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ANTOINE ARNAULD .

PIERRE NICOLE

BIBLIOTHE,K KLASSISCHER TEXTE DIE LOGIK


ODER
DIE KUNST DES DENKENS

Aus dem Französischen übersetzt und eingeleiter


von
CHRISTOS AXELOS

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§üISSENSCHAFTLICHE BUCHGESELLSCHAFT \TI SSENSCHAFTLICHE BUCHGESELLSCHAFT


DARMSTADT DARMSTADT
Titel der französischen Originalausgabe:
La Logique ou L'Art de penser, contenant, outre les Rögles communes, plusieurs
observations nouvelles, propres ä former Ie iugement. Sixiöme liditiot revue et
de noureau augment6e. A Amsterdam, Chez Abraham Volfgang ' 1685 INHALT
1. Auflage 1972 Einleitung. Von Christos Axelos XI
., r,: .- r'
Hinweis
Erste Abhandlung, in welcher der Plan dieser neuen Logik auf-
Die Dcutscl.re Bibliothek - CIP-E,inheitsaufnahmc gezeigt wird 2
Zweite Abhandlung, die die Antwort auf die hauptsädrlichen Ein-
Arnauld, Antoine: wände enthält, die gegen diese Logik gemadrt werden 13
Dic Logik oder dic Kunst des Denkens / Antoine
Arnauld; Pierre Nicole. Aus dcm Franz. übcrs. und Die Logik oder Die Kunst des Denkens . 25
cingclcitet von Christos Axclos. - 2., durchges., um Erster Teil 27
cine F,inl. erw. Auil. - Darmst;rdt: \(iss. Buchges', Kapitel I. über die Ideen hinsichtlici ihrer Natur oder ihres
1994 Ursprungs 27
(Bibliothck klassischer Tcxte) Kapitel II. Uber die Ideen, hinsiclrdidr ihrer Gegenstände be-
ISBN 3-534-03710-3 tradrtet 35
NE: Nicolc, I'icrre:
Kapitel IIL Über die zehn Kategorien des Aristoteles 38
Kapitel IV. Uber die Ideen der Dinge und die Ideen der Zeidten 41
Kapitel V. über die Ideen hinsichtlidr ihrer Zusammensetzung
oder Einfadrheit, in dem vom Erkennen durch Abstraktion oder
Bestimmtheit die Rede ist 44
Kapitel VI. Uber die Ideen hinsidrtli& ihrer Allgemeinheit, Be-
sonderheit und Einzelheit 46
Kapitel VII. Über die fünf Arten der allgemeinen Ideen: die
Gattungen, Arten und spezifischen Untersdriede, wesentlichen
Bestellnummer 03710-3
und zufälligen Eigensdraften (Proprium und Akzidenz) . 49
Von der Gattung 49
Von der Art 49
Das §ilerk isr in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.
Vom spezifisdren Untersdried . 51
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Vom Proprium. 52
I)as gilt insbesondere für Vervielfältigungen,
Übe.r.trrrg.,r, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in Vom Akzidenz . 53
und Verarbeitung durch elektronische Systeme. Kapitel VIII. Über die komplexen Ausdrüdre und ihre universeile
Allgemeinheit oder Besonderheit 54
2., durchgesehene, um eine Ernleitung erweitertt' Auflage Kapitel IX. Über die Klarheit und Deutlichkeit der Ideen und
O 1994 bv Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt ihre Dunkelheit und Verworrenheit 60
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem \Terkdruckpapier Kapitel X. Einige Beispiele dieser verworrenen und dunklen
Satz: Fotosatz Janß, Pfungstadt Ideen aus der Moral . 67
Druck und Einband: §Tissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt Kapitel XI. Uber einen anderen Grund, der Verwirrung in un-
Printed in Gernrany seren Gedanken und Reden stiftet und der darin besteht, daß
Schrift: Linotvpe Garamond, 9/l t wir die Gedanken an die Wörter heften 71
Kapitel XII. Uber ein Mittel zur Heilung der Verwirrung, die
in unseren Gedanken und Reden durdr die Verwirrung der
ISBN 3-534-03714-3
VI Inhalt Inhalt VII
Vörter entstehr; wo von der Notwendigkeit und Nützlichkeit KapiteI XI. Bemcrkungen zun] Zwecke der Erkenntnis, welches das
gcsprochen wird, die benutzten Namen zu definieren, und von Subjekt und weldres das Attribut in einigen auf ungewöhn-
dem Unterschied zwischen der Nominai- und der Realdefinition 77 lichere Art und \Weise ausgedrückten Sätzen ist . 1,36
KapitelXIIi.\TicltigeBemerkungen überdieNominaldefinitionen 81 i(apitel XII. Über die verworrenen Subjekte, die gleichwertig mit
Kapitel XIV. über eine andere Art von Nominaldefinitionen, zwei Subjekten sind 138
durch welche man die Bedeutung der lWörter im täglichen Ge- Kapitel XIII. W'eitere Bemerkungen zum Zwedre der Erkenntnis,
brauch festlegt 84 ob die Sätze allgemeine oder besondere sind . 141.
Kapitei XV. Ideen, die der Geist den durch die tVörter bczcich- Kapitcl XIV. Über die Sätze, in denen man den Zeichen den
neten hinzufügt 90 Namen der Dinge gibt 148
Kapitel XV. Uber zwei Satzartet, die in den \Wissensdraften viel
Zweiter Teil der Logik, die überlegungen enthaltend, die die Men- verwendet werden: die Division und Definition. Zunäd-rst über
schen über ihre Urteiie gemacht haben . 94 die Division 754
Kapitel I. Über die §(örter im Verhältnis zu den Sätzen 94 Kapitel XVI. Über die Definition, die man Definition des Dinges
Von den Nomina 95 (Realdefinition) nennt 157
Von den Pronomina . 96 Kapitel XVII. Uber die Umkehrung der Sätze: wo nodr gründ-
Von den verschiedenen Arten der Pronomina 96 licher die Natur der Affirmation (Bejahung) und Negation
Vom Relativpronomen . . 97 (Verneinung)erklärtwird,von denen dieseUmkehrung abhängt 161
Kapitel II. Das Verb 10c Kapitel XVIII. Über die Umkehrung (Konversion) der bejahen-
Kapitel III. Übcr den Satz und die vier Arten von Sätzen . 105 den Sätze 76J
Kapitel IV. Von dem Gegensatz der Sätze, die dasselbe Subjekt Kapitel XIX. Über die Natur der verneinenden Sätze . 165
und dasselbe Attribut haben 108 Kapite I XX. Über die Umkehrung der negativen Sätze . 167
Kapitel V. Über die einf achen und zusammengesetzten Sätze; es gibt
einfache, die zusammengesetzt zu sein scJreinen ohne
es zu sein und Dritter Teil der Logik. Vom Schluß . 1,69
clie man komplexe nennen kann; über die entweder auf Grund Kapitel I. Von der Natur des Schlusses und seinen verschiedenen
des Subjekts oder auf Grund des Attributs komplexen Sätze l10 Arten 1,69
Kapitel VI. Von der Natur der eingeschobenen Sätze, die Teil der Kapitel IL Einteilung der Syllogismen in einfadre und in kon-
komplexen Sätze sind 113 junktive; und der einfachen in inkomplexe und in komplexe 1.72
Kapitel VII. Über die in den komplexen Begrifen und in den Kapitel III. Allgerneine Regeln der inkomplexen einfachen Syllo-
eingeschobenen Sätzen möglidrerweise enrhakene Falsdrheit 116 grsmen 773
Kapitel VIIL Über dic komplexen Sätze hinsichtlidr der Affrma- Erste Regel: Der Mittelbegriff kann nicht zweimal im Sinne
tion und der Negation und über eine Art dieser Sätze, die die eines besonderen Begriffes verwendet werden, sondern er muß
Philosophen,,modale" nennen 120 wenigstens einmal im Sinne eines allgemeinen eingesetzt werden 174
Kapitel IX. Über die verschiedenen Arten der zusammengesetzren Zweite Regel: Die Begriffe der Konklusion können in der Kon-
Sätze 123 klusion nicht allgemeiner genommen werden als in den Prämissen 175
Die kopulativen Sätze 12J Drirte Regel: Man kann aus z'wei neBativen Sätzen nichts
Die disl'unktiven Sätze 125 folgern 777
Die konditionalen Sätze 126 Vierte Regel: Man kann nicht eine negative Konklusion durch
Die kausalen Sätze 127 zwei affirmative Sätze beweisen . 177
Die relativen Sätze 128 Fünfte Regel: Die Konklusion folgt immer dem schwädreren
Die diskrctiven Sätze 128 Teil, das heißt: wenn einer der beiden Sätze negativ ist, muß
Kapitel X. Uber die dem Sinn nadr zusammengesetzten Sätze 129 sie negativ sein; und wenn einer der beiden ein partikularer
1. Die exklusiven Sätze . 129 ist, muß sie partikular sein . 177
2. Die exzeptiven Sätze 131 Sechste Regel: Aus zwei partikularen Sätzen ergibt sich nichts 179
3. Die komparativen Särze 133 Kapitel IV. Von den Figuren und Modi der Syllogismen im all-
4. Die inzeptiven oder desitiven Sätze . 135 gemeinen. Beweis, daß es nur vier Figuren geben kann . 179
VIII Inhalt Inhalt IX
Kapitel V. Regeln, Modi und Begründungen der ersten Figur . 182 Kapitel XVI. Dilcmmata 220
Erste Regel: Der lJntersatz muß affirmativ sein 1.82 Kapitel XVII. Von den Loci argumentorum oder über die Me-
Zwcite Regel: Der Obersatz muß allgemein sein t82 thode, Argumente z-u finden; von welclr geringem Nutzen diese
Kapitcl VL Regeln, Modi und Begründungen der zweiten Figur . 185 Methodc ist 222
Erstc Regcl: Einer der beiden ersten Sätze muß negativ sein Kapitel XVIiI. Einteilung der Loci in Loci der Grammatik, der
und folglich auch der Sdrlußsatz nach der sechsten allgemeinen Logik und dcr Mctaphysik 227
Regel 185 Loci der Grammatik . 227
Zweite Regel: Der Obersatz muß aligcmein sein . 18s Loci der Logik . 228
Kapitel VIL Regeln, Modi und Begründung der dritten Figur 188 Loci der Metaphysik . 229
Erste Regel: Der lJntersatz muß bejahend sein . 188 Kapitel XIX. Von den versdriedenen Arten, schlechte Sdrlüsse,
Zweite Regel: Man kann hier nur besonders schließen 188 das heißt Sophismen zu konstruieren 233
Kapitcl VIIL Modi der vierten Figur . 190 I. Etwas anderes, als das, was in Frage steht, beweisen 233
Erste Regcl: Venn der Obersatz bejahend ist, ist der lJntersatz II. Das, was zur Diskussion steht, als wahr vorausserzen 235
immer ellgemein 190 III. Das als Ursache ansetzen, was nidrt Ursache ist 238
Zweite Regel:'ü[cnn der lJntersatz bejahend ist, ist der Schluß- IV. Unvollständige Aufzählung . 243
satz immer ein besonderer . 791 V. Eine Sache nach dem, was ihr nur akzidentell zukommt,
Dritte Regel: Bei den negativen Modi muß der Obersatz ein beurteilen 246
allgemeiner sein 1.91 VI. Vom geteilten Sinn zum zusammengesetzten und von dem
Kapitel IX. Von den komplexen Syllogismen und der Art, in zusammengesetzten Sinn zum geteilten übergehen . 247
welchcr man sie auf die üblichen Syllogismen zurückführen und VII. Von dem, was in gewisser Hinsicht wahr ist, zu dem, was
durch dieselben Regeln beurteilen kann 1,94 schlechtwcg wahr ist, übergehen 248
Erstes Beispiel 195 VIII. Die Mehrdeutigkeit der §7orte mißbrauchen, was auf ver-
Zwettes Beispicl 797 schiedene W'eise geschehen kann 249
Drittes Beispiel 197 IX. Eine allgemeine Schlußfolgerung aus einer mangelhaften
Viertes Beispiel 198 Induktion ziehen 25o
Fünftes Beispiel 198 Kapitel XX. Über die schlechten Schlüsse im privaten Leben und
Sechstes Beispiel 199 in den täglichcn Reden 252
Kapitel X. Allgemeiner Grundsatz, durch welchen man ohne Sophismcn aus Eigenliebe, Interesse und Leidenschaft . 253
Zurückführung auf Figuren oder Modi über die Richtigkeit Über falsche Schlüsse, die ihren Ursprung in den Gcgenständen
oder die Fehlerhaftigkeit jedes Schlusses urteilen kann 200 selbst haben . 266
Kapitel XI. Anwendung dieses allgemeincn Prinzips auf mehrere
Syllogismen, die in Verlcgenheit setzen könnten 203 Vicrter Teil dcr Logik. Von der Methode 282
Erstes Beispiel 203 Kapitei I. Von der'Wissenschaft; daß es sie gibt; daß die Dinge,
Zweites Beispiel 241 die man durch den Geist kennt, gesicherter sind als das, was
Drittes Beispiel 205 man durch die Sinne kennt; daß es Dinge gibt, die der mensch-
Vicrtcs Beispiel 245 liche Geist z-u wissen unfähig ist. Der Nutzen, den man aus
Fünftes Beispiel 206 diescr unumgänglichen Unwissenheit ziehen kann 282
Sechstes Beispiel 206 Kapitel II. Uber dic zwei Arten der Methodc: die Analyse und
Kapitel XII. Konjunktive Syllogismen 207 Synthese. Bcispiel für die Analyse 291
Konditionelle Syllogismen 2A7 Kapitel III. Uber die Methode der Zusammensctzung, insbeson-
Disjunktive Schlüsse 2t0 dere über die von den Mathematikern praktizierte 298
Kopulative Schlüsse 211 Kapitel IV. Eingehendere Erklärung dieser Regeln, besonders der
Kapitel XIII. Schlüsse, deren Schlußsatz konditional ist. 212 die Dcfinitioncn bctreffenden 300
Kapitel XIV. Enthymemata und enthymematische Scntenzen . 216 Kapitel V. Uber den Umstand, daß die Mathematiker den lJnter-
Kapitel XV. Aus rnehr als drei Sätzen zusamrlengesetzte Schlüsse 277 sdricd zwischen der Definition dcr 'Vörter (Nominaldefinition)
Inhalt

und der Defnition der Sachcn (Realdefinition) nicht immer


richtig verstanden habcn 305
Kapitel VL Von den Regeln, welche die Axiome betrcffen, das
heißt die von sich aus klaren und evidenten Sätze . 108
Erstc Regel 31.2
Zweite Regel
EINLEITUNG
3t2
Kapitel VII. Einige bedeutsame Axiome, die a1s Prinzipien zur
Herleitung wichtiger \Vahrheiten dienen können 374 Von Cnnrsros Axrir-os
Kapitel VIII. Von den die Beweise betreffenden Regeln 116
Kapitel IX. Über einige Fehler, die gewöhnlich in der Methode I. Entstehwngszeit und allgemeine Charakterisienmg
der Mathematiker vorkommen 318
Erster Fehier. Mehr Sorgfalt auf die Gewißheit als auf die Das vorliegende, mit dem Titel ,Logik oder die Kunst des Denkerrs,
Evidenz und rnehr auf die übcrzeugung des Geistcs als auf versehene und als ,,Logik von Porr-Royal" bekannt gewordene Buch ist
seinc Erhellung verwenden 379 zuerst im Jahr e 7662 tnonym in französischcr Sprache erschienen. Auch
Zweiter Fehler. Dinge beweisen, die keinen Beweis brauchen Jt9
in den zu Lebzeiten der Verfasser vier folgenden, stark errl'eiterten Aus-
Dritter Fehler. Beweis durdr das Unmögliche. 321
gaben (1664, 1668,1.672 und 1683, die - ebenfalls anonvme - Ausgabe
Viertcr Fehler. Beweise, die zu weit hergeholt sind J22
Fünfter Fehlcr. Sidr nicht um die wahre Ordnung der Natur von 1685 entilält keine wesentlichen Ancierungen r) fehit die Angabe der
kümmern J23 Autoren; Grund für die Anonymität war die einsiedlerisch-asketische
Sechster Fehler. Keine Einteilungen und Differenzierungen Einstellung und die damit verbundene Bescheidenheit der Verfasser. Es
verwenden 324 ist von Antoine Arnauld, dem führenden Theologen, Logiker uncl Ma-
Kapitel X. Beantwortung der Aussagen der Mathematiker über thematiker des Jansenismus, in der Philosophiegeschichre bekannt vor
diesen Gegenstand 325 allem durch seinen Briefwechsel mit Le1bniz,2 unter Mitwirkung von
Kapitel XL Die auf achr Hauptregeln zurückgeführte Methode Pierre Nicoie verfaßr worden. Es darf als die reifsre Leistung des Ratio-
der lVissenschaften 327 nalismus auf diesem Gebiet gelten, deren paradigmatischer Charakter
Kapitel XII. Von dem, was uns durch den Glauben, sei es den durch die zu jenem Zeitpunkt bereits erreichte Ausgewogenl.reit der
menschlichen, sei es den göttlichen, bekannt ist 328
{ranzösischen Sprache und die Klarheit des cartesianischen Geistes noch
Kapitel XIII.
Einige Regeln zur guten Führung der Vernunft bei
verstärkt wird. Nicht nur die Lehre vom Begriff, Urteil und Schluß,
dem Fürwahrhalten von Ereignissen, die von dem mensch-
lidren Glauben abhängen 332
Kapitel XIV. Anwendung der vorhergehenden Regel auf die ' Übe. alle sachlich relevanten Anderungen in den zu Lebzeiten der Autoren
Glaubwürdigkeit der rVunder ,36 erschienenen Ausgaben informiert die von Bruno Baron von Freytag Löringhoff
Kapitel XV. Eine weitere Bemerkung über die Glaubhaftigkeit und Flerbert Brekle besorste Ausgabe (A. A. und P. N., L'art de Penser - La
der Ereignisse 341 Logique de Port-Royal, Stuttgart 1965), in der auch eine Verifikation sämtlicher
Kapitel XVI. Von der richtigen Beurteilung zukünftiger Begeben- Zitare zu finden ist.
heiten i45 2 Ein Versuch zur Akrualisierung des philosophischen §[erkes von Antoine
Arnauld liegt in dem Buch von Steven M. Nadier: ,Arnauld and the Cartesian
Erläuterungen und Berichtigungen 351 Philosophy of ldeas. (1989) vor. Ausgehend von der Kontroverse zwischen
Malebranche und Arnaulc{ über die Natur untl den Ursprung der ldeen arbeitet
Register 355 Nadler Arnaulds ,,Akttheorie" heraus, das heißt Arnaulds These, gemäß welcher
Personen 355 den Ideen und Vorstellungen überhaupt mentale Akte zugrunde liegen. Sie
Sachen 357 stellte die Gegenposition zu der Lehre von Malebranche dar, der behauptete, daß
sie ursprünglich als Objekte des göttlichen Inrellekts zu versrehen sind. -Vgl. zu
diesem Thema auch das ältere Buch von Victor Delbos: Etude de la philosophie
de Maiebranche,Paris 1924, insbesondere Kap. IX.
XII Einleitung I.EntstehungszeitundallgemeineCharakterisierung XIII

s.rnclern auch eine Vielzahl ontologischer, sprachphilosophischer und ,,\Wir behaupten, dari.iber hinaus, dem natürlichsten und vorteilhafte-
rnethodologischer Probleme, die sowohl sachlich als auch geistesge- sten W'eg in der Behandlung dieser Kunst gefolgt zu sein, einern Nach-
schichtlich relevant sind, werden abgehandelt. teil, der ihr Studium fast unnütz machte, soviel q,ie rnöglich abhcl-
Zum ersten Mal ist das tWerk im Jahr 1972 in deutscher Sprache er- fend." s Und der ztlerzt genannte Anspruch wird durch den Hinweis
schienen. Über die Gründe, auf denen diese sehr späte breitere Rezep- begrünclet, daß die Logik ein Instrument im Dienst der anderen Wissen-
tion im deutsclrsprachigcn Raum beruht, werden einige Mutmaßungen sclraften ist, daß sie daher von diesen nicht getrennt werden soll; man
im Anschluß an die Skizzierung des geistigen Umfeldes, in dem es ent- solle vielmehr die Logik so mit festen Kenntnissen verbinden, ,,daß man
standen ist, angestellt. Üb"rr"rrungen ins Lateinische, Englische, Spa- zu gleicher Zeit ihre Regeln und ihre Anwenduns sieht, damit man
nische und Italienische sind sehr bald nach seiner Erstveröffentlichung lernt, durch die Logik über diese \Tisscnschaften zu r.rrteilen unc'l drmit
publiziert worden. In Deutschland ist es im Jahr 1.7A4 in lateinischer rnan vermittels dieser'üTissenschaften das §(issen cliescr Logik crhäIt".6
Übe.setzung unter dem Titel ,Logica sive ars cogitandi, durch den Lothar Kreiser bemerkt treffend dazu, daß dieser Hinweis, in dem
Theologen Buddeus (= Budde) in Halle herausgebracht worden. sich auch ein pädagogisch-c'lidaktisches Prinzip der Schulgrüncler von
Nach dern Urteil von Wilhelm Risse, dem Verfasser des Standardwer- Port-Royal widerspiegelt, trotz aller zrv'iscl'rcnzeitlichen Entwicklung
kes ,Die Logik der Neuzeit,, stellt dieses Lelrrbuch von Arnauld und der Logik heute noch Interesse beanspruchen dürfte.7
Nicole ,,einen der Höhepunkte der Logik, eines ihrer klassiscl.ren, im- Eine antischolastische Tendenz, das heißt hier cinen Gegenzug gegen
mer wieder neu gedruckten und mehrfach übersetzten tWerke dar, das die scharfsinnige, aber rein formaie, die Lehre vom Schluß (gemeint ist
namentlich irr Frankreich und England den Schulbetrieb der Logik bis der aus drei Urteilen - zwei Prämissen und der Schlul3folgerung * beste-
ins 19. Jahrhundert nachhaltig bestimmte. An äußerem Einfluß sind hende Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere) als Kernstück ent-
ihm nur die \Werke von Aristoteles, Petrus Hispanus, Ramus und §folff haltende Logik unternimmt ebenfalls Joachim Jungius mit seiner 1638
vergleichbar." 3 erschienenen ,Hamburger Logik. (Logica Hamburgensis). Auch hier
Für seine schnelle und weite Verbreitung sind folgende Gründe aus- liegt das Unbehagen an der Tatsache zusrunde, dali jene hauptsächlich
schlaggebend gewesen. Zuerst ist die Eleganz des Stils und die große die Lehre vorn Schluß (Syllogismenleirre) berücksichtigende Logik für
Klarheit des Ausdrucks zu nennen. Ein zweiter Grund besteht in der die lVissenschaften nicl-rt b.auchbar ist, daher ist die tl-reoretische Inten-
gelungenen Verbindung der Logik mit anderen §(issenschaften (2. B. tion auf die Ausarbeitung einer praktischen Logik gerichtet. In England
Grammatik, Theologie, Naturwissenschaft, Erkenntnistheorie). Diese ist Francis Bacon derjenige gewesen, der ungefähr zur gleicl.ren Zeit dre
Querverbindungen [ratten allerdings z.unäc[rst Anstoß erregt und Ein- Kritik an der Scholastik vorgetragen hat und durch die Veröffentlichung
wände hervorgerufen: ,,Zu was, sagen sie (: die Kritiker), taugt dieses seines ,Novum Organum scientiarum. (Neues Organ der tWissenschaf-
ganze Gemengsel aus Rhetorik, Moral, Physik, Metaphysik, Geome- ten) das neue Selbstverständnis der Logiker und Erkenntnistheoretiker
trie? Venn wir erwarten, Vorschriften der Logik zu finden, versetzt artikulierte. 8

man uns plötzlich in die höchsten lW'issenschaften . ." a Aufgrund des eben herausgestellten - berechtigten - Anspruchs der
Die beiden Autoren entkräften diese Einwände, indem sie zunächst Logik von Port-Roval lällt sich sagen. daß sie ein philosophiedidakti-
den Verdacht antizipieren und zerstreuen, daß der hauptsächliche Ge- sches Bedürfnis unserer Zeit besser be{riedigt, während sie freilich, auf
sichtspunkt für diese Vermischung darin besteht, die Leute zur Lektüre der anderen Seite, von der rnodernen zeitgenössischen Logik irn Hin-
dieser Logik zu verlocken, indem rnan sie unterhaltender gestaltet, als blick auf deren spezielles Ziel überboten wird. Denn das, worauf es der
es die Bücher über Logik gewöhnlich sind, und indem sie hinzufügen:
5A.a.O.
6A.a.O.
3 Vgl. Vilhelm Risse: Die Logik der Neuzeit, Stuttgart-Bad Cannstatt 1970, ? Vgl. die von Lothar Kreiser verfaßte aus{ührliche Rezension der ersten
2. Band, S. 65 f. Auflage de. Übe.setzung in: Deutsche Zeitschrift ftir Philosophie, lg,. 1973,
a Vgl. Arnauld und Nicole, zweite Abhandlung, die die Antwort auf die s. 1020ff.
hauptsächlichen Einwände enthält, die gegen diese Logik gemacht wurden, s. 8 Die Logica Hamburgensis ist in einer von derJoachim Jungius-Gesellschaft
unten S. 13-24. der \üissenschaften (Hamburg) besorgten Ausgabe neu ediert worden.
XIV E inleitung II. Das geistige Umfeld XV

rnodernen Logik - r.rrit einer Ausschließlichkeit - ankommt, ist dic Ent- clic Gruppe der in ihm versammelten ,,einsamen tWeisen" (wie sie zuwei-
wicklung von Deduktionstecbniken, mit deren Hilfe sich das Bestehen lcn genannt werden) zu dcn Hauptexponenten des Jansenisrnus gel'rörte,
oder Nichtbestehen logischer Folsebeziehr.rngen, logisclrer Wehrheiten cs wurde sozusagen zum Hauptquerticr der philosophisch-theologi-
und logischer Falschheiten feststellen l,iilt.' schcn jansenistischen Denkriclrtung innerlralb dcs Karholizismus, eine
Als dritter Grund für die starke Beachtur.rg des voriiegenden Lehr- [)enkrichtung, die schlielllich iruch politische Dimensionen erzielte.
buchs sowohl in Gelehrtenkreisen als auch inr Schulbetrieb verschicde- l)cr J:rnsenismus wird oft als verinnerlichter Katholizismus bezeichnet,
ner europäischer l.änder ist, neben der Eleganz des Stils und der Quer- was er auch in seinen letzten Ausläufern und Repräsentanten, den soge-
verbindungen zwischen der Logik und den anderen Wissenscl.raften, die nannten convulsionnaires, tatsächiich zu werden suchte, cr läßt sich
Tatsache hinzuzufüsen, daß der vierte Teil sich in einer über die Logik aber angemessener beschreiben, wenn man seine Ursprünge und seine
hinausführenden, der Methodologie zuzurechnenden \Weise gezielt mit L,ntstehungszeit in den Blick nimrnt.
der wissenschaftlichen N{ethode beschäftigt; hier haben die Autoren die Der niederländische Tl.reologe Corrrelius Jansen, bekannt unter dem
Gedankcn übernommen uncl weiter ausgebaut, die Pascal in einer seiner latinisierten Nrmen Jansenius (1585-1638), hat in seinem Hauptwerk
nachgelassenen Schriften, nämlich in dem Au{satz ,Über den mathem:1- 'Augustinus., einem urnfangreichen Buch von 1300 cng bedruckten
tischen Geist. (De l'esprit 96om6trique) formuliert hatte 10. Dieses Seiten, von seinem Standpunkt aus die Lehre des hl. Augustinus dar-
Spannen des Bogens von der Logik zu der N'Iethodenlehre, insbesonderc gestellt, insbesondere die augustinischen Lehren von der lwillensfrei-
von Descartes und Pascal, ist als ein bedeutsames Novum in der Ge- heit, der Prädestination und der Gnade. Die Publikation dieser Schrift
schichte der Logik anzusehen. hat sofort zur ersten großen Konfrontation der Jansenisten, das heißt
der Anhänger der Lel'rre von Jansenius - letzten Endes der Lehre von
Augustin - mit der politischen Zentralgewalt Frankreichs geführt. Der
rl. Das geistige Umfeld 'Augustir.rus. erregte nämlich die N{ißbilligung und die Feindschaft des
einflußreichen Kardinals und Ministerpräsidenten Richelic'u, der den
Port-Royarl ist der Name eines Klosters in der weiteren Un'rgebung Gcistlichen den Auftrag gegebelr hat, die darin enrhaltenerr Tlresen in
von Paris Bev!'esen, und zwar zunächst eines Nonnenklosters, dzrs zur den Predigten anzugreifen und zurückzuweisen. Richelieu war nämlich
Zeit der Abtissin Angdlique Arnauld, der Schwester des einen der bei- nicht nur der Gründer der Acacldmie Frangaise und derjenige, der durch
den Verfasser dicser Logik, zum Ort der Zurückgezogenheit wurde, in die Belagerung von La Rochelle und Montauban dem politischen Ein-
dem Pascal sich lange aufgehalten hat und in dem überhaupt Gelehrte, flu{l der Protestanten in Frankreich ein Ende gesetzt hat. Der kenn-
unter anderen Antoine Arnauld und Pierre Nicoie, zwar in der Einsam- zeicl.rnende Aspekt seiner Politik war das Spannungsverhältnis, in dem
keit, aber nicht in der Isolierung von geistesverwandten Forschern, ihre er zun) Adel und zu den Mächtieen im Gerichtswesen stand wegen sei-
Werke verfaßten und in kleinem Kreis Unterricht erteilten. Seine Be- ner Bestrebungen, die Zentralisiemng der Verwaltung und in Zusam-
rühmtheir verdankt aber Port-Royal in erster Linie dem Umstand, daß menhang damit den königlichen Absolutismus auf die Spitze zu treiben
- bis zu jener Stufe, die ein wenig später durch König Ludwig XIV.,
e Gemäß cier Bestimmun, uon Votfgrrrg Stegmüller in: Das ABC der moder- clem das W'ort ,,Der Staat bin ich!" zugeschrieber.r wird, praktiziert
nen Logik und Sen.rantik. Der Begriff der Erklärung und seine Spielarten, Ber- wurde.
lin-Heidelberg-New York 1969, S. 5. Durch die vergleichende Lektüre des Die prompte und scharfe Reaktion Richelieus auf die Veröf{entli-
zitierten einführenden Textes von Stegmüller kann man sich übrigens in einer chung des Hauptwerkes von Jansenius wird dann verständlich, wenn
übersichtlichen Art und \Veise die Hauptunterscl.)iede zwischen der vor-Frege- man bedenkt, daß Richelieu die Einführung, Stützung und Steigerung
schen, das heißt traditionellen, und der nach-Fregeschen, modernen Logik ver-
des Absolutismus sich zur Lebensaufgabe und zum Kernpunkt seines
gegenwärtigen.
to Zu der staatsmännischen Denkens und Handels gemacht hatte, während Janse-
Benannter.l Abhandlung Pascals vgl. auch Jean-Pierre Schobinger:
Blaise Pascals Reflexionen über die Geometrie im allgemeinen -,De l'esprit g6o-
nius, u,ohl richtig diesen Punkt in dem System von Augustinus inter-
m6trique, und ,De l'art de persuader., mit deutsche. Übe.setzung und Kommen- pretierend, ein Konzept der \ü/illensfreiheit (liberum arbitriurn) präsen-
tar, Basel - Stutrgart 7974. tierte und propagierte, das auf eine Absage an die absolute Willensfrei-
XVI Einleitung IL Das geistige Umfeld XVII
heit hinauslief. Gemäß diesern Konzcpt gibt es nämrich Graclc uncl stu- thomistische, von dem Orden der Dominikaner angenommene. Er faßt
fen der Freiheit des \willens: Nacl'r dem Heraustreten des \ü/ollens aus die \flillensfreiheit ais potestas ad opposita auf, das heißt als Vermögen,
dem status der Begehrlichkeit, das heißt nach c'lem Brechen der Herr- sich zur Befolgung zweier entgegengesetzter Richtungen (Tun oder Un-
sch;rft des Lust- und Glücksprinzips mit Hilfe des göttlichen Beistr.des terlassen, Gutes oder Böses tun) zu bestimmen, aber fügt die Bemer-
(oder jener ,,Revolution der Denkungsart.., von der Kant in seiner kung hinzu, daß der zeitlich Erste die Vorherrschaft des Hangs zum Bö-
Schrift über das radikal Böse im Menschen spricht), räßt sich die Be- sen ist; eine Vorherrschaft, die durch die Kultivierung des Verstandes
hauptuns aufstellen, daß der \(ille nunrnehr um so freier ist, je stärker und der Vernunft - nicht durch den göttlichen Eingriff , wie im Falle der
er sich dem (i,rrner vernünftigen) villen Gottes anschrie(rr, und in cler augustinisclren Lehre - nach und nach überwunden werden und durch
Verlängerung, daß der \yy'ille um so freier ist, je weniger er zum Bösen das Sichbinden an das Gute substituiert werden kann.
fähig ist, woraus sich ergibt, daß in ihrem Kulminationspunkt c{ie vil- Einen Nachhall dieser Theorie finden wir in der vierten Meditation
lensfreihcit iiberhaupt keine Fähigkeit zurn Bösen ,r"h, i., sich birgr. von Descartes über das Entstehen von Irrtum und Sünde. In der Logik
Die Einstellung und Polernik Richelieus wird vollends dann nachvoll- von Port-Royai wird mit folgenden Worten darau{ Bezug genommen:
z-iehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß
Jansenius ein heißes Eisen ,,Die inneren lJrsachen unseres Irrens lassen sich nicht von denen
in der theologischen und philosoplrischen Diskussion jener Zeit ange- trennen, die von den Gegenstänclen herstammen, und die man äußere
packt harte und daß das von ihm vorgetragene Konzept der \x/illens- nennen kann, denn der falsche Anschein der Gegenstände wäre nicht
freiheit seinerseits eine Reaktion darsrellt: eine Reaktio, auf den im imstande, uns in den Irrtum zu treiben, wenn nicht der Wille den Geist
zuge der Gegenreformatio.r aufgekommenen molinistischen Freiheits- treiben würde, ein überstürztes Urteil zu fällen zu einer Zeit, in welcher
begriff (die Bezeichnung nir.nmt Bezug auf den spanischen TheolopJen der Geist noch keine ausreichende Klarheit erreicht hat." l1Mit dieser
Molina), wobei daran zu erinnern ist, daß der orden derJesuiten diesen Bemerkung wird das Modell der Inkongruenz zwischen \(illen und
molinistischen Freiheitsbegriff zur offiziellen Lehre des ordens dekla- Geist, das Descartes benutzt hatte, um das Zustandekommen des Irr-
riert hatte und Kardinal Richelieu in seinen politischen schachzügen turns zu erklären, durch das Modell des Kon{likts ersetzt. §üährend
den Jesuitenorden als eine seiner wichtigen Figuren einserzre. Descartes die These zu Hilfe nahm, daß der Wille, sich weiter als der
Dieser moli,istisch-jesuirische Freiheitsbegriff wird zuweilen auch Verstand (oder Geist) erstreckend, Gegenstände oder Zustände an-
auf die Formel ,,als reine Indifferenz verstandene Freiheit., oder strebt, die der Verstand noch nicht erkundet und noch nicht deutlich er-
,,als In_
differc,z des Gleichgewichts verstandene Freiheit" gebracht und be- kannt hat, woraus sich die Inkongruenz des Villensgebietes und des
sagt, daß der lv{ensch, wenn, sobald und solange er die Freiheit des wil- Verstandesgebietes ergibt, behaupten die Autoren der Logik von Port-
lens besitzt, sie in einer unübersteigbaren und in keiner veise einge- Royal, daß es sich um einen Spezialfall der Unbeherrschtheit handelt:
schränkten Gestalt besitzt, was wiederum bedeutet, daß «ler l,t"ns.h Der denkende §(ille, der mit dem triebhaften \Willen - zuweilen - in ei-
permanenr ttnd in einer stets gleichbleibenden 1ü,'eise fahig ist, die eine nem Antagonismus steht, empfiehlt zwar das Fällen eines Urteils nur
oder die andere der beiden jeweils voriiegenden Hauptrnöglichkeiten auf der Basis der deutlichen Erkenntnis des beurteilten Objekts, wenn
ctbne Grund zu wählen, das heißt, daß er in der Lage ist,sich ietzten En- aber der triebhafte Wille übermächtig geworden ist und als solcl.rer zum
/es ohne ursache, Grund .nd Motiv für die vcrwirklichung einer sich vorschnellen, überstürzten Fällen des Urteils drängt, entsteht ein un-
öffnenden Hancllungsperspektive oder für das unterlasse. dieser ver- richtiges Urteil, das heißt ein Irrtum (falls nicht durch einen Zda.ll:;.re{-
wirklichung zu entscheiden. fer das Richtige dennoch getroffen wird). Durch diesen Modellwechsel
Aus der eben gegebenen skizze des molinistischen Freiheitsbegriffs erreichen Arnauld und Nicole eine wichtige Korrektur der cartesiani-
erhellt übrigens, daß er nicl.rt nur die durch den lesuitenorden ,"rr..- schen Irrtums- und Freiheitstheorie.
tene Lehre ausmachre, sondern daß er darüber hinaus dem alrtäglichen, Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Jansenisten einmal
im Bewußtsein unmittelbar vorhandenen und evident aussehenden, un- gegen die den Absolutismus anstrebende politische Zentralgewalt Front
kritischen Freiheitsverständnis entspricht. machten, sodann gegen die Jesuiten und die von ihnen vertretene
An dieser stelle ist der Vollständigkeit halber anzumerken, daß zu je-
ner zeit noch ein dritter Freiheitsbegriff zur Debatte stand, nämlich der 11 S. Logik, Dritter Teil, Kap. XX, S. 266.
XVIII Einleitung ll. Das geistige Umfeld xrx
rnolinistische Lehre. In dem Text der Logik von Porr-Royal finden wir I )cr Einwand der Theologen anderer Konfessionen, vor allem der
ellerdings, abgesehen von der geschilderten korrigierren Fassung cler A rrlrrirrgcr Zwinglis, daß ein und dasselbe Ding nicht Brot und Leib von
Irrtumstheorie, nur auf eine indirekte \{/eise einen Niederschlag cler .lt srrs Christus zu sein vermag, wird durch den Hinweis entkräftet, daß
Kontroverse zwischen molinistischen Jcsuiten und augustinischen Jan- ,lt r S.rtz ,,Dieses da ist mein Leib" nur die Abkürzung eines vollständi-
senisten, Er erschöpft sich in der Tatsache, daß im vierren Teil der gc' crr Ausdrucks ist, der l;rutet ,,Dasjenige, welches Brot in diesem Mo-
Logik, dem Teil über die Methodenlehre, ausgiebig Pascal ausgewertet rrrt'nt ist, ist mein Leib in jenen.r anderen Augenblick"; ein Satz, in dem
wird, allerdings §/eBen seiner Betrachtungen über den mathematischen .rrrt clie (zeitliche) Sukzession von zwei Augenblicken in der Zeit ange-
Geist und nicht wegen seiner ,Lettres Provinciales., welche die bedeut- slriclt wird und der aus diesem Grund als völlig klar anzusehen ist. Die
samste philosophische Kritik an der Position der Jesuiten und an deren .rngcbliche Schwierigkeit beruht, mit anderen 1ü7orten, lediglich darauf,
moralischer Kasuistik formulieren. ,l,rll der strittige Satz nur dem Anschein nach ein einziges Subjekt hat
Das, was sich in dem Text der Logik genau lokalisieren läßt, ist die (nrirnlich den Ausdruck ,,Dieses da"). In \(ahrheit gibt der Ausdruck
Auseinandersetzunli mit der Lehre der reformierten Kirche von der Eu- .,[)ieses da" zwei wirklich unterschiedene Subjekte an, zwei Subjekte
charistie, das heillt von dem Abendmahl, und der mit sprachtheoreti- ,rllcrdings, die in dem verworrenen Gedanken ,,Dieses da" vereinigt
schen Mitteln geführte Nachweis der Richtigkeit der Vorstellungen, die was zur Folge hat, dal3 das Bewußtsein des Unterschieds zwischen
'incl,
die katholische Kirche - alle Denkrichtungen und Strömungen inner- .lcn Subjekten - das heißt zwischen dem Subjekt, das der Ausdruck
halb der katholischen Kirche - damit verbindet. Es handelt sich, rrit an- ,,f)ieses da" als ein im früheren Augenblick Vorliegendes, und dem Sub-
deren lVorten, um die sprachtheoretisch fundierte Lehre von der Trans- jckt, das der Ausdruck ,,Dieses da" als ein im späteren Augenblick Vor-
substantiation, gemäß welcher das im Abendmahl dargereichte Brot liegendes meint - nicht gewahr wird. Der Ausdruck ,,Dieses da" (hoc)
und der dargereichte Wein nicht symbolisch das Fleisch und das Blut kommt zwar nur einmal in dem Satz ,,Dieses da ist mein Leib" vor, hat
Christi repräsentieren, sondern das Fleisch und Blut Christi sind, und ,rber am Anfang und am Ende des Zeitintervalls, welches das Sprechen
zwar weil, während des Sakraments des Abendmahls, die Substanz des rlieses Satzes einnimmt, zwei verschiedene Konkretisierungen und Zu-
Brotes und die des'Weines sich wandeln. Arnauld und Nicole machen ordnungen, wie in dem Kapitel ,,ldeen, die der Geist den durch die
sich allerdings nicht anheischig, die Frage zu entscheiden, auf welche \Vörter bezeichneten Ideen hinzufügt" (1. Teil, Kap. XV) zusammen-
'§7eise diese Worte des Matthäus-Evangeliums:
,,Dieses da ist mein fassend gesagt wird.13
Le16", z,,t verstehen sind, ob bildlich oder wörtlich. ,,Denn der Bev".eis, Nach dem Tod von Antoine Arnauld (im Jahr 1694) und Pierre Ni-
daß ein Satz in einem gewissen Sinne verstanden werden kann, genügt cole (im Jahr 1695) erreichte die Konfrontation der Jansenisten mit dem
nicht: man muß außerdem beweisen, daß er in diesem Sinne verstanden Zentrum der politischen Macht ihren zweiten Höhepunkt. Ludwig XIV.
werden muß. Aber da es Priester gibt, die aufgrund von Prinzipien einer befahl 1705 die Schließung des Klosters Port-Royal, 1710 veranlaßte
höchst falschen Logik hartnäckig behaupten, daß die Worte von Jesus er seine Zerstörung. Mittlerweile lratten die Jansenisten einen zusätz-
Christus im katholischen Sinn nicht versranden werden können, war es lichen Gegner bekommen: den Papst, der im lahr 1713 in der Bulle
niclrt nutzlos, hicr abgekürzt gezeigt zu haben, daß die katholische Be- ,Unigenitus, die jansenistische Lehre verurteilte. In Frankreich ist ge-
deutung nur Klares, Vernünftiges und mit dem allgemeinen Sprachge-
brauch aller Menschen Übereinstimmendes enrhält." 12
de Port-Royal. zitierten §7'erk; vgl. dazu das Buch von Roland Donz6: La Gram-
12 Arnauld und Nicole: Logik, 2. Teil, Kap. XII'Überdie verworrenen Sub- maire g6n6rale de Port-Roya1, Bern 1967, und die Rezension des Buches von
jekte, die gleichwertig mit zwei Subjekten sind.. Dieses Kapitel stimmt mit Aus- Donz6 durch den Verfasser dieser Übersetzung in der Zeitschrift ,studia Leibni-
führungen in der Schrift ,Die Fortdauer des die Eucharistie angehenden Glau- tiana..
bens der katholischen Kirche. (La perp6tuit6 de la Foi de t'Eglise Catholique). 13 hn Kapitel XIV des 2. Teils ,Über die Sätze, in denen man den Zeichen den
der auch die Kapitel IV und XV des ersten Teils und das Kapitel XIV des zweiren Namen der Dinge gibt. wird noch einmal die Frage aufgegriffen, ob man den
Teils entlehnt sind, im wesentlichen überein. Es sei liier noch angemerkt, daß die '§ü'orten ,,Dieses da ist mein Leib" einen figürlichen Sinn geben muß, das heißt, ob
Kapitel I und ll des zweiten Teils einer anderen Scl-rrift enrnommen sind, nämlich damit nur gemeint ist, ,,Das Brot, das da liegt, ist das Symbol (oder das Zeichen)
dem von Arnauld und Lancelot verfaßten, meistens als ,Grammaire g6nirale [ür meinen Leib".
xx Einleitung IIL Logische und philosophische Schwerpunkte xxr
gen Mitte des 18. Jahrhunderts derJansenismus erloschen. Eine kleine fangslogik, die sich als Gegenzug zu der älteren Inhaltslogik versteht
jansenistische Gemeinde bestand - zumindest - bis zu Beginn unseres und der zufolge Aussagen von der Form ,,S ist P" (dem Subjekt S kommt
Jahrhunderts in Holland. das Prädikat P zu) nicht als Eigenschaftsaussagen aufgefaßt werden. In-
Aufgrund der geschilderten geistigen Situation, in der die Logik von dem nicht der Inhalt, sondern der Umfang des Subjekts- und des Prädi-
Port-Royal entstanden ist,läßt sich jetzt der Hauptgrund für das Aus- katsbegriffs in Betracht gezogen wird,wird die Quantifikation eines Lo-
.:
bleiben einer deutschen Übersetzung bis zum Jahre 1972 vermuten. In gik-Kalküls ermöglicht. Zwischen S und P können folgende umfangslo-
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den Augen der Katholiken wichen die Jansenisten, trotz der oben er- gische Beziehungen bestehen: S gehört zur Gattung P, bildet einen Teil
ll,;. wähnten Verteidigung der katholischen Lehre vom Abendmahl, von der derselben (Subsumtion), wie zum Beispiel in dem Satz ,,Das Quadrat ist
offiziellen Lehre der katholischen Kirche ab. Und in den Augen der ein Rechteck"; oder S bildet die Gattung P (Definition), wie zum Bei-
Protestanten enthält die Logik von Port-Royal eine unannehmbare, zu- spiel in dem Satz ,,Das Quadrat ist eine von vier Geraden umschlossene
mindest irritierende und störende Apologie der für den katholischen seitengleiche geometrische Figur", wobei offensichtlich der Begriff
Glauben zentralen Lehre von der Transsubstantiation; eine Lehre, die ,,Quadrat" den Subjektsbegriff und der Begriff ,,von vier Geraden um-
1551 das Tridentinum erneut bestätigte, und welche die Reformatoren schlossene seitengleiche geometrische Figur" den Prädikatsbegriff dar-
ablehnten, weil sie auf der metaphysischen Deutung der Realpräsenz stellt.
Christi in der Eucharistie in den beiden Gestalten von Brot und Vein Mit ,,Inhalt des Begriffs" ist der Bedeutungsgehalt der den Begriff
beruhte. Die vorgebrachte Vermutung wird bestätigt durch die Erlaub- ausmachenden Merkmale gemeint; zum Beispiel enthält der Inhalt des
nis, die der König von Frankreich dem Verleger für die neue Auflage Begriffs,,Dreieck" folgende Merkmale (oder Teilbegriffe):,,Ausdeh-
von 1675 erteilt hat, und in der einzig und allein hervorgehoben wird, nung", ,,Figur", ,,drei Geraden", ,,drei Vinkel" und ,,lVinkelsumme
daß der Autor des Buches - angeblich - alle falschen Schlüsse, welche von 180o". Der Umfang des Begriffs dagegen bezeichnet die unter ihm
die Kalvinisten in ihrer Polemik gegen die Katholiken anwenden, und als Oberbegriff enthaltenen Arten und Individuen; so enthält der Um-
welche sie durch die Prinzipien der Logik zu stützen gesucht haben, fang des Begriffs ,,Dreieck" folgende Begriffe: ,,rechtwinkliges Drei-
zerstört hat, ebenso durch die Anmerkungen, die Buddeus seiner latei- eck",,,spitzwinkliges Dreieck",,,stumpfwinkliges Dreieck". Der er-
nischen Übe.setrrrng beigefügt hat, und in denen - unter anderem - die wähnten und eben erläuterten Unterscheidung zwischen Inhalt und
Bemerkung enthalten ist, daß die Autoren der Logik von Port-Royal Umfang des Begriffs korrespondiert die Unterscheidung zwischen den
fälschlicherweise die Reformierten als Häretiker bezeichnet haben. Attribwten (oder I\{erkmalen), die der Begriff in sich schließt, und den
Auf das philosophisch Substantielle in diesem Buch, das von dem Subjekten oder Trägern, die er umgreift.
eben referierten Streit um das Abendmahl nicht tangiert wird, soll in Diese doppelte Unterscheidung wird nun auf folgende Veise plausi-
dem nun folgenden Abschnitt der Einleitung aufmerksam gemacht rl'er- bel gemacht: Nimmt man dem Inhalt eines seiner Merkmale, dann löst
den. man den Begriff als eben diesen bestimmten Begriff auf, das heißt, man
zerstört ihn; in bezug auf die den Inhalt ausmachenden Merkmale gilt,
I I I . Logische und philosophische Schu.terpunhte könnte man sagen, das Alles-oder-nichts-Gesetz. Nimmt man dagegen
dem Umfang des Begriffs eines seiner Subjekte, dann bleibt der Bedeu-
Als zur Logik gehörende Lehrstücke, die auch für die heutige Diskus- tungsgehalt des Begriffs als solcher unberührt. Dieser Sachverhalt hat
sion besonders relevant sind, ist, erstens, die Unterscheidung zwischen wiederum zur Folge, daß ein Begriff - insbesondere jeder Allgemeinbe-
dem Inbalt und dem Umfang der Ideen, oder der Begriffe im Kapitel VI griff - in einem weiteren oder in einem engeren Sinne von einem Autor
des 1. Teils zu nennen. Risse bemerkt zu Recht, daß hier,,wohl erst- verwendet werden kann; ein Umstand, der an sehr vielen Mißdeutun-
mals in der Geschichte der Logik kiar ausgesprochen, der Inhalt des Be- gen bei der Auslegung philosophischer Texte schuld ist und sehr oft zu
griffs von seinem Umfang unterschieden" wird.la dem nutzlosen ,,Streit um §forte" führt. §üenn zum Beispiel ein Vertre-
Diese Unterscheidung ist die Voraussetzung für die moderne Um- ter der diskriminierenden Rassentheorie den Satz aufstellt, nachdem er
den Begriff des Menschen - stillschweigend - verengt und auf die Men-
1a Risse, a. a. O., S. 70. schen mit weißer Hautfarbe eingeschränkt hat: ,,Die Menschen leben
XXII Einleitung Ill. Logische und philosophische Schwerpunkte xxnl
(oder haben gelebt) vorwiegend in der nördlichen Hemisphäre der anführen: fDiese Verengung oder Einschränkung der allgemeinen Idee
Erde", dann ist gegen diesen Satz zunäcbst nichts einzuwenden, denn, hinsichtlich ihres Umfangs kann gescl.rehenl ,,dadurch, daß man eine an-
wenn man den Ausdruck ,,die Menschen" durch den Ausdruck ,,die dere, getrennte und bestimmte Idee mit ihr verbindet, wie wenn ich der
Menschen mit weißer Hautfarbe" substituiert hat, ist der thematisierte allgemeinen Idee des Dreiecks die vom Haben cines rechten §flinkels
Satz sowohl logisch (das heißt formal) als auch sachlicl.r (völkerkund- hinzufüge: das schränkt diese Idee auf eine einzige Dreiecksart, nämlich
lich) richtig; freilich kann man und sollte man scl'rließlich gegen den be- die des rechtwinkligen Dreiecks, ein". ts Mit einem Nein ist allerdings
trachteten Satz einwenden, daß in ihm, wegen der hier vorliegenden die erörterte Frage insofern zu beantworten, als das Gesetz, das in den
Verengung oder Einschränkung des Begriffs des Menschen, sich der ras- eben zitierten Ausführungen seine Anwendung findet und daher der Sa-
sistische Standpunkt ausspricht und daß der rassistische Standpunkt che nacl.r anerkannt ist, nicht als Gesetz der Begriffslogik formuliert und
- theoretisch und moralisch-praktisch - unhaltbar ist. Mit anderen nicht, wie in Lehrbüchern allgemein üblich, zu Beginn oder zum Schluß
'W'orten: Es emp{iehlt sich, überhaupt zwischen
Einwänden gegen die des betreffenden Kapitels zur Sprache gebracht wird.
Aussage selbst und Einwänden gegen die der Aussage zugrunde lie- An dieser Stelle ist wieder ein Ausblick auf eine andere Logik, dies-
gende Operation zu unterscheiden. mal auf die spekulativ-dialektische Logik Hegels angebracht. Das be-
Ein hier zu klärender Punkt, der zuweilen in der Diskussion auf- rühmte erste Kapitel in Hegels ,tWissenscl.raft der Logik. und der in die-
taucht, betrifft die Frage, ob bereits in der Logik von Port-Royal das sem Kapitel zentrale Satz ,,Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare, ist
Gesetz aufgestellt worden ist, das besagt: ,,Je ärmer der Inhalt, desto in der Tat Nichts, und nicht mehr, noch weniger als Nichts", oder zu-
reicher * oder weiter - der Umfang; und umgekehrt, je reicher der In- sammenfassen d: ,,Das reine Sein wnd das reine Nichts ist ako dasselbe",
halt (das heißt: je konkreter der Begriff), desto ärmer der Umfang"; der können nicht adäquat verstanden werden, wenn man nicht das eben er-
Begriff schlicl.rt ,,Dreieck" ist, zum Beispiel, ärmer an Inhalt im Ver- läuterte, in der Logik von Port-Royal der Sache nach bereits aufgestellte
gleich zu dem Begriff ,,rechtwinkliges Dreieck", der Begriff ,geometri- Gesetz der Begri{fslogik kennt. Denn der Gesichtspunkt, von dem aus
sche Figur" ist noch ärmer, der Begriff ,,Ding" oder ,,Entität" ist der Hegel das Sein und das Nichts betrachtet, ihre ,,ganz abstrakte Diesel-
Begriff, der schier auf alles angewandt werden kann, dessen Umfang bigkeit" feststellend, ist der Gesichtspunkt der reinen Unbestimmtheit
demzufolge überhaupt der weiteste ist, dessen Inhalt aber völlig leer ist. und vollkommenen Leerheit. Diese vollkommene Leerheit, vollkom-
Der lnhalt des Begriffs und der Umfang des Begriffs verhalten sich näm- mene Bestimmun€is- und Inhaltslosigkeit, diese,,Ununterschiedenheit
lich umgekehrt proportional: Das Maximum des einen ist notwendiger- in ihm selbst" haftet nämlich nicht nur dem Nichts an, sondern auch
weise das Minimum des anderen. Dieser Sachverhalt beruht auf der Ver- dem dem Inbalt nach völlig armen und somit völlig leeren Begriff des
schiedenheit der beiden Ganzen. Das Ganze, das der Inhalt darstellt, ist Seins; ein Begriff, der als ein auf der höchsten Abstraktionsstufe ange-
eine Totalität von Merkmalen (oder Attributen), und das Ganze, das siedelter Begriff , problem- und schrankenlos auf alles applikabel ist und
der Umfang darstellt, ist eine Totalität von Gegenständen (und Arten demzufolge den weitesten Umfang hat. (Der eben besprochene Hegel-
von Gegenständen). Das an erster Stelle genannte Ganze ist ein konkre- sche Begriff ,,Sein" ist übrigens a1s nahe verwandt mit dem Begriff ,,Exi-
tes (wenn auch der Begriff selbst durch den Vorgang der Abstraktion stenz" anzusehen, die Existenz verweist aber au{ die ,,Möglichkeit", die
zustande gekommen ist), und das an zweiter Stelle genannre ist ein ab- sie voraussetzt und deren Verwirklichung sie ist, aus diesem Grund be-
straktes (wenn auch die zu dem Begriffsumfang gehörenden Einzei-
1s S. unten Erster Teil, Kap. VI. - Als zweiten §ü'eg, auf dem die Verengung
dinge oder Individuen, für sich genommen, konkret sind).
Die Frage nach dem Vorliegen des Gesetzes ,,Die Steigerung des oder Einschränkung der allgemeinen Idee erreicht werden kann, nennt die Logik
Reichtums des Inhalts und die Steigerung des Reichtums des Umfangs von Port-Royal ihre Verbindung mit einer unselbständigen und unbestimmten
Vorstellung von dem zum Gesamtumfang der allgemeinen Idee (oder Vorstel-
verhalten sich umgekehrt proportional" ist auf der einen Seite mit einem
lung) gehörenden Teil, ,,wie wenn ich sage 'irgendein Dreieck': in diesem Fall
Ja, auf der anderen mit einem Nein zu beantworten. Mit einem Ja näm- sagt man, daß der allgemeine Ausdruck zu einem besonderen wird, weil er sich
lich insofern, als Arnauld und Nicole als eine der \Weisen, in denen eine jetzt nur auf einen Teil der Subjekte, die er zuvor umfing, erstreckt, ohne daß
Verengung oder Einschränkung der allgemeinen Idee (das heißt des A1l- man trotzdem bestimmt l.rätte, welcher dieser Teil ist, auf den man ihn jetzt ein-
gemeinbegriffs) hinsichtlich ihres Umfangs geschehen kann, folgendes geschräkt hat" (a. a. O.).
xxrv Einleitung III. Logische und philosophische Schwerpunkte XXV

merkt Hegel, präzisierend, daß er sich den Ausdruck Existenz für das August), auf das Auftauchen eines Sternes, nämlich des Hundssternes,
Sein, welches vermittelt ist, aufspart.) den man im Lateinischen Sirius nennt. Obgleich die zwei Ereignisse,
Dem hervorgehobenen wichtigen Punkt über lnhalt und Umfang der nämlich das Auftauchen des Sirius im Sternenhimmel und das Aufkom-
Begriffe sind noch lrinzuzufügen - als besonders bedeutsame Lehr- men großer Hitze nicht nur o{t, sondern stets zeitlich aufeinander fol-
stücke - die Unterscheidung zwischen Real- und Nominaldefinition 16 gen, besteht zwischen ihnen kein Kausalnexus, denn beide gehören
(eine Einteilung, die von Leibniz, der der Logik von Port-Royal das einer jeweils verschiedenen Kausalkette, einem jeweils eigenständigen
höchste Lob zuteil werden ließ, übernommen wurde) und die auch Strang von Begebenheiten an.
vom Standpunkt der heutigen Semiotik grundlegende Unterscheidung Mit der zitierten Kritik an der gewöhnlichen Täuschung des mensch-
zwischen natürlichen und zufälligen (oder auf Konvention beruhenden) lichen Bewußtseins nehmen Arnauld und Nicole den Hauptgedanken in
Zeichen. Humes Kritik an den Begriffen der Ursache und des Kausalnexus vor-
Die pbilosopbischen Schwerpunkte der vorliegenden Logik befinden weg; merkwürdigerweise ist bislang in der philosophischen Literatur
sich in dem dritten Teil, und zwar in den Betrachtungen, welche die diese erste Gestalt der neuzeitlichen Kritik an der Kausalität übersehen
Schlußlehre ergänz,en und abschließen. Sie betreffen erstens die loci worden. Jener, immer Hume zugeschriebene, bereits in der Logik von
argumentorum (3. Teil, Kap. XVII und XVIII); zweitens den Miß- Port-Royal ,rorkommende Gedanke ist übrigens das, was Kant, nach
brauch, man könnte auch sagen den inflationären Gebrauch des §(ortes seinem eigenen Geständnis, von seinem ,,dogmatischen Schlummer ge-
,,Kraft" oder ,,Vermögen" (3. Teil, Kap. XIX, 3. Abschnitt); drittens weckt" und ihm den Anstoß zur Ausarbeitung seiner Transzendental-
die gewöhnliche Täuschung des menschlichen Geistes, der folgender- philosophie gegeben hat. Die Positionen von Port-Royal, Hun.re und
maßen zu urteilen pflegt: post hoc, ergo propter hoc, das heißt ,,nacb Kant überschneiden sich insofern, als alle drei - Arnauld/Nicole und
diesem Ereignis, also toegen dieses Ereignisses"; und vierrens die Aus- Hume unabhängig voneinander, Kant dem von Hume formulierten Ge-
führungen im Kap. XX ,Über die schlechten Schlüsse im privaten Leben danken zustimmend - die zur Entstehung von Irrtümern führende, in
und in den täglichen Reden., eingeteilt in die Bemerkungen über Syllo- diesem Abschnitt erwähnte und rekonstruierte Tendenz des mensch-
gismen aus Eigenliebe, Interesse und Leidenschaft und über falsche lichen Bewußtseins beanstanden. Kant stimmt allerdings nur dem nega-
Syllogismen, die ihren Ursprung in den Gegenständen selbst haben. tiven, zurückweisenden Teil in Humes Argumentation zu, gemäß wel-
\Wir verweilen vor allem bei der von Arnauld und Nicole formulierten chem es der Vernunft gänzlich unmöglich ist, von sich aus einzusehen
Kritik an der erwähnten, häufig vorkommenden Täuschung des und nachzuvollziehen, daß etwas so beschaffen sein könne, daß, wenn
menschlichen Bewußtseins (3. Teil, Kap. XIX, 3. Abschnitt: ,,Das als es gesetzt ist, dadurch auch etwas anderes notwendig gesetzt v/erden
Ursache ansetzen, was nicht Ursache ist"). Diese Täuschung besteht ge- müsse. Er verwirft den affirmativen, rekonstruierenden Teil in Humes
nauer darin, daß das Bewußtsein des Menschen durch die oft - oder gar Argumentation, gemäß welchem die Vernunft sich mit dem Begriff der
stets - wiederkehrende Beobacl'rtung und lVahrnehmung der zeitlichen Ursache ganz und gar betrüge, indem sie ihn fälschlich für ihr eigenes
Sukzession zweier Begebenheiten z-u der Annahme des kausalen Zu- Kind halte, ,,da er doch nichts anderes als ein Bastard der Einbildungs-
sammenhanges, das heißt zu der Annahme der Verknüpfung dieser Be- kraft sei, die, durch Erfahrung beschwängert, gewisse Vorstellungen
gebenheiten verführt wird, indem es die stets früher sich ereignende Be- unter das Gesetz der Assoziation gebracht hat, und eine daraus ent-
gebenheit als die Ursache und die später sich ereignende Begebenheit als springende subjehtioe Notwendigkeit, das heißt Gewohnheit, für eine
die \(irkung jener Ursache auffaßt. objehtive Notwendigkeit aus Einsicht, unterschiebt" (Kant, Prolego-
Das klassiscl.re, in der Logik von Port-Royal angeführte Beispiel, mit mena, die Hervorhebungen sind von mir).
dessen Hilfe die Falschheit eines solchen Vorgehens gezeigt werden Der Unterschied zwischen Hume auf der einen Seite und Arnauld/
kann, ist die Zurückführung der außergewöhnlichen Hitze, die man Nicole (und Kant) auf der anderen besteht darin, daß Hume, au{ der
während der Tage empfindet, die man ,,Hundstage" nennr (erwa Anfang Basis der Entdeckung der besprochenen Täuschung, rundweg die
Falschheit des Begriffs ,,Ursache" (und in der Verlängerung des Begriffs
16 Vgl. hier B. Rolf : The Port-Royal Theory of Definition, in: Studia Leibni- ,,Wirkung"), somit die theoretische Unzulässigkeit dieser Begriffe be-
tiana, Heft 1/1983. hauptete. Er stellte die These auf, daß nie eine Ursache-und-§üirkung-
xxvr Einleitung III. Logische und philosophische Schwerpunkte XXVII

Beziehung objektiv besteht, v"'ährend die Autoren der Logik von Porr- Kap. XIX) und in dem darauf folgenden Kapitel XX über die auf Eigen-
Royal nur darauf aufmerksam machen wollten, daß zuweilen eine lJrsa- liebe, Interesse und Leidenschaft beruhenden Sophismen. Im Kapitel
che-und-\Wirkung-Beziehung zwischen zwei Begebenheiten angenom- über den Grund, der Verwirrung in unseren Gedanken und Reden stif-
men wird, obgleich es sich um eine - zufällig * ständig wiederkehrende tet, und der darin besteht, daß wir die Gedanken an die §flörter heften
Konstellation von Ereignissen handelt, das heißt um das zeitliche Auf- (1. Teil, Kap. XI), wird die andere erkenntnistheoretische Frage disku-
einanderfolgen zweier Begebenheiten, die in einer jeweils anderen tiert, nämlich vi,er an dem Zustandekommen des Phänomens, das wir
Reihe von Begebenheiten eingeordnet und eingebunden sind. Und wäh- umgangssprachlich als,,Sinnestäuschung" zu bezeichnen pfiegen,
rend Kant dazu bemerkte: Ersrens, daß ein allgemeingültiges - und in schuld ist, zum Beispiel an der Tatsache, daß wir einen im tWasser bis
diesem Sinne objektives - Konzept der Ursache zum lJr-Bestand des zur Hälfte eingetauchten Stab für gekrümmt - oder geknickt - halten.
menschlichen Bewußtseins gehört, und, zweitens, daß die ständig wie- Bei dieser Erörterung werden so§/ohl die Sinne und das in dem kör-
derkehrende \üahrnehmung des zeitlichen Au{einanderfolgens bzw. die perlichen Organ stattfindende Geschehen als auch die - für sich genom-
\flahrnehmung des ständigen zeitlichen Aufeinanderfolgens, für sich mene -'§üahrnehmung entlastet und der ganze Irrtum wird den falschen
genommen, zur Aktualisierung dieses Konzeptes, das heißt zur Bildung Urteilen, somit dem Verstand, genauer dem Reflexionsvermögen des
des Gedankens,,IJrsache-und-Virkung-Beziehung", nicht ausreicht, Verstandes zugeschrieben. Mit der durch Arnauld und Nicole gebote-
denn es muß noch der dem reinen Verstand, genauer gesagr, der einem nen Lösung des Problems stimmt grundsätzlich Kants Auskunft über-
Gedankenexperiment des reinen Verstandes enrsrammende spezifischere ein. Kant führt nämlich in seiner transzendentalen Dialektik zu dem
Gedanke,,Unumkehrbarkeit (Irreversibilität) des wahrgenommenen hier fraglichen Sachverhalt aus, und zwar anläßlich der Unterscheidung
zeitlichen Aufeinanderfolgens" hinzukommen - also der Gedanke ,,A zwischen Erscheinung und Schein (in einer moderneren Terminologie:
kann, als ein zeitlich an B Angrenzendes, nur das Vorausgehende sein, zwischen Vorschein und Anschein): ,,Daher würden weder der Ver-
und B nur das Spätere, oder Folgende". tz stand für sich allein (ohne Einfluß einer anderen Ursache), noch die
Der philosophiedidaktische tW'ert der Logik von Port-Royal, auf den Sinne für sich irren . . . In der Übereinstimmung mit den Gesetzen des
bereits im ersten Abschnitt hingewiesen worden ist, kommt sehr prä- Verstandes besteht (aber) das Formale aller \Wahrheit. In den Sirlnen ist
gnant nicht nur in der eben vorgestellten Kritik an dem ,posr hoc, ergo gar kein Urteil, weder ein §/ahres, noch ein falsches. §7eil wir nun außer
propter hoc" zum Ausdruck, sondern auch in dem Kapitel über die ver- diesen beiden Erkenntnisquellen keine andere haben, so folgt: daß der
schiedenen Arten, fehlerhafte Schlüsse zu ziehen insgesamt 18 (3. Teil, Irrtum (und somit der bloße Schein, das heißt der Anschein: Anm. des
Verfassers der Einleitung) nur durch den unbemerkten Einfluß der
17 Der mit dem letzten Satz formulierte Gedanke knüpft an die Kantsche Posi- Sinnlichkeit auf den Verstand bewirkt werde" (Kant: Kritik der reinen
tion an, zu deren Erläuterr.rng ich auf meinen Aufsatz verweise: ,Kausalverknüp- Vernunft, A294, B 350).
fung und objektive zeitliche Sukzession bei Kant., erschienen in: Studia Philoso- Abschließend muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß das Ka-
phica, Vol. XVIII (1958). - Den entscheidenden Stoß gegen Hume führt Kant pitel XX des 3. Teils, welches, wie der spätere Herausgeber Fouill6e zu
durch die Aufstellung der mit dem Gedanken der Irreversibilität eng zusammen- Recht vermutet, aller'§flahrscheinlichkeit nach von Nicole geschrieben
hängenden Unterscheidung zwischen 'Val.rrnehmungs- und Erfahrungsurteilen wurde, ein Meisterstück der Moralistik darstellt. Die Moralistik ist in
(Kant, Prolegomena, § 20). diesem Fall nicht nur von einer gesellschaftskritischen, sondern auch
18 Folgende W'eisen, fehlerhafte Schlüsse zu ziehen, werden aufgezählt: Etwas
von einer philosophiekritischen Intention getragen. Als repräsentativ
anderes, als das, was in Frage steht, beweisen; Das, was zur Diskussion steht, als
für diese zusätzliche, antiautoritäre und desillusionisierende Intention
wahr voraussetzen; Das als Ursache ansetzen, was nicht Ursache ist; Unvoll-
sei folgende Stelle aus dem genannten Kapitel zitiert: ,,Das A1ter, das
ständige Aufzählung; Eine Sache nach dem, was ihr nur akzidentell zukommt, \üissen, die angesammelten Kenntnisse, die Erfahrung, der Geist, die
beurteilen; Vom geteilten Sinn zum zusammengesetzten (fallacia compositionis)
und von dem zusammengesetzten zum gereilten (failacia divisionis) übergehen; Lebhaftigkeit, die Bescheidenheit, die Genauigkeit und die Arbeit die-
Von dem, was in gewisser Hinsicht wahr ist, zu dem, was schlechtweg wahr nen daz,t, die §flahrheit der verborgenen Dinge zu finden. Daher ver-
ist, übergehen; Die Mehrdeutigkeit der \(örter mißbrauchen; Eine allgemeine dienen diese Eigenschaften, daß man sie berücksichtigt. Man muß sie
Schlußfolgerung aus einer mangelhaften Induktion ziehen. aber trotzdem mit Sorgfalt wägen und dann einen Vergleich mit den ent-
XXVIII Einleitung

gegengesetzten Gründen anstellen, denn von jeder dieser Eigenschaften


aus, einzeln genommen, läßt sich nichts Gewisses folgern. Es gibt näm-
lich grundfalsche Meinungen, die die Billigung von Personen mit einem
ausgezeichneten Geist und im Besitz eines großen Teils jener Eigen-
schaften gefunden haben." 1e HIN§TEIS
Nicole erweist sich hier als ein Auror, der neben Montaigne, La
Rochefoucauld, La Bruyöre und dem Abt Galiani zu den giänzenden Die Entstehung dieses kleinen §ü'erkes ist ganz dem Zufall und eher
moralistischen Schriftstellern zu zählen ist, obwohl sein Urteil zu- einer Art Zerstreuung als einer ernsthaften Absicht zu verdanken. Ein
weilen relativiert werden muß, nämlich dann, wenn ihn seine Frömmig- Mann adliger Herkunft unterhielt sich mit einem jungen Herrn von
keit dazu veranlaßt, Montaigne, den er einen Libertin, einen Freigeist hohem Stand, der in wenig vorgerüd(tem Alter eine große geistige
nennt, v/egen seiner immoralistischen Moralistik zu rügen.20 Zuverlässigkeit und viel Sdrarfsinn zeigte, und sagte zu ihm, er habe
Aufgrund einer ganzheitlichen, dennoch präzisen und differenzierten in jungen Jahren jemanden gefunden, der ihn in fünfzehn Tagen be-
Sicht der Dinge, die es wieder zu gewinnen gilt, wird nicht nur in dem fähigte, sich einen Teil der Logik anzueignen. Diese Rede gab einem
Kapitel über die fehlerhaften Schlüsse, aus dem eben zitiert wurde, der anderen Anwesenden, der keine große Achtung für diese '§Tissenschaft
Bogen von rein theoretischen Betrachtungen zu moralisch-praktischen hatte, Gelegenheit, lachend zu erwidern, daß, wenn Herr . . . sidr die
Gesichtspunkten gespannt, sondern auch in dem Kapitel über verwor- Mühe geben wollte, man sidr wohl verpflichten würde, dem jungen
rene Begriffe in der Moral (1. Teil, Kap. X), in dem die Affinität wie F{errn in vier oder fünf Tagen das beizubringen, was es Nützlic.}res
auch der Unterschied zwischen dem Ehrgeiz und der alltäglichen Eitel- in der Logik gibt. Nacldem dieser beiläufig formulierte Satz einige
keit herausgestellt werden, ebenfalls in dem abschließenden Kapitel Zeit ztr Unterhaltung gedient hatte, entsdrlossen wir uns, einen Ver-
über die Beurteilung zukünftiger Begebenheiten, in dem die Grundzüge such zu machen; da wir aber die gewöhnlichen Bücher über Logik
der lVahrscheinlichkeitsrechnung vorgeführt werden. weder für kurz noch für klar genug hielten, faßten wir den Entschluß,
Für die Mitarbeit bei der Anfertigung der Register, die im Hinblick aus ihnen einen kleinen Auszug zu machen, der ausschließlich für die
auf die philosophische Systematik und die Problemgeschichte redigiert Unterridrtung des jungen Herrn bestimmt war.
wurden und somit entscheidend zur Erschließung und Auswertung Das war die einzige Absicht, die wir hatten, als wir daran zu arbei-
des folgenden Textes beizutragen vermögen, bin ich Herrn Dr. Bernt ten begannen, und wir gedachten, nidrt mehr als einen Tag dafür zu
Plickat und Herrn Stefan Heitzm ann zD herzlichem Dank verpflichtet. verwenden. Als wir aber diese Arbeit im einzelnen durchführen woll-
ten, 6elen uns so viele neue Uberlegungen ein, daß wir gezwungen
Christos Axelos (Hamburg) waren, sie niederzuschreiben, um uns von ihrer Last zu befreien; auf
diese V.eise benötigten wir statt eines Tages vier oder fünf dazu,
während weldrer wir den Hauptteil dieser Logik aufstellten, zu der
wir seither verschiedene Dinge hinzugefügt haben.
Obgleich wir nun viel mehr Gegenstände aufgenommen haben als
die, auf weldre wir uns zuerst einließen, ist der Versudt gelungen, wie
wir es erwartet hatten. Denn als dieser junge Herr selbst den Inhalt
auf vier Tafeln zurücJ<geführt hatte, lernte er jeden Tag leicht eine von
ihnen, fast ohne jemanden zu ihrem Verständnis zu brauchen. Es ist
wahr, daß man nicht hoffen darf, ein anderer als er würde mit der glei-
le S. unten, S. 278.
chen Leichtigkeit in diese Materie eindringen, da sein Geist in allen
20 Zur rJflürdigung des Gesamtwerkes von Nicole s. E. D. James: Pierre Dingen, die von der Vernunft abhängen, ganz hervorragend war.
Nicole, Jansenist and Humanist. A Study of his Thought. International Archives Das war das Zusammentreffen, weldres dieses §ü'erk hervorbracJrte.
of the History of ldeas, Series Minor, l. The Hague 1972. Es steht jedocl fest, welche Meinung man von dem Verk auch haben
Hinweis Erste Abhandlung

'Wissensdraften
mag, daß man wenigstens das Drucken des \Werkes gerechterweise nicht Gegenteil, der bedienen, um seine Vernunft zu vervoll-
beanstanden kann, da es eher gezwungenermaßen geschehen ist als aus kommnen, da der Sdrarfblidr des Geistes unendlich wichtiger ist als
freiern Entschlull. Denn nachdem einige Leute sich handschriftliche alle spekulativen Kenntnisse, zu denen man mittels der wahrsten und
Kopien angefertigt hatten, was sich bekanntlich nicht machen läßt, gesidrertsten 'Wissenschaften gelangen kann. Das muß die weisen
ohne daß viele Fehler sich einschleichen, haben wir die \Warnung Mensdren dazu veranlassen, sich auf die §Tissenschaften nur in dem
erhalten, die Buchverleger seien im Begriff, es zu drudren. Daher haben Maße einzulassen, wie es diesem Zwedr dienlich ist, und sie nur als das
wir es für passender gehalten, es dem Pubiikum richtig und vollstän- übungsfeld ihrer geistigen Kräfte und nidrt als den Bereich, um des-
dig vorzulegen, statt den Drudr auf Grund mangelhafter Kopien zu sentwillen jene da sind und auf den sie angewandt werden, anzu-
erlauben. Dadurch waren wir aber auch gezv/ungen, verschiedene Zu- setzen.
sätze anzubringen, die seinen Umfang um fast ein Drittel vergrößert 'üüenn man sich nicht in dieser Absicht den §üissenschaften widmet,
haben, denn wir waren der Meinung, daß man die hier durdrgeführten sieht man weder, daß das Studiurn dieser theoretischen W'issenschaften
Betrachtungen erweitern sollte, nämlidr mehr als es in dem ersten Ver- wie der Geometrie, der Astronomie und der Physik nichts anderes als
such getan worden war. Das ist das Thema der folgenden Abhandlung, ein ziemlich leeres Vergnügen ist, nodr daß sie nicht viel höher ein-
in der wir das verfolgte Ziel darlegen und das Verhältnis der Gegen- zuschätzen sind als die Unwissenheit aller dieser Dinge, die zum min-
stände zueinander, die wir in dieser Logik behandelt haben, erläutern. desten den Vorteil hat, daß sie weniger mühsam ist und daß sie nicht
Anlaß zu alberner Eitelkeit gibt, die man oft aus diesen sterilen und
unfruchtbaren Kenntnissen herleitet.
Erste Abhandlung, Diese lWissenschaften haben nichc nur verborgene \Winkel und Ein-
in welcher der Plan dieser neuen Logih aut'gezeigt wird buchtungen, die von sehr geringem Nutzen sind, sondern sie sind
gänzlich unnütz, wenn man sie an und für sidr selbst betradrtet. Die
Menschen sind nicht dazu geboren, um ihre Zert zur Messung von
Es gibt nichts, was höher einzusdrätzen wäre als die redrt besdraffene
Vernunft und der Scharfsinn des Geistes beim Unterscheiden des Linien, zur Prüfung der Beziehungen von \[inkeln, zur Betrachtung
rVahren und des Falschen. Alle anderen Eigenschaften des Geistes der versdriedenen Bewegungen der Materie zu verwenden. Ihr Geist
sind von begrenzter Braudrbarkeit; die Genauigkeit der Vernunft ist zu groß, ihr Leben z,t klrz, rhre Zek zu kostbar, um sie auf diese
aber ist allgemein nützlich, in allen Tätigkeitsbereichen und in allen
kleinen Gegenstände zu verschwenden; sie sind aber in allen ihren
Reden, in allen ihren Handlungen und in allen lJnternehmungen, die
Beschäftigungen im Leben. Nidrt nur in den §üissenschaften ist es
schwierig, die §üahrheit vom Irrtum zu untersclreiden, sondern audr
sie betreiben, verpflichtet, gerecht, billig, vernünftig, treffsicher im
bei den meisten Gegenständen, von denen die Mensdren sprechen und Urteil zu sein, und für dieses Ziel müssen sie sich besonders üben und
bilden.
in den meisten Angelegenheiten, die sie behandeln. Es gibt fast überall
Diese Sorge und dieses Studium ist um so notwendiger, ais die Treff-
versdriedene W'ege, von denen die einen richtig und die anderen falsdt
sicherheit des Urteils erstaunlicherweise eine seltene Eigenschaft ist.
sind, und der Vernunft kommt es zu, zwischen ihnen zu wählen. Die-
jenigen, die gut wählen, sind die, welcle den redrt besclaffenen Geist Man begegnet überall nur verfälschendem Geist, der fast keine Unter-
scheidungskraft hinsichtlich der Wahrheit hat, der jedes Ding von
haben, diejenigen, weldre die schleclte Entsdreidung treffen' sind die,
einem ungeschidcten Blickpunkt aus sieht, der sich mit den schledrtesten
deren Geist falsdr ist: Das ist der erste und wichtigste Unterschied,
Gründen zufriedengibt und der selbst den anderen solche bieten will;
den man zwisclen den Eigenschaften des mensdrlidren Geistes ansetzen
der sich durch den geringsten Anschein fortreißen läßt, der immer mit
kann.
der übertreibung und den superlativischen Steigerungen operiert, der
Demnach wäre der hauptsächliche Fleiß auf die Bildung des Ur-
gar keine Krallen hat, um sidr an gewußten tVahrheiten festzuhalten,
teils zu verwenden, um es so genau zu machen, wie es sein kann; und
weil es eher der Zufall ist, der ihn an sie bindet als eine edrte Einsicht;
das ist es, worauf der größte Teil unserer Studien ausgeridrtet sein
oder der im Gegenteil bei seinen Sinneseindrücken mit solcher Hals-
müßte. Man bedient sich der Vernunft wie eines Instruments, um die
'§(issenschaften in seinen Besitz zu bringen; jedoch man sollte sich, im starrigkeir stehenbleibt, daß er nichts vernimmtr was ihm den Schein
Hinweis Erste Abhandlung 5

zerstreuen könnte; der kühn über das entsdreidet, vras er nicit weiß, man sie auf die Dinge beschränkt, die in ihrer Reichweite liegen und
was er nicht versteht, was vielleidrt niemals jemand verstanden hat; sie daran hindert, über etwas zu urteilen, das zu erkennen sie nicht
der gar keinen Unterschied zwischen spredren und sprechen macht oder fähig sind. Nichtsdestoweniger ist es wahr, daß ein großer Teil der
der über die §flahrheit der Dinge nur nach dem Ton der Stimme falsdren menschlidren Urteile nicht von diesem Prinzip abzuleiten ist
urteilt. Derjenige, der leidrt und ernst spricht, hat recht; derjenige, und lediglich durch übereilung des Geistes und mangelnde Aufmerk-
der sich mit einiger Mühe erklärt und Erregung zeigt, hat unredrt. samkeit verursachr wird, die uns unbesonnen über das urteilen lassen,
Dieser Geist weiß darüber nidrt mehr. was wir nur verworren unct dunkel kennen.
Deshalb gibt es gar keine Absurditäten, die so unerträglic} wären, Diese geringe §(ahrheitsliebe der Menschen bringt es mit sich, daß
daß sie nicht Beifallspender fänden. 'Wer immer die Absicht hat, die sie sich zumeist nichr die Mühe geben, zwischen dem §(ahren und
§flelt zu hintergehen, kann sicher sein, daß er Leute finden wird, die Falsc-hen z-u unterscheiden. In ihre Seele geben sie Reden und Maximen
gern getäuscht werden; und die läclerlichsten Dummheiten trefren jeglicher Art Einlaß. Sie ziehen es vor, sie als wahr anzusetzen statt
immer auf Geister, zu denen sie passen. Nadrdem man so viele Leute sie zu prüfen; und verstehen sie sie nidrt, so wollen sie glauben, daß
vernarrt in die Verrücktheiten der die Zukunft der menschlichen andere sie gut verstehen. Auf diese ,Weise füllen sie ihr Gedächtnis mit
Individuen voraussagenden Astrologie sieht und bedeutende Männer unendlich vielen falschen, dunklen und nichtverstandenen Dingen und
diesen Gegenstand ernstlidr behandeln, darf man sicl über nidrts mehr machen anschließend diese Dinge zum Ausgangspunkt ihrer über-
wundern. Es gibt eine Konstellation am Himmel, die einige Leute legungen, fast ohne zu erwägen, was sie sagen und was sie denken.
\iüaage zu nennen belieben und die einer \Vaage so ähnlich ist wie Die Eitelkeit und der Eigendünkel tragen außerdem viel zu diesem
einer \(indmühle; die '§üaage ist das Symbol der Gerechtigkeit: also Mangel bei. Man glaubt, es bedeute Schande, zu zweifeln und un-
werden die, die unter dieser Konstellation geboren werden, geredrt wissend zu sein; und man spricht und entscheidet eher ins Blaue als
und billig sein. Es gibt drei andere Tierkreiszeichen, von denen man anzuerkennen, daß man zur Beurteilung der Dinge nicht genug über
das eine \(idder, das andere Stier, das andere Steinbock nennt, und sie informiert ist. rVir sind alle voll von Irrtümern und Unwissenheit,
die man ebensogut auch Elefant, Krokodil und Rhinozeros hätte und trotzdem kostet es die größte Mühe, aus dem Mund der Menschen
nennen können: der §7idder, der Stier und der Steinbo& sind §Tieder- das so richtige und ihrem natürlichen Zustand so enrsprechende Ge-
käuer: also sind die.l'enigen, die eine Medizin einnehmen wenn der ständnis zu entlocken: Ich täusche rnic*r; darüber weiß ich nichts.
Mond unter diesen Konstellationen steht, in Gefahr, sie wieder zu Es gibt andere, umgekehrt, die einsichtig genug sind, um zu sehen,
erbrechen. §üie ungereimt auch diese Schlüsse sein mögen, gibt es Leute, daß es eine Menge dunkler und ungewisser Dinge gibt und die in der
die sie herleiern und andere, die sich davon überzeugen lassen. Absicht, aus einer anderen Eitelkeit heraus, zu beweisen, daß sie sich
Diese falsche Ausricfitung des Geistes ist nicht nur Grund der in die nicht zu der Leichtgläubigkeit des Volkes hinreißen lassen, ihre Ehre
'§(i'issenschaft hereingetragenen Irrtümer, sondern auch der meisten in die Behauptung setzen, daß es nichts Gewisses gibt. Sie befreien
Fehler, die man im täglidren Leben begeht, der ungerechten Strei- sich auf diese \7eise von der Mühe, die Dinge zu prüfen, und bezweifeln
tigkeiten, schledrt begründeten Prozesse, unbesonnenen Meinungen, auf Grund dieses schlechten Prinzips die beständigsten \(ahrheiten
gibt wenige darunter, die
schlecht organisierten lJnternehmungen. Es und selbst die Religion. Dies ist die Quelle des Pyrrhonismus, der eine
ihren Ursprung nicht in irgendeinem Irrtum und in irgendeinem Absonderlichkeit des menschlichen Geistes darstellt und, scheinbar der
Fehler des Urteils hätten: so daß es keinen Mangel gibt, den zu Kühnheit der alles Giaubenden und Entscheidenden enrgegengesetzt,
beheben man eher bestrebt sein müßte. dennoch den gleichen Ursprung hat, nämlich die mangelnde Aufmerk-
Aber so wünsdrenswert diese Korrektur auch ist, so schwer ist sie samkeit. Denn so wie die einen sich nicht die Mühe geben wollen, die
auch zu erreichen; denn sie hängt sehr davon ab, wieviel Verstand Irrtümer herauszufinden, wollen sich die anderen nicht die Mühe
wir bei der Geburt mitbradrten. Der gesunde Mensc.,henverstand ist geben, die rü/ahrheit mit der notwendigen Sorgfalt zu betrachten, um
keine so allgemeine Eigensc}aft wie man denkt. Es gibt unendlicl ihre Evidenz zu erfassen. Der geringste Anschein genügt den einen,
viele grobe und dumme Geister, die man nidrt verändern kann, indem sie von ganz falschen Dingen zu überzeugen; und er genügt den
man in ihnen die Einsicht der '§(ahrheit stiftet, sondern nur, indem anderen, sie an den sichersten Dingen zwerf eln zu lassen. Sowohl bei
6 Hinweis Erste Abhandlung

den einen als auch bei den anderen ist es aber das Ausbleiben der glauben, was dunkel und ungewiß ist, und der andere zu dem Zweifel
anhaltend aufmerksamen Zuwendung zu den Dingen, das so ver- an dem, was klar und gewiß ist, haben gleidrwohl dasselbe Prinzip,
schiedene Wirkungen hervorbringt. nämlich das Vernachlässigen der für die Unterscheidung der tVahrheit
Die wahre Vernunft ordnet alle Dinge so ein, wie es ihner-r zu- erforderlichen Aufmerksamkeit; daher ist es offensidrtlich, daß ihnen
kommt: Sie läßt an denen zweifeln, die zweifeihaft sind, diejenigen auf die gleiche §7eise abgeholfen werden muß und daß der einztge
zurückweisen, die falsch sind, und mit gutem Glauben diejenigen §(eg dazu der ist, unseren Urteilen und Gedanken genaue Aufmerk-
erkennen, die evident sind, ohne sich bei den eitlen Begründungen samkeit zu verleihen. Dies ist das einzige absolut Notwendige, um
der Pyrrhonisten aufzuhalten, die die vernünftige Gewißheit, die man Überraschungen vorzubeugen. Denn das, was die Akademiker sagen;
von den sicheren Dingen hat, nicht zerstören, nicht einmal im Geiste es sei unmöglich, die §(ahrheit zu finden, wenn man nic-ht von ihr
derjenigen, die sie vorbrirrgen. Niemand zweifek jemals ernsthaft irgendwelc}e Zetchen hat, so wie man einen entflohenen Sklaven, den
daran, daß es eine Erde, eine Sonne und einen Mond gibt, noch daß man sucht, nicht erkennen könnte, wenn man nicht Merkmale hätte,
das Ganze größer als sein Teil ist. Man kann gut äußerlich seinen um ihn von anderen zu unterscheiden, wenn man ihn trifft, ist nur
Mund sagen lassen, daß man daran zweifelt, denn man kann es lügen- eine leere Spitzfindigkeit. §7ie man keiner anderen Merkmale bedarf,
haft behaupten; man kann es aber nicht seinen Geist sagen lassen. So um das Licht von der Finsternis zu unterscheiden als das Licht selbst,
ist der Pyrrhonismus nicht eine Sekte von Leuten, die von dem, was das sich den Sinnen zur Genüge kundgibt, so braucht man auctr keine
sie sagen, überzeugt sind, sondern er ist eine Sekte von Lügnern. Auch anderen Zeidten, um die §/ahrheit z-u erkennen, als die Klarheit selbst,
widersprechen sie sich oft, wenn sie von ihrer Meinung reden, da ihr die die §flahrheit umgibt und sich den Geist unterwirft und ihn über-
Herz nicht mit ihrer Sprache übereinstimmen kann, wie bei Montaigne zeu€it, ungeachter dessen, daß der Geist die Wahrheit besitzt; auf
zu sehen ist, der im vorigen Jahrhundert versucht hat, den Pyrrhonis- diese \Weise sind alle Gründe dieser Philosophen nicht geeigneter,
mus zu erneuern. die Seele daran zt hindern, sidr der \flahrheit zu ergeben, wenn sie
Denn nachdem Montaigne gesagt hatte, die Akademiker seien von von ihr stark durchdrungen ist, als sie imstande sind, die Augen am
den Pyrrhonisten verschieden, insofern die Akaderniker zugestanden, Sehen zu hindern, wenn sie geöffnet vom Licht der Sonne berührt
daß es Dinge gab, die wahrscheinlicher als die anderen sind, was die werden.
'§7eil
Pyrrhonisten nicht anerkennen wollten, erklärt sich Montaigne für aber der Geist sich mandrmal durdr einen falschen Schein
die Pyrrhonisten mit folgenden 'W'orten: ,,Die Meinung", sagt er, täuschen läßt, wenn er nicht die notwendige Aufmerksamkeit auf-
,,der Pyrrhonisten ist kühner und hat einen mehr oder weniger über- bringt, und es wohl Dinge gibt, die man nur durc} lange und sdrwie-
treffenden '§flahrscheinlichkeitsgrad." Es gibt also Dinge, die wahr- rige Prüfung erkennt, wären Regeln für ein Verhalten sidrer nützlich,
scheinlicher sind als andere. Und zwar spricht er nidrt um einer das die Erforschung der \Wahrheit erleichtert und sicherer machr; und
Pointe willen so; das sind §7orte, die ihm entschlüpft sind, ohne daß die Aufstellung solcher Regeln ist ohne Zwerfel nicht unmöglich. Denn
er denkt, die aus dem Untergrund der Natur herkommen, den die die Menschen vermögen, weil sie sich manchmal in ihren Urteilen
Lüge der Meinungen nicht ersticken kann. täuschen und manchmal audr nicht, bald gut, bald schlecht Gedanken-
Das übel aber ist, daß diese Leute, die es als ihr Vergnügen er- gänge durchführen, und weil sie, nachdem sie schlecht einen Gedan-
achten, an allem zu zweifeln, ihren Geist bei nicht so greifbaren kengang durchgeführt haben, in der Lage sind, ihren Fehler zu erken-
Dingen daran hindern, sich dem zuzuwenden, was sie überzeugen nen, durch Reflexionen über ihre Gedanken festzustellen, welcher
könnte, oder es nur unvollkomnlen tun und dadurc'h in Dingen der Methode sie gefolgt sind, als sie gut den Gedankengang durchgeführt
Religion in eine gewollte Ungewißheit fallen, weil dieser Dämmer- haben und welcher der Grund ihres Irrtums war, als sie sich getäuscht
zustand, den sie sich verschaffen, ihnen angenehm ist und bequem haben, und auf diese Veise Regeln über diese Reflexionen zu bilden, um
erscheint, um die Vorwürfe ihres Gewissens zu beschwichtigen und in Zukunft der überraschenden Täuschung zu entgehen. Das ist es eigent-
frei ihre Leidenschaften zu befriedigen. [ich, was die Philosophen sich zu run anschicken und wovon sie uns
Diese zwei Zustände des in Unordnung geratenen Geistes, die ein- prädrtige Versprechungen madren. Wenn man ihnen darin glauben will,
ander entgegengesetzt scheinen, da der eine dazu führt, leicht zu geben sie uns in dem Abschnitt, den sie zu diesem Zweck liefern und
8 Hinweis Erste Abhandlung 9

Logik nennen, ein Licht, geeignet, alle Dunkelheiten in unserem Geist den Büchern eines berühmten Philosophen unseres Jahrhunderts ent-
zu zerstreuen; sie verbessern jeden Irrtum in unseren Gedanken und liehen hat, der ebensoviel geistige Klarheit besitzt als man Verwirrung
geben uns so sichere Regeln, daß sie uns unfehlbar zur'§ilahrheit führen, bei den anderen findet. Einige andere wurden einer kleinen nicht
in ihrer Gesamtheit so notwendige, daß ohne sie unmöglich die §üahr- gedruckten Schrift entnommen, verfaßt von dem berühmren Herrn
heit mit gänzlicher Gewißheit erkannt werden kann. So sind die Pascal, die er,,Vom geometrischen Geist" nannte; und zwar das im
Lobreden, die sie sich selbst über ihre Vorschriften halten. '§?'enn man 12. Kapitel des ersten Teils über den Unterschied zwischen Nominal-
aber das berücksichtigt, was uns die Erfahrung über den Gebrauch und Realdefinitionen Gesagte und die fünf im vierten Teil erläuterten
lehrt, den diese Philosophen sowohl in der Logik als auch in den Regeln, welche wir viel stärker erweitert haben im Vergleich zrt jeter
anderen Gebieten der Philosophie von diesen Vorschriften machen, Schrift.
wird man mit großer Berechtigung der'Wahrheit dieserVersprechungen Über das, was wir aus den geläufigen Lehrbüchern über Logik
mißtrauen. entnomnen haben, ist folgendes zu sagen:
Trotzdem haben wir geglaubt, da es nicht gerechtfertigt ist, das Erstens hatten wir die Absicht, in diesem alles zu bringen, was es
Gute in der Logik absolut zurückzuweisen, weil man sie mißbrauchen in den anderen an wirklich Nützlichem gab, wie die Regeln über die
kann, und da es nicht wahrscheinlich ist, daß so viele große Geister, syllogistischen Figuren, die Einteilungen der Begriffe und der Ideen,
die mit so großer Sorgfalt die Regeln des Schlusses bearbeitet haben, einige Reflexionen über die Sätze. Es fanden sich andere Dinge, die
gar nichts Sicheres fanden, schließlich da durch die Gewohnheit eine wir für ziemlich unnütz hielten, wie die Kategorien und die Loci;
gewisse Notwendigkeit entstanden ist, wenigstens im groben zu da sie aber kurz, leicht und allgemein waren, haben wir geglaubt, sie
wissen, was ,,Logik" ist, daß es zum allgemeinen Nutzen etwas beizu- nicht weglassen zu dürfen; wir machen gleichwohl auf die Beurteilung,
tragen hieße, das herauszugreifen, was am meisten zur Bildung des die ihnen zukommt, aufmerksam, damit man sie nicht für nützlicher
Urteils dienen kann. Und das ist gerade die Absicht, der wir mit hält als sie es sind.
diesem \üerk gefolgt sind, allerdings indem wir mehrere neue Über- Eher im Zweifel waren wir über gewisse ziemlich mißliche und
legungen, die uns während des Schreibens in den Sinn kamen und die wenig nützliche Gegenstände wie die Konversionen der Sätze, den
den größten und vielleicht wichtigsten Teil des §flerkes ausmachen, Beweis der Regeln über die syllogistischen Figuren. Schließlich haben
hinzufügten. wir uns aber entschlossen, sie nicht abzutrennen, weil ihre Schwierig-
Denn es scheint, daß die gewöhnlichen Philosophen sich fast nur keit selbst nicht ohne Nutzen ist. Denn es ist wahr, daß man mit
bemüht haben, Regeln der guten und schlechten Schlüsse zu geben. Recht sagt, wenn die Sdrwierigkeit nicht in die Erkenntnis von irgend-
Daß diese Regeln ohne Nutzen seien, könnte man nun nicht sagen, einer tVahrheit mündet: Stultum est difficiles habere nugas; man darf
denn sie dienen zuweilen dazu, den Nachteil bestimmter beschwerlicher sie aber nicht in gleicher 'W'eise vermeiden, wenn sie zu irgend etwas
'§Tahrem
Argumente freizulegen und seine Gedanken in überzeugender 'W'eise führt, denn es ist vorteilhaft, sich darin zt üben, die schwie-
darzulegen. Dennoch darf man nicht glauben, daß dieser Nutzen sehr rigen §(ahrheiten zu verstehen.
weit reicht, da die meisten Irrtümer der Menschen nicht darin be- Es gibt Mägen, die nur die leichten und schmad<haften Fleischarten
stehen, sich durch schlechte Folgerungen täuschen zu lassen, sondern verdauen können; und so gibt es audr Geister, die sich nur des Ver-
darin, sich zu falschen Urteilen hinreißen zu lassen, aus denen man ständnisses von leichten, mit dem Schmuck der Beredsamkeit umklei-
schlechte Folgerungen zieht. Nach Hilfsmitteln, dem abzuhelfen, haben deten \Tahrheiten befleißigen können. Sowohl das eine als das andere
diejenigen, die bis jetzt über Logik schrieben, wenig gesucht; gerade ist eine beschämende \fleichlidrkeit oder eher eine wirkliche Schwäche.
sie aber machen den Hauptgegenstand der neuen Überlegungen, die Man muß seinen Geist zur Entdeckung der lVahrheit tüchtig machen,
man überall in diesem Buch finden wird, aus. selbst wenn diese verborgen und verhüllt ist, und dazu, sie zu achten,
§(ir sind nichtsdestoweniger zu dem Eingeständnis gezwungen, daß unter welcher Gestalt audr immer sie auftreten mag. \trenn man den
diese Überlegungen, die wir neue nennen, da man sie nicht in den gegen alle ein wenig subtil und scholastisch scheinenden Dinge bei
Jff gewöhnlichen Büchern über Logik sieht, nicht alle von demjenigen jedermann sich leicht einstellenden §(iderwillen, und die Abneigung
r#'
1i1
stammen, der an diesem \(erk gearbeitet hat und daß er einige aus gegen sie, nidrt überwindet, verengt man unmerklidr seinen Geist und
10 Hinweis Erste Abhandlung 11

madrt ihn unfähig das zu verstehen, was sich nur durch die Ver- Monate, über die Bekleidung der Makedonier und über ähnliche Streit-
kettung mehrerer Sätze erkennen läßt. Und wenn auf diese \7eise fragen ohne Nutzen erhitzen; einen Autor ausplündern und ihn neben-
eine '§Tahrheit von drei oder vier Prinzipien abhängt, die man not- bei beschimpfen; diejenigen in Fetzen zerreißen, die im Verständnis
wendig auf einmal in den Blidr fassen müßte, wird man verblüfit. Man einer Passage von Sueton oder in der Etymologie eines 'Wortes nidrt
wird abgesdrreckt; und dadurch beraubt man sich der Kenntnis vieler mit uns übereinstimmen, als ob es sich dabei um die Religion oder den
wichtiger Dinge, was ein schwerwiegender Nachteil ist. Staat handelte; die ganze lVelt gegen einen Mann, der Cicero nicht
Die Fassungskraft des Geistes dehnt sich und sdrrumpft durch die genug schätzt, wie gegen einen Störenfried der öffentlichen Ruhe in
Gewöhnung. Hauptsächlich zu ihrer Erweiterung dienen die Mathe- Aufruhr bringen wollen, so wie es Julius Scaliger gegen Erasmus zu
matik und überhaupt alle schwierigen Dinge, wie es diejenigen sind, tun versucht hat; sich um den Ruf eines antiken Philosophen bemühen,
von denen hier die Rede ist, denn sie geben dem Geist eine gewisse als sei man ein naher Verwandter: das ist es, was man wirklich
Ausdehnung. Sie üben ihn darin, sich besser zu konzentrieren und Pedanterie nennen kann; es gibt aber keine: weder beim Verstehen
sich fester an das zu halten, was er weiß. noch beim Erklären künstlicher, ziemlich sinnreich erfundener 'W'orte,
Das sind die Gründe dafür, daß diese mißlichen Gegenstände nicht die als Zweck nur die Erleichterung des Gedächtnisses haben, voraus-
weggelassen und genauso eingehend behandelt wurden wie in irgend- gesetzt, daß man sie mit der Vorsicht verwendet, die wir erwähnt
einer anderen Logik. \trüer damit nicht zufriedengestellt ist, kann sich haben. Es bleibt noch der Grund anzugeben, warum wir eine große
von ihnen freimachen, indem er sie nicht liest. Denn aus diesem Anzahl von Fragen weggelassen haben, die man in den gewöhnlichen
Grunde haben wir Sorge getragen, auf sie schon am Anfang der Kapitel Lehrbüdrern der Logik findet, wie die üblicherweise in den Pro-
aufmerksam zu machen; damit man nämlich nicht Anlaß zur Klage legomena behandelten: das lJniversale a parte rei, die Relationen und
hat und damit derjenige, welcher sie liest, dies freiwillig tut. viele andere ähnliche. Darauf würde fast die Antwort genügen, daß
\jflir haben ebenfalls nidrt geglaubt, uns durch das Mißfallen einiger sie eher zur Metaphysik als zur Logik gehören. Trotzdem ist es wahr,
Leute aufhalten lassen zu dürfen, die vor gewissen künstlidren Aus- daß nicht dies in erster Linie erwogen wurde. Denn wenn wir einen
drüchen (gebildet, um sich an versdriedene Arten des Schließens leichter Gegenstand zur Bildung des Urteils für nützlich hielten, haben wir
zu erinnern) Abscheu haben, als seien sie magische 'W'orte, und die über wenig darauf gesehen, zu welcher lWissenschaft er gehört. Die An-
,,baroco" und ,,baralipton" oft ziemlich abgedroschene Späße machen, ordnung unserer verschiedenen Kenntnisse ist frei wie die Zusammen-
als seien diese Bezeidrnungen reine Pedanterie; denn wir sind der stellung der Buchstaben einer Druckerei; jeder hat das Recht, gemäß
Meinung, daß diese Späße nichtswürdiger als jene Bez.eichnungen sind. seinen Bedürfnissen verschiedene Ordnungen zu bilden, obgleich man
Die wahre Vernunft und der gesunde Verstand erlauben nicht, etwas dann, wenn man eine herstellt, die Kenntnisse auf die natürlichste
'§Veise
für iächerlich zu halten, was gar nicht lächerlich ist. Nun gibt es in einordnen sollte. Es genügt, daß ein Gegenstand uns nützt,
diesen Begrifren nichts Lächerlidres, vorausgesetzt, daß man aus ihnen um sich seiner zu bedienen und ihn nicht als fremd, sondern als unser
nicht zuviel Aufhebens macht und sie nicht, obwohl sie nur zur eigen anzusehen. Aus diesem Grund wird man hier viele Dinge aus
Erleiclterung des Gedädrtnisses gemacht sind, in die Alltagsspradre der Physik und der Moral finden und fast ebenso viele aus der Meta-
einzuführen tradrtet und zum Beispiel ankündigt, daß man ein Argu- physik, wie davon zu wissen notwendig ist, obwohl man keineswegs
ment nach BOCARDO oder nach FELAPTON machen wird, was in deshalb behauptet, irgend etwas von irgend .jemandem entliehen zu
der Tat sehr lächerlich wäre. haben. Alles, was der Logik dient, gehört audr zu ihr. Daher ist ganz
Mit diesem Vorwurf der Pedanterie wird manchmal großer Miß- lächerlich die Pein, die sich bestimmte Autoren wie Ramus und die
brauch getrieben, und oft verfällt man ihr, indem man sie anderen Ramisten, obgleich sonst sehr geschickte Leute, bereiten: Leute, die
zuspricht. Die.Pedanterie ist ein Laster, das an dem Geist und nicht sich ebensoviel Mühe geben, die Herrschaftsbereiche jeder 'Wissensdraft
an dem Berufsgeschäft haftet: Es gibt Pedanten in allen Kleidern, in I abzustecken und die Einwanderung der einen in das Gebiet der an-
i
allen Rängen, allen Ständen. Unwic}tige und kleine Dinge hervor- deren unmöglich zu machen, wie man sich Mühe gibt, die Grenzen
heben, sein §Tissen eitel zur Schau stellen, griedrische und lateinisdre der Königreiche festzulegen und die Zuständigkeiten der Parlamente
Brodren ohne Urteil anhäufen, sich über die Anordnung der attischen zu regeln.
12 Hinwcis Zweite Abhandlung 13

§fas ebenfalls dazu geführt hat, diese Schulfragen völlig abzu- derselben Stelle zu finden, und diese §ü'issenschaft ist das höchste
trennen, ist nicht einfach die Tatsache, daß sie schwierig sind und von Ergebnis der im vierten Teil erörterten Methode. Aus diesem Grunde
geringer Verwendbarkeit; einige dieser Art haben wir nämlich behan- haben wir uns die Behandlung der Axiome und der Demonstrationen
delt. rü(/eil sie aber alle diese schlechten Eigenschaften haben, sind wir für dieses Kapitel aufgespart.
der Meinung gewesen) daß wir von der Behandlung des weiteren Das ungefähr sind die Absichten, die wir in dieser Logik ver-
absehen konnten, ohne dadurch gegen die Einstellung von irgend folgten. Vielleicht wird es trotz alldem sehr wenige Leute geben, die
jemandem zu handeln, da die Achrung, die ihnen entgegengebracht sie mit Vorteil benutzen oder die sich den Vorteil bewußt machen,
wird, gering ist. den sie von ihr haben werden, denn gewöhnlicl befleißigt man sich
Denn man muß innerhalb der unnützen Fragen, von denen die nicht, durch eigens vollzogene Überlegungen gegebene Vorschriften
Bücher der Philosophen voll sind, sehr sc-harf unterscheiden. Es gibr praktisch anzuwenden. Trotzdem hoffen wir, daß diejenigen, die sie
welche, die von den sie behandelnden Autoren selbst ziemlich stark mit einiger Aufmerksamkeit lesen, daraus eine oberflächliche Kenntnis
verachtet werden und im Gegensatz dazu andere, die berühmt sind werden mitnehmen können, die ihre Urteile genauer und fester machen
und gebilligt werden und die in den Schriften durchaus achrenswerter wird, selbst ohne daß sie daran denken, so wie es bestimmte Heil-
Männer große Geltung haben. mittel gibt, die durch Steigerung der Lebenskraft und Kräftigung
Es sieht so aus, als wäre man auf Grund einer Verpflichtung gegen- der Teile Übel heilen. Vie dem auch sei, wird sie wenigstens niemanden
über diesen allgemein bekannten und berühmren Meinungen. hielte lange belästigen, da die ein wenig Fortgeschrittenen sie in sieben oder
nran sie für noch so falsch, gezwungen) das, was man über sie sagt, adrt Tagen lesen und aufnehrnen können; und weil sie eine so große
zur Kenntnis zu nehmen. Man schuldet jedoch diese Höflichkeit oder Vielfalt von Dingen enthält, ist es schwierig, daß nicht I'eder etwas
eher diese Gerechtigkeit nicht der Falschheit, denn diese verdient gar fände, das ihm die Mühe seines Lesens lohnt.
keine, sondern den Männern, die für jene Meinungen voreingenommen
sind: Das, was sie schätzen, darf nicht ohne Prüfung zurückgewiesen
werden. Deswegen ist es vernünfrig, durch die Mühe, sich über diese Zweite Abhandlung,
Fragen zu orientieren, sich das Recht zu erkaufen, sie zu verachten. die die Antwort aut' die bauptsäcblicben Einwände enthält, die gegen
Man hat aber bei den Fragen der ersten Art mehr Handlungs- diese Logih gemacbt wurden
freiheit. Die Fragen der Logik, von denen wir geglaubt haben, sie
ausschließen zu müssen, gehören dazu. Sie sind in dieser Beziehung Alle, die sich anschicken, die Offentlichkeit mit irgendwelchen
bequem: sie gelten wenig, nidrt nur in der breiten Offentlichkeit, in rVerken bekannt zu machen, müssen sich zu gleicher Zeit entschließen,
der sie unbekannt sind, sondern selbst bei denen, die sie lehren. Nie- ebenso viele Richter wie l,eser zu haben, und diese Bedingung darf
mand interessiert sich, Gott sei Dank, weder für das Universale ihnen weder ungerecht noch lästig erscheinen. Denn wenn sie wirklich
a parte rei, noch für das ens rationis, noch für die intentiones secundae. an der \Wahrheit interessierte Leute sind, müssen sie das Eigentum an
Auf diese lVeise hat man keinen Grund zu befürchten, daß jemand ihren §üerken aufgegeben haben, wenn sie sie vor die Offentlichkeit
sich entrüsten wird, weil man davon gar nicht spricht. Außerdem sind bringen, und sie dann so gleichgültig wie fremde lW'erke ansehen.
diese Gegenstände für eine Darlegung im Französischen so wenig Das einzige Recht, das sie sich an ihren §7'erken geredrterweise vor-
geeignet, daß sie eher die scholastische Philosophie in Verruf bringen behalten können, ist das Recht zur Verbesserung des möglicherweise
würden als zu ihrer Achtung beizutragen. Mangelhaften, wozu diese verschiedenen Urteile über die Bücher von
Es ist ebenfalls gut darauf hinzuweisen, daß wir uns von dem großem Vorteil sind. Denn sie sind immer von Nutzen, wenn sie
Zwang entbunden haben, stets die Regeln einer völlig exakten Methode gerecht sind; und wenn sie ungerecht sind, dann schaden sie nichts,
zu befolgen. '§(ir haben viele Dinge im vierten Teil gebracht, die man denn es ist erlaubt, ihnen nicht zu folgen.
im zweiten und dritten hätte einordnen können; dies geschah aber Die Klugheit will trotzdem, daß man sich in verschiedenen Fällen
mit Absicht, weil vrir der Ansicht waren, daß es nützlich sei, alles den Urteilen, die uns nicht gerecht erscheinen, anpaßt; denn wenn
zur Vollkomnrenheit einer '§üissenschaft Erforderliche an einer und sie uns auch nicht überzeugend zeigen, daß das Getadelte schlecht ist,
14 Hinweis Zweite Abhandlung 15

so zeigen sie uns wenigstens, daß es dem Geist der Tadler nicht ange- ebensowohl für die einfachen Ideen wie für die Urteile und Schlüsse,
messen ist. Nun ist es ohne Zweifel besser' wenn man es ohne irgend- es kaum ein anderes §ü'ort gab, das alle diese verschiedenen Tätigkeiten
einen größeren Nachteil tun kann, eine so gemäßigte ltrüesensart zu einsciloß; und sicherlidr umgreift das §üort ,,denken" sie alle: denn
wählen, daß man bei der Zufriedenstellung der klugen Leute nicht die einfachen Ideen sind Gedanken, die Urteile sind Gedanken und
die.y'enigen unzufrieden macht, die das weniger genaue Urteil haben; die Schlüsse sind Gedanken. Es ist wahr, daß man hätte ,,die Kunst
denn man darf nicit annehmen, daß man nur fähige und intelligente des guten Denkens" sagen können; diese Hinzufügung war aber nicht
Leser haben wird. notwendig, da sie durch das \Wort ,,Kunst" zur Genüge ausgedrücJr.t
So wäre zu wünschen, daß man die ersten Ausgaben der Bücher nur wird, das von sich aus eine Methode, irgend etwas gut zu verrichten,
als vorläufige Versuche ansieht, die ihre Autoren den Gelehrten vor- bezeidrnet, wie Aristoteles selbst bemerkt; und gerade deshalb be-
stellen, um deren Meinungen darüber kennenzulernen' und daß die gnügt man sich damit zu sagen,,die Kunst des Malens", ,,die Kunst
Autoren dann auf Grund der verschiedenen Aspekte, die ihnen diese des Rechnens", denn man nimmt an, daß weder zum schlechten Malen
verschiedenen Gedanken liefern, daran ganz von neuem arbeiten, um noch zum sdrledrten Rechnen Kunst erforderlich ist.
ihre lWerke zu der Vollkommenheit zu erheben, zu der sie fähig sind. Man hat einen viel schwerwiegenderen Einwand gegen die Menge
So hätten wir uns in der zweiten Ausgabe der Logik gerne verhaiten, der den verschiedenen §Tissenschaften entnommenen Dinge, die man
wenn wir mehr von dem erfahren hätten, was man über die erste in in dieser Logik 6ndet, gemacht; und weil dieser Einwand den ganzeo
der Offentlichkeit sagt. \i(ir haben trotzdem getan, was wir konnten, Plan der Logik in Frage stellt und uns auf diese '§fleise Gelegenheit
und mehrere Sachen hinzugefügt, weggelassen und verbessert, den gibt, ihn zu erklären, ist es notwendig, diesen Einwand mit mehr
Gedanken derjenigen folgend, die die Güte hatten, uns wissen zu Sorgfalt zu prüfen. Zu was, sagen sie, taugt dieses ganze Gemengsel
lassen, was sie an diesem Buch auszusetzen hatten. aus Rhetorik, Moral, Physik, Metaphysik, Geometrie? \flenn wir er-
In erster Linie sind wir hinsichtlich der Sprache fast in allem
dem warten, Vorschriften der Logik zu finden, yersetzt man uns plötzlich
Rat von zwei Personen gefolgt, die die Mühe auf sich genommen haben, in die höchsten \fissensc]raften, ohne sich zuvor erkundigt zu haben,
auf einige Fehler aufmerksam zu machen, die aus Versehen sich ein- ob wir sie gelernt haben. Müßten die Verfasser nicht im Gegenteil
geschlichen hatten, ebenfalls auf einige Ausdrücke, die sie nicht für annehmen, daß, wenn wir schon alle diese Kenntnisse gehabt hätten,
zwechmäßig hielten; und wir haben uns nur dann nicht an ihre An- wir diese Logik nicht brauchen würden? Und wäre es nicht mehr wert
sichten gehalten, wenn wir nadr der Befragung anderer geteilte gewesen, uns eine ganz einfache und ganz nacJrte Logik zu geben,
Meinungen vorgefunden haben, in welchem Fall wir geglaubt haben, deren Regeln durch aus allgemeinen Sachen hergeleitete Beispiele er-
daß es crlaubt ist, den Standpunkt der schriftstellerischen Freiheit zu läutert wären, als die Regeln mit so vielen Gegenständen zu ver-
ergreifen. quid<en, die sie ersticken?
Am Inhalt wird man mehr Hinzufügungen als Veränderungen oder Diejenigen aber, die so denken, haben nicht genug berücksichtigt,
'§7'eglassungen
finden, denn was man daran tadelte, ist uns nicht in daß ein Buch keinen größeren Fehler haben könnte als den, nicht
dem gleichen Maße mitgeteilt worden. Nichtsdestoweniger ist es wahr, gelesen zu werden, denn es nützt nur denen, die es lesen; sie haben
daß wir uns einiger allgemeiner Einwände gegen dieses Buch bewußt auch nicht berücksic}tigt, daß auf diese \Weise alles, was dazu beiträgt,
waren, bei denen wir aber nicht stehenbleiben zu müssen giaubten, daß ein Budr gelesen wird, audr dazu beiträgt, daß es nützlich wird.
da wir überzeugt waren, daß dieienigen, welche sie machten, leicht 'üüären wir ihrem Gedanken gefolgt und hätten eine ganz trod<ene
zufriedengestellt wären, wenn wir ihnen die Gründe dargelegt hätten, Logik gemacht mit den gewöhnlichen Beispielen vom Lebewesen und
die wir bei den Dingen, die sie tadelten, im Blick hatten; und deshalb vom Pferd, so besteht die Gewißheit, daß sie, wie genau und metho-
ist es nötig, hier auf die hauptsächliclen dieser Einwände zu antworten. disc} sie auch immer ausgefallen wäre, lediglich die Anzahl so vieler
Es gibt Leute, die von dem Titel ,,Kunst des Denkens" unangenehm anderer, von denen die tVelt voll ist und die ganz unlesbar sind, ver-
berührt waren, an dessen Stelle sie ,,Kunst des guten Schließens" größert hätte, während es gerade die Anhäufung verschiedener Dinge
gesetzt haben wollten: wir bitten diese aber zu erwägen, daß, da die ist, die dieser hier einige Geltung verschafft hat und die der Grund
Logik das Ziel hat, Regeln für alle Vollzüge des Geistes zu geben, ist, daß sie mit etwas weniger unmut als die anderen gelesen wird.
16 Hinwcis Zweite Abhandlung 17

Trotzdem ist der hauptsädrliche Gesichtspunkt für diese Vermischung Um diese Mischung noch nützlicher zu machen, haben wir nicht aufs
nicht der, die Leute zur Lektüre dieser Logik zu verlodren, indem Geratewohl Beispiele aus diesen Wissenschaften entliehen; wir haben
man sie unterhaltender gestaltet, als es die Bücher über Logik gewöhn- vielmehr aus ihnen die wichtigsten Punkte ausgewählt, und zwar
lich sind. \Vir behaupten, darüber hinaus, dem natürlichsten und vor- solche, die am geeignetsten sind, um als Regeln und Prinzipien zur
teilhaftesten §7eg in der Behandlung dieser Kunst gefolgt zu sein, Auffindung der \üahrheit in den anderen Fragen, die wir nicht haben
einem Nachteil, der ihr Studium fast unnütz machte, soviel wie behandeln können, zu dienen.
möglich abhelfend. Im Hinblick auf die Rhetorik haben wir zum Beispiel erwogen,
Denn die Erfahrung zeigt, daß es unter tausend jungen Leuten, die daß ihre möglicle Hilfe beim Finden von Gedanken, Redewendungen
die Logik lernen, kaum zehn gibt, die sechs Monate nach Beendigung und Ausschmückungen nicht so beträcltlich ist. Der Geist liefert näm-
des Unterrichts noch irgend etwas davon wissen. Nun scheint der wirk- lich genug Gedanken, der Gebrauch gibt die Redewendungen, und an
liche Grund für dieses Vergessen oder für diese so verbreitete Ver- Figuren und Ausschmückungen hat man immer nur zuviel zur Ver-
nachlässigung der zu sein, daß alle in der Logik behandelten Gegen- fügung. Man könnte daher beinahe sagen, es komme nur darauf an,
stände an sich sehr abstrakt sind und mit dem Gebrauch so gut wie gewisse schlechte Arten des Schreibens und Sprechens, vor allem einen
nichts zu tun haben, und daß man sie noch mit wenig anregenden gekünstelten und rhetorischen Stil, gebildet aus falschen und hyper-
Beispielen verbindet, von denen sonst nirgends die Rede ist; und so bolischen Gedanken und erzwungenen Figuren, der das größte aller
hat der Geist, der sich nur mit Mühe diesen Dingen hingibt, nic}ts, Übel ist, fallenzulassen. Nun wird man vielleidrt in dieser Logik
was diese Zuwendung erhält, und er verliert leicht alle Ideen, die er ebenso viele nützliche Dinge zum Erkennen und zum Vermeiden dieser
einmal erfaßt hatte, weil sie niemals durch die Praxis erneuert werden. Fehler finden wie in den Büchern, die davon ausdrücklich handeln.
Mehr noch: da jene üblichen Beispiele nicht zum Verständnis ver- Das letzte Kapitel des ersten Teils lehrt, indem es die Natur des
helfen, daß diese Kunst auf irgend etwas Nützliches angewandt wer- bildhaften Stils aufzeigt, gleichzeitig, wie er zu gebrauchen ist und
den könnte, gewöhnen sich die Lernenden daran, die Logik, ohne dedrt die wahre Regel auf, nach der die guten von den schlechten
ihrem ausgreifenden Charakter Rechnung zu trapien, auf die Logik Bildern unterscheidbar sind. Das Kapitel, in dem wir die Loci all-
zu beschränken, während sie nur zusammengestellt ist, um den anderen gemein behandeln, kann zur Reduzierung des unnützigen Überflusses
ltrü'issenschaften
als Instrument zu dienen: so daß sie die Logik auch verbreiteter Gedanken sehr von Nutzen sein. Der Abschnitt, in dem
niemals in Gebrauch nehmen, da sie ihren wahren Gebrauch niemals von den falschen Schlüssen, zu denen die Beredsamkeit unmerklich
gesehen haben, und bei erster Gelegenheit sich von ihr wie von einem verleitet, die Rede ist, stellt nebenbei, indem er lehrt, das niemals
niedrigen und unnützen §(issen befreien. für schön zu halten, was falsch ist, eine der wichtigsten Regeln der
§(ir haben also geglaubt, das beste Mittel zur Behebung dieses wahren Rhetorik auf, nämlich eine Regel, die mehr als jede andere
Nachteils sei ein Verfahren, demgemäß man die Logik nidrt so stark, den Geist so bilden kann, daß man auf einfache, natürlicl:re und ver-
wie man es gewöhnlich tut, von den anderen ti(issensdraften, für die nünftige 'Weise schreibt. Schließlich gibt das im gleichen Kapitel über
sie bestimmt ist, trennt und demgemäß man sie durch Beispiele so mit die Sorgfalt Gesagte, die aufzuwenden ist, um die Bösartigkeit der-
festen Kenntnissen verbindet, daß man zu gleicher Zert. thre Regeln jenigen nicht zu reizen, zu denen man spricht, Anlaß zur Vermeidung
und ihre Anwendung sieht, damit man lernt, durch die Logik über einer großen Anzahl von Fehlern, die um so gefährlicher sind, als
diese tWissenschaften zu urteilen und damit man vermittels dieser sie schwieriger festzustellen sind.
rüTissenschaften das Wissen dieser Logik erhält. §(as die Moral anbetrifft, so hat der behandelte Hauptgegenstand
Um so weniger könnte daher diese Mannigfaltigkeit die Vor- nicht erlaubt, daß man aus ihr viele Dinge einfügte. Dennoch glaube
schriften erstid{en, als nichts mehr beizutragen vermag, sie völlig zu ich, man wird urteilen, daß das, was man in dem Kapitel über die
verstehen und gut zu behalten als eben diese Mannigfaltigkeit, denn falschen Ideen des Guten und Bösen im ersten Teil und in dem Kapitel
die Vorsdrriften sind von sich aus zu subtil, um sich dem Geist einzu- über die falschen Schlüsse, die man im alltäglichen Leben vollzieht,
prägen, wenn man sie nicht mit etwas Angenehmerem und Greif- sieht, von sehr großer Tragweite ist und Gelegenheit gibt, einen großen
barerem verbindet. Teil der menschlichen Irrtümer zu durchschauen.
18 Hinweis Zweite Abhandlung 19

In der Metaphysik gibt es nichts \(idrtigeres als den Ursprung eignete zu finden, da kaum eine andere §fissenschaft als diese klare
unserer Ideen, die Trennung der geistigen Ideen und der körperlichen Ideen und unbestreitbareSätze liefern kann.
Bilder, die Untersdreidung der Seele vom Körper und die auf dieser AIs wir von den wechselseitigen Eigenschaften sprachen, haben wir
Untersctreidung beruhenden Beweise ihrer Unsterblichkeit. Und gerade zum Beispiel gesagt, daß sie den rechtwinkligen Dreiedren zukommen;
das wird man im ersten und im vierten Teil ziemlich ausführlich be- die Tatsache, daß das Quadrat über der Hypotenuse gleich dem
handelt sehen. Quadrat über den Seiten ist, ist für die, welche es einsehen, klar und
Man wird an verschiedenen Stellen selbst den größten Teil der gewiß; und die, welche es nicht einsehen, können es einfach hinnehmen,
allgemeinen Prinzipien der Physik finden, deren Verbindung dann sehr ohne daß das Verständnis der Sache, auf die dieses Beispiel angewandt
leicht ist; und in dem, was über die Schwere, die sinnlichen Eigen- wird, einen Abbruch erleidet.
'Wenn
schaften, die Tätigkeiten, die Sinne, die Anziehungsvermögen, die ver- man sidr des gewöhnlich gebradrten Beispiels, nämlich der
borgenen Kräfte und die substantiellen Formen gesagt wurde, kann Lachfähigkeit, hätte bedienen wollen, von der man sagr, daß sie eine
man genug Aufklärung finden, urn sich von unendlich vielen falsdren Eigenschaft des Menschen ist, dann hätte man eine ziemlidr dunkle
Ideen zu befreien, die die Vorurteile unserer Kindheit in unserem und sehr bestreitbare Sache vorgebracht; denn wenn man unter Lach-
Geist hinterlassen haben.
fähigkeit das Vermögen zu einer bestimmten Grimasse wie beim
folgt jedoch nicht, daß man es umgehen Lachen versteht, so ist nicht einzusehen, warum man nicht Tiere zu
Aus diesem Sadrverhalt
dieser Grimasse dressieren könnte, und vielleicht gibt es welche, die
kann, alle diese Dinge mit größerer Sorgfalt in den Büchern, in denen
sie eigens behandelt werden, zu studieren; wir haben aber erwogen, sie machen. §(enn man aber unter diesem li(ort nicht nur die Ver-
änderung, die das Lachen im Gesidrt hervorbringt, versteht, sondern
daß es viele Leute gibt, die, da sie nicht für die Theologie bestimmt
auch den Gedanken, der es begleitet und erzeugt, und auf diese lVeise
sind, für welche die genaue Kenntnis der sdrolastischen Philosophie,
gleidrsam der Spradre der Theologie, erforderlich ist, sich mit einer mit Lachfähigkeit das Vermögen meint, denkend zu lachen, dann
allgemeineren Kenntnis dieser'§fissenschaften zufriedengeben können.
werden auf diese '§(eise alle Tätigkeiten des Menschen zu wechsel-
\i(enn sie nun auch in diesen-r Buch nicht alles 6nden können, was sie seitigen Eigenschaften des Menschen, da es keine gibt, die nicht dem
Menschen allein eigentümlich sind, wenn man sie mit dem Denken
darüber lernen müssen, kann man trotzdem in §flahrheit sagen, daß
verbindet. So wird man sagen, es sei eine Eigenschaft des Mensdren zu
sie darin fast alles finden, was sie davon behalten müssen.
gehen, zu trinken, zu essen, denn nur der Mensch geht, trinkt und ißt
Der Einwand, daß einige dieser Beispiele der Intelligenz der An-
fänger nicht angemessen sind, ist nur wahr im Hinblidt auf die Bei- denkend; vorausgesetzt, daß man so verfährt, wird es nicht an Bei-
spielen von eigencümlichen Eigenschaften mangeln; aber auch diese
spiele aus der Geometrie; denn die anderen können von allen denen
verstanden werden, deren Geist einigermaßen offen ist, obgleich sie werden im Geist derjenigen, die den Tieren Denken zusprechen und
die ihnen mit dem Denken auch das Lachen werden zusprechen können,
niemals etwas von der Philosophie erlernt haben; und vielleichtwerden
sie selbst für diejenigen verständlicher sein, die irgendwelche Vor-
nicht eindeutig sein; während das Beispiel, dessen wir uns bedient
haben, als ein im Geist jedermanns eindeutiges Beispiel gelten kann.
urteile noch nidrt haben, als für die, deren Geist mit den Grundsätzen
der gewöhnlichen Philosophie erfüllt ist.
In gleicher \Weise haben wir an einer anderen Stelle zeigen wollen,
.W,as daß es körperliche Dinge gibt, die man sidr wohl geistig vorzustellen
die Beispiele aus der Geometrie angeht, so ist es wahr, daß
vermag, ohne sie sich anschaulich vorzustellen; dafür haben wir das
sie nicht von jedem verstanden werden; das ist aber kein großer Nach-
Beispiel eines Tausendecks gebracht, das man mit Hilfe des Geistes
teil, denn wir sind der Ansicht, daß sie sich nur in eigenen und ge-
trennten Abhandlungen, die man leicht übergehen kann, be6nden, oder
sich klar vorstellt, obwohl man sich von ihm kein deutlidres Bild,
das seine Eigenschaften darstellt, machen kann, und beiläufig wurde
in Dingen, die von sich aus kiar genug oder durch andere Beispiele
gesagt, daß eine der Eigenschaften dieser Figur die ist, daß alle ihre
zur Genüge erhellt sind, so daß man die aus der Geometrie nicht
benötigt.
\flinkel gleich 1996 rechten \Tinkeln sind. Es ist offensichtlidr, daß
prüft, an denen man sich ihrer bedient dieses Beispiel sehr gut das beweist, was man an dieser Stelle zeigen
'Wenn man weiter die Stellen
wollte.
hat, wird man erkennen, daß es schwierig war, andere ebenso ge-
20 Hinweis Zweite Abhandlung 21

\(ir müssen noch einer beschämenden Beschwerde, die einige Leute seiner Meinung sind, haben wir diese Beispiele seinen Büchern ent-
deswegen vorbringen, weil wir aus Aristoteles Beispiele für mangel- nommen. Übrigens ist es leidrt ersichtlich, daß die Punkte, in denen
hafte Definitionen und schlechte Schlüsse gebracht haben, Rechnung wir ihm widersprochen haben, von sehr geringer Bedeutung sind und
tragen; dies scheint ihnen aus einem heimlichen rVunsch, diesen Philo- den Grund seiner Philosophie gar nicht berühren, den anzugreifen
sophen herabzusetzen, entstanden zu sein. wir keinerlei Absicht hatten.
'§(i'enn wir nicht viele ausgezeichnete Dinge, die man überall in
Sie würden sich aber niemals ein so wenig gerechtes Urteil gebildet den
haben, wenn sie die wahren Regeln, die man beim Zitieren von Bei- Büdrern des Aristoteles findet, ebenfalls gebracht haben, so deswegen,
spielen für Fehler beachten mull und die wir beim Zitieren des Aristo- weil sie im Veriauf der folgenden Ausführungen nicfit aktuell wurden;
teles im Blick hatten, genügend berücksichtigt hätten. wenn wir aber die Gelegenheit dazu gefunden hätten, wäre es mit
Erstens zeigt die Erfahrung, daß die meisten Beispiele für Fehler, Freude geschehen, und wir hätten nidrt versäumt, ihm das geredrte und
die man gewöhnlich vorbringt, von geringem Nutzen sind und wenig verdiente Lob zu geben: denn es ist nidrt zu bezweifeln, daß Aristote-
im Geist haftenbleiben, weil sie eigens zu diesem Zweck gebildet und les in der Tat ein höchst umfassender und weitausgreifender Geist
so augenscheinlich und grob sind, daß man es für unmöglich hält, ist, der in den von ihm behandelten Gegenständen eine große Menge
sie zu begehen. Es ist aiso viel vorteilhafter, damit das über diese von Verlängerungen und Folgen entded(t; und deshalb ist ihm das
Fehler Gesagte in der Erinnerung bleibt und sie vermieden werden, im zweiten Buch seiner Rhetorik über die Leidenschaften Gesagte
wirkliche Beispiele aus irgendeinem angesehenen Autor zu wählen, besonders gut gelungen.
dessen Ruf erst rec-ht den'§üunsr:h erregt, sich vor solchen Überraschun- Es gibt audr etliche schöne Dinge in seinen \(erken über Politik und
Ben zu hüten, von denen man sieht, daß selbst die größten Menschen Moral, in den Problemata, in der Gesdridrte der Lebewesen; und wie
ihnen ausgesetzt sind. groß auch immer die Verwirrung ist, die man in seinen Analytiken
Mehr noch: da man zum Ziel haben soll, alles, was man schreibt, findet, so ist trotzdem zuzugeben, daß fast alles, was man über die
so nützlich wie möglich zu machen, muß man versuchen, Beispiele für Regeln der Logik weiß, daher stammt. Es gibt also in der Tat keinen
Fehler zu finden, deren Unkenntnis nicht gut ist; denn es wäre ganz Autor, von dem wir in dieser Logik mehr Dinge entliehen haben als
unnütz, sich das Gedächtnis mit allen Träumereien des Fludd, des von Aristoteles, denn der Grundstodc der Vorschriften stammt von
Van Helmont und des Paracelsus zu belasten. ihm.
Also ist es besser, solche Beispiele in so berühmten Autoren zu Es ist wahr, daß das am wenigsten vollkommene seiner §(erke seine
suchen, die man selbst bis in ihre Fehler hinein kennen sollte. Physik zu sein scheint, wie es audr dasjenige ist, das am längsten von
Nun finden wir dies alles auf vollkommene V'eise ir.r Aristoteles; der Kirdre verurteilt und verboten wurde, wie ein gelehrter Mann es
denn nichts kann mächtiger zur Vermeidung eines Fehlers drängen, in einem Buch ausdrücklich gezeigt hat. Der Flauprmangel, den man
als wenn man aufzeigt, daß ein so großer Geist ihn begangen hat: aber in ihr finden kann, ist niclt der, daß sie falsch ist, sondern im
und Aristoteles' Philosophie ist durch die große Anzahl verdienst- Gegenteil, daß sie zu v/ahr ist und uns nur Dinge lehrt, die nicht zu
voller Männer, die sie aufgenommen haben, so berühmt gev/orden, wissen unmöglidr ist. Denn wer kann daran zweifeln, daß alle Dinge
daß selbst das §üissen unr das, was möglicherweise mangelhaft in ihr aus Materie und einer gewissen Form der Materie zusammengesetzt
ist, notwendig ist. So haben wir, weil wir es für sehr nützlich hieiten, sind? Ver kann bezweifeln, daß zur Erlangung einer neuen Seins-
daß die Leser dieses Buches beiläufig verschiedene Punkte der aristo- weise oder neuen Gestalt die Materie diese vorher nicht haben darf,
telischen Philosophie kennenlernen, jedoch gleichzeitig der Meinung das heißt, daß sie deren Privation gehabt haben muß? Wer kann
waren, daß es niemals nützlich ist, sich zu täuschen, diese Punkte schließlich diese anderen metaphysischen Grundsätze bezweifeln: alles
erwähnt, unr sie mitzuteilen; nebenbei haben wir aber auch auf den hängt von der Gestalt ab; die Materie für sich allein vollbringt nichts;
Mangel, der in ihnerr enthalten ist, aufmerksam gemacht, um eine es gibt Ort, Bewegungsweisen, Beschaffenheiten, Vermögen. Aber nach-
eventuelle Täuschung zu verhindern. dem man alle diese Dinge gelernt hat, scheint es weder, daß man etwas
Nicht also um Aristoteles herabzusetzen, sondern im Gegenteil, Neues erlernt hat, noch, daß man jetzt eher in der Lage ist, den Grund
um ihn soweit als möglich in den Dingen zu ehren, in denen wir nicht für irgendeine'§flirkung der Natur anzugeben.
22 Hinweis Zweitc Abhandlung 21

'§7'enn Leute herkommen sollten, die behaupten, es sei auf gar keine kommen, wie Aristoteles es geglaubt hat, da die Anatomie doch so klar
Art und '§7eise erlaubt, eine von Aristoteles abweichende Meinung zu gezeigt hat, daß sie ihren Ursprung im Gehirn haben; dieses ließ den
äußern, dann wäre es leicht, ihnen zu z.eigen, daß dieses Zartgefihl heiligen Augustinus sagen: Qui ex puncro cerebri et quasi cenrro sensus
unvernünftig ist. omnes quinaria distributione diffudit? Und wer wäre der Philosoph,
Denn wenn man einigen Philosophen Ehrerbietung schuldet, so der haisstarrig bei der Behauptung bleibt, daß die Geschwindigkeit
kann das nur zweierlei Gründe haben: entweder im Hinblick auf die der schweren Körper im gleichen Verhältnis wie ihre Schwere zu-
Vahrheit, der sie entsprochen haben oder im Hinblidr auf das Urteil nimmt, da es niemanden gibt, der das Irrige dieser Meinung des Ari-
der Männer, von denen sie rezipiert werden. stoteles nicht einsehen könnte, indem er von erhöhter Stelle aus zwei
Im Hinblidr auf die §Tahrheit ist man ihnen Achtung schuldig, wenn sehr ungleich schwere Körper fallen läßt, bei denen man gleichwohl
sie recht haben; die Anerkennung der \Wahrheit aber kann niemanden nur eine sehr geringe Ungleichheit in der Geschwindigkeit feststellen
dazu zwingen, die Falsdrheit, wo immer sich diese auch befinden mag, wird.
zu achten. 1üllas aber die Übereinstimmung der Menschen hinsichtlich Alle gewaltsamen Zustände sind gewöhnlidr nidrt von langer Dauer
der Billigung eines Philosophen betrifft, so ist es sicher, daß auch ihr und alle Extreme sind gewaltsam. Es ist zu harq Arisroteles allgemein
einige Beachtung gebührt, und daß es unklug wäre, an ihr ohne große zu verdammen, wie man es einst getan hat, und es wäre wohl ein zu
'Wenn man
Vorsichtsmaßnahmen zu rütteln; und der Grund davon ist: großer Zwang, wenn man sich verpflichtet glaubte, ihn in allem zu
das von aller Velt Angenommene angreift, begibt man sich in den billigen und ihn als Regel für die §üahrheit der philosophischen Mei-
Verdacht des Eigendünkels, als ob man mehr Einsicht als die anderen nungen zu nehmen, wie man es ansdrließend anscheinend hat machen
besitze. W'enn aber die Offentlichkeit über die Meinungen eines Autors wollen. Die §(elt kann nicht lange in dieser Zwangsjacke leben und
geteilt ist und es angesehene Leute auf der einen wie auch auf der setzt sic.h unmerklich wieder in den Besitz der natürlichen und ver-
anderen Seite gibt, ist man nidrt mehr zu dieser Zurüd<haltung ver- nünftigen Freiheit, die darin besteht, das zu billigen, was man als
pflichtet und kann frei erklären, was man in diesen Büchern, über die wahr beurteilt und das zurüdrzuweisen, was man als falsch beurteilt.
die Ansichten der Gelehrten geteilt sind, billigt oder mißbilligt; denn Denn die Vernunft findet es nicht unpassend, wenn man sie in den-
dann würde es nicht heißen, daß man seiner eigenen Meinung vor der jenigen 'Vissensdraften unter die Autorität beugt, die, als auf die Ver-
des Autors oder der ihn Billigenden den Vorzug gibt, sondern daß nunft übersteigende Dinge bezogene'§7'issenschaften, einer anderen
man sich der Partei derjenigen anschließt, die in diesenr Punkte dem Erkenntnisquelle folgen müssen, welche nur die göttliche Autorität
Autor widerspredren. sein kann. Aber sie ist wohl im Recht, wenn sie sich in den Human-
Das ist nun genau der Zustand, in dem sich die Philosophie des wissenschaften, die uns versidrern, sic} auf nichts anderes als auf die
Aristoteles gegenwärtig be6ndet. Dem '§Techsel ihres Schicksals ent- Vernunft zu stützen, nicht durch die der Vernunft widerstreitende
sprechend, nach dem sie zu einer Zeit allgemein abgelehnt und zu einer Autorität unterjochen läßt.
anderen allgemein akzeptiert wurde, ist sie zur Zek auf einen Zustand Das ist die erste Regel, der wir beim Sprechen über die Meinungen
festgelegt worden, der die Mitte zwischen den äußersten Extremen der Philosophen, der alten und der neueren, gefolgt sind. Man hat
darstellt: sie wird von vielen Gelehrten verteidigt und von anderen sowohl bei den einen als auch bei den anderen nur die \flahrheit in
bekämpft, deren Ruf nicht geringer ist. Frei schreibt man in Frank- Erwägung gezogen,ohne sich im ganzen mit den Meinungen irgendeines
reich, in Flandern, in England, in Deutschland, in Holland für oder besonderen zu vermählen und ohne sidr ebenso gänzli& gegen irgend-
gegen die Philosophie des Aristoteles; die Vorlesungen in Paris sind einen zu erklären.
ebenso wie die Bücher geteilterMeinung, und niemand stößt sich daran, Alles, was man daraus sdrließen muß, wenn wir irgendeine Meinung
wc'nn man sich dort gegen ihn erklärt. Die berühmtesten Professoren von Aristoteles oder einem anderen zurückgewiesen haben, ist demnach
tun sich nicht mehr den Zwang jener Beflissenheit an, blind alles auf- die Tatsache, daß wir mit diesem Autor bei dieser Gelegenheit nicht
zunehmen, was sie in seinen Büchern 6nden, und einige seiner Mei- übereinstimmen. Man darf aber keineswegs daraus schließen, daß wir
nungen sind sogar aus der'§?'issenschaft verbannt; denn wer wäre der in anderen Punkten nicht seiner Meinung seien, und noch viel weniger,
Arzt, der jetzt darauf bestehen wollte, daß die Nerven vom Herzen daß wir irgendeine Abneigung gegen ihn hätten und den §[unsch heg-
Hinweis

ten, ihn herabzusetzen. §y'ir glauben, daß diese Einstellung von allen
gerechten Leuten gebilligt werden wird und daß man in dem ganzen
'Werk nur das redliche Anliegen
irgend jemanden
- ohne irgendeine Leidenschaft gegen
erkennen wird, zum Nutzen des Publikums bei-
-
zutragen, soweit das überhaupt mit einem Budr dieser Art erreicht DIE LOGIK
werden kann. oder
DIE KUNST DES DENKENS

Die Logik ist die Kunst, seine Vernunft in der Erkenntnis der Dinge
gut zu leiten, sowohl um sidr selbst zu unterrichten als audr um dar-
über die anderen zu belehren.
Diese Kunst besteht in den Überlegungen, die die Mensdren über
die vier Haupttätigkeiten ihres Geistes, das Vorstellen, das Urteilen,
das Sdrließen und das Anordnen angestellt haben. Man nennt Vor-
stellen die einfadre Ansicht der Dinge, die sidr unserem Geist darbieten,
wie wenn wir uns eine Sonne, eine Erde, einen Baum, einen Kreis, ein
Vierech, das Denken, das Sein vergegenwärtigen, ohne uns von ihnen
eigens ein Urteil zu bilden; und die Form, unter der wir uns diese
Dinge vergegenwärtigen, heißr I dee.
Man nennt Urteilen die Tätigkeit unseres Geistes, durdr die er, ver-
sdriedene Ideen miteinander verbindend, von der einen bejaht, daß
sie die andere ist, oder von der einen verneint, daß sie die andere ist, wie
wenn ich im Besitz der Idee der Erde und der Idee des Runden, von
der Erde bejahe, daß sie rund ist oder verneine, daß sie rund ist. ,

Man nennt Schlie$en die Tätigkeit unseres Geistes, durch die er ein
Urteil aus mehreren anderen bildet; wie wenn der Geist, nadrdem er
geurteilt hat, daß die wahre Tugend Gott zukommen muß und daß
die Tugend der Heiden ihm nidrt zukam, daraus folgert, daß die
Tugend der Heiden keine wahre Tugend war.
'W'ir nennen Anordnen die Tätigkeit unseres Geistes, durdr die er,
wenn er über einen Gegenstand wie den menschlichen Körper verschie-
dene Ideen, versdriedene Urteile und versdriedene Schlüsse hat, diese
auf die geeignetste W'eise zusammengestellt, um diesen Gegenstand be-
kanntzumachen. Dies wird auch Metbode genannt.
Alles dies geht auf natürlidre Weise vor sich und wird manchmal
besser von denen getan, die keine Regel der Logik gelernt haben,
als von denjenigen, die sie gelernt haben.
So besteht die Kunst nicht darin, das Mittel zur Durchführung dieser
Operationen zu finde4, da einzig die Natur es uns liefert, indem sie uns
die Vernunft gibt, sondern darin, Reflexionen über das anzustellen, was
die Natur uns tun läßt, wobei diese uns in dreierlei Hinsicht nützen.
26 Die Logik Erster Teil. Kapitel | 27

Erstens sind wir sicher, einen guten Gebrauch von unserer vernunft ERSTER TEIL
zu machen, denn die Berüd<sichtigung der Regel veranlaßr uns erneur,
auf den Gebrauch der Vernunft die Aufmerksamkeit zu richten. der die Überiegungen über die Ideen oder über die erste Tätigkeit des
Zweitens werden der Irrtum und der Mangel, die sich in die Opera- Geistes, die Vorstellen heißt, enthält.
tionen unseres Geistes einschleichen können, leichter entdeckt ,.rd '§flir können keine Kenntnis dessen haben, was außerhalb von uns
".-
klärt; denn es gesdrieht oft, daß man bereits durch das natürliche Licht ist, es sei denn durch die Vermittlung von Ideen, die in uns sind;
die Faisdrheit eines Schlusses entdeckt, aber trotzdem nicht den Grund die überlegungen, die man über unsere Ideen anstellen kann, sind
findet, warum er falsdr ist, so wie diejenigen, welche nicht zu malen daher vielleicht das §(ichtigste, da sie die Grundlage alles übrigen
wissen, vom Fehler eines Bildes unangenehm überrascht sein können, sind.
ohne trotzdem in der Lage zu sein zu erklären, welcher der Fehler ist, Man kann diese überlegungen nach den fünf 'Weisen der Betradr-
der sie unangenehm berührt. tung der Ideen auf fünf hauptsächliche zurüdrführen:
Drittens lernen wir die Natur unseres Geistes durch die Reflexionen, 1. hinsichtlich der Natur und des Ursprungs der Ideen;
die wir über seine Tätigkeiten anstellen, besser kennen, was für sich, 2. hinsichtlich des hauptsächlichen Unterschieds der Objekte, die sie
wenn man einzig und allein auf die Spekulation ausgerichtet wäre, ein repräsentieren;
ausgezeidrnetes vissen darstellt, im vergleich zur Erkenntnis aller 3. hinsichtlich ihrer Einfachheit oder Zusammengesetztheit, wo wir
körperlid-ren Dinge, die unendlich weit unter den geistigen stehen. auch die geistigen Abstraktionen und Bestimmtheiten des Geistes
\(enn die Reflexionen, die wir über unsere Gedanken anstellen, behandeln werden;
niemals jemanden anderen als uns selbst betrofien hätten, so hätte es "1.hinsichtlich ihrer Ausdehnung oder Einschränkung, das heißt ihrer
genügt, nur sie selbst zu betrachten, ohne sie weder mit irgendweldren Universalität, Partikularität, Singularität;
rJ7orten nodr mit irgendwelchen
anderen Zeichen zu umkleiden; in 5. hinsichtlich ihrer Klarheit und Dunkelheit oder Deutlichkeit und
der Logik ist es aber notwendig, die Ideen verbunden mit den 'W'örtern Verworrenheit.
und die §7'örter verbunden mit den Ideen zu betrachten, da wir ein-
ander unsere Gedanken nur verständlich machen können, wenn sie von
äußerlidren Zeichen begleitet werden, und da diese Angewohnheit Kapitel I
selbst so stark ist, daß, wenn wir allein denken, die Dinge sich unserem
Geist nur mit den '§?'orten darbieten, mit denen sie zu bekleiden wir Über die Ideen hinsichtlich ibrer Natwr
gewohnt sind, indem wir zu anderen sprechen. oder ihres Ursprungs
Aus allem, was wir eben gesagt haben, folgt, daß die Logik in vier
Teile unterteilt werden kann gemäß den versdriedenen überlegungen, Das'§Vort,,Idee" zählt zu den so klaren'W'orten, die man nicht
die man über diese vier Operationen des Geistes anstellt. durch andere erklären kann, weil es überhaupt keine klareren und ein-
facheren gibt.
Daher ist alles, was getan werden kann, damit man sich hier nidrt
täuscht, die Herausstellung des faischen Sinns, den man diesem 'W'ort
zuschreiben könnte, indem man es einzig und allein auf die auf der
Einbildungskraft beruhende rffeise des Vorstellens der Dinge be-
schränkt, die in der Zuwendung unseres Geistes zu den in unserem
Gehirn gemalten Bildern besteht.
Denn wie der heilige Augustinus öfters bemerkt, hat sich der Mensch
seit dem Sündenfall so sehr daran gewöhnt, nichts anderes als die an-
schaulichen, körperlichen Dinge, deren Bilder in unser Gehirn durch
die Sinne Eingang finden, zu betradrten, daß die meisten der Meinung
28 Die Logik Erster Teil. Kapitel 1 29

sind, eine Sadre nicht erfassen zu können, wenn sie diese sich nidrt in daß das Sidr-Einbilden einer Sadrel etwas anderes und das Sic}-Vor-
der Einbildung vorstellen, d. h. ein körperliches Bild sich vergegen- stellen einer Sache2 wieder etwas anderes ist.
wärtigen können; als ob in uns nur diese eine Art zu denken und sidr Dies zeigt sidr nodr deutlidrer durdr die Betradrtung einiger Dinge,
etwas vorzustellen, vorhanden wäre. die wir uns sehr klar vorstellen, obwohl sie keinesfalls zu denen zäh-
'Während man, sobald auf das, was in unserem Geist vor
sich geht, len, die wir in der Einbildungskraft z\ haben vermögen. Denn was
reflektiert wird, anerkennen muß, daß wir uns eine sehr große An- stellen wir uns klarer vor als unser Denken, da wir dodr denken? In-
zahl von Dingen ohne irgendeines dieser Bilder vorstellen und den dessen ist es unmöglich, sich einen Akt des Denkens einzubilden und
Unterschied zwischen auf der Einbildungskraft beruhenden anschau- sidr davon irgendein Bild in unserem Gehirn auszumalen. Audr das Ja
lichem Vorstellen und reinem Begreifen bemerken muß. §(enn ich und das Nein können kein Bild haben: beide, sowohl der, weldrer die
zum Beispiel ein Dreiecl< in der Einbildungskraft habe, stelle ich Erde für rund hält, als auch der, weldrer behauptet, daß sie nicht rund
es mir nicht nur als eine durch drei gerade Linien begrenzte Figur sei, haben die glei&en Dinge in ihrem Gehirn aufgemait, nämlidr die
vor, sondern darüber hinaus betrachte ich diese drei Linien als Erde und die runde Gestalt; aber der eine fügt die Bejahung hinzu,
dank der Kraft und der inneren Zuwendung meines Geistes gegen- die eine besondere Tätigkeit seines Geistes ist und die er ohne irgendein
wärtige; und eben dies ist es, was im strengen Sinne unter auf der anschauliches, körperliches Bild sich vorstellt; der andere fügt eine
Einbildungskraft beruhendem anschaulichem Sich-Vorstellen zu ver- entgegengesetzte Tätigkeit, nämlich die Verneinung hinzu, die noch
stehen ist. \Wenn ich ein Tausendeck denken will, stelle ich mir tat- weniger ein ihr entsprechendes Bild haben kann.
säctrlich vor, daß es eigentlich eine aus tausend Seiten zusammen- '§7'enn
wir daher von Ideen sprechen, belegen wir keineswegs die
gesetzte Figur ist, und zwar genauso leicht, wie ich mir vorsrelle, Bilder, die in der Phantasie ausgemalt sind, mit diesem Namen, son-
daß ein Dreiecl< nur aus drei Seiten besteht; aber ich kann weder dern alles was in unserem Geist ist, wenn wir in '§(ahrheit sagen
die tausend Seiten dieser Figur in der Einbildungskraft haben, noch können, daß wir uns eine Sadre vorstellen, auf welche Art und '§ü'eise
ihrer als gegenwärtige sozusagen mit den Augen meines Geistes an- auch immers dieses Vorstellen geschieht.
sichtig werden. 'Woraus folgt, daß wir (wenn wir verstehen, was wir sagen) nicl-rts
Es ist trotzdem wahr, daß die Gewohnheit, uns unserer Einbildungs- durdr unsere §(orte ausdrücken können, ohne daß dabei zugleich die
kraft zu bedienen, wenn wir an körperlidre Dinge denken, uns dazu Gewißheit besteht, daß wir in unserem Inneren im Besitz der Idee
bringt, daß wir beim Vorstellen eines Tausendedrs irgendeine Gestalt des Dinges, die wir durch unsere §florte bezeidrnen, sind, obwohl diese
in verworrener \feise uns vergegenwärtigen; es ist jedoch unmittelbar Idee bald klarer und deutlicher, bald dunkler und verworrener sein
einleuchtend, daß diese Gestalt, die man sidr mit Hilfe der Einbil- kann, wie wir es weiter unten erklären werden. Es würde sonst nämlich
dungskraft vergegenwärtigt, keineswegs eine Gestalt mit tausend'§(/'in- ein '§(idersprudr sich ergeben zwischen der Behauptung, daß idr das,
keln ist, da sie sich in nichts von der untersdreidet, die ich mir ver- was ich beim Aussprechen eines '§7'ortes sage, verstehe, und der These,
gegenwärtigen würde, wenn ich eine Figur mit zehntausend \(inkeln daß idr trotzdem beim Aussprechen des W'ortes auf nichts anderes aus-
zum Gegenstand meines Denkens gemacht hätte, und da sie in keiner geridrtet bin als den reinen Schall des 'W'ortes.
'Weise
dazu dient, die Eigenschaften, welche den Unterschied zwischen Auf Grund dieser Überlegung wird die Unwahrheit von zvlei sehr
einem Tausended< und einem beliebigen anderen Polygon ausmachen, gefährliclren Meinungen, die von Philosophen unserer Zett verrreten
zu entdec-ken. worden sind, ersichtlich.
Ich kann also strenggenommen kein Tausendeck in der Einbildungs- Nach der ersten haben wir überhaupt keine Idee von Gott. '§?enn
kraft haben, da das Bild, das ich von ihm in meiner Einbildung würde wir nämlich von Gott keine Idee haben würden, würden wir beim
malen wollen, mir ebenso wie das Tausendeck jede andere Gestalt mit
einer großen Anzahl von lWinkeln zeigen würde. Trotzdem kann idr I D. h. das auf der Einbildungskraft beruhende ansdraulidre Sidr-Vorstellen
mir das Tausended< sehr klar und sehr deutlich vorstellep, denn idr einer Sache (Anm. d. Übers.).
kann alle seine Eigenschaften beweisen, wie die, daß seine §(inkel 2 D. h. das nur begreifende Sidr-Vorstellen einer Sache (Anm. d. Ubers.).
zusammen gleich 1996 rechten §(inkeln sind; und daraus ergibt sich, s D. h. mit weldrem Grad der Deutlidrkeit audr immer (Anm. d. Übers.).
JU Die Logik Erster Teil. Kapitel I 31

'Worte von der Einbildungskraft und vielleicht die Einbildungskraft


Aussprechen des Namens Gottes auf nichts anderes ausgerichtet sein
wieder von der Bewegung der Körperorgane:
als auf diese vier Buchstaben D, i, e, u (G, o, t, t), ond ein Franzose
- wie i,*r
glaube
-
und so wird unsere vernünftige Seele (mens) eine Bewegung in einigen
würde beim Hören des Namens Dieu und beim Eintreten in eine Syn-
agoge, in der er ohne die geringste Kenntnis der hebräischen Sprache Teilen des organischen Körpers sein."
auf hebräisch ,,Adonai" oder ,,Eloha" ausgesprodren hören würde, sich Man muß wohl annehmen, daß die gerade wiedergegebenen Worte
hinsichtlich des geistigen Inhalts in genau demselben Zustand befinden. eine von der Meinung dessen, der sie ausspricht, stark abweidrende
Und wenn Menschen wie Caligula und Domitian sich den Namen Einwendung darstellen; da sich aber aus ihnen, als Behauptung aufge-
Gottes zusprechen, hätten sie damit gar keinen Frevel begangen, da es faßt, die Zerstörung der Unsterblidrkeit der Seele ergeben würde, ist
nichts in diesen Buchstaben oder diesen zwei Srlben d.eu.s gibt, was nicht es von \Widrtigkeit, ihre Unwahrheit zl zetgen, was nicht schwer sein
einem Menschen zugeordnet werden könnte, vorausgesetzt, man ver- wird, denn die übereinkunft, von der dieser Philosoph spricht, kann
binde mit ihnen keinerlei Idee. Daher kommt es auch, daß man einen nur das Abkommen der Menschen gewesen sein, gewisse Laute zu
Holländer, der Ludovicus Dieu heißt, keineswegs der Gottlosigkeit nehmen, um sie als Zeichen von ldeen, die wir in unserem Geist haben,
bezichtigt.'Worin sonst würde also die Gottlosigkeit der obengenannten zu setzen. So dafS diese übereinkunft unmöglich gewesen wäre, wenn
Kaiser bestehen, wenn nicht darin, daß sie, dem '§üorte deus wenigstens wir außer den Namen nicht in uns selbst die Ideen der Dinge hätten,
einen Teil seiner Idee, nämlich die Idee eines hervorragenden und ver- so wie es audr unmöglich ist, durch Übereinkunft einem Blinden ver-
ehrungswürdigen Wesens belassend, sic}r diesen Namen mit dieser Idee ständlich zu machen, was das \(ort rot, grün, blau meint; denn wenn
zusammen aneignen? der Blinde diese Ideen nicht hat, so kann er sie auch nicht an irgend-
\üenn wir aber gar keine ldee von Gott hätten: worauf würde dann einen Laut anheften.
alles, was wir über Gott sagen, beruhen, wie zum Beispiel, daß es nur Da die verschiedenen Nationen darüber hinaus den Sachen und
einen gibt, daß er ewig ist, allmädrtig, allgütig, allwissend? Denn in selbst den klarsten und einfachsten, wie es die Objekte der Geometrie
dem Laut ,,Gott" ist nichts von allem eingesdrlossen, sondern nur sind, verschiedene Namen gegeben haben, so hätten sie nicht die glei-
in der Idee, die wir von Gott haben und die wir mit diesem Laut ver- chen Gedankengänge in bezug auf die gleichen '§(ahrheiten, wenn der
knüpft haben. Gedankengang nichts anderes als eine Versammlung von Namen mit
Und nur hieraus wird verständlich, warum wir den Namen ,,Gott" Hilfe des §(ortes ,,ist" wäre.
allen falschen Gottheiten verweigern: nicht, weil dieses Wort ihnen Und wie es durch diese verschiedenen Worte sic}tbar wird, daß die
nicht zugesprochen werden könnte, wenn es nur als materielleGegeben- Araber zum Beispiel nicht mit den Franzosen übereingekornmen sind,
heit aufgefaßt werden würde, da es ihnen von den Heiden dodt zu- urn den Lauten die gleichen Bedeutungen zu geben, so könnten sie auch
gesproc-hen worden ist, sondern weil die Idee vom höchsten Wesen, nidrt in ihren Urteilen und ihren Überlegungen übereinstimmen, vor-
die in uns ist und die der Gebrauch mit dem '§üort ,,Gott" verbunden ausgesetzt, ihre Überlegungen hingen von .iener Übereinkunft ab.
hat, sich nur mit dem einzig wahren Gott verträgt. §(enn man sagt, daß die Bedeutung der '§7'orte willkürlich ist, ist
Die zweite jener irrigen Meinungen hat ein Engländer vertreten: in dem lüitort ,,willkürlich" eine srarke Aquivokation enthalten. Denn
,,Das Schließen ist vielleidrt nichts anderes als die Versammlung und in der Tat ist es rein willkürlich, diese Idee an diesen Laut eher als an
die Verkettung von Namen mit Hilfe des 'Wortes ,ist'. '§üoraus folgen einen anderen zu heften; aber die Ideen selbst sind keine willkürlichen
würde, daß wir durch die Vernunft zu Schlußfolgerungen kommend, Sachen oder solche, die von unserer Phantasie abhängen, zum min-
das Vesen der Dinge überhaupt nicht berühren; wir berühren vielmehr desten nicht die klaren und deutlichen unrer ihnen. Um dies eindeutig
dabei nur ihre Benennungen, das heißt, wir achten lediglich darauf, ob zu zeigen, ist darauf hinzuweisen, daß es lächerlich wäre sich vorzu-
wir in gesdriclter oder ungeschid<ter '§fleise die Namen der Sachen der stellen, daß ganz bestimmte lffirkungen von rein willkürlichen Dingen
Übereinkunft gemäß, weldre wir hinsidrtlidr ihrer Bedeutungen in abhängen können. Denn wenn ein Mensch auf Grurrd seiner Über-
unserer Phantasie getroffen haben, zusammenstellen." legung zu dem Schluß gekommen ist, daß die Eisenachse, die die zwei
Dieser Autor fügt hinzu: ,W'enn das wahr ist und es ist möglidr' Mühlsteine der Mühle durchbohrt, sich drehen könnte, ohne dem
- unteren Mühlstein eine Drehbewegung zu verleihen, wenn sie rund ist
daß es so ist wird unser Gedankengang von Vorten abhängen, die
-,
32 Die Logik Erster Teil. Kapitel I 33

und durch ein rundes Lodr geht, daß sie sidr aber nicht drehen könnte, daß sie sehr absurd und ebenso entgegengesetzt der Religion wie der
ohne dem oberen Mühlstein eine Drehbewegung zu verleihen, wenn sie wahren Philosophie ist. Denn um nichts als Klares zu sagen: es gibt
als vieredrige in einem viered<igen Lodr des oberen Mühlsteins ein- nichts, was wir uns deutlicher vorstellen als unser Denken selbst; und
gefügt wäre, dann stellt sic-h die behauptete \üirkung unweigerlidr ein, keinen Satz, der für uns klarer sein könnte als der folgende: Idr denke,
und folglidr ist seine überlegung keineswegs eine Ansammlung von also bin ic:h. Nun hätten wir keine Gewißheit über diesen Satz, wenn
Namen einer übereinkunft gemäß, die gänzlich von der mensdrlidren wir uns nicht deutlidr das vorstellten, was ,,sein" ist und das, was ,,den-
Phantasie abhängt, gewesen, sondern ein stidrhaltiges und treffendes ken" ist; und man darf nicht verlangen, daß wir diese beiden Begriffe
Urteil über die Natur der Dinge vermittels der Betradrtung der Ideen erklären, denn sie gehören zu denen, die von jedermann so gut ver-
der Dinge, die der Mensch in seinem Geist hat standen werden, daß man sie verdunkelte, wollte man sie erhellen. Da
- und die die Mensdren
nadr ihrem Belieben durdr gewisse Namen bezeichneten. wir also die Ideen des ,,Seins" und des ,,Denkens" unleugbar in uns
Das bisher Gesagte kann zur Erfassung des Sinnes des lWortes ,,1dee" haben, stelle ich die Frage: durdr welche Sinne haben sie wohl Eingang
genügen; es bleibt nur nodr ein §ü'ort über ihren Ursprung zu sagen. gefunden? Sind sie etwa als durch den Gesichtssinn vermittelte leuch-
Die ganze Frage besteht hier darin, herauszu6nden, ob unsere Ideen tend oder farbig? sind sie etwa als durch das Gehör vermittelte von
aus den Sinnen stammen und ob man folgenden allgemeinen Grund- tiefem oder schrillem Ton? als durch den Gerudrssinn vermittelte von
satz als richtig gelten lassen muß:,,Nihil est in intellectu quod non gutem oder schledrtem Geruch? als durdr den Geschmadr vermittelte
prius fuerit in sensu." von gutem oder sdrlechtem Geschmad<? als durch den Tastsinn ver-
Das ist die Meinung eines von der Offentliclkeit gesdrätzten Philo- mittelte warm oder kalt, hart oder weidr? \Venn man jedoch sagt, sie
sophen, der seine Logik mit der Behauptung beginnt: ,,Omnis idea seien aus anderen sinnlidren Bildern geformt, so möge man uns auch
orsum ducit a sensibus"; alle Ideen haben ihren Ursprung in den Sin- sagen, welcle diese anderen sinnlidren Bilder sind, aus denen angeblich
nen. Er gesteht trotzdem ein, daß niclt alle unsere Ideen in der Gestalt die Ideen des Seins und des Denkens geformt worden sind und wie sie
daraus haben gebildet werden können durch Zusammen-
in unseren Sinnen gewesen sind, in der sie in unserem Geist sind, be- - entweder
setzung oder durch Erweiterung oder durch Verkleinerung oder durch
hauptet aber, daß sie wenigstens aus den ldeen gebildet wurden, die
durdr die Sinne hindurdrgegangen sind: entweder durdr Zusammen- Analogie. Wenn man darauf nichts Vernünftiges entgegnen kann, muß
setzung, wie man sidr aus den getrennten Bildern des Goldes und eines man eingestehen, daß die Ideen des Seins und des Denkens ihren Ur-
Berges einen Goldberg sclafft; oder durdr Erweiterung oder Verhleine- sprung in keiner Veise in den Sinnen haben, daß vielmehr die Seele
rung, wie man sich aus dem Bild eines Mensdren von durchsdrnittlicher das Vermögen hat, sie von sich aus zu bilden, obgleicJr es oft vor-
Größe einen Pygmäen bildet; oder durdr Anpassung und Analogie, kommt, daß die Seele dazu durch etwas, was die Sinne berührt, gereizt
wie man sidr aus der Idee eines Flauses, das man gesehen hat, das Bild wird; so wie ein Maler zum Malen eines Bildes durcl das Geld, das
eines Hauses, das man nidrt gesehen hat, bildet. Und auf diese rifleise, ihm versprodren wird, veranlaßt werden kann, ohne daß man deshalb
sagt er, stellen wir uns Gott, den wir mit den Sinnen nidrt erfassen sagen könnte, das Bild habe seinen Ursprung in dem Geld gehabt'
können, unter dem Bild eines ehrwürdigen Greises vor. Das schließlich, was die eben erwähnten Autoren hinzufügen: die
Obgleich nach diesem Gedanken nidrt alle unsere Ideen irgendeinem Idee, die wir von Gott haben, leite ihren Ursprung von den Sinnen
besonderen Körper, den wir gesehen haben oder der unsere Sinne her, weil wir ihn uns unter der Idee eines verehrungswürdigen Greises
berührt hat, ähneln, so seien sie gleichwohl alle körperlidr und würden vorstellen, ist ein nur den Anthropomorphiten würdiger Gedanke,
uns nichts, 'was nicht wenigstens teilweise in unsere Sinne Eingang das heißt ein Gedanke, der auf die Verwechslung der echten Ideen,
gefunden hätte, vergegenwärtigen. Und so würden wir uns alle nur die wir von den geistigen Dingen haben, mit den falschen Gebilden
durch Bilder vorstellen, und zwar durdr solche wie die, welche sich in der Einbildungskraft, die wir auf Grund einer schlechten Gewohnheit,
unserem Gehirn bilden, wenn wir Körper sehen oder uns diese ein- alles ansclaulidr vorstellen zu wollen, uns machen, beruht.
bilden. Es ist jedoch ebenso unsinnig, das, was keineswegs körperlidr ist,
Aber obgleich unser Philosoph diese Meinung mit vielen Vertretern sich in der Einbildungskraft anschaulich vorstellen zu wollen, wie es
der scholastischen Philosophie teilt, fürdrte ich midr nicht zu sagen, der'§üunsch ist, die Farben zu hören und die Töne zu sehen.
34 Die Logik Erster Teil. Kapitel II 35

Um diesen Gedanken zurüdrzuweiserr, ist nur in Erwägung zu stummen, die keinerlei Bilder der Laute haben, gleichwohl Ideen ihres
ziehen, daß, wenn wir keine andere Idee von Gott als die eines ver- Denkens besitzen, wenigstens wenn sie durch einen Akt der Reflexiorr
ehrungswürdigen Greises hätten, alle Urteile über Gott uns falsch feststellen, daß sie denken.
erscheinen müßten, wenn sie mit dieser Idee unverträglich sind; denn
wir sind natürlicherweise dazu veranlaßt zu glauben, daß unsere Ur-
teile falsdr sind, wenn wir klar sehen, daß sie den Ideen, die wir von Kapitel II
den Dingen haben, entgegengesetzt sind; und auf diese lWeise könnten
wir nicht mit Gewißheit urteilen: Gott habe keine Teile, er sei nidrt Über die Ideen, hinsichtlicb ibrer Gegenstände betracbtet
körperlich, er sei allgegenwärtig, er sei unsichtbar; denn all das stimmt
mit der Idee eines verehrungswürdigen Greises gar nicht überein. lWenn Alles, was wir uns vorstellen, zeigt sich unserem Geist entweder als
Gott sicl.r mandrmal in dieser Gestalt gezeigt hat, so darf uns das nid-rt Ding oder als Sosein des Dinges oder als Ding in einem bestimmten
dazu veranlassen, diese als die Idee zu nehmen, die wir uns von Gott Zustand.
machen müssen, denn sonst dürften wir auch vom Heiligen Geist keine Ich nenne Ding das, was man sich als durch sich selbst bestehend
andere Idee als die einer Taube haben, weil er sich in Gestalt einer vorstellt und als das Subjekt alles dessen, was man, auf dieses blickend,
Taube gezeigt hat; oder wir müßten uns Gott als einen Laut vorstel- sich vorstellt. Es ist dasselbe, was man sonst Substanz nennt.
len, weil der Ton des Namens ,,Gott" uns dazu dient, die ldee Gottes Ich nenne Sosein des Dinges oder Modus oder Attribut oder Quali-
in uns zu erwecken. Es ist also falsch, daß alle unsere ldeen aus tät das, was als ein in dem Ding Enthaltenes vorgestellt wird und als
unseren Sinnen stammen; man kann vieimehr sagen, daß umgekehrt ein ohne das Ding nicht sein Könnendes das Ding bestimmt, in einer
keine Idee, die in unserem Geist ist, ihren Ursprung von den Sinnen besonderen \(eise vorzuliegen und es so und nidrt anders zu nennen
herleitet, es sei denn beiläufigerweise, sofern die Bewegungen, die in veranlaßt.
unserem Gehirn stattfinden und in denen sidr die §(irkung unserer Ich nenne es ,,Ding in einem bestimmten Zustand", wenn man die
Sinne erschöpft, der Seele die Gelegenheit geben, sich verschiedene Substanz als durdt eine festumrissene Seinsweise oder einen Modus
Ideen zu bilden, die sie sich ohne jene Gehirntätigkeit nicht gebildet bestimmt betrachtet.
haben würde, obgleich fast immer diese Ideen keine Ähnlichkeit mit Dies wird besser durch Beispiele verständlidr werden'
\Wenn ich einen Körper betrachte, stellt mir die Idee, die ich von
dem haben, was in den Sinnen und dem Gehirn vorgeht, und obgleich,
darüber hinaus, es eine große Anzahl von Ideen gibt, die, da ihnen ihm habe, ein Ding oder eine Substanz vor, da ich ihn als ein Ding
'§7eise eines
nichts von irgendeinem körperlichen Bild anhaftet, nicht ohne offen- ansehe, das durch sidr selbst besteht und das in keiner
sichtliche Absurdität auf unsere Sinne bezogen werden können. Subjekts'! bedarf, um zu existieren.
\{irft man nun ein, daß wir, gleichzeitig und während wir die Idee Aber wenn ich in Erwägung ziehe, daß dieser Körper rund ist, so
geistiger Dinge wie die des Denkens haben, es nidrt unterlassen, uns zeigt mir die Idee, die ich vom Runden habe, nur ein Sosein oder einen
irgendein körperlidres Bild zum mindesten des Lautes, der diese Idee Modus, den ich mir dabei als etwas vorstelle, das natürlicherweise nicht
bezeichnet, zu bilden, wird damit nichts Entgegengesetztes zu dem, ohne den Körper, dessen Rundheit er ausmacht, zu bestehen vermag.
was wir bewiesen haben, gesagt. Denn dieses Bild des Lautes ,,Den- Und schließlich, wenn ich den Modus mit dem Ding verknüpfend
ken", das wir in unserer Einbildungskraft erzeugen, ist keineswegs das einen runden Körper betrachte, zeigt mir diese Idee (nämlich die Idee
Bild des Denkens selbst, sonderrr eben nur eines Sihalls; und es dient ,,runder Körper") ein Ding in einem bestimmten Zustand.
nur dazu, das Sich-Vorstellen des Denkens zu bewerkstelligen, und Die Namen, die zur Bezeichnung der Dinge dienen, heißen Substan-
zwar nlur insofern, als auf Grund der Gewohnheit der Seele, sich beim tive oder Absoluta, wie Erde, Sonne, Geist, Gott.
Vorstellen dieses Lautes auch das Denken selbst vorzustellen, sie gleich-
zeitig eine rein geistige Idee des Denkens bildet, die mit der des Lautes 'i ljnter ,,Sub.iekt" ist in diesem Zusammenhang nicht ein denkendes Idr,
nichts zu tun hat, die aber lediglich wegen der Gewohnheit mit ihm sondern das aristotelisdre {rnoxelptvov (das ,,Zugrunde-Liegende") zu ver-
verbunden wird. \üas auch dadurch belegt werden kann, daß die Taub- stehen [Anm. d. Übers.].
36 Die Logik E,rstcr Teil. Kapitel II 37

Aber auch die, weldre in erster Linie und direkt die Modi bezeich- eine der anderen absprechen kann, ohne dabei die Idee, die man von
nen, wie Härte, 'W'ärme, Gerechtigkeit, Klugheit, werden ebenfalls jeder hatte, zu zerstören' Zum Beispiel kann ich sehr wohl die Klug-
Substantive oder Absoluta genannt, weil sie sich in dieser Hinsidrt heit negieren, ohne die Aufmerksamkeit besonders auf einen Menschen.
auf eine Art Substanzen beziehen. der klug ist, zu richten; aber ich bin nicht in der Lage, mir die Klugheit
Die Namen wie rund, hart, gerecht, klug, die die Dinge als in einem vorzustellen, den Bezug verneinend, den sie zu einem Menschen oder
'Wesen, das diese Tugend besitzt,
bestimmten Zustand befindliche bezeichnen, in erster Linie und direkt, einem sonstigen vernunftbegabten
wenn auch verworrener, das Ding, und indirekter aber deutlicher den hat.
Modus angebend, werden Adjektive oder Konnotative genannt. Wenn ich im Gegenteil alles bedacht habe, was einer ausgedehnten
Es muß aber angemerkt werden, daß unser Geist, daran gewöhnt, Substanz, die man Körper nennt, zukommt, wie die Ausdehnung, die
die meisten Dinge als in einem bestimmten Zustand befindliche zu Gestalt, die Beweglichkeit, die Teilbarkeit, und auf der anderen Seite
kennen, da er sie fast nur durch die Akzidenzien und Qualitäten kennt, alles betrachte, was dem Geist und der denkenden Substanz zukommt,
die unsere Sinne affizieren, oft die Substanz selbst hinsichtlich ihres wie denken, zweifeln, sich erinnern, wollen, überlegen, kann ich in
'§ü'esens
in zwei Ideen aufteilt, von denen er die eine als Subjekt und bezug auf die ausgedehnte Substanz alles verneinen, was ich beim
die andere als Modus betrachtet. Obgleidr so alles, was in Gott ist, Vorstellen der denkenden Substanz mir vorstelle, ohne deswegen

Gott selbst ist, unterläßt man es doch nicht, sich ihn als ein unendliches aufzuhören, sehr deutlich die ausgedehnte Substanz und alle sonstigen
und die Unendlichkeit als Attribut rron Gott
Seiendes vorzustellen; Attribure, die mit ihr verbunden werden, nrir vorzustellen, und ich

anzusehen und das Seiende als Subjekt dieses Attributes. So be- kann umgekehrt der denkenden substanz alles, was ich beim vorstellen
trachtet man audr oft den Menschen als Subjekt der Humanität, als der ausgedehnten Substanz mir vorgestellt habe, abspredren, ohne des-
ein habens humanitatem, und folglich als ,,Ding in einem bestimmten wegen aufzuhören, alles, was ich mir von der denkenden Substanz
Zustand". vorstelle, mir sehr deutlich vorzustellen.
Und demzufolge verwandelt man das wesentlidre Attribut, das Und daraus zeigt sich auch, daß das Denken keineswegs ein Modus
nichts anderes als das Ding selbst ist, in einen Modus, weil man es der ausgedehnten Substanz ist, denn die Ausdehnung und alle die
sich einem Subjekt anhaftend vorstellt; genau das ist es, was man Eigenschaften, die ihr folgen, können dem Denken abgesprochen wer-
,,Abstraktion der Substanzen" nennt, wie es das Mensch-Sein, das Kör- den, ohne daß deswegen das begreifende vorstellen des Gegenstandes
per-Sein, die Vernunft sind. ,,Denken" schwindet.
Es ist trotzdem sehr wichtig zu wissen, was wirklidr Modus und Zu den Modi kann man noch anmerken, daß es welche gibt, wie
was nur dem Schein nach Modus ist; denn eine der hauptsächlidren rund, viereckig, die innere heißen können, weil sie als in der Substanz
Ursadren unserer Irrtümer ist die Verwechslung der Modi mit den selbst vorkommend vorgestellt werden; und wiederum andere wie
Substanzen und der Substanzen mit den Modi. Es gehört also zur geliebt, gesehen, begehrt, die äußere heißen können, weil sie von einem
Natur des wahren Modus, daß man ohne ihn klar und deutlich sich Ding stammen, das nicht in der Substanz ist und auf Tätigkeiten eines
die Substanz, deren Modus er ist, vorstellen kann und daß man gleich- and".e., sich beziehende Namen sind: in der Terminologie der scho-
wohl, andererseits, sich nicht klar diesen Modus vorstellen kann, ohne lastik werden sie denominatio externa genannt.
'W'enn insbesondere diese '§?'orte ihren Ursprung von irgendeiner
gleichzeitig seinen Bezug zu der Substanz, ohne die er natürlicherweise
nicht existieren kann, sich vorzustellen. \fleise, sich die Dinge vorzustellen, herleiten, heißen sie intentiones
Es bedeutet jedoch nicht, daß man sich den Modus nidrt vorstellen secundae. Dementsprechend:,,Subjekt-Sein",,,Attribut-Sein" sind in-
könnte, ohne die Aufmerksamkeit besonders und ausdrüchlidr auf tentiones secundae, da sie §feisen sind, in denen man sidr die Dinge
sein Subjekt zu richten, aber es zeigt sich, daß der Bezug zl der Sub- vorstellt, und zwar solche, die ihren Ursprung von der Tätigkeit des

stanz zumindest verworrenerweise in der Idee des Modus enthalten Geistes herleiten; des Geistes, der zwei Ideen miteinander verbunden
ist, denn dieser Bezug des Modus ließe sich nicht verneinen, ohne hat, indem er die eine der anderen zuspridrt.
dabei die ldee, die man von dem Modus hat, zu zerstören; während Man kann noch anmerken, daß es Modi gibt, die man substantielle
man beim Sich-Vorstellen von zwei Dingen oder zwei Substanzen die nennen kann, weil sie wirkliche Substanzen, als auf andere substanzen
38 Die Logik Erster Teil. Kapitel III J9

angewandte und daher als Modi und Weisen erscheinende, zum Inhalt die Linien, die Länge und die Breite die Fiächen und die drei
haben;bekieidet, bewaffnet sind Modi dieser Art. zusammen die festen Körper.
Es gibt andere, die man einfach reelle nennen kann; das sind wirk- III. Die QueurÄr, von der Aristoteles vier Arten untersdreidet:
lidre Modi, die keine Substanzen sind, sondern nur Seinsweisen der 1. Die erste umschlielSt dte 'Veisen des Wrbaltens, das heißt die
Substanz. Anlagen des Geistes oder des Körpers, die durch wi"derholte
Schließlich gibt es welche, die negative heißen können, weil sie die Akte angeeignet werden wie die Wissensdraften, die Tugen-
mit einer Negation irgendeines reellen oder substantiellen Modus ver- den, die Laster; die Geschicklichkeit zum Malen, zum Schrei-
bundene Substanz darstellen. ben, zum Tanzen.
\Wenn die durch diese Ideen, sei es der Substanzen, sei es der Modi, 2. Die zweite die natürlicben Wrmögen, welche die Fakultäten
repräsentierten Gegenstände in der Tat so sind wie die Ideen sie uns der Seele oder des Körpers sind: der Verstand, der Ville, das
repräsentieren, nennt man die Ideen wahr; sind aber die Gegenstände Gedächtnis, die ftinf Sinne, die Fähigkeit zu gehen.
nicht so, dann kommt den Ideen eine ihnen eigentümliche Art Falsch- l. Die dritte die sinnlichen Qualitäten wie die Härte, die Veiü-
heit zu. In diesem Fall haben wir es mit Gebilden zu tun, die man heit, die Schwere, das Kalte, das W'arme, die Farben, die
in der Sdrolastik entia rationis nennt; sie bestehen gewöhnlich in der Töne, die Gerüdre, die versdriedenen Gesdrmadrsridrtungen.
durch den Geist bewerkstelligten Versammlung von zwei Ideen, die, 4. Die vierte die Form und die Gestalt, die die äußere Bestimmt-
jede für sich genommen, einen ausweisbaren Sachgehalt haben, die heit der Quantität ist: wie rund, viereckig, kugelförmig oder
jedoch in der \üflirklichkeit nicht als miteinander verbundene, das heißt kubisch.
einen Gegenstand dieser Virklichkeit bzw. eine Idee ausmachend, IV. Das VrnnÄlrNrs oder die Beziehung zwischen einer Sache
vorkommen. Die Idee eines Goldberges, zum Beispiel, die wir in uns und einer anderen, wie die den Gedanken des Verhältnisses
bilden können, ist ein Gedankending (ens rationis), weil sie aus zwei implizierenden Begriffe,,Vater",,,Sohn",,,Herr",,,Diener",
Ideen zusammengesetzt ist, nämlich der Idee des Berges und der des ,,König", ,,IJntertan"; die Beziehung des Vermögens zu seinem
Goldes, die sie als vereinte vorweist, obwohl sie es in der Virklichkeit Objekt, des Gesichtssinnes zu dem, was sichtbar ist; und alles,
keinesfalls sind. was einen Vergleidr anzeigr, wie fühlbar, gleidr, größer, kleiner.
V. Das TuN, entweder in sich bleibend, wie gehen, tanzen, wissen,
Kapitel III lieben oder als ein auf ein anderes Ausgerichtetes, wie schlagen,
schneiden, breclen, erhellen, erwärmen.
Über die zebn Kategorien des Aristoteles VL Lu»rN: geschlagen, gebrochen, erheiit, erhitzt werden.
VII. \Vo: das heißt die Antwort auf die Fragen nadr dem Ort, wie
Man kann an diese Betradrtung über die Ideen hinsichtlich ihrer in Rom, in Paris, in seinem Arbeitszimmer, in seinem Bett, auf
Objekte die zehn Kategorien des Aristoteles anschließen; denn diese seinem Stuhl.
sind nur verschiedene Klassen, auf die dieser Philosoph alle Gegen- VIII. VINN: das heißt die Antwort auf die Fragen nach der Zeit;
stände unseres Denkens hat zurüdrführen wollen, alle Substanzen in wie: wann hat er gelebt? vor hundert.Jahren; wann ist das
der ersten Klasse und alle Akzidenzien in den neun anderen Klassen gesdrehen? gestern.
zusammenfassend. Es sind folgende: IX. Die Lacr,: sitzend, aufrecht, scilafend, davor, dahinter, rechts
I. Die Sussr.{Nz, die entweder geistig oder körperlich ist usw. oder links.
II. Die QuaNrrrÄr, die diskret heißt, wenn ihre Teile keineswegs X. HanrN, das heißt irgend etwas um sich haben, was als Kleidung
verbunden sind, wie etwa die Zahl, und die stetig heißt, wenn oder Sdrmudr oder V'affe dienen kann, wie gekleidet scin, ge-
die Teile verbunden sind. In diesem Fall ist die Quantität ent- krönt sein, besdruht, bewaffnet sein.
weder eine sukzessive wie die Zeit und die Bewegung oder eine Das sind die zehn Kategorien des Aristoteles, aus denen man lauter
permanente, was man auch anders den Raum oder die Aus- Geheimnisse madrt, obwohl sie in lVahrheit für sich genommen sehr
dehnung in Länge, Breite, Tiefe nennt; die Länge allein bildet wenig nützlidr sind. Nidrt nur sind sie kaum zur Bildung des Urteils
40 Die Logik Erster Teil. Kapitel IV 41

dienlich, was dodl das Ziel der wahren Logik ist, sondern sie stören lichkeit des Glaubens sehr vernünftig bemerkt, ist diese Geisteshaltung
hier sogar sehr, und zwar aus folgenden zwei Gründen, die wir an- aus zwei Gründen sehr tadelnswert. Erstens wird einer, der fälschlich
führen müssen. überzeugt ist, die \üahrheit zu kennen, dadurch unfähig, sich über die
'§(ahrheit belehren
Einmal sieht man nämlidr diese Kategorien als auf der Vernunft zu lassen. Dieser Dünkel und diese Kühnheit sind,
und auf der Vahrheit selbst beruhende an, während sie ganz will- zweitens, Zeicher. eines nicht wohlgeratenen Geistes: Opinari, duas ob
kürlich sind und ihre Grundlage nichts anderes als die Einbildungs- res turpissimum est: quod discere non potesr qui sibi jam se scire
kraft eines Menschen ist, der keinerlei Autorität hat, den anderen, die persuasit: et per se ipsa temeritas non bene affecti animi signum est.
mit genau demselben Recht die Objekte ihres Denkens auf eine andere Denn das 'tVort opinari meint in der reinen lateinischen Sprache die
Art und lWeise ordnen könnten, jeder nach seiner lWeise des Denkens, Neigung eines Geistes, der zu leichr unsidreren Sachen zusrimmt und
ein Gesetz vorzuschreiben. Und in der Tat: es gibt einige, die in dem weldrer auf diese \(eise das zu wissen vermeint, was er nicit weiß.
folgenden Distichon alles zusammengefaßt haben, was man nach einer Deshalb haben auch alle Philosophen behauptet: sapientem nihil
neueren Philosophie in allen Dingen der Velt vorfindet: opinari, und Cicero sagt von sich, er sei ein magnus opinator, sich selbst
wegen dieses Lasters tadelnd.

H::#";:,'J;"'ll"i.,I:'J'",1,"'i;:':;.:';:"'
Dies bedeutet, daß diese Leute überzeugt sind, man könne die ganze Kapitel IV
Natur begreifen, indem man nur diese sieben Dinge oder Seinsweisen
betrachtet. l Mens, den Geist oder die Substanz, die denkt, 2.Materia, Über die Ideen der Dinge und die Ideen der Zeichen
den Körper oder die ausgedehnte Substanz, 3. Mensura, die Größe
'Wenn man einen Gegenstand für sich und in seinem Eigendasein
oder die Kleinheit jedes Teils der Materie, 4. Positura, die Lage eines
l'eils der Materie im Hinblick auf die der anderen,5. Figura, die betrachtet, ohne den Blidr des Geistes darauf zu richten, was er etwa
Gestalt der Teile der Materie, 6. Motus, ihre Bewegung, 7. Quies, ihre darstellen könnte, so ist die ldee, die man von dem Gegenstand hat,
Ruhe oder geringere Bewegung. die Idee eines Dinges, wie die Idee der Erde, die Idee der Sonne.
'W'enn
Der zweite Grund, weshalb das Studium der Kategorien gefahrlir*r man aber einen gewissen Gegenstand nur als Stellvertreter eines
ist, ist der, daß sie die Menschen daran gewöhnen, sich mit bloßen anderen ansieht, so ist die Idee, die man von ihm hat, die Idee eines
\W'orten abspeisen zu lassen und sich einzubilden, sie wüßten alle Dinge, Zeichens, und der erste Gegenstand wird ,,Zeichen" genannt. In dieser
'§Veise
wenn sie einfach die willkürlichen Namen der Dinge, die im Geist betrachtet man gewöhnlich die Landkarten und die Bildwerke.
gar keine klare und deutliche Idee erzeugen, wie an anderer Stelle Das Zeichen enrhält genaugenommen in sidr zwei Ideen, die des
gezeigt werden wird, kennen. Dinges, das darstellt, und die des dargestellten Dinges; seine Natur
Man könnte hier noch von den Attributen der Lullisten besteht darin, die zweite Idee durch die erste anzuregen.
- Güte,
hlacht, Grö$e sprechen. Diese Sache ist aber im Grunde so lächer- Die Zeichen lassen sich auf verschiedene §(eise einteilen; wir werden
-
lich, daß ihre Vorsteliung, durch Anwendung dieser metaphysischen uns aber hier mit drei zufriedengeben, die von größter Nützlichkeit
Vokabeln auf alles, was man ihnen nennt, könnten sie dies alles sind.
begreifen, nicht einmal eine Zurückweisung verdient. Erstens gibt es sidrere Zeichen, die im Grieclischen rexpilqra heißen,
Ein zeitgenössischer Autor hat sehr richtig gesagt, daß die Regeln so wie es die Atmung in bezug auf das Leben der Lebewesen ist. Und
der Aristotelischen Logik nur dazu dienen, einem anderen zu beweisen, es gibt andere, die nur wahrscheinliche sind, im Griechischen orltrreia
was man schon vorher wußte; daß aber die Kunst des Lullus nur dazu genannt, so wie die Blässe nur ein wahrscheinliches Zeichen der Sdrwan-
dient, urteilslos das, was man nicht weiß, zu erörtern. Die Unwissen- gerschaft der Frauen ist.
heit indessen ist viel mehr wert als diese falsdre '§flissensdraft, die uns Der größte Teil der unbesonnenen Urteile kommt aus der Ver-
dazu verleitet, uns einzubilden, das zu wissen, was man keineswegs wedrslung dieser zwei Arten von Zeichen und daher, daß man eine
weiß. Denn wie der heilige Augustinus in seinem Buch über die Nütz- \(irkung einer gewissen Ursache zuschreibt, obgleich sie auch von
Erster Teil. Kapitel IV 43
42 Die [.t>gik

anderen Ursachen stammen könnte, und die daher nur ein wahrschein- Ding das zu verbergen, was es als Zeichet offenbart: auf diese lWeise
liches Zeichen dieser Ursadre ist.
verbirgt die heiße Asche, als Ding verstanden, das Feuer und als
Zweitens gibt es Zeichen, die mit den Dingen in Verbindung ge- Zeichen offenbart sie es; so verdeckten die von den Engeln ange-
nommenen Gestalten als Dinge verstanden die Engel, als Zeichen
bracht vrerden, so wie die Miene des Gesichts, die das Zeichen der
zeigten sie sie an; die Symbole der Eucharistie verbergen als Dinge
Bewegungen der Seeie ist, mit diesen von ihr bezeichneten Bewegungen
in Verbindung gebrachr wird; die Symptome, Zetchen der Krank- den Leib von Jesus Christus, und als Symbole offenbaren sie ihn'
heiten, werden mit
diesen Krankheiten verbunden; und um mich
4. Man kann daraus folgern, daß, da die Natur des Zeichens in der

bedeutsanrerer Beispiele zu bedienen: so wie die Arche, Zeichen der


Hervorbringung der sinnlichen Erkenntnis der Idee des dargestellten
Kirche, mit Noah und seinen Kindern, der wahren Kirche jener Zeit, Dinges durch die Idee des darstellenden Dinges besteht, das Zeichen
so lange beharrt, wie jene Virkung fortbesteht, das heißt, wie jene
verbunden worden ist, so werden unsere kirchlichen Bauwerke, Zeichen
der Gläubigen, oft mit den Gläubigen verbunden; so wurde die Taube,
doppelte Idee veranlaßt wird, selbst dann noch, wenn das der Idee
des darstellenden Dinges zugrunde liegende Ding in seinem Eigen-
Gestalt des Heiligen Geistes, mit dem Heiligen Geist verbunden, so
wird die '§(aschung der 'Iaufe, Gestalt der geistigen rüTiedergeburt, dasein zerstört ist. Demnach ist es nicht von Bedeutung, ob die
mit dieser Wiedergeburt verbunden. Farben des Regenbogens, die Gott als Zetchert' dafür genommen
Es gibt auch Zeichen, die vor.r der.r Sachen Betrennt sind: wie die hat, daß er das menschliche Gesc-hlecht nicht mehr durch eine Sint-
Opferungen des alten Gesetzes, Zeichen des getöteten Jesus Christus,
flut vernichten würde, wirklich und wahr sind, vorausgesetzt, daß
unsere Sinne stets denselben Eindruck haben und daß sie sich dieses
von dem, was sie darstellen, getrennt waren.
Diese Einteilung der Zeichen erlaubt, folgende Grundsätze aufzu- Eindrucks bedienen, um sich Gottes Versprechen vorzustellen.
Es ist ebenfalls nicht von Bedeutung, ob das Brot des Abendmahls
stellen:
als einzelgegebenes \tr0'irkliches beharrt, vorausgesetzt, daß in unseren
1. Man kann nie genau schliellen: r,eder von der Gegenwart des Zei-
Sinnen stets das Bild von Brot aufkommt, das uns zum Vorstellen
chensauf die Gegenu,art der bezeichneten Sache, denn es gibt Zeichen
von abwesenden Dingen, noch von der Gegenwart des Zeichens auf der Art und '§ü'eise dient, in der der Leib Christi die Nahrung
die Abwesenheit des bezeichneten Dinges, denn es gibt Zeichen von unserer Seelen ist und wie die Gläubigen unter sich vereint sind.
gegenwärtigen Dingen. Man muß also darüber nach der besorrderen Nach der dritten Einteilung der Zeichen gibt es natürliche Zeichen,
die nicht von der Phantasie der Menschen abhängig sind, wie ein Bild,
Natur des Zeichens urteilen.
das in einem Spiegel erscheint, ein natürliches Zeichen dessen ist' den
2. Obgleich ein Ding in einem bestirnmten Zustand nicht das Zeichen
es darstellt; es gibt wiederum andere Zetchen, die einfach als Zeichen
von sich selbst in diesem gleichen Zustand sein kann, denn jedes
Zeichen verlangt eine Unterscheidung zwischen dem darstellenden aufgestellt und gesetzt sind, sei es, daß sie irgendeine entfernte Be-
ziehung zu der dargestellten Sache haben, sei es, daß sie überhaupt
und dem dargestellten Ding, ist es doch gut möglich, daß ein Ding
keine zu ihr haben. So sind die lVörter gesetzte Zeichen für die Ge-
in einem gewissen Zustand sich in einem anderen selbst vorstellt,
danken und die Buchstaben solche für die \Wörter. Wenn wir die Sätze
wie es sehr wohl möglich ist, daß ein Mann in einem Zimmer sich
behandeln, werden wir eine wichtige tVahrheit, die diese Arten der
als predigenden vorstellt ; und so genügt scl-ron allein die Verschieden-
Zeichen betriflt, erläutern, nämlich daß man zuweilen die durch sie
heit der Zustände im Hinblick auf das Verhältnis des vorstellenden
bezeichneten Dinge bejahen kann,
Dinges zu dem vorgestellten; das heißt: eine und dieselbe Sache
kann in einem bestimmten Zustand das vorstellende und in einem
anderen das vorgestellte Ding sein.
3. Es ist sehr wohl möglich, daß ein und dasselbe Ding ein anderes
gleichzeitig verbirgt und aufdeckt, und daher haben die, welche
sagten, daß nichts durch das erscheint, wodurch es verbor€ien wird,
einen sehr anfedrtbaren Grundsatz aufgestellt; denn da dasselbe
Ding zu derselben Zeit Ding und Zeichen sein kann, vermaB es als
44 Die Logik Erster Teil. Kapitel V ,15

Kapitel V gedehnten Körper in seiner Länge, Breite und Tiefe haben: denn um
des besseren Erkennens willen haben sie sich zuerst entschlossen, den
Über die Ideen hinsicbtlicb ibrer Zusammensetzung od,er Einfachbeit, Körper nach einer einzigen Dirnension, der Länge, zu betrachten, und
in dem pom Erhennen durcb Abstrahtion od.er Bestimmtheit die dann haben sie ihm den Namen Linie gegeben. Sie haben ihn darauf
Rede ist als zweidimensionalen angesehen, die Länge und die Breite in Er-
wägung ziehend, und ihn Oberfläche genannt. Und schließlich, alle
Das im zweiten Kapitel beiläufig Gesagte, nämlich daß wir einen drei Dimensionen, Länge, Breite und Tiefe, zusammen berücksich-
Modus betrachten könnten, ohne über die Substanz, der er als Modus tigend, haben sie ihn festen Körper oder einfach Körper Benannt.
zukommt, eigens zu reflektieren, gibt uns Gelegenheit, das, was man Daraus ersieht man, wie lächerlich das Argument einiger Skeptiker
Abstraletion des Geistes nennt, zu erklären. ist, die die Gewißheit der Geometrie bezweifeln wollen, weil sie
Das geringe Fassungsvermögen unseres Geistes bringt es mit sich, Linien und Oberflächen annimmt, die es in der Natur gar nicht gibt.
daß er die etwas zusammengesetzten Dinge nur dann vollkommen Denn die Geometer nehmen keineswegs an, daß es Linien ohne Breite
verstehen kann, wenn er ihre Teile nacheinander betrachtet und gleich- oder Oberfläche ohne Tiefe gibt; sondern sie setzen nur voraus, daß
sam die verschiedenen Ansichten, die sie bieten können, durchgeht. man die Länge betrachten kann, ohne auf die Breite zu achten, was
Das kann man allgemein ,,erkennen durch Abstraktion" nennen. unzweifelhaft ist, so wie man beim Messen der Entfernung einer Stadt
Da aber die Dinge auf versdriedene §(/eise zusammengesetzt sind von einer anderen nur die Länge der 'Wege mißt, ohne sich um die
und es unter den zusammengesetzten solche gibt, die aus wirklich Breite zu kümmern.
voneinander geschiedenen Teilen, Bestandteilen (wie die des mensch- Nun wird der Geist um so mehr fähig, die Dinge zu erkennen, je
lichen Körpers, die verschiedenen Teile einer Zahl) zusammengesetzt weiter man die Dinge in verschiedene Modi teilen kann; so sehen wir,
sind, ist es sehr leidrt einzusehen, daß unser Geist sidr der Betrachtung daß man nidrt in der Lage war, die Reflexion und die Brechung der
eines Teils zuwenden kann, ohne den anderen zu betrachten, denn Strahlen klar zu begreifen, solange man nicht bei der Bewegung das
diese Teile sind wirklich unterschieden. Das nennt man jedoch nicht Bestimmtwerden zum Einscllagen irgendeiner Richtung von der Be-
Abstraktion. wegung selbst unterschieden hat und darüber hinaus nicht verschiedene
Es ist nun eindeutig nützlich, die Teile dieser Dinge getrennt an Teile innerhalb einer und derselben Bestimmung; was leicht erreicht
Steile des Ganzen zu betrachten, da man sonst beinahe keine deutliche wird mit dieser Unterscheidung, wie aus dem zweiten Kapitel der
Erkenntnis erlangen kann; denn gibt es ein anderes Mittel, den mensch- Dioptrik des Herrn Descartes ersichtli*r ist.
Iidren Körper zu erkennen, als ihn in alle seine einander ähnlichen Die dritte Art, die Dinge durch Abstraktion zu erfassen, wäre die,
und einander unähnlidren Teile zu zergliedern und allen verschiedene von den versdriedenen Attributen eines Dinges nur an das eine zu
Namen zu geben? Ebenfalls die ganze Arithmetik ist hierauf ge- denken und nicht zugleich an das andere, obgleich es zwischen den
gründet: denn es ist keine Kunst vonnöten, um mit kleinen Zahlen versdriedenen Attributen nur eine verstandesmäßige Unterscheidung
zu redrnen, weil der Geist sie als Ganze umfaßt; die ganze Kunst gibt. Das geschieht folgendermaßen: wenn ich zum Beispiel darauf
besteht daher darin, das, was man nicht auf einmal beredrnen könnte, reflektiere, daß ich denke, und daß folglich ich es bin, der denkt, so
mit Hilfe der Teile zu berechnen. Es würde nämlidr unmöglidr sein, könnte ich in der Idee, die ich von mir als denkendem Ich habe, mich
welche Fassungskraft unser Geist auch hätte, zwei adrt- oder neun- der Betradrtung eines denkenden Dinges zuwenden, ohne die Auf-
stellige Zahlen zu multiplizieren, wenn man sie als ungeteilte Ganz- merksamkeit darauf zu richten, daß ich dieses Ding bin, obgleich in
heiten nimmt. mir ich und das denkende Etwas nur ein und dasselbe sind, und so
Die zweite Art des Erkennens durch Teiie wird dann vollzogen, könnte die Idee, die id-r in der Vorstellung von einer denkenden
wenn man den Modus betrachtet, ohne die Aufmerksamkeit auf die Person habe, nic*rt nur mich darstellen, sondern aucl alle anderen
Substanz zu richten, oder wenn von zwei Modi, die zusammen in einer denkenden Personen. Das gleiche geschieht, wenn ich mich darauf
Substanz verbunden sind, jeder für sich in den Blid< gefaßt wird. Das festlege, ein auf einem Papier gemaltes gleichseitiges Dreiedr hier zu
taten die Geometer, die als Gep;enstand ihrer '§ü'issenschaft den aus- betrachten, wo es mit allen zufälligen Beziehungen, die es bestimmen,
46 Die Logik Erster Teil. Kapitel VI 47

ist; ich werde dann nur die Idee eines bestimmten Dreiecks haben; Die Ideen, die nur ein einziges Ding repräsentieren, heißen einzelne
qrenn ich aber meinen Geist von der Betrachtung aller besonderen oder individuelle, und das, was sie darstellen, Indioidwen; die Ideen,
Umstände abwende, und nur denke, daß dies eine durch drei Linien die mehrere Dinge repräsentieren, heißen universelle, gemeinsame
begrenzte Figur ist, wird die Idee, die ich mir von der Figur bilde, oder allgemeine.
mir einmal klarer diese Gleichheit der Linien darstellen und zum Die Namen, dte zw Bezeichnung der ersten Ideen dienen, heißen
anderen midr befähigen, mir alle gleichseitigen Dreie&e vorzustellen. Eigennamen: Sokrates, Rom, Bukephalos. Und diejenigen, welche
\Wenn ich aber weitergehe und nicht mehr bei dieser Gleichheit der zur Bezeichnung der letzteren dienen, heißen gemeinsame Namen oder
Linien stehenbleibe, so sehe ich nur, daß dies eine durch drei gerade Appellativa, wie ,,Mensch", ,,Stadt", ,,Pferd". Und sowohl die uni-
Linien begrenzte Figur ist, und ich würde mir eine Idee bilden, die versellen Ideen als auch die gemeinsamen Namen können allgemeine
alle Arten von Dreiec-ken darstellen kann. Und wenn ich anschließend '§üorte genannt werden.
nicht mehr bei der Anzahl der Linien stehenbleibe und nur darauf Es ist aber noch anzumerken, daß die '§7örter auf zwei Arten all-
adrte, daß dies eine durdr gerade Linien umschlossene ebene Ober- gemein sind: die eine nennt man eindeutiB, wenn nämlich die tWörter
fläche ist, so wird die Idee, die ich rnir bilden werde, alle durch gerade mit den allgemeinen Ideen verbunden sind, so daß dasselbe §ü'ort
Linien gebildete Figuren darstellen können; auf diese 'W'eise könnte mehreren Dingen zukommt, sowohl nach dem Laut als auch nach einer
man von Stufe zu Stufe bis zur reinen Ausdehnung fortschreiten. Nun gleichen Idee, die mit jenem '§V'ort in Verbindung gebracht wird:
sieht man bei diesen Abstraktionen immer, daß die untere Stufe die solche sind die '§7örter, von denen eben gesprochen wurde, wie Menscb,
höhere in sich begreift, allerdings mit irgendeiner besonderen Be- Stadt, Pferd.
stimmtheit, wie ,,ich" das denkende Etwas einschließt und das gleich- Die andere nennt man mehrdeutig, und zwar, wenn der gleiche Laut
seitige Dreieck das Dreieck und das Dreieck die geradlinige Figur; daß von den Menschen mit versdriedenen Ideen verbunden wurde, so daß
aber die höhere Stufe, als die weniger bestimmte, als Stellvertreter der gleiche Laut mehreren Dingen zukommt, nicht ;'edoch auf Grund
mehrerer Dinge angesprochen werden irann. einer und derselben Idee, sondern auf Grund von verschiedenen Ideen,
Schließlich ist ersichtlich, daß durch diese Art der Abstraktion die mit denen er im Gebrauch in Verbindung gebracht worden ist: so
Ideen des einzelnen allgemeiner und die allgemeinen noch allgemeiner bedeutet das tWort ,,canon" im Französischen eine Kriegsmaschine,
werden. Das wird uns jetzt gestatten, zu den hinsichtlich ihrer Uni- ein Konzildekret und eine Art Maß; aber es bezeichnet sie nur auf
versalität und Partikularität betrachteren Ideen überzugehen. Grund von ganz verschiedenen Ideen.
Diese mehrdeutige Universalität hat jedoch zwei lJnterarten. Denn
die verschiedenen, mit einem und demselben Laut verbundenen Ideen
Kapitel VI haben entweder keine natürliche Beziehung zueinander, wie bei dem
'Wort ,,kanon", oder sie haben eine, wie wenn man ein hauptsächlich
Über die Ideen hinsicbtlicb ihrer Allgemeinbeit, Besonderbeit und mit einer Idee verbundenes W'ort mit einer anderen Idee nur ver-
Einzellteit bindet, weil diese in einer Beziehung der Ursache oder der '§(irkung
oder des Zeichens oder der Ahnlichkeit zu der ersten steht; und dann
Obgleich alle existierenden Dinge einzelne sind, haben alle Mensdren heißen diese Arten mehrdeutiger '§V'orte analoge; wie wenn das Vort
mittels der Abstraktionen, die eben erklärt wurden, verschiedene gesund sowohl dem Tier als auch der Luft und dem Fleisch zuge-
Arten von Ideen. Die einen nämlich stellen uns nur ein einziges Ding sprochen wird. Denn die mit diesem W'ort verbundene Idee ist haupt-
dar, wie die Idee, die jeder von sich selbst hat, und die anderen Ideen sächlich die Gesundheit, die nur dem Lebewesen zukommt, aber man
stellen, und zwar in gleicher §7eise, mehrere Dinge dar, wie jemand verbindet mit dem '§V'ort eine andere dieser nahestehende Idee, nämlich
ein Dreieck sich vorstellt, ohne dabei auf etwas anderes zu achten als Ursache der Gesundheit zu sein, und diese läßt uns sagen, daß die
darauf, daß es eine Figur mit drei Linien und drei rüinkein ist; dann Luft gesund ist, daß ein Fleisch gesund ist, denn sie dienen dazu, die
kann ihm die Idee, die er sich davon gebildet hat, dazu dienen, alle Gesundheit zu bewahren.
anderen Dreiecke sich vorzustellen. §(enn wir aber hier von allgemeinen §(örtern spredren, so ver-
,{8 Die Logik Erster Teil. Kapitel VII 49

stehen wir die eindeutigen darunter, die mit universellen und allge- Kapitel VII
meinen Ideen verbunden sind.
Nun gibt es in diesen universellen Ideen zwei Dinge, deren Unter- Über die t'ilnt' Arten der allgemeinen ldeen: die Gattungen, Arten,
scheidung sehr wichtig ist, nämlich den Inhalt und den Umfang. spezifiscben Unterschied.e, zoesentlicben und zulälligen Eigenschat'ten
Ich nenne Inhalt der Idee die Attribute, die die Idee in sich schließt, (Propriwm und Alezidenz)
und die man von ihr nicht enrfernen kann, ohne die Idee zu zersrören,
so wie der Inhalt der Idee des Dreied<s Ausdehnung, Gestalt, drei \Vas wir in den vorhergehenden Kapiteln gesagt haben, erlaubt es
Linien, drei rüinkel und die Gleichheit dieser drei Vinkel mit zwei uns, die fünf Universalen, die man gewöhnlich in der scholastischen
rechten usw. in sich schließt. Philosophie erläutert, mit wenigen 'Worten verständlich zu machen.
Ich nenne Umfang der Idee die Subjekte, denen diese Idee zukommt, Denn wenn die allgemeinen Ideen uns ihre Gegenstände als Dinge
die man auch die einem allgemeinen lüort Untergeordneten nennt, darstellen und diese durch substantivisdre oder absolute Ausdrücl<e
wobei dieses im Hinblick auf sie das übergeordnete heißt, wie sich bezeichnet werden, nennt man sie Gattungen oder Arten.
die Idee des Dreiecks überhaupt auf alle verschiedenen Arten von
Dreiecken erstredrt.
Obgleich sich allerdings die allgemeine Idee unterschiedslos auf alle Von der Gattung
Subjekte, denen sie angemessen ist, das heißt auf alle ihr untergeord-
neten Fälle, die alle der gemeinsame Name bezeichnet, erstredrt, gibt Man nennt die allgemeinen Ideen Gattungen, wenn sie so allgemein
es gleichwohl folgenden Untersdried zwisdren den Attributen, die sie sind, daß sie sidr auf andere Ideen erstrecken, die ebenfalls allgemein
in sich einschließt, und den Subjekten, die sie umgreift: man kann keines sind, so wie das Vierecl Gattung in bezug auf das Parallelogramm
ihrer Attribute aus ihr wegnehmen, ohne sie zu zerstören, wie wir und das Trapez ist; die Substanz ist Gattung in bezug auf die aus-
gerade gesagt haben, während man sie im Hinblidi auf ihren Umfang gedehnte Substanz, die man Körper nennt, und auf die denkende
verengen kann, indem man sie nur auf irgendeines der Subjekte, denen Substanz, die man Geist nennt.
sie zukommt, anwendet. Diese Verengung oder Einschränkung der
allgemeinen Idee hinsichtlich ihres Umfangs kann nun in einer zwei-
fachen Art und §üeise geschehen. Von der Art
Erstens dadurch, daß man eine andere, gerrennte und bestimmte
Idee mit ihr verbindet, wie wenn ich der allgemeinen Idee des Dreiechs Und diese allgemeinen Ideen, die unter noch gemeinsameren und
die vom Haben eines rechten Vinkels hinzufüge: das sdrränkt diese allgemeineren stehen, heißen Arten wie das Parallelogramm und das
Idee auf eine einzige Dreied<sart, nämlidr die des rechtwinkligen Drei- Trapez Arten des Vierecks sind; der Körper und der Geist sind Arten
ed<s, ein. der Substanz.
Zweitens kann ich mit ihr tediglich eine unselbständige und unbe- Und so kann die gleiche Idee Gattung sein, verglichen mit den
stimmte Idee vom Teil verbinden, wie wenn ich sage, irgendein Ideen, auf die sie sich erstreckt, und Art, verglichen mit einer anderen
Dreieck: in diesem Fall sagt man, daß der allgemeine Ausdruck zu Idee, die noch allgemeiner ist, wie der Körper eine Gattung in bezug
einem besonderen wird, weil er sidr jetzt nur auf einen Teil der auf die belebten und nichtbelebten Körper ist und eine Art in bezug
Subjekte, die er zuvor um6ng, erstreckt, ohne daß man trotzdem auf die Substanz; wie das Viereck eine Gattung in bezug auf das
bestimmt hätte, welcher dieser Teil ist, auf den man ihn )etzt einge- Parallelogramm und das Trapez ist und eine Art in bezug auf die
sdrränkt hat. Gestalt.
Es gibt aber noch einen anderen Begri$ des '§ü'ortes Art, der nur
auf die Ideen zutriflt, die keine Gattungen sein können. Dies ist der
Fall, wenn eine Idee unter sich nur Individuen und einzelne hat, wie
der Kreis untcr sich nur einzelne Kreise hat, die alle von einer glei-
50 Die Logik Erstcr Teil. Kapitel VII 5i

chen Art sind. Dies nennt man die letzte oder unterste Art, species
Vom spezifischen Unterschied
infirna.
Und es gibt eine Gattung, die keine Art ist, nämlich die oberste §7enn eine Gattung zwei Arten hat, dann muß notwendigerweise
aller Gattungen, sei es, daß diese Gattung das Sein ist, sei es, daß die Idee jederArt irgend etwas einsdrließen, was in der Idee der
sie die Substanz ist, was zu wissen von geringer Bedeutung isr und Gattung nicht inbegrifien ist. Denn wenn jeder Artbegriff nur das,
mehr den Metaphysiker als den Logiker angeht. was in jedem Gattungsbegriff wäre, enthalten würde, so wäre er
Ich habe gesagt, daß die allgemeinen Ideen, die uns ihre Objekte nichts anderes als der Gattungsbegriff; und so wie der Gattungsbegriff
jedem einzelnen der Artbegriffe zukommt, würde jeder Artbegriff
ais Dinge darstellen, Gattungen oder Arten genannt werden. Denn
es ist nidrt notwendig, daß die Objekte dieser Ideen wirklich Dinge dem von ihm verschiedenen Artbegriff zukommen. Folglich heißt das
und Substanzen sind. Es genügt, daß wir sie als Dinge ansehen: selbst erste, wesentlidre Attribut, das jeder Artbegriff über den Gattungs-
wenn sie nämlich Modi sind, werden sie in diesem Fall nidrt auf die begriff hinaus enthält, seine spezifische Diflerenz, und die Idee, die
ihnen zugrunde liegenden Substanzen bezogen, sondern auf andere wir von ihr haben, ist eine allgemeine Idee, denn eine und dieselbe
Idee kann uns diese Differenz überall, wo sie sich befindet, das heißt
- Ideen von Modi: wie
allgemeine oder allgemeinere
-die weniger
Gestalt, die nur ein Modus im Hinblid< auf den gestalteten Körper in allen dem Artbegriff untergeordneten Fällen, repräsentieren.
ist, Gattung in bezug auf die gekrümmten und geradlinigen Gestalten Beispiel. Der Körper und der Geist sind die zwei Arten der Sub-
usw. ist. stanz. Es muß also in der Idee des Körpers, im Vergleich zu der der
Die Ideen, im Gegenteil, die uns ihre Objekte als Dinge in Substanz, etwasZtsätzliches sein; desgleichen in der Idee des Geistes.
einem
bestimmten Zustand, darstellen und die durdr adjektivische und konno- Nun ist das erste, was wir im Körper als Zusätzliches erblidren, die
tative Ausdrüd<e bezeichnet sind, werden, wenn man sie mit den Ausdehnung, und das erste, was wir im Geist als Zusätzliches sehen,
Substanzen, welche diese konnotativen Ausdrücke unklar, wenn audr das Denken. Und so wird die spezifisdre Differenz des Körpers die
direkt bezeidrnen, vergleicht Ausdehnung und die spezifische Differenz des Geistes das Denken
sei es, daß in §(ahrheit diese konno-
-
tativen Ausdrüdre §/esentliche Attribute, die eigentlidr nichts anderes sein, das heißt: der Körper wird eine ausgedehnte Substanz und der
als das Ding selbst sind, bedeuten, sei es, daß sie wahre Modi be- Geist eine denkende Substanz sein.
Aus dem Gesagten sieht man erstens, daß der spezifische Untersdried
-, dann keineswegs weder Gattungen noch Arten, sondern
deuten
spezifisdre Differenzen oder wesentliche oder zufällige Eigenschaften einen doppelten Bezug hat, einmal auf den Gattungsbegriff, den er
differenziert und teilt, zum anderen auf den Artbegriff, den er kon-
Senannt.
Man nennt sie spezifische Differenzen, wenn das Objekt dieser Ideen stituiert und bildet, indem er den hauptsächlichen Bestandteil dessen
ausmacht, was in der Idee der Art (das heißt dem Artbegriff) ihrem
ein wesentlidres Attribut ist, das eine Art von der anderen unter-
scheidet; wie ausgedehnt, denkend, vernünftig. Inhalt nach eingesdrlossen ist. Daher kann jede Art durch einen ein-
Man nennt sie wesentliche Eigenschaften, wenn ihr Objekt ein zigen Namen wie Geist, Körper ausgedrüclt werden; oder durch zwei
'Worte, nämlidr das der Gattung und das ihrer spezifisdren Differenz
Attribut ist, das wirklich zum §7'esen des Dinges gehört, das aber
nicht das erste ist, was man in diesem §ü'esen betrac,htet, sondern nur zusamlnen. In diesem Fall spridrt man von einer Definition: zum
ein Abhängiges von diesem ersten, wie teilbar, unsterblich, gelehrig. Beispiel ,,der Geist ist eine Substanz, die denkt", ,,der Körper ist eine
ausgedehnte Substanz".
Und man nennt sie zufällige Eigenschaften, wenn ihr Objekt ein
wahrer Modus ist, der wenigstens durch den Geist von dem Ding, Zweitens kann man sehen, daß, da der spezifische Unterschied die
dem er als zufällige Eigenschaft, Akzidenz, eigen ist, abgetrennt wer-
Art konstituiert und sie von den anderen Arten unterscheidet, er den
den kann, aber ohne daß die Idee dieses Dinges in unserem Geist gleidren Umfang wie die Art haben muß und daß sie daher vonein-
zerstört wird, wie rund, geredrt, klug. Dies muß noch im einzelnen ander wechselseitig ausgesagt werden können, wie: alles, was denkt,
erklärt werden. ist Geist, und: alles, was Geist ist, denkt.
Trotzdem kommt es oft genug vor, daß man bei manchen Dingen
kein Attribut erkennt, das so beschaffen ist, daß es einer ganzen Art
52 Die Logik Erster Teil. Kapitel VII 53

und nur dieser Art zukommt; dann verbindet man mehrers Attribute das ihr Eigentümlidre zugeschrieben, weil sie gleichfalls allen der
miteinander, und da man diese Verbindung nur in dieser Art findet, Art untergeordneten Fällen zukommt und weil die einzige Idee, die
wird damit die Differenz konstituiert. So haben die Platoniker, die wir uns einmal von ihr gebildet haben, diese Eigenschaft überall, wo
die Dämonen ebensowohl wie den Menschen für vernünftige Lebe- man sie vorfindet, zu repräsentieren vermag. Man hat daraus den
wesen hielten, nicht annehmen können, daß die Differenz ,,vernünftig" vierten der allgemeinen und universalen Ausdrücke gemacht.
umkehrbar dem Menschen zugeordnet werden kann; deshalb haben Beispiel. Der Besitz eines rechten §(inkels ist die wesentliche Diffe-
sie noch eine andere hinzugefügt, nämlich ,,sterblich", die ebenfalls renz des redrtwinkligen Dreiedrs. Und weil es notwendig von dem
nicht dem Menschen eindeutig zugeordnet werden kann, da diese rechten §(inkel abhängt, daß das Quadrat über der Hypotenuse gleidr
Differenz auch den Tieren zukommt. Aber beide zusammen sind nur den beiden Quadraten über den Katheten ist, wird die Gleichheit
dem Menschen zuzusprechen. Beim Bilden des Begriffs der meisten dieser Quadrate als die wesentliche Eigensdraft des rechtwinkligen
(unvernünftigen) Lebewesen verfahren wir nicht anders. Dreied<s angesehen, die allen rechtwinkligen Dreiecken und nur ihnen
Schließlidr ist anzumerken, daß nicht immer die Differenzen, die zukommt.
eine Gattung unterteilen, positiv sein müssen; es ist genug. wenn es Trotzdem hat man den Bereich dieses Namens der wesenrlichen
eine positive gibt, wie zwei Menschen voneinander unterschieden sind, Eigenschaft manchmal weiter gefaßt und vier Arren untersdrieden.
wenn der eine ein Amt hat, das der andere nicht hat, obgleich der- Die f . ist die, weldre wir eben erklärt haben, quod convenir omni
jenige, der kein Amt hat, nichts hat, was dem anderen fehlt. So ist soli et semper; wie es die wesentliche Eigenschaft jedes Kreises, und
der Mensch von den Tieren im allgemeinen unterschieden, insofern allein des Kreises, und immer ist, daß die vom Kreismittelpunkt an
der Mensdr ein Lebewesen ist, das einen Geist hat, animal mente die Peripherie gezogenen Linien gleich sind.
praeditum, und das Tier ein bloßes Lebewesen, animal merum. Denn Die 2.: quod convenit omni, sed non soli; wie man sagt, daß es die
die Idee des Tieres im allgemeinen schließt nichts Positives ein, was wesentliche Eigensdraft der Ausdehnung ist, teilbar zu sein, denn
nicht auch im Menschen wäre. Man verbindet aber mit der Idee jedes Ausgedehnte kann geteilt werden, obgleich die Dauer, dre Zahl
,,Tier" nur die Negation dessen, was im Menschen ist, nämlich des und die Kraft auch geteilt werden könnten.
Geistes, so daß die ganze Differenz zwischen der Idee des Lebewesens Die 3. ist quod convenit soli sed non omni, wie es nur dem Menschen
und der Idee des Tieres die ist, daß die Idee des Lebewesens nicht das zukommt, Arzt oder Philosoph zu sein, obgleich nicht alle Mensdren
Denken in ihrem Inhalt einschließt, es aber auch nicht ausschiießt, es sind.
und daß sie sogar das Denken hinsichtlich ihres Umfangs einschließt, Die 4.: quod convenit omni et soli, sed non semper; man führt hier
denn das Denken kommt dem Lebewesen als denkendem Lebewesen als Beispiel die Veränderung der Haarfarbe zum lVeißen hin an,
zu, während die Idee des Tieres das Denken hinsichtlich ihres Inhalts canescere; dies kommt allen Mensdren und einzig den Menschen zu,
ausschließt und auf diese Veise nicht einem denkenden Lebewesen aber nur im Alter.
zukommen kann.

Vom Akzidenz
Vom Proprium
§flir haben sdron im zweiten Kapitel gesagt, daß man Modus das
'Wenn
wir die Differenz gefunden haben, die eine Art konstituiert, nennt, was auf natürliche '§ü'eise nur durch die Substanz existieren
das heißt ihr widrtigstes, wesentliches Attribut, das sie von allen anderen kann und was nicht notwendig mit der Idee eines Dinges verbunden
Arten untersdreidet, und ihre Natur eingehender betrachten, finden ist, so daß man sich wohl das Ding ohne den Zustand (Modus) vor-
wir dort noch irgendein Attribut, das notwendig mit dem ersten ver- stellen kann, wie man sich sehr gut einen Menschen vorstellen kann,
bunden ist und das folglich der ganzen Art und nur dieser Art zu- ohne sich ihn als klugen vorzustellen; man kann sich aber nicht die
kommt, omni et soli: wir nennen es wesentliche Eigenscfiaft. Und, Klugheit vorstellen, ohne sich einen Menschen oder ein anderes ver-
durch einen konnotativen Ausdruck bezeichnet, wird sie der Art als nunftbegabtes Wesen, das klug ist, vorzustellen.
54 Die Logik Erster Teil. Kapitel VIII 55

\(enn man nun eine yerworrene und unbestimmte Idee der Sub- ein kluger Mensch, ein durchsichtiger Körper, Philipps Sohn Alex-
stanz einer deutlichen Idee irgendeines Modus unterlegt, ist diese Idee ander.
des Modus fähig, alle Dinge, bei denen dieser Zustand anzutreffen Diese Addition geschieht zuweilen durch das Relativpronomen, wie
sein wird, zu repräsentieren, wie die Idee ,,klug" alle klugen Menschen wenn ich sage: ein Körper, der durchsidrtig ist; Alexander, der Philipps
und die Idee ,,rund" alle runden Körper; also ist diese durch einen Sohn ist; der Papst, der Stellvertreter von Jesus Christus ist.

- z. B. klug, rund -
konnotativen Ausdruck ausgedrüd<te Idee Selbst wenn dieses Relativpronomen nicht immer ausgedrüd<t ist,
das, was den fünften universalen Ausdrudr ausmacht, den man zu- so kann man sagen, daß es doch in irgendeiner 'Weise mitverstanden
fällige Eigenschaft (Akzidenz) nennt, denn sie ist der Sache, der man wird, denn wenn man will, kann es ausgedrückt werden, ohne den
sie zuschreibt, nicht wesentlich. Venn sie es wäre, wäre sie entweder Satz zu verändern.
Differenz oder wesentliche Eigenschaft. Denn es ist dasselbe, wenn ich sage: ein durchsichtiger Körper, oder:
Es ist aber hier anzumerken, was schon gesagt wurde, daß man ein Körper, der durchsichtig ist.
beim Betrachten von zwei Substanzen in einem die eine als Modus Bemerkenswerter bei diesen zusammengesetzten Ausdrüd<en ist, daß
der anderen auffassen kann. So kann ein bekleideter Mann als ein die Hinzufügung zu einem Ausdrudr auf zwei Arten geschehen kann:
Ganzes angesehen werden, das aus diesem Mann und seinen Kleidern eine kann man Explikation und die andere Determination nennen.
zusammengesetzt ist; aber ,,Bekleidet-Sein" in bezug auf diesen Mann Die Hinzufügung wird lediglich Explikation genannt, wenn sie nur
ist nur als Modus oder eine Seinsweise, unter welcher man ihn be- das zur Sprache bringt, v/as entweder in dem lnhalt der Idee des
trachtet, obgleich seine Kleider Substanzen sind. Aus diesem Grunde ersten Ausdrucks enthalten war oder wenigstens, was diesem Ausdrudr
gehört ,,Bekleidet-Sein" lediglich zu der fünften Art der universalen als eine seiner zufälligen Eigensdraften zukommt, vorausgesetzt, daß
Ausdrüd<e. sie ihm allgemein und in seinem ganzen Umfang zukommt; wie wenn
\Wir haben schließlidr mehr als genug über die fünf universalen idr sage: der Mensch, der ein mit Vernunft begabtes Lebewesen ist,
Ausdrüd<e, die in der scholastischen
Philosophie so breit behandelt oder: der Mensch, der natürlicherweise wünsd-rt, glücklich zu sein,
werden, gesprochen. Es nützt nämlich sehr wenig zu wissen, daß es oder: der Mensch, der sterblich ist. Diese Hinzufügungen sind nur
Gattungen, Arten, spezifische Unterschiede, wesentliche und zufällige Explikationen, denn sie ändern gar nichts an der Idee des Wortes
Eigenschaften gibt. §üichtig aber ist es, die wahren Gattungen der Mensch und sdrränken sie gar nicht dahin ein, daß sie nur einen Teil
Dinge, die wahren Arten jeder Gattung, ihre wahren spezifischen der Menschen bezeiclnet; sondern sie geben nur an, was allen Men-
Unterschiede, ihre wahren wesentlichen Eigensdraften und die zu- schen zukommt.
fälligen, die ihnen zukommen, zu durchschauen. Und das werden wir Alle Hinzufügungen zu den Namen, die bestimmt ein Individuum
in den folgenden Kapiteln einigermaßen erhellen können, nachdem bezeichnen, sind von dieser Art: zum Beispiel wenn man sagt: Paris,
wir vorher einiges über die komplexen Ausdrücke gesaBt haben. das die größte Stadt Europas ist; Julius Cäsar, der der größte Feldherr
der '§(elt gewesen ist; Aristoteles, der Fürst der Philosophen; Lud-
wig XIV., König von Frankreich. Denn die bestimmt ausgesagten
Kapitel VIII individuellen Ausdrüdre werden immer in ihrem ganzen Umfang
verstanden, da sie die größtmögliche Bestimmtheit von vornherein
Über die komplexen Ausdrücke und ihre unir.,erselle Allgerneinbeit erreicht haben.
oder Besonderbeit Die andere Art der Hinzufügung, die man Determination nennen
kann, liegt vor, wenn das einem allgemeinen §7'ort Hinzugefügte die
Man fügt mandrmal einem Ausdrudr verschiedene andere hinzu, Bedeutung des allgemeinen \Tortes einschränkt und macht, daß es nidrt
die zusammen in unserem Geist eine totale Idee bilden, der man oft mehr für das allgemeine §üort mit seinem ganzer' Umfang genommen
etwas zusprechen oder absprechen kann, was man nidrt jedem ein- wird, sondern nur mit einem Teil dieses Umfangs, wie wenn ich sage:
zelnen dieser Ausdrü&e, getrennt genommen, zusprechen oder ab- die durchsichtigen Körper, die gelehrten Männer, ein vernünftiges
sprechen könnte; zum Beispiel sind solche komplexen Ausdrücke: Lebewesen. Diese Hinzufügungen sind nicht einfach Explikationen,
56 Die Logik Erster Teil. Kapitel VIII 57

sondern Determinationen, denn sie schränken den Umfang des ersten Idee, mandrmal von einem menschlic,hen'§fl-esen, manchmal von einem
Ausdrucks ein, indem sie bewirken, daß das '§ü'ort Körper nunmehr Körper, der gewöhnlich durch die deutlid-re Idee der Form, die ihm
nur einen Teil der Körper bezeichnet, das '§7ort Mensdr nur einen Teil hinzugefügt wird, bestimmt ist; wie album ern Ding bezeichnet, dem
der Menschen, das 'Wort Lebewesen nur einen Teil der Lebewesen. die weiße Farbe zukommt, was die verworrene Idee von Ding dahin
Diese Hinzufügungen sind manchmal solche, daß sie ein allgemeines bestimmt, nur diejenigen Dinge zu repräsentieren, ciie diese Qualität
\(ort individuell machen, wenn man ihm individuelle Bedingungen haben.
beifügt; wie wenn ich sage, der Papst, der heute Papst ist, bestimmt Bei den komplexen Termini ist aber die Tatsache bemerkenswerter,
dieses das allgemeine \(ort ,,Papst" zu der einzelnen und einzigen daß es unter ihnen welche gibt, die in \(ahrheit auf ein einziges Indi-
Person Alexanders VII. viduum bezogen sind, die aber trotzdem eine gewisse mehrdeutige
Man kann weiter zwei Arten von zusammengesetzten Ausdrücken Allgemeinheit beibehalten. Diese kann man eine irrtümliche Mehr-
unterscheiden, von denen die einen dem'§ü'ortlaut nach und die anderen deutigkeit nennen, denn obwohl die Menschen darin übereinstimmen,
nur dem Sinn nach zusammengesetzt sind. daß dieser Terminus nur eine einzige Sacle bezeichnet, wenden ihn die
Die ersten sind die, bei denen die Hinzufügung eine ausdrüdrliche einen auf die eine und die anderen auf die andere Sadre an, weil sie
ist: aile Beispiele, die wir bis 1'etzt gegeben haben, gehören hierher. nicht ricitig herausfinden, welche wirklich diese einzige Sache ist.
Bei der letzteren ist einer der Begriffe überhaupt nicht offen ausge- Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, den Terminus entweder durdr
sagt, sondern nur mitverstanden, wie wenn wir in Frankreich sagen verschiedene Begleitumstände oder durcl die Folge der Rede weiter
d.er König, so ist dies ein komplexer Begriff dem Sinne nach, denn wir zu bestimmen, damit man genau weiß, was er bedeutet.
haben in unserem Geist beim Aussprechen des W'ortes ,,König" nicht So bedeutet das tVort ,,wahre Religion" nur eine einzelne und ein-
.§(ahrheit
lediglich die allgemeine Idee, die diesem '§ü'ort entspricht; sondern wir zige Religion, die in die katholische ist, da es nur sie als
fügen im Geist die Idee von Ludwig XIV. hinzu, der jetzt König von wahre gibt. \fleil aber jedes Volk und jede Sekte glaubt, daß seine
Frankreidr ist. Religion die wahre ist, ist dieses '§?ort im Mund der Menschen äußerst
Es gibt unendlich viele Ausdrüdre in der Alltagssprache der Men- mehrdeutig, obgleidr durch einen Irrtum. Und wenn man bei einem
schen, die auf diese §7eise zusammengesetzt sind, wie der Name ,,Mon- Historiker liest, daß ein Fürst sehr großen Eifer für die wahre Reli-
sieur" in jeder Familie usw. gion gezeigt habe, so weiß man nicht zu sagen, was er darunter ver-
Es gibt aber auch \(orte, die im Hinblick auf ein Ding dem 'Wort- standen hat, wenn man nidrt weiß, welcler Religion dieser Historiker
laut nach komplex sind und die außerdem, im Hinblidr auf andere angehörte: denn wenn er Protestant ist, wird dieses die protestantische
Dinge, dem Sinne nach komplex sind. §(enn ich zum Beispiel sage Religion meinen; wenn es ein mohammedanisdrer Araber war, der so
'§ü'ortlaut nach kom- von seinem Fürsten sprach, so würde dieses die mohammedanische
,,der Fürst der Philosophen", so ist das ein dem
plexer Ausdruck, denn das Wort Fürst wird durch das \(ort Philosoph Religion meinen, und man könnte nicht urteilen, daß es die katholisdre
bestimmt. Aber in bezug auf Aristoteles, der in der Scholastik durdr Religion sei, wenn man nicht wüßte, daß dieser Historiker Katholik
dieses §(ort bezeichnet wird, ist er nur dem Sinne nach komplex; denn v/ar.
die Idee des Aristoteles ist nur im Geist, ohne daß sie durcl-r irgendein Die komplexen Termini, die auf Grund von Irrtum mehrdeutig sind,
Lautgebilde, das den Aristoteles im besonderen abhebt, ausgedrücJrt sind in der Hauptsache die, welche Qualitäten einsdrließen, über die
wird. die Sinne nidrt urteilen, sondern nur der Geist und über welche die
Alle konnotativen oder ady'ektivischen Ausdrücke sind entweder Menschen leicht verschiedener Meinung sein können.
Teile eines komplexen Ausdrucks, wenn ihre Substanz ausgesagt ist, §(enn ich zum Beispiel sage: Nur Männer von sechs Fuß wurden
oder sie sind komplex in dem Sinne, daß ihre Substanz mitverstanden in die Armee von Marius aufgenommen, so würde dieser komplexe
wird. Denn wie im zweiten Kapitel gesagt worden ist, geben diese Ausdrud< ,,Mann von sechs Fuß" keinen Anlaß zu einer irrtümlichen
konnotativen Ausdrüdre direkt aber undeutlicher ein Subjekt und Mehrdeutigkeit bieten, denn es ist sehr leicht, Männer zu messen,
indirekt aber in deutlicher \7eise eine Form oder einen Modus an. um zu urteilen, ob sie sechsFuß groß sind.\(enn man aber gesagt hätte,
Dieses Subjekt ist daher nur eine sehr allgemeine und sehr verworrene daß man nur tapfere Männer aufnehmen sollte, so wäre der Ausdrud<
58 Die Logik Erster Tei1. Kapitel VIII 59

,,tapfere Männer" eher der Gefahr ausgesetzt, durch Irrtum mehr- verworren irgendeine Meinung, irgendeinen Gedanken, irgendeine
deutig zu sein, das heißt Männern zugesprochen zu werden, die man Lehre und deutlich verstanden den Bezug dieses Gedankens zu Ari-
tapfer geglaubt hatte, die es aber nicht wirklich waren. stoteles, dem man ihn zuschreibt.
Vergleichende Ausdrüd<e lassen ebenfalls sehr leicht eine irrtümliche '§ü'enn nun Mehrdeutigkeit in diesen W'orten vorkommt, so nicht
Mehrdeutigkeit aufkommen: der größte Mathematiker von paris; der eigentlich wegen dieser Form und wegen dieses Modus, der als deutlich
gelehrteste Mann, der geschickteste, der reichste. Denn obgleich diese von allem anderen geschiedener, invariabel ist. Es ist auch nicht wegen
Ausdrücke durch individuelle Bedingungen bestimmt sind, da es nur des verworrenen Subjekts, wenn es in dieser Verworrenheit bleibt.
einen einzigen Mann gibt, der der größte Mathematiker von paris ist, Denn das Wort vom ,,Fürst der Philosophen" kann zum Beispiel nie
kann trotzdem dieses §flort leicht mehreren beigelegt werden, obgleich mehrdeutig sein, wenn man nicht diese Idee vom ,,Fürst der Philo-
es in \(ahrheit nur einem einzigen zukommt: denn es ist sehr leicht sophen" auf irgendein in der Erkenntnis unterscheidbares Individuum
möglich, daß die Menschen geteilter Meinung in bezug auf diesen anwendet. Die Mehrdeutigkeit tritt nur auf, weil der Geist an Stelle
Gegenstand sind und daß so etliche diesen Namen je einem geben, von dieses verworrenen Subjekts oft ein unterscheidbares und bestimmtes
dem jeder glaubt, daß ihm dieser Vorzug vor den anderen gebührt. Subjekt setzt, dem er die Form und den Modus zuspricht. Denn da die
Die Iü7orte ,,Sinn eines Autors, Lehre eines Autors über einen gewis- Menschen verschiedener' Ansicht über dieses Subjekt sind, können sie
sen Gegenstand" gehören auch dazu, vor allem wenn ein Autor nicht diese Qualitätverschiedenen Personen zusprechen und diese dann durch
so klar ist, daß man nicht darüber streitet, welche seine Meinung ge- dieses tVort kennzeichnen, von dem sie glauben, daß es ihnen zu-
wesen sei, wie wir die Philosophen alle Tage über die Meinungen des kommt, wie man früher unter dem Namen ,,Fürst der Philosophen"
Aristoteles streiren sehen, indem jeder ihn in seinem Sinne zu inter- Platon verstand und jetzt Aristoteles.
pretieren sucht. Denn obgleich Aristoteles nur eine einzelne und ein- '§(i'enn das 'W'ort von der wahren Religion gar nicht mit einer deut-
zige Meinung über einen solchen Gegenstand hat, sind gleichwohl lichen Idee irgendeiner besonderen Religion verbunden ist und in
diese §florte ,,Meinung des Aristoteles", da er verschieden verstanden seiner undeutlichen Idee verbleibt, ist es überhaupt nicht mehrdeutig,
wird, auf. Grund von Irrtum mehrdeutig, weil jeder' ,,Meinung des denn es bezeichnet nur das, was wirklich die wahre Religion ist. \(enn
Aristoteles" das nennt, was sich in seinem Verständnis als Aristoteles' aber der Geist diese Idee der wahren Religion der deutlichen Idee
wahre Meinung herausgestellt hat. So werden diese §(orte ,,Meinung eines gewissen, in der Erkenntnis unterscheidbaren, besonderen Kultus
des Aristoteles (über einen solchen Gegenstand)", da in dem Verständ- hinzugefügt hat, wird das \Wort äußerst mehrdeutig und bedeutet in
nis des einen dieses und im Verständnis eines anderen jenes sich ergibt, dem Munde jedes Volkes den Kultus, den es für den wahren hält.
wie individualisiert diese lVorte auch an sich sind, mit mehreren Sachen Desgleichen bei den 'Worten ,,Meinung eines solchen Philosophen
in Zusammenhang gebradrr werden können, nämlich mit allen den über einen solchen Gegenstand": Denn wenn sie in ihrer allgemeinen
verschiedenen Meinungen, die rnan dem Aristoteles zugeschrieben hat. Idee verbleiben, bedeuten sie einfach und überhaupt die Lehre, die
Sie werden in dem Munde jedes einzelnen das bedeuten, was jeder in dieser Philosoph über diesen Gegenstand vertreten hat, z. B. das, was
seiner Vorstellung diesem Philosophen als seine Meirrung unterstellt Aristoteles über die Natur unserer Seele gelehrt hat: id quod sensit
hat. talis scriptor; und dieses id, das heißt, diese Lehre, in ihrer verworre-
Um aber besser zu verstehen, worin die Mehrdeutigkeit dieser Aus- nen Idee belassen und ohne mit einer deutlichen Idee in Zusammen-
drücke besteht, die wir ,,mehrdeutig auf Grund von Irrrum" nennen, hang gebracht worden zu sein, sind keineswegs mehrdeutige '§?'orte;
muß man anmerken, daß diese §(orte entweder ausgesprochenerweise aber wenn an Stelle dieses verworrenen id, das heißt dieser verworren
oder dem Sinn nach konnotativ sind. Nun, wie wir schon gesagt haben, vorgesteilten Lehre, der Geist eine deutlidr unterscheidbare Lehre und
ist bei den konnotativen \florten der Blick sowohl auf das Subjekt, ein deutlich unterscheidbares Subjekt einsetzt, dann wird dieser Aus-
das direkt aber in undeutlicher \fleise ausgedrüdrt ist, zu richten, als druck, gemäß den verschiedenen bestimmten Ideen, die man dort ein-
auch auf die Form oder den Modus, der zwar in deutlicher 1ü7eise, schieben kann, mehrdeutig werden. So ist die Meinung des Aristoteles
aber indirekt ausgedrückt ist. So bedeutet das süeiße verworren einen über die Natur unserer Seele in dem Munde von Pomponatius, der
Körper und deutlich die lVeißheit: ,,Meinung des Aristoteles" bedeutet behauptet, daß Aristoteles sie sterblich geglaubt habe, und in dem
bU Die Logik Erster Teil. Kapitel IX 61

Munde mehrerer anderer Interpreten dieses Philosophen, die im Indem wir also die Klarheit und die Deutlichkeit der Ideen für
Gegenteil behaupten, daß er sie unsterblich geglaubt habe, ebenso wie ein und dasselbe ansehen, ist es sehr wichtig zu prüfen, warum die
seine Lehrer Platon und Sokrates, ein mehrdeutiges \ffort. Daher einen klar und die anderen dunkel sind.
kommt es, daß derartige 1Wörter oft ein Ding bezeichnen können, dem Das läßt sidr aber besser durch Beispiele als durch etwas anderes
die Gestalt, die mit ihm indirekt, jedoch ausdrücklich in Verbindung erkennen, und so werden wir eine Aufzählung der hauptsächliclen
gebracht wird, nicht zukommr. Angenommen zum Beispiel, daß Philipp unserer Ideen geben, die klar und deutlich sind und eine Aufzäh-
nicht wirklich der Vater von Alexander gewesen ist, wie Alexander lung derjenigen, die verworren und dunkel sind. Die Idee, die jeder
selbst es glauben machen wollte, dann wird das §ü'ort ,,Sohn des von sich selbst als von einem Ding, das denkt, hat, ist sehr klar
Philipp", das inr allgemeinen den bezeichnet, der von Philipp gezeugt und ebenso die Idee von allem, was von unserem Geist abhängig ist,
worden ist, durch einen Irrtum auf Alexander angewandr worden sein wie urteilen, überlegen, zweifeln, wollen, wünschen, fühlen, sich
und eine Person bezeichnen, die nicht wirklich der Sohn Philipps sein einbilden.
würde. ]ü(ir haben ebenfalls klare Ideen von der ausgedehnten Substanz
'W'enn
das '§üort ,,Sinn der Heiligen Schrift" durdr einen Häretiker und dem, was ihr zukommt, wie Gestalt, Bewegung, Ruhe. Denn
auf einen der Heiligen Schrift entgegengesetzten Irrrum angewandt obgleich wir die Fiktion madlen könnten, daß es weder irgendeinen
Körper noch irgendeine Gestalt gibt wir nidrt von
wird, wird es in seinem Munde diesen Irrtum bedeuten, von dem er - welche Fiktion
geglaubt hat, er sei der Sinn der Heiligen Schrift und den er so den- der denkenden Substanz machen könnten, insoweit wir denken
-,
kend den ,,Sinn der Heiligen Schrift" genannr haben wird. Deshalb können wir trotzdem vor uns selbst nicht verbergen, daß wir uns die
sind die Calvinisten keine Katholiken mehr: sie protestieren und be- Ausdehnung und die Gestalt klar vorstellen.
haupten, daß sie nur dem 'W'ort Gottes folgen. Diese '§?'orte ,,das §?'ort '§7ir begreifen audr ebenso klar das Sein, die Existenz, die Dauer,
Gottes" bedeuten nämlich in ihrem Mund alle die Irrtümer, die sie die Ordnung, dieZahl, vorausgesetzt, wir denken nur, daß die Dauer
unrichtigerweise für das \(ort Gottes halten. jedes Dinges ein Modus oder eine '§ü'eise ist, in der wir dieses Ding,
insoweit es zu sein andauert, betrachten, und daß die Ordnung und
dte Zahl entsprechend nicht wirklich von den geordneten und gezähl-
Kapitel IX ten Dingen verschieden sind.
Alle diese Ideen sind so klar, daß wir oft in dem Bestreben, sie
Über die Klarheit und Deutlichkeit der ldeen untl ihre Dunleelbeit weiter zu erhellen und nicht bei denen stehenzubleiben, die wir auf
und Wruorrenbeit natürliche §7eise bilden, sie noch verdunkeln.
\,[ir können auch sagen, daß die Idee, die wir von Gott in diesem
Man kann in einer Idee die Klarheit von der Deutlichkeit und die Leben haben, in einem Sinn sehr klar ist, obgleich sie in einem anderen
Dunkelheit von der Verworrenheir unterscheiden. Denn man kann Sinne sehr dunkel und unvollkommen sein mag.
sagen, daß eine Idee klar ist, wenn sie uns lebhaft berührt, obgleich Sie ist klar im Hinblick darauf, daß sie genügt, um uns in Gott
sie nicht deutlich ist, wie die Idee des Sdrmerzes sehr lebhaft berührt eine sehr große Anzahl von Attributen erkennen zu lassen, von denen
und demgemäß klar genannt werden kann. Trotzdem ist sie sehr ver- wir sicher sind, daß wir sie allein in Gott 6nden; sie ist aber dunkel,
worren, insofern als sie uns den Schmerz als ein in der verwundeten wenn man sie mit der vergleicht, die die Glückseligen von ihm im
Hand Vorhandenes vorstellt, obgieich er nur in unserem Geist ist. Himmel habent und sie ist unvollkommen im Hinblidr darauf, daß
Man kann jedoch sagen, daß jede Idee deutlich ist, insofern sie klar unser endlicher Geist nur sehr unvollkommen ein unendliches Objekt
ist, und daß ihre Dunkelheit nur von ihrer Verworrenheit herkommt, sich vorstellen kann. Aber es sind verschiedene Bedingungen in einer
wie beim Schmerz das für sich genommene Gefühl, das uns berührt, Idee für ihre Volikommenheit und für ihre Klarheit. Denn sie ist voll-
klar und auch deutlich ist; aber das Verworrene in der Idee des kommen, wenn sie uns alles repräsentiert, was in ihrem Objekt ist,
Schmerzes, das in dem Eindruck besteht, daß das Schmerzgefühl in und sie ist klar, wenn sie uns genug davon repräsetttiert, damit wir
unserer Hand lokalisiert sei, ist uns auch nicht klar. es uns klar und deutlich vorstellen.
62 Die Logik Erster Teil. Kapitel IX 63

Die verworrenen und dunklen Ideen sind die, welche wir von den staates, Kap. 15), die man körperliche nennt, gehören nicht zum Kör-
sinnlichen Qualitäten haben, wie den Farben, den Lauten, den Düften, per, sondern zurSeele, die im Körper ist, und zwarweBen des Körpers.
den verschiedenen Geschmacksrichtungen, dem Kalten, dem '§f'armen, Dolores qui dicuntur carnis, animae sunt in carne, et ex carne. Denn
der Schwere usw., wie auch von unseren Begierden, dem I{unger und der Schmerz des Körpers, fügt er hinzu, ist nichts anderes als ein
'W'ider-
dem Durst etc., vom körperlichen Schmerz usw. Der Grund dafür, Kummer der Seele wegen ihres Körpers, der Unmut und der
warum diese Ideen verworren sind, ist folgender: spruch zu dem, was im Körper vor sich geht; wie der Schmerz der
Da wir zu einer Zeit eher Kinder als Männer gewesen sind und die Seele, den man Traurigkeit nennt, der \(iderspruch ist, den die Seele
äußeren Dinge auf uns gewirkt haben, indem sie verschiedene Gefühle gegen die Dinge faßt, die gegen unser Belieben geschehen. Dolor carnis
in unserer Seele durch die Eindrücl<e, die sie auf unseren Körper mach- tantummodo offensio est animae ex carne, et quaedam ab ejus passione
ten, bewirkten, gab sich die Seele, die sah, daß nicht durch ihren Villen dissensio; sicuti animae dolor, quae tristitia nuncupatur, dissensio est
diese Gefühle in ihr erregt wurden, sondern sie sie nur gelegentlich ab his rebus, quae nobis nolentibus acciderunt.
Und im 7. Buch der Genesis, namentlich im Kapitel neunzehn: der
- wie sie Hitze fühlte, wenn sie sich dem
gewisser Körper hatte
Feuer näherte nicht mit dem Urteil zufrieden, daß es etwas außer Verdruß, den die Seele verspürt, wenn sie sieht, daß die Tätigkeit,
-,
ihr gäbe, das die Ursache von ihren Gefühlen war, worin sie sich auch durch die sie den Leib regiert, behindert wird durch die Unruhe, die
nicht getäuscht hättei sondern sie ist weitergegangen: sie hat ge- ihr '§ü'esen ergreift, macht das aus) was Schmerz genannt wird. Cum
giaubt, daß das, was in den Objekten war, ganz ähnlich den Ge- afflictiones corporis moleste sentit (anima) actionem suam qua illi
fühlen und Ideen sei, die sie anläßlich der Objekte hatte. Und aus regendo adest turbato ejus temperamento impediri offenditur, et haec
diesen Urteilen hat sie Ideen gebildet, indem sie diese Gefühle der offensio dolor vocatur.
Hitze, der Farbe.usw. in die außerhalb ihr sich befindlichen Dinge In der Tat zeigt sich, da die gleichen Dinge uns Schmerzen verur-
selbst versetzte. sachen, wenn wir an sie denken und uns gar keine verursachen, wenn
Und diese sind die dunklen und verworrenen Ideen, die wir von unser Geist sehr stark mit etwas anderem beschäftigt ist, daß der
den sinnlichen Qualitäten haben, nachdem die Seele ihre falschen Ur- Schmerz, den man körperlichen nennt, in der Seele ist und nicht im
teile dem, was die Natur sie erkennen ließ, beifügte. Und da diese Körper, wie dieser Priester in Calama in Afrika, von dem der heilige
Ideen keineswegs natürlich, sondern willkürlich sind, ist man dabei Augustinus im Buch 14 des Gottesstaates, Kap. 24, spricht, allemal,
sehr wunderlich vorgegangen" Denn obgleich die'§7ärme und das Bren- wenn er wollte, sich von seinen Sinnen so weit entfernte, daß er wie
nen der Brandwunde nur zwei Gefühle sind, das eine schwächer und tot blieb und nicht nur nicht fühlte wenn man ihn zupfte oder zwickte,
das andere stärker, hat man die 'Wärme in das Feuer verlegt und sondern selbst dann nicht, wenn man ihn verbrannte. Qui quando ei
gesagt, das Feuer hat'§ü'ärme; man hat aber nicht das sc'hmerzhafte piacebat ad imitatas quasi lamentantis hominis voces, ita se auferebat
Brennen dorthin verlegt bzw. den Schmerz, den man fühlt, wenn man a sensibus, et jacebat simillimus mortuo, ut non solum vellicantes
sich dem Feuer zu weit nähert, und man sagt nicht, daß das Feuer atque pungentes minime sentiret, sed aliquando etiam igne ureretur
Schmerz hat. Aber wenn auch die Menschen richtig gesehen haben, admoto, sine ullo doloris sensu, nisi postmodum ex vulnere.
daß der Schmerz nicht im Feuer ist, das die Hand verbrennt, haben Es ist weiter anzumerken, daß es eigentlich nicht die schlechte Ver-
sie sich vielleicht getäuscht, als sie glaubten, daß er in der Hand ist, fassung der Hand und die Veränderung, die die Verbrennung an ihr
die das Feuer verbrennt. Er ist nämlich, genaugenommen, nur im verursacht, das sind, was die Seele Sdrmerz spüren läßt; sondern diese
Geist, wenn auch bei Gelegenheit dessen, was in der Hand vorgeht, veränderte Bewegung muß sich mittels kieiner in den Nerven wie in
denn der Schmerz des Körpers ist nichts anderes als ein Gefühl des Röhrchen eingesc-hlossener Fädchen, die wie kleine Stricke vom Gehirn
'§fliderwillens, bis zur Hand und den anderen Teilen des Körpers ausgebreitet sind,
das die Seele sich vorstellt, und zwar das Gefühl einer
der natüriidren Konstitution des Leibes abträglichen Bewegung. dem Gehirn mitteilen, weswegen man nicht diese kleinen Fädc'hen
Dies *.urde nicht nur von einigen Philosophen des Altertums wie bewegen könnte, ohne ebenfalls den Teii des Gehirns zu bewegen. von
den Kyrenäikern erkannt, sondern auch vom heiligen Augustinus an dem sie ihren Ursprung nehrr,en. \tr7'enn also deshalb irgendein §7ider-
verschiedenen Stellen. Die Schmerzen (sagt er im 14. Buch des Gottes- stand verhindert, daß diese Nervenfädchen ihre Bewegung dem Gehirn
64 Dic Logik Erster Teil. Kapitel IX 65

mitteilen können, wie es in der paralyse geschieht, kann es vorkom- woiter die Idee von irgendeiner Ursache dieses Falls, was auch wahr
men, daß ein Mensdr zusieht, wie man seine Hand abschneidet oder ist. Aber weil sie nidrts als den Stein sahen und weil sie nichts sahen,
verbrennt, ohne daß er darüber Sdrmerz verspürt; im Gegenteil _ was ihn stieß, haben sie durch ein voreiliges Urteil geschlossen, daß
dies erscheint sehr seltsam kann man schmerz in der Hand fühlen, das, was sie nicht sahen, nidrt war, und daß so der Stein von selbst
ohne eine Hand zu haben,- wie es denen oft gesctrieht, deren Hand durch ein inneres Prinzip, das in ihm war, fiel, ohne daß etwas anderes
abgesdrnitten wurde. Die Nervenfädchen nämlich, die sich von der ihn abwärts stieß: und diese verworrene Idee, die lediglich dem Irrtum
Hand bis zum Gehirn erstred<ten, werden durch irgendeine Ansamm- ihre Entstehung verdankt, haben sie mit dem Namen der Schwerkraft
lung der Flüssigkeit des Körpers in der Gegend des Ellbogens, wo sie und Sclwere belegt.
:: ..]. .t)..'
!l !i?ir;rfr ::-:
enden, wenn der Arm an dieser Stelle amputiert ist, i., B.*"gorrg Und außerdem haben sie ganz verschiedene Urteile über Dinge ge-
gesetzr und können an dem Teil des Gehirns ziehen, an dem sie in bildet, über die sie in der gleidren Art hätten urteilen müssen. Denn
derselben lVeise befestigr sind, um ihn in Bewegung zu setzen, in der so wie sie Steine gesehen haben, die sich nach unten gegen die Erde
sie es waren, als sie sich bis zur Hand erstreckten: so wie das Ende bewegten, haben sie Stroh gesehen, das sich zum Bernstein hin be-
einer Schnur, wenn wir sie in der Mitte und wenn wir sie am anderen wegte, und Eisen- und Stahlstüdre zum Magneten sidr hinbewegend.
Ende anziehen, in derselben weise in Bewegung versetzr werden kann. Sie hätten also das gleiche Redrt gehabt, dem Stroh und dem Eisen
Das ist der Grund dafür, daß die Seele dann den gleichen Schmerz eine Qualität zuzusdrreiben, um sich zum Bernstein oder Magneten
spürt, den sie fühlte, als sie nodr eine Hand hatte; denn sie richtet ihre hinzubewegen, wie sie sie den Steinen zusd-rrieben als Grund für ihre
Aufmerksamkeit auf die Stelle, von der sie gewohnt war, die Bewe_ Bewegung zur Erde. Trotzdem beliebten sie nicht, das zu tun; sondern
gung des Gehirns herzuleiten; entsprechend zu der Tatsache, daß uns sie haben in den Bernstein eine Qualität gelegt, um das Stroh anzu-
das Spiegelbild als der zugrunde liegende Gegenstand vorkommt, als ziehen, und eine Qualität in den Magneten, um das Eisen anzuziehen,
ob er sich selbst an jenem Plarz befände und durch gerade strahlen mit die sie anziehende Qualitäten nannten, als ob es ihnen nicht ebenso
unseren Sinnesorganen verbunden wäre; denn die zuleut genannte leichtgefallen wäre, eine solche in die Erde zu verlegen, damit sie die
Art der Verbindung ist nämlich die gewöhnliche Art und Veise, die schweren Dinge anzöge. Jedoch: diese anziehenden Qualitäten sind
Gegenstände zu erblicken. genau wie die Schwere nur aus einer unrichtigen überlegung entstan-
Und dieses kann zum Verständnis der Möglichkeit dienen, daß eine den, die glauben machte, daß das Eisen den Magneten anziehen müßte,
vom Körper gerrennte Seele von dem Feuer der Hölle oder des Fege- weil man nic.hts sah, was den Magneten zum Eisen stieß, obgleich es
feuers gepeinigt, den gleid-ren Schmerz fühlt, den man spürt, wenn man unmöglidr ist, sich vorzustellen, daß ein Körper einen anderen an-
verbrannr wird. Denn selbst als sie im Körper war, war der Schmerz ziehen könnte, wenn der anziehende Körper sich nicht selbst bewegt,
der Verbrennung in ihr und nicht im Körper, und dieser Schmerz war und wenn der angezogene nicht mit ihm durdr irgendein Band ver-
nichts anderes als ein Gedanke der Traurigkeit, den sie fühlte bei Ge- bunden oder an ihn angehängt ist.
legenheit dessen, was in dem Körper vorging, mit dem Gott sie ver- Diesen Urteilen unserer Kindheit muß man auch die ldee zusdrrei-
einigt hatte. \7arum also können wir uns nidrt vorstellen, daß die ben, die uns die harten und sdrweren Dinge als materieller und fester
Gerechtigkeit Gottes eine bestimmte Menge Materie so in bezug auf repräsentiert als die leichten und feinen Dinge, was uns glauben macht,
einen Geist anordnen könnte, daß die veränderung dieser Materie für daß es mehr Materie in einer Schachtel voll Gold als in einer anderen
diesen Geist eine Gelegenheit wäre, kummervolle Gedanken zu haben, gibt, die nur voll Luft ist. Denn diese Ideen entspringen nur unserer
was alles ist, was der Seele im körperlichen Schmerz zustößt? kindlichen Beurteilung aller äußeren Dinge ausschließlich nach dem
Um aber auf die verworrenen Ideen zurückzukommen, so ist die Eindruck, den sie auf unsere Sinne machten; und weil also die harten
Idee der Schwere, die so klar zu sein scheint, nicht weniger verworren und sc}weren Körper mehr auf uns einwirken als die leichten und
als die anderen, von denen wir gerade gesprochen haben, denn wenn feinen, haben wir uns eingebildet, daß sie mehr Materie enthielten,
die Kinder Steine und andere ähnlidre Dinge sehen, die nach unten während die Vernunft uns urteilen lassen mußte, daß, da jeder Teil
fallen, sobald man aufhört, sie zu halten, so bilden sie daraus die Idee der Materie immer nur seinen Platz innehat, ein gleicher Raum immer
eines Dinges, das fällt welche Idee natürlidr und wahr ist und von derselben Quantität Materie gefüllt wird.
- -
66 Die Logik Erster Teil. Kapitel X 67

so daß einFaß von einem Fuß Rauminhalt nicht mehr enthärr, die Dinge beurteilt haben, bestimmt sein lassen. So werden wir uns
wenn es vollGold isr, als wenn es vollLuft ist; in einem auf unsere natürlichen Ideen beschränken und von den verworrenen
gewissenSi.,ne
isr es sogar wahr, daß das Faß volr Luft mehr feste werden wir nur das Klare in ihnen behalten, zum Beispiel, daß es
Mäterie enthärt,
aus einem Grunde, dessen Erklärung hier zu lange etwas im Feuer gibt, was die Ursadre für das Gefühl der Hitze ist,
wäre.
Man kann sagen, daß aus jener Einbildung ale absonderlichen daß alle Dinge, die man schwere nennt, durch irgendeine Ursadre nach
Mei-
nungen derjenigen entstanden sind, die g"glaubt haben, unten gestoßen werden. \Wir bestimmen dabei gar nicht, was das im
unsere Seele
sei entweder aus sehr feiner Luft, die aus Atomen
zusammengesetzt ist, Feuer Enthaltene ist, das in mir dieses Gefühl verursacht, oder etwas
wie Demokrit und die Epikureer, oder aus feuriger Lufi wie über die Ursache, die einen Stein nach unten fallen macht, damit idr
die
Stoiker, oder ein Teil des himmlische, Lir:lrtes, wie die nur klare Gründe habe, die mir die Erkenntnis liefern.
arten Manichäer
und Fludd selbst zu unserer Zett, o,Jer ein dünner Hauc-h,
wie die
Sozinianer es meinten. Denn aile diese Leute hätten niemals
geglaubt,
daß ein Stein, ein Holz, ein Schlamm zu denken fähig Kapitel X
wäiei; und
deshalb weist Cicero, obwohl er mit den Stoikern b.hrrpr.r,
drß
u,sere Seele eine Flamme aus feiner Materie sei, die Vorsteilu.,g, Einige Beispiele dieser aerreorrenen und d.wnklen Ideen aus der Moral
die
Seele sei aus Erde oder aus grober Luft, als einen
unerträglichen Un_
sinn zurück: Quid enim, obsecro te, terra ne tibi aut 'Wir
hoc nebuloso aut haben im vorhergehenden Kapitel verschiedene Beispiele der
caliginoso caelo, sata aut concreta esse videtur tanta vis verworrenen Ideen gebracht, die wir aus den genannten Gründen
memoriae?
Sie sind aber überzeugt, daß, in dem Maße, wie sie auch falsche Ideen nennen können; da aber alle Beispiele aus der
diese Materie ver,
feinern, sie sie weniger materiell, weniger grob, weniger Physik hergenommen sind, wird es nicht ohne Nutzen sein, einige
körperlich
machen und sie schließlich zu denken fahig wird,
*r, rächerlidre andere aus der Moral hinzuzufügen, denn die falschen Ideen, die man
Einbildung ist. Denn eine Materie ist nur im Hinblich "lr.darauf fein, sich über Gutesund Böses bildet, sind unvergleidrlich gefährlicher.
daß sie als eine in kleinere und bewegrichere Teile aufgeteilte 'Wenn ein Mensch eine falsche oder wahre, klare oder dunkle Idee
ein..seits
geringeren widerstand den anderen Körpern bietet von der Schwere, den sinnlichen Eigenschaften und den Tätigkeiten
und andererseits
in ihre Poren leidrter eindringt. Aber getellt oder nicht geteilt, der Sinne hat, ist er deswegen weder glücklicher noch unglücklicher;
bewegt
oder nicht bewegt, ist sie deshalb weder weniger Materie .,och wenn er darüber ein wenig mehr oder weniger weiß, ist er deswegen
weniglr
körperlich, noch eher des Denkens fähig; es ist nämlich weder ein besserer noch ein schlechterer Mensch. \Telche }4einung wir
unmoglä,
sich vorzustellen, daß es irgendeinen Zusammenhang zwische.r* auch von all diesen Dingen haben, sie werden sich nicht unseretwillen
der
Bewegung oder der Gestalt der feinen oder groben ändern: Ihr Sein ist von unserem lVissen unabhängig, und unsere
lvlaterie mit dem
Denken gibt, und daß eine Materie, die nick dachte, als sie Lebensführung ist unabhängig von der Kenntnis ihres Seins. So ist
wie die
Erde in Ruhe oder in mäßiger Bewegung wie das .Wasser war, es .jedermann erlaubt, sich darauf zurückzuziehen, was wir über sie im
dahin
gelangen könnte, sidr selbst zu kennen, nachdem man nächsten Leben wissen werden und sich hinsichtlich der 'Weltordnung
sie in eine grö_
ßere unruhe versetzr und sie drei oder vier 'wellenschläge auf die Güte und die §Teisheit zu verlassen, der die Velt
mehriat dessen
mad-ren lassen. regi ert.
Man könnte das Gesagte viel weiter ausführen; es isc aber genug, Aber niemand kann sich davon entbinden, Urteile über gute und
um alle anderen verworrenen Ideen verständlich zu machen,
al" frli schlechte Dinge zu bilden, denn nach diesen Urteilen muß man sein
alle irgendwelche ähnlichen Gründe haben wie das, was Leben führen, seine Handlungen einrichten und mit ihnen wird man
wir gerade
darlegten. sich ewig glücklich oder unglücklich machen;und da die falschen Ideen,
Das einzige Heilmimel gegen diese Ungereimtheit und zur die man von allen diesen Dingen hat, die Quellen der sdrlechten Urteile
Befreiung
von den Vorurteilen unserer Kindheit ist, den Urteilen über über sie sind, wäre es unendlich viel wichtiger, sich ihrer Erkenntnis
in den
Bereich unserer Vernunft gehörende Dinge unsere jetzige und ihrer Berichtigung zuzuwenden als die falschen Ideen zu über-
Beurteilung
der Dinge zugrunde zu legen und sie nicht durch das. wie *ir prüfen, die die übereilung unserer Urteile oder die Vorurteile unserer
ei.,st
68 Die Logik Erster Teil. Kapitel X 69

Kindheit uns über die Dinge der Natur bilden lassen und nur Gegen- Da es nun im Glück eine gewisse Vortrefflichkeit gibt, trennt die
stand einer unfruchtbaren Spekulation sind. Seele niemals diese beiden Ideen und sieht ais groll immer die an,
Um sie alle aufzudecken, müßte man eine ganze Moral sdrreiben; die sie für glücklich hält, und als klein die, welche sie für arm und
wir haben aber hier nur die Absicht, einige Beispiele für die Art und unglücklich einschätzt. Das ist der Grund der Verachtung, die man
'§7eise
ihrer Bildung zu bringen, die darin besteht, daß man ver- den Armen, der Hochschätzung, die man den Reichen entgegenbringt.
schiedene Ideen verbindet, die in \(ahrheit nicht vereinigt sind und Diese Urteile sind jedoch so ungerecht und falscfi, daß der heilige
so eitle Phantome zusammenstellt, denen die Menschen nachjagen und Thomas glaubt, es sei dieser Blick der Achtung und Bewunderung
mit denen sie eiend ihr ganzes Leben ausstopfen. für die Reichen gewesen, der so streng von dem hl. Apostel Jakob
Der Mensch findet in sich die Idee des Glücks und des Unglücks, und verurteilt wurde, als er verbot, in den kirchlichen Versammlungen
diese Idee ist weder falsch noch verworren, solange sie allgemein bleibt. den Reichen im Vergleich zu dem Platz der Armen erhöhte Sitz-
Er hat ebenfalls Ideen von Kleinlichkeiten und Größe, von der Ge- gelegenheiten zu gewähren. Diese Stelle darf nicht wörtlich genommen
meinheit und der Vortrefflichkeit; er strebt nach dem GlücI, er flieht verstanden werden, nämlich als ein Verbot, bei der Bezeigung irgend-
vor dem Unglück, er bewundert die Vortrefflichkeit, er veradrtet die welcher äußerer Ehren die Reichen mehr als die Armen zu berück-
Gemeinheit. sichtigen, da die bestehende Ordnung, welche die Religion gar nicht
Aber die Verderbnis des Sündenfalls, die ihn von Gott trennte, in zu stören trachtet, diese Bevorzugung duldet und selbst die Heiligen
dem allein er sein wahres Giüd< finden könnte und mit dem allein er sie anerkannten. Daher scheint es, daß man diese Stelle im Sinne
folglich die Idee davon verknüpfen sollte, läßt ihn die Idee des wahren des Verbots des moralischen Vorzugs, demgemäß die Armen als unter
Glücks mit unendlich vielen Dingen verbinden, an denen er in seiner den Füßen der Reichen Liegende und die Reichen als über den Armen
Überstürzung liebevoll hängt, um bei ihnen die Glückseligkeit zu unendlich Erhabene gesehen werden, deuten muß. Obgleich aber diese
suchen, die er verloren hat. Aus diesem Grunde hat er sidr, indem er aus der Begehrlichkeit entstandenen Ideen und Urteile falsch und un-
sich alle Gegenstände seiner Liebe als geeignet vorstellte, ihn glücklich vernünftig sind, sind sie dennoch allen Menschen gemeinsam, die sie
zu machen, und die Gegenstände, an denen seine Liebe nidrt haften nicht berichtigt haben, da das lüsterne Verlangen sie hervorbringt,
kann, als geeignet, ihn unglücklich zu machen, unendlich viele falsdre von dem alle angesteckt sind. Aus diesem Umstand ergibt sich auch,
und dunkle Ideen gebildet. Durch den Sündenfall hat er auch die daß man nidrt nur diese Ideen über die Reichen sich bildet, sondern
wahre Größe und die wahre Vortrefllichkeit verloren, und so ist er, darüber hinaus weiß, daß bei den anderen sich in der gleichen '§(eise
um sich zu lieben, gezwunEien, sich selbst als einen anderen, der er in Hochschätzung und Bewunderung für die Reichen sich regen: so daß
\Wirklichkeit ist, sich vorzustellen und vor sich sein Elend und seine man ihren Stand nicht nur von allem Gepränge und aller Bequemlich-
Armseligkeit zu verbergen und in die Idee, die er von sich hat, eine keit, die damit verbunden sind, umgeben sieht, sondern auch von allen
große Zahl von Dingen hineinzubringen, die von ihr ganz getrennt diesen vorteilhaften Urteilen über die Reichen, die rnan durch das All-
sind, damit diese Idee an Substanz und Bedeutsamkeit zunimmt. Die tagsgerede der Menschen und durch die Erfahrung von sich selbst kennt.
gewöhnlichen Folgen dieser falsdren Ideen sind die nachstehenden. Die Bewunderung aller Bewunderer der Reichen und Großen wird
Die erste und wichtigste Neigung des lüsternen Verlangens geht auf zu einem Phantom, von dem die Reichen besessen sind, indem sie
das Vergnügen der Sinne, das aus gewissen äußeren Gegenständen sich vorstellen, wie die Bewunderer ihren Thron umgeben und mit
kommt; und da die Seele sich bewußt ist, daß das Vergnügen, das sie dem verhaltenen Gefühl der Furcht, der Achtung, der Erniedrigung
liebt, von diesen Dingen kommt, verbindet sie sogleich mit ihnen die auf sie blicken; dieses gespenstische \Tunschgebilde ist das Idol der
Idee des Guten, und die Idee des Bösen mit dem, was sie dieses Ver- Ehrgeizigen, für das sie ihr Leben lang arbeiten und sich so vielen
gnügens beraubt. Dann sieht sie, daß der Reichtum und die mensch- Gefahren aussetzen.
liche Macht die gewöhnlichen Mittel sind, sidr dieser Objekte der Und um zu zeigen, daß es eigentlich das eben Gesagte ist, was die
Lüsternheit zu bemeistern, und beginnt, sie als große Güter anzusehen, Reichen suchen und schätzen, genügt es, folgendes zu bedenken: gesetzt,
und folglich hält sie die Reichen und die Großen, die sie besitzen, für es gäbe auf der ti(elt nur einen Menschen, der denkt, und alle übrigen,
g1ücklich und für unglücklich die Armen, denen sie vorenthalten werden. die die menschliche Gestalt hätten, wären nur automatische Statuen;
7A Die I-ogik Erster Teil. Kapitel X 71

und außerdem wüßte dieser einzige vernünftige Mensch genau, daß des Geistes zu jenen leeren und gehaltlosen Bildern, die ihn ausfüIlen.
alle diese ihm äußerlich ähnlichen Statuen gänzlich der Vernunft und rVenige verachten ernstlich das Leben, und diejenigen, welche dem Tod
des Denkens beraubt wären, er wüßte aber gleichzeitig das Geheimnis, scheinbar mit so viel Kühnheit bei einem Durchbruch oder in einer
sie durch irgendeinen inneren Mechanismus in Bewegung; zu setzen Schlacht begegnen, zittern wie die anderen und oft mehr als sie, wenn
und von ihnen alle Dinge zu bekommen, die uns die Menschen leisten; er sie in ihrem Bett angreift. Die Großherzigkeit, die sie in manchen
man kann in diesem Fall annehmen, daß er sich manchmal mit den Gefechten an den Tag legen, kommt nur daher, daß sie einmal den
verschiedenen Bewegungen unterhalten würde, die er diese Statuen Spott über die Feiglinge und zum anderen das Lob, das man den
verrichten läßt: aber sicher würde er niemals sein Vergnügen und tapferen Männern gibt, berücksichtigen; wenn dieses doppelte §7ahn-
seinen Ruhm in den äußeren Ehren sehen, die er sich von diesen gebilde sie ergreift, bringt es sie von der Erwägung der Gefahren und
Statuen entgegenbringen lassen würde; er wäre niemals von ihren Ver- des Todes ab.
beugungen geschmeichelt und er würde ihrer müde, wie man der Aus diesem Grunde sind diejenigen, die mehr Veranlassung haben
Marionetten müde wird: so daß er gewöhnlich zufrieden wäre, von zu glauben, daß der Blick der Mensdren auf sie gerichtet ist, tapferer
ihnen die ihm notwendigen Dienste zu bekommen, ohne sich darum und großherziger, da sie diese Urteile mehr als die anderen im Blick
zu kümmern, von den Automaten eine größere Anzahl Leistungen zu haben. So haben die Hauptleute gewöhnlich mehr Mut als die Soldaten
sammeln, als für seine Bedürfnisse nötig wären. und die Adligen mehr als diejenigen, weldre keine sind; denn weil
Es sind also nicht die einfachen äußerlichen Früchte des Gehorsams sie mehr Ehren zu gewinnen und zu verlieren haben, sind sie auch
der Menschen getrennt von dem Anblick ihrer Gedanken, die der von dem Gedanken des möglichen Verlusts oder Gewinns lebhafter
Gegenstand der Liebe der Ehrgeizigen sind: sie wollen Menschen und berührt. Dieselben Leistungen, sagte ein großer Feldherr. sind nicht
nicht Automaten befehlen, und ihre Freude besteht im Anblick der gleich mühsam für den General einer Armee wie für einen Soldaten;
Gemütsbewegungen der Furcht, der Hochschätzung, der Bewunderung, ein General wird nämlich von dem Urteil einer gatzen Armee unter-
die sie in den anderen provozieren. stützt, die ihren Blick auf ihn geheftet hat, während ein Soldat nichts
Das zeigt, daß die sie beherrschende Idee genauso eitel und wenig hat, was ihn anspornt als die Hoffnung auf eine kleine Belohnung und
fundiert ist, wie die der eigentlidr eitel genannten Menschen, die sich der.r geringen Ruf des guten Soldaten, der sich oft nicht über seine
an Lobhudeleien, Beifallsrufen, Lobreden, an Titeln und anderen Kompanie hinaus erstreckt.
'W'as nehmen sich eigentlich diese Leute vor, die herrliche Fläuser
Dingen dieser Art weiden. Das einzige, was sie unterscheidet, sind die
unterschiedlichen Gemütsbewegungen und Urteile, die sie hervorrufen; weit über ihren Rang und ihr Vermögen hinaus bauen? Sie suchen
denn währerrd die eitlen Menschen als Ziel haben, Liebe und Achtung nicht einfach die Bequemlichkeit, denn diese übertriebene Pracht ist
für ihr lVissen, ihre Beredsamkeit, ihren Geist, ihre Geschichlichkeit, ihr eher abträglich als nützlich. Es ist auch einleuchtend, daß sie
ihre Güte zu erregen, wollen die Ehrgeizigen Schred<en, Ehrerbietung niemals diese Mühe auf sich nehmen würden, wenn sie allein auf der
'§Velt
und Erniedrigung unter ihre Größe und diesen Urteilen gleiche Ideen, wären, und ebenso nicht, wenn sie des Glaubens wären, daß sie
durch die sie als schredrlich, erhaben und mächtig angesehen werden, von allen Betrachtern ihrer prächtigen Häuser nur Verachtung ernten
provozieren. So legen die ersten sowohl wie die zweiten ihr Glüdr würden. Also arbeiten sie um der Menschen willen, und zwar wegen
in die Gedanken der anderen; die einen wählen aber diese Gedanken, der Mensdren, deren Billigung sie finden. Sie bilden sich ein, daß alle,
die anderen jene. die ihre Paläste sehen werden, für den Herrn des Palastes nur Gefühle
Nichts ist gewöhnlicher als zu sehen, wie diese nichtigen Phantome, der Ehrfurcht und Bewunderung hegen werden, und so stellen sie sich
zusammengesetzt aus den falschen Urteilen der Menschen, den Anstoß sich selbst inmitten ihres Palastes vor, umgeben von einer Schar von
zu den größten [Jnternehmungen und das Hauptrnittel für die ganze Leuten, die scheu aufblicken und sie für groß, mächtig, prächtig halten.
Gestaitung des Lebens der Menschen abgeben. Um dieser Idee willen, die sie erfüllt, nehmen die Herren alle diese
Die in der '§?'elt so hochgeschätzte Tugend bewirkt es, daß die- großen Anstrengungen und alle Mühen auf sich.
jenigen, die für tapfer gehalten werden, sich ohne Furcht in die größten §7arum, glaubt ihr, werden die Kutschen mit so viel Dienern be-
Gefahren stürz-en; oft ist sie aber nur das Ergebnis der Hinwendung laden? Nicht wegen ihrer Dienste, denn sie hindern mehr als sie
72 Die Logik Erster Teil. Kapitel X 73

nützen; sondern um mit ihnen beim Vorüberfahren bei denen, die Auf Grund des Gesagten kann man entdecken, was viele Dinge den
sic sehen, die Idee zu erregen, es sei jemand von hohem Stand, Menschen angenehm madrt, die von sich aus nichts zu haben scheinen,
cier da vorüberrollt; und das Sich-Vorgaukeln dieser Idee, die was geeignet wäre, die Menschen zu zerstreuen und ihnen zu gefallen.
man sich Denn der Grund dieses Gefallens, den sie an ihnen finden, ist, daß
- wie sie sich einbilden - beim Anblick dieser Kutsche
machen wird, befriedigt die Eitelkeit derjenigen, denen die Lakaien die Idee ihres Ichs durch irgendeinen nichtigen Umstand, den man ihr
gehören. beifügt, in ihrer Vorstellung größer als gewöhnlich wird.
'ü7enn man genauso alle Stände, alle Amter und alle Berufe über- Man hat Gefallen daran gefunden, von den bestandenen Gefahren
prüft, die in der '§(elt hochgeschätzt werden, wird man finden, daß zu sprechen, weil man sich von diesen Begebenheiten eine Idee bildet,
das, was sie angenehm macht und die sie begleitenden Mühen und die uns vor uns selbst entweder als klug oder als besonders von Gott
Beschwernisse erleichtert, die Tatsache ist, daß sie oft den Geist die begünstigt darstellt. Man spricht Bern von den Krankheiten, von
Vorstellung der Ehrfurcht, Hochachtung, Furcht und Bewunderung, denen man geheilt ist, weil man dabei von sich selbst die Vorstellung
die die anderen den Inhabern dieser Ämter entgegenbringen, erzeugen hat, man sei jemand, der so viel Kraft habe, um den großen Übein
lassen. Im Gegensatz dazu werden die meisten der Einsamkeit dadurch zu widerstehen.
überdrüssig, daß die Einsamkeit, indem sie von dem Anblic{r der Man möchte gern einen Vorteil aus allen Dingen herausholen, sogar
Menschheit trennt, zugleich den Anblick ihrer Urteile und Gedanken im Glücksspiel (wo es keine Geschicl<lichkeit gibt), und selbst dann,
vorenthäk. Ihr Herz bleibt auf diese lifleise leer und ausgehungert, wenn man nicht um des Gewinnes willen spielt, weil man der Idee,
da es .iener üblichen Nahrung beraubt ist und in sich nidrts 6ndet, die man von sich selber hat, gern die Idee des Glücklichen hinzufügt;
womit es sidr füllen könnte. Deshalb haben die heidnischen Philo- beim Siegen sieht es so aus, als ob das Glüch uns auserwählt und als
sophen das einsame Leben für so unerträglich gehalten, daß sie sich ob es uns, unsere Verdienste berüd<sichtigend, begünstigt hätte. Man
nicht gesdreut haben zu sagen, der 'Weise würde nicht alle Güter des faßt sogar dieses vorgebliche Glück als eine bleibende Eigenschaft auf,
Leibes und Geistes besitzen wollen unter der Bedingung, immer allein die uns dazu berechtigt, in der Zukunft auf den gleichen Erfolg zu
leben zu müssen und zu niemandem über sein Glücl< reden zu können. hoffen. Aus diesem Grunde gibt es welche, die die Spieler als Mit-
Erst die christliche Religion hat die Einsamkeit angenehm machen spieler wählen und mit denen sie sidr lieber verbinden als mit anderen:
können, weil sie den Menschen dazu bradrte, diese eitlen Ideen zu was aber ganz lächerlich ist. Denn man kann wohl sagen, daß ein
verachten, und weil sie ihm gleichzeitig andere Gegenstände gab, die Mensch bis zu einem gewissen Augenblick glücklich gewesen ist, aber
fähiger waren, seinen Geist zu beschäftigen und würdiger, das Herz hinsidrtlich des darauffolgenden Augenblid<s gibt es keineswegs eine
zu erfüllen; und zwar Gegenstände, zu deren Pflege er in keiner \(eise größere Wahrscheinlichkeit, daß er es sein wird und nicht diejenigen,
des Anblicks der Menschen und des Verkehrs mit ihnen bedurfte. weldre die Unglüdrlidtsten waren.
Es muß aber angemerkt werden, daß die Liebe zu den Menschen Der Geist derer, die nur die Velt lieben, hat also als Gegenstand
sich nicht darauf als letztes richtet, die Gedanken und Meinungen der eigentlich nur eitle Phantome, die ihnen die Zeir vertreiben und sie
anderen zu kennen; sondern diejenigen, die den Menschen zrgetan elend beschäftigen; und diejenigen, die als die W'eisesten gelten, nähren
sind, bedienen sich lediglich jener Gedanken und Gefühle, um die sidr wie die anderen von Täuschungen und Träumen. Nur von den-
Vorstellung, die sie von sidr haben, gewichtiger und bedeutsamer zu jenigen, die ihr Leben und ihre Handlungen auf die ewigen Dinge
madren, indem sie ihr alle jene fremden Ideen hinzufügen und ein- ausrichten, kann man sagen, daß sie einen festen, wirklichen und
verieiben und indem sie sic-h auf Grund einer groben Illusion ein- bestehenden Gegenstand ihres Strebens haben, während es in bezug
bilden, daß sie deswegen wirklich größer als die anderen sind, weil auf alle die anderen wahr ist, daß sie die Eitelkeit und das Nichts
sie ein größeres Haus bewohnen und weil es mehr Leute gibt, von lieben und der Falschheit und der Lüge nachlaufen.
denen sie bewundert werden, obwohl alle diese Dinge, die außerhalb
von ihnen sind r"rnd alle diese Gedanken der anderen Menschen über-
haupt nichts zur Zunahme des \(esentlichen beitragen und sie ebenso
arm und elend lassen, wie sie es vorher waren.
74 Die Logik Erstcr Tci[. Kapitel XI 75

Kapitel XI unserer Seele Gelegenheit, irgend etwas zu erfassen, wie zum Beispiel
infolge der Bewegung, die in unserem Auge durch die Reflexion des
Über einen anderen Grwnd, der Wrwirrung in unseren Gedanben wnd Lichtes in den der Sonne entgegengesetzten Regentropfen entsteht,
Reden stit'tet und der darin besteht, dafi wir die Gedanh.en an die die Scele Ideen von rot, blau oder orange hat. 3. \7ir bilden ein Urteil
\X/örter bet'ten über das, waswir sehen, wie zurn Beispiel über den Regenbogen, dem
wir Farben zusprechen und den wir in einer gewissen Größe, in einer
'§flir haben schon gesagt, daß wir aus bestimmten Gestalt und in einer bestimmten Entfernung denken. Das
der Notwendigkeit heraus,
äu{3ere Zetchen zu verwenden um uns verständlich zu machen, unsere erste dieser drei Dinge vollzieht sich ganz in unserem Körper. Die
Ideen so fest mit den rWörtern verknüpfen, daß wir oft viel stärker zwei anderen sind nur in unserer Seele, obgleich durch das, was in
die Vörter berücksichtigen als die Sachen. Das ist nun eine der gewöhn- unserem Körper vor sich geht, veranlaßt. Und trotzdem verstehen wir
lichsten Ursachen der Verworrenheit in unseren Gedanken und unseren alle drei, obgleich so verschieden, unter dem gleichen Namen Sinn und
Reden. Gefühl, oder Gesichtssinn, Gehörsinn usw. Denn wenn man sagt, daß
Es muß nämlich beachtet werden! daß, obgleich die Menschen oft das Auge sieht und das Ohr hört, kann man das rrur gemäß der Be-
verschiedene Ideen über dieselben Dinge haben, sie sich trotzdem der- v/egung der körperlichen Organe verstehen, da es klar ist, daß das
selben 'Wörter bedienen, um sie auszudrücken, wie zum Beispiel die Auge von den es beeindruckenden Gegenständen keine Wahrnehmung
Idee, die ein heidnischer Philosoph von der Tugend h:rt, r.richt die hat und nicht das Auge über sie urteilt. Man sagt im Gegenteil, daß
gleiche ist wie die eines Theologen über diesen Gegenstand, und trotz- man jemanden nicht gesehen hat, der vor uns erschienen ist und unsere
denr drückt jeder seine ldee durdr das gleiche lWort ,,Tugend" aus. Augen gereizt hat, wenn wir uns dessen nicht bewußt geworden sind.
Die Menschen verschiedener Epochen haben darüber hinaus die- Und dann wieder nimmt man das 'W'ort sehen f;Jr den Gedanken,
selben tr)inge auf sehr verschiedene §üeise betrachtet, und trotzdem der sich in unserer Seele von dem bildet, was in unserem Auge und
'Wortes
haben sie irnmer alle diese Ideen unter einem und demselben Namen Gehirn vor sich geht. Nach dieser Bedeutung des ,,sehen" ist
untergebracht; man wird also leicht verwirrt, wenn man dieses 'W'ort es die Seele, die sieht, und nicht der Körper, wie Platon es behauptet
ausspricht oder es ausspredren hört und es bald nach einer ldee und und Cicero nach ihm mit folgenden'tVorten: Nos enim ne nunc quidem
bald nach einer anderen versteht. Als der Mensch zum Beispiel er- oculis cernimus ea quae videmus. Neque enim est ullus sensus in
kannte, daß er in sich etwas hatte corpore. Viae quasi quaedam sunt ad oculos, ad aures, ad nares a sede
- was es auch immer sei -, das
Grund dafür ist, daß er sich ernährt und wächst. nannte er es Seele, animi perforatae, itaque saepe aut cogitatione aut aliqua vi morbi
und dehnte diese Idee auf Ähnliches, nicht nur in den Tieren, sondern impediti apertis atque integris et oculis et auribus, nec videmus, nec
selbst in den Pflanzen aus. Und nachdem er auch gesehen hatte, daß audimus; ut facile intelligi possit, animum et videre et audire, non
er dachte, hat er mit dem Namen Seele außerdem das bezeichnet, was eas partes quae quasi fenestrae sunt animi. Schließlich nimmt man das
lVort Sinn, Gesichtssinn, Gehörsinn usw. für das letzte jener drei
in ihm Prinzip des Denkens ist. Daher kam es, daß es auf Grund
dieser Namensähnlichkeit das, was denkt, und das, was den Körper Dinge, das heißt für die Urteile unserer Seele im Anschluß an die
tWahrnehmungen, die sie auf Veranlassung von dem hat, was in den
sich ernäl.rren und wachsen läßt, für die gleiche Sache gehalten hat.
Ebenfalls hat man das '§ü'ort Leben gleichermaßen auf das ausgedehnt, körperlichen Organen vor sich gegangen ist: wie wenn man zum
tWasser einen
was Grund der Verrichtungen der Tiere ist, wie auf das, was unserem Beispiel sagt, daß die Sinne sich täuschen, wenn sie im
Denken zugrunde liegt; und das sind z.wei ganz verschiedene Dinge. gekrümmten Stab sehen und die Sonne uns nur mit zwei Fuß Durch-
Die §ü'orte Sinn und Gelübl sind ebenfalls sehr mehrdeutig, selbst messer erscheint. Denn es ist sicher, daß hier kein Irrtum und kein
wenn man diese 'Worte nur auf einen der fünf körperlichen Sinne Fehler vorliegen kann, weder im Geschehen des körperlichen Organs
anwendet. Denn in uns geschehen gewöhnlich drei Dinge, wenn wir noch in der alleinigen \Wahrnehmung unserer Seele, die nur eine
von unseren Sinnen Gebrauch machen, wie zum Beispiel, wenn wir Apprehension ist; sondern daß der ganze Irrtum nur von unseren
etwas sehen. 1. Gewisse Bewegungen gehen in den körperlichen Orga- falschen Urteilen kommt, indem wir zum Beispiel schließen, daß die
nen, wie im Auge und im Gehirn, vor sich. 2. Diese Bewegungen geben Sonne nur zwei Fuß Durchmesser bat, weil wegen ihrer großen Ent-
76 Die Logik Erster Teil. Kapitel XII 77

fernung das Bild, das sich im Hintergrund unserer Augen bildet, Kapitel XII
ungefähr die gleiche Größe hat wie das Bild, das ein Gegenstand von
zwei Full in einer gewissen, unserem gewöhnlichen Sehen entsprechen- Über ein fulittel zwr Heilung der Wnairrung, die in unseren Gedanhen
deren Entfernung bilden würde. §7eil wir aber jenes Urteil sdron seit ünd Reden durch die Wrwirrung der Wörter entsteht; wo von der
unserer Kindheit gefällt haben und so daran gewöhnr sind, daß es N otwendigbeit und N ützlichheit gesprocbenuird,die benutzten Namen
sich im gleichen Augenblick einstellt, wie wir die Sonne sehen, fast zw definieren, und z.,on dem Unterscbied zwischen. der Nominal- und
ohne irgendeine überlegung, so schreiben wir es dem Gesichtssinn zu der Realdefinition
und sagen, daß wir die Objekte klein oder groß sehen, je nachdem
sie weniger oder weiter entfernt von uns sind, obgleich es unser Geist Das beste Mittel zur Vermeidung der Verwirrung der §/örter, die
und nicht unser Auge ist, der über ihre Kleinheit und ihre Größe die alltäglichen Sprachen ausmachen, ist die Sdraffung einer neuen
u rteilt. Sprache und neuer rWörter, die nur mit den Ideen verbunden sind, die
Alle Sprachen sind voll von unendlich viel ähnlichen '{flörtern, die, sie repräsentieren sollen. Zu diesem Zwedr wäre es niclt nötig, neue
obgleich sie dasselbe Lautbild haben, trotzdem Zeichen von ganz ver- Laute zt erfinden, denn man kann sich der schon gebrauchten bedienen,
schiedenen Vorstellungen sind. wenn man sie so ansieht, als hätten sie gar keine Bedeutung, urn ihnen
Es muß jedoch folgendes angemerkt werden: es ist fast unmöglich, nur die zu geben, mit der wir sie eigens ausstatten wollen, und wenn
daß man bei einem mehrdeutigen Namen, der zwei Dinge bezeichnet, man durch andere, einfache, nicht mehrdeutige '§?'orte die Idee be-
die nichts miteinander zu tun haben und die die Menschen nie in ihren zeichnet, auf die wir die §ü'örter anwenden wollen.
Gedanken verwechselt haben, sich darüber täuscht und daß diese 'Wenr.r ich zum Beispiel beweisen will, daß
unsere Seele unsterblich
Dinge Grund irgendeines Irrtums sind; wie man sich zum Beispiel ist, wird das'Wort Seele, da es mehrdeutig ist, wie wir gezeigt haben,
durch die Mehrdeutigkeit des lVortes Wdder, das ein Tier und ein leicht Verwirrung in dem, was ich zu sagen hätte, stiften: so daß ich
Tierkreiszeic-hen bedeutet, mit etwas gesundem Menschenverstand nicht das \(ort Seele, um der Verwirrung zu entgehen, als einfachen Laut
täuschen lassen wird. Ifährend in dem Fall, wie bei dem W'ort Seele, ansehen werde, der noch gar keinen Sinn hat und es einzig auf das
in dem die Mehrdeutigkeit eigentlich aus dem Irrtum der Menschen anwenden v/erde, v/as in uns das Prinzip des Denkens ist, indem ich
kommt, die durch ein Fehlgreifen verschiedene Ideen verwechselt haben, sage: ich nenne Seele das, was in uns Prinzip des Denkens ist.
es schwierig ist, aus der Täusdrung zurüd<zufinden, weil man vermutet, Dies nennt man Definition des Namens (Nominaldefiniron, defi-
daß die, welche sich dieser rüorte als ersre bedienren, sie wohl ver- nitio nominis), deren sich die Mathematiker mit so viel Nutzen be-
standen haben. Und so begnügen wir uns oft damit, die \Worte auszu- dienen und von der die Definition des Dinges (Realdefinition, defi-
sprechen, ohne jemalszu prüfen, ob die Idee, die wir dabei haben, nitio rei) wohi unterschieden werden muß.
klar und bestimmt ist; und wir sprechen sogar dem Ding, das wir Denn bei der Definition des Dinges, wie vielleicht dieser: ,,Der
homonym benennen, das zu, was den Vorstellungen von mit ihm Mensch ist ein vernünftiges Lebewesen; die Zeit ist das Maß der
unverträglichen Dingen zukommt, ohne uns bewußt zu sein, daß dies Bewegung" läßt man dem definierten Ausdruck wie ,,Mensch" oder
nur äus der Vermengung zweier verschiedener Dinge unter einem ,,Zeit" seinen gewöhnlichen Sinngehalt, in dem vorgeblich andere
Namen herrührt. Vorstellungen oder Ideen enthalten sein sollen, wie zum Beispiel ,,ver-
nünftiges Lebewesen" oder ,,Maß der Bewegung"; während man bei
der Defnition des Namens, wie wir schon gesagt haben, nur auf den
Laut adrtet und ihn dann zum Zeicher. einer Idee macht, die man
durch andere §üorte beschreibt.
Ebenfalls ist darauf zu achten, daß die Definition des Namens, von
der wir hier sprechen, nicht mit derjenigen verwechselt wird, von der
einige Philosophen sprechen, die unter ihr die Erklärung der '§ü'ort-
bedeutung gemäß dem allgemeinen Sprachgebrauch oder gemäß seiner
7s Dic l.ogik Erster Teil. Kapitel XII 79

Etymologie verstehen" \Wir werden sie an einer anderen Stelle behan- dürfen nicht vorausgesetzt werden, es sei denn, sie sind von sich aus
deln können. Hier wenden wir uns im Gegenteil nur dem besonderen klar wie Axiome.
Gebrauch zu, den der.jenige, der ein §7ort definiert, vollzogen sehen Allerdings bedarf das eben Gesagte, daß die Nominaldefinition
wili, damit seine Gedanken richtig erfaßt werden, ohne sich darum als Prinzip genommen werden kann, einer Erläuterung. Denn das ist
zu kümmern, ob die anderen es in dem gleichen Sinn verwenden. nur auf Grund der Tatsache unbestritten wahr, daß die bezeichnete
F{ieraus ergibt sich: Erstens, daß die Definirionen der Namen will- Idee mit dem Namen benannt werden könnte, den man ihr gegeben
kürlich sind und daß die Definitionen der Dinge es nicht sind. Denn hat; daraus darf man aber weder zugunsten dieser Idee etwas folgern
da jeder Klang von sich aus indifferent ist und seiner Natur nach für noch giauben, daß die Idee einzig und allein, weil man ihr einen
.. l'r' die Bezeichnung aller Arten von Ideen da ist, ist es mir für meinen Namen gegeben hat, irgend etwas \Wirkliches bedeutet. Ich könnte
besonderen Gebrauch, und vorausgeserzt, ich mache die anderen darauf zum Beispiel das §(ort ,,Chirnäre" definieren, inderr ich sage, ich nenne
aufmerksam, erlaubt, einen Laut dazu zu bestimmen, ein gemeintes Chimäre das, was einen \Widerspruch enthält. Indessen folgt daraus
Ding zu bezeichnen, ohne Beimischung irgendeines anderen. Bei der nicht, daß die Chimäre irgend etwas §firkliches ist. Ebenso, wenn ein
Definition der Dinge ist es aber ganz anders. Denn es hängt nicht vom Philosoph zu mir sagt: Ich nenne Schwere das innere Prinzip, das einen
\filien der Menschen ab, ob die Ideen das einschließen, was sie nach Stein fallen läßt, ohne daß irgend etwas ihn stößt; ich werde diese
unserem \(unsch einschließen sollten; so daß wir dabei notwendig Definition nicht bestreiten, im Gegenteil, ich werde sie gerne auf-
dem Irrtum verfallen, wenn wir sie definieren wollen und ihnen dabei nehmen, weil sie das, was er sagen will, verständlich macht; ich werde
irgend etwas zuschreiben, was sie nicht enthalten. ihm gegenüber aber verneinen, daß das, was er unter diesem tW'ort
Um ein Beispiel von dem einen und von dem anderen zu bringen: ,,Schwere" versteht, irgend etwas \Trrkliches ist, denn es gibt in den il
wenn ich das '§üort Parallelogramn seiner ganzen Bedeutung beraube Steinen überhaupt kein solches Prinzip.
und es zur Bezeichnung eines Dreiecks verwende, ist rnir das erlaubt, Ich habe dieses etwas weitläufiger erklären wollen, weil mit diesem
und ich begehe dabei keinen Irrtum, vorausgeserzr, daß ich es nur so Gegenstand in der gewöhnlichen Philosophie zweierlei Mißbrauch ge-
verwende; ich könnte also dann sagen, daß ein Parallelogramm drei trieben wird. Der erste ist die Verwechslung der Realdefinition mit
Winkel hat, die gleich zwei rechten sind. '§(enn ich aber dem Wort der Nominaidefinition: man schreibt der ersten zu, was nur derzweiten
seine Bedeutung und seinen gewöhniichen Sinngehalt lasse, der in der zukommt. Denn nachdem man ganz nach freiem Belieben hunCert
Bezeichnung einer Figur besteht, deren Seiten parallel sind, und doch Realdefinitionen, nicht Nominaldefnitionen, gemacht hat, die sehr
sage. daß das Parallelogramm eine von drei Linien umschlossene Figur falsch sind und keineswegs weder die wahre Natur der Dinge noch
ist, wäre das äußerst falsch, denn in diesem Fall wäre das eine Defi- die Ideen, die wir davon natürlicherweise haben, erklären, will man
nition der Sache; bei einer von drei Linien umschlossenen Figur ist es anschließend, daß man diese Definitionen als Prinzipien ansieht, denen
aber unmöglich, daß ihre Seiten parallel sind. niemand widersprechen kann, und wenn jemand sie verneint, da man
Zweitens folgt daraus, daß die Definitionen der Namen auf Grund sie sehr wohl verneinen kann, behauptet man, daß man nicht wert
ihrer \ü/illkürlichkeit nicht bestritten werden können. Denn man kann sei, mit ihnen zu disputieren.
weder leugnen, daß ein Mensch einem Laut die Bedeutung gegeben Der zweite Mißbrauch besteht darin, daß man sich fast niemals der
hat, die er versichert, ihm gegeben zu haben, noch daß er diese Bedeu- Nominaldefinitionen bedient, um die Dunkelheit der Namen zu be-
tung im Sprachgebrauch dieses Mannes hat, nachdem er uns darauf seitigen und sie an gewisse klar bezeichnete Ideen zu 6xieren, und
hingewiesen hat. Aber die Definitionen der Dinge werden oft zu man die Namen daher in ihrer Verworrenheit beläßt. Daraus foigt,
Recht bestritten, weil sie falsch sein können, wie wir gezeigt haben. daß die meisten ihrer Dispute §?ortstreitigkeiten sind, urrd außerdem,
Drittens ergibt sich, daß jede Nominaldefinition als Prinzip ge- daß man sich des Klaren und \Tahren in den verworrenen Ideen
nommen werden kann, da sie nicht bestreitbar ist, während bei der bedient, um das, was sie Dunkles und Falsches an sich haben, mitzu-
Realdefinition diese Möglichkeit nicht besteht; sie sind wahre Sätze, schleppen, was man leicht erkennen würde, wenn man die Namen
die von denen verneint werden können, die in ihnen etwas Dunkles definiert hätte. So glauben die Philosophen im allgemeinen, das klarste
finden, und folglich bedürfen sie eines Beweises wie andere Sätze und Ding der \Welt sei, daß das Feuer warm und ein Stein schwer ist und
80 Die Logik [,rster Teil. Kapitel XIII 8i

daß es verrückt wäre, dieses zu leugnen. Und in der Tat werden sie teilbar ist, gerade Zahl. Das zeigt, daß man immer, wenn man sich des
davon alle \(elt überzeugen, solange man nidrt die Namen definiert definierten 'Wortes bedient, die Definition an die Stelle des Definierten
hat. Indem man sie aber definiert, wird man leidrt entdecken, ob das, setzen muß; und man muß diese Definition so gegenwärtig haben, daß
was man in bezug auf diesen Gegenstand angesichts jener Behauptun- man beim Nennen ,,gerade Zahl" zum Beispiel genau versteht, daß
gen leugnen wird, klar oder dunkel ist. Denn man muß sie fragen, es die ist, die durch zwei ohne Rest teilbar ist und daß die beiden
was sie unter dem 'W'ort ,,warm" und unter dem §üort ,,schwer" ver- Dinge im Denken so verbunden und untrennbar sind, daß der Geist
stehen. §7enn sie antworten, daß sie unter ,,warm" einfach etwas unverzüglich das andere daran anhängt, sobald in der Rede das eine
verstehen, das geeignet ist, in uns das Gefühl der Värme zu erregen, ausgesprochen wird. Denn diejenigen, welche die Termini definieren,
und unter ,,schwer" etwas, was, nicht gehalten, nach unten fäIlt, so wie es die Mathematiker mit großer Sorgfalt cun, definieren nur, um
haben sie recht zu sagen, daß das Feuer warm und der Stein sdrwer ist. die Rede abzukürzen, die so häufige Umschreibungen langweilig
§(enn sie aber unter ,,warm" etwas verstehen, was an sidr eine Quali- machen würden. Ne assidue circumloquendo moras faciamus, wie der
tät hat ähnlich dem, was wir uns vorstellen, wenn wir die \(ärme heilige Augustinus sagt; sie tun es aber nicht, um die Ideen der Dinge
fühlen, und unter ,,schwer" er'vr'as, was an sich ein inneres Prinzip hat, abzukürzen, von denen sie sprechen. Denn sie versichern, daß der
welches seine Bewegung zum Zettrum hin bewirkt, ohne durdr etwas Geist die ganze Defnition zu den kttrzen Ausdrüc-ken ergänzen wird,
was es auch immer sei gestoßen zu werden, so q/ird es leicht sein, die sie nur verwenden, um die Umständlichkeit zu vermeiden, die die
- -
ihnen zu zeigen, daß man nicht eine klare, sondern sehr dunkle, um Vielheit der \forte mit sich bringen würde.
nicht zu sagen, sehr falsche Sache verneint, wenn man abstreitet, daß
das Feuer in diesem Sinne warm und ein Stein sdrwer sei. Denn es ist ir

wohl klar, daß das Feuer in uns das Gefühl der '§V'ärme durch seinen Kapitel XIII j

Eindruck auf unseren Körper entstehen läßt; es ist aber gar nicht klar, I
)

daß das Feuer irgend erwas in sich hat, das ähnlich dem wäre, was wir Vicbtige B emerhungen über die N ominaldefinitionen
l

fühlen, wenn wir neben dem Feuer sind. Es ist ebenfalls überaus klar,
daß ein Stein nach unten fällt, wenn man ihn losläßt; es ist aber gar Nachdem wir erklärt haben, was die Nominaldefinitionen sind, so-
nicht klar, daß er von sich aus fällt, ohne daß irgend etwas ihn nach wie ihre große Nützlichkeit und Notwendigkeit, ist es wichtig, einige
unten stößt. Bemerkungen über die Art und '§ü'eise, sich ihrer zu bedienen, anzu-
Die große Nützlichkeit der Nominaldefinitionen besteht nun darin, stellen, damit man sie nicht mißbraucht.
genau verständlich zu machen, um was es sich handelt, damit man 1. Man darf nicht versuchen, alle'Worte zu definieren, denn das ist oft
nicht unnütz um Worte disputiert, die der eine auf die eine V'eise unnütz und manchmal sogar unmöglich. Ich sage, €s wäre oft un-
versteht und der andere auf die andere, wie es so oft geschieht, und nütz, gewisse Namen zu definieren. Denn wenn die Idee der Men-
selbst in den alltäglichen Unterhaltungen. schen von irgendeinem Ding deutlich ist und alle, die eine Sprache
Aber außer dieser Nützliclkeit gibt es noch eine andere. Man kann verstehen, die gleiche Idee bilden, wenn sie ein §7ort aussprechen
nämlich oft keine bestimmte Idee eines Dinges haben, wenn man nicht hören, wäre seine Definition unnütz, da man das Ziel der Definition,
viele \Worte zu ihrer Bezeichnung verwendet. Nun wäre es lästig, vor die Verknüpfung des'Wortes mit einer klaren und bestimmten Idee,
allem in den wissenschaftlidren Werken, immer diese ganze \flortfolge ja schon hat. Das kommt bei den ganz einfachen Dingen vor, von
zu wiederholen. \üenn rnan deshalb einmal die Idee durch alle diese denen alle Menschen natürlich die gleiche Vorstellung haben, so daß
'§üorte
verständlich gemacht hat, verknüpft man die gefaßte Idee mit die Vorte, die zu ihrer Bezeichnung dienen, in gleicher '§(i'eise von
einem einzigen rVort, das dadurch alle anderen vertritt. '§?'enn man allen, die sie verwenden, verstanden werden, oder wenn sie zuwei-
also einmal verstanden hat, daß es Zahlen gibt, die durch zwei ohne Ien irgend etwas Dunkles in die Worte mischen, ihre hauptsächlidre
Rest geteilt werden können, gibt man dieser Eigenschaft einen Namen, Aufmerksamkeit trotzdem auf das Klare in ihnen geht. So haben
um der mehrmaligen lViederholung aller dieser Ausdrüd<e zu enr- auch diejenigen, welche sich nur dieser §(orte zur Bezeichnung der
gehen, indem man sagt: ich nenne jedeZahl, die durch zwei ohne Rest klaren Ideen bedienen, keinen Anlaß zur Furcht, daß sie mißver-
82 Die Logik Erstcr Teil. Kapitel XIII 83

standen werden. Solche lWorte sind Sein, Denken, Ausdehnung, von ihnen abzustreifen, um sie einzig und allein mit der anderen
Gleichheit, Dauer oder Zeit und andere ähnliche. Denn wenn auch zu verknüpfen, so wie die §7ärme im gewöhnlichen Gebrauch sowohl
manche die Idee von der Zeit durch verschiedene über sie gebildete das Gefühl, welches wir haben, als auch eine Qualität, die wir uns
Sätze, die sie Definitionen nennen, wie zum Beispiel: die Zeit ist im Feuer ganz ähnlich dem von uns Gefühlten denken, bedeutet.
das Maß der Bewegung nach dem Früher oder Später, verdunkeln, Um diesen Doppelsinn zu vermeiden, kann ich mich des Namens
so bleiben sie nichtsdestoweniger bei dieser Definition nicht stehen, ,,\üärme" bedienen, indem ich ihn auf eine dieser beiden Ideen an-
wenn sie von der Zeit sprechen hören, und denken über sie nicht wende und ihn von der anderen trenne; so etwa sage ich: ich nenne
etwas anderes als natürlicherweise alle anderen Menschen. Und so ,,'Wärme" das Gefühl, das ich habe, wenn ich mich dem Feuer
verstehen die Gelehrten und die Unwissenden das gleiche und mit nähere, während ich dem Grund dieses Gefühls entweder einen
derselben Leichtigkeit, wenn man ihnen sagt, daß ein Pferd für eine ganz verschiedenen Namen wie zum Beispiel ,,Glut" oder den glei-
Meile weniger Zett bratcht ais eine Schildkröte. chen Namen mit irgendein em Ztsatz, der ihn bestimmt und von der
'§fl'ärme im Sinne des Gefühis unterscheidet, wie zum Beispiel
Ich behaupte sogar, daß es unmöglich wäre, alle'§fl'orte zu definie- ,,vir-
ren. Denn zur Definition eines tWortes braucht man notwendig andere tuelle 'Wärme", gebe. Der Grund dieser Bemerkung ist der, daß die
'Worte, die die Idee bezeichnen, mit der man dieses \Wort verknüp- Menschen sich nicht leicht davon losma<Jren, wenn sie einmal eine
fen will; wenn man aber noch die \7orte definieren wollte, deren Idee mit einem'Wort verbunden haben; so taucht die alte Idee
man sich zur Erläuterung des ersten bedient haben würde, wären immer wieder auf und iäßt die Menschen leicht eine neue vergessen,
wieder noch andere notwendig und so fort ins Unendliche. Man die man ihnen geben will, indem man das §ü'ort definiert: daher wäre
rnuß also notwendigerweise bei ursprünglichen Begriffen stehen- es leichter, die Menschen an ein §/ort zu gewöhnen, das überhaupt
bleiben, die man gar nicht definiert, und es wäre ein ebenso großer nichts bedeutet, wie wenn man zum Beispiel sagen würde, ich nenne
Fehler, zuviel definieren zo wollen wie nicht genug zu definieren, eine durch drei Linien begrenzte Figur ,,bara", als sie daran. ztt
denn sowohl durch das eine a1s auch durch das andere geriete man gewöhnen, das §(ort Parallelogramm von der Idee einer Figur,
in die Verwirrung, die zu vermeiden man vorgibt. deren gegenüberliegende Seiten parallel sind, zu trennen, um ihm
2. Schon angenommene Definitionen darf man niemals ändern (es sei die Bedeutung einer Figur, deren Seiten nicht parallel sein können,
denn, man findet Anlaß, sie zu tadeln), da es immer leichter ist, ein zu geben.
'W'ort verständlich zu machen, wenn sein schon angenommener Ge- Das ist ein Fehler, den alle Alchimisten begangen haben, denen
brauch, zumindest unter den Gelehrten, es mit einer Idee verknüpft es Freude gemacht hat, die Namen der meisten Dinge, von denen
hat, als wenn man es mit ihr von neuem verbinden und von irgend- sie sprechen, ohne irgendeinen Nutzen zu ändern und den Dingen
einer anderen Idee trennen muß, mit der man es zu verbinden solche Namen zu geben, die bereits andere Dinge bezeichnen, die
gewohnt war. Darum wäre es ein Fehler, die von den Mathemati- überhaupt keinen Zusammenhang mit den neuen Ideen, mit denen
kern angenommenen Definirionen zu ändern, es sei denn, daß eine dieselben Namen von den Alchimisten jetzt verbunden werden,
unter ihnen verworren ist und deren Idee vielleicht nicht klar genug haben. Das gibt manchmal sogar Anlaß z-u lächerlichen Schlüssen,
bezeichnet wurde, wie es vielleicht bei der Definition des \Winkels wie diejenigen einer Person es sind, die sich einbildete, daß die Pest
und der Proportion bei Euklid der Fall ist. ein von dem Saturn gesandtes Übel sei und behauptete, daß man
3. §7enn man gezwungen ist, ein Iü/ort zu definieren, soll man sich Pestkranke geheilt hätte, indem man ihnen um den Hals ein Blei-
soviel wie möglich an den Gebrauch halten, indem man den Wor- stück umgehängt habe, das die Alchimisten Saturn nennen, auf wel-
ten nicht einen Sinn gibt, der von dem, den sie schon haben, ganz ches man eines Samstags, der auch den Namen des Saturn trägt, die
entfernt ist (selbst dann nicht, wenn der gängige Sinn der etymolo- Figur eingraviert hatte, deren sich die Astronomen zur Bezeichnung
gischen Bedeutung des \(ortes entgegengeserzt ist); so wie derjenige dieses Planeten bedienen, als wenn die willkürlichen und unbegrün-
es tut, der sagen würde, ich nenne Parallelogramm eine durch drei deten Zusammenhänge zwischen dem Blei und dem Planeten Saturn
Linien begrenzte Figur. Sondern man muß sich für gewöhnlich damit und zwischen diesem gleichen Planeten und dem Samstag und seinem
begnügen, bei den Vörtern, die zwei Bedeutungen haben, die eine kleinen Zeichen, echte 'Wirkungen haben und Krankheiten wirklich
84 Die Logik Erster Teil. Kapitel XIV 85

heilen könnten. Das Unerträglichste aber in dieser Sprache der Al- einfach wissen zu lassen, in welchem Sinne man ein rVort versteht, son-
chimisten ist die Profanation der heiligsten Geheimnisse der Reli- dern behauptet, den Sinn zu erklären, in dem es allgemein verstanden
gion, damit diese als Schleier für ihre angeblichen Geheimnisse die- wird, sind diese Definitionen keineswegs willkürlich: sie sind an die
nen. Die Profanation ist so weit gediehen, daß welche unter ihner.r Notwendigkeit gebunden, die \Wahrheit, wenn nicht der Dinge, so
bis zu dem Punkt der Gottlosigkeit vorgedrungen sind, daß sie das doch des allgemeinen Gebrauchs darzustellen, und sie haben als falsch
in der Schrift über die wahren Christen Gesagte: sie sind das aus- zu gelten, wenn sie nicht wirklich diesen Gebraudr zum Ausdrudr
erwählte Volk, der königliche Priester, die heilige Nation, das Volk, bringen, das heißt, wenn sie mit den Klanggebilden nicht dieselben
das Gott sich erwählt und aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Ideen, die im gewöhnlichen Gebrauch von denen, die sich ihrer bedie-
Licht gerufen hat, auf die chimärische Bruderschaft derRosenkreuzer nen, damit verbunden werden, in Zusammenhang bringen. Dies zeigt
anwenden, die nach den Alchimisten \7eise sind, zur glückseligen übrigens, daß diese Definitionen gar nicht unanfechtbar sind, denn
Unsterblichkeit gelangt, weil sie in dem Stein der '§ü'eisen das Mittel man streitet alle Tage über die Bedeutung, die der Gebrauch den Aus-
gefunden haben, die Seele in ihren Körpern festzuhalten, und zwar drücken gibt.
in dem Maß, wie sie sagen, daß es keinen fesreren und unvergäng- Nun, obwohl diese Arten von '§flortdefinitionen das Geschäft der
licheren Körper gibt als nur das Gold. Man kann diese Träumereien Grammatiker zu sein scheinen, da sie die Vörterbücher ausfüllen, die
und viele andere ähnliche in der Kritik sehen, der Gassendi die nichts anderes als die Erläuterung der Ideen sind, die die Menschen
Philosophie von Fludd unterzogen hat. Sie zeigen, daß es kaum eine vereinbart haben, gewissen Lauten zuzuordnen, kann man trotzdem
schlechtere geistige Veranlagung gibt als die jener rätselfreudigen über diesen Gegenstand mehrere für die Genauigkeit unserer Urteile
Schriftsteller, die sich einbilden, daß die am wenigsten zuverlässi- sehr wiclrtige überlegungen anstellen.
gen Gedanken, um nicht zu sagen, die falschesren und gottlosesten Die erste überlegung, Grundlage der anderen, ist die, daß die Men-
für große Mysterien gehalten werden, wenn sie in einem solchen schen oft nicht genug die Bedeutung der '§üorte in Erwägung ziehen,
sprachlic-hen Gewand erscheinen, von dem der gemeine Sterbliche das heißt, daß die Vörter oft mehr bedeuten als es scheint, und daß,
nichts begreift. wenn man ihre Bedeutung erläutern will, rnan nicht den ganzen Ein-
druck, den sie im Geist hinterlassen, darstellt.
Denn ,,bedeuten" in bezug auf einen gesprochenen oder geschriebe-
Kapitel XIV nen Laut ist nic}ts anderes, als eine mit diesem Laut verbundene Idee
in unserem Geist zu erregen, bei der Erreichung unserer Ohren und
Über eine andere Art aon Nominaldefinitionen, durch welche man die unserer Augen. Nun gesd-rieht es oft, daß ein W'ort außer der haupt-
Bedeutung der Vörter im täglicben Gebrauch lestlegt sächlichen ldee, die man als die eigentliche Bedeutung dieses \üortes
ansieht, verschiedene andere ldeen erregt, die man ,,nebensächliche"
Alles, was über die Nominaldefinitionen gesagt wurde, betrifft nur nennen kann und auf die man nicht acht hat, obgleich der Geist ihren
diejenigen, durch welche die \ilörter definiert werden, die der Mit- Eindruck empfängt.
teilung der eigenen Gedanken dienen; aus diesem Umstand erklärt es \7enn man zum Beispiel zu jemandem sagt: ,,Das haben Sie gelo-
sich, daß sie dem Belieben und der \7illkür anheimgestellt bleiben; es gen", und wenn man nur auf die Hauptbedeutung dieses Ausdrucks
ist nämlich iedermann gestattet, sich des Klanggebildes, das er vor- sieht, ist es das gleiche, wie wenn man ihm sagen würde: ,,Sie wissen
zieht, zum Ausdruck seiner Ideen zu bedienen, vorausgesetzt, daß er das Gegenteil von dern, was Sie sagen." Außer dieser Grundbedeu-
eigens darauf hinweist. Da aber die Menschen nur Herren über ihre tung aber tragen diese W'orte im Gebrauch eine Idee der Verachtung
eigenen Ausdrucksmittei sind und nicht über die der anderen, hat und Beschimpfung mit sich und machen glauben, daß der, der sie uns
jeder wohl das Recht, ein Wörterbuch für sich selbst zu machen; man sagt, sich nicht darum schert, uns zu beleidigen, was sie ehrenrührig
hat aber weder das Recht, eines für die anderen herzustellen, noch ihre und verletzend macht.
\(örter durch besondere Bedeutungen zu erklären, die man diesen Manchmal werden die nebensächlichen Ideen nicht durch einen all-
\7örtern zugeschrieben hat. \(enn man deshalb nicht die Absicht hat, gemeinen Gebrauch mit den \7örtern verknüpft, sondern sie werden
[J6 [)ic [.ogik Erster Teil. I(apitel XIV ö/

mit den \(örtern nur von denr verbunden, der sich ihrer bedient. nen will. Und gerade diese Arten wählen die \Weisen und Gemäßigren
Diese Ideen werden eigcntlich durch den Ton der Stimme, die Miene zum mindesten dann, wenn sie nicht einen besonderen Grund haben,
des Gesichts und die Gebärden erregt und durch die anderen narür- mit mehr Nachdruck vorzugehen.
lichen Zeichen, die mit unseren §/orten unendlic-h viele Ideen ver- Von dieser Überlegung ausgehend kann man auch den Unterschied
knüpfen lassen, ihre Bedeutung differenzieren, ändern, vermindern, zwischen dem einfachen und dem bildlichen Stil erkennen und den
steigern, indem sie mit den lVorren das Bild der Gefühlsbewegungen, Grund, weshalb die gleichen Ideen uns viel lebendiger erscheinen, wenn
der Urteile und der Meinungen des Sprechenden verbinden. sie durch ein Bild ausgedrückt werden, als wenn sie in ganz einfachen
Aus diesem Grunde würde es eine Verkennung des Gebrauchs eines Ausdrücken eingeschlossen wären. Die bildlichen Ausdrücke zeigen
Teils der Stimme bedeuten, wenn man sagen würde, daß man als Maß nämlich außer der Hauptsache noch die Gemütsbewegung und Lei-
des Tones seiner Stimme die Ohren des Zuhörenden betrachten müßte denschaft des Sprechenden an und prägen auf diese'§(eise sowohl die
und dabei meilrte, daß es ausreicht, laut genug zu sprechen, um sich eine als auch die andere Idee dem Geist ein, während der einfache
vernehmlich auszudrücken. Denn der Ton ist oft genauso wichtig wie Ausdruck nur die ganz nackte Y/ahrheit bezeichnet.
die \Worte selbst. Es gibt eine Stimme zur Belehrung, zur Schmeichelei, §fenn zum Beispiel dieser halbe Vers von Vergil: Usque adeone
zum Tadel: Oft will man nicht nur, daß die Stimme die Ohren des mori miserum est! einfach und ohne stilistische Figur auf diese Art
Menschen, zu dem man spricht, erreicht, sondern man will, daß sie ausgedrückt wäre: Non est usque adeo mori miserum, hätte er ohne
ihn beeindruckt und durchdringt; und niemand fände es gut, wenn ein Zweifel viel weniger Kraft. Und der Grund dafür ist, daß zweifellos
Bedienter, den man ein wenig stark tadelte, antwortete: Herr, spre- die erste Formulierung viel mehr als die zweite andeutet. Denn sie
chen sie leiser, ich verstehe sie gut; denn der Ton macht einen Teil der drüd<t nicht nur einfadr den Gedanken aus, daß der Tod ein nicht so
Rüge aus und ist notwendig, damit sich die Idee im Geist bildet, die großes Übel ist wie man glaubt, sondern sie stellt außerdem die Idee
man in ihn hineinprägen will. eines Menschen dar, der dem Tod ins Auge schaut und ihm ohne
Manchmal sind aber diese nebensächlichen Ideen mit den 'Wörtern Schredren entgegensieht: ein viel lebendigeres Bild als der bloße Ge-
selbst verbunden, weil sie gewöhnlich bei allen entstehen, die diese danke, rnit dem es verbunden ist. So ist es auch nicht erstaunlich, daß
'Wörter aussprechen.
Und das ist der Grund, weshalb von den Aus- die zweite Formulierung uns viel stärker berührt, denn das Gemüt
drücken, die dasselbe zu bedeuten scheinen, die einen beleidigend, die lernt durdr gestaltete lVahrheiten; es wird aber durdr nichts gerührt
anderen zart, die anderen bescheiden, die anderen unverschämt, die außer durch das Bild von Gefühlsbewegungen.
einen ehrend und die anderen schmähend sind: außer der Hauptidee,
worin sie übereinstimmen, haben die Menschen andere Ideen mit ihnen Si vis me flere, dolendum est
verbunden, die Grund dieser Vielfalt sind. Primum ipse tibi.
Diese Bemerkung kann dazu dienen, eine ziemlicl gewöhnliche Un- Da aber der bildlidre Stil gewöhnlich mit den Dingen zusammen
gerechtigkeit bei denen aufzudecken, die sidr über ihnen gemachre Vor- die Gemütsbewegungen anzeigt, die wir haben, wenn wir die Dinge
würfe beklagen; eine Ungerechtigkeit, die darin besteht, Substantive uns vorstellen und über sie spredren, kann man von daher über den
in Adjektive zu verwandeln. Sie sagen, wenn man sie der Unwissen- Gebrauch urteilen, den man von ihm machen soll und weld're die Ge-
heit oder des Betruges angeklagt hat, man habe sie unwissend oder genstände sind, für die er geeignet ist. Es ist offensichtlich lächerlich,
betrügerisch genannt, was aber nicht vernünftig ist, da diese \(örter ihn bei rein spekulativen Gegenständen zu gebrauchen, die man mit
nicht das gleiche bedeuten. Denn die Adjektive unwissend oder betrü- ruhigem Auge ansieht und die im Gemüt gar keine Bewegung hervor-
gerisch enthalten außer der Bedeutung des bezeichneten Fehlers noch bringen. Denn da die stilistisdren Figuren und Bilder Bewegungen
eine Idee der Verachtung, während die \(orte Unwissenheit oder Be- unserer Seele ausdrücken, sind diejenigen Figuren, die man in Fragen
trug die Sache so wie sie ist bezeid'rnen, ohne sie zu verschärfen oder hineinmisd-rt, bei denen unsere Seele keinerlei Rührung empfindet, der
sie zu mildern; man könnte auch andere Wörter finden, die dasselbe Natur widrige Bewegungen und Arten von Konvulsionen. Aus diesem
auf eine §feise, die in sich noch eine mildernde Idee birgt, bezeichnen Grund gibt es nichts, was peinlicher berührt als gewisse Prediger, die
und die bezeugt, daß man den, dem man diese Vorwürfe macht, scho- sicl über alles und jedes unterschiedslos erhitzen und sich bei philoso-
88 Die Logik Erster Teil. Kapitel XIV 89

phischen Gedankengängen nicht weniger erregen als anläßlich der ideen der Dinge vereinigt. Daher kommt es, daß ein und dasselbe Ding
wunderbarsten und für das Seelenheil notwendigsten \(ahrheiten. durch den einen Laut gesittet ausgedrüd(t vrerden kann und unehren-
Und wenn im Gegenteil die behandelten Gegenstände so sind, daß haft durch einen anderen, wenn der erste dieser Laute irgendeine
sie uns vernünftigerweise berühren sollten, ist es ein Fehler, von ihnen andere Idee der Idee des Dinges hinzufügt, die seine Schändlidrkeit
in trockener und kalter \(eise und ohne Bewegung zu spredren, weil verdedrt, und der zweite im Gegenteil das Ding in einer schamlosen
es ein Fehler ist, von dem nicht berührt zu werden, von dem man Art und '§ü'eise dem Geist vorstellt. So sind die §(orte ,,Ehebrudr",
berührt werden sollte. ,,Blutschande" und ,,absdreulidre Sünde" nidrt sdrändlich, obwohl sie
So sind die göttlichen lVahrheiten nicht mitgeteilt, um einfach ge- sidr auf höchst unehrenhafte Handlungen beziehen; sie beziehen sich
wußt, sondern viel eher, um von den Mensdren geliebt, geehrt und aber darauf als von einem Sdrleier des Absdreus überdedrte Handlun-
angebetet zu werden; ohne Zweifel ist ihnen die edle, hohe und bild- gen, was mit sidr bringt, daß man sie lediglidr als Verbrec}en ansieht:
liche \fleise, in der die heiligen Väter sie behandelt haben, viel ange- also bezeichnen diese §(i'orte eher den verbrecherisdren Charakter
messener als ein schlichter und bildloser Stil wie der der Scholastiker, dieser Handlungen als die Handlungen selbst, während gewisse andere
weil sie uns nidrt nur diese \ü(ahrheiten lehrt, sondern uns auch die Vorte sie ausdrüdren ohne den Absdreu vor ihnen und eher als ange-
Gefühle der Liebe und Hochachtung vergegenwärtigt, mit der die nehme Handlungen denn als verbrecherische, und mit ihnen sogar eine
Väter von den göttlichen \flahrheiten gesprochen haben; und indem sie Idee der Schamlosigkeit und Frechheit verbinden. Und nur diese sind
so in unserem Geist das Bild dieser heiligen Seelenstimmung erregt, die \Worte, die man schmählidr und unanständig nennt.
kann sie viel dazu beitragen, uns eine ähnliche aufzuprägen: während Es gibt ebenfalls Redewendungen, mit denen man ehrbar gewisse
der sdrlichte, nur die Ideen der nackten \Wahrheit enthaltende scho- Handlungen ausdrüdren kann, Handlungen, die, obgleich legitim, doch
lastische Stil weniger dazu geeignet ist, in der Seele die Bewegungen irgend etwas von der Verderbtheit der Natur an sidr haben. Denn
der Achtung und der Liebe hervorzurufen, die man für die drristlichen diese'ü(endungen sind in der Tat ehrenhaft, weil sie nicht einfach diese
\üahrheiten haben muß: was ihm in diesem Punkt nicht nur weniger Dinge ausdrüclen, sondern auch die Stimmung dessen, der von ihnen
nützlidr, sondern auch weniger angenehm ist, da die Freude der Seele auf diese '§fleise spricht und der durch seine Zurüdrhaltung Zeugnis
eher darin besteht, Bewegungen zu fühlen, als Kenntnisse zu er- ablegt, daß er sie nur mit Kummer betrachtet und sie den anderen
werben. und sich selbst gegenüber verdeckt, soviel er kann. \7ährend die,
Endlich kann durch diese selbe Bemerkung die unter den alten Philo- welche davon auf andere '§?'eise spredren würden, kundtun würden,
sophen so berühmte Frage gelöst werden, ob es nämlich unehrenhafte daß es ihnen Vergnügen bereitet, diese Dinge zu sehen; und da die-
§(örter gibt; und man kann die Gründe der Stoiker zurüc-kweisen, die ses Vergnügen schändlich wäre, ist es nicht verwunderlich, daß die
'W'orte,
behaupteten, man könne sich unterschiedslos der Ausdrücke bedienen. die diese Idee erzeugen, als dem Anstand widrige eingeschätzt
die gewöhnlich für schändlich und schamlos gehalten werden. werden.
Sie sagen, beridrtet Cicero in einem Brief über diesen Gegenstand, Daher kommt es aud"r mandrmal vor, daß ein und dasselbe 'Wort
daß es weder schmutzige noch schamlose §(/'orte gibt. Denn entweder, zu einer Zert f|i.r ehrbar und zu einer anderen für sdrändlich gehalten
führen sie an, ist die Schändlichkeit in den Dingen oder sie ist in den wird. Das hat die Doktoren der Hebräer dazu gezwungen, an gewis-
'Worten.
Sie kommt aber nicht aus den Dingen selbst, denn man kann sen Stellen der Bibel hebräische §(orte am Rande zu ersetzen, damit
diese durch andere \7örter ausdrücken, die gar nicht für unehrenhaft sie an Stelle der'§Uörter, die die Bibel verwendet, von denen ausge-
gelten. Sie ist auch nicht in den \(örtern, einfach als Laute betrachtet; sprochen werden können, die die Bibel lesen. Der Grund dafür ist,
denn es kommt oft vor, wie Cicero zetgt, d,aß ein gleicher Laut meh- daß diese 'Worte, als die Propheten sie gebraucht haben, keineswegs
rere Dinge bedeutet, und während er für unehrenhaft in der einen schändlich waren, weil sie mit einer Idee verbunden waren, die die
Bedeutung gehalten wird, es in einer anderen gar nicht ist. Gegenstände mit Zurückhaltung und Sdram sehen ließ. Aber in der
Dieses alles ist jedoch nur eine eitle Haarspalterei, die lediglich da- Folgezeit sind sie sc}ändlich geworden, da diese Idee von ihnen abge-
durch entsteht, daß die Philosophen die nebensächlichen Ideen nicht streift wurde und der Gebrauch eine andere, Schamlosigkeit und
genug in Erwägung gezogen haben, welche der Geist mit den Haupt- Frechheit bekundende, damit verbunden hat. Mit Recht wollen also die
90 Die Logik Erster Teil. Kapitel XV 91.

Rabbiner, daß man beim Lesen der Bibel andere \florre an ihrer Stelle Das gesdrieht besonders bei denDemonstrativpronomina: wenn man
ausspricht, um den Geist nicht mit dieser schlechten Idee in Berührung sidr an Stelle des Eigennamens des neutralen hoc, dieses bedient, denn
zu bringen, obgleich sie deswegen den Text nicht ändern. es ist klar, daß ,,dieses" ,,dieses Ding" bedeutet, und hoc bedeutet
Es war demnach eine schlechte Verteidigung eines Autors, den der haec res, hoc negotium. Das \(ort Sache, res, bezeichnet nun ein über-
religiöse Beruf zu einer srrengen Bescheidenheit verpflichtet hätte, auf aus allgemeines und überaus verworrenes Attribut von jedem Objekt,
den berechtigren Vorwurf, ein wenig ehrenhaftes §?'ort gebraucht zu und nur auf das tVort Nichts könnte man das §7ort ,,Ding" nicht an-
haben, um einen schändlichen Ort zu bezeichnen, anzuführen, daß die wenden.
Kirchenväter keine Bedenken hatten, das V/ort lupanar zu verwenden, Da aber das Demonstrativpronomen ,,hoc" nicht nur einfach das
und daß man oft in ihren Schriften §7orte wie meretrix, leno, fnden für sich genommene Ding bezeichnet, sondern es in der Vorstellung als
würde und andere, die man in unserer Sprache kaum erdulden würde. ein gegenwärtiges bringt, bleibt der Geist nicht bei diesem einzigen
Denn die Freiheit, mit der die Kirdrenväter diese §florte benutzten, Attribut des Dinges stehen; er fügt ihm gewöhnlich andere deutliche
hätte ihn erkennen lassen müssen, daß sie zr jener Zeit nicht für Attribute hinzu: wenn man sich auf diese lVeise des W'ortes ,,dieses"
schändlich galten, das heißt, daß der Gebrauch nicht die Idee der bedient, um einen Diamant zv zeigen, begnügt sich der Geist nicht da-
Frechheit damit verbunden hatte, die die §(orte schändlich macht: und mit, ihn als gegenwärtiges Ding sich vorzustellen, sondern er fügt die
er hatte unrecht, von daher zu schließen, ihm sei erlaubt, die \(orte zu Ideen von hartem und glänzendem Körper, der eine bestimmte Form
gebrauchen, die in unserer Sprache als unehrenhaft gelten; denn diese hat, hinzu.
\Worte bedeuten in der Tat nicht das gleiche
wie die von den Kirchen- Alle diese Ideen, sowohi die erste und hauptsächliche als auch die,
vätern benutzten, da außer der Hauptidee, in der sie übereinstimmen, welche der Geist ihr hinzufügt, v/erden durch das auf einen Diamanten
sie auch das Bild einer schlechten Geistesveranlagung einschließen, die bezogene Vort hoc erregt. Sie werden aber nicht in der gleichen tWeise
etwas von Libertinage und Schamlosigkeit an sich hat. erregt; denn die Idee des Attributes ,,gegenwärtiges Ding" entsteht
Da die Nebenideen doch so beträchtlich sind und die Hauptbedeu- als die eigentliche Bedeutung dds \fortes und die anderen als Ideen,
:,r,,,,. , 'E.,. tungen so stark nuancieren, wäre es nützlich, daß die Hersteller von die der Geist als mit jener Hauptidee verbunden und identifiziert auf-
rill r- i_l 1. ::
Y/örterbüchern sie kennzeidrneten und z. B. auf \florte, die beleidi- faßt, die aber nicht genau durdr das Pronomen hoc bezeichnet werden.
gend, höflidr, zänkerisch, ehrenhaft, schändlich sind, hinwiesen, oder Deshalb sind, je nachdem, auf welche Gegenstände man den Ausdruck
eher, daß sie diese letzten ganz wegließen, da es immer viel nütz.licher boc anwendet, die Hinzufügungen verschieden. '§[enn ich sage hoc,
ist, sie nic-ht zu wissen als sie zu wissen. indem ich auf einen Diamanten zeige, wird der Ausdruck immer ,,die-
ses Ding" bedeuten, aber der Geist wird ergänzen und hinzufügen,
daß es ein Diamant ist, der ein harter und glänzender Körper ist: wenn
Kapitel XV es aber \flein ist, wird der Geist die Ideen der Flüssigkeit, des Ge-
schmadres und der Farbe des !?'eines hinzufügen und so bei anderen
Ideen, die d.er Geist den d.urcb die Wörter bezeicbneten hinzut'ügt Dingen.
Man muß also diese hinzugefügten Ideen von den bezeidrneten wohl
Man kann unter dem §(ort ,,Nebenideen" auch eine andere Gruppe unterscheiden; denn obgleich sowohl die einen als auch die anderen
von Ideen verstehen, die der Geist der präzisen Bedeutung der Ter- sich in einem und demselben Geist be6nden, tun sie es doch nicht auf
mini aus einem besonderen Grund beifügt. Das kommt oft vor, wenn die gleiche §(eise. Und der Geist, der die anderen, deutlicheren Ideen
der Geist die dem Wort enrsprechende genaue Bedeutung erfaßt hat hinzufügt, läßt nicht davon ab zu denken, daß der Ausdruck hoc an
ur,d nicht dabei stehenbleibt, im Falle diese zu verworren und zu all- sich nur eine verworrene Idee anzeigt, die, wenn auch mit deutlicheren
gemein ist. Mit seinem Blick aber tieferdringend, ergreift er die Gele- Ideen verbunden, stets verworren bleibt.
genheit, in dem ihm dargestellten Gegenstand andere Attribute und Von hier aus kann ein folgenschwerer Kniff durchschaut werden,
Seiten zu betrachten und den Gegenstand so durch bestimmtere Ideen den die Priester der reformierten Kirche berühmt gemacht haben und
zu erfassen. worauf sie ihr Hauptargument stützen, um den metaphorischen Sinn
92 Die Logik Erster Teil. Kapitel XV 91

der Eucharistie durchzusetzen. Man darf nicht ersraunt sein, wenn wir unzweifelhaft ist, daß selbst dann, wenn sie sich ansdridren, den Be-
uns hier der obenstehenden Anmerkung bedienen, um ihr Argument weis anzutreten, daß der Ausdrudr dieses d.a das Brot bezeichnet, sie
zu beleuchten, da es eher dem Gebiet der Logik als dem der Theologie nichts anderes tun als sie aufzustellen. ,,Dieses da", sagt einer jener
angehört. Priester, der als letzter über diesen Gegenstand gesprochen hat, ,,be-
:' . 1:.- Sie behaupten: in der Aussage,,Dieses da ist mein Leib" bedeutet zeichnet nicht nur ,dieses gegenwärtige Ding', sondern ,dieses gegen-
das Vort da" das Brot. Nun, sagen sie, kann das Brot nicht
,,dieses wärtige Ding, von dem ihr wißt, daß es Brot ist'." \ü/er sieht nicht,
wirklich der Leib von -Jesus Christus sein; also bedeutet die Aussage daß in diesem Satz die Ausdrücl<e ,,von dem ihr wißt, daß es Brot ist"
von Jesus Christus keineswegs ,,dieses da ist wirklich mein Leib". dem §(ort ,,gegenwärtiges Ding" durch einen angehängten Satz ange-
Es steht hier nicht in Frage, den Ur-rtersatz zt pr|fer, und seine fügt sind, aber, genaugenommen, durch das Vort ,,gegenwärtiges Ding"
Falschheit zu zeigen, was woanders getan wurde. Sondern es handelt nicht bezeichnet sind, da das Subjekt eines Satzes nicht den ganzen
sich nur um den Obersatz, mit dem sie behaupten, das 'W'ort dieses da Satz bezeichnet, und daß folglich in diesem Satz, der den gleichen
bedeute das Brot. Zu diesem Punkt muß ihnen nach dem von uns auf- Sinn hat:,,dieses da, von dem ihr wi13t, daß es Brot ist" das Wort
gestellten Prinzip entgegner werden, daß das W'ort ,,Brot" eine deut- ,,Brot" dem lüort ,,dieses da" wohl hinzugefügt ist, aber nicht durch
liche, bestimmte Idee anzeigt und daß daher das Brot nicht dasjenige das 'ü/ort dieses da bezeichnet ist.
besagt es, werden jene Priester sagen, ob das tVort d.ieses da
'§?'as
ist, auf das sidr, genaugenommen, der Ausdrud< ltoc, der nur die ver-
worrene Idee einer gegenwärtigen Sache anzeigt, bezieht, sondern daß genau das Brot bezeichnet, vorausgesetzt. daß es wahr ist, daß die
in der Tat, als Jesus Christus dieses Wort aussprach und gleichzeitig Apostel dachten, das, was Jesus Christus ,,dieses da" nennt, ist Brot?
die Apostel auf das Brot in seiner Hand hinwies, sie wahrscheinlich Es ist jedoch von §(ichtigkeit, und zwar weil der Ausdruck ,,dieses
derverworrenen Ideevon ,,gegenwärtigem Ding", bezeichnet durch den da" von sich aus nur die präzise Idee ,,gegenwärtiges Ding" bezeichnet
Ausdruck boc, die bestimmte Idee des Brotes hinzugefügt haben, die (obgleich sie in diesem Fall durch die bestimmten Ideen, die die Apostel
durch diesen Ausdruck bloß angeregt und nicht genau bezeichnet war. damit verknüpften, auf das Brot festgelegt ist); daher wird ihm immer
Es ist nur der Mangel an Aufmerksamkeit gegenüber dieser not- die Fähigkeit bleiben, anders die Bestimmtheit zu erhalten und mit
wendigen Unterscheidung zwischen erregten Ideen und genau bezeich- anderen Ideen eine Verbindung einzugehen, ohne daß der Geist diese
neten Ideen, der die ganze Verwirrung der calvinistischen Priester ver- Änderung des Objektes gewahrt. Als daher Jesus Christus aussprach,
anlaßt. Sie machen tausend unnütze Anstrengungen, um zu zeigen, dieses da sei sein Leib, braudrten die Apostel nur die Hinzufügung.
daß, indem Jesus Christus Brot zeigte und die Apostel es sahen und die sie an dieses da durch die deutliche Idee ,,Brot" gemacht hatten,
darauf durch den Ausdruck hoc hingewiesen worden waren, sie nicht abzutrennen, und indem sie dieselbe Idee ,,gegenwärtiges Ding" bei-
in der Lage waren, sich Brot nicht vorzustellen. Wir geben ihnen zu, behielten, stellten sie sich nach der Beendigung der Aussage von Jesus
daß sie, wie es scheint, sich Brot vorstellten und daß sie Grund hatten, Christus vor, daß dieses gegenwärtige Ding jer.zt der Leib von Jesus
sich es vorzustellen. \7egen dieses Punktes sind so viele Anstrengurrgen Christus ist. So verbanden sie das \flort hoc, dieses da, das sie mit dern
gar nicht erforderlich: es steht nicht zur Debatte, ob sie sich Brot vor- Brot durdr einen angehängten Satz verknüpft hatten, mit dem Attri-
stellten, sondern wie sie es sich vorstellten. but ,,Leib von Jesus Christus". Das Attribut von Jesus Christus zwang
Im Hinblick auf das atletzt Gesagte enrgegnen wir ihnen, daß, sie wohl, die einst hinzugefügte Idee abzutrennen, aber nicht, die
ais sie es sich vorstellten, das heißt, als sie im Geist die deutliche Idee durch das 'Wort ,,hoc" genau bezeichnete Idee zu ändern, und so dach-
des Brotes hatten, sie diese nicht als eine durch das §üort boc bezerch- ten sie einfach, daß jetzt,,dieses da" der Leib von Jesus Christus sei.
nete hatten, was unmöglich ist, denn dieser Ausdrudr wird immer nur Das ist das ganze Rätsel dieses Satzes, das nicht aus der Dunkelheit
eine verworrene Idee bezeichnen, sondern sie hatten sie nur als eine der Ausdrücke entsteht, sondern durch die von .jesus Christus bewirkte
dieser verworrenen Idee hinzugefügte und durch die Umstände ver- Verwandlung, die der Grund ist, daß dieses eine Subjekt boc zwei ver-
anlaßte. schiedene Determinationen am Beginn und am Ende des Satzes hat,
Man wird im Folgenden die \(ichtigkeit dieser Bemerkung sehen. wie wir es im zweiten Buch bei der Behandlung der verworrenen Ein-
Es ist aber gut, schon hier hinzuzufügen, daß diese Unterscheidung so heit in den Subjekten erklären werden.
Zweiter Teil. Kapitel I 95

Von den Nomina

Die Objekte unseres Denkens sind, wie wir schon gesagr haben, ent-
Z§flEITE,R TEIL DER LOGIK weder Dinge oder Seinsweisen der Dinge; die sowohl zur Bezeichnung
der Dinge als auch zur Bezeichnung der Seinsweisen bestimmten \forre
die Überlegungen enthaltend, die die Menschen über ihre Urteile heißen Nomina.
gemacht haben Diejenigen, welche die Dinge bezeichnen, heißen substantivische
Nomina, wie Erde, Sonne.Dielenigen, welche die Seinsweisen bezeich-
nen und gleichzeitig das Subjekt, denen sie zukommen, heißen adjek-
Kapitel I tivisdre Nomina, wie gut, gerecbt, rund.
§7enn man deshalb durch eine geistige Abstraktion diese Seins-
Über die V/örter im Verbähnis zu den Sätzen we;sen sich vorstellt, ohne sie auf ein gewisses Subjekt zu beziehen,
und demnach sie sich so vorstellt, wie sie in dem Geist durch sich selbst
Da wir die Absicht haben, hier die verschiedenen Bemerkungen der bestehen, werden sie durch ein substantivisdres §fl'ort ausgedrückt, wie
Menschen über ihre Urteile zu erklären, und da diese Urteile aus ver- \Y/e is b e it, Wei ll e, F arb e.
schiedenen Teilen zusammengesetzte Sätze sind, muß mit der Erklä- '§ü'enn
im Gegenteil das, was aus sidr selbst Substanz und Ding ist,
rung dieser Teile begonnen werden. Dazu gehören hauptsächlich die im Zusammenhang mit irgendeinem Subjekt gedadrt wird, werden
Nomina, die Pronomina und die Verben. die \(orte, die es in diesem Zustand bezeichnen, adjektivische wie
Es ist von geringer \(ichtigkeit zu prüfen, ob es der Grammatik menschlicb, fleischlich; und wenn man diese aus Substanznamen gebil-
oder der Logik zukommt, sie zu behandeln, und es ist kürzer zu sagen, deten Adjektive aus ihrem Zusammenhang löst, macht man aus ihnen
daß alles, was für das Ziel einer jeden Kunst von Nutzen ist, ihr auch von neuem Substantive: nachdem man also aus dem substantivischen
angehört, sei es, daß diese Kenntnis ihre Eigentümlichkeit ausmacht, 'Wort Mensch das Adjektiv
menschlich gebildet hat, bildet man aus dem
sei es, daß auch andere Künste und §?'issenschaften sich ihrer bedienen. Adjektiv rnenschlich das Substantiv Menschlichkeit.
Nun ist es sicher von einigem Nutzen für das Ziel der Logik, nämlich Es gibt Nomina, die in der Grammatik als Substantive gelten, aber
gut zu denken, die verschiedenen Gebrauchsweisen der Laute zu ver- wirklich Ad.iektive sind, wie König, Pbilosoph, Arzt, denn sie bezeich-
stehen, die, zur Bezeichnung der Ideen bestimmt, der Geist mit diesen nen eine Seinsweise oder einen Modus eines Subjekts. Der Grund aber,
aus Gewohnheit so eng verbir.rdet, daß die einen kaum ohne die ande- warum sie als Substantive gelten, ist der, daß, da sie nur einem ein-
ren vorgestellt werden, so daß die Idee des Dinges die Idee des Lautes zigen Subjekt zukommen, man immer dieses (jeweils) einzige Subjekt
erregt und die Idee des Lautes die des Dinges. mitmeint, ohne daß es nötig wäre, es auszudrücken.
Über diesen Gegenstand kann im allgemeinen gesagt werden, daß Aus demselben Grund sind diese'Wörter wie das Rote, das lVei[]e
die tVorte bestimmt abgegrenzte und artikulierte Laute sind, aus de- usw. wirklich Adjektive, denn der Bezug ist angedeutet; der Grund
nen die Menschen Zetchen zur Kennzeichnung dessen, was in ihrem aber, warum man das Subjekt, zu dem sie in Beziehung stehen, nicht
Geist vorgeht, gemacht haben. ausdrückt, ist der, daß es ein allgemeines Subjekt ist, das alle Subjekte
Und da das, was dort vorgeht, sidr auf ,,vorstellen", ,,urteilen", dieser Modi umfaßt und das daher nur in dieser Allgemeinheit ein
,,schließen" und ,,anordnen" beschränkt, wie wir schon gesagt haben, Einmalig-Gegebenes ist. So ist das Rote jedes rote Ding, das \Wifie
dienen die W'orte zur Kenr-rzeichnung aller dieser Operationen; des- jedes weiße Ding; oder wie man in der Geometrie sagt, es tst irgendein
halb hat man hauptsächlich drei dafür wesentliche 'Wortarten erfun- rotes Ding.
deu, von denen zu sprechen wir uns begnügen werden, nämlich die Die Adjektive haben also wesentlicl.r zwei Bedeurungen; die eine
Nomina, die Pronomina und die Verben, die die Nomina vertreten, ist deutlich, nämlich die des Modus oder der Art und \W'eise; die andere
wenn auch auf verschiedene \Weise. Dies muß hier detaillierter erklärt ist verworren, nämlich die des Subjektes. Obgleich aber die Bedeutung
werden. des Modus deutlicher ist, ist sie trotzdem indirekt; und die des Sub-
96 Die Logik Zwener Teil. Kapitel I 97

jekts ist im Gegenteil, obwohl verworren, direkt. Das Wort weiß, das heißt, ohne zuvor ausgedrüd<tes Nomen: während die anderen
cand.id.u.m, bedeutetdirekt aber verworren das Subjekt; und indirekt, Geschlechter bic, haec, ille, illa sich auf bestimmte Ideen beziehen kön-
obgleich deutlich, die §7eiße. nen und sich fast immer auf diese beziehen, die sie gleichwohl nur
verworren bezeichnen; illum expirantem t'lammas, das heißt, illum
Ajacem; His ego metas rerum, nec tempora ponatn, das heißt, Ro-
Von den Pronomina manis. Das Neutrum bezieht sich im Gegenteil immer auf einen allge-
meinen und verworrenen Namen: hoc erat in aotis, das heißt, baec res,
Die Pronomina werden dazu verwendet, den Platz der Nomina ein- hoc negotium erat in votis; hoc erat alma parens !sw. So gibt es im
zunehmen, um ihre \Wiederholung zu vermeiden, die langweilig ist. Neutrum eine doppelte Verworrenheit, nämlich die des Pronomens,
Man darf sich aber nicht vorstellen, daß sie, als Stellvertreter der No- dessen Bedeutung immer verworren ist, und die des W'ortes negotium,
mina, auf den Geist die ganz gleiche §flirkung haben. Das ist keines- Ding, die ebenfalls und gleichermaßen allgemein und verworren ist.
wegs wahr; sie heben, im Gegenteil, den \(/iderwillen an der §(ieder-
holung nur auf, weil sie die Nomina lediglich auf verworrene '§7'eise
repräsentieren. Die Nomina offenbaren auf gewisse '§ü'eise dem Geist Vom Relativpronomen
die Dinge; die Pronomina stellen sie als verschleierte vor, obgleich
der Geist trotzdem fühlt, daß es das gleiche wie durch die Nomina Es gibt audr andere Pronomina, die man relative nennt, wie qui,
bezeichnete Ding ist. Deshalb ist es audr keineswegs unangemessen, qude, quod, qui, welcher, welche, welches. Dieses Relativpronomen hat
wenn das Nomen und das Pronomen miteinander gekoppelt sind: mit den anderen Pronomina etwas Gemeinsames und etwas ihm Eigen-
Tu Phaedria, Ecce ego Joannes. tüm1iches.
Das Gemeinsame ist, daß es an der Stelle des Nomens steht und
dessen verworrene Idee erregt.
Von den verschiedenen Arten der Pronomina Das ihm Eigene ist, daß der Satz, in den es eintritt, Teil eines
Subjektes oder Attributes eines anderen Satzes sein kann, und es
Als die Menschen erkannten, daß es oft unnütz ist und von schlech- derart einen dieser hinzugefügten oder angehängten Sätz.e bilden kann,
tem Benehmen zeugt, sich selbst zu nennen, haben sie das Pronomen von denen wir weiter unten ausführlicher sprechen werden; wie Gott,
der ersten Person eingeführt, um es an die Stelle dessen, der spricht, welcher gut ist, die Velt, welcbe sicbtbar ist.
zu setzen; Ego, icb. Um nicht den zu nennen gezwungen zu sein, zu Ich setze hier voraus, daß man die Ausdrücke ,,Subjekt und Attribut
dem man spridrt, haben sie es für gut befunden, ihn durch ein §(ort der Sätze" versteht, obwohl wir sie noch nicht ausdrüc}lich erklärt
zu kennzeichnen, das sie Pronomen der zweiten Person nanntenz du haben, denn sie sind so verbreitet, daß man sie gewöhnlich vor dem
oder ibr. Und um nicht gezwungen zu sein, die Namen der anderen Studium der Logik versteht; diejenigen, die sie nicht Yerstehen, brau-
Personen und Dinge, von denen man spricht, zu wiederholen, haben chen nur an dem Ort nachzuschlagen, wo man ihren Sinn angibt.
sie das Pronomen der dritten Person erfunden, ille, illa, illud, wter Von hier aus kann man auch die Frage lösen, welcles der genaue
denen es welche gibt, die auf das Ding, von dem man spricht, wie mit Sinn des rWortes ,,daß" ist, wenn es auf ein Verb folgt und sich auf
dem Finger hinweisen und die man aus diesem Grunde demonstrative nichts zu beziehen scheint: ,,Johannes antwortete, daß er nicht Chri-
nennt, hic, isre, dieser da, dieser dort. stus sei", ,,Pilatus sagte, daß er kein Verbrechen in Jesus Christus
Es gibt auch welche, die man rüdrbezügliche nennt, denn sie be- fände."
zeichnen den Bezug einer Sache auf sich selbst. Das ist das Pronomen Es gibt welche, die daraus wie auch aus dem Ylorr quod., welches
sui,sibi,se: Cato hat sich getötet. Alle Pronomina haben das gemeinsam. die Lateiner manchmal, obgleich selten, im gleichen Sinn nehmen wie
wie wir schon sagten, daß sie verworren das Nomen bezeichnen, des- unser ,,daß" (,,Non tibi objicio quod hominem spoliasti", sagt Cicero),
sen Stelle sie einnehmen. Es gibt aber eine Besonderheit im Neutrum ein Adverb machen wollen.
dieses Pronomens (wie illud, boc),'wenn es absolut genommen wird, Aber die §(ahrheit ist, daß die 'Worte ,,daß' quod" nichts anderes
Zweiter Teil. Kapitel I 99
98 Die Logik
ersten Satz verbundenen: ö ö[öorü1, quod datur, das heißt, quod est
als das Relativpronomen sind und seinen Sinn bewahren. Auf diese
datum.
Weise bewahrt in diesem Satz ,,Johannes antwortete, daß er nicht
Angesichts dieses Gebrauchs des Artikels kann man einsehen, daß
Christus sei" das dall die Funktion, einen weiteren Sarz anzuhängen,
die Bemerkung, die kürzlich von einem Priester der reformierten
nämlich den Satz,,er sei nicht Jesus Christus", und zwar an das in
Kirche gemacht wurde, wenig fundiert ist. Sie betrifft die \feise, in
dem Vort ,,antwortete", das fuit respondens (war antwortend) be-
der die Worte des Evangeliums des heiligen Lukas, die wir eben an-
deutet, eingeschlossene Attribut.
führten, übersetzt werden müssen; in dem griechischen lext steht
Die andere Funktion, die darin besteht, das Nomen zu vertreten
nämlich nicht ein Relativpronornen, sondern ein Artikel: ,,Das ist
und sich auf es zu beziehen, kommt tatsächlich viel weniger zum
mein Leib, der für euch mir gegebene", und nicht: ,,welcher für euch
Vorschein. Dies veranlaßte einige gelehrte Leute zu sagen, daß das
mir gegeben ist" (rö ürög üpöv ör.ö6pevov, und nicht ö 6at'qr üpöv
,,daß" in diesem Fall dieser zweiren Funktion gänzlidr beraubt ist.
ö[öoroL). Er behauptet, daß es absolut notwendig ist, um die diesem
Trotzdem kann man sagen, daß es sie beibehält. Denn wenn man sagt
Artikel eigene Kraft zum Ausdru& zu bringen, diesen Text folgender-
,,Johannes antwortete", meint man, ,,er gab eine Antwort", und auf
maßen zu übersetzerr:,,Dieses da ist mein Leib, mein für euch mir
diese verworrene Idee ,,Antwort" bezieht sich das ,,daß". Desgleichen
gegebener Leib" oder ,,der für euch mir gegebene Leib", und daß es
wenn Cicero sagt: ,,Non tibi objicio quod hominem spoliasti", bezieht
keine gute übersetzung ist, wenn man diese Stelle mit folgenden
sich das ,,quod" auf die verworrene Idee von ,,vorgeworfener Sache", 'Worten wiedergibt:,,Dieses da ist mein Leib, welcher mir für euch
gebildet durch das §7ort ,,objicio". Und diese zunächst verworren
gegeben ist."
vorgestellte ,,vorgeworfene Sache" wird anschließend durch den ange-
Diese Behauptung beruht jedoch nur auf dem Umstand, daß der
hängten mittels des ,,quod" in Verbindung gebradrten Satz konkreti-
erwähnte Verfasser lediglidr halbwegs die wahre Natur des Reiativ-
siert: ,,Quod hominem spoliasti."
pronomens und des Artikels erfaßt hat. Denn es ist sicher, daß, wie
Zu folgenden Sätzen kann man das gleiche bemerken: ,,Ich vermute,
das Relativpronomen qui, quae, quod, als Stellvertreter des Nomens
daß ihr weise sein werdet";,,Ich sage Euch, daß Ihr unrecht habt."
fungierend, es nur auf verworrene \7eise darstellt, der Artikel ö, fi, tö
Dieser Ausdruck ,,ich sage" läßt zuerst verworren an eine ,,gesagte
ebenfalls nur verworren das Nomen, auf das er sich bezieht, darstellt.
Sache" denken, und auf diese ,,gesagte Sache" bezieht sich das ,,daß".
Diese verworrene Darstellung ist demnach eigens zur Vermeidung
,,Ich sage daß"; das heißt: ,,Ich sage eine Sache, die ist: ..." Und der-
jenige, der ,,Ich vermute" sagt, erzetgt in gleicher '§?eise die ver- der störenden deutlichen V'iederholung desselber.r'Wortes bestimmt.
Es kommt also einer Zerstörung des Zwed<s des hier verwendeten
worrene Idee einer vermuteten Sache. Denn ,,ich vermute", meint ,,ich
Artikels gleich, wenn man ihn durch eine ausdrüd<licie \Wiederholung
mache eine Vermutung"; und auf diese Idee ,,vermutete Sache" bezieht
desselben \(ortes ersetzt und übersetzt: ,,dieses da ist mein Leib, mein
sich das,,daß". ,,Ich vermute daß"; das heißt: ,,Ich mache eine Ver-
für euch mir gegebener Leib." Denn der Artikel ist lediglich zur Ver-
mutung, die ist: . . ."
meidung dieser \üiederholung gesetzt. '§üenn man aber mit Hilfe des
Zu den §flörtern mit pronominalern Charakter kann auch der grie-
Relativpronomens übersetzt: ,,dieses da ist mein Leib, welcher für
chische Artikel 6, ri, tö, gezählt werden, wenn er, statt dem Nomen
euch mir gegeben ist", behält man jene wesentliche Funktion des Arti-
vorauszugehen, nach ihm gesetzt wird: Totto öotr, tö oöpn pot tö
kels bei, nämiich das Nomen nur auf verworrene '§ü'eise darzustellen
i,nöp tpöv örööpevov, sagt der heilige Lukas. Denn dieses tö, das, stellt
und den Geist nicht zweimal durch das gleiche Bild zu belasten; es
vor dem Geist auf eine verworrene Art und \fleise den Leib (odpa)
fehlt dabei lediglich eine andere Funktion, die aber als die weniger
dar; demnach hat es die Funktion des Pronomens. 'wesentliche angesehen werden könnte und die darin besteht, daß der
Der einzige Unterschied zwischen dem zu diesem Gebraudr ver-
Artikel solcherart an die Stelle des Nomens tritt, daß das damit ver-
wendeten Artikel und dem Relativpronomen besteht darin: obwohl
bundene Adjektiv keinen neuen Satz bildet: tö ü:röp tpröv örö6prevov;
der Artikel an die Stelle des Nomens tritt, verbindet er in einem und
während das Relativpronomen qui, quae, quod stärker scheidet und
demselben Satz das Attribut, das auf den Artikel folgt mit dem
zum Subjekt eines neuen Satzes wird: ö ü:röp üpöv ölöoror. So ist es
Nomen, das ihm vorausgeht; das Relativpronomen jedoch bildet mit
wahr, daß weder die eine noch die andere der beiden Übersetzungen
dem folgenden Attribut einen Satz für sich, wenn auch einen mit dem
100 Die Logik Zwe iter Teil. Kapitel II 101

(,,Dieses da ist mein Leib, welcl-rer für euch mir gegeben irt", ,,Di"r", wie der des §?'ünschens, des Betens, des Befehlens usw. bedient. Das
ist mein Leib, mein für euch mir gegebener Leib") ganz vollkommen gcht aber nur durch eine Änderung der Flexion und des Modus,
ist, da die eine das dem Artikel zukommende verworrene Bezeichnen und so werden wir in diesem Kapitel das Verb nur nach seiner Haupt-
in ein deutliches gegen die Natur des Artikels verwandelt; die andere bedeutung, die es nur im Indikativ hat, betrachten. Dieser Haupt-
bewahrt zwar dieses verworrene Bezeichnen, trennt aber durch das bedeutung gemäß kann man sagen, daß das Verb von sich aus keine
Relativpronomen das, was mit Hilfe des Artikels nur ein Satz ist, andere Verwendung haben könnte als die Kennzeichnung der Ver-
in zwei Sätze. lWenn sich aber die Notwendigkeit ergibt und man dazu bindung, die wir in unserem Geist zwischen zwei Ausdrücken eines
gezwungen ist, sei es, sich der einen übersetzung, sei es, sich der an- Satzes herstellen. Aber nur das Yerb sein, das man substantivisch
deren zu bedienen, ist man nicht berechtigt, sich für die erste zu ent- nennt, hat diese Einfactrheit bewahrt und eigentlich auch nur in der
scheiden, die zweite verurteilend, wie jener Autor es durch seine dritten Person des Präsens (,,ist" ) md in ganz bestimmten Fällen.
Bemerkung tun wollte. Denn da die Menschen natürlich dazu neigen, ihre Ausdrücke abzu-
kürzen, haben sie fast immer in einem 'Wort der Bejahung überhaupt
Kapitel II besondere Bedeutungen hinzugefügt.
1. Sie haben die Bedeutung irgendeines Attributes damit verbunden,
Das Wrb so daß dann zwei'W'orte einen Satz bilden, wie wenn ich zum Bei-
spiel sage: ,,Petrus vivit", ,,Peter lebt", denn das eine \ü/ort,,vivit"
Bis hierher haben wir das über die Nomina und Pronomina Gesagte schließt die Bejahung und darüber l.rinaus das Attribut ,,lebend sein"
einem kleinen, vor einiger Zeit unter dem Titel ,,Allgemeine Gram- ein; und auf diese '§ü'eise ist es das gleiche zu sagen: ,,Peter lebt" wie:
matik" gedruckten Budr entliehen, ausgenommen einige Punkte, die ,,Peter ist lebend". Daher rührt die große Mannigfaltigkeit der
wir auf andere Veise erklärt haben; was aber das Verb betrifft, von Verben in jeder Sprache her, während man in jeder Sprache nur eines
dem dieses Buch im 13. Kapitel handelt, so werde ich nur das von benötigen würde, nämlich das, was man substantivisches nennt, wenn
diesem Autor Gesagte abschreiben, denn es schien mir, daß man dem man sich damit begnügt hätte, den.r Verb die allgemeine Bedeutung
nichts hinzufügen könnte. Für die Menschen, sagt er, war es nicht der Bejahung zu verleihen, ohne damit irgendein besonderes Attribut
weniger notwendig, W'örter zu erfinden, die die Affirmation, diese zu verbinden.
hauptsächliche Operation unseres Geistes, anzeigen, als §ü'örter, die 2. Sie haben auch in gewissen Fäl1en das Subjekt des Satzes damit ver-
die Objekte unserer Gedanken anzeigen. knüpft, so daß dann zwei rü7orte und selbst eines einen vollständigen
Und darin besteht eigentlich das, was man Verb nennr; es ist nichts Satz bilden können; z-wei \(orte, wie wenn ich zum Beisoiel sage:
anderes als ,,ein §7ort, dessen wichtigster Gebrauch der Ausdrud< der swm homo: denn sum bedeutet nicht nur die Bejahung, sondern
Affirmation ist", das heißt, welches anzeigt, daß die Rede, in der schließt auch die Bedeutung des Pronomens ego ein, das das Subjekt
dieses lVort verwendet wird, die Rede eines Menschen ist, der sich dieses Satzes ist und das man im Deutschen immer ausdrüdrt: ,,Ich
nicht nur die Dinge vorstellt, sondern eines über sie urteilenden und bin Mensch.' Ein einziges lW'ort kann einen Satz bilden, wie wenn
sie bejahenden Menschen; darin unterscheidet sich das Verb von einigen ich zum Beispiel s^gei trit)o, sedeo. Denn diese Verben schließen in
Nomina, die ebenfalls die Bejahung ausdrücken, wie ,,affirmans, affir- sich selbst die Bejahung und das Attribut ein, wie wir schon gesagt
matio". Diese nämlich bezeichnen sie nur dank einer Reflexion des haben, und da sie in der ersten Person stehen, schließen sie auch
Geistes; auf diese 1ü7eise ist sie zum Objekt unseres Denkens geworden, das Subjekt ein: ,,idr bin lebend, ich bin sitzend." Daher kommt
und daher zeigen diese'Wörter nicht an, daß derjenige, der sich ihrer die Unterschiedenheit bei den Personen, die in der Regel bei allen
bedient, den Akt der Bejahung vollzieht, sondern nur, daß er sich Verben angetrofren wird.
diesen Akt der Bejahung vorstellt. 3. Man hat auch ein Verhältnis zur Zeit, im Hinblick auf die man be-
Ich habe gesagt, daß der hauptsäcbliche Gebrauch des Verbs die jaht, hinzugefügt, so daß ein einziges §7ort wie coendst; bedeutet,
Bezeichnung der Beiahung sei, denn weiter unten werden wir zeigen, daß ich in bezug auf den, zu dem ich spreche, die Tätigkeit des
daß man sich seiner noch zur Bezeichnung anderer Seelenregungen, Abendessens nicht für die gegenwärtige Zeit, sondern für die Ver-
142 Die Logik Zweirer Teil. Kapitel II 103

gangenheit bejahe; daher rührt die Verschiedenheit der Zeiten her, Und es gibt §florte, die Tun und Leiden und gemäß der Definition
die ebenfalls in der Regel allen Verben zukommr. von Scaliger selbst Dinge, die vergehen, bedeuten und die keineswegs
Die Mannigfaltigkeit der mit einem und demselben §flort ver- Verben sind. Denn es ist sicher, daß die Partizipien wahre Nomina
knüpften Bedeutungen hat viele Leute, übrigens sehr gelehrte, daran sind und daß trotzdem die der aktiven Verben nicht weniger Tätig-
gehindert, die Natur des Verbs richtig zu erkennen, denn sie haben keiten bezeichnen und die der passiven Verben nicht weniger das Er-
es nicht nach seinem 'W'esen, nämlich der Bejahung, betrachtet, son- leiden, als die Verben, von denen sie stammen: und es gibt keinen
dern nach seinen anderen Bezügen, die ihm als Verb akzidentell sind. Grund zur Behauptung, daß fluens nicht ein vergängliches Ding be-
So ist Aristoteles bei der dritten der dem wesenrlichen Sinn hinzu- zeichnet, ebensogut wie fluit.
gefügten Bedeutungen stehengeblieben und hat es als vox significans Dem kann gegen die zwei ersten Definitionen des Verbs hinzugefügt
cum tempore, als ,,ein Wort, das die Zeh anzeigend bedeutet,., werden, daß die Partizipien auch die Zeit mitbedeuten, denn es gibt
definiert. Partizipien der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft, vor
Andere, wie Buxtorf, haben auch die zweite hinzugefügt und es allem im Griechischen. Und diejenigen, die nicht ohne Grund glauben,
definiert als vox flexibilis cum tempore et persona, als ein \7ort, daß der Vokativ eine wahre zweite Person ist, vor allem wenn er
das verschiedene Konjugationsformen je nach der Zek und den eine vom Non-rinativ verschiedene Endung hat, werden finden, daß es
Personen hat. von diesem Standpunkt aus gesehen nur einen Unterschied des mehr
Andere sind bei der ersten dieser hinzugefügten Bedeutungen, die und weniger zwischen dem Vokativ und dem Verb gibt.
die des Attributs ist, stehengeblieben und haben in Erwägung ge- So ist der wesentlidle Grund, warum ein Partizip keineswegs ein
zogen, daß die Attribute, die die Menschen mit der Bejahung in Verb ist, der, daß es gar nicht die Bejahung bezeichnet; daher kann es
einem §(ort verbunden haben, gewöhnlich Tun oder Erleiden keinen Satz bilden, was die Eigentümlidrkeit des Verbs ist, es sei denn,
bedeuten, und haben geglaubt, das .Wesen des Verbs bestünde darin, daß ihm ein Verb hinzugefügt wird, das heißt, daß das, was bei der
,,Tätigkeiten oder Erleiden zu bezeichnen". Verwandlung des Verbs in ein Partizip entfernt wurde, wieder einge-
Und schließlich hat Julius Caesar Scaliger in seinem Buch über die setzt wird. \(arum sonst ist,,Petrus vivit",,,Peter lebt" ein Satz;
Prinzipien der lateinischen Sprache ein Geheimnis zu enträtseln ver- während ,,Petrus vivens", ,,Peter lebend" keiner ist, es sei denn, man
meint, indem er sagte, daß die Unterscheidung der Dinge ,,in fügt das,,est" hinzu:,,Petrus est vivens",,,Peter ist lebend": wenn
permanentes et fluentes", in bleibende und vergängliche, der wahre nicht deswegen, weil die in vivit eingeschlossene Bejahung daraus ent-
Ursprung der Unterscheidung zwischen Nomina und Verba sei: fernt wurde, um aus vivit das Partrzrp vivens zu machen. Daher zeigt
die Nomina seien zur Bezeichnung des Bleibenden und die Verba es sich, daß die Bejahung, die sich in einem §üort findet oder nicht
zur Bezeichnung des Vergänglichen da. findet, das ist, was es zu einem Verb macht oder zu einem Nichtverb
Es ist aber leicht zu sehen, daß alle diese Definitionen falsch sind macht.
und keineswegs die wahre Natur des Verbums erklären. Die \Weise, Zu diesem Punkt kann man beiläufig noch bemerken, daß der In-
in der die zwei ersten Definitionen aufgefaßt sind, läßt das deutlich finitiv, der sehr oft als Nomen auftritt, wie wenn wir zum Beispiel
sehen, weil keineswegs gesagt wird, was das Verb bedeutet, sondern das Trinken, das Essen sagen, in diesen Fällen von den Partizipien
nur das, mit dem zusammen es etwas bedeutet: cum tempore, cum verschieden ist, da die Partizipien ad.fektivische Nomina und der In-
Persona. finitiv ein substantivisches Nomen ist, das durdr Abstraktion aus die-
Die zwei letzten sind noch viel schlechter, denn sie haben die zwei sem Adjektiv gebildet, wie auch aus candidus candor und alus weifl
größten Gebrechen einer Definition, nämlich weder auf alles von der die Weille gebildet wird. So bedeutet das Verb ,,rubet" ,,ist rot", in-
Definition Gemeinte noch ausschließlich auf das von der Definition dem es beides, die Bejahung und das Attribut, einschließt; das Partizip
Gemeinte anwendbar zu sein: neque omni, neque soli. ,,rubens" bedeutet einfach ,,rot" ohne Bejahung; und ,,rubere" als ein
Denn es gibt Verben. die weder Tun noch Leiden, noch das, was Nomen genommen bedeutet ,,Röte".
vergeht, bedeuten, wie existit, quiescit, friget, alget, tepet, calet, albet, Es muß also festgehalten werden, daß das Verb im Hinblick aus-
viret, claret etc. schließlich auf das, was ihm wesentlich zukommt, seiner einzig wahren
104 Die Logik Zwetter Teil. Kapitel III 105

Definition nach ein )7ort ist, das die Bejahung bedeutet (Vox signi- Es ist nämlich zusätzlich anzumerken, daß, obgleich nicht alle unsere
ficans affirmationem). Denn man würde unmöglich ein §?'ort finden, Urteile bejahende sind, da es auch verneinende gibt, die Verben von
das die Be;'ahung anzeigt und nidrt ein Verb wäre; ebensowenig ein sich aus trotzdem nichts anderes als die Bejahung bezeichnen: die Nega-
Verb, das nicht dazu diente, die Bejahung anzugeben, zum mindesten tion wird aussdrließlich durch die Partikel non, ne, oder durch die
im Indikativ. Und es ist unzweifelhaft, daß, wenn man ein Verb er6n- Nomina, die die Partikel enthalten, nullus, nemo (kein, niemand) an-
den würde, das wie die Verbform ,,est" stets die Affirmation angeben gegeben, welche als mit dem Verb verbundene die durch das Verb
würde, ohne irgendeinen Unterschied der Person oder der Zeit nach, ausgedrückte Bejahung in eine Verneinung verwandeln: ,,Kein Mensch
so daß die Verschiedenheit in der Person nur durch die Nomina und ist unsterblidr. Kein Körper ist unteilbar."
Pronomina und die Verschiedenheit der Zeiten durdr die Adverbien
angegeben wäre, es denrroch ein echtes Verb sein würde. §flie in der
Tat in den Sätzen, die die Philosophen ewige Wahrheiten nennen, Kapitel III
wie ,,Gott ist unendlich; jeder Körper ist teilbar; das Ganze ist größer
als sein Teil" das 'Wort ,,ist" nur die einfache Bejahung bedeutet ohne Über den Satz und die ,tier Arten von Sätzen
irgendeinen Bezug auf die Zeit; denn sie sind zu allen Zeiten wahr
und ohne daß unser Geist bei irgendeiner Verschiedenheit der Person Nachdem wir die Dinge durch unsere Ideen uns vorgestellt haben,
sich aufhält. vergleichen wir diese Ideen miteinander, und da wir finden, daß die
So ist das Verb nach dem ihm wesentlich Zukommenden ein die einen untereinander zusammenstimmen und die anderen nicht, ver-
Bejahung bezeichnendes \(ort. '§(i'enn man aber in der Definition des binden oder trennen wir sie, was bejahen oder verneinen und allge-
Verbs auch seine wichtigsten Nebeneigenschaften unterbringen wollte, meiner urteilen heißt.
wird man es folgendermaßen definieren können: ,,vox significans affir- Dieses Urteil heißt auch,,Satz", und es ist leicht einzusehen, daß
mationem cum desigrratione personae, numeri, et temporis." Ein liüort, er zwei Teile haben muß: der eine, in bezug auf den bejaht oder ver-
das die Affirmation mit Angabe der Person, der Zahl und der Zeit neint wird und den man Subjekt_-nennt; und der andere, der bejaht
bedeutet. Genau dies kommt dem substantivischen Verb ,,sein" zu. oder verneint wird und der Attribut oder Prädikat heißt.
Den anderen Verben nämlich, sofern sie sich von dem Verbum Es genügt nicht, sidr diese beiden Teile vorzustellen, sondern der
,,sein" dadurch unterscheiden, daß die Menschen die Vereinigung der Geist muß sie verbinden oder sie trennen. Und diese Tätigkeit des
Bejahung mit bestimmten Attributen in ihnen vollzogen haben, kann Geistes wird, wie wir schon gesagt haben, in der Rede durch das
man folgende Definition geben: ,,vox significans affirmationem ali- Verb ,,ist" angezeigt,lentweder durdr es allein, wenn wir bejahen,
cujus attributi cum designatione personae, numeri et temporis" (Ein oder mit n.g"tiuen Partikel zusammen, wenn wir verneinen.
\fort, das die Bejahung irgendeines Attributs mit Angabe der Person, "i.re-
So ist, wenn ich sage ,,Gott ist geredrt", ,,Gott" das Subjekt dieses
der Zahl und der Zeit bezeichnet). Satzes und ,,gerecht" sein Attribut, und das'§ü'ort ,,ist" zeigt die Tätig-
Man kann noch beiläufig anmerken, daß die Bejahung als eigens keit meines Geistes, der bejaht, an, das heißt, der die beiden Ideen
vorgestellte gleichzeitig das Attribut des Verbs sein kann, wie im von ,,Gott" und ,,gerecht" als füreinander angemessen verbindet.
Verb ,,ich bejahe"; daher bezeichnet dieses Verb zwei Bejahungen, \flenn ich sage ,,Gott ist nicht ungerecht", ist ,,ist" mit dem Partikel
von denen die eine die redende Person betrifft und die zweite die ,,nicht" verbunden und bedeutet eine dem Bejahen entgegengesetzte
Person, von der die Rede ist, wobei diese man selbst oder ein anderer Tätigkeit, nämlidr das Verneinen, durch das ich diese beiden Ideen
sein kann. Denn wenn ich sage,,Petrus affirmat", ist,,affirmat" das als einander abstoßend ansehe, denn in der Idee ,,ungerecht" ist etwas,
gleiche wie ,,est affirmans": und dann bezeichnet ,,est" meine Beja- was im Gegensatz zu dem in der Idee ,,Gott" Eingeschlossenen steht.
hung oder mein Urteil über Peter, und ,,affirmans" die Bejahung, die Obgleich aber jeder Satz notwendig diese drei Dinge enthä1r, kann
ich mir vorstelle und die ich Peter zuschreibe. Das Verb ,,nego" ent- er, wie wir im vorhergehenden Kapitel gesagt haben, nur aus zwei
hält umgekehrt eine Bejahung und eine Venreinung aus demselben lVorten oder selbst nur aus einem bestehen.
Grund. \Veil die Menschen ihre Rede abkürzen wollen, haben sie unendlich
1C6 Die Logik Zweircr Tcil. Kapitel III 107

viele rü/örter gemacht, die insgesamt die Bejahung, das heißt das durch \7enn der gemeinsame Begriff nur mit einem unbestimmt bleibenden
das substantivische Verb ,,sein" Bezeichnete und außerdem ein be- Teil seines Umfangs gerneint ist, wegen der Einschränkung durch das
stimmtes Attribut, das bejaht wird, auf einmal bezeidrnen. Solche sind unbestimmte 'ü/ort ,,irgendeiner", heißt der Satz ein besonderer, sei es,
alle Verben außer dem substantivischen Verb ,,sein", wie ,,Gott exi- daß er bejaht, wie ,,irgendein Grausamer ist feige", sei es, daß er
stiert", das heißt ,,ist existierend", ,,Gott liebt die Menschen", das heißt verneinr, wie ,,irgendein Armer ist nicht unglücklich".
,,Gott ist die Menschen liebend". Und wenn das substantivische Verb \Wenn das Subjekt eines Satzes ein einzelnes ist, wie wenn ich sage:
,,sein" allein steht, wie wenn ich sage ,,ic:h denke, also bin ich", hört es ,,Ludwig XIII. hat La Rocl.relle eingenommen", nennt man den Satz
auf, ausschließlich einen substantivischen Sinn zu haben, weil rnan das einen einzelnen.
allgemeinste der Attribute, nämlich das Sein, hinzufügt. ,,Idr bin" Aber obgleich dieser einzelne Satz vom allgemeinen insofern ver-
meint nämlich: ,,ich bin ein Seiendes, ich bin ein Ding." schieden ist, als sein Subjekt kein gemeinsames ist, muß man ihn doch
Es gibt auch andere Fälle, in denen das Subjekt und die Bejahung mehr zu ihm in Bez-iehung setzen als zum besonderen; denn da sein
in einem und demselben rWort enrhalten sind, wie in den ersten und Subjekt ein einzelnes ist, wird es notwendig mit seinem ganzen Um-
zweiten Personen der Verben, vor allem im Lateinischen: sum Chri- fang gemeint, und das macht das tW'esen des allgemeinen Satzes aus
stianus. Denn das Subjekt dieses Satzes ist,,ego", das in dem,,sum" rund unterscheidet ihn vom besonderen. Denn es ist für die Allgemein-
enthalten ist. heit eines Satzes unwichtig, ob der Umfang seines Subjektes groß oder
Daraus ergibt sich, daß in dieser Sprache ein einziges '§ü'ort einen klein ist, vorausgesetzt, daß man, mag er sein wie er will, ihn als
Satz ausmacht, nämlich in den ersten und zweiten Personen der Ver- Ganzes meint. Und deswegen werden in der Argumentation die ein-
ben, die ihrer Natur nach bereits die Affirmation mit dem Attribut zelnen Sätze als allgemeine angesehen. Auf diese §(i'eise kann man alle
zusammen enthalten, wie veni, vidi, vici drei Sätze sind. Sätze auf vier Arten zurückführen, die man durch die vier Selbstlaute
Jeder Satz, wie aus dem Gesagten ersichtlich ist, ist entweder ein AEIO gekennzeichnet hat, um das Gedächtnis zu erleichtern.
bejahender oder ein verneinender; eben das wird durch das bejahte A. Der bejahende allgemeine, wie: Alle Lasterhaften sind Knechte.
oder verneinte Verb angegeben. E. Der verneinende allgemeine, wie: Kein Lasterhafter ist glüd<lich.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Untersdried innerhalb der Sätze, I. Der bejahende besondere, wie: Irgendein Lasterhafter ist reich.
der von ihrem Subjekt herrührt: sie können allgemeine, besondere O. Der verneinende besondere, wie: Irgendein Lasterhafter ist nicht
oder einzelne sein. reich.
Denn die Begriffe sind, wie wir im ersten Teil sdron sagten, entweder Und um sie besser zu behalten, hat man folgende zwei Verse
einzelne oder gemeinsame und allgemeine. gemacht:
Die allgemeinen Begrifle wiederum können enrweder mit ihrem Asserit A, negat E, verum generaliter ambo,
ganzen Umfang gebraucht werden, indem sie mit ausgedrüdrten oder Asserit I, negat O, sed particulariter ambo.
mitverstandenen allgemeinen Zeichen verbunden v/erden, wie omnis,
alle, für die Bejahung; nullus, keiner, für die Verneinung: alle Men- Man hat sich auch daran gewöhnt, die Allgemeinheit und Besonder-
schen, kein Mensch. heit der Sätze ihre Quantität zu nennen.
Oder es kann nur ein unbestimmt bleibender Teil ihres Gesamt- Und man nennt Qualität die Bejahung oder die Verneinung, die
umfangs gemeint sein; das geschieht, wenn man das '§(i.ort aliquis vom Verb, das als die Form des Satzes angesehen wird, abhängen.
(,,irgendeiner" oder andere in den verschiedenen Sprachen) hinzufügt: Und so stimmen A und E der Quantität nach überein und sind der
irgendein Mann, einige Männer. Qualität nach verschieden, desgleichen I und O.
Darauf beruht ein wichtiger Unterschied innerhalb der Sätze. Denn A und I sind aber der Qualität nadr gleich und der Quantität nach
wenn das Subjekt eines Satzes ein gemeinsamer Begriff ist, der mit versdrieden; und desgleichen E und O.
seinem ganzen Umfang gemeint ist, heißt der Satz allgemein, sei er Die Sätze werden auch nach dem Gehalt in wahre und falsche ein-
bejahend, wie: alle Gottlosen sind verrückt, oder sei er verneinend geteilt. Es ist einleuchtend, daß es keine Sätze geben kann, die weder
wie: kein Lasterhafter ist glüdrlich. wahr nocl falsch sind; denn da jeder Satz das Urteil ausdrüclt, das
io8 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel IV 109

wir über die Dinge fällen, ist er wahr, wenn dieses Urteil mit der sein, daß irgendein Mensch kein Lebewesen ist; und wenn es um-
Vahrheit übereinstimmt, und falsch, wenn er nicht übereinstimmt. gekehrt wahr ist, daß irgendein Mensch kein Lebewesen ist, ist es
§(eii uns aber oft das §ü'issen fehlt, um das Vahre und das Falsche nicht wahr, daß alle Menschen Lebewesen sind. Dies ist so einleuch-
herauszufinden, gibt es außer den Sätzen, die uns sicher wahr erschei- tend, daß man es nur verdunkeln könnte, wenn man es eingehender
nen, solche, die wahr zu sein scheinen, deren \üahrheit aber nicht so erklären wollte.
evident ist, daß wir nicht irgendeine Besorgnis hätten, daß sie falsch 2. Die konträren können niemals zusammen wahr sein; sie können
seien, oder die uns falsch zu sein sdreinen, von deren Falsdrheit wir aber alle beide falsch sein. Sie können nicht wahr sein, weil dann
uns aber nicht überzeugen können. Das sind die Sätze, die man wahr- die kontradiktorischen wahr sein würden. Denn wenn es wahr ist,
scheinliche nennt; die ersten von ihnen sind wahrscheinlicher und die daß alle Menschen Lebewesen sind, ist es falsch, daß irgendein
zweiten weniger wahrscheinlich. \7ir werden im 4. Teil erwas darüber Mensch kein Lebewesen ist, was der kontradiktorische Satz ist, und
sagen, was uns mit Sicherheit zu dem Urteil befähigt, daß ein Satz folglich noch falscher, daß kein Mensch Lebewesen ist, was der kon-
wahr ist. träre Sarz ist. Aber die Falschheit des einen bringt nicht die §(ahr-
heit des anderen mit sich. Denn es kann falsch sein, daß alle Men-
Kapitel IV sdren gerecht sind, ohne daß es deswegen wahr wäre, daß kein
Mensch gerecht ist, da es Menschen geben kann, die gerecht sind,
Von dem Gegensatz der Sätze, die dasselbe Subjeht und dasseLbe obwohl nidrt alle gerecht sind.
Attribut baben 3. Die subkonträren können nach einer Regel, die ganz das Gegenteil
derjenigen der konträren ist, beide wahr sein, wie die folgenden:
'üir sagten eben, daß es vier Arten von Sätzen gibt, A. E. L O.; ,,Irgendein Mensch ist gerecht, Irgendein Mensdr ist nicht gerecht",
wir stellen jerzt die Frage, in welchem verhältnis sie zueinander ste- denn die Gerechtigkeit kann einem Teil der Menschen zukommen
hen, wenn man aus dem gleichen Attribut und dem gleichen Subjekt und einem anderen nicht. So betreffen die Bejahung und die Ver-
verschiedene Arren von Sätzen macht. Das nennt man Opposition. neinung nicht das gleiche Subjekt, denn ,,irgendein Mensch" wird
Es ist ieicht zu sehen, daß diese Opposition nur eine dreifache sein in dem einen der Sätze für einen Teil der Menschen genommen und
kann, allerdings hat die eine der drei Arten zwei lJnterarren. für einen anderen Teil in dem anderen. Sie können aber nicl-rt beide
Denn wenn sie sowohl hinsichtlich der Quantität als auch der falsc-h sein, denn sonst wären die beiden kontradiktorischen falsch.
euali-
tät einander enrgegengeserzt sind, wie A. O. und E. I. nennt man sie Denn wenn es falsch ist, daß irgendein Mensch gerecht ist, wäre es
kontradiktorisch, wie ,,Jeder Mensd-r ist Lebewesen, Irgendein Mensch also wahr, daß kein Mensch gerecht ist, der kontradiktorische Satz,
ist kein Lebewesen; Kein Mensch ist unfehlbar, Irgendein Mensch ist und mit noch stärkerem Grund, daß irgendein Mensch nicht gerecht
unfehlbar". ist, der subkonträre Satz.
Und wenn sie der Qualität nach verschieden und der euantität 4. §(as die subalternen Sätze betrifft, so gibt es keine wirkliche Oppo-
nach gleich sind, nennt man sie konträr oder subkonträr; konträr, sition, weil der besondere eine Folge des allgemeinen ist. Denn wenn
wenn sie allgemein sind, wie ,,Jeder Mensch ist ein Lebewesen, Kein alle Menschen Lebewesen sind, so ist auch irgendein Mensch ein
Mensch ist Lebewesen". Lebewesen, wenn kein Mensch Affe ist, ist irgendein Mensch auch
Subkonträr, wenn sie besondere sind, wie ,,Irgendein Mensch ist kein Affe. Deshalb bringt die §Tahrheit der allgemeinen die der
Lebewesen, Irgendein Mensch ist nicht Lebewesen,.. besonderen mit sich, aber die \X/ahrheit der besonderen bringt nicht
Bci der Betrachtung dieser entgegengesetzren Sätze im Hinblick auf die Wahrheit der allgemeinen mit sich. '§7eil es wahr ist, daß irgend-
ihre \(ahrheit oder Falschheit läßt sich nun leicht feststellen: ein Mensch gerecht ist, folgt nicht, daß es wahr sein sollte, daß alle
1. Zusammen sind die kontradiktorischen Sätze nie wahr und nie Menschen gerecht sind. Und umgekehrt bringt die Falschheit der
falsch, sondern wenn der eine wahr ist, ist der andere falsch, und besonderen die Falschheit der allgemeinen mit sich. Denn wenn es
wenn der eine falsch ist, ist der andere wahr. Denn wenn es wahr falsch ist, daß irgendein Mensch unfehlbar ist, ist es noch viel fal-
ist, daß alle Menschen Lebewesen sind, dann kann es nicht wahr scher, daß alle Menschen unfehlbar sind. Aber die Falschheit der
Die t.ogik Zweirer Teil. Kapitel V

allgemeinen bringt nicht die Falschheit der besonderen mit sich. eintreten", enthäit das Subjekt dieses Satzes zwei Sätze, denn es ent-
Denn obgleich es falsch ist, daß alle Menschen gerecht sind, folgt hält zwei Verben; da sie aber durch ,,welcher" verbunden sind, sind
daraus nicht, daß es ein Fehler wäre zu sagen, daß irgendein Mensch sie nur ein Teil des Subjekts; während wenn ich sage: ,,das Gute und
gerecht ist. Flieraus folgt, daß es verschiedene Fälle gibt, in denen die Übel kommen vom Herrn", es offensichtlich zwei Subjekte gibt,
diese subalternen Sätze beide wahr sind und wieder andere, in denen denn ich behaupte vom einen und vom anderen gleicherweise, daß
beide falsch sind. sie von Gott kommen.
Ich sage nichts über die Zurückführung der einander entgegenge- Und der Grund davon ist der, daß die durch ,,welcher" miteinander
setzten Sätze auf einen gleichen Sinn, denn das ist ganz unnütz; und verbundenen Sätze entweder nur sehr unvollkommene Sätze sind,
die Regeln, die man darüber aufstellt, sind meist nur im Lateinischen nach dem, was weiter unten gesagt werden wird; oder daß sie nicht so
wahr. sehr als Sätze betrachtet werden, die eben aufgestellt werden, sondern
eher als Sätze, die ehemals aufgestelit worden sind und die man sich
Kapitel V nun einfach vergegenwärtigt, als ob sie einfache Ideen wären. Daher
ist es gleichgültig, ob diese eingeschobenen Sätze durch adjektivische
Über die eint'acben wnd zusammengesetzten Sätze; es gibt einfache, Nomina ausgedrückt werden oder durch Partizipien ohne Verb und
die zusammengesetzt zu sein scbeinen ohne es zu sein und die man ohne ,,welcher" oder mit Verben und ,,welcher". Denn es ist das gleidre
komplexe nennen leann; über die entweder auf Grund des Swbjehts zu sagen: ,,Der unsichtbare Gott hat die sichtbare 'Welt erschaffen"
oder aut' Grund des Attributs leomplexen Sätze oder ,,Gott, der unsichtbar ist, har die rüelt, die sichtbar ist, geschaf-
fen"; ,,Alexander, der edelste aller Könige, hat Darius besiegt" oder
\Wir haben gesagt, daß jeder Satz zumindest ein Subjekt und ein ,,Alexander, der der edelste aller Könige gewesen ist, hat Darius be-
Attribut haben muß; daraus folgt aber nicht, daß er nicht mehr als siegt". In dem einen sowohl wie in dem anderen Satz ist nicht die
ein Subjekt und mehr als ein Attribut haben kann. Diejenigen also, Bejahung der Unsichtbarkeit Gottes mein hauptsächlichstes Ziel, oder
die nur ein Subjekt und ein Attribut haben, heißen einfache Sätze, und daß Alexander der edelste aller Könige gewesen ist. Aber indem ich
diejenigen, welche mehr als ein Subjekt und mehr als ein Attribut annehme, daß das eine und das andere vorher bel'aht wurde, bejahe
haben, heißen zusammengesetzte, wie wenn ich zum Beispiel sage: ich von dem als unsichtbar vorgestellten Gott, daß er die sichtbare
,,Das Gute und die Übel, das Leben und der Tod, die Armut und die '§?'elt erschaffen
hat und von Alexander, als edelstem aller Könige
Reichtümer kommen vom Flerrn"; hier wird dieses Attribut ,,vom vorgestellt, daß er Darius besiegt hat.
Herrn kommen" nicht nur von einem einzigen Subjekt bejaht, sondern '§7enn ich aber sagen würde:
,,Alexander ist der edelste aller Könige
von mehreren, nämlidr vom Guten und den übeln etc. gewesen und der Sieger über Darius", so ist unmittelbar einleuc-htend,
Aber vor der Erklärung dieser zusammengesetzten Sätze ist anzu- daß ich gleiciermaßen von Alexander bejahen würde, daß er der
merken, daß es welche gibt, die zusammengesetzt zl sein scheinen und edelste aller Könige gewesen war und der Sieger über Darius. Und so
die trotzdem einfadre sind. Denn die Einfachheit eines Satzes leitet nennt man mit Recht diese letzteren Arten von Sätzen zusammen-
sich von der Einzigkeit des Subjektes und des Attributes her. Nun gibt gesetzte Sätze, während man die anderen komplexe Sätze nennen
es viele Sätze, die eigentlich nur ein Subjekt und ein Attribut haben, kann.
deren Subjekt oder Attribut aber ein komplexer Ausdruck ist, der Noch anzumerken ist, daß diese komplexen Sätze auf zweierlei Art
andere Sätze enthält, die man eingeschobene nennen kann und die nur komplex sein können. Denn die Komplexität, um so zu sprechen,
einen Teil des Subjektes oder Attributes ausmachen und mit ihnen kann entweder in der Materie des Satzes enthalten sein, das heißt,
durch das Relativpronomen qui oder lequel, welcher (dessen Eigen- in dem Sub.iekt oder dem Attribut oder in beiden gemeinsam; oder
tümlichkeit in der Vereinigung mehrerer Sätze miteinander besteht, sie kann nur in der Form enthalten sein.
so daß sie alle nur einen einzigen Satz ausmachen), verbunden sind. I. Die Komplexität ist in dem Subjekt enrhalren, wenn das Subjekt
So wenn Jesus Christus sagt: ,,Der, welcher den \Willen meines ein komplexer Ausdruck ist, wie in diesem Satz: ,,.feder Mensch,
Vaters, welcher im Himmel ist, tun wird, wird in das Himmelreich der nidrts fürchtet, ist König": Rex est qui metuit nihil.
tt2 Die l.ogik Zweiter Teil. Kapitel VI llJ
Beatus ille qui procul negotiis, Die drei ersten Verse und die Hälfte des vierten machen das
Ut prisca gens mortalium, Subjekt dieses Satzes aus; der Rest bildet sein Attribut, und die
Paterna rura bobus exercct suis, Bejahung ist in dem Verb ,,cano" eingeschlossen.
Solutus omni foenore.
Das sind die drei'§ü'eisen, in denen Sätze hinsichtlich ihrer Materie
Denn das Verb ,,ist" wird in diesem letzten Satz mitverstanden (d. h. hinsichtlich ihres Subjektes oder ihres Attributs) komplex
und ,,beatus" ist ein Attribut;und der ganze Rest das Subjekt. sein können.
II. Die Komplexität betrifft das Attribut, wenn das Attribut ein
komplexer Ausdrud< ist, wie Kapitel VI
,,Die Frömmigkeit ist ein Gut, das den Mensdren in den größten
Mißlichkeiten glürJrlich macht" Von der Natur der eingescbobenen Sätze, d.ie Teil der homplexen
,,Sum pius Aeneas fama super aethera notus". Sätze sind
Es muß aber hier besonders bemerkt werden, daß alle aus aktiven
Verben und dem, was sie regieren, zusammengesetzten Sätze kom- Bevor aber von den Sätzen gesprochen wird, deren Komplexität
plexe genannt werden können und daß sie in gewisser \(eise zwei die Form betrifft, das heißt die Bejahung oder die Verneinung, sind
Sätze enthalten. '§V'enn ich zum Beispiel sage: Brutus hat einen noch mehrere wichtige Bemerkungen über die Natur der eingeschobe-
Tyrannen getötet, heißt das, daß Brutus irgend jemanden getötet nen Sätze, die Teile des Subjekts oder des Attributs derjenigen Sätze
hat, und daß der, den er getötet hat, ein Tyrann war. Daher sind, welche durch ihre Materie komplex sind, zu madren.
kann diesem Satz arf zweierlei '§?eise widersprochen werden, 1. §(ir haben sdron gesehen, daß die eingeschobenen Sätze diejenigen
entweder, indem man sagt, Brutus hat niemanden getötet, oder sind, deren Subjekt das Relativpronomen ,,welcher" ist, wie zum
indem man sagt, der, den er getötet hat, war kein Tyrann. Beispiel ,,die Mensdren, welche geschaffen sind, um Gott zu kennen
Diese Bemerkung ist von besonderer \(idrtigkeit, denn wenn und zu lieben", oder ,,die Menschen, welche fromm sind". §?'enn
diese Arten von Sätzen in den Prämissen von Schlüssen enthalten man den Ausdrud< ,,Menschen" wegnimmt, ist der Rest ein einge-
sind, beweist man zuweilen den einen Teil, indem man den ande- schobener oder angehängter Satz.
ren zugrunde lcgt; dieser Urnstand macht es oft erforderlich, der- Man muß sich aber an das im siebenten Kapitel des ersten Teils Ge-
artige Sätze auf ihre natürliche Gestalt zurüdrzuführen und das sagte erinnern, daß nämlich die Hinzufügungen bei den komplexen
Aktive in ein Passives zu verwandeln, damit der Teil, der bewie- Ausdrücken von zweierlei Art sind; die einen kann man einfache Er-
sen werden soll, offen ausgesprochen wird, was wir auch ausführ- läuterungen nennen, wenn die Hinzufügung nichts in der Idee des
licher darlegen werden, wenn wir die zusammengesetzten Argu- Ausdrudrs ändert, weil das ihm Zugefügte allgemein und in seinem
mente dieser komplexen Sätze behandeln werden. ganzel Umfang zukommt, wie in dem ersten Beispiel: Die Men-
IIL Manchmal betriflt die Kornplexität sowohl das Subjekt als audr sdren, welche geschaffen sind, um Gott zu kennen und zu lieben.
das Attribut, wenn nämlich jedes von ihnen ein komplexer Aus- Die anderen können Determinationen heißen, weil das einem Aus-
drudr ist, wie in folgendem Satz: Die Großen, die die Armen drudr Hinzugefügte ihm nicht in seinem ganzen Umfang zukom-
unterdrücken, werden von Gott, der der Beschützer der Unter- mend, seine Bedeutung einengt und bestimmt, wie in dem zweiten
drückten ist, bestraft werden. Beispiel ,,die Menschen, weldre fromm sind". Demgemäß kann man
sagen, daß es ein explikatives und ein determinierendes ,,welcher"
Ille ego qui quondam gracili modulatus avena gibt.
Carmen, et cgressus sylvis vicina coögi, 'Wenn nun das ,,welcher" explikativ ist, so wird das Attribut des
Ut, quamvis avido, parerent arva colono,
Gratum opus agricolis: at nunc horrentia Martis eingesdrobenen Satzes dem Subjekt, auf das sich das ,,welcher" be-
Arma, virumque cano. Trojae qui primus ab oris zieht, zugesprochen, obgleicl es im Hinblick auf das Ganze des
Italiam, fato profugus, Lavinaque venit Satzes nur beiläufigerweise gesdrieht, so daß man das Subjekt selbst
Littora. an die Stelle des ,,welcher" setzen kann, wie aus dem ersten Beispiel
114 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel VI 115

zu ersehen ist: ,,Die Menschen, welche geschaffen worden sind, um Genuß des Körpers legt", welcher eine einzelne und individuelle
Gott zu kennen und zu lieben." Denn man kann sagen: ,,Die Men- Lehre bezeichnet, vieler Nebeneigenschaften fähig, wie der, von
schen sind geschaffen worden, um Gott zu kennen und zu lieben." verschiedenen Personen behauptet zu werden, obgleich sie von sich
'§?'enn aber das
,,welcher" determinierend ist, wird das Attribut des aus dazu bestimmt ist, immer in der gleichen '§ü'eise gemeint zu
eingeschobenen Satzes eigentlidr gar nicht dem Subjekt, auf das sich werden, wenigstens im Hinblidr auf jenen präzisen Punkt, der ihr
das ,,welcher" bezieht, zugesprochen. Denn wenn man, nadrdem den Charakter dieser bestimmten Lehre verleiht. Und deshalb ist
gesagt wurde: ,,die Menschen, die fromm sind, sind mitleidig", das das ,,welche" in dem zweiten eingeschobenen Satz ,,welche von Epi-
\Wort Menschen an die Stelle des kur gelehrt worden ist" niclt determinierend, sondern nur expli-
,,die" setzen wollte, indem man
sagt: ,,die Menschen sind fromm", würde der Satz falsch sein, denn kativ. Daraus ergibt sich, daß man dasSubjekt, auf das das ,,weldre"
dies wäre die Bejahung des 'Wortes fromm von den Menschen als sich bezieht, an die Stelle des ,,weldre" setzen und sagen kann ,,die
Menschen; indem man aber sagt, ,,die Menschen, die fromm sind, Lehre, die das höchste Gut in den Genuß des Körpers legt, ist von
sind mitleidig", bejaht man weder von den Menschen im allgemeinen Epikur gelehrt worden".
noch von irgendeinem Menschen im besonderen, daß sie fromm 3. Die letzte Bemerkung ist die, daß man mehr auf den Sinn und die
seien; indem aber derGeist die Idee ,,fromm" mit der Idee,,Mensch" Intention als auf den einfachen Ausdrudr des Sprechenden adrten
verbindet und eine umfassende Idee daraus macht, urteilt er, daß muß, um über die Natur dieser Sätze zu urteilen und um heraus-
das Attribut ,,mitleidig" dieser Totalidee zukommt. Und so ist das zufinden, ob das ,,welche" (bzw. welcher, welches) determinierend
ganze in dem eingeschobenen Satz ausgedrüchte Urteil nur das, oder explikativ ist.
durdr welches unser Geist urteilt, daß die Idee ,,fromm" nicl-rt unver- Denn es gibt oft komplexeAusdrücke, die inkomplex erscheinen oder
träglich mit der des ,,Menschen" ist, und daß er sie auf diese '§üeise weniger komplex zu sein scheinen, als sie es in der Tat sind: denn
als untereinander verbunden betradrten kann, um anschließend zu ein Teil dessen, was sie als in dem Geiste des Sprechenden Enthal-
prüfen, was ihnen dieser Vereinigung gemäß zukommt. tenen einsdrließen, ist mitverstanden und wird nidrt ausgedrückt
2. Es gibt Ausdrücke, die zweifadr oder dreifadr komplex sind, da sie gemäß dem im siebenten Kapitel des ersten Teils Gesagten, wo
aus mehreren Teilen bestehen, von denen jeder für sich komplex ist; gezetgt wurde, daß es nichts Gewöhnlicheres in den Reden der Men-
und so können sich verschiedene eingeschobene Sätze und von ver- schen gibt, als die Bezeichnung einzelner Dinge durch gemeinsame
schiedener Art begegnen, wo das ,,welcher" des einen determinierend Namen; die Umstände der Rede offenbaren nämlich zur Genüge,
ist und das ,,welcher" des anderen explikativ. Dies wird man besser daß man mit dieser gemeinsamen, dem gebrauchten \flort zugeord-
an folgendem Beispiel sehen: ,,Die Lehre, welche das höchste Gut neten Idee eine einzelne und abgegrenzte Idee verbindet, die es
in den Genuß des Körpers legt, welche von Epikur gelehrt wurde, dahin bestimmt, nur ein einzelnes und einziges Ding zu bedeuten.
ist eines Philosophen unwürdig." Dieser Satz hat als Attribut ,,eines Ich habe gesagt, daß dies gewöhnlich durch die konkreten Umstände
Philosophen unwürdig" und das ganze übrige als Subjekt, so daß offenbar wird, wie zum Beispiel im Munde der Franzosen das Wort
das Subjekt ein komplexer Ausdrud< ist, der zwei eingesdrobene ,,König" Ludwig XIV. bedeutet. Aber hier noch eine Regel, die zur
Sätze enthält: der erste ist,,welche das höchste Gut in den Genuß Beurteilung dienen kann, wann ein gemeinsamer Ausdrud< in seiner
des Körpers legt". Das ,,welche" in diesem eingeschobenen Satz ist allgemeinen Ideeverbleibt,oderwann er von einer abgegrenzten und
determinierend: denn es bestimmt das §?'ort Lehre, das allgemein ist, besonderen Idee, obgleich sie nicht ausgedrückt ist, präzisiert wird.
zu einer soldren, die bejaht, daß das höchste Gut des Mensdren der \7enn es zu einer augenscheinlichen Absurdität führt, ein Attribut
Genuß des Körpers ist. Daher wäre es absurd, das '§7'ort ,,welche" mit einem in seiner allgemeinen Idee verbleibenden Subjekt zusam-
durch das '§ü'ort Lehre zv ersetzet und zu sagen: ,,Die Lehre legt menzuschließen, muß man annehmen, daß derjenige, der den frag-
das höchste Gut des Menschen in den Genuß des Körpers." Der lichen Satz aufgestellt hat, das Subjekt nicht in seiner allgemeinen
zweite eingeschobene Satz ist ,,welche von Epikur gelehrt worden Idee belassen hat.'Wenn ich so zu einem Mann sagen höre: ,,Rex hoc
mihi imperavit"
ist", und das Subjekt auf das sich dieses,,welche" bezieht, ist der - ,,der König hat mir dieses befohlen", so kann ich
sicher sein, daß er dem \flort ,,König" keineswegs seine allgemeine
ganze komplexe Ausdruck ,,die Lehre, die das höchste Gut in den
116 Die Logik Zweirer Teil. Kapitel VII 717

Idee belassen hat, denn von.r König im allgemeinen kann kein in- und ob sie in den Ideen und einfachen Ausdrücken gar nicht vor-
haltlich bestimmter Befehl ausgehen. kommt.
§7enn ein Mensch zu mir gesagt hätte: Die Brüsseler Zeitung vom Ich spreche von der Falschheit und nicht von der Wahrheit, denn
1.4. .lanuar 1662 mtr den Nachrichten über die Geschehnisse in Paris es gibt eine '§V'ahrheit, die in den vom Standpunkt des Geistes Gottes
hat unrecht, wäre ich sicher, daß irgend etwas mehr, als durch diese aus betrachteten Dingen liegt, mögen die Menschen, diese Dinge be-
Ausdrücke bezeichnet ist. in seinem Geist enthalten wäre. Denn all trachtend, sie zum Gegenstand ihres Denkens machen oder nicht; es
dieses kann nicht zur Beurteiiung der \Wahrheit oder Unrichtigkeit kann in ihnen aber Falsches nur mit Rücksicht auf den Geist des Men-
dieser Zeitung befähigen: also muß er sich eine bestimmte und be- schen vorkommen oder eines anderen, dem Irtum unterworfenen
sondere Nachricht vorgestellt haben, die er für der \Wahrheit ent- Geistes, der falsch urteilt, daß ein Ding etwas ist, was es nicht ist.
gegengesetzt hielt: wie wenn in dieser Zeitung gestanden hätte Die Frage ist also, ob diese Falschheit nicht nur den Sätzen und den
,,daß der König hundert zu Chevaliers des Ordens vom Heiligen Urteilen zukommt.
Geist erhoben hat". Man antwortet gewöhnlich mit ,,nein", was auch in einem gewissen
Gleicherweise in den Urteilen über Meinungen der Philosophen. Sinne wahr ist; das hindert aber nicht, daß manchmal Falsches, wenn
'Wenn man sagt ,,die Lehrmeinung dieses Philosophen ist falsch", auch nicht in den einfachen Ideen, so doch in den komplexen Aus-
ohne bestimmt auszudrücken, weldle diese Lehrmeinung ist, wie drücken enthalten ist; denn dafür genügt es, daß irgendein Urteil und
z.B. ,,die Lehre des Lukrez über die Natur unserer Seele ist falsch", irgendeine Bejahung, sei es eine ausdrückliche, sei es eine virtuelle,
so ist es notwendig, daß man sich in diesen Arten von Urteilen eine vorliegt.
bestimmte und besondere Meinung unter dem allgemeinen W'ort Das werden wir besser sehen, wenn wir die zwei Arten von kom-
,,Lehre dieses Philosophen" ,orstellt, denn die Eigenschaft der plexen Ausdrücken, von denen die eine das explikative ,,welcher", die
Falschheit kann nicht einer Lehre als einer von diesem oder jenem andere das determinierende,,welcher" hat, eingehender untersuchen.
Autor stammenden zukommen, sondern nur als dieser oder jener Man darf bei der ersten Art komplexer Ausdrücke nicht erstaunt
bestimmten Meinung, die der'§flahrheit entgegensteht. Und so lösen sein, wenn dort Falsches vorliegen kann; da das Attribut des einge-
sich zwangsläufig diese Arten von Sätzen in folgende auf : ,,Diese schobenen Satzes dem Subjekt, auf das sich das ,,welcher" bezieht,
Meinung, die von diesem Autor vertreten worden ist, ist falsdr. Die zugesprochen wird (,,Alexander, welcher der Sohn von Philipp ist"),
Meinung, daß unsere Seele aus Atomen zusammengesetzt ist und spreche ich, obgleich eingeschobenerweise, dem Alexander das Sohn-
die von Lukrez vertreten wurde, ist falsch." Auf diese 'W'eise ent- Sein von Philipp zu, und folglich liegt darin eine Falschheit, falls das
halten diese Urteile immer zwei Bejahungen, selbst dann, wenn nicht zutrifft.
sie nicht deutlich ausgedrüd<t sind: Die eine, die hauptsächliche, die Indessen sind zwei oder drei wichtige Dinge anz-umerken.
die \Tahrheit selbst betrifft und die besagt: es ist ein großer Irrtum, 1. Die Falschheit des eingeschobenen Satzes beeinträchtigt gewöhnlich
wenn man meint, daß ttnsere Seele aus Atomen zusammengesetzt ist, die \(ahrheit des F{auptsatzes nicht. Zum Beispiel muß dieser Satz
und die zweite, die nur eingeschoben ist und ein historisches Faktum ,,Alexander, welcher der Sohn von Philipp gewesen ist, hat die
betrif{t, nämlich daß diese Irrlehre von Lukrez vertreten worden Perser besiegt" als wahr gelten, auch wenn Alerander nicht der Sohn
ist. von Philipp gewesen wäre, denn die Bejahung des Flauptsatzes be-
trifft nur Alexander, und das mit Alexander eingeschobenerweise
Kapitel VII Verknüpfte verhindert nicht, obgleich es falsch sein mag, daß der
Satz ,,Alexander hat die Perser besiegt" wahr ist.
Über die in den hornplexen Begriffen und. in den eingeschobenen Sätzen
\(enn jedoch das Attribut des Hauptsatzes in Beziehung zu dem
mö glich e ru eis e entbdlt ene F alsch h eit
eingeschobenen Satz stünde wie zum Beispiel ,,Alexander, Sohn von
Philipp, war Sohn von Amintas": nur in diesem Fall würde die
Das von uns eben Gesagte kann zur Lösung einer berühmten Falschheit des eingeschobenen Satzes die Falschheit des Hauptsatzes
Frage dienen, ob nämlich die Falschheit nur in den Sätzen liegt mit sich bringen.
1 18 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel VII 119

2. Die Titel für bestimmte '§ü'ürden können allen denen, die diese determinierend ist, wie ,,Die Menschen, die fromm sind", ,,Die
§7ürden besitzen, verliehen werden, obgleich das, was durch diesen Könige, die ihre Völker lieben", ist es sicher, daß sie gewöhnlich
Titel angezeigt wird, ihnen in keiner -üfleise zukommt; weil der nicht die Möglidrkeit haben, falsdr zu sein, denn das Attribut des
Titel ,,Heiliger" und ,,Sehr Heiliger" früher allen Bischöfen zukam, eingeschobenen Satzes wird nicht dem Subjekt, auf das das ,,wel-
sieht man, daß die katholischen Bischöfe auf dem Konzil zt Kar- cher" sich bezieht, zugesprochen. \7enn man nämlich zum Beispiel
thago gar nicht zögerten, diesen Namen den donatistischen Bisdröfen sagt: ,,Die Richter, die niemals etwas auf eine Bitte hin oder aus
zu geben ,,sanctissimus Petilianus dixit", obwohl sie wohl wußten, Gunst tun, sind des Lobes wert", sagr man deshalb doch nicht, daß
daß es bei einem sdrismatischen Bischof keine wirkliche Heiligkeit es auf der Erde irgendeinen Richter gibt, der in diesem Zustand der
geben kann. rWir sehen ebenfalls, daß der heilige Paulus dem Festus, Vollkommenheit ist. Trotzdem glaube ich, daß in diesen Sätzen
Gouverneur von Judäa, in den Acta apostoiorum den Tirel ,,Bester" immer eine unausgesprochene und virtuelle Bejahung vorliegt, nicht
und ,,Hervorragendster" gab, weil das der gewöhnliche Titel für eine der tatsächlichen übereinstimmung des Attributs mit dem Sub-
diese Gouverneure war.
iekt, auf das das ,,welcher" sich bezieht, sondern der möglichen
3. Es ist nicht dasselbe, wenn jemand der Schöpfer eines Titels ist, den Übereinstimmung. Und s/enn man sich darin täuscht, so glaube ich,
er einem anderen verleiht, und zwar den er ihm verleiht, indem er daß mit Recht Fehler in diesen eingesdrobenen Sätzen zu finden
von diesem nicht nach der gängigen Meinung oder nach dem ver- sind; wenn man sagen würde: ,,Die Geister, die viereckig sind, sind
breiteten Irrtum spricht; denn in diesem Fall kann man ihm mit gefestigter als die, die rund sind", halte ich dafür, daß dieser ein-
Recht die Falschheit dieser Sätze zur Last legen. tWenn aiso jemand geschobene Satz als falsch gelten muß, da die Idee des Viereckig-Seins
sagt: ,,Aristoteles, der der Fürst der Philosophen ist", oder einfach und die des Rund-Seins unverträglich mit der Idee des als Prinzip
,,der Fürst der Philosophen hat geglaubt, daß der Ursprung der des Denkens genommenen Geistes sind.
Nerven im Herz liegt", hätte man nicht das Recht, ihm zu sagen, Man kann sogar sagen, daß hieraus die meisten unserer Irrtümer
daß das falsch ist, weil Aristoteles nicht der Hervorragendste der entstehen. Denn wenn wir die Idee eines Dinges haben, verbinden
Philosophen sei; es genügt nämlich, daß er sich die landläufige, ob- wir mit ihr oft eine andere unverträglidre, obgleich von uns irr-
gleich falsdre Meinung angeeignet hat. '§fl'enn aber jemand sagen tümlich für verträglich gehaltene Idee, was uns dieser selben Idee
würde: ,,Herr Gassendi, der der Geschickteste der Philosophen ist, etwas ihr nicht Zukommendes beilegen läßt.
glaubt, daß es in der Natur Leere gibt", hätte man Grund, mit dieser \flenn wir so in uns selbst zwei Ideen 6nden, die der denkenden
Person über die Qualität, die sie Gassendi geben wollte, zu streiten und die der ausgedehnten Substanz, gesdrieht es oft, daß wir beim
und sie für die Falschheit veranrworclich zu machen, von der man Betrachten unserer Seele, die die denkende Substanz ist, unmerklidr
behaupten könnte, daß sie sich in dem eingeschobenen Satz befindet. etwas von der Idee der ausgedehnten Substanz mit ihr vermengen,
Man kann also eines Fehlers beschuldigt werden, wenn man einer wie wenn wir uns vorstellen, daß unsere Seele einen Raum aus-
Person einen Titel zuspricht, der ihr nicht zukommt, und man kann füllen müsse, wie ihn ein Körper ausfüllt; und daß sie gar nicht
nicht eines Fehlers beschuldigt werden, wenn man der gleichen Per- wäre, wenn sie nirgends wäre, was aber nur auf Körper zutrifft.
son einen anderen Titel gibt, der ihr in \Tahrheit noch weniger zu- Und daraus ist der unfromme Irrrum derjenigen entstanden, die
kommt. Zum Beispiel ,,war der Papst Johannes XIL weder heilig, die Seele für sterblidr halten. über diesen Gegensrand kann man
noch keusch, noch fromm", wie Baronius es zugesteht; und trotzdem eine ausgezeichnete Abhandlung des heiligen Augustinus im 10. Buch
konnten die, die ihn ,,sehr heilig" nannten, nicht der Lüge bezichtigt über die Dreifaltigkeit nachlesen, wo er zeigt, daß es nichts Leich-
werden, und die;'enigen, die ihn ,,sehr keusch" oder ,,sehr fromm" teres gibt, als die Natur unserer Seele zu erkennen; aber das die
genannt hätten, wären große Lügner gewesen, obgleich sie es nur Mensdren Verwirrende ist die Tatsache, daß sie sich nicht mit dem
durch einen eingesdrobenen Satz getan hätten, indem sie zum Bei- zufriedengeben, wenn, wie sie erkennen wollen, was sie von ihr
spiel sagten: ,,Johannes XII., der sehr keusche Papst, hat dieses ohne Mühe erkennen, daß sie nämlich eine denkende, wollende,
befohlen." Soviel über die erste Art der eingeschobenen Sätze, bei zweifelnde, wissende Substanz ist; sondern sie fügen dem, was sie
denen das ,,welcher" explikativ ist: bei der anderen, deren ,,welcher" ist, etwas hinzu, was sie nicht ist, indem sie sidr die Seele unter
120 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel VIII t2l

einem dieser Phantome veransdraulicrhen wollen, unter denen sie Subjektes noch Teil des Attributes ist: denn es ändert überhaupt nichts,
gewohnt sind, sich die körperlichen Dinge vorzustellen. und sie wären genau auf die gleiche §7eise gedadrt, wenn ich einfach
'W'enn sagte: ,,die Erde ist rund." Und so kann er sich nur auf die Bejahung
wir auf der anderen Seite die Körper ansehen, können wir
uns wohl schwerlich davon abhalten, von der Idee der denkenden beziehen, die auf zwei riüeisen ausgedrückt ist: die eine gewöhnliche
Substanz irgend etwas in die Betrachtung hineinzuschmuggeln, was durch das Verb ,,ist": ,,die Erde ist rund" und die andere ausdrüdrlicher
uns von den sdrweren Körpern sagen läßt, daß sie zum Mittelpunkr durdr das Verb ,,ich behaupte".
streben, von den Pflanzen, daß sie die für sie geeignete Nahrung Es ist das gleicle, wenn man sagt,,Ich leugne; es ist wahr"; oder
suchen, von den Krisen der Krankheit, daß die Natur es ist,, ,:lie wenn man zu einem Satz etwas hinzufügt, was seine '§üahrheit unter-
sich von dem ihr Schädlidren hat befreien wollen; und von tausend stützt, wie wenn ic.h sage: ,,Die von der Astronomie angegebenen
anderen Dingen besonders in unseren Körpern, daß es die Natur Gründe überzeugen uns, daß die Sonne viel größer als die Erde ist."
ist, die dieses oder jenes machen will, obgleich wir wissen, daß wir Denn dieser erste Teil ist nur die Unterstützung der Bejahung.
es gar nicht wollten und daran in keiner §fleise gedadrt haben, und Es ist allerdings vrichtig anzumerken, daß es unter diesen Sätzen
daß die Vorstellung lächerlich wäre, daß es in uns irgend etwas doppelsinnige gibt, die verschieden aufgefaßt werden können ie nadr
anderes als uns selbst gäbe, weldres das uns Zurrägliche oder Schäd- der Absicht dessen, der sie ausspridrt, wie wenn ich sage: ,,Alle Philo-
liche kennen würde, und welches das erste aufsudrt und vor dem sophen versichern uns, daß die sdrweren Dinge von sich aus nach
zweiten flieht. unten fallen"; wenn meine Absicht ist, zu zeigen, daß die schweren
Ich glaube, daß es ebenfalls diese Vermengung unverträglicher Ideen Dinge von sich aus nadl unten fallen, wird der erste Teil des Satzes
ist, der man alles Murren der Menschen gegen Gott zusdrreiben muß. eingeschoben sein und nur der [Jnterstützung der im zweiten Teil
Denn es wäre unmöglich, gegen Gott zu murren, wenn man ihn enthaltenen Bejahung dienen. §üenn ic} aber im Gegenteil nur die
wirklich als den dächte, der er ist, nämlich allmächtig, allweise, Absidrt habe, von dieser Meinung der Philosophen zu beridtten, ohne
allgut. Aber wenn die Bösen ihn als Allmächtigen und als souve- daß ich sie selbst billige, dann wird der erste Teil der Flauptsatz sein
ränen Flerrscher über die ganze §flelt denken, schreiben sie ihm alle und der lezte nur ein Teil des Attributs. Denn was ich bejahen werde,
Übel zu, die ihnen zustoßen, worin sie recht haben; und weil sie wird nicht das Von-selbst-Fallen der schweren Dinge sein, sondern nur,
ihn zugleich als Grausamen und Ungerechten sidr vorsrellen, was daß alle Philosophen es behaupten. Und es ist leicht zu zeigen, daß
unverträglich mit seiner Güte ist, werden sie ausfallend gegen ihn, diese zwei verschiedenen 'Weisen, nadr denen ein und derselbe Satz
als hätte er unrecht gehabt, als er ihnen die übel schickte, unter verstanden wird, ihn so verändern, daß es zwei verschiedene Sätze
denen sie leiden. sind, die einen ganz versdriedenen Sinn haben. Es ist aber oft leicht,
aus der Folge zu urteilen, in welcher der zwei Bedeutungen er auf-
Kapitel VIII zufassen ist. Denn wenn ich zum Beispiel, nadrdem idr diesen Satz
aufgestellt habe, hinzufügen würde: ,,Nun sind die Steine schwer;
über die leomplexen Sätze hinsicbtlich der Alfirmation und der Nega- also fallen sie von sidr aus nadr unten", wäre es klar, daß ich ihn in
tion und über eine Art dieser Sätze, die d.ie Philosophen ,modale" der ersten Bedeutung gemeint hatte und daß der erste Teil nur ein-
geschoben ist. 'Wenn ich aber im Gegenteil so schließen würde: ,,Nun
ist das ein Irrtum, und folglich kann es geschehen, daß ein Irrtum von
Außer den Sätzen, 0.."" ,r;;,ll".lr,.m,,, ein komplexer Aus- allen Philosophen gelehrt wird", dann wäre es offenbar, daß ich ihn
druck ist, gibt es andere, die komplex sind, weil in sie Ausdrücke oder in der zweiten Bedeutung gemeint hatte, das heißt, daß der erste Teil
Sätze eingeschoben sind, die nur die Form des Satzes betreffen, das der Flauptsatz war und der zvzeite nur ein Teil des Attributs'
heißt die durc'h das Verb ausgedrüchte Affirmarion oder Negation, Von diesen komplexen Sätzen, wo die Komplexität das Verb und
wie wenn ich sage: ,,ich behaupte, daß die Erde rund ist"; ,,ich be- weder das Subjekt noch das Attribut betrifft, haben die Philosophen
haupte" ist nur ein eingeschobener Satz, der Teil von etwas im Haupt- besonders diejenigen herausgehoben, die sie rnodale genannt haben,
satz sein muß; und trotzdem ist es klar, daß er weder Teil des weil darin die Affirmation oder die Negation durch eine der folgenden

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122 Die Logik Zweker Teil. Kapitel IX 123

'Weisen
vier modifiziert wird: ,,möglich, kontingent, unmöglich, nor- Kapitel IX
wendig". Und weil jeder dieser vier Modi bejaht oder verneint werden,
wie ,,es ist unmöglich, es ist nicht unmöglid'r" und sowohl in der einen Über d.ie verscbiedenen Arten der zusarnntengesetzten Sätze
als auch in der anderen Weise mit einem bejahenden oder verneinen-
den Satz verbunden sein kann, nämlich ,,die Erde ist rund", ,,die \(ir haben schon gesägt, daß die zusammengesetzten Sätze die-
Erde ist nicht rund", kann jeder Modus vier Sätze bilden und die vier jenigen sind, welche entweder ein doppeltes Subjekt oder ein doppeltes
zusammen sechzehn, die man durch die vier §7orte: ,,Purpurea, Iliace, Attribut haben. Nun gibt es davon zwei Arten: bei den einen ist die
Amabimus, Edentuli" gekennzeichner har. Ihr ganzes Geheimnis be- Zusammensetzung ausdrücklich gekennzeichnet, bei den anderen ist
steht darin: jede Silbe bezeichnet einen der vier Modi; sie verborgener, und die Logiker nennen sie aus diesem Grund ex-
ponibiles. Sie bedürfen nämlich der Exposition oder Erläuterung. Die
die erste: möglidr
Sätze von der ersten Art können auf sechs lJnterarten zurückgeführt
die zweite: zufällig
werden: die kopulativen und disjunktiven; die konditionalen und die
die dritte: unmöglich
vierte: notwendig kausalen; die relativen und die diskretiven.
die

Und der Selbstlaut in jeder Silbe, nämlich entweder A oder E, oder


Ioder U bezeichnet, ob der Modus entweder bejaht oder verneint Die kopulativen Sätze
werden muß und ob der Satz selbst, den sie das ,,dictum" nennen, zu
bejahen oder zu verneinen ist, und zwar auf folgende Veise: Sätze werden kopulative genannt, wenn sie entweder mehrere Sub-
A bezeidrnet die Bejahung des Modus und die Bejahung des Satzes, jekte oder mehrere Attribute enthalten, verbunden durch eine be-
E die Bejahung des Modus und die Verneinung des Satzes, jahende oder verneinende Konjunktion, das heißt durch ,,und" oder
I die Verneinung des Modus und die Bejahung des Satzes, ,,weder-noch": denn ,,weder-nodr" bewirkt das gleiche wie ,,und"
U die Verneinung des Modus und die Verneinung des Satzes. in diesen Satzarten, da ,,weder-noch" ,,und" mit einer Negation
Es wäre Zeitvergeudung, dafür Beispiele zu bringen, die leidrt zu zusammen, die das Verb betrifit (und nicJrt die Vereinigung der beiden
finden sind. Es muß nur darauf geachtet werden, daß dem A von rWorte, die es verbindet) bedeutet; wie wenn ich sage ,,die §üissenschaft
PURPUREA, dem E von ILIACE, dem I von AMABIMUS und dem und die Reichtümer machen den Menschen nicht glücklich", verbinde
U von EDENTULI nichtkomplexe Sätze zugrunde liegen und daß man ich die Geiehrsamkeit mit den Reichtümern so, indem idr von der
demnach, wenn man richtige Beispiele bringen will und wenn man sein einen und den anderen behaupte, daß sie einen Mensdren nicht g[üdt-
Subjekt gewählt hat, für PURPUREA ein Attribut nehmen muß, Iidr machen, wie wenn ich sagte, daß die Gelehrsamkeit und die Reich-
das im Hinblidr auf das Subjekt ganz bejahr werden kann, für ILIACE tümer einen Menschen eitel machen.
ein Attribut, das im Hinblidi auf das Subjekt ganz verneint werden Man kann drei Arten dieser Sätze unterscheiden:
kann; für AMABIMUS eines, das gerade im Hinblidr auf das Subjekt 1. lWenn die Sätze mehrere Sub.iekte haben.
zu bejahen ist und für EDENTULI eines, das gerade im Hinblick auf
Mors et vita in manibus linguae.
das Subjekt verneint werden kann.
Der Tod und das Leben in der Madrt der Sprache.
Aber welches Attribut man auch immer nehmen würde, so bleibt es
immer wahr, daß alle vier Sätze über ein gleiches 'Wort auch den 2. '§(i'enn die Sätze mehrere Attribute haben'
gleichen Sinn haben, so daß alle anderen auch wahr sind, wenn der
Auream quisquis mediocritatem
eine es ist.
Diligit, tutus caret absoleti
Sordibus tecti, caret invidenda
Regibus aula.

Derjenige, welcher das Mittelmaß liebt, das in allen Dingen so


124 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel IX 125

achtenswert ist, hat sidr weder eigentlich sdrlecht nodr prächtig daß die Liebe und die Majestät sich gar nidrt miceinander vertragen,
gebettet. Non bene convcniunt,
Sperat infaustis, metuit secundis nec in una saede morantur majestas et amor.
Alterum sortem, bene praeparatum
Pectus.
Die disjunktiven Sätze
Ein wohigeratener Geist erhofft im Unglüdr das Glück und fürchtet
im Glück das UnglücL Die disjunktiven, nämlich diejenigen, in denen die disjunkdve Kon-
3. §üenn die Sätze mehrere Subjekte und mehrere Attribute haben. junktion ,,vel, oder" vorhanden ist, sind sehr gebräuchlich; zum Bei-
spiel: Die Freundschaft trifft die Freunde als gleidre an oder madrt
Non domus et fundus, non aeris acervus et auri,
sie gleidr: Amicitia pares aut accipit, aut facit.
Aegroto Domini deduxit corpore febres,
Non animo curas. Eine Frau liebt oder haßt: es gibt kein Mittleres;

lVeder die Häuser noch die Ländereien, nocl die größten An- Aut amat aut odit mulier, nihil est tertium.
häufungen von Gold und Silber können weder das Fieber aus dem Der in vollständiger Einsamkeit Lebende ist ein Tier oder ein Engel
Körper verjagen noch seinen Geist von der Unruhe und dem Kum- (sagt Aristoteles).
mer befreien. Die Mensdren geben sidr nur aus Interesse oder aus Furcht Mühe.
Die \(ahrheit dieser Sätze hängt von der \flahrheit ihrer beiden Die Erde dreht sich unl die Sonne oder die Sonne um die Erde.
Teile ab. So ist es wahr, wenn ich sage, der Glaube und die gute Jede auf Grund eines Urteils vollzogene Tat ist gut oder schle&t.
Lebensführung sind für das Heil notwendig, denn sowohl das eine Die §üahrheit dieser Sätze hängt von dem notwendigen Gegensatz
als auch das andere ist dazu erforderlich. §(enn ich aber sagen der Teile ab, die kein Mittleres dulden dürfen. §(/'ährend sie aber gar
würde, die gute Lebensführung und die Reichtümer sind für das kein Mittleres dulden dürfen, um notwendig wahr zu sein, genügt es,
Heil notwendig, würde dieser Satz falsch sein, obgleich die gute daß sie gewöhnlich keines dulden, um für moralisch wahr gehalten
Lebensführung dazu erforderlidr ist; denn die Reichtümer sind es zu werden. Deshalb ist es absolut wahr, daß eine auf Grund eines
nidrt. Urteils vollzogene Tat gut oder schlecht ist, da die Theologen gezetgr
Die Sätze, die als negative und kontradiktorische zu den kopu- haben, daß es in der Besonderheit keine Tat gibt, die indifferent ist;
lativen und allen anderen zusammengesetzten angesehen werden, sind wenn man aber sagt, daß die Menschen sich nur aus Interesse oder
nidrt immer die Sätze, in denen Negationen angetroffen werden, aus Furdrt Mühe geben, so ist das nicht absolut wahr, denn es gibt
sondern nur die Sätze, bei denen die Negation die Verbindung be- welche, die sich weder wegen der einen noch wegen der anderen dieser
trifft, was auf verschiedene \(eise geschehen kann, wie wenn ich Seelenregungen Mühe geben, sondern in Anbetradrt ihrer Pfliclt; so
zum Beispiel das ,,nicht" an den Anfang des Satzes stelle. ,,Non enim ist die ganze rVahrheit, die in diesem Satz liegen kann, die, daß es
amas et deseris", sagt der heilige Augustinus, das heißt, man darf diese zwei Triebfedern sind, die die meisten Menschen bewegen.
nicht glauben, daß man jemanden, den man bereit ist zu verlassen, Die sidr zu den disjunktiven kontradiktoriscl verhaltenden Sätze
liebt. sind diejenigen, bei denen man die §flahrheit der Disjunktion leugnet:
Denn audr auf folgende §fleise bildet man einen zu dem kopulativen was im Lateinisdren sowie audr bei allen anderen zusammengesetzten
kontradiktorischen Satz: indem man ausdrüd<lidr die Verbindung ver- Sätzen geschieht, indem man nämlich die Negation an den Anfang
neint; so wenn man sagt, daß es nidrt sein kann, daß ein Ding zu stellt: Non omnis actio est bona vel mala; und im Deutsdren: Es ist
gleicher Zeit dieses und jenes ist, daß man nidrt verliebt und weise nidrt wahr, daß jede Handlung gut oder sdrledrt ist.
sein kann

Amare et sapere vix Deo conceditur;


1.26 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel IX 127

Die konditionalen Sätze auf den anderen richtig ist, damit der Satz, als konditionaler Satz,
wahr ist, wie:
Die konditionalen sind diejenigen, die zwei durch die Bedingung ,,Wenn der \(ille der Kreatur fähig ist, die Erfüllung des absoluten
,,wenn" verbundene Teile haben, von denen der erste, in dem auch §flillens Gottes zu verhindern, ist Gott nicht allmächtig."
die Bedingung steht, der Vordersatz heißt und der ar.rdere der Folge- Die zu den konditionalen Sätzen negativen und kontradiktorisdren
satz:,,wenn die Seele geistig ist", das ist der Vordersatz,,,ist sie sind ausschließlich diejenigen, bei denen die Bedingung verneint wird;
unsterblich", das ist der Folgesatz. im Lateinischen geschieht das, indem man die Negation an den An-
Diese Folge ist manchmal mittelbar und mandrmal unmittelbar; fang stellt:
sie ist nur mittelbar, wenn es in den Ausdrüdren des einen oder des
Non si miserum fortuna Sinonem
anderen Teiis nidrts gibt, was sie miteinander verbindet, wie wenn
Finxit, vanum etiam, mendacemque improba finget.
ich zum Beispiel sage:
§7enn die Erde unbeweglich ist, dreht sich die Sonne. Im Deutsdren drüd<t man aber diese kontradiktorischen Sätze durch
'W'enn
Gott gerecht ist, werden die Bösen bestraft werden. ,,obwohl" mit einer Negation zusammen aus: ,,§flenn ihr von der
Diese Folgerungen sind sehr richtig; sie sind aber nicht unmittel- verbotenen Frucht eßt, werdet ihr sterben; obwohl ihr von der ver-
bar, denn da die beiden Teile keinen gemeinsamen Ausdrud< haben, botenen Frucht eßt, werdet ihr nicht sterben."
werden sie nur durch das im Geist Vorliegende verbunden, und das Oder auch durch: ,,Es ist nicht wahr."
ist nicht ausgedrückt: §(eil die Erde und die Sonne sidr unaufhörlich ,,Es ist nicht wahr, daß ihr, wenn ihr von der verbotenen Frucht
in verschiedenen Lagen in bezug aufeinander befinden, so muß not- eßt, sterben werdet."
wendig, wenn die eine unbewegt ist, die andere sidr bewegen.
\(enn die Folge unmittelbar ist, so muß gewöhnlidr
1. entweder das Subjekt in beiden Teilen das gleiche sein: Die kausalen Sätze
,,Wenn der Tod der Durchgang zu einem glüdrlidreren Leben ist,
ist er wünschenswert'(; Die kausalen Sätze sind diejenigen, die zwei durch ein die Ursache
,,'Wenn ihr versäumt habt, die Armen zu nähren, habt ihr sie ge- ausdrückendes Wort (,,quia", weil oder ,,ut", damit) verbundene Sätze
tötet. " enthalten: ,,§fleh den Reichen, denn sie gehen auf in dieser §flelt."
Si non pavisti, occidisti. ,,Die Bösen werden erhöht, damit ihr Fall desto größer ist, je weiter
2. Oder sie müssen das gleiche Attribut haben: von oben sie fallen."
,,'Wenn alle Prüfungen Gottes uns lieb sein müssen, müssen es auch
Tolluntur in altum
die Krankheiten sein."
Ut lapsu graviore ruant.
3. Oder das Attribut des ersten Teils muß das Subjekt des zweiten
Teils sein: ,,Sie vermögen es, denn sie glauben, es zu vermögen."
,,§/enn die Geduld eine Tugend ist, gibt es beschwerliche Tugen- Possunt quia posse videntur.
den."
4. Oder sclließlich muß das Subjekt des ersten Teils das Attribut des ,,Jener Fürst ist unglücklich gewesen, weil er unter einer solcherr
zweiten sein, was nur dann der Fall sein kann, wenn der zweite Konstellation geboren worden war."
Teil negativ ist: Auf diese Satzarten kann man auch die sogenannten reduplikativen
,,liüenn alle echten Christen nach dem Evangelium leben müssen, zurückführen:
gibt kaum echte Christen."
es ,,Insoweit der Mensch Mensch ist, ist er vernünftig."
'Wenn
es um die \Tahrheit dieser Sätze geht, ist nur die §flahrheit ,,DieKönige, sofern sieKönige sind, hängen nur vonGort allein ab."
der Folgerung wichtig; denn, gesetzt, sowohl der eine als auch der Für die §Tahrheit dieser Sätze ist es notwendig, daß der eine Teil
andere Teil sei falsdr, genügt es, daß die Folgerung von dem einen Grund des anderen ist: deshalb muß auch hier sowohl der eine Teil
128 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel X 129

als audr der andere wahr sein; denn das, was falscih ist, ist kein Grund ,,Diejenigen, welche die Meere überqueren, wedrseln nur die Länder,
und hat keinen Grund. Jedoch können beide Teile wahr sein und der aber nidrt den Geist."
kausale Satz falsdr sein, denn dazu reicht es aus, daß der eine Teil Die \fahrheit dieser Art Sätze hängt von der '§Tahrheit beider Teile
nicht Grund des anderen ist. So kann ein Fürst unglüdrlich gewesen und der Trennung, die man hinzufügt, ab. Denn obwohl beide Teile
und unter einer gewissen Konstellation geboren sein, was nicht die wahr sind, wäre ein Satz dieser Art lädrerlich, wenn diese nicht in
Falschheit der Aussage aufheben würde, daß er unglücklidr gewesen einem Gegensatz zueinander stünden, wie wenn ich sagte: ,,Judas war
ist, weil er unter dieser Konstellation geboren wurde. ein Dieb, obgleich er es nidrt dulden konnte, daß Magdalena Jesus
Deshalb kommen die zu den kausalen Sätzen kontradiktorisdren Christus mit kostbaren, duftenden Flüssigkeiten benetzte." Es kann zu
nur zustande, wenn verneint wird, daß die eine Sadre Grund der einem solchen Satz mehrere kontradiktorische Sätze geben:
anderen ist: Non ideo infelix, quia sub hoc natus sidere. ,,Es sind nicht die Reidrtümer, sondern das \tr7'issen, von dem das Glüdi
abhängt."
Diesem Satz kann man auf alle folgenden Arten widersprechen:
Die relativen Sätze ,,Das Glüdr hängt von den Reidrtümern ab und nicht vom'§üissen."
,,Das Glüc} hängt weder von den Reichtümern noch vom §Tissen ab."
Die relativen Sätze sind diejenigen, die irgendeinen Vergleich und .Das Glück hängt ebenso von den Reichtümern wie von dem '§ü'issen
irgendeine Beziehung einschließen: ab."
,,\flo der Schatz ist, da ist das Herz"; Daraus ergibt sich, daß die kopulativen kontradiktorisdre zu den
,,Wie das Leben, so der Tod." diskretiven sind. Denn die ztletzt genannten sind kopulative Sätze.
Tanti es, quantum habeas.

In den Augen der Leute bist du soviel, wieviel du hast. Kapitel X


Die \flahrheit hängt von der Richtigkeit der Beziehung ab, und man
widerspricht ihnen, indem man die Beziehung verneint: ,,Es ist nicht Über die dem Sinn nacb zusammengesetzten Sätze
wahr, daß so wie das Leben audr der Tod ist." ,,Es ist nicht wahr,
daß du in den Augen der Leute soviel giltst, wieviel du hast." Es gibt andere zusammengesetzte Sätze, deren Zusammensetzung
verborgener ist und die man auf folgende vier Arten zurüdrführen
kann.
Die diskretiven Sätze 1. Exklusive, 2. Exzeptive, 3. Komparatiye, 4. Inzeptive oder
Desitive.
Das sind die Sätze, in denen man versdriedene Urteile fällt und
diese Verschiedenheit durch die Partikel sed, aber, tamen, gleichwohl
oder ähnlidre ausgedrüd<te oder mitverstandene bezeidrnet. 1. Die exklusiven Sätze

Fortuna opes auferre, non animum potest.


Man nennt die Sätze exklusiv, die aussagen, daß ein Attribut
,,Das Sdrid<sal kann die Reidrtümer nehmen, aber nidrt das Herz." einem Subjekt zukommt und daß es nur diesem einen Subjekt zu-
kommt, was zugleich besagt, daß dieses Attribut keinem anderen
Et mihi res, non me rebus submittere conor.
Subjekt zukommt. Hieraus folgt, daß sie zwei versdriedene Urteile
,,Idr versudre, midr über die Dinge zu stellen und nidrt von ihnen einschließen und daß sie demnadr hinsicltlidr der Bedeutung zusam-
unterjodrt zu sein." mengesetzt sind. Man drückt dies durdr das '§ü'ort ,,nur" oder ein
ähnliches aus; oder im Französischen mit ,,il n'y a" [vollständiger: ,,ii
Caelum non animum mutant qui trans mare currunt: n'y a que", Anm. d. Ü.], .r gibt nichts als.
130 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel X 131

Il n'y a que Dieu seul aimable pour lui-m6me (Es gibt nichts anderes nichts zu wissen. Und die Pyrrhonisten sagten auch, daß er falsch sei,
als Gott, was um seiner selbst willen liebenswerr isr). aber aus dem entgegengesetzren Grund, denn alles sei nämlich so un-
sicher, daß es seibst ungewiß sei, ob es nichts Sicheres gibt.
Deus solus fruendus, reliqua utenda.
Deshalb ist in dem von Lucan über die Druiden Gesagten ein Ur-
Das heißt, wir müssen Gott um seiner selbst willen lieben und die teilsfehler, denn es ist nicht norwendig, daß einzig und allein die
anderen Dinge nur wegen Gott. Druiden über die §/ahrheit im Hinblick auf die Götter verfügen oder
daß einzig sie dem Irrtum verfallen seien: Denn da es in bezug auf
Quas dederis solas semper habebis opes.
die Natur Gottes versdriedene Irrtümer geben kann, könnte es wohl
Die einzigen Reichtümer, die euch immer bleiben §/erden, sind die, die gescrhehen, daß sie nicht weniger im Irrtum wären als die anderen
ihr freimütig weggegeben habt. Nationen, obgleich die Druiden über die Natur Gottes Gedanken
haben, die von den Gedanken der anderen Völker versdrieden sind.
Nobilitas sola est atque unica virtus.
Das Bemerkenswerteste hier ist, daß es unter diesen Sätzen oft
Die Tugend allein macht den Adel aus und alles andere machr nicht Sätze gibt, die der Bedeutung nach exklusiv sind, obgleich die Exklu-
wirklich edel. sion nicht ausgedrüd<t wird: So wurde dieser Vers von Vergil, in dem
Ffoc unum scio quod nihil scio: sagten die Mitglieder der Akademie. die Exklusion gekennzeichnet ist
Es ist sicher, daß es nichts Sidreres gibt, und es gibt nur Dunkelheit Una salus victis nullam sperare salutem
und Unsidrerheit in jedem anderen Ding. treffend durch einen Vers übersetzt, in welchem die Exklusion mit-
lVenn Lucan von den Druiden spricht,
bildet er folgenden disjunk- verstanden wird:
tiven, aus zwei exkltrsiven Sätzen zusammengesetzten Satz: ,,Das Heil der Besiegten liegt darin, gar kein Heil zu erwarren."
Solis nosse Deos, et caeli numina vobis Allerdings ist es im Lateinisdren gewöhnlicher als im Französischen
aut solis nescire datum est- bzw. im Deutschen, die Exklusion mitzuhören: so daß es oft Stellen
gibt, die man in ihrer ganzen Stärke gar nicht übersetzen kann, ohne
Entweder ihr kennt die Götter, obwohl alle anderen sie nicht kennen: daraus exklusive Särze zu mad-ren, obwohl im Lateinischen die Exklu-
oder ihr kennt sie niclt, obwohl alle anderen sie kennen. sion nicht in ihnen bezeidrnet ist.
Zu diesen Sätzen kann in dreifacher §(eise der kontradiktorische So muß 2. Korinther 10, 17: Qui gloriatur, in Domino glorietur
aufgestellt werden. übersetzt werden: \Wer sich aber rühmt, der rühme sich (ausschließlich)
1. Man kann leugnen, daß das als einem einzigen Subjekt zukommend des Herrn!
Angegebene diesem Subjekt auf irgendeine Art und Ifleise zukommt. Galat 6,7. Quae seminaverit homo, haec et metet: ,,Denn was der
2. Man kann behaupten, daß dieses auch einem anderen Ding zukommt. Mensch sät, (nur) das wird er ernten!"
3. Man kann sowohl das eine als auch das andere zugleich behaupten. Matth. 5, 46. Si diligitis eos qui vos diligunt, quam mercedem
So kann man gegen diesen Ausspruch ,,Einzig die Tugend ist der habebitis? ,,Denn so ihr (nur) liebet, die euch lieben, was werdet ihr
wahre Adel" sagen: für Lohn haben?"
1. daß die Tugend keineswegs edel madrt,
Seneca in der Trojade: Nullas habet spes Troja, si tales habet: \7enn
2. daß die Geburt edel macht, genausogur wie die Tugend, Troja nur diese Hoflnung hat, so hat es überhaupt keine; es ist so, als
3. daß die Geburt edel macht und nicht die Tugend.
ob dort stünde: si tantum tales habet.
Auf diese lVeise wurde diesem Grundsatz der Mitglieder der Aka-
demie ,,Es ist sicher, daß es nichts Sicheres gibt.. verschieden von den
Dogmatikern und verschieden von den pyrrhonisten widersprochen. 2. Die exzeptiven Sätze
Denn die Dogmatiker bekämpften ihn, indem sie behaupteten, daß er
doppelt falsch sei, denn es gäbe viele Dinge, die wir ganz sichdr ken- Die exzeptiven sind die, bei denen etwas einem ganzen Subjekt mit
nen, so daß es auf diese lWeise gar nicht wahr sei, daß wir sicher wären, Ausnahme einiger der unter dieses Subjekt Untergeordneren zuge-
132 Die Logik Zweirer Teil. Kapitel X 133

sprochen wird, von denen man durdr irgendein ausnehmendes Partikel 3. Die komparativen Sätze
zu verstehen gibt, daß das Behauptete ihnen nicht zukommt, was
offenbar zwei Urteile einschließt und so diese Sätze der Bedeutung Die Sätze, in denen man vergleicht, enthaken zwei Urteile, denn
nach zu zusammengesetzten macht. \7ie wenn ich sage: esist zweierlei, zu sagen, daß ein Ding so beschaffen ist, und zu sagen,
,,Alle Sekten der alten Philosophen, ausgenommen die der Platoniker, daß es mehr oder weniger als ein anderes Ding diese Beschaffen-
haben gar nicht erkannt, daß Gott ohne Körper ist." heit besitzt: und so sind derartige Sätze dem Sinn nach zusammen-
Das heißt zweierlei: 1. die alten Philosophen haben Gott für kör- g,esetzt.
perlich gehalten, 2. die Platoniker haben das Gegenteil angenommen.
Amicum perdcre est damnorum maximum.
Avarus nisi cum moritur, nihil recte facit.
,,Der größte aller Verluste ist es, einen Freund zu verlieren."
,,Der Geizige tut nichts Gutes, es sei denn zu sterben."
Ridiculum acri
Et miser ncmo, nisi comparatus. Fortius ac melius magnas plerumque secat res.

,,Niemand glaubt sidr elend, wenn er sich nicht mit Glüd<li&eren ver- ,,Man macht selbst in den widrtigsten Geschäften oft mehr Eindruck
gleidrt." durch eine angenehme Spötterei als durch die besten Gründe."
Nemo laeditur nisi a se ipso. Meliora sunt vulnera amici quam fraudulenta oscula inimici.
,,\Vir werden von keinem Übel betroffen, es sei denn von dem, was ,,Die Schläge eines Freundes sind mehr werr als die täuschenden Küsse
wir uns selbst zufügen." eines Feindes."
,,Mit Ausnahme des §ü'eisen", sagten die Stoiker, ,,sind alle Menschen Das Kontradiktorische zu diesen Sätzen wird auf mehrfache \feise
wirklich verrüd(t." gebildet. Dem Grunds^tz .von Epikur ,,Der Schmerz ist das größte
Das Kontradiktorische zu diesen Sätzen wird auf die gleiche §(eise aller Übel" wurde auf die eine \7eise von den Stoikern widersprochen
wie zu den exklusiven gebildet. und auf eine andere von den Peripatetikern. Denn die Peripatetiker
1. Indem man behauptet, daß der \fleise der Stoiker genauso verrücht gestanden zu, daß der Schmerz ein übel ist. Sie behaupteten aber, daß
wie die anderen Menschen ist. das Laster und die anderen Verirrungen des Geistes wohl größere übel
2. Indem man behauptet, daß es auch andere außer diesem §(i'eisen seien, während die Stoiker selbst nicht anerkennen wollten, daß der
gibt, die nicht verrüc-kt sind. Schmerz ein übel sei, weit davon zuzugestehen, daß er das größte der
3. Indem man vorgibt, daß dieser \üeise der Stoiker verrüd<t ist und übel ist.
die anderen Menschen nicht. Man kann hier jedoch eine Frage behandeln, nämlich die, ob es
Es ist anzumerken, daß die exklusiven und die exzeptiven Sätze fast immer notwendig ist, daß in diesen Sätzen der Positiv des Kompara-
nur das gleiche bedeuten, aber ein wenig versdrieden ausgedrückt. Da- tivs beiden Gliedern des Vergleichs zukommt, ob also zum Beispiel
her ist es immer sehr leicht, sie wechselseitig gegeneinander auszutau- angenommen werden muß, daß zwei Dinge gut sind, damit man sagen
sdren. So sehen wir, daß folgender exzeptive Satz des Terenz kann, daß das eine besser als das andere ist.
Imperitus nisi quod ipse facit, nil rectum putat Es scheint zunächst, daß es so sein muß; der Gebrauch aber ist ent-
gegengesetzt, denn wir sehen, daß sich die Schrift des '§?'ortes ,,besser"
durch Cornelius Gallus in diesen exklusiven Satz verwandelt wurde nicht nur bedient, um zwei Gute miteinander zu vergleichen: Melior
est sapientia quam vires, et vir prudens quam fortis. ,,Die \(eisheit
Hoc tantum rectum quod facit ipse putat.
ist besser als die Stärke und der kluge Mann besser als der tapfere";
sondern audr, um ein Gutes mit einem übel zu vergleichen: Melior
est patiens quam arrogante, ,,Ein geduldiger Mensch ist besser als ein
hochmütiger"; und selbst, um zwei übel miteinander zu vergleichen:
134 t)ic Logik Zwejrsr Teil. Kapitel X t15

Melius est habitare cum draElonc quam cum muliere litigiosa. ,,Es ist Dii n-reliora piis, erroremque hostibus illum;
besser mit einen-r Drachen zu lebcn als mit einer streitsüc-htigen Frau." Discissos nudis laniabant dentibus artus.
Und im Evangelium: ,,Es ist besser, Du wirst mit einem Stein um den Quomodo ergo meliora piis, sagt dieser Vater, quasi bona essent
Hals in das Meer geworfen, als Du gibst dem Geringsten der Gläubigen istis, ac non potius magna mala qui discissos nudi, laniabanr denti-
ein Ärgernis." bus artus.
Der Grund dieser Verwendung ist der, daß ein größeres Gutes besser
ist als ein kleineres, denn es hat mehr Güte als das geringere Gute.
Nun kann man aus dem gleichen Grund sagen, obgleich weniger 4. Die inzeptiven oder desitiven Sätze
streng, daß ein Gutes besser ist als ein übel, weil es mehr Güte hat
als das, was keine hat. Und man kann auch sagen, daß ein geringeres 'Wenn man
sagt, daß eine Sache angefangen oder aufgehört hat, diese
Übel besser ist als ein größeres Übel, denn die Verminderung des oder ;'ene zu sein, bildet man zwei Urteile, das eine über das, was das
übels vertritt, im Bereich des übels, das Gute, und daß das, was Ding vor der Zeit war, von der man spricht, das andere über das, was
weniger übel ist, mehr von dieser Art Güte hat, im Vergleich zu dem es seither ist. Und so sind diese Sätze, von denen die einen inzeptive
größeren übel. und die anderen desitive genannt werden, der Bedeutung nach zusam-
Man muß also vermeiden, sich ztr Unzeit durch die Hitze des mengesetzt. Sie sind so ähnlich, daß es eher angebracht ist, aus ihnen
Streites über diese Sprechweisen stören zu lassen, wie es ein donatisti- nur eine A.rt zu machen und sie zusammen zu behandeln.
scher Grammatiker namens Cresconius tat, als er gegen den heiligen ,,Die Juden haben seit ihrer Rückkehr aus der babylonischen Gefangen-
Augustinus schrieb. Denn dieser Heilige hatte gesagt, daß die Katho- schaft begonnen, sich nicht mehr ihrer alten Schriftzeichen, die man
liken mit mehr Redrt den Donatisten vorwarfen, die heiligen Bücher jetzt samaritische nennt, zu bedienen."
verlassen zu haben, als die Donatisten es hatten, das gleiche den Ka- 1. ,,Die lateinische Spradre hat seit fünfhundert Jahren aufgehört, in
tholiken vorzuwerfen. Traditionem nos vobis probabilius objicimus: Italien allgemein verbreitet zu sein."
'W'orten zu
Cresconius glaubte, das Recht zu haben, aus diesen schlie- 2. ,,Die Juden haben erst im fünften Jahrhundert nach Jesus Christus
ßen, daß der heilige Augustinus durch sie zugab, die Donatisten wür- begonnen, sich der Punkte zur Bezeichnung der Vokale zu bedie-
den es mit Recht den Katholiken vorwerfen. Si enim vos probabilius, nen."
sagte er, nos ergo probabiliter: Nam gradus isto quod ante positum est Das Kontradiktorisdre zu diesen Sätzen bildet man mit Hilfe der
auget, non quod ante dictum est improbat. Aber der heilige Augustinus zweifachen Beziehung zu den zwei verschiedenen Zeiten. So gibt es
wies erstens diese eitle Subtilität durch Beispiele aus der Schrift zurück welche. die diesem letzten Satz widersprechen, indem sie behaupten,
und unter anderem durch folgenden Abschnitt des Briefes an die obgleich es falsch ist, daß die Juden immer die Punkte gebraucht haben,
Hebräer, in dem der heilige Paulus, nachdem er gesagt hatte, daß die zumindest in den Büchern, und daß diese im Tempel aufbewahrt ge-
Erde, die nur Dornen trägt, verflucht sei und nur das Feuer erwarten wesen seien; und andere widersprechen ihm, indem sie im Gegenteil
dürfe, hinzufügt: behaupten, daß die Verwendung der Punkte neueren Datums als das
Confidimus autem de vobis fratres charissimi meliora: Non quia, fünfte Jahrhundert ist.
sagt dieser Vater, bona illa erant quae supra dixerat, proferre spinas
et tribulos, et ustionem mereri, sed magis quia mala erant, ut illis
devitatis meliora eligerent et optarent, hoc est mala tantis bonis con- Allgemeine überlegungen
traria. Er zeigt ihm anschließend an Fland der berühmtesten Autoren
seiner \flissenschaft, wie falsch seine Folgerung sei, denn man hätte auf Obgleich wir gezeigt haben, daß den exklusiven, exzeptiven usw.
die gleiche §(Ieise dem Vergil vorwerfen können, er habe die Heftigkeit Sätzen auf mehrfache Veise widersprochen werden kann, ist es gleich-
einer Krankheit, die die Menschen dazu bringt, sic:h mit ihren eigenen wohl wahr, daß die Negation sich natürlicherweise entweder auf die
Zähnet zu zerreißen, für etwas Gutes gehalten, weil er den guten ausschließliche Zuordnung oder auf die Ausnahme, oder auf den Ver-
Mensdren ein besseres Schicksal wünscht. gleich oder auf die Veränderung, bezeichnet durch die \üorte des
136 Die Logik Zwerrer Teil. Kapitel XI 137

Beginnens und des Aufhörens, bezieht, wenn man die Sätze einfadt Sehr oft indessen täuscht das alles; es ist Urteilsfähigkeit erforder-
verneint, ohne scine Meinung weiter zu präzisieren. §flenn deshalb lich, um diese Dinge in manchen Sätzen zu unterscheiden. Beginnen wir
jemand glaubte, daß Epikur das höchste Gut nicht in dem Genuß des mit dem Subjekt und dem Attribut.
Körpers gesehen habe und man zu ihm sagt, ,,daß einzig Epikur das Die einzige und wahre Regel ist, auf Grund des Sinnes herauszu-
höchste Gut darin gesehen hat", so würde er, wenn er diesen Satz 6nden, wem etwas zugesprochen und was zugesprochen wird. Denn
einfach verneint, ohne etwas anderes hinzuzufügen, seinem Gedanken das erste ist immer das Subjekt und das letztere das Attribut, in welcher
nicht genügen, denn man würde auf Grund dieser einfachen Negation Reihenfolge sie sich auch befinden mögen. So ist im Lateinischen nichts
mit Recht glauben, daß er damit einverstanden bleibt, daß Epikur verbreiteter als diese Satzarten: Turpe est obsequi libidini; es ist
in der Tat das höchste Gut in dem Genuß des Körpers gesehen habe, schändlich, Sklave seiner Leidenschaften zu sein. Hier ist es aus der
daß er aber glaubte, Epikur stünde mit dieser Ansicht nicht allein. Bedeutung ersidrtlich, daß turpe, schändlich, das ist, was zugesprochen
Desgleichen, wenn jemand, die Rechtschaffenheit eines Richters ken- wird und folglich das Attribut, und obsequi libidini, Sklave seiner
nend, fragen würde, ,,ob er nicht mehr die Gered-rtigkeit verkauft", Leidenschaften sein, das, im Hinblid< auf welches etwas zugesprodren
könnte ich nicht einfach mit ,,nein" antworten, denn das Nein würde wird, das heißt von dem man versichert, daß es sc}ändlich ist, und
bedeuten, daß er sie nicht mehr verkauft; es ließe aber gleichzeitig folglich das Subjekt. Desgleichen beim heiligen Paulus: Est quaestus
die Annahme, ich würde anerkennen, daß er sie früher verkauft habe, magnus pietas cum sufficientia. Die richtige Reihenfolge wäre: Pietas
zlJ. cum sufficientia est quaestus magnus. '§ü'ieder das gleiche in den
Und dies zeigt, daß es Sätze gibt, auf die es ungerecht wäre, eine Versen:
einfacheAntwort mit ,,ja" oder ,,nein" zu verlangen, denn da sie zwei
Felix qui potuit rerum cognoscere causas:
Bedeutungen implizieren, vermag man nidrt ridrtig zu antworten, Atque metus omnes, et inexorabile fatum
ohne ebenso auf die eine wie auf die andere einzugehen. Subjccit pedibus strepitumque Adrerontis avari.

Felix ist das Attribut und der Rest das Subjekt.


Kapitel XI Es ist oft noch schwieriger, das Subjekt und das Attribut in den
komplexen Sätzen zu erkennen. §fir haben bereits gesehen, daß man
Bemerkungen zum Zweche d.er Erleenntnis, zaelcbes das Subjeht und manchmal nur aus dem Fortgang der Rede und der Intention des
ut':,',';;:ff
w etcb e s d a s At t r ib e r e Ar t und ve is e Autors entsdreiden kann, welcher bei diesen Arten von Sätzen der
,;lt',"rzl'J,i !, licb Hauptsatz und welcher der eingesdrobene Satz ist.
Aber außer dem, was wir sdron gesagt haben, kann man noch an-
Es ist ohne Zwerf el ein Fehler der üblichen Bücher über Logik, daß merken, daß in komplexen Sätzen, in denen der erste Teil nur der
die Lernenden daran gewöhnt werden, die Natur der Sätze und eingeschobene Satz und der zweite der Hauptsatz ist, wie in dem
Schlüsse nur an Hand der Reihenfolge und Anordnung, in der sie Obersatz und der Konklusion dieses Schlusses:
in den Schulen gebildet werden, zu lernen, welche oft sehr verschie-
Gott befiehlt, die Könige zu ehrenl
den ist von der, die man im Alltag und in den Büchern, sei es der Ludwig XIV. ist König:
Redekunst, sei es der Moral, sei es der anderen \(issenschaften, ver- Also befiehlt Gott, Ludwig XIV. zu ehren
wendet.
So hat man von einem Subjekt und von einem Attribut fast keine oft das Verb vom Aktiv in den Passiv gebradrt werden muß, um das
andere Vorstellung als die, daß das eine der erste Teil und das andere wahre Subjekt dieses Hauptsatzes zu finden, wie eben in diesem Bei-
der letzte Teil eines Satzes ist; und von der Allgemeinheit und der spiel. Denn man kann ersehen, daß bei dieser Schlußfolgerung meine
Besonderheit keine andere als die, daß in der einen omnis oder nullus Hauptabsidrt in dem Obersatz darin besteht, den Königen etwas
(alles oder nichts) und in der anderen aliquis (jemand bzw. einige) zuzuspredren, woraus idr folgern könnte, daß man Ludwig XIV. ehren
steht. muß. Und so ist das, was ich von dem Befehl Gottes sage, eigentlich
138 Die Logik Zwerter Teil. Kapitel XII 139

nur ein eingeschobener Satz, der diese Behauptung bestätigt: die Könige zeichnet und welche das allen Gemeinsame festhält. Und sie sprechen
müssen geeht werden; Reges sunr honorandi. Daraus folgr, daß ,,die davon, als ob es dasselbe Ding wäre.
Könige" das Subjekt des Obersatzes ist und ,,Ludwig XIV." das Daher sehen wir die uns umgebende Luft als die stets gleiche an,
Subjekt der Konklusion, obgleich das eine ebenso wie das andere obgleich wir in jedem Augenblick die Luft wechseln; und wir sagen,
lediglich Teile des Attributes zu sein scheinen, wenn man die Dinge daß die kalte warme geworden ist, als wäre sie dieselbe. Oft ist jedoch
oberfl ächlich betrachtet. die Luft, die wir jetzt als warme fühlen, nicht mehr diejenige, die
Sehr geläufige Sätze in unserer Sprache sind auch folgende: es ist wir kalt fanden.
ein vollkornmener lJnsinn, Schmeichler ernst zu nehnen; es ist Hagel, Dieses 'Wasser sagen wir auch, von einem Fluß sprechend, war vor
was fällt; ein Gott ist es, der uns erlöst hat. Nun muß auch hier der zwei Tagen trüb und jetzt ist es klar wie Kristall: indessen ist es bei-
Sinn uns nahelegen, daß sie folgendermaßen ausgedrückr werden leibe nicht dasselbe §Tasser! In idem flumen bis non descendimus, sagt
müßten, um sie in die normale Reihenfolge zu bringen, das Subjekt Seneca. manet idem fluminis llomen. aqua transmissa est.
vor das Attribut setzend: Das Ernstnehmen von Schmeichlern ist ein rÜir betrachten den Körper der Tiere und wir sprechen von ihm als
vollkomrnener Unsinn; das, was fällt, ist Hagel; der, der uns erlöst immer dem gleichen, obwohl wir nicht sicher sind, daß am Ende
hat, ist Gott. Es ist fast allgemein bei allen Sätzen, die mit einem einiger Jahre irgendein Teil des ersten Stoffes noch vorhanden ist,
,,es ist" anfangen und bei denen man anschließend ein ,,welcher" oder der ihn ausmachte; und wir sprechen nicht nur von ihm als von einem
,,weiches" vorfindet, daß sie ihr Attribut am Beginn und ihr Subjekt gleichen Körper, ohne diesen Sachverhalt eigens zu bedenken, sondern
am Ende haben. Man kann es jetzt bei dieser §(arnung bewenden las- wir tun es auch, wenn wir ausdrüd<lich eine überlegung darüber an-
sen; und alle gegebenen Beispiele dienen nur dazu, daß man sich nach stellen. Denn die Alltagssprache erlaubt es zu sagen: der Körper dieses
dem Sinn und nicht nach der \(ortfolge zu richten hat. Das ist ein wich- Tieres war vor zehn Jahren aus bestimmten Stoffen zusammengesetzt,
tiger Hinweis, damit man nicht irrtümlicherweise Schlüsse für fehler- während er letzt aus ganz anderen Teilen gebilder isr. In diesem Satz
haft hält, die in der Tat sehr gut sind; denn man glaubt, sie seien den sdreint ein'§(iderspruch zu stecken; denn wenn die Teile gaiz yer-
Regeln zuwider, wenn das Herausfinden des Subjekts und des Attri- schieden sind, ist es also nicht mehr derselbe Körper. Das ist wahr.
buts der Sätze ausbleibt, während sie mit ihnen ganz übereinstimmen. Aber wir sprechen von ihm rrorzdem wie von demselben Körper. Und
was diesen Sätzen doch \üahrheit verleiht, ist der Umstand, daß in
dieser jeweils verschiedenen Anwendung ein und derselbe Ausdruck
Kapitel XII auf verschiedene Subjekte bezogen wird. Augustus sagre von Rom,
daß er es aus Ziegelsteinen gebaut vorgefunder-r und aus Marmor
ü b er di e,(.) er,e orrenen S ub j elet e, gebaut zurückgelassen habe. Desgleichen sagr man von einer Stadt,
die gleicbutertig mit zwei Subjeleten sind, von einem Haus, von einer Kirdre, daß sie zu einer gewissen Zeit
zerstört und zu einer anderen wieder aufgebaut wurde. tWelches ist
Um die Natur des in den Sätzen ,,Subjekt" Genannten besser zu also dieses ,,Rom", das bald aus Ziegeln und bald aus Marmor ist?
verstehen, ist es wichtig, hier eine Anmerkung anzubringen, die in Velche sind die Städte, diese Häuser, diese Kirchen, die zu einer Zeir
bedeutenderen §?erken bereits gemadrr wurde, aber hier als zur Logik zerstört und zu einer anderen wieder aufgebaut wurden? \tr(ar dieses
gehörend ihren Platz finden kann. ,,Rom", das aus Ziegeln war, das gleiche wie das ,,Rom" aus Marmor?
'§ü'enn zwei oder mehrere Dinge, die irgendwie einander ähnlidr Nein; aber der Geist unterläßt es nicht, sich eine gewisse verworrene
sind, an demselben Ort aufeinander folgen, und zwar vor allem, wenn Idee von ,,Rom" zu bilden, der er diese beiden Eigenschaften z-u-
es zwisdren ihnen keinen sinnlich wahrnehmbaren Untersdried gibt, schreibt, zu einer Zei aus Ziegeln und zu einer anderen aus Marmor
unterscheiden die Menschen sie in ihrer gewöhnlidren Redeweise nicht zu sein; und wenn er anschließend Sätze über diese Idee bildet und
(obgleich sie sie zu unterscheiden vermögen, wenn sie streng meta- zum Beispiel sagt, daß ,,Rom", das aus Ziegeln vor Augustus gewesen,
physisdr vorgehen), sondern versammeln sie unter einer gemeinsamen als er starb aus Marmor war, so bezeichnet ,,Rom", das nur als ein
Idee, welche die zwisdren ihnen bestehende Verschiedenheit nicht kenn- Subjekt erscheint, doch zwei wirklich verschiedene, die aber unter
140 Die Logik Zwerter Tei1. Kapitel XIII 141.

einer verworrenen Idee ,,Rom" versammek sind, was audr den Geist gleichen wenn er sagt, daß ,,es sein Leib sei", stellen sie sich vor, ,,dieses
die Verschiedenheit dieser Subjekte nidrt bemerken läßt. da war sein Leib in diesem Augenblick (jetzt)". So veranlaßte der
Von hier aus hat man in dem Buch, dem diese Anmerkung entliehen Ausdruc-k ,,dies ist mein Leib" bei ihnen diesen vollständigen Satz:
wurde, die grundlose Schwierigkeit behoben, die es den Priestern der ,,Dieses da, welches Brot in diesem Augenblid< ist, ist mein Leib in
reformierten Kirche in dem Satz ,,dieses da ist mein Leib" zu finden jenem anderen Augenblick"; und da diese Formulierung klar ist, ist
beliebt, und die niemand dorr finden würde, wenn er dem Licht des es auch die Abkürzung des Satzes, die im Hinblid< auf die Idee
gesunden Mensdrenverstandes folgte. Denn so wie man niemals sagen keinerlei Minderung mit sich bringt.
würde, daß es ein sehr verwirrter und sdrwierig zu verstehender Satz Und was die von den Calvinisten yorgetragene Sdrwierigkeit be-
ist, von einer Kirdre zu sagen, daß sie verbrannt und wieder aufgebaut trifft, daß ein gleidres Ding nicht Brot und Leib von Jesus Christus
wurde: diese Kirche wurde vor zehn Jahren verbrannt und seit einem sein kann, so ist es klar, daß da die Schwierigkeit gleichermaßen den
Jahr ist sie wieder aufgebaut worden. so würde man vernünftiger- ausgebreiteten Satz ,,Dasjenige, welches Brot in diesem Moment ist,
weise nicht sagen, daß es irgendeine Schwierigkeit bereitet, diesen Satz ist mein Leib in jenem anderen Augenblidr" wie den abgekürzten
zu verstehen: dieses da, was in diesem Augenblick Brot ist, ist in jenem Satz ,,Dieses da ist mein Leib" betrifft, daß sie nur eine leichtfertige
anderen Augenblidr mein Leib. Es ist wahr, daß es nicht das gleiche Krittelei sein kann, ähnlich der, die man gegen folgende Sätze machen
,,dieses da" in diesen verschiedenen Augenblicken ist, wie die ver- könnte: Diese Kirche wurde zu jener Zeit verbrannt und ist zu dieser
brannte und wiederaufgebaute Kirche nicht wirklich dieselbe Kirche wieder aufgebaut worden. Und es ist einleuchtend, daß diese Sätze
sind. Aber indem der Geist das Brot und den Leib Christi unter der sich alle auflösen müssen durch diese \7eise, mehrere verschiedene Sub-
gemeinsamen Idee eines gegenwärtigen Gegenstandes, den er durch jekte unter einer gleichen Idee sich vorzustellen, eine Denkweise, die
,,dieses da" ausdrückt, sidr vorstellt, schreibt er diesem wirklich doppel- denselben Ausdrud< sich bald auf ein Subjekt, bald auf ein anderes
ten Gegenstand, dessen Einzigkeit nur auf der Einheit der Verworren- beziehen läßt, ohne daß der Geist des übergangs von dem einen
heit beruht, in einem bestimmten Augenblidr Brot und in einem Subjekt zu dem anderen sich bewußt wird.
anderen der Leib von Jesus Christus zu sein, zu; desgleichen gibt er, Übrigens geben wir hier nicht vor, diese wichtige Frage entsdreiden
nachdem er von dieser verbrannten und wiederaufgebauten Kirche zu wollen, auf welche '§(ieise diese 'W'orte ,,dieses da ist mein Leib"
eine gemeinsame Idee gebildet hat, dieser verworrenen Idee zwei zu verstehen sind, ob nämlich bildlich oder wörtlich. Denn der Beweis,
Attribute, die nur demselben Subjekt zukommen können. daß ein Satz in einem gewissen Sinne verstanden v/erden kann, genügt
Daraus ergibt sich, daß es in diesem Satz ,,Dieses da ist mein Leib", nicht: man muß außerdem beweisen, daß er in diesem Sinne verstan-
im Sinne der Katholiken gemeint, gar keine Schwierigkeit gibt, weil den werden muß. Aber da es Priester gibt, die auf Grund von Prin-
er nur die Abkürzung dieses anderen, vollkommen klaren Satzes zipien einer höchst falschen Logik hartnäckig behaupten, daß die
,,Dieses da, welches in diesem Augenblick hier Brot ist, ist mein Leib '§?'orte von
Jesus Christus im katholischen Sinn nicht verstanden wer-
in jenem anderen Augenblick" ist, und weil der Geist alles ergänzt, den können, war es nicht nutzlos, hier abgekürzt gezeigt zu haben,
was nicht ausgedrückt ist. Denn wenn, wie wir am Ende des ersten daß die katholische Bedeutung nur Klares, Vernünftiges und Über-
Buches bemerkt haben, man sich des Demonstrativpronomens ,,hoc" einstimmendes mit dem allgemeinen Sprachgebrauch aller Menschen
bedient, um etwas den Sinnen Vorgelegtes zu bezeichnen, fügt der enrhäh.
Geist, da die durch das Pronomen eigens gebildete Idee verworren
bleibt, dieser Idee klare und bestimmte Ideen, die von den Sinnen Kapitel XIII
kommen, in Form eines eingeschobenen Satzes bei. So fügte der Geist
der Apostel, als Jesus das '§üort ,,dieses da" aussprach, ,,weldres Brot Weitere Bemerkwngen zurn Zwecbe der Erkenntnis, ob die Sätze all-
ist" hinzu; und da der Geist der Apostel sidr bewußt war, daß es in gemeine oder besondere sind
diesem AugenblicJr Brot war, volizog er, darüber hinaus, diese Hin-
zufügung der Zeit. Und so erzeugte das '§(ort ,,dieses da" folgende Man kann einige ähnliche und nicht weniger wichtige Bemerkungen
Idee: ,,dieses da, welches Brot in diesem Augenblick (jetzt) ist". Des- über die Allgemeinheit und die Besonderheit anstellen.
742 Die Logik Zwerter Teil. Kapitel XIII 143

1. Bemerkung: 2. Bemerkung:
Man muß zwei Arten der Allgemeinheit unterscheiden: die eine, Es gibt Sätze, die als metaphysisch allgemeine gelten müssen, ob-
die man metaphysische, und die andere, die man moralische nennen gleich sie Ausnahmen zulassen, wenn im gewöhnlichen Gebrauch
kann. diese außerordentlichen Ausnahmen nicht als solche gelten, die in
Ich nenne die Allgemeinheit eine metaphysische, wenn sie durch- den allgemeinen Ausdrücken enthalten sind; wie wenn ich sage
gängig und ohne Ausnahme ist, wie ,,jeder Mensch ist ein Lebe- ,,alle Menschen haben nur zwei Arme", so muß dieser Satz im
wesen"; das läßt keine Ausnahme zu. gewöhnlidren Gebrauch als ein wahrer gelten. Und diesem entgegen-
Und ich nenne die Allgemeinheit eine moralische, die irgendeine zuhalten, daß es Menschen gegeben hat, die, obgleich sie vier Arme
Ausnahme zuläßt, denn bei moralischen Dingen gibt man sich damit hatten, dennoch Menschen gewesen sind, wäre spitzfindig, denn man
zufrieden, daß die Dinge gewöhnlich so sind, ut plurimum, wie entnimmt deutlich genug, daß man in diesen allgemeinen Sätzen
wenn der heilige Paulus berichtet und bestätigt: nicht von Monstern spricht, sondern nur sagen will, daß, nach der
Ordnung der Natur, die Menschen lediglich zwei Arme haben. Man
Cretenses semper mendaccs, malae bestiae, ventres pigri.
kann in gleicher '§üeise sagen, daß alle Menschen sich der Laute
Oder wenn der gleiche Apostel sagt: bedienen, um ihre Gedanken auszudrüd<en, aber nicht alle Men-
schen die Schrift gebrauchen: und es wäre kein vernünftiger Ein-
Omnia quae sua sunt quaerunr, non quae Jesu Christi.
wand, dem die Stummen entgegenzuhalten, um etwas Falsches in
Oder wenn Horaz sagt: diesem Sarz ztt finden, denn man sieht zur Genüge, ohne daß es
zum Ausdrudr kommt, daß der Satz nur auf die bezogen werden
Omnibus hoc vitium est cantoribus, inter amicos ur nunquam
inducant animum canrare rogati, injussi nunquam desistant. soll, die kein natürliches Hindernis haben sich der Laute zu be-
dienen, entweder, weil sie sie nicht lernen können, wie die Taub-
Oder wie man gewöhnlich sagt: geborenen, oder weil sie sie nicht bilden l<önnen, wie die Stummen.
daß alle Frauen zu sprechen lieben; 3. Bemerkung:
daß alle jungen Leute unbeständig sind; Es gibt Sätze, die allgemein sind, weil sie als auf die generibus
daß alle Greise die vergangenen Zeiten loben. singulorum und nicht als auf die singulis generum bezogene ver-
Bei allen diesen Sätzen genügt es, daß es gewöhnlich so ist, und standen werden müssen, wie die Philosophen sagen. Das heißt, sie
mit Strenge darf man nichts aus ihnen schließen. werden nur als auf alle Arten einer Gattung und nicht als auf alle
Denn da diese Sätze nicht so allgemein sind, daß sie keine Ausnahme einzelnen Exemplare dieser Arten bezogene verstanden. Auf diese
zuließen, könnte es geschehen, daß die Konklusion falsch ist. \Wie \feise sagt man, daß alle Tiere in der Arche Noah gerettet §/orden
man nidrt von jedem Kreter, einzeln genommen, würde schließen sind, weil einige von allen ihren Arten gerettet wurden. Jesus Chri-
können, daß er ein Lügner und ein böses Tier sei, obwohl der Apostel stus sagt auch von den Pharisäern, daß sie den zehnten Teil allen
folgenden Vers von einem ihrer Didrter im allgemeinen bestätigt: Gemüses, das es auf der'§flelt gibt, zahlten: decimatis omne olus;
,,Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere, große Fresser"; denn 'was nicht bedeutet, daß sie den zehnten Teil allen Gemüses auf
einige aus dieser Insel könnten die Laster, die den anderen gewöhn- dieser §7elt zahlten, sondern daß es keine Art von Gemüse gab,
lich zukamen, nicht gehabt haben. So besteht die Mäßigung, auf von der sie nidrt ein Zehntel zahlten. So sagt der heilige Paulus:
die man bei diesen nur moralisch allgemeinen Sätzen achten muß, Sicut et ego: omnibus per omnia placeo; das heißt, daß er sich allen
einmal darin, besondere Folgerung aus ihnen nur nach gründlicher Arten von Menschen anpaßte Heiden, Christen ob-
Uberlegung zu ziehen, und zum anderen darin, weder ihnen zu
- Juden, -,
gleich er seinen Verfolgern, die so zahlreich gewesen sind, nicht
widersprechen noch sie als falsch zurückzuweisen, obgleich man genehm war. So sagt man von einem Menschen, daß er durch alle
Fälle anführen könnte, auf die sie nicht zutreffen, sondern sich da- Ämter gegangen ist, das heißt durch alle Arten von Ämtern.
mit zu begnügen, zr zeigen, daß man sie nicht so wörtlich nehmen 4. Bemerkung:
darf, falls man sie überspannt hatte. Es gibt Sätze, die nur deswegen allgemein sind, weil das Subjekt

.t r,l
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744 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel XIII 145

als ein durch einen Teil des Attributs eingeschränktes versranden Artikels ,,un" (nach der neuen Anmerkung der Allgemeinen Gram-
werden mull; ich sage durch einen Teil, denn es wäre lächerlich, matik) sind, werden die Nomina, denen diese Partikel vorangestellt
wenn es durch das ganze Attribut eingeschränkt wäre. Denn das sind in der Besonderung verstanden, während sie üblicherweise mit
wäre so, als ob jemand behaupten würde, daß der Satz ,,Alle dem Artikel ,,les" in ihrer Allgemeinheit verstanden werden. Aus
Menschen sind gerecht" wahr ist, weil er seiner Meinung nach be- diesem Grunde gibt es wohl einen Unterschied zwischen folgenden
sagt: alle gerechten Menschen sind gerecht, was aber sehr fehlgehen beiden Sätzen:,,Die Ärzte (les medecins) glauben jetzt, daß es gut
würde. \flenn aber das Attribut komplex ist und zwei Teile hat, wie ist, während der Hirze des Fiebers zu trinken" und ,,Ärzte (des
in dem Satz ,,Alle Menschen sind gerecht durch die Gnade von Jesus medecins) glauben 1etzt, daß das Blut nicht in der Leber gebildet
Christus", kann man mit Recht behaupten, daß der Begriff ,,gereclt., wird". Denn ,,die Ä.rzte" im ersten Satz bezeichnet die Gesamtheit
in dem Subjekt mitverstanden wird, obgleich er darin nicht zum der heutigen Arzte; und ,,Ärzte" im zweiten bezeichnet nur irgend-
Ausdrud< kommt; denn es ist klar genug, daß man nur sagen will: welcle besonderen Arzte.
alle Menschen, die gerecht sind, sind es lediglich durdr die Gnade Aber oft stellt man vor ,,des" oder,,de" oder ,,un" in der Einzahl:
von Jesus Christus. Und so ist dieser Satz in seiner ganzen Strenge ,,il y a" (es gibt), z. B. ,,il y a des medecins" (es gibt Arzte), und
wahr, obgleich er falsch erscheint, wenn man nur das im Subjekt zwar a:uf zweifache V/eise.
Ausgedrückte in Betracht zieht, denn es gibt audr Menschen, die Erstens: man stellt nach,,des" oder,,un" nur ein Substantiv als
schlecht und Sünder sind, und die, folglich, keineswegs durch die Subjekt des Satzes und ein Adjektiv als sein Attribut, sei es als
Gnade von Jesus Christus zu Gerechten erhoben worden sind. Es letztes oder als erstes, wie: ,,Il y a des douleurs salutaires" (es gibt
gibt eine sehr große Zahl von Sätzen in der Heiligen Schrift, die heilsame Schmerzen); ,,tl y a des plaisirs funestes" (es gibt unheil-
in diesem Sinne verstanden werden müssen, unter anderem das, was volle Freuden); ,,il y a de faux amis" (es gibt falsche Freunde);
der heilige Paulus sagt: ,,lVie alle Menschen wegen Adam sterben, ,,rl y a une humilitd gdnereuse" (es gibt eine großmütige Demut);
so werden alle durch Jesus Christus das Leben wieder erlangen"; ,,il y a des vices couverts de I'apparence de la vertu" (es gibt durch
denn es ist sicher, daß eine Unzahl von Heiden, die in ihrem Un- den Anschein der Tugend verdeckte Laster); so drückt man in der
glauben gestorben sind, durch Jesus Christus nicht wieder zum französisdren Sprache das aus, was im schulmäßigen Stil durdr
Leben erweckt wurden und daß sie keinen Anteil am Leben des quelque ausgedrückt wird: Quelques douleurs sont salutaires (einige
Ruhmes haben werden, von dem der heilige Paulus an dieser Schmerzen sind heilsam), quelque humilit6 est gdnereuse (irgendeine
Stelle spricht. Und so ist der Sinn der Apostelstelle der, daß, so Art Demut ist großmütig) und so fort bei den anderen.
wie alle, die sterben, wegen Adam sterben, auch alle, die wieder Zweitens: man verbindet durch ein Relativpronomen das Adiektiv
zum Leben erwed<t werden, von Jesus Christus wiedererweckt mit dem Substantiv: Il y a des craintes qui sont raisonnables (es
werden. gibt Angste, die vernünftig sind). Dieses ,,die" (qui) verhindert
Es gibt auch viele Sätze, die nur auf diese Veise moralisch allge- aber nicht, daß diese Sätze dem Sinne nach einfache sind, obwohl
mein sind, wie wenn ich sage: ,,Die Franzosen sind gute Soldaten; sie der Formulierung nach komplexe sind; denn es ist so, wie wenn
die Holländer sind gute Matrosen; die Flamen sind gute Maler; man einfach sagen würde: Einige Ängste sind vernünftig. Diese
die Italiener sind gute Schauspieler." Das besagt, daß die Franzosen, Ausdrucksweise ist noch verbreiteter als die vorher erwähnte: Il
die Soldaten sind, im allgemeinen gute Soldaten sind, und des- y a des hommes qui n'aiment qu'eux-mämes (es gibt Mensdrer.r, die
gleidren bei den anderen. nur sich selbst lieben); il y a des Chretiens, qui sont indignes de ce
5. Bemerkung: nom (es gibt Christen, die dieses Namens unwürdig sind).
Man darf sich nicht einbilden, daß es nicht andere Zeichen d,er Im Lateinischen verwendet man manchmal eine ähnliche Rede-
Besonderheit gibt als diese \forte quidam, aliquis, irgendeiner, wendung. Bei Horaz:
einige und ähnliche. Denn es komnrt im Gegenteil selten genug vor,
daß man sich ihrer bedient (und besonders im Französisdren). Sunt quibus in satyra vidcor nimis acer,
§/enn die französischen Partikel ,,des" oder ,,de" der Plural des et ultra Legem tendere opus.
146 Die Logik Zweirer Te il. Kapitel XI ll 147

'§flas
dasselbe ist, als wenn er gesagt hätte: sich der Satz nur auf einen kontingenten Gegenstand beziehen, so
dar{ er nicht als ein besonderer angesehen werden, sondern als ein
Quidam existimant me nimis acrem esse in satyra;
Es gibt welche, die mich für zu scharf in der Satire halten. Des- allgemeiner, der falsch ist. Das ist auch die Art, in der natürlicher-
gieichen in der Heiligen Schrift: Est qui nequiter se humiliat; es weise alle Menschen die unbestimmten Sätze beurteilen: sie weisen
gibt manchen, der sich in übertriebener Veise demütigt. sie als falsch zurück, wenn sie nicht allgemein wahr sind, zumindest
Omnis, tout (.ieder) mit Negation bildet auch einen besonderen auf Grund einer moralisc*ren Allgemeinheit, mit der sich die Men-
Satz, mit dem Unterschied, daß im Lateinischen die Negation dem schen in den gewöhnlichen Erörterungen der Dinge dieser \üelt
omnis vorangeht und im Französischen sie dem tout folgt: Non begnügen.
omnis qui dicit mihi, Domine, Domine, intrabit in regnum caelorum; Denn wer würde es hinnehmen, wenn man sagte: die Bären sind
Tout ceux qui me disent, Seigneur, Seigneur, n'entreront point dans weiß, die Menschen schwarz, die Pariser Edelleute, die Polen Sozi-
le royaume des cieux (Nicht jeder, der mir sagt: Herr, Herr, wird nianer, die Engländer Quäker? Indessen müßten, nach der Fest-
in das Himmelreich eingehen). Oder: non omne peccatum est legung jener Philosophen, diese Sätze als ganz wahre gelten; denn
crimen; tout pedr! n'est pas un crime (Nicht jede Sünde ist ein Ver- da sie unbestimmte bei einem kontingenten Gegenstand sind, müßten
brechen). sie als besondere verstanden werden. Nun ist es wohl wahr, daß
Im Hebräischen steht allerdings non omnis oft für nullus, wie in es irgendwelche weiße Bären gibt, wie die von Novaja Semlja;
dem Psalm: Non justificabitur in conspectu tuo omnis vivens, nul einige Menschen, die schwarz sind, wie die Athiopier; einige Pariser,
homme vivant ne se justifiera devant Dieu (kein Lebender wird die Edelleute sind; einige Polen, die Sozinianer sind; einige Eng-
sich vor Gott rechtfertigen). Das kommt daher, daß dann die Nega- länder, die Quäker sind. Es ist also klar, daß die unbestimmten
tion nur das Verb betrifft und nicht omnis. Sätze dieser Art als allgemeine angesehen werden, und zwar bei
6. Bemerkung: welchem Gegenstand es auch immer sei, daß man sich aber bei
Das waren einige nützliche Bemerkungen über die Verwendung kontingenten Gegenständen mit einer moralisclen Allgemeinheit
allgemeiner Ausdrücke wie .jeder, keiner etc. \flenn aber von ihnen begnügt. Daher kommt es, daß man sehr wohl sagt: die Franzosen
keiner anzutreffen ist und auch keiner der Besonderheit, wie wenn sind tapfer, die Italiener sind argwöhnisch, die Deutschen sind groß,
ich sage: der Mensch ist vernünftig; der Mensch ist gerecht, entsteht die Orientalen sind genußsüchtig, obwohl das nicht von allen ein-
eine unter den Philosophen berühmte Frage, nämlich ob diese Sätze, zelnen wahr ist. Man begnügt sich nämlich damit, daß es von den
die sie unbestimmte nennen, als allgemeine oder als besondere zu meisten wahr ist.
gelten haben. Es ist freilich nur dann fraglich, wenn in der Rede Es gibt auch einen anderen Lösungsversuch zu dieser Frage, der
nichts darauf folgt oder wenn sie durch das Folgende auf keine vernünftiger ist: die unbestimmten Sätze über Gegenstände der
jener zwei Bedeutungen festgelegt werden. Denn es ist unzweifel- Lehre seien allgemeine (wenn man sagt: die Engel haben keinen
haft, daß man den Sinn eines Satzes, wenn er irgendeine Doppel- Körper) und über Tatsachen und in erzählenden Berichten seien
deutigkeit hat, mit Hilfe dessen finden muß, was ihn in der Rede sie nur besondere. W'enn es im Evangelium heißt: Milites plectentes
des ihn Aufstellenden begleitet. coronam de spinis, imposuerunt capiti ejus, so ist es wohl einleuch-
Nimmt man also den unbestimmten Satz für sich allein, so sagen tend, daß sich das nur auf einige Soldaten bezieht und nicht auf
die meisten Philosophen, daß er bei notwendigen Dingen als ein alle. Der Grund davon ist, daß in dem Bereich einzelner Hand-
ailgemeiner und bei kontingenten Dingen als ein besonderer zu lungen, vor allem wenn sie auf eine bestimmte Zeit festgeiegt sind,
gelten hat. diese gewöhnlich einem Allgemeinbegrifl nur auf Grund gewisser
Ich finde diesen Grundsatz von sehr geschickten Leuten gebilligt. einzelner zukommen, deren deutliche Idee im Geiste derjenigen ist,
Trotzdem ist er gatz falsch. Es muß im Gegenteil gesagt werden, die diese Sätze bilden. Auf diese lVeise sind diese Sätze genauge-
daß, wenn man irgendeine Eigenschaft einem Allgemeinbegriff nommen eher einzelne als besondere, gemäß dem, was über die der
zuspricht, der unbestirnmte Satz als ein allgemeiner zu gelten hat, Bedeutung nach komplexen Ausdrücke gesagt wurde (1. Teil.
auf welchen Gegenstand er sich auch immer bezieht. Und läßt 8. Kapitel und 2. 'I'eil, 6. Kapitel).
t48 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel XIV 149

7. Bemerkung: nämlich zwischen den Zeichen dieser Art und den Dingen zeigt klar,
\Wenn die Namen von Körperschaften. von Gemeinschaften, von daß, wenn man, über die bezeichnete Sadre aussagend, sich auf die
Völkern kollektiv genommen sind, wie es gewöhnlich geschieht, Zeichen bezieht, nicht sagen will, daß dieses Zeichen wirklich die
machen sie die Sätze, in denen sie stehen, nicht eigentlich zu all- Sache ist, sondern daß es sie der Bedeutung nach und übertragener-
gemeinen, noch weniger zu besonderen, sondern zu einzelnen. 'W'enn weise ist. Und so wird man ohne Vorbereitung und ohne Umstände
ich sage: ,,Die Römer haben die Karthager besiegt", ,,die Venetianer von einem Bild von Cäsar sagen, daß es Cäsar ist, und von einer
machen den Türken den Krieg", ,,die Richter jenes Ortes haben Karte von Italien, daß dies Italien ist. Es ist also erforderlich, die
einen Verbrecher verurteilt" sind diese Sätze nicht allgemeine; sonst Regel, der gemäß es erlaubt ist, über die bezeichneten Sachen aus-
könnte man von jedem Römer schließen, daß er die Karthager sagend, sich auf ihre Zeichen zu beziehen, ausschließlich in Hinblick
besiegt hat, was falsch wäre. Und sie sind auch nicht besondere. auf die durch übereinkunft entstandenen Zeichen zu prüfen, welche
Denn sie bedeuten mehr als wenn ich sagte: ,,einige Römer haben nicht durdr einen offensichtlichen Bezug einen Hinweis über den Sinn
die Karthager besiegt". Sie sind aber einzelne, weil man jedes Volk geben, in dem diese Sätze zu verstehen sind. Genau dieser Umstand
als eine moralische Person ansieht, die mehrere Jahrhunderte dauert, hat Anlaß zu vielen Disputen gegeben.
die soweit besteht, a1s es einen Staat bildet, und die während dieser Denn es scheint einigen, daß dies schlechtweg gesc.,hehen könnte und
g nzen Zeit mittels derer handelt, aus denen das Volk zusammen- daß es genügt, wenn man zeigen will, daß ein Satz einsichtig ist, vor-
gesetzt ist, wie ein Mensch mittels seiner Glieder handelt. Daher ausgesetzt, daß man sich des Übertragens und Bezeidrnens bewußt ist,
sagt man, daß die durch die Gallier, welche Rom nahmen, besiegten darauf hinzuweisen, daß es üblich ist, den Zeichen den Namen der
Römer ztr Zeit von Cäsar die Gallier besiegt haben, indem man so bezeichneten Sache zu verleihen. Das ist indessen nicht wahr: denn
dem gleichen Ausdruck ,,Römer" zuschreibt, zu einer Zeit besiegt es gibt unendlidr viele Sätze, die absonderlich wären, wenn man den
worden und zu einer anderen siegreich gewesen zu sein, obgleich Zeichen den Namen der bezeichneten Sache geben würde; dies tut
zu der einen Zeit niemand da war von denen, die zu der anderen man wegen der Absonderlichkeit auch nie. So wäre ein Mann lächer-
da waren. Und das zeigt sehr schön, auf was die Eitelkeit jedes lich, der in seinem Geist festgelegt hätte, daß gewisse Dinge andere
einzelnen wegen der großen Taten seiner Nation, an denen er bedeuten, wie wenn er, ohne es angekündigt zu haben, sich die Freiheit
keinen Anteil hatte, beruht, und die so idiotisch ist wie die Eitelkeit herausnehmen würde, diesen grillenhaften Zeichen den Namen der
eines tauben Ohres, das sich der Lebhaftigkeit des Auges und der Dinge zu geben und z. B sagte, daß ein Stein ein Pferd ist; und ein
Geschicklichkeit der Hand rühmen würde. Esel ein König von Persien, weil er diese Zeidren in seinem Geist
festgelegt hatte. So ist die erste Regel, die man bei dieser Frage be-
folgen muß, die, daß es nicht erlaubt ist, unterschiedslos den Zerchen
Kapitel XIV den Namen der Dinge zu geben.
Die zweite, eine Folge der ersten, ist die Tatsache, daß eine evidente
Über die Sätze, in denen man den Zeicben den Namen der Dinge gibt Unverträglichkeit der Begriffe, für sich allein genommen, keinen zu-
reichenden Grund abgibt, um den Geist auf den Sinn ,,Zeidter." z't
'§ü'ir führen und um zu schließen, daß ein Satz, der nicht in seiner wört-
haben im ersten Teil über die Ideen gesagt, daß die einen als
Gegenstand Dinge und die anderen Zeichen haben. 'Wenn nun diese lichen Bedeutung verstanden werden kann, unter Bezug auf den Ge-
Ideen der Zeichen mit 'W'orten verbunden werden, die in Sätze ein- danken des Zeichens erklärt werden muß. Andernfails würde es jene
gehen, geschieht etwas, v/as an dieser Stelle zu prüfen wichtig ist und absonderlichen Sätze nicht geben und je unmöglicher sie in ihrer eigenen
was eigentlich zur Logik gehört; man sagt in diesen Sätzen etwas Bedeutung wären, um so leichter würde man auf die Bedeutung
,i..
über die bezeichneten Dinge aus. Es handelt sich nun darum, zu wissen, ,,Zeidrer" verfallen, was nichtsdestoweniger unmöglich ist. Denn wer
wann man es zu Recht tut, hauptsächlich im Hinblid< auf die durch würde es zulassen, daß man ohne andere Vorbereitung und nur auf
Übereinkunft entstandenen Zeidten. Denn bezüglich der natürlichen Grund einer geheimen Verabredung sagt, das Meer ist der Himmel,
Zetchen gibt es keine Schwierigkeit; die offensichtliche Beziehung die Erde der Mond, ein Baum ein König? lWer sieht nicht, daß es
150 Die Logik Zweircr Teil. Kapitel XIV 151

keinen kürzeren Weg gäbe, sich den Ruf der Verrüdrtheit zu erwerben. er sah, daß der Pharao nur ob dieser Deutung in Verlegenheit war
als sich anzuschicken, diese Sprache in der 1Velt einzuführen? Der, und ihm innerlich die Frage stellte: was bedeuten diese fetten und
zu dem man spricht, muß also auf gewisse rWeise vorbereitet sein, mageren Kühe, diese vollen und leeren Ähren?
damit man zu Recht Sätze dieser Art gebraudren kann, und über diese So antwortete Daniel dem Nebukadnezar vernünftig, daß er der
Vorbereitungen ist anzumerken, daß es weldre gibt, die offenkundig Kopf aus Goid sei: denn dieser hatte ihm den Traum von einer Statue
ungenügend sind, und andere, die mit Sicherheit ausreichend sind. mit einem Kopf aus Gold erzählt und ihn nadr dessen Bedeutung
1. Die entfernteren Bezüge, die weder den Sinnen erscheinen noch auf gefragt.
den ersten Blid< dem Geist, und die sic} nur durch Nachdenken Ebenso wenn man ein Gleidrnis aufgestellt hat und darangeht, es
auffnden lassen, genügen nicht, um den Zeichen den Namen der zu erklären, gibt man in der Erklärung jedes Teils zu Recht dem
bezeichneten Dinge unmittelbar zu geben. Denn es gibt fast über- Zeichen den Namen der bezeichneten Sache, da die, zu denen man
haupt keine Dinge, zwischen denen man nicht diese Arten Bezüge spricht, alles, aus dem es besteht, schon als Zetchen betrachten.
finden könnte: und es ist einleudrtend, daß Bezüge, die man nicht So ließ Gott den Propheten Ezechiel in einer Vision, in spiritu, ein
sofort sieht, nicht ausreichend sind, um auf die figürliche Bedeutung Feld voll Toter sehen; und da die Propheten die Visionen von der
zu lenken. \(irklichkeit unterschieden und gewohnt waren, sie als Zeichen zu
2. Um einem Zeichen den Namen des bezeichneten Dinges sogieich bei' nehmen, hat Gott sehr verständlidr gesprochen, indem er ihm sagte,
der ersten Anwendung des (jetzt in seinem Sinn verwandelten) daß diese Knochen das Haus Israel seien; das heißt, daß sie es bedeu-
Zeichens zu geben, genügt es nicht zu wissen, daß diejenigen, zu teten.
denen man spricht, es bereits als Zeichen eines anderen, Earrz yer- Das waren die mit Sidrerheit ausrei«irenden Vorbereitungen; und da
schiedenen Dinges betrachten. Man weiß zum Beispiel, daß der man keine anderen Beispiele sieht, wo man übereinkommt, dem Zei-
Lorbeer Zeicher des Sieges ist und der Olivenzweig Zeichen des chen den Namen der bezeichneten Sadre zu geben als die angegebenen,
Friedens. Aber diese Kenntnis bereitet den Geist nicht dazu vor, kann man daraus folgenden, dem gesunden Mensdtenverstand ent-
gutzuheißen, daß ein Mensch, dem es beliebte, den Lorbeer zum springenden Grundsatz von allgemeiner Bedeutung herleiten: man gibt
Zeichen des Königs von China und den Olivenzweig zum Zeichen den Zeichen den Namen der Sachen nur, 'wenn man n-rit Recht ver-
des Sultans zu machen, beim Spazierengehen durch den Garten ohne mutet, daß sie bereits als Zeichen angesehen werden und im Geist der
Umstände sagt: Schauen Sie diesen Lorbeer an, es ist der König anderen bemerkt, daß diese sich bemühen herauszufinden, nicht was sie
von China; und diesen Olivenzweig es ist der Großtürke.
-
3. Jede Vorbereitung, die den Geist nur dazu bringt, etwas Großes
die Zeichen
- Da - sind, sondern was sie bedeuten.
aber die meisten moralischen Regeln Ausnahmen haben, könnte
zu erwarten, ohne ihn im besonderen vorzubereiten, eine Sache als man im Zweif el sein, ob nidrt auch zu dieser in einem einzigen Fall
Zeichen anzusehen, genügt nicht, um diesem Zeichen den Namen eine angenommen werden müßte. Dieser Fall tritt ein, wenn die be-
des bezeidrneten Dinges mit Recht beim ersten Mal zu geben. zeichnete Sache so beschaffen ist, daß sie irgendwie danach verlangt,
Der Grund davon ist klar, denn es gibt kein unmittelbares und durch ein Zeichen gekennzeichnet zu sein, so daß, sobald der Name
nahes Folgeverhältnis zwischen der Idee der Größe und der Idee des dieser Sache ausgiesprochen wird, der Geist unversehens denkt, daß
Zeichens; und so führt die eine keineswegs zur anderen. das Subjekt, mit dem man sie gekoppelt hat, zu ihrer Bezeichnung
Um den Zercher. den Namen der Dinge zu geben, ist eine Vor- bestimmr ist. Da zum Beispiel die Bündnisse gewöhnlich durch äußer-
bereitung aber sicher ausreidrend, wenn man sieht, daß diejenigen, zu liche Zeichen gekennzeichnet sind, könnte der Geist, wenn man das
denen man spridrt, in ihrem Geist gewisse Dinge als Zeichen ansehen \Wort ,,Bündnis" irgendeinem äußerlichen Ding zuspricht, dazu ge'
und in Verlegenheit sind, nur weil sie nicht wissen, was sie bedeuten. bracht werden zu denken, daß das, dem hier etwas zugesprochen wird,
So konnte Joseph dem Pharao antworten, daß die sieben fetten als Zeichen fungiert. §7enn es daher in der Schrift heißt: ,,Die Beschnei-
Kühe und die sieben fetten Ahren, die er im Traume gesehen hatte, dung ist das Bündnis", würde dies vielleicht gar nichts Befremdliches
sieben Jahre des Überflusses und die sieben mageren Kühe und die haben, denn das Bündnis überträgt die Idee des Zeichens auf die Sache,
sieben mageren Ähren sieben Jahre Unfruchtbarkeit bedeuten; denn der es nämlich das Bündnis als das Bezeichnete zugeordnet ist.
- -
152 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel XIV 1.53

Und so wie der, der einen Satz hört, sich das Attribut und die Eigen- so hindern sie nicht daran, die Regel zu gebrauchen und anzuwenden
schaften des Attributs vorstellt, bevor er die Verbindung zu dem Sub- im Hinblid< auf alle anderen Dinge, die diese Eigenschaft nicht haben
jekt gezogen hat, kann man annehmen, daß derjenige, der diesen Satz: und die die Menschen nicht durch auf Grund von übereinkunft fest-
,,Die Beschneidung ist das Bündnis" hört, ausreichend vorbereitet ist, gesetzten Zeichen zu bezeichnen pflegen. Denn man muß sich an dieses
um sich vorzustellen, daß die Beschneidung nur als Zeichen Bündnis ist. Prinzip der Billigkeit erinnern, daß die meisten Regeln Ausnahmen
Das §7ort ,,Bündnis" hat ihm nämlich Gelegenheit gegeben, diese Idee haben und trotzdem nicht aufhören, ihre Stärke bei den Dingen zu
(die Idee ,,Zeichen") zu bilden, zwar nicht bevor es ausgesprochen äußern, die nicht unter die Ausnahmen fallen.
wurde, aber doch bevor es in seinem Geist mit dem §ü'ort ,,Beschnei- Von diesen Grundsätzen her muß folgende wichtige Frage entschie-
dung" gekoppelt wurde. den werden, ob man nämlich diesen lVorten ,,Dieses da ist mein Leib"
Idr habe gesagt, daß man glauben könnte, die Dinge, welche nach einen figürlidren Sinn geben kann; genauer gesprochen hat die ganze
einer übereinstimmenden Neigung der Vernunft danadr verlangen, \i7elt durch diese Grundsätze die Frage entschieden, denn alle Völker
durch Zeichen gekennzeichnet zu werden, wären eine Ausnahme der der §(elt haben sich unmittelbar veranlaßt gesehen, die §7orte im
aufgestellten Regel, die eine vorausgegangene Vorbereitung zum Er- Sinne der §flirklichkeit zu nehmen und den figürlichen Sinn auszu-
kennen des Zeichens als Zeidren fordert, damit man, sich auf es be- schließen. Denn da die Apostel das Brot nidrt als Zeichen ansahen und
ziehend, über die bezeichnete Sadre aussagen kann. Man könnte näm- keineswegs über seine Bedeutung in Verlegenheit waren, hatte Jesus
lich auch das Gegenteil glauben. Denn erstens steht dieser Satz ,,Die Christus nicht den Zeidren den Namen der Dinge verleihen können,
Beschneidung ist das Bündnis" gar nicht in der Heiligen Schrift, in ohne entgegen dem Sprachgebrauch aller Menschen zu sprechen und
der es nur heißt: ,,Das ist das Bündnis, das ihr unter euch beobachten ohne sie zu täuschen. Sie mögen vielleidrt das, was vor sidr ging, als
werdet, eure Nachkommen und ich: Jedes Männliche unter euch wird .
etwas Großes angesehen haben; aber das genügt nidrt.
beschnitten werden." Nun ist mit diesen \W'orten nicht gesagt, daß Ich habe über den Gegenstand der Zeichen, denen man den Namen
die Beschneidung das Bündnis ist, sondern die Beschneidung wird mit i1
der Dinge gibt, nichts mehr anzumerken, wenn nicht dieses, daß man
jenen Worten als Bedingung des Bündnisses befohlen. Es ist wahr, daß J äußerst scharf zwischen den Formulierungen unterscleiden muß, bei
Gott diese Bedingung verlangte, damit die Besdrneidung zum Zeidten denen man sich des Namens der Sache bedient, um das Zeichen zu
des Bündnisses werde, wie der folgende Vers sagt, ut sit in signum foe- benennen, wie wenn man ein Bild Alexanders mit dem Namen
deris; aber damit sie zum Zeichen wurde, mußte ihre Beobachtung Alexander beiegt, und den anderen, bei denen dem Zeichen, das in
befohlen und sie zur Bedingung des Bündnisses gemacht werden und diesem Fall durch seinen eigenen Namen oder ein Pronomen ge-
dies ist in dem vorangehenden Versdren enthalten. kennzeichnet ist, die bezeichnete Sache in einem Satz zugesprochen
Zweitens: Diese Worte des heiligen Lukas ,,Dieser Kelch ist das wird. Denn jene Regel, daß der Geist derjenigen, zu denen man
neue Bündnis in meinem Biut", die man ebenfalls anführt, haben nodr spricht, das Zeichen schon als Zeidten ansehen muß und nur in
weniger Evidenz, um diese Ausnahme zu sichern: denn wörtlich über- Verlegenheit hinsichtlich des Heraus6ndens seiner Bedeutung sein
setzt heißt es beim heiligen Lukas ,,Dieser Kelch ist das Neue Testa- muß, betrifft gar nicht die erste Art von Formulierungen, sondern
ment in meinem Blut". Da nun das \flort Testament nicht nur den nur die zweite, bei welcier man, ausdrücklidr sich auf das Zeichen
lerztet \7illen des Erblassers bedeutet, sondern nodr eigentlicher das beziehend, dem Zeichen die bezeichnete Sache zuordnet. Denn man
Mittel, um ihn zu bekunden, ist es keineswegs eine figürlidre 'W'en- bedient sich dieser Formulierungen nur, um die, zu denen man spricht,
dung, wenn man den Keldr des Blutes Jesu Christi ,,Testament" nennt, zu lehren, was das Zeidren bedeutet: und auf diese'§fleise macht man es
denn er ist eigentlich das Merkmal, das Unterpfand und das Zeichen nur, wenn sie genügend vorbereitet sind um sich vorzustellen, daß das
des letzten rVillens von Jesus Christus, das §üerkzeug des Neuen Zeichen nur dank der Bedeutungsfunktion und in figürlidrem Sinne
Bundes. die bezeichnete Sache ist.
§(ie dem auch sei, diese Ausnahme ist auf der einen Seite zweifel-
haft und auf der anderen sehr selten, und es gibt sehr wenige Dinge,
die von sich aus verlangen, durch Zeichen bezeidrnet zu werden, und
154 Die Logik Zweiter Teil. Kapitel XV 155

Kapitel XV sund oder krank; um sich auszudrücken, bedienen sich alle Völker
entweder nur der Sprache oder noch der Schrift außer der Sprache.
Über zwei Satzarten,die in den'W'issenschaften rtiel zterwendet werden: 4. Die Division eines Akzidens in die verschiedenen Gegenstände,
die Dioision und clie Definition. Zwnächst über die Dioision denen es zukommt, wie die Division der Güter in die des Geistes
und in die des Körpers.
Es ist erforderlich, auf zwet Satzarten einzugehen, die in den \[is- Die Regeln der Teilung sind folgende: erstens soll sie erschöpfend
senschaften oft vorkommen: auf die Division und die Definition. sein, das heißt die Glieder der Teilung sollen den ganzen Umfang
Die Division ist die Aufteilung eines Ganzen in das, was es ent- des zu teilenden Begriffs ausmachen; wie ,,gerade" und ,,ungerade"
hält. den ganzen Umfang des Begriffes ,,Zahl" ausmachen, da es innerhalb
Aber wie es zwei Arten des Ganzen gibt, so gibt es auch zwei Arten dieses Umfangs keine Zahl gibt, die nicht entweder gerade oder un-
der Division. Es gibt ein aus mehreren wirklich verschiedenen Teilen gerade ist. Es gibt nichts, was so viele falsche Urteile entstehen läßt,
zusammengesetztes Ganzes, im Lateinischen ,,totum" genannt, dessen wie die mangelnde Beachtung dieser Regel; und das Täuschende ist,
Teile Bestandteile heißen. Die Division dieses Ganzen heißt insbeson- daß es oft Ausdrücke gibt, die so entgegengesetzt scheinen, daß sie
dere Gliederung. §fie wenn man ein Haus in seine W'ohnungen aufteilt, scheinbar kein Mittleres zulassen, es aber trotzdem haben. So gibt es
eine Stadt in ihre Viertel, ein Königreich oder einen Staat in seine zwischen ,,unwissend" und ,,gelehrt" eine gewisse ausreichende Mittel-
Provinzen, den Menschen in Körper und Seele, den Körper in seine mäßigkeit, die einen Menschen von der Ebene des Unwissenden ent-
Glieder. Die einzige Regel, die bei dieser Division zu beachten ist, fernt, ihn aber noch nicht auf den Rang des Gelehrten erhebt. Zwischen
besteht in der genauen und erschöpfenden Aufzählung. ,,lasterhaft" und ,,tugendhaft" gibt es ebenfalls einen gewissen Zu-
Das andere Ganze wird im Lateinischen ,,omne" genannt; seine Teile stand, von dem man das sagen kann, was Tacitus von Galba sagt:
heißen zugrunde liegende oder untergeordnete Teile. Denn dieses magis extra vitia quam cum virtutibus, denn es gibt Leute, die keine
Ganze ist ein Allgemeinbegriff und seine Teile sind die zu seinem massiven Laster haben und daher nicht lasterhaft genannt werden, die
Umfang gehörenden Träger. Das '§?ort ,,Lebewesen" ist ein Ganzes aber auch nichts Gutes verrichten und daher nicht tugendhaft genannt
dieser Art, dessen untergeordnete Begriffe, wie ,,Mensdr" und ,,Tier", werden können. Vor Gott ist es allerdings ein großes Laster, keine
die zu seinem Umfang gehören, die zugrunde liegenden Teile sind. Tugend zu haben. Zwischen ,,gesund" und ,,krank" gibt es den Zu-
Nur dieser Division kommt der Name Division im strengen Sinne zu. stand des sich nicht wohlfühlenden oder genesenden Menschen. Zwi-
Sie tritt vierfach auf, nämlich: schen Tag und Nacht gibt es die Dämmerung. Zwischen den entgegen-
1. §ilenn man den Gattungsbegriff nach seinen Arten unterteilt: Jede gesetzten Lastern gibt es die Mitte der Tugend, vrie die Frömmigkeit
Substanz ist entweder Körper oder Geist; jedes Lebewesen ist ent- zwischen der Gottlosigkeit und dem Aberglauben. Aber manchmal ist
weder Mensch oder Tier. dieses Mittlere ein Doppeltes, wie es zwischen dem Geiz und der Ver-
2. \(enn man den Gattungsbegriff nach den spezifischen Differenzen schwendung die Liberalität und eine löbliche Sparsamkeit gibt; zwi-
unterteilt: Jedes Lebewesen ist entweder vernünftig oder der Ver- schen der Ängstlichkeit, die alles fürdrtet, und der Tollkühnheit, die
nunft beraubr; jede Zahl ist entweder gerade oder ungerade; jeder nichts fürchtet, gibt es den Edelmut, der vor Gefahren nicht zurüd<-
Satz ist entweder wahr oder falsch; jede Linie ist entweder gerade schreckt und eine vernünftige Vorsicht, die einen Gefahren vermeiden
oder gekrümmt. heißt, denen sich auszusetzen nidrt zweckmäßig ist.
3. \(enn man einen gemeinsamen zugrunde liegenden Gegenstand nach Die zweite Regel, eine Folge der ersten, besagt, daß die Glieder
den entgegengesetzten Eigenschaften, deren er fahig ist, unterteilt, der Teilung entgegengesetzt sein sollen, wie gerade und ungerade,
oder indem man entweder auf die verschiedenen untergeordneten vernünftig und der Vernunft beraubt. Es muß aber hier angemerkt
Begriffe oder auf die verschiedenen Zeiten blickt, wie: Jeder Stern werden, was schon im ersten Teil gesagt wurde, nämlich daß es nicht
leuchtet entweder aus sich selbst oder nur §/egen des '§fliderscheins; notwendig ist, daß aile die spezifischen Differenzen, die diese ent-
jeder Körper ist entweder in Bewegung oder in Ruhe; alle Franzosen gegengesetzten Glieder ausmadren, positiv sind: es genügt, daß die
sind entweder adlig oder bürgerlich; jeder Mensch ist entweder ge- eine es ist, während die andere der für sich genommene Gattungsbegriff
156 Die Logik Zwciter Teil. KaPitel XVI 157

zusammeß mit der Negation der ersten spezifischen Differenz dar- man es bequem so tun kann, ist es das beste; da aber die Klarheit und
'§üissenschaften am meisten
stellt. Und gerade dadurch werden die Glieder mit noch größerer Ent- die Leichtigkeit das ist, was man in den
schiedenheit einander entgegengesetzt. So besteht der Unterschied des beachten muß, darf man die Einteilung in drei Glieder nicht verwer-
Tieres zum Menschen nur in dem Mangel an Vernunft, was nichts fen, und gerade dann nicht, wenn sie natürlicher sind und man er-
Positives ist; das Ungerade ist nur die Negation der Teilbarkeit in zwungene Unterteilungen nötig hätte, um bei den Einteilungen immer
z-wei gleiche Teile. Die Prirnzahl hat nichts, was die zusammenBesetzte zw"i illi"d., zu haben. Denn anstatt den Geist zu entlasten, was das
Zahl nicht auch hat; die eine ebenso wie die andere haben die Einheit wichtigste Ergebnis der Division ist, belädt man ihn dann mit einer
als Maß, so daß die, welche man Primzahl nennt, sich nur darin von groß.r, Anzahl von l]nterteilungen, die viel schwieriger zu behaiten
der zusammengesetzten unterscheidet, daß sie überhaupt kein anderes sind, als wenn man von Anfang an bei der Unterteilung mehrere
Maß als die Einheit hat. Glieder innerhalb des Einzuteilenden angesetzt hätte. Ist es zum Bei-
Trotzdem müssen wir zugeben, daß es das beste ist, die entgegen- spiel nicht viel kürzer, viel einfacher und viel natürlicher zu sagen:
gesetzten Differenzen durch positive Ausdrücke zu formulieren, 'wenn Äll.s Arsgedehnte ist entweder Linie oder F1äche oder Körper, als
es möglich ist; denn das fördert den Zugang zu der Natur der Glieder wie Ramus zu sagen: Magnitudo est linea, vel lineatum: Lineatum est
der Einteilung. Aus diesem Grund ist die Einteilung der Substanz in superficies, vel solidum.
die denkende und in die ausgedehnte viel besser als die gewöhnliche in Schließlich muß angemerkt werden, daß zuwenig und zuviel einzu-
die materielle und in die immaterielle oder auch in die körperlidre und reilen in gleicher tweise ein Fehler ist, denn das erste erhellt den Geist
in diejenige, die nicht körperlidr ist. Denn die \üflörter ,,immateriell" nicht genug und das zweite zerstreut ihn zu sehr' Crassot, der ein
und ,,nichtkörperlich" geben uns nur eine sehr unvollkommene und ,.h,"nr*".i., Philosoph unter den Aristoteles-InterPreten ist, hat
sehr verworrene Idee von dem, was viel besser durch das Wort ,,den- seinem Buctr durch die zu große Zahl von Divisionen geschadet. Da-
kende Substanz" verständlich gemacht wird. durch fällt man wieder in die Verwirrung, die zu vermeiden man
Die dritte Regel ist eine Folge der zweiten und lautet: das eine der bestrebt ist: Confusum est quidquid in pulverem sectum est'
beiden Glieder darf nicht in der \Weise in dem anderen enthalten sein,
daß dieses von jenem zwar ausgesagt werden kann, obgleich das Ent-
haltene manchmal ganz anders in dem es Enthaltenden (bzw. in einem Kapitel XVI
anderen Enthaltenden) eingeschlossen ist. Denn die Linie ist in der Fläche
als Begrenzung der Fläche eingeschlossen und die Fläche im Körper als Über die Definition, die man Definition d'es Dinges
Begrenzung des Körpers. Das hindert aber nicht, daß die Ausdehnung (Realdefinition) nennt
sich in Linie, Fläche und festen Körper unterteilt, denn man kann
'§ü'ir
weder sagen, daß die Linie Fläche noch daß die Fläche Körper ist. haben im ersten Teil des langen und breiten über die Definitio-
Eine davon unterschiedene Unmöglichkeit der Einteilung ergibt sich nen des Namens (Nominaldefinition) gesprochen untl wir haben ge-
beim Versuch, dte Zahlen in gerade, ungerade und Quadratzahlen zeigt, daß man sie nicht mit den Definitionen der Dinge vermengen
einzuteilen: dies kann man nidrt, weil jede Quadratzahl entweder darf ; denn die Definitionen der Namen sind willkürlich, während die
gerad,e oder ungerade und somit in den beiden ersten Gliedern einge- Definitionen der Dinge nicht von uns abhängen, sondern von dem,
schlossen ist. was in der wirklichen Idee eines Dinges eingeschlossen ist; sie dürfen
Man darf auch nicht die Meinungen in wahre, falsche und wahr- daher nicht als Prinzipien genommen werden. Sie sind nur als Sätze
scheinliche einteilen, denn jede wahrscheinliche Meinung ist entweder zu betrachten, die zuweilen durch Begründung bestätigt werden müs-
wahr oder falsch. Man kann sie aber zuerst in wahre und in falsche sen und die bestritten werden kör]nen. Nur von dieser letzten Art von
einteilen; und dann sowohl die einen als audr die anderen in sichere Definitionen sprechen wir an dieser Stelle.
und in wahrscheinliche. Es gibt von ihr zwei Arten: die eine, eine genauere, der der Namen
Ramus und seine Anhänger haben sich sehr gequält, um zu zeigen, ,,De6nition" gebührt; die andere, eine weniger genaue, die man
daß alle Einteilungen nicht mehr als zwei Glieder haben dürfen. W'enn Deskription nennt.
158 Dic Logik Zweiter Teil. Kapitel XVI 159

Die genauere ist diejenige, welche die Natur eines Dinges durch Elemente, nadr dem eigenen Zugeständnis dieser Philosophen, und
seine wesentlichen Attribute, von denen die gemeinsamen Gattung man hat keinen Grund zu glauben, daß am Himmel nicht ähnliche
heißen und die eigenen (spezifische) Differenz, erläutert. Veränderungen wie auf der Erde geschehen, denn, ohne von den
So definiert man den Menschen als vernünftiges Lebewesen; den Kometen zu sprechen, von denen man letzt weiß, daß sie nidrt aus
Geist ais Substanz, die denkt; den Körper als ausgedehnte Substanz, Ausdünstungen der Erde gebildet werden, wie Aristoteles es sich
Gott als das vollkommene §ü'esen. Die in der Definition gebrauchte einbildete, hat man Fledren auf der Sonne entdeckt, die sich dort
Gattung muß soweit wie möglich die dem Definierten nächste Gattung auf die gleiche \7eise bilden und z-erstreuen wie unsere §ü.olken,
sein und nicht einfach eine entfernte. obgleich sie viel größere Körper sind.
Man definiert auch manchmal durch die Bestandteile, wie wenn man 3. Eine Definition muß klar sein, das heißt, sie muß uns dazu dienen,
sagt, daß der Mensch ein aus Geist und Körper zusammengesetztes eine klarere und deutlichere Idee des definierten Dinges zu erhalten,
Ding ist. Aber selbst dann gibt es etwas, was die Stelle der Gattung und sie muß uns soweit als möglich seine Natur erkennen lassen:
einnimmt, wie das W'ort ,,zusammengesetztes Ding", während der so daß sie uns dazu verhilft, die hauptsächlichen Eigenschaften des
Rest die Differenz vertritt. Dinges auf ihren Grund zurückzuführen. Darauf muß man in erster
Die weniger genaue Definition, die man Deskription nennt, ist die, Linie bei den Definitionen achten und gerade das fehlt einem großen
welche irgendeine Bekanntschaft mit einem Ding durch die ihm eigen- Teil der Definitionen des Aristoteles.
tümlichen Akzidenzien vermittelt, welche es ausreichend bestimmen, Denn wer ist derjenige, der das \7esen der Bewegung durch diese
um von ihm eine ldee zu geben, die es von den anderen unter- Definition besser verstanden hätte: Actus entis in potentia quatenus
scheidet. in potentia, die §(irklichkeit des Möglichen als Möglidres? Ist nicht die
So beschreibt man die Gräser, die Früchte, die Tiere durch ihre Idee, die uns die Natur von ihr gibt, hundertmal klarer als diese? und
Gestalt, ihre Größe, ihre Farbe und andere derartige Akzidenzien. Die wem hat sie jemals genützt, um eine der Eigenschaften der Bewegung
Beschreibungen der Dichter und Redner sind so besdraffen. zu erklären?
Es gibt auch Definitionen oder Deskriptionen nach den Ursachen, Die vier berühmten Definitionen jener vier ersten Qualitäten, des
der Materie, der Form, dem Zweck etc., wie wenn man eine Uhr defi- Trod<enen, des Feuchten, des \farmen, des Kalten, sind nicht besser.
niert als eine aus verschiedenen Rädern zusammengesetzte Eisen- Das Trockene, sagt Aristoteles, ist das, was leicht in seinen eigenen
maschine, deren geregelte Bewegung geeignet ist, die Stunden zu be' Schranken gehalten wird und schwer innerhalb der Schranken eines
zeichnen. anderen Körpers: Quod suo termino facile continetur, difficulter
Zt einer guten Definition ist dreierlei erforderlich: sie muß univer- alieno.
sell, eigentümlich und klar sein. Das Feuchte, im Gegenteil, ist das, was leicht innerhalb der Schran-
1. Eine Definition muß universell sein, das heißt, sie muß das ganze ken eines anderen Körpers und schwer in den seinen gehalten werden
Definierte enthalten. Deshalb ist die gewöhniiche Definition der kann: Quod suo termino difficulter continetur, facile alieno.
Zeit als Maß der Bewegung vielleicht nicht gut; denn es ist sehr Aber erstens kommen diese beiden Definitionen besser den harten
wahrscheinlich, daß die Zeit ntcht weniger die Ruhe als die Bewe- und den flüssigen Körpern als den trockenen und den feuchten zu.
gung mißt, denn man sagt auch genausogut, daß ein Ding so oder so Denn man sagt, daß die eine Luft trochen und die andere feuc-ht ist,
lange in Ruhe gewesen ist, wie man sagt, daß es sich während so obgleich sie immer leicht innerhalb der Schranken eines anderen Kör-
langer Zeit bewegt hat: so daß es scheint, daß die Zeit nichts ande- pers gehalten werden kann, denn sie ist stets flüssig. Ferner sieht man
':'!är
res ist als die Dauer des Geschaffenen, in welchem Zustand es auch nicht, wie Aristoteles nach dieser Definition hat sagen können, daß
immer sei. das Feuer, das heißt die Flamme, trod<en ist, da sie sich leicht den
2. Eine Definition muß eigentümlich sein, das heißt, sie darf nur dem Schranken eines anderen Körpers anpaßt, weswegen auch Vergil das
Definierten zukommen. Deshalb scheint die gewöhnliche Definition Feuer flüssig nennt: et liquidi simul ignis. Und es ist eine leere Sub-
der (Velt-)Elemente a1s ,,einfache, vergängliche Körper" nicht gut tilität, mit Campanelia zu sagen, daß das Feuer als ein Eingeschlosse-
zu sein. Denn die Himmelskörper sind nicht weniger einfach als die nes aut rumpit, aut rumpitur; denn das geschieht nicht wegen seiner
i 60 Die Logik Zweirer Teil. Kapitel XVII 161

vermeintlidren Trod<enheit, sondern weil sein eigener Rauch es er- Das waren einige Regeln zur Division und Definition. Obwohl es
stickt, wenn es keine Luft hat. Genau aus diesem Grunde wird es aber in den Wissenschaften nichts ]Wichtigeres gibt als gut zu unter-
sich sehr But den begrenzenden Flächen eines anderen Körpers an- teilen und gut zu definieren, ist es ni*rt notwendig, hier mehr darüber
passen, vorausgesetzt, daß dieser irgendeine Offnung hat, durch die zu sagen, denn dies hängt in viel größerem Maße von der Kenntnis
das Feuer die ununterbrochen entstehenden Ausdünstungen verjagen des zum Thema gemachten Gegenstandes als von den Regeln der Logik
könnte. ab.
Das lWarme definiert er als das, was die unähniichen Körper ver-
sammelt und die ähnlichen auseinandertreibt: Quod congregat hetero- Kapitel XVII
genea et disgregat homogenea. Dies kommt manchmal dem \(armen
und dem Kalten zu, aber nicht immer, außerdem taugt es überhaupt Über die Umleehrung der Sätze: wo nocb gründlicher die Natur der
nicht dazu, die wahre Ursache, 'warum wir den einen Körper warm Af firmation (Bejahung) und Negation (Verneinung) erblärt uird, von
und den anderen kalt nennen, dem Verständnis näherzubringen. Daher denen diese Umkehrung abbängt
hatte der Kanzler Bacon recht zu sagen, daß diese De6nitionen ähnlich
denen sind, die einen Menschen als ein Lebewesen definierten, das Zuerst über die Natur der Affirmation
Schuhe herstellt und das die lWeinberge bearbeitet. Der bereits kriti-
sierte Philosoph definiert die Natur: Principium motus et quietis in eo Die folgenden Kapitel sind ein wenig schwierig zu verstehen und
in quo est: das Prinzip der Bewegung und der Ruhe der Dinge, denen nur für die Spekulation notwendig. Deshalb können die.ienigen, welche
sie innewohnt. Diese Definition beruht lediglich auf einer Vorstellung ihren Geist nicht mit für die Praxis wenig wichtigen Dingen ermüden
von Aristoteles, nach welcher die Naturdinge sich darin von den wollen, sie überschlagen.
Kunstdingen unterscheiden, daß die Naturdinge in sich das Prinzip Die Erörterung der Umkehrung der Sätze habe ich bis jetzt aufge-
ihrer Bewegung haben, während es die Kunstdinge nur außerhalb ihrer schoben, denn von ihr hängen die Grundlagen der ganzen Argumen-
haben. Es ist jedoch evident und sicher, daß kein Körper sich selber tation ab, die wir im nädrsten Teil behandeln müssen; und so war es
die Bewegung zu geben vermag, denn da die Materie von sich aus gut, daß dieser Gegenstand nicht von dem, was über den Schluß zu
gegenüber der Bewegung und der Ruhe gleichgültig ist, kann sie zu sagen ist, zu weit entfernt wurde, obgleich man, um ihn in angemesse-
der einen oder zu der anderen nur durch eine fremde Ursache gebracht ner §fleise zu behandeln, etwas von dem über die Affirmation und die
werden; und da dies nicht immer weiter zurüd< ins Unendliche gehen Negation Gesagten wiederaufnehmen und die Natur sowohl der einen
kann, muß es notwendig Gott sein, der die Bewegung in die Materie .als auch der anderen eingehend erklären muß.
eingedrückt hat und der die Bewegung der Materie erhält. Es ist sicher, daß wir nicht in der Lage wären, einen Satz verständ-
Die berühmte Definition der Seele scheint noch fehlerhafrer zu sein: lich für die anderen zu formulieren, wenn wir uns nicht zweier Ideen
Actus primus corporis naturalis organici potentia vitam l.rabentis, die bedienten, der einen für das Subjekt, der anderen für das Attribut, und
Entelechie des organischen natürlichen Körpers [heute würden wir noch eines anderen Vortes, das die Verbindung bezeichnet, die sich
gen.ruer sagen: organismischen, Anm. d. übers.], der das Leben der der Geist zwischen ihnen vorstellt.
Potenz nach hat. Dazu ist zu sagen: Erstens weiß man nicht, was er Diese Vereinigung kann man nicht besser ausdrücken als durch die
lVorte selbst, die man bei der Bejahung verwendet, indem man sagt,
hat definieren wollen. Denn wenn es die Seele ist, insoweit sie Men-
schen und Tieren gemeinsam zukommt, so ist das Definierte ein Hirn- daß ein Ding ein anderes Ding ist. Formelhaft: A ist B.
gespinst, denn es gibt zwischen diesen zwei Sachen nichts Gemeinsames. Von daher wird es klar, daß die Natur der Affirmation die Ver-
Zweitens hat er einen dunklen Ausdrudr durch vier oder fünf noch einigung und Identifizierung, um es so zu nennen, des Subjektes mit
dunklere erklärt. lJm nur vom \Wort ,,Leben" zu sprechen: die Idee, dem Attribut ist, denn dieser Sachverhalt wird durch das §ü'ort ,,ist"
die man vom Leben hat, ist nicht weniger verworren als die, die man ausgesagt.

von der Seele hat, und diese zwei Ausdrücke sind gleich unbestimmt Daraus folgt auch, daß es zu der Natur der Affirmation gehört,
und mehrdeutig. daß das Attribut in alles das, was im Subjekt ausgedrückt ist, gelegr
162 Dic Logik Zweiter Teil. Kapitel XVIII 163

werden muß, und zwar dem Umfang gemäß, den dieses im Satz hat; Ich habe gesagt, daß das Attribut nidrt in seiner ganzen Allgemein-
wie wenn ich sage: ,,jeder Mensch ist ein Lebewesen", meine ich und heit verstanden wird, wenn es eine größere als die des Subjekts hat.
sage aus, daß alles, was Mensch ist, auch Lebewesen ist; und so habe Denn da das Attribut durch das Subjekt nichts anderes als eine be-
ich immer, wenn ich die Vorstellung ,,Mensch" habe, auclr die Vor- schränkende Festlegung seines Umfangs erfahren kann, ist es einleuch-
stellung ,,Lebewesen". \Wenn ich aber nur sage: ,,irgendein Mensch ist tend, daß, wenn das Subjekt genau so allgemein wie das Attribut ist,
gerecht", schreibe ich ,,gerecht" nicht allen Menschen zu, sondern nur das Attribut in seiner ganzen Allgemeinheit bleiben wird. Denn in
,,irgendeinem Menschen". diesem Fall hat es genausoviel Allgemeinheit wie das Subjekt; und wir
In gleicher Weise rnuß hier in Betracht gezogen werden, was wir setzen 1'a voraus, daß es hier seiner Natur nadr keine größere haben
schon gesagt haben, daß man nämlich bei den Ideen zwischen dem kann.
Inhalt und dem Umfang unterscheiden muß und daß der Inhalt die Flieraus kann man folgende vier unbezweifelbaren Axiome ableiten:
in einer Idee enthaltenen Attribute meint und der Umfang die Sub- Erstes Axiom: Das Attribut wird durch den bejahenden Satz dem
jekte, welche diese Idee enthalten. gar\zel Umfang gemäß, den das Subjekt in dem Satz hat, in das
Daraus folgt nämlich, daß hinsichtlich ihres Inhalts eine Idee immer Subjekt verlegt. Das heißt: ist das Subjekt universell, wird das
bejaht wird, denn wenn man ihr irgendeines ihrer wesentlichen Attri- Attribut in dern ganzen Un.rfang des Subjekts gedacht, und ist das
bute wegnimmt, zerstört und vernichter man sie gänzlich: sie ist nicht Subjekt partikular, so wird das Attribut nur in einem Teil des Um-
mehr die gleidre Idee. Folglich wird sie, wenn sie bejaht wird, stets mit fangs des Subjekts gedacht. Beispiele dazu sind oben gegeben worden.
allem, was sie in sich enthält, bejaht. \7enn ich also sage, daß ein Zweites Axiom: Das Attribut eines bejahenden Satzes wird hinsicht-
Rechteck ein Paralielogramm ist, spreche ich dem Rechtedr alles in der lich seines gesamten Inhalts bejaht, das heißt hinsichtlich aller seiner
Idee des Parallelogramms Enthaltene zu. Denn wenn es in dieser Idee Merkmale. Der Beweis ist oben geliefert worden.
irgendeinen Teil gäbe, der nidrt dem Rechteck zukommt, so würde dar- Drittes Axiom: Das Attribut eines bejahenden Satzes wird nicht nach
aus folgen, daß die ganze Idee ihm nicht zukommen würde, sondern seinem gesamten Umfang dem Subjekt zugesprochen, 'wenn er von
nur ein Teil dieser Idee; und so müßte das \(ort Parallelogramm, das sich aus größer ist als der des Subjekts. Der Beweis ist oben geliefert
die ganze Idee bezeichnet, vom Rechteck nicht bejaht, sondern verneint worden.
werden. §üir werden sehen, daß darin das Prinzip aller bejahenden Viertes Axiom: Der Umfang des Attributs wird durch den des Subjekts
Argumente besteht. eingeschränkt, so daß es nicht mehr als den Teil seines Gesamt-
Und es folgt im Gegenteil, daß die Idee des Attributes nicht in umfangs, der dem Subjekt zukommt, bedeutet; wenn man zum Bei-
ihrem ganzen Umfang verwendet wird (außer wenn ihr Umfang nicht spiel sagt, daß die Menschen Lebewesen sind, so bedeutet hier das
größer als der des Subjekm ist). §flort ,,Lebewesen" nicht alle Lebewesen, sondern nur die Lebewesen,
Denn wenn ich sage, da13 alle Unkeuschen verdammt sein werden, die Menschen sind.
dann sage ich nicht, daß sie allein die Gesamtheit der Verdammten
ausmachen werden, sondern daß sie zr der Zahl der Verdammten Kapitel XVIII
gehören werden.
\7enn also die Affirmation die Idee des Attributs in das Subjekt Über clie Umleebrung (Kontersion) der bejahenden Sätze
verlegt, so ist es eigentlich das Subjekt, das den Umfang des Attributs
im bejahenden Satz bestimmc, und die Identität, die sie kennzeictrnet, Die Verwandlung des Subjekts in das Attribut und des Attributs in
betrifft das Attribut als ein auf den gleichen Umfang wie den des das Subjekt wird Umkehrung eines Satzes genannt, wenn der Satz
Subjekts eingeschränktes und nicht in seiner ganzen Allgemeinheit, nicht aufhört, wahr zu sein, so er es früher war, oder vielmehr, wenn
falls es eine größere als die des Subjekts hat. Denn es ist wahr, daß mit Notwendigkeit aus der Umkehrung folgt, daß er wahr ist, voraus-
alle Löwen Lebewesen sind, das heißt, daß jeder der Löwen die Idee gesetztt daß er wahr war.
des Lebewesens in sich einschließt; aber es ist nicht wahr, daß sie die Nun wird das, was wir gerade gesagt haben, leicht verständlich
machen, wie diese Umkehrung durchzuführen ist: denn wie es unmög-
Gesamtheit der Lebewesen ausmachen.
1.64 Die Logik Zweirer Teil. Kapitel XIX 1,65

Iich ist, daß ein Ding mit einem anderen verbunden und verknüpft Daraus kann man folgende beiden Regeln ableiten:
ist, wenn dieses andere nicht audr mit dem ersten verbunden ist und Erste Regel: Die universellen bejahenden Sätze lassen sich umkehren,
daraus sehr wohl folgt, daß, wenn A mit B verbunden ist, B es auch indem dem zum Subjekt gewordenen Attribut ein Zeichen der Be-
mit A ist, so ist es einleuchtend, daß es unmöglich ist, daß zwei Dinge sonderheit beigefügt wird.
als identisch gedacht werden, was die vollkommenste von allen Ver- Zwette Regel: Die partikularen bejahenden Sätze sind ohne irgendeine
bindungen ist, wenn diese Verbindung nicht umkehrbar ist, das heißt, Hinzufügung oder Veränderung umzukehren; das heißt: man voll-
wenn man nicht die zwei verbundenen Begriffe wechselseitig, und zwar zieht die Umkehrung, indem man für das zum Subjekt gewordene
in der \Weise, in der sie verbunden sind, voneinander aussagen kann. Attribut das Zeichen der Besonderheit beibehält, das zum ersten
Das heißt Umkehrung. Subjekt gehörte.
In den partikularen bejahenden Sätzen, zum Beispiel wenn man sagt Es ist aber leicht einzusehen, daß diese zwei Regeln auf eine ein-
,,irgendein Mensch ist gerecht", sind beide, das Subjekt und das Attri- zige zurückgeführt werden können, in der sie beide enthalten sein
but, besondere: das Subjekt Mensch ist ein besonderes durch das Kenn- werden:
zeichen der Besonderheit, das man ihm beifügt, und das Attribut Da das Attribut in allen bejahenden Sätzen durdr das Subjekt ein-
gerecht ist es auch, denn sein Umfang ist durch den des Subjekts ein- geschränkt wird, muß man seine Einschränkung beibehalten, wenn man
geschränkt, somit bedeutet es nur und eigens die Gerechtigkeit, die in es zum Subjekt machen will; und folglich muß man ihm ein Zeichen
irgendeinem Menschen ist. Es ist daher evident, daß, wenn irgendein der Besonderheit beigeben, mag das erste Subjekt ein allgemeines, oder
Mensch mit irgendeinem Gerechten identifiziert wird, auch irgendein mag es ein besonderes gewesen sein.
Gerechter mit irgendeinem Menschen identifiziert wird. Und so braucht Es kommt indessen oft vor, daß universelle bejahende Sätze sich in
man einfach nur das Attribut in das Subjekt zu verwandeln, die gleiche andere universelle umkehren lassen. Das ist aber nur der Fall, wenn
Besonderheit beibehaltend, um diese Art von Sätzen umzukehren. das Attribut von sich aus keinen größeren Umfang als den des Subjekts
Man kann nicht das gleiche von den universellen bejahenden Sätzen hat, wie wenn man die Differenz oder die wesentliche Eigensdraft der
sagen, weil in diesen Sätzen nur das Subjekt allgemein ist, das heißt, Art von dem Subjekt, oder die Defnition von dem Definierten aus-
in seinem gar.zen Umfang genommen wird, während das Attribut, sagt. Denn dann kann das Attribut, da es nicht eingeschränkt ist, in
im Gegenteil, begrenzt und eingeschränkt ist. §(enn man also aus ihm der Umkehrung genauso allgemein genommen werden, wie das Subjekt
durch Umkehrung ein Subjekt macht, muß man ihm seine gleiche Ein- genommen wurde: Alle Menschen sind vernünftig; alle Vernünftigen
geschränktheit bewahren und ein Kennzeichen anfügen, welches es sind Mensdren.
bestimmt, damit man es nicht in seiner Allgemeinheit nimmt: \Wenn §(eil aber diese Umkehrungen nur in besonderen Fällen wahr sind,
ich sage, daß der Mensch Lebewesen ist, verbinde ich die Idee ,,Mensch" rechnet man sie nicht zu den echten Umkehrungen, die allein auf
I r!.i.]

,tf:,i:l mit der Idee ,,Lebewesen", festgelegt und eingesclränkt einzig auf die Grund der Anordnung der Begriffe sicher und untrüglich sein müssen.
itii;,1
iii,J Menschen; und wenn ich diese Verbindung gleichsam von der anderen
Seite sehen und mit dem Lebewesen anfangen wollte, um den Begriff
,,Mensch" von ihm auszusagen, muß man dem Begriff ,,Lebewesen" Kapitel XIX
anschließend seine gleiche Einschränkung belassen und irgendeinen
einschränkendenZtsatz machen, damit man nicht in die Irre geht. Über die Natur der verneinenden Sätze
Aus der Tatsache, daß die universellen bejahenden Sätze sich nur
in partikulare bejahende umkehren lassen, darf man nicht schließen, Die Natur eines verneinenden Satzes läßt sich nicht klarer aus-
daß sie sich weniger gut umkehren lassen als die anderen. Aber da sie drüd<en als indem man sagt, sie sei die Vorstellung, daß ein Ding
aus einem allgemeinen Subjekt und einem eingeschränkten Attribut nidrt ein anderes ist.
bestehen, ist es einleuchtend, daß sie bei der Umkehrung, das heißt Damit aber ein Ding nicht ein anderes Ding ist, ist es nicht not-
der Verwandlung des Attributs in ein Subjekt, ein beschränktes und wendig, daß es mit diesem gar nichts Gemeinsames hat, sondern es
eingeschränktes und somit ein besonderes Subjekt haben müssen. genügt, daß es nicht alles hat, was das andere hat, wie es genügt,
166 Dic Logik Zweirer Teil. Kapitel XX 167

damit ein Tier nicht Mensch ist, daß es nicht alles hat, was dem übers.], trenne ich alle glücklichen Mensdren von allen lasterhaften,
Menschen zukommt und es nicht notwendig ist, daß es nichts von dem und wenn ich sage, daß mancher Doktor nicht gelehrt ist, trenne ich das
hat, was im Menschen ist. ,,gelehrt" von ,,manchem Doktor".
Daraus kann man folgendes Axiom ableiten: Daraus kann man folgendes Axiom ableiten:
Fünftes Axiom: Der negative Satz trennt vom Subjekt nicht alle die Siebentes Axiom: Jedes einem subjekt abgesprochene Attribut wird
im Inhalt des Attributs enthaltenen Teile ab, sondern er trennt nur all dem, was in dem Umfang, den dieses Subjekt in dem Satz hat,
von ihm die ganze, vollständige, aus allen miteinander verbundenen enthalten ist, abgesprochen.
Merkmalen bestehende Idee ab.
lVenn ich sage, daß die Materie keine denkende Substanz ist, so sage
idr deswegen nicht, daß sie keine Substanz ist, sondern ich sage, daß Kapitel XX
sie keine denhende Substanz ist, was die totale und vollständige Idee
ist, die ich der Materie abspreche. Über die Umhehrung der negati,Len Sätze
Im Hinblick auf den Umfang der Idee verhält es sich ganz umge-
kehrt. Denn der negative Satz trennt vom Subjekt die Idee des Attri- So wie es unmöglich ist, zwei Dinge gänzlich voneinander zu tren-
buts ir.r ihrem ganzen Un.rfang ab. Und der Grund davon ist klar. nen, ohne daß diese Trennung umkehrbar ist, ist es klar, daß, wenn ich
Denn Subjekt einer Idee sein, und in ihrem Umfang enthalten, ist sage, daß kein Mensch Stein ist, ich auch sagen könnte, daß kein Stein
nichts anderes als: diese Idee einsdrließen; wenn man folglich sagt, daß Mensch ist. Denn wenn irgendein Stein Mensch wäre, so wäre dieser
eine Idee eine andere nicht einschließt, was aud'r verneinen heißt, sagt Mensch Stein, und folglich wäre es nicht wahr, daß kein Mensch Stein
man, daß sie nicht eines der Subjekte dieser Idee ist. ist.
Venn ich daher sage, daß der Mensdr kein unempfindliches Lebe- Dritte Regel: Die universellen negativen Sätze können einfach um-
wesen ist, so will ich sagen, daß er niclt eines der unempfindlichen gekehrt werden, indem man das Attribut zum Subiekt madrt und
Lebewesen ist, und folglich trenne ich sie alle von ihm ab. inden.r man dem Subjekt gewordenen Attribut die gleiche Allgemein-
Daraus kann man dieses weitere Axiom ableiten: heit beläßt, die das erste Subiekt hatte.
SechstesAxiom: Das Attribut eines verneinenden Satzes wird immer Das Attribut wird nämlich in den negativen Sätzen immer allge-
'§fleise
allgemein genonlmen. Das kann man auf folgende deutlicher mein genommen, denn es wird in seinem ganzer' Umfang dem Subjekt
ausdrüd<en: Alie Subjekte einer Idee, die von einer anderen ver- abgesprochen, wie wir oben gezeigt haben.
neint wird, werden auch von dieser anderen Idee verneint, das Aus diesem gleichen Grunde aber kann man keine Umkehrung der
heißt, daß eine Idee immer in ihrem ganzen Umfang verneint wird. partikularen negativen Sätz-e machen, und man kann zum Beispiel
\Wenn das
,,Dreieck" dem ,,Vieredr" abgesprochen wird, wird alles, nicht sagen, daß mancher Arzt nicht Mensch ist, weil man sagt, daß
was Dreieck ist, dem Viered< abgesprochen. Ge*'öhnlich drüdrt man mancher Mensch nicht Arzt ist. Das kommt, wie ich Besagt habe, von
in der Schule diese Regel mit folgenden V/orten aus, die den gleichen der Natur der Negation selbst, die wir gerade erklärt haben und die
Sinn haben: \(enn man die Gattung verneint, verneint man auch die darin besteht, daß in den negativen Sätzen das Attribut immer uni-
Art. Denn die Art ist ein Subjekt der Gattung, der ,,Mensch" ist ein versell und in seinem g rrzen Umfang genommen wird, so daß ein
Subjekt vom ,,Lebewesen", denn er ist in dessen Umfang enthalten. besonderes Sub.jekt, wenn es durch Umkehrung Attribut in einem
Die negativen Sätze trennen nicht nur das Attribut von dem Subjekt partikularen negativen Satz wird, zu einem universalen wird und somit
gemä13 des ganzen Umfangs des Attributs ab, sondern sie trennen auch seine Natur gegen die Regeln der echten Umkehrung, die nicht den
Attribut von dem Subiekt gemäß des ganzen Umfangs. den das
dieses einschränkenden Vorbehalt oder den Umfang der Begriffe verändern
Subfekt in dem Satz hat, ab; das heißt: es wird von ihm allgemein darf, ändert. So wird in dem Satz ,,Mancher Mensch ist nicht Arzt"
getrennt, wenn das Subjekt ein allgemeines ist, und besonders, wenn der Ausdruck ,,Mensch" als ein besonderer genommen. Aber in dieser
das Subjekt ein besonderes ist. §/enn ich sage, daß kein Lasterhafter falschen Umkehrung ,,mancher Arzt ist nicht Mensch" wird das §?'ort
glüd<lich ist Ibzw. alle Lasterhaften sind nicht glücklich, Anm. d. ,,Mensch" universell genommen.
168 Die Logik: Zwerrcr Teil. Kapitel XX

\7enn nun die Eigenschaft ,,Arzt" in dem Satz ,,Mancher Mensch ist DRITTER TEIL DER LOGIK
nicht Arzt" von manchem Menschen getrennt ist oder die Idee des
Dreied<s von der Vorstellung ,,manche Figur" in diesem anderen Satz Vom Schluß
,,Manche Figur ist nicht Dreiedr", so folgt daraus ganz und gar nidrt,
daß es Arzte gibt, die keine Menschen und Dreiedre, die keine Ge- Dieser Teil, den wir jerzt z,a behandeln haben und der die Regeln
stalten sind. des Sdrlusses enthält, wird als der wichtigste der Logik angesehen
und fast als der einzige mit ein wenig Sorgfalt dargestellt. Es gibt aber
Grund zu zweifeln, ob er wirklich so nützlidr ist, wie man es sidr vor-
stellt. Die meisten Irrtümer der Menschen kommen vielmehr daher,
wie wir anderswo schon gesagt haben, daß sie auf Grund falscher Prin-
zipien Schlüsse aufstellen, und nicht, daß sie, ihren Prinzipien folgend,
falsdre Schlußfolgerungen ziehen. Es kommt selten vor, daß man sich
durch Schlüsse täuschen läßt, die nur deswegen falsdr sind, weil in
ihnen die Folgerung sc}lecht gezogen ist; und diejenigen, die nicht in
der Lage sind, die Falschheit in ihnen einzig und unmittelbar durch die
Vernunft zu erkennen, werden gewöhnlich auch nicht fähig sein, die
Regeln, die man dafür gibt, zu verstehen und noch weniger, sie anzu-
wenden. Trotzdem würden sie doch zur übung des Geistes dienen,
wenn man diese Regeln auch nur für zur philosophischen Theorie ge-
hörende \Tahrheiten halten würde. Und man kann darüber hinaus nidrt
leugnen, daß sie nicht bei einigen Gelegenheiten und im Hinblick auf
einige Personen, die, ihrer Natur nach lebhaft und tiefblickend, sidr
manchmal nur aus mangelnder Aufmerksamkeit durch falsches Folgern
täuschen lassen, auch wirklid-r gebraucht werden. In diesem Fall würde
das Richten der Aufmerksamkeit des Geistes auf diese Regeln sie
davon abhalten können. §üie dem audr sei: das ist alles, was man zu
diesem Teil der Logik vorzubringen pflegt. Es ist sogar ein wenig
mehr als das, was man sonst darüber sagt.

Kapitel I

Von der Natur des Schlusses und seinen oerscbiedenen Arten

Die Notwendigkeit, Schlüsse aufzustellen, beruht lediglich auf den


engen Schranken des mensdrlichen Geistes, der, wenn er über die \flahr-
heit oder die Falschheit eines Satzes zu urteilen hat, welcher dann
Frage heißt, es nicht immer durch die Betrachtung der zwei Ideen, aus
denen der Satz zusammengesetzt ist, tun kann; von diesen zwei Ideen
heißt diejenige, welche das Subjekt des Satzes ist, der hleine Begriff
(oder Unterbegriff), weil das Subjekt gewöhnlich einen kleineren IJm-
770 Die Logik Dritter Teil. Kapitel 1 l7).

fang als das Attribut hat, und diejenige, welche sein Attribut ist, der Konklusion aufgestellt, die eine notwendige Folge aus ihnen sein muß,
grolle BegrilJ (oder Oberbegriff), und zwar aus dem entgegengesetzten wenn der Syllogismus richtig ist. Das heißt: die Konklusion wird
Grund. Venn also allein die Betrachtung dieser beiden Ideen nichr notwendigerweise wahr sein, vorausgesetzt, daß die Prämissen wahr
ausreicht, um zu entscheiden, ob man das Attribut dem Subjekt zu- sind.
oder absprechen muß, ist es erforderlich, auf eine dritte Idee zurück- Man drückt allerdings nicht immer die beiden Prämissen aus, denn
zugreifen, die entweder unkomplex oder komplex ist (gemäß dem über oft genügt die eine, umsich im Geiste zwei vorzustellen. Und wenn
die komplexen Begriffe Gesagten). Diese dritte Idee heißt MitteL- man auf diese tVeise nur zwei Sätze ausspricht, heißt diese Art von
begriff. Schluß Enthymem, welche der Vorstellung nach ein echter Syllogismus
Nun würde eine Konfrontierung der zwei Ideen vermittels dieser ist, denn der Geist ergänzt den Satz, der nicht ausgedrückt wird, son-
dritten nicht zustande kommen, wenn man die dritte nur mit einem der dern unvollkommen zur Sprache kommt, und gelangt zur Konklusion
beiden Begrifle konfrontieren würde. \üenn ich zum Beispiel wissen nur dank dieses mitverstandenen Satzes.
will, ob die Seele geistig ist und dies zunächst nicht ausmachen kann, Ich habe gesagt, daß es bei einem Schluß wenigstens drei Sätze gibt;
so würde ich, um mir darüber klarzuwerden, die Idee des Denkens er könnte indessen aus viel mehr bestehen, ohne daß er deswegen
wählen. Es ist aber einleuchtend, daß es für mich ohne Nutzen sein fehlerhaft würde, vorausgesetzt, man beachtet immer die Regeln: denn
wird, das Denken mit der Seele zu konfrontieren, wenn ich mir nicht wenn man, nachdem man eine dritte Idee herangezogen hat um zu
im Denken irgendeinen Bezug zu dem Attribut des ,,Geistigen" vor- wissen, ob ein Attribut einem Subjekt zukommt oder nidrt und nadr-
stelle, auf Grund dessen ich beurteilen kann, ob es der Seele zukommr dem marr es mit einem der Begriffe verglichen hat, noch nicht weiß,
oder nicht. Ich könnte zum Beispiel wohl sagen, daß die Seele denkt; ob es dem zweiten Begriff zukommt oder nicht, könnte ich mich, um
ich könnte jedoch nicht daraus folgern ,,also ist sie geistig", wenn ich mir darüber klarzuwerden, einem vierten Begriff zuwenden und selbst
mir nicht irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Begriff ,,denken" einem fünften, wenn das nicht ausreidrt, bis ich bei einem Begriff
und dem Begriff ,,geistig" vorstelle. angekommen bin, der das Attribut der Konklusion an das Subjekt
Dieser Mittelbegriff muß also sowohl mit dem Subjekt oder dem knüpft.
Unterbegriff als audr mit dem Attribut oder dem Oberbegriff kon- Wenn ich zum Beispiel im Zweif el bin, ob die Geizigen unglücklich
frontiert werden, und zwar mit jedem der Begriffe gerrennt, wie in sind, werde ich zuerst in Erwägung ziehen können, daß die Geizigen
den Schlüssen, die man aus diesem Grunde einfache nennt, oder mit voller Begierden und Leidenschaften sind. tWenn das mich noch nicht
beiden zugleich, wie in den Schlüssen, die man konjunktive nennt. zu der Konklusion veranlaßt, ,,also sind sie unglücJ<lich", werde ich
Aber dieser Vergleich verlangt sowohl in der ersten als auch in der prüfen, was es bedeutet, von der Gier erfüllt zu sein. Ich werde in
zweiten §7eise zwei Sätze. dieser Idee jene andere finden, viele begehrte Dinge zu vermissen und
Von den konjunktiven Schlüssen werden wir besonders sprechen; das Unglüdr in dieser Privation der Dinge, nach denen man verlangt,
das über die einfachen Gesagte ist jedoch einleuchtend, denn wenn der was mir Gelegenheit zur Bildung folgenden Schlusses geben wird: Die
Mittelbegriff einmal mit dem Attribut der Konklusion konfrontiert Geizigen sind voller Begierden; denen, die voller Begierden sind, fehlt
wird (was nur bejahend oder verneinend gesdrehen kann), entsteht vieles, denn es ist unmöglidr, daß sie alle ihre \Wünsche befriedigen;
der Obersatz, so genannt, weil das Attribut des Schlußsatzes ,,Ober- diejenigen, denen das Begehrte fehlt, sind unglücklich. Also sind die
begriff" heißt. Geizigen unglücklich.
Und wenn er dann mit dem Subjekt der Konklusion konfrontiert Diese aus mehreren Sätzen zusammengesetzten Schlüsse, deren erster
wird, entsteht der [Jntersarz, so genannt, weil das Subjekt der Kon- Satz vom zweiten abhängt usw., heißen ,,Soriten"; in der Mathematik
klusion Unterbegriff heißt. sind sie die gewöhnlichste Art von Schlüssen. \fleil aber, wenn sie zu
Schließlich kommt die Konklusion, die der zu beweisende Satz selbst lang sind, der Geist größere Mühe hat, ihnen zu folgen und weil die
ist, der, vor der Durchführung des Beweises, Frage hieß. Anzahl von drei Sätzen dem Umfang unseres Geistes angemessener
Es ist gut zu wissen, daß die zwei ersten Sätze auch Prämissen ist, hat man größere Sorgfalt darauf verwendet, die Regeln der guten
(praemissae) heißen, denn sie werden, zumindest im Geiste, vor der und der schlechten Syllogismen zu prüfen, das heißt der aus drei
.:i.i
772 Die Logik Dritter Teil. Kapitel IIiIII L7i
Sätzen bestehenden Argumente. Diesem Braudr kann man sich auch dem Mittelbegrifr in einem der Särze zu verbinden, und den restlichen
anschließen, denn diese Regeln können leicht auf alle aus mehreren Teil, der jetzr. nur aus einem einzigen Begrifi besteht, um ihn mit dem
Sätzen zusammengesetzten Schlüsse angewandt werden, da sie sich Mittelbegriff in dem zweiten Satz zt verbinden. So wie in folgen-
alle auf Syllogismen zurückführen lassen, wenn sie richtig sind. dem Argument:
Das göttliche Gesetz heißt, die Könige zu ehren:
Ludwig XIV. ist König;
Kapitel II Also heißt das göttliche Gesetz, Ludwig XIV. zu ehren.
'Wir werden die einfachen Argumente der ersten Art entwirrte
und
Einteilung der Syllogismen in eint'acbe und in honjunktive; wnd der inkomplexe und die der anderen verwickelte oder komplexc nennen;
einlacben in inkomplexe uncl in komplexe was nicht bedeuten soll, daß alle einfachen Argumente, in denen kom-
plexe Sätze vorkommen, zur zwerten Art zrt rechnen seien, sondern
Die Syllogismen sind entweder einfache oder konjunktive. Einfach nur, daß es kein einfaches Argument von der zweiten Art gibt, in den.r
sind diejenigen, bei denen der Mittelbegriff nur mit einem der Begriffe nicht komplexe Sätze vorkämen.
der Konklusion auf einmal verbunden wird. Die konjunktiven sind Obgleich nun die Regeln, die man gewöhnlich für die einfachen
diejenigen, in denen er mit beiden zugleich verbunden wird. Schlüsse gibt, für alle komplexen Schlüsse gelten könnten, indem man
Folgendes Argument ist demnach einfach: sie umkehrt, werden wir dennoch, weil die Kraft der Konklusion
Jeder gute Fürst wird von seinen LJntertanen geliebt; nicht von dieser Umkehrung abhängt, hier die Regeln der einfachen
jeder fromme König ist ein guter Fürst; Schlüsse nur auf die inkomplexen anwenden und es uns vorbehalten,
also wird jeder fromme König von seinen lJntertanen geiiebt, die komplexen Schlüsse eigens zu behandeln.
weil der Mittelbegriff jeweils separat mir ,,frommer König", dem
Subjekt der Konklusion, und mit ,,geliebt von seinen LJnrerranen",
dem Attribut der Konkiusion, verbunden wird. Kapitel III
Folgendes aber ist aus dem entgegengesetzten Grund ein konjunk-
tives: Allgemeine Regeln der inhomplexen einfacben Syllogismen
Venn eine Republik Parteiungen unterworfen ist, ist sie nicht von
Ianger Dauer; Dieses Kapitel und die folgenden gehören zu jenen, von denen in
Nun ist eine Republik Parteiungen unterworfenl der Vorrede gesagt wurde, daß sie subtile und für die Theorie der
also ist eine Republik nicht von langer Dauer. Logik notwendige Gegenstände enthalten, die aber für den alltäg-
Denn ,,Republik", das heißt das Subjekt, und ,,von langer Dauer lichen Gebrauch wenig Bedeutung haben.
sein", das heißt das Attribut, sind in dem Obersatz enthalten. §(ir haben in den vorhergehenden Kapiteln schon gesehen, daß
Da diese beiden Arten von Syllogismen ihre besonderen Regeln ein einfacher Syllogismus nur aus drei Begriffen bestehen muß, den
haben, werden wir sie getrennt behandeln. beiden Begriflen der Konklusion und einem einzigen Mittelbegriff,
Die einfachen Syllogismen, deren Mittelbegriff jeweils einzeln mit die alle zweimal wiederholt werden, was drei Sätze ergibt: den Ober-
.jedem der Begriffe der Konklusion verbunden ist, sind von zweifacher satz mit dem Mittelbegriff und dem Attribut der Konklusion, Ober-
Art. begriff genannt; den lJntersatz mit dem Mittelbegriff und dem Subjekt
Bei der einen ist jeder Begriff als ganzer mit dem Mittelbegriff ver- der Konklusion, genannt der Unterbegriff, und die Konklusion, deren
bunden; ir.r diesem Fall ist der Mittelbegriff mit dem ganzen Attribut Subjekt der Unterbegriff und deren Attribut der Oberbegriff ist.
im Obersatz und dem ganzen Subjekt im Untersatz verbunden. '§ü'eil
man aber nicht alle Arten von Schlußfolgerungen aus allen
Die andere ist die Art, bei der man, da die Konklusion komplex, Arten von Prämissen ziehen kann, gibt es allgemeine Regeln, die
das heißt aus komplexen Begriffen zusamrnengesetzt isr, nur einen zeigen, daß in einem Syllogismus, in dem sie nicht befolgt werden,
Teil des Suby'ekts oder einen Teil des Attributs nimmt, um ihn mit keine Folgerung richtig gezogen werden kann. Diese Regeln beruhen
174 Die Logik Dritter Teil. Kapitel III 1,75

auf den Axiomen, die im zweiten Teil über die bejahenden, verneinen- ger" vereinigen, denn Heiliger und Dieb sind nicht demselben Men-
den, allgemeinen und besonderen Sätze aufgestellt werden, so daß schen zugesprochen worden.
sie nur angeführt zu werden brauchen, da sie anderswo bewiesen Von dem Subjekt und dem Attribut des Schlußsatzes läßt sich nicht
wurden. das gleiche sagen. Denn auch wenn sie zweimal als besondere angeserzt
1. Die besonderen Sätze sind in den allgemeinen von gleicher Natur werden, kann man sie gleichwohl miteinander vereinigen, indem man
enthalten und nicht die allgemeinen in den besonderen: I in A und einen dieser beiden Begriffe mit dem Mittelbegriff nach dessen garrzem
O in E und nicht A in I und auch nicht E in O. Umfang verbindet. Denn es folgt daraus sehr wohl, daß, wenn der
2. Das Subjekt eines Satzes, als allgemeines oder als besonderes ge- Mittelbegriff mit einem seiner Teile mit irgendeinem Teil des zweiten
nommen, ist das, was ihn zu einem allgemeinen oder einem beson'' Begriffs vereinigt ist, dann der erste Begrifi, von dem wir sagten, daß
deren macht. er mit dem ganzer, Mitteibegrifl verbunden ist, sich auch mit dem
3. Das Attribut eines bejahenden Satzes wird, da es nie größeren Um- Begriff verbunden finden wird, dem irgendein Teil des Mittelbegriffs
fang als das Subjekt hat, immer als besonderes angesehen; allerdings: zugeordnet wurde. lVenn es nämlich einige Franzosen in jedem Haus
wenn zufällig das Attribut von sich aus den gleichen Umfang wie von Paris gibt und Deutsche in manchen Häusern von Paris, dann
das Subjekt hat, wird es als allgemeines in den bejahenden Satz gibt es Häuser, in denen es einen Franzosen und einen Deutsdren zu-
eingesetzt. sammen gibt.
4. Das Attribut eines negativen Satzes wird stets als allgemeines ver-
,,'§7enn irgendwelche Reichen dämlich sind;
standen. Und alle Reichen geehrt werden:
Hauptsächlich durch diese Axiome sind die allgemeinen Regeln der Dann gibt es dämliche Mensdren, die geehrt werden."
Syllogismen, die man nicht verletzen kann, ohne zu falschen Schlüssen
zu kommen, begründet. Denn diese Reichen, die dämlich sind, werden auch geehrt, da alle
Reichen geehrt werden, und folglich sind bei diesen dämlichen und
geehrten Reichen die Eigenschaften ,,dämlich" und ,,geehrt" mitein-
Erste Regel: ander verbunden.
Der Mittelbegriff kann nicht zweimal im Sinne eines besonderen
Begriffes verwendet werden, sondern er muß weuigstens einmal im
Sinne eines allgemeinen eingesetzt werden. Zweite Regel:
Die Begriffe der Konklusion können in der Konklusion nicht all-
Denn da er die beiden Begriffe der Konklusion vereinigt oder trennt, gemeiner genommen werden als in den Prämissen.
lrl:.,,:'i:: ist es einleuchtend, daß er dies nicht tun kann, wenn er auf zwei ver-
t:t schiedene Teile eines und desselben Ganzen bezogen wird, denn es Deswegen wird der Schluß falsch sein, wenn der eine oder der
r. wäre vielleicht nicht derselbe Teil, der mit diesen beiden Begriffen andere der beiden Begriffe in der Konklusion als ein allgemeiner an-
verbunden oder von ihnen getrennt wird. W'enn er nun zweimal als gesetzt wird, während er in den Prämissen als ein besonderer angesetz!
ein besonderer verwendet wird, kann er zwei verschiedene Teile des- wurde.
selben Ganzen vertreten; folglich könnte man daraus nicht folgern, Der Grund davon ist der, daß man vom Besonderen aus nicht auf
wenigstens nicht zwingend. Und das genügt, um ein Argument zu das Allgemeine schließen kann (nach dem ersren Axiom). Denn daraus,
verderben, denn guter Syllogismus heißt, wie gerade gesagt wurde, daß mancher Mensch schwarz ist, kann man nicht folgern, daß jeder
nur derjenige, dessen Konklusion nicht falsch sein kann, wenn die Mensch schwarz ist.
Prämissen richtig sind. Zum Beispiel wird in dem folgenden Argument: 1. Korollar:
,,Mancher Mensch ist heilig; Mancher Mensch ist Dieb: Also ist man- Es muß immer in den Prämissen einen allgemeinen Begriff mehr als
cher Dieb heilig" das 'Wort ,,Mensch" auf zwei verschiedene Teile der in der Schlußfolgerung geben. Denn jeder Begriff, der in der Schluß-
Gesamtheit der Menschen bezogen und kann nicht ,,Dieb" mit ,,Heili- folgerung allgemein ist, muß es auch in den Prämissen sein; außer-
176 Dic Logik Dritter Teil. Kapitel III 1.77

dem muß der Mittelbegriff wenigstens einmal als ein allgemeiner Desgleichen: \Wenn die Trennung des Mittelbegriffs von dem Unter-
angesetzt werden. begrifl im Hinblick auf irgendeinen Teil des Unterbegriffs irgend
2. Korollar: etwas beweist, beweist sie es auch im Hinblick auf alle Teile, denn
\Wenn die Schlußfolgerung negativ ist, muß notwendig der Ober- er ist in gleicher §7eise von allen Teilen gerrennr.
begriff im Obersatz als ein allgemeiner angesetzt werden. Denn er 5. Korollar:
wird in der negativen Schlußfolgerung als ein allgemeiner angesetzt Ist der lJntersatz ein allgemeiner negativer, so kann, wenn man
(nach dem 4. Axiom) und folglich muß er auch im Obersatz als ein daraus eine berechtigte Schlußfolgerung ziehen kann, diese immer
allgemeiner angesetzt werden (nadr der 2. Regel). allgemein sein. Das ist eine Folge des vorhergehenden Korollars.
3. Korollar: Denn der Unterbegriff würde stets im [Jntersatz als ein allgemeiner
Der Obersatz eines Argumentes, dessen Schlußfolgerung negativ ist, angesetzt werden, wenn dieser ein negativer allgemeiner ist; sei
kann niemals ein besonderer bejahender Satz sein. Denn sowohl es, daß er das Subjekt des Untersatzes (nach dem 2. Axiom), sei
das Subjekt als auch das Attribut eines bejahenden Satzes werden es, daß er sein Attribut ist (nach dem 4. Axiom).
als besondere angesetzt (nach dem 2. und dem 3. Axiom). Daher
würde in diesem Fall der Oberbegriff entgegen dem 2. Korol-
Iar
-
in dem Obersatz als ein besonderer genommen werden. Dritte Regel:
-
4. Korollar: Man kann aus zwei negariven Sätzen nichts folgern.
Der Unterbegriff ist in dem Schlußsatz immer von der Art wie er
in den Prämissen ist. Das heißt: so wie er in dem Schlußsatz nur Denn zwei negative Sätze trennen das Subjekt von dem Mittel-
als ein besonderer angesetzt sein kann, wenn er in den Prämissen begriff ab, ebenso das Artribut von demselben Mittelbegriff. Nun folgt
ein besonderer ist, kann er auch entsprechend, in dem Sdrlußsatz aus der Tatsache, daß zwei Dinge von einem dritten getrennt sind,
immer allgemein sein, wenn er es in den Prämissen ist. Denn der weder, daß ihnen dieselbe Sache zukommt noch daß sie ihnen nicht
Unterbegriff könnte nur dann in dem lJntersatz allgemein sein, zukommt. Daraus, daß die Spanier keine Türken sind und die Türken
das Subjekt ausmachend, wenn er mit dem Mittelbegriff allgemein keine Christen, ergibt sich nicht, daß die Spanier keine Christen sind;
vereinigt oder getrennt ist; und er kann nur dann sein Attribut und es ergibt sich auch nicht, daß die Chinesen keine Christen sind,
sein und zugleich als allgemeiner angesetzt werden, wenn der Satz obgleich sie nicht türkischer als die Spanier sind.
negativ ist, denn das Attribut eines bejahenden Satzes wird immer
als ein besonderes angesetzt. Nun besagen die negativen Sätze, daß
das Attribut hinsichtlich seines ganzen Umfangs von dem Subjekt Vierte Regel:
gerrennt ist. Man kann nicht eine negative Konklusion durch zwei affirmative
Folglich besagt ein Satz, in dem der Unterbegriff ein allgemeiner Sätze beweisen.
ist, entweder eine Vereinigung des Mittelbegriffs mit dem ganzerr
[Jnterbegriff oder eine Trennung des Mittelbegriffs von dem ganzen Denn daraus, daß die zwei Begriffe der Konklusion mit einem
Unterbegriff. dritten vereinigt sind, kann man nicht beweisen, daß sie untereinander
'W'enn man nunauf Grund dieser Vereinigung des Mittelbegriffs getrennt sind.
mit dem Unterbegrifl folgert, daß eine andere Idee mit diesem
Unterbegriff verbunden ist, muß man folgern, daß sie dem ganzen
Unterbegriff zukommt und nicht nur einem Teil von ihm. Denn Fünfte Regel:
da der Mittelbegriff dem ganzen Unterbegriff zugeordnet wird, Die Konklusion folgt immer dem schwächeren Teil, das heißt:
kann er durch diese Vereinigung nichts von einem Teil beweisen, wenn einer der beiden Sätze negativ ist, muß sie negativ sein;
was er nicht auch von den anderen beweist, denn er ist allen Teilen und wenn einer der beiden ein partikularer ist, muß sie partikular
zugeordnet. sein.
178 Die Logik Dritter Teil. Kapitel IV t79

Der Beweis dafür ist, daß bei einem verneinenden Satz der Mittel- sich: AEO ist niemals ein Syllogismus für sich; er ist nur ein in
begriff von einem der Teile des Schlußsatzes getrennt wird: daher ist AEE enthaltener Syllogismus.
er unfähig, sie zu vereinigen, was aber für einen bejahenden Schluß-
satz erforderlich wäre.
Und wenn es einen partikularen Satz gibt, kann die Schlußfolgerung Sec-hste Regel:
daraus nicht allgemein sein. Denn wenn die Schlußfolgerung allgemein Aus zwei partikularen Sätzen ergibt sich niclrts.
belahend ist, so ist das Subjekt allgemein. Es muß daher auch im Unter-
satz ein allgemeines sein und folglich das Subiekt sein, da in den be- Denn wenn sie beide be.iahende sind, wird der Mittelbegriff in ihnen
jahenden Sätzen das Attribut niemals als ein allgemeines angesetzt zweimal als ein besonderer genommen, sei es, daß er Subjekt ist (nach
wird. Also wird der diesem Subjekt zugeordnete Mittelbegriff im dem zweiten Axiom), sei es, daß er Attribut ist (nach dem dritten
[Jntersatz partikular sein. Also wird er im Obersatz allgemein sein, Axiom). Nun läßt sich nach der ersten Regel durch einen Syllogismus,
denn andernfalls wäre er zweimal partikular. Also wird er das Sub- dessen Mittelbegriff zweimal als ein besonderer genommen wird, nichts
jekt des Obersatzes sein. Foiglich wird auch dieser Obersatz aiigemein folgern.
sein. Daraus ergibt sich: es kann keinen partikularen Satz in einem Und wenn es in dem Argument eines Schlusses, dessen Konklusion
bejahenden Argument geben, dessen Konklusion allgemein ist. ein verneinender Satz ist, einen verneinenden Satz gibt (nach der vor-
Dies wird noch klarer bei allgemeinen verneinenden Schlußsätzen. angehenden Regel), müssen zum mindesten zwei allgemeine Begrifle
Denn daraus ergibt sich unter Berücksichtiguug des ersten Korollars, in den Prämissen sein, gemäß dem zweiten Korollar. Also muß es in
daß es drei allgemeine Begriffe in den beiden Prämissen geben muß. den zwei Prämissen einen allgeneinen Satz geben. Denn es ist unmög-
Nun muß es, nach der dritten Regel, einen bejahenden Satz in den lich, drei Begriffe in zwei Sätzen, in welchen zwei Begriffe als all-
Prämissen geben, dessen Attribut als ein besonderes verstanden wird. gemeine vorkommen müssen, anzuordnen, ohne daß man entweder
Folglich sind die übrigen drei Begriffe in den zwei Prämissen als all- zwei verneinende Attribute setzr (was aber der dritten Regel wider-
sprechen würde), oder eines der Subjekte als ein allgemeines
gemeine angesetzt und somit die beiden Subjekte der zwei Sätze. Und
sich der allgemeine Satz ergibt.
- woraus
das macht sie zu allgemeinen Sätzen. Also ist das zu Beweisende be-
wiesen worden.
6. Korollar:
lü/as das Allgemeine folgert, folgert auch das Besondere. Kapitel IV
rWas A folgert, folgert I; was E folgert, folgert O. Vas aber das
Besondere folgert, folgert deswegen nicht das Allgemeine. Das ist Von d.en Figuren und Modi der Syllogismen im allgemeinen. Beueis,
eine Folge der vorhergehenden Regel und des ersten Axioms. Es ist da$ es nwr oier Figwren geben bann
aber anzumerken, daß es den Menschen gefallen hat, die Arten des
Syllogismus nur nach seiner edelsten Konklusion, nämlich der all- Nach der Aufstellung der allgemeinen Regeln, die bei allen ein-
gemeinen, zu betrachten: so daß man nicht für eine besondere Art fachen Schlüssen notwendig befolgt werden müssen, bleibt zu unter-
des Syllogismus denjenigen hält, bei welchem man das Besondere suchen, wie viele Arten von Syllogismen es geben kann.

nur deswegen folgert, weil man auch das Allgemeine daraus folgern Man kann von vornherein sagen, daß die Anzahl der Arten der
kann. Anzahl der '§Teisen entspricht, die drei Sätze eines Syllogismus und
Aus diesem Grund gibt es keinen Syllogismus, der mit A als Ober- die drei Begriffe, aus denen sie bestehen, anzuordnen, ohne diese
satz und E als Untersatz als Schlußfolgerung O hätte. Denn (nach Regeln zu verletzen.
dem 5. Korollar) vermag die Schlußfolgerung eines allgemeinen Die Anordnung der drei Sätze nach ihren vier verschiedenen Mög-
negativen LJntersatzes immer allgemein zu sein. 'W'enn man dem- lichkeiten AEIO heißt modws.
nach keine allgemeine aus ihm ableiten kann, dann nur deswegen, Und die Anordnung der drei Begriffe, d. h. des Mittelbegriffs mit
weil n.ran übelhaupt keir.re aus ihm ableiten kann. Daraus ergibt den zwei Begriffen IAnrn. d. Übers.: in allen Originalauflagen steht
I 80 l)ic t.ogik Dritter Teil. Kapitel IV 181

an dieser Stelle ,,trois termes", in der durchgesehenen Ausgabe von Denn entweder ist der Mittelbegrifr Subjekt im Obersatz und Attri-
L. Barr6, Paris 1874, ist es in ,,deux termes" korrigiertl der Schluß- but im LJntersatz: das ergibt die erste Figur; oder er ist Attribut im
folgerung heißt Figwr. Obersatz und im fJntersatz: das ergibt die zweite Figur; oder er ist
Man kann sich nun ausrechnen, wieviel Modi des Folgerns es gibt, Subjekt in dem einen und dem anderen: das ergibt die dritte Figur;
die verschiedenen Figuren, nach denen ein und derselbe Modus in ver- oder er ist schließlich Attribut im Obersatz und Subjekt im Untersatz.
schiedenen Syllogismen erscheinen kann, außer Betracht lassend. Denn Das kann eine vierte Figur bilden, da es sicher ist, daß man manchmal
nach der Lehre der Kombinatorik können vier Elenrente (wie AEIO stringent ir-r dieser'üfleise folgern kann, was auch genügt, um eine echte
es sind), indem jeweils eine Dreiergruppe aus ihnen herausgegriffen Syllogisn'rusart anzunehmen. Beispiele dafür werden später gegeben
wird, in 64 verschiedenen §Teisen zusammengestellt werden. Diejenigen werden.
aber, die sich anschließend die Mühe machen werden, diese 64 verschie- Trotzdem haben Aristoteles und diejenigen, die sich ihm anschließen,
denen Weisen jeweils einzeln zu betrachten, werden herausfinden, daß: diese Art des Räsonierens nicht als Figur anerkannt, weil diese
28 nach der dritten und der sechsten Regel, gemäß denen man nichts vierte \7eise des Folgen'rs eine sehr unnatürliche ist und eine solche,
aus zwei negativen und zwei panikularen Sätzen folgert, ausge- zu der der Geist nie von sich aus neigt. Galen hat das Gegenteil
schlossen sind, behauptet. Es ist aber einleuchtend, daß es sich nur um einen Streit
18 nach der fünften, gemäß der die Konklusion dem schwächeren Teil um rü/orte handelt, der sofort entschieden wird, sobald man beide
folgt, ausgeschlossen sind, Parteien zLl sagen auffordert, was sie unter dem lWcrt,,Figur" ver-
6 nach der vierten, gemäß der man nicht aus zwei affirmativen stehen.
Sätzen negativ folgern kann, ausgeschlossen sind, Diejenigen aber, die als eine vierte Figur die Umkehrung der Reihen-
1, nämlich IEO, nach dem 5. Korollar der allgemeinen Regeln ausge- folge der Prämissen in dem Argument der ersten Figur halten, wie
schlossen ist, wenn man sagt: ,,Alle Körper sind teilbar
1, nämlich AEO, nach dem 6. Korollar der allgemeinen Regeln ausge- unvollkommen
- alles, was teilbar ist, ist
also sind alle Körper unvollkommen", täuschen
schlossen ist. -
sich und werfen Aristoteles mit Unrecht vor, eine solche vierte Figur
Das macht im ganzen 54. Folglich bleiben nur zehn richtig folgernde nicht anerkannt zu haben. Ich staune, daß Herr Gassendi diesen Fehler
Modi: begangen hat. Denn es ist lächerlich, immer den an erster Steile stehen-
4 bejahende : AAA 6 verneinende : EAE dcn Satz für den Obersatz eines Syllogismus und den an zweiter Stelle
AII AEE stehenden für den ljntersatz zu halten. -ü/enn es so wäre, müßte man
AAI EAO oft die Konklusion selbst als den Obersatz oder den ljntersatz eines
IAI AOO Argumentes ansehen, denn zuweilen ist sie der erste oder der zweite
oAo der drei Sätze, die es ausmachen, wie z. B. in den folgenden Versen
EIO von Floraz die Konklusion der erste Satz, der Untersatz der zweire
Daraus ergibt sich jedodr nicht, daß es nur zehn Arten von Syllogis- und der Obersatz der dritte Satz ist:
men gibt, denn jeder einzelne dieser Modi kann verschiedene Arten
abgeben, gemäß jener anderen, die Vielheit der Syllogismen aus- Qui mclior scn,o, qui liberior sit avarus;
machenden \Weise, nämlich gemäß der verschiedenen Anordnung der In triviis fixum cum se dimittit ad essem
Non video: nem qui cupiet rrr.tuer quoque; porro
drei Begriffe, die, wie wir bereits gesagt haben, Figur heißt.
Qui metuens vivit liber mihi non erit unquam.
Nun kann sich diese Anordnung der drei Begriffe nur auf die ersten
beiden Sätze beziehen, denn die Schlußfolgerung liegt bereits vor, Denn diese Verse lassen sich auf folgendes Arsument reduzieren:
bevor man die Syllogismen aufstellt, um sie zu beweisen. Und so gibt Derjenige, welcher sich im Zustand ununterbrochener Besorgnis be-
es auch nur vier mögliche Figuren, da der Mittelbegriff nur auf vier findet, ist nicht frei:
verschiedene §(eisen mit den beiden Begriffen der Konklusion zu- Jeder Geizige befindet sich irn Zustand ununterbrochener Besorgnis;
sammengestellt werden kann. also ist kein Ceiziger f rei.
182 Dic Logik Dritter Teil. Kapitel V 183

Man darf also die einfache räumliche Anordnung der Sätze gar nicht ist, so wird der Mittelbegriff, der hier das Attribut ist, als ein beson-
berüdisichtigen, die am Sinne nichts ändert, nnd man muß zu den derer genommen. Aiso muß er im Obersatz, wo er Subjekt ist, ein
Syllogismen der 1. Figur alle dic'.ienigen rechnen, bei denen der Mittel- allgemeiner sein, was den Obersatz allgemein macht. Anderenfalls
begrilT Subjekt in dern Satz ist, in dcm der Oberbegriff (das heißt das wäre er zweimal als ein besonderer genommen, was gegen die erste
Attribut der Konklusion) steht, und Attribut in dem Satz, in dem allgemeine Regel verstoßen würde.
der Unterbegriff (das heißt das Subjekt der Konklusion) steht. Daher
bleiben ais vierte Figur nur die Syilogismen übrig, bei denen im Gegen-
teil der Mittelbegriff Attribut im Obersatz und Subjekt im Untersatz Beweis,
ist. Und so werden wir sie auch nennen, ohne daß jemand daran An- daß es von der ersten Figur nr.rr vier Modi geben kann.
stoß nehmen kann, da wir von vornherein darauf aufmerksan-r machen,
daß wir mit dem Ausdruck ,,Figur" nichts anderes als irgendeine be- Im vorhergehenden Kapitel wurde gezeigt, daß es nur zehn Modi
stimmte Anordnung des Mittelbegrifs meinen. Modi sind aber AEE und
des Folgerns geben kann. Von diesen zehn
AOO nach der ersten Regel dieser Figur ausgeschlossen, gemäß der
der Obersatz allgemein sein rnuß.
Kapitel V AAI und EAO sind nach dem vierten Korollar der allgemeinen
Regeln ausgeschlossen. Denn da der Unterbegriff Subjekt im lJntersatz
Regeln, Modi und Begrünrlungen der ersten Figur ist, kann dieser nicht ein allgemeiner sein, ohne daß es auch die Kon-
klusion ist.
Die erste Figur ist also diejenige, bei der der Mittelbegriff Subjekt Folglich bleiben nur diese vier Modi:
im Obersatz und Attribut im Untersatz ist. 2 bejahende - AAA 2 verneinende - EAE
Diese Figur hat nur zwei Regeln: AII EIO

Erste Regel: Das war das zu Beweisende


Der lJntersatz muß affrmativ sein.
Zur Erleichterung des Gedächtnisses hat man diese vier Modi mit
Denn wenn er negativ wäre, wäre der Obersatz bejahend nach der künstlichen Namen belegt, deren drei Silben den drei Sätzen des
dritten allgemeinen Regel und die Konklusion negativ nach der fünf- Schlusses entsprechen, wobei der Vokal jeder Silbe angibt, von welcher
ten. Dann wäre der Oberbegriff in der Konklusion als ein allgemeiner Art der entsprechende Satz sein muß. Auf diese '§fleise erweisen sich
genommen, da sie eine negative sein würdel und als ein besonderer im diese Narnen als sel'rr bequem in der Schulphilosophie; man gibt
Obersatz, weil er das Attribut dieses Satzes in dieser Figur ist und närnlich durch ein einziges 'Wort klar eine der Arten des Syllogis-
weil der Obersatz affirmativ ist, was gegen die zweite Regel ver- mus an, was man sonst nur durch eine lange Rede würde machen
stoßen würde, die verbietet, vom Besonderen auf das Allgemeine zu können.
schließen. Dieser Grund gilt auch im Hinblick auf die dritte Figur, BAR - 1üer immer diejenigen vor Hunger sterben läßt, welche er
bei der ebenfalls der Oberbegrifl Attribut in dem Obersatz ist. ernähren muß, ist Mörder;
BA - Alle Reichen, welche keine Almosen für die öffentliche §(ohl-
tätigkeit geben, lassen diejenigen sterben, welche sie er-
Zweite Regel: nähren müssen.
Der Obersatz muß allgemein sein. RA Also sind sie Mörder.
CE -- Kein verstodrter Dieb darf erwarten, gerettet zu werden:
Denn wenn der lJntersatz nach der vorhergehenden Regel bejahend LA - Alle diejenigen, welche sterben, nachdem sie sich an dem
184 l)ic t-ogik Dritter Teil. Kapitel VI 185

Gut der Kirche bereichert haben ohne es wiederersetzen zu ,,Baum" wird allen Lebewesen abgesprochen, er wird also auch allen
wollen, sind verstockte Diebe. Menschen abgesprochen, denn sie sind Lebewesen. Man drückt das in
RENT- Also darf keiner von ihnen erwarten, gerettet zu werden. der Schulphilosophie auf folgende 'W'eise aus: Quod negatur de con-
DA Alles, was zum Heile dient, ist vorteilhaft: sequenti negatur de antecedenti. \Was wir bei der Erörterung der
RI -- Es gibt Seelenkummer, der zum Heile dient. negativen Sätze gesagt haben, enthebt mich der Notwendigkeit, hier
I Also gibt es Seelenkummer, der von Vorteil ist. 1änger davon zu sprechen.
FE -- Das, worauf unausbleiblich Bedauern folgt, ist niemals her- Es bleibt anzumerken, daß nur bei der ersten Figur die Konklusion
beizuwünschen. von vierfacher Art sein kann, nämlich AEIO.
RI Es gibt Freuden, auf die unausbleiblich Bedauern folgt. Und daß ausschließlidr sie A als Konklusion haben kann. Der Grund
o - Also gibt es Freuden, die nicht herbeizuwünschen sind. davon ist der, daß, damit die Schlußfolgerung eine allgemein be-
- jahende ist, der Unterbegriff im Untersatz als ein allgemeiner ange-
setzt werden muß und daß er demzufolge sein Subjekt sein muß und
Begründung der ersten Figur der Mittelbegriff das Attribut: daraus ergibt sich, daß der Mittel-
begriff hier als ein besonderer angesetzt wird. Er muß also im Obersatz
Da in dieser ersten Figur der Oberbegriff dem allgemein genom- als ein allgemeiner eingesetzt werden (nach der ersten allgemeinen
menen Mittelbegrifl zu- oder abgesprochen wird, und eben derselbe Regel) und folglich sein Subjekt sein. Nun besteht darin die erste Figur,
dem Unterbegriff oder dem Subjekt der Konklusion in dem lJntersatz- daß in ihr der Mittelbegriff Subjekt im Obersatz und Attribut im
zugesprochen wird, ist es einleuchtend, daß sie durch nur zwei Prin- ljntersatz ist.
zipien begründet ist; das eine für die affirmativen Modi, das andere
für die negativen. Kapitel VI
Das Prinzip der affirmativen Modi:
Alles, was einer Idee, die als eine allgemeine angesetzt ist, zukommt, Regeln, Modi und. Begründungen der zweiten Figur
kommt auch allem zu, dem diese Idee zugesprochen wird, oder denr,
was Träger dieser Idee ist, oder dem, was in dem Umfang dieser Idee Die zweite Figur ist diejenige, bei der der Mittelbegriff zweimal
enthalten ist (um drei gleichbedeutende Ausdrüdre zu gebrauchen). Attribut ist. Daher müssen, damit sich die Schlußfolgerung als eine
Demnach kommt die Idee ,,Lebewesen", indem sie allen Menschen zwingende ergibt, folgende zwei Regeln beachtet werden.
zukommt, auch allen Äthiopiern zu. Dieses Prinzip wurde in dem
Kapitel, in dem wir die Natur der affirmativen Sätze behandelt haben,
so ausführlich erklärt, daß eine zusätzliche Klärung hier überflüssig ist. Erste Regel:
Es genügt, darauf hinzuweisen, daß man es in der Schulphilosophie Einer der beiden ersten Sätze nruß negativ sein und folglich auch
gewöhnlich auf folgende lVeise ausdrückt: quod convenit consequenti, der Schlußsatz nach der sechsten allgemeinen Regel.
convenit antecedenti; wobei anzumerken ist, daß man unter dem
Ausdruck ,,Folge" (consequens) eine allgemeine Idee versteht, die Denn wären sie beide bejahend, dann wäre der Mittelbegriff, der
einer anderen zugesprochen wird, und unter ,,Grund" (antecedens) immer Attribur ist, zweimal als ein besonderer genommen, entBegen
das Subjekt, dem sie zugesprochen wird, denn in der Tat läßt sich der ersten allgemeinen Regel.
\q.,1$
das Attribut als aus dem Subjekt sich ergebende Folge anffassen: wenn
er Mensch ist, ist er Lebewesen.
Das Prinzip der negativen Modi. Zweite Regel:
§7as einer Idee, die als eine allgemeine angesetzt ist, abgesprochen Der Obersatz muß allgemein sein.
wird, wird auch allem demjenigen abgesprochen, dem diese Idee zu-
gesprochen wird. Denn der Oberbegriff oder das Attribut wird, wenn die Konklusion
186 Die Logik Dritter Teil. Kapitel VI 787

verneinend ist, als ein allgerneiner angesetzt. Nun ist dieser Begrifl Es wäre leicht, alle diese verschiedenen Arten von Argumenten durch
Subjekt in dem Obersatz. Also muß er hier ein allgemeirrer sein und einige Umwege auf ein einziges Prinzip zurückzuführen. Es ist aber
demzufolge den Obersatz zu einem allgemeinen machen. vorteilhafter, zwei auf ein Prinzip zurückzuführen und zwei auf ein
zweites, denn die Abhängigkeit von und die Verbindung mit diesen
beiden Prinzipien ist klarer und unmittelbarer.
Beweis,
daß es bei der zweiten Figur nur vier Modi geben kann. Prinzip der Argumente in CESARE und FESTINO.
Das erste dieser Prinzipien ist das, was auch zlr Begründung der
Von den zehn Modi des Folgerns sind die vier bejahenden nach der negativen Argumente der crsten Figur dient; nämlich: was einer allge-
ersten Regel dieser Figur ausgeschlossen, die besagt, daß eine der meinen Idee abgesprochen wird, wird auch allem abgesprochen, dem
Prämissen negatiy sein muß. diese Idee zugesprochen wird, das heißt allen Trägern dieser Idee.
OAO ist nach der zweiten Regel ausgeschlossen, nach der der Ober- Denn es ist einleuchtend, daß die Argumente in CESARE und
satz allgemein sein muß. FESTINO auf diesem Prinzip aufgebaut sind.
EAO ist aus dem gleichen Grund wie in der ersten Figur aus- Zum Beispiel: Um zu zeigen, daß kein Ehrenmann Lügner ist, habe
geschlossen, weil der Unterbegrif ebenfalls Subjekt im Untersatz ich im Hinblick auf jeden Ehrenmann bejaht, daß er glaubwürdig ist,
ist. und ich habe im Hinblick auf jeden glaubwürdigen Mann verneint, daß
Es bleiben also von diesen zehn Modi nur folgende vier: er Lügner ist, indem ich sagte, daß kein Lügner glaubwürdig ist. Es ist
2 ailgemeine - EAE 2 partikulare : EIO wahr, daß diese §ü'eise des Verneinens eine indirekte ist, denn statt
AEE AOO ,,Lügner" im Hinblick auf ,,glaubwürdig" zu verneinen, habe ich
,,glaubwürdig" im Hinblick auf ,,Lügner" verneint. Da aber die all-
gemeinen negativen Sätze sich ohne weiteres umkehren lassen, ver-
Das war das zu Beweisende neint man ihr allgemeines Subjekt im Hinblick auf das Attribut,
wenn man das Attribut im Hinblick auf das allgemeine Subjekt ver-
Man hat zu diesen vier Modi folgende künstliche Namen festgelegt: neint.
CE - Kein Lügner ist glaubwürdig. Das zeigt allerdings, daß die Argumente in CESARE auf irgend-
SA - Jeder Ehrenmann ist glaubwürdig. eine Art und 'Weise indirekt sind, denn das zu Verneinende wird nur
RE - Also ist kein Ehrenmann Lügner. indirekt verneint. Da dieses aber den Geist nicht hindert, leicht und
CA - Alle, die zu Jesus Christus stehen, züchtigen ihr Fleisch: klar die Kraft des Arguments einzusehen, können sie als direkte gelten,
MES AI1e, die ein weiches und wollüstiges Leben führen, züchtigen indem man diesen Ausdruck auf alle klaren und natürlichen Argumente
- ihr Fleisch nichr.
bezieht.
TRES- Also steht keiner von ihnen zu Jesus Christus. Dieses zeigt ebenfalls, daß die beiden Modi CESARE und FESTINO
FES Keine Tugend steht der'Wahrheitsliebe entgegen: sich nur darin von den beiden Modi der ersten Figur CELARENT und
TI -- Es gibt eine Friedensliebe, die im Gegensatz zur '§(ahrheits- FERIO unterscheiden, daß der Obersatz umgekehrt wird. Obgleich
liebe steht. marl sagen kann, daß die negativen Modi der ersten Figur direkter
NO - Also gibt es eine Friedensliebe, die keine Tugend ist. sind, kommt es indessen oft vor, daß die ihnen entsprechenden zwei
BA Jede Tugend ist von Zurückhaltung begleitet: der zweiten Figur natürlicher sind und daß sich der Geist eher zu
RO -- Es gibt zuweilen Eifer ohne Zurückhaltung. diesen neigt. Denn zum Beispiel, um an das eben Besprochene anzu-
CO - Also gibt es zuweilen Eifer, in dem keine Tugend ist. knüpfen: obwohl die direkte Ordnung der Verneinung verlangt, daß
man sagt: ,,Kein glaubwürdiger Mensch ist Lügner", was ein Argu-
meni in CELARENT darstellen würde, neigt unser Geist von sich aus
Begrür.rdung der zweiten Figur und unmittelbar dazu, zu sagen: ,,Kein Lügner ist glaubwürdig."
188 Die Logik Dritter Teil. Kapitel VII 189

Das Prinzip der Argumente in CAMESTRES und BAROCO. Beweis,


In diesen beiden Modi wird der Mittelbegriff im Hinblick auf das daß es bei der dritten Figur nur sechs Modi geben kann.
Attribut der Schlußfolgerung bejaht und im Hinblidr auf das Subjekt
verneint. Dieses zeigt, daß sie direkt auf folgendem Prinzip aufgebaut Von den zehn schließenden Modi sind AEE und AOO nach der
sind: Alles das, was in dem Umfang einer allgemeinen Idee enthalten ersten Regel dieser Figur ausgeschlossen, die besagt, daß der lJntersatz
ist, kommt keinem der Subjekte zu, im Hinblick auf welche sie ver- nidrt negativ sein kann.
neint wird. Denn das Attribut eines verneinenden Satzes wird stets AAA und EAE sind nach der zweiten Regel ausgeschlossen, die besagt,
mit seinem g nzen Umfang angesetzt, wofür der Beweis im zweiten daß die Schlußfolgerung hier nicht allgemein sein kann. Es bleiben
Teil gegeben wurde. ,,\Tahrer Christ" ist in dem Umfang von ,,barm- also nur sechs Modi:
herzig," enthalten, da jeder wahre Christ barmherzig ist. ,,Barmherzig" 3 bejahende : AAI 3 verneinende : EAO
wird im Hinblick auf ,,mitleidslos zu den Armen" verneint. Also wird AII EIO
,,wahrer Christ" im Hinblick auf ,,mitleidslos zu den Armen" verneint, IAI OAO
was folgendes Argument ergibt: §flas zu beweisen war.
Jeder wahre Christ ist barmherzig. Diese wurden auf sechs künstlidre \iflörter, obgleich in einer anderen
Kein zu den Arrnen Mitleidsloser ist barmherzig. Ordnung, zurüdrgeführt.
Also ist kein zu den Armen Mitleidsloser ein wahrer Christ. DA - Die unendliche Teilbarkeit der Materie ist unbegreiflich.
RA Die unendlidre Teilbarkeit der Materie ist eine unumstöß-
- Iiche Gewißheit.
Kapitel VII PTI Es gibt also unumstößlich gewisse Dinge, die unbegreiflich
- sind.
Regeln, Modi und Begründung der dritten Figwr FE Niemand kann sich von seinem eigenen Selbst trennen.
LA -- Jeder Mensch ist Feind von sich selbst.
In der dritten Figur ist der Mittelbegriff zweimal Subjekt. Daraus PTON- Es gibt also Feinde, von denen man sich nicht trennen kann.
folgt: DI - Es gibt Böse unter den Besitzern der größten Vermögen.
SA Alle Bösen sind elend.
Erste Regel: MIS -- Esgibt also Elende unter den Besitzern der größten Vermögen.
Der lJntersatz muß bejahend sein. DA - Jeder Diener Gottes ist König.
TI Es gibt Diener Gottes, die arm sind.
Das haben wir schon durch die erste Regel der ersten Figur bewiesen, SI - Also gibt es Arme, die Könige sind.
denn sowohl bei dieser als auch bei jener Figur ist das Attribut der BO - Es gibt einen Zorn, der nicht getadelt werden darf.
Konklusion auch Attribut im Obersatz. CAR -- Jeder Zorn ist eine Leidenschaft.
DO - Also gibt es Leidenschaften, die nicht zu tadeln sind.
FE Keine Dummheit ist beredt.
Zweite Regel: RI - Es gibt Dummheiten in Metaphern.
Man kann hier nur besonders schließen. SON - Also gibt es Metaphern, die nicht beredt sind.
-
Denn da der Untersatz bejahend ist, ist der Unterbegriff, der hier
Attribut ist, immer ein besonderer. Also kann er in der Schlußfolge- Begründung der dritten Figur
rung, wo er Subjekt ist, nicht ein allgerneiner sein, denn das hieße das
Allgemeine aus dem Besonderen schließen, entgegen der zweiten allge- Da die beiden Begrifle der Konklusion in den beiden Prämissen
meinen Regel. einem und demselben Begriff, der als Mittelbegrifl dient, zugesd'rrieben
190 Dic Logik Drittcr 'feil. Kapitel VIII 1.91.

werden, kann man die bejahenden Modi dieser Figur auf folgendes Denn der Mittelbegriff wird im bejahenden Obersatz als ein beson-
Prinzip zurückführen. derer genommen, da er sein Attribut ist. Daher muß er (nach der ersten
Prinzip der bejahenden Modi. allgemeinen Regel) im Untersatz als ein allgemeiner genommen wer-
\(enn zwei Begriffe einer und derselben Sache zugesprochen werden den, und folglich macht er den Untersatz allgemein, denn er ist sein
können, können sie auch, als besondere, einander zugesprochen werden. Subjekt.
Denn aus dem Umstand, daß sie in der Sache, der sie zugesprochen
werden, zusammengehen, folgt, daß sie zuweilen miteinander vereint
sind. Und daraus wieder ergibt sich, daß man sie, a1s besondere ge- Zweite Regel:
nommen, einander zusprechen kann. Um aber sicher zu sein, daß zwei §7enn der lJntersatz bejahend ist, ist der Schlußsatz immer ein
Begriffe einem und demselben Ding, das den Mittelbegriff darstellt, besonderer.
zugesprochen worden sind, ist es notwendig, daß dieser MittelbegrilT
zumindest einmal als ein allgemeiner vorgekommen ist, denn, wäre er Denn der Unterbegriff ist Attribut im Untersatz-. Und folglich wird
z.weimal als ein besonderer angesetzt €iewesen, könnte es sich um zwei er dort als ein besonderer Benommen, wenn der lJntersatz bejahend
verschiedene Teile eines gemeinsamen Begriffs handeln (die sornit nicht ist; woraus folgt (nach der zweiten allgemeinen Regel), daß er auch
dasselbe wären). in der Konklusion ein besonderer sein muß: was sie zu einer beson-
Prinzip der verneinenden Modi. deren macht, denn er ist ihr Subjekt.
§flenn von zwei Begriffen der eine einem und demselben Ding abge-
sprochen und der anderc ihm zugcsprochen werden kann, können sie
als besondere einander abgesprochen werden. Dritte Regel:
Denn es ist gewiß, daß sie nicht immer miteinander verbunden sind, Bei den negativen Modi mu{3 der Obersatz ein allgemeiner sein.
da sie nicht in demselben miteinander verbunden sind. Aiso kann man
sie zumindest manchmal voneinander verneinen, das heißt, daß man Denn wenn die Konklusion eine negative ist, wird der Oberbegrifl
sie als besondere genomn-ren voneinander verneinen kann. Aus dem- in ihr als allgemeiner genommen. Er muß also (nach der zweiten all-
selben Grunde wie oben n.ruß aber, damit wir die Gewähr haben, daß gemeinen Regel) auch in den Prämissen als allgemeiner genommen
es sich um nur eine Sache handelt, der Mittelbegriff z-umindest einmal werden. Nun ist er, wie auch in der zweiten Figur, das Subjekt des
als ein allgemeiner vorkommen. Obersatzes und folglich macht er auch wie in der zweiten Figur, wenn
er als allgemeiner genommen wird, den Oberbegriff zu einem allge-
meinen.
Kapitel VIII
Modi der derten Figur Beweis,
daß es von der vierten Figur nur fünf Modi geben kann.
Die vierte Figur ist diejenige, bei der der Mittelbegriff Attribut im
Obersatz und Subjekt im Untersatz ist. Sie ist so wenig natürlich, daß Von den zehn schließenden Modi sind AII und AOO nach der ersten
es ziemlich unnütz ist, ihre Regeln anzuführen. Gleichwohl bringen Regel ausgeschlossen.
wir sie, dan-rit es nicht an der Voliständigkeit des Beweises aller ein- AAA und EAE sind nach der zweiten ausgeschlossen.
fadren \Weisen des Schließens mangelt. OAO nach der dritten.
Es bleiben also nur diese fünf.
2 bejahende : AAI 3 verneinende - AEE
Erste Regel : AIA EAO
§7enn der Obersatz bejahend ist, ist der lJntersatz immer allgemein. EIO
192 l)ic l-ogik Dritter Teil. Kapitel VIII 193

Diese fünf können durch folgende künstlidre \flörter bezeichnet Da aber der Schlußsatz immer als zugrunde liegend angesehen wird,
werden. da er das ist, was man beweisen will, kann man eigentlich nicfrt sagen,
BAR Alle lWunder der
Natur sind gewöhnlidr. daß er irgendwann eine Umkehrung erfahren hat, und so haben wir
BA - Alles, was gewöhnlich vorkommt, fällt uns nicht auf. geglaubt, daß es angemessener war, den Satz als Obersatz zu nehmen,
RI - Also gibt es Dinge, die uns nicht auffallen und lWunder der in dem das Attribut des Schlußsatzes steht: das hat uns, um den Ober-
- Natur sind. satz als ersten aufzustellen, dazu gezwungen, diese künstlichen lWörter
CA Alle übel im Leben sind vorübergehende übel. umzukehren; so daß man sie, um sie besser zu behalten, in folgenden
LEN - Vor allen vorübergehenden übeln braucht man sich nicht zu Vers zusammenfassen kann:
- fürchten. BARBARI, CALENTES, DIBATIS, FESPAMO, FRISESOM.
TES Also ist keines der übel, vor denen man sich fürchten muß,
- ein übel, das zu diesem Leben gehört.
DI Mancher Verrückte spricht §fahres. \üiederholung
BA - Wer \flahres spricht, der verdient, daß man ihm folgt.
TIS - AIso gibt es welche, die befolgt zu werden verdienen und Von den verschiedenen Arten der Schlüsse:
- die doch verrückt sind. Nach allem, was wir Besagt haben, kann man schließen, daß es
FES Keine Tugend ist eine narürliche Eigenschaft. neunzehn Arten von Syllogismen gibt, die man auf verschiedene tWeise
PA - Jede natürliche Eigenschaft hat Gott als ihren ersren Hervor- einteilen kann.
- bringer. 1. In allgemeine 5
MO Also gibt es Eigenschaften, die Gott als Hervorbringer haben besondere 14
- und keine Tugenden sind. 2. In bejahende 7
FRE
SI - Kein Unglücklicher ist zufrieden. verneinende 12
sind: A 1
Es gibt zufriedene Menschen, die arm sind. 3. In die, welche schlüssig
SOM
- Also gibt es Arme, die nic'ht unglücklich sind. E4
-
Es ist gut, darauf hinzuweisen, daß man gewöhnlich diese fünf Modi T6
auf folgende §(eise ausdrückt: BARALIPTON, CELANTES, DEBI- o8
TIS, FAPESMO, FRISESOMORUM; das kommt daher, daß, da 4. Nach den verschiedenen Figuren, indem man sie nach den Modi
Aristoteles aus diesem Modi keine eigene Figur gemacht hat, man sie unterteilt; dies wurdc schon zur Genüge bei der Erklärung einer
nur als indirekte Modi der ersten Figur angesehen hat, denn man be- jeden Figur getan.
hauptete, daß der Schlußsatz in ihnen eine Umkehrung erfahren hatte 5. Oder im Gegenteil nach den Modi, indem man sie nach den Figuren
und daß das Attribut in ihm das wahre Subjekt sei. Deshalb haben unterteilt. Es ergeben sich wieder neunzehn Arten von Syllogismen,
die, welche dieser Meinung gefolgt sind, als ersten Sarz den aufge- denn es gibt drei Modi, von denen jeder nur in einer einzigen Figur,
stellt, in dem das Subjekt des Schlußsatzes sreht, und als lJntersatz sechs, von denen jeder in zwei Figuren und einen, der in allen vieren
den, in dem sein Attribut steht. schlüssig ist.
Und so haben sie für die erste Figur neun Modi angegeben, vier
direkte und fünf indirekte, die sie in folgende zwei Verse gefügt
haben:
BARBARA, CELARENT, DARII, FERIO, BARALIPTON,
CELANTES, DABITIS, FAPESMO, FRISESOMORUM.
Und für die anderen beiden Figuren:
CESARE, CAMESTRES, FESTINO, BAROCO, DARAPTI,
FELAPTON, DISAMIS, DATISI, BOCARDO, FERISON.
l)ic t.ogik Drittcr Teil. Kapitel IX 1,95

Kapitel IX Die Sonne ist ein Ding ohne Empfindungen.


Die Perser beteten die Sonne an.
Von den komplexen Syllogismen und der Art, in welcher man sie aul AIso beteten die Perser ein Ding ohne Empfindungen an.
d,ie üblichen Syllogismen zurüclet'übren und durcb dieselben Regeln Man sieht daraus, daß die Konklusion als Attribut hat ,,beteten ein
bewrteilen kann Ding ohne Empfindungen an" und daß davon nur ein Teil in den
Obersatz, nämlich ,,Ding ohne Empfindungen", und wieder nur ein
Es muß zugestanden werden: mag es auch jemanden geben, dem die Teil, nämlich ,,beteten an", in den Untersatz gesetzt wird.
Logik nützt, so gibt es doch viele, denen sie schadet; und es muß zu- Nun werden wir zwei Dinge in bezug auf diese Arten von Syllo-
gleich zugegeben werden, daß es niemanden gibt, dem sie mehr schadet, gismen tun. tWir werden erstcns zeigen, wie man sie auf inkomplexe
als denen, welche ihren Stolz in den Besitz logischer Kenntnisse setzen Schlüsse zurückführen kann, von denen wir bis jetzt gesprochen haben,
und welche mit der größten Eitelkeit zur Schau zu stellen bestrebt sind, um sie nach denselben Regeln zu beurteilen.
daß sie gute Logiker sind. Denn da diese Pose selbst das Zeichen eines Und an zweiter Stelle werden wir zeigen, daß man allgemeinere
flachen und wenig gefestigten Geistes ist, kommt es vor, daß sie, indem Regeln geben kanrr, um von vornherein über die Güte oder die Fehler-
sie sich eher an die Schale der Regeln als an die allen Menschen gemein- haftigkeit dieser komplexen Schlüsse urteilen zu können, ohne irgend-
same Vernunft, die ihre Seele ist, halten, schnell geneigt sind, Schlüsse, eine Reduktion zu benötigen.
die sehr gut sind, als falsche zurüc-kzuweisen, denn sie haben nicht Es ist eine seltsame Sache, daß, obwohl man vielleicht mehr Auf-
genug Urteilsvermögen, die angeblich schlechten Schlüsse den Regeln hebens von der Logik macht als man es machen dürfte, indem rnan sich
anzupassen. Die Regeln dienen auf diese \ü/eise nur dazu, sie irre- bis zu der Behauptung versteigt, sie sei unbedingt notwendig, um die
zuführen, weil sie von ihnen nur unvollkornmen verstanden werden. Vissenschaften zu erlernen, man sie trotzdem mit so wenig Sorgfalt
Um diesen Fehler zu vermeiden, in dem die Pedanterie, die eines behandelt und fast nichts von dem sagt, was irgendwelchen Nutzen
Ehrenmannes so unwürdig ist, sehr stark vorschmeckt, müssen wir die stiften könnte. Denn man begnügt sich gewöhnlich damit, Regeln für
Gültigkeit eines Schlusses eher durch das natürliche Licht als an Hand die einfachen Syllogismen zu geben und fast alle Beispiele, die man
von starren Formen prüfen. Und eines der Mittel, dies zu bewerk- dafür beibringt, sind aus inkomplexen Särzen zusammenBesetzt, die
stelligen, wenn wir dabei irgendeine Schwierigkeit finden, besteht so klar sind, daß niemand sich einfallen lassen würde, sie ernstlich in
darin, zu diesem Schluß ähnliche Schlüsse in verschiedenen Bereichen irgendeiner Rede vorzubringen. Denn wen hat man jemals diese Syllo-
zu bilden. Und wenn es uns klar scheint, daß er, vom Gesichtspunkt gismen verfertigen hören: Jeder Mensdr ist ein Lebewesen, Peter ist
der allen gemeinsamen Vernunft aus gesehen, wirklich schlüssig ist, Mensch, also ist Peter ein Lebewesen?
müssen wir, falls wir zu gleicher Zeit herausfinden, daß er etwas enr- Man gibt sich aber wenig Mühe, die Regeln der Syllogismen auf
hält, was uns mit den Regeln nicht übereinzustimmen scheint, eher Argumente anzuwenden, deren Sätze konrplex sind, obgleich das oft
glauben, daß die Schuld an uns liegt, die ihn nicht in der rechten Art sehr schwierig ist und obgleich es mehrere Argumente dieser Art gibt,
und \Weise entwirrt haL,en, und nicht, daß er den Regeln wirklich die schlecht zu sein scheinen und die dennoch sehr gut sind und obwohl
widerspricht. der Gebrauch dieser Arten von Argumenten viel häufiger ist als der
Die Schiüsse aber, die am schwersten richtig beurteilt werden kön- der ganz einfachen Syllogismen. Das eben Gesagte wird leichter an
nen und bei denen man sich am leichtesten täuschen kann, sind die- Hand von Beispielen zu zeigen sein als durch Regeln.
jenigen, von denen
wir schon gesagt haben, daß sie komplexe genannt
werden können, und zwar nicht einfach darum, weil in ihnen kom-
plexe Sätze stehen, sondern weil die Begriffe der Konklusion komplex Erstes Beispiel:
sind und auf diese \Weise nicht als Ganzheiten in jeder der Prämissen
verwendet wurden, um mit dem Mittelbegriff verbunden zu werden. §7ir haben zum Beispiel gesagt, daß alle aus aktiven Verben zusam-
Lediglich ein Teil des die Konklusion ausmachenden Begriffs kommt mengesetzten Sätze in gewisser lVeise komplex sind. Und aus diesen
in den Prämissen vor, wie in folgendem Beispiel: Sätzen hat man häufg Argumente gebildet, deren Form und Stärke
196 Dic Logik Dritter Teil. Kapitel IX 197

schwierig z-u erkennen sind, wie dieses, das wir schon als Beispiel vor- Es wird auf diese §(eise klar, daß, da diese Sätze in ihrer entfalteten
getragen haben: Gestalt lauten müßten:
Das göttliche Gesetz befiehlt, die Könige zu ehren. Das göttliche Gesetz. befiehlt, daß die Könige geehrt werden,
Ludwig XIV. ist König. Ludwig XIV. ist König.
Also befiehlt das göttliche Gesetz, Ludwig XIV. zu ehren. also befiehlt das göttliche Gesetz, daß Ludwig XIV. geehrt wird,
Einige wenig verständige Leute haben diese Art Schlüsse für fehler- das ganze Argument letztlich in folgenden Sätzen besteht:
haft gehalten, weil sie in der zweiten Figur aus lauter bejahenden Die Könige müssen geehrt werden,
Sätzen zusammengesetzt sind, §/as aber ein wesentlicher Fehler ist. Ludwig XIV. ist König,
Diese Leute haben dadurch eindeutig gezeigt, daß sie sich eher auf den also muß Ludwig XIV. geehrt werden;
Buchstaben und die Schale der Regeln berufen als auf das Licht der und daß der Satz: ,,Das göttliche Gesetz befiehlt", der der Hauptsatz
Vernunft, durch das diese Regeln gefunden worden sind. zu sein schien, nur ein in diesem Argument eingeschobener Satz ist,
Denn dieses Argument ist so wahr und schlüssig, daß, wäre es gegen der der Bejahung, die mit Hilfe des göttlidren Gesetzes gestützt wird,
die Regel, dies ein Beweis für die Falschheit der Regel wäre und nicht hinz-ugefügt wird.
für die Schlechtigkeirdes Arguments. Ebenso ist einleuchtend, daß dieses Argument der ersten Figur in
Ich sage also erstens, daß dieses Argument gut ist. Denn in dem BARBARA zugehört, da die Einzelbegriffe wie ,,Ludwig XIV." als
Satz ,,Das göttliche Gesetz befiehlt, die Könige zu ehren" wird das allgemeine fungieren, denn sie sind mit ihrem ganzen Umfang ge-
Wort ,,Könige" als allgemeines genommen für alle Könige im beson- nommen, wie wir es bereits oben erwähnt haben.
derer.r und folglich gehört Ludwig XIV. zu denjenigen, die das gött-
liche Gesetz zu ehren befiehlt.
Ich sage an zweiter Stelle, daß ,,König", der Mittelbegriff, in dem Zweites Beispiel:
Satz ,,Das göttliche Gesetz befiehlt, die Könige zu ehren" gar nicht
Attribut ist, obgleich es mit dem Attribut ,,befiehlt" verbunden ist. Aus dem gleichen Grund ist das Argument, das zur zweiten Figur
Das ist aber etwas ganz anderes: Denn das, was wirklich Attribut ist, zu gehören und mit den Regeln dieser Figur übereinzustimmen scheint,
wird bejaht und kommt dem Subjekt zu. Nun wird ,,König" weder nichts wert:
bejaht noch kommt er dem Gesetz Gottes zu. Das Attribut wird dar- 'W'ir müssen der Heiligen Schrift glauben.
über hinaus durch das Subjekt eingeschränkt. Nun ist das lWorr Die Tradition ist nicht die Heilige Sdrrift.
,,König" in dem Satz ,,Das göttliche Gesetz befiehlt, die Könige zu Also dürfen wir der Tradition nicht glauben.
ehren" überhaupt nicht eingeschränkt, da es als allgemeines genommen Denn das Argument muß auf die erste Figur zurüdrgeführt werden,
wird- so als ob es besagen würde:
§(/enn man aber fragt, was ,,König" also ist, ist leicht darauf zu Die Schrift muß geglaubt werden.
antworten, daß er Subjekt eines anderen, in diesem enrhaltenen Satzes Die Tradition ist nicht die Schrift.
ist. Denn wenn ich sage, daß das göttliche Gesetz befiehlt, die Könige Also darf die Tradition nicht geglaubt werden.
zu ehren, so schreibe ich, wie dem Gesetz das Befehlen, auch den Köni- Nun kann man in der ersten Figur aus einem negativen lJntersatz
gen das Geehrtwerden zu. Es ist, als wenn ich sagte: Das göttliche nichts schließen.
Gesetz befiehlt, daß die Könige geehrt werden.
Desgleichen ist in dieser Folgerung ,,Das göttliche Gesetz befiehlt,
Ludwig XIV. zu ehren" ,,Ludwig XIV." gar nicht das Attribut, ob- Drittes Beispiel:
gleich mit dem Attribut verbunden, sondern er ist im Gegenteil das
Attribut des eingeschlossenen Satzes. Denn es bedeutet soviel als wenn Es gibt andere Argumente, deren Sätze lauter bejahende in der
ich sagte: ,,Das göttliche Geserz befiehlt, daß Ludwig XIV. geehrt zweiten Figur zu sein scheinen und die dennoch sehr gut sind, wie:
wird."
Jeder gtite Schäfer ist bereit, sein Leben für seine Lämmer hinzugeben.
198 Die Logik Dritter Teil. Kapitel IX 199

Nun gibt es heute wenige Schäfer, die bereit wären, ihr Leben für ihre Denn die Partikel ,,allein" macht den ersten Satz dieses Syllogismus
Lämmer hinzugeben. folgenden beiden äquivalent: ,,Die Freunde Gottes sind glücklich:
Also gibt es heute wenige gute Schäfer. Und alle anderen Menschen, die nicht Freunde Gottes sind, sind nicht
tWas diesen Schluß aber zu einem guten macht, ist die Tatsache, daß
g1ück1ich."
man nur scheinbar bejahend schließt. Denn der lJntersatz ist ein aus- Da nun dieser zweite Satz ist, von dem die Stärke des Schlusses
es
schließender Satz, der dem Sinn nach folgenden negativen enthält: abhängt, wird der (Jntersatz, der negativ zu sein schien, zu einem
viele Schäfer unserer Zeit sind nicht bereit, ihr Leben für ihre Lämmer bejahenden, denn das Subjekt des Obersatzes, das Attribut im Unter-
hinzugeben. satz sein muß, ist nicht ,,Freunde Gottes", sondern ,,diejenigen, die
Und der Schlußsatz läßt sich auch auf folgenden negativen Satz nicht Freunde Gottes sind"; so daß das ganze Argument wie folgt
zurückführen: Viele Schäfer unserer Zeit sind keine guten Schäfer. genommen werden muß:
Alle die;'enigen, die nicht Freunde Gottes sind, sind nicht glücklich.
Nun gibt es Reiche, die zu der Anzahl derer gehören, die nicht Freunde
Viertes Beispiel: Gottes sind.
Also gibt es Reiche, die nicht glücklich sind.
Hier noch ein Argument, das, der ersten Figur zugehörend, einen lWarum es aber nicht notwendig ist, den Untersatz auf diese tWeise
negativen lJntersatz zu haben scheint und dennoch sehr gut ist: auszudrücken und man ihm den Anschein eines negativen Satzes läßt,
Alle die, welchen man nicht rauben kann, was sie lieben, sind in Sicher- ist die Tatsache, daß es das gleiche ist, negativ zu sagen, daß ein
heit vor ihren Feinden. Mensch nicht Freur.rd Gottes ist, und bejahend zu sagen, daß er Nicht-
lWenn ein Mensch nun nllr Gott liebt, kann man ihm nicht rauben, was
freund Gottes ist, das heißt, zu der Anzahl derer gehört, die keine
er liebt. Freunde Gottes sind.
Also sind alle, die nur Gott lieben, in Sicherheit vor ihren Feinden.
tWas dieses Argument zu einem guten macht, ist die Tatsache, daß
der lJntersatz nur scheinbar verneinend, in der Tat aber bejahend Sechstes Beispiei:
ist.
Denn das Subjekt des Obersatzes, das Attribut im lJntersatz sein Es gibt viele ähnliche Argumente, bei denen alle Sätze negariv er-
muß, ist nicht ,,diejenigen, welchen man rauben kann, was sie lieben", scheinen und die trotzdem sehr gut sind, weil es unter ihnen einen gibt,
sondern im Gegenteil ,,diejenigen, denen man es nicht rauben kann". der nur dem Anschein nach negativ ist, in der Tat aber be.jahend, wie
Das ist nun das, was von denen bejaht wird, die nur Gott lieben; so wir gerade gezeigt haben und wie man noch aus folgendem Beispiel
daß der Sinn des Untcrsatzes ist: ersehen wird:
,,Nun gehören alle diejenigen, die nur Gott lieben, zu der ZahI derer, Das, was keine Teile hat, kann nicht durch die Auflösung seiner Teile
denen man nicht rauben kann, was sie lieben", was offensichtlich ein untergehen.
bejahender Satz ist. Unsere Seele hat keine Teile.
Also kann unsere Seele nicht durch die Auflösung ihrer Teile unter-
gehen.
Fünftes Beispiel: Es gibt Leute, die diese Schlußarten anführen um zu zeigen, daß
man nicht behaupten darf, folgendes Axiom der Logik, ,,man schließt
Dies trifft auch dann zu, wenn der Obersatz ein ausschließender nichts aus lauter negativen Sätzen". sei allgemein und ohne lJnter-
Satz ist, wie: schied wahr. Sie haben aber nicht darauf geachtet, daß, dem Sinne
Allein die Freunde Gottes sind glücklich. nach, der (Jntersatz dieses Schlusses und anderer ähnlicher bejahend
Nun gibt es Reiche, die keine Freunde Gottes sind. ist, denn der Mittelbegriff, der das Subjekt des Obersatzes ist, ist sein
Also gibt es Reiche, die nicht glücklich sind. Attribut. Nun ist das Subjekt des Obersatzes nicht ,,das, was Teile
200 Die Logik Dritter Teil. Kapitel X 201

hat", sondern ,,das, was keine Teile hat". Demnach ist der Sinn des greifenden Satz" nennen kann. §7eil aber dieser den ersten nicht aus-
lJntersatzes folgender: ,,IJnsere Seele ist ein Etwas, was keine Teile drücklich und mit den gleichen Worten enthalten kann, denn wenn es
hat", was der bejahende Satz mit einem r.regativen Attribut ist. so wäre, wäre er gar nicht von ihm verschieden und würde nicht dazu
Dieselben Leute beweisen außerdem durch folgende Beispiele, daß dienen, den ersten zu erhellen, ist noch ein anderer Satz erforderlidr,
die negativen Schlüsse zuweilen schlüssig sind: ,,Johann ist nicht ver- der zeigt, daß der, den wir umgreifenden genannt haben, in der Tat
nünftig: Also ist er nicht Mensch." ,,Kein Lebewesen sieht nicht: Also den, welchen man beweisen will, umgreift. Und diesen kann man
sieht kein Mensdr nicht." Sie sollten aber berücksichtigen, daß diese Anwendungssatz nennen.
Beispiele nur Enthymemata sind und daß kein Enthymem anders Bei bejahenden Schlüssen ist es oft gleichgültig, welchen von beiden
schlüssig sein kann als dank eines stillschweigend rnitverstandenen Sätzen man ,,umgreifenden" nennt, denn beide schließen, auf gewisse
Satzes, der folglich im Geist sein muß, obgleich er nicht ausgedrückt Weise, die Konklusion ein und dienen wechselseitig dazu, avfatzeigen,
ist. Nun ist sowohl in dem einen als auch in dem anderen dieser Bei- daß der andere Satz sie enthält.
spiele der mitverstandene Satz notwendig bejahend. In dem ersten Venn ich zum Beispiel im Zweifel bin, ob ein lasterhafter Mensch
dieser: ,,Jeder Mensch ist vernünftig. Johann ist nicht vernünftig. unglücklich ist, und ich auf folgende \Weise schließe:
Also ist Johann kein Mensch." Und in dem zweiten: ,,Jeder Mensd-r ist Jeder Sklave seiner Leidenschaften ist unglücklich,
Lebewesen. Kein Lebewesen sieht nicht. Also sieht kein Mensch nicht." jeder Lasterhafte ist Sklave seiner Leidenschaften,
Nun kann man nicht sagen, daß diese Schlüsse rein negative sind. also ist jeder Lasterhafte unglücklich,
Und folglich können die Enthymemata, die nur darum schlüssig sind, so könnte man von ;'edem Satz, welchen man auch nimmt, sagen, daß
weil sie diese ganzen Schlüsse im Geiste dessen einschließen, der sie er die Konklusion enthält und daß der andere Satz dies aufzeigt.
hervorbringt, nicht als Beispiel beigebracht werden, um zu zeigen, daß Denn der Obersatz enthält sie, da ,,Sklave seiner Leidenschaften" in
es manchmal Argumente aus lauter negativen Sätzen gibt, die schlüssig sich ,,lasterhaft" einschließt, das heißt, daß ,,lasterhaft" in seinem
sind. Umfang mitenthalten und einer seiner Träger ist, wie der lJntersatz
es zeigt.Und der lJntersatz enthält sie auch, weil die Idee ,,Sklave
Kapitel X seiner Leidenschaften" in sich die Idee ,,unglücklich" einschließt, wie
der Obersatz es aufzeigt.
Allgemeiner Grwndsatz, dwrcb welchen rnan obne Zurüclefübrung auf Dennoch betrachtet man gewöhnlich den Obersatz, da er fast immer
Figwren oder Modi tiber die Richtigbeit oder d,ie Fehlerhaltigkeit jedes allgemeiner ist, als den umgreifenden Satz und den lJntersatz als
Scblwsses urteilen kann den Anwendungssatz.
Da es bei den negativen Schlüssen nur einen negativen Satz gibt und
§(ir haben gesehen, wie man urteilen kann, ob die komplexen Argu- die Verneinung eigentlich nur in der Verneinung enthalten ist, scheint es,
mente schlüssig oder fehlerhaft sind, indem man sie auf die Form der daß man immer den negativen Satz für den umgreifenden halten muß und
gewöhnlichen Argumente zurüd<führt, um über sie dann nach den den bejahenden nur für den Anwendungssatz, sei es, daß der negative
üblichen Regeln zu urteilen. Da es aber nicht den Anschein hat, daß der Obersatz ist wie in CELARENT, FERIO, CESARE, FESTINO;
unser Geist für die Urteilsbildung diese Reduktion nötig hätte, hat sei es, daß er der Untersatz ist, wie in CAMESTRES und BAROCO.
dies zu dem Gedanken Anlaß gegeben, daß es noch allgemeinere Re- Denn wenn ich durch folgendes Argument beweise, daß kein Geiziger
geln geben muß, auf denen seibst die gewöhnlichen Regeln beruhten glücklich ist:
und durch welche man dann leichter die Richtigkeit oder die Fehler- Jeder Glückliche ist zufrieden,
haftigkeit aller Arten von Schlüssen erkennen würde. Über diesen kein Geiziger ist zufrieden,
Gegenstand haben wir uns folgendes überlegt. also ist kein Geiziger glücklich,
'W'enn man einen Satz beweisen will, dessen \(ahrheit nicht unmittel-
ist es natürlidrer zu sagen, daß der Untersatz, der negativ ist, den
bar einleuchtend ist, braucht man offenbar nur einen bekannteren Satz Schlußsatz enthält, der ebenfalls negativ ist, und daß der Obersatz
zu finden, der .jenen bestätigt, und den man aus diesem Grunde ,,um- da ist, um dies zu zeigen, daß der lJntersatz sie enthält: Denn indem
202 Dic I.ogik Dritter Teil. Kapitel XI 203

dieser Untersatz ,,kein Geiziger ist zufrieden.. ,,zufrieden.. von


,,geizig.. Gottes" in der Idee ,,Heiliger" enthalten ist. §floraus folgt, daß die
völlig trennt, rrennr er von dem letzreren auch ,,glücklich., d.; Folgerung,,Irgendein Freund Gottes ist arm" nicht in dem Satz ent-
dem Obersatz ist ,,glücklich.. in dem Umfang von ,,zufrieden,"r;h
z.,r halten sein kann ,,Irgendein Heiliger ist arm", wo der Mittelbegriff
Gänze eingeschlossen.
,,Heiliger" als ein besonderer genommen wird. Dieses findet nur dank
Es ist nidrt schwierig, aufzuzeigen, daß alle gegebenen Regeln nur eines Satzes statt, in dem der Mittelbegriff als ein allgemeiner ge-
z,t der Erkenntnis dienen, daß der Schlußsatz in einem d". nommen wird, denn dieser Satz muß zeigen können, daß ein ,,Freund
sätze enthalten ist und daß der andere satz dies zeigt und daß ".rte,
die Gottes" in dem Inhalt der Idee ,,Heiliger" enthalten ist. Dies kann
Argumente nur fehlerhaft sind, wenn man dies nicht beachret und daß man nur zeigen, wenn man ,,Freund Gottes" dem als ein Allgemeines
sie immer gut sind, wenn man es tut. Denn alle diese Regel, lassen
sich [Jenommenen Heiligen zuspricht :,, Jeder Heilige isr ein Freund Gottes."
auf zwei grundsätzliche zurückführen, die die Grundlage für die an- Folglich enthielte keine der Prämissen die Konkiusion, wenn der
deren sind. Die eine besagt, daß kein Begrifi allgemeiner in der Kon- Mittelbegriff, während er in dem einen der beiden Sätze als ein beson-
klusion als in den Prämissen sein kann. sie hängt oflensichtlich von derer genommen wird, nicht in dem anderen als ein allgemeiner an-
dem allgemeinen Prinzip ab, daß die prämissen die Konkrusion gesetzt wäre: Das ist auch das, was zu beweisen war.
enthalten müssen, was nic*rt sein könnte, wenn der gleiche Begrifl,
der in den Prämissen und in der Konklusion vorkommt, in den -prä-
missen einen geringeren Umfang als in der Konklusion haben würde.
Kapitel XI
Das weniger Allgemeine enthält nämrich nicht das Arlgemeinere:
,,mancher Mensch" enthält nicht ,,jeder Mensch... Anwend.ung dieses allgemeinen Prinzips auf rnehrere Syllogismen,
Die andere allgemeine Regel ist die, daß der Mittelbegriff zumindest d.ie in Wrlegenheit setzen k.önnten
einmal als allgemeiner genommen werden muß. Dies hängt ebenfails
von dem Grundsatz ab, daß die Konklusion in den prämissen ent_ Aus dem im zweiten Teil Gesagten wissen wir, was unter Umfang
halten sein muß. Denn nehmen wir an, wir hätten zu beweisen, daß und Inhalt eines BegrilTs, mit deren Hilfe man beurteilen kann, wann
,,irgendein Freund Gottes arm ist.. und daß wir uns dazu folgenden ein Satz einen anderen in sich enthält und wann nicht, zu verstehen
Satzes bedienten:,,Irgendein Heiliger ist arm.., Ich sage, daß es nie_ ist. Davon ausgehend kann man über die Richtigkeit oder Fehler-
mals einleuchtend sein wird, daß dieser satz die Konkiusion enthält, haftigkeit jedes Syllogismus urteilen, ohne berüdrsichtigen zu müssen,
es sei denn mittels eines anderen Satzes, in dem der Mittelbegriff, ob er einfach oder zusammengesetzt, komplex oder inkomplex ist und
nämlich ,,heilig", als ein allgemeiner genommen wird. Denn damit ohne die Figuren und die Modi in Betracht zl ztehen. Denn bereits
dieser Satz ,,Irgendein Heiliger ist arm.. die Folgerung der allgemeine Grundsatz ,,einer der beiden Sätze muß die Konklusion
,,Irgendein
Freund Gottes ist arm" enthält, muß offensichtlich der Bejriff enthalten und der andere muß zeigen, daß er sie enthält" genügt.
,,i.ge'd_
ein Heiliger" den Begriff ,,irgendein Freund Gotres" entharten, und Dieses wird durch Beispiele verständlicher werden.
das genügt auch, da sie alles andere gemeinsam haben. Nun hat ein
besonderer Begriff keinen bestimmten umfang und er enthält nur
das
sicher, was er in seinem Inhalt und in seiner Idee einschließt.
Erstes Beispiel:
Und daraus folgt, daß ein ,,Freund Gottes.. in dem Inhalt der Idee
.,Heiliger" enthalten sein muß, damir der Begriff ,,irgendein Heiliger.. Ich zweifle, ob folgender Schluß gut ist:
den Begriff ,,irgendein Freund Gottes,. enthält. Nun kann alles, -was Es ist die Pflicht eines Christen, nicht diejenigen zu loben, welche
in dem Inhalt einer Idee enthalten ist, von ihr allgemein bejaht wer_ verbrecherische Flandlungen begehen.
den: alles das, was in dem Inhalt der Idee des Dreiecks enthalten ist, Nun begehen diejenigen, welche sich duellieren, eine verbrecherische
kann von jedem Dreieck bejaht werden; alles das, was in der Idee llandlung.
Mensch enthalten ist, kann von jedem Menschen bejaht werden Also ist es die Pflicht eines Christen, nicht die zu loben, weiche
und sich
folglich m;'ß jeder Heilige ein ,,Freund Gottes., sein, damit duellieren.
,,Freund
204 Dic Logik Drittcr Teil. Kapitel XI 2O5

Ich brauche mir nicht die Mühe zu geben, um herauszufinden, auf Aber wenn man wissen will, ob das in Frage stehende \üort univer-
welche Figur und auf welchen Modus man ihn zurüd<führen kann. sal allgemein genommen werden darf, ist zur Beurteilung eine andere
Sondern es genügr zu erwägen, ob der Schlußsatz in dem einen der Regel heranzuziehen, die wir irn zweiten Teil gegeben haben, daß
beiden ersten Sätze enthalter.r ist und ob der andere dies zeigt. Dabei nämlich ,,dasjenige, welchem man etwas zuspricht, universal allgemein
finde ich zuersr, daß der erste nicht verschieden von der Konklusion genommen ist, wenn es unbestimmt ausgedrüd<t wird". Obgleich
ist, es sei denn, daß in dem einen steht: ,,diejenigen, welche verbreche- nun ,,diejenigen, w"elche verbrecherische Handlungen begehen", im
rische Handlungen begehen", und in dem anderen: ,,diejenigen, welche ersten Beispiel, und ,,Christen" im zweiten, Teile eines Attributes
sich im Duell schlagen". Der Satz mit ,,verbrecherische Handlungen sind, nehmen sie dennoch den Platz eines Subjekts im Hinblick
begehen" wird den mit ,,sich im Duell schlagen" enrhalten, voraus- auf den anderen Teil desselben Attributs ein. Denn sie sind das,
gesetzt, daß ,,verbrecherische Flandlungen begehen" ,,sich im Duell dem man etwas zuspricht: daß man sie nicht loben darf oder daß man
schlagen" enthäh. ihnen das Heil verspricht. Und folglich müssen sie, da sie nicht ein-
Nun ist es durch den Sinn des Satzes nahegelegt, daß der Ausdruck geschränkt sind, allgemein genommen werden, und daher ist sowohl
,,diejenigen, die verbrecherische Handlungen begehen" als ein all- das eine als auch das andere Argurnent formal richtig. Der Obersatz
gemeiner angesetzr ist, das heißt, sich auf alle welche solche Hand- des zweiten ist allerdings falsch, es sei denn, daß man mit diesem Y/ort
lungen begehen, welche sie auch immer seien, bezieht. Der lJnrersarz ,,Christen" nur diejenigen meint, die nach dem Evangelium leben; in
,,diejenigen, die sich duellieren, begehen eine verbrecherische Hand- diesem FaIl wäre aber der Untersatz unwahr, denn es gibt keine übel-
lung" zeigt auf diese \üeise, daß ,,sich im Duell schlagen" in dem täter, die nach dem Evangelium leben.
Ausdruck ,,verbrecherische Handlungen begehen" enthalten ist, und
indem er dies zeigt, zeigt er aucl-r, daß der ersre Satz die Schlußfolge- Drittes Beispiel:
rung enthält.
Mit Hilfe desselben Grundsatzes ist leicht auszumachen, daß folgen-
Zwertes Beispiel: der Schluß nichts taugt:
Das göttliche Gesetz be6eh1t, den weltlichen Gewalten zu gehorchen.
Ich zweifle, ob folgender Schluß gut ist. Die Bischöfe gehören nicht zu der weltlichen Gewalt.
Das Evangelium verspricht den Christen das Heil. Also befiehlt das göttliche Gesetz nicht, den Bischöfen zu gehorchen.
Es gibt übeltäter, die Christen sind. Denn keiner der ersten Sätze enthält die Konklusion, weil aus der
Also verspricht das Evangelium den übeltätern das Heil. Tatsache, daß das göttliche Gesetz eine Sache befiehlt, nicht folgt, daß
Um darüber zu urteilen, brauche ich nur zu beac-hten, daß der Ober- es eine von ihr verschiedene Sache nicht auch befiehlt. Nun: Der ljnter-
satz die Konklusion nicht enthalten kann, wenn das \7ort ,,Christen" satz zetgr eindeutig, daß die Bischöfe nicht unter dem'Wort ,,weltliche
nicht allgernein im Sinne von ,,alle Christen" gemeinr ist, das heißt, Gewalten" mit einbegriffen sind und daß der Befehl, die weltiichen
daß der Obersatz die Konklusion nicht enthahen kann, wenn ,,Chri- Gewalten zu ehren, die Bischöfe nicht mit einbezieht; der Hauptsatz
sten" im Sinne von nur ,,manche Christen'" gemeint ist. Denn wenn sagt aber nicht, daß Gott keine anderen Befehle gegeben hat als diesen,
das Evangeliun.r nur einigen Christen das Heil verspricht, folgt nicht, wie er es getan haben müßte, damit der Obersatz den Schlußsatz kraft
daß es dies übeltätern verspricht, die Christen seien, weil diese übel- dieses Untersatzes einschließt. Aus eben diesem Grunde ist aber folgen-
täter nicht zu der Anzahl der Christen gehören können, denen das des andere Argument gut.
Evangelium das Heil verspridrt: deshalb ist dieser Schluß wirklich
schlüssig. Aber der Obersatz würde der sflahrheit nicht entsprechen, Viertes Beispiel:
wenn das \florr ,,Christen" im Obersatz für ,,alle Christen" genommen
wird; und der Syllogismus ist nicht schlüssig, wenn das sflort ,,Chri- Das Christenturn verpflichtet die Dienenden, ihren Herren nur im
sten" nur für ,,einige Christen" genommen wird. Denn in diesem Fall Hinblick auf Dinge zu dienen, die nicht gegen das Gesetz Gottes ver-
würde der erste Satz den Schlußsatz nicht enthalten. stoßen.
206 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XII 247

Nun verstößt ein dunkles Geschäft gegen das Gesetz Gottes. Du bist nicht, was ich bin.
Also verpflichtet das Christentum die Dienenden nicht, ihren F{erren Ich bin Mensch.
bei dunklen Geschäften zu dienen. Aiso bist du kein Mensch.
Der Obersatz enthält nämlich den Schlußsatz, da kraft des Unter- Dieses Argument taugt nach den Regein der Figuren nichts, weil
satzes ,,dunkles Geschäft" in der Anzahl der Dinge enthalten ist, es zur ersten Figur gehört und der erste Satz, der sein Untersatz ist,
die gegen Gottes Gesetz verstoßen und da der Obersatz als aus- verneinend ist. Es genügt aber zu sagen, daß der Schlußsatz in dem
schließender gleichbedeutend ist mit ,,Das göttliche Gesetz verpflichtet ersten dieser Sätze nicht enthalten ist und daß der andere Satz (,,idr
nicht die Dienenden, ihren Herren in allen Dingen, die gegen das bin Mensch") nicht zeigt, daß er darin enthalten ist. Denn da der
göttliche Gesetz verstoßen, zu dienen". Schlußsatz verneinend ist, wird darin der Begriff ,,Mensch" als ein
allgemeiner genommen und ist demzufolge in dem Ausdruck ,,das,
was ich bin" nicht enthalten. Denn derjenige, der so spridrt, ist nicht
Fünftes Beispiel: ,,jeder Mensch", sondern nur ,,irgendein Mensch", wie es in dem Um-
stand zum Vorschein kommt, daß der Sprechende in dem Anwendungs-
Derselbe Grundsatz genügt, um folgenden bekannten Sophismus satz iediglich sagt ,,ich bin Mensch", in welchem der Begriff ,,Mensch"
leicht aufzulösen: auf eine besondere Bedeutung eingeschränkt ist, da er das Attribut
Derjenige, der sagt, daß du ein Lebewesen bist, spricht \7ahres. eines bejahenden Satzes ist. Das Allgemeine ist aber in dem Besonderen
Derjenige, der sagt, daß du ein Gänschen bist, sagt, daß du ein Lebe- nicht enthalten.
wesen bist.
Also spricht derjenige, der sagt, daß du ein Gänschen bist, 'üahres. Kapitel XII
Denn es reicht aus, zu sagen, daß keiner der zwei ersten Sätze den
Schlußsatz enthält. rüenn nämlich der Obersatz sie enthielte, müßte, K onjunk.tio e S yllo gismen
da er sich von dem Schlußsatz nur darin unterscheidet, daß, während
im Schlußsatz ,,Gänschen" steht, in ihm ,,Lebewesen" steht, ,,Lebe- Nicht alle Syllogismen, deren Sätze konjunktiv oder zusammen-
wesen" ,,Gänschen" enthalten. ,,Lebewesen" ist aber in diesem Ober- gesetzt sind, sind konjunktive Syllogismen, sondern nur diejenigen,
satz als ein Besonderes genommen, denn es ist Attribut des einge- deren Obersatz auf eine solche \(eise zusammengesetzt ist, daß er die
schobenen bejahenden Satzes ,,Du bist ein Lebewesen"; folglich könnte ganze Konklusion in sich einschließt. Man kann sie in drei Gattun-
nur, damit der Syllogisn-rus schlüssig ist, ,,Lebewesen" in seinern Inbalt gen einteilen, in die konditionellen, die disjunktiven und die kopula-
Gänschen enthalten. Um aber diesen Sachverhalt mittels des Unter- tiven.
satzes zt zeigen, müßte in ihm das tWort ,,Lebewesen" als ein allge-
meines angesetzt werden, nämlich in dem Sinne, daß ,,Gänschen"
jedem Lebewesen zugesprochen wird. Dieses läßt sich jedoch nicht Konditionelle Syllogismen
machen und es findet auch gar nicht statt, denn ,,Lebewesen" ist auch
im lJntersatz als ein besonderes angeserzt, da es immer noch, wie in Die konditionellen Syllogismen sind diejenigen, bei denen der Ober-
dem Obersatz, das Attribut des eingeschobenen bejahenden Satzes ist: satz ein Konditionalsatz ist, der den ganzel Schlußsatz enthält, §/ie:
,,Du bist Lebewesen." 'W'enn es einen Gott gibt, so muß man ihn lieben.
Nun gibt es einen Gott.
Also muß ma-n ihn lieben.
Sechstes Beispiel: Der Obersatz hat zwei Teile: der erste heißt Bedingungssatz: ,,wenn
es einen Gott gibt";der zweite Folgesatz: ,,man muß ihn lieben."
Folgender alter Trugschluß, den der heilige Augustinus anführt, Dieser Syllogismus hat zwei lJnterarten, denn aus dem gleichen
läßt sich von dem Gesagten her ebenfalls auflösen: Obersatz kann man zwei Schlußfolgerungen ableiten.
2A8 Dic Logik Dritter Teil. Kapitel XII 249

Erste Art: Also sind sie nicht Andersgläubige.


Venn man, nachdem man den Folgesatz im Obersatz bejaht hat, Es gibt gleichwohl konditionale Argumente, die diesen zweiten
den Bedingungssarz im Untersarz bejaht, nach folgender Regel: ,,In- Fehler zu haben scheinen, aber doch ganz richtig sind, weil eine mit-
dem man den Bedingun gssatz setzt, serzr man den Folgesatz... verstandene, obgleich nicht ausdrückliche Ausschließung im Obersatz
\(enn die Materie sir} nicht selbsr bewegen kann, muß Gott ihr vorhanden ist. Beispiel: Cicero hatte ein Gesetz gegen die.fenigen er-
die erste Bewegung verliehen haben. lassen, weldre '§ü'ählerstimmen kauften. Als Murena angeklagt war,
Nun kann die Materie sich nicht selbst bewegen. Vählerstimmen gekauft zu haben, rechtfertigte sich Cicero, der ihn
Also muß ihr die ersre Bewegung von Gott verliehen worden sein. verteidigte, gegen Catos Vorwurf, bei dieser Verteidigung in \flider-
Zweite Art: streit mit seinem eigenen Gesetz zu geraten: Etenim si largitionem
\flenn man den Folgesatz aufhebt, um den Bedingungssatz arfzu- factam esse confiterer, idque recte factum esse defenderem, facerem
heben, nach der Regel: ,,Indem man den Folgesatz aufhebt, hebt man improbe, etiam si alius legem tulisset; cum vero nihil commissum
den Bedingungssatz auf." contra legem esse deffendam, quid est quod meam deffensionem latio
§(enn einer der von Gott zur ewigen Seligkeit Auserwählten unter- legis impediat? Es hat den Anschein, als ähnelte dieses Argument dem
geht, täuscht sich Gott. eines Lästerers, der, um sich zu entschuldigen, sagen würde: ,,W'enn
Gott aber täuscht sich nicht. ich leugnete, daß es einen Gott gibt, wäre ich ein Bösewicht. Aber ich
Also geht keiner der von Gort zur ewigen Seligkeit Auserwählten leugne nicht, obgleich ich lästere, daß es einen Gott gibt. Also bin ich
unter. kein Bösewidrt."
Dies ist der Schluß des heiligen Augustinus: Horum si quisquam Dieses Argument würde nidrts taugen, weil es auch andere Ver-
perit, fallitur Deus: sed nemo eorum perir, quia non fallitur Deus. brechen als den Atheismus gibt, die einen Menschen zum Bösewicht
Die konditionalen Argumente sind auf eine zweifache v/eise fehrer- machen. Der Grund, weswegen Ciceros Argument gur ist, obwohl
haft: einmal wenn der obersatz ein unvernünftiger konditionarer Ramus es als Beispiel eines sdrlechten Schlusses vorgeschlagen hat,
Satz ist, bei welchem der Folgesatz mit den Regeln nicht überein- besteht darin, daß es dem Sinne nach eine ausschließende Partikel
stimmt, wie wenn ich zum Beispiel das Allgemeine aus dem Besonderen enthält und daß es demzufolge auf diese 'lüorte zurückgeführt werden
schließe und sage: wenn wir uns in erwas täuschen, täuschen wir uns
muß: ,,Nun könnte man mir mit Recht vorwerfen, meinem Gesetz
in allem. zuwiderzuhandeln, wenn ich, zugestehend, daß Murena §7ähler-
Eine solche unrichtigkeit im obersatz dieser Syllogismen betrifft stimmen gekauft hat, nicht davon ablassen würde, sein Vorgehen zu
aber eher die Materie als die Form. Daher sieht man sie ars fehlerhaft verteidigen; aber ich behaupte, daß er keine §üählerstimmen gekauft
hinsichtlich der Form nur dann an, wenn man eine falsche Konklusion hat, folglich verhalte ich mich keineswegs gegen mein Gesetz."
aus dem Obersatz
nünftig - sei er wahr oder falsch, värnünftig oder unver-
zieht, was wiederum auf zwei Arten geschieht:
Das gleiche ist über jenen Schluß der Venus bei Vergil zu sagen,
- die zu Jupiter spricht:
1. §(enn man den Bedingungssatz aus dem Folgesatz erschließt, wie,
zum Beispiel, wenn man sagen würde: Si sine pacc tua, atque invito numine Troes
Venn die Chinesen Mohammedaner sind, sind sie Andersgläubige. Italian.r petiere, luant peccata, neque illos
Nun sind sie Andersgläubige. Juveris auxilio: sin tor responsa secuti,
Also sind sie Mohammedaner. Quae superi manesque dabant: car nunc tua quisquam
Flectere jussa potest, aut cur nova condere fata.
2. Die zweite Art falscher konditionaler Argumente liegt vor, wenn
von der Verneinung des Bedingungssatzes auf die Verneinung des Denn dieser Schluß läßt sich auf folgende W'orte reduzieren:
Folgesatzes geschlossen wird, wie zum Beispiel in dem eben ange- \(enn die Troer nach Italien gegen den §(illen der Götter gekommen
fü rrten Schluß: wären, wären sie zu strafen.
§fl:nn die Chinesen Mohammedaner sind, sind sie Andersgläubige. Sie sind aber nicht p;egen ihren \Willen gekommen.
N,rn sind sie nicht Mohammedaner. Also sind sie nicht zu strafen.
210 Dic Logik Dritter Teil. Kapitel XII 2ll
Man muß also etwas ergänzen, denn sonst wäre er dem folgenden, Aut non est credendum bonis, aut credendum est eis quos credimus
sicherlich nicht schlüssigen, ähnlich: debere aliquando mentiri, aut non est credendum bonos aliquando
\üenn mentiri. Horum primum perniciosum est: secundum stultum: Restat
-|udas ohne Berufung Apostel geworden wäre, hätte er von
Gott zurückgewiesen werden müssen. ergo ut nunquam mentiantur boni.
Aber er ist es nicht ohne Berufung geworden. Die zweite, aber weniger glückliche Art liegt dann vor, wenn man
Also hat er nidrt von Gott zurückgewiesen werden dürfen. einen der 'Ieile nimmt, um den anderen aufzuheben, wie wenn man
Aber der Grund, weswegen der Schluß der Venus bei Vergil nicht sagen würde:
fehlerhaft ist, besteht darin, daß der Obersatz dem Sinn nach als ein Als der heilige Bernhard bezeugte, daß Gott durch lVunder seine
ausschließender angesehen werden muß, genauso als stünde dort: Kreuzzugspredigt bestätigt habe, war er entweder ein Heiliger oder
Nur dann wären die Troer zu besrrafen und der Hilfe der Götter ein Betrüger.
unwürdig, wenn sie ohne deren \(illen nadr Italien gekommen wären. Nun war er ein Heiliger.
Aber sie sind nicht ohne ihren \Willen gekommen. Also war er kein Betrüger.
Also etc. Diese disjunktiven Schlüsse sind kaum falsch, es sei denn wegen der
Oder man muß wohl sagen, was das gleiche ist, daß der bejahende Unrichtigkeit des Obersatzes, in welchem die Teilung nicht exakt ist,
Satz ,,si sine pace rua etc." dem Sinn nach folgenden verneinenden wenn es ein Mittleres zwischen den einander entgegengesetzten Glie-
Satz einschließt: dern gibt, wie wenn ich sagen würde:
Sind die Troer nach Italien nur auf Befehl der Götter gekommen, Es muß entweder den Fürsten in dem gehorcht werden, was sie
so ist es nicht gerecht, daß die Götter sie verlassen. wider das göttliche Gesetz befehlen, oder man muß sidr gegen sie
Nun sind sie nur auf Befehl der Götter dorthin gekommen. empören.
Also etc. Nun muß man ihnen nicht in dern, was wider das göttliche Gesetz
ist, gehorchen.
AIso muß man sich gegen sie empören.
Disjunktive Schlüsse Oder: Man darf sich nicht gegen sie empören.
Also muß man ihnen in dem, was wider das göttlic}e Gesetz ist,
Man nennt diejenigen Schlüsse disjunktiv, deren erster Satz disjunk- gehorchen.
tiv ist, das heißt,dessen Teile durch vel, oder, miteinander verbunden Sowohl der eine als auch der andere Schluß ist falsch, weil es in
sind wie folgender von Cicero: dieser Disjunktion ein Mittleres gibt, was von den ersten Christen
Diejenigen, weldre Cäsar getötet haben, sind Mörder oder Ver- beobachtet wurde, nämlich eher alles geduldig zu erleiden als irgend
teidiger der Freiheit. etwas wider das göttliche Gesetz zu tun, jedodr ohne sich gegen die
Nun sind sie keine Mörder. Fürsten zu empören.
Also sind sie Verteidiger der Freiheit. Diese falschen Disjunktionen sind eine der gewöhnlichsten Quellen
Es gibt davon zwei Arten. Erstens, wenn man einen Teil aufhebt, für die falschen Schlüsse der Menschen.
um den anderen zu behalten, wie in dem Schluß, den wir eben gebracht
haben, oder in dem folgenden:
Alle Übeltäter müssen enrweder auf dieser Velt oder in der anderen Kopulative Schlüsse
*,sl' bestraft werden.
Nun gibt es übeltäter, die nicht auf dieser \Welt bestraft werden. Von diesen Schlüssen gibt es nur eine Art; wenn man einen ver-
Also werden sie in der anderen bestraft werden. neinenden kopulativen Satz nimmt, von dem man dann den einen Teil
Mandrmal haben Schlüsse dieser Art drei Glieder. In diesem Fall aufstellt, um den anderen aufzuheben:
hebt man zwei auf um eines zu behalten, wie in dem Argument des Ein Mensch ist nicht zugleich Diener Gottes und Götzenanbeter des
heiligen Augustinus im VIII. Kapitel seines Buches über die Lüge: Geldes.
21.2 Die Logik Dritter Teil. KaPitel XIII 213

Nun ist der Geizigc (iiitzcrr,rnbctcr seines Geldes. Ic,h könnte dieses auch bewerkstelligen, indem ich einen der Sätze
AIso ist er nicht Dicncr (,ottes. durch die Kausalpartikel ,,weil" oder ',da" verbinde:
,,Wenn jeder wahre Freund bereit sein muß, sein Leben für
seinen
Denn diese Schlußart ist nicht schliissig rrrrtl [riintlig, wcnn man einen
Teil aufhebt um den anderen aufz.ustellcn, wic man aus folgendem Freund zu geben,
Schluß ersehen kann, der aus dem gleichen Satz abgeleitet wurde: gibt es kaum wahre Freunde;
Ein Mensch ist nicht zugleich Diener Gottes und Götzenanbeter des äu ., kru* welche gibt, die es bis zu diesem Punkte sind'"
Geldes. Diese Art des Schließens ist überaus gewöhnlich und sehr schön.
Nun sind die Verschwender nicht Götzenanbeter des Geldes. Aus diesem Grund darf man sich nicht einbilden, daß nur dann Schlüsse
Also sind sie Diener Gottes. vorliegen, wenn man drei getrennte und wie in der Schullogik ange-
o.d.,.i. Sätze sieht. Denn es ist gewiß, daß bereits iener Satz den
ganzen folgenden Syilogismus enthält:
Kapitel XIII ,,.Jeder wahre Freund nruß bereit sein, sein Leben
für seine Freunde
zu geben.
Schh.isse, deren SchIullsatz konditional ist Nun gibt es kaum Leute, die bereit wären' ihr Leben für ihre Freunde
zu geben.
§7ir haben gezergt, daß ein vollkommener Schluß nicht weniger Also gibt es kaum wahre Freunde."
als drei Sätze haben kann. Das ist aber nur dann wahr, wenn man D", g^rz" Unterschied, der zwischen den im absoluten Sinne auf-
im absoluten Sinne folgert und nicht, wenn man es nur im konditio- gestellten Schlüssen und denen, deren Konklusion zusammen mit einer
nalen Sinn tut. In diesem Fall nämlich kann bereits der Konditional- der Prämissen in einem Konditionalsatz eingeschlossen ist, liegt darin,
satz, außer der Konklusion, auch eine der Prämissen enthalten, er daß den ersten, jeweils als Ganzes genommen' nur dann zu€iestimmt
kann sogar beide enthalten. werden kann, wenn wir mit dem einverstanden sind, wovon man uns
Beispiel. Wenn ich beweisen will, daß der Mond ein holperiger hat überzeugen wollen; während man bei den letzten alles zugeben
Körper ist und nicht glatt wie ein Spiegel, so wie es sich Aristoteles kann, ohne daß dadurch der sie Vorbringende irgend etwas gewonnen
vorstellte, kann ich, im absoluten Sinn folgernd, nur einen aus drei hat. Denn er hat noch den Beweis anzutreten' daß die Bedingung, von
Sätzen bestehenden Schluß konstruieren: der die Folge, deren Abhängigkeit man ihm zugegeben hat, abhängt,
,,Jeder Körper, der das Licht nach allen Richtungen reflektiert, ist der Wahrheit entspricht.
holperig. Diese Argumente sind auf diese §fleise strenggenommen nur Vor-
Nun reflektiert der Mond das Licht nach allen Richtungen. bereitungen zu einer im absoluten Sinne gemachten Konklusion. Sie
Also ist der Mond ein holperiger Körper." sind allerdings dafür sehr gut geeignet, und man muß zugestehen, daß
Ich brauche aber nur zwei Sätze, um dieses im konditiorralen Sinne diese Art und '§?'eise zu schließen sehr gewöhnlich und sehr natürlich
zu folgern, und zwar auf folgende'\(eise: ist, und, vom Stil der Schullogik weiter entfernt, den Vorteil hat, in
,,Jeder Körper, der das Lidrt nach allen Richtungen zurückwirft, breiteren Kreisen in Gebrauch genommen zu werden'
ist holperig. Man kann nach dieser Art in allen Figuren und in allen Modi
'Wenn also der Mond das Licht nach allen Richtungen zurückwirft, folgern. Daher gibt es dabei keine anderen Regeln zu beachten als die
ist er ein holperiger Körper." Regeln der Figuren selbst'
Ich könnte diesen Schluß sogar mit einem einzigen Satz formu- E, i.t ,|.,, anzumerken, daß der konditionale Schlußsatz, indem er
lieren: immer außer der Konklusion auch eine der Prämissen enthält, n-ranch-
,,'W'enn jeder Körper, der das Licht nach allen Richtungen reflek- mal den Obersatz und manchmal den Untersatz einschließt'
tiert, holperig ist und der Mond das Licht nach allen Seiten reflektiert, Das wird aus dem Beispiel mehrerer konditionaler schlußsätze

muß zugegeben werden, daß er nicht ein glatter, sondern ein holpe- sichtbar, die man aus zwei allgemeinen Ausgangssätzen ableiten kann,
riger Körper ist." von denen der eine beiahend und der andere verneinend ist, wobei
214 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XIII 215

der bejahende enrweder ein bereits bewiesener oder ein einfach zuge-
,,Keine Materie denkt. "
standener sein kann. 1. \Wenn also die ganze Seele des Tieres Materieist,
denkt die Seele des Tieres keineswegs. CELARENT.
Jedes Schmerzgefühl ist ein Gedanke. 2. §?'enn also irgendein Teil des Menschen Materie ist,
Man schließt daraus bejahend: denkt irgendein Teil des Menschen nicht. FERIO.
1. \Wenn also alle Tiere den Schmerz fühlen, 3. '§üenn also unsere Seele denkt,
denken alle Tiere. BARBARA. ist unsere Seele nicht Materie. CESARE.
2. '§ü'enn also irgendeine Pflanze den Schmerz- fühlt, 4. \(enn irgendein Teil des Menschen denkt,
denkt irgendeine Pflanze. DARII. ist irgendein Teil des Menschen keine Materie. FESTINO.
3. lü(/enn also jeder Gedanke eine Handlung des Geistes ist, 5. Wenn also alles, was Schmerz fühlt, denkt,
ist ;'edes Schmerzgefühl eine Handlung des Geistes. BARBARA. fühlt keine Materie den Schmerz. CAMESTRES.
4. 'Wenn also jedes Schmerzgefühl ein Übel ist, 6. '§?'enn also jede Materie eine Substanz ist,
ist irgendein Gedanke ein Übel. DARAPTI. denkt irgendeine Substanz nicht. FELAPTON.
5. \Wenn also jedes Schmerzgefühl in der Hand ist, die man verbrennt, 7. '§üenn also irgendwelche Materie Grund mehrerer tWirkungen,
dann gibt es irgendeinen Gedanken in der Hand, die man ver- die sehr wunderbar erscheinen, ist,
brennt. DISAMIS. dann denkt nicht alles, was Grund wunderbarer \Wirkungen ist.
FERISON.
Verneinend. Nur der fünfte dieser konditionalen Sätze enthält außer dem Sdrluß-
6. Wenn also kein Gedanke im Körper ist, satz selbst auch den Obersatz. Alle anderen enthalten den Untersatz.
dann ist kein Schmerzgefühl im Körper. CELARENT. Der größte Nutzen dieser Arten von Schlüssen ist, denjenigen, den
7. W'enn also kein Tier denkt, man von einer Sadre überzeugen will, zu zwingen, zunädrst die Rich-
fühlt kein Tier den Schmerz. CAMESTRES. tigkeit eines (logisdren) Abhängigkeitsverhältnisses anzuerkennen, da
8. §ü'enn also irgendein Teil des Menschen nicht denkt, er sie zugeben kann, noch bevor er sich auf irgend etwas festgelegt hat,
fühlt irgendein Teii des Menschen den Schmerz nicht. BOCARDO. denn man schlägt es ihm lediglich im konditionalen Sinne vor und
9. Wenn also keine Bewegung der Materie ein Gedanke ist, sozusagen getrennt von der materialen §(ahrheit seines Sinngehalts.
ist kein Schmerzgefühl eine Bewegung der Materie. CESARE. Von hier aus bringt man jemanden dazu, leicl-rter die im absoluten
10. \Wenn also kein Schmerzgefühl angenehm ist,
Sinne vorgebrachte Konklusion, die man daraus ableitet, anzunehmen:
ist irgendein Gedanke nicht angenehm. FELAPTON. entweder indem man den Bedingungssatz aufstellt, um den Folgesatz
11. §ü'enn also irgendein Schmerzgefühl nicht freiwillig ist, aufzustellen, oder indem man den Folgesatz aufhebt, um den Be-
ist irgendein Gedanke nicht freiwillig. BOCARDO. dingungssatz aufzuheben.
Man könnte audr irgendwelche anderen konditionalen Konklusionen \flenn also mir gegenüber ein Mensch auf diese §7eise zugegeben
von diesem allgemeinen Ausgangssatz: ,,Jedes Gefühl des Schmerzes hat, daß ,,keine Materie denkt", werde ich daraus schließen: ,,§üenn
ist ein Gedanke" ableiten. Da sie aber wenig natürlidr wären, ver- also die Seele der Tiere denkt, muß sie verschieden von der Materie
dienen sie nicht, angeführt zu werden. sein." Und da er mir bei dieser konditionalen Konklusion nidrt wird
Unter denjenigen, die abgeleitet wurden, gibt es welche, die außer widerspredren können, werde idr aus ihr entweder die eine oder die
der Konklusion den lJnrersatz enthalten, nämlich die 1., 2.,7.,8., andere dieser beiden absoluten Folgen ableiten können:
andere wieder enthahen den Obersatz, nämlich die 3., 4., 5.,6.,9.,
,,Nun denkt die Seele der Tiere.
10., 1 1. Also ist sie von der Materie versdrieden."
In gleicher'§ü'eise kann man die versdriedenen konditionalen Schluß- oder umgekehrt:
sätze in Betracht ziehen, die aus einem verneinenden allgemeinen Aus-
,Nun ist die Seele der Tiere nicht von der Materie versd-rieden.
gangssatz abgeleitet werden können. Nehmenwirals Beispiel den Satz: Also denkt sie nidrt."
2t6 Dic l-ogik Dritter Teil. Kapitel XIV/XV 2t7

Man sieht daraus, daß vier S:itze erforderlich sind, damit die sprachlichen Fixierung umfassenderen Gedanken zu bilden, ist es, um-
Art abgeschlossen sind und irgend etwas im absoluten
Schlüsse dieser gekehrt, einer ihrer größten Fehler, des Sinnes zu entbehren und
Sinne vorgebracht wird. Dennoch darf man sie nidrt den Schlüssen, wenige Gedanken in sich zu bergen, was bei den philosophischen Syllo-
die man zusammengesetzte nennt, zurechnen, denn diese vier Sätze gismen fast unvermeidlich ist.
enthalten dem Sinne nach nichts mehr als die drei Sätze eines gewöhn- Denn da der Geist schneller als die Sprache ist und einer der Sätze
lichen Schlusses, nämlich : ausreicht, damit das Erfassen von zweien veranlaßt wird, ist es über-
Keine Materie denkr: flüssig, den zweiten zur Sprache zu bringen, denn er enthält keinen
Die ganze Seele der Tiere ist Materie. neuen, hinzukommenden Sinn. Dieses madrt Argumente dieser Art so
Also denkt die Seele der Tiere keineswegs. selten im menschlidren Leben. denn auch ohne darüber eigens Über-
legungen anzustellen, entfernt man sich von dem, was langweilt, und
beschränkt sich auf das, was gerade notwendig ist, um sich verständlich
Kapitel XIV zu machen. Die Enthymemata sind also einfach die gewöhnliche Art,
in der die Menschen ihre Schlüsse ausdrüdren. Der Satz, den sie für
- baldobgleich es sich
Enthymemata und entbymematiscbe Sentenzen ieicht ergänzbar halten, bleibt unausgesprochen der Obersatz,
bald der Untersatz und manchmal die Konklusion
-,
Es wurde schon gesagt, daß das Enthymem ein im Geist vollkom- eigentlich im letzten Fall nicht um ein Enthymem handelt, da das
mener, aber im Ausdruck unvollständiger Schluß ist, weil in ihm ein ganze Argument in gew;sser 'Weise in den beiden ersten Sätzen ent-
Satz verschwiegen wird, indem er als zu klar und zu bekannt und halten ist.
infolgedessen als leicht ergänzbar durdr den Geist derjenigen, zu denen Es kommt auch gelegentlich vor, daß man die beiden Sätze des
man spricht, angesehen wird. Diese Art des argumenrierenden Gedan- Enthymems in einen einzigen einschließt, den Aristoteles aus diesem
kenganges ist in den Reden und den Sdrriften so gewöhnlich, daß im Grunde enthymematische Sentenz nennt, wofür er folgendes Beispiel
Gegenteil selten alle Sätze ausgesprochen werden, weil es üblicherweise bringt:
einen gibt, der klar genug ist, um vorausgesetzt zu werden, und weil ,,'Arlivcrtov öeyi, t i qütrutze rlvltöq öv.
die Natur des menschlichen Geistes derart ist, daß er es lieber sieht, Sterblicher, bewahre nicht einen unsterblidren Haß."
wenn ihm etwas zu ergänzen bleibt, als wenn man sich einbildet, er
hätte es nötig, über alles belehrt zu werden. Das ganze Argument wäre: ,,Derjenige, welcher sterblich ist, darf
Auf diese §7eise schmeichelt dieses Verschweigen der Eitelkeit der- keinen unsterblichen Haß nähren. Nun bist du sterblich. Also etc'"
jenigen, zu denen n-ran spricht, indem etwas ihrem Verstand anheim- Und das vollkommene Enthymem wäre: ,,Du bist sterblich: Dein
gestellt wird. Die Rede wird außerdem abgekürzt, was sie stärker Haß sei also nicht unsterblich."
und lebhafter macht. Es ist zum Beispiel sicher, daß, wenn man aus
folgendem Vers der Medea bei Ovid, der ein sehr elegantes Enthymem
enthält: Kapitel XV
,,Servare potui, perdere an possim rogas?
Aus meltr als drei Sätzen zusamrnengesetzte ScbLüsse
Ichhabe dich behalten können, ich werde dich also verlieren können?"
eir.r formal vollkommenes Argument gemadrt hätte, nämlid-r: Vir haben bereits gesagt, daß die aus mehr als drei Sätzen zu-
,,Derjenige, welcher behalten kann, kann verlieren: nun habe ich sarnmengesetzten Schlüsse im allgerneinen Sorites heißen. Man kann
dich behalten können; also werde ich dich verlieren können", die ganze von ihnen drei Arten unterscheiden.
Anmut des Verses verloren wäre, und zwar aus folgendem Grund: 1. Die Gradationen, über die es nicht notwendig ist mehr zu sagen, als
wie es eine der widrtigsten Schönheiten einer Rede ist, voller Sinn zu was darüber im ersten Kapitel dieses dritten Teils gesagt wurde.
sein und dem Geist Gelegenheit zu geben, einen im Vergleich zu der 2. Die Dilemmata, die wir im folgenden Kapitel behandeln werden.
2t8 Die Logik Dritter Teii. Kapitel XV 219

3. Diejenigen, welche die Griechen Epicheiremata genannr haben. Sie


vier Ursachen stammen: Erstens aus früheren, in einem anderen Leben
enthalten entweder den Beweis eines der beiden ersten Sätze oder
begangenen Sünden; zweitens aus der Ohnmacht Gottes, der nicht die
beider. Von ihnen werden wir in diesem Kapitel sprechen.
Macht hatte, sie davor zu bewahren; drittens aus der Ungerechtigkeit
So wie man ofr gezwungen ist, in der Rede gewisse zu klare Sätze
Gottes, der sie grundlos der Sünde unterjocht; viertens aus dem ersten
unausgesprochen zu iassen, ist es auch oft erforderlich, wenn man
Sündenfall. Nun ist es nicht fromm zu sagen, daß es von den drei
zweifelhafte vorbringt, ihnen zu gleicher Zeit Beweise hinzuzu- ersten lJrsachen kommt; es kann also nur von der vierten herrühren,
fügen, zur Vermeidung der Ungeduld derjenigen, zu denen man
nämlich dem ersten Sündenfall.
spricht. Sie fühlen sich nämlich manchmal verletzt, wenn man vor- Der lJntersatz, ,,daß die Kinder elend sind", läßt sich durch die
gibt, sie mit Gründen zu überzeugen, die ihnen falsch oder zweifel- Unmenge ihres h,lends beweisen.
haft erscheinen. Denn obgleich man dem in der Folge Abhilfe schafft, Aber es ist leicht zu sehen, mit wieviel mehr Anmut und Kraft der
ist es dennoch gefährlich, selbst für kurze Zeit diesen '§Tiderwillen heilige Augustinus diesen Beweis des ursprür.rglichen Sündenfalls
in ihrem Geist zu provozieren. Es ist daher viel besser, wenn die aufgestellt hat, indem er ihn auf folgende \Weise in ein zusammen-
Beweise diesen zweifelhaften Sätzen unmittelbar folgen, ais wenn gesetztes Argument einschloß :
sie von ihnen getrennt sind. Diese Trennung bringt noch einen
,,Betrachtet die Vielzahl und Größe der übel, welche die Kinder
anderen, sehr störenden Nachteil mit sich, nämlich den Zwang, den erdrücken und mit wieviel Eitelkeit, l-eiden, Illusionen und Schrecken
zu beweisenden Satz zu wiederholen. \üährend die Methode der die ersten Jahre ihres Lebens erfüllt sind; dann, wenn sie größer ge-
{
Schulphilosophie darin besteht, das ganze Argument vorzubringen worden sind und auch beginnen, Gott zu dienen, versucht sie der
und dann den Satz zu beweisen, der Schwierigkeiten bereitet, be- Irrtum, um sie zu verführen, die Arbeit und der Schmerz reizen sie,
steht deshalb die Methode, welche man in der alltäglichen Rede um sie zu schwächen, die I(onkupiszenz versucht sie, um sie zu ent-
befolgt, darin, den zweifelhaften Sätzen die zu ihrer Aufsteliung flammen, die Trauer versucht sie, um sie niederzuschlagen, der Stolz
erforderlidren Beweise hinzuzufügen. Dadurch entsteht eine Art versucht sie, um sie zu erheben: und wer könnte in wenigen Worten
Argument, das aus mehreren Sätzen zusammengesetzr isr; denn dem so viele verschiedene Mühen darstellen, die das Joch der Kinder Adams
Obersarz fügt man die Beweise des Obersatzes hinzu, dem Unter- besdrweren? Die Offenbarkeit dieses Elends hat die heidnischen Philo-
satz die Beweise des Untersatzes, und danach zieht man die Kon- sophen, die vom Sündenfall unseres ersten Vaters nichts wußten und
klusion. nichts glaubten, Bezs/ungen zu sagen, daß wir nur darum geboren
Auf diese W'eise kann man die ganze Leichenrede für Milon auf wären, r.rm die Züchtigungen zu erleiden, die wir durch einige in einem
ein zusammengesetztes Argument zurückführen, dessen Obersatz be- anderen Leben als diesem begangenen Verbrechen verdient haben
sagt, daß es uns erlaubt ist, denjenigen zu röten, der uns einen Hinter- und daß deswegen unsere Seelen an vergängliche Körper gebunden
halt legt. Die Beweise dieses Obersatzes kommen aus dem Naturgesetz, wurden, eine ähniiche Folter erleidend, welc'he die Tyrannen von
dem menschlichen Gesetz und aus Beispielen. Der Untersatz besagt, Toscana denjenigen bereiteten, welche sie lebend an tote Körper
daß Clodius dem Miion einen Hinterhalt gelegt hat, und die Beweise banden. Die Meinung aber, daß die Seelen mit den Körpern verbunden
des lJntersarzes sind seine Mannschaft, sein Gefolge etc. Der Schluß- sind als Strafe für vorhergehende Fehler in einem anderen Leben,
satz besagt, daß es also dem Milon erlaubt gewesen isr, den Clodius wird von dem Apostel zurückgewiesen. '§Vas bleibt also zu safien,
zu töten. außer daß die Ursache dieser fürchterlichen Übel entweder die Unge-
Der erste Sündenfall könnte durch das Elend der Kinder, und zwar rechtigkeit Gottes, seine Ohnmacht oder die Strafe für den ersten
durch die dialektische Methode auf folgende tiü'eise bewiesen werder,. Sündenfall des Menschen ist? lVeil aber Gott weder ungerecht noch
Das Elend der Kinder kann nur als Strafe für eine Sünde, die bei ohnmächtig ist, bleibt nichts weiter als das, was ihr nicht anerkennen
ihrer Geburt schon da ist, angesehen werden. Nun sind sie elend; also wollt, was ihr aber trotzdem gegen euren §(illen zugeben müßt, daß
sind sie es wegen des ersten Sündenfalls. Ansd-rließend müßten der nämlich das so schwere Joch, welches die Kinder Adams tragen müssen,
Obersatz und der lJntersatz bewiesen werden, der Obersatz durch das seitdem die Kinder aus dem Schoß ihrer Mutter gekommen sind bis
disjunktive Argument: Das Elend der Kinder kann nur aus einer dieser zu dem Tag, an dem sie in den Schoß ihrer gemeinsamen Mutter, der
220 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XVI 221

Erde, zurüc-kkchren, nicht gewesen wäre, wenn sie es nicht durch das Karl zu Beginn eines seiner Provinzialkonzilien enthalten: ,,Si tanto
Verbrechcn verdient hätten, das sie wegen ihres Ursprungs belastet... numeri impares, cur tam ambitiosi: si pares, cur tam negligentes?"
So gibt es viele andere unausdrücklich mitgemeinte Dinge in folgen-
dem berühmten Dilemma, mit welchem ein alter Philosoph bewies,
Kapitel XVI daß man sidr in die Geschäfte der Republik nicht mischen soll:
,, Wenn man dabei gut handelt, wird man die Menschen beleidigen.
Dilemmata Wenn man dabei schlecht handelt, wird man die Götter beleidigen.
AIso soll man sich nicht hineinmischen."
Man kann ein Dilemma als einen zusammengesetzten Schluß defi- Desgleichen in dem, durch welches ein anderer bewies, daß man
nieren, bei dem man, nachdem ein Ganzes in seine Teile zerlegt wurde, nicht heiraten darf:
im Hinblick auf das Ganze bejahend oder verneinend das folgert, ,,'§(enn die Frau, die man heiratet, schön ist, verursacht sie Eifer-
was man im Hinblid< auf jeden seiner Teile gefolgert hat. mißfällt sie: also darf man nicht heiraten."
sucht; wenn sie häßlich ist,
Ich sage: ,,das, was man im Hinbiick auf jeden seiner Teile gefolgert In beiden Dilemmata ist der Satz, der die Einteilung vollziehen
hat" und nicht einfach: ,,das, was man ihm zugesprochen hat,.. Denn müßte, unausdrücklich mitgemeint. Dieses geschieht sehr oft, weil er
man spricht eigentlich von Dilemma nur dann, wenn das, was man leicht mitverstanden wird, da er durch die besonderen Sätze, die sich
über jeden der Teile sagt, durch einen eigenen Grund gestützt wird. auf die einzelnen Teile beziehen, zur Genüge bezeichnet sind.
\flenn man zum Beispiel zu beweisen hat, daß ,,man auf dieser \Welt Und darüber hinaus: Damit die Konklusion in den Prämissen ent-
nicht glücklich sein kann", wird man es durch folgendes Dilemma tun: halten ist, muß durchgängig etwas Allgemeines mitverstanden werden,
,,Man kann in dieser \ü/elt nur leben, wenn man sich entweder seinen das allen drei Sätzen angemessen ist; in dem ersten der beiden letzten
Leidenschaften überläßt oder wenn man sie bekämpft: Beispiele müßte es demnadr heißen:
'Wenn man sich ihnen
überläßt, ist das ein unglücklicher Zustand, ,,'§(i'enn man gut handelt, wird man die Menschen beleidigen, was
denn es ist schändlich und man wird dabei nicht zufrieden sein können. ärgerlidr ist.
\7enn man sie bekämpft, ist das auch ein unglücklicher Zustand, §/enn man schlecht handelt, wird man die Götter beleidigen, was
weil es nichts Mühsameres als diesen inneren Krieg gibt, den man ebenfalls ärgerlidr ist.
ständig sich selbst zu machen gezwungen ist. Also ist es auf jede Veise ärgerlich, sich in die Geschäfte der Repu-
Also kann es in diesem Leben kein wahres Glück geben... blik zu mischen."
§(enn man beweisen will, ,,daß die Bischöfe, die nicht am Heil der Dieser Hinweis ist sehr wichtig, um richtig über die überzeugungs-
ihnen anvertrauten Seelen arbeiten, vor Gott unentschuldbar sind.,, kraft eines Dilemmas zu urteilen. Denn das, wodurch zum Beispiel
kann man es durch folgendes Dilemma tun: die Folgerung des eben angeführten Dilemmas anfechtbar ist, liegt
,,Entweder sind sie für diese Aufgabe fähig oder nicht; wenn sie darin, daß es nicht ärgerlich ist, die Menschen zu beleidigen, falls es
fähig sind, isr es unenrschuldbar, daß sie sich ihr nicht widmen. nur durch die Beleidigung Gottes vermieden werden kann.
§7enn sie nicht fähig sind, ist es unentschuldbar, daß sie eine so Die zweite Bemerkung: Die Fehlerhaftigkeit eines Dilemmas enr-
wichtige Aufgabe übernommen haben, die sie jedoch nicht erfüllen steht hauptsächlich durch zwei Fehler. Der eine tritt auf, wenn die
können. Disjunktion, auf die es gegründet ist, mangelhaft isr, indem sie nicht
Und folglich, wie sind sie vor Gott unentschuldbar, wenn
es auch sei, alle Glieder des Ganzen, das man teilt, umfaßt. Demnach ist die
sie nicht am Heil der ihnen anvertrautenSeelen arbeiten... Folgerung des Dilemmas, daß man nicht heiraren soll, anfechtbar,
Man kann aber einige Bemerkungen über die Schlüsse dieser Art weil es Frauen gibt, die weder so schön sind, daß sie Eifersucht erregen,
hinzufügen. noch so häßlich, daß sie mißfallen.
Erstens: Man formuliert nicht immer alle Sätze, die dazu gehören: Aus diesem Grund ist auch das Dilemma, dessen sich die alten Philo-
Denn zum Beispiel ist das Dilemma, das wir gerade gebracht haben, sophen bedienten, um sich vor dem Tod nicht fürchten zu müssen,
in folgenden wenigen \ü/orten einer feierlichen Anrede des heiligen falsch: ,,Entweder geht unsere Seele", sagren sie, ,,mit dem Körper
222 Die Logik Dritter Teii. Kapitel XVII 223

zugrunde, und da sie so keine Gefühle mehr hat, werden wir unfähig alle Beweise, deren man sich bei der Behandlung verschiedener Gegen-
sein, Übel zu erleiden; oder, wenn die Seele den Körper überlebt, stände bedient, beziehen kann. Und der Teil der Logik, den sie Inven-
wird sie glüdrlicher sein als zu dieser Zei, in der sie mit dem Körper tion nennen, enthält nichts anderes als das, was sie über die Loci
verbunden war; also ist der Tod nicht zu fürchten." Denn, wie lehren.
Montaigne sehr gut bemerkt hat, es zeugt von eir-rer sehr großen Ramus erhebt diesen Gegenstand zum Streitpunkt mit Aristoteles
Blindheit, wenn man nicht sieht, daß sich ein dritter Zustand zwischen und den scholastischen Philosophen, weil diese die Loci behandeln,
diesen beiden denken Iäßt, bei welchem die Seele, den Körper über- nachdem sie die Regein für die Argumente gegeben haben, während
lebend, sich mitten in Qual und Elend be6ndet, was einen triftigen er behauptet, daß man die Loci und das, was die Invention betrifft,
Grund abgibt, sich vor dem Tod zu fürchten, aus Angst, in diesen vor der Erörterung dieser Regeln erklären muß. Ramus gibt dafür
Zustand zu fallen. folgende Erklärung: man muß die Inhalte zuerst gefunden haben,
Der andere Fehler, welcher die Sdrlüssigkeit der Dilemmata stört, bevor man darangeht, sie zu ordnen. Nun iehrt die Erklärung der
tritt auf, wenn die sich auf die einzelnen Teile beziehenden besonderen Loci, diese Inhalte zu finden, während die Regeln der Argumente nur
Konklusionen nicht notwendig sind. Es ist zum Beispiel nicht not- ihre Anordnung lehren können.
wendig, daß eine sdröne Frau Eifersucht erregt, denn sie kann so weise Diese Begründung ist aber sehr schwach, denn zugegeben, es sei
und so tugendhaft sein, daß man keinen Grund hat, ihrer Treue zu erforderlich, daß der Inhalt gefunden sein muß, damit er geordnet
mißtrauen. wird, ist es dennoch nicht notwendig, das Finden des Inhalts zu
Es ist auch nicht notwendig, daß sie als häßlich ihrem Mann miß- lernen, bevor man gelernt hat, ihn zu ordnen. Denn um das Ordnen
fällt, denn sie kann so vorteilhafte andere Eigenschaften des Geistes des Inhalts zu lernen, genügt es, über gewisse allgerneine Inhalte zu
und der Tugend haben. daß sie ihm trotzdem gefallen wird. verfügen, die als Beispiele dienen können; nun liefern der Geist und
Die dritte Bemerkung: Derjenige, welcher sich eines Dilemmas be- der gesunde Menschenverstand immer genug Inhalte, ohne daß es not-
dient, muß darauf achten, daß man es nicht gegen ihn selbst wenden wendig wäre, sie von irgendeiner Kunst oder irgendeiner Methode zu
kann. Aristoteles bezeugt, daß man gegen den Philosophen, der nicht beziehen.
wollte, daß man sich in die Staatsgeschäfte mischte, das Dilemma Es ist also richtig, daß man einen Inhalt haben muß, um auf ihn die
anwandte, dessen er sich bediente, um seine These zu beweisen. Denn Regeln der Argumente anzuwenden, aber es ist unrichtig, daß es not-
man sagte zu ihm: wendig ist, diesen Inhalt nach der Methode der Loci zu finden.
,,\[enn man sich dabei von den verderbten Regeln der Menschen Man könnte im Gegenteil sagen, daß, da behauptet wird, daß in den
leiten läßt, wird man die Menschen zufriedensteilen. Loci die Kunst der Konstruktion von Argumenten und Syllogismen
§/enn man auf die wahre Gerechtigkeit achtet, wird man die Götter gelehrt wird, es erforderlich ist, im vorhinein zu wissen, was ein Argu-
z ufriedenstellen. ment und ein Syllogismus ist. Man könnte aber vielleicht auch erwi-
Also muß man sich hineinmischen." dern, daß bereits die Natur uns ein allgemeines W'issen über den
Trotzdem war diese Erwiderung nicht vernünftig. Denn es ist nicht SchlulS liefert, das zum Verständnis dessen genügt, was bei der Be-
vorteilhaft, die Menschen zufriedenzustellen, indem man Gott be- handlung der Loci über die Schlüsse gesagt wird.
leidigt. Es ist also ziemlich unnütz, sich lange um die Reihenfolge zu strei-
ten, innerhalb deren die Behandlung der Loci vorkommen soll, da es
Kapitel XVII sich um eine fast gleichgültige Sache handelt. Vieileicht wäre es viel
:,: :'-i-&
nützlicher zu prüfen, ob es nicht zwed<mäßiger wäre, überhaupt die
Von den Loci argwmentorum oder über die Metbode, Argumente zw Erörterung der Loci zu streic-hen. Die Alten haben bekanntiich viel
finden; ,ton welcb geringem Ntrtzen diese Methode ist Aufhebens von dieser Methode gemacht. Cicero zieht sie der ganzen
Dialektik, so wie diese von den Stoikern gelehrt wurde, welche der
Das, was die Rhetoriker und die Logiker Loci, genauer Loci argu- Behandlung der Loci keinen Platz einräumten, vor. Geben wir uns,
mentorum nennen, sind gewisse allgemeine Hauptsätze, auf die man sagt er, mit dieser ganzen Wissenschaft (nämlich der Dialektik) nicht
224 l)ic Logik Dritter Teil. Kapitel XVII 225

ab, die uns ja gar nichts über die Art und §f'eise sagt, wie man Argu- diese Regeln, weil sie beredt sind; sie bedienen sich ihrer nicht, um
mente findet, und die so redselig ist bei dem Bestreben uns zu lehren, beredt zu sein." Implent quippe illa quia sunt eloquentes, non adhi-
wie man die Argumente beurteilt: Isram artem totam relinquamus bent ut sint eloquentes.
quae in excogirandis argumentis muta nimium esr, in judicandis Man geht von Natur aus, wie derselbe Kirchenvater an anderer
nirnium loquax. Stelle ben.rerkt, und gehend führt man bestimmte geregelte Körper-
Quintilian und alle anderen Rhetoriker, Aristoteles und alle philo- bewegungen aus. Aber für das Erlernen des Gehens würde es nichts
sophen sprechen in ähnlicher \7eise, so daß man kaum von ihrer Mei- frommen, wenn man zum Beispiel sagen würde, daß man vom Geist
nung abweichen könnte, wenn die unmittelbar allgemeine Erfahrung ausgehende Befehle zu bestimmten Nerven schicken, bestimmte Mus-
dieser Meinung nicht gänzlidr entgegengesetzt wäre. keln in Bewegung setzen, in den Gelenken bestimmte Bewegungen
Man kann zr Zeugen alle Menschen nehmen, die den gewöhnlichen machen, einen Fuß vor den anderen setzen und auf dem einen stehen
Studiengang absolviert haben und durch diese künstliche Methode muß, während der andere vorwärtsschreitet. Man kann wohl Regeln
gelernt haben, Beweise zu finden, wie es eben an den höheren Schulen bilden, indem man beobachtet, was die Natur uns tun läßt; man voll-
gelehrt wird. Denn gibt es etwa unter ihnen einen einzigen, der wirk- bringt aber niemals diese Handlungen mit Hilfe dieser Regeln. So
lich sagen könnre, daß er, als er gezwungen rilar, irgendeinen Gegen- behandelt man alle Loci in den alltäglichsten Aussagen und man
stand zu behandeln, Uberlegungen über diese Loci angestellt hat und könnte nichts sagen, was man nicht auf sie zu beziehen vermöchte.
dort die Begründungen aufgesucht hat, die er benötigte? Man möge alle Aber man produziert diese Gedanken nicht auf Grund einer ausdrück-
Advokaten und Prediger auf der lVelt befragen, alle Redner und lichen Überlegung. Dieses Reflektieren würde den Schwung des produ-
Schriftsteller, welche alle Stofi im überfluß haben: ich weiß nicht, ob zierenden Geistes aufhalten und ihn daran hindern, die lebhaften und
man irgendeinen wird iinden können, der jemals daran gedacht hat, natürlich einleuchtenden Begründunger, zu finden, die der echte
ein Argument a cdusa, ab effectu, ab adjunctis um des Beweises der Schmud< der Rede jeder Art sind.
von ihm vertretenen These willen zu bilden. Im neunten Buch der Aeneis legt Vergil folgende §üorte voll von
Obwohl Quintilian Achtung für diese Kunst zu haben scheint, ist er Bewegtheit und I-eidenschaft in den Mund des Nisus, nachdem er
dennoch gezwungen, anzuerkennen, daß man nicht bei der Behandlung Euriale, umzingelt von ihren Feinden, die im Begriff waren, an ihr
eines Gegenstandes bei allen diesen Loci anzuklopfen braucht, um den Tod ihrer Kameraden zu rächen, die Nisus, der Freund der
Argumente und Beweise zu sammeln. Illud quoque, sagt er, studiosi Euriale, getötet hatte, vorgeführt hat:
eloquentiae cogitent, non esse cum proposita fuerit materia dicendi
scrutanda singula er velut osriatim pulsanda, ut sciant an ad id pro- ,,Me me adsum, qui feci, in me convertite ferrum,
bandum quod intendimus, forte respondeant. O Rutulil mea fraus omnis; nihil iste nec ausus,
Nec potuit. Coelum hoc et fidera conscia testor.
Es ist wahr, daß alle die Argumente, die man über jeden Gegen-
Tantum infelicem nimium dilexit amicum."
stand bildet, auf diese Hauptsätze und ailgemeinen Richtlinien, die
rnan ,,Loci" nennr, bezogen werden können sie werden jedot*r nicht ,,Das ist", sagt dazu Ramus, ,,ein Argument d. causa efficiente."
durch diese Methode gefunden. Der Natur- des Gegenstandes, seiner Man könnte aber wohl mit Sicherheit urteilen, daß Vergii, als er diese
aufmerksamen Betrachrung, der Kenntnis verschiedener \flahrheiten Verse dichtete, überhaupt nicht an den Locus der wirkenden Ursache
verdanken die Argumente ihre Entstehung. Erst nachträglich werden dachte. Er würde sie niemals gemadrt haben, wenn er angehalten
sie von der Kunst verschiedenen Argumentationsrypen zugeteilt. Man hätte, um in ihnen diese Denkfigur zu suchen: Um diese so edlen und
kann auf diese §fleise hinsichtlidr der Loci zutreffend das behaupten, lebendigen Verse zu didrten, mußte er vielmehr nicht nur diese Regeln
was der heilige Augustinus im allgemeinen über die Vorschriften der notwendig vergessen haben, wenn er sie wußte, sondern in gewisser
Logik sagt. ,,§(ir stellen fest", sagt er, ,,daß die Regeln der Beredsam- 'Weise auch sich selbst vergessen, um sich in die Leidenschaft, die er
keit in den Reden der beredten Leute beobachter werden, obwohl diese vorführte, hineinzustei gern.
beim Reden nicht an sie denken, und das sowohl in dem Fall, in dem Der geringe Gebrauch, den die 'W'elt von dieser Methode der Loci
sie sie kennen, als auch dann, wenn sie sie nidrt kennen. Sie befolgen gemacht hat, seit der Zeit ihrer Erfindung und Aufnahme in den Lehr-
226 Dic Logik Dritter Teil. KaPitel XVIII 227

'§üissen um diese Loci,


stoff der ScJrulen, ist ein evidenter Beweis für ihren geringen Nutzen. Deshalb besteht der ganze Vorteil aus dem
Selbst dann aber, wenn man darauf aus wäre, aus ihr den ganzen wenn es hoch kommt, darin, mit der Tünche ihrer Kenntnis, die viel-
Saft zu pressen, den sie hergeben kann, ist nicht einzusehen, daß man leicht ein wenig dazu beiträgt, ohne daß man daran denkt, den zu
dadurch zu etwas gelangen könnte, was wirklich nützlich und achtens- behandelnden Gegenstand von mehreren Seiten und Teilen her zu
wert wäre. Dcnn alles, wozu man durch diese Methode behaupten betrachten, versehen zu sein.
kann befähigt worden z-u sein, ist die Auffindung verschiedener all-
gemeiner, alltäglicher, abgelegener Gedanken zu jedem Gegenstand,
wie sie die Lullisten mittels ihrer Tafeln finden. Nun ist die Beschaf- Kapitel XVIII
fung eines derartigen überflusses nicht nur unnütz, sondern es gibt
nichts, was das Urteilsvermögen mehr verdirbt als dieses Verfahren. Einteilung der Loci in Loci der Grammatik, der Logih
Nichts erstickt eher die guten Samenkörner als der überfluß an und der MetaPhysih
Unkraut: nichts macht den menschlid-ren Geist an richtigen, gerechr-
fertigten und wichtigen Gedanken unfruchtbarer als diese eitle Frucht- Die Autoren, welche die Loci behandelt haben, haben sie auf ver-
barkeit im I-Iinblick auf allgemeine Denkschemata. Der Geist gewöhnt schiedene §ü'eise eingeteilt. Die von cicero in seinen Büchern De inven-
sich an diese Leichtigkeit und macht keine Ansrrengungen mehr, um tione und in den.r zweiten Buch von De oratore und von Quintilian
die eigentlichen, jeweils eigenen und natürlichen Begründungen zu im fünften Buch der Institutio oratoria übernommene Einteilung ist
finden, die sich nur in der aufmerksamen Betrachtung seines Gegen- weniger methodisch. Aber sie ist auf der anderen Seite geeigneter,
standes offenbaren. um in den Plädoyers der Rechtsanwälte, im Hinblick auf welche
Man n.rüßte in Erwägung ziehen, daß der mittels dieser loci ange- jene Autoren sie besonders konzipiert haben, Verwendung zu fin-
strebte Überfluß ein winziger Vorteil ist. Nicht der überfluß ist es, den. Die Einteilung von Ramus ist zu sehr durch Unterteilungen
was den meisten Menschen fehlt. Man sündigt viel mehr wegen des belastet.
Überflusses als wegen des Mangels, und die Reden, die man hält, sind Hier wir eine, die wir für ziemlich brauchbar halten und die
geben
1

gar sehr mit Stoff gefüIlt. Es wäre um vieles nütz-licher, um die Men- von Clauberg stammt, einem sehr vernünftigen und zuverlässigen
schen in einer vernünftigen und sachlich relevanten Beredsamkeit aus- deutschen Philosophen, auf dessen Logik ich erst gescoßen bin, als die
zubilden, ihnen das Schweigen srart des Sprechens beizubringen, das vorliegende bereits im Druck war.
heißt sie zu lehren, die flachen, allzu bekannten und die falschen Ge- Die Loci stammen entweder aus der Grammatik oder aus der Logik
danken zu übergehen und auszumerzen, damit sie nicht, wie sie es oder aus der Metaphysik.
gewöhnlich tun, eine verworrene Menge aus guten und schlechten
Schlüssen produzieren, womit die Bücher und Reden ausgestopft
werden. Loci der Grammatik
Und da der Gebrauch der Loci zu kaum mehr als zur Auffindung
derartiger Gedanken dienen kann, kann man sagen: es mag gut sein Z,t der Loci der Grammatik gehören die Etymologie und die aus
zu wissen, was darüber gesagt wird, weil so viele berühmre Leute '§üurzel abzuleitenden W'orte, die im Lateinischen conjugata
derselben
darüber gesprochen haben, daß es zu einer Art Notwendigkeit gewor- und im Griechischen napdrvrrtrro heißen. Man argumentiert auf die
den ist, eine so allgemein bekannte Sache nidrt zu ignorieren; es ist Etymologie sich berufend, wenn man zum Beispiel sagt, daß viele in
aber noch viel wichtiger) ganz davon überzeugt zu sein, daß es nichts der Geselligkeit aufgehende Leute, strenBgenommen, sich niemals
Lächerlicheres gibt, als sie zu verwenden, um über alles unverbindlich zerstreuen, denn ,,Zerstreuung" bedeutet ,,verlassen der ernsten Be-
zu reden, wie die Lullisten es mittels ihrer allgemeinen Attribute tun, schäf'tigungen"; diese Leute aber besc)-räftigen sich nie ernst mit irgend
die eine Art von Loci sind
- und daß diese schlechte Leichtigkeit, über etwas.
alles zu reden und überall Vernünftigkeit zu finden, ein so negativer Die aus einer 'Wurzel abgeleiteten rVörter können sogar zur Erfin-
Geisteszug isr, daß er weit unrer der Dummheit steht. dung von Gedanken dienen.
228 Die Logik Dritter Teil. KaPitel XVIII 229

Homo sum, humani nil a me alienum puto. 6. Das Definierte wirdclcmjenigen zu- oder abgesprochen, welchem
Mortali urgemur ab hoste, mortales. der Inhalt der Definitron z-u- oder abgesprochen wird: Es gibt wenig
Quid tam dignum misericordia quam miser? gerechte Menschen, denn es gibt wenige, die einen festen und bestän-
quid tam indignum misericordia quam superbus miser? digen Villen haben, jedem das seine zu erstatten.
\(er ist des Mitleids würdiger als ein elend Leidender?
\(er ist des Mitleids unwürdiger als ein elend Leidender, der hoch-
mütig ist? Loci der Metaphysik

Die Loci der Metaphysik sind bestimmte allgemeine Begriffe, die


Loci der Logik allen Seienden zukommen und auf welche man viele Argumente be-
zieht, wie zum Beispiel die Ursachen, die \üirkungen, das Ganze, die
Die Loci der Logik sind die allgemeinen Begriffe: Gattung, Art, Teile, die entgegengesetzten Begriffe. Das Nützlichste in diesem Bereich
spezifische Differenz, weserltliche Eigenschaft, Akzidenz; daneben die liegt in der Kenntnis einiger allgemeiner Einteilungen, vor allem die
Definition und die Division. Alle diese Punkte sind im Vorhergehen- Ursachen betreffend.
den bereits erläutert worden, daher ist es nicht nötig, noch einmal Die Definitionen, die man in der Schulphilosophie für die Ursachen
'W'ir-
auf sie einzugehen. im allgemeinen gibt, indem man sagt: ,,Ursache ist das, was eine
Es ist anzumerken, daß n.ran gewöhnlich diesen Loci bestimmte all- kung hervorbringt" oder,,das, wodurch ein Ding ist", sind so vage,
gemeine Grundsätze hinzufügt, die man kennen müßte, allerdings und es ist so schwer einzusehen, daß und in welcher'§?eise sie für alle
nicht, weil sie besonders nützlich sind, sondern weil sie alltäglich Arten der Ursache angemessen sind, daß es auf dasselbe hinauslaufen
vorkommen. Einige haben wir schon unter anderen Namen gebracht, würde, wenn man dieses §üort unter denen gelassen hätte, die man
aber es ist zweckmäßig, sie auch mit ihren üblichen Namen zu gar nicht definiert. Denn die Idee, die wir mit dem 'Wort Ursache
kennen: verbinden. ist so klar wie die Definition, die man gibt'
1. \Was der Gattung zu- oder abgesprochen wird, wird der Art zu- Aber die Einteilung der Ursachen in vier Arten, nämlich in die
oder abgesprochen: Das, was allen Menschen zukommt, kommt den finale, die e{fiziente, die materiale und die formale ist so berühmt, daß
Großen zu. Die Großen können aber nicht auf Vorzüge, die die es notwendig ist, sie zu kennen.
Menschengattung übersteigen, Anspruch erheben. Man nennt FINALE URSACHE den Zweck, um dessentwillen eine
2. §fenn man die Gattung zerstört, zerstört man auch die Art: §7'er Sache da ist.
gar nicht urteilt, urteilt nicht schlecht; v/er gar nicht spricht, spricht Es gibt Hauptzwed<e, nämlich diejenigen, auf die man in erster
niemals indiskret. Linie gerichtet ist, und Nebenzwecke, die man nur nebenbei verfolgt'
3. '§(i'enn man alle Arten aufhebt, hebt man die Gattung auf : Die Dasjenige, auf welches man beim Hervorbringen oder Erhalten-
sogenannten substantiellen Formen (ausgenommen die vernünftige wollen gerichtet ist, heißt FINIS CUJUS GRATIA. So ist die Ge-
Seele) sind weder Körper noch Geist, also sind sie gar keine Sub- sundheit der Zweck der Arztkunst, denn diese erhebt den Anspruch,
stanzelt. jene herzustellen.
4. \flenn man einer Sadre die ganze spezißsche Differenz ay oder Der.jenige, für den man arbeitet, heißt FINIS CUI: ein solcher
absprechen kann, kann man ihr die Art zu- oder
absprechen: Die Zweck ist der Mensch für die Arztkunst, denn sie ist bestrebt, ihm
Ausdehnung kommt dem Denken nicht zu, also ist es keine Materie. die Heilung zu verschaffen.
5. liflenn man einer Sache die wesentliche Eigenschaft zu- oder ab- Es gibt nichts Gängigeres, als aus dem Zwech Argumente herzu-
sprechen kann, kann man ihr die Art zu- oder absprechen: Da es leiten: entweder um zu zeigen, daß etwas unvollkommen ist, so wie
unmöglich ist, sich die Hälfte eines Gedankens oder einen runden eine Rede schlecht ist, wenn sie nicht geeignet ist, zu überzeugen; oder
bzw. quadratischen Gedanken vorzustellen, ist es unmöglich, daß um zu zeigen, daß es wahrscheinlich ist, daß ein Mensch irgendeine
es sich um einen Körper handelt. Handlung gemacht hat oder machen wird, weil sie mit den Zwecken
23O l)ic Logik
Dritter Teil' KaPitel XVIII 231

übereinstimmt, die er sich zu stellen pflegt. Das berühmte Wort eines


DEREN Ursachen der Harmonie, welche die universale festlegen
römischen Ridrters, man müsse vor allem das cui bono prüfen, das
und determinieren.
heißt, welches Interesse das Verrichten einer Handlung hätte, da die
Die Sonne ist eine NATÜRLICHE Ursache.
Menschen gewöhnlich im Hinblick auf ihr Interesse handeln, rührt
Der Mensch ist eine INTELLEKTUELLE Ursache hinsichtlich der
daher; oder umgekehrt, um zu zeigen, daß rnan einen Mensdren nicht
bewußt vollzogenen Handlung.
einer Tat verdächtigen darf, wenn sie dem von ihm verfolgten Ziel
Das Holz verbrennende Feuer ist eine NOT§flENDIGE Ursache'
widerspricht.
Der gehende Mensch ist eine FREIE Ursache.
Es gibt auch viele andere Arten, Schlüsse mit Hilfe des Zwed<-
begriffs aufzustellen. Der gesunde Menschenverstand wird sie von
Die ein Zimmer erhellende Sonne ist die EIGENTÜMLICHE
Ursache seiner Helligkeit; die Offnung des Fenstersist nureine Ursache
sich aus leichter als auf Grund von Rezepten entdec-ken; dieses gilt
oder Bedingung, ohne welche die Virkung sich nicht einstellen würde,
auch für die übrigen Loci.
das heißt nur eine CONDITIO SINE QUA NON'
Die EFFIZIENTE URSACHE ist die, welche ein anderes Ding
hervorbringt. Man bildet daraus Argumente, indem man zeigt, daß
\fenn das Feuer ein Haus verbrennt, ist es die PHYSISCHE
Ursache der durch den Brand sich ereignenden Zerstörung; der Mensch,
eine \üirkung nicht ist, weil sie keine zureichende Ursache gehabt hat
der das Feuer gelegt hat, ist ihre MORALISCHE Ursache.
oder daß sie ist oder sein wird, indem man zeigt, daß alle ihre Ursachen
Man zählt zu der \(irkursache (der effizienten Ursache) audr die
vorhanden sind. \Wenn diese Ursachen notwendige sind, ist das Argu-
ment ein notwendiges; wenn sie freie und kontingente sind, ist es
EXEMPLARISCHE Ursache, das heißt das Modell, das man im
Blick hat, wenn man ein rVerk ausführt, wie der Grundriß eines Ge-
lediglich ein wahrscheinliches.
bäudes, durch den der Baumeister geleitet wird; oder allgemeiner' das,
Es gibt verschiedene Arten der effizienten Ursache und es ist nütz-
was Grund des verstandesimmanenten Seins unserer Idee oder irgend-
lich, ihre Namen zu wissen.
eines anderen Bildes ist, wie der König Ludwig XIV. die exemplarische
Als Gott Adam schuf, war er seine TOTALE URSACHE, denn
Ursache seines Porträts ist.
nichts wirkte mit ihm zusammen. Der Vater aber und die Mutter sind
jeder nur TEILURSACHEN ihres Kindes, weil sie einander nötig Die MATERIALE Ursache ist das, woraus die Dinge geformt sind:
das Gold ist die Materie der Goldvase. W'as der Materie zukommt
haben.
oder nicht zukommt, kommt den Dingen, die aus ihr gebildet sind,
Die Sonne ist die dem Lichte EIGENE Ursache, aber sie ist nur
zu oder nicht zu.
ZUFÄLLIGE Ursache des Todes eines Menschen, für dessen Tod die
Hitze Die FORM ist das, was ein Ding zu diesem und nicht jenem macht
deswegen schuld ist, weil er sich von vornherein in einem
und es von den anderen untersdleidet, sei es, daß sie ein wirklich von
Schwächezustand befand.
der Materie unterschiedenes Seiendes ist, nach der Meinung der Schul-
Der Vater ist die NAHURSACHE seines Sohnes.
philosophie, sei es, daß sie nur die Anordnung, Struktur der Teile ist.
Der Großvater ist nur seine ENTFERNTE Ursache.
Allein auf Grund der Vertrautheit mit dieser Form können die Eigen-
Die Mutter ist eine HERVORBRINGENDE Ursache.
schaften des Dinges erklärt v/erden.
Die Amme ist nur eine BE\(AHRENDE Ursache.
Der Vater ist eine UNIVOKE Ursache im Hinblick auf seine Kin- Es gibt so viele verschiedene \ü?'irkungen wie Ursachen, da diese
der, weil sie die gleiche Natur haben.
Worte korrelativ sind. Die geläufige V/eise, daraus auch Argumente
zu bilden, ist, zu zeigen, daß, wenn die \üirkung ist, auch die Ursache
Gott ist nur eine ÄQUIVOKE Ursache im Hinblidr auf seine
Kinder, weil diese nicht von der Natur Gottes sind.
ist, da nichts ohne Ursadre ist. Man beweist auch, daß eine Ursache
gut oder schlecht ist, wenn ihre §(irkungen gut oder schledrt sind, was
Der F{andwerker ist die HAUPTURSAC}{E seines \flerks, seine
allerdings bei den akzidentellen Ursachen nicht immer wahr ist.
\flerkzeuge sind nur die INSTRUMENTALE.
Vom Ganzen und den Teilen haben wir im Kapitel über die Divi-
Die Luft, die in die Orgeln eindringt, ist die UNIVERSALE Ursache
sion genügend gesprochen, wir braudren also hier nichts hinzuzufügen.
der Harmonie der Orgeln. Die jeweils andere Beschaffenheit der
Den Gegensatz zwischen den Begriffen teilt man vierfadr ein.
Pfeifen, so wie derjenige, welcher auf ihnen spielt, sind die BESON-
Die relativen Begriffe: Vater Sohn, Herr Knecht;
- -
232 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XIX 213

Die konträren Begrif{e: kalt warm, gesund krank; der aristotelischen Rhetorik finden wir aber etwas sehr Schönes über
- -
Die privativen Begrif{e: der Tod in bezug auf das Leben; die Blindheit diesen Gegenstand. Dort werden verschiedene §7'eisen vorgeführt, wie
in bezug auf das Sehvermögen;die Taubheit in bezugauf das Gehör; man nachweisen kann, daß ein Ding nützlich, angenehm, größer,
die Unwissenheit in bezug auf das '§ü'issen; kleiner ist. Trotzdem ist es wahr, daß man sich auf diesem '§?.eg nie
Die kontradiktorisdren Begriffe: in diesem Fall liegt nur ein einziger ein wirklich wichtiges '§?'issen erarbeiten wird.
Begriff vor und die einfache Verneinung dieses Begrifles, z. B.
Sehen Nicht-Sehen.
-
Der Unterschied zwischen den beiden letzten Arten der Entgegen- Kapitel XIX
setzung besteht darin, daß die privativen Ausdrücke die Negation eines
Inhalts im Hinblidr auf einen Träger meinen, der mit diesem Inhalt Von den verschiedenen Arten, scblechte Scblüsse, das hei$t Sopbismen
ausgestattet werden kann; während die schlechtweg negativen diese zu leonstruieren
Fähigkeit überhaupt nicht anzeigen. Aus diesem Grunde sagt man
nicht, daß ein Stein blind oder tot ist, denn die Fähigkeit zu leben Obgleich es nicht schwer ist, wenn man die für die guten Schlüsse
kommt ihm nie und in keiner 'W'eise zu. geltenden Regeln kennt, die schlechten zu durchschauen, wird es gleich-
Der Gebrauch des einen dieser Begriffe ist, da sie einander entgegen- wohl nicht ohne Nutzen sein, da die Beispiele, die man meiden muß,
gesetzt sind, mit der Verneinung des anderen verbunden. Bei den schlagender sind als die nac.hzuahmenden Beispiele, die Hauptquellen
kontradiktorisch einander entgegengesetzten Begrif[en ist, darüber der sdrlechten Schlüsse, die man Sophismen oder Paralogismen nennt,
hinaus, die Aufhebung des einen mit der Aufstellung des anderen ver- darzustellen. Dieses Verfahren wird sie nämlich mit nodr größerer
bunden. Leichtigkeit und Sicherheit vermeiden lassen.
Es gibt mehrere Arten von Vergleichen. Denn man vergleicht ent- Ich werde die Sophisnren nur auf sieben oder aclt Typen zurüch-
weder gleiche oder ungleiche Dinge; entweder ähnlicheoder unähnliche. führen; einige beruhen auf so groben Fehlern, daß sie nicht angeführt
Und man beweist, daß das einem gleichen oder ähnlichen Ding Zu- zu werden brauchen.
kommende oder Nichtzukommende einem anderen Ding, dem das
erste gleich oder ähnlich ist, zukommt oder nicht zukommt.
Bei ungleichen Dingen beweist man entweder negativ, daß, wenn I. Etwas anderes, als das, was in Frage steht, beweisen
das, was wahrsdreinlicher ist, nicht ist, um so mehr das, was weniger
wahrsdreinlich ist, nicht ist; oder affirmativ, daß, wenn das, was Dieser Sophismus wird von Aristoteles ignoratio elenchi genannt,
weniger wahrscheinlicl ist, ist, so ist das, was wahrscheinlicher ist, das heißt, Unwissenheit dessen, was man im Hinblick auf seinen
ebenfalls. Man bedient sich gewöhnlich der Unterschiede oder Unähn- Gegner zu beweisen hat. Dieses ist ein überaus geläufiger Fehler in
lichkeiten, um das zu Fall zu bringen, was andere, gestützt auf Ähnlich- den Streitgesprächen. Man disputiert mit Feuer, und dabei versteht
keiten, haben aufstellen wollen; wie man das von einem Gerid-rtsurteil der eine nicht, was der andere meinc. Die Leidenschaft oder die böse
hergeleitete Argument zerstört, indem man zeigt, daß es einen anderen Absicht veranlassen uns, dem Gegner etwas zu unterstellen, was rron
Fall betrifft. seiner Meinung weit entfernt ist, nur um in einei vorteilhafteren Lage
Das war in großen Zigen ein Teil von dem, was man über die Loci zu sein, beim Versudr, ihn zu bekämpfen; oder sie veranlassen uns,
lehrt. Es gibt Dinge, in bezug auf welche man nur knappe Kenntnisse ihm Konsequenzen zs unterstellen, die man aus seiner Lehre ableiten
haben sollte. In manchen Fällen sind soldre Kenntnisse viel nützlicher zu können glaubt, obwohl er sie in Abrede stellt und verneint. Alles
als die detaillierten. Diejenigen, welche mehr über die Loci wissen das kann auf die erste Art von Sophismus zurüchgeführt werden, die
wollen, können bei den Autoren nadrschlagen, die mit größerer Sorg- ein Mensch, der wahrhaftig und guten §(illens ist, überall vermeiden
falt dieses Kapitel abgehandelt haben. §(ir würden allerdings nieman- muß.
dem raten, sich die ,,Topik" des Aristoteles vorzunehmen, weil es Es wäre zu wünschen gewesen, daß Aristoteles, der es sich hat
angelegen sein lassen, uns auf diesen Fehler aufmerksam zu machen,
sich um außerordentlich verworrene Bücher handelt. Im ersten Buch
234 Dic Logik Drittcr Teil. Kapitcl XIX 235

auih dafür gesorgt hätte, ihn selbst zu vermeiden. Denn man kann ihm sagt: Mein Freund, das erste, was du wisser-r tnußt, um eine Statue
nicht verhehlen, daß er mehrere alte Philosophen bekämpft hat, indem zu machen, ist, daß man ein Stück Marmor suchen muß, das noch nicht
er ihre Lehrmeinungen ziemlich unaufrichtig referiert. Er widerlegt diese Statue, die du zu machen gedenkst, ist.
Parmenides und Melissos, weil sie nur ein einziges Prinzip für alle
Dinge angenommen haben, als ob sie damit das Prinzip gemeint hätten,
das die bestehenden Dinge ausmacht, während sie das eine und ein- II. Das, was zur Diskussion steht, als wahr voraussetzen
zige Prinzip meinten, aus dem alle Dinge entsprungen sind, nämlich
Gott. Aristoteles nennt ein solches Verhalten petitio principii. Wir sehen
Er klagt die Alten an, daß sie nicht die Privation als eines der Prin- sofort ein, daß es der s/ahren Vernunft gänzlich widerspricht, denn
zipien der natürlichen Dinge anerkannt haben. Er nennt sie deswegen in jedem Schluß muß das, was dem Beweis zugrunde liegt, viel klarer
ungeschliffen und grob. \Ver aber sieht nicht, daß das, was er uns als und viel bekannter als das zu Beweisende sein.
ein bis zu ihm von niemandem gewußtes großes Geheimnis vorführt, Galilei beschuldigt indessen Aristoteles mit Recht, daß er selber
niemals von irgend jemandem ignoriert worden sein kann, weil es diesen Fehler begangen hat, wenn er sich durch folgendes Argument
unmöglich ist nicht zu sehen, daß die Materie, aus der man einen Tisch anheischig macht zu beweisen, daß die Erde Mittelpunkt des §(elt-
macht, die Privation der Form des Tisches haben muß, das heißt, daß alls ist:
die Materie, aus der man einen Tisch madrt, nicht Tisch ist, bevor man Es gehört zur Natur der schweren Dinge, zu dem Mittelpunkt des
daraus einen Tisch macht. Es ist wahr, daß diese Alten sich nicht haben \Weltalls zu streben und zu der der leichten Dinge, sich davon zu ent-
einfallen lassen, das §ü'issen um diesen Sachverhalt zur Erklärung der fernen:
Prinzipien der natürlichen Dinge zu benutzen, weil es in der Tat Nun zeigt uns die Erfahrung, daß die schweren Dinge zu dem
nidrts gibt, was weniger dazu tauglich wäre. Denn es ist ziemlich Mittelpunkt der Erde streben und daß die leiclten sich von ihm ent-
unbezweifelbar, daß man dadurch nicht besser weiß, wie eine Uhr fernen;
gemacht wird, wenn man weiß, daß die Materie, aus der man sie Also ist der Mittelpunkt der Erde der gleiche wie der Mittelpunkt
gemacht hat, nicht Uhr gewesen sein muß, bevor man daraus eine Uhr
des §üeltalls.
gemacht hat. Es läßt sich nicht bestreiten, daß im Obersatz dieses Arguments
Es ist also eine Ungeredrtigkeit des Aristoteles, diesen alten Philo- eine offenbare petitio principii steht. Denn wir sehen wohl, daß die
sophen vorzuwerfen, sie hätten eir-re Sache nicht gewußt, die zu igno-
schweren Dinge zu dem Mittelpunkt der Erde streben; aber woher
rieren unmöglich ist, und sie zu beschuldigen, sich zur Erklärung bezieht Aristoteles sein §7issen, daß sie zu dem Mittelpunkt des \üelt-
der Natur eines Prinzips nicht bedient zu haben, das überhaupt alls streben, es sei denn, er setzt einfach voraus, daß der Mittelpunkt
nichts erklärt. Und es ist eine Täuschung und ein Sophismus, der der Erde und der Mittelpunkt des Weltalls identisdr sind? Gerade das
Offentlichkeit dieses Prinzip der Privation als Schlüssei für die letzten aber ist die Konklusion, zu deren Beweis das ganze angeführte Argu-
', il.äXi:i{;
5n:ilj i i;i Welträtsel anzubieten, denn es ist nicht das, was wir suchen, wenn wir ment als Mittel fungieren sollte.
danach streben, die Prinzipien der Natur zu enrdecken. Die Menschen
Lauter petitiones principii sind auch die meisten Argumente, deren
setzen als eine Selbstverständlichkeit voraus, daß ein Ding, bevor es
man sidr bedient, um eine bestimmte Art von Substanzen zu beweisen,
verfertigt wurde, nicht ist. Sie trachten aber danach, herauszufinden,
die man in der Schulphilosophie substantielle Formen (formae substan-
welche Prinzipien zu seiner Konstirution zusammenkommen müssen
tiales) nennt und von denen man behauptet, sie seien körperlich, ob-
und welche Ursache es hervorgebracht hat.
wohl sie keine Körper seien, was wohl als eine ziemlich unverständ-
Übrigens hat es nie einen Bildhauer gegeben, der diese Analyse ernst
liche Aussage anzusehen ist. In der Schulphilosophie wird nämlich
genommen hat und der zum Beispiel, um jemanden in der Art und
folgendermaßen argumentiert: ,,\7enn es substantielle Formen nicht
Veise zu unterweisen, wie man ein Standbild verfertigt, ihm als erste
gäbe, würde es auch kein Entstehen geben: nun gibt es auf der §7elt
Anweisung die Auskunft beschert, die nach Aristoteles' Ansicht an die
so etwas wie das Entstehen von Dingen; also gibt es substantielle
Spitze der Erklärung aller lVerke der Natur zu stellen ist, und zu
Formen."
236 Die Logik
Dritter Teil. Kapitel XIX 237

In diesem Fall genügt es, die in dem Wort ,,Entstehen" liegende jenem totum per se meinen, mögen sie es uns sagen' Es wird sich her-
Äquivocation zu durchschauen, um einzusehen, daß dieses Argument
ausstellen, daß auch in diesem Fall ihr Beweis des Daseins der substan-
nichts anderes als eine reine petitio principii darstellt. Denn wenn
tiellen Formen nichts taugt.
man mit dem \Wort ,,Entstehen" die natürlidre Hervorbringung eines
\flir haben uns ein wenig dabei aufgehalten, nebenbei die Schwäche
neuen Etwas in der Natur meint, zum Beispiel die Hervorbringung
der Argumente arfzuzeigen, mit welchen man in der Schulphilosophie
eines Kükens, das sich in dem Ei bildet, ist man berechtigt zu sagen,
diese Arten von Substanzen untermauert, zu denen weder die Sinne
daß es in diesem Sinne verstandene Entstehungsprozesse gibt. Aber
noch der Geist irgendwelchen Zugang haben und von denen man
daraus kann man nidrt folgern, daß es substantielle Formen gibt, da
nidrts anderes weiß, als daß sie substantielle Formen heißen. Denn
auch einfach die Anordnung der Teile durch die Natur diese zuvor
obgleich ihre Verteidiger eine sehr löbliche Absicit verfolgen, ver-
nicht dagewesenen Ganzen, diese neuen Naturwesen, zu produzieren
dunkeln und verwirren die Grundgedanken, deren sie sich bedienen,
vermag. \üenn man aber das \(ort ,,Entstehen" in der geläufigen lVeise
und die Ideen, mit welchen sie 1'ene substantiellen Formen konzipieren,
versteht und mit ihm das Hervorbringen einer neuen, vorher nicht
die höchst zuverlässigen und höchst überzeugenden Beweise der
dagewesenen Substanz meint, das heißt das Flervorbringen der soge-
Unsterblichkeit der Seele, die Beweise nämlich, die auf der Unter-
nannten ,,substantiellen Form", setzt man gerade das voraus, was als
scheidung von Körper und Geist beruhen, und auf der Unmöglichkeit,
Problem zur Diskussion gestellt ist; es ist nämlich klar, daß derjenige,
daß eine Substanz, die keine Materie ist, durch die Materie betreffende
weldrer die ,,substantiellen Formen" verneinr, nicht bereit ist, dem
Veränderungen unterEieht. Ohne daran zu denken,liefert man letztlidr,
Gedanken zuzustimmen, daß die Natur substantielle Formen hervor-
auf dem Umweg über jene substantiellen Formen, den Freidenkern
bringt. [Jm so weniger kann durch das bereits erwähnte Argument
Beispiele für Substanzen, die untergehen, die, strenggenommen, keine
die Bereitschaft in ihm erzeugt werden, das Dasein substantieller Materie sind und denen man bei den Tieren unendlich viele Gedanken,
Formen zuzugestehen, als er vielmehr geneigt ist, eine ganz entgegen-
das heißt, rein geistige Akte, zuschreibt. Aus diesem Grunde ist es für
gesetzte Konklusion davon abzuleiten, nämlich: wenn es substantielle
die Religion und um die Nichtfrommen und die Freidenker zu über-
Formen geben würde, würde die Natur in der Lage sein, Substanzen
zeugen, nützlich, ihnen diesen Rückhalt zu nehmen und ihnen zu
zu produzieren, die vorher nicht da gewesen sind: nun kann die Natur
zeigen, daß es nidrts gibt, was schlechter begründet ist als diese ver-
neue Substanzen nicht hervorbringen, da eine solche Hervorbringung
gänglichen Substanzen, die man substantielle Formen nennt.
eine Art Schöpfung aus dem Nichts wäre; daher gibt es keine substan-
Zu den Sophismen dieser Art kann man auch den Beweis zählen,
tiellen Formen. Eine weitere petitio principii derselben Art: ,,§fl'enn
den man von einem Prinzip ableitet, das zwar von dem in Frage
es keine substantiellen Formen geben würde (wie in der Schulphilo-
stehenden Prinzip verschieden ist, von dem man jedoch weiß, daß es
sophie argun.rentiert wird), würden die Naturdinge keine Ganzheiten
durch den Diskussionspartner nicht weniger als das, welches man ihm
per se
- wie sie sie nennen - sein, sie würden nie ein totum per se
sein, sondern nur ein zufällig Eines (totum per accidens): Nun sind
beweisen will, bestritten wird. Es gibt zum Beispiel zwei für die
Katholiken gleicherweise feste Dogmen: Das eine besagt, daß sich alle
sie Ganzheiten per se, also gibt es substantielle Formen."
Glaubensinhalte allein aus der Heiligen Sdrrift nicht beweisen lassen;
I(rieder müssen wir an diejenigen, die sich dieses Arguments be-
und das andere, daß es ein Inhalt des Glaubens ist, daß die Kinder
dienen, die Bitte richten, so freundlid-r zu sein und zu erläutern, was
fähig sind, die Taufe zu empfangen. Demzufolge würde ein Vieder-
sie unter ,,Ganzheit per se" (totum per se) verstehen. Denn wenn sie
täufer, der den Katholiken zu beweisen suchte, daß sie hinsichtlich der
damit, wie sie es ja tatsächlich tun, ein aus Materie und Form zu-
!räq> Fähigkeit der Kinder, die Taufe zu empfangen, unrecht haben, und
sammengesetztes Ding meinen, ist es klar, daß es sich um eine petitio
sich dabei auf die Tatsache berufen würde, daß wir in der Heiligen
principii handelt, da sie in diesem Fall eigentlid-r sagen:,,Wenn es
Sdrrift nichts darüber finden, einen schlechten Schluß aufstellen. Denn
keine substantiellen Formen geben würde, würden die Naturdinge
dieser Beweis würde auf der Voraussetzung beruhen, daß man nur
niclt aus Materie und substantiellen Formen zusammengesetzt sein. das als Glaubensinhalt zulassen dürfe, was in der Heiligen Schrift
Nun sind sie aus Materie und substantiellen Formen zusammengesetzt. steht; das in dieser Voraussetzung Behauptete wird aber von den
Also gibt es substantielle Formen." \(enn sie aber etwas anderes mit
Katholiken verneint.

!i:r':lriJ
r!1,:,'1114
2J8 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XIX 239

Zu diesen Sophismen können schließlich alle Schlüsse gezähltwerden, Derselbe Philosoph beweist, daß es drei einfache Bewegungen gibt,
in denen man eine unbekannte Sache durch eine ebenso unbekannte weil es drei Dimensionen grbt. Es ist schwierig einzusehen, wie das
oder eine noch unbekanntere beweist, oder eine unsichere durch eine eine aus dem anderen folgt. Es beweist auch, daß der Flimmel unver-
andere, die ebenso unsicher oder noch unsicherer ist. änderlich und nicht dem Vergehen ausgesetzt ist, weil er sich im Kreise
bewegt und weil der Kreisbewegung nichts entgegengesetzt ist. Aber
erstens sieht man nicht ein, wie der Gegensatz zu der Bewegungsform
III. Das als Ursache ansetzen, was nicht Ursache ist auf die Vergänglichkeit oder die Veränderlichkeit des Körpers wirkt,
und zweitens sieht Inan noch weniger ein, warum die kreisende Be-
Dieses Sophisma heißt,,non causa pro causa'(. Es ist sehr alltäglich wegung von §Testen nach Osten entgegengesetzt ist.
und unterläuft einem auf mehrfache \7eise. Die erste besteht einfach Der andere Grund, der die Leute zu diesem Sophisma verführt, ist
in der Unwissenheit über die wahren Ursachen der Dinge. Die Philo- die dumme Eitelkeit, die uns aus Scham unsere lJnwissenheit nidrt
sophen haben, zum Beispiel, der Furcht vor dem Leeren (horror vacui) zuzugestehen erlaubt. Denn daher kommt, daß wir lieber vermeint-
tausend \Wirkungen zugeschrieben, die man aber heutzutage vermittels liche Ursachen der Dinge, nach deren Grund man uns fragt, aushecken,
zwingender Beweise und klug erdachter Experimente einzig und aliein als zuzugeben, daß wir ihre Ursachen nicht kennen. Die Art und '§üeise,
auf das Gewicht der Luft zurückführt, wie auch aus der eben er- wie wir um dieses Geständnis unserer Unwissenheit herumkommen,
schienenen glänzenden Abhandlung des FIerrn Pascal zu ersehen ist. ist ziemlich amüsant. 'Wenn wir eine §/irkung sehen, deren Ursache
Die gleichen Philosophen lehren gewöhnlich, daß die mit '§(i'asser ge- uns unbekannt ist, bilden wir uns ein, diese entded{t zu haben, sobald
füllten Gefäße beim Gefrieren zerspringen, weil das §flasser sich wir jener '§(irkung eine allgemeine Vokabel wie ,,Kraft" oder ,,Ver-
zusammenzieht und auf diese \(eise Leere hinterläßt, die die Natur mögen" hinzugefügt haben, was zu keinerlei Bildung einer neuen Idee
nicht ertragen kann. Inzwischen hat man jedoch herausgefunden, in unserem Geist beiträgt, es sei denn zu der Idee, daß jene \Tirkung
daß sie nur deswegen zerbrechen, weil umgekehrt das gefrorene irgendeine Ursache hat, was wir wohl wußten, bevor wir dieses
'§ü'ort
\Tasser mehr Platz im Vergleich zu dem §fasser im flüssigen Zu- gefunden hatten. Es gibt zum Beispiel niemanden, der nicht weiß, daß
stand einnimmt, was auch bewirkt, daß das Eis auf dem §Tasser seine Arterien pulsieren, daß das dem Magnet nahe Eisen sich an diesen
schwimmt. anhängen wird, daß Sennesblätter abführen und daß der Mohn ein-
Zu demselben Sophisma gehört auch das Vorgehen, bei dem man schläfert. §fler die Vissenschaft nicht als Beruf betreibt und sich wegen
sich entfernter Ursachen, die im Grunde nichts beweisen, bedient, unr der Unwissenheit nicht zu schämen braucht, gibt offen zl, daß er
Dinge zu beweisen, die entweder von sich aus klar genug sind oder diese '§Tirkungen kennt, ihre lJrsachen aber nicht weiß. §(ährend die
die falsch oder zum mindesten zweifelhaft sind; wie wenn Aristoteles, Gelehrten, die bei dieser Rede erröten würden, sich auf andere '§V'eise
zum Beispiel, die Vollkommenheit der rüelt aus folgendem Grund hinauswinden und vorgeben, sie hätten die wahre Ursache dieser
beweisen will: Die lWelt ist vollkommen, weil sie Körper enthält; der '§(i'irkungen entded<t: es gäbe in den Arterien eine pulsierende Kraft;
Körper ist vollkommen, weil er drei Dimensionen hat; die drei Dimen- in dem Magneten eine magnetische Kraft; in dem Sennesblatt eine
sionen sind vollkommen, weil drei alles ist (quia tria sunt omnia) und abführende Kraft; im Mohn eine einschläfernde Kraft. Diese Methode,
drei ist alles, weil man das 'Wort ,,a11es" nicht gebraucht, wenn es nur die Fragen zu entscheiden, ist aber viel zu bequem und es gibt keinen
ein Ding oder zwei gibt, sondern nur, wenn es deren drei gibt. Mittels einzigen Chinesen, der sich nidrt mit genau derselben Leichtigkeit von
dieses Grundes wird man auch beweisen können, daß das kleinste der Bewunderung frei machen könnte, die man in jenem Land für die
Atom ebenso vollkommen wie die \Welt ist, weil es wie die \(elt auch ersten Uhren aus Europa hatte. Denn er hätte nur zu sagen braudren,
drei Dimensionen hat. Aber so wenig wird dadurch die Vollkommen- daß er den Grund von dem, was die anderen als etwas lVunderbares
heit der §flelt wirklich bewiesen, daß im Gegenteil jeder Körper als bestaunten, vollkommen kannte und daß dieser nidrts anderes sei
Körper wesentlich unvollkommen ist und die Vollkommenheit der als eine ,,anzeigende Kraft" in dieser Masdrine, die die Stunden auf
'§7elt hauptsächlich darin besteht, daß sie Geschöpfe enthält,
die keine derr, Zifrerblatt markiert und eine ,,schlagende Kraft", die sie läuten
Körper sind. läßt: Er hätte sidr dadurch in der Kenntnis der Uhren als ebenso
240 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XIX 241

gelehrt erwiesen, wie es diese Philosophen in der Kenntnis der pul- und die Eklipsen irgendeine wichtige Auswirkung auf die Erde haben
sierenden Arterien und der Eigenschaften des Magneten, des Sennes- könnten, noch dafür, daß allgemeine lJrsachen, wie diese, eher auf
blattes und des Mohns sind. einen Ort als auf einen anderen wirken und eher einen König oder
Es gibt noch andere ,,W'örter", die mit wenig Unkosten die Menschen Fürsten als einen Flandwerker bedrohen; man sieht auch Hunderte,
gelehrt machen: wie,,sympathie",,,Antipathie",,,verborgene Eigen- auf die keine nennenswerte \(irkung folgt. §7enn manchmal Kriege,
schaften". Alle diese würden aber auch nichts Falsches besagen, wenn große Sterben, Pestepidemien und der Tod von irgendeinem Fürsten
man sich damit zufriedengeben würde, mit den lW'örtern ,,Kraft" und auf Kometen und Eklipsen folgen, so kommen auch welche ohne
,,Vermögen" einen allgemeinen Begriff von lJrsache - sei sie eine Kometen und Eklipsen vor. Und übrigens sind diese \Wirkungen so
innere oder eine äußere, eine die Anlage betreffendeoder eine aktive allgemein und so geläufig, daß es höchst unwahrscheinlich ist, daß sie
-
zu verbinden. Denn es ist sicher, daß es im Magneten irgendeine sich nicht an irgendeinem Ort der Erde ereignen: auf diese'§ü'eise
Anlage gibt, die das Eisen eher zu ihm als zu einem anderen Stein riskieren die.jenigen, die ins Blaue hinein sagen, daß dieser Komet
streben Iäßt; und es ist den Menschen erlaubt, diese Anlage, aus was irgendeinen Großen mit dem Tode bedroht, damit nicht zu viel.
sie auch immer besteht, ,,magnetisdle Kraft" zu nennen. Demnac} Noch schlimmer ist es, wenn sie diese chimärischen Einflüsse als die
täuschen sie sidr nur darin, daß sie sich einbilden, durdr die Erfindung Ursache der bösen oder tugendhaften Neigungen der Menschen aus-
dieses \Tortes geiehrter geworden zu sein, oder auch darin, daß sie geben, und sogar als die Ursache der einzelnen Taten und der Ereig-
dadurch eine bestimmte, nur in der Einbildung existierende Eigen- nisse ihres Lebens, ohne dafür eine andere Begründung zu haben als
schaft bezeichnet wissen wollen, mittels derer der Magnet das Eisen die, daß unter tausend Vorhersagen zufällig einige wahr sind. Wenn
anzieht, die aber weder sie noch sonst irgend jemand jemals begriffen man aber die Dinge mit gesundem Menschenverstand beurteilen will,
haben. wird man eingestehen, daß ein brennender Leuchter im Zimmer einer
Es gibt wiederum andere, die uns als die wahren Ursadren der Natur Frau, die niederkommt, größere §Tirkung auf den Körper ihres Kindes
reine Hirngespinste angeben, wie es die Astrologen tun, die alles auf haben muß als der Planet Saturn, unter welchem Aspekt auch immer
die Einflüsse der Sterne beziehen und die dadurch sogar herausgefun- sie ihn ansieht, und mit welchem Planeten sie auch sonst verbunden
den haben, daß es einen Himmel geben muß, der sich unbeweglich, sein mag.
über allen Himmeln, die sie als der Bewegung unterworfen auffassen, Schließlidr gibt es welche, die zu chimärischen §f'irkungen chimärische
befindet, weil, da die Erde verschiedene Dinge in verschiedenen Ursachen ausfindig machen, wie diejenigen, die ansetzend, daß die
Ländern trägt (Non omnis fert omnia tellus. India mittit ebur; molles Natur das Leere verabscheut und daß sie Anstrengungen macht, es zu
sua thura Sabaei), ihre Ursadre nur auf die Einflüsse eines Flimmels vermeiden (was nur eine eingebildete 'Wirkung ist: denn die Natur
bezogen wr:rden könnte, der, unbeweglich, immer dieselbe Ansicht verabscheut nichts und alle §flirkungen, die man ihrem horror vacui
denselben Orten der Erde bietet. zuschreibt, hängen einzig und allein von der Schwere der Luft ab),
Einer von ihnen, indem er sich anheischig macht, die Unbeweglicl-r- es nicht versäumen, Gründe für diese eingebildete Abscheu beizu-
keit der Erde aus physikalischen Ursachen zu beweisen, leitet einen bringen, die erst recht bloße Fiktionen sind. Die Natur verabscheut
seiner Hauptbeweise aus folgendem mysteriösen Grund ab: wenn die das Leere, sagt einer unter ihnen, weil sie die Stetigkeit der Körper
Erde sich um die Sonne drehte, würden die Enflüsse der Sterne durch- braucht, um die Einflüsse durch sie hindurchdringen zu lassen und
einandergeraten, was in der §V'elt eine große Unordnung verursadren damit sich die Eigenschaften ausbreiten. Das ist eine seltsame Arr von
würde. \flissenschaft, die das, was nicht ist, beweist durch das, was ebenfalls
Genau durch diese Einflüsse versetzt man die Völker in Schred<en, nicht ist.
wenn man irgendeinen Kometen erscheinen sieht oder wenn irgendeine §(enn es sich daher darum handelt, Ursachen von vermeintlichen
totale Sonnenfinsternis eintritt, wie die des Jahres 1654, die die \flelt außergewöhnlichen Virkungen zu suchen, muß man zuersc mit Sorg-
erschüttern sollte, und zwar hauptsächlich die Stadt Rom, wie es falt prüfen, ob diese \flirkungen wirkliche sind; denn oft müht man
ausdrücklich in der Chronologie des Helvicus ,,Romae fatalis" erwähnt sich sinnlos ab, Gründe für Dinge zu suchen, die es gar nicht gibt. Und
war, obgleich es weder einen Grund dafür gibt, daß die Kometen es gibt unendlich viele Fragen, die man auf die '§0'eise iösen muß, in
242 Die Logik Drittcr Teil. Kapitel XIX 213

der Plutarch folgende Frage löst: \Warum sind die Hühnchen, die von daß der Hundsstern ihnen Kä[te bringt, als wir Grund haben zu
den Völfen verfolgt worden sind, schneller als die anderen? Nachdem glauben, daß er die Hitze bei uns verursacht.
er gesagt hat, daß dies vielleicht daher kommr, daß die langsameren
von den Völfen gefressen wurden und die, welche entkommen sind,
schneller waren als die anderen oder auch, daß die Angst ihnen eine IV. Unvollständige Aufzählung
außerordentliche Schnelligkeit verliehen hat, die ihnen zur Gewohn-
heit wurde, bringt er schließlich eine andere Lösung, die, wie es scheint, Bei dem Aufstellen von Schlüssen gibt es kaum einen Fehler, den
die richtige ist: ,,Viel1eicht", sagr er,,,ist das nicht wahr." So muß fähige Leute leichter begehen als den, Aufzählungen unvollständig
man eine große Anzahl von Virkungen, die man dem Monde zu- zu machen und nicht gcnug alle 'W'eisen zu berücksichtigen, in denen
schreibt, auflöser.r: daß die Knochen voll Knochenmark sind, wenn er eine Sache sein oder gesdrehen kann. Das läßt sie entweder unbesonnen
voll ist und leer, wenn er im Abnehmen ist; daß es sich ebenso mit schließen, daß eine Sache nidrt ist, weil sie nicht auf eine bestimmte
den Krebsen verhält. Denn dazu ist nur zu sagen, daß das alles falsch rffeise ist, obwohl sie auf eine andere sein könnte, oder daß sie auf
ist. Sehr zuverlässige Leute haben mir nämlich versichert, es fJenau '§ü'eise
diese oder jcne \7eise ist, obwohl sie noch auf eine andere sein
festgestellt zu haben, denn die Knochen und die Krebse werden bald könnte, die sie nicht erwogen haben.
voll, bald leer in allen Mondphasen angetrofien. Es hat den Ansdrein, Man kann Beispiele für derartige fehlerhafte Schlüsse in den Be-
daß es sich mit vielen Maßnahmen, die n-ran beim Schneiden der weisen 6nden, auf die FIerr Gassendi das Prinzip seiner Philosophie,
Bäume,beim Ernten oderSäen desGetreides, beimPfropfen derBäume, nämlich die zwischen den Teilen der Materie gestreute Leere, die er
beim Einnehmen der Medizinen trifft, ähnlich verhält. Die §üelt wird vacuum disseminatum nennt, gründet. Ich führe sie um so lieber an,
sic'h nach und nach von diesen Belastungen befreien, die gar keine a1s Flerr Gassendi ein berühmter Mann Bewesen ist, der viele Kennt-
andere Begründung als Annahmen haben, deren Vahrheit niemand nisse abgelegener Dinge hatte, und da die Fehler selbst, die sich in die
ernstlich geprüft hat. Deshalb ist die Behauptung unrichtig, daß man große Anzahl seiner \flerke, die nach seinem Tod veröffentlichtwurden,
eine von einem alten Autor enrliehene Erfahrung oder Tatsadre kritik- eingeschlichen haben mögen, nicht verächtlich sind und getilgt zu wer-
los hinzunehmen hat, wenn auf sie hingewiesen wird. den verdienen; während es nutzlos ist, sich das Gedächtnis mit den
Unter diese Art von Sophisma muß man auch folgende gewöhnliche Fehlern zu belasten, die bei Autoren, die kein Ansehen genießen,
Täuschung des menschlichen Geistes einordnen: ,post hoc, ergo propter anzutreffen sind.
hoc": Dieses hat sich nadr jener Sache ereignet, also muß jene Sache Das erste Argument, welches FIerr Gassendi zum Beweis dieser
die Ursache von dieser sein. Dies zugrundelegend hat man gefolgert, gestreuten Leere verwendet und das er an einer anderen Stelle als
ein Stern, ,,Hundsstern", sei die Ursache der außergewöhnlichen Hitze, eine so klare Demonstration wie eine mathematische hinstellt, ist
die man während der Tage empfinder, die man ,,Hundstage" nennt, folgendes:
was wiederr.rm Vergil veranlaßt har, als er von diesem Stern sprach, 'W'enn
es keine Leere gäbe und alles mit Körpern erfüllt wäre, würde
den man inr Lateinischen Sirius nennt, zu sagen: die Bewegung unmöglicl sein und die \Welt wäre nur eine große Masse
starrer, unbiegsamer und unbeweglicher Materie; denn wenn die Welt
ganz ausgefüllt wäre, könnte kein Körper sic-h bewegen, es sei denn,
nle sitim morbosque r".ä: i':::ffi*';*.,, er nähr-ne den Platz eines anderen ein. §(enn also der Körper A sich
Nascitur, et laevo contristat lumine coelum.
bewegt, muß er einen anderen, wenigstens mit A gleichen Körper,
Indessen gibt es, wie Herr Gassendi sehr gut bemerkt hat, nichts nämlich B, von seinem Platz entfernen. Und damit B sich bewegt,
weniger Vahrscheinliches als diese Fiktion; denn da dieser Stern auf muß er wieder einen anderen von seinem Platz entfernen. Nun kann
der anderen Seite der Linie steht, müßten seine lWirkungen auf die dies nur auf zweierlei §ü'eise geschehen: einmal kann diese Umstellung
Orte viel stärker sein, über denen er sich senkrecht befindet. Trotzdem der Körper bis ins Unendliche fortgehen, was lächerlich und unmöglich
sind die Tage, die wir Hundstage nennen, die Zeit des \Winters auf ist, zum anderen kann sie kreisförmig geschehen und der letzte von
jener Seite: so daß sie in jenem Land mehr Grund haben zu glauben, seinem Platz entfernte Körper nimmt den Platz von A ein.
244 Dic Logik Drittcr Tcil. Kapitcl XIX
Bis hierher gibt es noch keine unvollst:indige Aufzählung. Darüber
möglich ist, warum sollte es nicht bei einem Kreis, der teils aus Holz,
hinaus ist es wahr, daß die Vorstellung läc-herlich ist, daß man beim
teils aus Metall besteht, möglich sein? Und warlrm soll, indem der
Bewegen ein,:s Körpers andere bis ins Unendlidre fortbewegt, die
Körper A Holz den Körper B aus Metall
einander vom Platz verdrängen. Es isr nur behauptet, daß die Be_ - nehmen wir an - aus
anstößt und verdrängt, der Körper B nicht einen anderen verdrängen
wegung im Kreise statrfindet und daß der letzte bewegte Körper den
können, und dieser andere wieder einen anderen bis zum X hin, das
Platz des ersten, nämlich von A, einnimmt, und daß auf diese rWeise
den Platz von A zu genau demselben Zeitpunkt einnehmen wird, in
alles ausgefüllt ist. Und gerade diese Behauptung unternimmt Herr
dem A ihn verläßt?
Gassendi d,rch folgendes Argument zurüd<zuweisen : Der ersre bewegte
Es ist klar, daß der Fehler des Schlusses von Herrn Gassendi davon
Körper, A, kann sich nicht bewegen, wenn der letzte, X, sich nicht
herrührt, daß er der Meinung war, ein Körper könne nur dann den
bewegen kann. Nun kann sich X nicht bewegen, denn um sich zu
Platz eines anderen besetzen, wenn dieser Platz zuvor, genauer ge-
bewegen, müßte er den Platz von A ein,ehmen, der noch nicht leer
sprochen, in einem vorausgehenden Augenblick, leer gewesen ist; er
ist. Und demgemäß, da X sich nicht bewegen kann, kann es A auch
hat dabei nicht in Erwägung gezogen, daß die Räumung des Platzes
nicht: also bleibt alles unbeweglich. Dieser ganze schiuß beruht nur
in demselben Augenblick, in dem er neu besetzt wird, genügte.
auf der Annahrne, daß der Körper X, der sich unmittelbar vor A
Auf diesen Erfahrungstatsachen aufbauend, bildet er folgenden
befindet, sich lediglich in dem einzigen Falle bewegen könnte, wenn
Schluß: \Wenn der Raum, schon ganz mit Luft ausgefüllt, fähig ist,
der Platz von A schon leer ist, sobald er anfängt sich zu bewegen: so
durch Komprimierung eine neue Luftmenge aufzunehmen, muß die
daß vor dem Augenblick, in dem er ihn besetzt, es einen anderen
neu hinzukommende Luft entweder durch Eindringen in den Raum,
Augenblid< gibt, zu dem man sagen könnte, daß der platz leer ist.
der bereits durch die andere Luft besetzt war, Eingang gefunden haben,
Diese Annahrne ist aber falsch und unvollkommen, weil es noch einen
was aber unmöglich ist; oder die in A eingeschlossene Luft erfüllt A
Fall gibt, in dem es sehr wohl möglich ist, daß X sich bewegt: §(enn
nicht ganz, sondern zwischen den Luftteilen gibt es leere Räume, in
nämlich in demselben Augenblick, in dem X den platz von A ein_
welche die neue Luft aufgenommen wird. Diese zweite Hypothese
nimmt, A diesen Platz verläßt. In diesem Fall ist es durchaus nachvoll-
beweist, sagt er, das, was ich behaupte, nämlich daß es leere Räume,
ziehbar, daß A B stö13t, und B C stößt, bis zum X hin, und daß X
die die Fähigkeit haben, mit neuen Körpern ausgefüllt zu werden,
in demselben Augenblick den Platz von A einnimmt: dadurch wird es
zwischen den Teilen der Materie gibt. Es ist aber ziemlich seltsam, daß
Bewegung und doch keine Leere geben.
Herr Gassendi nicht bemerkt hat, daß seinem Schluß eine unvoll-
Die Mögli&keit dieses Falles, das heißt, daß es geschehen kann,
ständige Aufzählung zugrunde lag und daß außer der Hypothese des
daß ein Körper den Platz eines anderen Körpers einnimmt, und zwar
Eindringens, die er mit Recht als natürlich unmöglich beurteilt, und
in demselben Augenblick, in dem dieser Körper ihn verläßt, isr etwas,
der Hypothese der zwischen den Materieteilchen gesrreuten Leere, die
was man, welche Hypothese man auch zugrunde legen mag, anerken_
er aufstellen will, es eine dritte gibt, von der er nichts sagt, und die, da
nen muß
- voraus€lesetzt, d^ß man die Stetigkeit innerhalb eines
Teils der Marerie zr"rgibt. Denn wenn ich zum Beispiel bei einem stock
sie möglich ist, sein Argument als ein nichtzwingendes erscheinen
läßt. Denn man kann annehmen, daß es zwischen den gröberen Teilen
zunächst zwei unr.nitrelbar aneinanderschließende Teile unterscheide,
der Luft einen feineren und dünneren Stoff gibt, der, indem er durch
so isc es, wenn ich jetzt den Stock bewege, einleuchrend, daß in dem_
die Poren aller Körper aussrrömen kann, die Ursache ist, daß der
selben Aug;enblick, in dem der erste Teil einen platz verläßt, dieser
anscheinend mit Luft erfüllte Raum doch noch andere Luft aufnehmen
Ort durch den zweiten Teil besetzt wird und daß es keinen Augen_
kann, weil diese feine Materie von den Teilen der Luft, die man mit
blick gibt, in dem man sagen könnte, daß dieser Ort vom g"i"".,
".r,"., Gewalt in den Behälter hineinpreßt, hinausgedrängt wird und ihnen
und vom zweiten noch nicht erfüllt ist. Das wird noch klarer bei den Platz einräumt, indem sie durch die Poren entweicht.
einem Eisenkreis, der sich um seinen Mittelpunkt dreht; denn in diesem
FIerr Gassendi hätte die Zurückweisung dieser Hypothese nicht still-
Fall besetzt jeder Teil in demselben Augenblick den platz, der von
schweigend übergehen können, da er selber diese feine Materie, die in
dem vor ihm sich befindenden verlassen wurde, ohne daß es nötig
den festen Körper dringt und durch alle Poren hindurchgeht, aner-
ist, irgendein Leeres anzuserzen. \flenn das nun bei einem Eisenkreii
kennt. Er behauptet nämlich, daß die Kälte und die \Wärme Teilchen
246 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XIX 247

seien, die in unsere Poren eindringen. Er behauptet das gleiche von Man sieht auch ein beachtenswertes Beispiel für dieses Sophisma in
dem Licht und gibt sogar zu, daß bei dem berühmten Experiment mit dem lächerlichen Schluß der Epikureer, die schlossen, daß die Götter
denr Quecksilber, das auf einer Höhe von 2 F:uß 31lz Zoll in der eine menschliche Gestalt haben müßten, weil unter allen Dingen der
Schwebe bleibt (obwohl die Röhren viel länger sind) und oberhalb Welt es nur die Menschen gibt, die den Gebrauch der Vernunft haben.
einen Raum frei läßt, der leer zu sein scheint und der sicherlich nicht ,,Die Götter", sagen sie, ,,sind sehr glücklich. Keiner kann glücklich
mit einer wahrnehmbaren Materie ausgefüllt ist, nicht vernünftiger- sein ohne die Tugend: es gibt keine Tugend ohne die Vernunft; und die
weise behauptet werden kann, daß dieser Raum absolut leer sei, da das Vernunft kann nicht in etwas anderem gefunden werden als in dem-
Licht, das er für einen Körper hält, durch ihn dringt. .jenigen, welches die menschliche Gestalt hat: es muß also zugestanden
'W'enn er in der angegebenen \Weise die Räume, die nach seiner
werden, daß die Götter die menschliche Gestalt haben."
Auslegung leer sind, mit feiner Materie ausgefüllt hätte, hätte er Sie müssen aber wohl blind gewesen sein, nicht zu sehen, daß, ob-
ebensogut Platz gehabt, um neue Körper in ihn eindringen zu gleich die denkende, vernünftige Substanz im l!{enschen mit einem
lassen, wie wenn jene Räume tatsächiich und im absoluten Sinne leer menschlichen Körper verbunden ist, es dennoch nicht die menschliche
wären. Gestalt ist, die diesen Menschen denken und überlegen läßt, da es
lächerlich ist sich vorzustellen, daß die Vernunft und das Denken von
dem, was eine Nase, einen Mund, 'W'angen, zwei Arme, zwei Beine
V. Eine Sache nach dem, was ihr nur akzidentell zukommt, beurteilen hat, abhängen. Und so war es ein kindisches Sophisma, wenn diese
Philosophen zu dem Schlußsatz kamen, daß Vernunft ausschließlich
Dieser Trugschluß, in der Scholastik ,,fallacta accidentis" genannt, in der menschlichen Gestalt vorkommen kann. Bei dem Menschen näm-
entsteht, wenn man aus dem, 'was nur akzidentell wahr ist, eine ein- lich ist sie akzidentell der menschlichen Gestalt beigeordnet.
I fache, uneingeschränkte und absolute Konklusion ableitet. Diesen
I
Fehler begehen viele, die sich gegen das Antimon ereifern, weil es,
I
schlecht angewendet, schlechte Wirkungen hervorbringt; auch dieieni- VI. Vom geteilten Sinn zum zusammengesetzten und von dem zusam-
gen, die der Beredsamkeit alle die schlechten'iflirkungen zuschreiben, mengesetzten Sinn zum geteilten übergehen
die sie hervorbringt, wenn man sie mißbraucht; oder diejenigen, die
der Medizin die Fehler unwissender Arzte unterstellen. Der eine dieser Sophismen heißt ,,fallacia compositionis" und
Auf diesem Vege haben die Häretiker unserer Zeit die irregeführten andere ,,fallacia divisionis". Man wird sie besser anhand von
Völker dazu überredet, daß man die Anrufung der Heiligen, die Ver- spielen verstehen.
ehrung der Reliquien und das Gebet für die Toten als Erfindungen
Jesus Christus sagt im Evangelium, wenn er von seinen §flundern
des Teufels zurückweisen sollte, weil diese rituellen, durch das ganze spricht: ,,Die Blinden sehen, die Hinkenden gehen aufrecht, die Tauben
Altertum gerechtfertigten Handlungen mit Täuschung und Aberglau- hören." Das kann nur wahr sein, wenn man diese Dinge je für sich
ben durdrset ; worden waren; als ob der schlechte Gebrauch, den die nimmt und nicht summarisch, d. h. in dem getrennten Sinne und nicht
Menschen von den besten Dingen machen können, diese Dinge in in dem zusammengeserzten; denn die Blinden sehen nicht blind blei-
schlechte verwandeLr würde.
bend, und die Tauben hören nicht taub bleibend, sondern diejenigen,
Oft verfällt nran auch in diese schlechte Art und \üeise des Schlie- die vorher blind waren und es nicht mehr sind, sehen, entsprechend bei
ßens, wenn rnan einfache Anlässe für wirkliche Ursachen hält, so wie
den Tauben.
diejenigen, welche die christliche Religion anklagen würden, die Ur-
Im gleichen Sinne sagt er auch in der Schrift, daß Gott die Gottlosen
sache des Massakers unendlich vieler Leute gewesen zu sein, die den
rechtfertigt, denn das heißt nicht, daß er die für gerecht hält, die noch
Tod lieber erlitten haben als Jesus Christus zu verleugnen, während gottlos sind, sondern daß er durch seine Gnade die zu Gerechten macht,
man weder der christlichen Religion noch der Beständigkeit der Mär-
die vorher gottlos waren.
tyrer diese Morde zuschreiben muß, sondern allein der Ungerechtigkeit
Es gibt umgekehrt Sätze, die nur dann wahr sind, wenn sie in dem
und lediglich der Grausamkeit der Heiden.
Sinn verstanden werden, der dem eben beschriebenen, nämlich dem
248 Die Logik Dritter Teil. KaPitel XIX 249

geteilten, entgegengesetzt ist: z. B. der heilige Paulus sagt, die Lästerer, Verstand dienen uns zur Entdeckung des uns Unbekannten mittels
die Unzüchtigen, die Geizigen werden nicht in das Himmelreich ein- dessen, was uns bekannt ist: nun kann es für Gott nichts Unbekanntes
gehen. Denn das besagt nicht, daß keiner von denen, die diese Laster geben. Die Gerechtigkeit kann auch nicht in Gott sein, weil sie nur die
gehabt haben, nicht gerettet wird, sondern nur, daß diejenigen, die an menschliche Gesellschaft betrifft, noch die Enthaltsamkeit, weil er keine
ihnen festhalten und sie nicht aufgeben durch ihre Hinwendung zu zu n.räßigenden Begierden hat, noch die Kraft, weil er, weder der Ar-
Gott, im Himmelreich keinen Platz haben werden. beit noch dem Schmerz unterworfen, auch keiner Gefahr ausgesetzt ist'
Es ist leicht zu sehen, daß man nicht ohne Sophismus von dem einen Vie könnte das Gott sein, was weder Verstand noch Tugend hätte?
Sinn zum andern übergehen kann und daß diejenigen zum Beispiel Es ist schwer, sich etwas Frecheres ais diese §üeise des Argumentie-
schlecht überlegen würden, die sich bei ihren Verbrechen verharrend rens auszudenken. Sie ist dem Gedanken eines Bauern ähnlich, der, da
den Himmel versprechen, weil Jesus Christus gekommen ist, um die er nie etwas anderes als strohgede&te Här.rser gesehen hat, und sagen
Sünder zu retten, und er im Evangelium sagt, daß die Frauen, die eine hörte, daß es in den Städten keine Strohdächer gibt, daraus schließen
schlechte Lebensführung gehabt haben, zu dem Himmelreich Gottes würde, daß es in den Städten keine Häuser gibt und daß die dort
den Vortritt vor den Pharisäern haben werden. Denn er ist nicht ge- \fohnenden gar unglücklich sind, aller Unbill der \Witterung ausge-
kommen, um die Sünder gebliebenen Sünder zu retten, sondern damit setzt. Es ist genau die Art und lVeise, in der Cotta oder eher Cicero
sie ihr Sündenleben aufgeben. argumentieren: Gott kann keine Tugenden ähnlich denen der Men-
'Wunder-
schen haben r Also kann Gott keine Tugenden haben. Und das
bare ist, daß er schließt, daß Gott keine Tugenden haben kann, weil
VII. Von dem, was in gewisser Hinsicht wahr ist, zu dem, was schlecht- die Unvollkommenheit der menschlid-ren Tugend nicht in Gotr sein
weg wahr ist, übergehen kann, so daß es für ihn a1s Beweis gilt, daß Gott keinen Verstand hat,
weil nichts ihm verborgen ist; d. h., daß er nichts sieht, weil er alles
Dies heißt in der Scholastik ,,a dicto secundum quid ad dictum sieht; daß er nichts kann, weil er alles kann;daß er sich keines Guten
simpliciter". Davon geben wir einige Beispiele: Die Epikureer be- erfreut, weil er alle.s Gute besitzt.
wiesen auch, daß die Götter die menschliche Gestalt haben müßten,
weil es keine schönere als diese gibt und alles, was schön ist, in Gott
sein muß. Das war eine sehr schlechte Argumentation. Denn die VIII. Die Mehrdeutigkeit der 'Worte mißbrauchen, was auf verschie-
menschliche Gestalt ist im absoluten Sinne keine Schönheit, sondern dene Veise geschehen kann
nur hinsichtlich der Körper. Und da sie so eine Vollkommenheit nur in
einer gewissen Hinsicht und nicht eine Vollkommenheit schlechtweg Auf diese Art von Sophismen lassen sich alle diejenigen Syllogismen
ist, folgt nicht, daß sie in Gott sein muß, weil alle Vollkommerrheiten zurü«:kführen, deren Fehler im Vorliegen von vier Begriffen besteht:
in Gott sind. Denn es sind nur die Vollkomn'renheiten, die Vollkom- entweder weil de r Mittelbegriff zweimal als ein besonderer angesetzt
menheiten schlechtweg sind, d. h. die keine Unvollkommenheit ein- ist oder weil er mit der einen Bedeutung im ersten Satz und mit der
schließen, als die Gott notwendig zuzusprechenden Vollkommenheiten anderen im zweiten verstanden wird oder schließlich, weil die Begriffe
anzusehen. der Konklusion nicht mit derselben Bedeutung in der Konklusion ver-
\7ir finden auch im III. Buch von De natura Deorum Ciceros ein wendet werden, die sie in den Prämissen hatten. '§(ir schränken näm-
lächerliches Argument von Cotta gegen die Exisrenz Gottes, das sich lich das tW'ort ,Mehrdeutigkeit' nicht einfach auf die 'Wörter, die hrrnd-
des gleichen Fehlers überführen läßt. §7ie, sagr er, können wir Gott greiflich äquivok sind und die fast nie eine Täuschung veranlassen, ein.
denken, wenn wir ihn nicht mit dem Attribur irgendeiner Tugend ver- sondern wir verstehen darunter alles, was den Sinn eines \fortes
sehen können? Denn: sagen wir, daß er Klugheit besitzt. Da aber die änderrr kann, vor allem wenn sich die Menschen dieser Anderung nicht
Klugheit in der \Wahl des Guten und Bösen besteht, welchen Sinn kann leicht bewußt sind, weil verschiedene Dinge, durch den gleichen Laut
für Gott diese Vahl haben, da er keines Bösen fähig ist? Sagen wir, bczeichnet, von den Menschen für das gleiche Ding gehalten werden.
daß er Verstand und Vernunft besitzt. Die Vernunft aber und der Zu diesem Sachverhalt kann man auch im ersten Teil dieses Buches
25A Dic Logik Drittcr Teil. Kapitel XIX 251

nachschlagen, wo gegen Ende von dem Mittel die Rede ist, mit dem salzig ist, und in vielen Flüssen, daß das \üasser in ihnen süß ist,
der Verworrenheit der mehrdeutigen \Wörter beizukommen ist, indem schließt man allgemein, daß das \(asser des Meeres salzig und das der
man sie nämlich so sauber definiert, daß eine Täuschung ausgeschiossen Flüsse süß ist. Die verschiedenen Erfahrungen, die man gemacht hat,
ist. daß Gold im Feuer sich nicht vermindert, führten zu dem Urteil, daß
Ich werde mich also damit begnügen, einige Beispiele für die Mehr- dies von allem Gold wahr ist. Und da man kein Volk gefunden hat,
deutigkeit anzuführen, die zuweilen geschidrte Leute irreführt. Solcher- das nicht spricht, hält man es für ganz sicher, daß alle Menschen spre-
art ist die Mehrdeutigkeit, die in \(örtern liegt, die ein Ganzes be- chen, d. h. sich der Laute bec'licnen, um ihre Gedanken zu bezeichnen.
zeichnen, das entweder kollektiv mit allen seinen Teilen zusammen, Genau mit dieser Situation beginnen alle unsere Kenntnisse, weil
oder distributiv, stellvertretend für jeden einzelnen seiner für sich uns die einzelnen Dinge vor den allgemeinen gegenwärtig sind, ob-
genommenen Teile verstanden werden kann. Von hier aus nämlich gleich anschließend die allgemeinen dazu dienen, die besonderen zu
muß man folgendes Sophisma der Stoiker auflösen, die schlossen, die erkennen.
Velt sei ein mit Vernunft begabtes Lebewesen. Das, was von der Gleichwohl ist es wahr, daß die Induktion allein niemals ein sicheres
Vernunft Gebrauch machen kann, ist besser als das, was sie nicht be- Mittel ist, eine vollkommene Erkenntnis zu erlangen, wie an anderer
sitzt; nun gibt es nichts (sagten sie), was besser ist a1s die Velt; also ist Stelle gezeigt werden wird, da die Betrachtung der einzelnen Dinge
die \7elt im Besitze der Vernunft. Der Untersatz dieses Argumentes unserem Geist nur als Anlaß und Gelegenheit dient, seine Aufmerk-
ist falsch, denn sie schrieben der \X/elt zu, was nur Gott zukommt, samkeit auf seine natürlichen Ideen, nach denen er die §flahrheit der
nämlich ein solches Seiendes zu sein, daß man kein besseres und kein Dinge überhaupt beurteilt, zu richten. Denn es ist z. B. wahr, daß ich
vollkommeneres sich vorstellen könne. \(enn man sich aber auf die mir vielleicht niernals vorgenommen hätte, die Natur des Dreiecks zu
Ebene des Geschaffenen beschränkt, kann man höchstens zu dem bedenken, wenn ich nicht ein Dreieck gesehen hätte, das mich veran-
Schiußsatz kommen obgleich man sagen kann, daß es nichts Besseres laßte, über sie nachzudenken. Trotzdem ist es nicht die besondere Prü-
I
-
als die kollektiv verstandene, mit der Einheit aller von Gott geschaf- fung aller Dreiecke, die mich allgemein und sicher von allen schließen
ü
fenen Dinge gleichgesetzte lVelt gibt läßt, daß der Raum, den sie einnehmen, gleidr dem Rechted< über
{
T
-, daß die \flelt im Hinblick
auf einige ihrer Teile, etwa im Hinblid< auf den Bereich der Engel und ihrer ganzen Basis und über der Hälfte ihrer Höhe ist (denn diese
! der Menschen, im Besitz der Vernunft ist und nicht, daß sie als ein Prüfung wäre unmöglich), sondern lediglich die Überdenkung dessen,
zusammengefaßtes Ganzes ein Lebewesen sei, das im Besitz der Ver- was in der Idee des Dreiecks, die ich in meinem Geist 6nde, einge-
nunft ist. schlossen ist. \üie dem auch sei: wenn wir uns vorbehalten, an einer
Man würde ebenfalls schlecht argumentieren, wenn man sagen anderen Stelle diesen Gegenstand zu behandeln, genügt es, hier zu
würde: der Mensch denkt; nun ist der Mensch aus Körper und Seele sagen, daß die mangelhaften Induktionen, d.h. die nicht vollständigen,
zusammengesetzt; also denken der Körper und die Seele. Denn um oft der Grund für Irrtümer sind. Ich werde mich damit begnügen,
dem ganzen Menschen das Denken zusprechen zu können, genügt es, davon ein beachtenswertes Beispiel zu geben. Alle Philosophen haben
daß er hinsichtlich eines seiner Teile denkt. Daraus ergibt sich keines- bis zu unserer Zei als unzweifelhafte \üahrheit geglaubt, daß es un-
wegs, daß er hinsichtlich des anderen Teils denkt. möglich sei, aus einer kleinen verstopften Spritze den Kolben heraus-
zuziehen, ohne die Spritze zu zerbrechen, und daß man \flasser durch
Saugpumpen so hoch steigen lassen könnte, wie man wollte. 'W'as sie
dies so fest glauben ließ, war, daß sie sich einbildeten, sie hätten sich
IX. Eine allgemeine Schlußfolgerung aus einer mangelhaften Induk- dieses Sadrverhaltes vermittels einer ganz sicheren Induktion verge-
tion ziehen wissert, da sie es unendlich oft erfahren hatten. Sowohl das eine als
auch das andere aber hat sich als falsch herausgestellt, weil man neue
Man nennt es Induktion, wenn die Erforschung mehrerer besonderer Erfahrungen gemacht hat, die gezeigt haben, daß der Kolben einer
Dinge uns zur Kenntnis einer allgemeinen §Tahrheit führt. \(enn man Spritze, wie fest verschlossen er auch sei, sich herausziehen läßt, wenn
auf diese §(eise in vielen Meeren festgestellt hat, daß das §(asser dort man dazu nur eine Kraft verwendet, die gleich ist dem Gewicht einer
252 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XX 253

\Wassersäule von mehr als 33 Fuß Höhe und von der Dicke der Spritze, denen der eine mehr in Erscheinung tritt als der andere; deshalb wer-
und daß man 'W'asser durch eine Saugpumpe nicht höher als 32 bis den wir sie getrennt behandeln.
33 Fuß heben kann.

Kapitel XX Sophismen aus Eigenliebe, Interesse und Leidenschaft

Über die schlechten Schlüsse im privaten Leben und in den I. §flenn man sorgfältig prüft, was die Menschen gewöhnlich eher
üglichen Reden mit einer Meinung verbindet als mit einer anderen, so wird man fin-
den, daß es nicht das Eindringen in die §Tahrheit ist und die Macht
Das waren einige Beispiele der allgemeinsten Fehler, die man be- der Gründe. sondern irgendein Band der Eigenliebe, des Interesses
geht, wenn man im Bereich der \Wissenschaft schließt. Da aber der oder der Leidenschaft. Das ist das Gewicht, das die Entscheidung und
hauptsächliche Gebrauch der Vernunft nicht diese Arten von Gegen- das Sichneigen der tWaagschale herbeiführt und das uns bei den meisten
ständen, die wenig in die Lebensführung eingehen und bei denen es unserer Zweifel bestimmt, das unseren Urteilen den größten Schwung
weniger gefährlich ist, sich zu täuschen, betrifft, wäre es ohne Zweifel gibt und uns am stärksten veranlaßt, an ihnen festzuhalten. \7ir be-
viel nützlicher, allgemein zu betrachten, was die Menschen zu falschen urteilen die Dinge, nicht das zugrunde legend, was sie an und für sich
Urteilen führt, die sie sich in jedem Bereich und hauptsächlich im Be- sind, sondern das, was sie in der Beziehung zu uns sind. Die §flahrheit
reich der Sitten und anderer für das private Leben wichtiger Dinge, und die Nützlichkeit sind für uns nur eines. Diese Behauptung bedarf
die den gewöhnlichen Gegenstand ihrer Unterhaltungen ausmachen, keiner weit hergeholten Beweise. '§ü'ir sehen nämlich täglich, daß Dinge,
bilden. Weil aber dieses Vorhaben ein Verk für sich verlangen würde, die sonst für zweifelhafte oder gar für falsche gehalten werden, von
das fast die ganze Moral enthält, werde ich mich hier damit begnügen, allen Angehörigen einer Nation oder eines Berufes oder einer Institu-
im allgemeinen einen Teil der Ursachen dieser falschen Urteile, die so tion als ganz sichere angesehen werden. Da es weder möglich ist, daß
h.iufi g vorkommen, aufzuzeigen. das, was in Spanien wahr ist, in Frankreich falsch sein soll, noch daß
In diesem Zusammenhang versteifen wir uns nicht darauf, die fal- der Geist aller Spanier so verschieden vom Geist aller Franzosen kon-
schen Urteile von den schlechten Schlüssen zu unterscheiden. \(ir haben, stituiert ist, daß, wenn man über die Dinge nur nach den Regeln der
ohne Unterschied, die lJrsachen beider erkundet, ebensowohl weil die Vernunft urteilt, das den einen als allgemein wahr erscheinende den
falschen Urteile die Quelle der falschen Schlüsse sind, indem jene diese anderen als allgemein falsch ersdreint, erhellt daraus, daß diese Man-
notwendig nach sich ziehen, als auch weil es in der Tat fast immer in nigfaltigkeit der Urteile nur daher rührt, daß es den einen gefällt, das
dem, was uns ein einfaches Urteil zu sein scheint, einen verborgenen für wahr zu halten, was für sie vorteilhafr ist, und daß die anderen,
und darin eingeschlossenen Schluß gibt, da immer etwas vorliegt, das deren Interessen anders gelagert sind, in einer davon abweichenden
als Motiv und Prinzip diesem Urteil dient. \7enn man zum Beispiel Veise darüber urteilen.
urteilt, daß ein im lWasser gekrümmt erscheinender Stock in der Tat §7as gibt es indessen weniger Vernünftiges, als unser Interesse als
gekrümmt ist, beruht dieses Urteil auf folgendem allgemeinen und das Motiv für das Fürwahrhalten einer Sache zu gebrauchen. Das
falschen Satz: das, was unseren Sinnen gekrümmt erscheint, ist wirklich Inceresse taugt höchstens dazu, uns zu veranlassen, die Gründe, die
gekrümmt; und so enthält das Urteil einen Schluß, obgleich dieser nicht uns in die Lage versetzen, die §(ahrheit des Dinges, dessen Vahrheit
entwickelt ist. W'enn man also allgemein die Ursachen unserer Irrtümer uns willkommen ist, zu entded(en. Aber nur die \(ahrheit, die im
bedenkt, scheint es, daß man sie auf zwei hauptsächliche zurückführen Ding selbst, unabhängig von unseren §(ünschen, liegt, soll uns über-
kann: die eine innere besteht in der Verkehrtheit des \flillens, zetgen.
- -
die das Urteil störr und verkehrtr die andere äußere ist in den Ich gehöre einem bestimmten Lande an: also muß ich glauben, daß
- -
Objekten, über die man urteilt und die unseren Geist durch einen ein bestimmter Heiliger dort das Evangelium gepredigt hat; ich gehöre
trügerischen Schein täuschen. Obgleich nun diese Gründe fast immer einem bestimmten Orden an: also muß ich glauben, daß ein bestimmtes
miteinander verbunden sind, gibt es gleichwohl gewisse Irrtümer, bei Privileg zu Recht besteht. Das sind aber keine Gründe. Von welchem
254 Die Logik Dritter Teil. Kapitel XX 255

Orden oder von welchem Land du auch bist: du darfst nur das glau- Der Fehler dieser Personen beruht darauf, daß die vorteilhafte
ben, was wahr ist, und nur das, was du zu glauben bereit wärest, wenn Meinung, die sie von ihren Erleudrtungen haben, sie dazu verführt,
du aus einem anderen Land starnmen, einem anderen Orden und einem alle ihre Gedanken für so klar und evident zu halten, daß sie sich ein-
anderen Beruf angehören würdest. bilden, es genüge, sie auszusprechen, um alle dazu zu bringen, sidr
II. Diese Täuschung wird noch sichtbarer, wenn in den Leiden- ihnen zu unterwerfen. Genau das ist auch der Grund, weshalb sie sich
schaften eine Veränderung eintritt. Denn obgleich alles an seinem Ort so wenig Mühe geben, Beweise für sie beizubringen. Sie achten kaum
ist, scheint es gleichwohl denen, die von einer neuen Leidenschaft be- auf die Begründungen der anderen, sondern wollen bei allen durch
wegt werden, daß die Veränderung, die nur in ihrem Herzen statt- Autorität die Oberhand gewinnen, weil sie niemals ihre Autorität von
gefunden hat, alle äußeren Dinge, die in einem Zusammenhang mit der Vernunft unterscheiden. Sie behandeln alle, die nicht ihrer Mei-
dem veränderten Subjekt stehen, geändert hat. Sieht man nicht so viele nung sind, als Fredre, ohne zu berücksichtigen, daß, wenn die anderen
Leute, die an denen, gegen die sie eine Abneigung gefaßt haben oder nicht ihrer Meinung sind, sie entsprechend nicht der Meinung der ande-
die bei irgendeiner Gelegenheit zu ihren Meinungen oder zu ihren ren sind, und daß es nicht gerecht ist, ohne Beweis anzusetzen, daß wir
li(ünschen oder zu ihren Interessen in einem Gegensatz standen, kein
recht haben, wenn es sich darum handelt, Leute zu überzeugen, die nur
gutes Haar lassen und keine gute Eigenschaft, weder eine natürliche deswegen anderer Meinung als wir sind, weil sie der Ansicht sind, daß
noch eine erworbene, anerkennen können? Das genügt, um vor ihren wir nicht recht haben.
Augen plötzlich unbesonnen, stolz, unwissend, ohne Glauben, ohne IV. Es gibt audr Personen, die für die Zurückweisung bestimmter
Ehre, gewissenlos werden. Ihre Zuneigung und ihr Begehren sind weder Meinungen keine andere Begründung haben als folgenden belustigen-
gerechter noch gemäßigter als ihr Haß. \flenn sie jernanden lieben, ist den Schluß: W'enn das so wäre, wäre ich kein fähiger Mensch; nun bin
er von jeder Art Fehler befreit. Alles, was sie wünschen, ist gerecht und ich ein fähiger Mensch; also ist das nicht so. Das ist der Hauptgrund,
leicht, alles, was sie nicht wünschen, ist ungerecht und unmöglich, ohne aus dem lange Zeit bestimmte äußerst nützliche Heilmittel und sehr
daß sie irgendeinen Grund für alle diese Urteile vorzubringen ver- gut gesicherte Erfahrungen zurüd<gewiesen wurden, weil diejenigen,
möchten außer der Leidenschaft, von der sie besessen sind. rWenn sie die auf den Gedanken, der sich daraus ergab, nicht gekommen vraren,
also in ihrem Geist auch nicht ausdrücklich folgenden Schluß bilden: sidr vorstellen mußten, daß sie sich bis jetzt getäuscht hatten. Was?
t
x ich liebe ihn, also ist er der fähigste Mensch auf der tWelt; ich hasse sagten sie, wenn das Blut im Körper einen Kreislauf hätte, wenn die
ihn, also ist er ein nichtswürdiger Mensch, so tun sie es doch auf irgend- Nahrung nicht durch die mesarraischen Venen in die Leber gebracht
eine tWeise in ihrem Herzen. Deshalb kann man diese Art von Ver- würde, wenn die venöse Ader das Blut zum Herz,en brächte, wenn das
wirrungen Sophisnren und Illusionen des Herzens nennen. Sie bestehen Blut durch die große Vene (,,veine cave descendante") aufstiege, wenn
darin, unsere Leidenschaften in die Objekte unserer Leidenschaften die Natur keinen Abscheu vor dem Leeren hätte, wenn die Luft schwer
zu verlegen und diese Objekte wirklich als das aufzufassen, was sie wäre und in einer Bewegung nach unten begriffen wäre, dann hätte ich
nur unserem \Willen und unseren '§7ünschen nach sind. Dies ist zweifel- in der Anatomie und in der Physik wichtige Dinge nicht gewußt. Das
los sehr unvernünftig, denn unsere 'W'ünsche ändern nichts an dem alies darf also nicht so sein. Um sie aber von dieser Grille zu heilen,
Schein dessen, was außerhalb von uns ist, und nur Gottes W'ille ist so genügt es, ihnen vor Augen zu führen, daß es nicht sehr mißlich ist,
wirksam, daß die Dinge wirklich das alles auch sind, was sie seinem wenn ein Mensch sich irrt und daß sie weiterhin als fähige Leute im
'§?'unsch nach sein sollten.
Hinblicir auf andere Dinge gelten werden, obgleich sie es im Hinblick
III. Auf dieselbe, aus der Eigenliebe stammenden Selbsttäuschung auf die, welche neulich entdeckt worden sind, nicht gewesen sind.
kann man auch den Irrtum derjenigen zurückführerr, die alles auf V. Es gibt auch nichts Alltäglicheres, als die Auseinandersetzung
Grund eines gar allgemeinen und allzu bequemen Prinzips entschei- zwischen Leuten, die sich gegenseitig die gleichen Vorwürfe machen
den, nämlich des Prinzips, daß sie recht haben und daß sie die lWahr- und einander zum Beispiel Starrköpfe, Fanatiker und Streitsüchtige
heit kennen. Es fä1lt ihnen freilich nicht schwer, daraus zu schließen, nennen (wenn sie verschiedener Meinung sind). Es gibt auch fast nie
daß diejenigen, die ihre Ansichten nidrt teilen, sich irren. In der Tat, eine in einen Rechtsstreit verwid<elte Partei, die nidrt die Gegenpartei
diese Konklusion ist zwingend. beschuldigt, den Prozeß zu verlängern und die Vahrheit durdr raffi-

n
Die Logik Dritter Teil. Kapitel XX 257

niert erdachte Eingaben zu verschleiern. Auf diese §(/eise reden beide, alle für sich will. Und da es im Grunde ein und dasselbe ist, die §(ahr-
sowohl diejenigen, die im Recht sind, als auch diejenigen, die unrecht heit zu wissen und unter den Menschen ein neues Licht zu verbreiten,
lwissenden
haben, beinahe die gleiche Sprache, bringen die gleichen Klagen vor besteht eine heimliche Leidenschaft, die darauf aus ist, den
und beschuldigen einander mit den gleichen Fehlern. Das ist eines der diesen Ruhm zu rauben. Dieses führt oft zur grundlosen Bekämpfung
beschwerlichsten Dinge im menschlichen Leben: die §Tahrheit und der der Meinungen und Entdeckungen.
Irrtum, die Gerechtigkeit und die Ungeredrtigkeit werden dadurch in So wie die Eigenliebe oft den lächerlichen schluß aufstellen läßt:
ein so großes Dunkel gestoßen, daß der gewöhnliche Sterbliche unfähig Das ist eine These, die ich erfunden habe; das ist diejenige meines
ist, zwischen ihnen zu unterscheiden. Daher kommt es, daß die meisten Ordens; das ist eine mir bequeme Meinung: also ist sie wahr, läßt die
sich zufällig und ohne Einsicht mit der einen der beiden Parteien soli- natürliche Boshaftigkeit oft einen anderen aufstellen, der nicht weniger
darisieren und andere wieder beide verdammen, als gleicherweise im absurd ist: Nicht ich, sondern ein anderer hat es gesagt, also ist es
Unrecht stehend. Diese ganze \Tunderlidrkeit kommt auch von der falsch; nicht ich bin es, der dieses Buch gemac.,ht hat, also ist es sdrlecht.
'§[ider-
gleichen Krankheit, die jeden als Prinzip annehmen läßt, er habe recht. Das ist die Quelle des unter den Menschen so verbreiteten
Denn von da ist es kein weiter §feg bis zu dem Schlußsatz: alle, die spruchsgeistes, der sie, wenn sie von anderen etwas lesen oder hören,
gegen uns \fliderstand leisten, sind Starrköpfe; Starrköpfigkeit heißt dazu brir.,gt, kaum die Gründe in Erwägung zt ziehen, die sie über-
nämlich, sich der Vernunft und dem Recht nicht beugen. Obgleich es zeugen könnten, sondern nur ausgerichtet zu sein auf die, die sie für
aber wahr ist, daß diese Vorwürfe der Leidenschaftlichkeit, der Blind- die Behauptung des Gegenteils gebrauchen zu können glauben' Sie
heit, der Streitsucht als von den sich Täuschenden vorgebrachte sehr sind immer auf der Hut gegen die \(ahrheit, und sie denken nur an die
ungerectht, jedoch als von den sich nicht Täuschenden vorgebrachte ge- Mittel zu ihrer Zurückweisung und Verdunkelung. Fast immer sind ihre
recht und legitim sind, müssen die weisen und besonnenen Menschen, Bemühungen von Erfolg gekrönt, da die Fruchtbarkeit des mensdr-
die eine umstrittene Sache erörtern, die Berufung auf diese Vorwürfe lichen Geistes hinsichtlich der Produktion falscher Gründe unerschöpf-
vor der ausreichenden Feststellung der §flahrheit und Gerechtigkeit lidr ist.
des Urteils, das sie fällen, vermeiden, weil jene Vorwürfe implizieren, 'Wenn dieses Laster sein Extrem erreicht, macht es eines der haupt-
daß die §flahrheit auf der Seite dessen liegt, der die Vorwürfe erhebt. Sie sächlichen Kennzeichen des von der Pedanterie besessenen Geistes aus,
werden also niemals ihre Gegner der Starrköpfigkeit, der lJnbesonnen- der sein größtes Vergnügen darin findet, mit den anderen über die
heit, des Fehlens von Menschenverstand beschuldigen, bevor sie es aus- unbedeutendsten Details zu streiten und allem mit gemeiner Boshaftig-
reichend bewiesen haben. Sie werden nicht die Behauptung aufstellen, keit zu widersprechen. Meistens aber ist dieser Geist weniger merklich
daß ihre Gegner unerträgliche Ungereimtheiten und überspannte Aus- und besser verborgen, man kann sogar sagen, daß niemand völlig un-
sagen vorbringen, es sei denn, sie haben es vorher plausibel gemacht berührt von ihm ist, denn er wurzelt in der Eigenliebe, die immer in
und allen vor Augen geführt, denn die anderen werden ihrerseits ge- den Menschen lebendig ist.
nau dieselben Behauptungen aufstellen. Das lWissen um diese Veranlagung zur Bosheit und zum Neid, die
Demnach hat diese Rede keinen Aussagewertl infolgedessen werden im innersten \Tinkel des Menschenherzens angesiedelt ist, zeigt uns
sie es vorziehen, sich auf die so vernünftige Regel des hei