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Gutachten zur Eheschließung zwischen einem

Christen und einer Muslimin

Beyza Bilgin

Wenn christlich-muslimische Paare wünschen, daß bei der religiösen Eheschließung auch ein
muslimischer Religionsbeauftragter dabei ist, dann ist dies ein Zeichen des Glaubens und guter
Vorsätze. Wenn muslimische Verantwortliche dabei nicht behilflich sind, dann könnte dies ein
Zeichen dafür sein, daß sie diese Art der Eheschließung nicht mögen. Wir können die
Problematik von verschiedenen Gesichtspunkten her erläutern.

Nach dem Koran ist der Maßstab in der Ehe Glaube an Gott und Reinheit. Bezüglich des
Glaubens an Gott besagt Sure 2, 221 (al-baqara):

„Und heiratet nicht heidnische Frauen, solange sie nicht gläubig werden! Eine gläubige Sklavin
ist besser als eine heidnische Frau, auch wenn diese euch gefallen sollte. Und gebt nicht
(gläubige Frauen) an heidnische Männer in die Ehe, solange diese nicht gläubig werden! Ein
gläubiger Sklave ist besser als ein heidnischer Mann, auch wenn dieser euch gefallen sollte.“

Es ist also verboten, eine Person zu heiraten, die an Gott nicht glaubt oder Götzen dient. Frauen
und Männer werden in diesem Verbot je für sich erwähnt. Bezüglich der Reinheit besagt Sure
5,5 ( al-mâ’äda):
„ Heute sind euch die guten Dinge (zu essen) erlaubt. Und was diejenigen essen, die (vor euch)
die Schrift erhalten haben, ist für euch erlaubt, und (ebenso) was ihr eßt, für sie. Und (zum
Heiraten sind euch erlaubt) die ehrbaren Frauen (aus der Gemeinschaft) derer, die vor euch die
Schrift erhalten haben, wenn ihr ihnen ihren Lohn gebt, ( wobei ihr euch) als ehrbare
(Ehe)Männer (zu betragen habt), nicht als solche, die Unzucht treiben und sich Liebschaften
halten.“

Nachdem das Essen der Schriftbesitzer als rein und erlaubt erklärt ist, wird auch die Heirat mit
glaubenden, ehrbaren und freien Frauen als erlaubt angesehen, die Heirat mit Frauen der
Schriftbesitzer als erlaubt verstanden. Aber diese Erlaubnis wird einseitig, nur im Blick auf die
Frauen erwähnt. Über die Heirat mit Männern von den Schriftbesitzern wird nichts gesagt. Das
bedeutet, solche Eheschließung ist weder erlaubt (helal) noch verboten (haram). Die
Rechtsgelehrten haben die einseitige Erlaubnis dieses Verses betont und haben bei
Eheschließungen mit Schriftbesitzern nur diejenige zwischen Frauen der Schriftbesitzer und
muslimischen Männern für gültig erklärt. Sie sagten : Wir heiraten Frauen der Schriftbesitzer,
aber ihren Männern geben wir unsere Mädchen nicht. Einige gingen sogar soweit, daß sie sagten,
daß eine schon geschlossene Ehe zwischen einem Mann der Schriftbesitzer und einer
(muslimischen) Frau ungültig sei. Dieses Urteil ist nicht richtig. Die Rechtsgelehrten haben das
auch bemerkt. Denn wenn solche Ehen ungültig wären, würden sie als Ehebruch angesehen und
die had-Strafe würde angewandt. Jedoch wurde die had-Strafe nicht als zulässig angesehen.

Die Eheschließung ist eine soziale Angelegenheit. Der Islam hat die Gültigkeit der
Eheschließung der andern Religionen und Nationen und die damit zusammenhängenden
Abstammungen anerkannt. Es ist nicht erforderlich, daß eine Eheschließung religiös erfolgen
muß. Im Islam gibt es drei Bedingungen für die Gültigkeit der Eheschließung: die öffentliche
Bekanntmachung beider Seiten, die Anwesenheit von Zeugen und die Festlegung der
„Morgengabe“ (mihr) als Absicherung des Lebensunterhalts. Heutzutage ist die Sicherung des
Lebensunterhalts durch den Staat gewährleistet. Darüber hinaus sind Geschenke eine
Angelegenheit von Abmachungen beider Seiten.
Ein Grund für das Beharren auf der Einseitigkeit des Verses war, zu verhindern, daß das
Interesse der muslimischen Männer an (muslimischen) Frauen abnahm. Das ist eine Besorgnis,
die schon in frühen Zeiten geäußert wurde. Kalif Omar hat versucht, sogar die Heirat von
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muslimischen Männern mit Frauen der Schriftbesitzer zu verbieten. Einen Gefährten
Mohammeds, der mit einer Frau von den Schriftbesitzern verheiratet war, forderte Kalif Omar
schriftlich auf, sich von dieser Frau zu scheiden. Als der ihn fragte, ob er diese Heirat als
verboten ansehe, sagte Omar: Nein, aber ich fürchte, daß die Heirat mit fremden Frauen sich
ausbreitet und die Vorliebe für muslimische Frauen zurückgeht!

Der zweite Grund ist die Besorgnis, daß die Kinder zu Christen erzogen werden. Der Mann war
das Familienoberhaupt und das Kind gehört zur Religion des Vaters. Das wäre dann ein Verlust
für den Islam. Außerdem wurde behauptet, daß die Frau es in solcher Ehe schwer haben werde,
die Vorschriften des Islam zu erfüllen. Denn es wurde angenommen, daß ein muslimischer
Mann, weil ihm das seine Religion gebietet, die Religion seiner Frau respektieren würde, ein
christlicher Mann würde diesen Respekt aber nicht zeigen.

In der alttürkischen Tradition gab es die Heirat mit Fremden nicht. Nur in ganz besonderen
Situationen, bei Freidensschlüssen und bei hohem (Staats-)Interesse, konnte es zum Austausch
von Prinz(essinn)en kommen. In der osmanischen Zeit wandte man sich nicht gegen Ehen mit
Frauen der Schriftbesitzer. Ihnen wurde die Staatsangehörigkeit aberkannt. Die Gesellschaft hat
im allgemeinen die religionsverschiedene Ehe nicht teilnahmslos betrachtet. Aber wenn erst
einmal zwischen den Eheleutetn Liebe und Verständnis da war, war es nicht möglich, sie
aufzuhalten. Die zwischen ihnen vollzogene Eheschließung, auch eine religiöse, war eine
Eheschließung und gültig. Man konnte nur noch gratulieren und alles Gute wünschen.

Es ist nicht notwendig, daß muslimische Religionsbeauftragte an einer religiösen


Eheschließungszeremonie teilnehmen. Denn besonders nach den türkischen Gesetzen sind sie
nicht beauftragt, religiöse Eheschließungen zu vollziehen. In der Türkei ist (nur) die zivile
Eheschließung gültig. Nach der zivilen Eheschließung kann eine religiöse Eheschließung als
Gebet durchgeführt werden. Aber zwischen beiden Formen gibt es keinen Zusammenhang.
Paare, die nur eine religiöse Eheschließung vollzogen haben, gelten nicht als verheiratet.

Wenn Religionsbeauftragte bereit sind, können sie freiwillig und gegen ein Entgelt ein
Hochzeitsgebet halten, wie bei einem sog. Mewlit ( religiöse Gedächtnisveranstaltung anläßlich
einer Geburt oder eines Todes ). Wenn sie auch trotz eines Entgeltes nicht bereit sind – ihr
Nichtkommen zeigt das- , bedeutet das, daß sie religionsverschiedene Ehen nicht billigen.

Da die Ehe in den Zustand einer heiligen Verbundenheit führt, bei der die Partner sich auch
geistlich verbunden fühlen, ist es gut und richtig, ein Gebet zu halten. Bei einem Gebet muß
nicht unbedingt ein Religionsbeauftragter dabei sein. Im Islam gibt es keinen besonderen
geistlichen Stand. Jeder wissende, verständige und ehrenhafte Muslim kann das Hochzeitsgebet
halten und den Partnern religiöse Ermahnungen erteilen.

Was für schöne Gebete und Ermahnung man auch aus dem Koran als Beispiel nehmen mag, sie
werden mit Innigkeit vorgetragen. Zum Beispiel ist die wichtige Ermahnung an die Partner in der
neuen Ehegemeinschaft, im Bewußtsein des Glaubens zu sein und nicht von der Lauterkeit
abzuweichen. Sure 41, 30-31 ( al-fussilat) besagt:

„Auf diejenigen, die sagen : ‚Unser Herr ist Gott‘ und hierauf geraden Kurs halten, kommen die
Engel (vom Himmel) herab (mit den Worten) : „ Ihr braucht (wegen des Gerichts) keine Angst
zu haben und (nach der Abrechnung am Jüngsten Tag) nicht traurig sein. Freut euch darüber, ins
Paradies zu kommen, das euch versprochen worden ist! Wir sind im diesseitigen Leben und im
Jenseits eure Freunde.“

Die Ehepartner können sich auch selbst am Gebet beteiligen und gemeinsam einige Gebete
sprechen. Zum Beispiel sind folgende Gebete für den Zweck geeignet:

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„O Herr, gib uns in dieser Welt Gutes, gib uns im Jenseits Gutes, bewahre uns vor den Qualen in
der Hölle.“
„Herr, nimm (es) von uns an! Du bist der, der (alles) hört und weiß. Und mach, Herr, daß wir
(beide) dir ergeben sind, und (mach) Leute aus unserer Nachkommenschaft zu einer dir
ergebenen Gemeinde! Und zeig uns unsere Riten! Und wende dich uns (gnädig) wieder zu! Du
bist ja der Gnädige und Barmherzige! „ ( Sure 2, 127-128, al-baqara)

„ Und die sagen: ‚Herr! Gib, daß wir an unseren Gattinnen und an unserer Nachkommenschaft
Freude erleben, und mach uns zu einem Vorbild für die Frommen. (Allen) diesen (Dienern des
Barmherzigen) wird (dereinst) mit einem Obergemach (im Paradies) vergolten ( zum Lohn)
dafür, daß sie geduldig waren. Und ihnen wird darin Gruß und Heil entboten.“ ( Sure 25, 74-75
al-furqân )

Bei Ehen aus unterschiedlichen Kulturen werden Geduld und Toleranz, Güte und
Barmherzigkeit noch nötiger sein. Sie sind wie Partner, die beieinander Zuflucht suchen, und
müssen noch sorgsamer vorgehen, um die beiderseitigen Rechte zu wehren. Aus dieser Sicht
kann für sie das Gebet sehr anregend sein, das die Medinenser gehalten haben, als die Mekka-
Flüchtlinge in Medina Zuflucht suchten. Als Gebet kann Sure 59, 10 ( al-hasr) gemeinsam
gesprochen werden:

Der Islam ist nicht gekommen um Menschen in Schwierigkeiten zu stürzen, ihnen Unbehagen zu
bereiten, oder sie ihrer Menschenrechte zu berauben. Aber es sollte gut überlegt werden, um
gewiß zu sein, daß man es später nicht bereut. Sich aus bloßer Lust und Laune hinreißen zu
lassen, kann den voreilig handelnden Personen bittere Beschwernisse bringen, von denen es kein
Zurück gibt und die niemand lösen kann. Bezüglich dieses Themas muß Sure 45, 23-24 ( al-
sari’a) erinnert werden:
„ Allah hat die Himmel und die Erde in Wahrheit erschaffen, damit er eines jeden Seele, wie sie
es verdient, lohne- und keine wird ungerecht behandelt werden. Sieh mal, was denkst du wohl?
Der seine eigenen Lüste, zu Götzen nimmt und den Allah in die Irre entläßt, ihm Ohr und Herz
versiegelt und über seine Augen eine Hülle zieht, wer soll den leiten können, da Allah ihn
verlassen hat? Wie wolltet ihr euch nicht mahnen lassen? Nicht? „
In unserer Zeit gibt es nicht mehr die strikte Regelung, daß der Mann unbedingt das
Familienoberhaupt ist und daß das Kind nach der Art des Vaters erzogen wird. Da man bei der
Heirat wie zu allen Zeiten einen Vertrag abschließen kann, kann sogar vereinbart werden,
überhaupt keine Kinder zu haben. Vor Gott jedoch müssen Mann und Frau für sich selbst und für
ihre Nachkommen die Verantwortung übernehmen und müssen ihre eigenen Entscheidungen
selbst treffen können.

Frau Dr. Beyza Bilgin, Jg. 1935, Professorin für Religionspädagogik und Didaktik des
Islamischen Religionsunterrichts an der Theologischen Fakultät der Universität, Ankara
Adresse: 4. Cadda 14/6, 06510 Emek-Ankara- Türkei

Wichtige Publikationen:
- Eğitim Bilimi ve Din Eğitimi, A.Ü. İlahiyet Fakültesi Yayınları 185, Ankara 1988
- Türkiye’ de Din Eğitimi ve Liselerde Din Dersleri, Emel Matbaacılık, Ankara 1980
- İslam ve Çocuk Diyanet İşleri Başkanlığı Yayınları 264, Ankara 1987
- Beyza Teyzen Hikayeler 1,2,3,4 Akid Yayıncılık, İstanbul 1986

Entnommen aus: CIBEDO, Beiträge zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen
10. Jahrgang, Nr. 3,Frankfurt am Mann, 1996, Seite 114-116

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