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Vor rund vier Jahren war der japanische Wissenschaftler Hiromitsu Nakauchi zu Gast

in Deutschland. Ausgerechnet im alten Bundestag präsentierte er damals seine


Vision: Er wollte menschliche Organe in tierischen Körpern heranwachsen lassen.
Zweck der Übung ist es, dringend benötigte Organe quasi am Fließband zu
produzieren und so schwer kranken Menschen zu helfen, die heute oftmals zu lange
auf ein Spenderorgan warten müssen. Schon sehr bald könnte aus Nakauchis
damals präsentierter Vision nun Realität werden. Denn die japanische Regierung hat
als erstes Land der Welt eine gesetzliche Grundlage für die Geburt von Mensch-Tier-
Chimären verabschiedet. Bisher durften die Mischwesen im Land der aufgehenden
Sonne maximal 14 Tage im Bauch des Muttertieres heranwachsen. Diese zeitliche
Begrenzung wurde nun aber gestrichen.

Hy
bridembryonen sollen siebzig Tage im Bauch eines Schweins heranwachsen.
Im Moment werden vor allem Bauchspeicheldrüsen
gezüchtet
Um menschliche Organe in Tieren heranwachsen zu lassen, setzt das Team um den
japanischen Forscher auf induzierte pluripotente Stammzellen. Dabei handelt es sich
um Hautzellen, die in ein frühes Entwicklungsstadium zurückversetzt werden und
sich dann wieder zu jeder Form von Gewebe entwickeln können. Zunächst aber wird
in einem Reagenzglas ein Embryo gezüchtet. Bei diesem werden genau die Gene
entfernt, die für das Heranwachsen eines bestimmten Organs verantwortlich sind.
Im Falle der Bauchspeicheldrüse ist dies das pdx1-Gen. Anschließend werden die
Stammzellen in den Embryo eingebracht und dieser wird in das Muttertier
eingepflanzt. Weil die Stammzellen auch weiterhin das pdx1-Gen besitzen, bilden
diese sich dann im Idealfall zu einer menschlichen Bauchspeicheldrüse aus. Diese
kann schließlich entnommen und transplantiert werden.

Fachleute haben drei schwerwiegende Kritikpunkte


Soweit die Theorie. Allerdings ist die Forschung nicht ganz unumstritten. Neben
zahlreichen ethischen Fragen, gibt es zudem auch drei fachliche Kritikpunkte.

1. So befürchtet ein Teil der Fachwelt, dass die implementierten Stammzellen sich
an unerwünschten Stellen einnisten könnten. Setzen diese sich beispielsweise im
Gehirn fest, kann dies die kognitiven Fähigkeiten der Tiere beeinträchtigen. Deshalb
sollen die Stammzellen im Vorfeld genetisch so angepasst werden, dass sie sich nur
zu einem bestimmten Zelltyp entwickeln können. Ob dies auch tatsächlich
funktioniert, werden aber wohl erst ausführliche Experimente zeigen.
2. Außerdem kann es passieren, dass die artfremden menschlichen Zellen schlicht
abgestoßen werden. Dies geschah beispielsweise als Nakauchi versuchte,
menschliche Stammzellen in einem Schafembryo heranwachsen zu lassen. Auch hier
soll eine gentechnische Lösung gefunden werden – was aber sehr arbeits- und
zeitaufwändig sein dürfte.
3. Ungelöst ist zudem noch das Problem der unterschiedlichen Tragzeiten. Denn eine
Sau beispielsweise wirft ihre Ferkel bereits nach vier Monaten. Für die Entwicklung
menschlicher Organe könnte dies zu früh sein.
Das sind die nächsten geplanten Schritte
Trotz dieser noch offenen Fragestellungen will das Team um Nakauchi demnächst
mit zwei Versuchen beginnen. Zunächst ist geplant, Hybridratten 15,5 Tage
heranwachsen zu lassen. Läuft dabei alles nach Plan, könnte ein großer Schritt in
Angriff genommen werden. Dann nämlich sollen Hybridembryonen für 70 Tage in
einem Schwein heranwachsen. Die endgültige Genehmigung der Regierung dafür
steht zwar noch aus. Ein Expertengremium hat aber bereits seinen Segen erteilt, so
dass im August mit der finalen Erlaubnis gerechnet wird. Nakauchi hofft, durch die
länger dauernden Versuche beweisen zu können, dass seine Vision
erfolgsversprechend und praktikabel ist. Kritiker bezweifeln dies allerdings und
propagieren einen anderen Ansatz: Tierische Organe sollen so aufbereitet werden,
dass sie beim Menschen eingesetzt werden können. Aber auch diese Technik steht
noch ganz am Anfang.