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Stilepoche Klassik 1750 – 1830

1. Begriffsdefinition „klassisch“
Der Begriff klassisch hat zwei verschiedene Bedeutungen: einerseits ist etwas klassisch, wenn es
aus der Stilepoche der Klassik kommt (ca. 1750 bis 1820), andererseits ist etwas klassisch, wenn
es die Qualität "klassisch" erfüllt:

a) Epochenbegriff: klassisch ist etwas nur dann, wenn es aus der Epoche der Klassik (1750 –
1820) stammt. Ein barocker Komponist oder ein Romantiker kann dann nicht „klassisch“ sein,
da er nicht aus dieser Epoche ist.

b) Qualitätsbegriff: klassisch bedeutet: vorbildlich, modellhaft, überzeitig gültig, von vielen


geschätzt.
Um die Qualität „klassisch“ zu erreichen, muss eine Ausgewogenheit von Gefühl und Verstand,
von Form und Inhalt, von subjektiv und objektiv gegeben sein. Es muss also das Stilideal der
Klassik möglichst erreicht sein (siehe unten).
Fußball ist ein klassischer Mannschaftssport, Porsche ist ein klassischer Sportwagen, Anzug und
Krawatte sind die klassische Gesellschaftskleidung für Männer, Sommerurlaub an Meer ist ein
klassisches Reiseziel für Nordeuropäer, Kugelschreiber als klassisches Schreibgerät, …
Ein Auto wäre beispielsweise nicht klassisch (Qualitätsbegriff), wenn es nur gute aber
langweilige Technik hätte (zu formal, zu rational). Es wäre aber auch unausgewogen, wenn es
nur eine schöne Form und dabei schlechte Technik hätte (zu subjektiv, zu emotional). Erst die
Ausgewogenheit beider Bereiche schafft es, dass ein Auto über lange Zeit Menschen fasziniert
und begeistert.
Diese Qualität gibt es in allen Epochen. Mit dem Qualitätsbegriff könnte man dann sogar einen
z.B. barocken Komponisten als „klassisch“ bezeichnen (z.B. J.S. Bach als „klassischen“
Komponisten der Sakralmusik). Insofern gab und gibt es „klassische“ Kunstwerke und Werte
(Qualitätsbegriff) in jeder anderen Stilepoche außerhalb der Klassik.

2. Historischer Hintergrund, Politik – Wirtschaft


Zeit der Französischen Revolution und anderer Revolutionen in Europa
Abschaffung der Ständegesellschaft
Abschaffung des Absolutismus
Politische Ideen der Volkssouveränität, der Machtbeteiligung, der Menschenrechte, der
Gleichheit vor dem Gesetz
Verbreitung der Ideen und Politik Frankreichs in Europa durch Napoleon (Kriege)
Konstitutionelle Monarchien (Exekutive)
Entstehung der Nationalstaaten
Personenverbandsstaat contra Territorialstaat
Ideen der modernen Demokratien: mit Gewaltenteilung, Volkssouveränität, allgemeinem
Wahlrecht, Menschenrechten, Gleichberechtigung, Abschaffung der Standesunterschiede
setzen sich zunehmend durch – in Deutschland allerdings sehr langsam ...

3. Schönheitsideal
Das Schönheitsideal der Klassik fordert eine Ausgewogenheit von:
Form und Inhalt,
Verstand und Gefühl
objektiv und subjektiv.

Gefühl und Verstand sollen also gleichwertig vertreten sein. Keins soll überwiegen.
Wenn beide Bereiche ausgewogen, gleichwertig sind, ist das Schönheitsideal der Klassik
erreicht. Wenn nur der Bereich a) überwiegt, ist es zu "kalt, formal, rational", wenn der Bereich
b) überwiegt ist es zu "emotional, persönlich, irrational". Erst die Ausgewogenheit macht ein
Kunstwerk oder auch einen Charakter "klassisch".
Dabei wird mit "klassisch" ein Qualitätsmerkmal erzeugt. Ein Werk, das diese Qualität
„klassisch“ erfüllt, ist lange Zeit gültig, vorbildlich, faszinierend, …

4. Ideale, geistige Haltung


Grundlage der Klassik ist die Philosophie der Aufklärung (Kant, …)

a) „wage zu denken“ (sapere aude): benutze den eigenen Verstand.


Verstand: ist objektiv, neutral, rational, logisch, konsequent, kritisch, unbestechlich, …
Das ist besser, als Gefühle. Die sind subjektiv, damit oft unwahr, nicht an andere vermittelbar,
oft negativ: Hass, Neid, Überheblichkeit, Minderwertigkeit, Arroganz, Angst, Vorurteile,
Bequemlichkeit, ...

b) Kantscher Imperativ: „Handle allzeit so, dass die Grundlage deines Handelns jederzeit zum
allgemein gültigen Gesetz werden könnte.“

 Die Aufklärung will die Menschen aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant)
herausholen. Nur durch Verstand, Rationalität etc. ist geistige Freiheit und damit auch politische
möglich. Die Gefühle mit ihren Vorurteilen und Bequemlichkeiten schaffen das nie. Diese
Philosophie ist die Grundlage für die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen der
Klassik.

5. Musik der Klassik


Die Musik der Klassik unterscheidet sich sehr von der der vorangegangenen Epoche des Barock.
Die Musik des Barock war aus Sicht der Klassik formal, kompliziert, polyphon, zu sakral. Daher
hat kaum eine Gattung des Barock (z.B. Suite, Concerto Grosso, Fuge, Kantate, Oratorium, …)
den Übergang in die Klassik geschafft.
In der Klassik schätzte man mehr die Einfachheit, Natürlichkeit, Sanglichkeit der Musik. Die
Gattungen der Klassik sind daher mehr oder weniger neu entstanden. Die neue geistige Haltung
spiegelt sich in den Kompositionen wider. Das gilt besonders für die Sonatenhauptsatzform,
aber auch für Lieder und Opern. Polyphone Satztechnik spielt in der Klassik keine besondere
Rolle mehr.
Ähnlich stark ist der Wechsel bei den Instrumenten. Das Cembalo ist nach dem Barock durch
das Klavier ersetzt worden. Das Klavier hatte mehr künstlerische Ausdruckmöglichkeit (piano-
forte!) und war technisch viel weiter, zuverlässiger. Ebenfalls völlig neu ist die Klarinette.
Das Klappenhorn des Barock verschwindet. Ebenso verschwinden Gambeninstrumente.
6. Musik-Analyse-Gattungen

Gattungen: Sinfonie, Sonate, Solokonzert, Streichquartett, Oper, Kammermusik, Sololied...

a) Beispiel einer Gattung: Sinfonie


Ähnlicher Aufbau wie Sonate, Sinfonie ist jedoch für großes Orchester (50 – 100 Spieler).
Dauer der Sinfonie ca. ½ bis 1 Stunde oder mehr.
Aufbau: Vier Sätze mit unterschiedlichem Tempo und unterschiedlichen Satzformen:

I. schnell Sonatenhauptsatzform
II. langsam Liedform oder Variationsform
III. mittelschnell / schnell Menuett oder Scherzo
IV. schnell Sonatenhauptsatzform

Die einzelnen Satzformen der Sinfonie:

I. Satz Sonatenhauptsatzform (SHS-Form)


Musikalische Auseinandersetzung, Dialog, mit zwei verschiedenen Themen
fast immer Dominanz des ersten Themas. Die SHS-Form besteht aus vier Satzteilen
a) Exposition
Vorstellung von zwei verschiedenen Themen, endet mit Doppelstrich, wird wiederholt
b) Durchführung
Verarbeitung der verschiedenen Themen, motivisch-thematische Arbeit,
Auseinandersetzung, Kampf, Dialog
c) Reprise
Ergebnis der Auseinandersetzung, Dominanz des ersten Themas,
dramatische Veränderung des zweiten Themas
e) Coda
Präsenz und Dominanz des ersten Themas

II. Satz Liedform (überwiegend)


Ruhiges, langsames Thema, "schöne Melodie", die man sich gut merken soll, die man mitsingen
kann. (A)
Danach ein Mittelteil mit einem anderen, neuen Thema. (B)
Am Ende kommt wieder das Thema aus dem ersten Teil. (A)
Struktur A – B – A

Alternative Satzform im II. Satz: Variation


Ruhiges, langsames Thema, "schöne Melodie", die man sich gut merken soll, die man mitsingen
kann. (A)
Danach folgen Änderungen dieses Themas. Es kommt immer wieder, aber immer mit mehr oder
weniger kleinen Veränderungen = Variationen.
Beispiele: Rhythmusvariation, Melodievariation, Cantus-Firmusvariation, Charaktervariation,
Instrumentationsvariation, polyphone Variation, u.s.w.
Struktur: A, A1, A2, A3, A4, A5, A6, ... A n , (A)

Hauptunterschied zur Liedform: Es gibt kein neues, zweites Thema (B) in der Variation.
III. Satz Menuett

Tanzform aus der Suite des Barock. Merkmale:


¾ Takt – mittelschnelles, tänzerisches Tempo – unterteilte dreiteilige Form –
Mittelteil "Trio" mit reduzierter Instrumentenbesetzung.
Form a :| a' a :| b :| b' b :| a | a' a |
A B (Trio) A

Alternative zum Menuett: Scherzo


Ähnlich wie ein Menuett, aber kein Tanzcharakter mehr, sondern ein ironischer, musikalischer
Scherz. Tempo ist viel schneller. Die Grundform des Menuetts wird benutzt, aber ausgeweitet,
veralbert oder sonst wie (dramatisch) verändert.
In der Romantik ist das Scherzo die Regel, in der Klassik ist es noch die Ausnahme.

IV. Satz SHS – Form (Ablauf siehe oben)

b) zweites Beispiel einer Gattung: Solokonzert


Das Solokonzert besteht aus einem Sinfonieorchester und einem Solonistrumentalisten.
Hauptidee ist die Präsenz eines Virtuosen und dessen Wettstreit, Dialog mit dem Orchester.
Von der Form her ist es der Sinfonie ähnlich, hat aber meistens nur drei Sätze. Ein besonderes
Gewicht liegt auf der Virtuosität des Solisten. Dabei entwickelt sich zunehmend ein Starkult, der
seinen Höhepunkt jedoch erst in der Romantik erreicht.

Dreisätzige Form:
I. schnell Sonatenhauptsatzform
II. langsam Liedform oder Variationsform
III. schnell SHS-Form oder Rondo

7. Komponisten der Klassik:

Joseph Haydn,
Wolfgang Amadeus Mozart,
Ludwig van Beethoven,
Luigi Cherubini,
Carl Philip Emanuel Bach,
Johan Christian Bach,
Christoph Willibald Gluck,
Johann Stamitz