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Buch-Rezension für die Neue Zeitschrift für Musik

David Zell: Der Komponist Giuseppe Sinopoli. Kompositionstechniken – Form und Gehalt –
Philosophie und Symbolik. Wissenschaftlicher Verlag: Berlin 2019, 704 Seiten
In Italien wurde Sinopoli ‚il tedesco‛ genannt. Eine Wahlverwandtschaft gab es zwischen ihm und
der ‚deutschen Seele‛. Für mehrere Jahre wohnte er in Wien, später in Dresden, regelmäßig
dirigierte er in Bayreuth und starb in Berlin – am Dirigentenpult. Obwohl mit seiner Geburtsstadt
Venedig und seinen sizilianischen Wurzeln innig verbunden, fühlte sich Sinopoli im
deutschsprachigen Raum offensichtlich wohler, besser verstanden als anderswo. Daher ist es kein
Zufall, wenn die allererste Monographie über ihn nicht in seinem Heimatland, sondern in
Deutschland erschien: Ulrike Kienzles Giuseppe Sinopoli. Komponist – Dirigent – Archäologe
(Königshausen & Neumann: Würzburg 2011, 2 Bd.). Von diesem umfangreichen Werk, das nicht
nur sehr aufschlussreich, sondern ein wahrer Lesegenuss ist, wurde ein dritter Band für 2012
angesagt, in dem Sinopolis vielseitiges Wirken untersucht werden sollte. Auch wenn der Band
leider bislang nicht veröffentlicht wurde, ist nun – acht Jahre nach Kienzles Publikation – die
Doktorarbeit eines Schülers von ihr erschienen, in der zum ersten Mal die Kompositionen Sinopolis
wissenschaftlich untersucht werden. Mit seiner Studie nimmt sich Zell vor, durch eine minutiöse
Rekonstruktion von Sinopolis kompositorischer Laufbahn das Interesse für dieses fast völlig in
Vergessenheit geratene Werk zu wecken. Sinopoli war Komponist zwar für eine relativ kurze Zeit
(von 1968 bis 1981); nichtsdestoweniger gelang es ihm zu einem der vielversprechendsten
Komponisten seiner Generation zu werden. Seine Werke wurden bei den wichtigsten Festivals für
Neue Musik aufgeführt: in Darmstadt, in Donaueschingen, in Royan etc. Damals sagte einmal
Ferneyhough, dass die Zukunft der Musik drei Komponisten gehörte: Rihm, Sinopoli und ihm
selbst.
Nach dem großen Erfolg der Lou Salomé, seiner ersten und letzten Oper, gab Sinopoli die
kompositorische Tätigkeit auf. Er war in eine Krise geraten; war davon überzeugt, dass sich die
abendländische Musik in einer hellenistischen Phase befand. So bevorzugte er sich der echten
Musik der décadence zu widmen: Er dirigierte Mahler, Bruckner, Puccini, Strauss, den geliebten
Wagner. Darüber hinaus wurde ihm seine archäologische Auseinandersetzung mit alten Kulturen zu
einem Ersatz für das Komponieren. In den letzten Jahren seines Lebens äußerte Sinopoli doch
immer wieder den Wunsch, weniger zu dirigieren, um mehr Zeit seinen archäologischen Studien
und der philosophischen Besinnung zu widmen. Es gab auch Pläne für neue Kompositionen. Der
jähe Tod vereitelte sie.
Meistens auf der Basis von Skizzenmaterialien analysiert Zell mit ‚deutscher Gründlichkeit‛ fast
alle Werke Sinopolis. Diese Analysen sind keine bloße ‚Zergliederungen‛; der Autor bemüht sich,
die Kompositionstechniken immer im Kontext der labyrinthischen Gedankenwelt des Komponisten
– zwischen Musik, Philosophie, Literatur, Kabbala, Alchemie, Psychoanalyse und Archäologie – zu
betrachten. Ein kleines Manko dieser Studie ist das Ausschließen der elektroakustischen Werke,
deren Berücksichtigung nicht zuletzt interessant gewesen wäre, weil Sinopoli in jungen Jahren
Dozent für elektronische Musik am Konservatorium von Venedig war. Wie in etlichen
musikologischen Abhandlungen muss man auch hier eine übermäßige Fixierung auf die Analyse
des Notentextes feststellen, wobei die Musik primär ein klingendes Phänomen ist. Ein weiteres
Manko ist es, dass das Œuvre Sinopolis allzu wenig im Kontext der zeitgenössischen Musik Italiens
besprochen wird. Den Lehrer Donatoni und die Komponisten-Freunde Maderna, Nono und Bussotti
werden zwar erwähnt, aber deren musikalische Arbeit kaum geschildert. Trotz weiterer möglicher
Kritiken ist das Buch zweifelsohne lesenswert; Zell hat eine solide Grundlagenforschung getrieben,
auf der man sich in Zukunft stützen kann.

Bewertung: 4

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