You are on page 1of 4

Erzpriester Sacharija Kerstjuk: In Libyen achtet man die Christen

29. März 2011; Originalinterview: Jelena Werbenina, www.pravmir.ru


Während der anhaltenden Bombardements in Libyen sprach Erzpriester Sacharija Kerstjuk,
Gemeindevorsteher der Kirche des hl. Apostels Andreas des Erstberufenen an der Botschaft der
Ukraine in Tripolis (Libyen) mit einem Korrespondenten des Portals „Pravoslavie i mir“ über Libyen
und darüber, wie sein Dienst vor der Evakuierung der Ukrainer verlief, sowie über die Regierung
Gaddafi.

Die Libyer begegnen dem Die Libyer selbst sind ein sehr
Christentum mit Achtung religiöses Volk. Der Glaube ist
unabdingbarer Bestandteil ihres
Libyen ist ein Land, in dem religiöse Lebens. Der Koran hat den gleichen
Toleranz herrscht. In diesem in sich Stellenwert wie das „Grundgesetz“ –
geschlossenen islamischen Land, das das Grüne Buch, das seinerseits viele
nach den Gesetzen der Scharia lebt, Zitate aus dem Koran enthält. In
kann man Vertreter verschiedenster religiöser Hinsicht kann man Libyen
Konfessionen antreffen. Es gibt mit dem Iran, Irak, Pakistan oder
Gemeinden des Patriarchats von Saudi-Arabien vergleichen, wo das
Alexandria, der Römisch-Katholischen Verhältnis zum Islam eher radikal
Kirche, der Koptischen Kirche, geprägt ist. Doch die Libyer sind sehr
verschiedener protestantischer tolerant, sie verfolgen und bedrängen
Strömungen – Anglikaner, Lutheraner die Christen nicht, sondern das
und andere. Und ihnen allen ist es Christentum wird von ihnen geachtet.
offiziell erlaubt, ihre Gottesdienste
In manchen Augenblicken schien es
abzuhalten, Rituale und Traditionen
mir sogar, dass sie die Christen höher
zu befolgen und ihre Gläubigen
schätzen, als wir die Moslems. Die
geistlich zu betreuen.
Libyer kümmerten sich sehr darum,
dass uns nichts Böses widerfährt. Zu
größeren Festtagen stellten sie unseren
Gemeinden Wachpersonal zur
Verfügung und kümmerten sich um
Recht und Ordnung in deren Umkreis.
Besonders nach der Explosion in einer
koptischen Kirche in Alexandria
(Ägypten) wuchs ihre Sorge. Die
Machthaber waren sehr besorgt
darüber, dass sich dergleichen nicht in
ihrem Lande ereigne. Das würde sich
ja in erster Linie auf dem
internationalen Verhältnis zu diesem
Bild 1 – Erzpriester Sacharija Kerstjuk
Lande niederschlagen.
Der Dienst in Libyen statt.

Die Gottesdienste fanden in der Kirche Viele unserer Landsleute arbeiteten


des hl. Apostels Andreas des außerhalb der Hauptstadt, deswegen
Erstberufenen statt, die sich auf dem ist es oft vorgekommen, dass ich in
Territorium der ukrainischen Botschaft andere Städte reiste und Gottesdienste
befindet. Diese Kirche ist nicht groß. einfach in Wohnungen und Häusern
Die Gemeinde bestand aus Menschen stattfanden. Die Menschen kamen mit
unterschiedlicher Nationalitäten – Freuden zum Gebet, zu geistlichen
Serben, Bulgaren, Rumänen, Griechen, Gesprächen und zu gegenseitiger
Zyprioten, es gab sogar Spanier. Der Unterstützung zusammen. Mehr noch,
Großteil bestand aber natürlich aus sie nahmen aktiv am Gottesdienst teil –
Ukrainern, Russen und Weißrussen. sangen, lasen Gebete. An diesen Orten
spürte ich tatsächlich das Bedürfnis
Ukrainer sind in Libyen größtenteils
der Menschen an geistlichem Rat, ich
im medizinischen Bereich und in der
sah, wie wichtig ihnen solche
Luftfahrt beschäftigt. Die Russen sind
Zusammenkünfte waren. Es gab unter
größtenteils in der Erdölindustrie und
ihnen ja viele, die jahrelang nicht nur
bei der Russischen Staatseisenbahn
Libyen nicht verlassen haben, sondern
beschäftigt. Da die Leute unter der
kaum von ihrer Arbeitsstelle
Woche ihrer Beschäftigung nachgehen,
weggekommen sind.
fanden die Gottesdienste an den freien
Tagen – also freitags und samstags –

Bild 2 – Die Kirche des hl. Apostels Andreas in Tripolis


Die Libyer achten orthodoxe Die Verhältnisse im Land
Heiligtümer
An einem freien Tag lud mich der
Botschafter der Russischen Föderation,
Wladmimir Tschanow, zu einer
Besichtigung der Ruinen einer uralten
libyschen Stadt ein. Dort zeigte er mir
eine zerstörte orthodoxe Kirche aus
der Zeit des Byzantinischen Reiches,
deren Baptisterium erhalten geblieben
ist. Mich hat damals sehr verwundert, Wenn ich mich zu den jüngsten
mit welcher Ehrfurcht gegenüber Ereignissen äußere, kann ich nicht im
„unserem“ Heiligtum die Libyer Namen der Kirche sprechen, sondern
auftreten. Ich musste mich sofort an nur meine eigene Meinung
die Beschreibung der Ereignisse von wiedergeben. In Libyen gibt es keine
vor Jahrhunderten erinnern, als die Menschen, die mit der Regierung
Europäer Kreuzzüge ins Heilige Land, unzufrieden wären. Wenigstens habe
nach Jerusalem, unternahmen. Damals ich nie von solchen gehört. Alles das,
zerstörten sie islamische Heiligtümer was im Fernsehen gezeigt wird,
bis auf die Grundmauern. Als jedoch existiert so nicht. Alles, was euch aus
Jerusalem unter Sultan Saladin unter diesem Land und den Ereignissen dort
die Herrschaft der Moslems geriet, berichtet wird, müsst ihr durch 100,
wurde kein einziges der christlichen oder gar durch 1000, teilen.
Heiligtümer zerstört. In Libyen gibt es eine kostenlose
medizinische Versorgung, kostenlose
In Libyen fühlt man sich frei
Bildung, zwei Personen pro Familie
Ungeachtet dessen, dass Libyen ein werden auf Staatskosten im Ausland
ziemlich abgeschottetes Land ist, fühlt ausgebildet (die Möglichkeiten reichen
man sich dort frei. Man spürt nicht die von London oder New York bis
ständige Anspannung, die man aus Moskau oder Kiew), es gibt keine
Ägypten, der Türkei oder Syrien Mietzahlungen, Strom ist kostenlos,
kennt. Möglicherweise liegt das darin für die Bevölkerung ist die
begründet, dass die Libyer nicht so Gasversorgung kostenlos, der Erlös
sehr von Touristen oder allgemein aus dem Export der natürlichen
Ausländern verwöhnt sind. Auf jeden Rohstoffe wird unter der Bevölkerung
Fall wird man in Libyen keinen zu gleichen Teilen verteilt (das ergibt
Menschen antreffen, der Dollars für ungefähr 400 US-Dollar pro Monat). Es
irgendwelche Hilfestellungen verlangt. gibt ein umfangreiches Sozialpaket.
In der ganzen Zeit meiner Und vor kurzem wurden auch noch
Anwesenheit vor Ort hat es nicht einen die Steuern abgeschafft.
einzigen Konflikt mit der libyschen
Was denkt ihr, können Menschen
Bevölkerung gegeben.
unter solchen Bedingungen mit der
Regierung unzufrieden sein? Meiner
Ansicht nach ist alles, was in den dabei wird gesagt, sie protestieren
Medien gezeigt wird, pure gegen Gaddafi. Warum tragen diese
Übertreibung. Habt ihr im Fernsehen Menschenmengen jedoch das grüne
auch nur ein einziges Mal [von Banner Gaddafis, und nicht die
„Regierungstreuen“ – Anm. d. Ü.] Trikolore der Aufständischen?
zerbombte Städte, zerstörte Häuser,
Libyen ist ein Land, das von Stämmen
hunderte von Toten gesehen? Warum bestimmt wird. Es gibt dort um die
wird das nicht gezeigt, genau, wie jene dreißig Stämme, die administrativ in
nicht gezeigt werden, welche Gaddafi
Regionen unterteilt sind.
verraten haben sollen? Ich schätze,
Untereinander sind sie vollkommen
solches gibt es im Land gar nicht. friedlich, was ich für das Zeichen einer
gesunden Politik halte. Es gibt keinen
Streit, mit der Regierung gibt es keine
Zerwürfnisse. Sie werden nirgends im
Land auch nur ein Gaddafi-Denkmal
finden – er ist gegen so etwas. Er ist ja
nicht einmal der Präsident, sondern
eher der Führer seines Volkes, welches
ihn liebevoll „Papa“ nennt. Kennt ihr
Bild 3 – In der Kirche
denn viele „Führer“, die sich keine
Orden, Medaillen und Titel
Die Libyer nennen Gaddafi liebevoll zuerkennen? Er ist ja nicht einmal ein
„Papa“ General. So, wie er vor 20 Jahren ein
Oberst war, ist er auch einer geblieben.
Sie können mir glauben, ich habe in
Er hat keinerlei juristische Hebel, mit
Libyen gelebt und jeder, der dort
denen er die Regierung steuern
gewesen ist, wird meine Worte
könnte, sondern sein Verdienst besteht
bestätigen – die libysche Gesellschaft
darin, dass er alles recht aufbauen und
unterstützt Gaddafi. Zurzeit gibt es im
einrichten konnte.
ganzen Land Großdemonstrationen
mit tausenden Teilnehmern zu seiner Ich bin der Meinung, dass – gäbe es die
Unterstützung. Es gibt nichts ausländische Einmischung nicht –
dergleichen zur Unterstützung der Gaddafi für Ordnung gesorgt hätte.
Opposition. Ich schalte den Fernseher Alles deutete darauf hin.
ein, wo Protestler gezeigt werden, und

Vater Sacharja hofft, bald an den Ort seines Dienstes, nach Tripolis, zurückkehren zu können.