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Fragestellung: „Die Kategorie setzt also schon Verbindung voraus“ (Kant, KrV, B 131) –

erläutern Sie diesen Satz.

Kants These, dass die Kategorie schon Verbindung voraussetze, findet sich im zweiten
Abschnitt der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe in § 15 – Von der Möglichkeit einer
Verbindung überhaupt und ist vor diesem Hintergrund zu beleuchten. Mit der Deduktion der
reinen Verstandesbegriffe – also dem Nachweis der objektiven Gültigkeit der reinen
Verstandesbegriffe – zeigt Kant das Pendant zur (reinen Form der) Anschauung auf
Verstandesseite auf. Allein das Vorhandensein und Zusammenspiel beider, nämlich der
Anschauung sowie der Verstandesbegriffe, ermöglicht, so Kant, Erkenntnis. Erkenntnis a
priori wiederum erfordert die Möglichkeit reiner Anschauung sowie reiner Verstandesbegriffe,
also der Kategorien. Die Kategorien dürfen ihrerseits also nicht der Erfahrung entlehnt sein,
sondern müssen vielmehr schlechthin notwendige Begriffe sein. Damit erscheint zumindest
auf den ersten Blick die hier zu erörternde These Kants überraschend, dass die reinen
Verstandesbegriffe ihrerseits noch etwas voraussetzen; umso mehr, als ihnen gerade
„Verbindung“ vorausgesetzt sein soll – ist doch der Begriff der Verbindung aufs engste mit
dem der Kategorie verbunden. Im Folgenden soll diese These Kants erläutert werden, indem
zunächst die Gegenüberstellung von Anschauung und Verstand in der Kant’schen Philosophie
angerissen wird, aus der heraus die Funktion und Bedeutung der (reinen) Verstandesbegriffe
deutlich gemacht werden soll. Daran anschließend soll gezeigt werden, inwiefern bzw.
weshalb die Kategorie ihrerseits Verbindung voraussetzt.

Während sich die Anschauung bzw. das durch die Anschauung Gegebene durch
Mannigfaltigkeit auszeichnet, ist das zentrale Charakteristikum des Verstandes die ordnende
Funktion. Die durch den Verstand geleistete Ordnung erfolgt vermittels der Begriffe. Diese
können empirisch sein, nämlich wenn sie aus der Erfahrung hergeleitet sind, oder rein, wenn
sie gerade nicht auf Erfahrung beruhen. Die Begriffe ermöglichen, das Mannigfaltige der
Anschauung zu ordnen und zu bestimmen. Durch den Verstand bzw. durch die
Verstandesbegriffe können Gegenstände (erst) gedacht bzw. erkannt werden.1 Vor diesem
Hintergrund ist auch Kants Äußerung zu verstehen, dass Anschauung ohne Begriffe blind sei,
denn die ungeordnete Mannigfaltigkeit, die über die Rezeptivität des Gemüts auf das Subjekt

1
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. Nach der 1. und 2. Original-Ausgabe hrsg. von Jens Timmermann,
mit einer Bibliogr. von Heiner Klemme, Hamburg 1998 (im Folgenden: KrV), B74.

1
einströmt, könnte ohne eine Ordnung nicht erfasst, nicht begriffen werden.2 Durch den
Verstand aber wird Ordnung in diese Mannigfaltigkeit gebracht, also Zusammengehörigkeit
verschiedener Vorstellungen geschaffen, die das Begreifen von Gegenständen (als
Gegenstände) ermöglicht. Der Verstand schafft also Einheit und Bestimmtheit in der
Mannigfaltigkeit des Anschauungsmaterials, indem er Verbindungen zwischen dem in der
Anschauung Gegebenen herstellt. Diese Verbindung geschieht in der Form des Urteils, dem
die Funktion der Einheit unter den Vorstellungen zukommt.3 Über die Abstraktion dieser
Urteile kommt Kant auf die Urteilstafel, über die transzendentale Logik folgt darauf die
Kategorientafel. Die so aufgefundenen Kategorien sind die reinen Verstandesbegriffe, die die
Aufnahme und das Verbinden des Mannigfaltigen ermöglichen. Dieses Verbinden nennt Kant
auch Synthesis; im Falle der Kategorien reine Synthesis.4 Reine Verbindung (reine
Synthesis/Kategorien) ist indes nur möglich, wenn sie nicht auf Erfahrung beruht. Dies ist
jedenfalls dann der Fall, wenn sie nicht in den Dingen bzw. Gegenständen anzutreffen ist,
sondern allein im Subjekt selbst. Die Synthesis/Verbindung ist eine Leistung des denkenden
Subjekts, ein Akt der Spontaneität des Verstandes.5 Damit ist klar, inwiefern vermittels der
Begriffe Verbindungen geschaffen werden.
Nun lautet die hier zu erörternde These aber gerade, dass die Verbindung vermittels
der reinen Verstandesbegriffe ihrerseits aber bereits Verbindung voraussetze, denn Kant
schreibt: „die Kategorie setzt also schon Verbindung voraus“. Gemeint ist nicht etwa eine
bestimmte Kategorie – nahe liegend wäre hier an die Kategorie der Einheit zu denken – noch,
dass alle Kategorien jeweils Verbindungen voraussetzen, sondern, dass „die Kategorie“ als
Gedankenkonstrukt nur denkbar ist, wenn eine weitere, fundamentalere Verbindung
vorausgesetzt wird. Eine Verbindung also, die ihrerseits Bedingung der Möglichkeit der
Kategorien und mithin der Ordnung der Mannigfaltigkeit der Anschauung und also der
Erkenntnis überhaupt ist. Kant selbst spricht davon, dass diese vorausgesetzte Verbindung –
die Einheit – „noch höher“ zu suchen sei, nämlich in der „Möglichkeit der Verstandes“ selbst. 6
Diese letzte Voraussetzung findet Kant sodann in der transzendentalen Einheit der
Apperzeption, das ist das Selbstbewusstsein. Ohne die Einheit der Apperzeption – ohne die
Identität des Subjekts – wäre ein Verbinden vermittels der Kategorien gar nicht möglich, denn
sofern nicht das: Ich denke alle meine Vorstellungen begleiten kann, „würde etwas in mir

2
Vgl. Kant, KrV, B75.
3
Vgl. Kant, KrV, B94.
4
Vgl. Kant, KrV, A77, B103.
5
Vgl. Kant, KrV, B130.
6
Vgl. Kant, KrV, B 131.

2
vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte“.7 Die Verbindung von
Vorstellungen ist aber natürlich nur dann möglich, wenn es diese Vorstellungen gibt. Um
Vorstellungen verbinden zu können, müssen sie überhaupt erst in einem Subjekt, das denkt,
zusammentreffen können. Sie können aber nur zusammentreffen, wenn das Subjekt eine
Bewusstseinseinheit hat. Ohne diese grundlegende, ursprüngliche Verbindung wären Urteile
und Begriffe nicht möglich.

Insofern ist die Einheit der Apperzeption – man könnte auch sagen: das ursprüngliche
Verbundensein des Subjekt in bzw. mit sich selbst – Voraussetzung dafür, dass Vorstellungen
überhaupt miteinander verknüpft werden können und also Urteile und Kategorien möglich
sind. Die Kategorie setzt also schon Verbindung voraus, nämlich die Verbundenheit bzw.
Einheit der Apperzeption, ohne die ein Verbinden von Vorstellungen nicht möglich wäre.8

7
Kant, KrV, B132.
8
Vgl. Kant, KrV, B134.