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I N F O R M A T I O N S - V O R L A G E

DRUCKSACHE G-11/115

Dezernat/Amt:

Verantwortlich:

Tel.Nr.:

Datum

II/Umweltschutzamt

Herr Dr. Wörner

6100

23.03.2011

Betreff:

Atomkraftwerk Fessenheim h i e r :

- Mitgliedschaft der Stadt Freiburg beim „Trinationalen Atomschutzverband“ (TRAS) und Klage beim Verwaltungsgericht Straßburg

- deutscher Begleitausschuss

Beratungsfolge

Sitzungstermin

Öff.

N.Ö.

Empfehlung

Beschluss

1. HA

28.03.2011

X

2. GR

05.04.2011

X

Anhörung Ortschaftsrat (§ 70 Abs. 1 GemO):

nein

Abstimmung mit städtischen Gesellschaften:

nein

Ergebnis:

Der Gemeinderat nimmt gemäß Drucksache G-11/115 den Bericht der Verwal- tung zum Stand der Klage von TRAS zum Atomkraftwerk Fessenheim beim Verwaltungsgericht Straßburg und den Überlegungen zum weiteren Vorgehen sowie zum deutschen Begleitausschuss zur Kenntnis.

Anlagen:

DRUCKSACHE G-11/115

- 2 -

1.

Medienmitteilung von TRAS vom 16.02.2011

2.

Medienmitteilung von TRAS vom 09.03.2011

3.

Schreiben der TRAS an den EU-Kommissar vom 14.03.2011

4.

Schreiben des Regierungspräsidiums Freiburg vom 15.03.2011

1.

Hintergrund

Der Gemeinderat der Stadt Freiburg hat am 03.05.1988 sowie am 18.05.2004 jeweils eine Resolution mit dem Ziel der Stilllegung des Atomkraftwerks (AKW) Fessenheim beschlossen.

Die Stadt Freiburg ist zum 01.07.2006 dem „Trinationalen Atomschutzverband“ (TRAS) beigetreten (Drucksache G-05/257). Die fachlich-politische Arbeit von TRAS zielte auf die Stilllegung des AKW Fessenheim. Einen Zwischenbericht von TRAS sowie zum Begleitausschuss Fessenheim gab die Verwaltung mit den Drucksachen UA-08/005 und UA-09/010 sowie zur Finanzierung der Mitglieds- beiträge der Stadt Freiburg mit Drucksache G-09/179.

Zwischenzeitlich hat TRAS insgesamt 80 Mitglieder (als politische oder kirchliche Gemeinden). Eine Hauptaufgabe von TRAS liegt in rechtlichen und gerichtlichen Schritten gegen den Betrieb des Atomkraftwerkes Fessenheim. Daneben wurde eine Eingabe an die Europäische Kommission in Fessenheim gemacht.

Der deutsche Begleitausschuss zum AKW Fessenheim wurde im Juli 2008 auf Initiative des Kreistages Breisgau-Hochschwarzwald als informelle Kommission gegründet (konstituierende Sitzung Dezember 2008). Das Gremium setzt sich aus Vertretern der Gemeinden und Städte im 25-km-Radius des AKW Fessen- heim zusammen. Außerdem sind das Umweltministerium Baden-Württemberg sowie die drei Landkreise Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald und Lör- rach vertreten. Vorsitzender ist Regierungspräsident Julian Würtenberger, Frau Bürgermeisterin Stuchlik repräsentiert die Stadt Freiburg. Zum Begleitausschuss gehören auch französische Teilnehmer.

2.

Rechtliche Schritte von TRAS

2.1

Aktueller Stand zur Klage beim Verwaltungsgericht Straßburg

Im Dezember 2008 reichte TRAS mit Unterstützung des Anwaltsbüros Lepage (Paris) Klage beim Verwaltungsgericht Straßburg mit dem Ziel der Stilllegung des Atomkraftwerkes Fessenheim ein. Die Klage stützte sich auf folgende Argumen- tationslinien:

-

Erdbebensicherheit

Aufgrund von gutachterlichen Untersuchungen, insbesondere durch das re- nommierte Büro Resonance (Genf) wird argumentiert, dass bei den Untersu- chungen zur Erdbebensicherheit von Fessenheim Methoden angewandt werden, welche die reale Gefährdung unterschätzen. Diese Methoden ver-

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nachlässigen die relativ häufigen, mittleren Erdbeben in der Nähe des Atom- kraftwerks, sie unterschätzen die Magnitude des Referenzbebens von 1356 (Basel) um einen Faktor 30 und unterschlagen die Gefährdungsvarianz (mögliches Auftreten stärkerer Beben). Hierbei wird insbesondere durch die Klage und die unterstützenden Stellungnahmen argumentiert, dass die bis- lang angewandte sogenannte deterministische Methode nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft und Technik entspricht. Dieser sieht zwischenzeitlich die Anwendung von sogenannten probabilistischen Methoden vor, die auch die Varianz von möglichen Beben einbezieht.

TRAS hat nach dem mündlichen Verhandlungstermin des Verwaltungsge- richts Straßburg am 16.02.2011 eine Pressemitteilung herausgegeben, in der u. a. auf das wichtige Thema der Erdbebensicherheit hingewiesen wurde (Anlage 1). Dabei wird auch darauf eingegangen, dass Gegenstand der der- zeitigen 10-Jahres-Überprüfung auch Nachrüstungen zur Reduktion seismi- scher Risiken waren. Diese Maßnahmen beziehen sich aber auf den sekun- dären Bereich und betreffen nicht Komponenten im Primärteil (Kühlkreislauf, Kernzone etc.).

- Möglicher Dammbruch des Grand Canal du Rhin

In der Klage wird auch der Fall angeführt, dass (beispielsweise durch ein Erdbeben) der Damm des Grand Canal du Rhin bricht und dies zu einer Überflutung der (tiefergelegenen) Plattform des Atomkraftwerkes führt.

- Zahl der Zwischenfälle in Fessenheim

Zusätzlich argumentiert die Klage mit der (auch im Vergleich mit anderen französischen Anlagen) signifikant großen Zahl von Störfällen in den letzten Jahren beim Atomkraftwerk Fessenheim. So lag die Zahl der gemeldeten Vorkommnisse in Reaktor Nr. 1 von Fessenheim zwischen 2005 und 2009 zwischen 17 und 25; der nationale Durchschnitt pro Reaktorblock in Frank- reich im selben Zeitraum lag zwischen 11 und 12,8. (ca. das Doppelte des nationalen Durchschnitts).

- Unerlaubte Ableitung von Stoffen auf dem Wasserpfad

Das Büro Lepage hat festgestellt, dass das Atomkraftwerk Fessenheim keine gültige Erlaubnis für die Ableitung von chemischen Stoffen über den Was- serpfad (in das System des Rheins) besitzt.

Das Verwaltungsgericht Straßburg hat nach einer mündlichen Verhandlung am 09.03.2011 das Urteil zur Klage von TRAS gegen das Kernkraftwerk Fessenheim veröffentlicht. Das Gericht hielt die Klage für zulässig. Die Klage von TRAS mit der Forderung nach Stilllegung des Atomkraftwerkes wurde zurückgewiesen; das Gericht gab TRAS jedoch in Bezug auf die fehlende Erlaubnis der Wasser- Emissionen recht.

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Das Gericht argumentiert, dass die chemischen Emissionen in den Rhein zwar nicht bewilligt worden sind, dies jedoch nicht ausreiche, um das Kraftwerk still zu legen. Dazu hätten die daraus resultierenden Risiken von TRAS belegt werden müssen.

Hierzu ist anzumerken:

- TRAS hatte versucht, von der EDF Angaben zu den Wasser-Emissionen zu erhalten; EDF hat dies abgelehnt.

- Die aus der Sicht von TRAS prioritäre Frage der Erdbebensicherheit konnte vor dem Verwaltungsgericht Straßburg fachlich nicht geklärt werden. Das Ge- richt sah es nicht als notwendig an, vom Betreiber ein nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft und Technik geführten Nachweis über die Erdbeben- sicherheit zu verlangen. Die pauschalen Aussagen von EDF über die früher vorgelegten Untersuchungen zur Erdbebensicherheit wurden (offensichtlich) als ausreichend interpretiert.

Das Gerichtsurteil ist nunmehr vor allem rechtlich zu analysieren. Auf dieser Grundlage wird TRAS entscheiden, ob und wie von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, die Berufungsinstanz in Nancy anzurufen (Anlage 2). Die deutsche Fassung des Urteils wird in Kürze auf der Homepage von TRAS (http://www.atomschutzverband.ch) einsehbar sein.

Auf seiner Vorstandssitzung am 21.03.2011 in Freiburg hat der Vorstand von TRAS beschlossen, mit dem Anwaltsbüro Lepage den nächsten Schritt der Beru- fung in Nancy vorzubereiten. Dabei soll, neben dem vom Verwaltungsgericht Straßburg bestätigten illegalen Betrieb der Anlage im Hinblick auf den Wasser- pfad, insbesondere die Argumentation zur fehlenden Erdbebensicherheit vorge- tragen werden.

2.2 Beschwerde gegenüber der Europäischen Kommission

TRAS hat im Oktober 2010 in einem Schreiben an den zuständigen Energie- kommissar der Europäischen Kommission, Herrn Oettinger, eine Beschwerde wegen der Nichteinhaltung der EU-Vorschriften (vor allem hinsichtlich des Was- sers) durch die Leitung des Atomkraftwerks Fessenheim eingereicht. In einem Schreiben vom 14.02.2011 wird seitens der Generaldirektion Energie der Euro- päischen Kommission festgestellt, dass anhand der vorliegenden Informationen es nicht möglich sei, einen Vorstoß gegen Umweltvorschriften festzustellen.

TRAS hat daraufhin mit einem Schreiben vom 14.03.2011 die Generaldirektion der EU-Kommission aufgefordert, die Beschwerde wieder aufzugreifen, insbe- sondere vor dem Hintergrund des Atomunfalles in Japan und hieraus zu ziehen- der Konsequenz ( s. Anlage 3).

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3. Deutscher Begleitausschuss

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Die Hauptaufgabe des deutschen Begleitausschusses zum AKW Fessenheim ist der Informationsaustausch zwischen der deutschen und französischen Seite in Bezug auf das AKW, mit dem Ziel der Information der Öffentlichkeit (beispiels- weise über gemeinsam erstellte Pressemitteilungen, s. a. Homepage des Regie- rungspräsidiums zur Begleitkommission).

Im Sinne ihres informativen Charakters wurde in den bisherigen Sitzungen je- weils über die CLIS-Fessenheim-Sitzungen (offizielle Überwachungskommission) und deren Beschlüsse informiert. Zudem wurde über die sogenannte OSART- Mission in Fessenheim, eine Sicherheitsüberprüfung des AKW durch die interna- tionale Atomaufsichtsbehörde im Sinne eines praktischen Vergleichs der Be- triebsführungen informiert.

Bei der letzten Sitzung des deutschen Begleitausschusses wurden durch franzö- sische Vertreter Informationen gegeben zur 10-Jahres-Inspektion (Auswechseln der Dampferzeuger in Block 2, Erdbebensicherheit und zugrunde liegendes Re- gelwerk etc.) sowie zur Störfallstatistik.

Regierungspräsident Würtenberger hat am 15.03.2011 ein Schreiben an den Präsidenten der Überwachungskommission von Fessenheim gerichtet. Darin werden kritische sicherheitstechnische Fragen zum Kernkraftwerk Fessenheim formuliert. Diese beziehen sich auf die Vergleichbarkeit mit den Anlagen von Fukushima, die Erdbebensicherheit gemäß dem fortschrittlichsten Stand der Wissenschaft, eine mögliche Überflutung sowie Fragen der Störfallbeherrschung (Anlage 4).

4. Weiteres Vorgehen

TRAS hat (im ersten Schritt mit der Medienmitteilung vom 09.03.2011) sowie durch die aktuelle Beschlusslage des Vorstandes klar gemacht, dass der Ver- band weiterhin sowohl die rechtlichen als auch die politischen Möglichkeiten und Schritte zur Stilllegung des Atomkraftwerkes Fessenheim ausschöpfen will.

In Bezug auf die weiteren gerichtlichen Schritte soll für die Klage bei der Bera- tungsinstanz in Nancy insbesondere die Argumentation bezüglich der Erdbeben- sicherheit aufgegriffen werden.

Wie die aktuellen Erfahrungen in Japan zeigen, ist dessen ungeachtet festzustel- len, dass auch jenseits von sogenannten Auslegungsstörfällen (beispielsweise bei der Erdbebenauslegung von Fessenheim angenommene maximale Magnitu- de gem. historischem Erdbeben von Basel) Ereignisse denkbar sind, die diese Grenzen überschreiten. Bisherige Grundlage für die technischen Auslegungen von Atomkraftwerken war jeweils eine Festlegung von sogenannten Auslegungs- grenzen, jenseits derer aufgrund der unterstellten geringen Wahrscheinlichkeit eines Eintritts eines Störfalles keine klassische sicherheitstechnische Auslegung gefordert wird.

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Dieses sogenannte Restrisiko kann aufgrund der Natur der Atomtechnik nicht ausgeschlossen werden, führt aber bei Eintritt eines solchen Unfalles zu - gerade im Vergleich mit anderen technischen Risiken - unabschätzbaren und katastro- phalen Schadensfolgen. Deshalb hat sich TRAS konsequenterweise zwei Ziele gesetzt:

- die gerichtliche Überprüfung der Auslegungssicherheit des Atomkraftwerkes Fessenheim mit der Forderung nach einer Stilllegung, soweit diese Sicher- heit nicht nachgewiesen ist, und

- die politische Forderung nach einer sofortigen Stilllegung aufgrund eines zum Schutz der Bevölkerung nicht hinnehmbaren Restrisikos mit möglichen ka- tastrophalen Folgen für die Region.

Die Verwaltung unterstützt nachhaltig die Bemühungen von TRAS für eine Fort- führung der gerichtlichen Überprüfung der Sicherheitslage des AKW Fessenheim sowie die politische Zielsetzung von TRAS für eine sofortige Stilllegung des AKWs. Aus den dargelegten Gründen ist die Verwaltung der Ansicht, dass auf- grund der neuen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Atomunfall in Japan die Resolutionen des Gemeinderats der Stadt Freiburg zur Stilllegung des AKW Fessenheim größte Aktualität und Berechtigung besitzen.

- Bürgermeisteramt -