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1 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
Philosophie
Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der                            
gegenwärtigen Analytischen Psychologie
Die Fortführung des Buber‐Jung‐Dialogs heute

Eckhard Frick sj
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Forschungsstelle Spiritual Care

Hochschule für Philosophie München

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2 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der gegenwärtigen Analytischen Psychologie

1. Buber und Jung: Vergegnung? Dialogue de sourds?


2. Sind Ärger und Kränkung im Spiel?
3. Individuation: Vom Ich zum Selbst
4. Wie dialogisch ist die Analytische Psychologie?
5. VOCATUS ATQUE NON VOCATUS: DEUS
ADERIT
6. Zusammenfassung

4 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Buber, WA 7

5 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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• Vergegnung • Begegnung
• Verweigerung der Bestätigung • Bestätigung
• Urdistanz • Beziehung
• Monologisch • Dialogisch
• Objektivierung des Anderen • Anerkennung als Subjekt
• I–Es • Ich-Du

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Jung: Antwort auf Martin Buber (GW 18,2 § 1511)

Noch ein Mißverständnis, das mir öfters begegnet ist, möchte ich erwähnen. Es
betrifft die merkwürdige Annahme, daß, wenn die Projektionen
„zurückgezogen“ würden, vom Objekt nichts mehr übrigbleibe. Wenn ich meine
Fehlurteile über einen Menschen korrigiere, so habe ich diesen damit nicht
negiert und zum Verschwinden gebracht; im Gegenteil, ich sehe ihn jetzt
annähernd richtig, was einer Beziehung nur förderlich sein kann. Wenn ich nun
der Ansicht bin, daß alle Aussagen über Gott aus der Seele in erster Linie
hervorgehen und daher vom metaphysischen Wesen unterschieden werden
müssen, so ist damit weder Gott geleugnet noch der Mensch an Stelle Gottes
gesetzt. Es ist mir, offen gestanden, unsympathisch, denken zu müssen, daß
jedesmal, wenn ein Redner die Bibel zitiert oder seine sonstigen religiösen
Meinungen ventiliert, der metaphysische Gott selber durch ihn rede. Der Glaube
ist gewiß eine großartige Sache, wenn man ihn besitzt, und das Glaubenswissen
ist vielleicht viel vollkommener, als was wir mit unserer mühseligen und
kurzatmigen Empirie je zustande bringen. […]
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Jung: Antwort auf Martin Buber (GW 18,2 § 1511)

Naturwissenschaftliche Begriffe und vollends medizinisch-psychologische gehen nicht aus sauberen und wohlanständigen
Denkprinzipien hervor, sondern ergeben sich aus der täglichen Arbeit in den Niederungen des banalen menschlichen
Daseins und seiner Qual. Empirische
.Begriffe sind irrationaler Natur. Der Philosoph, der sie so
kritisiert, wie wenn sie philosophische .Begriffe wären, führt einen Kampf gegen
Windmühlen und gerät, wie BUBER mit dem Begriff des Selbst, in die größten
Schwierigkeiten. Empirische .Begriffe sind Namen für vorhandene Tatsachenkomplexe.
Angesichts der furchtbaren Paradoxie unseres Daseins ist es begreiflich, wenn das
Unbewußte ein entsprechend widerspruchsvolles Gottesbild enthält, welches mit der
Schönheit, Erhabenheit und Reinheit des dogmatischen Gottesbegriffes nicht recht
zusammenstimmen will. Der Gott Hiobs und des 89.Psalmes ist allerdings etwas wirklichkeitsnaher und paßt in
seinem Verhalten nicht übel zu dem Gottesbild des Unbewußten. [….] Ich bin essentiell Arzt, der es mit der Krankheit des
Menschen und seiner Zeit zu tun hat und auf Heilmittel bedacht ist, die der Wirklichkeit des Leidens entsprechen. Es
steht nicht nur BUBER, sondern jedem Theologen frei, in Umgehung meiner odiosen Psychologie meine Patienten mit
dem «Wort» zu heilen. Ich heiße diesen Versuch mit offenen Armen willkommen. Da jedoch die geistliche cura animarum
nicht immer den gewünschten Erfolg zeitigt, haben vorderhand die Ärzte zu tun, die eben nichts .Besseres zur Hand
haben als jene bescheidene „Gnosis“, welche die Empirie ihnen bietet. Oder weiß da einer meiner Kritiker besseren Rat?

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Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der gegenwärtigen Analytischen Psychologie

1. Buber und Jung: Vergegnung? Dialogue de sourds?


2. Sind Ärger und Kränkung im Spiel?
3. Individuation: Vom Ich zum Selbst
4. Wie dialogisch ist die Analytische Psychologie?
5. VOCATUS ATQUE NON VOCATUS: DEUS
ADERIT
6. Zusammenfassung

10 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Colman J Anal Psychol 47 (2002) 492-494

Jung's manner of response […] is typical of narcissistic patients - he is easily


offended and reacts to this with sarcastic attacks; he ignores the actual substance
of criticism and reacts to it only as a personal slight; feeling his omnipotence to
be wounded, he has recourse to ‘authority’ to show how important he is and how
he is not being taken sufficiently seriously by his critics. Above all, he uses the
Other merely as fodder for his own project without properly engaging with the
Other's difference. […] Well, all this is regrettable and (to me, at least)
somewhat embarrassing, but does it affect the substance of his work? Buber
argues that it does. And this is where the misunderstanding lies. Buber asserts
that there is no place for a genuine, absolute Other in Jung's work but he does
not see that this is not simply because Jung has overstepped the bounds of
psychology (which Jung can then rightly assert he has not done) but because
Jung does not really understand what the Other is. Jung does not know ‘Thou’.
So of course, Jung does not understand what Buber is talking about and just
reacts to what he says as an attack.

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Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der gegenwärtigen Analytischen Psychologie

1. Buber und Jung: Vergegnung? Dialogue de sourds?


2. Sind Ärger und Kränkung im Spiel?
3. Individuation: Vom Ich zum Selbst
4. Wie dialogisch ist die Analytische Psychologie?
5. VOCATUS ATQUE NON VOCATUS: DEUS
ADERIT
6. Zusammenfassung

12 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Jung: Die Beziehungen zwischen
dem Ich und dem Unbewussten (GW
7: § 405)

„Mit der Empfindung des Selbst als etwas


Irrationalem, undefinierbar Seiendem, dem das
Ich nicht entgegensteht und nicht unterworfen ist,
sondern anhängt, und um welches es
gewissermaßen rotiert, wie die Erde um die
Sonne, ist das Ziel der Individuation erreicht. Ich
gebrauche das Wort >Empfindung<, um damit
den Wahrnehmungscharakter der Beziehung von
Ich und Selbst zu kennzeichnen.“
13 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Erich Neumann (1905-1960)

„Auf der positiven Urbeziehung fußend,


entwickelt der Mensch ein psychisches
System, dessen Zentren Selbst und Ich
darstellen, die in der «Ich-Selbst-Achse»
zusammengeschlossen sind. Sie ist die
Grundlage der Ausgleichs- und
Gleichgewichtstendenz der
Persönlichkeit, und an ihr spielt sich die
Kompensation nicht nur zwischen dem
Ich und dem Unbewussten ab, sondern
auch die zwischen der Welt und dem
Individuum“ (Neumann 1963: § 380).

14 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Robert C. Smith an C. G. Jung, 10. Juni 1960

Frage: »Glauben Sie Jung reduziert Gott zu einem Objekt? Vergißt


er, daß Gott immer das Subjekt ist, welches uns begegnet? Sie
sagen dies nicht ausdrücklich, aber Sie implizieren es.«
Antwort: »Ich erinnere mich nicht daran, daß Jung irgendwo von
Gott als ›das Subjekt, welches uns begegnet‹ oder ähnliches
gesprochen hat, ich glaube nicht, daß er dies tun kann, da sein
Gott letztlich identisch mit dem Großen Selbst ist.«
Nun sind dies ernsthafte Vorwürfe, wenn sie wahr sind. Es wäre
mir eine große Hilfe, wenn Sie sich die Zeit nehmen würden,
diese Interpretationen zu kommentieren, vor allem die
Behauptung, Sie seien ein Monologist und daß Sie Gott zu einem
Objekt reduzieren. Buber würde darauf bestehen, daß das
Transzendente nicht im objektiven Sinne gekannt oder im
psychologischen Sinne erfahren werden kann.

15 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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C. G. Jung an Robert Smith, 29. Juni 1960
Jeder Pionier ist ein Monolog, solange bis andere Leute seine
Methode ausprobiert und seine Ergebnisse bestätigt haben. Würden
Sie etwa alle großen Denker, die bei ihren Zeitgenossen nicht
populär waren, Monologisten nennen, sogar jene »Stimme des einen
Schreienden in der Wildnis«?
Buber, der keine praktische Erfahrung in Tiefenpsychologie hat,
weiß nichts über die Autonomie der Komplexe, welches jedoch eine
allzu leicht ersichtliche Tatsache ist. Deshalb ist Gott, als
ein autonomer Komplex, ein Subjekt, welches mich konfrontiert.
Wer das nicht aus meinen Büchern verstehen kann, muß wirklich
blind sein. Genauso ist das Selbst eine furchtbare Realität, wie
jeder lernt, der versuchte oder gezwungen wurde, etwas damit zu
tun. Ich definiere jedoch das Selbst als Grenzbegriff.
Dies muß ein Rätsel sein für Leute wie Buber, die mit der
empirizistischen Epistemologie nicht vertraut sind. Warum kann
Buber nicht in seinen Kopf hineinbekommen, daß ich mich mit
psychischen Fakten beschäftige und nicht mit metaphysischen
Behauptungen? Buber ist ein Theologe und hat viel mehr
Informationen über Gottes wahre Existenz und andere Seiner
Qualitäten, als ich jemals träumen könnte zu kennen.

16 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der gegenwärtigen Analytischen Psychologie

1. Buber und Jung: Vergegnung? Dialogue de sourds?


2. Sind Ärger und Kränkung im Spiel?
3. Individuation: Vom Ich zum Selbst
4. Wie dialogisch ist die Analytische Psychologie?
5. VOCATUS ATQUE NON VOCATUS: DEUS
ADERIT
6. Zusammenfassung

17 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Das Unbewusste (Buber 23. März 1957: 219f)

Die Annahme, das Unbewußte sei entweder Körper oder Seele ist unbegründet. Das Unbewußte ist
ein Zustand, aus dem diese zwei Phänomene noch nicht hervorgegangen sind und in dem beide
noch nicht voneinander unterschieden werden können. Das Unbewußte ist unser Sein selbst, aus
dem die beiden (Phänomene) in jedem Augenblick wieder und wieder hervorgehen. Um in
Erscheinung zu treten, muß sich das Unbewußte dissoziieren – eine der Methoden dieser
Dissoziierung ist die analytische Psychologie.
Nicht alles, was ist, ist Erscheinung. Der Bereich einer Erscheinung ist begrenzt. Das Psychische ist
reiner Prozeß in der Zeit. Es gibt Punkte der Begegnung zwischen dem Physischen und dem
Psychischen – bewußte –, aber wir müssen zwischen den beiden Bereichen unterscheiden. Ein
psychischer Prozeß kann nicht im Gehirn vor sich gehen, was immer die Beziehung zwischen den
beiden sein mag. »Die Seele ist nicht befindlich.«
Um das Physische als Ganzes zu fassen, benötige ich die Kategorie des Raumes genauso wie die der
Zeit. Aber für das Psychische benötige ich nur die Zeit.
Ich meine dasselbe, was die moderne Psychologie mit dem Unbewußten meint – dieses dynamische
Faktum, das sich durch seine Wirkungen bemerkbar macht, Wirkungen, die der Psychologe
erforschen kann. Ein Beispiel. Wenn es Archetypen gibt, so erfahren wir etwas von ihnen durch
ihre Wirkung: die Archetypen selber, sagt Jung, können niemals wahrgenommen werden, aber sie
beeinflussen das Leben in dieser oder jener Weise, die nur aus ihnen kommen kann.

18 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Das Unbewusste (Buber 6. April 1957: 233f)

Buber: Das Unbewußte ist keine Erscheinung, weder eine physische noch eine psychische, und wir
erfahren es niemals unmittelbar, sondern wir kennen es nur durch seine Wirkungen, durch die
Dissoziierung des Ungeformten in Erscheinungen des Leibes und der Seele. Dissoziation ist der
Vorgang seiner Selbstkundgebung in inneren und äußeren Wahrnehmungen.
Das bewußte Leben des Patienten ist so, wie er es kennt, ein dualistisches Leben; sein objektives
Leben ist nicht dualistisch, aber das kennt er nicht.
Weigert: Ist dieser Dualismus eine Krankheit?
Buber: Nein, er ist die Biographie der Leib-Seele-Einheit.
David Rioch: Was können Sie über Gott im Bezirk des Heiligen sagen?
Buber: In dem Augenblick, da der Name Gottes genannt wird, brechen menschliche Kreise in
Personen auseinander, ohne es zu wissen. In diesem Augenblick wird die Gemeinschaftlichkeit des
Denkens – das Faktum des Zusammen-Denkens – zerstört. Der Unterschied zwischen einer Welt
mit Gott und ohne ihn ist so ungeheuer, daß die Diskussion über Gott trennend wirkt, außer in
einer Gruppe, die durch echten gemeinsamen Glauben verbunden ist. Die Menschen sagen Gott,
ohne die Wirklichkeit zu meinen, als die erhabene Konvention einer kultivierten Persönlichkeit.

19 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Buber: Urdistanz und Beziehung (52f)

Denn das innerste Wachstum des Selbst vollzieht sich nicht, wie man heute gern meint, aus dem
Verhältnis des Menschen zu sich selber, sondern aus dem zwischen dem Einen und dem
Andern, unter Menschen also vornehmlich aus der Gegenseitigkeit der Vergegenwärtigung – aus
dem Vergegenwärtigen anderen Selbst und dem sich in seinem Selbst vom anderen
Vergegenwärtigtwissen – in einem mit der Gegenseitigkeit der Akzeptation, der Bejahung und
Bestätigung.
In seinem Sein bestätigt will der Mensch durch den Menschen werden und will im Sein des andern
eine Gegenwart haben. Die menschliche Person bedarf der Bestätigung, weil der Mensch als
Mensch ihrer bedarf. Das Tier braucht nicht bestätigt zu werden, denn es ist, was es ist,
unfraglich.
Anders der Mensch: aus dem Gattungsreich der Natur ins Wagnis der einsamen Kategorie
geschickt, von einem mitgeborenen Chaos umwittert, schaut er heimlich und scheu nach einem
Ja des Seindürfens aus, das ihm nur von menschlicher Person zu menschlicher Person werden
kann; einander reichen die Menschen das Himmelsbrot des Selbstseins.

20 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der gegenwärtigen Analytischen Psychologie

1. Buber und Jung: Vergegnung? Dialogue de sourds?


2. Sind Ärger und Kränkung im Spiel?
3. Individuation: Vom Ich zum Selbst
4. Wie dialogisch ist die Analytische Psychologie?
5. VOCATUS ATQUE NON VOCATUS: DEUS
ADERIT
6. Zusammenfassung

21 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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VOCATUS
ATQUE
NON
VOCATUS
DEUS
ADERIT

22 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Vocatus. Die Vormoderne: Der Mensch erfährt
sich als der Gerufene und er ruft nach Gott

• Etisch-diachrone Perspektive betrachtet


„religionswissenschaftlich“ vergangene Zeiten.
• C.G. Jung: Nicht ich habe der Seele eine religiöse Funktion
angedichtet, sondern ich habe Tatsachen vorgelegt, welche
beweisen, dass die Seele >naturaliter religiosa< ist.

23 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Non vocatus. Die (klassische) Moderne: Nach Gott wird nicht mehr gerufen. Keine
Antenne / „Musikalität“ für das Gerufenwerden des Menschen

„Und – damit stelle ich Ihren Glauben an meine Un-


befangenheit vielleicht auf eine noch härtere Probe und
weiß nicht wie ich dabei bestehen werde – ich könnte ein
solches metaphysisch-naturalistisch orientiertes Anti-
Pfaffentum auch gar nicht mit subjektiver Ehrlichkeit
mitmachen. Denn ich bin zwar religiös absolut
‚unmusikalisch‘ und habe weder Bedürfnis noch Fähigkeit
irgendwelche seelischen ‚Bauwerke‘ religiösen Charakters
in mir zu errichten – das geht einfach nicht, resp. ich
lehne es ab. Aber ich bin nach genauer Prüfung, weder
antireligiös noch irreligiös. Ich empfinde mich auch in
dieser Hinsicht als einen Krüppel, als einen verstümmelten
Menschen, dessen inneres Schicksal es ist, sich dies
ehrlich eingestehen zu müssen, sich damit – um nicht in
romantischen Schwindel zu verfallen – abzufinden, aber […]
auch nicht als einen Baumstumpf, der hie und da noch aus-
zuschlagen vermag, mich als einen vollen Baum auf-
zuspielen.“ Max Weber

24 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Vocatæ/i: Postmoderne (Spiritual Turn)

• Schwanken zwischen Gottes- und Selbstverlust, „als geriete


das Subjekt auf dem Weg zu sich selbst aus dem Regen der
Nichtexistenz Gottes in die Traufe des nichtexistenten Selbst.
Eine fatale Symmetrie des Fehlens zeichnet sich ab“ (Lesmeister
2014 : 57).
• Hysterisierung des spirituellen Begehrens nimmt sich
selbst als frei und radikal subjektiv wahr, folgt jedoch
kapitalistischen Angebots- und Konsumstrukturen des psycho-
spirituellen Marktes: „enjoy!“ (genieße, sei der du bist, finde
deine eigene Spiritualität!, Finkelde 2014).

25 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
Philosophie
Jung GW 11: S. 675

26 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Jung GW 11: S. 675

27 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der gegenwärtigen Analytischen Psychologie

1. Buber und Jung: Vergegnung? Dialogue de sourds?


2. Sind Ärger und Kränkung im Spiel?
3. Individuation: Vom Ich zum Selbst
4. Wie dialogisch ist die Analytische Psychologie?
5. VOCATUS ATQUE NON VOCATUS: DEUS
ADERIT
6. Zusammenfassung

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Religiöse, spirituelle, existenzielle Aspekte in der gegenwärtigen Analytischen Psychologie

• Der Buber-Jung-Dialog steht noch aus. Er wird der aktuellen


Psychotherapie und Psychoanalyse helfen, religiöse, spirituelle
und existenzielle Aspekte der Behandlung zu berücksichtigen.
• Auf Bubers Kritik (Monologismus, Immanentismus,
Psychologismus / Verseelung) antwortet Jung mit der
Betonung der ärztlich-empirischen Perspektive und mit
spiritueller Häresie.
• Antijüdischer Affekt? Der Vergleich mit der Beziehung zu
Erich Neumann zeigt Jungs ambivalentes Verhältnis zum Gott
Israels (Inkarnation, Neid, Identifikation, s. Antwort auf Hiob).

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30 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Erich Neumann: Der mystische Mensch (1948: §151)

• der Mensch durchschreitet von


Kindheit an alle Stadien der
Wandlungsmystik
• der Beginn der Ursprungsmystik
reicht bis vor das Auftauchen des
Ich zurück in ein Unbekanntes
• das Ende reicht als
Unsterblichkeitsmystik über das
Erlöschen des Ich in ein
Unbekanntes hinaus

31 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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{107} Wir müssen die Heldenmystik in ihrem
ganzen Umfang verstehen, um zu begreifen,
was sie für die Entwicklung der Menschheit
bedeutet. Alles Schöpferische ist mystisch,
denn das Individuum ist schöpferisch allein
durch seine Begegnung mit dem Numinosen,
dem Nichts-Punkt des Schöpferischen im
Innenraum. Aber damit, dass das
Schöpferische weltformend und zeugend ist,
ist es seinem tiefsten Wesen nach
weltbejahend. Die Heldenmystik ist Mystik
der Berufung und des Auftrags, der
Weltformung und -Umformung. Dabei ist es
unwesentlich, ob sich die Begegnung im
Religiösen oder im Künstlerischen, im Tun
außen oder der geheimen Persönlichkeits-
wandlung innen manifestiert. Immer ist der
Held der «Große Einzelne», der groß ist, weil
er die Ebenbildlichkeit des schöpferischen
Anthropos in sich verwirklicht.
32 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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{151} So ist die menschliche Persönlichkeit von ihrer Frühzeit an in
dauernder mystischer Bewegung. Nach innen zum Selbst und nach
außen zur Welt hin in immer neuen Begegnungen ausgreifend und
sich verändernd, durchschreitet der Mensch von Kindheit an alle
Stadien der Wandlungsmystik. Und wie der Beginn der
Ursprungsmystik bis vor das Auftauchen des Ich zurückreicht in ein
Unbekanntes, reicht das Ende als Unsterblichkeitsmystik über das
Erlöschen des Ich in ein Unbekanntes hinaus. Das Unerklärbare, dass
die Mitte des Menschen als ein unbekannt Schöpferisches in ihm lebt
und in immer neuen Gestalten und Wandlungen ihn formt, dies
Geheimnis, das ihn sein Leben hindurch begleitet, begleitet ihn auch
in den Tod und über ihn hinaus. So schließt sich der Kreis, und der
Mensch endet, wie er begonnen hat, als ein homo mysticus.

33 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Erich Neumann: Der mystische Mensch

{13} Wir finden das mystische Element in der seelischen Frühzeit, der Phase
des Uroboros, dem psychologischen Stadium der Ursprungs – Einheit, in
dem noch kein systematisiertes Bewusstsein existiert, und in dem das
herrscht, was Levy-Bruhl als participation mystique bezeichnet hat. In dieser
Situation der Vermischtheit von Mensch und Welt, Mensch und Gruppe und
Ich und Unbewusstem äußert sich das mystische Element als Unabgelöstheit
des Ich von den Nicht-Ich-Instanzen.

{132} Wenn in jedem Ding und in jeder Situation ein numinoser Hintergrund
aufleuchten kann, der zur mystischen Begegnung von Ich und Nicht-Ich und
zur Erleuchtung führt, wird alles in der Welt zum Symbol und wird Teil des
Numinosen, und die vom uroborischen Mystiker angeprangerte Welt erweist
sich in einem unheimlichen Sinn als «gott-trächtig» und göttlich. Es wäre
grundfalsch, dies als einen religiösen Pantheismus oder Panentheismus
missverstehen zu wollen, denn diese Form der Reifemystik ist auf einen
dauernden schöpferischen Prozess in der Persönlichkeit angewiesen.

34 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Erich Neumann: Der mystische Mensch

Niedermystik Hochmystik
Erfahrung dogmatisch festgelegter und experimentelle Erfahrung Gottes als heiliges
festlegbarer Inhalte ist. Eine dem Kultur-Kanon Abenteuer oder atheistische, pantheistische,
und dem religiösen Dogma nicht gewachsene transpersonale Mystiken (31)
Persönlichkeit wirdvon einem archetypischen
Inhalt des Kanons überwältigt und erfährt ihn
mystisch. (51)

Oft uroborische Mystiker, Menschen mit Nicht nur Helden-Charakter ihrer Anstrengung,
pathologischem, fragmentarischem, primitiven sondern auch Wirkung verrät, dass diese Mystiker
oder leicht umwerfbaren Ich. Besessenheit, nicht uroborisch-nihilistisch sind (116)
Ekstase, Inflation, Depression, Psychose sind
nicht Ausdruck der Überwältigung eines reifen
Ich oder gar einer überdurchschnittlichen
Gesamtpersönlichkeit durch das Numinose. (98)
«Zaddik (ein vollkommen Gerechter) im Pelz»: Veränderungsaspekt, schöpferischer Aspekt! ,
«Einer kauft sich im Winter einen Pelz, ein lehrt, schreibt, bildet Schulen. Mystik als
anderer Brennholz. Und was ist der Unterschied Erlösungsweg des Menschen versteht.
zwischen ihnen? Jener will nur sich, dieser auch
anderen Wärme spenden.» (116)
uroborische Ichauflösung (111) höchste Anstrengung des Ich, Drachenkampf des
Helden, Schranken der altenüberwinden.
Vorbereitende asketische und ethisch rigorose
Riten und Haltungen. (111)

35 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Ich-Selbst-Achse
Ich
Ich

Ich

SELBST SELBST SELBST SELBST

a b c d

36 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Ich-Selbst-Achse
Ich
Ich

Ich

SELBST SELBST SELBST SELBST

a b c d

37 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Probleme der modernen Psychotherapie (Jung GW 16)

Verwandlung

Erziehung zum
sozialen Menschen

Aufklärung der Übertragung

Kathartisches Bekenntnis

38 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Probleme der modernen Psychotherapie (Jung GW 16)

Die vierte Stufe der analytischen Psychologie verlangt also


Rückanwendung des jeweils geglaubten Systems auf den Arzt selber,
und zwar mit derselben Schonungslosigkeit, Konsequenz und Ausdauer,
die der Arzt dem Patienten gegenüber an den Tag legt (§ 168). Der
Schritt von der Erziehung zur Selbsterziehung ist ein logischer Fortschritt,
der alle früheren Stufen ergänzt. Die Forderung der Stufe der
Verwandlung, nämlich daß sich der Arzt wandle, damit er fähig werde,
auch den Kranken zu verwandeln, ist eine, wie man leicht begreift, eher
unpopuläre Forderung […] (§170).
• unpraktisch
• unterliegt einem unangenehmen Vorurteil
• schmerzhaft, selber alle jene Erwartungen zu erfüllen, die man gegebenenfalls an seine
Patienten richtet.

39 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Uroboros oder Ich-Selbst-Achse?

• Die einzelne Exerzitien-Übung gewinnt ihre Fruchtbarkeit als Fragment eines


Kurses, der sich für den gesamten Individuationsweg der übenden Person öffnet.
• Rekursive Regeln (Vorbereiten und Auswerten, Unterscheidung der Geister,
Anbieten und Bestätigung, Läuterung – Erleuchtung - Einswerden…) stellen den
Bezug zur Unendlichkeit her.
• Der Entwicklungsprozess verläuft in Stufen:
Exerzitien-Wochen Analytische Psychotherapie
I Krise und Schatten Kathartisches Bekenntnis
II Berufung Aufklärung der Übertragung
III Leiden Erziehung zum sozialen Menschen
IV Herrlichkeit und Auferstehung Verwandlung

• Individuation ist kein Egotrip: Das mystagogische Thema „Den Seelen helfen“
realisiert sich im sozialen Handeln und in der Weitergabe der Erfahrung.

40 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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Jung (GW 11, § 509)
„Unter all meinen Patienten jenseits der
Lebensmitte, das heißt jenseits 35, ist nicht ein
Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das
der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in
letzter Linie daran, daß er das verloren hat, was
lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen
Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich
geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht
wieder erreicht, was mit Konfession oder
Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu
tun hat.“

41 26.6.21 Sektion Psychologie, Psychotherapie und Beratung der Martin Buber-Gesellschaft Hochschule für
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