzfristig
präsentieren kann: Wörter, Bilder oder Gesichter. In den bisheri-
gen Studien wurden oft emotionale Gesichtsausdrücke verwendet.
Die Wissenschaftler wollten mit diesen Studien he­­raus­fin­den, ob
die präsentierten emotionalen Gesichtsausdrücke  – obwohl nicht
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bewusst wahrnehmbar – doch messbare physiologische Reaktionen


und Verhaltensänderungen auslösen.
Präsentiert man Menschen wütende, ängstliche, lachende oder
neutrale Gesichtsausdrücke lange genug, damit diese bewusst wahr-
genommen werden können, dann führt das bei den Menschen zu
charakteristischen Reaktionen. Die Hautleitfähigkeit verändert sich,
es werden spezifische Hormone ausgeschüttet, und die Betrachter
zeigen mimische Reaktionen, die denen ähnlich sind, die auf den
Gesichtsbildern dargestellt sind. Kann man die gleichen Reaktionen
auslösen, wenn man Gesichter so präsentiert, dass sie nicht bewusst
wahrgenommen können? Das wäre der Beweis für unsere Fragen
nach dem Unbewussten. 1998 publizierten Paul Wahlen und seine
Kollegen im Journal of Neuroscience einen Artikel, der ein solches
Experiment dokumentiert. Die Versuchspersonen lagen in einem
Magnetresonanztomographen (MRT).17 Mit dem MRT kann man
die Durchblutungsveränderung im Gehirn mit sehr guter räum-
licher Auflösung messen. Selbst tief im Inneren des Gehirns verbor-
gene kleine Strukturen können mit dieser Methode analysiert wer-
den, indem man deren Durchblutungsveränderung misst und die
Ergebnisse interpretiert.
Während die Versuchspersonen im MRT lagen und die Hirn-
durchblutung gemessen wurde, präsentierten die Wissenschaftler
maskierte Bilder von wütenden und neutralen Gesichtern. Einem

17  Whalen, P. J., Rauch, S. L., Etcoff, N. L., McInerney, S. C., Lee, M. B. & Jenike,
M. A. (1998). Masked presentations of emotional facial expressions modulate
amygdala activity without explicit knowledge. J Neurosci, 18(1), 411–418.

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40  Das Unbewusste

Maskierungsreiz folgten die Einblendungen, die genau 30 Milli-


sekunden gezeigt wurden. Direkt nach diesem Bild wurde wiede-
rum ein Maskierungsbild eingeblendet. Dank dieser Präsentations-
technik konnten die Wissenschaftler sicher sein, dass die Teilnehmer
im MRT weder die Gesichter noch den Gesichtsausdruck (wütend
oder neutral) bewusst erkannten. Und das Ergebnis war eindeutig:
Obwohl die Versuchspersonen überhaupt nicht gemerkt hatten,
dass ihnen ein wütendes oder neutrales Gesichtsbild präsentiert
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wurde, zeigten sie typische Hirnaktivierungen als Reaktion auf das


wütende Gesicht. Und nur bei der maskierten Darbietung des
wütenden Gesichtes war der Mandelkern (in der Fachsprache wird
dieses Hirngebiet auch Amygdala genannt) stark durchblutet. Bei
der maskierten Darbietung des neutralen Gesichtsausdruckes da­­
gegen blieb die Amygdala inaktiv.
Der Mandelkern ist ein Nervenzellgeflecht in einem evolutio-
när alten Hirngebiet, dem limbischen System. Dieses Hirngebiet
ist insbesondere in die Verarbeitung emotionaler Informationen
eingebunden. Der Mandelkern ist typischerweise bei negativen
Emotionen  – Angst, Furcht und starker emotionaler Erregung  –
aktiv. Wenn wir in ein wütendes Gesicht schauen und dies bewusst
wahrnehmen, reagiert der Mandelkern ebenfalls mit Aktivierung.
Doch genau das konnten die Teilnehmer im Experiment von Paul
Whalen und Kollegen nicht tun, dafür war die Präsentationszeit zu
kurz. Dennoch reagierte auch bei ihnen das Emotionssystem und
insbesondere der Mandelkern genau so, als ob sie die Information
bewusst wahrgenommen hätten. Kurzum, das wütende Gesicht
wird unbewusst wahrgenommen und direkt in einen physiologi-
schen Prozess, die Aktivierung des Mandelkerns, umgesetzt.
Mit Sicherheit sind solche unbewussten und damit auch
ex­trem schnell reagierenden Mechanismen für den Menschen
überlebenswichtig. Unangenehme und gefährliche Reize müssen
treffsicher erkannt werden, so dass notwendige Schutzmaßnahmen
effizient eingeleitet werden können. Ein wütendes Gesicht oder ein
bedrohliches Tier ist ein solches Signal für uns Menschen. Wir
reagieren, indem wir uns schnell entfernen (Fliehen), oder bereiten

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Das Unbewusste  41

uns im schlimmsten Fall auf eine Verteidigung vor (Kämpfen). All


dies wird gesteuert und vermittelt über den Mandelkern, der die
physiologischen Grundlagen sowie die notwendigen motorischen
Programme für Flucht und Kampf automatisch und in Sekunden-
bruchteilen bereitstellt.
Die Vorbereitungen unseres Gehirns auf Flucht oder Kampf
sind natürlich «Ausnahmemechanismen», die vor allem in poten­
ziell gefährlichen oder sogar lebensbedrohlichen Situationen grei-
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fen. In normalen Lebenssituationen haben sie keine Bedeutung. Ist


dieses Experiment also wirklich so aussagekräftig? Finden ähnlich
unbewusste Prozesse auch noch in anderen, weniger dramati-
schen Lebensbereichen statt? Tatsächlich wissen wir inzwischen
sogar, ob unbewusste Wahrnehmungen unser bewusstes Denken
und Bewerten verändern, ob sie einen Einfluss auf unsere Auf-
merksamkeit haben und ob sie damit unser gesamtes Sozialverhal-
ten beeinflussen. In der Tat haben einige Untersuchungen zeigen
können, dass unbewusst wahrgenommene Gesichtsausdrücke die
Bewertung nachfolgender Reize deutlich verändern. Ein typisches
Experiment hierzu hat die Sozialpsychologin Paula Niedenthal
1990 an der Johns Hopkins Universität18 in Baltimore durchge-
führt. Sie zeigte ihren Probanden für gerade mal zwei Millisekun-
den Bilder von Gesichtern, die Freude, Ekel oder einen neutralen
Gesichtsausdruck darstellten. Danach präsentierte sie den Teilneh-
mern neutrale Cartoons, die anschließend bewertet werden sollten.
Obwohl die Probanden die emotionalen Gesichtsbilder nicht wahr-
nehmen konnten, waren die Bewertungen der Cartoons durch die
vorher dargebotenen, nicht erkennbaren Gesichtsbilder klar beein-
flusst: Waren vor der Bewertung freudige Gesichter präsentiert
worden, wurden die eigentlich neutralen Cartoons positiver bewer-
tet, während die Präsentation von Ekelgesichtern die Bewertung
der neutralen Cartoons deutlich negativer ausfallen ließ.

18  Niedenthal, P. M. (1990). Implicit perception of affective information. Journal


of Experimental Social Psychology, 26(6), 505–527.

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42  Das Unbewusste

Vielleicht wenden Sie jetzt ein, dass dieser Versuch zwar interes-
sant ist, aber dass es nicht wirklich relevant ist, ob man durch unbe-
wusst wahrgenommene Gesichter veranlasst wird, neutrale Car-
toons etwas positiver oder negativer zu bewerten. Können so leichte
Bewertungsveränderungen überhaupt einen nennenswerten Ein-
fluss auf unser Alltagsverhalten ausüben? Allerdings, und zwar in
dramatischem Ausmaß! Dies hat der Sozialpsychologe Mark Bald-
win mit seinen Kollegen von der McGill Universität Montreal Anfang
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der 1990er-Jahre nachgewiesen.19 Der Titel ihres Artikels, in dem


sie ihre Forschungen darstellen, klingt zwar etwas ungewöhnlich,
bringt ihre Ergebnisse und die da­­raus abzuleitenden Konsequenzen
aber auf den Punkt: «Priming relationship schemas: My advisor and
the pope are watching me from the back of my mind».
Baldwin und sein Forscherteam baten in einer Versuchsanord-
nung Psychologiestudenten, ihre Leistungen im letzten Semester
einzuschätzen. Bevor sie ihre Einschätzungen vornahmen, muss-
ten sie allerdings an einem kurzen Experiment teilnehmen, das
als Reaktionstest getarnt war: Sie sollten nach Erscheinen eines
orange­farbenen Kleckses auf einem Computerbildschirm mög-
lichst schnell eine Taste drücken. Was die Studenten nicht wussten:
Kurz vor Erscheinen des Kleckses wurde einigen von ihnen für
wenige Sekundenbruchteile ein Bild ihres skeptisch blickenden
Institutsvorstehers eingeblendet. Allen anderen wurde hingegen
das aufmunternde und freundliche Gesicht eines Assistenten prä-
sentiert. Nachdem die Studenten diese Prozedur absolviert hatten,
schätzten sie ihre wissenschaftlichen Leistungen ein, die sie wäh-
rend des vergangenen Semesters erbracht hatten. Das Ergebnis war
erstaunlich: Die Studenten, denen der skeptische Gesichtsausdruck
des Institutsvorstehers (nicht bewusst wahrnehmbar) präsentiert
wurde, stuften ihre eigenen wissenschaftlichen Leistungen deutlich
kritischer und negativer ein als die andere Studentengruppe. Das

19  Baldwin, M. W., Carrell, S. E. &  Lopez, D. F. (1990): Priming relationship
schemas: My advisor and the Pope are watching me from the back of my mind.
Journal of Experimental Social Psychology, 26(5), 435–454.

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Das Unbewusste  43

Ergebnis, so erstaunlich es ist, wurde bereits mehrfach in ähnlicher


Form repliziert und ist damit vertrauenswürdig. Uns zeigt dieses
Experiment die enorme Tragweite unbewusster Wahrnehmungen:
So einfach ist es, das Selbstbewusstsein und die Selbsteinschätzung
von Studenten durch unbewusste Reize zu beeinflussen … Aber wo
liegt der Sinn und Nutzen für uns, dass wir uns so einfach und effi-
zient durch Außenreize beeinflussen lassen?
Eine mögliche Antwort lautet: in der Aufmerksamkeitslen-
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kung. Unbewusst verarbeitete Reize können unser Verhalten vor-


bereiten, bereits vorbereitetes Verhalten verstärken und unsere
Aufmerksamkeit auf die vorbereiteten Aspekte lenken. So konnten
zum Beispiel kanadische Forscher zeigen, dass nicht wahrnehmbar
präsentierte emotionale Gesichtsbilder das visuelle Suchen von
Gesichtsbildern erleichtert, die die gleichen emotionalen Gesichts-
ausdrücke zeigen wie die verdeckt präsentierten Gesichtsbilder.
Wurde ein ärgerliches Gesicht als Prime verwendet, konnten die
Probanden anschließend ärgerliche Gesichter aus einem Satz
unterschiedlicher Gesichtsausdrücke besser und schneller erken-
nen. Offenbar bereitet die unbewusste Präsentation der ärger­
lichen Gesichtsausdrücke die bewusste Aufmerksamkeitslenkung
auf Gesichter mit dem gleichen Gesichtsausdruck vor.
Aber kehren wir zu James Vicary zurück. Wie berichtet löste
seine Präsentation vor interessierten Politikern in Washington kei-
nen Wunsch nach Popcorn oder Coca-Cola aus (lediglich ein Poli-
tiker äußerte anschließend, er hätte nun Appetit auf einen Hotdog).
Vicary wies da­­rauf hin, dass nur jene Versuchsteilnehmer, die bereits
vorher ein Bedürfnis verspürten, Popcorn oder Coca-Cola zu kon-
sumieren, durch die unterschwellige Werbung motiviert würden.
Nichts weiter als ein Versuch, den Fehlschlag zu kaschieren? Der
Forscher hatte zwar keinen Beleg dafür, umschrieb mit seiner Erklä-
rung aus heutiger Sicht aber erstaunlich treffend die wirklich betei-
ligten Mechanismen. Wieso konnte er das, wo doch alles mehr oder
weniger erfunden war? War da bei ihm bereits etwas Unbewusstes
im Spiel? 2006 führte eine niederländische Gruppe von Sozialpsy-
chologen zwei clevere und sehr gut kontrollierte Laborexperimente

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44  Das Unbewusste

durch.20 Die Wissenschaftler griffen dabei die Überlegungen von


James Vicary auf und verfolgten sie weiter. In den Versuchen über-
prüften die Forscher, ob die unterschwellige Präsentation des Mar-
kennamens eines Eisteegetränkes nicht nur die Präferenz für dieses
Getränk, sondern auch den Wunsch, dieses Getränk zu konsumie-
ren, beeinflussen konnte. Das Ergebnis: Tatsächlich führte das Ein-
blenden des Markennamens dazu, dass die Teilnehmer häufiger die-
ses Getränk trinken wollten – allerdings nur, wenn die Probanden
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bereits durstig waren! 2009 publizierte eine Saarbrücker Forscher-


gruppe ein bestätigendes Ergebnis.21 Dort wurde den Versuchsteil-
nehmern für Sekundenbruchteile das Logo einer Traubenzuckertab-
lette gezeigt, während sie ein Computerspiel absolvierten. Auch hier
führte die Versuchsanordnung dazu, dass diese Gruppe deutlich
häufiger den Traubenzucker konsumierte. Sie taten das allerdings
nur dann, wenn sie müde waren.
Diese Ergebnisse zeigen, dass uns solche unbewussten Wahr-
nehmungen besonders beeinflussen, wenn wir dafür in gewisser
Weise schon empfänglich sind: Sind wir durstig, kann dann die
unterschwellige Wahrnehmung von Informationen den Wunsch,
dieses Getränk zu trinken, deutlich steigern. Aber viel wichtiger ist
die bemerkenswerte Erkenntnis, dass uns unbewusste Wahrneh-
mungen viel stärker beeinflussen, als es Skeptiker bislang glauben
mochten.

Wahre Fans reagieren schneller

Unser Hirn ist einer enormen Informationsflut ausgeliefert. Wie


schon erwähnt, schützen wir uns davor, indem wir den größten Teil
der Informationen einfach abblocken. Nur einen sehr kleinen Teil

20  Karremans, J. C., Stroebe, W. &  Claus, J. (2006). Beyond Vicary’s fantasies:
The impact of subliminal priming and brand choice. Journal of Experimental
Social Psychology, 42(6), 792–798.
21  Bermeitinger, C., Goelz, R., Johr, N., Neumann, M., Ecker, U. K. H. & Doerr,
R. (2009). The hidden persuaders break into the tired brain. Journal of Experi-
mental Social Psychology, 45(2), 320–326.

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Das Unbewusste  45

nehmen wir auf, das meiste davon wiederum komplett unbewusst.


Wie unser Hirn die unbewussten Informationen genau verarbeitet,
ist von der Hirnforschung nicht gänzlich geklärt, aber wir können
bereits zentrale Mechanismen und Vorgänge beschreiben. Grund-
sätzlich verläuft die Informationsverarbeitung im Gehirn auf ver-
schiedenen, sich kreuzenden Pfaden. Zwei Pfade sind dabei beson-
ders wichtig: einer beginnt sozusagen direkt im Auge, bei den
Rezeptoren (zum Beispiel in der Retina), wo bereits die ersten Ver-
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arbeitungsschritte stattfinden. Von dort gelangen die Informatio-


nen über verschiedene Zwischenschritte in die übergeordneten
Zentren in das Gehirn. Bei jedem Zwischenschritt finden dabei
weitere Verarbeitungsprozesse statt. Die Information wird also
bereits auf dem Weg verändert, angereichert, vereinfacht, interpre-
tiert. Wir verlieren keine unnötige Zeit, denn schon auf dem Weg
ins Innere unseres Gehirns generieren wir aus den reinen Reizen
zunehmend komplexere Wahrnehmungen. Dieser Pfad verläuft
also von unten nach oben, wir bezeichnen ihn deshalb auch als
Bottom-Up-Weg.
Der andere wichtige Pfad, den die unbewusst wahrgenom-
menen Informationen einschlagen können, verläuft genau in
umgekehrter Richtung. Aber wie kann das funktionieren? Wie
kann man quasi auf interne Anregung des Gehirns etwas wahr-
nehmen? Hier geht es um die Erwartung, etwas Bestimmtes
wahrzunehmen. Dabei beeinflussen übergeordnete untergeord-
nete Zentren. Wir sind drauf vorbereitet (bewusst oder auch
komplett unbewusst), etwas Bestimmtes zu sehen, und deshalb
werden diese Informationen präferiert verarbeitet. Erwarten wir
etwa bei einer Verabredung eine gute Freundin, aktiviert diese
Erwartung bereits jene Hirngebiete, die mit der Wahrnehmung
dieser Person betraut sein werden, um dann die Gesichtsinforma-
tionen präferiert und effizient zu verarbeiten. Dieser Pfad von
«oben nach unten» wird entsprechend als Top-Down-Weg
bezeichnet. Neben diesen beiden gegensätzlich verlaufenden
Wegen existieren natürlich noch sehr viele Querverbindungen
auf allen Verarbeitungsstufen.

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46  Das Unbewusste

Aber es gibt neurophysiologisch auch klare Unterschiede im


Zusammenhang mit der bewussten und unbewussten Informations-
verarbeitung: Unbewusste Verarbeitungen finden in der Regel sehr
früh in der neurophysiologischen Verarbeitungskette statt. An der
Universität Zürich haben wir dies genauer untersucht: dabei gehol-
fen haben uns  – eingefleischte Coca-Cola-Fans.22 Über verschie-
dene Medienkanäle war es uns gelungen, für unsere Versuche ins-
gesamt 21 Teilnehmer zu gewinnen, allesamt hartgesottene
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Anhänger der Brause. Wir baten die Versuchspersonen zu folgen-


dem elektrophysiologischen Experiment: Auf einem Bildschirm
wurden den Probanden nacheinander Dosen ihrer Lieblingsbrause
und Dosen eines bekannten Konkurrenzproduktes gezeigt. Dabei
variierte die Häufigkeit: In einer Bedingung präsentierten wir sel-
ten die Lieblingsdose und häufig die Konkurrenzmarke. In der
anderen Versuchsbedingung wurden die Präsentationshäufigkeiten
umgekehrt: hier kam die Konkurrenzbrause deutlich seltener zum
Einsatz als das Lieblingsgetränk. Was wollten wir damit zeigen?
Während des Experiments zeichneten wir die Hirnströme der
Teilnehmer auf. Mittlerweile kann man anhand der an der Kopf-
oberfläche gemessenen Hirnströme mit komplexen mathemati-
schen Methoden recht gut auf die im Gehirn lokalisierten Quellen
der neuronalen Erregung zurückschließen. Nach dem Experiment
berechneten wir die mittleren Hirnströme der jeweiligen Gruppen:
Die Differenz war erstaunlich. Die eingefleischten Fans zeigten im
Mittel bereits nach 100 Millisekunden starke Hirnstromreaktio-
nen – wenn ihnen eine Dose ihres Lieblingsgetränks gezeigt wor-
den war. Zeigte man ihnen die Konkurrenz-Dose, blieb diese starke
und frühe Hirnstromreaktion allerdings aus. Diese frühen neuro-
physiologischen Reaktionen konnten wir dem limbischen System
und einigen Gedächtniszentren anatomisch zuordnen. Offenbar
sind diese Hirngebiete bereits 100 Millisekunden nach der Präsen-
tation der Lieblingsdose – nur bei den Fans – besonders stark akti-

22  Eigener Versuch, den meine ehemaligen Mitarbeiter Heinz Blaser und
Valentine Marcar an meinem Lehrstuhl für Neuropsychologie durchgeführt haben.

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Das Unbewusste  47

viert. In diesen Hirngebieten werden emotionale Reaktionen und


Gedächtnisinformationen dieser Dose und der Marke gespeichert
und abgerufen.
Offenbar verarbeiteten die Brausefans Informationen ihres
favorisierten Getränkes bereits vorbewusst präferiert.23 Ein klarer
Hinweis auf ein unbewusstes Gedächtnis, denn wahrscheinlich ruft
unser Hirn die dort vorbewusst gespeicherten Informationen
bezüglich des Lieblingsgetränks ab. Auch Emotionen, die mit die-
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sem Getränk assoziiert sind, können dort automatisch abgerufen


werden, um dann später folgende kognitive Verarbeitungs- und
Bewertungsprozesse vorzubereiten.
Aus Studien mit hirngeschädigten Patienten wissen wir, dass
unbewusste Verarbeitungsschritte später folgende bewusste Verar-
beitungen beeinflussen können. Ein interessantes Beispiel für die
Beeinflussung bewusster Prozesse durch unbewusste Verarbeitun-
gen offenbaren Studien mit Patienten, die unter einer Hemianopsie
leiden.24 Ist zum Beispiel das linksseitige Sehzentrum neurologisch
gestört, sind diese Patienten im rechtseitigen Gesichtsfeld blind. Sie
können also dort präsentierte visuelle Informationen nicht mehr
erkennen. Präsentiert man die visuellen Informationen allerdings
im linken Gesichtsfeld werden diese dann in das noch intakte
rechtsseitige Sehzentrum zugeleitet, so dass diese Informationen

23  Die ersten bewussten Verarbeitungsschritte setzen nach rund 300 Milli­


sekunden ein. Das kann man recht effizient mit den evozierten Potenzialen unter-
suchen – dies sind mittlere elektrische Erregungsmuster, die nach der Präsentation
eines Reizes an der Schädeloberfläche gemessen werden können. Um diese Poten-
ziale zu erhalten, präsentiert man sehr häufig hintereinander die Reize und regis-
triert die Hirnstromreaktionen auf diese Reize. Mittelt man diese Hirnströme,
erhält man einen typischen Potenzialverlauf. Die frühen Potenzialkomponenten,
die bis etwa 100 Millisekunden nach Reizpräsentation auftreten, repräsentieren
unbewusste Verarbeitung und die späten Potenzialkomponenten ab 300 Milli­
sekunden bewusste Verarbeitungen. Bemerkenswert ist, dass in Abhängigkeit von
Erfahrung und persönlicher Einstellung auch die frühen unbewussten Verarbei-
tungsstufen beeinflusst werden können.
24  Rafal, R., Smith, J., Krantz, J., Cohen, A. & Brennan, C. (1990). Extragenicu-
late vision in hemianopic humans: saccade inhibition by signals in the blind field.
­Science, 250(4977), 118–121.

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48  Das Unbewusste

einwandfrei erkannt werden. Fordert man diese Patienten auf,


möglichst rasch eine Reaktionstaste zu drücken wenn sie visuelle
Reize im «gesunden» Gesichtsfeld erkennen, erhält man schnelle
Reaktionszeiten beim Erkennen dieser Reize. Werden allerdings
gleichzeitig zwei ähnliche Reize im rechten und linken Gesichtsfeld
präsentiert, passiert etwas Merkwürdiges: Sie erkennen den dem
linken Gesichtsfeld präsentierten Reiz immer noch, aber eben nicht
so schnell, als wenn dieser Reiz ohne Konkurrenzreiz präsentiert
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worden wäre. Die Reaktionszeiten für das Erkennen des im «gesun-


den» Gesichtsfeld präsentierten Reizes verlängern sich um bis zu
100 ms. Offenbar beeinflussen die im «blinden» Gesichtsfeld prä-
sentierten Reize die Verarbeitung des im «gesunden» Gesichtsfeld
präsentierten Reizes. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sich die
zuführenden Informationswege bereits sehr früh bei der Informa-
tionsverarbeitung gegenseitig beeinflussen.
Dieses Beispiel belegt eindrücklich, wie früh die Informations-
verarbeitung beginnt, dass diese frühen Schritte vorbewusst ablau-
fen und wie spätere Verarbeitungsschritte dadurch massiv beein-
flusst werden.

Für Elise

Ich erinnere mich noch an sie, als wäre es gestern gewesen. Es war
nach meinem Diplom im Fach Psychologie Mitte der 1980er-Jahre,
und ich arbeitete mit einer Forschergruppe unter anderem in einem
Düsseldorfer Altenheim. Die alte Dame nahm an einem unserer
Experimente teil. Sie litt an Alzheimer-Demenz. Wir arbeiteten
daran, ihr die Orientierung im Altersheim zu erleichtern, indem
wir sie mit einem von uns am Computer entwickelten Lernpro-
gramm trainieren ließen. Sie konnte so am Bildschirm üben, sich
durch die Gänge des alten Gebäudes zu bewegen. Damals war das
eine größere technische Herausforderung, wir mussten alles selbst
auf einem Atari-Computer programmieren. Die grafischen Mög-
lichkeiten waren begrenzt, aber wir waren sehr zufrieden mit dem

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Das Unbewusste  49

Ergebnis. Die alte Dame war einer Versuchsgruppe zugeordnet, die


mit diesem Programm etwa dreißig Minuten am Tag übte.
Der beschriebene Versuch ist im Rahmen dieses Buches
nebensächlich. Viel wichtiger war der persönliche Kontakt zwi-
schen der Dame und mir, der sich da­­raus entwickelte. Sie war
bereits erheblich geistig eingeschränkt, und am stärksten war ihr
Gedächtnis in Mitleidenschaft gezogen. Sie erinnerte sich nicht
daran, was sie vor einer halben Stunde zu Mittag gegessen hatte.
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Zudem vergaß sie auch wichtige Teile ihrer Vergangenheit. Sie


erzählte zwar weiterhin viele Geschichten aus ihrem Leben – aber
diese Geschichten waren zum Teil völlig falsch. Sie war etwa davon
überzeugt, dass ihre Ehe kinderlos geblieben war, und das, obwohl
ihre Kinder sie regelmäßig besuchten. Sie sprach zudem häufig
davon, dass sie ein Reitergut besessen und sich mit ihrem Mann als
Pferdezüchterin betätigt hatte. Im Gespräch mit ihren Angehörigen
erfuhr ich, dass sie nie auf einem Reiterhof gearbeitet, geschweige
denn dort gelebt hatte und auch während ihres gesamten Lebens
keinerlei Bezug zu Pferden pflegte. Die Kinder erzählten mir aller-
dings mit einer gewissen Wehmut, dass ihre Mutter eine Kunst-
und Musikliebhaberin gewesen sei, die ihr Leben lang Klavier
gespielt hatte und viele Jahre sogar in mehreren Orchestern als Pia-
nistin tätig war. Ich fragte die alte Dame später mehrfach, ob sie
früher Klavier gespielt hätte, aber sie verneinte jedes Mal vehement
und betonte, dass sie eine Pferdezüchterin gewesen sei.
Diese erhebliche Diskrepanz zwischen ihrer eigenen Erinne-
rung und den von ihren Angehörigen berichteten Vorlieben und
Fertigkeiten beschäftigten mich. Schließlich hatte ich eine Idee: Im
Aufenthaltsraum des Altenheims stand ein altes und etwas schäbi-
ges Klavier. Es wurde gelegentlich genutzt, um Geburtstage musi-
kalisch zu feiern oder wenn kleine Aufführungen der benach­
barten Musikschule zur Unterhaltung der älteren Herrschaften
stattfanden. Irgendwann führte ich die alte Dame zu diesem Kla-
vier. Als sie dieses Instrument sah, konnte sie damit zunächst
nichts anfangen. Ich fragte nach dem Namen des Instruments,
aber sie wusste ihn nicht. Daraufhin setzte ich mich mit ihr vor

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50  Das Unbewusste

dieses Klavier und legte ihre Hände auf die Tasten. Das veränderte
etwas in ihr – sie begann langsam ihre Finger auf den Tasten zu
bewegen und Klavier zu spielen. Und es waren keine zufälligen
Tonfolgen, sondern sie spielte Beethovens Evergreen «Für Elise».
Zunächst spielte sie sehr zögerlich wie ein Klavierschüler, aber
bereits nach wenigen Minuten virtuos mit Gefühl und nahezu per-
fekt. Sie spielte dieses Stück mit einer Leichtigkeit, die im völligen
Kontrast zu ihrem unbeholfenen und stark eingeschränkten All-
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tagsleben stand. Sie spielte es, als ob es ihr überhaupt keine Mühe
bereiten würde. Es folgten noch ein paar weitere Musikfragmente,
bis sie unvermittelt aufstand und mir bedeutete, dass jetzt Kaffee-
zeit sei und sie gerne einen Kuchen essen würde. Wenige Minuten
nachdem sie das Klavierspiel unterbrochen hatte und wir mit einer
Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen am Tisch saßen, fragte ich
sie, was sie eben auf dem Klavier gespielt hätte. Sie teilte mir zu
meinem Erstaunen mit, dass sie meine Frage überhaupt nicht ver-
stehen würde, denn sie wisse nicht, was ein Klavier sei. Meine wei-
teren Fragen nach dem Klavierspiel und dem Instrument igno-
rierte sie völlig und wandte sich ihrem Kuchen zu.
In den nächsten Tagen wiederholte ich dieses kleine Experi-
ment mehrmals und musste feststellen, dass sie immer noch sehr
gut spielte. Sie machte zwar hier und da kleine Fehler, aber sie
spielte mehrere Musikstücke auswendig. Insbesondere «Für Elise»
schien es ihr angetan zu haben. Sie spielte es praktisch jedes Mal,
wenn sie vor dem Klavier saß. Interessant war auch, dass sie sofort
mit ihrem Spiel begann, sobald ihre Hände die Klaviertasten
berührten. Aber sie erinnerte sich nie an den Namen des Instru-
mentes oder an die Stücke, die sie spielte. Alles lief automatisch und
ohne bewusste Erinnerung ab.
Ganz ähnliche Befunde werden auch von anderen Patienten
berichtet. Der berühmteste von ihnen ist wohl der Brite Clive
Wearing.25 Wearing war ein angesehener britischer Musikwissen-

25  Clive Wearing ist recht gut auf der Wikipedia-Seite http://de.wikipedia.org/
wiki/Clive_Wearing beschrieben. Seine Frau gibt in ihrem Buch über ihren Ehe-

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Das Unbewusste  51

schaftler und ein sehr guter Pianist. Infolge einer schweren Hirn-
schädigung durch eine Hirnhautentzündung leidet er seit rund
dreißig Jahren unter einer anterograden Amnesie: Seine Gedächt-
nisspanne umfasst nur wenige Minuten, er kann sich da­­rü­ber hi­­
naus keine neuen Informationen mehr merken. Auch seine bewuss-
ten Erinnerungen an seine Vergangenheit vor der Erkrankung sind
weitest­gehend verblasst. Er erinnert sich zum Beispiel nicht, dass er
ein erfolgreicher Musikwissenschaftler und Musiker gewesen ist.
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Allerdings spielt er weiterhin sehr gut Klavier und ist auch emotio-
nal von seinem Spiel bewegt – allerdings nur, wenn er tatsächlich
spielt. Nach dem Spiel vergisst er umgehend, dass er gespielt hat. Er
verfügt, wie die alte Dame in Düsseldorf, über keine bewusste Erin-
nerung daran, dass er Klavier spielen kann oder gerade gespielt hat.
Tatsächlich können auch viele demente Patienten trotz stark
eingeschränktem Langzeitgedächtnis noch sehr gut automatisierte
Fertigkeiten durchführen. Der Neuropsychologe William Beatty26
zeigte schon in den 1990er-Jahren, dass einige Menschen trotz
starker Beschränkung ihrer bewussten Gedächtnisfähigkeiten
noch sehr gut Bridge oder Canasta spielen konnten  – beides ja
durchaus anspruchsvolle Kartenspiele mit hunderten von Regeln.
Wie ist das also möglich? Das Geheimnis all dieser Patienten war,
dass sie diese spezifischen Tätigkeiten bereits vor ihrer Demenz
intensiv praktiziert hatten. Durch das intensive Üben hatten sich
die Fertigkeiten in einem unbewussten Gedächtnissystem, dem
prozeduralen Gedächtnis, fest etabliert. Dieses bleibt im Wesent-
lichen auch bei schweren Demenzen noch erhalten. Das prozedu-
rale Gedächtnis ist ein unbewusstes Gedächtnissystem, das Fertig-
keiten und Regeln speichert. Einmal dort abgespeichert, können
die Fertigkeiten quasi automatisch und ohne große Kontrollme-

mann interessante Einblicke in den Alltag mit ihrem Ehemann. Wearing D. (2006).
Gefangen im Augenblick. Die Geschichte einer Amnesie – und einer unbesiegba-
ren Liebe. München: Goldmann.
26  Beatty, W. W., Winn, P., Adams, R. L., Allen, E. W., Wilson, D. A., Prince, J. R.
et al. (1994). Preserved cognitive skills in dementia of the Alzheimer type. Ar­­
chives of Neurology, 51(10), 1040–1046.

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52  Das Unbewusste

chanismen ablaufen. Die Aufnahme in dieses Gedächtnissystem


gelingt aber nur nach intensivem und häufigem Üben. Ich stelle
mir das prozedurale Gedächtnis gerne wie einen Programmspei-
cher vor, in dem viele Programme für diverse Fertigkeiten abge-
speichert sind. Durch einen bestimmten Außen- oder Innenreiz
angestoßen starten diese Programme und entfalten sich komplett
ohne unser bewusstes Eingreifen. Die alte Dame aus Düsseldorf
begann beim Berühren der Klaviertastatur, Klavier zu spielen.
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Sehr wahrscheinlich waren es genau die taktilen Empfindungen,


die beim Berühren des Keyboards entstanden, die in ihrem proze-
duralen Gedächtnis jene Programme abriefen.
Ein typisches Alltagsbeispiel für eine unbewusst kontrollierte
Tätigkeit ist das Steuern eines Fahrzeugs durch eine geübte Fahre-
rin oder einen geübten Fahrer. Um fehlerfrei und effizient ein Auto
durch den zum Teil dichten Verkehr in Städten oder auf Autobah-
nen zu manövrieren, müssen sehr unterschiedliche Tätigkeiten
und psychische Funktionen koordiniert und aktiviert werden.
Können Sie sich noch an Ihre ersten Fahrstunden erinnern? Die
Stunde mit dem Fahrlehrer war sicherlich sehr mühsam und hat
enorme Konzentration erfordert. Das Einlegen des Gangs, das
sachte «Kommenlassen» der Kupplung und das angemessene Her-
unterdrücken des Gaspedals waren damals besondere motorische
Herausforderungen, die Ihre ganze Aufmerksamkeit forderten.
Dann noch die Vielfalt der Außenreize: in der Stadt bei hohem Ver-
kehrsaufkommen das Fahrzeug durch den Verkehr zu führen,
dabei auf Verkehrsregeln, Fußgänger und andere Autofahrer zu
achten! Es ist völlig normal, dass man sich nach den ersten Fahr-
stunden stark erschöpft fühlt. Als erfahrener Autofahrer mit meh-
reren Jahren Übung und vielen gefahrenen Kilometern hören Sie
während des Autofahrens Musik, sprechen mit Ihrem Beifahrer,
möglicherweise essen Sie noch etwas oder telefonieren (unerlaub-
terweise) gleichzeitig unter Nutzung Ihres Handys. Menschen, die
zusätzlich jeden morgen die gleiche Strecke zur Arbeit fahren,
machen das bereits so automatisiert, dass sie hinterher befragt oft
gar keine Einzelheiten dieser Fahrt mehr erinnern können. Das

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Das Unbewusste  53

liegt daran, dass sie die gesamten Fertigkeiten des Fahrzeuglen-


kens, die Verarbeitung der Umgebungsinformationen und die sich
wiederholenden kleinen und großen Bewältigungen der Heraus-
forderungen dieser Strecke automatisiert haben.
Nicht nur Handlungsfertigkeiten, sondern auch Denkregeln
werden automatisiert. Ein typisches Beispiel ist die Grammatik
unserer Muttersprache. Wir haben unsere Muttersprache als kleine
Kinder nebenbei durch Versuch und Irrtum erworben. Auch die
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verborgenen Regeln haben wir so gelernt, und wir wenden sie kom-
plett unbewusst an. Sehr gut erkennt man die unbewusste Kenntnis
des Grammatiksystems an den lokalen Gepflogenheiten im Sprach-
gebrauch. In manchen deutschsprachigen Gegenden gerät beispiels-
weise der Gebrauch des Genitivs zunehmend in Vergessenheit, dort
wird er (fälschlicherweise) durch den Dativ ersetzt. «Der Dativ ist
dem Genitiv sein Tod»27, lautete der treffende Titel eines sehr erfolg-
reichen Buches, das sich mit diesem und vielen anderen sprach­
lichen Phänomenen beschäftigt. In diesen Regionen ist beispiels-
weise folgende grammatikalisch Formulierung geläufig: «Wegen
dem Regen gehe ich nicht auf die Straße.» Falsch, denn die Präposi-
tion «wegen» erfordert zwingend den Gebrauch des Genitivs. Es
müsste demzufolge korrekt heißen: «Wegen des Regens gehe ich
nicht auf die Straße.» Die Menschen dieser Regionen haben aber
bereits sehr früh gelernt, dass der Gebrauch des Dativs nach der
Präposition «wegen» bei ihnen die Regel ist. Entsprechend nutzen
sie den Dativ (ohne das bewusst zu tun) und sind sich sicher, dass
sie den Satz korrekt ausgesprochen haben.
Über dieses prozedurale Lernen bauen wir also eine Art «Kön-
nens-Gedächtnis» auf. Wir vermuten heute, dass dieses Gedächtnis
enorm leistungsfähig und umfangreich ist, dass wir also mehr kön-
nen, als wir wissen. Fakt ist, dass wir auf dieses prozedurale Wissen
ständig zugreifen, insbesondere dann, wenn wir in Routinetätigkei-
ten eingebunden sind. Aus diesem Grunde wird in vielen Berufen

27  Sick, B. (2005). Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod – Neues aus dem Irrgarten
der deutschen Sprache. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

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54  Das Unbewusste

sehr viel Wert auf die Könnerschaft und den Aufbau der Routine
gelegt. Die Meister ihres Fachs greifen routiniert auf die unbewuss-
ten Lösungsalgorithmen zurück und können diese auch in schwie-
rigen Situationen anwenden. Erinnern wir uns an US-Airways-Flug
1549: Am 15. Januar 2009 startete die Maschine, ein zweistrahli-
ger Airbus A320, gegen 15.30 Uhr vom Flughafen LaGuardia in
New York. Noch im Steigflug kollidierte die Maschine mit einem
Schwarm Kanadagänse, was zu einem Schubverlust in beiden Trieb-
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werken führte. Das Flugzeug befand sich dabei auf knapp 1000
Meter Höhe, mitten über dem New Yorker Stadtteil Bronx. Inner-
halb von Sekunden entschied sich der Pilot Chesley Burnett Sullen-
berger dazu, auf dem Hudson River notzuwassern. Eine Notlandung
auf dem Flughafen Teterboro hatte Sullenberger zuvor instinktiv
verworfen: «Wir schaffen es nicht.» Der Pilot steuerte zwischen
1973 und 1980 bei der U. S. Air Force Jagdflugzeuge, danach flog er
Passagiermaschinen. Er verfügte also über mehr als dreißig Jahre
Erfahrung als Pilot. Sicherlich trug das erheblich dazu bei, dass ihm
jene Meisterleistung gelang, nämlich das Flugzeug auf dem Fluss
aufzusetzen, ohne dass es von den enormen Kräften aus­ei­nan­der­
gerissen wurde. Aber auch die direkt anschließende Rettungsaktion,
an der verschiedene Fähren, die auf dem Hudson verkehrten, betei-
ligt waren, wurde durch stark eingeübtes Verhalten ermöglicht.
Bereits vier Minuten nach dem Aufprall auf dem Wasser war die
erste Fähre beim havarierten Flugzeug angekommen. Der Kapitän
einer Fähre berichtete später über diese ungewöhnliche Rettungsak-
tion, bei der alle Passagiere und Crewmitglieder geborgen werden
konnten: «Wir trainieren die Rettung auf dem Wasser so oft, dass
wir nicht wirklich da­­rü­ber nachdenken mussten. Ich musste meiner
Mannschaft keinen einzigen Befehl geben.»
Der Leser wird sich nun zu Recht fragen, ob es nicht sinnvoll
wäre, den größten Teil unseres Wissens prozedural zu erwerben,
um dann jederzeit zu schnellen und effizienten Entscheidungen zu
gelangen. Das Prob­lem des prozeduralen Lernens besteht darin,
dass es sehr langsam aufgebaut wird und sehr viele Wiederholun-
gen für die Vervollkommnung benötigt. Dazu haben wir nicht

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Das Unbewusste  55

immer die notwendige Zeit. Zudem benötigen wir angemessene


Modelle, die für die gesamte Zeit des Einübens stabil zur Verfügung
stehen. Sind die Modelle ineffizient, dann wird auch der Lernerfolg
entsprechend ineffizient sein. Aber trotz dieser Nachteile ist das
prozedurale Lernsystem natürlich eine absolut erstaunliche Leis-
tung unseres Gehirns!
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Wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste

Wenn ich mir meine abendlichen Besuche im Supermarkt vor


Augen führe, dann frage ich mich immer wieder, wie es mir gelingt,
in so kurzer Zeit diese vielen Kaufentscheidungen zu treffen. Sicher,
ich habe oft unaufschiebbare Einkäufe zu tätigen: Ich muss Brot für
das Abendessen kaufen, dazu Aufschnitt, Butter, Marmelade und
noch etwas Milch. Dann brauche ich gelegentlich noch Shampoo,
Zahnpasta und Rasiercreme. Das klingt alles sehr logisch, vielleicht
sogar vernünftig, denn all diese Produkte benötige ich von Zeit zu
Zeit wirklich. Ich kaufe allerdings nicht irgendeine Butter, Mar-
melade oder Zahnpasta, sondern jeweils bestimmte Marken. Aber
warum wähle ich jeweils gerade diese spezifische Marke? Beruht
die Entscheidung für eine bestimmte Marke auf bewussten Denk-
prozessen? Wäge ich Preise und Leistungen der verschiedenen
Marken sorgfältig gegeneinander ab und entscheide mich dann für
das Produkt, das das beste Preis-Leistungs-Verhältnis verspricht?
Nein, das tue ich im Trubel des abendlichen Einkaufs sicher nicht.
Aber wer oder was entscheidet dann über meinen Einkauf?
Die bewussten Anteile meiner Entscheidungen dürften sich
im Supermarkt eher in Grenzen halten. Eigentlich handele ich
dort, wie wohl die meisten von uns, aus Gewohnheit und wähle
die Produkte, die ich schon häufig gewählt habe. Aber ist das nicht
vollkommen rational, denn diese Entscheidungen sind mit einem
geringen Risiko und geringen Kosten verbunden? Insofern wäre
das bewusste Abwägen von Alternativen nicht wirklich sinnvoll
und notwendig. Bei komplexen Entscheidungen, zum Beispiel

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56  Das Unbewusste

beim Kauf eines Hauses, eines Autos oder vor einer Heirat, sollten
hingegen langwierige und bewusste Entscheidungsprozesse zum
Einsatz kommen. Denn gerade dann geht man höhere Risiken ein,
und etwaige Fehlentscheidungen sind mit höheren Kosten verbun-
den. Aber ist es wirklich so, dass das Bewusste eher bei wichti-
gen Entscheidungen ins Spiel kommt? Sigmund Freud, der bereits
erwähnte Begründer der Psychoanalyse und «Entdecker» des Un­­
bewussten, sagte hierzu: «Wenn ich eine unwichtige Entscheidung
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treffen muss, halte ich es für sinnvoll, alle Vor- und Nachteile abzu-
wägen. Bei sehr wichtigen Entscheidungen jedoch muss die Ent-
scheidung aus dem Unbewussten kommen, aus etwas in uns
selbst.» Aber auch schon Johann Wolfgang Goethe formulierte
einen ähnlichen Einwand: «Wer lange bedenkt, der wählt nicht
immer das Beste.» Das klingt alles sehr paradox: Sind wir Men-
schen nicht gerade stolz auf unsere Fähigkeit, rational und nach
objektiven Kriterien bewusst zu entscheiden? Was sagt die Wis-
senschaft zu dem Einfluss unbewusster Prozesse auf unsere Ent-
scheidungen?
Der niederländische Psychologe Ap Dijksterhuis ist Spezialist
für unbewusste Entscheidungen. In den vergangenen zehn Jahren
hat er eine Serie von hochinteressanten Experimenten zur mensch-
lichen Entscheidungsfindung in realen Situationen publiziert. Er
wurde zu seinen Experimenten inspiriert, nachdem er sich eines
Tages – recht spontan – für den Kauf einer bestimmten Wohnung
entschieden hatte. Später erging es ihm, wie es wohl schon vielen
von uns ergangen ist: «Ich hatte innerhalb von fünf Minuten eine
Wohnung gekauft. Abends überfielen mich dann Zweifel  …».28
Inzwischen betreibt Dijksterhuis das Unconscious Lab an der Uni-
versität von Nijmegen in den Niederlanden. Im Grunde treiben ihn
dabei drei grundsätzliche Fragen an: «What can we do uncon-
sciously? How sophisticated is the unconscious? Do we really need
consciousness, and if so, what does it do?» Also auf Deutsch: Was

28  Dijksterhuis, A. (2010). Das kluge Unbewusste: Denken mit Gefühl und Intu-
ition. Klett-Cotta.

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Das Unbewusste  57

können wir unbewusst durchführen? Wie differenziert ist das


Unbewusste? Benötigen wir wirklich das Unbewusste –und wenn
ja, was macht es für uns?
In einem seiner Experimente mussten die Teilnehmer vier fik-
tive Wohnungen bewerten. Jede Wohnung wurde ihnen mit jeweils
zwölf Merkmalen beschrieben. Also mussten die Probanden 48
Informationseinheiten verarbeiten. Drei Wohnungen waren durch
jeweils fünf positive und sieben negative Merkmale charakterisiert,
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aber eine Wohnungsbeschreibung war insgesamt positiver, denn


sie umfasste acht positive und nur vier negative Eigenschaften.
Diese Merkmale wurden den Probanden schnell hintereinander
präsentiert und anschließend wurden sie aufgefordert, sich für eine
Wohnung zu entscheiden. Die Versuchsteilnehmer waren per Zu­­
fall drei Gruppen zugeteilt. Bis dahin erging es allen Teilnehmern
gleich. Doch dann wurden die Gruppen unterschiedlich instruiert:
Teilnehmer der Gruppe 1 wurden aufgefordert, eine schnelle Ent-
scheidung zu treffen (schnelle Entscheider); den Teilnehmern der
Gruppe 2 wurden einige Minuten Bedenkzeit eingeräumt, in denen
sie bewusst über ihre Entscheidung nachdenken sollten (bewusste
Denker); die Teilnehmer der Gruppe 3 sollten hingegen gar nicht
über ihre Entscheidung nachdenken, sondern bekamen die Auf-
gabe, vor der Entscheidung ein Puzzle zu lösen (unbewusste Ent-
scheider beziehungsweise unbewusste Denker). Das erstaunliche
Ergebnis dieses Experimentes: Gerade die letzteren, also die unbe-
wussten Denker, trafen die besseren Entscheidungen und wählten
am häufigsten die Wohnung mit den meisten positiven Eigenschaf-
ten.29 Die paradoxe Schlussfolgerung lautet also: Ablenkung vor
der Entscheidung ist hilfreich bei der Wahl der richtigen Ent-
scheidung! Zuviel bewusstes Nachdenken lenkt offenbar von den
wesentlichen Merkmalen ab.
Die Wissenschaftler haben hier natürlich ein Experiment ent-
worfen, das Entscheidungsprozesse lediglich simuliert. Die Ver-

29  Dijksterhuis, A. (2004). Think different: the merits of unconscious thought in


preference development and decision making. J Pers Soc Psychol, 87(5), 586–598.

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58  Das Unbewusste

suchspersonen sollten zwar die Wohnungen anhand der genann-


ten Merkmale bewerten, aber die Teilnehmer wollten diese
Wohnungen nicht wirklich kaufen oder mieten. Insofern blieben
ihre Entscheidungen ohne Konsequenzen. Wie hätten sich die
Probanden verhalten, wenn sie wirklich damit konfrontiert gewe-
sen wären, einen Miet- oder Kaufvertrag unterschreiben zu müs-
sen? Leider wissen wir das nicht. Aber dieses Experiment zeigt
trotzdem eindrücklich, dass in dieser speziellen experimentellen
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Situation unbewusste Entscheidungen stattfinden. Ap Dijksterhuis


spricht ausdrücklich von Prozessen, die im Verborgenen ablau-
fen und unsere Entscheidungen vorbereiten – also unbewuss-
ten Denkprozessen. Und eine weitere interessante Frage, mit der
sich die Forscher beschäftigten, lautet: Sind bei komplexeren Ent-
scheidungen nicht bewusste Entscheidungsprozesse doch den
unbewussten überlegen? Schließlich gilt es ja, eine bestimmte
Menge an Informationen zu verarbeiten und miteinander in Rela-
tion zu setzen.
Entscheidungen sind umso komplexer, je mehr Merkmale uns
als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung stehen. Beim Autokauf
stehen Sie wahrscheinlich am Ende oft vor der Wahl zwischen zwei
Modellen. Differieren diese nur anhand von zwei Merkmalen, etwa
der Motorleistung und dem Verbrauch, dann stehen Sie vor einer
Entscheidung, die deutlich weniger komplex ist, als wenn Sie sich
zwischen zwei Autos zu entscheiden haben, die sich in zwölf oder
mehr Merkmalen unterscheiden. Dijksterhuis hat auch hierzu ein
cleveres Experiment durchgeführt. Ähnlich wie in der oben darge-
stellten Studie wies er die Versuchspersonen zufällig den drei Grup-
pen zu: schnelle Entscheider, bewusste Denker und unbewusste
Denker. Alle Versuchspersonen sollten sich zwischen vier fiktiven
Autos entscheiden, die sich anhand von vier, acht oder zwölf Merk-
malen unterschieden. Das Ergebnis: Nur bei den einfachen Ent-
scheidungen anhand von lediglich vier Merkmalen erzielten die
bewussten Denker bessere Ergebnisse als die beiden anderen Grup-
pen, während bei den komplexen Entscheidungen die unbewussten
Denker bessere Ergebnisse als die beiden anderen Gruppen erziel-

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Das Unbewusste  59

ten.30 In anderen Worten: Gerade bei komplexen Entscheidungen


scheinen unbewusste Entscheidungsprozesse den bewussten über-
legen zu sein!
Dijksterhuis kommt aufgrund seiner Befunde also zu dem
Schluss, dass wir nicht nur unbewusst denken können, sondern
dass das unbewusste Denken durchaus effektiv sein kann. Man
kann zwar mithilfe bewusster Prozesse sehr genaue Analysen
durchführen, aber diese Prozesse sind störanfällig. Bewusstes Den-
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ken benötigt kognitive Kapazitäten – und die sind nun mal begrenzt.
Bewusst können wir nur relativ wenige Informationen simultan
oder kurz nacheinander bearbeiten. Außerdem laufen wir Gefahr,
unsere bewussten Denkprozesse durch eigene Interpretationen
einzufärben. Unbewusste Denkprozesse dagegen sind nicht so
stark kapazitätsbeschränkt. Warum ist das so? Übernimmt das
Unbewusste eine relative Gewichtung der Einzelmerkmale der zu
beurteilenden Aspekte, dann erfolgt diese Gewichtung schnell und
präzise. Denn dabei kommen die im prozeduralen Gedächtnis
gespeicherten Informationen zum Tragen, die durch die unbewusst
aufgenommenen Kontextinformationen aktiviert werden und zum
unbewussten Denkprozess beitragen.
Wir hatten ja bereits im vorigen Kapitel gelernt, dass unbe-
wusste Prozesse (wir haben sie als prozedurale Prozesse bezeich-
net) automatisch ablaufen. Das bedeutet, dass sie keine Aufmerk-
samkeit und keine energieraubenden Kontrollprozesse benötigen.
Diese prozeduralen Abläufe finden einfach statt. Wenn sie gut ein-
geübt sind, dann sind sie auch leistungsfähig. Etwas Ähnliches
spielt sich auch bei unbewussten Entscheidungen ab. Sie sind
mühelos, weil sie keiner Aufmerksamkeit und keiner aufwändigen
Kontrolle bedürfen. Weil sie auch wenig begleitenden Kontrollauf-
wand erfordern, sind sie zudem weniger störanfällig. Unbewusste

30  Dijksterhuis, A., Bos, M. W., Nordgren, L. F. & van Baaren, R. B. (2006). On
making the right choice: the deliberation-without-attention effect. ­ Science,
311(5763), 1005–1007.

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60  Das Unbewusste

Entscheidungen können demzufolge in bestimmten Situationen


den bewussten deutlich überlegen sein.
Hier stellt sich aber eine ganz grundsätzliche Frage: Wenn wir
also unbewusst denken und aufgrund dieses Denkprozesses zu
Entscheidungen gelangen, verfügen wir in solchen Situationen
unbewussten Entscheidens eigentlich noch über einen freien Wil-
len? Philosophisch betrachtet ist dies eine ganz zentrale Frage,
denn ohne freien Willen ist auch die Verantwortung des Menschen
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für sein Handeln zumindest zweifelhaft. Und tatsächlich: Der freie


Wille scheint bei unbewussten Entscheidungen nicht wirksam zu
sein. Allerdings lassen sich direkt ein paar Hinweise finden, wo der
freie Wille hier doch eingreift: Wir können uns beispielsweise
bewusst entscheiden, unsere unbewussten Entscheidungen wirk-
sam werden zu lassen. Und um auf das Experiment von Ap
Dijksterhuis zurückzukommen: aus freiem Willen ließen sich die
Versuchspersonen da­­rauf ein, in einer der drei Gruppen mitzu-
wirken. Wir könnten zudem argumentieren, dass die kognitiven
Grundlagen für die unbewussten Denkprozesse mit Sicherheit
auch durch freie Willensentscheidungen zustande gekommen
sind, zumindest teilweise. Denn wie im vorherigen Kapitel darge-
stellt, werden die unbewussten Denkprozesse durch Informatio-
nen geleitet, die im prozeduralen Gedächtnis gespeichert sind. Wir
werden auf die Problematik des freien Willens noch einmal an
anderer Stelle zurückkommen – wenn wir uns mit den vermeint-
lich bewussten Entscheidungen auseinandersetzen.

Lache und die halbe Welt lacht mit dir

Ich würde sie gerne animieren, einen kleinen Selbstversuch durch-


zuführen. Am besten führen Sie das Experiment aber dort durch,
wo man sie nicht kennt. Das hilft ein wenig, die Scheu abzulegen.
Suchen Sie sich einen Ort, an dem sie viele unterschiedliche Men-
schen antreffen. Große, starke frequentierte Plätze in den Innen-
städten, in einem Geschäftsviertel zur Mittagszeit oder in einer

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Das Unbewusste  61

Fußgängerzone sind perfekt für diesen Versuch. Und das ist Ihre
Aufgabe: Gehen Sie über den Platz und lächeln Sie die ihnen ent­
gegenkommenden Menschen an  – möglichst ehrlich, offen und
direkt. Sie werden feststellen, dass viele – wahrscheinlich rund die
Hälfte  – der Passanten mit einem ähnlichen Lächeln reagieren.
Warum bin ich davon so überzeugt, dass so viele Menschen da­­rauf
spontan freundlich reagieren werden?
Tatsächlich hat das bereits eine Forschergruppe untersucht.
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Ihr Bericht da­­rü­ber trägt den schönen Titel «Smile and (half) the
world smiles with you, frown and you frown alone» und erschien in
der angesehenen Zeitschrift Personality and Social Psychology Bul-
letin.31 Verlin B. Hinsz und Judith Tomhave, zwei Psychologen von
der North Dakota State University in den USA, konnten für ihre
Studie 76 Studenten gewinnen. Die Studenten wurden jeweils zu
zweit durch die Innenstadt von Fargo geschickt und hatten dabei
den Auftrag, per Zufall die ihnen entgegenkommenden Passan-
ten anzulächeln (smile), ein neutrales Gesicht zu präsentieren oder
die Stirn zu runzeln (frown). Das Runzeln der Stirn wird im Allge-
meinen als ein eher unangenehmer Gesichtsausdruck (finsterer
Blick) interpretiert und gilt als Zeichen der Missbilligung. Ein Stu-
dent ging voran und zeigt einen der drei Gesichtsausdrücke. Der
zweite Student lief einige Meter hinter dem ersten und notierte
den Gesichtsausdruck, den der Passant als Antwort zeigte. Die Ver-
suchsleiter hatten die Studenten vorab intensiv darin trainiert, ent-
weder die Gesichtsausdrücke so perfekt wie möglich zu zeigen oder
die Gesichtsreaktionen der visuell angesprochenen Passanten
schnell und zutreffend zu registrieren.
Die Studenten besuchten öffentliche Plätze wie Einkaufszent-
ren, Büchereien und Boulevards. Insgesamt haben sie insgesamt
1095 Personen so «angesprochen». Das Resultat war, dass mehr
als die Hälfte der angelächelten Passanten zurücklächelte (exakt

31  Hinsz, V. B. & Tomhave, J. A. (1991). Smile and (half) the world smiles with
you, frown and you frown alone. Personality and Social Psychology Bulletin,
17(5), 586–592.

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62  Das Unbewusste

52 Prozent), während nur etwa zwei Prozent der angelächelten Pas-


santen die Stirne runzelten und somit einen Gesichtsausdruck der
Missbilligung zeigten. Interessant ist auch, dass Stirnrunzeln von
nur etwa sieben Prozent der Personen erwidert wurde. Fast 14 Pro-
zent der so angesprochenen Personen lächelten den stirnrunzeln-
den Studenten sogar an!
Insgesamt zeigt diese Studie also, dass Lachen offenbar anste-
ckend ist, und es uns leicht fällt, ein Lachen zu erwidern. Denn
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schauen wir in ein missmutiges Gesicht, sind wir weniger geneigt,


mit einem identischen Gesichtsausdruck zu reagieren. Aber sind
diese Reaktionen auch bewusste Entscheidungen?
Tatsächlich können wir diese Frage mit hoher Zuverlässigkeit
beantworten. Dazu müssen wir uns die Lachreaktion im Labor
etwas genauer anschauen. In einigen Untersuchungen wurden den
Versuchspersonen Elektroden auf die Gesichtsmuskulatur geklebt.
Der entscheidende (aber natürlich bei Weitem nicht der einzige)
Gesichtsmuskel beim Lächeln ist der Musculus zygomaticus. Wenn
sich dieser Muskel kontrahiert, dann werden die Mundwinkel nach
oben gezogen  – und erzeugen den Gesichtsausdruck, den wir als
Lächeln oder Lachen empfinden. Mithilfe von Oberflächenelek­­
troden, die auf der Haut aufgebracht werden, können die Wissen-
schaftler bereits die kleinsten Aktivitäten dieses Muskels entdecken,
sogar noch bevor es zu einer äußerlich erkennbaren Veränderung
der Mundstellung kommt. In anderen Worten: Mit dieser Mess­
methode ist es möglich, exakt den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem
die Lachreaktion am «Lachmuskel» eingeleitet wird.
Unter Verwendung dieser Technik haben verschiedene Unter-
suchungen gezeigt, dass bereits rund 500 Millisekunden nach dem
Betrachten eines lachenden Gesichtes der Lachmuskel aktiv wird.
Das bedeutet, dass einem spontanen Lächeln auf keinen Fall
umfangreiche Denk- und Entscheidungsprozesse vorausgehen kön-
nen! Versetzten wir uns jetzt noch mal in die Situation der Passan-
ten in Fargo, North Dakota. Eine bewusste Reaktion auf die lächeln-
den Studenten wäre enorm aufwendig. Wir müssten zunächst den
Gesichtsausdruck bewusst registrieren, uns dann fragen, warum wir

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Das Unbewusste  63

angelächelt würden, und dann Überlegungen anstoßen, wie wir nun


zu reagieren gedenken. Wir würden dabei vielleicht abwägen, wie
sympathisch oder gar attraktiv unser Gegenüber ist, möglicherweise
würden wir sogar Überlegungen da­­rü­ber anstellen, welche Kon-
sequenzen das Zurücklachen auslösen könnte. Zusammengefasst
wären dies alles komplexe Denk- und Entscheidungsprozesse, die
mindestens einige Sekunden Zeit in Anspruch nehmen würden –
und damit deutlich zu lange, um auf einen möglicherweise interes-
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santen Sozialpartner schnell und positiv zu reagieren, denn dieser


wäre inzwischen längst an uns vorübergegangen. Offenbar verfügt
der Mensch hier über ein schnelleres unbewusstes Reaktionssys-
tem, das zumindest teilweise automatisch eine Reaktion auslöst.
Tatsächlich besteht dieses Reaktionssystem tatsächlich aus evolutio-
när uralten Hirnstrukturen. Doch dazu gleich mehr.
Wie wir bereits gesehen haben, können wir mit der funktionel-
len Magnetresonanztomographie Durchblutungsveränderungen
im Gehirn räumlich sehr genau auch in tief verborgenen Hirn-
strukturen nachvollziehen – und zwar während des Durchführens
verschiedener Aufgaben oder während der Wahrnehmung. Die
Versuchspersonen liegen in einem Magneten mit hoher Magnet-
feldstärke. Da es sich um starke Magnetfelder handelt, müssen
komplizierte Apparaturen verwendet werden, um psychologische
Experimente mit den im Tomographen liegenden Probanden
durchzuführen. Die Methode ist zwar aufwändig, lieferte aber in
den vergangenen zwanzig Jahren enorm wichtige Einsichten in die
Funktionsweise unseres Gehirns.
In den Experimenten, die ich jetzt kurz darstellen werde,
betrachteten die Probanden im Tomographen über ein Spiegelsys-
tem einen Bildschirm, auf dem nacheinander unterschiedliche
Gesichter dargestellt wurden.32 Nach jeder Bildpräsentation soll-
ten die Versuchspersonen auf einer vor ihnen angebrachten Tasta-

32  Cloutier, J., Heatherton, T. F., Whalen, P. J. & Kelley, W. M. (2008). Are attrac-
tive people rewarding? Sex differences in the neural substrates of facial attractive-
ness. Journal of Cognitive Neuroscience, 20, 941–951.

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tur das Gesicht als sympathisch, neutral oder unsympathisch ein-


schätzen. Der Bildschirm zeigte entweder ein lachendes Gesicht
oder ein Gesicht mit neutralem Gesichtsausdruck. Während der
Präsentation der Gesichter maßen die Wissenschaftler die Durch-
blutungsänderungen im Gehirn und konnten dabei feststellen, dass
vor allem bei der Präsentation lächelnder Gesichter die Durchblu-
tung in einem evolutionär alten Hirngebiet deutlich zunahm.
Dieses Hirngebiet, von den Neuroanatomen Nucleus accum-
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bens genannt, wird gelegentlich etwas vereinfachend und plakativ


auch «Lustzentrum» oder «Belohnungszentrum» genannt. Es ist
immer dann aktiv, wenn wir belohnt werden, Attraktives betrach-
ten, wir Freude empfinden, beim Hören bestimmter Musik ein
Gänsehautgefühl entwickeln oder etwa essen, was uns sehr mun-
det. Man könnte nun vermuten, dass diese neurophysiologischen
Reaktionen im Lustzentrum biologisch fest vorprogrammiert sind.
Aber das ist keineswegs der Fall, denn was wir als belohnend emp-
finden, hängt direkt von unserer Erfahrung und damit von der
spezifischen Welt ab, in der wir leben. Wenn Sie zwei Wochen
gefastet haben, wird Ihnen ein Schwarzbrot mit Butter wie ein
Geschenk des Himmels vorkommen. Wenn Sie ständig in hervor-
ragenden Restaurants speisen, kann Ihnen mit der Zeit ein hervor-
ragend zubereiteter Coq au Vin de Bourgogne fade schmecken. Wir
gewöhnen uns also sehr schnell an die belohnungsauslösenden
Speisen. Dieses sich offenbar wandelnde Reaktionsmuster ist ver-
einbar mit dem aus der Verhaltensbiologie bekannten Prinzip der
doppelten Quantifizierung – bei einer angeborenen Reaktion (eine
«Instinkthandlung») haben prinzipiell zwei Größen Anteil am
Zustandekommen der Reaktion (und deren Stärke): einerseits der
Reiz beziehungsweise die Stärke des Reizes und andererseits die
innere Bereitschaft des betreffenden Lebewesens. Wenn Sie bereits
großen Hunger haben, dann ist Ihre innere Bereitschaft, Nahrung
aufzunehmen, sehr groß, und es reichen schon leichte Nahrungs-
reize aus, um Ihren Hunger weiter zu verstärken. Sind Sie gesättigt
oder gar übersättigt, dann benötigen Sie wesentlich attraktivere
Reize, damit Ihr Hunger erneut geweckt wird. Wie sich solche

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Das Unbewusste  65

möglicherweise angeborenen und biologisch vorgegeben Reakti-


onsmuster durch Erfahrung ändern können, zeige ich Ihnen im
nächsten Kapitel.

Von Weinkennern und Weinlaien

«Rheinwein stimmt mich immer weich und löst jedes Zerwürfnis.»


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(Heinrich Heine)

Wenn ich gelegentlich Weinbeschreibungen in entsprechenden


Fachbüchern und Weinführern lese, dann beschleicht mich immer
ein leiser Zweifel: Da ist von «fruchtbetonter Nase» oder «Kirsch-
noten auf der Zunge» die Rede oder auch von einem «eleganten
Abgang». Ich frage mich, ob diejenigen, die das schrei­ben oder
sagen, tatsächlich wirklich wissen, was sie da schmecken. Gelegent-
lich habe ich durchaus den Eindruck, dass es bei Tischgesellschaf-
ten deutlich wichtiger ist, über den Wein zu reden als ihn zu genie-
ßen. Ich bin überzeugt, dass man mit einigen der eingängigen
Floskeln auf jeder Party als Weinkenner bestehen kann: Was für ein
duftiges Bukett! Der Wein ist mir im Abgang zu holzig. Welch ein
ausgewogenes Cuvée! Oder der Klassiker, der jeden Kellner zur
Verzweiflung bringt: Kann es sein, dass der Wein korkt?
Ich will nicht abstreiten, dass diese Phrasen für einen Wein-
kenner durchaus Sinn machen können. Ich bin auch sicher, dass
Kenner die Weinqualität erkennen und auch gegebenenfalls mit
den oben aufgeführten Formulierungen gut beschreiben können.
Aber trotzdem ist die Weinbewertung derart schwierig, und auch
herausragende Weinkenner sind sich in der Beurteilung der edlen
Tropfen oft uneins. Vielleicht denken Sie jetzt, dass ich lediglich ein
dilettantischer Banause bin. Aber selbst wenn ich ein Weinbanause
bin, erhalte ich im Hinblick auf die Subjektivität der Weinbeurtei-
lung Unterstützung aus der Wissenschaft! Meine Kollegen Michael
Siegrist und Marie-Eve Cousin führten ein eindrückliches Experi-

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66  Das Unbewusste

ment an der ETH in Zürich durch.33 163 Testpersonen kamen in


den Genuss, den von Weinkennern hochgelobten Clos de Los Siete
aus Argentinien (Jahrgang 2006) zu verkosten. Über diesen Wein
kann man Folgendes lesen: «Blaubeeren, Cassis und Orangenzeste
im facettenreichen Bukett, ergänzt durch schwarze Schokolade und
einen Touch marokkanischer Minze. Elegant und weich fließend
am Gaumen, nebst viel schwarzer Beerenfrucht nun auch eine
deutliche Würze, schwarzer Pfeffer, dann auch Lakritze und Kakao-
UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich / 89.206.112.10 (2021-07-25 11:12)

noten; sehr sanfte, reife Tannine, insgesamt mit viel Temperament


und Ausdruckskraft ausgestattet; langanhaltendes, sehr präzises
Finale.» Vom Weinkritiker Robert Parker erhielt er eine sehr hohe
Bewertung (92 von 100 Punkten).
Die Zürcher Wissenschaftler wollten nun genauer wissen, was
diese Vorabinformation mit den Verkostern anstellt: Dazu unterteil-
ten sie die Teilnehmer in fünf Gruppen, die alle in unterschiedlicher
Weise über die Bewertung dieses Weines unterrichtet wurden. Der
ersten Gruppe wurde vor der Verkostung die korrekte hohe Punkt-
zahl mitgeteilt. Sie wurde also positiv über diesen Wein informiert.
Den Teilnehmern der Gruppe zwei erklärten die Wissenschaftler
(ebenfalls vor der Verkostung), dass dieser Wein nur 72 Parker-
Punkte erhalten hätte  – eine deutlich negativere Bewertung. Die
Gruppen drei und vier informierten die Wissenschaftler erst nach
der Verkostung, aber bevor sie ihre Bewertung abgaben – die dritte
Gruppe wiederum korrekt, die vierte Gruppe falsch. Die letzte
Gruppe diente als Kontrollgruppe, das heißt, diese Teilnehmer
erhielten überhaupt keine Informationen. Das Ergebnis war deut-
lich: Gruppe eins bewertete den Wein signifikant besser als Gruppe
zwei. Die positive beziehungsweise angeblich negative Bewertung
des prominenten Weinkritikers hat die eigene Bewertung der Teil-
nehmer also deutlich beeinflusst. Und der Zeitpunkt der Informa-
tion zeigte ebenfalls Wirkung: «Wer vor der Probe wusste, dass der
Wein mit 92 Parker-Punkten bewertet wurde», berichteten die For-

33  Siegrist, M. & Cousin, M. E. (2009). Expectations influence sensory experi-


ence in a wine tasting. Appetite, 52(3), 762–765.

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Das Unbewusste  67

scher, «fand den Wein zudem besser als derjenige, der die Bewer-
tung erst nach dem Probieren erfuhr.» Auch in anderer Hinsicht
wirkte sich die Vorbeeinflussung aus: Die Teilnehmer sollten auch
angeben, wie viel sie bereit wären, für eine Flasche dieses Weins zu
bezahlen: Für den vermeintlich schlechter bewerteten Wein wollten
sie anschließend auch deutlich weniger ausgeben. Die Wissen-
schaftler geben deshalb allen Restaurantbesitzern einen Tipp: «Man
sollte den Wein immer vor dem Verkosten loben.»34 Ich bin sicher,
UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich / 89.206.112.10 (2021-07-25 11:12)

dass ein solches Vorablob die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gast sich
dennoch beschwert, erheblich senkt.
Die Vorinformation ist hier offenbar von herausragender
Bedeutung für die nachfolgende Geschmacksbewertung. Die Be­­
wertung wird sozusagen wie durch eine Weiche auf ein bestimmtes
Gleis gelenkt. Kein Wunder also, dass ein Rheinländer eher eine
Neigung zu Wein aus dem Rheinland hat, während ein Württember-
ger eher die Weine aus Württemberg präferiert. Für den Württem-
berger gilt demzufolge der Aphorismus von Friedrich Schiller: «Ein
Württemberger ohne Wein, kann der ein Württemberger sein?» –
und nicht jener, den ich eingangs dieses Kapitels erwähnt habe.
Vorinformationen wirken also wie eine Weiche und beeinflus-
sen massiv die nachfolgenden Beurteilungen. Sie können dabei
explizit und bewusst wie im erwähnten Versuch vermittelt werden.
Häufig haben sie sich aber bereits seit Langem etabliert und ver­
festigt, so dass sie unbewusst wirken. Solche prozeduralisierten
Vorinformationen formen unsere Präferenzen und Antipathien
hinsichtlich Speisen, Marken, Menschen, Kulturen, Landschaften,
Musikrichtungen, Literatur, Sprachen – ja, eigentlich hinsichtlich
aller Kulturreize. Musikstücke, die wir lieben, erzeugen Aktivie-
rungen im Lustzentrum. Musikstücke, die wir nicht mögen, rufen
dagegen Aktivierungen im Mandelkern hervor, der ja  – wie wir
oben gesehen haben – immer aktiv ist, wenn wir mit etwas Unan-
genehmem umgehen müssen.

34  Siehe auch http://www.ethlife.ethz.ch/archive_articles/090804_winetasting_


su/index

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68  Das Unbewusste

Diese gelernten und sich unbewusst entfaltenden Aktivierun-


gen im Lustzentrum und im Mandelkern sind wahrscheinlich der
Schlüssel für das Verständnis vieler kulturell bedingter Verhaltens-
weisen und Eigenheiten der Menschen. Sie führen zu erheblichen
Verhaltensunterschieden, die wir bewusst nicht vollständig begrei-
fen können, aber die in uns verborgene Kräfte wecken, denen wir
nur schwerlich widerstehen können. Einige Beispiele: Auch ver-
meintlich «vernünftig» denkende Menschen werden bei der Fuß-
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ballweltmeisterschaft auf einmal Patrioten, obwohl sie mit Fußball


eigentlich gar nichts am Hut haben. Düsseldorfer trinken lieber
Altbier und Kölner dafür Kölsch? Schotten lieben Haggis, Pfälzer
Saumagen, Kieler Sprotten, Bayern Weißwürste und Norweger
Stockfisch. Dem Anhänger einer Partei leuchtet das Statement
eines Angehörigen seiner Partei eher ein als das Statement eines
Mitgliedes der oppositionellen Partei. Passiert all dies aus logischen
Gründen? Wir können sicher ex post facto alle unsere Präferenzen
so interpretieren, als ob wir rationale Gründe dafür hätten. Nur ist
dem wahrscheinlich nicht so.
––––––
Ich konnte Ihnen also zeigen, dass in unserem Gehirn unbewusste
Wahrnehmungen, Entscheidungen und Lernprozesse stattfinden.
Begonnen haben wir mit einem Experiment, das seinerzeit einen
erheblichen medialen Aufruhr verursachte und das von einigen
Chronisten bis heute als «Atombombe der Psychologie» bezeichnet
wird. Der Marketingfachmann James Vicary gab vor, mit der unter-
schwelligen Präsentation von Werbebotschaften und Befehlen
beim Betrachter gezielt Bedürfnisse erwecken zu können. Bereits
die Idee, dass unser Verhalten durch unterschwellige Wahrneh-
mungen beeinflusst werden könnte, rüttelt gewaltig an einer zent-
ralen Grundüberzeugung der Menschen  – der Freiheit unseres
Willens, jener Freiheit, unser eigenes Leben und Verhalten selbst
bestimmen zu können. Wenn es prinzipiell möglich ist, uns unbe-
wusst zu beeinflussen, wo bleibt dann der freie Wille? Aber obwohl
die Experimente von James Vicary wahrscheinlich nie so stattge-

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Das Unbewusste  69

funden haben, wie er es selbst behauptet hat, machen neuere se­­


riöse Erkenntnisse deutlich, dass unser Gehirn durchaus unbe-
wusst stimuliert werden kann. Und das hat massive Auswirkungen
und verändert unser Verhalten, unser Denken und vor allem unsere
Entscheidungen. Zudem nimmt das menschliche Gehirn nicht nur
unbewusst Dinge wahr, es ist auch in der Lage, unbewusst zu ler-
nen. Beim sogenannten prozeduralen Lernen werden Informatio-
nen in das prozedurale Gedächtnis eingespeist.
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Diese unbewussten Prozesse sind nur deswegen möglich, weil


unser Gehirn ein komplexes Netzwerk von Nervenzellen ist, das
eine große Spannbreite neurophysiologischer Erregungen ermög-
licht. Wahrscheinlich existiert eine Aktivierungsschwelle, oberhalb
derer psychische Prozesse unser Bewusstsein erreichen und unter-
halb derer sich psychische Prozesse im Unbewussten entfalten.
Trotz unserer emotionalen und philosophischen Vorbehalte
verfügen unbewusste Prozesse über eine Reihe von unbestreitba-
ren Vorteilen. Sie sind schnell, prägnant und umweltorientiert. Da
sich die unbewussten Prozesse auf intensiv gelernte, unbewusste
Gedächtnisinhalte stützen, sind sie in der Regel für viele häufig auf-
tretende Alltagsprobleme bestens geeignet: Ohne großen kogniti-
ven Aufwand meistern wir mit ihnen diese Situationen. Bewusste
Prozesse sind hingegen von hoher Präzision und können spezielle
Problemlösealgorithmen anbieten. Dabei bergen sie aber ein gro-
ßes Prob­lem – die Anfälligkeit für die eigene subjektive Interpreta-
tion. Durch tiefgreifendes Reflektieren entstehen immer wieder
neue Deutungen, die eine Art Nebelgewand auf die Problemstel-
lungen legen können, so dass die Lösungen immer mehr ver-
schwimmen. Wir werden uns mit der Wunderwelt der Interpreta-
tion noch auseinandersetzen. Für den Moment sollten wir aber
eine gewisse Demut vor der Kraft des Unbewussten bewahren.

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71

Funktionelle Blindheiten

«Wenn wir nur noch das sehen, was wir zu sehen wünschen, sind wir
bei der geistigen Blindheit angelangt.»
(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)35
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Taschenlampen im Gehirn

Beginnen wir mit einer fiktiven Geschichte, die sich trotzdem tag-
täglich so abspielen könnte. Ein ganz normaler Ehemann, der
schon mehrfach den Hochzeitstag vergessen hat, nimmt sich vor,
den kommenden perfekt zu gestalten. Auch um seine vorherigen
Verfehlungen auszubügeln und aus dem Gedächtnis der Ehefrau zu
verdrängen. Sein Plan: Er möchte diesen Tag in einem hervorra-
genden Restaurant bei einem exzellenten Dinner feiern. Zusätzlich
will er seiner Ehefrau währenddessen ein unvergessliches Geschenk
überreichen.
Er hat im besten Restaurant der Stadt einen sehr guten Platz
reserviert und sich über das Abendmenü sowie den passenden
Aperitif und Wein informiert. Auch das Geschenk hat der Ehe-
mann zuvor sorgfältig ausgewählt, liebevoll eingepackt und gut
versteckt. Er will es zu einem günstigen Zeitpunkt während des
Abendessens überreichen. Das Essen hat er mit seiner Frau auf
19 Uhr festgelegt, sie werden sich vor Ort treffen. Alles scheint also
bestens geplant zu sein. Im Büro verläuft der Arbeitstag behäbig.
Doch kurz bevor der Mann aufbrechen will, kommt ein Telefonan-
ruf des Chefs: Ein Kunde bittet umgehend um die Klärung eines
wichtigen finanziellen Problems. Der Chef lässt nicht mit sich
reden, die Lösung des Problems erlaubt keinerlei Aufschub. Dem

35  Gefunden auf: http://www.aphorismen.de/autoren/person/9172/Marie+


Freifrau+von+Ebner-Eschenbach

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72  Funktionelle Blindheiten

Ehemann bleibt nichts anderes übrig, als die ihm übertragene Auf-
gabe zu lösen.
Unter Hochdruck arbeitend gelingt es ihm, dem Kunden die
Lösung zu liefern. Allerdings hat er sich in der Zwischenzeit bereits
um eine halbe Stunde verspätet. Und er konnte seine Ehefrau auf-
grund seiner Auslastung telefonisch nicht erreichen. Nun eilt er
zum Restaurant, um den Abend noch zu retten. Mit einer Verspä-
tung von fast einer Stunde erreicht er das Restaurant und trifft
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seine verärgerte Ehefrau an. Nach kurzer Begrüßung bestellt er den


Aperitif, das Menü und den passenden Wein. Nach dem Servieren
des Aperitifs, so sein Plan, will er seiner Frau nun das Geschenk
überreichen. Aber noch bevor es dazu kommt, fragt sie ihn: «Ist dir
etwas an mir aufgefallen?»
Der Mann kommt völlig aus dem Konzept, schaut ratlos seine
Frau an und weiß nicht, was er antworten soll. Da­­rauf konstatiert
sie vorwurfsvoll: «Du hast noch nicht mal bemerkt, dass ich beim
Frisör war!»
Natürlich ist dem armen Kerl nicht aufgefallen, dass seine Frau
eine neue Frisur hat. Aber das ist nicht seiner Ignoranz oder seiner
möglicherweise verloschenen Liebe zuzuschreiben, sondern einem
ganz normalen psychischen Phänomen, dem wir tagtäglich aus-
gesetzt sind. Es ist die sogenannte Unaufmerksamkeitsblindheit
(inattentional blindness), also die Nichtwahrnehmung von Objek-
ten, die nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit sind. Konzent-
rieren wir unsere Aufmerksamkeit bewusst oder unbewusst auf
bestimmte Aspekte der Umwelt, dann wird es praktisch unmöglich,
jene anderen Dinge zu bemerken, die uns umgeben. Das kann
mitunter zu bemerkenswerten Wahrnehmungserscheinungen oder
besser zu Wahrnehmungsausfällen führen.
Unser Gehirn hat ein grundlegendes Prob­lem: Die vielen Infor-
mationen, die jeden Augenblick auf unser Sensorium einprasseln,
sind so zahlreich, dass wir sie einfach nicht alle verarbeiten können.
Deshalb muss das Gehirn eine Auswahl treffen. Dabei wird nur ein
verschwindend kleiner Teil bewusst weiterverarbeitet. Etwas mehr
gelangt auf unbewussten Pfaden in unser Gehirn und entfaltet dort

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Funktionelle Blindheiten  73

seine Wirkung. Der größte Teil wird allerdings komplett abgeblockt.


Genau diese ausgeblendeten Aspekte führen dann zu dem Phäno-
men der Unaufmerksamkeitsblindheit. Man kann sich das sehr gut
mit der Taschenlampen-Metapher verständlich machen: Wenn wir
unsere Aufmerksamkeit ausrichten, ist es so, als ob sich ein heller
Taschenlampenstrahl auf diesen Umweltausschnitt richten würde.
Dort, wo der Strahl hinleuchtet, werden von unserem Gehirn die
Informationen bevorzugt erkannt und dem Bewusstsein zugeleitet.
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Alles, was dunkel bleibt, wird dagegen kaum oder überhaupt nicht
wahrgenommen. Der arme Ehemann aus unserem Beispiel war sehr
stark mit dem Gelingen des Abendessens beschäftigt, so dass er
seine Aufmerksamkeit einfach nicht auf die Frisur seiner Frau len-
ken konnte. Im Übrigen: Es ist sowieso schon schwierig, bei einer
bekannten Person, die man tagaus und tagein sieht, Veränderungen
(vor allem noch kleine) zu bemerken. Zu diesem Phänomen kom-
men wir gleich noch.
Neurophysiologisch hat die Aufmerksamkeitslenkung erheb-
liche Konsequenzen. Zur Erklärung der Mechanismen, die bei der
selektiven Aufmerksamkeit wirksam sind, kann man eine Variante
der Taschenlampen-Metapher nutzen, nämlich die «spotlight-in-
the-brain-metaphor». Im Prinzip will man damit Folgendes zum
Ausdruck bringen: Jene Hirngebiete, die mit der Verarbeitung auf-
merksam beachteter Reize betraut sind, sind besonders stark akti-
viert. Jene Hirngebiete, die Reize verarbeiten, die unbewusst verar-
beitet werden und auf die wenig Aufmerksamkeit gelenkt wird,
sind relativ schwach aktiviert. Jene Hirngebiete, die Reize verar-
beiten, die abgeblockt werden und die nicht im Zentrum der
Aufmerksamkeit stehen, sind kaum oder gar nicht aktiv. Diese
aufmerksamkeitsabhängige Aktivierung bestimmter Hirngebiete
nennt man auch neuronale Verstärkung.
Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man sich vergegen-
wärtigen, dass bestimmte Hirngebiete für die Verarbeitung bestimm-
ter Reizkonstellationen besonders spezialisiert sind. Es gibt im Ge­­
hirn beispielsweise neuronale Netzwerke, die auf die Verarbeitung
von Farbe, Gesichtern, Tönen, Bewegung und räumlichen Zusam-

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74  Funktionelle Blindheiten

menhängen spezialisiert sind. Nennen wir diese neuronalen Netz-


werke der Einfachheit halber Farb-, Ton-, Gesichts-, Bewegungs-
und Raumareal. Nehmen wir nun mal an, Sie schauen auf einen
Bildschirm und sehen dort nacheinander verschiedene Gesichter,
die in unterschiedlichen Farben, an unterschiedlichen Orten des
Bildschirms, mal statisch und mal sich bewegend dargestellt sind.
Gleichzeitig hören Sie einen Ton. Die oben dargestellten spezialisier-
ten Areale werden jetzt alle aktiv sein. Nun erhalten Sie diesen Auf-
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trag: Drücken Sie jedes Mal, wenn das Gesicht mit einem roten Farb-
ton erscheint, möglichst schnell eine Reaktionstaste. Dabei ist es
gleichgültig, ob das Gesicht statisch oder in Bewegung dargeboten
wird. Es ist auch unerheblich, an welcher Stelle des Bildschirms
(oben, unten oder in der Mitte) das Gesicht präsentiert wird. Sie sol-
len sich also nur auf die Farbe konzentrieren und nicht durch die
anderen Reize ablenken lassen. In dieser Versuchsbedingung wird
Ihr Farb­areal besonders stark aktiv sein. Die neurophysiologischen
Erregungen im Bewegungs-, Gesichts- und Raumareal werden dage-
gen deutlich abnehmen, ebenso wie die Aktivierung im Tonareal.
Werden die Versuchspersonen angehalten, sich auf eine be­­
stimmte Position des Bildschirms zu konzentrieren und nur zu
reagieren, wenn das Gesicht an diesem speziellen Ort erscheint –
unabhängig davon, ob es rot ist oder sich bewegt –, dann wird die
neurophysiologische Erregung im Farbareal abnehmen, während
die Aktivierung im Raumareal zunimmt. Bildlich können wir uns
diese Beeinflussung der Hirnaktivität infolge der Aufmerksamkeit
mit der modifizierten Taschenlampen-Metapher veranschaulichen:
Konzentriert man sich auf die Farbe, dann wird der Taschenlam-
penkegel der Aufmerksamkeit auf das Farbareal gelenkt, was dazu
führt, dass dieses Hirngebiet besonders stark aktiviert wird. Richtet
sich die Aufmerksamkeit auf die räumliche Position, wo das Gesicht
präsentiert wird, dann zielt der Aufmerksamkeitskegel auf die
Hirngebiete, die für die Verarbeitung räumlicher Informationen
von herausragender Bedeutung sind. Die anderen Hirngebiete, die
nicht vom Aufmerksamkeitskegel erfasst werden, weisen dagegen
eine niedrige neurophysiologische Erregung auf.

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Funktionelle Blindheiten  75

Teilweise können diese Hirngebiete auch ganz «abgeschaltet»


werden. Das konnten wir in unseren eigenen Experimenten deut-
lich machen.36 Wir präsentierten den Versuchspersonen in einem
konstanten Tempo nacheinander verschiedene Silben und instru-
ierten die Teilnehmer, immer bei einer ganz bestimmte Silbe so
schnell wie möglich die Reaktionstaste zu drücken. In einer ande-
ren Versuchsbedingung sollten die Probanden hingegen die Silben
ignorieren und sich auf ein Körperteil konzentrieren. Sie hatten
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vor dem Versuch gelernt, sich mittels progressiver Relaxation zu


entspannen und auf verschiedene Körperteile zu konzentrieren. In
dieser Versuchsanordnung zeigte sich, dass während des Ignorie-
rens der Silben die Hörareale nur ganz schwach oder gar nicht
aktiviert waren. Ähnliche Aktivierungsverminderungen konnten
Wissenschaftler übrigens auch bei Fakiren finden, die sich selbst
Schmerzen zufügen, ohne offensichtliche Schmerzreaktionen zu
zeigen. Den Fakiren gelingt es, die an der Schmerzverarbeitung
beteiligten Hirngebiete durch Aufmerksamkeitsverlagerung zu
deaktivieren. So wird die Schmerzwahrnehmung verringert oder
sogar ausgeschaltet.

Wie kann man einen Gorilla übersehen?

Zurück zur Unaufmerksamkeitsblindheit: In verschiedenen Expe-


rimenten ist dieses Phänomen eindrücklich dargestellt worden. In
diesen Versuchen übersehen die Teilnehmer immer wieder be­­
stimmte Sequenzen oder Reizkonstellationen, sogenannte kritische
Reizaspekte. Diese kritischen Reizaspekte sind weder kunstvoll
verborgen worden, so dass man sie nur mit der Lupe oder unter
Anwendung bestimmter Tricks erkennen würde. Nein, es sind
eigentlich ganz offensichtliche Reize, die lediglich deswegen nicht

36  Jäncke, L., Mirzazade, S. & Shah, N. J. (1999). Attention modulates activity in
the primary and the secondary auditory cortex: a functional magnetic resonance
imaging study in human subjects. Neuroscience Letters, 266, 125–128.

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76  Funktionelle Blindheiten

erkannt werden, weil sie nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit


stehen. So kommt es dann, dass man tatsächlich auch mal einen
ausgewachsenen Gorilla übersieht.
Dieses wohl bekannteste Beispiel stammt von den Psychologen
Daniel Simons und Christopher Chabris. Für ihr Experiment ent-
wickelten sie einen Film, der auf YouTube sowie auf der Website
der beiden Wissenschaftler zu finden ist.37 Dort sind zudem wei-
tere interessante und verblüffende Videos zu verschiedenen Auf-
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merksamkeitsphänomenen verlinkt. Vermutlich kennen diesen


Film mittlerweile weltweit viele Psychologiestudenten, die mindes-
tens das zweite Semester absolviert haben. Auf YouTube haben
jedenfalls bereits 4,5 Millionen Menschen den Streifen gesehen.
Wenn der Film startet, erhalten wir als Betrachter zunächst
diese Aufgabe: Wir sollen zählen, wie häufig die Spieler mit dem
weißen Shirt sich den Basketball zuwerfen. Dann sieht man
sechs junge Personen mit zwei Basketbällen spielen. Sie werfen sich

37  Das Originalexperiment wurde von Simons und Chabris 1999 publiziert
(Simons, D. J. &  Chabris, C. F. (1999). Gorillas in our midst: sustained inatten­
tional blindness for dynamic events. Perception, 28(9), 1059–1074). Diese Experi-
mente gehen auf ältere Experimente und Überlegungen von Ulrich Neisser zurück
(Neisser U. (1979): The control of information pickup in selective looking. In Pick,
A. D. (Ed.). Perception and its Development: A Tribute to Eleanor J Gibson. Hills-
dale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates, pp. 201–219). Auf YouTube findet sich
ein Beispiel des im Versuch von Simons und Chabris genutzten Videos (abgeru-
fen am 6.1.2013: http://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo). Simons und
Chabris haben in ihren Experimenten zum Unaufmerksamkeitsblindheits-Phä-
nomen vier Videos von jeweils 75 Sekunden Dauer verwendet. Zwei Filme zeigen
das Basketball-Szenario mit einem Gorilla und zwei das gleiche Szenario mit einer
Frau, die einen Regenschirm aufspannt. Jeder Film ist prinzipiell gleich aufgebaut:
Ein Team (jeweils aus drei Spielern bestehend) spielt in weißen und das andere in
schwarzen Hemden. Die Teammitglieder spielen sich einen Basketball durch Wer-
fen zu und Dribbeln zwischendurch. In der «Gorilla-Version» erscheint nach etwa
20 Sekunden eine Person als Gorilla verkleidet und bewegt sich für etwa 9 Sekun-
den durch die Szenerie, bleibt kurz stehen, klopft sich auf die Brust und geht aus
der Szene. In der «Regenschirmfrau-Version» geht eine große Frau mit einem auf-
gespannten Regenschirm von links nach rechts durch das Geschehen. Simons und
Chabris haben auch ein Buch über diese Aufmerksamkeitsphänomene geschrie-
ben, in dem sie ihre Experimente beschreiben. Ich habe aber das Buch nicht gele-
sen, sondern kenne nur die Originalarbeiten zu diesem Thema.

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Funktionelle Blindheiten  77

gegenseitig diese Bälle zu und wechseln dabei laufend ihre Positio-


nen. Drei Personen tragen weiße T-Shirts, während die drei ande-
ren schwarze T-Shirts tragen. Das heißt, wir müssen die Spieler mit
den schwarzen Shirts ignorieren, um uns voll auf die anderen zu
konzentrieren. Da gleichzeitig zwei Bälle geworfen werden, muss
man höllisch aufpassen, um sich nicht durcheinanderbringen zu
lassen. Nach ungefähr 45 Sekunden stoppt der Film. Die korrekte
Antwort wird eingeblendet: 16 Pässe. Aber dann folgt eine Frage,
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die für viele Zuschauer überraschend ist: Haben Sie den Gorilla
gesehen? Etwa zur Mitte der Szene betritt ein Mensch in Gorilla-
kostüm die Szene, läuft mitten durch die Spieler, bleibt kurz stehen
und verlässt die Szene wieder. Er ist etliche Sekunden im Bild, aber
etwa 50 Prozent der Versuchspersonen, die an den Experimenten
von Simons und Chabris teilgenommen hatten, nahmen diesen
Gorilla gar nicht wahr!
Intuitiv würde man vermuten, dass ein derart außergewöhn-
liches Ereignis wie ein Gorilla inmitten von Basketballspielern
sofort die Aufmerksamkeit wie ein Magnet auf sich ziehen würde.
Doch dies ist offensichtlich nicht der Fall. Die Aufmerksamkeit ist
mindestens bei der Hälfte der Versuchspersonen so stark beim
Zählen der Pässe verankert, dass keine Aufmerksamkeit mehr für
das Beachten des durch das Bild laufenden Gorillas übrig bleibt.
Man kann den Einwand erheben, dass die Betrachter dieses Filmes
nicht auf ungewöhnliche Ereignisse während des Films vorbereitet
wurden. Wenn dies geschehen wäre, dann hätten möglicherweise
mehr Betrachter den ungewöhnlichen Gorilla erkannt. Aber: Auch
dies ist nicht der Fall. Andere Forscher haben genau diesen Fall
untersucht. Sie fragten vor dem Experiment die Versuchspersonen,
ob sie sich zutrauen, unerwartete Ereignisse in einer Filmsequenz
zu erkennen. Etwa 90 Prozent bejahten die Frage, aber trotzdem
haben nicht mehr Personen den Gorilla oder andere unerwartete
Ereignisse erkannt als ohne diese Vorwarnung. So viel zur Bedeu-
tung unserer Zuversicht und unseres Selbstvertrauens! Wir können
offenbar im höchstem Maße davon überzeugt sein, Unerwartetes
zu erkennen, und trotzdem nicht besser da­­rauf vorbereitet sein.

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Dieser Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und realem Ver-


halten werden wir in der Folge noch häufig begegnen.
Ein anderes Phänomen der funktionellen Blindheit ist die Ver-
änderungsblindheit (im Englischen change blindness genannt).
Damit wird die Eigenart bezeichnet, dass sogar große Änderungen
einer visuellen Szene vom Betrachter nicht wahrgenommen wer-
den. Schaut der Betrachter zum Beispiel auf ein Bild und wird dabei
nur für ganz kurze Zeit abgelenkt, etwa durch eine vorbeigehende
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Person oder durch eine ablenkende Geschichte, so erkennt der


Betrachter zwischenzeitlich vorgenommene Veränderungen der
Abbildung nicht mehr. Diese Veränderungen werden selbst dann
nicht wahrgenommen, wenn sie sehr umfangreich sind.
Die von den Forschern entworfenen Experimente offenbaren
teilweise spektakuläre Befunde. Gerne nutze ich zur Präsentation in
meinen Vorlesungen und auf Vorträgen den Videoclip «Conversa-
tion» von Daniel Levin und Daniel Simons.38 Es zeigt zwei junge
Damen in einem Alltagsgespräch an einem Tisch. Bevor der Film
beginnt, werden die Zuschauer instruiert, sich diesen Film genau
anzuschauen, um anschließend Fragen beantworten zu können.
Nun startet das kurze Gespräch, während dem die beiden Frauen aus
verschiedenen Blickwinkeln gezeigt werden. Nach etwa 40 Sekun-
den endet der Film. Ist den Zuschauern etwas Besonderes aufge-
fallen? In der Regel haben die Zuschauer nichts bemerkt, aber tat-
sächlich haben sich im Verlauf des Films von Schnitt zu Schnitt
wesentliche Merkmale verändert! Zunächst verschwindet der Schal
einer Frau, dann ist der Arm einer Frau nicht mehr auf dem Tisch
aufgestützt, dann der Arm der anderen Frau, die Farbe der auf dem
Tisch stehenden Teller ändert sich, dann befindet sich das Essen
zunächst auf einem Teller, dann auf dem anderen Teller, das Besteck
verändert seine Position und letztlich ändert sich erneut die Arm-
haltung einer Frau. Insgesamt sind es neun Veränderungen, die sich

38  Das Video ist auf der Website (http://www.theinvisiblegorilla.com/videos.


html) zu betrachten. Es trägt den Titel «Conversation».

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in den knapp 40 Sekunden abspielen – aber wir ignorieren sie in der


Regel komplett. Ein bemerkenswertes Ergebnis!
Schauen wir uns noch eine Studie von Simons und Levin
an. Es ist das berühmte Tür-Experiment. Auch dieser Film ist auf
YouTube verfügbar. Er zeigt einen Ausschnitt aus einem Experi-
ment der beiden Wissenschaftler von 1998: Wir sehen, wie ein
Mann mit einer Landkarte auf der Straße zwei Passanten nach dem
Weg befragt. Der Mann ist Teil der Versuchsanordnung, die Passan-
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ten sind hingegen echt. Während der Passant anhand der Landkarte
den Weg beschreibt, nähern sich zwei weitere Männer, die eine
große Holzplatte aufrecht tragen. Auf dem Gehweg drängen sich die
beiden Träger nun zwischen dem Mann und den Passanten hin-
durch. Sobald sie genau zwischen diesen Männern sind, wechselt
der hintere Türträger an die Position des Wegsuchenden und dieser
übernimmt als Träger. Danach verhält sich der vormalige Träger so,
als hätte sich nichts Besonderes abgespielt. Dieser Ablauf wurde
vorher natürlich geübt und passiert unglaublich schnell und äußerst
unauffällig. Bemerkenswerterweise haben in den Experimenten der
Wissenschaftler etwa 50 Prozent der befragten Passanten gar nicht
gemerkt, dass während des Gesprächs ihr Gesprächspartner ausge-
wechselt wurde. Und tatsächlich ist auch in diesem Film der Passant
so vertieft in die Wegbeschreibung, dass er ungerührt weiterredet.
Um zu unserem Eingangsbeispiel zurückzukommen: Kein Wunder
also, dass der arme Ehemann nicht bemerkt hat, dass sich bei seiner
Ehefrau lediglich die Frisur geändert hat! Wenn schon 50 Prozent
der in diesen Türversuch verwickelten Personen nicht registrierten,
dass sich ihre kompletten Gesprächspartner verändert hatten …

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Es ist schon faszinierend zu erkennen, wie abhängig wir von unserer


Aufmerksamkeit sind. Mit ihr können wir bestimmte Teilaspekte
unserer Umwelt erstaunlich genau und effizient erfassen, nämlich
dann, wenn wir die Aufmerksamkeit genau da­­rauf fokussieren. Wir

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80  Funktionelle Blindheiten

laufen aber andererseits ständig Gefahr, gerade wegen dieser außer-


ordentlichen Aufmerksamkeitsfähigkeit andere Aspekte wortwört-
lich aus den Augen zu verlieren. Und damit nicht genug: Die genann-
ten visuellen Blindheitsphänomene finden sich zudem in ähnlicher
Form auch bei Entscheidungen. Diese funktionelle Blindheit wird
als Wahlblindheit (englisch choice blindness) bezeichnet. Entdeckt
wurde diese Form der «Blindheit» von kognitiven Psychologen aus
Schweden. In ihrem Versuch mussten die Versuchspersonen zwi-
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schen zwei Abbildungen mit Gesichtern wählen und sollten sich für
das attraktivere Gesicht entscheiden. Nach der Entscheidung wurde
den Probanden dann «ihr» Gesicht gereicht, damit sie ihre Entschei-
dung begründen konnten – allerdings hatten die Psychologen unauf-
fällig die beiden Abbildungen vertauscht, so dass die Teilnehmer
eigentlich das unattraktivere Gesicht in den Händen hielten. Nun
erläuterten die Versuchspersonen, warum sie dieses Gesicht eben als
attraktiver empfanden. Während der Begründung konnten sie
immer wieder auf das Bild schauen, das sie in der Hand hielten. Die
meisten Versuchspersonen merkten dabei gar nicht, dass sie Begrün-
dungen formulierten, die nicht mit Merkmalen des Gesichts über-
einstimmten, das sie in der Hand hielten. Sie waren offenbar immer
noch der Überzeugung, das attraktivere Gesicht zu sehen.
Auffallend war dabei, wie selbstverständlich manche Teilneh-
mer ihre eigene Wahl angesichts der falschen Bilder begründeten.
Dabei interpretierten sie sogar Merkmale des anderen Gesichts in
das Gesichtsbild hinein, das sie in der Hand hielten. Sie beschrie-
ben Ohrringe oder das Lächeln als wesentliche Gründe für ihre
Entscheidung, obwohl sie ein Bild in der Hand hielten, das ein
Gesicht ohne Ohrringe und Lächeln zeigte. Die Probanden blende-
ten also problemlos die Bilder aus, die sie in der Hand hielten. Sie
waren zudem überzeugt, ihre eigene Entscheidung zu begründen,
und hegten nicht den leisesten Zweifel an ihren eigenen Geschich-
ten – zumindest jene Versuchspersonen, die den Trick nicht durch-
schaut hatten.
Die schwedischen Wissenschaftler führten noch ein weiteres
faszinierendes Experiment durch, dieses Mal außerhalb des psy-

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Funktionelle Blindheiten  81

chologischen Labors. Ihr Ziel war es zu überprüfen, ob die Wahl-


blindheit auch in der realen Welt funktioniert. Hierzu haben sie
sich als Verkäufer ausgegeben und boten in einem Supermarkt den
vorbeilaufenden Kunden verschiedene Marmeladen- und Teesor-
ten zum Kosten an. Den Kunden wurde mitgeteilt, dass es sich um
eine Qualitätskontrolle handeln würde. Die Kunden sollten sich
entscheiden, welche Marmeladensorte ihnen besser schmecken
oder welche Teesorte besser riechen würde. Aus Gründen der
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Übersichtlichkeit werde ich an dieser Stelle lediglich das Experi-


ment mit den Marmeladen beschreiben: Die Wissenschaftler arbei-
teten mit zwei Marmeladensorten, die sich deutlich hinsichtlich
des Geschmacks unterschieden. Die Probanden sollten sich für die
attraktivere (wohlschmeckendere) Variante entscheiden und dann
nach nochmaligem Probieren der bevorzugten Marmelade ihre
Wahl begründen. Die Marmeladendosen waren allerdings speziell
präpariert und bestanden aus einem oberen und unteren Teil, in
dem sich jeweils wieder die andere Sorte befand. Sobald die Pro-
banden eine Variante probiert hatten, wurde die Dose heimlich
umgedreht. Durch das heimliche Drehen der Dosen probierten die
Probanden dann im letzten Testdurchgang jene Marmeladensor-
ten, die sie eigentlich nicht als attraktiv eingestuft hatten. Und wie-
der bemerkten die meisten Teilnehmer (80 Prozent) diesen Trick
gar nicht und waren davon überzeugt, sie würden abschließend die
Marmelade probieren, die sie als attraktive Sorte ausgewählt hätten.
Sie waren auch davon überzeugt, dass sich ihre Argumente auf die
zuletzt gekostete Marmelade bezogen.
Schaut man sich das Verhalten und die verbalen Beurteilungen
während dieser Begründungen auf den Videos an, dann kann man
sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Kunden während der
Begründung und des Probierens der schlechteren Marmelade diese
trotzdem genießen! Sie waren offenbar so stark mit ihrer Begrün-
dung beschäftigt, dass ihnen der Geschmacksunterschied zwischen
der präferierten und weniger präferierten Marmelade überhaupt
nicht auffiel.

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82  Funktionelle Blindheiten

Die Welt sehen, wie sie nicht ist

In den oben dargestellten Experimenten stand die bewusste bezie-


hungsweise nicht bewusste Wahrnehmung im Vordergrund.39
Allerdings kommen immer mehr Untersuchungen zu dem Ergeb-
nis, dass insbesondere das visuelle System Veränderungen unbe-
wusst wahrnimmt. Präsentiert man die nicht bewusst erkannten
Reizkonstellationen in anderen Konstellationen, dann zeigen sich
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veränderte Reaktionszeiten oder überfällig häufiges Erkennen die-


ser Reizkonstellationen. Offenbar bleiben im unbewussten perzep-
tuellen Gedächtnis noch Teile der Informationen verankert.
Diese und andere Experimente belegen eindrücklich, dass wir
nur über eine beschränkte Kapazität von Aufmerksamkeitsressour-
cen verfügen.40 Wird ein großer Teil der Konzentration auf einen
bestimmten Aspekt gelenkt, bleibt für alles andere nicht mehr viel
übrig. Interessant ist dabei, dass sich die Aufmerksamkeitslenkung
auch auf das Erinnern und damit auf unser Gedächtnis bezieht.
Wir vergessen schlichtweg immer wieder, was wir vor wenigen
Sekunden gesehen haben – und uns fällt nicht auf, dass wir es ver-

39  Einen guten Überblick bietet die Übersichtsarbeit von Thornto und Fernan-
dez-Duque (Thornton, I. M. & Fernandez-Duque, D. (2002). Converging evidence
for the detection of change without awareness. In Hyönä J., Munoz D., Heide, W.
& Radach R. (Eds.).The Brain’s Eyes: Neurobiological and Clinical Aspects of Ocu-
lomotor Research, Progress in Brain Research (pp. 99–118). Oxford: Elsevier).
40  Das Thema der funktionellen Blindheit hat in den vergangenen Jahren ins-
besondere durch die Arbeiten von Simons und Chabris eine bemerkenswerte
Popularität erreicht. Aus diesem Grunde sind mittlerweile sehr viele Arbeiten
zu diesem Thema publiziert worden. Diese Arbeiten haben gezeigt, dass die
Aufmerksamkeitsphänomene im Hinblick auf ihre Ausprägung und Häufig-
keit des Auftretens von einer Reihe von Randbedingungen abhängen. Typische
Randbedingungen sind die Versuchsinstruktion, die Genauigkeit der Entde-
ckung, interindividuelle Unterschiede in der Aufmerksamkeitsspanne, Relevanz
der Reize, Art der Veränderung sowie Distanz des Betrachters zu der Verände-
rung. Alle diese Aspekte haben einen Einfluss auf die oben dargestellten oder
ähnliche Blindheiten, aber sie können diese funktionellen Blindheiten nicht
eliminieren.

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Funktionelle Blindheiten  83

gessen haben. Aber das bedeutet, dass wir für das Erinnern ebenso
Aufmerksamkeit benötigen.
Funktionellen Blindheiten begegnen wir in vielen Alltagssitua-
tionen. Im Gerichtssaal, in der Politik, bei der Beurteilung von Men-
schen und Situationen, im Restaurant oder wie im Eingangsbeispiel
dargestellt bei der Interaktion zwischen Eheleuten und Partnern.
Besonders gefährliche Folgen haben die funktionellen Blindheiten
jedoch im Straßenverkehr. Viele Autofahrer, die in Unfälle mit
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Motorrädern verwickelt sind, berichten, dass sie die Motorräder


überhaupt nicht wahrgenommen hätten. Sie schildern häufig, dass
die Motorräder praktisch aus dem Nichts aufgetaucht seien. Ähn­
liche Begründungen findet man bei Unfällen zwischen Pkw und
Fahrrad. Für Autofahrer sind Motorräder und Fahrräder mit ihren
unterschiedlichen Geschwindigkeiten und räumlichen Ausdehnun-
gen schwer erkennbar. Sie passen nicht in die typischen Schemata
eines durchschnittlichen Autofahrers: Sein Wahrnehmungssystem
hat sich zu stark auf den Autoverkehr einjustiert.
Ein anderer Bereich, für den diese funktionellen Blindheiten
eigentlich von herausragender Bedeutung sein müssten, ist die
Werbe- und Marktforschung. Eine beliebte Methode, um die Motive
und Kaufgründe von Kunden zu erforschen, sind Kundenbefra-
gungen. Doch welchen Wert haben Kundenbefragungen, wenn die
Präferenzbeurteilungen für bestimmte Produkte derart beeinfluss-
bar sind? Oder anders ausgedrückt: Was beschreiben und begrün-
den die Kunden, wenn sie nach und vor einer Kaufentscheidung
ihre vermeintlichen Kaufentscheidungen begründen? Was haben
diese meist verbalen Beschreibungen mit den Kaufentscheidungen
zu tun? Sind dies nicht so etwas wie Ex-post-facto-Begründungen?
Will man wirklich mehr über das Kaufverhalten erfahren, müsste
man besser das Kaufverhalten direkt betrachten und die Kontext-
bedingungen desselben genau analysieren.
Dramatische Folgen der funktionellen Blindheit haben sich
aber auch in kriminologischen Untersuchungen von Augenzeugen-
berichten offenbart. Die Aussagen erwiesen sich in diesen Untersu-
chungen oft als ungenau oder sogar falsch und beeinflussbar. Allein

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84  Funktionelle Blindheiten

in den USA werden nach verschiedenen Schätzungen41 jährlich


etwa 10 000 Unschuldige aufgrund falscher Augenzeugenberichte
verurteilt. Ob jetzt alle diese falschen Augenzeugenberichte auf die
funktionelle Blindheit zurückzuführen sind, ist natürlich nicht ein-
deutig klar. Aber wenn man die oben dargestellten Experimente
ernst nimmt (und das sollte man durchaus), dann ist der Schluss
unvermeidbar, dass viele Zeugenaussagen durch funktionelle
Blindheiten verfälscht sind.
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Immer wieder erstaunlich ist dabei die Tatsache, dass wir


Menschen über ein Gefühl der mehr oder weniger vollständigen
Wahrnehmung der Welt verfügen. Selbst in den Momenten, in
denen wir der funktionellen Blindheit erlegen sind, entstehen bei
vielen von uns keine Zweifel. In den Momenten der funktionellen
Blindheit sehen wir die Welt aber nicht wie sie ist, sondern wie sie
nicht ist. Selbst unsere subjektive Überzeugung, die Welt korrekt
zu erkennen, ist also kein guter Indikator für die Güte unserer
Wahrnehmung.
––––––
Die funktionelle Blindheit ist ein Phänomen, das uns zeigt, dass
wir nur relativ kleine Teile unserer Umwelt wahrnehmen. Für
große Bereiche sind wir praktisch blind. Wir haben in diesem
Kapitel drei Varianten der funktionellen Blindheit beschrieben:
die Unaufmerksamkeitsblindheit, die Veränderungsblindheit und
die Wahlblindheit. Die Unaufmerksamkeitsblindheit bezeichnet
die Nichtwahrnehmung von Objekten, die sich nicht im Fokus
unserer Aufmerksamkeit befinden. Wenn wir nämlich unsere Auf-
merksamkeit bewusst oder unbewusst auf bestimmte Aspekte der
Umwelt lenken, dann wird es praktisch unmöglich, Umweltas-
pekte zu erkennen, die nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit
liegen. Das kann dann mitunter zu bemerkenswerten Wahrneh-
mungsausfällen führen.

41  Loftus, E. F. &  Ketcham, K. (1991). Witness for the defense. New York:
St. Martin’s Press.

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Funktionelle Blindheiten  85

Unter der Veränderungsblindheit versteht man das Phänomen,


dass sogar große Änderungen einer visuellen Szene nicht wahrge-
nommen werden. Schaut der Betrachter zum Beispiel auf ein Bild
und wird dabei nur für ganz kurze Zeit abgelenkt, etwa durch eine
vorbeigehende Person oder durch eine ablenkende Geschichte, so
erkennt der Betrachter zwischenzeitlich vorgenommene Verände-
rungen der Abbildung nicht mehr. Diese Veränderungen werden
selbst dann nicht wahrgenommen, wenn sie sehr substanziell sind.
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Eine spezielle Form der funktionellen Blindheit ist die Wahlblind-


heit. In einem typischen Versuch zu dieser Form der funktionellen
Blindheit sollten die Versuchspersonen aus zwei Abbildungen mit
Gesichtern das attraktivere Gesicht wählen. Danach wurde den
Versuchspersonen das Gesichtsbild zugeschoben. Dabei vertausch-
ten die Versuchsleiter die Abbildungen. Die Person hatte nun das
falsche Bild (meistens ein unattraktiveres Gesicht) in der Hand und
sollte begründen, warum sie das als attraktiver empfand als das
andere.

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87

Alles ist relativ

Nehmen wir mal an, Sie würden sich ein Auto kaufen wollen und
hätten sich entschieden, dass es ein Modell der oberen Mittelklasse
sein soll. Das Auto wird rund 50 000 Euro kosten. Sie wollten schon
seit vielen Jahren ein Fahrzeug dieser Marke besitzen, und nun
wollen Sie sich diesen Traum erfüllen. Sie befinden sich bei einem
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Händler, sind Probe gefahren, haben sich ausgiebig beraten lassen


und letztlich ein bestimmtes Modell ausgewählt. Kurz bevor Sie den
Kaufvertrag unterschreiben, fragt Sie der Verkäufer, ob Sie nicht
vielleicht noch die Lederbezüge und einige weitere Sonderausstat-
tungen zusätzlich bestellen wollen. Sie würden eigentlich perfekt
zur Lackierung und dem edlen Stil des Fahrzeugs passen. Sie fragen
nach dem Preis dieser Zusatzausstattungen, und der Verkäufer
nennt Ihnen 3000 Euro. Das ist ja nicht viel, denken Sie und stim-
men schließlich zu. Einige Tage später sitzen Sie mit Ihrer Familie
am Tisch beim Abendessen. Dabei erwähnt Ihr Partner, dass ein
neuer Ledersessel für das Wohnzimmer notwendig sei. Er hat auch
bereits einige Recherchen angestellt und zeigt Ihnen das ausge-
wählte Möbelstück. Die Kosten belaufen sich auf 3000 Euro. Das
erscheint Ihnen nun doch etwas zu teuer, und Sie würden diese
Ausgabe gerne etwas zurückstellen.
Warum bewerten wir objektiv identische Geldsummen in
unterschiedlichem Kontext anders? 3000 Euro sind 3000 Euro.
Wieso empfinden wir 3000 Euro im Zusammenhang mit dem Kauf
eines 50 000 Euro teuren Autos als wenig oder um es neudeutsch
auszudrücken als Peanuts, während der gleiche Betrag beim mög-
lichen Kauf eines Ledersessels als zu hoch bewertet wird?
Der Grund dafür ist der Psychologie schon seit Langem
bekannt, denn bereits seit den 1940er-Jahren wissen wir, dass
unsere Urteilsbildung immer auch von den flankierenden Reizen
und Gegebenheiten abhängt. Ein Pionier dieser Forschungsrich-
tung war der Psychologe Harry Helson. Ob wir Reize als stark oder
schwach empfinden (oder je nach Sinnesmodalität laut oder leise,

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88  Alles ist relativ

hell oder dunkel, groß oder klein etc.), hängt davon ab, welche
Erfahrung wir vorher mit Reizen der gleichen oder ähnlichen Art
gemacht haben. Helson und seine Kollegen arbeiteten in ihren
Experimenten meist mit einfachen Reizen. Sie ließen zum Beispiel
Gewichte von 200 Gramm, 250 Gramm, 300 Gramm, 350 Gramm
und 400 Gramm auf einer neunstufigen Skala von sehr leicht über
mittel bis sehr schwer beurteilen.
Jener Punkt auf der Skala, unterhalb dessen wir die Gewichte
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als leicht und oberhalb dessen wir diese als schwer empfinden, wird
als Adaptationsniveau bezeichnet. In vielen Fällen entspricht die-
ses Niveau dem geometrischen Mittel der zu bewertenden Ge­­
wichte. Interessant ist allerdings, dass dieses Adaptationsniveau
durch Anker- oder Bezugsreize teilweise erheblich verändert wer-
den kann. Wenn die Versuchspersonen unmittelbar vor der Beurtei-
lung der Gewichte ein ganz leichtes Gewicht von 90 Gramm in der
Hand hielten, dann verschob sich das Adaptationsniveau nach oben.
Um­­gekehrt bewegte sich das Adaptationsniveau in Richtung leich-
tere Reize, sobald die Versuchspersonen vor der Bewertung ein sehr
schweres Gewicht von 900 Gramm in der Hand gehalten hatten.
Ähnliche Experimente wurden in der Folgezeit praktisch für
alle Sinne durchgeführt. Sie helfen uns zu verstehen, warum wir oft
unterschiedliche Wahrnehmungen erleben. Essen wir viel Süßes,
empfinden wir ein Stück Schokolade als wenig süß. Haben wir
allerdings längere Zeit nichts Süßes gegessen, wird das gleiche
Schokoladenstück als sehr süß empfunden. Sind wir durstig, kann
ein Schluck Wasser himmlisch schmecken. Haben wir dagegen
gerade viel Wasser getrunken, entwickeln wir sogar eine handfeste
Abneigung gegen dieses Getränk. Ein kleiner Tropfen Parfum in
einer neutralen Umgebung entfaltet mehr Geruchswirkung als
die gleiche Menge desselben Parfums in einer Drogerie mit duft­
geschwängerter Luft. Wir gewöhnen uns an häufig präsente und
intensive Reize und verändern in diesem Zusammenhang auch die
Wahrnehmung dieser Reize.
Mittlerweile werden diese Kontexteffekte auch im Zusammen-
hang mit Bewertungen berichtet. Ein schönes und sehr anschau-

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Alles ist relativ  89

liches Experiment führte Dan Ariely mit seiner Gruppe vor einigen
Jahren durch.42 Es fand im Rahmen einer Vorlesung mit Wirt-
schaftsstudenten statt. Den 55 Studenten präsentierte Ariely sechs
Markenprodukte und beschrieb diese Produkte kurz. Es handelte
sich um Computerzubehör (eine Tastatur und einen Trackball),
zwei Flaschen Wein (eine teure und eine günstige), eine Packung
Pralinen und ein Buch. Dann fragte er die Studenten, ob sie diese
Produkte für den Betrag kaufen würden, der den beiden letzten
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Ziffern auf ihrer Versicherungskarte entsprach. Die Studenten


konnten zustimmen oder ablehnen. Nach diesem Durchgang soll-
ten sie angeben, wie viel Dollar sie für die einzelnen Produkte tat-
sächlich zu zahlen bereit wären. Das interessante Ergebnis dieses
Versuches: Die Studenten mit den hohen Versicherungsnummern
waren bereit, die höchsten Preise für die Produkte zu bezahlen!
Die Unterschiede zwischen den Beträgen, die die Studenten
nannten, waren zudem teilweise beträchtlich. Die Teilnehmer mit
den niedrigsten Versicherungsnummern waren bereit, für den
Trackball im Durchschnitt 8,60 Dollar zu bezahlen, während die
Teilnehmer mit den hohen Versicherungsnummern einen mehr als
dreimal höheren Preis akzeptiert hätten. Die galt auch für die Tas-
tatur und die beiden Weine. Für das Buch und die Schokolade woll-
ten sie immerhin noch ungefähr das Doppelte bezahlen.
Hängt die Versicherungsnummer in den USA irgendwie mit
Persönlichkeitsmerkmalen oder dem sozialen Status der teilneh-
menden Versuchspersonen zusammen? Nein, es ist eine reine
Zufallsnummer! Dass die Studenten in Abhängigkeit ihrer Versi-
cherungsnummer unterschiedliche Preise nannten, wird durch
einen anderen Effekt bedingt: den Ankerreiz. Durch das Nutzen
der Versicherungsnummer zu Beginn des Experimentes wurde ein
Ankerreiz gesetzt. Diesen Ankerreiz nutzten die Versuchspersonen
unbewusst als Bezugspunkt für ihre Bewertungen. Jene Studenten

42  Ariely, D., Loewenstein, G. & Prelec, D. (2003). «Coherent arbitrariness»: Sta-


ble demand curves without stable preferences. The Quarterly Journal of Econom-
ics, February, 73–105. Retrieved from http://qje.oxfordjournals.org/content/
118/1/73.short

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90  Alles ist relativ

mit hohen Endziffern adjustierten ihre Beurteilungen unbewusst


auf einem höheren Niveau ein als jene mit niedrigen Endziffern.
Diese Ankerreize wirken wie Bezugspunkte, auf die die folgenden
Bewertungen bezogen werden. Hantiert man vor den Bewertungen
mit kleinen Zahlen, sind größere Beträge bei den Geboten weiter
von dem Bezugspunkt entfernt und werden als relativ hoch emp-
funden und andersherum. Ohne detailliert auf die psychologischen
Mechanismen einzugehen, die sich bei Kaufentscheidungen abspie-
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len, macht dieses Experiment deutlich, wie stark unsere Bewertun-


gen von Informationen abhängen können, die für die Kaufent-
scheidung eigentlich komplett irrelevant sind. Jetzt verstehen wir,
warum der Kunde in unserem Eingangsbeispiel eher bereit war,
3000 Euro für die zusätzliche Ledergarnitur seines neuen Fahrzeu-
ges zu bezahlen als für den neuen Ledersessel in seinem Wohnzim-
mer. Die 3000 Euro im Kontext der 50 000 Euro für einen Mittel-
klassewagen sind relativ wenig, während 3000 Euro ohne Kontext
und ohne einen hohen Ankerreiz sehr viel sein können.
Sie könnten einwenden, dass Geld und Preise für Waren etwas
Spezielles sei, bei dem wir es gewohnt sind, abzuschätzen und rela-
tive Urteile zu treffen. Aber tatsächlich hängen wir auch bei sozialen
Urteilen von Ankerreizen ab. Eine Serie von interessanten Experi-
menten haben Würzburger und Kölner Sozialpsychologen 2006 in
der Zeitschrift Personality and Social Psychology Bulletin publi-
ziert.43 In vier Experimenten hat sich diese Gruppe von Wissen-
schaftlern mit den Urteilen von Richtern auseinandergesetzt und
wollte überprüfen, ob die Urteile dieser Richter durch Ankerreize
beeinflusst werden können. Gerade bei Richterurteilen erwarten
wir ja ein Höchstmaß an Objektivität. Unser Gerechtigkeitsgefühl
und das Vertrauen in unsere Rechtsordnung hängen ganz wesent-
lich davon ab, wie unbeeinflussbar die Richter sind. Ich glaube, Sie
geben mir Recht, wenn ich es so formuliere: Im Prinzip gehen wir

43  Englich, B., Mussweiler, T. & Strack, F. (2006). Playing dice with criminal sen-
tences: the influence of irrelevant anchors on experts’ judicial decision making.
Personality and Social Psychology Bulletin, 32(2), 188–200.

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Alles ist relativ  91

davon aus, dass Richter logisch denkend die Rechtsprobleme abar-


beiten und unter Abwägung der Fakten rational wie ein Computer
zu einer präzisen Entscheidung kommen. Und wenn dem so ist,
dann müssten verschiedene Richter bei den gleichen Fällen auch zu
identischen oder zumindest sehr ähnlichen Urteilen gelangen.
In der ersten Studie haben die Wissenschaftler erfahrene Rich-
ter und Staatsanwälte untersucht und überprüft, ob ihre Urteile
durch Ankerreize beeinflusst werden. Sie legten den Juristen eine
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Akte zur Begutachtung vor, in der auf vier Seiten ein Vergewalti-
gungsfall dargestellt war. In diesen Unterlagen wurden der Tather-
gang, das Opfer und der Täter kurz beschrieben. Des Weiteren
enthielt die Akte noch ein kurzes medizinisches und psychologi-
sches Gutachten sowie Aussagen des Opfers, des Täters und zweier
Zeugen. Die Wissenschaftler hatten diese Akte zuvor sorgfältig
zusammengestellt, um zu gewährleisten, dass alle wichtigen Infor-
mationen vorhanden waren, die für eine richterliche Entscheidung
notwendig sind. Die Juristen waren aufgefordert, diese Akten inten-
siv zu studieren und sich in die Rolle eines Richters zu versetzen.
Nach dem Aktenstudium sollten sie sich vorstellen, dass sie wäh-
rend der Verhandlung von einem Journalisten befragt würden. Die
Frage wäre: Wird der Täter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die
unter oder über ein beziehungsweise drei Jahren liegt? Die Dauer
der in diesem fiktiven Gespräch erwähnten Gefängnisstrafe diente
als Ankerreiz, und je die Hälfte der Teilnehmer erhielt den Anker-
reiz ein Jahr beziehungsweise drei Jahre. In einem folgenden
Gespräch mit Kollegen sollte diese Anfrage allerdings mit einem
Kollegen (fiktiv) diskutiert werden. Eingebunden in dieses Szenario
wurden die Juristen befragt, ob die vom Journalisten erwähnte
Dauer der Gefängnisstrafe zu hoch, zu niedrig oder gerade richtig
gewählt wurde. Die Juristen entschieden sich für eine der drei Alter-
nativen und mussten dann noch angeben, ob sie sich sicher sind,
dass sie eine korrekte und gerechte Entscheidung getroffen hatten.
Ließen sich die Juristen nun durch den Umgang mit der Frage
des Journalisten nach der Dauer der Gefängnisstrafe in ihrem Urteil
beeinflussen? In diesem Experiment offenbarte sich, dass sich die

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92  Alles ist relativ

Urteile der Juristen massiv unterschieden – und zwar in Abhängig-


keit der Ankerreize. Jene Juristen, die mit hohen Ankerreizen (also
der längeren Gefängnisstrafe) konfrontiert wurden, entschieden
sich, den Angeklagten mit einer längeren Gefängnisstrafe zu bestra-
fen. Sie verhängten im Durchschnitt eine Gefängnisstrafe von
33,4 Monaten Dauer. Während jene Juristen mit niedrigen Anker-
reizen sich für eine im Durchschnitt deutlich niedrigere Strafe ent-
schieden, nämlich lediglich 25,4 Monate. Insgesamt unterschieden
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sich beide Gruppen um etwa acht Monate in ihren Urteilen!


Erstaunlich, welchen Einfluss eigentlich nebensächliche Ge­­
spräche mit Journalisten über die Höhe der Gefängnisstrafe auf das
richterliche Urteil ausüben. Vor allem wenn man bedenkt, welches
mediale Echo manche Gerichtsverfahren auslösen. Ein Beispiel aus
der jüngeren Vergangenheit ist der Prozess gegen Jörg Kachelmann.
Während des gesamten Prozesses kam es zu teilweise massiven und
moralisch gefärbten Vorverurteilungen durch die Medien. Die
Richter waren diesen Einflüssen praktisch ohne Schutz ausgesetzt.
Wenn schon die imaginierte Anfrage eines Journalisten einen star-
ken Ankerreiz setzt, wie sehr muss es dann dieser Sturm im Blät-
terwald erst tun? Man muss allerdings auch bedenken, dass die
Richter eigene Ankerreize in sich tragen, die sie sich aufgrund
ihrer Erfahrungen und ihres persönlichen Hintergrundes erwor-
ben haben. Auch diese individuellen Ankerreize werden ihre Wir-
kung entfalten.
Das irritierende Ergebnis dieser Studie bleibt jedoch: Ein für
das Urteil eigentlich irrelevantes Ereignis beeinflusst offenbar das
professionelle Entscheiden. In diesem Zusammenhang ist eine wei-
tere Frage interessant: Wie würden die Juristen urteilen, wenn sie
wüssten, dass der Ankerreiz per Zufall generiert wurde und keiner-
lei Bezug zu einer professionellen juristischen Einschätzung hat?
Möglicherweise stellten sich die Richter im vorherigen Experiment
vor, dass es professionelle Gerichtsjournalisten waren, die über sehr
viel Erfahrungen verfügten und eine qualifizierte Einschätzung
abgeben konnten. In einem zweiten Experiment wandten sich die
Würzburger und Kölner Sozialpsychologen genau dieser Frage zu.

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Alles ist relativ  93

In ihrem fiktiven Fall ging es um eine Ladendiebin, die bereits


12-mal überführt worden war. Die Richter lasen ein Dossier über
diesen Fall, sollten sich in ihn hineinversetzen und sich vorstellen,
wie sie in einem realen Gerichtsverfahren urteilen würden. Die
Akte umfasste die Beschreibung des Tathergangs, die Aussagen der
Täterin und eines Zeugen, die Stellungnahme des Rechtsanwaltes
sowie ein psychologisches Gutachten über die Täterin. Die Unter-
lagen waren ähnlich wie im vorangegangenen Experiment so auf-
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bereitet, dass den Teilnehmern genügend professionelle Informa-


tionen zur Verfügung standen. Bevor sie ihre Entscheidung trafen,
mussten sie in diesem Experiment einen fiktiven Vorschlag des
Staatsanwaltes zur Kenntnis nehmen. Die Forderung war bei einer
Teilnehmergruppe streng (neun Monate Gefängnisstrafe) und bei
der anderen milde (drei Monate Gefängnisstrafe). Interessant ist
allerdings, dass die Vorschläge des Staatsanwaltes so formuliert
worden waren, dass klar war, dass es sich hierbei um eine zufällig
gewählte Anregung handelte. Sie konnten sich also sicher sein, dass
dieser Vorschlag nicht auf Grundlage eines rationalen und demzu-
folge begründeten juristischen Gedankenganges entwickelt wor-
den war. Des Weiteren mussten sie noch den Vorschlag des fiktiven
Verteidigers zur Kenntnis zu nehmen, der immer auf einen Monat
Freiheitsentzug plädierte. Schließlich sollten sie ihr Urteil über die
Ladendiebin fällen und angeben, für wie sicher sie ihr eigenes
Urteil empfanden. Wie fielen nun die Urteile in Abhängigkeit der
zufälligen Vorschläge des Staatsanwaltes aus?
Jene Richter, die mit den Vorschlag «neun Monate» konfron-
tiert waren, verurteilten die Ladendiebin im Schnitt zu sechs Mo­­
naten Haft, während die anderen Richter im Durchschnitt eine
Gefängnisstrafe von vier Monaten verhängten. In anderen Worten:
Die Strafe war um zwei Monate länger bei einem strengeren Vor-
schlag als bei einem milderen Vorschlag! Und das, obwohl die
Richter wussten, dass die Ankerreize nichts mit juristischer Exper-
tise zu tun hatten. Interessant ist auch, dass die Richter, die mit dem
strengeren Strafvorschlag des Staatsanwaltes konfrontiert waren,
etwas milder als dieser urteilten. Sie blieben nämlich im Schnitt um

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94  Alles ist relativ

drei Monate unter dem Vorschlag des Strafmaßes. Die Richter, die
mit dem milderen Strafvorschlag des Staatsanwaltes konfrontiert
waren, urteilten hingegen etwas strenger als dieser und entschieden
sich für eine viermonatige Haftstrafe!
Vielleicht unterscheiden sich ja die Richter im Hinblick auf
ihre Erfahrung mit solchen Ladendiebstählen? Nicht jeder Richter
ist häufig mit dieser Deliktgruppe konfrontiert. Der eine spezia-
lisiert sich auf Familienrecht, der andere auf Verkehrsrecht oder
UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich / 89.206.112.10 (2021-07-25 11:12)

ein dritter auf Strafrecht. Es wäre doch denkbar, dass sich ein erfah-
rener Richter weniger durch solche irrelevanten Informationen
beeinflussen lässt als ein unerfahrener. Dies entspricht im Wesent-
lichen auch der typischen Laienansicht über Experten. Tatsächlich
konnten die Autoren dieser Studie auch überprüfen, ob die spezifi-
sche Richtererfahrung einen Einfluss auf die Urteile hatte. Etwas
mehr als die Hälfte der Richter arbeiteten als Strafrichter, während
die anderen in anderen Rechtsbereichen tätig waren. Die Straf-
richter waren also eher Experten für die Beurteilung von Laden-
diebstählen oder Diebstählen im Allgemeinen. Die anderen waren
eher Nicht-Experten. Das Ergebnis: Experten und Nicht-Experten
unterschieden sich überhaupt nicht in ihren Urteilen, beide wur-
den also gleichermaßen durch Ankerreize beeinflusst.
Es ist schon bemerkenswert, wie deutlich doch die Entschei-
dungen von professionellen Richtern durch irrelevante Informatio-
nen beeinflusst werden. Offenbar sind die richterlichen Entschei-
dungen sehr anfällig für irrelevante Einflüsse. Das ist selbst den
Richtern bewusst: Der ehemalige US-amerikanische Bundesrich-
ter Alex Kozinki hat da­­rü­ber ein amüsantes Essay mit dem Titel
«What I ate for breakfast and other mysteries of judicial decision
making» geschrieben.44 Dafür hat Kozinki über 1000 Urteile von

44  Diesen Text habe ich auf der Webseite http://notabug.com/kozinski/breakfast


am 15.1.2013 gefunden. Aufmerksam gemacht wurde ich auf diesen Text durch
die Arbeit von Danziger und Kollegen, die 2011 in der Zeitschrift Proceedings
of the National Academy of S­cience erschienen ist (Danziger, S., Levav, J.
& Avnaim-Pesso, L. (2011). Extraneous factors in judicial decisions. Proceedings
of the Na­­tional Academy of Sciences of the United States of America, 108(17),

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Alles ist relativ  95

Bewährungskommissionen analysieren lassen und ein erstaun­


liches Ergebnis zutage gefördert: Unmittelbar zu Beginn der Arbeit,
also nach dem Frühstück, nach einem Vormittagssnack und nach
dem Mittagessen sind die Wahrscheinlichkeiten für ein mildes
Urteil der Bewährungsrichter unabhängig vom zu behandelnden
Fall sehr hoch und liegen bei etwa 60 Prozent. Aber unmittelbar
vor diesen Essenspausen sieht es ganz anders aus: dann ist die
Wahrscheinlichkeit für milde Urteile sehr niedrig und liegt bei
UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich / 89.206.112.10 (2021-07-25 11:12)

etwa null Prozent. Was können die Gründe dafür sein?


Es gibt mehrere Erklärungsansätze: Die Bewährungsrichter
bearbeiten in der Regel während eines Tages nacheinander unter-
schiedliche Anträge auf Bewährung. Offenbar verändert sich die
Urteilsart bei sequenziellen Beurteilungen, und die Richter neigen
nach wiederholtem Beurteilen dazu, den Status quo beizubehal-
ten. Das heißt, sie sind weniger geneigt, über ihren eigenen Schat-
ten zu springen und sich von vorher gefällten Urteilen mental zu
entfernen. Der Grund dafür: Dieses Lösen von vorherigen Urteilen
erfordert Nachdenken und Abwägen, kurzum mehr oder weniger
komplexe Denktätigkeiten. Möglicherweise erschöpft sich die
Kraft zum Aufrechterhalten dieser Denktätigkeiten bei wiederhol-
ten Beurteilungen, was dann zu einem Rückgriff auf automatisierte
und oberflächliche Entscheidungsprozesse führen könnte. Durch
die Energiezufuhr konnten sie ihre Willenskraft erneuern, um
dann wieder anstrengende Denkprozesse durchführen zu können
und zu differenzierteren Ergebnissen zu gelangen. Es könnte aber
auch möglich sein, dass sich die Richter nach dem Essen schlicht in
einer besseren Stimmung befanden, so dass sie eher geneigt waren,
diese positive Stimmung mit dem Antragsteller zu teilen. Welche
der oben erwähnten psychologischen Mechanismen hier wirklich
wirksam waren, kann man nur erahnen. Aber man kann demzu-
folge nur hoffen, dass man im Falle einer Abhängigkeit von Rich-

6889–92. doi:10.1073/pnas.1018033108). Dies ist eine sehr interessante Arbeit, in


der überprüft wurde, inwieweit die Urteile von Richtern durch Pausen und den in
diesen Pausen genossenen Snacks abhängen. Zwar gab es auch Kritik, allerdings
konnten die Autoren diese recht gut entkräften.

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96  Alles ist relativ

terurteilen unmittelbar nach einer Essenspause vorgeladen wird.


Die Wahrscheinlichkeit für ein positives Urteil ist nämlich genau
dann am höchsten.
Unsere Wahrnehmungen und Urteile sind offenbar relativ
und weniger absolut. Interessanterweise bildet sich das auch kon-
kret in unserem Hirn ab. Relative neuronale Aktivitäten findet
man auch in vielen Hirnstrukturen, die in unsere Wahrnehmun-
gen und Entscheidungen eingebunden sind. Ein typisches Beispiel
UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich / 89.206.112.10 (2021-07-25 11:12)

ist die Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens, der auch als


Lustzentrum bezeichnet wird. In diesem Hirngebiet wird der
Transmitter Dopamin ausgeschüttet, und zwar immer dann, wenn
wir eine Belohnung erhalten. Erhält man mehr Belohnung, als
man eigentlich erwartet, wird viel Dopamin ausgeschüttet. Erhält
man dagegen eine geringere Belohnung als erwartet, ist auch die
Dopaminausschüttung gering. Man bezeichnet den ersten Fall als
positiven Belohnungs-Vorhersagefehler und den zweiten Fall als
negativen Belohnungs-Vorhersagefehler. Nehmen wir mal an, Sie
würden 100 Euro Belohnung erwarten und erhalten tatsächlich
80 Euro, dann wird zwar Dopamin ausgeschüttet, aber eben nur
eine relativ kleine Menge. Wenn Sie 40 Euro Belohnung erwarten
und erhalten dann 80 Euro, wird eine große Menge an Dopamin
ausgeschüttet. Das heißt, die Menge des ausgeschütteten Dopa-
mins und die damit verbundene Erregung im Lustzentrum hängt
nicht von der absoluten Größe der Belohnung ab, sondern von der
relativen Größe.
––––––
Unser Gehirn ist ein relativ urteilendes Organ. Wir beziehen unsere
Urteile auf die zur Verfügung stehenden Informationen. Das kön-
nen aktuelle Informationen, aber auch Erfahrungen und/oder fest
«eingebrannte» Einstellungen und Meinungen sein.

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Sind wir cool und überlegt?

Der preußische General und Militärhistoriker Carl Philipp von


Clausewitz sagte einst: «Den stärksten Anlass zum Handeln be­­
kommt der Mensch immer durch Gefühle.» Als General war ihm
klar, dass viele Entscheidungen durch Emotionen ausgelöst und
gelenkt werden – vor allem jene, die schwierig und konsequenzen-
UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich / 89.206.112.10 (2021-07-25 11:12)

reich sind. In kriegerischen Konflikten oder in anderen Ausnah-


mesituationen erkennt man die verhaltenssteuernde Wirkung der
Emotionen überdeutlich. Aber auch im Alltag stellen Emotionen
verhaltensregulierende Elemente dar, die uns als solche häufig gar
nicht bewusst werden, aber enorme Wirkung entfalten können.
Versetzen wir uns in eine typische Urlaubssituation: Sie sind
an einem schönen Strand, genießen das wunderbare Wetter, füh-
len sich unbeschwert, und Ihre Alltagssorgen sind meilenweit ent-
fernt. Während Sie sich in dieser Stimmung in der Sonne räkeln,
werden Sie von einem jener schwer bepackten fliegenden Händler
angesprochen. Er bietet Ihnen Taschen, Uhren, Schals, Kleider
und Schmuck an. Er ist freundlich, alles ist auf angenehme Art ein
bisschen exotisch, und Sie empfinden eine entspannte, gönner-
hafte Grundstimmung. Völlig klar, dass viele der angebotenen
Produkte Kopien von Markenprodukten sind, aber das stört Sie
im Augenblick nicht. Sie entscheiden sich erst für eine Tasche und
lassen sich dann auch noch dazu hinreißen, eine Uhr und das
bunte Strandtuch dort zu kaufen. Irgendwie verfallen Sie in einen
Kaufrausch und plötzlich bezahlen Sie Geld für Dinge, die Sie im
Alltag weder brauchen noch unter normalen Umständen jemals
wahrgenommen hätten. Diese spezielle Urlaubsstimmung hat
etwas in Ihnen ausgelöst, das Sie zu diesen Entscheidungen veran-
lasst hat.
Warum passiert so etwas? Waren hier logische Überlegungen
die Grundlage für die Kaufentscheidungen? Waren dies gute Ent-
scheidungen? Lassen Sie uns das genauer analysieren: Meistens sind
wir uns doch sicher, dass man gute Entscheidungen mit «kühlem

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98  Sind wir cool und überlegt?

Kopf» trifft. Gute Entscheidungen sollten also möglichst wenig


durch Gefühle beeinflusst werden, denn diese wirken störend. Wie
bereits in den ersten Kapiteln dargelegt, ist unserer philosophisches
Weltbild weiterhin im Wesentlichen durch die Aufklärung geprägt,
die klar zwischen Ratio und Irratio trennt. Das formt unsere Gesell-
schaft auch heute noch weitreichend: Ganze Managergenerationen
haben sich diese Sicht zu eigen gemacht und streben das Ideal der
«kühlen» Entscheidungen an. Der effektive Entscheider bleibt in
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dieser Auffassung in kritischen Situationen komplett unbeeinflusst


von Emotionen. Eine einleuchtende Idee und ein erstrebenswertes
Ideal? Die Befunde der Neurowissenschaften und der Psychologie
kommen zu einem völlig anderen Ergebnis. Emotionen sind häufig,
wenn nicht gar immer, an unseren Entscheidungen beteiligt. Wahr-
scheinlich sind Emotionen sogar wichtige Teilfunktionen, ohne die
wir überhaupt nicht zu sinnvollen Entscheidungen gelangen wür-
den. Die Wissenschaft hat hier faszinierende Erkenntnisse geliefert.
Doch bevor wir uns den Befunden zuwenden, die belegen, dass
Emotionen wichtige Bestandteile unseres Entscheidungsprozesses
sind, lassen Sie mich erklären, was wir unter Emotionen und den
semantisch ähnlichen Begriffen (die aber in der Psychologie jeweils
spezifisch definiert sind) Gefühl, Affekt, Stimmungen und Motiva-
tion eigentlich verstehen.
In der Psychologie wird eine Emotion zumeist als eine Reak-
tion auf innere oder äußere Reize aufgefasst. Deswegen sprechen
Psychologen auch von emotionalen Reaktionen. Emotionale Reak-
tionen äußern sich als Veränderungen der physiologischen Erre-
gung, des empfundenen Gefühls, der Verhaltensbereitschaft, des
gezeigten Verhaltens sowie des Denkens und Wahrnehmens. Sie
umfassen demnach komplexe Abläufe, die sich auf verschiedenen
Ebenen entfalten: der subjektiven Ebene (Gefühl), der Verhaltens­­
ebene und der physiologischen Ebene.
Auf der subjektiven Ebene entwickeln sich bestimmte Gefühle,
die das subjektive Erleben (wie etwa Liebe, Trauer, Ärger oder
Freude) kennzeichnen. Diese Ebene kann nur das Individuum selbst
erleben – sie ist eben subjektiv. Die beiden anderen Ebenen der emo-

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Sind wir cool und überlegt?  99

tionalen Reaktionen bestehen hingegen auch aus objektiv beobacht-


baren Abläufen. Auf der physiologischen Ebene sind dies zum Bei-
spiel körperliche Reaktionen  – Veränderungen der Herzfrequenz,
der Hautdurchblutung, der Schweißdrüsenaktivität oder der Hirn-
aktivität. Auf der Verhaltensebene kennen wir ebenfalls bestimmte
Verhaltensweisen und Handlungen, die typischerweise mit gewissen
Emotionen einhergehen. Wenn wir uns zum Beispiel fürchten, dann
entfernen wir uns wenn möglich von der Ursache dieser Furcht.
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Wenn wir uns jedoch in Gegenwart eines anderen Menschen oder


in einer bestimmten Situation wohl fühlen, dann lächeln oder lachen
wir häufiger. Auch die Körperhaltung zeigt typische Reaktionsmus-
ter der objektiven Reaktionen: Bei Enttäuschungen und in traurigen
Stimmungen verlieren wir an Körperspannung, während wir uns in
Hochstimmung deutlich aufrechter halten.
Was unterscheidet Emotionen beziehungsweise Gefühle von
Stimmungen? Das ist vor allem die Dauer: Stimmungen bezeich-
nen lang anhaltende, aber eher schwache emotionale Zustände. Sie
können lange unbemerkt bleiben. Bei Emotionen hingegen bemer-
ken wir in der Regel die Auslöser und die verschiedenen Reak­
tionskomponenten direkt. Gelegentlich werden Stimmungen und
Emotionen auch anhand der Gerichtetheit auseinandergehalten:
Emotionen sind auf etwas gerichtet, während Stimmungen eher
diffus sind – man ist dann etwa grundsätzlich guter Laune. Und
wie unterscheiden sich hiervon die Affekte? Affekte sind kurz
andauernde Emotionen mit einer Handlungskomponente. Sie sind
also Emotionen, die Handlungen auslösen, die für uns wiederum
nicht oder nur schwer kontrollierbar sind.
Wenden wir uns nun einigen Experimenten zu, die erstaun­
liche Einflüsse von Emotionen auf unser Entscheidungsverhalten
belegt haben. Hierbei werden wir versuchen, folgende Fragen zu
klären:

·· Können Gefühle und Stimmungen, die eigentlich nichts mit unse-


ren Entscheidungen zu tun haben, unsere Entscheidungen beein-
flussen?

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·· Können gleichzeitig angenehme und unangenehme Gefühle akti-


viert sein und unser Verhalten beeinflussen?
·· Kann Schenken oder Spenden angenehm sein und wenn ja, warum?
·· Können unklare Situationen durch Emotionen klarer werden?
·· Ist eine große Auswahl von Alternativen günstiger für unser Wahl-
verhalten?
·· Können uns Emotionen derartig überwältigen, dass wir zu außer-
gewöhnlichen Entscheidungen gelangen?
··
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Warum beeinflussen uns angenehme Gesichter so entscheidend?


·· Was sagt uns die Hirnforschung zu den emotionalen Entschei-
dungen?

Gefühle als graue Eminenzen

Ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie müssten


Ihr Elternhaus verkaufen, weil Ihre Mutter, die dort bis ins hohe
Alter gewohnt hat, leider vor wenigen Wochen gestorben ist. Sie
inserieren die Immobilie, und es melden sich sehr schnell einige
Interessenten. Sie sind insgesamt noch traurig über den Verlust
des geliebten Menschen und in dieser niedergeschlagenen Stim-
mung müssen Sie nun die Verhandlungen führen. Werden Sie die-
ses Haus günstig, also zu einem niedrigen Preis, verkaufen? Oder
werden Sie es besonders teuer verkaufen? Oder sind Sie der Mei-
nung, dass das alles gar keinen Einfluss auf den Verkauf des Hau-
ses haben wird? Ein weiteres Gedankenexperiment: Nehmen Sie
an, Sie hätten gerade etwas sehr Ekliges gesehen. So eklig, dass Sie
sich sogar bei der Erinnerung schütteln müssen. Gleichzeitig müs-
sen Sie ebenfalls ein Haus verkaufen. Mit diesem starken Gefühl
begeben Sie sich nun in die Verhandlung mit den potenziellen
Käufern. Wie wird Ihre Verkaufsentscheidung aussehen? Werden
Sie ein harter Verhandlungspartner sein, oder werden Sie mit
Ihren Preisforderungen nachgiebig sein?
Die meisten Leser dürften sich sicher sein, dass sie solche Emo-
tionen nicht bei ihren Verhandlungen oder den Verkaufsentschei-

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dungen beeinflussen würden. Wir werden ja eine Vorstellung von


dem Wert des Hauses und des Grundstückes haben und uns deshalb
nicht durch solche nebensächliche Gefühle beeinflussen lassen,
die zudem überhaupt keinen Bezug zu der eigentlichen Entschei-
dung im Speziellen oder zum Verkauf einer Immobilie im Allgemei-
nen aufweisen. Aber – wir täuschen uns: Unsere Emotionen beein-
flussen uns in verschiedenster Hinsicht. Jennifer Lerner von der
Harvard Kennedy School of Government hat mit ihren Kollegen
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2004 ein aufschlussreiches Experiment zu diesem Thema durchge-


führt. Sie kann uns einige Antworten auf die oben gestellten Fragen
liefern.
Die Wissenschaftlerin nutzte bei ihrem Versuch ein Phäno-
men, das als Besitzstandseffekt (im Englischen Endowment Effect)
bekannt ist. Dieser Effekt lässt sich so beschreiben: Das, was mir
gehört, ist sehr viel wert und sollte im Falle eines Verkaufs einen
sehr hohen Preis kosten. Wir alle kennen diesen Effekt aus dem
Alltag, meistens nehmen wir ihn als unangenehm wahr. Er zeigt
sich darin, dass wir für unser Eigentum in der Regel einen deutlich
höheren Preis verlangen, als es dem Marktwert entspräche. Meis-
tens erleben wir dann eine Enttäuschung da­­rü­ber, dass wir diesen
hohen Preis nicht erzielen. Irgendwie haben wir dann den Ein-
druck, unser Eigentum würde nicht angemessen gewürdigt wer-
den. Dieser Besitzstandseffekt hängt damit zusammen, dass wir
unser Eigentum grundsätzlich nicht gerne hergeben wollen. Wenn
es aber nötig ist, dann zu einem für uns angemessenen hohen Preis,
einer Art emotionalem Aufschlag. Irgendwie gehören unsere Güter
fast wie unsere Kinder zu uns, und wir wollen eigentlich nicht, dass
sie uns verlassen.
Lerner und Kollegen45 schenkten einem Teil ihrer Versuchs-
personen zunächst Objekte, um ihnen später die Möglichkeit ein-

45  Lerner, J. S., Small, D. A. & ­Loewenstein, G. (2004). Heart Strings and Purse
Strings. Carryover Effects of Emotions on Economic Decisions. Psychological
­Science, 15(5), 337–341. doi:10.1111/j.0956-7976.2004.00679.x. Ein sehr interes-
santes Experiment – man muss allerdings berücksichtigen, dass die Versuchsper-
sonen mit kleinen Beträgen hantierten. Es waren Beträge zwischen zwei und acht

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zuräumen, diese Objekte wieder zu verkaufen. Einer anderen Ver-


suchspersonengruppe wurden diese Objekte nur gezeigt, ohne dass
diese in ihren Besitz übergingen. Beide Gruppen sollten sagen, für
welchen Betrag sie diese Objekte kaufen oder verkaufen würden.
Wie erwartet zeigte sich hier deutlich der Besitzstandseffekt: Die
Versuchspersonen, die ihre eigenen Objekte verkaufen mussten,
verlangten für den Verkauf deutlich mehr Geld als die Versuchsper-
sonen, denen diese Objekte gar nicht gehörten. Viel interessanter
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für unsere Betrachtungen über den Einfluss von Emotionen auf Ent-
scheidungen (hier das Kaufverhalten) sind aber die weiteren experi-
mentellen Bedingungen: Alle Versuchspersonen erhielten nun noch
eine Art Sonderbehandlung, denn es wurden bei ihnen unterschied-
liche Emotionen ausgelöst. Die Wissenschaftler wendeten hier eine
Methode an, die in Emotionsexperimenten sehr häufig genutzt
wird. Mithilfe von kurzen Videosequenzen lösten sie gezielt zum
Teil starke Emotionen aus. In einer Bedingung betrachtete eine Ver-
suchspersonengruppe einen sehr traurigen Filmausschnitt («The
Champ»), während die andere Gruppe einige ekelerregenden Sze-
nen aus dem Film «Trainspotting» sahen. Der Kontrollgruppe wurde
eine emotional neutrale Dokumentation über Fische im Great Bar-
rier Reef gezeigt. Direkt danach sollten die Versuchspersonen nun
jene Objekte kaufen beziehungsweise verkaufen.
Das erstaunliche Ergebnis war: Die Versuchspersonen, die
zuvor den traurigen Filmausschnitt gesehen hatten, verkauften
ihre Objekte günstiger als die Versuchspersonen aus der Kontroll-
gruppe. (Sollten sie allerdings andere Objekte erwerben, gaben sie
dafür erheblich mehr aus als alle anderen Versuchspersonen.) Sie

Dollar, insofern ist der Vergleich mit dem Hauskauf nicht ganz zulässig. Ich habe
aber den Hauskauf als Vergleich gewählt, um eine Alltagssituation zu verdeut-
lichen, die uns allen präsent ist. Außerdem würde es bei der Übertragung der
Preisunterschiede aus diesem Experiment auf den hypothetischen Hauskauf zu
ziemlich großen Preisunterschieden kommen, so dass die Bedeutung der Begleit­
emotionen besser einsichtig wird: Bei einem durchschnittlichen Preis eines Eigen-
heimes von 300 000 Euro ergeben 15 bis 33 Prozent Beträge von 45 000 bis über
110 000  Euro!

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reduzierten im Vergleich zu den Versuchspersonen der neutralen


Emotionsbedingung den Verkaufspreis erheblich, nämlich von
4,50 Dollar auf 3 Dollar, also um 1,50 Dollar, was etwa 33 Prozent
entspricht! Dieser Befund zeigt also, dass sich der Besitzstands­
effekt sehr einfach aushebeln lässt. In der Gruppe mit den ekel­
erzeugenden Filmausschnitten verlangten die Teilnehmer ebenfalls
geringere Preise. Hier waren sowohl Verkaufs- wie auch Kauf-
preis deutlich reduziert im Vergleich zur Kontrollgruppe. Diese
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Versuchspersonen reduzierten im Schnitt den Verkaufspreis von


4,50 Dollar auf 2,80 Dollar (38 Prozent) und den Kaufpreis von
3,50 Dollar auf 3 Dollar (14 Prozent). Der Besitzstandseffekt war
nicht mehr erkennbar.
Mit anderen Worten: Emotionen, die eigentlich in keiner Weise
mit der Entscheidung in Verbindung stehen, beeinflussen trotzdem
massiv das Kaufverhalten. Was könnten die Ursachen für diesen
starken Einfluss sein? Trauer scheint die Suche nach Veränderun-
gen zu begünstigen, analysierten die Wissenschaftler. Niedrige Ver-
kaufspreise erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Objekt
losbekommen – und somit auch die Wahrscheinlichkeit von Verän-
derungen. Ebenso erhöht unsere Bereitschaft, hohe Kaufpreise zu
zahlen, auch die Wahrscheinlichkeit von Veränderungen: denn Ver-
käufer sind natürlich bei hohen Verkaufspreisen mehr daran inter-
essiert, ihre Objekte zu verkaufen. Beim Ekel entsteht eine Tendenz,
die Objekte loszuwerden. Man vermeidet, sie zu konsumieren bezie­
hungsweise zu erwerben. Deswegen werden die eigenen Objekte
eher verscherbelt und neue Dinge nur mit niedriger Motivation
umworben, was in niedrigen Kaufpreisangeboten resultiert.
Kommen wir zurück zum Gedankenexperiment: Wie werden
Sie nun Ihr Elternhaus verkaufen, wenn Sie sich noch in einer
Phase der Trauer befinden? Wahrscheinlich werden Sie die Immo-
bilie zu günstig verkaufen, denn in Ihnen entfaltet sich insgeheim
der Wunsch nach Veränderung. Und Veränderung ergibt sich eben
bei einem schnellen Verkauf.
Natürlich soll das nicht bedeuten, dass wir die Ergebnisse die-
ses Laborexperimentes immer direkt auf unser Alltagsverhalten

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übertragen können. Eine ganze Reihe von anderen Einflüssen wir-


ken ebenfalls auf unser Entscheidungsverhalten ein. Sie können an
dieser Stelle nicht erschöpfend dargestellt werden. Aber wir sollten
uns dieser emotionalen Einflüsse durchaus gewahr sein. Sie sind
präsent und entfalten ihre teilweise unheilvollen Kräfte, sofern
wir ihnen nicht durch entsprechende Gegenmaßnahmen Einhalt
gebieten.
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Warum lieben manche Menschen Horrorfilme?

Heinrich Mann beschreibt in seinem berühmten Roman «Der


Untertan» gleich zu Beginn eine interessante menschliche Eigen-
schaft. Über Diedrich Heßling und seine Mutter berichtet er näm-
lich: «Die Mutter nährte ihn mit Märchen. Sie teilte ihm ihre Angst
mit vor den neuen, belebten Straßen und der Pferdebahn, die hin-
durchfuhr, und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort
genossen sie das wohlige Grausen.» Der Roman spielt während der
Wilhelminischen Epoche im letzten Drittel des 19.  Jahrhunderts.
Verglichen mit der heutigen Zeit war das damalige Verkehrsauf-
kommen sicherlich harmlos. Vor allem, wenn man die sehr gerin-
gen Geschwindigkeiten berücksichtigt, die die Kutschen und Pfer-
debahnen erreichen konnten. Trotzdem fürchten sich Diedrich
und seine Mutter vor diesem Verkehr. Gleichzeitig – und das ist der
entscheidende Punkt – genossen beide die Betrachtung der Straßen
und Pferdebahn aus sicherer Entfernung. Hier offenbart sich eine
interessante menschliche Eigenschaft: Wir können zwei gegensätz-
liche Emotionen zur gleichen Zeit empfinden. Auch wenn wir intu-
itiv etwas anderes vermuten würden, ja vielleicht sogar glauben,
dass dies nur bei einer psychischen Störung möglich sei, zeigt uns
die Wissenschaft, dass es eigentlich ganz normal ist. Aber auch
unser Alltag spricht hier schon Bände: Jene Literatur- und Film-
genres, die uns mit Kriminal-, Horror- oder Gruselgeschichten ver-
sorgen, sind sowohl wirtschaftlich als auch kulturell sehr erfolg-
reich. Diese Bücher, Filme und Serien werden von einem sehr

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Sind wir cool und überlegt?  105

breiten Publikum konsumiert. Sehr unwahrscheinlich also, dass


dieses große Publikum überwiegend aus Psychopopathen oder
anderweitig psychisch gestörten Personen besteht.
In Horrorfilmen wird gesägt, gefoltert, gequält und häufig getö-
tet. Warum schauen sich Menschen so etwas freiwillig an und
bezahlen sogar Geld dafür? Die gleiche Frage kann man sich auch
im Zusammenhang mit der Gruselliteratur stellen, die Edgar Allen
Poe, Stephen King oder Bram Stoker geschrieben haben. Der Leser
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setzt sich durch die Lektüre massiv unangenehmen Gefühlen aus.


Auch in der Geschichte finden sich weitere Beispiele: mittelalter­
liche Hinrichtungen wurden etwa als öffentliches Ereignis unter
reger Anteilnahme von Männern, Frauen und sogar Kindern durch-
geführt  – fast wie bei einer Samstagabendsendung im Fernsehen.
Offenbar werden wir von solchen unangenehmen, ja potenziell
traumatischen Ereignissen sogar angezogen, solange wir nicht selbst
betroffen sind. Aber welche psychischen Mechanismen verbergen
sich hinter diesen Phänomenen? Um diese Fragen zu beantworten,
werden wir uns ein interessantes Experiment anschauen, von dem
zwei (damals noch junge) Wissenschaftler 200746 im Journal of
­Consumer Research berichtet haben.
Die beiden Psychologen untersuchten zwei Versuchspersonen-
gruppen. Die Gruppen unterschieden sich vor allem in ihrer Nei-
gung, Horrorfilme anzuschauen. Eine Gruppe tat das sehr gerne,
während die andere Gruppe Horrorfilme ablehnte und sie sich
auch nicht anschaute. Die Aufgabe im Experiment war sehr simpel:
Alle Versuchspersonen sollten ihre Gefühle vor und nach dem

46  Andrade, E. B. & Cohen, J. B. (2007). On the consumption of negative feel-
ings. Journal of Consumer Research, 34(3), 283–300. doi:10.1086/519498. Dies ist
zweifelsohne ein interessantes Experiment. Es konnte zeigen, dass zwei eigentlich
gegensätzliche Emotionen mehr oder weniger simultan aktiviert sein können. Der
Nachteil dieses Experimentes ist, dass die Versuchspersonen ihre Gefühle (nur)
anhand eines Fragebogens bewerten konnten. Damit kann man sicherlich die sub-
jektive Sicht der empfundenen Emotionen messen, aber nicht deren objektiven
Aspekte (die 3.-Person-Perspektive). Insofern wäre es sehr interessant, wenn man
dieses Experiment wiederholen würde und dabei neurophysiologische und peri-
pher-physiologische Kennwerte erheben würde.

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Betrachten eines Horrorfilms bewerten. Das Ergebnis: Beide Grup-


pen äußerten nach dem Betrachten des Gruselstreifens eine deut-
liche Zunahme unangenehmer Gefühle (Angst, Sorge, Ärger etc.).
Jene Personen, die Horrorfilme mochten, gaben aber zusätzlich
an, dass sich bei ihnen angenehme Gefühle eingestellt hatten (zum
Beispiel Freude, Interesse etc.). Bei den Fans kam es also genau zu
dieser Verstärkung zweier eigentlich gegensätzlicher emotionaler
Zustände. Bei den Personen, die Horrorfilme ablehnten, nahmen
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lediglich die negativen Emotionen zu. Das Muster der emotionalen


Veränderungen bei den Gruselfans scheint sich genau so zu verhal-
ten wie bei Diedrich Heßling und seiner Mutter in «Der Untertan».
Sie hatten ein – möglicherweise sehr spezielles – angenehm erre-
gendes Gefühl, das sich aus der Spannung zwischen positiven und
negativen Emotionen ergab. In weiteren Experimenten konnten die
Wissenschaftler auch zeigen, dass sich dieses spezielle angenehme
Gefühl nicht erst nach dem Betrachten des Horrorfilms, sondern
bereits währenddessen einstellte. Aber warum kann dieses spezielle
positive Gefühl nur bei den Horrorfilmfans beobachtet werden?
Die Wissenschaftler konnten auch hier mit einem Experiment
Klarheit schaffen.
Sie kamen zu dem folgenden Ergebnis: Emotionale Reaktio-
nen sind – wie oben bereits dargestellt – eine Reaktion auf äußere
und innere Reize. Diese Reize werden von uns zunächst bewertet,
und als Folge dieser Bewertung löst unser Gehirn die emotionalen
Reaktionen aus. Auf die Reize haben wir natürlich keinen Einfluss,
aber die subjektive Bewertung kann individuell sehr unterschied-
lich ausfallen. Denn in diese Bewertung fließen Vorerfahrungen,
die Perspektive der Betrachtung und viele weitere Informationen
ein. Letztlich entsteht bei jedem von uns so ein Bewertungsrah-
men, der die einkommenden Informationen sehr individuell verar-
beitet – was dann auch zu ganz individuellen Ergebnissen bezüg-
lich der Bewertung führt. Die Fans von Horrorfilmen beispielsweise
haben einen speziellen Bewertungsrahmen entwickelt, der ihnen
dazu verhilft, diese Medien aus einer gewissen mentalen Distanz zu
betrachten. So ist ihnen jederzeit bewusst, dass der Horrorfilm aus

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konstruierten und gespielten, also unechten Szenen aufgebaut ist.


Oft fasziniert es sie mehr, wie solche unangenehmen Situationen
filmisch oder schriftstellerisch bewältigt und umgesetzt worden
sind. Wenn sie im Horrorfilm unangenehme Szenen betrachten,
werden zwar auch bei ihnen automatisch negative Emotionen aus-
gelöst. Aber durch die kognitiven Bewertungen werden diese Sze-
nen gleichzeitig positiv konnotiert, so dass eine besondere Melange
aus negativen und positiven Emotionen entsteht. Leitet man Ver-
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suchspersonen, die Horrorfilme ablehnen, an, jene Bewertungsrah-


men zu nutzen, die Horrorfans nutzen, dann verändert sich auch
bei diesem Personenkreis das Muster der emotionalen Reaktionen.
Bei ihnen entstehen nun auch einige positive Emotionen.
Typischerweise streben wir emotionale Zustände an, die wir
als sehr angenehm empfinden, und wir vermeiden unangenehme
Situationen. Wie wir oben gesehen haben, kann uns auch ein Hor-
rorfilm einen angenehmen Zustand bescheren, sofern wir den
angemessenen Bewertungsrahmen zur Verfügung haben. Demzu-
folge können wir auch bestrebt sein, Horrorfilme zu betrachten,
denn sie können uns eine interessante Emotionsmelange besche-
ren. Was hat uns dieses Experiment also gezeigt? Wir haben gelernt,
dass unsere Emotionen durch individuelle Bewertungen erheblich
beeinflusst werden können.

In der Hitze des Augenblickes

Wir bemerken an uns selbst, dass emotionale Erregungen eine


gewisse Macht über uns ausüben. Unser Verhalten kann dadurch
erheblich beeinflusst werden. Sind wir in Hochstimmung, dann
haben wir manchmal den Eindruck, wir könnten Bäume ausreißen.
Sind wir dagegen traurig, fällt es uns schwer, Motivation und Kraft
für Entscheidungen, ja manchmal für die einfachsten Tätigkeiten
zu entwickeln. Aber wie sehr können wir davon beeinflusst wer-
den – also von der Kraft der momentanen Emotionen? Dan Ariely
und George Loewenstein vom Massachusetts Institute of Techno-

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108  Sind wir cool und überlegt?

logy und der Carnegie Mellon University haben hierzu ein etwas
ungewöhnliches, aber sehr aufschlussreiches Experiment durchge-
führt. Einigen Lesern mag dieses Experiment vielleicht sogar etwas
unmoralisch erscheinen, wofür ich mich im Voraus entschuldigen
möchte. Aber in diesem Versuch ist es den beiden Forschern gelun-
gen, einige Versuchspersonen außerordentlich stark emotional zu
erregen – und zu überprüfen, wie diese emotionalen Erregungen
spätere Entscheidungen beeinflussen.
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Die Wissenschaftler konnten ein Gruppe von US-amerikani-


schen Studenten als Teilnehmer gewinnen, die sie per Zufall auf
zwei Versuchsgruppen aufteilten. Eine Gruppe erhielt eine Reihe
von Fragen, die ihnen über einen Computerbildschirm eingeblen-
det wurden. Das besondere: Die Fragen bezogen sich fast alle auf
erotische Themen. Zum Beispiel tauchten folgende Fragen auf:
«Ist eine Frau sexy, wenn sie schwitzt?» «Bevorzugst Du Sex bei
angeschaltetem Licht?» Aber es wurden auch weniger explizite
Fragen gestellt: «Erregt Dich der Geruch einer Zigarette?» «Sind
Frauenschuhe für dich erotisch?» Die Teilnehmer mussten ihre
Antworten auf einer Analogskala angeben. Hierbei positionierten
sie mit der Computertastatur einen Schieber auf einer Skala, die
ein Kon­tinuum zwischen Nein und Ja darstellte. Je weiter der
Schieber in Richtung Ja verschoben war, desto deutlicher bejahte
die Versuchsperson die entsprechende Frage. Der Antwort wurde
ein Punktwert zugeordnet, der zwischen 0 (absolut Nein) und 100
(absolut Ja) lag.
Bislang habe ich die eher harmlose Versuchsgruppe beschrie-
ben. Lassen Sie uns nun zu der kritischen, aber wichtigen Versuchs-
gruppe kommen. Diese Gruppe von Studenten musste die gleichen
Fragen beantworten wie die erste Gruppe – war aber von den Ver-
suchsleitern dazu angehalten worden, sich währenddessen selbst
sexuell zu stimulieren, also zu masturbieren. Dabei sollten sie nicht
nur diese Fragen beantworten, sondern sich selbst beobachten
und ihre subjektiv empfundene Erregung bewerten. Auch hier war
das Ergebnis eindrücklich: Die sexuell erregte Versuchspersonen-
gruppe beantwortete die Fragen viel positiver. Sie waren also viel

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stärker geneigt, die Frage «Sind Frauenschuhe für dich erotisch?»


mit «Ja» zu beantworten. Auch die sehr expliziten Fragen bejahten
diese Personen erstaunlich eindeutig. Fassen wir zusammen: Im
Zustand der sexuellen Erregung scheinen wir offenbar viel stärker
geneigt zu sein, selbst ungewöhnlichen erotischen Angeboten zuzu-
stimmen.
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Geld allein macht nicht glücklich – oder doch?

Der große Schriftsteller George Bernard Shaw soll einmal gesagt


haben: «Es stimmt, dass Geld nicht glücklich macht. Allerdings
meint man damit das Geld der anderen.» Geld und Glück sind The-
men, die in unserer Gesellschaft eng miteinander verwoben sind.
Wir streben nach Lohnerhöhungen, freuen uns, wenn wir einen Lot-
togewinn erhalten oder eine Erbschaft machen. Umgekehrt sind wir
enttäuscht, wenn unser Gehalt gekürzt wird oder wir Geld verlieren.
Insofern könnte man vermuten, dass die uns zur Verfügung stehende
Geldmenge eng und direkt mit dem empfundenen Glück oder der
Zufriedenheit zusammenhängt. Und tatsächlich zeigen genau das
die allermeisten Studien, die den Zusammenhang zwischen Geld
und Glück empirisch untersucht haben. Die berichteten Zusammen-
hänge sind nicht besonders stark, aber gleichwohl statistisch bedeut-
sam. In anderen Worten: Irgendwie hängt die zur Verfügung ste-
hende Geldmenge wirklich mit dem empfundenen Glück zusam-
men.47 Aber ist es so einfach? Mehr Geld, mehr Zufriedenheit?
Der aufmerksame Leser wird sich noch an das Kapitel «Alles ist
relativ» erinnern. Dort haben wir gesehen, wie stark unsere subjek-
tiven Bewertungen von den Umständen abhängig sind. Insofern
liegt der Verdacht nah, dass der Zusammenhang zwischen Glück
und Geld, also zwischen dem eigenen Wohlbefinden und dem ver-

47  Eine gute Zusammenfassung der Arbeiten zu diesem Thema findet sich bei
­Diener &  Biswas-Diener (Diener, E. &  Biswas-Diener, R. (2002). Will money
increase subjective well being? A literature review and guide to needed research.
Social Indicators Research, 57, 119–169.)

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110  Sind wir cool und überlegt?

fügbaren Kapital, etwas komplexer ist. Begeben wir uns nun in die
spannende Welt des Geldes und seiner Wirkungen auf unser Wohl-
befinden (und vor allem auf unser Entscheidungsverhalten). Wie
sehen die Wechselwirkungen zwischen Geld, Glück und Wohlbefin-
den genau aus? Wovon hängen diese Wechselwirkungen ab und wie
verändern sie sich? Beeinflusst Geld oder sogar der pure Gedanke
daran bereits unser Verhalten (und unser Entscheidungsverhalten)?
Geld ist ein sekundärer Verstärker. Als Verstärker bezeichnet
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man in der Psychologie einen Reiz, der als Konsequenz einem


bestimmten Verhalten folgt und damit die Auftretenswahrschein-
lichkeit dieses Verhaltens erhöht. Primäre Verstärker befriedigen
typischerweise physiologische Bedürfnisse und entfalten ihre Ver-
stärkungswirkung ohne vorhergehenden Lernprozess. Sie wirken
sofort und unmittelbar. Für uns Menschen sind dies etwa Nahrung
und Zärtlichkeiten – also Reize, die unsere grundlegenden Bedürf-
nisse befriedigen. Sekundäre Verstärker wirken hingegen nicht per
se, sondern sie entwickeln erst durch wiederholtes gemeinsames
Auftreten mit primären Verstärkern ihre Verstärkungskraft. Man
kann es sich so vorstellen: Die sekundären Verstärker kündigen im
Sinne einer Assoziation die primären Verstärker an. Gerade Geld ist
ein prototypischer sekundärer Verstärker, denn wir haben gelernt,
dass wir mit Geld eine Vielzahl unserer Bedürfnisse befriedigen
können. Sekundäre Verstärker zeichnen sich unter anderem dadurch
aus, dass ihre Befriedigung nicht so schnell zu einer Sättigung führt.
Essen wir jeden Abend das gleiche Gericht, um unseren Hunger zu
stillen, wird es nicht lange dauern, bis wir genau dieses Gericht
irgendwann nicht mehr sehen können und es sogar richtiggehend
verabscheuen. Der sekundäre Verstärker ermöglicht uns dagegen,
verschiedene primäre Verstärker damit zu erwerben, und es wird
uns nicht so schnell zuwider, Geld zu verdienen und auszugeben.
Doch gerade beim Geld kommt es durchaus zu seltsamen
Nebeneffekten: Die Verstärkungswirkung des Geldes entkoppelt
sich gelegentlich vom reinen ökonomischen Nutzen. In der Folge
haben wir die Tendenz, die absolute Geldmenge überzubewerten.
Sozialwissenschaftler bezeichnen das als Geldwertillusion. Eine

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Sind wir cool und überlegt?  111

größere Geldmenge ist an sich bereits cooler und belohnender als


eine kleinere Geldmenge, auch wenn man sich für die kleinere
Geldmenge beispielsweise die gleichen Waren kaufen könnte. Die
Geldwertillusion tritt im globalisierten Alltag häufig auf, gelangt
uns aber oft nicht ins Bewusstsein. Wir freuen uns über eine Lohn-
erhöhung zum Jahresende, auch wenn über das Jahr die Preise
gestiegen sind und sich damit die Kaufkraft verringert hat, so dass
wir real vielleicht sogar weniger verdienen als noch vor einem Jahr.
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Auch hier zeigen wir uns mal wieder gerade nicht als rational
denkende und handelnde Wesen: Wären wir so rational, dann
würden wir den Nettogewinn durch die Lohnerhöhung berech-
nen – und nur dann zufrieden sein, wenn die Lohnerhöhung trotz
Zunahme der Lebenshaltungskosten zu einer Steigerung des Ein-
kommens führen würde. Aber dies ist nicht der Fall: Untersuchun-
gen von Sozialwissenschaftlern haben gezeigt, dass die absolute
Geldmenge bei der Lohnerhöhung zumindest primär attraktiver ist
als die Zunahme des Nettoeinkommens.48
Dieses Phänomen kann anhand eines einfachen und in der
Forschung häufig wiederholten Experiments deutlich gemacht
werden. In diesen Versuchen sollten die Teilnehmer die Zufrie-
denheit von zwei hypothetischen Personen beurteilen. Eine Per-
son erhielt eine Lohnerhöhung von fünf Prozent bei gleichzeiti-
ger Inflationsrate von vier Prozent. Die andere Person durfte eine
Lohnerhöhung von zwei Prozent bei einer Inflationsrate von null

48  Die Geldwertillusion ist ein vielfach und bereits lange bekanntes Phänomen.
In der Wirtschaftswissenschaft wurde dieses Phänomen lange Zeit nicht wirklich
«ernst» genommen, da in dieser Dis­zi­plin der Homo oeconomicus als Modell des
typischen Menschen, der am Wirtschaftsleben teilnimmt, gepflegt wurde. Diese
Ansicht hat sich in den vergangenen Jahren durch viele Arbeiten im Grunde
genommen vollständig gewandelt und ist durch Arbeiten insbesondere der Zür-
cher Arbeitsgruppe um Ernst Fehr herausgefordert worden. Typische Arbeiten zur
Geldwertillusion sind: Tobin J. (1972). Inflation and unemployment. American
Economic Review, 62, 1–18. Weber, B., Rangel, A., Wibral, M. & Falk, A. (2009).
The medial prefrontal cortex exhibits money illusion. Proceedings of the National
Academy of ­Science USA, 106(13), 5025–5028. Shafir, E., Diamond, P. Tversky, A.
(1997). Money illusion. Quarterly Journal of Economics, 112, 341–374.

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Prozent genießen. Die Mehrheit der befragten Versuchspersonen


erwartet bei diesen Experimenten, dass die erste Person zufriede-
ner sein wird! Offenbar wird die absolute Geldmenge überbewertet,
denn eigentlich hat ja die Person mit zwei Prozent Lohnerhöhung
im Endeffekt real einen höheren Gewinn.
Die meisten Forscher, die sich mit diesem Phänomen der Geld-
wertillusion auseinandergesetzt haben, befragten die Versuchsper-
sonen in dieser oder ähnlicher Weise. Natürlich haben Befragungs-
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untersuchungen einige Schwächen, unter anderem besteht immer


die Gefahr, dass die Ergebnisse durch soziale Erwünschtheit oder
andere mehr oder weniger bewusste Einflussgrößen verfälscht be­­
ziehungsweise moduliert werden. Inzwischen liegen aber auch neu-
rowissenschaftliche Studien vor, die versuchen, die zugrunde liegen-
den neuronalen Prozesse zu identifizieren. Und man hofft zudem,
die Untersuchungen objektiver gestalten zu können. Bei diesen neu-
rowissenschaftlichen Untersuchungen wird erfasst, welche Hirn­
gebiete beim Bearbeiten von verschiedenen Aufgaben und beim
Treffen von Entscheidungen aktiv sind. Anhand des jeweiligen Akti-
vierungsmusters schließt man dann auf die zugrunde liegenden psy-
chischen Prozesse zurück.
Mit der Einführung der bildgebenden Verfahren konnten auch
beim Menschen jene Hirnstrukturen identifiziert werden, die in die
Verarbeitung von Verstärkung eingebunden sind (Abbildung 3).
Dies sind: (1) der Orbitofrontalkortex (OFC) mit einem seitlichen
und mittleren Teil (ventromedialer Orbitofrontalkortex), (2) die
Mandelkerne (Amygdala) und (3) der Nucleus accumbens (Accum-
bens). Diese Hirngebiete werden durch die Präsentation primärer
(Nahrung, Geruch etc.) und sekundärer Verstärker (schöne Gesich-
ter, positive soziale Interaktionen, Musik und Geld) aktiviert. Dieses
Verstärkungssystem (der OFC-Amygdala-Accumbens-Komplex)
ist ähnlich wie bei Affen nicht nur beim Eintreten einer Verstärkung,
sondern auch schon während der Erwartung von Verstärkung und
sogar während der Handlung, die zu Verstärkung führt, aktiv. Die
neuronale Aktivität im OFC nimmt zu, je höher der Verstärkungs-
wert eines Reizes ist. So treten beispielsweise mit steigender Menge

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zum
Frontalkortex Striatum

A10
Ncl. accumbens
Substantia nigra

Hirnanhangdrüse
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mOFC
lOFC ex
t
Frontalkor

Ncl. accumbens
Hippocampus
ventrales Tegmentum
Abbildung 3: Schematische Darstellung des Belohnungssystems. mOFC: mesialer
Orbitofrontalkortex, lOFC: lateraler Orbitofrontalkortex. Im oberen Teil ist auch
noch der Nucleus accumbens dargestellt.

der finanziellen Belohnung, größerer Attraktivität von visuellen


Reizen (Autos und Gesichter) oder größerer Geschmackspräferenz
bei Getränken auch stärkere Aktivitäten im OFC auf. In einigen
Untersuchungen sind die Korrelationen zwischen den subjektiven
Präferenzwerten (und den damit verbundenen Verstärkungswer-
ten) linear.49 Das heißt, dass mit zunehmender positiver Bewertung
der bewerteten Objekte auch die Aktivität im Verstärkungssystem
zunimmt.
Eine besondere Bedeutung hat in diesem Belohnungssystem
der Ncl. accumbens. Nennen wir ihn der Einfachheit halber das
Lustzentrum. Dieses Hirngebiet ist immer dann aktiv, wenn wir
angenehme Gefühle bis hin zur Lust empfinden. Die Aktivität in

49  Eine wichtige Arbeit hierzu ist: McClure, S. M., Berns, G. S. & Montague, P. R.
(2003). Temporal prediction errors in a passive learning task activate human stri-
atum. Neuron, 38, 339–346.

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diesem Hirngebiet hängt auch davon ab, wie wahrscheinlich die zu


erwartenden angenehmen Ereignisse sind. Die Entdeckung dieses
Hirnareals führte die Forschung auch zur Vorhersagetheorie  –
einem weiteren Hinweis da­­rauf, wie wenig rational unser Gehirn
arbeitet. Hierzu müssen wir zunächst zwischen dem positiven und
negativen Vorhersagefehler unterschieden (wir haben ihn ja bereits
oben kennengelernt). Ein positiver Vorhersagefehler tritt dann ein,
wenn wir in Erwartung einer Verstärkung zu pessimistisch waren.
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Das heißt, die Verstärkung ist positiver als erwartet. Dann ist die
Aktivität im Verstärkungssystem und hier insbesondere im Lust-
zentrum besonders stark. Ein negativer Vorhersagefehler tritt dage-
gen auf, wenn unsere Erwartungen zu optimistisch ausfielen und
die Verstärkung schwächer ausfällt als erwartet. Entsprechend
schwächer wird auch das Lustzentrum aktiviert. Faszinierend daran
ist, dass diese unterschiedlichen Aktivitätsniveaus tatsächlich auch
dann auftreten, wenn der Verstärker objektiv betrachtet immer der-
selbe ist! Ein simples Beispiel: Sie erwarten für eine bestimmte
Tätigkeit eine Verstärkung von 50 Euro, erhalten dann aber 100 Euro
(positiver Vorhersagefehler). In diesem Fall reagiert Ihr Lustzent-
rum besonders stark. Wenn Sie nun für diese Arbeit 200 Euro
erwarten, aber lediglich 100 Euro erhalten, dann wird die Lustzent-
rumsaktivität viel schwächer als beim positiven Vorhersagefehler
ausfallen – und das, obwohl der nominale Wert der Verstärkung in
beiden Fällen identisch ist. Dieses Beispiel macht deutlich, dass die
Verstärkungswirkung und damit die neurophysiologische Aktivität
im Belohnungssystem nur eingeschränkt von der nominalen Stärke
des genossenen Verstärkers abhängt. Vor allem hängt die Aktivität
und unser Empfinden von unseren subjektiven Erwartungen ab.
Dieses Verstärkungssystem haben Forscher von der Universi-
tät Bonn unter Leitung des Wirtschaftswissenschaftlers Armin Falk
genauer untersucht.50 Im Experiment dieser Forschungsgruppe

50  Weber, B., Rangel, A., Wibral, M. & Falk, A. (2009). The medial prefrontal
cortex exhibits money illusion. Proceedings of the National Academy of ­Science
USA, 106(13), 5025–5028. Dies ist die erste neurowissenschaftliche Arbeit, die
sich mit den neuronalen Grundlagen der Geldwertillusion auseinandergesetzt hat.

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mussten die Versuchspersonen eine einfache Aufgabe lösen. Waren


Sie erfolgreich, erhielten sie einen Geldpreis. Während der Über-
gabe des Geldpreises wurde dann die Durchblutungssteigerung im
Belohnungssystem mittels funktioneller Magnetresonanztomogra-
phie gemessen. Die Geldpreise wurden allerdings nicht bar ausge-
zahlt, sondern die Versuchspersonen wählten ihre Preise aus einem
Katalog. Dort gab es beispielsweise Bücher, CDs, Sportartikel, Kos-
metika, elektronische Konsumgüter und Wanderausrüstung. Jedes
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dieser Produkte war mit einem Preis ausgezeichnet.


Auf Basis dieser Anordnung entwarfen die Bonner Wissen-
schaftler nun zwei Versuchsbedingungen: eine Hochpreis- und eine
Niedrigpreisbedingung. Jede Versuchsperson «spielte» fünfmal
nacheinander eine der beiden Bedingungen. Preisgelder und Pro-
duktpreise waren so gewählt, dass in beiden Bedingungen die reale
Kaufkraft immer die gleiche war. In der Hochpreisgruppe waren die
Preisgelder zwar höher, aber auch die Produktpreise waren entspre-
chend angehoben, so dass die reale Kaufkraft in beiden Bedingun-
gen identisch war. Durch diese clevere experimentelle Manipulation
gelang es den Experimentatoren, den nominellen und realen Wert
des Geldbetrages unabhängig voneinander zu manipulieren. Insge-
samt absolvierten die Teilnehmer insgesamt 200 Durchgänge, davon
je 100 in einer der beiden Bedingungen. Es stellte sich he­­raus, dass
bei den Teilnehmern die Durchblutung im Belohnungssystem
zunahm, während sie sich immer mehr Preise erarbeiteten. Viel
interessanter ist allerdings, dass die Durchblutung in der Hochpreis-
bedingung immer stärker war – sie war also besonders attraktiv und
verstärkend, und zwar unabhängig von der Kaufkraft, die mit die-
sem Preisgeld erworben wurde (denn diese war ja identisch mit der
Kaufkraft in der Niedrigpreisgruppe). Je höher das Preisgeld, desto
attraktiver und belohnender ist die Wirkung, auch wenn der prakti-
sche Nutzen (also die Kaufkraft) nicht zwangs­läufig größer ist!
Möglicherweise ist dieses Reaktionsmuster noch ein Über-
bleibsel eines evolutionär alten Schaltkreises, bei dem eine größere
Menge von verstärkenden Reizen zunächst einmal (vielleicht auch
sicherheitshalber) mit stärkeren Reaktionen im Belohnungssystem

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verbunden ist als eine geringere Menge. Eine realistische Einschät-


zung, ob das Ausmaß der verstärkenden Stimulation auch prakti-
schen Nutzen hat, scheint zunächst einmal nicht so wichtig zu
sein – oder auch schlicht zu komplex und aufwendig. Oft liegt es
nicht auf der Hand, ob der reale Nutzen eindeutig mit dem Ausmaß
der Belohnung zusammenhängt. Dies erfordert mitunter komplexe
Berechnungen und Einschätzungen, die nur mit Vorwissen oder
bestimmten Fähigkeiten bewältigt werden können. Die zur Berech-
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nung notwendigen Abläufe müssen zudem wahrscheinlich durch


bewusste Prozesse angestoßen werden.
In diesem Sinne vermute ich Folgendes: Wären die Versuchs-
personen explizit da­­rauf trainiert worden, die reale Kaufkraft und
nicht die absolute Preisgeldhöhe zu berücksichtigen, dann wären
die Ergebnisse anders ausgefallen. Ich könnte mir vorstellen, dass
dann die Durchblutungszunahmen im Belohnungssystem in Ab­­
hängigkeit von der realen Kaufkraft (und unabhängig von der Höhe
des Preisgeldes) zunehmen würden. Insofern lautet mein Plädoyer,
dass wir uns nicht immer den einfachen und automatischen Bewer-
tungen hingeben sollten, sondern gelegentlich durchaus die nach-
folgenden Berechnungen auf uns nehmen sollten. Trotz allem bleibt
als wesentliches Ergebnis dieser Arbeit die Einsicht, dass große
Geldmengen zunächst und wahrscheinlich vorrangig verstärkend
und damit verlockend wirken  – und das teilweise unabhängig
davon, wie hoch die Kaufkraft der jeweiligen Geldmenge real ist.

Viele Sozialwissenschaftler und Psychologen würden folgender


Beschreibung zustimmen: Geld ist ein Mittel, mit dem ein Indivi-
duum etwas ohne die Hilfe anderer Individuen erreichen kann. Der
Einzelne wird durch Geld also unabhängig und selbstständig. Wir
schätzen die Unabhängigkeit, und sie stärkt unser Wohlbefinden.
In einem abstrakteren Sinn ist Geld ist also ein Mittel, um die eigene
Position innerhalb von gesellschaftlichen Gruppen zu beeinflus-
sen. Viel Geld verschafft uns normalerweise eine bessere gesell­
schaft­liche Position (zumindest in den westlichen kapitalistisch
organisierten Gesellschaften). Eine hohe gesellschaftliche Stellung

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ist direkt mit Achtung und Ehrerbietung verbunden, was in der


Folge das Selbstwertgefühl und das subjektiv empfundene Glück
beeinflusst. Insofern ist es einleuchtend, dass Geld unser Sozialver-
halten auch tatsächlich unmittelbar verändern kann. Das geht so
weit, dass schon der pure Gedanke an Geld unsere Einstellungen
beeinflusst: Je mehr wir an Geld denken und mit ihm zu tun haben,
desto weniger sind wir geneigt zu spenden, anderen Menschen zu
helfen oder sie grundsätzlich zu unterstützen. In anderen Worten:
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Wir werden zwar zufriedener, vielleicht sogar glücklicher, wenn


wir mehr Geld haben. Gleichzeitig hemmt der Gedanke oder die
Beschäftigung mit Geld unsere Neigung, prosozial zu agieren.51
Das erscheint im ersten Moment paradox: Denn wir sind sozi-
ale Wesen, für die es wichtig ist, zwischenmenschliche Beziehun-
gen zu erleben. Wir empfinden es in der Regel sogar als belohnend
und beglückend, in funktionierende soziale Netze eingebunden zu
sein. Damit wir diesen Zustand erhalten, müssen wir uns prosozial
verhalten, wir signalisieren unseren Partnern, Verwandten und
Freunden, dass wir ihnen helfen wollen, dass wir sie unterstützen,
mit ihnen leiden und uns mit ihnen freuen.
Welche Rolle spielt also das Geld, mit dem wir einerseits Indi-
vidualität und damit Unabhängigkeit von den sozialen Bezügen
erreichen, aber auch die Mittel zur Verfügung haben, um prosozial
zu wirken? Dies haben Elisabeth Dunn und Michael Norton von
der Universität Vancouver in Kanada untersucht.52 Sie baten eine
repräsentative Stichprobe von Teilnehmern, ihre Zufriedenheit
beziehungsweise ihr Glücksempfinden zu bewerten. Gleichzeitig
sollten die Befragten ihr Jahreseinkommen angeben und ihre
monatlichen Ausgaben schätzen. Bei den Ausgaben differenzierten

51  Ein eindrückliches und wichtiges Experiment hierzu wurde von Vohs und
Kollegen publiziert (Vohs, K. D., Mead, N. L. & Goode, M. R. (2006). The psycho-
logical consequences of money. ­Science, 314(5802), 1154–1156.) Die Autoren
haben in acht Experimenten gezeigt, dass Geld, beziehungsweise das Verfügen
über relativ viel Geld, die Neigung für prosoziales Verhalten mindert.
52  Dunn, E. W., Aknin, L. B. & Norton, M. I. (2008). Spending money on others
promotes happiness. ­Science, 319(5870), 1687–1688.

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die Wissenschaftler zwischen (1) Ausgaben pro Monat für Rech-


nungen, (2) Käufe für sich selbst, (3) Geschenke für andere und (4)
Spenden für wohltätige Zwecke. Die unter (1) und (2) aufgeführten
Ausgaben nutzten die Forscher als Index für «persönliche Ausga-
ben» und die unter (3) und (4) aufgeführten Budgetposten als
Index für «Ausgaben für andere» beziehungsweise Spenden. Nach
Auswertung der Fragebögen und der statistischen Analysen ergab
sich folgendes Bild: Hohe «Ausgaben für andere» beziehungsweise
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hohes Spendenaufkommen hing signifikant positiv mit dem sub-


jektiven Gefühl der Zufriedenheit beziehungsweise Glück zusam-
men. In anderen Worten: Je mehr die Befragten für andere Perso-
nen ausgaben, desto zufriedener beziehungsweise glücklicher
schätzten sie sich ein. Natürlich sagt das zunächst nichts über die
ursächlichen Zusammenhänge aus: Spenden die zufriedenen Per-
sonen mehr, weil sie zufriedener und gelassener sind? Oder sind sie
zufriedener, weil sie spenden?
Auch dieser Einfluss ist in mehreren Studien untersucht wor-
den  – bei Erwachsenen, Kindern und Heranwachsenden. In den
meisten dieser Studien nutzten die Forscher experimentelle Mani-
pulationen, um die Stimmung der Teilnehmer gezielt zu beeinflus-
sen. Sie präsentierten den Probanden angenehme Filme, versorg-
ten sie mit leckerem Essen oder ließen sie angenehme Situationen
erleben (zum Beispiel den Gewinn eines Geldbetrages oder ein
gutes Ergebnis bei einem Test). Das wesentliche Ergebnis aller die-
ser Untersuchungen kann man so zusammenfassen: Je zufriedener
die Versuchspersonen nach den experimentellen Manipulationen
waren, desto mehr spendeten sie. Man erkennt dieses Phänomen
durchaus an sich selbst. Ist man in einer guten Stimmung, dann ist
man in der Regel etwas generöser und spendabler.
Der aufmerksame Leser wird jetzt zu Recht feststellen, dass
hier ein scheinbar merkwürdiges Prob­lem verborgen ist.53 Denn

53  Auf das Prob­ lem des positiven Rückkopplungsmechanismus verweisen


Dunn und Norton in ihren eigenen Publikationen immer wieder. Aknin, L. B.,
Dunn, E. W. & Norton, M. I. (2012). Happiness Runs in a Circular Motion: Evi-
dence for a Positive Feedback Loop between Prosocial Spending and Happiness.

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wenn zufriedene und glückliche Menschen mehr spenden und


beim Spenden glücklicher und zufriedener werden, dann ist dies ja
ein selbstverstärkender Mechanismus. In der Regeltheorie wäre das
ein Rückmeldesystem mit einer positiven (und verstärkenden)
Rückkopplung. Konkret würde dies bedeuten, dass mit zunehmen-
der Spendenmenge die Zufriedenheit und damit auch wiederum
die Spendenneigung zunehmen müsste. Durch die gegenseitige
Verstärkung müssten Glück und Zufriedenheit dieser Menschen
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nahezu unermesslich steigen. Dies tritt unseres Wissens aber prak-


tisch nie ein. Was bedeutet, dass dieser positive Rückkopplungsme-
chanismus offenbar durch andere Mechanismen außer Kraft gesetzt
und zurückgeregelt wird. Bislang sind die begrenzenden Mechanis-
men noch nicht hinreichend untersucht und identifiziert worden.
Ich vermute allerdings, dass der oben beschriebene positiv verstär-
kende Rückkopplungsmechanismus nur in einem engen Rahmen
funktioniert: erreicht die subjektiv empfunden Zufriedenheit oder
die gespendete Geldmenge einen gewissen Schwellenwert, kommt
die Rückkopplungsschleife möglicherweise zum Erliegen oder ver-
kehrt sich sogar in ein negatives Feedback. Möglich ist auch, dass
ab einem gewissen Punkt egoistische Emotionen und damit ver-
bundene Motive diesem «endlosen» Spenden die Grenzen aufzei-
gen. In diesem Modell könnten egoistische Motive die altruisti-
schen Motive quasi zurückziehen und damit das altruistische
Motiv, Geld für andere auszugeben, begrenzen. Ich stelle mir das
als eine Art Gummibandaktivität vor, bei der durch die Zunahme
einer bestimmten Emotion zeitverzögert eine gegensätzlich wir-
kende Emotion ausgelöst wird. Diese würde die zuerst ausgelöste
Emotion praktisch wieder zurückregulieren  – und dadurch auch
verhindern, dass die erste Emotion zu stark wird.54

Journal of Happiness Studies, 13(2), 347–355. Aknin, L. B., Norton, M. I. & Dunn,
E. W. (2009). From wealth to well-being? Money matters, but less than people
think. The Journal of Positive Psychology, 4(6), 523–527.
54  Diese Idee wurde in den 1980er-Jahren von R. L. Solomon als «opponent-
process theory» formuliert und publiziert (Solomon, R. L. (1980). The opponent-
process theory of acquired motivation: the costs of pleasure and the benefits of

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Die erwähnten Forschungen legen nahe, dass das Spenden eine


angenehme Tätigkeit ist, die offenbar bei uns fast automatisch mit
Belohnung, Verstärkung und angenehmen Gefühlen verbunden ist.
Wir wissen inzwischen, dass dies vor allem dann zutrifft, wenn das
Spenden intrinsisch (also aus der Person kommend) motiviert ist.
Solche intrinsischen Motive entstehen, wenn wir selbstgesetzte Ziele
erreicht wollen. Zum Beispiel wenn es uns um verinnerlichte Werte
geht, denen wir uns quasi automatisch verpflichtet fühlen. Oft ist es
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tatsächlich so, dass diese intrinsischen Motive sogar komplett unbe-


wusst in uns wirken und unser Verhalten antreiben. Wie wir unten
noch weiter sehen werden, können solche intrinsischen Motive
bemerkenswerte Kräfte in uns freisetzen, unser Verhalten antreiben
und in ganz bestimmte, mitunter unerwartete Richtungen drängen.
Ganz anders läuft es mit extrinsischen Motiven: Diese Kräfte kom-
men von außen, unser Verhalten wird extern angetrieben (oder bes-
ser: gezogen). Werden äußere Anreize wichtiger als intrinsische
Motive, dann tendieren wir dazu, auch das Spenden im Sinne einer
Kosten-Nutzen-Rechnung zu ökonomisieren. Was dann gelegent-
lich zu kuriosen Effekten führen kann.
Ein faszinierendes Beispiel konnten vor einigen Jahren die
Wissenschaftler Gneezy und Rustichini55 in ihrem bemerkens-
werten Kindergartenexperiment präsentieren. Sie untersuchten
dabei das Verhalten von Eltern in einem privaten Kindergarten.
Vor allem interessierten sich die Forscher für Eltern, die ihre Kin-
der später als vereinbart aus dem Kindergarten abholten. Sie ope-
rierten mit zwei Bedingungen: einerseits eine finanzielle Bestra-

pain. American Psychologist, 35(8), 691–712.). Diese Theorie verfügt über einigen
Erklärungscharme, ist aber nicht mit allen Befunden aus der Emotions- und Moti-
vationspsychologie kompatibel. Wir haben ja bereits in diesem Buch einige Bei-
spiele besprochen, die zeigen, wo diese Theorie an ihre Grenzen stößt (zum Bei-
spiel wenn Menschen gleichzeitig Ekel, Furcht und Freude beim Betrachten von
Horrorfilmen empfinden).
55  Gneezy, U. & Rustichini, A. (2000a). A fine is a price. Journal of Legal Studies,
29, 1–18. Gneezy, U. &  Rustichini, A. (2000b). Pay enough or don’t pay at all.
Quarterly Journal of Economics, 115, 791–810.

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fung; andererseits eine moralische Ermahnung der Eltern. Das


Ergebnis war erstaunlich: Mussten die Eltern bei verspätetem
Abholen der Kinder eine finanzielle Strafe entrichten, nahm die
Häufigkeit des bestraften Verhaltens (also des verspäteten Abho-
lens der Kinder) sogar noch zu! Wurden die Eltern dagegen mora-
lisch verpflichtet, indem sie da­­rauf aufmerksam gemacht wurden,
dass die Betreuer auch privaten Verpflichtungen nachzugehen hät-
ten und deshalb zeitgerecht den Kindergarten verlassen wollten,
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hielten sich die Verspätungen in Grenzen und waren zumeist auf


unvermeidliche Ereignisse zurückzuführen. Es liegt der Verdacht
nahe, dass die Verspätung durch die Einführung einer finanziellen
Bestrafung ökonomisiert worden war. Die Eltern wurden in gewis-
ser Weise einer sozialen Verantwortung für die Erzieher vor Ort
enthoben, die ihretwegen Überstunden machen mussten. Sie nah-
men viel leichter eine Verspätung in Kauf (denn sie bezahlten ja
dafür), um andere für sie wichtigere Tätigkeiten in dieser Zeit
durchzuführen.
Je mehr ökonomische Gründe also ins Spiel gebracht werden,
desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir ökonomisch
und damit abwägender und rationaler denken und handeln. Dabei
können intrinsische Motive (in unserem Fall: zu spenden) abge-
schwächt werden oder ganz verloren gehen. Wir beginnen dann,
Tätigkeiten nur noch danach zu bewerten, ob wir dafür ausrei-
chend finanziellen Gegenwert erhalten. Das ist schade, denn so
manche Aufgabe würden wir unter anderen Umständen, nämlich
dann, wenn wir intrinsisch motiviert wären, auch umsonst und
vielleicht sogar mit stärkerem Nachdruck durchführen. Und tat-
sächlich gibt es ja sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft, die
in ihrer Freizeit verantwortungsbewusst, zielstrebig, ausdauernd
und motiviert arbeiten, ohne dass sie eine angemessene finanzielle
Entlohnungen erwarten: in Ehrenämtern, in Vereinen, aber natür-
lich auch in der Verfolgung privater Hobbys und Steckenpferde.
Oft setzen wir für unsere privaten Anstrengungen sogar erhebliche
Mittel ein. Im Beruf dagegen, wo die extrinsische Motivation vor-
herrscht, arbeiten wir möglicherweise lediglich zufriedenstellend

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und sind bei jeder Lohnerhöhungsrunde, bei der wir übergangen


werden, aufs Neue enttäuscht und demotiviert.
––––––
Geld ist ein sekundärer Verstärker, der für unser Verhalten eine
besondere Bedeutung hat. Wir erfahren durch Geld eine enorme
Erweiterung unseres Verhaltensspielraums. Aber immer wieder
offenbaren sich auch erstaunliche Einflüsse des Geldes auf unser
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Verhalten. Die beschriebene Geldwertillusion ist ein eindrück-


liches Beispiel dafür, wie die reine Menge des Geldes uns oft blen-
det und daran hindert, den realen Kaufwert des Geldes zu beurtei-
len. Der Umgang mit Geld ist häufig mit paradoxen Effekten
verbunden. Einerseits macht uns das Geldausgeben für andere
Menschen zufrieden bis glücklich. Auf der anderen Seite kann uns
bereits der Gedanke an Geld deutlich egoistischer werden lassen.
Wenn Geld und der damit verbundene ökonomische Nutzen im
Vordergrund stehen, verlassen wir gelegentlich den Pfad intrinsi-
scher Motivation, und wir werden zu kühl kalkulierenden Wesen.
Wie auch immer, die Betrachtung der Welt des Geldes und seine
Wirkungen auf menschliches Verhalten sind faszinierend und
eröffnen uns den Blick auf das vielfältige Verhalten des Menschen.

Wie Emotionen Entscheidungen vereinfachen

«Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt,


aber nicht weiß», sagte einst der russische Schriftsteller Fjodor
Michailowitsch Dostojewski und er hatte Recht: Emotionen kön-
nen nützliche, gelegentlich sogar lebenswichtige Überlebenshelfer
in unübersichtlichen Situationen sein. Dies gilt insbesondere dann,
wenn wir nicht alle Aspekte gänzlich verstehen oder wenn wir uns
für bestimmte Alternativen entscheiden müssen, für die uns jeweils
überzeugende rationale Argumente fehlen – oder weil wir einfach
überfordert sind. In solchen Situationen kommen Emotionen als
Retter in der Not zur Hilfe. Sie übernehmen das Ruder und leiten

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uns elegant durch das Labyrinth der Unwägbarkeiten. Ein schönes


kleines Experiment, das Wissenschaftler der Universität in Hong-
kong und der Columbia University in New York durchgeführt
haben, gibt uns einen Eindruck, wie die Gefühle uns helfen.56
Die Wissenschaftler lösten bei zwei unterschiedlichen Grup-
pen von Versuchspersonen zunächst entweder angenehme oder
unangenehme Empfindungen aus. Sie taten das, indem sie ihnen
Musikstücke zu hören gaben, die positive oder negative Stimmun-
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gen transportierten. Danach sahen die beiden Versuchspersonen-


gruppen je einen Werbefilm. Beide Werbefilme vermittelten die
gleiche Botschaft, unterschieden sich aber hinsichtlich der Eindeu-
tigkeit der dargestellten Emotionen. Ein Video zeigte eine fröhliche
Familie mit einem lachenden Baby und ebenfalls lächelnden
Eltern – ein emotional eindeutiges Bild. Der andere Film begleitete
ein Paar bei einem Spaziergang in einem Park. Die Aufnahmen
zeigten das Paar nur von hinten – die emotionale Botschaft war hier
diffus. Nach der Filmpräsentation durften die Versuchspersonen
den jeweiligen Film beurteilen. Es zeigte sich ein eindeutiger Effekt:
Der emotional eindeutige Film mit der lächelnden Familie wurde in
beiden Bedingungen gleich bewertet. Hier hatte die durch Musik
vorab erzeugte positive Emotion keinen Einfluss auf die Bewertung
dieses Films hat. Der emotional diffuse Film hingegen wurde von
den Teilnehmern, die zuvor angenehme Musik gehört hatten, ein-
deutig positiver bewertet als von den anderen Versuchsteilnehmern.
Emotional eindeutige Situationen sind also so klar und unverwech-
selbar, dass keine Beeinflussungen und «Übertragungseffekte» auf-

56  Gorn, G., Tuan Pham, M. & Yatming Sin, L. (2001). When arousal influences
ad evaluation and valence does not (and vice versa). Journal of Consumer Psycho-
logy, 11(1), 43–55. Ein schönes kleines Experiment, allerdings muss man anmer-
ken, dass die die Versuchspersonen hier die Werbefilme subjektiv bewerten muss-
ten. Die Bewertungen sind zwar signifikant unterschiedlich, allerdings sind die
Unterschiede nicht besonders groß, und man mag einwenden, dass die in dieser
Studie genutzten Statistiken die Daten ein wenig überstrapazieren. Hier werden
zum Beispiel Mittelwerte über Bewertungsdaten berechnet und gleichzeitig auch
statistische Verfahren genutzt, die eigentlich nicht für solche Daten genutzt wer-
den sollten. Wie auch immer, die Tendenz der Ergebnisse ist interessant.

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treten. Aber ist die Situation unklar, springen die Emotionen ein
und unterstützen uns dabei, eine Entscheidung zu treffen.
Tatsächlich kommen unklare Entscheidungssituationen in
unserem Leben ständig vor. Haben wir doch häufig «die Qual der
Wahl», vor allem wenn wir in Supermärkten und Kaufhäusern
durch die große Palette der Produkte «erschlagen» werden. Oft
sind diese Alternativen qualitativ mehr oder weniger identisch.
Was soll man als Käufer nun wählen? Die vielen Marmeladensor-
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ten sehen alle gleich gut aus, und ein Vergleich nach rationalen
Aspekten (Preis pro 100 g, Fruchtanteil, Herkunft des Obstes usw.)
würde uns Zeit und Energie kosten. Ganz zu schweigen davon, dass
noch etwa 20 andere Dinge auf unserem Einkaufszettel stehen und
wir bereits jetzt hungrig sind. In solchen Situationen kommen uns
Gefühle zu Hilfe, denn sie bringen Ordnung in das Wirrwarr und
verhelfen uns zu schnellen Entscheidungen. Und das in erstaunlich
effizienter Weise.
Denn tatsächlich scheinen Gefühle bereits vor den bewussten
Entscheidungen ihre Wirkungen zu entfalten. Dies konnten der
Neurowissenschaftler Antonio Damasio und sein Team im folgen-
den Experiment demonstrieren: der Iowa-Gambling-Task. Bei die-
sem Glücksspielexperiment sehen die Probanden auf einem Moni-
tor vor sich vier Kartenstapel, von denen sie nacheinander Karten
ziehen sollen. Jede Karte enthält entweder eine Gutschrift oder
einen Minusbetrag. Ziel des Spiels ist es natürlich, so viel Geld wie
möglich einzusammeln.
Die vier Kartenstapel sind jedoch nicht nach Zufall, sondern
nach unterschiedlichen Prinzipien zusammengestellt. Zwei Stapel
bestehen aus Karten mit niedrigen Gewinnen und niedrigen Ver-
lusten. Die beiden anderen Stapel enthalten Karten mit hohen
Gewinnen und hohen Verlusten. Im Durchschnitt wäre es intelli-
gent, nur Karten von den weniger einträglichen Stapeln zu ziehen,
durch die geringeren Verluste sind die Gewinne hier letztlich höher.
Nimmt man ausschließlich Karten der Stapel mit hohen Gewinnen
und Verlusten, erzielt man im Schnitt am Ende gar keinen Gewinn,
sondern macht sogar einen Verlust.

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Die Versuchspersonen kannten die Zusammensetzung der ver-


deckt vor ihnen liegenden Kartenstapel natürlich nicht, würden im
Verlaufe des Spiels (also durch Versuch und Irrtum) jedoch he­­raus­
fin­den, welche Stapel hohe Gewinne, aber auch hohe Verluste brach-
ten. Die meisten gesunden Spieler erkennen nach vierzig bis fünfzig
Durchgängen wie der Hase läuft, und konzentrieren sich dann auf
die beiden Stapel mit geringen Gewinnen und Verlusten. Doch gibt
es bereits vorher eine emotionale Reaktion? Das wollten Damasio
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und sein Team mit dem Experiment he­­raus­fin­den.


Dazu nutzten sie die Aktivität des vegetativen Nervensystems,
indem sie die Hautleitfähigkeit der Versuchspersonen während des
Spiels maßen. Bei dieser vielfach genutzten und einfach zu verwen-
denden Methode werden Elektroden an den Fingern angebracht,
die die Hautleitfähigkeit registrieren. Änderungen der Leitfähigkeit
ergeben sich durch die Schweißdrüsenaktivität, die wiederum durch
das vegetative Nervensystem beeinflusst wird. Eine Zunahme der
Aktivität des vegetativen Nervensystems ist in der Regel mit einer
Zunahme der Hautleitfähigkeit verbunden, weil sich die Schweiß-
drüsen öffnen und mehr Schweiß an die Hautoberfläche transpor-
tiert wird. Da Emotionen mit starken Reaktionen des vegetativen
Nervensystems verbunden sind, wird die Hautleitfähigkeit oft als
Maß für die Aktivität des vegetativen Nervensystems und damit
auch als Maß für die Stärke der ausgelösten Emotion genutzt.
Die Messung des Hautwiderstands offenbarte bei diesem Expe-
riment nun ein sensationelles Ergebnis: Bereits nach etwa zehn Ver-
suchen trat bei den Spielern eine Hautleitfähigkeitsreaktion beim
Ziehen von einem Stapel mit den hohen Verlusten auf – also lange
bevor den Spielern bewusst wird, dass dieser Stapel «gefährlich» ist!
Das ist bemerkenswert: Bevor den Spielern bewusst wird, dass sie
Karten von dem ungünstigen Stapel ziehen und wahrscheinlich gleich
Verluste machen, ahnt ihr emotionales System bereits, dass da etwas
faul ist, und reagiert mit einer messbaren Erregung! Ein weiterer in­­
teressanter Aspekt war, dass das Experiment auch mit Patienten
durchgeführt wurde, die unter Läsionen des Orbitofrontalkortex
litten. Der Orbitofrontalkortex liegt direkt oberhalb der Augen und

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ist eine wichtige Umschaltstation bei der Verarbeitung und Kon-


trolle von Emotionen. Schädigungen (die wir als Läsionen bezeich-
nen) in diesem Hirngebiet können durch Schlaganfälle, Tumore,
Entzündungen oder durch mechanische Einwirkungen eintreten.
Bei diesen Patienten zeigten sich keine Anstiege der Hautleitfähig-
keit vor den Entscheidungen. Sie zogen immer wieder Karten von
den ungünstigen Stapeln, und zwar selbst dann noch, wenn sie das
Risiko bereits bewusst erkannt hatten. Wie kann man diese Abläufe
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erklären? Und warum funktioniert dieses vorbewusste emotional


geleitete Entscheiden bei den Orbitofrontalhirnpatienten nicht?
Antonio Damasio bietet eine sehr elegante und plausible Erklä-
rung an: Im Gedächtnis sind Erfahrungen gespeichert und mit
sogenannten emotional-somatischen Markern gekoppelt. Damasio
definiert diese Marker als Veränderungen von körperlichen Zustän-
den (zum Beispiel gesteigerte Herzfrequenz, Schwitzen, Magen-
druck), die dem Gehirn gemeldet werden. Insofern stellen die Mar-
ker also Signale dieser körperlichen Zustände dar. Hierbei gilt es zu
bedenken, dass diese Signale auf zweierlei Weisen entstehen kön-
nen: durch tatsächlich stattfindende periphere Reaktionen oder
durch die zentralen (kortikalen) Repräsentationen dieser periphe-
ren Reaktionen. Das hört sich komplexer an, als es ist: Die erste
Gruppe dieser Signale entsteht tatsächlich in den Organen und
Eingeweiden (also peripher im Körper). Unser Körper überwacht
die Herzfrequenzveränderungen und den Magendruck durch Ner-
ven in den jeweiligen Organen und gibt die Informationen dann an
das Gehirn weiter. Die zweite Art dieser Signale ist eine Art Als-
ob-Reaktion: Wird ein bestimmter Gedächtnisinhalt aktiviert,
dann aktiviert das auch die damit verbundenen Emotionen und
emotional-somatischen Marker. Denken Sie beispielsweise an eine
bestimmte Beerdigung, die Sie erlebt haben, dann wird nicht nur
dieses traurige Ereignis in Ihrem Gedächtnis aktiviert, sondern
gleichzeitig auch die emotionalen Reaktionen, die mit der Trauer
einhergehen. Mit jeder emotionalen Reaktion (auch der durch die
Erinnerung eingeleiteten) sind körperliche Zustände verbunden,
die alle ihre spezifischen somatischen Marker als Signale melden.

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Diese Marker dienen dann als Indikatoren für die Bedeutung und
den Wert der emotionalen Reaktionen und beeinflussen unser
Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeit.
Insbesondere in komplexen Situationen helfen die somati-
schen Marker bei der Entscheidungsfindung. Sie engen den «Such-
raum» der möglichen Alternativen ein und beschleunigen damit
unsere Entscheidungen. Ich stelle mir die somatischen Marker
gerne als Wellen auf einem vom Wind bewegten See vor. Jede Welle
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stellt eine Emotion beziehungsweise emotionale Reaktion dar. Die


Größe der Welle kennzeichnet die Stärke der Emotion. In jedem
Augenblick sind immer mehrere Emotionen gleichzeitig aktiv, und
wir finden an unterschiedlichen Orten dieses Sees unterschiedlich
hohe Wellen. Diese Wellen sind die Signale, die vom Gehirn erkannt
werden. Die entsprechenden Gehirnbereiche, die für die Verhal-
tenskontrolle wichtig sind, nutzen diese Signale, um zu ihren Ent-
scheidungen zu gelangen. Ohne die somatischen Marker kann es
zu deutlichen Beeinträchtigungen des sozialen Entscheidungsver-
haltens kommen: Gerade Patienten mit Läsionen im Orbitofron-
talkortex können diese Signale nicht für ihre Verhaltenssteuerung
nutzen. Sie wissen, was sie tun sollten, und können Prob­leme kog-
nitiv analysieren, aber ihr Verhalten wird nicht durch langfristige
emotionale Konsequenzen moduliert.

Impulskontrolle

Es gibt Situationen, in denen unsere Gefühle von uns Besitz ergrei-


fen und wir den Eindruck haben, dass wir ihnen hilflos ausgeliefert
sind. Ich denke in diesem Zusammenhang immer an eine Szene in
dem Comic «Asterix als Legionär». In diesem Band verliebt sich
Obelix Hals über Kopf in ein wunderschönes Mädchen, Falbala.
Bei einem Spaziergang durch das Dorf stellt Asterix ihr Obelix vor,
aber dieser läuft puterrot an und ist nicht in der Lage, eine einzige
sinnvolle Silbe zu artikulieren. Möglicherweise haben Sie bereits
ähnliche Situationen erlebt. Sind wir nicht in Gegenwart einer

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Angebeteten auch schon einmal errötet? Haben wir nicht im


Gespräch mit einer Respektsperson einen «Frosch» im Hals gehabt
und mit zittriger Stimme gesprochen? Solche und ähnliche emo-
tionale Überfälle können wie bei Obelix zu kompletten Verhaltens-
blockaden führen (zum Beispiel beim Blackout) oder sich zu leich-
ten oder schweren Ängsten entfalten. Auch wenn wir das in diesen
Momenten als störend oder sogar quälend empfinden, hat diese
Machtübernahme der Gefühle doch auch seinen Sinn: Im Laufe der
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Evolution hat sich wahrscheinlich herausgestellt, dass es für uns


gelegentlich zweckmäßiger ist, dass die Verhaltenskontrolle in den
Händen der Emotionen liegt: In gefährlichen Situationen beispiels-
weise, wenn man unbekannten und potenziell gefährlichen Tieren
begegnet, ist eine sofortige Flucht meistens die sicherste Strategie,
um zu überleben. Was allerdings im Urwald oder in der Steppe eine
vernünftige Reaktion sein kann (nämlich das Aussetzen unserer
bewussten Impulskontrolle), wird in zivilisierten Zusammenhän-
gen lästig (siehe Obelix) oder kann bei Massenpaniken sogar
gefährlich werden – wenn durch zu viele flüchtende Menschen eine
ganz neue Gefahrensituation entsteht, die nichts mit der ursprüng-
lichen Bedrohung zu tun hat.
Diese extremen Formen des Einflusses der Emotionen sind im
Kern also sehr einleuchtend, werden aber weiterhin oft als Spezial-
fälle des menschlichen Verhaltens betrachtet. Ganz im descartes­
schen Sinne deuten wir das dann als irrationale Seite unserer Ver-
haltenssteuerung. Allerdings sind diese Reaktionen im Kern alles
andere als irrational, denn sie sicherten für viele Jahrtausende
unser Überleben.
Wie Emotionen subtil unser Verhalten beeinflussen, haben wir
ja bereits gesehen. Auf der Ebene der Individuen bestehen hier aber
teilweise beträchtliche Unterschiede: Manch einer kann seine Trä-
nen bei einem Film im Fernsehen nicht zurückhalten, während
andere beim Fußballsstadionbesuch durch den Spielverlauf und die
Stimmung intensive Gefühle erleben oder zu Reaktionen hinge-
rissen werden, die sie unter normalen Umständen niemals zeigen
würden. Andere Menschen lassen solche Situationen hingegen völ-

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lig kalt, vielleicht werden sie dann aber von einer Opernaufführung
zutiefst berührt. Warum unterscheiden wir uns offensichtlich so
stark voneinander, und wie greifen Emotionen konkret in unsere
Verhaltenskontrolle ein? Eine Emotion, die wir alle sehr gut ken-
nen, kann uns hier stellvertretend einiges verdeutlichen – nämlich
der Hunger.
Es ist kurz vor Mittag, Sie sitzen im Büro, und das Frühstück ist
bereits viele Stunden vergangen. Sie haben zu wenig Zucker im Blut!
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Bestimmte Messsensoren im Körper entdecken diesen Mangelzu-


stand (in der Psychologie auch als Ist-Wert bezeichnet) und melden
die Information an übergeordnete Zentren im Gehirn. In diesen
Zentren ist ein vorgegebener Soll-Wert festgeschrieben, mit dem
der Ist-Wert nun verglichen wird (siehe auch Abbildung 4). Dieser
Soll-Wert kann zum Beispiel genetisch festgelegt sein oder sich
infolge von Anpassungsprozessen stabil eingestellt haben. Die Dif-
ferenz, die Ihr Körper nun zwischen den beiden Werten feststellt
(auch Regelabweichung genannt), möchte Ihr Organismus ausglei-
chen: Die Emotion Hunger macht dies kenntlich. Da­­raus ergibt sich
unmittelbar die Motivation, nämlich Ihr Streben nach der Reduzie-
rung der Regelabweichung (Motivation = Streben nach Zielen).
Ihr Organismus kann das nun auf zwei Arten bewirken: 1. In
dem er den Ist-Wert (des Blutzuckerspiegels) erhöht oder 2. indem
er den Soll-Wert herabreguliert. Im Ergebnis passiert dadurch das-
selbe: Die Regelabweichung wird minimiert oder sogar eliminiert.
Beim Hunger werden Sie (oder besser gesagt Ihr Organismus) sicher
zur ersten Strategie greifen und durch die Zufuhr glukosehaltiger
Nahrung den Ist-Wert erhöhen. Es entsteht dann eine Motivation
zur Nahrungsaufnahme. Anhand dieses Beispiels erkennen wir, wie
eng Emotion und Motivation miteinander verzahnt sind. Die Emo-
tion entsteht unmittelbar aus der Regelabweichung und leitet moti-
viertes Verhalten ein (Sie gehen zum Mittagessen). Wir sehen also
deutlich, wie Emotionen unsere organismischen Zu­­stände regulie-
ren, indem sie Handlungsbereitschaften herstellen und Handlungen
vorbereiten. In diesem Sinne kann man sich jede Emotion als Regel-
abweichung vorstellen.

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Das Regelkreismodell der Motivation


falls ungleich
Emotion
Soll-Wert Vergleich

Handlungen

Ist-Wert

Abbildung 4: Schematische Darstellung des Regelkreismodells der Emotion und


Motivation.
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Nun haben wir in diesem Beispiel die Wirklichkeit etwas ver-


einfacht: in der Regel empfinden wir nämlich immer mehrere
Emotionen gleichzeitig. Sie sind zum Beispiel nicht nur hungrig,
sondern Ihnen ist beispielsweise inzwischen auch noch kalt. Auch
diese durch die Emotion markierte Regelabweichung versetzt Sie in
Handlungsbereitschaft (Pullover anziehen!). Wir können aller-
dings bis zu einem bestimmten Grad wählen, welcher Emotion und
Motivation wir nun nachgeben. Da Sie beispielsweise wissen, dass
Ihnen aufgrund des geringen Blutzuckerspiegels auch kalt wird,
beschließen Sie, nur diese Regelabweichung zu beheben.
Kommen wir zurück zum Bild von einem See: Ich stelle mir
den dynamischen Ablauf der Emotionsentwicklung wie ein ständi-
ges Auf und Ab von Emotionswellen vor, wobei sich stärkere und
schwächere Emotionen abwechseln. Dieses ewige Auf und Ab von
Emotionen wird in die übergeordneten Zentren des Gehirns gemel-
det. Dort wird entschieden, welche Emotion den Vorzug erhält und
wie das Verhalten danach ausgerichtet wird. Andere nicht ausge-
wählte Emotionen müssen dann gegebenenfalls unterdrückt bezie-
hungsweise aktiv gehemmt werden.
Diese Auswahl und Kontrolle von Emotionen ist ein bemer-
kenswerter Vorgang. Ist eine bestimmte Emotion zu einem be­­
stimmten Zeitpunkt sehr stark ausgeprägt, aber für den aktuellen
Verhaltenskontext völlig ungeeignet, dann kostet uns die Kontrolle
enormen Aufwand. Stellen Sie sich beispielsweise vor, dass Sie sich
als Studentin auf eine mündliche Prüfung am nächsten Tag vorbe-

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reiten müssen. Der Nachmittag und Abend ist dem konzentrierten


Lesen von Texten gewidmet, und anschließend müssen Sie die zen-
tralen Inhalte auswendig lernen. Kurz bevor Sie mir dem Lesen
beginnen wollen, erhalten Sie einen Anruf von einem sehr netten
Kommilitonen, der Sie spontan zu einem Konzert Ihrer Lieblings-
band an diesem Abend in der Nachbarstadt einlädt. Sie müssten
dazu aber sofort losfahren. Geben Sie dieser Verlockung jetzt nach,
sofort und ohne Mühe einen Verstärker zu konsumieren (ein Kon-
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zert Ihrer Lieblingsband mit einem netten Kommilitonen), oder


unterdrücken Sie diesen verlockenden Impuls und widmen sich
dem Lernstoff? Zweifellos ist das (mögliche) Bestehen der Prüfung
ein Verstärker, aber diese Verstärkung wird (wenn überhaupt) erst
später eintreten. Dieses kleine Gedankenexperiment macht klar,
dass die Studentin sicher viel Mühe aufwenden muss, um dieses
Angebot auszuschlagen und trotzdem konzentriert über viele Stun-
den für ihre Prüfung zu büffeln.
Prinzipiell sind Menschen mit der besonderen Fähigkeit aus-
gestattet, den Genuss von einfach zu erlangenden und genießenden
Verstärkern zu unterdrücken, um sich stattdessen für Verhaltens-
weisen zu entscheiden, bei denen die Verstärker erst sehr spät
oder eventuell gar nicht eintreten. Diese Fähigkeit wird als Fähig-
keit zum Belohnungsaufschub (delay of gratification) bezeichnet.
Unsere Studentin wird sich wahrscheinlich gegen die aktuelle,
sofort und einfach zu konsumierende Verstärkung entscheiden, um
sich einer Tätigkeit zuzuwenden, deren Belohnung spät oder gar
nicht eintritt. Dazu muss sie die gerade angenehmen, aber für den
Erfolg ihres Studiums irrelevanten Emotionen und Motivationen
unterdrücken, um sich den als wichtiger eingeschätzten Emotionen
und Motivationen zuzuwenden.
Diese Fähigkeit wird über das Impulskontrollsystem vermittelt,
in dem zwei gegensätzlich ausgerichtete Systeme miteinander inter-
agieren: (1) Das aufsteigende Impulssystem und (2) das absteigende
reflektive System (siehe Abbildung 5). Das aufsteigende Impulssys-
tem umfasst Hirngebiete, wie das oben bereits erwähnte Lustzent-
rum (Ncl. accumbens), aber auch Areale, die eher in die Verarbei-

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AC
Top-down

Striatum
Insula
dlPFC
Ncl. accumbens

Dopamin
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vlPFC
Bottom-up

Amygdala 5-HT

Hippocampus

Abbildung 5: Schematische Darstellung des Impulskontrollsystems.

tung von unangenehmen Emotionen eingebunden sind (etwa der


Mandelkern – die Amygdala). Das Impulssystem ist ein phylogene-
tisch altes System und entfaltet seine Aktivität vom Hirnstamm aus-
gehend nach «oben» in das Stirnhirn hinein. Man nennt dieses Sys-
tem auch das aufsteigende System (Bottom-up-System), weil die
Hirnaktivitäten sich wirklich von unten nach oben ausbreiten. Das
reflektive System agiert umgekehrt, also von oben nach unten, und
wird demzufolge auch als Top-down-System bezeichnet. Hierbei ist
das Stirnhirn (der Frontalkortex) die wichtige Hirnstruktur, das die
«aufsteigenden» Aktivitäten aus dem Impulssystem hemmt und/
oder kontrolliert. In den neuronalen Netzen des Stirnhirns sind
soziale Regeln oder andere durch Erfahrung erworbene Informatio-
nen gespeichert. Mit diesem durch Erfahrung gespeisten System ist
es nun möglich, in die Entfaltung der emotionalen Erregungen aus
dem Impulssystem einzugreifen. Gleichwohl übt das aufsteigende
Impulssystem ständig seinen Einfluss auf die übergeordneten Struk-

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turen aus. In gewisser Weise kommt es hier zu einem ständigen


Wechselspiel zwischen beiden Systemen.
Ein faszinierender Aspekt dieses Systems ist seine außeror-
dentliche Plastizität. Vor allem das absteigende reflektive System ist
stark von äußeren Einflüssen abhängig. Die Informationen, die in
diesem System gespeichert werden und während der Verhaltens-
kontrolle ihre Kräfte entfalten, sind durch Lernen und Erfahrung
erworben und werden ständig modifiziert. Das reflektive System
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wird ebenfalls stark durch genetische und andere frühgeburtliche


Faktoren beeinflusst, ist also auch über das Lebensalter stabil. Vor
allem der berühmte Marshmallow-Test des Psychologen Walter
Mischel zeigt dies eindrücklich. In seinen Tests ließ Mischel an der
Stanford University vierjährige Kinder in einem Testraum vor
einem Tisch Platz nehmen.57 Auf dem Tisch stand bereits ein Teller
mit einem Marshmallow. Dem Kind wurde nun mitgeteilt, dass er
oder sie diese heiß begehrte Süßigkeit entweder sofort essen könne
oder einen zweiten Marshmallow erhalten würde, wenn er oder sie
dieser Verlockung für etwa eine Viertelstunde standhalten kann.
Mischel begleitete die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer
über viele Jahre und fand he­­raus, dass die Kinder, denen dies gelang,
auch noch im Erwachsenenalter akademisch und beruflich erfolg-
reicher waren als diejenigen, die den Verlockungen nicht wider­
stehen konnten – und da­­rü­ber hi­­naus noch eine ganze Reihe von
positiven Persönlichkeitseigenschaften vorwiesen. Das bedeutet,
dass diese Selbstkontrolle auch eine Persönlichkeitseigenschaft ist,
die unser ganzes Leben beeinflusst. Möglicherweise sind hier auch
starke genetische Einflüsse wirksam, die mit unseren individuellen
Erfahrungen in Wechselwirkung treten.
Dieses Impulskontrollsystem ist also ein für den Menschen
außerordentlich wichtiges System. Beruflicher, akademischer und
sozialer Erfolg hängen von der Funktionsfähigkeit und Effizienz
dieses Systems ab. Wer langfristig beruflich, aber auch sozial erfolg-

57  Mischel, W., Shoda, Y. &  Rodriguez, M. I. (1989). Delay of gratification in
children. ­Science, 244(4907), 933–938.

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reich sein will, muss in der Regel auch langfristig daran arbeiten.
Nur wenige Erfolge kommen durch Zufall zustande. Wir müssen
lernen, dass wir für langfristigen Erfolg immer wieder auf kurzfris-
tige Freuden und Zerstreuung verzichten müssen. Ähnliches gilt
natürlich auch für die Art und Weise, wie wir mit unseren Emotio-
nen umgehen. Geben wir auch schwachen Emotionen ihren Raum
und leben diese aus, oder kontrollieren wir unsere Emotionen in
hohem Maß? Ich möchte an dieser Stelle nicht falsch verstanden
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werden: Ich will damit ausdrücklich nicht sagen, dass ich für den
einen oder anderen Umgang mit den eigenen Emotionen plädiere.
Ich möchte vielmehr betonen, dass wir Einfluss auf unsere Gefühle
nehmen können. Tatsächlich hängt dieser Einfluss ganz wesentlich
auch von unseren Erfahrungen ab. So ist in der traditionellen japa-
nischen Gesellschaft die Emotionskontrolle sehr wichtig, während
in südeuropäischen Ländern emotionale Reaktionen eher gedul-
det werden, ja gelegentlich sogar sozial erwünscht sind. Nicht nur
kulturelle Unterschiede im Hinblick auf die Emotionskontrolle
können so erklärt werden, sondern auch interindividuelle Unter-
schiede. Je nachdem welche Erfahrungen man mit der Äußerung
seiner Emotionen zum Beispiel in der Öffentlichkeit gemacht hat,
wird man sich unterschiedlich kontrollieren.
Das Impulskontrollsystem wirkt praktisch wie ein Filter, der
unsere Emotionen in den jeweiligen Situationen mehr oder weni-
ger stark zur Entfaltung kommen lässt. Insofern ist das Impulskon-
trollsystem für unsere Entscheidungen wichtig. Je nachdem, welche
Emotionen durch den Filter gelangen und wie stark dann diese
Emotionen sind, werden diese Emotionen unterschiedlichen Ein-
fluss auf unser Verhalten ausüben können.

Wanting und Liking

«Wir sind die Sklaven von dem, was uns nicht glücklich macht»,
formulierte der deutsche Schriftsteller Hans Arndt. Dieses Zitat
erscheint Ihnen vielleicht auf den ersten Blick merkwürdig. Streben

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wir mit unserem Handeln nicht immer nach dem Schönen, Guten
und Lustvollen? Hans Arndt hat allerdings richtig erkannt, dass
unser Wollen und Mögen irgendwie aus­ei­nan­derdriften können.
Zu oft machen wir Sachen, die wir gar nicht mögen: Der Raucher
raucht zu viele Zigaretten, obwohl sie ihm gar nicht wirklich schme-
cken. Auch der Alkoholabhängige mag die alkoholischen Getränke
nicht wirklich. Er genießt sie nicht, sondern er konsumiert eher
wahllos. Kaufen wir nicht häufig Produkte einfach nur des Kaufens
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wegen, obwohl uns die Produkte eigentlich langweilen? Wie ist das
möglich, dass wir etwas wollen, aber nicht mögen?
Aus der Motivationspsychologie wissen wir, dass verstärkende
Stimuli eine appetitive Anreizkomponente (Wanting – Wollen) und
eine affektive Komponente entwickeln (Liking  – Mögen). Beide
sind relativ unabhängig voneinander: Man kann etwas mögen, aber
nicht wirklich besitzen oder konsumieren wollen. Andererseits
können wir aber auch etwas besitzen wollen, ohne es wirklich zu
mögen. Der Grund für dieses Auseinanderdriften: Beide Bewer-
tungssysteme werden durch unterschiedliche Hirnstrukturen
beziehungsweise neuronale Netzwerke kontrolliert und verfügen
über eine eigene Dynamik. Liking (also das Mögen) wird über ein
Neurotransmittersystem vermittelt, in dem vorwiegend GABA und
Endorphine wirksam sind. Die beteiligten anatomischen Struktu-
ren sind etwa das ventrale Pallidum und der laterale Hypothala-
mus, aber auch kortikale Strukturen. Vorwiegend sind es evolutio-
när alte Hirnsysteme, die hier das Sagen haben. Wanting (also das
Wollen) dagegen wird ausschließlich über das mesolimbische
dopaminerge System vermittelt. Die wesentlichen Hirnstrukturen
stellen hierbei das ventrale Striatum mit dem Ncl. accumbens und
die Amygdala dar. Den Ncl. accumbens haben wir bereits oben
kennengelernt, er ist das Lustzentrum.
Im Tierversuch kann man diese beiden Systeme selektiv aus-
schalten oder in ihrer Aktivität verstärken, was beweist, dass diese
Systeme auch unabhängig voneinander funktionieren: Durch Hem-
mung des dopaminergen Systems reduziert beziehungsweise inhi-
biert man beispielsweise das Wanting, während die affektive Kom-

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136  Sind wir cool und überlegt?

ponente (Liking) durchaus erhalten bleiben kann. Umgekehrt kann


man das Liking-System ausschalten, während das Wanting-System
noch voll erhalten und wirksam ist. Die Wissenschaftler gehen
davon aus, dass es bei Suchterkrankungen zu einer Dissoziation
kommt, bei der das Wanting-System besonders stark aktiv ist, wäh-
rend das Liking-System sogar deaktiviert sein kann.58
Der Neurowissenschaftler Kent C. Berridge, der als Erster die-
ses Konzept vorschlug, ging in seinen frühen Arbeiten noch davon
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aus, dass diese beiden Komponenten mehr oder weniger auto-


matisch und unbewusst funktionieren würden.59 Neuere Studien
zeigen aber eine wichtige Erweiterung dieses Konzeptes: Sie dif-
ferenzieren zwischen bewusstem und automatischem Wollen und
Mögen. Jene Hirnstrukturen, die das automatische Wollen und
Mögen kontrollieren, verorten die Wissenschaftler eher in evolu­
tionär alten Hirngebieten. Das bewusste Wollen und Mögen wird
hingegen eher durch kortikale, also evolutionär junge Hirngebiete
gesteuert. Die neuroanatomischen und neurophysiologischen
Grundlagen sind zwar nicht entscheidend zum Verständnis der
Mechanismen, sie belegen aber deutlich, dass das bewusste und
unbewusste Wollen und Mögen durch unterschiedliche neuronale
Systeme kontrolliert werden. Natürlich besteht eine enge Wechsel-
wirkung zwischen den bewussten und unbewussten Mechanis-
men, die beide unsere Motivation stark bestimmen.
Beim automatischen Wollen werden die motivationswirksa-
men Anreize durch unbewusste Lernprozesse erworben und trig-
gern dann das Wollen. So löst der Anblick einer Zigarette bei einem
Raucher unwillkürlich den Wunsch nach einer eigenen Zigarette
aus. Beim bewussten Wollen werden dagegen gelernte Ziele wirk-
sam: Der entwöhnungswillige Raucher hat sich beispielsweise die
schädlichen Einflüsse des Tabakkonsums durch Lernen und wie-

58  Dieses Konzept ist insbesondere in Tierversuchen deutlich herausgearbeitet


worden (Robinson, T. E. &  Berridge, K. C. (2001). Incentive-sensitization and
addiction. Addiction, 96, 103–114.)
59  Siehe zum Beispiel: Berridge, K. C. (2004). Motivation concepts in behavioral
neuroscience. Physiology & Behavior, 81, 179–209.

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Sind wir cool und überlegt?  137

derholtes Bewusstmachen fest «eingebrannt», und dieses erlernte


Wissen kann dann seine verhaltenssteuernde Wirkung entfalten.
––––––
In den oben dargestellten Abschnitten haben wir einige Einflüsse
der Emotionen auf unser Verhalten, Denken und Entscheiden
anhand konkreter Beispiele betrachtet. Lassen Sie mich den Ein-
fluss der Emotionen jetzt etwas allgemeiner zusammenfassen:
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Emotionen sind also Reaktionen auf äußere und innere Reize, die
als Folge von komplexen Bewertungen ausgelöst werden. Diese
Bewertungen werden im Hinblick auf folgende Aspekte vorgenom-
men, die auch sequenziell ablaufen können: (1) Zunächst wird die
Bedeutung des Ereignisses bewertet. Hierbei entscheiden wir, ob es
sich um eine neue oder bekannte Situation handelt, und ob sie
angenehm, unangenehm, gefährlich oder unwichtig ist. (2) Hier-
nach bewerten wir die möglichen Konsequenzen, die mit dieser
Situation und den möglichen Reaktionen auf sie verbunden sind.
Wir müssen also folgende Fragen klären: Wie reagiere ich auf diese
Reaktion? Ist es überhaupt sinnvoll, da­­rauf zu reagieren? Wie wahr-
scheinlich ist es, dass meine Reaktion zu einem erwünschten
Ergebnis führt? (3) Dann müssen wir klären, ob wir diese Situation
und die möglichen Konsequenzen der Reaktion überhaupt bewäl-
tigen können (Coping). Verfügen wir über die notwendigen Mittel,
die Situation zu meistern? Stehen uns Alternativen zur Verfügung,
die beim Eintreffen unerwünschter Konsequenzen hilfreich sein
können? (4) Abschließend stellt sich die Frage, ob meine Reaktio-
nen mit meinem Selbstbild und meinen Normen übereinstimmen
(normative Bedeutung).
Die dargestellten Abläufe müssen uns nicht zwangsläufig be­­
wusst werden, im Gegenteil: Sie können allesamt unbewusst oder
nur teilbewusst stattfinden. Tatsache ist jedoch, dass all diese Bewer-
tungen unsere Wahrnehmung, unser Denken, unsere Motivation,
unsere Aufmerksamkeit und unser Handeln beeinflussen. Wichtig
ist hierbei auch, dass die durch die Bewertungen ausgelösten Emo-
tionen wiederum den Bewertungsprozess in einer Art Rückkopp-

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138  Sind wir cool und überlegt?

lungsschleife beeinflussen können. Bei bestimmten Emotionen sind


der Bewertungsraum und die Vorgaben für die Bewertungen vorbe-
stimmt, beispielsweise in traurigen Situationen.
Gefühle beeinflussen und veranlassen sogar, wie und ob Infor-
mationen aus dem Gedächtnis abgerufen werden. In der Fachspra-
che nennt man dies den Mood Congruence Effect  – wir erinnern
bevorzugt Informationen, die mit den aktuellen Stimmungen und
Gefühlen übereinstimmen. Aber unsere Gefühle beeinflussen auch
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die Art und Weise, wie wir urteilen. In anderen Worten: Gefühle
färben unseren Urteilsspielraum. In der psychologischen Wissen-
schaft wird dies als Mood Congruence Judgement Effect bezeichnet.
Während unangenehmer Stimmungen neigen viele Menschen zu
Entscheidungen, die kurzfristige Erleichterungen mit sich brin-
gen – aus biologischer Sicht durchaus sinnvoll, denn unangenehme
Situationen sollten in der Regel schnell bewältigt werden, um Scha-
den von uns fernzuhalten.
Im Grunde genommen sind Emotionen so etwas wie Unter-
stützer und Manager unser Entscheidungen. Sie erleichtern die
Entscheidung durch Lenkung der Aufmerksamkeit und Bereitstel-
lung der notwendigen Energien. Das Wesen der Entscheidung ist
ja, dass man zwischen verschiedenen Alternativen wählen muss,
und das fällt uns oft nicht leicht. Emotionen helfen uns, die Auf-
merksamkeit auf wichtige und interessante Alternativen zu lenken
und die (vermeintlich) weniger wichtigen aktiv zu unterdrücken.

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Das interpretationswütige Hirn

Es gibt keinen «Tatbestand an sich», sondern ein Sinn muss immer


erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand geben kann.
(Friedrich Nietzsche)
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Im Allgemeinen erfahren wir unsere Welt als real und fassbar. Wir
gehen auf festem Untergrund, schlafen in einem bequemen oder
unbequemen Bett, müssen im Straßenverkehr realen Bedrohungen
ausweichen und passen beim Durchschreiten einer Türe auf, dass
wir nicht an den realen Türpfosten stoßen. Insofern glauben wir
auch meistens, dass wir es mit einer physikalisch eindeutig beschreib-
baren Welt zu tun haben. Die Welt, die wir wahrnehmen, erscheint
uns im wahrsten Sinne des Wortes (an-)fassbar. Aber ist das wirklich
bzw. durchgängig so? Der aufmerksame Leser wird diese rhetorische
Frage wahrscheinlich mit Skepsis zur Kenntnis nehmen. Schon in
den vorangegangenen Kapiteln haben wir ja gelernt, dass die ver-
meintliche Realität zumindest in großen Teilen eine Illusion sein
kann – oder durch Interpretationen stark beeinflusst wird.
Dabei erbringt unser Hirn durchaus erstaunliche Leistungen!
In diesem Kapitel nähern wir uns den verschlungenen Wegen der
«Interpretationswut» des menschlichen Gehirns. Hierbei wird der
Begriff Interpretation nicht im Sinne einer bewussten Auslegung
und Deutung eines Sachverhaltes verstanden, sondern ich fasse
ihn weiter – auch unbewusstes Vervollständigen, Vorhersagen und
Erschließen werden ausdrücklich einbezogen.
Die Interpretation der visuellen Welt beginnt in unserem
Gehirn sehr früh in der Informationsverarbeitungskette: nämlich
bereits auf dem Augenhintergrund der Retina. Die Retina besteht
aus vielen kleinen Zellen, den Lichtrezeptoren. Die visuellen Reize
der Umwelt erzeugen auf der Retina so etwas wie auf den Kopf
gestellte Lichtflecken  – aber keine 1:1-Abbildungen der Realität.
Diese Lichtflecken erregen die Lichtrezeptoren der Retina, die

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140  Das interpretationswütige Hirn

elektrische Signale zum Gehirn – genauer zum visuellen Kortex –


weiterleiten. Das junge Gehirn lernt erst nach einiger Zeit, diese
Lichtflecken zu deuten. Dazu speichert es die interpretierten For-
men, Farben, Gegenstände oder Gesichter in unterschiedlichen
Hirnarealen ab. Immer wieder werden dann die neuen Seheindrü-
cke mit den schon bekannten abgespeicherten Wahrnehmungen
verglichen. Ist es ein Stuhl, ein Auto oder ein Mensch? Das Gehirn
entscheidet sich für die wahrscheinlichste Interpretation. Wohlge-
UZH Hauptbibliothek / Zentralbibliothek Zürich / 89.206.112.10 (2021-07-25 11:12)

merkt: Es erfasst nicht die Welt, so wie sie ist, sondern macht sich
sein eigenes Bild. In den meisten Fällen funktioniert das ausge-
zeichnet, interessant wird es aber da, wo wir Fehler machen. Wird
unser Hirn mit Neuem, Ungewohntem konfrontiert, benötigen
wir oft sehr viele Ressourcen, um diese Reize zu verstehen und
entsprechend in unserem Gedächtnis einzusortieren. Und pha-
senweise kann unser Denkapparat dabei ganz schön durcheinan-
der kommen. Viel wichtiger ist aber, dass unser Wahrnehmungs-
apparat lernen muss, aus wenigen Informationen eine in sich
schlüssige Wahrnehmung ab­­zuleiten. In anderen Worten, unser
Wahrnehmungsapparat muss lernen die Welt zu interpretieren.
Und diese Interpretation beginnt bereits sehr früh in der Wahr-
nehmungskaskade.
Bereits auf der Retina sind nicht alle Informationen der Außen-
welt vorhanden, so dass das Gehirn, diese fehlenden Informatio-
nen in das Gesamtbild praktisch hineininterpretieren muss, um
eine sinnvolle und stabile Wahrnehmung der Umwelt zu erreichen.
Ganz besonders offensichtlich wird dies beim «blinden Fleck» auf
der Retina. Dies ist ein Bereich der Retina, auf der sich keine Licht-
rezeptoren befinden, sondern hier werden die von den Lichtrezep-
toren kommenden Axone gebündelt und aus dem Auge in das
Gehirn geführt. Dieser «blinde Fleck» ist mit einem Durchmesser
von etwa einem Zentimeter nicht sonderlich groß. Er befindet sich
12 bis 15° seitlich des Fixationspunktes auf der Retina.
Sie können ihn auch «sehen»: Dafür malen Sie auf ein Papier in
etwa zwölf Zentimeter Entfernung zwei Punkte (Durchmesser
nicht größer als ein Zentimeter). Halten Sie sich jetzt das linke

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Das interpretationswütige Hirn  141

Auge mit der flachen Hand zu und fokussiern Sie mit dem rechten
Auge den linken der beiden Punkte aus einem Abstand von etwa
einer Armlänge. Sie sehen den anderen Punkt im Augenwinkel,
auch wenn Sie ihn nicht direkt anschauen. Wenn Sie jetzt das Papier
immer dichter an Ihr Gesicht heranführen, verschwindet irgend-
wann der rechte Punkt. Dann liegt dieser Punkt genau auf dem
blinden Fleck. Aber warum fällt uns dieser «Fehler» im Alltag nie
auf? Das liegt daran, dass nur äußerst selten auf beiden Augen
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Informationen auf den blinden Fleck fallen. Normalerweise ist es


so, dass die Informationen, die auf dem einen Auge die Lichtrezep-
toren stimulieren, genutzt werden, um die fehlenden Informatio-
nen vom anderen Auge auszugleichen. Deshalb sollen Sie bei dem
beschriebenen Versuch auch ein Auge bedecken. Zudem werden
bereits Informationen, die um den blinden Fleck herum die Licht-
rezeptoren stimulieren, genutzt, um die fehlenden Informationen
quasi aufzufüllen. Bereits auf dieser frühen Verarbeitungsstufe
interpretiert und ergänzt das Gehirn also fehlende Informationen
zu einem sinnvollen Gesamtbild!
Eine ähnliche Interpretationsleistung findet man auch bei
bestimmten Krankheiten der Retina. Skotome sind eng umschrie-
bene Gesichtsfeldausfälle, die aufgrund von umschriebenen Aus-
fällen größerer Bereiche der Retina entstehen. Fällt nun auf diesen
geschädigten Retinabereich Licht, dann ergänzt das Gehirn die feh-
lende Information anhand der Informationen, die von den gesun-
den Retinazellen verarbeitet werden. Ein eindrückliches Beispiel
berichtete der berühmte Neuropsychologe Karl Lashley, der selbst
unter einem Skotom litt. Wenn er zum Beispiel das Gesicht eines
ihm gegenüber stehenden Menschen betrachtete, der vor einer
Wand mit einer gestreiften Tapete stand und das Gesicht des
Gegenüber genau im Skotom lag und damit auf den geschädigten
Retinabereich fiel, dann hätte er ja eigentlich ein schwarzes Loch
sehen müssen  – denn die Retina war dort ja sozusagen blind.
Erstaunlicherweise sah er aber etwas anderes: wo gerade noch der
Kopf des Mannes war, erschien plötzlich das Muster der dahinter
liegenden Tapete! Das Gehirn ergänzte die fehlenden Informatio-

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142  Das interpretationswütige Hirn

nen, indem es die umliegenden Signale weiterführte. Der Kopf ver-


schwand, und die gemusterte Tapete wurde nahtlos eingebaut.
Aber warum interpretiert unser Gehirn überhaupt? Schon die
Gestaltpsychologen60 kamen zu dem Ergebnis, dass unser Gehirn
stets bemüht ist, ein schlüssiges Modell der Welt zu liefern. Wie
sollen wir uns auch sonst in einer Welt zurechtfinden, die nur
lückenhafte Informationen anbietet? Und zu welchen unglaub-
lichen Hochleistungen unser Gehirn in der Lage ist, ist immer wie-
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der beeindruckend: Lesen Sie sich hierzu den unten aufgeführten


Text durch:61

Usenr Gehrin tcikt adnres


Krorekte Rehctshrceibnug ist egietlnich üerbflsüsig.
Die Bcuhstbaenrehenifloge in eneim Wort ist eagl. Ncah enier
nueen Sutide, die uetnr aerdnem von der Cmabirdge Uinertvisy
dührruchgeft wrdoen sein slol, ist es eagl, in wlehcer Rehenifloge
Bcuhstbaen in eneim Wort sethen, Huaptschae, der esrte
und ltzete Bcuhstbae snid an der rhcitgien Setlle. Die rsetclhien
Bshucuteban kenönn ttoal druchenianedr sein, und man
knan es tortzedm onhe Prreblme lseen, wiel das mneschilhce
Gherin nhcit jdeen Bcuhstbaen enizlen leist, snodren
das Wort als Gnazes.

Beim ersten Überfliegen dieses Textes werden wir noch ein wenig
verwirrt sein, aber unglaublich schnell adaptiert das Gehirn und
uns gelingt es, diesen Text zu lesen und zu verstehen. Anhand der
Anfangs- und Endbuchstaben sowie des Wortbildes gelingt es uns,

60  Die Gestaltpsychologie ist eine Richtung der Psychologie, welche die mensch-
liche Wahrnehmung als Fähigkeit auffasst, Sinneseindrücke sinnvoll zu interpre-
tieren. «Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelheiten» ist eine typische
Metapher, die immer wieder mit der Gestaltpsychologie in Verbindung gebracht
wird. Berühmte Gestaltpsychologen waren Max Wertheimer, Kurt Koffka und
Wolfgang Köhler.
61  Dieses Beispiel habe ich auf der Webseite http://www.juggling.ch/gisin/
ellinger/OptischeTauschung/index.html am 27.6.2014 gefunden.

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Das interpretationswütige Hirn  143

die Wörter zu erschließen, obwohl die Buchstaben in der Mitte der


Wörter zum Teil komplett durcheinander sind. Vo­­ raus­
set­zung
dafür ist natürlich, dass wir der Sprache einigermaßen mächtig
sind und wir die in diesem Text aufgeführten Wörter auch kennen.
Im Übrigen ist dieses Phänomen auch dafür verantwortlich, dass
wir in den von uns verfassten Texten häufig orthographische Fehler
einfach nicht entdecken. Wenn wir Korrektur lesen, dann nehmen
wir vor allem die Worte wahr, die wir dort erwarten, aber eben
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nicht immer jene, die wir auch tatsächlich in unseren Text geschrie-
ben haben. Am besten ist es demzufolge, dass jemand den Text
liest, der ihn inhaltlich überhaupt nicht kennt. Auch er oder sie hat
das Prob­lem, dass das Gehirn sozusagen vorauseilend einen Satz
ergänzt, aber geübte Korrektoren haben sich dieses «Können» sozu-
sagen gezielt abtrainiert.

Interpretation und Illusion

Die Interpretationsneigung unseres Gehirns ist auch für die vielen


Wahrnehmungsillusionen verantwortlich, die wir aus der Wahr-
nehmungspsychologie kennen. Illusionen sind Fehlinterpretationen
der Wirklichkeit, die bemerkenswerte Einblicke in die Arbeitsweise
des menschlichen Gehirns eröffnen. Die besonderen Fähigkeiten
des Gehirns bei der Wahrnehmung der Umwelt zeigten schon die
bereits erwähnten Gestaltpsychologen im vorigen Jahrhundert sehr
klar auf. Vor allem Max Wertheimer, einer der Begründer der
Gestaltpsychologie, hat um 1930 grundlegende Prinzipien beschrie-
ben, nach denen wir bestimmte Reizanordnungen interpretierend
gruppieren und wahrnehmen (siehe Abbildung 6):

·· Das Gesetz der Nähe besagt, dass Elemente mit geringen Abstän-
den zueinander als zusammengehörig wahrgenommen werden.
·· Im Gesetz der Ähnlichkeit wird ausgedrückt, dass einander ähn-
liche Elemente eher als zusammengehörig erlebt werden als ein-
ander unähnliche.

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144  Das interpretationswütige Hirn

·· Das Gesetz der Kontinuität gibt an, dass die Reize, die eine Fort-
setzung vorangegangener Reize zu sein scheinen, als zusammen-
gehörig angesehen werden.
·· Das Gesetz der gemeinsamen Bewegung besagt, dass zwei oder
mehrere sich gleichzeitig in eine Richtung bewegende Elemente
als eine Einheit oder Gestalt wahrgenommen werden.
·· Im Gesetz der fortgesetzt durchgehenden Linie wird zum Ausdruck
gebracht, dass Linien immer so gesehen werden, als folgten sie
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dem einfachsten Weg. Kreuzen sich beispielsweise zwei Linien,


gehen wir nicht davon aus, dass der Verlauf der Linien an dieser
Stelle einen Knick macht oder unterbrochen ist.
·· Das Gesetz der Prägnanz beschreibt, dass Gestalten wahrgenom-
men werden, die sich von ihrer Umgebung durch ein bestimmtes
Merkmal abheben (Prägnanztendenz). Hierbei kann eine Tendenz
zur Bildung möglichst einfacher Gestalten festgestellt werden
(«gute Gestalt»).

Mit diesen Gestaltgesetzen lassen sich eine Reihe von interessanten


Wahrnehmungsphänomenen beschreiben. Sie zeigen vor allem,
dass das Ganze mehr ist als die Summe der Einzelteile. Die einzel-
nen Sinneseindrücke werden zu einem großen Ganzen zusammen-
gebaut und interpretativ erschlossen. Man versteht den gestaltpsy-
chologischen Grundgedanken auch sehr schön am Beispiel einer
Melodie, die in der Tonhöhe transponiert (sie wird als Ganzes
höher oder tiefer gespielt) oder im Tempo variiert wird (sie wird

Gesetz der Gesetz der Gesetz der Gesetz der


Ähnlichkeit Nähe guten Gestalt Kontinuität
Abbildung 6: Gestaltgesetze nach Max Wertheimer (aus Jäncke 2014).

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schneller oder langsamer gespielt). Trotz dieser Veränderungen


werden wir weiterhin die Melodie erkennen, obwohl jeder Reiz
eine andere Gesamtform angenommen haben kann. Unser Gehirn
erkennt das Muster, die Gestalt dieser Melodie – obwohl sie höher,
tiefer, schneller oder langsamer gespielt wird.
Illusionen unterscheiden sich übrigens deutlich von Halluzi-
nationen. Unter den ersteren werden Sinnes- und/oder Wahrneh-
mungstäuschungen subsummiert, bei denen etwas wirklich Vor-
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handenes anders erlebt oder wahrgenommen wird. Halluzinationen


gehen hingegen nicht auf objektive Reize in der Außenwelt zurück.
Hier entsteht eine Wahrnehmung sozusagen ohne Fremdeinwir-
kung. Halluzinationen reichen bis zum Wahn beziehungsweise zur
Wahnwahrnehmung. Bei einer Halluzination handelt es sich eher
um eine Fehlbeurteilung der Realität, die von den Betroffenen oft
mit hoher Überzeugung und unerschütterlicher Sicherheit vertre-
ten wird. Die Begriffe Halluzination und Wahn werden eigentlich
nur im Zusammenhang mit pathologischen Prozessen und Zu­­
ständen verwendet. Ich halte diese Trennung für etwas irreführend,
der Übergang zu nicht pathologischen Phänomenen im Alltag
erscheint mir immer wieder eher fließend zu sein. Ich werde auf
diese Aspekte an anderer Stelle nochmals zurückkommen.

Comicgesichter und das Leiden eines Klassikfans

Frau S. kam in unser Labor, nachdem sie sich bereits zur Untersu-
chung in der Psychiatrie aufgehalten hatte. Dort vermutete man zu­­
nächst Wahnvorstellungen bei ihr, denn sie berichtete da­­rü­ber, dass
sie immer wieder merkwürdige, teilweise sogar groteske Gesich-
ter sehen würde, richtige Fratzen also. Manchmal würden diese
Gesichter aber auch wie Comicgesichter anmuten, mit übergroßen
und deutlich hervortretenden Augen. Frau S. berichtete in der Psy-
chiatrie auch davon, dass sich diese merkwürdigen Gesichtsmerk-
male änderten, also kleiner oder größer würden, deutlicher hervor-
traten und auch wieder verblassten. Die Patientin wurde von diesen

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146  Das interpretationswütige Hirn

merkwürdigen Wahrnehmungen zwar nicht beunruhigt und hatte


auch keine Angst vor ihnen. Allerdings kam es ihr einfach komisch
vor, dass sie so etwas sah. Zudem waren diese Wahrnehmungen für
Frau S. sehr real und plastisch. Doch je länger die Psychiater den
Ausführungen lauschten, desto mehr hatten sie den Eindruck, dass
diese Berichte nicht mit den typischen Symptomen von schizo-
phrenen Halluzinationen übereinstimmten. Da sie wussten, dass
wir uns mit speziellen Wahrnehmungen auskannten, überwiesen
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sie diese Dame schließlich zu uns.


Als ich Frau S. zuhörte, erinnerte ich mich sofort an eine inte-
ressante Arbeit, die ich in der Zeitschrift Brain62 gelesen hatte. Es
war ein Artikel der drei Londoner Neurologen Santhouse, Howard
und Ffytche über das Charles-Bonnet-Syndrom, das auf den
Schweizer Naturforscher Charles Bonnet zurückgeht, der es zuerst
beschrieben hat. Bonnets Großvater litt im vorangeschrittenen
Alter an einer Linsentrübung (dem sogenannten grauen Star), und
trotz Operation erblindete er fast vollständig. Nach einigen Jahren
geschah etwas Überraschendes: Er entwickelte plötzlich lebhafte
visuelle Halluzinationen und sah Männer, Frauen, Kutschen und
Häuser. Ihm war dabei stets bewusst, dass er halluzinierte. Charles
Bonnet entwickelte im Alter interessanterweise ebenfalls diese Hal-
luzinationen. Wesentlich für dieses Syndrom ist, dass die Patienten
nicht unter Schädigungen des visuellen Kortex leiden.
In heutigen klinischen Lehrbüchern werden die einzelnen
Symptome oft eher allgemein beschrieben. Dazu gehören unter
anderem (1) Phosphene (undefinierte Lichterscheinungen), (2)
Photopsien (umrissene meist geometrische Figuren), (3) Palinop-
sien (persistierende oder erneut erscheinende Objekte, die bereits
gesehen wurden), (4) Metamorphosien (Verzerrungen, Verkleine-
rungen und Vergrößerungen von Gesehenem), (5) komplexe Hal-
luzinationen (ausgestaltete Bilder und Szenen von Objekten und

62  Santhouse, A. M., Howard, R. J. & Ffytche, D. H. (2000). Visual hallucinatory
syndromes and the anatomy of the visual brain. Brain, 123(10), 2055–2064.

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Das interpretationswütige Hirn  147

Fantasiegestalten) und letztlich (6) Heautoskopien (spiegelbildliche


Doppelgängerhalluzinationen).
In der Arbeit der Londoner Kollegen wurde eine größere
Gruppe von Charles-Bonnet-Patienten detailliert untersucht und
deren Symptome genau dokumentiert. Anschließend sichteten die
Wissenschaftler diese Symptome akribisch und konnten mithilfe
eines mathematischen Verfahrens im Wesentlichen drei Symptom-
gruppen identifizieren: (1) komplexe Halluzinationen, (2) Wahr-
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nehmung verzerrter Gesichter und (3) Palinopsien. Im Gegensatz


zu den in Lehrbüchern aufgeführten sechs Symptomen konnten
die Londoner Kollegen also lediglich drei Hauptsymptome bestäti-
gen. Schauen wir uns die einzelnen Symptome etwas genauer an:
Die unter dem Oberbegriff komplexe Halluzinationen subsum-
mierten Einzelsymptome umfassen die lebhafte Wahrnehmung
von Figuren mit Hüten, Kindern und kleinen Figuren, Figuren in
Kostümen, Landschaften, Vehikel aller Art und emotionale Inhalte.
Zur Symptomgruppe Wahrnehmung verzerrter Gesichter gehören
das Wahrnehmen von Gesichtern, Wahrnehmen von Gesichtern
mit hervorstechenden Einzelmerkmalen wie Augen und/oder Zäh-
nen, Wahrnehmen von grotesken Fratzen sowie das Wahrnehmen
von comicartigen Gesichtern. Die dritte Symptomgruppe (Palinop-
sien) ist durch die fortdauernde Wahrnehmung von Objekten oder
Personen gekennzeichnet, die zwar zu einem früheren Zeitpunkt
tatsächlich vorhanden oder anwesend waren, sich aber inzwischen
nicht mehr im Gesichtsfeld befinden. Ein typisches Beispiel: Ein
Patient sitzt in einem Café und sieht dort in der linken Ecke eine
Person an einem anderen Tisch sitzen. Wenn er dann seinen Blick
nach rechts schweifen lässt, sitzt diese Person nun plötzlich auch in
der rechten Ecke. Die «alte» Wahrnehmung bleibt erhalten und
wird praktisch an einen anderen neuen Ort «mitgenommen» – und
dort mehr oder weniger elegant hineinmontiert.
Wie kommen diese Trugwahrnehmungen zustande? Die Lon-
doner Kollegen haben sich auch dieser Frage gewidmet: In einem
weiteren Experiment wurde bei vier Patienten mit diesem Syndrom
die Hirndurchblutung während akuter Halluzinationen gemessen.

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148  Das interpretationswütige Hirn

Hierzu lagen diese Patienten im funktionellen Magnetresonanzto-


mographen und warteten quasi auf die Trugbilder. Traten diese
dann auf, drückten sie auf einen Knopf, und wenn sie endeten,
drückten sie nochmals auf einen Knopf. Die spätere Analyse der
Durchblutungsdaten ergab ein eindeutiges Bild: Die Wahrnehmun-
gen korrespondierten mit typischen Hirnaktivierungen. Immer
dann, wenn die Patienten Gesichtshalluzinationen hatten, war jenes
Hirngebiet besonders stark aktiv, das bei der Wahrnehmung von
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Gesichtern aktiv ist. Hatten die Patienten hingegen Farbwahr-


nehmungen, dann war das Farbareal aktiv, und wenn Objekte hal-
luziniert wurden, dann zeigten die Objektwahrnehmungsgebiete
besondere Aktivität. Insgesamt war aber auch der gesamte visuelle
Kortex besonders stark erregt. Offenbar sind diese jeweiligen Hirn-
gebiete also überaktiv und erzwingen sozusagen eine Halluzination.
Alle Patienten litten im Übrigen unter Beeinträchtigungen der Seh-
bahn und des Auges, aber der Sehkortex war vollkommen intakt.
Kommen wir zu unserer Patienten Frau S. zurück. Ihre Hal-
luzinationen fallen in die zweite Symptomgruppe der Londoner
Untersuchung, dem Wahrnehmen von comicartigen Gesichtern.
Wir führten ähnliche Untersuchungen durch wie die englischen
Kollegen und konnten tatsächlich bestätigen, dass einerseits auch
bei ihr der visuelle Kortex und eigentlich alle Sehfunktionen normal
funktionierten, und dass andererseits ihr Sehkortex  – auch wenn
dieser keine Halluzinationen produzierte – überaktiv war. Wie kön-
nen wir das Zustandekommen dieser Halluzinationen erklären?
Dazu sollten wir uns zunächst eine weitere faszinierende Form der
Fehlwahrnehmung anschauen, nämlich die Musikhalluzination.
Bei uns stellte sich ein Patient vor (nennen wir ihn Herr D.),
der über ein merkwürdiges Phänomen klagte. Herr D. war pensio-
niert, wohlhabend und vielseitig interessiert. In seiner Freizeit
beschäftige er sich insbesondere mit Kunst und Kultur und war
auch der klassischen Musik sehr zugetan. Allerdings beklagte er
einen zunehmenden Hörverlust, der das Genießen der klassischen
Musik beeinträchtigte. Der Hörverlust hatte inzwischen sogar dazu
geführt, dass er gar keine klassische Musik mehr hören konnte, da

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Das interpretationswütige Hirn  149

es ihm praktisch unmöglich geworden war, verschiedene Musik-


stücke auseinanderzuhalten. Auch die Alltagsverständigung mittels
akustischer Reize war bei Herrn D. zunehmend gestört. Die Audio-
logen diagnostizierten bei unserem Patienten einen progressiven
bilateralen Hörverlust, der bislang zu einer mittelgradigen Schwer-
hörigkeit geführt hatte. Allerdings kam Herr D. wegen etwas ande-
rem in unser Labor: Er wurde mehr und mehr von einem für
ihn sehr unangenehmen Hörereignis geplagt, denn er musste sich
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inzwischen immer öfter einen Discohit aus den 1970er-Jahren


anhören: «That’s the Way I Like It» von KC and the Sunshine Band.
Und dieser Song kam quasi direkt aus seinem Kopf – denn Herr D.
litt unter einer Musikhalluzination.
Diese Musikhalluzination ist in vielen Aspekten dem oben
beschriebenen Charles-Bonnet-Syndrom sehr ähnlich. Wie bei den
Charles-Bonnet-Patienten ist bei den Betroffenen der Kortex – und
hier der Hörkortex  – im Wesentlichen intakt. Die Schädigung,
unter der der Patient leidet, betrifft die Peripherie, hier vor allem
das Innenohr. Bei Herrn D. ist die Situation besonders bemerkens-
wert, denn er ist schwerhörig, leidet aber unter Musikhalluzinatio-
nen. Anders ausgedrückt: Er hört kaum noch etwas aus der Umwelt,
aber produziert intern eine Hörwahrnehmung, die nichts mit der
Umwelt zu tun hat. Im Übrigen nimmt er diese Halluzination sehr
lebhaft und echt wahr, und selbstredend irritiert ihn das ungemein.
Tatsächlich tritt diese Form der Halluzination vor allem bei
älteren Menschen auf. Gemeinsam ist ihnen, dass sie unter Schwer-
hörigkeit leiden. Oft können die Patienten dieses Hören «innerer»
Musik recht gut als Wahrnehmungstäuschungen erkennen und
einsortieren, denn sie wissen ja, dass sie eigentlich schwerhörig
sind. Der Neurologe Timothy Griffith aus Newcastle hat sechs
solcher Patienten mittels der Positronen-Emissions-Tomographie
(PET) genauer untersucht63. Mit dieser Technik konnte er die Hirn-
durchblutung bei diesen Patienten messen, während sie die innere

63  Griffiths, T. D. (2000). Musical hallucinosis in acquired deafness. Phenome-


nology and brain substrate. Brain, 123(10), 2065–2076.

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Musik hörten. Die Patienten mussten angeben, wie stark sie ihre
jeweiligen Musikhalluzinationen während der Hirnmessungen
empfanden. Diese subjektiven Einschätzungen setzte Griffiths mit
seinen Messergebnissen in Verbindung: Es zeigte sich, dass das
Ausmaß der Musikhalluzination mit der Durchblutungsstärke im
sekundären Hörkortex zusammenhing. Dieser Bereich des Gehirns
ist unter anderem Sitz des Musikgedächtnisses. Ähnlich wie bei
den Charles-Bonnet-Patienten, bei denen die spezialisierten visuel-
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len Wahrnehmungszentren überaktiviert sind, scheint das Musik-


gedächtnissystem bei den schwerhörigen Patienten Musikwahr-
nehmungen zu erzwingen.

Die beiden oben beschriebenen Halluzinationen lassen sich gut


mittels eines einfachen neuropsychologischen Modells erklären.
Wir können grob zwei Informationsverarbeitungswege im Gehirn
unterscheiden  – wie bereits erwähnt: den Bottom-up- und den
Top-down-Weg (siehe Abbildung 7). Beim Bottom-up-Weg ver-
läuft der Informationsfluss vom Rezeptor in die kortikalen Hirn-
gebiete; also von unten nach oben und innerhalb des Kortex von
den untergeordneten zu den übergeordneten Modulen. Man
bezeichnet diesen Weg auch als reizgetriebenen Informationsweg,
um zum Ausdruck zu bringen, dass dieser Informationsweg im
Wesentlichen durch die Charakteristika der Reize bestimmt wird –
und nicht durch übergeordnete kognitive Funktionen (etwa Auf-
merksamkeit, Erwartung und so weiter). Die Reize erzwingen
quasi eine Verarbeitung auf den verschiedenen Stufen des Gehirns.
Das Grundprinzip dieser Verarbeitungsrichtung besteht darin,
dass nacheinander unterschiedliche Hierarchieebenen in die Ver-
arbeitung eingebunden werden. Zunächst werden relativ einfache
Analysen durchgeführt, denen auf den nächsthöheren Ebenen
immer komplexere Verarbeitungsschritte folgen. Auf jeder Ebene
generiert das Gehirn eigene Verarbeitungsergebnisse, die dann als
Eingangsinformationen für die Verarbeitung auf der nächsthöhe-
ren Ebene dienen. Wichtig ist allerdings, dass auf jeder Verarbei-
tungsebene parallele Verarbeitungsschritte hinzukommen.

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«übergeordnete»
Areale
bottom-up

top-down

«untergeordnete»
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Areale
Abbildung 7: Schematische Darstellung der Bottom-up- und Top-down-Verar-
beitung.

Der Top-down-Weg bezeichnet die umgekehrte Abfolge: von


den übergeordneten zu den untergeordneten Modulen. Dieser Ver-
arbeitungsweg wird auch konzept- oder aufmerksamkeitsgetriebe-
ner Verarbeitungsweg genannt. Beispielsweise können wir uns eine
Melodie in Erinnerung rufen, ohne dass die Melodie auch physi-
kalisch, also in der Außenwelt, präsent ist. Unsere Vorstellung akti-
viert jene Hirngebiete, die mit der übergeordneten Verarbeitung
von Musikstücken betraut sind. Von diesen Hirngebieten werden
die untergeordneten Hirngebiete nacheinander aktiviert. Das hat
zur Folge, dass bei Erwartung einer ganz bestimmten Melodie
bereits die untergeordneten Hirngebiete «vorgebahnt» werden, so
dass die spezifischen Eigenarten der Melodie vorrangig und effizi-
ent verarbeitet werden. Auch bei der Top-down-Verarbeitung wer-
den auf jeder Verarbeitungsebene parallele Verarbeitungen wirk-
sam, um den Informationsfluss innerhalb des Gehirns zu optimieren
und möglichst viele Informationsquellen in die Informationsverar-
beitung einzubinden.
Bei den oben dargestellten Halluzinationen ist jeweils der Bot-
tom-up-Weg gestört. Bei den Charles-Bonnet-Patienten ist die Seh-
bahn oder das Auge gestört, so dass keine (oder reduzierte oder ver-
fälschte) visuelle Informationen aus der Umwelt in das Gehirn
gelangen. Ähnliches geschieht bei schwerhörigen Menschen, die

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unter Musikhalluzinationen leiden. Bei ihnen gelangen entweder


keine oder nur stark reduzierte akustische Informationen in das
Hörsystem. Die übergeordneten Hirngebiete können sich nun unge-
hindert und ungehemmt entfalten und sind dann besonders stark
neuronal aktiv, was in der Folge falsche Wahrnehmungen zur Folge
haben kann. Die Lebhaftigkeit der erzeugten Wahrnehmungen ent-
steht möglicherweise deshalb, weil diese nicht mehr anhand der in
der Umwelt wirklich vorhandenen Informationen kontrolliert wer-
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den können. Man könnte auch sagen, dass der Realitätscheck nicht
mehr möglich ist. Als Folge davon lernt das Gehirn die selbst gene-
rierten Wahrnehmungen als echt und wahr zu interpretieren. Da
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