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Sonderpädagogik als Wissenschaft – Wissenschaftstheoretische

Positionen:
1. Kritische Theorie
2. Systemtheoretische Position
3. Konstruktivistische Position
4. Geisteswissenschaftliche Position
5. Naturwissenschaftliche Position
6. Phänomenologische Position (Aspekte auch in Geisteswissenschaft)
7. Dialektisch-materialistische Position (Aspekte auch in Kritischer Theorie)

Geisteswissenschaftliche Pädagogik
Älteste Position/ lange Tradition
 aber noch aktuell

Begründer/Vordenker: Wilhelm Dilthey


 Schaffte philosophische Grundlagen
 nach seinem Tod von Schülern vorangetrieben

Basisidee: zu viel Dominanz der Naturwissenschaften (Theoriebildung & Methoden)


 Eigenständigkeit der Geisteswissenschaften notwendig
 Gegenstand sollte die Methoden prägen
 Gegenstand bedarf eigener Theorie

 Alternative zu einem technologisch-empiristischen wissenschaftlichen Arbeiten:


Beschäftigung mit Menschen bedarf nicht technologischen & empirischen Methoden
 Geschichte spielt große Rolle  Mensch aus seiner Geschichtlichkeit verstehen
 Enge Verbindungen zur Reformpädagogik: Geisteswissenschaftliche Pädagogik ist die
Theorie zur Reformpädagogik (Praxis)

Kernproblem: Geisteswissenschaft: human vs. Naturwissenschaft: Naturvorgänge


 Gegenstände müssten sich unterscheiden
 Wie kommt man an das Innere des Menschen von außen?

Lösungen:
 nur indirekter Erkenntniszugang durch Objektivationen des menschlichen Geistes
 Fragen nach den indirekten Auswirkungen (Objektivationen)
 Wo zeigt sich Bedeutung des Geistes? Wo wirkt der Geist?
 nur durch direkte Annäherung an das Leben selbst
 Untersuchen: Kategorien gewinnen und nicht schon vorher
bilden
 Lebensphilosophie: Leben als geschichtlichen Prozess beschreiben
 Welche Geschichte hat das Leben?
 nur relative Erkenntnisse aus sich selbst heraus gewinnen
 ähnlich:
o Spranger - „Eigenwelt“ und öffentliche Welt
 Aufgabe Sonderpädagogik: Eigenwelt bewahren & Zugang zur
öffentlichen Welt ermöglichen
 Kritik: Eigenwelt hinnehmen?
o Hermanol - Spannungsfeld Gegebenes (eigene Welt) & Aufgegebenes (was
noch kommt)
 Erlebnisse erfassen (Verbundenheit von Denken & Leben) und dann Strukturen in
den Erlebnissen finden (Verknüpfung)

Geisteswissenschaften: Zielt auf verstehen des Menschen ab (Bedeutungs- &


Sinnzusammenhänge)
Naturwissenschaften: Natur verstehen

Zentralaspekte nach Krüger:


 Geisteswissenschaftliche Pädagogik sieht pädagogische Theorie im engen
Zusammenhang zur Praxis
 Primat der Praxis
 Theorie soll Praxis verstehen
 Theorie muss Praxis Impulse mitgeben
 Geschichtlicher Begriff des Gegenstands benötigt
 Mensch aus seiner eigenen Geschichte heraus verstehen
 Selbsterkenntnis der geisteswissenschaftlichen Pädagogik: muss sich auch aus
eigener Geschichte heraus verstehen (Wie hat sie sich entwickelt?) (Theorien sind
eingebunden in die jeweilige Zeit)
 Autonomie im Vordergrund
 pädagogische Wissenschaft
 Erzieher & Kinder
 Rolle der Wertureile

Begriff und Verständnis von Geist:


 Danner: sinnvoll bestimmbar?
 Verschiedene Bedeutungskontexte
 Auffassungen:
1. Geist als eine Einheit aus Leib & Seele
2. Geist als höherer Teil der Seele (Denken & Vernunft)
3. Geist als kosmische Ordnung außerhalb des Menschen
4. Geist als ein transzendenter Grund (überschreitender Grund, der Menschen
überschreitet  Schöpferische Macht Gottes)
 Grundsätzliche Aspekte: Spontanität, Selbstsetzung, Freiheit
 Hegel:
o Subjektiver Geist: Geist eines Individuums (Geprägt durch Seele, Bewusstsein,
Wille)
o Objektiver Geist: Wo wird Geist objektiv? Geist prägt durch Handlungen die
Welt (Objektivationen)  soziale Phänomene ermöglichen Annäherung an
subjektiven Geist
o Absoluter Geist: Bewusstsein des Menschen von sich selbst (Kunst, Religion,
Philosophie)

Zentrale Leistungen:
Konstituierung und Ausdifferenzierung eines Bildungsverständnisses
 Bildungsverständnis aus deutscher Klassik:
 Bildung als Ziel der Erziehung
 Menschen sind grundsätzlich begrenzt bildsam
o Seite der Person: Begrenzungen der Natur des Menschen
 Individuelle Voraussetzungen
o Seite des Umfeldes: Beschränkungen des historischen Kontextes
 Herausforderung für Sonderpädagogik
 Bildung am beispielhaften & typischen für das Wesentliche
 Spannungsfelder nach Krüger:
o Allseitige Bildung & Individuelle Einheit
 Breite der Inhalte vs. Bildungsaspekte werden im Menschen durch
Aufnahme/Verarbeitung zur Einheit
o Historische/kulturelle/objektive Bildung & produktive Subjektivität
 Gegebenheiten vs. Subjektive Verarbeitung im Individuum
o Individuelle Bildung & Volksbildung
 Bildung als individueller Aspekt vs. Bildung der Gemeinschaft
 Geburt der Volkshochschulen

Auseinandersetzung mit pädagogischem Bezug und Erzieherrolle


 Geisteswissenschaftliche Pädagogik: Professionelle Erziehung & Erziehung durch das
Leben
 Hermanol:
o Werdende Mensch muss zu seinem Leben und seiner Form kommen
o Erzieher als Repräsentant der Kultur
o Engagement/Leidenschaft des Erziehers
o Reife-Gefälle Erzieher-Kind
o Erzieher: Liebe & Autorität; Kind: Liebe & (freiwilliges) Gehorsam
o Basis: Vertrauen  Freiwilligkeit des Verhältnisses
o Durchgangsphase: Verhältnis endet mal
o Aspekt des pädagogischen Takts: Gespür, das Pädagoge für Kind entwickelt
 auch Gespür für das Scheitern/Gefahren: Vermeiden & Umgang damit

Herausarbeitung eines Autonomiepostulats


 Autonomie als zentrale Bedingung postulieren
o Geisteswissenschaftliche Pädagogik
 Aus Philosophie autonome Pädagogik generieren
 Generierung einer autonomen Wissenschaft
o Kinder & Jugendliche
 Aspekt des Eigenrechts auf Entwicklung & Selbstbestimmung
o Gesellschaft
 Berücksichtigung des gesellschaftlichen Rechts auf Selbstentfaltung

Oevermanns „objektive Hermeneutik“


 Methodik innerhalb der Pädagogik
 Entwicklung der Textanalyse:
o Betrachtet das Handeln in seiner Sozialität
o Analyse der Sinnstrukturierten Welt
 Strukturen
o Manifester Sinn der Textstrukturen
o Latenter Sinn der Textstrukturen
o Ausdrucksgestakten fixieren & analysieren
 Prinzipien:
o Wörtlich nehmen
o Kontextfreiheit
o Sequenzen

Kritik der geisteswissenschaftlichen Pädagogik


 Prägte Weimarer Republik (1.Blüte)
 Nationalsozialismus: sehr differenzierter Umgang
 1950er: 2. Blüte
 Auseinandersetzung mit Vertretern der Empirischen Pädagogik sowie der Kritischen
Theorie
 Entsprechende Kritik:
o Theoretisches Defizit: Starke wissenschaftliche Unschärfe (zu spekulativ)
 Verstehen
o Gesellschaftliches Defizit: Wenig Theorie der Gesellschaft (nur Individuum)
 Eigenwelt
o Defizit am empirischen Arbeiten

Methodik
Hermeneutik
 Griechisch: Auslegen/Interpretieren
 Wie kann ich mich Geist von außen annähern?
 Aus Text Dinge interpretieren, was nicht drinsteht
 explizit zu implizit
 Wilde Deuterei
 Über Texte an Wahrheit kommen
 Schleiermacher:
o Grammatische Rekonstruktion
o Psychologische Rekonstruktion (Inneres & Objektivität)
 Dilthey: Texte als Ausdruck der Psyche / Sinnverstehen des Geistes
 Hermeneutischer Zirkel:
o Aspekt des Hin- & Hergehens des Textverständnis & Vorverständnis bis zum
Verstehen

o Zirkelbewegung zwischen Verständnis des gesamten Textes und Verständnis


seiner Einzelteile
 Hermeneutisches Verstehen als Prozess: Vorverständnis, Kernaussage,
koordinierende Interpretation
 11 Regeln verstehender Textauslegung nach Klafki:
o Bewusstmachen des Vorverständnisses & Präzisierung der Fragestellungen an
den Text
o Fragestellung & Vorverständnis müssen am Text selbst immer wieder
überprüft und eventuell modifiziert werden
o Heranziehung von Quellen & Textkritik (kritische Ausgaben)
o Semantische Analyse als Frage nach der Bedeutung einzelner Worte oder
Formen eines Textes
o Mitberücksichtigung der Entstehungssituation eines Textes
o Heranziehung ergänzender Quellen
o Mitberücksichtigung der syntaktischen Mittel (Worten wie aber)
o Systematische Herausarbeitung der gedanklichen Textgliederung
o Kritische Überprüfungen der Herleitungen bzw. gedanklichen
Schlussfolgerungen des Autors
o Ständige Bewegung der Interpretation im hermeneutischen Zirkel
o Kontinuierliche Einordnung der Aussagen des Autors in den gesellschaftlichen
und kulturellen Kontext der jeweiligen Epoche
 Methodische Regeln zur Interpretation von Texten (Kron)
o Formuliere dein erkenntnisleitendes Interesse
o Formuliere dein Vorverständnis vom Text
o Erforsche genau den Entstehungszusammenhang des Textes
o Skizziere die inhaltliche Gliederung des Textes
o Arbeite klar heraus und schreibe auf, was dich an den Themen interessiert
oder nicht
o Vergleiche das eigene Vorverständnis mit dem sich entwickelnden
Verständnis vom Text
o Bearbeite einige formale Aspekte des Textes
o Versuche, den inneren, strukturellen Argumentationsablauf und
Zusammenhang des Textes zu erkennen
o Stelle fest, welche Quellen der Autor zusätzlich benutzt
o Prüfe die Geltung des Textes in Bezug auf deine Arbeit
o Prüfe dich während und nach der Arbeit am Text, mit welchen
wissenschaftsmethodischen Regelwerken und Regeln aus dem Alltag du
gearbeitet hast
 Besondere Bedeutung für die Kasuistik
 Kritik an der Hermeneutik:
o Subjektiv & spekulativ
o Empirisch kaum nachprüfbar
o Zu starker Fokus auf Textproduktion (Erziehungswirklichkeit wird nicht
beachtet)
o Historische Bezüge spielen zwar große Rolle, aber zu wenig kritische
Geschichtlichkeit
 Traditionalismus & Konservatismus