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Suzanne Josek: Jonathan Harvey: „...

towards a Pure Land“: Stationen einer kompositorischen


Reise, Schott, Mainz 2016, 496 Stein, 49,99 Euro
Emil Cioran schrieb einmal: „Es macht die schlechten Dichter noch schlechter, dass sie nur Dichter
lesen – wie die schlechten Philosophen nur Philosophen“ (Vom Nachteil geboren zu sein, Teil V). In
der Zeit des Spezialistentums gibt es bedauerlicherweise auch viele Musikwissenschaftler, die
lediglich musikwissenschaftliche Publikationen (und nur für ‚Forschungszwecke‛) lesen. Das ist nicht
der Fall der gelehrten Autorin dieser umfangreichen und in einem glänzenden Stil geschriebenen
Studie, die sich vornimmt, der musikalisch-spirituellen Reise des britischen Komponisten Jonathan
Harvey (1939-2012) mit Empathie und Weitsischtigkeit zu folgen. Jenseits akademischer
Konventionen hat diese Doktorbeit selbst die Form einer (musikalisch-spirituellen) Reise: inspiriert
durch Peter Sloterdijk und Charles Baudelaire beginnt sie nicht mit einer üblichen Einleitung, sondern
mit einer ‚Ausfahrt‛ (‚Invitation au voyage‛) und schließt mit einer ‚Heimkehr‛ (‚luxe, calme et
volupté‛). Dazwischen gibt es drei große Stationen, die chronologisch drei Lebensphasen des
Komponisten entsprechen, und die sich jeweils als ‚mystisch‛, ‚anthroposophisch‛ und ‚buddhistisch‛
beschreiben lassen: Bereits als Chorknabe am S. Michaelʼs College in Tenbury erkannte Harvey sein
‚potential for mystical experience‛. Seit jeher hingen für ihn die Erfahrung des Numinosen und die
Musik zusammen. Spuren der geistigen Interessen Harveys sind in seinen Werken allenthalben zu
finden. Während der Beschäftigung mit Schriften der christlichen Mystik in der Kantate Ludus Amoris
(1969) kulminierte, entstand die Inner Light Trilogy (1973-78) infolge der Entdeckung der
Anthroposophie Rudolf Steiners. Kompositionen der dritten Phase wie das String Quarten No. 4
(2003) wurden durch die Hinwendung zum Tibetischen Buddhismus angeregt. Um die wahrlich
synkretistische Spiritualität Harveys zu bezeichnen, spricht Suzanne Josek von einer ‚multiplen
Religiosität‛. Religionen werden hier doch im Sinne Sloterdijks gemeint: als missverstandene
Übungssysteme (und dies impliziert nicht nur die Gleichberechtigung aller Spiritualitätformen,
sondern auch das Entfallen jeglicher Unterscheidung zwischen ‚echter Religion‛ und ‚Aberglauben‛).
Paradigmatische Werke und Schriften von Harvey werden mit Tiefe und in größeren kulturellen
Zusammenhängen betrachtet. Nicht zuletzt zeigt die Autorin, wie die langjährige Meditationspraxis
die kompositorische Tätikgkeit Harveys konkret beeinflusst hat. Ihre musikalischen Analysen sind
niemals tautologisch: auch durch Erklärungen technischer Details versucht sie dem Leser stets die
geistige Essenz und die verborgene Botschaft des Werks zu vermitteln.
Dieses fesselnde Buch (dessen einzige Nachteile der Mangel eines Namenregisters und die hohe
Anzahl von Fußnoten, die zuweilen den Fluss der Lektüre stören, sind) ist die erste umfassende Studie
über Harveys Œuvre. Ohne Zweifel wird es ein unvermeidbarer Bezugspunkt für alle diejenigen
bleiben, die sich damit auseinandersetzen werden. Insofern wäre es wünschenswert, dass das Buch
bald auch in anderen Sprachen erscheint.
Leopoldo Siano