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Quantenmechanik

Skript zur Vorlesung von Prof. Dr. W. Rühl


LATEX-Satz: Christian Schumann

Wintersemester 2000/2001
Sommersemester 2001
2 INHALTSVERZEICHNIS

Inhaltsverzeichnis
1 Die begriffliche Struktur der Quantenmechanik 4
1.1 Rückblick auf die klassische Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.2 Die Zustände und Observablen der Quantenmechanik . . . . . . . . 5
1.3 Die Observablenalgebra des linearen harmonischen Oszillators . . . . 9
1.4 Die statistischen Ensembles der Quantenmechanik . . . . . . . . . . 12
1.5 Die Präparation von Zuständen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

2 Koordinaten- und Impulsmessungen 19


2.1 Die Schrödinger-Realisierung der Heisenberg-Algebra . . . . . . . . . 19
2.2 Impuls- und Koordinaten-Operatoren für ein Teilchen . . . . . . . . 22
2.3 Freies Teilchen in einem Kasten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.4 Entartung, Vertauschbarkeit von Operatoren und die simultane Mes-
sung von Observablen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.5 Der Drehimpuls, algebraisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
2.6 Der Bahndrehimpuls, analytisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.7 Ebene Welle und Kugelwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.8 Unschärferelationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.9 Thermische Gesamtheit und andere gemischte Zustände . . . . . . . 46

3 Die Dynamik 49
3.1 Die Schrödingergleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
3.2 Die zeitliche Entwicklung der Wellenfunktion freier Teilchen . . . . . 51
3.3 Die Greensche Funktion für das Anfangswertproblem . . . . . . . . . 55
3.4 Das Ehrenfestsche Theorem und die Erhaltungsgrößen . . . . . . . . 57
3.5 Eindimensionale Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.6 Das Wasserstoffatom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
3.7 Die Streuphasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
3.8 Wirkungsquerschnitt und Streuamplitude . . . . . . . . . . . . . . . 76
3.9 Die Streuung am Coulomb-Potential . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

4 Näherungsverfahren 84
4.1 Die Bornsche Reihe für die Streuamplitude . . . . . . . . . . . . . . 84
4.2 Die Rayleigh-Schrödinger-Störungstheorie für diskrete Spektren . . . 88
4.3 Ein Beispiel: Der normale Zeemann-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . 97

5 Der Spin des Elektrons 99


5.1 Die Beschreibung des Spin-Freiheitsgrades (klassisch) . . . . . . . . . 99
5.2 Die Beschreibung des Spin-Freiheitsgrades (quantenmechanisch) . . . 101
5.3 Der Gesamtdrehimpuls des Elektrons . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
5.4 Die Feinstruktur des Wasserstoffatoms . . . . . . . . . . . . . . . . . 106

6 Mehr-Teilchen Probleme 110


6.1 Identische und verschiedene Teilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
6.2 Die Abseparation der Schwerpunktbewegung . . . . . . . . . . . . . 112
6.3 Zustandsraum identischer Teilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
6.4 Fermionen-Systeme und das Wasserstoff-Molekül . . . . . . . . . . . 119
6.5 Das Ritz-Verfahren, das Hartree-Fock-Verfahren und das He-Atom . 124
6.6 Die zweite Quantisierung für Elektronen . . . . . . . . . . . . . . . . 128
INHALTSVERZEICHNIS 3

7 Symmetrien 135
7.1 Rotationen und Translationen, Symmetrien allgemein . . . . . . . . 135
7.2 Rotationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
7.3 Teilchen mit Spin 21 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
7.4 Die unitären Darstellungen der Gruppe SU(2) . . . . . . . . . . . . . 151
7.5 Die Addition von Drehimpulsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
7.6 Tensoroperatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
7.7 Die Raumspiegelung oder die Parität der räumlichen Spiegelung . . 162
7.8 Antilineare Operatoren und die Umkehr der Bewegungsrichtung . . . 163
7.9 Die Eichinvarianz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169

8 Streutheorie 171
8.1 Die in- und out-Zustände und die Møller-Operatoren . . . . . . . . . 171
8.2 Die Lippmann-Schwinger-Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
8.3 S-Matrix und T -Matrix . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
8.4 Die zeitabhängige Störungstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186

9 Elektronen im elektromagnetischen Feld 194


9.1 Das klassische elektromagnetische Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
9.2 Absorption und induzierte Emission elektromagnetischer Strahlung . 200
9.3 Die Quantisierung des elektromagnetischen Feldes . . . . . . . . . . 204
9.4 Die Photon-Atom-Wechselwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
9.5 Die Selbstenergie des Elektrons . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221

10 Die Dirac-Gleichung 226


10.1 Minkowski-Raum und relativistische Kovarianz . . . . . . . . . . . . 226
10.2 Die Klein-Gordon Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
10.3 Die Dirac-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
10.4 Clifford-Algebren und Kovarianz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
10.5 Lösungen der Dirac-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240

A Mathematische Erläuterungen 245


A.1 Fourier-Theorem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
A.2 Spektralsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
A.3 Weierstraß-Approximation für Kugelfunktionen . . . . . . . . . . . . 247
4 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

1 Die begriffliche Struktur der Quantenmechanik

1.1 Rückblick auf die klassische Mechanik

Die nichtrelativistische Quantenmechanik, mit der wir uns hier auseinandersetzen,


befasst sich mit punktförmigen Teilchen und deren Wechselwirkungen untereinan-
der, sowie mit äusseren Potentialen. Die Geschwindigkeit dieser Teilchen soll klein
gegen die Lichtgeschwindigkeit (v ≤ 1/100c) sein. Die Quantenmechanik korre-
spondiert in einem später zu präzisierenden Sinne mit der klassischen Mechanik
von Punkt – Teilchen. Wir werden uns im Laufe der Vorlesung genauestens mit der
Struktur der Quantenmechanik der physikalischen Theorie auseinandersetzen zu ha-
ben. Daher erscheint es zweckmäßig, zunächst einmal die Struktur der klassischen
Mechanik ins Gedächtnis zu rufen.

Ein System mit N Freiheitsgraden (sei es konservativ und holonom) wird be-
schrieben durch kanonische Koordinaten
q1 , q 2 , · · · , q N
und Impulse
p1 , p 2 , · · · , p N ,
d. h. die 2N Parameter
N
{(pi , qi )}i=1
beschreiben einen Zustand des Systems. Tatsächlich bilden die Zustände eine 2N -
dimensionale Mannigfaltigkeit im Sinne der Differentialgeometrie.

An einem System lassen sich Messungen durchführen. Das bedeutet, daß nach ei-
nem Zahlenwert einer Meßgröße oder Observable gefragt wird. Beispiele sind Impuls
(je eine der drei Komponenten), Drehimpuls, ebenso Energie, kinetische Energie, ir-
gendeine Kraftkomponente. Alle diese Observablen werden beschrieben durch eine
reelle Funktion der kanonischen Koordinaten und Impulse
F (pi , qi )

Die Observablen erzeugen somit eine Funktionenalgebra, die Observablenalgebra;


das ist die Algebra der stetigen Funktionen von {(pi , qi )} unter der gewöhnlichen
Addition und Multiplikation. Apropos Stetigkeit: zwei Massenpunkte mit Coulomb-
wechselwirkung besitzen die Menge der Zustände
{(~x1 , p~1 ), (~x2 , p~2 )|~x1 6= ~x2 },
so daß die möglichen Punkte der Unstetigkeit von vornherein ausgeschlossen werden.

Die experimentelle Beobachtung eines Zustandes macht in der klassischen Me-


chanik keine begrifflichen Schwierigkeiten. Es ist zwar klar, daß eine Beobachtung
(Messung) einen Eingriff darstellt, daß dieser aber beliebig klein gehalten werden
kann und damit das System sich vor und nach der Messung in beliebig nahe lie-
genden Zuständen befindet. Ob und wie man ein System in einen vorgegebenen
Zustand bringen kann (Präparation), ist in der klassischen Mechanik trivial.

Schließlich ist eine zentrale Frage der theoretischen Physik, wie sich ein System
zeitlich entwickelt (Dynamik), und welche Meßwerte eine Observable dabei anneh-
men wird (Vorhersage). In der klassischen Mechanik wird die Dynamik bestimmt
1.2 Die Zustände und Observablen der Quantenmechanik 5

durch die Hamiltonfunktion


H(pi , qi )
und die Differentialgleichungen erster Ordnung (Bewegungsgleichungen)

∂H
ṗi = − ,
∂qi
∂H
q̇i = + .
∂pi

Diese Gleichungen werden gelöst durch die Vorgabe von Anfangswerten bei t = 0

pi (0), qi (0)

Die Vorhersage geschieht durch Einsetzen der Lösung pi (t), qi (t) in die Observable
F
F : F (pi (t), qi (t))
Die klassische Mechanik ist determiniert:
Falls die Bewegungsgleichungen eine Lipschitz-Bedingung erfüllen (Stetigkeit von
H ist nicht ausreichend), ist auch die Lösung pi (t), qi (t) eindeutig durch die An-
fangswerte (auch ,,Cauchy-Daten”) bestimmt und der vorhergesagte Wert von F
ebenfalls eindeutig.

Wir sehen, daß die begriffliche Struktur der Quantenmechanik zwar ebenfalls
über die fundamentalen sechs Begriffe

• Zustand

• Observable

• Messung

• Präparation

• Dynamik

• Vorhersage

verfügt, aber diesen Begriffen solche mathematischen Objekte bzw. Operationen zu-
ordnet, daß eine grundsätzlich andere Theorie resultiert. Die Struktur der Quanten-
mechanik ist viel reichhaltiger. Man muß sich an eine neue Art zu denken gewöhnen,
was umso leichter fällt, je weniger man die begrifflichen Strukturen der klassischen
Mechanik für selbstverständlich akzeptiert.

1.2 Die Zustände und Observablen der Quantenmechanik

In der Quantenmechanik gibt es zwei Arten von Zuständen:

1. reine Zustände

2. gemischte Zustände (Zustandsgemische)


6 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

Wir werden uns zunächst auf die reinen Zustände beschränken. Aus den experi-
mentellen Erfahrungen, speziell dem Doppelspalt-Beugungsexperiment mit Elek-
tronen, weiß man, daß sich Zustände linear superponieren können. Man ist daher
zum Schluß gekommen, daß Zustände als Elemente eines komplexen Vektorraumes
zu beschreiben sind. Ein solcher Vektorraum

V = {φ}

sei gegeben. Er hat folgende Eigenschaften:

1. φ1,2 ∈ V ⇒ φ1 + φ2 ∈ V
Gruppenstruktur bezüglich der Addition
Nullvektor ist neutrales Element
2. φ ∈ V, λ ∈ C ⇒ λφ ∈ V
,,skalare Multiplikation”
Es gelten Distributivgesetze der Addition und Multiplikation,
ferner 0 · φ = N ullvektor

Wichtig für die Quantenmechanik ist, daß dieser Raum V noch ein Skalarprodukt
tragen muß

φ1,2 ∈ V ⇒ (φ1 , φ2 ) ∈ C
a ∈ C : (φ1 , aφ2 ) = a(φ1 , φ2 )
oder : (aφ1 , φ2 ) = a(φ1 , φ2 )
(φ1 , φ2 ) = (φ2 , φ1 )

Die Dimension des Vektorraums ist verschieden, entweder endlich (dann nennen wir
den Raum Cn ) oder unendlich (dann sprechen wir von einem Hilbert-Raum). Das
Skalarprodukt impliziert eine Topologie:

kφk2 = (φ, φ) ≥ 0 (= 0 für den Nullvektor)


kφ1 − φ2 k ist ein Abstand,
{φ; kφ − φ0 k ≤ ε} ist eine Kugel mit Radius ε um φ0

Betrachten wir zwei Beispiele. Der C2 kann als Raum


   
α
C2 = φ = ; α, β ∈ C
β

verstanden werden. Dann ist

(φ2 , φ1 ) = α2 α1 + β2 β1
 
 α1
= α2 , β2 · (Matrixmultiplikation)
β1

Ein anderes Beispiel ist der Raum L2 (R3 ) von quadratintegrablen Funktionen

φ: R3 → C1
Z
(φ1 , φ2 ) = d3 xφ1 (x)φ2 (x)
R3

Solche Vektoren φ heißen auch Wellenfunktionen, während Vektoren aus C2 z. B.


Spinzustände eines Elektrons beschreiben.
1.2 Die Zustände und Observablen der Quantenmechanik 7

Bei unendlich dimensionalen Unterräumen treten typische Schwierigkeiten auf.


Zunächst müssen solche Unterräume vollständig sein, d. h. jede Cauchyfolge muß
gegen einen Grenzwert streben, der dem Raum angehört. Der Raum L2 (R3 ) ist
vollständig in diesem Sinne. Benutzen wir als Basis in L2 (R3 ) eine Folge von ∞-
differenzierbaren Funktionen (wir werden eine solche Basis später kennenlernen),

{φi , i ∈ N}

so erscheinen als Grenzwerte auch Funktionen, die nicht differenzierbar sind. Zwei
verschiedene Funktionen, deren Abstand verschwindet,
Z
2
0 = kφa − φb k = d3 x|φa (x) − φb (x)|2
R3

die sich daher nur auf einer Menge vom Maß null unterscheiden, sind als Vektoren
des L2 (R3 ) als gleich anzusehen bezüglich der Äquivalenz. Vektoren von L2 (R3 )
sind durch Klassen {φ}, |φ1 − φ2 | = 0 charakterisiert. Wir werden später sehen, daß
reine Zustände durch Klassen {φ}, φ1 = eiα φ2 , |φ| = 1, charakterisiert werden.

Wir wollen nun zu den Observablen übergehen. Observable werden duch lineare
selbstadjungierte Operatoren auf den Zustandsräumen dargestellt. Sei φ, ψ ∈ V, α ∈
C. A ist linear, falls

A(φ) ∈ V und
A(φ) + A(ψ) = A(φ + ψ)
A(αφ) = αA(φ)

Die Eigenschaft der Selbstadjungiertheit ist nur bei den Cn einfach, bei den Hilbert-
Räumen aber ziemlich kompliziert. Auf den Cn ist A selbstadjungiert, falls

(φ1 , Aφ2 ) = (Aφ1 , φ2 )

für alle φ1 , φ2 ∈ V. Seien φi , i ∈ {1, 2, 3, . . . , n} eine Basis in Cn . Dann ist


X
Aφi = aji φj
j

und die {aij } bilden die Matrix des Operators bezüglich der Basis {φi }. Diese Matrix
ist hermitesch, falls A selbstadjungiert ist

(φj , Aφi ) = (Aφj , φi ) = (φi , A+ φj )


⇒ aji = aij

Falls der Hilbert-Raum (wie L2 (R3 )) ∞-dimensional ist, unterscheiden sich be-
schränkte von unbeschränkten Operatoren wesentlich:
(
|Aφ| = ∞ unbeschränkt
sup
φ∈V |φ| < ∞ beschränkt

• beschränkt: A ist auf dem ganzen Hilbert-Raum definiert, Selbstadjungiertheit


wie bei endlich-dimensionalen Hilberträumen

• unbeschränkt: A ist auf einem dichten Unterraum definiert. Wir müssen A


abschließen. Dann ist A selbstadjungiert, falls A+ = A.
8 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

Gerade unbeschränkte Operatoren sind aber in der Physik sehr häufig. Sie sind
dann nur auf einem Unterraum definierbar, der im ganzen Raum dicht liegt. L2 (R)
ist der Raum aller meßbaren Funktionen, die quadratintegrabel sind. Als Beispiel
betrachten wir den Operator
d
in L2 (R)
dx
Er ist z. B. definierbar auf dem Unterraum aller differenzierbaren Funktionen aus
L2 (R), deren Ableitung ebenfalls in L2 (R) liegt. Natürlich ist durch partielle Inte-
gration
+∞
Z   +∞
Z
d d
dx φ1 (x) φ2 (x) = − dx φ1 (x)φ2 (x),
dx dx
−∞ −∞

da für quadratintegrable differenzierbare Funktionen notwendigerweise gilt


φ0 ∈ L2 (R), φ ∈ L2 (R)
Rx
2 0 dξφ0 (ξ)φ(ξ) existiert für alle x
= φ2 (x) − φ2 (0)
⇒ lim φ (x) existiert (= φ2 (∞))
2
x→∞
R∞
und 0 dξ|φ2 (ξ)|2 existiert
⇒ φ2 (∞) = 0
⇒ lim φ(x) = 0.
x→±∞

d
Wir sehen, daß ±i dx ein selbstadjungierter unbeschränkter Operator auf L2 (R) ist.

Sei der Hilbert-Raum der quadratintegrablen Funktionen auf dem Einheitskreis


gegeben,
 
 Z2π 
L2 (S1 ) = φ(α), 0 ≤ α ≤ 2π, φ(α) = φ(2π + α), kφk2 = dα|φ(α)|2 < ∞ .
 
0
n o
In diesem Raum ist einα · √12π , n ∈ Z eine Basis. Der Operator −i dα
d
entspricht
auf dieser Basis der diagonalen Matrix ann0 = n · δnn0 , da
 
d inα 1 1
−i e ·√ = n · einα · √
dα 2π 2π
Wieder ist dieser Operator definierbar auf allen Funktionen, deren Ableitung exis-
tiert und selbst quadratintegrabel ist.

Die Observablen eines quantenmechanischen Systems bilden eine Algebra von


Operatoren auf einem Hilbert-Raum (die auf einem hinreichend kleinen, aber im-
mer noch dichten Unterraum definiert ist). Diese Algebra heißt Observablenalgebra.
Allen Operatorenalgebren quantenmechanischer Systeme von Massenpunkten sind
Operatoren
Pi , Qi , i ∈ {1, 2, . . . N }
gemeinsam, die den Vertauschungsrelationen
~
Pi Qj − Qj Pi = Iδij , I : Einheitsoperator
i
genügen. Die Algebra aus Polynomen der Pi , Qj (und des Einheitsoperators) heißt
eine Heisenberg-Algebra. Im allgemeinen bildet die Heisenberg-Algebra eine Unter-
algebra der Observablenalgebra. Diese Pi , Qj entsprechen den (lokalen) Koordinaten
1.3 Die Observablenalgebra des linearen harmonischen Oszillators 9

pi , qj des ,,korrespondierenden” klassischen Systems im ,,Phasenraum” (kanonischer


Formalismus) bezüglich des kartesischen Koordinatensystems in R3n . Dann genügen
diese pi , qj den Poissonklammern

{pi , qj }P oisson = −δij

Die Poissonklammern definieren eine schiefe Form auf der klassischen Observa-
blenalgebra, entsprechend definieren die Vertauschungsrelationen eine schiefe Form
auf der quantenmechanischen Observablenalgrebra. Sei F (P, Q) ein Polynom in den
Pi , Qj , G(P, Q) ebenso. Dann ist der Kommutator

F (P, Q)G(P, Q) − G(P, Q)F (P, Q) = [F, G](P, Q),

der sich aus [Pi , Qj ] = ~i Iδij berechnen läßt. Zunächst seien in F, G die Monome so
geordnet, daß die P s links stehen, die Qs rechts:
Y Y
Pi · Qj
i j

Dann müssen wir zeigen, wie man


 
Y Y Y Y
 Pi · Qj , Pk · Ql 
i j k l

ausrechnet.

1.3 Die Observablenalgebra des linearen harmonischen Os-


zillators

. . . ist eine Heisenberg-Algebra mit N = 1, d. h.


~
P Q − QP = I
i
In dieser Algebra ist das Polynom
1 2 1 2 2
H= P + µω Q
2µ 2
ausgezeichnet. Dies ist der Hamilton-Operator, der, wie wir später sehen werden, die
Dynamik des Systems bestimmt. Wir werden weiter erkennen, daß diesem System
das klassische System mit der Hamiltonfunktion
1 2 1 2 2
H(p, q) = p + µω q
2µ 2
entspricht (µ: Masse, ω: Kreisfrequenz des klassischen linearen harmonischen Oszil-
lators). Wir werden entsprechend P den Impuls- und Q den Ortsoperator nennen.

Wir wollen uns zunächst die Aufgabe stellen, nach einer Hilbert-Raum-Realisierung
der Operatoren P, Q zu suchen. Wir definieren zwei neue Operatoren:
1  µω  12
 
i
a= √ Q+ 1 P
2 ~ (µω~) 2
1  µω  12
 
i
a+ = √ Q− 1 P
2 ~ (µω~) 2
10 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

Sollen in der Hilbert-Raum-Darstellung Q, P selbstadjungiert werden, so muß a+


der adjungierte Operator zu a werden
(a+ φ1 , φ2 ) = (φ1 , aφ2 )
für alle φ1,2 (aus dem Definitionsbereich von P, Q). Wir berechnen
 2 
+ 1 1 P 2 2 i
N =a a = + µω Q − (P Q − QP )
2 ~ω µ 2~
1 1
= H− I
~ω 2
sowie (ohne neue Bezeichnung)
1 1
aa+ = H+ I
~ω 2
Wir bekommen als neue Vertauschungsrelation
1 1
aa+ − a+ a = I+ I
2 2
sowie  
1
H = ~ω N + I
2
Wenn A ein selbstadjungierter Operator ist, so nennen wir α einen Eigenwert, φα
einen Eigenvektor, falls
Aφα = αφα , φα = 6 0
α ist notwendigerweise reell. Wir suchen nach den Eigenvektoren und -werten von
N. Sei angenommen, daß
N φλ = λφλ , φλ 6= 0, z. B. |φλ | = 1
Wir betrachten den Vektor aφλ . Dann ist
N (aφλ ) = (a+ a)aφλ
= (aa+ − I)aφλ
= a[(a+ a) − I]φλ
= a · (λ − 1)φλ
= (λ − 1)aφλ
Also ist aφλ entweder Eigenvektor zum Eigenwert λ − 1 oder der Nullvektor. Ist
kaφλ k =
6 0, so setzen wir
aφλ
φλ−1 =
kaφλ k
und wiederholen danach die Operation. Wenn a+ der adjungierte Operator von a
ist, so ist a+ a = N ein positiver Operator. Für positive Operatoren ist
(φ, Aφ) ≥ 0 für alle φ (aus dem Definitionsbereich)
also ist
kaφλ k2 = (aφλ , aφλ )
= (φλ , a+ aφλ )
= (φλ , N φλ )
= λ(φλ , φλ )
= λ≥0
1.3 Die Observablenalgebra des linearen harmonischen Oszillators 11

Falls λ > 0 ist, muß also auch λ−1 ≥ 0 gelten. Das bedeutet aber, daß irgendeinmal
null erreicht wird, d. h. es gibt ein m ∈ N, so daß λ − m = 0. Es gibt dann ein φ0 ,
so daß

N φ0 = 0 → (φ0 , N φ0 ) = kaφ0 k2 = 0
aφ0 = 0
kφ0 k = 1

Sei φn bis auf eine Phase eiα definiert durch

N φn = nφn
kφn k = 1,

dann ist

N a+ φn = (a+ a)a+ φn
= a+ (a+ a + I)φn
= (n + 1)a+ φn
+
ka φn k = (φn , aa+ φn )
= (n + 1)|φn |2
= n + 1.

Wir definieren daher


a+ φn
φn+1 = √
n+1
und bekommen durch Auflösen der Rekursion
1
φn = √ (a+ )n φ0 .
n!
Da verschiedene φn zu verschiedenen Eigenwerten von N gehören, müssen sie or-
thogonal1 sein. Wir betrachen dann den Hilbert-Raum, der von den {φn , n ∈ N}
aufgespannt wird. Die Operatoren a, a+ haben die Matrixform

aφn = nφn−1
+

a φn = n + 1φn+1

woraus

N φn = nφn ,
 
1
Hφn = ~ω n + φn
2
folgt. Der Hamilton-Operator H hat die Eigenwerte
 
1
En = ~ω n + .
2
1

Aφ1 = λ1 φ1 , Aφ2 = λ2 φ2 ;
(φ2 , Aφ1 ) = λ1 (φ2 , φ1 )
= (Aφ2 , φ1 )
= λ2 (φ2 , φ1 );
(λ1 − λ2 )(φ2 , φ1 ) = 0,
λ1 6= λ2 ⇒ (φ2 , φ1 ) = 0
12 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

Wir wollen anmerken, daß die Operatoren a, a+ ,,Leiter-Operatoren” genannt


werden, da sie die ,,Leiter” der Vektoren φn in auf- oder absteigender Reihenfolge
verknüpfen.

Experimentelle Messungen von Energiedifferenzen an quantenmechanischen Sys-


temen, die als harmonische Oszillatoren angesehen werden, sind im Einklang mit
der Formel
En − Em = (n − m)~ω
Daraus ziehen wir den Schluß:

1. der Hamilton-Operator ist die Beschreibung der Energie-Observablen;


2. befindet sich das System im Zustand φn , so liefert eine Energiemessung den
Wert En + const.

Daß hier eine Konstante auftritt, liegt an der Eigenart von Energiemessungen, nur
Differenzen angeben zu können. Die Energie ist immer (additiv) normierbar. Die so-
genannte ,,Nullpunktsenergie” E0 ist physikalisch bedeutungslos. Wir wollen unsere
Schlüsse komplettieren um den Fall

3. Befindet sich das System im Zustand φ (also nicht notwendigerweise in einem


Eigenzustand von H), so ist mit

X
φ= αi φi , kφk = 1
i=0

X
(φi , φj ) = δij ⇒ |αi |2 = 1
i=0

bei einer Messung immer ein En zu beobachten, aber bei einer unendlichen
Wiederholung am gleichen System ein Mittelwert (Ansatz)

X
E = |αn |2 En
n=0
= (φ, Hφ).

Die Koeffizienten αn spielen also die Rollen von ,,Wahrscheinlichkeitsampli-


tuden”
X∞
wn = |αn |2 , wn = 1.
n=0
2
Um φ zu bestimmen, liefern die |αn | nicht die komplette Information.

1.4 Die statistischen Ensembles der Quantenmechanik

In der Thermodynamik und ihrer statistischen Begründung treten uns in der Physik
zum ersten Mal Wahrscheinlichkeitsaussagen entgegen. Sei ein reales Gas in einem
Kasten eingeschlossen und energetisch abgeschlossen. Dann gibt es nur wenige Ma-
krovariable, wie Druck und innere Energie, die dieses System im thermodynami-
schen Sinne charakterisieren. Eine komplette Bestimmung des Mikrozustands, d. h.
1.4 Die statistischen Ensembles der Quantenmechanik 13

aller kanonischer Variablen pi , qi , ist unmöglich. Stattdessen macht man eine Wahr-
scheinlichkeitsannahme über die Verteilung im Raum der pi , qi , dem Zustandsraum.
Dabei stellt man sich sehr viele gleiche Systeme nebeneinander im gleichen Makro-
zustand vor. Diese Gesamtheit der Systeme heißt Schar oder Ensemble, und über
sie wird gemittelt. Ich wiederhole: Die Schar oder das Ensemble besteht nicht aus
den Molekülen des Gases, sondern aus gleichartigen Kopien des gesamten Gases
mit gleichartigen Wänden. Bei gleichem Makrozustand befindet sich das erste im
Mikrozustand {pi , qi }1 , das nächste im Mikrozustand {pi , qi }2 etc. Messen wir nun
eine Observable an jedem System des Ensembles, so kommt als Ensemblemittelwert

N
1 X
hF i = F ({pi , qi }k )
N
k=1

heraus. Wenn man eine Vorstellung davon hat, daß die Mikrozustände mit einer
Wahrscheinlichkeitsverteilung w({pi , qi }) im Ensemble auftreten, so wird auch

Z
hF i = dpi dqi w({pi , qi })F ({pi , qi }),
Z
(1 = dpi dqi w({pi , qi })).

Die statistische Interpretation der Quantenmechanik macht von ähnlichen En-


sembles Gebrauch. Zunächst stellen wir jedoch fest, daß die Wahrscheinlichkeits-
aussagen der Quantenmechanik nicht durch fehlende Information über den Zustand
(Makrozustand gegenüber dem Mikrozustand) heraufbeschworen werden. Sei et-
wa ein harmonischer Oszillator gegeben. Sein Zustand sei φ. Dann gibt es keine
Möglichkeit, mehr Informationen über den Zustand zu bekommen. φ ist die maxi-
male Information. Dennoch denken wir uns nun als quantenmechanisches Ensemble
N (→ ∞) gleiche harmonische Oszillatoren alle im Zustand φ gegeben und Messun-
gen der Energie, z. B. E − E0 , ausgeführt. Die relative Häufigkeit der Meßergebnisse
En − E0 ist dann wn mit

wn = |(φn , φ)|2

und dem Mittelwert (Erwartungswert)

X
hE − E0 i = wn (En − E0 ) = (φ, (H − E0 I)φ)
n

wobei En der zu φn gehörende Eigenwert des Hamilton-Operators ist.

Seien {φn } weiterhin die Eigenvektoren des Hamilton-Operators. Wir definie-


ren den Projektionsoperator Pfn als den (selbstadjungierten) Operator, der auf den
Zustand φn orthogonal projiziert: φ beliebig

P
fn φn = αn φn ,
αn = (φn , φ).
14 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

In der Basis der {φn } ist P


fn die Matrix
 
 0 0 0 
 
 
 
 ←n
 0 1 0 

 
 
 0 0 0 


n

Sie ist diagonal mit Eigenwert 1 bei φn und Eigenwerten 0 sonst. Diese Operatoren
{P
fn } erfüllen die Relationen

P
fn Pf
m = Pm Pn = δnm Pn
ff f

Man kann zu jedem Vektor φ (|φ| = 1) einen Projektionsoperator P


fφ konstruieren:
(
Pfφ ψ = αφ
für alle ψ
α = (φ, ψ)

Diese Projektionsoperatoren P
fn sind offenbar ebenfalls Observable. Denn wn läßt
sich umschreiben als

wn = |(φn , φ)|2
= (φ, P
fn φ)

Nun war aber der Mittelwert der Energie im Zustand φ gegeben durch

X
E = wn En
n=0
= (φ, Hφ).

Also ist wn der Mittelwert (synonym: Erwartungswert) der Observablen P


fn . Be-
stimmung von wn bedeutet eine Messung der Observablen Pn !
f

Die bisherigen Projektionsoperatoren projizieren orthogonal auf eindimensionale


Unterräume
Sp P
fn = Sp P
fφ = 1. (Sp = Spur)
Weiterhin gilt für sie
2
Pfφ = Pfφ , denn
P
fφ (P
fφ ψ) = P
fφ αφ
= αφ
= P
fφ ψ

und für die Spur SpA bei endlich-dimensionalen Räumen, wenn man A in einer
Basis als Matrix {Aij } schreibt
X
SpA = Aii
i
1.4 Die statistischen Ensembles der Quantenmechanik 15

Für unendlich-dimensionale Räume ist SpA nicht immer definiert. Man kann natürlich
auf beliebige endliche oder unendliche (dann abgeschlossene) Unterräume orthogo-
nal projizieren. V sei ein solcher Unterraum,

P
fV , dim V = SpP
fV (kann ∞ sein)
2 +
P
fV = P
fV , P
fV = P
fV

Projektionsoperatoren sind natürlich beschränkt. An der Bildung der Erwartungs-


werte
hAi = (φ, Aφ)
erkennen wir, daß jeder Zustand φ mit einem Phasenfaktor eiα , α ∈ R (fest) multi-
pliziert werden kann, ohne daß die physikalischen Meßwerte geändert werden, d. h.
als Beschreibung eines reinen Zustands sind φ und eiα ·φ gleichwertig. Wir erkennen,
daß ein Zustand durch eine Klasse von Vektoren charakteristiert wird

reiner Zustand ←→ eiα · φ, α ∈ R ,,Strahl”




Diese Vieldeutigkeit der Phase verschwindet, wenn wir als Beschreibung eines Zu-
stands nicht einen Vektor φ, sondern den Projektionsoperator

P
fφ = P]
eiα φ

heranziehen. Dann ist


hAi = (φ, Aφ) = Sp(P
fφ A).

In der Quantenmechanik gibt es, ähnlich wie in der klassischen statistischen


Mechanik, unvollständig bestimmte Zustände. Zwei Fälle sind typisch. Im ersten
haben wir ein System, z. B. unseren linearen Oszillator, in Kontakt mit einem
Wärmebad. Nachdem der Kontakt mit dem Wärmebad hergestellt ist, macht die
mangelnde Kenntnis dieses (makroskopischen) Systems fast jede Kenntnis des Oszil-
latorzustandes zunichte. Wir haben jedoch eine gewisse experimentell verifizierbare
Information. Die Energieverteilung des Oszillators sollte die Boltzmann-Verteilung
sein. Sei T die Temperatur des Bades und

X En
Z= e− kT , (k: Boltzmann-Konstante)
n=0

(Z ist eine Normierungskonstante). Dann ist die Wahrscheinlichkeit, den Oszillator


im Zustand φn zu finden
1 − En
wn = · e kT . (Boltzmann-Verteilung)
Z
Hieraus können wir keinen reinen Zustand

X
φ= αn φn , mit |αn |2 = wn
n=0

bilden, denn die wn reichen zur Bestimmung der Phasen von {αn } nicht aus. Der
Kontakt mit dem Wärmebad zerstört die Phasenkorrelation der αn (dies ist ei-
ne mögliche Sprechweise). Wir haben es mit einem Zustandsgemisch zu tun. Wir
beschreiben es durch den Operator

X
%(T ) = wn P
fn , hAi = Sp(%(T )A),
n=0
16 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

den ,,statistischen Operator”. Eine andere Formulierung benutzt die ,,Spektraldar-


stellung des Hamilton-Operators”

X
H = En P
fn
n=0

H
X En
e− kT = e− kT · P
fn
n=0
( H
1 − kT
%(T ) = 
Ze 
H
Z = Sp e− kT

In dieser Formel erscheint der statistische Operator für alle Systeme mit Hamilton-
Operator H im Wärmekontakt mit einem Bad der Temperatur T . Der Zustand heißt
auch ,,Gibbs-Zustand”.

Ein anderer typischer Fall, bei dem wir eine unvollständige Information über
einen Zustand besitzen, entsteht durch unvollständige Messungen. Wir wollen hier
nur andeuten, wie solch unvollständige Information zustande kommt. Gegeben sei
ein H-Atom, von dem wir wissen, daß vier Quantenzahlen n, l, m, sz zur Festlegung
eines Energiezustands erforderlich sind. Angenommen, wir bestimmen nur n. Nach
der Messung wird man eine Gleichverteilung über die freien Quantenzahlen l, m, sz
annehmen. Wir werden später sehen, daß durch n ein Unterraum der Dimension
2n2 fixiert wird. Dann setzt man
1 f fn = 2n2
%= Pn , SpP
2n2

Der Mangel an Information, der in einem Zustandsgemisch vorliegt, heißt Entropie.


Man berechnet ihn aus

S = −Sp % ln %
% = statistischer Operator

Für einen reinen Zustand ist

% ln % = Nulloperator
S = 0

Für einen Gibbs-Zustand ist S die thermodynamische Entropie (genauer S · k, k:


Boltzmann-Konstante). Für obigen Zustand des H-Atoms ist

S = ln(2n2 )

Die quantenmechanische Gesamtheit für ein Zustandgemisch ist identisch die-


selbe, wie für einen reinen Zustand: Das komplette System (inklusive Wärmebad,
falls vorhanden) ist N mal zu wiederholen. Dann ist an jedem System die Mes-
sung durchzuführen. Wir wiederholen noch einmal die Eigenschaft des statistischen
Operators

% = %+ , % ≥ 0, (nichtnegative Eigenwerte)
Sp % = 1,
hAi = Sp(%A)
1.4 Die statistischen Ensembles der Quantenmechanik 17

 

 
Quelle

 

 

Abbildung 1: Blende mit Doppelspalt


18 1 DIE BEGRIFFLICHE STRUKTUR DER QUANTENMECHANIK

Wir wollen uns nun einmal ein typisches Experiment ansehen: die Beugung von
Elektronen am Doppelspalt. Ein ohne äußere Einwirkung sich fortbewegendes Elek-
tron wird quantenmechanisch durch eine ebene Welle beschrieben. Diese ebene Welle
wird am Doppelspalt gebeugt. Beide sich vom Spalt entwickelnden Wellen werden
überlagert, und die Wahrscheinlichkeit, ein Elektron auf dem Schirm (im Zähler)
zu finden, ist
|ψ1 + ψ2 |2 (x)
Es entsteht das bekannte Interferenzbild.

Die quantenmechanische Gesamtheit besteht aus einer N -maligen Wiederholung


(N → ∞) des gleichen Experiments mit einem Elektron. Ist es erlaubt, ein Experi-
ment mit einem Elektronenstrahl zu machen, wie es die Experimentalphysiker tun?
Bei einem Strahl mit großem Teilchenfluß tritt mit Sicherheit eine gegenseitige Be-
einflussung der Elektronen auf. Dann wird das Ergebnis verfälscht. Wenn wir den
Strahl aber immer dünner machen, das heißt die Elektronen mit zeitlichem Abstand
einzeln austreten lassen, so werden wir die quantenmechanische Gesamtheit aus Ex-
perimenten an einzelnen (unabhängigen) Elektronen immer besser approximieren.

Ähnlich ist die Untersuchung des Spektrums von Atomen zu interpretieren. Die
quantenmechanischen Prinzipien schreiben wiederholte Messungen am einzelnen
Atom vor. Der Experimentator benutzt dagegen oft genug ein Gas. Das ist wieder
nur bei einem stark verdünnten Gas zu rechtfertigen. Es ist übrigens bemerkens-
wert, daß mit modernen Techniken auch Untersuchungen des einzelnen Elektrons
bzw. Atoms möglich sind. Die quantenmechanischen Gesamtheiten sind damit auch
exakt realisierbar.

1.5 Die Präparation von Zuständen

Wir kehren zum linearen Oszillator zurück. Nachdem wir eine Messung der Energie
durchgeführt haben, bei der wir En gefunden haben, befindet sich das System im
Zustand φn . Wir wollen uns diese Aussage genauer ansehen. Wenn wir durch Mes-
sungen an einem klassischen mechanischen System den Zustand {pi , qi } festgestellt
haben, so bedeutet dies, daß eine unmittelbar darauf folgende erneute Messung
diesen Zustand bestätigt. Zwar wird die Dynamik, der das System unterliegt, die-
sen Zustand langsam verändern, aber in stetiger Weise. Diese Vorstellung ist so
elementar, daß wir sie in die Quantenmechanik übernehmen. Wir betrachten also
eine einzelne Messung (der Energie), die uns den Wert En liefert, und wiederholen
darauf die gleiche Messung am gleichen System.
1. Messung Wiederholung
φ −−−−−−−→ φn −−−−−−−−−→ φn

Führen wir die erste Messung an einer Gesamtheit aus, so ist φn mit der Wahr-
scheinlichkeit
wn = |(φn , φ)|2
vertreten. Führe ich dann an einer Gesamtheit, die sich im Zustand φn befindet,
die Wiederholungsmessung durch, so erscheint φm mit der Wahrscheinlichkeit

wm = |(φm , φn )| = δmn ,

d. h. mit Sicherheit geht φn in φn über. Damit ist die Konsistenz unserer Annahme
gezeigt.
19

Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit der ersten Messung zu. Die Änderung
des Zustandes φ in φn ist radikal und läßt sich nicht durch ,,vorsichtigeres” Expe-
rimentieren kleiner machen. Diese Wirkung einer Messung wird auch ,,Reduktion”
eines Zustandes genannt.

Wir wollen hiermit die Diskussion der Interpretation der Quantenmechanik ab-
brechen. Wir werden sie später noch einmal aufnehmen, wenn wir mehr Systeme
kennengelernt haben.

2 Koordinaten- und Impulsmessungen

2.1 Die Schrödinger-Realisierung der Heisenberg-Algebra

Wir betrachten die Heisenberg-Algebra


~
Pi Qj − Qj pi = Iδij ; i, j ∈ {1, 2, . . . , N }.
i
Offensichtlich können wir diese Algebra auf folgende Weise realisieren: Wir wählen
den Hilbert-Raum L2 (RN ) und dann den Unterraum S(RN ) von ∞-differenzierbaren
und stark abfallenden Funktionen, d. h.
lim kxkkRN Df (x) = 0 ∀k ∈ N und f ∈ S(RN ), D irgendeine Differentiaition
kxk→∞

dann kann man für f (x) ∈ S definieren


(
Qi f (x) = xi f (x)

Pi f (x) = + ~i ∂x i
f (x).

Dann ist die Heisenberg-Algebra erfüllt. Jedes Polynom den Pi , Qi ist damit defi-
niert, und das Ergebnis liegt im L2 (RN ). Das ist die Schrödinger-Realisierung der
Heisenberg-Algebra. Man kann sogar zeigen, daß diese Realisierung ,,bis auf Äqui-
valenz” die einzige ist. Solch eine äquivalente bekommen wir auf folgende Weise:
Wir betrachten wieder das Paar von Räumen L2 (RN ) ⊃ S(RN ) und bezeichnen
Elemente mit g(k). Dann definieren wir
(
Qi g(k) = − 1i ∂k

i
g(k),
Pi g(k) = ~ki g(k).

Zwischen beiden Realisierungen besteht nun ein Zusammenhang. Wenn wir für f ∈
S(RN ) definieren
Z
N
g(k) := (2π)− 2 dx e−ikx f (x), dx = dx1 dx2 dx3 . . . dxN

so ist g ∈ S(RN ). (Es wird durch diese Fouriertransformation S(RN ) auf S(RN )
eineindeutig abgebildet.) Wir schreiben g = F(f ). Ferner ist (Parseval’sche Glei-
chung)
|g|2 = |f |2
so daß F fortgesetzt werden kann zu einer eineindeutigen Abbildung der beiden
Hilbert-Räume. F kann umgekehrt werden:
Z
−1 −N
F : f (x) = (2π) 2 dk e+ikx g(k)
20 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Ferner ist

Qi g = F(Qi f ),
Pi g = F(Pi f ).

und die Umkehrung gilt natürlich auch. Diese Relationen bilden den Inhalt dessen,
was wir unter Äquivalenz verstehen wollen.

Wir wollen nun zum linearen harmonischen Oszillator (N = 1) zurückkehren


und die ,,Koordinatenrealisierung” benutzen

f ∈ S(R) ⊂ L2 (R)
Qf (x) = xf (x)
~ d
P f (x) = + f (x).
i dx
Damit ist der Hamiltonoperator
2
   
1 2 d 1 2 2
Hf (x) = −~ + µω x f (x)
2µ dx2 2
Wir haben also eine Realisierung der Zustände φ durch Funktionen f (x), die wir
Wellenfunktionen im Koordinatenraum nennen wollen. Wie sieht dann die Basis der
φn aus, speziell der Grundzustand φ0 ? Offensichtlich ist
" 1 #
1  µω  12

~ 2 d
a −→ √ ·x+ ,
2 ~ µω dx
" 1 #
1  µω  12

+ ~ 2 d
a −→ √ ·x− .
2 ~ µω dx

Da aφ0 = 0 den Grundzustand definiert, erwarten wir φ0 → f0 (x) mit


" 1 #
1  µω  12

~ 2 d
√ ·x+ f0 (x) = 0.
2 ~ µω dx

Wir führen eine neue Koordinate ξ ein:


 µω  12
ξ = x,
~
f0 (x) = fe0 (ξ),
 
d
ξ+ fe0 (ξ) = 0,

1 2
fe0 (ξ) = C · e− 2 ·ξ

Wir bestimmen C aus der Normierungsbedingung (bis auf eine Phase):


+∞
Z
! 2
1 = |f0 | = dx |f0 (x)|2
−∞
 +∞
 12 Z
~ 2
= dξ e−ξ |C|2
µω
−∞
 12


~
= π |C|2 .
µω
2.1 Die Schrödinger-Realisierung der Heisenberg-Algebra 21

Dann setzen wir  µω  14


C=
π~
Damit sind alle Eigenfunktionen von H auch festgelegt

φn −→ fn (x) = ffn (ξ)


  n
1 1 d 1 2
ff
n (ξ) = √ √ ξ− C · e− 2 ξ ;
n! 2 dξ
Was kommt dabei explizit heraus? Zunächst haben wir
 
d 1 2 1 2
ξ− e− 2 ξ = 2ξe− 2 ξ ,

 2
d 1 2  1 2
ξ− e− 2 ξ = 4ξ 2 − 2 e− 2 ξ

und
 
1 2 d h − 1 ξ2 i
D1 f : e2ξ ξ− e 2 f (ξ) = 2ξf (ξ) − f 0 (ξ)

 
2 d h −ξ2 i
D2 f : eξ − e f (ξ) = 2ξf (ξ) − f 0 (ξ)

=⇒ D1 = D2 (die Differential-Operatoren sind gleich)
und wir erkennen, daß
 n
1 2 d 1 2
e2ξ ξ− e− 2 ξ = pn (ξ)

Polynome n-ten Grades sind. Sie haben die Eigenschaft, daß
Z∞
2
dξ e−ξ pn (ξ)pm (ξ) = 0 für n 6= m
−∞

sowie
Z∞
2 2n n!  µω  12 √
dξ e−ξ pn (ξ)2 = = 2n n! π.
C2 ~
−∞

nach Konstruktion. Weiterhin gilt das Korollar


 n
1 2 d 1 2
pn (ξ) = e 2 ξ
ξ− e− 2 ξ · I

= D1n · I = D2n · I
 n
2 d 2
= eξ − e−ξ · I

∞ n
−t2 +2tx
X t
Fx (t) = e = Qn (x)
n=0
n!
 n
d 2

Qn (x) = e−t +2tx

dt t=0
 n
2 d
2
= ex e−(t−x)
dt t=0
 
2 d 2
= ex − e−x = pn (x)
dx
22 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Sei w(ξ) eine stetige nichtnegative reelle Funktion. Die Forderungen

Zb
dξ w(ξ)fn (ξ)fm (ξ) = hn δnm
a

erlauben es, rekursiv reelle Polynome fn (ξ) vom Grad n bis auf ein Vorzeichen ein-
deutig zu bestimmen. Die entstehenden Polynome heißen Orthogonale Polynome:
Sie sind bis auf ein Vorzeichen bestimmt und in Tabellenwerken für viele Fälle
aufgelistet. Wir benutzen [A.+St.] (Kap. 22) Für
2
w(ξ) = e−ξ ,
−a = b = ∞,

hn = 2n n! π

finden wir dort die Hermiteschen Polynome

pn (ξ) = Hn (ξ).

Sie genügen der Differentialgleichung

Hn00 (ξ) − 2ξHn0 (ξ) + 2nHn (ξ) = 0.

Diese Gleichung erhalten wir direkt auf folgende Weise: Die Eigenwertgleichung für
den Hamilton-Operator lautet
 
1 f
Hfn (x) = ~ω n + fn (ξ).
2

Nun betrachen wir den Ansatz


C 1 2
n (ξ) = √
ff Hn (ξ)e− 2 ξ .
n
2 n!
Damit ergibt sich die gesuchte Gleichung

−Hn00 (ξ) + 2ξHn0 (ξ) + Hn (ξ) = (2n + 1)Hn (ξ).

2.2 Impuls- und Koordinaten-Operatoren für ein Teilchen

Aus der bsiherigen Diskussion können wir die allgemeine Lehre ziehen, daß für ein
Teilchen im R3 eine mögliche Realisierung des Koordinaten- bzw. Impuls-Operators
in kartesischen Koordinaten
(
Qi ψ(x) = xi ψ(x)

i ∈ {1, 2, 3}
Pi ψ(x) = ~i ∂x i
ψ(x)

ist. Wir betrachen zunächst die drei Komponenten des Impuls-Operators. Nach dem
jetzt festgelegten Schema fragen wir nach den Eigenwerten und Eigenfunktionen
dieser Operatoren. Wir beginnen mit dem Impuls-Operator.

Eigenfunktion ist offensichtlich die ebene Welle (und zwar gleichzeitig für alle
drei Komponenten).
~ ∂ i~k·~x ~
e = ~ki eik·~x
i ∂xi
2.2 Impuls- und Koordinaten-Operatoren für ein Teilchen 23

Bezeichnen wir den Eigenwert aller drei Komponenten als Vektor, so ist

p~ = ~~k.

Die ebene Welle ist gemeinsame Eigenfunktion aller drei Impuls-Operatoren. Wir
kommen gleich darauf zurück. Die Relation

p~ = ~~k.

ist überall im Bereich der Quantenphysik bestätigt, und zwar zuerst durch Beu-
gungsmessungen. Der Impuls eines Elektrons ist eine mechanische Größe, die ein
klassisches Gegenstück hat. Man erwartet, daß ein Elektron beim Durchfallen der
Spannung U den Impuls
1
|~
p| = (2meU ) 2
gewinnt. Ein anschließendes Beugungsexperiment gestattet, die Wellenlänge λ zu
bestimmen. Dann ist
2π 1 1
|~k| = = (2meU ) 2
λ ~
Wir haben oben gesagt, daß die Ortsrealisierung einen Hilbert-Raum L2 (R3 ) be-
nutzt. Zur Definition des Operators Pi wurde dann der Unterraum S(R3 ) eingeführt.

L2 (R3 ) ⊃ S(R3 )

(dem auch die Basis {fn (x)} des harmonischen Oszillators im Falle N = 1 angehört).
Jetzt ist ein neues Problem mit dem unbeschränkten Operator
~ ∂
i ∂xi
aufgetaucht:

1. das Spektrum der Eigenwerte pi ist kontinuierlich: −∞ < pi < +∞,


2. Eigenfunktionen sind nicht mehr zum Hilbert-Raum gehörig, da sie nicht qua-
dratintegrabel sind; Z
~ 2

d3 x eik·~x = ∞

Um die Situation zu klären, benötigen wir den Begriff des linearen Funktionals
auf Vektorräumen. Da wir nur Vektorräume mit Topologie betrachten, können wir
Stetigkeit des linearen Funktionals fordern: F stetiges lineares Funktional auf V
bedeutet F : V −→ C eine Abbildung:

(F, φ) ∈ C

die linear in φ ist

(F, (α1 φ1 + α2 φ2 )) = α1 (F, φ1 ) + α2 (F, φ2 )

und stetig in der Topologie von V. Ist V ein Hilbert-Raum, so ist die Topologie
immer durch die Länge k k definiert. In diesem Fall gilt der Satz von Riesz: zu
jedem stetigen linearen Funktional F auf einem Hilbertraum H gibt es einen Vektor
ψ ∈ H, so daß
(F, φ) = (ψ, φ) 2
2 Die Schreibweise (F, φ) bedutet eine Erweiterung der Bezeichnung für das Skalarprodukt

(ψ, φ), falls φ einem Hilbert-Raum angehört.


24 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

wobei rechts das Skalarprodukt gemeint ist.

Lineare stetige Funktionale bilden einen Vektorraum, den dualen Raum. Das
Riesz’sche Theorem sagt aus, daß der duale Raum eines Hilbert-Raums mit dem
Hilbert-Raum identifiziert werden kann. Falls wir φ auf einen Unterraum V des
Hilbert-Raums einschränken, so bilden die stetigen linearen Funktionale einen ,,Über-
raum” V 0
V0 ⊃ H ⊃ V
Für die Zwecke der Quantenmechanik ist V in der Regel ein ,,abzählbar normierter
Raum” (wie S(R3 )) oder ein Hilbert-Raum . Für diese Räume gilt ,,Reziprozität”

(V 0 )0 = V

oder

F ∈ V0 , φ∈V
(F, φ) = (φ, F )

d. h. die linearen stetigen Funktionale auf V 0 sind die ursprünglichen Elemente φ


aus V. Ein simples Beispiel:

H = L2 (h0, 1i)
Z1
(φ1 , φ2 ) = dx φ1 (x)φ2 (x)
0
 
V = φ(x), stetig, 0 ≤ x ≤ 1, kφksup = sup |φ(x)|
0≤x≤1

= C(h0, 1i) ⊂ L2 (h0, 1i)

Dann enthält V 0 die Delta-Funktion, denn

Z1
(δx0 , φ) = δ(x − x0 )φ(x) = φ(x0 ) (0 ≤ x0 ≤ 1)
0

ist eine stetige lineare Abbildung von C(h0, 1i) in C, denn

φn → φ heißt: sup |φn (x) − φ(x)| −→ 0


0≤x≤1
φn (x) −→ φ(x) gleichmäßig,

also speziell
(δx0 , φn ) = φn (x0 ) −→ φ(x0 ) = (δx0 , φ)
Wir betrachten entsprechend

S 0 (R3 ) ⊃ L2 (R3 ) ⊃ S(R3 )

Die linearen Funktionale aus S 0 enthalten singuläre Funktionen, die im Unendlichen


wie Polynome beschränkt sind und lokal höchstens so singulär sind, wie eine endliche
Ableitung der Delta-Funktion. Sie heißen temperierte Distributionen.

Die Eigenfunktionen
~
eik·~x
2.2 Impuls- und Koordinaten-Operatoren für ein Teilchen 25

sind offenbar in S 0 (R3 ) enthalten (sie sind beschränkt durch eins und unendlich oft
differenzierbar). Die Operation der Adjunktion

A − 7 → A+
(φ1 , Aφ2 ) = (A+ φ1 , φ2 )

läßt sich formal auf lineare Funktionale ausdehnen. Beispiel:


d
A 7→
dx
φ1 7→ F = δ(x − x0 )
φ2 7 → ,,Testfunktion” g(x) ∈ S(R)

+∞
Z
0 d
g (x0 ) = dx δ(x − x0 ) g(x)
dx
−∞
+∞
Z  
def d
= − dx δ(x − x0 ) g(x)
dx
−∞

Allgemein, falls A : S(R3 ) → S(R3 ) stetig

(F, Aφ) = (A+ F, φ)


F ∈ S 0 (R3 ) , φ ∈ S(R3 )

Bei selbstadjungierten Operatoren A+ = A lassen sich Eigenfunktionale (anstelle


von Eigenfunktionen = Eigenvektoren) definieren:

AF = λF, λ reell

heißt
(F, Aφ) = λ(F, φ) für alle φ ∈ S(R3 )
Für den Impulsoperator Pi und g ∈ S(R3 ) ergibt sich speziell
Z
~
d3 x e−ik·~x Pi g(x)
Z
~ ~ ∂
= d3 x e−ik·~x g(x)
i ∂xi
Z  
~ ∂ −i~k·~x
= − d3 x e g(x)
i ∂xi
Z
~
= ~ki d3 x e−ik·~x g(x).

~
Schluß: e−ik·~x ∈ S 0 (R3 ) ist gemeinsames Eigenfunktional aller drei Komponenten
Pi des Impulsoperators.

Die Eigenfunktionale (= Eigendistributionen = verallgemeinerte Eigenfunktio-


~
nen) eik·~x besitzen zwar keine Hilbert-Raum-Norm, sind aber dennoch normierbar
,,auf Delta-Funktionen”: Mit
3 ~
ϕ~k (x) = (2π)− 2 eik·~x

wird Z
d3 x ϕ~k1 (x)ϕ~k2 (x) = δ(~k1 − ~k2 )
26 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Dies ist die Verallgemeinerung von


Z
d3 x fn (x)fm (x) = δmn


beim harmonischen
n o Oszillator mit der Energie-Basis {fn }n=0 . Wir wollen daher die
ϕ~k (x), ~k ∈ R3 eine verallgemeinerte Basis nennen.

Als nächstes interpretieren wir die Messung von Observablen mit kontinuierli-
chem Spektrum am Beispiel des Impulses. Sei in der Koordinaten-Realisierung ein
Zustand ψ(x) gegeben. Z
kψk2 = d3 x |ψ(x)|2 = 1

Führen wir eine Impulsmessung aus, die so geartet ist, daß das Gerät ein endliches
Volumen V im Impulsraum V ∈ R3 diskriminiert, so ist die Wahrscheinlichkeit,
einen Impuls p~ aus V zu finden
Z
Wψ (V ) = d3 k |(ϕ~k , ψ)|2
~~
k∈V
=: (ψ, PV ψ)

PV : Projektion auf ~~k ∈ V ist definiert durch das angegebene Integral. PV ist eine
Observable, Wψ (V ) ein ganz gewöhnlicher Erwartungswert. Natürlich ist

Wψ (R3 ) = 1

denn Z
d3 k ϕ~k (x)ϕ~k (y) = δ(x − y)
R3

also
Z Z Z Z   
d3 k |(ϕ~k , ψ)|2 = d3 x d3 y d3 k ϕ~k (x)ψ(x) ϕ~k (y)ψ(y)
R3
Z Z
3
= d x d3 y ψ(x)ψ(y)δ(x − y)

= kψk2 = 1

Also definiert die ,,Projektion” von ψ auf ϕ~k eine Wahrscheinlichkeitsamplitude, ihr
Betragsquadrat
|(ϕ~k , ψ)|2
eine Wahrscheinlichkeitsdichte im ~k-Raum. Wir kehren zurück zur k-Realisierung
aus 2.1, S. 19, die mit der Koordinaten-Realisierung verknüpft ist durch
Z
3 ~
g(k) = (2π)− 2 d3 x e−ik·~x ψ(x)

= (ϕ~k , ψ)

Die Impuls-Realisierung des Vektors ψ (der Wellenfunktion ψ(x)) ist identisch mit
der Wahrscheinlichkeitsamplitude für eine ~k- (bzw. p~-) Messung am Zustand ψ.
Dies ist wieder in voller Analogie zum Fall des diskreten Spektrums des Hamilton-
Operators für den linearen harmonischen Oszillator. Denn bezüglich der Basis {φn }
sind die
{αn , αn = (φn , φ)}
2.3 Freies Teilchen in einem Kasten 27

die Realisierung des Vektors φ. Andererseits ist

|αn |2 = wn

die Wahrscheinlichkeit für das Auffinden des Eiongenwerts En im Zustand φ. Falls


wir die Eigenfunktionale ϕ~k des Impuls-Operators in k-Realisierung umschreiben,
so erhalten wir (~k0 : Eigenwert)
Z
~ − 32 ~
ϕ̂~k0 (k) = (2π) d3 x e−ik·~x ϕ~k0 (x)

= δ(~k − ~k0 )

wobei also die Distributionseigenschaft der Eigendistribution besonders deutlich


wird (siehe auch A.1 S. 245).

Der Koordinaten- oder Orts-Operator ist vollständig analog zum Impuls-Operator


zu behandeln. Wir fassen dieses Abschnitts in folgender Tabelle zusammen:

Observable Eigenwert Eigenfunktion Eigenfunktion Meßmethoden


x-Realisierung k-Realisierung
3
Pi ~κi (2π)− 2 ei~κ·~x δ(~k − ~κ) Laufzeitverfahren,
Ablenkung im
elektromag.
Feld
~ 3 ~
Qi ξi δ(~x − ξ) (2π)− 2 eiξ·~x lichtoptisch,
elektronenop-
tisch, lokalisier-
te Ionisation
(Blasenkammer
etc.)

Wir haben auch ein paar Methoden aufgelistet, mit denen Impulse oder Koordi-
naten gemessen werden. Dazu ist zu bemerken, daß im kontinuierlichen Spektrum
grundsätzlich keine Messung möglich ist, die einen exakten Impuls-Eigenzustand
liefert. Denn diesem würde ja ein Funktional entsprechen und nicht ein Vektor
des Hilbert-Raumes, wie wir fordern müssen. Das bedeutet, daß es experimen-
tell unmöglich ist, ein Meßgerät mit diesen Eigenschaften zu bauen. Die Situation
ändert sich grundsätzlich, wenn es gelingt, die zu beobachtenden Teilchen in einem
beschränkten Raumgebiet V einzusperren (z. B. ,,magnetische Flasche”, endliches
Metallstück, allgemein: ,,Kasten”). Dann wird das Impuls-Spektrum diskret.

2.3 Freies Teilchen in einem Kasten

Wir wollen ein Teilchen in einem Kasten betrachten, der eine quaderförmige Gestalt
hat:
−li ≤ xi ≤ +li , i ∈ {1, 2, 3}
Wir wollen den Impuls-Operator in Koordinaten-Realisierung verwenden. Ist er von

der Form Pi → ~i ∂x i
? Wir betrachten zuerst den eindimensionalen Fall

Z+l
~ d
(ψ1 , P ψ2 ) = dx ψ1 (x) ψ2 (x)
i dx
−l
28 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Partielle Integration ergibt

~ +l Z+l ~ d
= ψ1 (x)ψ2 (x) + dx ψ1 (x) · ψ2 (x)

i −l i dx
−l

d
Damit ~i dx selbstadjungiert ist, muß der ausintegrierte Bestandteil verschwinden.
Das ist ein notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Wir können das Ver-
schwinden von +l
ψ1 (x)ψ2 (x)

−l

auf verschiedene Weise erreichen.

1. ψ1,2 (−l) = ψ1,2 (+l), entsprechend für alle Wellenfunktionen. Das sind periodische
Randbedingungen. Mit ihnen ist besonders bequem zu rechnen. Experimentell
sind diese Randbedingungen nur durch eine besondere geometrische Konfigu-
ration zu erreichen (Ring, Zylinder).
2. ψ(x) = 0 für x = ±l. Diese Bedingungen sind physikalisch durch ein unend-
lich hohes abstoßendes Potential am Rand zu realisieren3 . Wenn der Operator
~ d
i dx selbstadjungiert ist, muß er sich diagonalisieren lassen. Sei fp (x) Eigen-
funktion:
~ d
fp (x) = pfp (x)
i dx
Diese Gleichung liefert nach Integration
p
fp (x) = C · ei ~ x
p
fp (±l) = C · e±i ~ l = 0,

was C = 0 impliziert.

~ d
Im Dirichletschen Fall besitzt der Operator i dx keine Eigenfunktion, er ist nicht
selbstadjungiert. Anders im peridischen Fall:
p p
ei ~ l = e−i ~ l
p 1
= π · · n, n∈Z
~ l
In diesem Fall haben wir also ein diskretes Impuls-Spektrum. Wir haben gleichzeitig
eine Basis von Eigenfunktionen erhalten
 
1 x
√ e2πi 2l n ; n ∈ Z
2l
Tatsächlich existiert im Dirichletschen Fall der Impuls-Operator nicht. Das hat einen
tiefen Grund. In der klassischen Mechanik ist der Impuls die erzeugende Funktion
für eine kanonische Transformation, die der infinitessimalen Translation

x −→ x0 = x + dx

entspricht. In der Quantenmechanik gibt es etwas Analoges (wird in QM II behan-


delt). Voraussetzung dieser Transformation ist, daß das physikalische System sie
3 Diese Randbedingungen heißen vom ,,Dirichletschen Typ”.
2.4 Entartung, Vertauschbarkeit von Operatoren und die simultane Messung von Observablen29

erlaubt. Das ist aber im Dirichletschen Fall nicht so. Das unendlich hohe Potential
ist an einer ganz bestimmten Stelle im Raum fixiert, es erlaubt keine Translati-
on des Systems. In der Quantenmechanik fällt dies auf, weil die mathematischen
Anforderungen an eine Observable (Selbstadjungiertheit des Operators) sehr ein-
schneidend sind.

Der Operator der kinetischen Energie ist


1 ~2
T = P
2m
in Koordinatenrealisierung (Laplace-Operator = ∆)

~2
T =− ∆
2m
dieser Operator ist in beiden Fällen 1, 2 eine physikalische Observable (im Fall 2 ist
also P~ nicht, aber P~ 2 doch definiert!). Seine Eigenfunktionen sind (t~n = Eigenwerte)

1. Fall:
 3 n x

P j j

1
2πi· 2lj

(8l1 l2 l3 )− 2 e j=0 , ~n ∈ Z3
 
h 2
n2 n2
2 2
i
π n1
t~n = ~2m l2
+ l22 + l23
1 2 3

2. Fall:
n x0 n x0 n x0
n 1
o
(l1 l2 l3 )− 2 sin π2 1l1 1 sin π2 2l2 2 sin π2 3l3 3
x0i = xi + li , {ni } ∈ N3
h 2
n2 n2
2 2
i
π n1
t~n = ~8m l2
+ l22 + l23
1 2 3

Das Spektrum von T ist diskret. Endlich ausgedehnte Systeme haben immer ein
diskretes Spektrum. Falls l1 = l2 = l3 = l treten Entartungen auf: Zum gleichen
Eigenwert von T gehört ein ganzer endlich-dimensionaler Unterraum von Eigen-
funktionen (Siehe auch A.2 S. 246). Beispiel: Fall 1. mit

~n = (±1, 0, 0), (0, ±1, 0), (0, 0, ±1)

Die Entartung ist sechsfach, d. h. der Unterraum hat dim = 6. Wir werden uns mit
diesem Phänomen im folgenden Abschnitt beschäftigen.

2.4 Entartung, Vertauschbarkeit von Operatoren und die si-


multane Messung von Observablen

Wir betrachten zwei Operatoren A und B und eine Basis {ψn }, auf der beide Ope-
ratoren diagonal sind:

Aψn = an ψn
Bψn = bn ψ n
30 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Die beiden Diagonalmatrizen können in beliebiger Reihenfolge multipliziert werden,


sie sind kommutativ. Es gilt also
ABψn= an bn ψn
= bn an ψn
= BAψn
AB = BA oder [A, B] = 0

Umgekehrt sei die Vertauschbarkeit von A und B vorausgesetzt. Wir werden


dann von dem ,,Spektralsatz” (A.2 S. 246) Gebrauch machen, der besagt, daß zu
jedem selbstadjungierten Operator eine Basis (eigentlicher oder uneigentlicher) Ei-
genvektoren {ψλ } gehört, auf der dieser Operator also diagonal ist. Sei ψ Eigenvek-
tor zu A
Aψ = aψ
Dann ist
B(Aψ) = aBψ
= A(Bψ)
Also ist Bψ = 0 oder Eigenvektor zu A mit dem gleichen Eigenwert a. Ist dieser
Eigenwert a nicht entartet, so ist also auch
Bψ = bψ
(b = 0 ist auch möglich). Gibt es mehrere linear unabhängige Eigenvektoren von A
zum Eigenwert a, so spannen diese den Unterraum Va auf. Dann gilt
ψ ∈ Va =⇒ Bψ ∈ Va

Schränken wir B auf Va ein, so bekommen wir einen selbstadjungierten Operator.


Wir können dann in Va eine Basis bestimmen, so daß
(a) (a) (a)
{ψb } : Bψb = bψb
Dann gilt auch noch gleichzeitig
(a) (a)
Aψb = aψb
Führen wir diese Konstruktion für alle Eigenwerte a von A aus, so ist
[ (a)
{ψb }
a

eine Basis des gesamten Raums Va , die beide Operatoren A und B diagonalisiert.
Der Spektralsatz A.2 (S. 246) erlaubt, diese Argumentation auf kontinuierliche
Spektren zu übertragen.

Als einfachste Anwendung betrachten wir die drei Impuls-Operatoren Pi


[Pi , Pj ] = 0, i, j ∈ {1, 2, 3}
Wenn wir zwei Observable zu vertauschbaren Operatoren messen, so passiert fol-
gendes: Wird zuerst A gemessen (im diskreten Spektrum), so reduziert sich der
Zustand auf einen Eigenvektor zu A
φ −
→ φa ,,a” entarteter Eigenwert
A
Aφa = aφa
2.4 Entartung, Vertauschbarkeit von Operatoren und die simultane Messung von Observablen31

Eine unmittelbar anschließende Messung von B reduziert φa auf einen Eigenvektor


zu B in Va , dem Raum der Eigenvektoren zum Eigenwert a,

φa −
→ φab
B
Aφab = aφab
Bφab = bφab

Wir können tatsächlich A und B gleichzeitig messen, ohne daß die Messungen sich
gegenseitig beeinträchtigen. Die Messungen sind kompatibel. Um einen Zustand
optimal durch Messungen festzulegen, wird man einen Satz von Observablen su-
chen, die einerseits kompatibel sind, andererseits ein gemeinsames nicht entartetes
Spektrum besitzen. Dies ist nicht immer, aber oft möglich.

Wir betrachten dazu ein Beispiel: Der dreidimensionale harmonische Oszillator


hat den Hamilton-Operator

H = H1 + H2 + H3
1
Hi = 2µ Pi2 + 12 µω 2 Q2i
~ ∂
Pi −→ i ∂xi , Qi −→ xi

Mit fn (x), den Eigenfunktionen des linearen harmonischen Oszillators


 
1
Hi fn (xi ) = ~ω n + fn (xi )
2

ist

{ψn1 n2 n3 : ψn1 n2 n3 (x) = fn1 (x1 ) fn2 (x2 ) fn3 (x3 )}


Hψn1 n2 n3 = ~ω n1 + n2 + n3 + 32 ψn1 n2 n3


Der Eigenwert
 
3
En = ~ω N +
2
N = n 1 + n 2 + n3

ist gN -fach entartet mit


 
N +2 1
gN = = (N + 1)(N + 2)
2 2

Diese Entartung ist aber leicht ,,aufzuheben”, wenn wir die Operatoren Hi selbst
betrachten. Tatsächlich ist (i 6= j)

[Hi , Hj ] = 0

und  
1
H i ψ n1 n2 n3 = ~ω ni + ψ n1 n2 n3
2

Wir können also noch neben H die Operatoren H1 und H2 benutzen, um den
Eigenvektor vollständig zu charakterisieren.
32 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

2.5 Der Drehimpuls, algebraisch

In der klassischen Mechanik ist der Bahndrehimpuls eines Massenpunktes durch


~ = ~x × p~ = −~
M p × ~x

gegeben. Analog machen wir für den Drehimpuls-Operator in der Quantenmechanik


den Ansatz
X
Mi = ijk Qj Pk
j,k
X
= − ijk Pj Qk
j,k

(Beachten Sie die Nichtvertauschbarkeit von Pj und Qk !). In Koordinatenrealisie-


rung ist z. B.:
~ = ~x × ~ ∇
M ~
i
Wir führen der Einfachheit halber noch den Operator

~ = 1M
L ~
~
ein. Aus den Vertauschungsrelationen der Qj , Pk ergibt sich dann
X
[Lj , Lk ] = i jkm Lm
m

Wir werden zunächst einmal diese durch die {Li } aufgespannte Algebra studieren,
bevor wir uns um eine spezielle Realisierung kümmern.

Die uns interessierende Algebra ist die Algebra der Polynome in den {Li }, die
die obige Vertauschungsrelation berücksichtigen. Wie beim harmonischen Oszillator
suchen wir eine abstrakte Darstellung dieser Operatoren in einem möglichst kleinen
Hilbert-Raum (irreduzible Darstellung), die außerdem noch

L+
i = Li

befriedigt. Dazu bilden wir die Operatoren

L± = L1 ± iL2

und bekommen
[L3 , L± ] = ±L±
Sei ψm ein Eigenvektor von L3

L3 ψm = mψm

Dann ist

L3 (L± ψm ) = L± L3 ψm ± L± ψm
= (m ± 1)L± ψm

d. h. L± sind wieder ,,Leiter-Operatoren”, die den Eigenwert von L3 um eins erhöhen


oder erniedrigen. Wir betrachten ferner den Operator
~ 2 = L2 + L2 + L2
L 1 2 3
2.5 Der Drehimpuls, algebraisch 33

der selbstadjungiert und nicht-negativ ist (Eigenwerte ≥ 0). Wir nehmen an, daß
es einen Vektor ψm gibt, so daß

L+ ψm = 0 für m = l

ist. Ferner sei ψl (bis auf einen skalaren Faktor) eindeutig. Dann ist zu verwenden,
daß

~2
L = L+ L− + i[L1 , L2 ] + L23
= L+ L− − L3 + L23
= L− L+ + L3 + L23

Also ist
~ 2 ψl = l(l + 1)ψl
L
Wie man leicht nachrechnet, ist

~ 2 , Lk ] = 0
[L für alle k ∈ {1, 2, 3}

speziell auch
~ 2 , L± ] = 0
[L
~2
Wir betrachten nun L− ψl . Falls L− ψl 6= 0 ist, ist er Eigenvektor zu L

~ 2 (L− ψl ) = l(l + 1)(L− ψl )


L

Ferner ist wegen der Selbstadjungiertheits-Forderung an die {Li }

kL− ψl k2 = (L− ψl , L− ψl )
= (ψl , L+ L− ψl )
~ 2 + L3 − L23 )ψl )
= (ψl , (L
= (l(l + 1) + l − l2 )kψl k2
= 2lkψl k2

Es folgt
l≥0
Falls l = 0 ist, so ist ψ0 ein Basisvektor des eindimensionalen Raumes, der die
triviale Darstellung der Drehimpuls-Algebra trägt

L3 ψ0 = 0
~ 2 ψ0
L = 0
L± ψ0 = 0

Sei also l > 0. Dann ist mit


kψl k2 = 1
auch
L− ψl
1 := ψl−1
(2l) 2
ein Basisvektor mit

~ 2 ψl−1
L = l(l + 1)ψl−1
L3 ψl−1 = (l − 1)ψl−1
34 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Wir nehmen an, daß wir nach einer gewissen Zahl von Schritten duch Anwendung
von L− auf analoge Weise einen normierten Vektor ψm erhalten haben.

L3 ψm = mψm
~ 2 ψm
L = l(l + 1)ψm

Dann ist
kL− ψm k2 = (l(l + 1) + m − m2 )kψm k2
Die Zahl der Schritte ist n
m = l − n.
Natürlich ist zu fordern
l(l + 1) + m − m2 ≥ 0
Die Gleichung
l(l + 1) + m − m2 = 0
hat zwei Lösungen (
+l + 1
m=
−l
Um von m = l bis m = −l zu gelangen, muß 2l ganzzahlig sein, dann werden 2l + 1
Schritte benötigt. In diesem Fall ist also

L− ψ−l = 0

Ist 2l nicht ganz, so wird

l(l + 1) + (l − n) − (l − n)2 = 2l + (2l − 1)n − n2 < 0

für hinreichend große n. Das ist aber ein Widerspruch (in diesem Fall ist die For-
derung L+ k = Lk nicht zu erfüllen.). Entsprechen läßt sich begründen, daß es einen
Vektor ψl gibt, der von L+ annihiliert wird. Damit haben wir folgendes Ergebnis:

Unsere Drehimpuls-Algebra besitzt zu jedem l ≥ 0, 2l ganz, eine (2l + 1)-


dimensionale Darstellung mit der Basis

{ψm ; −l ≤ m ≤ +l, ganzzahlige Schritte}

mit
~ 2 ψm
L = l(l + 1)ψm
L3 ψm = mψm
1
L± ψm = +(l(l + 1) ∓ m − m2 ) 2 ψm±1

Hier wurde die Phase von L± ψm willkürlich fixiert.

2.6 Der Bahndrehimpuls, analytisch

Wir betrachten nun die Drehimpuls-Algebra in Koordinatenrealisierung

1X ∂
Lj = jkl xk
i ∂xl
k,l
2.6 Der Bahndrehimpuls, analytisch 35

Falls wir Polarkoordinaten einführen,


x1 = r cos φ sin Θ
x2 = r sin φ sin Θ
x3 = r cos Θ
so bekommen wir
1 ∂
L3 =
i ∂φ
 
∂ ∂
L± = e±iφ ± + i cot Θ
∂Θ ∂φ
∂2
 
~2 1 ∂ ∂ 1
L = − sin Θ − 2
sin Θ ∂Θ ∂Θ sin Θ ∂φ2
Die radiale Variable ist also herausgefallen. Als Eigenfunktionen suchen wir also
Funktionen Y (Θ, φ), die einen L2 (S2 ) bilden mit
Z Z
(Y1 , Y2 ) = dφ dΘ sin ΘY1 (Θ, φ)Y2 (Θ, φ)

(das Integrationsmaß ist dasselbe, das bei d3 x in Polarkoordinaten übrigbleibt; es


ist drehinvariant, da d3 x und r2 dr drehinvariant sind).

Den Zugang zu den Eigenfunktionen Y der Operatoren L3 ; L~ 2 findet man am


leichtesten über die sogenannten homogenen Polynome. Wir betrachten
X
Cα1 α2 α3 xα1 α2 α3
1 x2 x3
α1 +α2 +α3 =l

l ∈ N, Cα1 α2 α3 zunächst beliebig. Es ist offensichtlich, daß die Anwendung der Ope-
ratoren Lk auf ein solches Polynom wieder ein analoges Polynom liefert, denn diese

Eigenschaft hat jeder Operator xk ∂x i
. Dabei bleibt l ungeändert. Die homogenen
Polynome vom Grad l spannen einen Raum der Dimension
 
l+2 1
dl = = (l + 1)(l + 2)
2 2
auf, während wir nach einem Raum der Dimension 2l + 1 suchen. Das ist aber leicht
zu verstehen, denn bei l=2 ist
d2 = 6;
2·2+1 = 5.
Tatsächlich gibt es einen eindimensionalen invarianten Unterraum, aufgespannt
durch
r2 = x21 + x22 + x23
r2 ist invariant. Also kann man auch den Raum vom Grad l zerlegen in einen Raum
r2 × beliebige Polynome vom Grad l−2 und den Rest. Dieser Rest hat die Dimension
dl − dl−2 = 2l + 1
Also: Suche alle Polynome vom Grad l, die nicht durch r2 teilbar sind.

Da die Lk nur auf die Winkelvariablen wirken, definieren wir



e1 = sin Θ cos φ

xi = r · ei (φ, Θ); e2 = sin Θ sin φ

e3 = cos Θ

36 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

und eliminieren rl aus den homogenen Polynomen. Die der Basis



ψm ; −l ≤ m ≤ +l; l ganz

entsprechenden Funktionen
Yml (Θ, φ)
heißen Kugelfunktionen. Aus

L3 Yml (Θ, φ) = mYml (Θ, φ)

folgt
Yml (Θ, φ) = ym
l
(Θ)eimφ
Wir haben für
l l
Y−l (Θ, φ) : L− Y−l (Θ, φ) = 0
also  
∂ l
− + l cot Θ y−l (Θ) = 0.
∂Θ
Diese Gleichung ist einfach zu lösen:
l
y−l (Θ) = cl (sin Θ)l ;
l
y−l (Θ) · e−ilφ = cl (e1 − ie2 )l .

Wir machen den Ansatz


l
ym (Θ) = (sin Θ)m Ul,m (cos Θ);
Ul,−l = cl (sin Θ)2l = cl (1 − cos2 Θ)l .

Dann folgt durch Anwenden von L+ :


 

L+ eimφ ym
l
(Θ)
= e i(m+1)φ
− m cot Θ ym l
(Θ)
∂Θ
 
∂ ∂
− m cot Θ (sin Θ)m Ul,m (cos Θ) = (sin Θ)m Ul,m (cos Θ)
∂Θ ∂Θ

= −(sin Θ)m+1 Ul,m (cos Θ)
∂ cos Θ
und damit für n ∈ N, n − l = m:
 n
n l n imφ m ∂
(L+ ) Y−l (Θ, φ) = (−1) cl e (sin Θ) (1 − cos2 Θ)l .
∂ cos Θ

Nun definiert man die assoziierten Legendre-Polynome (Funktionen) durch

m
 l+m
1 d
Plm (%) = 2l l!
(1 − %2 ) 2 d% (%2 − 1)l ,
−1 ≤ % ≤ 1 (Polynome, falls m gerade)

die im Falle m = 0 in die Legendre-Polynome übergehen

Pl (%) := Pl0 (%).

Damit können wir schreiben

(L+ )n Y−l
l
(Θ, φ) = (−1)m cl · 2l · l! · eimφ · Plm (cos Θ).
2.6 Der Bahndrehimpuls, analytisch 37

Andererseits ist dieser Ausdruck gleich (2.5, S. 34)


( m−1 )
Y 
0
1
02 2
= l(l + 1) − m − m Yml (Θ, φ).
m0 =−l

Der Vorfaktor ist leicht auszurechnen

l(l + 1) − m0 − m02 = (l + m0 + 1)(l − m0 );


m−1
Y
(l + m0 + 1) = (l + m)!;
m0 =−l
m−1
Y (2l)!
(l − m0 ) = ;
(l − m)!
m0 =−l

also zusammen
 1
(l + m)! 2 l
(2l)! Ym (Θ, φ).
(l − m)!
l
Nun ist nur cl festzulegen. Die Normierung von Y−l liefert

Z2π Zπ
l 2
1 = dφ dΘ sin Θ|Y−l |
0 0

2
= |cl | · 2π dΘ sin Θ(sin Θ)2l
0

Dieses Integral berechnen wir rekursiv:



Ik = dΘ (sin Θ)k , k∈N
0

= dΘ sin Θ(sin Θ)k−1
0

= dΘ cos Θ(k − 1)(sin Θ)k−2 cos Θ
0
(für k ≥ 2 verschwinden die ausintegrierten Bestandteile)
k−1
= (k − 1)(Ik−2 − Ik ) = Ik−2 .
k
Da I1 = 2 ist, folgt

2l 2l − 2 2
I2l+1 = · · · · · · I1
2l + 1 2l − 1 3
22l (l!)2
= · 2.
(2l + 1)!

Wir bekommen (Phase ad hoc):


 1
1 (2l + 1)! 2
cl = .
2l l! 2π
38 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Damit ist endgültig


  12
2l + 1 (l − m)!
Yml (Θ, φ) = · (−1)m eimφ Plm (cos Θ).
4π (l + m)!

Nun einige Bemerkungen zu den Legendre-Funktionen. Nach Definition ist


 l+m
l m 2 m d
2 l!Pl (%) = (1 − % ) 2 (%2 − 1)l .
d%
wir zerlegen
(%2 − 1)l = (% − 1)l (% + 1)l
und wenden die Leibniz-Formel an4
l+m
X (−1)l−k m m
2l l!Plm (%) = (l!)2 (l+m)! (1−%)l−k+ 2 (1+%)k− 2 .
k!(l − k)!(k − m)!(l + m − k)!
k=0

Wenn man in der Summe m = −m0 setzt, ferner den Summationsindex k durch k 0
ersetzt
m m0
k− = k0 − (k − m = k 0 , k = k 0 − m0 )
2 2
0
so entsteht dieselbe Summe wieder, aber mit (−1)m multipliziert. Folglich gilt
(l + m)!
Plm (%) = (−1)m Pl−m (%).
(l − m)!
Damit erhalten wir eine zweite Darstellung der Kugelfunktionen
 1
l 2l + 1 (l + m)! 2 imφ −m
Ym (Θ, φ) = · e Pl (cos Θ).
4π (l − m)!

Sei nun m ≥ 0. Dann folgt aus der Orthogonalität der Kugelfunktionen


Z2π Zπ
dφ dΘ sin ΘYml11 (Θ, φ) Yml22 (Θ, φ) = δl1 l2 δm1 m2 ,
0 0
Z+1
2 (l1 + m)!
d% Plm (%)Plm (%) = δl l .
1 2
2l1 + 1 (l1 − m)! 1 2
−1

Schreiben wir
m
Plm (%) = (1 − %2 ) 2 flm (%)
und halten wir m fest, so sind die {flm (%)} orthogonale Polynome vom Grad l − m
mit der Gewichtsfunktion
Zb
d% w(%)fl (%)fl0 (%) = δll0 hl
a

w(%) = (1 − %2 )m ;
−a = +b = +1;
2 (l+m)!
hl = 2l+1 · (l−m)! .
4 Hier ist (n!)−1 für negatives ganzes n gleich null zu setzen.
2.7 Ebene Welle und Kugelwellen 39

Im Falle m = 0 ergeben sich die analogen Formeln für die Legendre-Polynome.

Die Operatoren LK waren im Raum L2 (S2 ) definiert. Da die {Yml (Θ, φ)} alle
in diesem Raum liegenden simultanen Eigenfunktionen von L ~ 2 , L3 bilden, sind die
{Yml (Θ, φ)} eine Basis in L2 (S2 ). Jede Funktion F (Θ, φ) ∈ L2 (S2 ) läßt sich entwi-
ckeln
X
F (Θ, φ) = alm Yml (Θ, φ);
l,m
Z2π Zπ
alm = dφ dΘ sin ΘF (Θ, φ)Yml (Θ, φ)
0 0

und die Konvergenz der Reihe ist im Sinne der Topologie von L2 (S2 ). Diese Ent-
wicklung werden wir im nächsten Abschnitt benutzen. (Siehe auch A.3 S. 247)

Wir haben mit den Bahndrehimpulsen als Differentialoperatoren begonnen und


aus diesen eine Vertauschungs-Algebra (Lie-Algebra) gewonnen. Mit algebraischen
Methoden wurde zu jedem l, 2l ∈ N, eine Darstellung konstruiert. Durch Rückgang
auf die Differentialoperatorform haben wir dann aber nur für ganzzahliges l eine
konkrete Realisierung dieser Darstellung als Unterraum im L2 (S2 ) gefunden. Die
halbzahligen l kommen dabei nicht vor. Wenn wir uns auf den Standpunkt stellen,
die Lie-Algebra sei eine fundamentale Struktur, die einen Drehimpuls auszeichnet,
so müssen wir uns fragen, ob der Bahndrehimpuls tatsächlich die vollständige Dre-
himpulsobservable eines quantenmechanischen Massenpunktes ist. In der Tat hat
ein Elektron einen Spin mit dem Eigenwert l = 21 und wir müssen den gesamten
Drehimpuls des Elektrons aus einem Bahn- und einem Spin-Drehimpuls zusammen-
setzen. Wie das gemacht wird, werden wir später sehen.

2.7 Ebene Welle und Kugelwellen

Ein freier Massenpunkt bewegt sich in der klassischen Mechanik auf einer geraden
Bahn. Sein Bahndrehimpuls bezüglich eines festen Koordinatenanfangspunktes P0
ist
M~ = ~x × p~
~ nicht vertauschbare
und ebenfalls konstant. In der Quantenmechanik sind p~ und M
Operatoren. Die ebene Welle
3 ~
ψ~k (x) = (2π)− 2 eik·~x

ist nicht Eigenfunktion des Drehimpuls-Operators. Nehmen wir ~k in z-Richtung an


und führen Polarkoordinaten ein, so können wir eine Reihenentwicklung nach den
Kugelfunktionen vornehmen.
3
X
(2π)− 2 eikr cos Θ = alm (r)Yml (Θ, φ)
l,m

mit
Z2π Zπ
3
alm (r) = dφ dΘ sin ΘYml (Θ, φ)(2π)− 2 eikr cos Θ .
0 0
40 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Da die Welle nicht von φ abhängt, ist

alm (r) = al0 (r)δl0 ,


Zπ  1
− 21 ikr cos Θ 2l + 1 2
al0 (r) = (2π) dΘ sin Θ e Pl (cos Θ).

0

Dieses Integral kann einfach integriert werden. Mit

ρ = kr, % = cos Θ

haben wir
Z1 Z1  l
iρ% 1 d
d% e Pl (%) = l d% eiρ% (%2 − 1)l .
2 l! d%
−1 −1

Partielle Integration liefert


Z1
(−iρ)l
= d% eiρ% (%2 − 1)l
2l l!
−1

Hilfsdifferentiation ergibt
l
(+iρ)l d2

2 · sin ρ
+1 .
2l l! dρ 2 ρ

Wir wollen jedoch noch einen anderen Weg gehen. Die ebene Welle ist eine
1 ~2
Eigenfunktion des Operators der kinetischen Energie T = 2m P

~2~k 2
T ψ~k (x) = ψ~ (x);
2m k
~2
T = − ∆.
2m
Im Ansatz
~2~k 2
T ψ(x) = Eψ(x), E=
2m
führen wir Polarkoordinaten ein. Dabei verwenden wir Formeln aus der klassischen
Mechanik oder Elektrodynamik

∂2 2 ∂ 1 ~2
∆= + − ·L
∂r2 r ∂r r2
mit dem Drehimpulsoperator L ~ 2 wie in 2.6.1 (S. 35) angegeben. Wir erkennen, daß
~ 2 sowie L3 gleichzeitig diagonalisieren können und machen den Ansatz
wir T und L

ψ(x) = XElm (r)Yml (Θ, φ).

Damit ergibt sich als Gleichung für XElm (r)

~2 ∂ 2 ~2 k 2
 
2 ∂ 1
− + − l(l + 1) X Elm (r) = XElm (r)
2m ∂r2 r ∂r r2 2m
oder
∂2
 
2 ∂ 1 2
+ − l(l + 1) + k XElm (r) = 0.
∂r2 r ∂r r2
2.7 Ebene Welle und Kugelwellen 41

Wir sehen, daß XElm (r) nicht von m abhängt und schreiben dementsprechende
für XElm (r) XEl (r). Ferner führen wir die dimensionslose Variable % = kr ein.
Substituieren wir
Zl+ 1 (%)
XEl (r) = √2
%
so ergibt sich für Zl+ 21 (%) die Besselsche Differentialgleichung

(l + 12 )2
 
00 1 0
Zl+ 1 (%) + Zl+ 1 (%) + 1 − Zl+ 12 (%) = 0
2 % 2 %2

mit den Lösungen Zl+ 21 (%), Zylinderfunktionen zum Index l + 12 . Die Funktionen
  12
π
jl (%) = Jl+ 12 (%) (Bessel)
2%
  12
π
yl (%) = Yl+ 12 (%) (Neumann)
2%
  12
π (1,2)
h(1,2)
n (%) = Hn+ 1 (%) (Hankel)
2% 2

heißen sphärische Zylinerfunktionen ([A.+St.] Kap. 10) Damit ist



jl (%) reell

XEl (r) = h(1,2)
l (%) komplex , irgendeine Linearkombination

yl (%) reell

Ferner können wir verwenden


(1)
hl (%) = jl (%) + iyl (%)
(2)
hl (%) = jl (%) − iyl (%)

In [A.+St.] finden wir (Gleichung 10.1.14)

Z+1
(−i)l
jl (%) = dξ ei%ξ Pl (ξ)
2
−1

so daß wir auch bekommen


  12
2l + 1
al0 (r) = · il · jl (kr)
2π 2

(1,2)
Die Besselfunktionen jl (%) verhalten sich bei % → 0 regulär, die anderen hl (%), yl (%)
singulär gemäß5 [A.+St.] 10.1.2, 10.1.3

%l
jl (%) = + (1 + O(%2 ))
(2l + 1)!!
(2l − 1)!!
yl (%) = − (1 + O(%2 ))
%l+1
l∈N
5 Die ,,Doppel-Fakultät” bedeutet (2n − 1)!! = (2n − 1)(2n − 3)(2n − 5) · · · · 3 · 1
42 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Bei der Zerlegung der ebenen Welle treten nur die bei % = 0 regulären Besselfunk-
tionen auf, da die ebene Welle selbst bei % = 0 unendlich oft differenzierbar ist.

Die Funktion jl (%) ist oft definiert durch [A.+St.] 10.1.25


 l
l 1 d sin %
jl (%) = % −
% d% %

Hieraus folgt
sin %
j0 (%) =
%
sowie die Rekursion
 
1 d
(2.7.1) jl+1 (%) = % l+1
− %−l jl (%)
% d%

Mit Hilfe der Differentialgleichung (=Schrödingergleichung)


 2 
d 2 d 1
(2.7.2) + − l(l + 1) + 1 jl (%) = 0
d%2 % d% %2

ergibt sich mit etwas Algebra die Rekursion


 2 
1 d
(2.7.1) + (2.7.2) ⇒ jl+1 (%) = %l+1
+ 1 %−l jl (%)
2(l + 1) d%2

also wird daraus l


1 l d2

sin %
jl (%) = l
% 2
+ 1
2 l! d% %
womit wir noch einmal (2.7 S. 41)
  12
2l + 1
al0 (r) = · il · jl (kr)
2π 2

erhalten. Damit haben wir die Entwicklung der ebenen Welle als
∞   1
3
X 2l + 1 2
(2π)− 2 eikr cos Θ = · il · jl (kr) · Y0l (Θ, φ)
2π 2
l=0

3
X
= (2π)− 2 (2l + 1)il jl (kr) · Pl (cos Θ)
l=0

Wir kehren noch einmal zur Eigenwertgleichung

T ψ(x) = Eψ(x)

zurück. Die allgemeine Lösung für ψ bei festem E ist eine beliebige Linearkombi-
nation
~2 k 2
jl (kr) · Yml (Θ, φ), E =
2m
(1,2)
Die h0 (kr) sind sogar quadratintegrabel bei % = 0,

(1,2)
dr r2 |h0 (kr)|2 < ∞, ε>0
0
2.7 Ebene Welle und Kugelwellen 43

Warum also werden sie aus der Lösungsmannigfaltigkeit ausgeschlossen? Die Ant-
wort ist einfach: Im Sinne von Distributionen sind sie nicht Lösung der Eigenwert-
gleichung für T , sondern erfüllen, wie wir zeigen werden6 :

(1,2) 4π
(∆ + k 2 )h0 (kr) = ±i · δ(~x)
k
Mit  l ±ik%
(1,2) 1 d e
h0 (%) = ∓i%l −
% d% %
haben wir also zu beweisen
e±ikr
(∆ + k 2 ) = −4π · δ(~x)
r
Dazu benutzen wir eine Testfunktion g(s). Natürlich ist

e±ikr
(∆ + k 2 ) = 0, r > 0;
r
also ist
Zε Z2π Zπ
2 e±ikr
drr dφ dΘ sin Θg(x)(∆ + k 2 )
r
0 0 0

von ε unabhängig. Führen wir die Differentiation aus, so ergibt sich als maximal
singulärer Term
1
∆ · = −4πδ(~x)
r
Alle anderen Terme liefern bei der Integration O(ε). Damit ist die Behauptung
bewiesen.

Seien drei Einheitsvektoren aus dem R3 gegeben



~e1 · ~e2 = cos Θ12

~e, ~e1 , ~e2 ~e · ~e1 = cos Θ1

~e · ~e2 = cos Θ2

oder ausführlicher in einer Basis


 
0
~e = 0
1
 
sin Θ1,2 cos φ1,2
~e1,2 =  sin Θ1,2 sin φ1,2 
cos Θ1,2

Dann gilt der ,,Kosinussatz der sphärischen Trigonometie” (wie man leicht nach-
rechnet)
cos Θ12 = cos Θ1 · cos Θ2 + sin Θ1 · sin Θ2 · cos(φ1 − φ2 )
Das ist der Spezialfall der allgemeineren Formel (für l = 1)
+l
4π X l
Pl (cos Θ12 ) = Ym (Θ1 , φ1 )Yml (Θ2 , φ2 )
2l + 1
m=−l
6 (1) entspricht dem oberen, (2) dem unteren Vorzeichen
44 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

Auf den Beweis möchte ich hier nicht eingehen, da er mit den entsrechenden Me-
thoden (die uns später zur Verfügung stehen werden) sehr einfach ist.

Unter Benutzung dieser Formel können wir jetzt jede ebene Welle entwickeln:
~k = k · ~e1
~x = r · ~e2
~e : z-Achse des Polarkoordinatensystems

Dann setzt man diesen Ausdruck für Pl (cos Θ12 ) in die Entwicklung von eikr cos Θ12
ein.

2.8 Unschärferelationen

Wir beobachten zwei Observable A und B in enem Zustand ψ, |ψ| = 1. Wir können
ohne Beschränkung der Allgemeinheit annehmen, daß die Erwartungswerte ver-
schwinden
(ψ, Aψ) = (ψ, Bψ) = 0
indem wir A durch
A − (ψ, Aψ) · I
ersetzen etc. Die Streuung von A und B ist danach

(ψ, (A − (ψ, Aψ)I)2 ψ) = (∆A)2


= (ψ, A2 ψ) − (ψ, Aψ)2
= (ψ, A2 ψ)
(∆B) = (ψ, B 2 ψ)
2

(allgemein wäre (∆C)2 = (ψ, C 2 ψ) − (ψ, Cψ)2 ).

Wir betrachten nun den Erwartungswert des positiven selbstadjungierten Ope-


rators
(A + iλB)(A − iλB), λ ∈ R
Es ergibt sich

(ψ, (A + iλB)(A − iλB)ψ) = (ψ, A2 ψ) + λ(ψ, i[B, A]ψ) + λ2 (ψ, B 2 ψ)

Dies ist ein quadratisches nichtnegatives Polynom in λ

aλ2 + bλ + c ≥ 0

Folglich ist
b2 − 4ac ≤ 0
Nun ist jedoch

a = (∆B)2
b = (∆A)2

also

4(∆A∆B)2 ≥ (ψ, i[B, A]ψ)2


1
∆A · ∆B ≥ |(ψ, i[B, A]ψ)|
2
2.8 Unschärferelationen 45

(der Erwartungswert von i[B, A] ist reell). Dies ist die allgemeine Unschärferelation
der Quantenmechanik. Falls
[A, B] = 0
so ist die triviale Aussage
∆A · ∆B ≥ 0

Wir wollen uns nun einige Beispiele ansehen. Der bekannteste Fall ist
(

2 3 A = Pi −→ ~i ∂x
in L (R ) i

B = Qj −→ xj

also
~
∆Pi · ∆Qj ≥ δij
2
Man kann sich hier die Frage stellen, für welche ψ das Gleichheitszeichen gilt. Das
wollen wir jedoch den Übungen überlassen.

Wenn ein Massenpunkt frei auf einer Kreisbahn laufen kann, so gibt es einen
Hilbertraum L2 (S1 ) von Wellenfunktionen f (ϕ), −π ≤ ϕ ≤ +π. Der Impuls ist
dann
~ ∂
P −→
i ∂ϕ
Was ist der Ortsoperator? Wenn wir ihn mit dem Multiplikationsoperator ϕ iden-
tifizieren, so müssen wir den Sprung bei ϕ = ±π beachten
~
[P, Q] −→ [1 − 2πδ(ϕ − π)]
i
Mit der Eigenfunktion von P
1
fm (ϕ) = √ · eimϕ

wird
π
∆P = 0, ∆Q = √
3
während
(fm , i[P, Q]fm ) = ~(1 − 1) = 0.
Die Deltafunktion bewahrt uns vor einem Widerspruch.

Schließlich betrachten wir die Drehimpuls-Operatoren M1 , M2 ,


[M1 , M2 ] = i~M3
l
und einen Eigenzustand ψm ~ 2 und M3 . Tatsächlich ist dann
von M
l l l l
(ψm , (M1 ± iM2 )ψm ) ∼ (ψm , ψm±1 ) = 0.
Wir erhalten dann
1 2
∆M1 · ∆M2 ≥ ~ |m|.
2
Andererseits ist
l
(ψm , M12 ψm
l
) = (ψml
, M22 ψm
l
)
1 l ~ 2 − M32 )ψm
l
= (ψ , (M )
2 m
1 2
= ~ [l(l + 1) − m2 ],
2
46 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

so daß die Unschärferelation in diesem Fall beinhaltet


1 2 1
~ [l(l + 1) − m2 ] ≥ ~2 |m|
2 2
Das ist bei m = ±l eine Gleichung, bei m = 0 aber eine schlechte Abschätzung.

2.9 Thermische Gesamtheit und andere gemischte Zustände

In einem Mikro- oder Makrosystem ist bei Kontakt mit einem Wärmebad der Tem-
peratur T die Wahrscheinlichkeit, die Energie E zu messen
1 −E
w(E) = e kT
Z
wobei
E
X
Z= e− kT
alle
Zustände
Die ursprünglich klassische Aussage läßt sich leicht auf die Quantenmechanik übert-
ragen. Sei also ein Mikrosystem (Atom etc.) mit diskretem Energiespektrum {En }
gegeben. Dann ist
1 − En
w(En ) = e kT
Z
X En
Z = e− kT
alle Eigenfunk-
tionen von H
X En
= gn e− kT gn ∈ N : Entartungsgrad
n

Es ist dann offensichtlich der Erwartungswert der Energie


En
X En e− kT
hEi =
Z
alle Eigenfunk-
tionen von H
Wir wollen diese Formel in der Quantenmechanik als
hEi = Sp(%H)
schreiben. Was ist dann %? Rechnen wir die Spur in der Basis der Eigenvektoren
von H aus, so ist X
hEi = En · %nn
alle Eigenfunk-
tionen von H
also En
En e− kT
%nn =
Z
Seien {Pn } die Projektions-Operatoren auf den Unterraum mit Eigenwert En . Dann
ist X
H= Pn En
alle Eigenvektoren,
alle En
2.9 Thermische Gesamtheit und andere gemischte Zustände 47

Wir definieren nun


H
X En
e− kT = Pn e− kT
En
H
Z = Sp e− kT
H
e− kT
% = H
Sp e− kT
Sp % = 1

Wir sehen: % ist selbstadjungiert und

1. % hat nur nichtnegative Eigenwerte

2. Sp % = 1.

Das ist die allgemeine Defnition von % als ,,Dichte-Operator”. % muß eine Spur
haben, also auch ein diskretes Spektrum.

Zur Vorbereitung der Diskussion unvollständiger Messungen werden wir uns eine
Projektion auf einen Raum der Dimension unendlich vorstellen. Sei etwa L2 (−∞, +∞)
gegeben. Dann läßt sich jedes f (x) ∈ L2 (−∞, +∞) schreiben als
X
f (x) = ξhn,n+1i (x) · f (x)
n

wobei (
1 n<x≤n+1
ξhn,n+1i (x) =
0 sonst
Entsprechend ist M
L2 (−∞, +∞) = L2 (n, n + 1)
n

Jeder Raum L2 (n, n + 1) ist ein Unterraum der Dimension q


unendlich. Als Basis in
diesem Raum können wir die {Pl (z)}∞0 benutzen (genauer
2l+1
2 Pl (z)), denn

1.
Z+1
2
dz Pl1 (z)Pl2 (z) = δl l
2l1 + 1 1 2
−1

2. Wir bilden das Intervall h−1, +1i linear auf hn, n + 1i ab durch

z = ax + b, an + b = −1, a(n + 1) + b = +1

a = 2, b = −1 − 2n
n+1
2
R
a dx Pl1 (ax + b)Pl2 (ax + b) = 2l1 +1 δl1 l2
n

Wenn wir eine Messung in einem kontinuierlichen Spektrum vernehmen, ist das
Ergebnis (z. B. bei Ortsmessungen) nie ein Eigenwert, sondern ein Intervall aus
48 2 KOORDINATEN- UND IMPULSMESSUNGEN

dem Spektrum: ,,x liegt zwischen x1 und x2 ”. Also wird in den danach präparierten
Zustand die Funktion
ξhx1 ,x2 i (x)
eingehen. Nun ist aber durch dieses ξhx1 ,x2 i (x) gerade die Projektion Phx1 ,x2 i defi-
niert:
(Phx1 ,x2 i f )(x) = ξhx1 ,x2 i (x)f (x)
Messungen im Kontinuum sind also grundsätzlich unvollständig.

Messen wir an einem H-Atom die Energie und finden die Hauptquantenzahl
n = 2, so haben wir einen (ohne Spin) vierdimensionalen Unterraum vorliegen mit
entsprechendem Projektions-Operator Pn=2 . Wie ist der Zustand nach der Messung
bestimmt? Er wird wieder durch einen Dichte-Operator % wie oben beschrieben. Die
Antwort ist: der vor der Messung vorhandene Zustand %1 schlägt durch.

Man kann sich überlegen, daß alle physikalischen Vorstellungen durch folgenden
Ansatz befriedigt werden können:
Phx1 ,x2 i %1 Phx1 ,x2 i
%=
Sp(Phx1 ,x2 i %1 Phx1 ,x2 i )

oder im anderen Fall


Pn=2 %1 Pn=2
%=
Sp(Pn=2 %1 Pn=2 )
Operatoren, die eine Spur besitzen, heißen ,,Spurklasse-Operatoren”. Von selbstad-
jungierten Operatoren überträgt man den Begriff auf beliebige Operatoren gemäß
(
M ∈ Spurklasse, falls M = U1 AU2
U1,2 unitär, A selbstadjungiert und ∈ Spurklasse

Dann gibt es einen Satz: Falls % ∈ Spurklasse ist, dann ist auch % · M ∈ Spurklasse,
falls M beschränkt ist. Damit ist gemeint (1 und 2 sind äquivalent):

1. M = U1 AU2 , {λ} Eigenwerte von A (auch Kontinuum erlaubt), sup |λ| < ∞
2.
kM ψk
sup := kM k < ∞
ψ kψk
mit kM k der ,,Operatornorm”

Benutzen wir in 2. für ψ Eigenvektoren, so sehen wir

kM k = sup |λ|

Aus dem Satz folgt (P 2 = P für alle Projektions-Operatoren):

Sp(Phx1 ,x2 i %1 Phx1 ,x2 i ) = Sp(Phx1 ,x2 i %1 )

ist wohldefiniert, da %1 ∈ Spurklasse und Phx1 ,x2 i beschränkt ist (Norm 1 ist selbst-
verständlich).

Also: Alle Zustände werden durch % ∈ Spurklasse beschrieben, und diese Eigen-
schaft wird durch unvollständige Messungen nicht gestört. Diese Eigenschaft wird
auch nicht durch Zeitentwicklung gestört, wie wir später sehen werden.
49

Bei den thermischen (allgemein: statistischen) Gesamtheiten werden Statistik


und Quantenmechanik verschmolzen. Messungen an einer Gesamtheit von Systemen
im gleichen Zustand erfordern, daß auch das Wärmebad in allen Systemen gleich
ist.

3 Die Dynamik

3.1 Die Schrödingergleichung

Als Dynamik bezeichnet man die Ursachen der zeitlichen Entwicklung eines physi-
kalischen Systems. In der klassischen Mechanik wird die Dynamik z. B. durch die
kanonischen Bewegungsgleichungen erfaßt,

∂pi ∂H ∂qi ∂H
=− , =+ , i ∈ {1, 2, 3, . . . , f }
∂t ∂qi ∂t ∂pi

wobei die Hamilton-Funktion H(p, q, t) also die gesamte Information über die im
System wirkenden Kräfte enthält. Neben der Hamilton-Funktion ist die Kenntnis
der Anfangswerte
pi (0), qi (0), i ∈ {1, 2, 3, . . . , f }
erforderlich, um die Lösung (Bahnkurve) pi (t), qi (t) festzulegen. Mit dieser Lösung
ist dann auch jede Observable F (p, q) zur Zeit t bekannt: F (p(t), q(t)). Die Berechen-
barkeit der Lösungen folgt aus den bekannten Existenz- und Eindeutigkeitssätzen
aus der Theorie der Differentialgleichungen. Ein klassisches System heißt ,,lösbar”,
wenn es eine hinreichende Zahl (nämlich f) von ,,Integralen der Bewegung”

Gi (p, q, t) = Ci , i ∈ {1, 2, 3, . . . , f }

gibt, aus denen sich die Bahn durch algebraische Elimination ergibt. Dabei sind die
Konstanten Ci durch die Anfangswerte ausdrückbar.

Solche Bewegungsabläufe von lösbaren Systemen sind ,,stabil” in folgendem Sin-


ne. Eine kleine Änderung der Anfangswerte {pi (0), qi (0)} zieht auch kleine Ände-
rungen der t-Werte {pi (t), qi (t)} nach sich. Diese Stabilität wird im Rahmen der
Lyapunowschen Theorie behandelt.

Neben den lösbaren dynamischen Systemen gibt es die chaotischen Systeme,


deren Charakteristikum gerade das Fehlen von Stabilität ist. Ihre Bewegungsglei-
chungen lassen sich nur mit besonderen Vorsichtsmaßregeln numerisch integrieren.
Die Theorie der chaotischen Systeme ist noch nicht abgeschlossen. Wir werden in
diesem Kapitel sehen, wie die quantenmechanischen Entsprechungen dieser Begriffe
aussehen.

Wir nehmen an, ein System befinde sich im reinen Zustand ψ. Es ist natürlich
nach der zeitlichen Änderung
∂ψ
∂t
zu fragen. Die Antwort ist die Schrödingergleichung

~ ∂ψ
− = Hψ.
i ∂t
50 3 DIE DYNAMIK

Der Operator H heißt Hamilton-Operator.

Ein intuitives Verfahren zum Auffinden eines Operator-Ansatzes für H ist das
sogenannte ,,Korrespondenzprinzip”. Man geht vom klassischen Ausdruck für die
Hamilton-Funktion H(p, q, t) aus und versucht darin pi , qi durch quantenmechani-
sche Operatoren Pi , Qi zu ersetzen. Wegen der Nichtvertauschbarkeit der Operato-
ren ist dieses Verfahren nicht eindeutig. In den einfachen Fällen

H = T (p) + V (q)

tritt allerdings noch kein Problem auf, da die Funktionen T und V sich auf eindeu-
tige Operatoren fortsetzen lassen. Ein typischer Ausdruck, der keinen korresponie-
renden Operator hat, ist X
q i pi
i

da X X
Qi Pi 6= Pi Qi
i i

Doch das Postulat der Selbstadjungiertheit legt nahe, die Form


1X
+ (Pi Qi + Qi Pi )
2 i

zu wählen. Bei Ausdrücken der Form


X
p2i qin n≥2
i

hilft das Postulat auch nicht mehr. Es bleiben alternative Möglichkeiten wie (n ≥ 2)

+ 21 (Pi2 Qni + Qni Pi2 )


P
(3.1.1)
i
Pi Qni Pi
P
(3.1.2)
i
 2 X
~
(3.1.1) − (3.1.2) = n(n − 1) Qn−2
i
i i

offen.

Zur Definition eines Operators H als Differential-Operator gehören eventuel-


le Randbedingungen dazu, falls Ränder existieren. Die Randbedingungen müssen
linear sein, sonst ist der Operator selbst nicht linear. Ein freies Teilchen z. B., das
sich auf der Halbgeraden x ≥ 0 bewegen kann, hat den Hamilton-Opertaor

1 2 ~2 d 2
H=T = P −→ −
2m 2m dx2
Dieser Operator erfordert zu seiner eindeutigen Bestimmung lineare Randbedingun-
gen bei x = 0 von der allgemeinen Form

αψ(0) + βψ 0 (0) = 0,
|α| + |β| > 0.
ikx −ikx a −α+ikβ
ae
−−−→ ←−−−−,
+ be b = +α+ikβ

Eine Bedingung von der Form


ψ(0) = 1
3.2 Die zeitliche Entwicklung der Wellenfunktion freier Teilchen 51

ist nicht linear und damit verboten. Denn bei der Konstruktion der Eigenfunk-
tionen würde man sofort auf Schwierigkeiten stoßen. Die obige lineare Randbe-
dingung regelt die Reflektion der Welle ψ(x) bei x = 0 (nämlich die auftretende
Phasenverschiebung). Sie enthält folglich die physikalische Information über die
Wechselwirkung zwischen Wand und Teilchen.

In den meisten Fällen der Atomphysik ist die Ortsrealisierung des Hamilton-
Operators durch ihre Einfachheit ausgezeichnet. Die in der Atomphysik auftre-
tenden Probleme behandeln Elektronen in Wechselwirkung untereinander, mit den
Kernen, und möglicherweise auch mit einem äußeren elektromagnetischen Feld. Der
klassische Ausdruck für die Hamilton-Funktion eines Elektrons mit einem äußeren
Feld
~ x, t)
ϕ(~x, t), A(~
ist 2
1  e~
H(p, q, t) = p~ − A(~
x, t) + eϕ(~x, t)
2m c
(Gaußsche Einheiten). Der quantenmechanische Operator ist am einfachsten zu for-
mulieren, wenn Qi Multiplikationsoperatoren sind, also in der Ortsrealisierung,

ψ −→ Qi ψ(~x) = xi ψ(~x).

~ die Multiplikationsoperatoren
Dann entsprechen den klassischen Funktionen ϕ, A

ψ −→ Ai (~x, t)ψ(~x, t)
ψ −→ ϕ(~x, t)ψ(~x, t)

und
~2 2
 
e~ h ~ ~ ~ + e A
~ x, t) · ∇
i
~ 2 (~x, t) + eϕ(~x, t) ψ(~x)
Hψ(~x) = − ∆− ∇ · A(~x, t) + A(~
2m 2mci 2mc2

Dabei ist    
~ ·A
∇ ~+A
~·∇
~ ψ = div A
~ ψ + 2A
~ · ∇ψ.
~

3.2 Die zeitliche Entwicklung der Wellenfunktion freier Teil-


chen

Ein freies Teilchen mit dem Hamilton-Operator

1 ~2
H= P
2m
und mit Zuständen ψ ∈ L2 (R3 ) genügt der Schrödingergleichung

~ ∂ψ
− = Hψ
i ∂t
Wir benutzen die Eigenfunktionen von H, um ψ(~x, t) zu entwickeln.
3 ~
ϕ~k (~x) = (2π)− 2 eik·~x
Z
ψ(~x, t) = d3 k ϕ~k (~x)ψ̂(~k, t)
52 3 DIE DYNAMIK

Dann erhalten wir


!
~2~k 2 ~
Z
− 32 3 i~
k·~
x
Hψ(~x, t) = (2π) d ke − ψ̂(k, t)
2m
Z " #
~ ∂ψ 3
i~ ~ ∂ ψ̂ ~
− (~x, t) = (2π)− 2 3
d ke k·~
x
− (k, t)
i ∂t i ∂t

Aus der Eindeutigkeit der Fourier-Zerlegung folgt

~ ∂ ψ̂ ~ ~2~k 2 ~
− (k, t) = − ψ̂(k, t)
i ∂t 2m
also nach Integration

ψ̂(~k, t)= ψ̂(~k)e−iω(k)t


E
ω(k) =
~
~2~k 2
E =
2m
Nebenbei: Falls ψ ein Eigenzustand von H ist

Hψ = Eψ

gilt
~ ∂ψ
− = Hψ = Eψ
i ∂t
E
ψ(t) = e−i ~ t ψ(0)

Wir benutzen hiervon einen Spezialfall. Unser Ergebnis ist also


Z
ψ(~x, t) = d3 k ϕ~k (~x)e−iω(k)t ψ̂(~k)

Natürlich ist
Z Z
d3 x |ψ(~x, t)|2 = d3 k |ψ̂(~k, t)|2
Z
= d3 k |ψ̂(~k)|2

Die Norm ist zeitlich konstant. Das ist wieder ein Spezialfall der allgemeinen Aus-
sage. Seien ψ1 , ψ2 Zustände, die derselben Dynamik unterworfen sind. Dann ist
   
d ∂ψ1 ∂ψ2
(ψ1 , ψ2 ) = , ψ 2 + ψ1 ,
dt ∂t ∂t
~
= − [−(Hψ1 , ψ2 ) + (ψ1 , Hψ2 )]
i
= 0

Wegen der zeitlichen Konstanz der Norm ist es zunächst schwer verständlich,
daß bei glatten Wellenfunktionen und festem x gelten soll

lim ψ(~x, t) = 0
t→±∞

Dafür kann man zwei Phänomene verantwortlich machen:


3.2 Die zeitliche Entwicklung der Wellenfunktion freier Teilchen 53

1. Weglaufen der Welle (Translation);


2. Auseinanderlaufen der Welle (Deformation).

Das Phänomen 2. läßt sich wie folgt behandeln: Sei ψ(~x, t) (bei festem t) aus
S(R3 ) (glatt und stark abfallend) und die Wellenfunktion für ein freies Teilchen.
Dann betrachten wir die Fourier-Zerlegung in ~k
Z
− 32 ~
ψ(~x, t) = (2π) d3 k ψ̂(~k)eik·~x−iωt

als eindimensionales Fourier-Integral in ω


Z∞
= dω g(ω)e−iωt
0

Das gelingt auf folgende elementare Weise:


  12
2m
k = |~k| = ω
~
d3 k = k 2 dk dΩ
 3
dk 2m 2 1 1
k2 = · ω2
dω ~ 2
Wir setzen dann
  23 Z
1 2m 1 3 ~
g(ω) = · ω 2 (2π)− 2 dΩk ψ̂(~k)eik·~x
2 ~
wobei im Integral nach der Integration k durch ω zu ersetzen ist. Das Integral hat
danach eine Taylorreihe in ω um ω = 0.

Nun kann man leicht zeigen, daß

g(ω) ∼ ω α α ∈ C\N
(ω → 0)

impliziert
Z∞
t→±∞
dω g(ω)e−iωt ∼ |t|−α−1
0

(vgl. die Fourier-Transformierte der Distribution ω α · Θ(ω)). Also ist


3
ψ(~x, t) ∼ |t|− 2 für t → ±∞, x fest

Das Auseinanderfließen wird also bewirkt durch die spezielle Funktion


~k −→ ω(k)

die sogenannte Dispersions-Funktion. In der Elektrodynamik ist statt dessen

ω(k) = c · |~k|

In diesem Fall gibt es formstabile Wellenpakete, die nur durch Weglaufen verschwin-
den (mit Lichtgeschwindigkeit).
54 3 DIE DYNAMIK

Die Verschiebung und das Auseinanderfließen lassen sich am Beispiel des Gauß-
schen Paketes rechnerisch einfach verfolgen. Wir setzen im L2 (R3 )
1 2 ~
ψ(~x, 0) = αe− 2b2 ~x +ik0 ·~x
α : Normierungskonstante
Daraus ist ψ(~x, t) zu berechnen. Dies ist das typische Anfangswert-Problem der
Schrödingergleichung. Zur Lösung entwickeln wir nach den Eigenfunktionen von H,
in diesem Fall ebenen Wellen. Damit bekommen wir
Z
3 ~
ψ(~x, 0) = (2π)− 2 d3 k ψ̂(~k)eik·~x

und durch Umkehrung


Z
3 ~
ψ̂(~k) = (2π)− 2 d3 k ψ(~x, 0)e−ik·~x
Z
3 1 2 ~ ~
= (2π)− 2 α d3 x e− 2b2 ~x −i(k−k0 )·~x

Die quadratische Ergänzung des Exponenten ist


 2
1 2 ~ ~ ~x
~x + 2i(k − k0 )~x = + i(k − k0 )b + b2 (~k − ~k0 )2
~ ~
b2 b
Da die komplexe Translation
~x −→ ~x + i(~k − ~k0 )b2
den Wert des Integrals nicht ändert, und
Z
1 2 3
d3 x e− 2b2 ~x = (2πb2 ) 2

haben wir
1 2 ~ ~ 2
ψ̂(~k) = αb3 e− 2 b (k−k0 )
Also ist ψ̂(~k) eine Gauß-Funktion mit Zentrum bei ~k0 .

Nun ist die Zeitentwicklung jeder ebenen Welle ϕ~k (~x) durch den Faktor

e−iω(k)t
gegeben. Folglich ist
Z
− 32 1 2
(~
k−~
k0 )2 +i~
3
ψ(~x, t) = αb (2π) d3 k e− 2 b k·~
x
· e−iω(k)t

Der Exponent wird wieder quadratisch ergänzt


~~k 2
 
~t ~ 2
b2 (~k − ~k0 )2 − 2i~k~x + 2i t = b2 + i k
2m m
− 2(b2~k0 + i~x) · ~k
+b2~k02
 12 − 12   2
"  #
~t ~k − b + i ~t
= 2
b +i 2
b ~k0 + i~x
2
m m
  2 
~k0 + i ~x2
b
+b2 ~k02 −
 
~t 
1 + i mb 2
3.3 Die Greensche Funktion für das Anfangswertproblem 55

Nun ist ein Gauß-Integral Z


1 2
dxe− 2 Ax

in A analytisch fortsetzbar von A > 0 in die ganze Halbebene Re A > 0. Das


machen wir uns zunutze:
    2 
 − 32 ~k0 + i ~x2
i~t  1  b
ψ(~x, t) = α 1 + exp − b2 ~k02 −

mb 2 2 ~t 
1 + i mb2

Für t → 0 wird der Anfangswert ψ(~x, 0) angenommen wie erwartet. Für |t| → ∞
ist
 − 32
− 12 b2~
k02 i~t
ψ(~x, t) ∼ αe 1+
mb2
3
∼ t− 2

wie allgemein gezeigt wurde.

Die Verformung und Verschiebung des Gauß-Pakets erkennt man am besten am


Betragsquadrat
 3 
~~
2
2 2 b − 1 ~
k
x− m0 ·t
|ψ(~x, t)| = |α| · · e b(t)2
b(t)
1
~ 2 t2 2

b(t) = b 1 +
mb2

Die Translationsgeschwindigkeit ist

~~k0
~v =
m
und die Verformung wird durch die zunehmende Breite
 12
~ 2 t2

b(t) = b 1 +
mb2
erfaßt. Der hier auftretende Ausdruck für die Translationsgeschwindigkeit ~v ist iden-
tisch mit der Gruppengeschwindigkeit, die definiert wird durch


~v = ω(k) (Gradient, zu nehmen im Maximum (Schwerpunkt) von ψ(k))
∂~k
und die Fortbewegung eines allgemeinen Wellenpaketes erfaßt.

3.3 Die Greensche Funktion für das Anfangswertproblem

Es gibt eine weitere Möglichkeit, die zeitliche Entwicklung der Wellenfunktion ψ(~x, t)
aus dem Anfangswert ψ(~x, 0) zu berechnen, nämlich die Verwendung der Greenschen
Funktion. Bei zeitlich konstantem H (konservatives System) kann die Schrödinger-
gleichung
~ ∂
− ψ = Hψ
i ∂t
56 3 DIE DYNAMIK

formal integriert werden durch


i
ψ(t) = e ~ Ht ψ(0)
Der Operator
i
Ut = e ~ Ht
hat die Eigenschaft, unitär zu sein, d. h.
Ut+ = Ut−1
sowie
Ut1 Ut2 = Ut1 +t2
Ut−1 = U−t
U0 = I
zu erfüllen. Als Greensche Funktion bezeichnet man den zum abstrakten Operator
Ut gehörenden Integralkern in Ortsrealisierung
Z
ψ(~x, t) = d3 x0 G(~x, ~x0 ; t)ψ(~x0 , 0)

G genügt dann selbst der Schrödingergleichung


~2
 
~ ∂
− ∆~x + V (~x) + G(~x, ~x0 ; t) = 0
2m i ∂t
mit der Anfangsbedingung
G(~x, ~x0 ; 0) = δ(~x − ~x0 )

In seltenen Fällen läßt sich die Greensche Funktion explizit berechnen. Dazu
gehören der Fall des freien Teilchens und des harmonischen Oszillators. Wir be-
trachten die zeitseparierte Schrödingergleichung
Hψ = Eψ
Zur Vereinfachung der Schreibweise sei das Spektrum diskret angenommen, {En }
Hψn = En ψn
Dann entwickeln wir den Anfangswert ψ(0) und den t-Wert ψ(t) in diese Basis
X
ψ(0) = cn ψn
n
X
ψ(t) = cn (t)ψn
n

Anwenden der Schrödingergleichung ergibt


~ d
− cn (t) = En cn (t)
i dt
i
cn (t) = e− ~ En t · cn
also ist
i
X
ψ(t) = e− ~ En t cn ψn
n
i
X
= e− ~ En t ψn (ψn , ψ(0))
n
3.4 Das Ehrenfestsche Theorem und die Erhaltungsgrößen 57

Daraus ergibt sich


i
X
G(~x, ~x0 ; t) = e− ~ En t ψn (~x)ψn (~x0 )
n

Nun zurück zum freien Teilchen

ψn (~x) −→ ϕ~k (~x), auf Deltafunktionen normiert (bez. ~k)


X Z
−→ d3 k , dazu gehöriges Maß
n
~2 k 2
Z
~ 0 k2
~~
0 −3
En −→ , G(~x, ~x ; t) = (2π) d3 k eik·(~x−~x )−i 2m t
2m
Das eindimensionale Integral
+∞
Z
0 ~k2
−1
(2π) dk eik·(x−x )−i 2m t
−∞

konvergiert als uneigentliches Integral für t 6= 0. Sei t > 0. Wir haben als quadrati-
sche Ergänzung
"  12  − 12 #2  −1
i ~t ~t 0 i ~t
− k− (x − x ) + (x − x0 )2
2 m m 2 m

Das ,,Fresnelsche Integral” (bedingt konvergent)


+∞
Z +∞
Z
i 2 1 2
−π
dϕ e− 2 ϕ = e 4i dϕ e− 2 ϕ
−∞ −∞
1 π
= (2π) e− 4 i
2

ist aus der Optik bekannt. Die Greensche Funktion ist dann das Produkt dreier
eindimensionaler Integrale
 m  32 3 i m 0 2
G(~x, ~x0 ; t) = e− 4 iπ · e+ 2 ~t (~x−~x )
2π~t
Tatsächlich kann man zeigen, daß im Limes der Distributionen

lim G(~x, ~x0 ; t) = δ(~x − ~x0 )


t→0

gilt, wie gefordert.

3.4 Das Ehrenfestsche Theorem und die Erhaltungsgrößen

Das Ehrenfestsche Theorem stellt den Zusammenhang zwischen der klassischen


und der Quanten-Physik dar. Es lautet: Die quantenmechanischen Erwartungswerte
genügen den klassischen Bewegungsgleichungen. Beim Gaußschen Wellenpaket hat-
ten wir schon beobachtet, daß der Schwerpunkt (Erwartungswert des Ortes) sich
mit der Geschwindigkeit
~~k0 p~0
~v = =
m m
58 3 DIE DYNAMIK

verschob, wobei p~0 der Schwerpunkt der Impulsverteilung (Erwartungswert des Im-
pulses) war. Also
d 1
h~xi = h~pi
dt m
Das ist offenbar ein Spezialfall des Ehrenfestschen Theorems. Zum Beweis des all-
gemeinen Satzes bemerken wir, daß
d i
(ψ, Aψ) = − (ψ, [A, H]ψ)
dt ~
als Folge der Schrödingergleichung. Sei nun

H = H(P, Q)
~
[Pi , Qj ] = δij
i
Dann ist z. B.

[Pi2 , Qj ]= Pi [Pi , Qj ] + [Pi , Qj ]Pi


~
= 2 δij Pi
i
~
[f (Pi ), Qj ] = δij f 0 (Pi ) (f 0 i stetig)
i
~ ∂H
[H(P, Q), Qj ] = (P, Q)
i ∂Pj

Also ist die erste Gleichung


d ∂H
(ψ, Qj ψ) = (ψ, ψ)
dt ∂Pj

Entsprechend erhalten wir


~ ∂f
[Pj , f (Q)] = +
i ∂Qj

und damit
d ∂H
(ψ, Pj ψ) = −(ψ, ψ)
dt ∂Qj
Speziell gilt also die Newtonsche Bewegungsgleichung
1 ~2
H = P + V (~x)
2m
d
(ψ, P~ ψ) = −(ψ, ∇V
~ ψ)
dt
Wir haben hier nur die Vertauschungsrelationen benutzt. Man kann den Beweis
natürlich auch unter Benutzung der Ortsrealisierung führen. Beim Korrespondenz-
prinzip war die Anordnung der Operatoren P, Q in H nur eindeutig, wenn H die
Form
H = T (P ) + V (Q)
hatte. Das gleiche gilt für die Differentiation
∂H ∂H
,
∂Pi ∂Qi
Im Zweifelsfalle rechne man die Kommutatoren aus!
3.5 Eindimensionale Probleme 59

In der klassischen Physik ist eine Erhaltungsgröße F (p, q) eine Observable, die
längs der Bahn konstant bleibt

d
F (p(t), q(t)) = 0
dt

Wir nennen entsprechend eine Erhaltungsgröße in der Quantenmechanik eine


Observable A, für die gilt

d
(ψ, Aψ) = 0 für alle ψ
dt
Dann muß gelten
[A, H] = 0

Denn
i[A, H]

ist selbst selbstadjungierter Operator. Lassen wir ψ durch alle Eigenvektoren laufen,
so müssen alle Eigenwerte verschwinden, der Operator der Nulloperator sein.

3.5 Eindimensionale Probleme

Eindimensionale Probleme sind nicht nur Spielzeugmodelle des Theoretikers, son-


dern treten tatsächlich in der Physik auf. Als Beispiel wollen wir den ,,Potentialtopf”
(Siehe Abbildung 2) behandeln.
(
−V0 |x| ≤ a
V (x) = (V0 > 0)
0 |x| ≥ a

Wir lösen die Schrödingergleichung stückweise in den Intervallen konstanten


Potentials und passen die Wellenfunktionen an den Unstetigkeitsstellen auf folgende
Weise aneinander an: In

~2 d 2
 
− + V (x) ψ(x) = Eψ(x)
2m dx2

ist die Unstetigkeit von V (x) durch die zweite Ableitung zu kompenisieren, z. B.

ψ(a + 0) = ψ(a − 0) = ψ(a)


ψ 0 (a + 0) = ψ 0 (a − 0)= ψ 0 (a)
2m
ψ 00 (a + 0)− ψ 00 (a − 0) = 2 [V (a + 0) − V (a − 0)]ψ(a)
~
Wir machen ψ stetig und stetig differenzierbar.

Wir betrachten zunächst negative Energien. Alle Lösungen der Schrödingerglei-


chung wachsen für x → +∞ oder −∞ exponentiell an, falls

E < −V0
60 3 DIE DYNAMIK

x
a

−V0
−a

Abbildung 2: Eindimensionaler Potentialtopf


3.5 Eindimensionale Probleme 61

Als allgemeine Lösungen sind aber polynomial beschränkte Distributionen erlaubt:


keine Lösungen für E < −V0 . Sei nun 0 > E > −V0 . Wir machen den Ansatz

−κx
τ2 e
 x>a
ikx −ikx
ψ(x) = αe + βe |x| < a

 +κx
τ1 e x < −a
 21
2m
κ = |E|
~2
  12
2m
k = (V0 − |E|)
~2
Aneinanderstückeln bei x = a ergibt
τ2 e−κa = αeika + βe−ika
−κτ2 e−κa = ik αeika − βe−ika


und bei x = −a
τ1 e−κa = αe−ika + βeika
+κτ1 e−κa = ik αe−ika − βeika


Jedes Gleichungssystem erlaubt, α, β als Funktionen von τ1 bzw. τ2 auszudrücken.


Setzen wir die Lösung aus dem ersten System in das zweite ein, so erhalten wir
τ1 = f1 (τ2 )
τ1 = f2 (τ2 )
Die Verträglichkeit dieser Gleichungen ist nur für bestimmte k, κ gewährleistet. Das
sind dann die Eigenwerte. Explizit:
1 τ1 e−κa

eika
α = − κ
2 ik τ1 e−κa −eika
1 e−ika τ1 e−κa

β = − −ika κ −κa
2 e ik τ1 e
1 −κa+ika  κ
α = τ1 e 1+
2 ik
1 −κa−ika  κ
β = τ1 e 1−
2 h ik i
κ
τ2 = τ1 cos 2ka + sin 2ka
k
h κ ik
τ2 = τ1 sin 2ka − cos 2ka
k κ
Verträglichkeit erfordert
2 κk 2 tan ka −2 cot ka
tan 2ka = = =
1− κ2
k2
1 − tan2 ka 1 − cot2 ka
Diese Bedingung hat die beiden Lösungen

κ
1. tan ka = k . Eingesetzt in
τ2 = τ1 [cos 2ka + tan ka · sin 2ka]
= τ1 cos2 ka − sin2 ka + 2 sin2 ka
 

= τ1
62 3 DIE DYNAMIK

κ
2. − cot ka = k . Eingesetzt in

τ2 = τ1 [cos 2ka − cot ka · sin 2ka]


= τ1 cos2 ka − sin2 ka − 2 cos2 ka
 

= −τ1

Entsprechend:

1.
κ e−ika
1+ = 1 − i tan ka =
ik cos ka
κ e+ika
1− = 1 + i tan ka =
τ1
ik
−κa
cos ka
α= 2 cos ka e
τ1 −κa
τ1 −κa ψ = e · cos kx
β= 2 cos ka e cos ka

2.
κ i
1+ = 1 + i cot ka = e−ika
ik sin ka
κ −i +ika
1− = 1 − i cot ka = e
+i
ik
−κa
sin ka
α= 2 sin ka τ1 e
τ1 −κa
−i −κa ψ = − e · sin kx
β= 2 sin ka τ1 e sin ka

Die Lösungen lassen sich graphisch am leichtesten überblicken. Wir benutzen die
Abkürzung
2mV0 2
η2 = a , η>0
~2
und setzen in die Gleichungen für κ, k ein:
 12
κ η 2 − k 2 a2
= = f (ka)
k ka
Wir lassen V0 von 0 aus anwachsen.

Die Schrödingergleichung ist symmetrisch unter Spiegelung x → −x. Unter die-


ser Spiegelung muß ψ(x) wieder in eine Lösung desselben Eigenwerts übergehen.
Da die Eigenwerte nicht entartet sind, ist

ψ(−x) = εψ(x), ε2 = 1

Bei gegebenem V0 zählen wir die Eigenwerte ab gemäß

k0 < k1 < k2 < . . .


k0 : Grundzustand
En = E(kn )

Die Parität ist für


kn : ε = (−1)n .
Die Wellenfunktionen sind nämlich wie in Abbildung 4. Die Zahl der Nullstellen ist
3.5 Eindimensionale Probleme 63

Kurve 1: 0 < η < π2 1 Bindungszustand


π
2: 2 <η <π 2 Bindungszustände
3: π < η < 32 π 3 Bindungszustände

Abbildung 3: Graphische Lösung des eindimensionalen Potentialkastens

Abbildung 4: Wellenfunktionen des eindimensionalen Potentialkastens


64 3 DIE DYNAMIK

entsprechend n für ψn (,,Knotensatz”).

Nun zu den Streuzuständen bei E > 0. Wir betrachten die physikalische Situa-
tion, bei der Teilchen von x = −∞ eingestrahlt werden. Dann werden am Potenti-
altopf Teilchen zurückgestreut, andere durchgelassen (,,reflektiert” bzw. ,,transmit-
tiert”).

ikx
τ e ,
 x>a
ψ(x) = αeiκx + βe−iκx , −a < x < a
e + %e−ikx ,

 ikx
x < −a
Hier ist

~2 k 2 ~ 2 κ2
(3.5.1) E= = − V0 .
2m 2m
Die detaillierte Rechnung ist analog zu vorher. Im Bereich x < −a haben wir
zwei freie Parameter im Vergleich zu einem bei den Bindungszuständen. Daher
bekommen wir nun ein kontinuierliches Spektrum. Das Ergebnis ist

2kκe−2ika
(3.5.2) τ = ,
2κk cos(2κa) − i(κ2 + k 2 ) sin(2κa)
i(κ2 − k 2 ) sin(2κa)e−2ika
(3.5.3) % = .
2κk cos(2κa) − i(κ2 + k 2 ) sin(2κa)

Im Zusammenhang mit solchen Streuproblemen ist es zweckmäßig, folgende Be-


griffsbildung einzuführen: Neben der Wahrscheinlichkeitsdichte

%(x) = |ψ(x)|2

definieren wir, falls


p~2
H= + V (x)
2m
die Wahrscheinlichkeitsstromdichte.

~  ~ ~

~(x) = ψ ∇ψ − ψ ∇ψ (x).
2im
Diese Begriffsbildung wird gerechtfertigt durch die Gültigkeit der Kontinuitätsglei-
chung
∂%
+ div ~ = 0
∂t
nach

~2
H = − ∆ + V (x)
2m
~ 
div ~ = ψ∆ψ − ψ∆ψ
2im
i 
= ψ (H − V ) ψ − ψ (H − V ) ψ
~     
i ~ ∂ ~ ∂
= ψ − ψ−ψ + ψ
~ i ∂t i ∂t
∂ 
= − ψψ
∂t
3.5 Eindimensionale Probleme 65

x
a
V0
V

−a

Abbildung 5: Eindimensionale Potentialschwelle

Wenn wir einen Streuprozeß (zur Realisierung der quantenmechanischen Ge-


samtheit) statt N (→ ∞) mal mit einem Teilchen zu wiederholen, mit einem dünnen
Teilchenstrahl ausführen, so wird
N~(x)
die Teilchenstromdichte darstellen.

Nun wenden wir diesen Begriff auf die eindimensionale Streuung an. Für unseren
Ansatz (j positiv in x-Richtung)

2
 m |τ | ,
~k
 x>a
2
j(x) = m (|α| − |β| ), 2

−a ≤ x ≤ a
 2
− |%| x < −a
 ~k
m (1 ),

Aus Gründen der Wahrscheinlichkeitserhaltung (Teilchenzahlerhaltung) muß gelten


(Da ψ und ψ 0 stetig sind, ist auch j(x) stetig)
|%|2 + |τ |2 = 1
2 κ
|τ | = (|α|2 − |β|2 )
k

Nun betrachten wir den Fall der Potentialschwelle (Abbildung 5). Dazu setzen
wir die gerade benutzten Formeln von V0 nach−V0 fort. Wir haben die beiden Fälle

1. E > V0
66 3 DIE DYNAMIK

2. 0 < E < V0

Bindungszustände gibt es nicht mehr. Im Fall 1 gelten die Formeln für die Wellen-
funktion ψ der Struzustände sowie %, τ ungeändert. Nun ist κ definiert durch
~ 2 κ2 ~2 k 2
E= + V0 =
2m 2m
Im Fall 2 ist die Streufunktion ψ für |x| > a wie in 1, aber im Inneren abzuändern
in
ψ(x) = αe−σx + βeσx , |x| < a
Wir erhalten sie aus der bisherigen Formel ((3.5.1), S. 64) durch die Fortsetzung
r
2m
κ=i (V0 − E) = iσ
~2
Einsetzen dieser Formel in τ, % ((3.5.2), (3.5.3), S. 64) liefert
2σke−2ika
τ = ;
2σk cosh(2σa) − i(k 2 − σ 2 ) sinh(2σa)
−i(σ 2 + k 2 ) sinh(2σa)e−ika
% = .
2σk cosh(2σa) − i(k 2 − σ 2 ) sinh(2σa)
An der Schwelle σ = 0 wird
e−2ika
τ = ;
1 − ika
e−2ika
% = (−ika).
1 − ika
Fällt die Energie unter die Schwelle ab und ist σa  1, so wird die Transmission τ
exponentiell klein und % eine Phase
−1
k2 − σ2

τ ≈ 1−i e−2σa−2ika
2σk
% ≈ (2σk − i(k 2 − σ 2 ))−1 (−i(σ 2 + k 2 ))e−2ika , |%| = 1
Daß überhaupt für σ > 0 (d. h. unterhalb der Schwelle) noch Transmission stattfin-
det, heißt der Tunneleffekt. Für den Exponentialfaktor der Tunneleffekt-Transmission
kann man die (im quasi-klassischen Limes gültige) Näherungsformel
 
i |ψ(x2 )|
ψ(x2 ) = exp (S(x2 ) − S(x1 )) ψ(x1 )
~ |ψ(x1 )|
Zx2
∂S ∂S
S(x2 ) − S(x1 ) = dx, =P
∂x ∂x
x1
Zx2 Zx2
i i 1
pdx = [2m(E − v(x))] 2 dx
~ ~ | {z }
x1 x1 <0
Zx2
1 1
= ∓ [2m(V (x) − E)] 2 dx oberes Vorzeichen relevant!
~
x1

aufstellen, die in unserem Fall


e−2aσ
ergibt, also exakt richtig ist.
3.6 Das Wasserstoffatom 67

Abbildung 6: Zum Tunneleffekt

3.6 Das Wasserstoffatom

Wir wollen das Wasserstoffatom

• im Grenzfall des unendlich schweren Protons;

• bei Vernachlässigung des Elektronenspins und alleiniger Coulombwechselwir-


kung zwischen Elektron und Proton

behandeln. Wie in der klassischen Mechanik sind unsere Formeln aber auch rich-
tig, wenn wir m als reduzierte Masse verstehen und die Protonenmasse als endlich
angenommen wird. Die Reduktion des Zweikörperproblems durch Abspalten der
Schwerpunktbewegung werden wir später behandeln. Wir wollen noch etwas weiter
verallgemeinern und statt des Wasserstoffatoms das (Z − 1)-fach ionisierte Z-Atom
untersuchen. Dann ist die Coulombwechselwirkung

Ze2
V (r) = − .
r

~ 2 und L3 mit H. Damit


Das Potential hängt nur von r ab, also kommutieren L
sind als mögliche Quantenzahlen
E, l, m
festgelegt. Für die zeitseparierte Schrödingergleichung

Hψ = Eψ

machen wir den Separationsansatz

ψ = ul (r)Yml (Θ, φ)

Dann ergibt sich als Gleichung für ul (r) (Abschnitt 2.7, S. 40)

~2
  2  
d 2 d l(l + 1)
− + − + V (r) ul (r) = Eul (r)
2m dr2 r dr r2
68 3 DIE DYNAMIK

Wir interessieren uns zuerst für die Bindungszustände mit E < 0. Dann setzen wir
2mE
κ2 = −
~2
und führen den Bohrschen Radius

~2
r0 =
me2
ein. Wir skalieren mit κ:
% = κr, %0 = κr0
Das ergibt die Differentialgleichung
 2 
d 2 d l(l + 1) 2Z
+ − + − 1 ul (%) = 0.
d%2 % d% %2 %%0

Wir versuchen einen Ansatz zur Lösung, der auf Sommerfeld zurückgeht. Dazu
betrachten wir das asymptotische Verhalten bei

1. % −→ ∞,
2. % −→ 0.

1. Hier dominiert in der Differentialgleichung der Term


 2 
d
− 1 ul (%) = 0,
d%2
ul (%) ∼ e−% ;

2. Hier dominiert (der Coulombterm fällt weg)


 2 
d 2 d l(l + 1)
+ − ul (%) = 0,
d%2 % d% %2
ul (%) ∼ %α ,
[α(α − 1) + 2α − l(l + 1)] %α−2 = 0,
α(α + 1) − l(l + 1) = 0
⇒ α1 = l,
α2 = −l − 1

Die reguläre Lösung gehört zu α1 , wie wir von der exakten Lösung der freien
Gleichung wissen.

Jetzt kombinieren wir beide Informationen und machen den Ansatz

ul (%) = %l fl (%)e−% ,
fl (%) : Polynom, fl (0) 6= 0

(daher ,,Sommerfeldsches Polynom-Verfahren”). Das Polynom fl (%) genügt der Dif-


ferentialgleichung
 
1 2Z 1
fl00 + 2(l + 1 − %) fl0 + − 2 − 2l fl = 0.
% %0 %
3.6 Das Wasserstoffatom 69

Der Potenzreihenansatz

X
fl (%) = aν %ν
ν=0

ergibt die Rekursion


 
Z
(ν + 1)(ν + 2l + 2)aν+1 − 2 l + 1 + ν − aν = 0.
%0
Wenn die Reihe der aν nicht abbricht, so folgt aus
 
Z
aν+1 2 l + 1 + ν − %0 ν→∞ 2 2ν
= ∼ , aν ∼ const ·
aν (ν + 1)(ν + 2l + 2) ν+1 ν!
Daraus ergibt sich

%→∞ X (2%)ν
fl (%) ∼ = e2% .
ν=0
ν!
Wir schließen, daß eine quadratintegrable Funktion ul (%) nur entstehen kann, wenn
die Rekursion abbricht.
Z
aN +1 = 0 =⇒ l + 1 + N = N ≥0
%0
(in der umgekehrten Richtung bricht die Rekursion immmer mit a−1 = 0 ab!). Wir
führen die Hauptquantenzahl n ein

n = l+N +1
Z
%0 =
n
~ 2 κ2
En = −
2m
 2
~ 2 %0
= −
2m r0
1 Z 2 e2 1
= − · 2
2 r0 n
Das ist die Balmer-Formel. Bei gegebener Hauptquantenzahl n ist

0≤l ≤n−1

Jeder Eigenwert En ist n2 -fach entartet, da


n−1
X
(2l + 1) = n2
l=0

Wir wollen nun die Eigenfunktionen genauer untersuchen. Wir haben zu jedem
n ∈ N\{0}, l ∈ {0, 1, . . . , n − 1} eine Eigenfunktion

un,l (%) = %l e−% fn,l (%)

wobei die Energieabhängigkeit in % enthalten ist

% = κn r
  12
2m κ1
κn = |E n | =
~2 n
70 3 DIE DYNAMIK

Aus
aν+1 2(ν − N )
=
aν (ν + 1)(ν + 2l + 2)
folgt7

2ν Γ(ν − N )
aν = C
ν!Γ(ν + 2l + 2)
2ν (−N )ν
= C
ν!(2l + 2)ν

Man bezeichnet
∞ ∞
X Γ(n + a) n X (a)n n
z = z
n=0
n!Γ(n + b) n=0
n!(b)n

= 1 F1 (a, b; z)

als Kummersche Reihe oder konfluente hypergeometrische Funktion 1 F1 . Diese


Funktion ist ganz analytisch. Ist −a ∈ N, so entartet sie zu einem Polynom vom
Grad −a. In unserem Fall tritt das gerade ein:

un,l (%) = Cn,l (2%)l e−% 1 F1 (l − n + 1, 2l + 2 ; 2%)


| {z }
(2l+1)
∼Ln−l−1 (2%)

Die konfluenten hypergeometrischen Polynome heißen Laguerre-Polynome. Man


bezeichnet ([A.+St.], nicht aber Grawert) für µ ∈ N:

Lµ (x) = L(0)
µ (x)
= 1 F1 (−µ, 1; x)

X (−µ)n n
= x Abbruch bei n = µ : (−µ)µ = (−1)µ µ!
n=0
n!n!

und
 α
d
L(α)
µ (x) = − Lµ+α (x)
dx

X (−µ − α)n
= (−1)α · n(n − 1) · · · (n − α + 1) · xn−α
n=α
n!n!)!

X (−µ − α)n (−1)α n−α
= x
n=α
n!(n − α)!
7

Γ(1 + a) = Γ(a) · a
Γ(2 + a) = Γ(a) · a(a + 1)
..
.
Γ(n + a) = Γ(a) · a(a + 1) · · · (a + n − 1)
Γ(n + a)
= (a)n ,,Pochhammer-Symbol”
Γ(a)
=⇒ (1)n = n!
3.6 Das Wasserstoffatom 71

Weiterhin gilt  
µ+α
L(α)
µ = 1 F1 (−µ, α + 1; x)
µ
Wir substituieren n − α = m und verwenden

(m + α)! = (α + 1)m · α!
(−µ − α)m+α = (−µ − α)(−µ − α − 1) · · · (−µ − 1) (−µ) · · · (−µ + m − 1)
| {z }| {z }
α m
(µ + α)!
= (−1)α (−µ)m
µ!

so daß

X (−µ − α)m+α (−1)α m
L(α)
µ (x) = x
m=0
(m + α)!m!

1 (µ + α)! X (−µ)m xm
=
α! µ! m=0
(α + 1)m · m!
 
µ+α
= 1 F1 (−µ, α + 1; x)
α

Damit ergibt sich


µ
(−1)n µ n
X  
Lµ (x) = x
n=0
n! n
 µ
1 x d (−1)µ µ
= e (xµ e−x ) = x + ... (höchste Potenz)
µ! dx µ!

Diese Polynome sind orthogonale Polynome, denn


Z∞
dx e−x Lµ1 (x)Lµ2 (x) = δµ1 µ2
0

wegen (µ1 ≥ µ2 )

Z∞ µ1 Z∞ µ1
(−1)µ1
 
1 d d
dx (xµ1 e−x )Lµ2 (x) = dx xµ1 e−x Lµ2 (x)
µ1 ! dx µ1 ! dx
0 0
µ1 >µ2
= 0
Z∞
µ1 =µ2 1
= dx xµ1 e−x = 1
µ1 !
0

Wir wollen zum Schluß die bei r = 0 regulären Lösungen des Wasserstoffpro-
blems für E > 0 und Kugelwellenform ableiten. Wir machen den Ansatz

ψ = ul (r)Yml (Θ, φ),


~2 k 2
E = , % = kr,
2m
ul (%) = %l fl (%)ei% .
72 3 DIE DYNAMIK

Für fl (%) bekommen wir die Gleichung


 
1 2Z 1
fl00 + 2(l + 1 + i%) fl0 + + 2i(l + 1) fl = 0.
% %0 %

Der Potenzreihenansatz für fl (%) liefert nun


 
z
fl (%) = 1 F1 l + 1 − i , 2l + 2; −2i%
%0

wobei die Energieabhängigkeit nur in %0 und % enthalten ist


r
2m
k = E,
~2
% = rk, %0 = r0 k.

Die Verwandschaft mit den Wellenfunktionen der gebundenen Zustände ist offen-
sichtlich.

Laß die Moleküle rasen


Was sie auch zusammenhobeln
Laß das Tüfteln, laß das Knobeln
Heilig halte die Ekstasen

(Christian Morgenstern)

3.7 Die Streuphasen

Beim eindimensionalen Streuproblem am Potentialtopf wurde aus einer von x =


−∞ einfallenden Welle ∼ eik·x eine Überlagerung aus einer einlaufenden und einer
reflektierten Welle
eikx + %e−ikx , x < −a
und eine durchgelassene Welle

τ eikx , x > +a

Diese durchgelassene Welle ist in ihrer Amplitude verkleinert und phasenverschoben

τ eikx = |τ |eikx+2iδ(k)
|τ | < 1

Bei dreidimensionalen Streuproblemen ist dies ein wesentlicher Gesischtspunkt. Wir


nehmen ein rotationssymmetrisches Potential V (r) an, das auf

lim V (r) = 0
r→∞

normiert ist. Zu jeder Drehimpulsquantenzahl l gibt es dann Lösungen der radialen


Schrödingergleichung mit
~2 k 2
E=
2m
3.7 Die Streuphasen 73

die sich bei r → 0 regulär verhält

ul (r) ∼ rl

wobei nur vorausgesetzt werden muß, daß V (r) in diesem Bereich r → 0 gegenüber
dem ,,Zentrifugalpotential” (abstoßend!)
~2 l(l + 1)
+
2mr2
vernachlässigt werden kann. Nehmen wir dann an, daß V (r) bei r → ∞ stärker
abfällt als das Coulomb-Potential (z. B. V (r) ∼ r−1−ε , ε > 0), so kann man zeigen,
daß die radiale Schrödingergleichung
~2 d 2
   
2 d l(l + 1) 2
− − − + k + V (r) ul (r) = 0
2m dr2 r dr r2
asymptotisch durch
sin kr − l π2 + δl (k)

r→∞
ul (r) ≈ cl
kr
gelöst wird. Dazu werden alle Terme O(r−2−ε ) vernachlässigt. Aus der unbestimm-
ten Phase der sin-Funktion wurde −l · π2 herausgezogen, damit bei V = 0 auch
δl (k) = 0 wird
 l
1 d sin %
% = kr : jl (%) = %l −
% d% %
1  π
≈ sin % − l
% 2
δl (k) heißt die Streuphase. Sie ist modulo π bestimmt und durch das asymptotische
Verhalten der regulären Lösung der Schrödingergleichung definiert. Wir können das
Ergebnis auch so formulieren: Wenn die regulären Lösungen ul (r) in eine einfallende
Kugelwelle u− +
l (r) und eine auslaufende Kugelwelle ul (r) zerlegt werden (beide sind
einzeln genommen singulär bei r = 0),

ul (r) = u− +
l (r) + ul (r)

cl e±i(kr−l 2 +δl )
π
±
ul (r) ≈ (cl reell)
2i kr
so ist
+2δl − (l + 1)π
die relative Phasenverschiebung beider Wellen. In der Quantenmechanik sind die
Streuphasen leider nicht direkt meßbar (nach dem heutigen Stand der Experime-
niertechnik).

Bei einem Coulombpotential


Ze2
V (r) = − , Z ∈ R beliebig
r
ist der Ansatz für die reguläre Lösung im Bereich r → ∞
sin kr − l π2 + fl (r)

ul (r) ≈ cl
kr
mit
Ze2 m
fl (r) = + ln(2kr) + σl
~2 k
74 3 DIE DYNAMIK

wieder unter Vernachlässigung von O(r−2−ε ). Dann nennt man die σl die Streupha-
sen.

Als Beispiel für solch ein Potential haben wir nicht nur das exakte Coulomb-
problem (Wasserstoffatom, Abschnitt 3.9, S. 81), sondern auch die Proton-Kern-
Wechselwirkung, die bei kleinen Abständen durch die starke Wechselwirkung be-
herrscht wird, bei großen Abständen aber durch die Coulomb-Abstoßung (starke
Wechselwirkung klingt ab wie

e−µr
Yukawa-Potential
r
−1
mit µ = (Comptonwellenlänge) = m~π c , µ−1 ≈ 1 f m). Die Streuphasen enthalten
auch Information über Bindungszustände. Sie sind in der Regel analytische Funktio-
nen des Impulsbetrages und können auf die imaginäre k-Achse fortgesetzt werden.
Dort ist
~2 k 2
E= , k = iκ, κ > 0
2m
also

E < 0, δl (iκ) komplex


cl ∓κr±i(−l π2 +δl (iκ)) 1

l (r) = ± e ·
2i iκr
An der Stelle des Bindungszustandes muß im Verhältnis der beiden Kugelwellen
die exponentiell anwachsende Funktion aussterben, da Bindungszustände durch
die Existenz einer regulären exponentiell abfallenden Wellenfunktion ausgezeichnet
sind. Also muß gelten

e−2iδl (iκ) q 2m|En | = 0

κ= ~2

En < 0, Bindungsenergie

Wir wollen nun ein elementares Beispiel durchrechnen. Wir betrachten den Po-
tentialtopf (
−V0 , r < R, V0 > 0
V (r) =
0, r>R
mit Reichweite R. Sei
2m
k2 = ·E >0
~2
2m
κ2 = (E + V0 ) > k 2
~2
Dann machen wir den Ansatz
(
jl (κr), r<R
ul (r) = (+) (+) (−) (−)
Al hl (kr) + Al hl (kr), r>R

mit
l
e±i%

(±) l 1 d
hl (%) = %
% d% %
(1) (±)
hl 2 = ∓ihl
3.7 Die Streuphasen 75

Dieser Ansatz garantiert die Regularität bei r = 0. Bei r = R werden die beiden
Stücke der Lösung stetig und stetig differenzierbar aneinander gepaßt.
(+) (+) (−) (−)
jl (κR) = Al hl (kR) + Al hl (kR)
(+) 0 (+) (−) 0 (−)
h i
κjl0 (κR) = k Al hl (kR) + Al hl (kR)

ergibt
0
(∓) (∓)
(±) kjl (κR)hl (kR) − κjl0 (κR)hl (kR)
Al =± (+) 0 (−) 0 (+) (−)
khl (kR)hl (kR) − khl (kR)hl (kR)
Nun ist
(+) (−)
%→∞: hl (%) = hl (%)
1 +i(%−l π2 )
≈ e
%
also, da ul (r) reell ist
(+) (−)
Al = Al
(+)
= |Al | · (−i)eiδl
und für r → ∞
(+)
2|Al |  π 
ul (r) ≈ sin kr − l + δl
kr 2
wie erwünscht. Ferner haben wir
(+)
Al
e2iδl = − (−)
Al
0
(−) (−)
kjl (κR)hl (kR) − κjl0 (κR)hl (kR)
= 0 (+) (+)
kjl (κR)hl (kR) − κjl0 (κR)hl (kR)
kjl (κR)jl0 (kR) − κjl0 (κR)jl (kR)
e2iδl − 1 = −2i · 0 (+) (+)
kjl (κR)hl (kR) − κjl0 (κR)hl (kR)
wobei
(+) (−)
hl (%) − hl (%) = 2ijl (%)
benutzt wurde. Setzen wir die Energie unter die Schwelle fort
−V0 < E < 0
so bleibt κ noch reell, aber k wird rein imaginär, k = iσ, σ > 0, und am Bindungs-
zustand ist
0
(−) (+) (+)
Al (iσ) ∼ +iσ · jl (κR)hl (iσR) − κjl0 (κR)hl (iσR) = 0
Beweis:

1. In diesem Fall muß die Lösung für r > R exponentiell abfallen, also
(
jl (ηr) r<R
ul (r) = (+)
Bl hl (iσr), r > R

1 +i(iσr− lπ2 )
∼ e
iσr
1 −σr−i lπ
= e 2
iσr
76 3 DIE DYNAMIK

Aneinanderstückeln der Lösung gibt


(+)
jl (ηR) = Bl hl (iσR)
0
(+)
κjl0 (ηR) = iσBl hl (iσR)
0
(+)
jl (κR )hl (iσR)
κ = iσ · (+)
jl0 (κR )hl (iσR)
( = Gleichung für Eigenwert E)

2. wir können natürlich auch fordern, daß


(+)
Bl = Al
(−)
0 = Al
(−)
Al
e−2iδl (iσ) = − (+)
=0
Al

Den Spezialfall l = 0, d. h. die S-Welle wollen wir uns genauer ansehen. Dann
ist
(±) e±i%
h0 (%) =
%
sin %
j0 (%) =
%
 
0
(±) 1 (±)
h0 (%) = ±i − h0 (%)
%
cos % sin %
j00 (%) = − 2
% %
Einsetzen liefert
1 + i κk tan κR
e2iδ0 = e−2ikR
1 − i κk tan κR
1 + i tan(δ0 + kR)
e2i(δ0 +kR) =
1 − i tan(δ0 + kR)
k
tan(kR + δ0 ) = tan κR
κ  
k  π
δ0 = −kR + arctan tan κR mod
κ 4
Bei kleinen Energien ist dann
 
tan κ0 R
δ0 = −k R − + O(k 3 )
κ0
  12
2m
κ0 = V0
~2

3.8 Wirkungsquerschnitt und Streuamplitude

Wenn ein monoenergetischer Teilchenstrahl (hinreichend dünn, damit die einzelnen


Teilchen als unabhängig angesehen werden können) auf ein Target einfällt, so wer-
den Teilchen in den ganzen Raumwinkel 4π gestreut. In großem Abstand r vom
3.8 Wirkungsquerschnitt und Streuamplitude 77

Streuzentrum und außerhalb des Primärstrahls wird in Richtung ~n ein Teilchen-


strom (Teilchen pro Zeiteinheit)

dN = jStreu (~n) r2 dΩ
↑ ↑
Teilchen pro
Teilchen
(Zeit×Fläche)
pro Zeit
nimmt ab wie r12

dΩ : Raumwinkelelement

beobachtet. Dieser Teilchenstrom ist proportional der einfallenden Stromdichte jein .


Man bezeichnet
dσ 1 dN jStreu (~n) 2
= = ·r
dΩ jein dΩ jein
(für große r unabhängig von r) als differentiellen Wirkungsquerschnitt (Dimension:
Fläche) und Z Z

dσ = dΩ = σ
dΩ
als totalen Wirkungsquerschnitt.

In einer Wellentheorie wie in der Quantenmechanik wird der Wirkungsquer-


schnitt mit einer Streuamplitude in Verbindung gebracht. Dazu gehen wir von einer
regulären Lösung der Schrödingergleichung zum Energiewert

~2 k 2  
E= >0 lim V (r) = 0
2m r→∞

aus. Wir fordern, daß sie das asymptotische Verhalten


 
0
r→∞ eikr ~k = 0
ψ~k (x) ≈ eikz + f (Θ)
r
k

haben soll. Bisher haben wir nur reguläre Lösungen der Art

ul,E (r)Yml (Θ, φ)

betrachtet. Das ψ~k (x) mit der asymptotischen Eigenschaft läßt sich aus Überla-
gerung aus solchen Kugelwellen aufbauen (siehe später). Diese Wellen existieren
wieder nur, wenn V (r) stärker abfällt als 1r (r → ∞). Wenn wir aus solchen Wellen
ein Wellenpaket bilden, so erwarten wir folgendes: Bei t → −∞ haben wir ein frei-
es Wellenpaket, das sich auf das Zentrum zu bewegt. Sobald es in die Reichweite
des streuenden Potentials eintritt, bildet sich eine Kugelwelle aus, die sich als Pa-
ket im ganzen Raum ausbreitet. Ferner wird ein geschwächtes Wellenpaket in der
ursprünglichen Richtung weiterlaufen.

Rechnerisch läßt sich das auf folgende Weise erfassen: Sei etwa das Wellenpaket
Z
~k2
ψ(x, t) = d3 k ψ~k (x)ϕ̂(k)e−i 2m t

betrachtet und mit dem freien Wellenpaket


Z
~ ~k2
ϕ(x, t) = d3 k eik·~x ϕ̂(k)e−i 2m t
78 3 DIE DYNAMIK

verglichen. Die Behauptung ist: für t → −∞ ist

lim (ψ(x, t) − ϕ(x, t)) = 0


t→−∞

Das gilt tatsächlich im starken Hilbert-Raum-Limes (nicht punktweise), es läßt sich


mit folgenden simplen Argumenten plausibel machen: ϕ(x, t) sei ein Wellenpaket8 ,
das sich mit der Geschwindigkeit
~~k0
m
ausbreitet. Der Schwerpunkt befinde sich bei

~~k0
~x(t) = ~x(0) + t
m
und zur Zeit t0 im Ursprung (Streuzentrum)

~~
k0
0 = ~x(t0 ) = ~x(0) + m t0
~~
k0
~x(t) = m (t − t0 )

In der Kugelwelle entwickeln wir um ~k0



kr : k = ~k0 + (~k − ~k0 )

! 12
2~k0 · (~k − ~k0 ) (~k − ~k0 )2
= |k0 | · 1+ +
k02 k02
!
~k0 · (~k − ~k0 )
= |k0 | · 1+ + ...
k02
~k0 · ~k  
= |k0 | + − |k0 | + O |~k − ~k0 |2
|k0 |
~k0 · ~k  
= + O |~k − ~k0 |2
|k0 |
Z Z  ~
1 f (Θ, k0 )

k
~k2 i~
k· |k0 | r ~k2
d3 k f (Θ, k)eikr ϕ̂(k)e−i 2m t ≈ 3
d ke 0 ϕ̂(k)e−i 2m t
r r
!
f (Θ, k0 ) ~k0
≈ ϕ r, t
r |k0 |

Das ist eine Kugelwelle der gleichen Gestalt wie ϕ(x, t), sie breitet sich jedoch
konzentrisch aus mit Schwerpunkt
~k0
r(t) = (t − t0 )
m
Für t < t0 ist sie nicht vorhanden. Dann muß

ψ(x, t) = ϕ(x, t)

sein.

Nun zum asymptotischen Ansatz für die Streuwellenfunktion ψ~k (x). Dieser An-
satz ist tatsächlich korrekt, falls
8 ϕ̂(k) ist bei ~k = ~k0 konzentriert.
3.8 Wirkungsquerschnitt und Streuamplitude 79

• V (r) kugelsymmetrisch
1
• V (r) stärker abfallend als r für r → ∞

Wenn er gilt, können wir den Strom der Kugelwelle und der ebenen Welle einzeln
berechnen.
~k |f (Θ)|2
 
1
~Streu = ~
n + O
m r2 r3
d
f (Θ)) sind alle O r13 .

(~n: Radial-Einheitsvektor) Die Tangentialkomponenten (∼ dΘ
Ferner haben wir  
~ 0
~k 0
~ein = ,
m
k
Das ergibt für den differentiellen Wirkungsquerschnitt


= |f (Θ)|2
dΩ

Beim Experiment ist der Strahl seitlich begrenzt. Man muß das Nachweisgerät
aus der Interferenzzone zwischen Kugelwelle und (seitlich begrenzten) ebenen Wel-
len heraushalten. Die Messung der Vorwärtsstreuung (Θ = 0) ist sehr delikat. Bei
Potentialen mit langer Reichweite ist f (Θ) bei Θ = 0 singulär!

In vielen Fällen ist eine Integration der Schrödingergleichung, die für r → ∞ die
gewünschte Randbedingung (ψ~k (x)) erfüllt und damit die Streuamplitude liefert,
nicht analytisch möglich. Statt dessen können wir, wenn auch oft nur numerisch,
die Streuphasen δl bestimmen. Wir suchen daher nach einem Ausdruck von f (Θ)
durch die δl , die sogenannte Streuphasenentwicklung der Streuamplitude.

Wir nehmen an, ψ~k (x) sei gegeben. Als reguläre Lösung muß sie die Entwicklung
 
X 0
ψ~k (x) = ul (r)Y0l (Θ), ~k = 0
l k

besitzen. ~k liegt in z-Richtung: Rotationen um die z-Achse lassen ψ~k (x) ungeändert.
Weiterhin hängt eikz = eikr cos Θ nicht von φ ab, und damit ist m = 0. Dabei ist für
jedes ul (r) (mit unbestimmtem cl )

r→∞ 1  π 
ul (r) ≈ cl sin kr − l + δl
r 2
also
r→∞ X cl h i 1
ei(kr−l 2 +δl ) − e−i(kr−l 2 +δl ) Y0l (Θ) ·
π π
ψ~k (x) ≈
2i r
l

Im Abschnitt 2.7 (S. 39) haben wir die ebene Welle zerlegt gemäß

X 1
eikz = [4π(2l + 1)] 2 il jl (kr)Y0l (Θ),
l=0

wobei
1  π
jl (kr) ≈ sin kr − l
kr 2
80 3 DIE DYNAMIK

Ferner machen wir den Ansatz



X
f (Θ) = al Y0l (Θ)
l=0

Dann ist

(
e+i(kr−l 2 )
π
ikz eikr X 1 1 eikr
e + f (Θ) ≈ [4π(2l + 1)] 2 il + al
r 2ik r r
l=0
)
e−i(kr−l 2 )
π
1 1
− [4π(2l + 1)] 2 il Y0l (Θ)
2ik r

Das erlaubt uns, die Koeffizienten cl zu berechnen, wenn wir die einlaufenden Ku-
gelwellen vergleichen:
1 1
cl = [4π(2l + 1)] 2 · il · eiδl
k
also in den auslaufenden Kugelwellen
cl i(−l π2 +δl ) 1 1
e = [4π(2l + 1)] 2 i|l ei({z 2 ) +a
−l π
} l
2i 2ik
=1

oder
1 1  1 1
al =[4π(2l + 1)] 2 e2iδl − 1 = [4π(2l + 1)] 2 eiδl sin δl
2ik k
Damit haben wir die gewünschte Entwicklung

1X 1
f (Θ) = [4π(2l + 1)] 2 eiδl sin δl Y0l (Θ)
k
l=0

1X
= (2l + 1)eiδl sin δl Pl (cos Θ)
k
l=0
 1
l 2l + 1 2
mit Y0 (Θ) = Pl (cos Θ)

Im Limes k → 0 (E → 0) zeigen die Streuphasen ein gewisses Schwellenverhalten.


Dies wird durch die Abstoßung des Zentrifugalpotentials bewirkt. Diese Abstoßung
nimmt mit l zu und verdrängt das Elektron aus dem Streuzentrum. Dadurch wird
die Wirkung des Potentials abgeschwächt. Dieses Schwellenverhalten kann man im
Fall des Potentialtopfes leicht nachweisen. Wir schreiben zuerst
kjl (κR)jl0 (kR) − κjl0 (κR)jl (kR)
eiδl sin δl = − 0 (+) 0 (+)
kjl (κR)hl (kR) − κjl0 (κR)hl (kR)
Dann verwenden wir die asymptotischen Formeln (Abschnitt 2.7)

(kR)l
jl (kR) = (1 + O((kR2 ));
(2l + 1)!!
l(kR)l−1
jl0 (kR) = (1 + O((kR)2 ));
(2l + 1)!!
(+) (2l − 1)!!
hl (kR) = (1 + O(kR));
(kR)l+1
0
(+) −(l + 1)(2l − 1)!!
hl (kR) = (1 + O(kR)).
(kR)l+2
3.9 Die Streuung am Coulomb-Potential 81

q
2mV0
Eingesetzt ergibt dies (mit κ0 = ~2 ):

(kR)2l+1 (1 + O(kR)) ljl (κ0 R) − κ0 Rjl0 (κ0 R)


eiδl sin δl = .
(2l − 1)!!(2l + 1)!! (l + 1)jl (κ0 R) + κ0 Rjl0 (κ0 R)

Das Schwellenverhalten
δl = O((kR)2l+1 )
gilt für jedes Potential mit endlicher Reichweite R (z. B. auch das Yukawa-Potential
e−µr −1
r , mit R = µ ).

Der differentielle Wirkungsquerschnitt kann durch die Streuphasen δl ausge-


drückt werden. Erst die Integration zum totalen Wirkungsquerschnitt liefert eine
Vereinfachung

Z+1 ∞
4π X
σ = 2π |f (Θ)|2 d(cos Θ) = 2 (2l + 1) sin2 δl
k
−1 l=0

In der Nähe der Schwelle überwiegen damit kleine l, die Streuphasenentwicklung


konvergiert gut. An der Schwelle dominiert immer die S-Welle.

Hat man umgekehrt die Aufgabe, einen (gemessenen) differentiellen Wirkungs-


querschnitt durch die Streuphasen auszudrücken (,,Streuphasenanalyse”), so macht
man zuerst einen Potenzreihenansatz
2N
dσ X
= an cosn Θ
dΩ n=0

Dann bestimmt man die Streuphasen δl , 0 ≤ l ≤ N aus quadratischen Gleichungen


für die sin δl , cos δl . Das führt auf charakteristische Mehrdeutigkeiten, die nur schwer
zu beseitigen sind.

3.9 Die Streuung am Coulomb-Potential

Das Coulomb-Potential hat als besonderen Vorzug, sowohl in der Form der Kugel-
wellen ul (r), als auch in der Form der Streuwellenfunktionen (die sich asymptotisch
aus ebener Welle und gestreuter Kugelwelle zusammensetzen) exakt lösbar zu sein.
Wir schreiben den Hamilton-Operator

~2 Ze2
H=− ∆−
2m r
behalten uns aber vor, Z gegebenfalls auch negativ zu wählen.

Nach Abseparation der Kugelfunktionen (Abschnitt 3.6, S. 67) haben wir die
Lösungen
 
Z
ul (r) = (2kr)l eikr 1 F1 l + 1 − i , 2l + 2; −2ikr
%0
~2
r0 = ,,Bohrscher Radius”, %0 = kr0
me2
82 3 DIE DYNAMIK

Für r → ∞ haben diese Funktionen das asymptotische Verhalten ([A.+St.] 13.5.1)



±iπa Γ(b)
1 F1 (a, b; −2ikr ) = e (−2ikr)−a
| {z } Γ(b − a)
=:z
  
Γ(b) 1
+e−2ikr (−2ikr)a−b 1+O
Γ(a) r
dabei gilt

e+iπa falls − 12 π < arg(−2ikr) < 32 π


e−iπa falls − 32 π < arg(−2ikr) ≤ − 12 π

Das ergibt in unserem Fall (arg(−2ikr) = − π2 )

(2l + 1)!
ul (r) =   (2kr)−1 ·
Z
Γ l + 1 + i %0

      
iπ Z Z Z
exp − l+1−i − i arg Γ l + 1 + i + i ln(2kr) + ikr
2 %0 %0 %0
     
π Z Z Z
+ exp i l+1+i + i arg Γ l + 1 + i − i ln(2kr) − ikr
2 %0 %0 %0
  
1
· 1+O
r
−π Z    
(2l + 1)!e 2 %0 1 π Z 1
=   · sin kr − l + ln(2kr) + σl 1+O
Γ l + 1 + i %Z0 kr 2 %0 r

wobei  
Z
σl = arg Γ l + 1 − i .
%l
Diese σl sind die Coulomb-Streuphasen. Unter Verwendung der Stirlingschen Formel
für die Gamma-Funktion ([A.+St.] 6.1.7)
1 1
ln Γ(ξ) = ξ ln ξ − ξ − ln ξ + ln 2π + O(ξ −1 );
2 2
Z
ξ = l+1−i ;
%0
 
1 Γ l + 1 − i %Z0
σl = ln  ;
2i Γ l + 1 + i Z
%0

erhalten wir für große l:


Z
σl = − ln(l + 1) + O(l−1 )
%0
Z
und für kleine k (d. h. %0 → 0, %0 → ∞):

Z π
σl = − (l + 1) + O(k)
%0 2
Von dem Schwellenverhalten für Potentiale endlicher Reichweite ist nichts mehr zu
erkennen.
3.9 Die Streuung am Coulomb-Potential 83

Nun berechnen wir die Streuwellenfunktionen. Dazu machen wir den Ansatz
 
0
ψ~k (x) = eikz F (ik(r − z)), ~k = 0
k

Dann bekommen wir für F die Differentialgleichung

Z
ηF 00 (η) + (1 − η)F 0 (η) − i F (η) = 0
%0

Diese besitzt die reguläre Lösung


 
Z
F (η) = F
1 1 +i , 1; η
%0
wegen

X (a)n η n−1
1 F1 (a, 1; η) : ηF 00 (η) =
n=0
n! (n − 2)!

X (a)n η n
−aF (η) = − a
n=0
n!n!

X (a)n η n−1
F 0 (η) =
n=0
n! (n − 1)!

und
∞  
X (a)n a+n a+n a
+ −1− =0
n=0
n!(n − 1)! n + 1 n(n + 1) n

Um diese Lösung bei r → ∞ zu untersuchen, müssen wir einen kleinen Winkel


|Θ| < ε ausschließen! Außerhalb dieses Winkels geht

η = ik(r − z) = +ikr(1 − cos Θ)

mit r gegen +i∞. Wir verwenden dieselbe asymptotische Formel wie vorhin und
bekommen

Z Z
e−π %0 · e−i %0 ln ikr(1−cos Θ)
F (η) =    +
Γ 1 − i %Z0
h i
exp ikr(1 − cos Θ) + i %Z0 ln ikr(1 − cos Θ)
+    · (1 + O(r−1 ))
Z
+ikr(1 − cos Θ) · Γ +i %0

und unter Verwendung von


   
Γ 1 − i %Z0 Z
Z Γ 1 − i %0
  = +i ·  
Γ i %Z0 %0 Γ 1 + i Z
%0
Z 2iσ0
= i e
%0
84 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

bekommen wir
π Z
e− 2 %0
   
Z 2 Θ
ψ~k (x) =  exp ikz − i ln 2kr sin
 +
Γ 1 − i %Z0 %0 2

fc (Θ) ikr+i %Z ln 2kr
+ e 0 · (1 + O(r−1 ))
r
mit
Z 2 Θ
e2iσ0 +i %0 ln(sin 2 )
Z
fc (Θ) =
%0 k(1 − cos Θ)
Sowohl die ebene Welle, als auch die Kugelwelle werden für r → ∞ durch ln r-Terme
modifiziert. Der Wirkungsquerschnitt wird wie früher als das Verhältnis der beiden
Stromdichten mal r2 definiert, im Limes r → ∞. Dann ergibt sich
dσ Z2
= |fc (Θ)|2 = 2 2 4 Θ
dΩ 4%0 k sin 2

Dieser Wirkungsquerschnitt ist in Vorwärtsrichtung stark singulär.

Um die Bezeichung ,,Streuphasen” für die σl zu rechtfertigen, sollte eine Ent-


wicklung

1 X +iσl
fc (Θ) = e sin σl (2l + 1)Pl (cos Θ) (Θ 6= 0)
k
l=0
oder umgekehrt
Z+1
iσl k
e sin σl = fc (Θ)Pl (cos Θ)d(cos Θ)
2
−1

gelten. Das Integral konvergiert jedoch nicht, da

Pl (1) = 1 für alle l

ist und Z
fc (Θ) = C · (1 − cos Θ)−1+i %0
Ebenso divergiert die Summe, da σl für l → ∞ nicht gegen null geht. Mit distri-
butionstheoretischen Methoden ist die Summe jedoch ausführbar und liefert das
erwartete Ergebnis.

4 Näherungsverfahren

4.1 Die Bornsche Reihe für die Streuamplitude

Näherungsmethoden gehören zum täglichen Brot des Physikers. Sobald in einer


Theorie ein Parameter als klein bekannt ist, wird man versuchen, nach ihm zu
entwickeln. Dabei ist es möglich, daß die Abhängigkeit vom kleinen Parameter ana-
lytisch (im besten Fall) oder nur asymptotisch entwickelbar (im schlechtesten Fall)
ist. Wir werden uns hier nur mit den Verfahren zur Gewinnung solcher Reihen
befassen, nicht aber mit dem Beweis von Konvergenzsätzen.

Wir wollen uns zuerst mit der Reihenentwicklung für die Streuwellenfunkti-
on bzw. Streuamplitude beschäftigen, die unsere Techniken zur Gewinnung dieser
4.1 Die Bornsche Reihe für die Streuamplitude 85

Amplitude um ein wertvolles Verfahren bereichert. Wir betrachten den Hamilton-


Operator
P~ 2
H= + V (x)
2m
mit einem nicht notwendigerweise kugelsymmetrischen Potential V (x). Die Schrödin-
gergleichung wird zuerst in eine Integralgleichung umgeschrieben:
2m
(∆ + k 2 )ψ(x) = V (x)ψ(x)
~2
~2 k 2
E =
2m
Sei G(x, x0 ) eine Greensche Funktion wie in Abschnitt 2.7 behandelt:

(∆ + k 2 )G(x, x0 ) = δ(x − x0 )

Wir kennen aus unserer früheren Diskussion die Lösungen dieser Gleichung:

k (±)
G(x, x0 ) = − h (kr), r = |x − x0 |
4π 0
(±) e±i%
h0 (%) = , % = kr
%

Diese Greensche Funktion löst die Gleichung

(∆ + k 2 )f (x) = g(x) g gegeben

durch Z
f (x) = f0 (x) + d3 x0 G(x, x0 )g(x0 )

wobei f0 (x) eine beliebige Lösung der homogenen Gleichung

(∆ + k 2 )f0 (x) = 0

darstellt. Unsere Schrödingergleichung enthält auf der rechten Seite nicht eine vor-
gegebene Funktion g(x), sondern als Faktor ebenfalls die unbekannte Funktion ψ(x)

2m
g(x) −→ V (x)ψ(x)
~2
Entsprechend bekommen wir aus der Schrödingergleichung die Integralgleichung
Z
2m
ψ(x) = ψ0 (x) + dx0 V (x0 )ψ(x0 )G(x, x0 )
~2

Für jede Lösung ψ0 (x) der freien Gleichung

(∆ + k 2 )ψ0 (x) = 0

und jede der beiden Greensfunktionen bekommen wir als Lösung der Integralglei-
chung eine Lösung der Schrödingergleichung. Für die Umwandlung einer Differenti-
algleichung in eine Integralgleichung gilt grundsätzlich, daß eine Integralgleichung
schon die Randbedingungen explizit enthält, die bei der Lösung der Differential-
gleichung erst im Rahmen des Lösungsverfahrens benötigt werden. Als Lösung der
freien Gleichung wählen wir
~
ψ0 (x) = eik·~x
86 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

Wir wählen das positive Vorzeichen in G


0
1 eik|x−x |
G(x, x0 ) = −
4π |x − x0 |
Wenn das Potential endliche Reichweite hat, so können wir das Integral
Z ik|x−x0 |
2m 0e
− dx V (x0 )ψ(x0 )
4π~2 |x − x0 |
für |x| → ∞ asymptotisch auswerten. Es ist mit |x| = r
1
2~x · ~x0 ~x02 2

k|x − x0 | = kr 1 − +
r2 r2
~x · ~x0
  
1
= kr 1 − 2 + O
r r2
 
~x 1
= kr − k · ~x0 + O
r r
und für das Integral
2m eikr
Z
~
x 0
− dx0 e−ik r ·~x V (x0 )ψ(x0 ) + O(r−2 )
4π~2 r
Die Lösung unserer Integralgleichung ist in diesem Fall von der Form der Streuwel-
lenfunktion, die Randbedingungen sind also durch die Wahl von ψ0 und G berück-
sichtigt worden:
r→∞ ~ eikr
ψ~k (x) ≈ eik·~x + f ·
r
mit der Streuamplitude
Z
2m ~
x 0
f =− 2
dx0 e−ik r ·~x V (x0 )ψ~k (x0 )
4π~
Falls V (x0 ) kugelsymmetrisch ist, hängt f nur vom Winkel Θ zwischen der Beob-
achtugsrichtung ~x und dem Wellenvektor ~k ab. Es ist offensichtlich, daß die Ver-
wendung der anderen Greenschen Funktion eine Wellenfunktion mit einlaufendem
Kugelwellenanteil ergeben hätte.

Der Ausdruck für die Streuamplitude ist exakt, aber nur sinnvoll, wenn ψ~k (x)
bekannt ist. Dazu müssen wir also die Integralgleichung lösen. Die Integralgleichung
kann nun zum Ausgangspunkt eines Iterationsverfahrens gewählt werden. Dazu set-
zen wir

(n)
X
ψ~k (x) = ψ~ (x)
k
n=0
(0) i~
k·~
x
ψ~ (x) = e
k
0
eik|x−x |
Z
(n) 2m (n−1) 0
ψ~ (x) = − V (x0 )ψ~ (x )dx0
k 4π~2 |x − x0 | k

(n ≥ 1)

Falls9
|V (x0 )| 0
Z
2m
sup dx = γ < 1
x 4π~
2 |x − x0 |
9V (x0 ) = Ve (r 0 ): Vereinfachung durch dΩ0
R
4.1 Die Bornsche Reihe für die Streuamplitude 87

so ist
(n)
sup |ψ~ (x)| ≤ γ n
x k

und diese Reihe konvergiert gleichmäßig. Beim Yukawa-Potential ist diese Forderung
erfüllt, falls die Kopplungskonstante g in

e−µr
V (x) = g
r
klein genug ist10 .

Die Reihenentwicklung heißt Bornsche Reihe. In niedrigster Näherung (1. Born-


sche Näherung) bekommen wir für die Streuamplitude:
Z
2m 0
f (1) = − dx0 e+i~x (~e0 −~e1 )k V (x0 )
4π~2
~k ~x
mit ~e0 = , ~e1 =
k r
Falls V (x) = V (r) ist, so können wir die Richtung des Impulsübertrags

~q = ~(~e0 − ~e1 )k

als Achse des Polarkoordinatensystems wählen, um über die Winkel zu integrieren:


1
|(~e0 − ~e1 )k| = k(2 − 2~e0 · ~e1 ) 2
~e0 · ~e1 = cos Θ (Streuwinkel)
Θ
|(~e0 − ~e1 )k| = 2k sin , 0 ≤ Θ ≤ π
2
Z∞ Θ 0

0 0 2 sin 2k sin 2 r
Z
x0 (~
0 i~ e0 −~ 0
dx e e1 )k
V (r ) = 2π dr r V (r0 )
2k sin Θ
2
0
Z∞  
m 1 Θ 0
f (1)
= − 2 0 0
dr r sin 2k sin r V (r0 )
~ k sin Θ
2
2
0

Für das Yukawa-Potential ist das


2mg 1
f (1) (Θ) = −
~2 4k 2 sin2 Θ
2 +µ
2

Im Limes µ → 0 geht das Yukawa-Potential in das Coulomb-Potential über. In


diesem Limes geht f (1) (Θ) für das Yukawa-Potential in die exakte Formel für die
Streuamplitude des Coulomb-Potentials über, bis auf einen im Wirkungsquerschnitt
unwesentlichen Phasenfaktor11 . Das ist ein Zufall ohne tiefere physikalische Bedeu-
tung.
10

0
e−r
Z
1
γ= 2m
~2 µ
· g · sup d3 x0
x 4π r 0 |x − x0 |
| {z }
=Zahl=1
0
1 e−r 1
d3 x0 1 − e−r
R 
Beweis: 4π r 0 |x−x0 |
= r

11 Wie man leicht sieht, ist der Phasenfaktor 1 + O(Ze2 ), also ist mit dem Vorfaktor die Abwei-

chung von 1 mindestens 2. Ordnung.


88 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

Wir können in der ersten Bornschen Näherung auch eine Formel für die Streu-
phasen δl ableiten. Dazu entwickeln wir

1 X iδl 1
f (Θ) = e sin δl [4π(2l + 1)] 2 Y0l (Θ)
k
l=0

Andererseits seien in Polarkoordinaten

~x0 : r0 , Θ0 , φ0 bezogen auf die Polarachse ~e0


~e1 : 1, Θ, φ mit der gleichen Polarachse
~e0 · ~e1 = cos Θ Θ : Streuwinkel wie bisher

Damit wird
0 X 1
eik~e0 ·~x = [4π(2l + 1)] 2 il jl (kr0 )Y0l (Θ0 ) :
l
+l
0 X X
e−ik~e1 ·~x = 4π(−i)l jl (kr0 ) Yml (Θ0 , φ0 )Yml (Θ, φ)
l m=−l

(nach dem Additionstheorem der Kugelfunktionen, Abschnitt 2.7, S. 43). Multipli-


kation dieser Ausdrücke, Einsetzen in das Integral der 1. Bornschen Näherung und
Integration über Θ0 , φ0 ergibt
∞ 
Z
2m X 1
f (1) = − 2 [4π(2l + 1)] 2  dr0 r02 V (r0 )(jl (kr0 ))2  Y0l (Θ)
~
l 0

und Vergleich mit der obigen Streuphasenentwicklung


Z∞
iδl
(1)
(1) 2mk
e sin δl =− 2 dr r2 (jl (kr))2 V (r).
~
0

4.2 Die Rayleigh-Schrödinger-Störungstheorie für diskrete Spek-


tren

Gegeben sei der Hamilton-Operator

H = H0 + λH1 , λ : kleiner Parameter, H0 , H1 selbstadjungiert

bei dem das Spektrum und die Eigenvektoren von H0 vollständig bekannt sind:

H0 ϕnα = En ϕnα
(ϕnα , ϕn0 α0 ) = δnn0 δαα0

α ist ein Index, der die Entartung der Energieniveaus En erfassen soll. Die Idee der
Störungsentwicklung ist, daß die Eigenvektoren und Eigenwerte von H

Hψnα (λ) = Enα (λ)ψnα (λ)

eine Potenzreihenentwicklung in λ besitzen


(0) (1)
Enα (λ) = Enα + λEnα + λ2 Enα
(2)
+ ···
(0) (1) 2 (2)
ψnα (λ) = ψnα + λψnα + λ ψnα + · · ·
4.2 Die Rayleigh-Schrödinger-Störungstheorie für diskrete Spektren 89

Abbildung 7: Zweizustandssystem (ungestört)

mit der Anfangsbedingung


(0)
Enα = En
(0)
ψnα = ϕnα

Man setzt die Reihenentwicklung in die Eigenwertgleichung für H ein und ver-
gleicht die Koeffizienten von gleichen Potenzen von λ. Das gibt
(0) (0) (0)
H0 ψnα = Enα ψnα ;
(1) (0) (0) (1) (1) (0)
H0 ψnα + H1 ψnα = Enα ψnα + Enα ψnα
(2) (1) (0) (2) (1) (1) (2) (0)
H0 ψnα + H1 ψnα = Enα ψnα + Enα ψnα + Enα ψnα
..
.

etc. Die erste Gleichung ist angesichts der Anfangsbedingungen trivial.

Ein einfaches Beispiel: Das Zweizustandssystem


 
λ1 (σ) 0
H0 =
0 λ2 (σ)

Damit die Funktionen λ1,2 (σ) identifiziert werden können, müssen sie z. B. analy-
tisch von σ abhängen. Wir wollen H1 stören durch
 
0 ε
H1 =
ε 0

Statt σ können wir einen anderen Parameter wählen, z. B.


1
∆= (λ1 − λ2 )
2
90 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

Abbildung 8: Zur Wahl von ∆

Was sind dann die Eigenwerte von

H0 + H1 ?

Das charakteristische Polynom ist


 
λ −λ ε
det 1 = λ2 − λ(λ1 + λ2 ) + λ1 λ2 − ε2
ε λ2 − λ
" 2 # 12
1 1 2
λ = (λ1 + λ2 ) ± (λ1 − λ2 ) + ε
2 2
1 1
(λ1 + λ2 ) ± ∆2 + ε2 2

=
2
Nun ist für |ε| < |∆| eine Potenzreihenentwicklung nach ε möglich, die nur gerade
Potenzen von ε enthält (wir werden die Potenzen störungstheoretische ,,Ordnungen”
nennen, also zweite, vierte, sechste Ordnung usw. ).
∞ 1 
1 X
2 ε 2n
λ = (λ1 + λ2 ) ± ∆
2 n=0
n ∆

Der nullte Term ergibt


∞ 1 
(
λ1 X
2 ε 2n
λ= ±∆
λ2 n=1
n ∆

Hier haben wir den normalen Fall der Störungstheorie: Fall (1.) |ε| < |∆|, die
Störung ε ist kleiner als der Niveauabstand.

Nun zu Fall (2.): ,,Entartung”

∆ = 0; λ1 = λ 2 = λ 0
4.2 Die Rayleigh-Schrödinger-Störungstheorie für diskrete Spektren 91

Abbildung 9: Crossover-Phänomen

Eingesetzt in die allgemeinen Lösungen für λ ergibt sich


1
λ= (λ1 + λ2 ) ±ε
|2 {z }
=λ0

Schließlich der Fall (3.): ,,Quasientartung”


|∆| < |ε|
Es ist klar, daß wir in diesem Fall obige Formel für λ nach ∆
ε entwickeln werden:
∞  1   2 n
1 X
2 ∆
λ = (λ1 + λ2 ) ± ε
2 n=0
n ε2

Hier haben wir in der nullten Näherung (n = 0)


1
λ(0) = (λ1 + λ2 ) ± ε
2
= λ0 ± ε
d. h. wir gehen vom entarteten Fall aus und benutzen ∆
ε als kleinen Entwicklungs-
parameter. Das Ergebnis ist in Abbildung 9 zu sehen. Wir haben das Crossover-
Phänomen gefunden: λ1 geht am Entwicklungspunkt glatt in λ2 über.

Das ist bisher nur die halbe Wahrheit, denn neben den Eigenwerten interessieren
auch die Eigenfunktionen. Für die obigen Fälle gilt:
92 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

1. Fall:
∞  ε n
(n)
X
ξi = ξi
n=0

Eigenvektoren von H0
 
(0) 1
ξ1 = zu Eigenwert λ1
0
 
(0) 0
ξ2 = zu Eigenwert λ2
1

(0)
Hier sind die Vektoren ξi als normiert angenommen, die Normierung nach
Addition der störungstheoretischen Terme muß nachkontrolliert werden.

2. Fall: Die Matrix


 
λ0 ε
ε λ0

hat die Eigenvektoren


 
(0) 1 1
ξ˜1 = √ , Eigenwert λ0 + ε
2 1
 
(0) 1 1
ξ˜2 = √ , Eigenwert λ0 − ε
2 −1

Entartungspunkte erfordern also schon in nullter Näherung korrigierte Eigen-


vektoren. Diese werden auch im ganzen Bereich von Fall 3 angewandt:
∞  n
X (n) ∆
ξi = ξ˜i
n=0
ε

3. In diesem Bereich können wir dann H0 + H1 annähernd auf Diagonalform


bringen
   
1 1 1 1 1 1
√ (H0 + H1 ) √
2 1 −1 2 1 −1
| {z } | {z }
transponiert Eigenvektoren
(adjungiert)

  
1 λ1 + ε λ2 + ε 1 1
=
2 λ1 − ε −λ2 + ε 1 −1
 
1 λ1 + λ2 + 2ε λ1 − λ2
=
2 λ1 − λ2 λ1 + λ2 − 2ε
 
λ0 + ε ∆
=
∆ λ0 − ε

mit λ0 = 21 (λ1 + λ2 ). Hier geht es dann weiter wie in Fall 1, aber mit ∆ als
Störung. Die störungstheoretischen Reihen für die Eigenvektoren ergeben sich
aus den exakten Lösungen, die wir leicht angeben können.
4.2 Die Rayleigh-Schrödinger-Störungstheorie für diskrete Spektren 93

 
λ0 + ∆ ε  p 
ξ = λ0 ± ∆2 + ε2 ξ ±
ε λ0 − ∆ ±
 √ 
∆∓ ∆2 + ε2 √ε ξ± = 0
ε −∆ ∓ ∆2 + ε2
 √ 
∆+ ∆2 + ε2
ξ+ = N+
ε
(ε→0) (0)
−−−−→ ξ1
 p 2 −1
2 2 2
N+ = ∆+ ∆ +ε +ε
 p −1
= 2 ∆2 + ε2 · ∆ + 2∆2 + 2ε2
 
√−ε
ξ− = N−
∆ + ∆2 + ε2
(ε→0) (0)
−−−−→ ξ2
 p −1
2
N− − = 2 ∆2 + ε2 · ∆ + 2∆2 + 2ε2
2
= N+

Nun weiter mit der allgemeinen Diskussion: Ist ein Energieniveau En nicht ent-
artet, ϕnα → ϕn , so ist die Störungstheorie denkbar einfach. Die zweite Gleichung
besagt
H0 ψn(1) + H1 ϕn = En ψn(1) + En(1) ϕn
Multiplikation mit ϕm ergibt mit

(ϕm , H0 ψn(1) ) = Em (ϕm , ψn(1) )


(Em − En )(ϕm , ψn(1) ) = En(1) δnm − (ϕm , H1 ϕn )

also für m = n
En(1) = (ϕn , H1 ϕm )
und für m 6= n
  (ϕm , H1 ϕn )
ϕm , ψn(1) =
En − Em
X (ϕm , H1 ϕn )
ψn(1) = ϕm + bϕn
En − Em
m6=n

wobei die Vollständigkeit der {ϕm } vorausgesetzt ist, und b unbestimmt bleibt.
(k)
Wir werden gleich zeigen, daß man alle Korrekturen ψn , k ≥ 1 eines Zustands
(0)
ψn = ϕn als zu diesem orthogonal annehmen kann, also
 
ϕn , ψn(k) = 0 ⇒ b = 0

Gehen wir mit den Ergebnissen der ersten Ordnung in die dritte Gleichung ein, so
(2) (2)
lassen sich aus ihr auf analoge Weise En und ψn bestimmen. Es ergibt sich mit
(1) (2)
(ϕn , ψn ) = (ϕn , ψn ) = 0
X (ϕn , H1 ϕm )(ϕm , H1 ϕn )
En(2) = (ϕn , H1 ψn(1) ) =
En − E m
m6=n
94 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

Abbildung 10: Zur Entartung von Energieniveaus

Komplizierter und physikalisch interessanter ist der Fall eines entarteten Niveaus
En , dessen Entartung durch die Störung ganz oder teilweise aufgehoben wird. Wir
bemerken zunächst, daß durch unsere Gleichungen bisher die Norm des Zustandes
ψnα nicht fixiert ist. Entsprechend enthalten die Gleichungen einen Freiheitsgrad,
(k)
den wir willkürlich ausfüllen können. Sei die Komponente von ψnα
(0) (k) (k) (k)
ψnα = ϕnα : ψnα = σnα ϕnα + ψ̃nα
(k)
(ϕnα , ψ̃nα ) = 0
(0)
Dann haben wir (σnα = 1)
∞ ∞
!
X X
(k) k
ψnα = σnα λ ϕnα + λk ψ̃nα
(k)

k=0 k=0

Da die Normierung willkürlich ist, können wir durch



X ∞
X
(k) k (k) k
σnα λ =1+ σnα λ
k=0 k=1

dividieren und neu nach Potenzen von λk ordnen



X 0
0
ψnα = ϕnα + λk ψnα
(k)

k=1

mit  
0
(k)
ϕnα , ψnα = 0.

Diese Bedingung ist also mit unseren Gleichungen verträglich. Natürlich können wir
am Ende unserer Rechnung ψnα normieren wie wir wollen.
4.2 Die Rayleigh-Schrödinger-Störungstheorie für diskrete Spektren 95

Wir betrachten die Gleichung erster Ordnung mit


(0)
Enα = En

und multiplizieren mit ϕmβ . Damit erhalten wir


(1) (1)
(Em − En )(ϕmβ , ψnα ) + (ϕmβ , H1 ϕnα ) = Enα δnm δαβ

Diese Gleichung wird zunächst für m = n betrachtet


(1)
(ϕnβ , H1 ϕnα ) = Enα δαβ

Wir nennen die linke Seite die ,,Störmatrix erster Ordnung”. Diese Gleichung ist
nun keineswegs automatisch erfüllt, denn die Störmatrix ist nicht immer diagonal.
Aber um eine konsistente Störungsentwicklung zu ermöglichen, können wir die ϕn,α
so wählen, daß die Störmatrix erster Ordnung diagonal wird. Denn für gegebenes
n sind die ϕn,α zunächst eine willkürliche Basis im Eigenraum des Eigenwerts En .
Sei etwa
(1)
Wn,αβ = (ϕ̃nβ , H1 ϕ̃nα )
eine Störmatrix zum System {ϕ̃nα }. Diese Matrix ist hermitesch, kann also durch
eine unitäre Matrix diagonalisiert werden
(1)
X
uβ 0 β Wn,β 0 α0 uα0 α = εα δαβ
α0 ,β 0

u−1

αβ
= uβα

Dann definieren wir als ,,richtige” Zustände nullter Ordnung


X
(0)
ϕnα = ϕ̃nα0 uα0 α = ψn,α
α0

Ferner ergibt sich


(1)
En,α = εα

(0)
Wenn die εα (bei festem n) alle verschieden sind, ist die Wahl der ψn,α = ϕnα
endgültig. Wir sagen, die Entartung ist in erster Ordnung vollständig aufgehoben
worden. Wenn jedoch einige εα gleich sind (für festes n), so bleibt die Wahl der
ϕn,α für diese εα weiterhin willkürlich.

Nun sei m 6= n. Dann ist Em 6= En und


  (ϕ , H ϕ )
(1) mβ 1 nα
ϕmβ , ψnα =
En − E m
oder
X (ϕmβ , H1 ϕnα ) X
(1)
ψnα = ϕmβ + bn,βα ϕnβ
m,β
En − Em
β
(m6=n)

(1)
mit unbekannten Koeffizienten bn,αβ (bis auf bn,αα = (ϕnα , ψnα ) = 0). Die freien
Parameter bn,αβ werden in der (2.) nächsten Ordnung bestimmt. Bei Fehlen der
Entartung bleiben keine unbestimmten Parameter bn,αβ übrig.

(1) (1)
Damit sind die störungstheoretischen Korrekturen erster Ordnung En,α und ψn,α
soweit möglich berechnet.
96 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

Nun betrachten wir die Gleichung zweiter Ordnung, die wir wieder von links mit
ϕmβ multiplizieren. Das ergibt
(2) (1) (1) (2)
(Em − En )(ϕmβ , ψnα ) + (ϕmβ , (H1 − Enα )ψnα ) = Enα δmn δβα
(1) (1)
Zuerst setzen wir wieder m = n. Dann ergibt Einsetzen von ψn,α und En,α = εα
X (ϕnβ , H1 ϕmγ )(ϕmγ , H1 ϕnα )
(2)
+ (εβ − εα )bn,βα = En,α δαβ
m,β
E n − Em
(m6=n)

(2)
Wir nennen den ersten Term ,,die Störmatrix zweiter Ordnung” Wn,βα und haben

(2) (2)
Wn,βα + (εβ − εα )bn,βα = En,α δαβ

Jetzt betrachten wir ein εα , so daß für alle β 6= α auch εβ 6= εα ist. Das bedeutet,
εα gehört zu einem Niveau, das in erster Näherung nicht mehr entartet ist. Dann
ist diese Gleichung zu lösen durch
(2)
Wn,βα (2) (2)
bn,αβ = Enα = Wn,αα
εα − εβ

Sei andererseits εα mit einigen εβ (α 6= β) entartet. Wenn α, β über diese Index-


menge der entarteten ε läuft, so ist
(2) (2)
Wn,βα = Enα δβα

zu lösen. Das gelingt wie bei der Störmatrix erster Ordnung durch Anpassung der
Eigenvektoren ϕn,α nullter Ordnung für festes n und diese Teilmenge der Indizes α.
Die bn,βα bleiben unbestimmt bis zur nächsten Ordnung.

Schließlich betrachten wir m 6= n und bekommen

(2) 1  
(1)

(1)

(ϕmβ , ψnα ) = ϕmβ , H1 − Enα ψnα
En − Em

1 X (ϕmβ , H1 ϕsγ ) (ϕsγ , H1 ϕnα )
= 
En − Em s,γ En − Es
(s6=n)
#
(1) (ϕmβ , H1 ϕnα )
X
+ bn,γα (ϕmβ , H1 ϕnγ ) − En,α
γ
En − Em

also X   X
(2) (2)
ψnα = ϕmβ , ψnα ϕmβ + cn,βα ϕnβ
m,β β
(m6=n)

mit neuen unbestimmten Koeffizienten cn,βα .

Falls die Entartung in keiner Näherung aufgehoben wird, so kann ein entspre-
chender Satz von Parametern

bn,βα , cn,βα etc.

unbestimmt bleiben. Es spricht nichts dagegen, diese Parameter null zu setzen.


Generell ist das vorgestellte Verfahren kompliziert und unübersichtlich. Ein alge-
braischer Ansatz kann zu erheblichen Vereinfachungen führen.
4.3 Ein Beispiel: Der normale Zeemann-Effekt 97

Sei K ein Operator, der mit H0 und H1 vertauschbar ist. Wir benutzen dann
ein gemeinsames System von Eigenvektoren von K und H0 :

H0 ϕn,α = En ϕn,α
Kϕn,α = κn,α ϕn,α

Hierbei ist es wichtig, daß κn,α von α abhängt, sonst bekommen wir kein Ergebnis.
Damit ergibt sich

0 = (ϕnα , (KH1 − H1 K) ϕnβ )


= (κnα − κnβ ) (ϕnα , H1 ϕnβ )
(1)
= (κnα − κnβ ) Wn,αβ

Falls
κnα 6= κnβ
ist
(1)
Wn,αβ = 0
(1)
Falls alle κnα verschieden sind, so ist Wn,αβ diagonal. Diese Aussage ist nicht auf
die Störmatrix erster Ordnung beschränkt. Man sieht nämlich

(2)
X (ϕnβ , H1 ϕmγ )(ϕmγ , H1 ϕnα )
Wn,αβ =
mγ E n − Em
(m6=n)

X (ϕnβ , [K, H1 ]ϕmγ )(ϕmγ , H1 ϕnα )


0 =
mγ En − Em
(m6=n)

X (ϕnβ , H1 ϕmγ )(ϕmγ , [K, H1 ]ϕnα )


0 =
mγ En − Em
(m6=n)

X  (ϕnβ , H1 ϕmγ )(ϕmγ , H1 ϕnα )


0 = (κnβ − κmγ )
mγ En − Em
(m6=n)

(ϕnβ , H1 ϕmγ )(ϕmγ , H1 ϕnα )
+ (κmγ − κnα )
En − E m
(2)
= (κnβ − κnα )Wn,αβ

und damit, daß für κnα 6= κnβ


(k)
Wn,αβ = 0
für alle Ordnungen k impliziert. Damit ist das Problem der Entartung teilweise oder
ganz auf algebraische Weise lösbar.

4.3 Ein Beispiel: Der normale Zeemann-Effekt

~ (B)
Ein Elektron in einem Potential φ und einem Magnetfeld H ~

~ = rot A
B ~

wird durch den Hamilton-Operator


1  2 e ~ 2
H= p~ − A + eφ(x)
2m c
98 4 NÄHERUNGSVERFAHREN

~ = (0, 0, B) sei homogen. Dann können wir A


beschrieben. Wir wollen annehmen, B ~
wählen als  
−y
1
~ =+ B x 
A
2
0
~ linear in den Koordinaten ist. Ferner gilt
so daß A

~ = 1 B(0 + 0 + 0) = 0
div A
2
Ersetzen von
~~
p~ −→ ∇
i
ergibt
~2 e~i  ~ ~ ~ ~  e2 ~ 2
H=− ∆+ ∇·A+A·∇ + A + eφ
2m 2mc 2mc2
Wir wollen die linearen Terme in der Abhängigkeit von B berechnen. Dann können
~ 2 -Term weglassen. Ferner ist wegen div A
wir den A ~=0

~ ·A
∇ ~+A
~·∇
~ = 2A
~·∇
~

Wir nehmen an, φ(r) sei kugelsymmetrisch. Dann ist

H = H0 + B H1 + O(B 2 )

Parameter
~2
H0 = − ∆ + eφ(r)
2m
e~i ~ ~
H1 = A·∇
mc
Diesen Ausdruck wollen wir weiter berechnen.
 
~ ~ 1 ∂ ∂
A·∇ = B −y · +x·
2 ∂x ∂y
1 
~

= B ~x × ∇
2 z
~~ ~ 1
A·∇ = B (~x × p~)z
i 2
1
= B · Lz
2
e
H1 = − B · Lz
2mc

Da die Wechselwirkung eines klassischen Magnet-Dipols µ ~


~ mit einem Magnetfeld B
die Wechselwirkungsenergie
EB = −~µ·B~

ergibt, so ist für die Bahnbewegung des Elektrons der magnetische Dipol-Operator
e ~
µ
~ =+ L
2mc
Bei einem kugelsymmetrischen Potential wählen wir als Wellenfunktionen für H0

uE,l (r)Yml (Θ, ϕ) −→ |E, l, mi


99

(E = En ). In erster störungstheoretischer Näherung haben wir nun mit diesen


Funktionen die ,,Säkularmatrix” auszurechnen. Ha H1 bis auf Zahlenfaktoren gleich
Lz ist, ist
(1)
WE1 ,l1 ,m1 ,E2 ,l2 ,m2 = hE1 , l1 , m1 |H1 | E2 , l2 , m2 i
 
e~
= δE1 E2 δl1 l2 δm1 m2 − B · m2
2mc
Die Säkularmatrix ist diagonal, d. h. die Störung bewirkt
e~

En,l −→ En,l + − 2mc B · m + O(B 2 )
−l ≤ m ≤ +l

5 Der Spin des Elektrons

5.1 Die Beschreibung des Spin-Freiheitsgrades (klassisch)

Hinweise auf die Existenz des Spins stammen aus der Festkörperphysik (Einstein-
de Haas-Effekt) und der Feinstruktur des Wasserstoffatoms. Darunter versteht man
die Aufspaltung der Niveaus zu fester Hauptquantenzahl angefangen bei n = 2
(allgemein n ≥ 2). Dabei ist z. B.
3 1
E(2P 2 ) − E(2P 2 ) = h · 10950 · 106 s−1

Schreiben wir das Niveau allgemein

n lj j =l± 1
2

so ist die Feinstrukturaufspaltung die Aufspaltung zu gleichem n und l, verschiede-


nem j. Daneben gibt es noch den Lamb-Shift
1 1
E(2S 2 ) − E(2P 2 ) = h · 1058 · 106 s−1

der nur noch mit den Methoden der Quantenelektrodynamik (QED) zu behandeln
ist.

Nachweis und Aufklärung über den Charakter des Spinfreiheitsgrades bringt


der Stern-Gerlach-Versuch. Ein Wasserstoff- oder Alkali-Atom im Grundzustand
befindet sich in einem s-Zustand (l = m = 0). Dennoch kommt es im inhomogenen
Magnetfeld zu einer Aufspaltung in zwei Untergesamtheiten. Der s-Zustand ist also
kein reiner Zustand. Die Abhängigkeit der Aufspaltung vom Magnetfeld weist darauf
hin, daß ein magnetisches Dipol-Moment für die Ablenkung verantwortlich sein muß.
Das Elektron hat also gleichzeitig einen

• inneren Drehimpuls (Spin) ~s und ein


• magnetisches Dipol-Moment µ
~

Stellt man sich das Elektron als mit der Ladung −e0 angefüllte kleine Kugel vor,
die um eine Achse rotiert, so liefert diese Rotation vermöge der Masseverteilung den
Drehimpuls ~s, vermöge der Ladungsverteilung das magnetische Dipol-Moment µ ~.
100 5 DER SPIN DES ELEKTRONS

Obwohl dieses Bild falsch ist, ergibt es einen im Prinzip korrekten Zusammenhang
zwischen ~s und µ
~
e0
~ =−
µ g ~s
2mc
wobei g eine kleine Zahl ist, der ,,g-Faktor”. Im Modell der rotierenden Kugel bei
proportionaler Massen- und Ladungsverteilung ist
g=1
Aus dem Einstein-de Haas-Effekt ergibt sich experimentell
g=2
Bemerkenswert ist, daß das gyromagnetische Verhältnis
|~
µ| e0
= |g|
|~s| 2mc
~ nicht enthält, also klassisch ist. Es müßte also eine klassische Theorie eines Punkt-
teilchens mit Spin und magnetischem Dipol geben, in der g nicht notwendig ein freier
Parameter ist. In der Diracschen Theorie der relativistischen Quantenmechanik ist
im Einklang mit dem Einstein-de Haas-Effekt
g=2
Das ist eine der Stützen der Diracschen Theorie.

Wir wissen heute, daß bei allen Fermiteilchen von Spin ~2 (Elektron, Müon,
Proton) g aus zwei Anteilen besteht (dabei ist m jeweils die Masse des Teilchens)
g = q · 2 + gdyn
wobei q die Zahl der Elementarladungen (−e0 ) ist. Aus der QED ergibt sich für das
Elektron
q = 1
α  α 2
g − 2 = gdyn = − 0, 656 + O(α3 )
π π
e20 1
α = (Feinstrukturkonstante) ∼
~c 137
Also ist der dynamische Anteil des g-Faktors sehr klein.

Die Energie eines magnetischen Dipol-Moments in einem Magnetfeld ist


Em = −~ ~
µ·B
~ inhomogen, so wirkt auf das Moment die Kraft
Ist B
~ = −∇Em = +∇(~
K ~
µ · B)
Bei homogenem Magnetfeld gibt es nur ein Drehmoment
~ =µ
N ~
~ ×B
Als Energie für das Elektron im Magnetfeld bekommen wir damit klassisch
1  e0 ~ 2 ~
E= p~ + A − e0 φ − µ
~ ·B
2m c
Ich habe hier mit Absicht nicht H statt E geschrieben, da dieser Ausdruck nicht not-
wendigerweise Ausgangspunkt einer klassischen kanonischen Theorie des Elektrons
mit Spin ist.
5.2 Die Beschreibung des Spin-Freiheitsgrades (quantenmechanisch) 101

5.2 Die Beschreibung des Spin-Freiheitsgrades (quantenme-


chanisch)

Die Observablenalgebra des Elektrons wird erzeugt durch die Observablen

Q1 , Q2 , Q3
P1 , P2 , P3
[Qi , Pj ] = − ~i δij

sowie die Observablen


S1 , S 2 , S 3
des Spins. Diese Spin-Observablen sind unabhängig von Ort und Impuls zu beob-
achten, also gilt
[Qi , Sj ] = [Pi , Sj ] = 0
Außerdem sollen sie einen Drehimpuls beschreiben. Daher postulieren wir die gleiche
Algebra wir für den Bahndrehimpuls-Operator
X
[Si , Sj ] = i~ ijk Sk
k

Wir haben diesen Typ Algebra sorgfältig untersucht und alle irreduziblen Realisie-
rungen konstruiert. Jede solche Realisierung ist charakterisiert durch den Eigenwert
von

~ 2 = ~2 s(s + 1)
S
2s ∈ N

Da beim Stern-Gerlach-Versuch zwei Eigenwerte von S3 mit dem Wert ± ~2 gefunden


wurden, kommt nur
s = 21
in Betracht. Die Matrizen Si , i = 1, 2, 3 werden dann dargestellt durch

~
Si = σi
2
 
0 1
σ1 =
1 0
 
0 −i
σ2 =
i 0
 
1 0
σ3 =
0 −1

wobei die σi die Pauli-Matrizen sind (die gerade für diesen Zweck erfunden wurden).
S3 ist in dieser Realisierung diagonal.

In der Atomphysik ist die Ortsrealisierung am bequemsten. Wir können beim


Elektron alle Qi und S3 gleichzeitig diagonal machen. Ein Vektor ψ hat dann die
Form

Qi ψ = xi ψ xi ∈ R3
~
S3 ψ = σψ σ ∈ {1, −1}
2
102 5 DER SPIN DES ELEKTRONS

Dann können wir ψ durch eine zweikomponentige Wellenfunktion ψσ (x) realisieren.


Es gilt z. B.

Z X
kψk2 = d3 x |ψσ (x)|2
σ=±1
Z X
(ψ, ϕ) = d3 x ψσ (x)ϕσ (x)
σ=±1

Wir hatten im Abschnitt 2.5 (S. 32) die allgemeine Darstellung für eine Drehim-
pulsalgebra (~ = 1 gesetzt)

X
[Lj , Lk ] = i jkl Ll
l

erhalten. Mit

L± = L1 ± iL2

erhalten wir 2l + 1 orthogonale Basisvektoren (daraus folgt, daß 2l + 1 ganz ist).

 l
+l
ψm m=−l

(siehe auch S. 34)

~ 2 ψm
L l l
= l(l + 1)ψm
l l
L3 ψm = mψm
1
l
L± ψm = +(l(l + 1) ∓ m − m2 ) 2 ψm±1
l

Wenn 2l + 1 = 2 ist, also l = 12 , so haben wir einen zweidimensionalen Unterraum


aufgespannt durch

1 1
ψ+2 1 , ψ−2 1
2 2
1 1
~2
L ψ± 1 = 3 2
4 ψ± 12
2
2

sowie

1 1

L+ ψ 2 1 = ψ 2 1
− + 2 2
1
L+ ψ 2 1 = 0
+2
1 1

L− ψ 2 1 = ψ 2 1
+ − 2 2
1
L− ψ 2 1 = 0
− 2
5.2 Die Beschreibung des Spin-Freiheitsgrades (quantenmechanisch) 103

 
1 1
ψ+2 1 → = e+
2 0
 
1 0
ψ− 1
2
→ = e−
2 1
 
0 1
L+ →
0 0
 
0 0
L− →
1 0
 
1 1 0 1 1
L1 = (L+ + L− ) = = σ1
2 2 1 0 2
 
1 1 0 1
L2 = (L+ − L− ) =
2i 2i −1 0
 
1 0 −i 1
= = σ2
2 i 0 2
1 
0 1
L3 ⇒ 2 = σ3
0 − 12 2

Die Darstellung der Drehimpulse mit l = 12 durch Pauli-Matrizen folgt also aus
unserer früher entwickelten allgemeinen Darrstellung (,,kanonische Darstellung”).

Der Hilbert-Raum der ψ ist ein Tensorprodukt

L2 (R3 ) ⊗ C2

Sei {ϕn (x), n ∈ N} eine Basis in L2 (R3 ) und {e± } eine Basis in C2 . Die Basis im
Tensorprodukt ist durch die formalen Produkte

ϕn (x) · e±


gegeben. Für die e± können wir die Basisvektoren


   
1 0
und
0 1

verwenden, d. h.
(e± )σ = δσ,±1
Wir bemerken noch, daß L2 (R3 ) auch einem Tensorprodukt, nämlich

L2 (R) ⊗ L2 (R) ⊗ L2 (R)

isomorph ist, und daß wir bei der Lösung des dreidimensionalen harmonischen Os-
zillators davon Gebrauch gemacht haben. Nachdem die Kinematik durch die Ob-
servablen und ihre Hilbert-Raum-Darstellung fixiert ist, kommen wir zur Dynamik.
Wir definieren als Hamilton-Operator für ein Elektron in einem äußeren elektroma-
~ φ, B
gnetischen Feld A, ~ = rot A
~

1  e ~ 2 e~ ~
H= p~ + A + eφ − ~σ · B (g = 2)
2m c 2mc
Die Gleichung (vom Schrödingerschen Typ)

~ ∂ψ
− = Hψ
i ∂t
104 5 DER SPIN DES ELEKTRONS

heißt ,,Pauli-Gleichung”. Im Falle des Coulomb-Potentials


Ze ~ =A
~=0
φ=+ , B
r
~ 2 , L3 und S3 . Die Wellenfunktionen des Wasserstoffatoms
ist H vertauschbar mit L
sind dann separierbar wie
unl (r)Yml (Θ, ϕ)e±
σ

und die Niveaus sind 2n2 -fach entartet.

5.3 Der Gesamtdrehimpuls des Elektrons

~ der sich aus einem Bahndrehimpuls


Ein Elektron besitzt einen Gesamtdrehimpuls J,
~ ~
L und einem Spindrehimpuls S im klassischen Fall zusammensetzt durch Vektor-
Addition
J~ = L
~ +S~
Diese Gleichung gilt in entsprechender Interpretation auch in der Quantenmechanik.
Dabei sind die Ji Operatoren im L2 (S2 ) ⊗ C2 . Der Anteil Li wirkt als Differential-
operator auf den ersten Faktor und sollte korrekterweise

Li ⊗ I

geschrieben werden. Im Gegensatz dazu wirkt Si nur auf den zweiten Anteil und in
präziser Notation schreiben wir
I ⊗ Si
also
Ji = Li ⊗ I + I ⊗ Si
Wir wollen uns darauf einigen, in dieser wie in den folgenden Gleichungen dieses
Abschnittes ~ aus den Gleichungen herauszudividieren, so daß

Si = 21 σi etc.

Die Operatoren Ji erfüllen die Algebra


X
[Jj , Jk ] = i jkl Jl
k

da
[Li , Sj ] = 0.
~
Also sind die irreduziblen Darstellungen der J-Algebra durch die Quantenzahlen j
von
J~2 = j(j + 1) · I, 2j ∈ N
charakterisiert. In einer solchen Darstellung gibt es eine Basis

{|j, j3 i, −j ≤ j3 ≤ +j} ,
J3 |j, j3 i = j3 |j, j3 i

Das Problem besteht allgemein darin, aus zwei gegebenen Basen mit festen l(1) , l(2)
 (1) (1)
|l , m i, −l(1) ≤ m(1) ≤ +l(1)
 (2) (2)
|l , m i, −l(2) ≤ m(2) ≤ +l(2)
5.3 Der Gesamtdrehimpuls des Elektrons 105

(1) (2)
(d. h. Kugelfunktionen Yml (1) (Θ, φ), Yml (2) (Θ, φ)) diese Basis für den Gesamtdrehim-
puls zu konstruieren. Dann ist J~ = L ~ +S ~ nur ein Spezialfall von J~ = L~ (1) + L
~ (2) .

(1)
Wir beginnen also mit dem Tensorprodukt zweier Räume, des C2l +1
und des
(2)
C2l +1 , aufgespannt durch die Basis

|l(1) , m(1) i · |l(2) , m(2) i = |l(1) , m(1) ; l(2) , m(2) i

Erinnern wir uns noch einmal an die allgemeine Drehimpuls-Algebra, aus der wir
p
L+ |l, mi = l(l + 1) − m(m + 1)|l, m + 1i
p
L− |l, mi = l(l + 1) − (−m)(−m + 1)|l, m − 1i

wissen. Damit ergibt sich für den Basisvektor mit dem höchsten Gewicht (der Ei-
genwert zu J3 , also m(1) + m(2) , in diesem Fall nämlich l(1) + l(2) )
 n
n (1) (1) (2) (2) (1) (2)
J− |l , l ; l , l i = L− + L− |l(1) , l(1) ; l(2) , l(2) i
n   k  n−k
X n (1) (2)
= L− L− |l(1) , l(1) ; l(2) , l(2) i
k
k=0
n  
X n
= A · |l(1) , l(1) − k; l(2) , l(2) − (n − k)i
k
k=0

(1) (2)
wobei A eine Linearkombination aus den oben angegebenen Eigenwerten zu L− , L−
ist
= A0 · |j, j3 i
mit

j = l(1) + l(2)
j3 = l(1) + l(2) − n

Diese Formel läßt sich umkehren zu


X
|j, j3 i = |l(1) , l(1) − k; l(2) , l(2) − (n − k)i · Clj,j3
(1) ,l(1) −k;l(2) ,l(2) −(n−k)

mit den Clebsch-Gordan-Koeffizienten

Clj,j3
(1) ,m(1) ;l(2) ,m(2)

j3 = m(1) + m(2) , j = l(1) + l(2)

Wie rechnet man nun für j < l(1) + l(2) ? Betrachten wir nochmal den Fall
q
J− |l(1) , l(1) ; l(2) , l(2) i = l(1) (l(1) + 1) − l(1) (l(1) − 1) |l(1) , l(1) − 1; l(2) , l(2) i
| {z }

= 2l(1)
q
+ l(2) (l(2) + 1) − l(2) (l(2) − 1) |l(1) , l(1) ; l(2) , l(2) − 1i
| {z }

= 2l(2)
q
= (l(1) + l(2) )(l(1) + l(2) + 1) − (l(1) + l(2) )(l(1) + l(2) − 1)

| {z }
= 2(l(1) +l(2) )

·|j = l(1) + l(2) , j3 = l(1) + l(2) − 1i


106 5 DER SPIN DES ELEKTRONS

Außerdem gibt es im Unterraum mit Gewicht j3 = l(1) + l(2) − 1 noch einen anderen
Basisvektor, nämlich
|j = l(1) + l(2) − 1, j3 = l(1) + l(2) − 1i
Damit ergibt sich für die Basisvektoren
s
l(1)
|j = l(1) + l(2) , j3 = l(1) + l(2) − 1i = |l(1) , l(1) − 1; l(2) , l(2) i
l(1) + l(2)
s
l(2)
+ (1) |l(1) , l(1) ; l(2) , l(2) − 1i
l + l(2)
s
l(1)
|j = l(1) + l(2) − 1, j3 = l(1) + l(2) − 1i = |l(1) , l(1) − 1; l(2) , l(2) i
l(1) + l(2)
s
l(2)
− (1) |l(1) , l(1) ; l(2) , l(2) − 1i
l + l(2)

5.4 Die Feinstruktur des Wasserstoffatoms

Bisher haben wir das Wasserstoffatom unter Vernachlässigung des Elektronenspins


behandelt. Dieser wird nun berücksichtigt. Im Hamilton-Operator ist bei ruhendem
Proton nur das Coulomb-Feld des Protons vorhanden. Das magnetische Moment
des Protons wird vernachlässigt; es wird zur Hyperfeinstruktur. Also womit kann
der Elektronenspin und sein Dipol wechselwirken, wenn A ~ = 0, B
~ = 0 ist?

~ bewegt, erfährt in seinem eigenen


Ein Elektron, das sich durch ein Mangetfeld B
Ruhesystem ein scheinbares elektrisches Feld

~ L = ~v × B
E ~
c
und als dessen Folge eine Kraft

K ~ L = −e · ~v × B
~ = −~e · E ~
c
~ so ,,sieht” es ein
die Lorentzkraft. Bewegt es sich durch ein elektrisches Feld E,
scheinbares Magnetfeld
B~ L = − ~v × E
~
c
Diese ,,Scheinfelder” (sie sind genauso echt wie alle Felder) entstehen durch ei-
ne Lorentztransformation vom Laborsystem in das mit der Geschwindigkeit ~v be-
2
h i 1
2 −2
wegte Ruhesystem des Elektrons. Dabei wird die Ordnung vc2 (von 1 − vc2 )
vernachlässigt. Damit gibt es im Ruhesystem des Elektrons eine Wechselwirkungs-
energie  
~ e ~ ~v ~
−~µ · BL = + · ~σ · ×E
mc 2 c
(g − 2 vernachlässigt). Tatsächlich kann man diese Wechselwirkungsenergie nicht in
den Hamilton-Operator einsetzen, sondern man muß für die Spin-Bahnwechselwirkung
den Ansatz
1 ~L
HSB = − µ ~ ·B
2
5.4 Die Feinstruktur des Wasserstoffatoms 107

machen. Denn die Wechselwirkungsenergie im Laborsystem ist verschieden von der


Wechselwirkungsenergie im Ruhesystem des Elektrons. Den Faktor 12 , der hinzu-
tritt, wird als Thomas-Faktor bezeichnet. Thomas zeigte, daß er bei einer korrekten
Behandlung von Lorentztransformationen eines präzessierenden Kreisels auftritt.
Am einfachsten leitet man aber HSB (wie das gyromagnetische Verhältnis) aus der
Diracschen Theorie ab. Mit (e = e0 )

~
E ~ = + e · ~x
= −∇φ
 r2 r
~L e ~v e e ~
B = − × ~x = 3
(~x × p~) = ·L
r c mcr mcr3
wird
1 e ~ e ~
HSB = + S· L
2 mc mcr3
2
e ~ ·L
~
= S
2m2 c2 r3

Wir werden zunächst die Größenordungn dieser Energie abschätzen. Dazu setzen
wir

r → r0 Bohrscher Radius
~ ~
S · L → ~2
2 2
e ~ 1 e2 ~2 1
= · ·
2m2 c2 r03 2 r m2 c2 r02
| {z 0}
Energie des
Grundzustandes

~ e2 ~2
= · = α · r0 Comptonwellenlänge des Elektrons
mc ~c me2
1
α : Feinstrukturkonstante ∼
137
Also: O(HSB ) =Energie des Grundzustandes·α2 . Es handelt sich also tatsächlich
um eine kleine Störung (∼ 10−4 ).

Als nächstes betrachten wir

H = H0 + HSB
p~ e2
H0 = −
2m r
Nach den Prinzipien der Störungstheorie suchen wir nach einem Operator K (sie-
he auch Abschnitt 4.2, S. 96), der mit H0 und HSB vertauscht, und uns damit die
Störmatrix erster Ordnung diagonalisiert. Wir haben trivialerweise als vertauschen-
de Operatoren mit H0
~ 2 , Li , Si alle i
L
damit auch
 2
J~2 = ~ +S
L ~

~ 2 + 2L
= L ~ ·S
~ +S
~2

 
~ 2 = ~2 3 I
S 4
108 5 DER SPIN DES ELEKTRONS

und ebenfalls
Ji = Li + Si
Welche Operatoren vertauschen mit HSB ? Sicherlich L ~ 2 , aber keine einzelne Kom-
~ ~
ponente von L oder S. Schreiben wir
 
L~ ·S ~ = 1 J~2 − L ~2 − S~2
2
h i h i
~
Ji , L 2 ~2 = 0
= Ji , S
h i
⇒ Ji , L~ ·S ~ = 0

und beachten, daß    


1 1
, Li = , S i =0
r3 r3
so folgt, daß außerdem J~2 und Ji mit HSB vertauschen.

Wenn wir den ungestörten Operator H0 diagonalisieren, so verwenden wir na-


heliegenderweise die Operatoren
~ 2 , L3 , S3
H0 , L

als untereinander vertauschbare Operatoren und dementsprechend den Separations-


ansatz
ψ = unl (r)Yml (Θ, φ)esσ3
Wenn wir HSB einbeziehen, haben wir neben H0 und HSB
~ 2 , J~2 , J3
L

zu benutzen. Der Separationsansatz ist


j(l, 21 )
ψ = unlj (r)Yj3 (Θ, φ)σ

mit
j(l, 21 )
X
Yj3 (Θ, φ)σ = hj, j3 |l, m; 12 , s3 i ·Yml (Θ, φ)e(s
σ
3)

m,s3
| {z }
Clebsch-Gordan-Koeffizienten

und die radiale Schrödingergleichung

~2 d 2 e2
  
2 d l(l + 1)
− + − − +
2m dr2 r dr r2 r

e2 ~2 

3

+ 2 2 3 j(j + 1) − l(l + 1) − 4 unlj (r) = Enlj unlj (r)
4m c r

Hier erscheint die Störung schon diagonal. Vernachlässigen wir die Störung, so sehen
wir, daß in dieser nullten Näherung
(0) 1
unlj (r) = unl (r) für beide j = l ± 2

Dann wird der Enengieeigenwert in erster Näherung


Z∞
(1) e2 ~2  2
En(0) j(j + 1) − l(l + 1) − 34 · 1

(5.4.1) Enlj = + 2 2
dr r (unl (r))
4m c
0
5.4 Die Feinstruktur des Wasserstoffatoms 109

wobei
Z∞
2
dr r2 (unl (r)) = 1
0

vorausgesetzt wurde.

Zum Integral in (5.4.1) ist folgendes zu bemerken: Für l = 0 divergiert es bei


r = 0. Andererseits ist die Klammer bei l = 0 gleich Null. Denn bei l = 0 ist
notwendig j = 12 , also    
1 1 3
+1 − =0
2 2 4
Also ist bei l = 0 der Störungsterm von der Form 0 · ∞. Bei l 6= 0 ist das Integral bei
r = 0 konvergent. Wir kommen gleich auf diesen Schwachpunkt der Störungstheorie
zurück.

Das Integral läßt sich mit einigen Tricks auswerten. Wir bekommen
  
1
2
 + l+1 j = l + 12
(1) α 1 
Enlj = En(0) 1 − ·
 
n 2l + 1 

 1 1
−l j =l− 2
e2
α =
~c
Hier ist bei j = l − 12 natürlich automatisch l > 0. Bei j = l + 12 ist nun auch für
l = 0 ein Wert möglich, da ein ll gekürzt wurde. Das Ergebnis ist tatsächlich richtig,
wie man aus der Diracschen Theorie ersehen kann.

Die angegeben Formel stimmt mit dem beobachteten Spektrum nicht überein.
Wenn man für die mittlere Geschwindigkeit des Elektrons im Wasserstoffatom
 
hvi
O =α
c
beachtet, so kommt man darauf, daß es neben der Feinstrukturwechselwirkung eine
(0)
Korrektur gleicher Größenordnung gibt, nämlich O(α2 ) relativ zu En , die sich aus
der relativistischen Korrektur der kinetischen Energie ergibt12
p
Ekin = m2 c4 + p~2 c2 − mc2
2
p~2 1 p~2

1
= − · + ...
2m 2 2m mc2
Als weitere Korrektur führen wir also in die Schrödingergleichung
 2 2
1 p~ 1
Hrel = − · ·
2 2m mc2
2
e2

1 1
= − · H0 + ·
2 r mc2
ein. In Störungstheorie erster Näherung liefert das
Z ∞ 2
e2
  
1 2 (0) 2 (0) 2 1 3 n
− dr r E n + (u nl (r)) = −E n · α −
2mc2 0 r n2 4 l + 12
12 im ~ −→ p
Allgemeinen wird p ~
~ − ec A
110 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Wir fassen mit


α2
 
1 1 ±1
1 − ·
n l+ 2
2l + 1 j + 12
α2 1
 
1
= 2∓
n 2l + 1 j + 12
α2 1
 
2j → 2l + 1 1
= ·
n 2l + 1 2j + 1 → 2l + 1 j+ 1
2
α2 1
= 1
n j+ 2

zusammen zur Sommerfeldschen Feinstrukturformel


α2 3
  
(1) n
Enlj = En(0) 1 − 2 −
n 4 j + 12

Bemerkenswert ist, daß die Abhängigkeit von l herausgefallen ist. Wenn der Lamb-
Shift vernachlässigt wird, ist dies korrekt.

6 Mehr-Teilchen Probleme

6.1 Identische und verschiedene Teilchen

Wir haben in der Quantenmechanik zwischen identischen und verschiedenen Teil-


chen zu unterscheiden. Elektron, Müon, Proton, Neutron sind verschiedene Teilchen.
Zwei Elektronen, zwei Protonen sind jeweils identische Teilchen. Mit der Bezeich-
nung identisch wollen wir ausdrücken, daß es prinzipiell unmöglich ist, daß wir an
den Teilchen Merkmale anbringen, die es gestatten, sie experimetell zu unterschei-
den. Natürlich können sich identische Teilchen in verschiedenen Zuständen befinden:
Teilchen 1 in Zustand 1
sowie Teilchen 2 in Zustand 2
ist physikalisch identisch mit
Teilchen 1 in Zustand 2
sowie Teilchen 2 in Zustand 1
Elementarteilchen sind entweder identisch oder verschieden.

Natürlich gibt es auch zusammengesetzte Teilchen wie das H-Atom. Viele der
bekannten Elemetarteilchen sind zusammengesetzt und zwar aus Quarks. Um in
diesem Fall zu einer konsistenten Begriffsbildung zu kommen, wollen wir zwei Was-
serstoffatome als identisch ansehen, falls sie sich im gleichen inneren Zustand be-
finden, also z. B. im Grundzustand mit den Spinquantenzahlen von Proton und
Elektron bei beiden Atomen gleich. Andernfalls sind es verschiedene Teilchen.

Alle Teilchen zerfallen in zwei Klassen. Ist ihr Spin ganzzahlig (beim Wasserstof-
fatom addieren sich Proton- und Elektronspin zu null oder eins), so nennen wir die
Teilchen Bosonen. Ist der Spin halbzahlig, so nennen wir sie Fermionen. Zu den Fer-
mionen gehören Elektron, Proton, Neutron, Neutrino, Müon, der Kern des Tritiums
(2n + p), das He3 -Atom (2p + n + 2e). Zu den Bosonen gehören das Photon, Pion,
H-Atom (p+e), Deuteron (p+n), α-Teilchen (2p+2n), He4 -Atom (2p+2n+2e). Da
die Spins sich entweder parallel oder antiparallel einstellen, ist die Ganzzahligkeit
oder Halbzahligkeit bei zusammengesetzten Teilchen immer eindeutig bestimmt.
6.1 Identische und verschiedene Teilchen 111

Zunächst betrachten wir die Observablenalgebra. Sie ist für identische oder ver-
schiedene Teilchen im Prinzip gleich. Zu jedem Teilchen (ν ∈ {1, 2, . . . , N }) gehört
ein Satz von Observablen
(ν) (ν) (ν)
Qi , Pi , Si i ∈ {1, 2, 3}

mit der üblichen Vertauschungsalgebra. Daraus wird für festes ν eine Funktionen-
algebra A(ν) der Observalen des Teilchens (ν) gebildet. Unter der Maßgabe, daß zu
zwei Teilchen (ν), (ν 0 ), ν 6= ν 0 (identisch oder verschieden) die Observablen immer
kommutieren, wird aus den A(ν) durch Summen- oder Produktbildung die Algebra
des Gesamtsystems gebildet. Typisch sind Observable wie die kinetische Energie
N 3 
!
1 2
(ν)
X X
· Pi
ν=1
2m(ν) i=1

oder eine Coulombwechselwirkung


" 3 
#− 21
2
(ν) (ν 0 )
X
Qi − Qi
i=1

(ν)
Alle Qi , S (ν) sind gleichzeitig diagonalisierbar, so daß wir in einer Orts-S 3 -
Realisierung Zustände durch Wellenfunktionen
(1) (2) (N )
ψ(x(1) , ms ; x(2) , ms ; . . . ; x(N ) , ms )
(ν)
ms = ± 21 beim Elektron

beschreiben können. Der Hilbertraum ist dann das Tensorprodukt


O 
L2(ν) ⊗ C2(ν)
ν

Es zeigt sich jedoch, daß dieser Hilbertraum für identische Teilchen zu groß ist (vgl.
Abschnitt 6.3, S. 116).

In der Mechnik gibt es typische zusammengesetzte Observable für Mehrteichen-


systeme. So ist die gesamte kinetische Energie T die Summe von Einzelenergien
N 2
X 1 
~ (ν)
T = · P
ν=1
2m(ν)

In der Quantenmechanik ist dieselbe Bildung möglich, in der Ortsrealisierung ist


dabei −−−−→
~ ∂
P~ (ν) =
i ∂Q(ν)

Ähnliche Summenbildungen gibt es beim Impuls und Drehimpuls


N
X
p~ = p~(ν)
ν=1
N
X
~ =
L ~ (ν)
L
ν=1
~ (ν)
L ~ (ν) × P~ (ν)
= Q
112 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

~ (ν) , also z. B. den Gesamtspin


In der Quantenmechanik gibt es dazu noch den Spin S
N
X
~=
S ~ (ν)
S
ν=1

oder Gesamtdrehimpuls

J~(ν) = L(ν) + S~ (ν)


XN
J~ = J~(ν)
ν=1

Exakt sollte man für die Operatoren der Quantenmechanik z. B.

I ⊗ I ⊗ . . . ⊗L~ (ν) ⊗ · · · ⊗ I
| {z }
ν-te Stelle

~ (ν) nur auf die Koordinate x(ν) in der Ortsrealisierung wirkt, also
schreiben, da L
auf den ν-ten Faktor im Tensor-Produkt. Wir werden uns jedoch diese Schreibweise
sparen.

Als Beispiel wollen wir noch den Hamilton-Operator für N Elektronen imn einem
statischen Kernfeld angeben (ohne Spin-Bahn-Wechselwirkung)
N N
X 1  ~ (ν) 2 1 X e2 X Ze2
H= P + −
~x(ν) − ~x(µ)

~x(ν)
ν=1
2m 2 ν=1
ν6=µ

6.2 Die Abseparation der Schwerpunktbewegung

Bei einem klassischen System von N Teilchen, dessen Hamilton-Funktion gegenüber


der Translation

~x(ν) → ~x(ν) + ~a (~a unabhängig von (ν))

invariant ist, ist der Gesamtimpuls erhalten und man kann die Schwerpunktbewe-
gung abseparieren. Das geschieht auf folgende Weise: Wir führen die Gesamtmasse
N
X
M= m(ν)
ν=1

und die Schwerpunkt-Koordinate


N
1 X (ν) (ν)
~x = m ~x
M ν=1

ein. Dazu betrachen wir den Gesamtimpuls


N
X
p~ = p~(ν)
ν=1

Daneben kann man in weitem Rahmen beliebige Relativkkordinaten und -Impulse


ein führen, z. B. durch

(6.2.1) ξ~(ν) = ~x(ν) − ~x, ν ∈ {1, 2, . . . , N − 1}


6.2 Die Abseparation der Schwerpunktbewegung 113

oder

(6.2.2) ξ~(ν) = ~x(ν) − ~x(N ) , ν ∈ {1, 2, . . . , N − 1}

Dabei ist wesentlich für die Relativkoordinaten, daß sie unter Translationen

~x(ν) → ~x(ν) + ~a

invariant sind
ξ~(ν) → ξ~(ν)
Wie definieren wir Relativimpulse ~π (ν) ? (Wir werden von jetzt an den Pfeil über
x, p, ξ, π weglassen).

Sei

ξ (N ) = X (Schwerpunkts-Koordinate)
π (N ) = P (Gesamtimpuls)

Dann sind die π (ν) und die ξ (ν) dadurch definiert, daß

x(ν) , p(ν) → ξ (ν) , π (ν)

eine kanonische Transformation darstellen muß. Das kann man auf zwei Weisen
ausdrücken. Es muß eine Erzeugende geben
X
W = aνµ x(ν) π (µ)
ν,µ

mit
X
p(ν) = ∂W
∂x(ν)
= aνµ π (µ)
µ
X
(µ)
ξ = ∂W
∂π (µ)
= aνµ x(ν)
ν

Eine äquivalente Forderung ist die, daß die Poisson-Klammern


n o n o
x(ν) , p(µ) = ξ (ν) , π (µ) = δµν

ergeben müssen. Für alle Fälle (6.2.1) und (6.2.2) ist die Matrix aνµ leicht angebbar
und das Ergebnis ist

m(ν) (N )
(6.2.1) ⇒ π (ν) = p(ν) − p
m(N )
m(ν) (N )
(6.2.2) ⇒ π (ν) = p(ν) − π
M
ν ∈ {1, 2, . . . , N − 1}

Benutzen wir die Erzeugende W auch in der Quantenmechanik, so folgt aus


X
ξ (µ) = aνµ x(ν)
ν

auch
~ ∂ X ~ ∂
(ν)
= aνµ ·
i ∂x µ
i ∂ξ (µ)
114 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

was mit X
p(ν) = aνµ π (µ)
µ

insofern verträglich ist, als wir auch die neuen Impulse π (ν) realisiern können durch
~ ∂
i ∂ξ (µ)
Den Poisson-Klammern der klassischen Mechanik entsprechen dann die Vertau-
schungsrelationen
h i h i ~
x(ν) , p(µ) = ξ (ν) , π (µ) = − δνµ
i

Wir nehmen nun an


H=T +V
wobei V nur von den Relativkoordinaten abhängt
n o
V = V ( ξ (ν) )

Dann möchten wir T


N
X 1  (ν) 2
T = p
ν=1
2m(ν)
umformen in
1
T = · P 2 + quadratische Form in den π (ν) ν ∈ {1, 2, . . . , N }
2M 0
Das erfordert
N
X aνN aνµ 1
= δµN
ν=1
m(ν) M0
Tatsächlich folgt aus der Definition der Schwerpunkt-Koordinate

m(ν)
aνN =
M
Ferner folgt aus der Translationsinvarianz der Relativkoordinaten
N
X
aνµ = 0 µ 6= 0
ν=1

Damit ist unsere Forderung erfüllt mit

M = M0

Also ist
1 2 n o
H= P + H0 ξ (ν) , π (ν)
2M

In der Quantenmechanik betrachen wir die Ortsrealisierung


 n oN −1 
(ν)
ψ x, ξ
1

und
~ ∂
P =
i ∂x
6.2 Die Abseparation der Schwerpunktbewegung 115

Dann separieren wir die Schwerpunktbewegung ab durch den Ansatz


 n oN −1  n oN −1 
ψ x, ξ (ν) = eikx φ ξ (ν)
1 ν=1

Aus
Hψ = Eψ
wird
~2 k 2
E= +ε
2M
sowie  
0 (ν) ~ ∂
H ξ , φ = εφ
i ∂ξ (ν)
Die freie Bewegung der Schwerpunktes wird dann durch die ebene Welle
~2 k2
eikx−i 2M t

und die innere Bewegung des Systems durch


n oN −1 
φ ξ (ν) e−iεt
ν=1

beschrieben.

Wir wollen uns das Zweikörperproblem


2 2
p(1) p(2) 
(1)

(2)
H= + + V − x
2m(1) 2m(2)
x

ansehen. Hier liegt es natürlich nahe, den Typ (6.2.2) von Relativkoordinaten zu
verwenden, für den  
(1)
+1 mM
aνµ = 
 

(2)
m
−1 M νµ

ist. Dann wird

ξ (1) = x(1) − x(2)


m(2) p(1) − m(1) p(2)
π (1) =
m(1) + m(2)
und
1 2 1  (1) 2
T = P + π
2M 2µ
mit
1 1 1
= (1) + (2)
µ m m
Für die Quantenmechanik ergibt sich über diese klassische Rechnung hinaus nur,
daß man π (1) realisieren kann durch
~ ∂
π (1) −→
i ∂ξ (1)
116 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

6.3 Zustandsraum identischer Teilchen

Wir betrachen den Hilbert-Raum


N 
O 
HN = L2 (R3 )(ν) ⊗ C2S+1
(ν)
ν=1

von Wellenfunktionen
n o
(ν)
ψ x(ν) , ms
(ν)
−s ≤ ms ≤ +s

Zunächst definieren wir die symmetrische Gruppe SN der Permutationen von N


Elementen
g ∈ SN g(1, 2, 3, . . . , N ) = (g(1), g(2), . . . , g(N ))
Es handelt sich also um bijektive (umkehrbar eindeutige) Abbildungen des N -Tupels
(1, 2, 3, . . . , N ) auf sich. Die Gruppenmultiplikation entspricht dem Hintereinander-
ausführen von Abbildungen

g1 g2 (n) = g1 (g2 (n))

SN hat N ! Elemente.

Ein Gruppenelement, das die Eigenschaft hat, zwei Elemente n1 , n2 zu vertau-


schen und alle anderen ungendert zu lassen

g(n1 ) = n2
g(n2 ) = n1
g(n) = n, n1 6= n 6= n2

heißt Transposition. Ein Satz aus der Theorie der symmetrischen Gruppen besagt,
daß jedes g ∈ SN in ein Produkt von Transpositionen zerlegt werden kann

g = t 1 · t 2 · · · · · tk

wobei das Vorzeichen von g


σ(g) = (−1)k
eindeutig bestimmt ist. Wir werden diesen Satz gleich gebrauchen. Natürlich ist

σ(tg) = −σ(g) t : Transposition

Wir kehren zum Hilbert-Raum HN zurück und definieren zu jedem g ∈ SN einen


unitären Operator Ug in HN vermöge
n o n o
Ug−1 ψ x(ν) , m(ν)
s = ψ x(g(ν))
, m (g(ν))
s

Natürlich ist für das Einheitselement

g = e
Ue = I
6.3 Zustandsraum identischer Teilchen 117

Wir zeigen, daß außerdem gilt

Ug−1 Ug−1 = Ug−1 ·g−1 = U(g2 ·g1 )−1


1 2 1 2

Wenn diese Eigenschaften bewiesen sind, stellt die Abbildung

g −→ Ug

einen Homomorphismus in die Gruppe der unitären Operatoren U : HN → HN


dar. Wir nennen einen solchen Homomorphismus eine unitäre Darstellung. Nun
zum Beweis:
Sei

ψ̃ = Ug−1 ψ
1
n o n o
(n) (n)
Ug−1 ψ̃ x , ms = ψ̃ x(g2 (n)) , m(g
s
2 (n))
2
n o
= Ug−1 ψ x(g2 (n)) , m(g s
2 (n))
1
n o
= ψ x(g1 (g2 (n))) , m(gs
1 (g2 (n)))

n o
= U(g1 g2 )−1 ψ x(n) , m(n) s
n o
= Ug−1 g−1 ψ x(n) , m(n) s
2 1

Andererseits haben wir mit Ug−1 Ug−1 begonnen, also


2 1

Ug−1 Ug−1 = Ug−1 g−1


2 1 2 1

Wir nennen win ψ ∈ HN total symmetrisch, falls

Ug−1 ψ = ψ für alle g ∈ SN


(S)
Diese ψ bilden einen Unterraum HN . Ebenso nennen wir die ψ ∈ HN total
antisymmetrisch, falls
Ug−1 ψ = σ(g)ψ
(A)
Der von ihnen aufgespannte Unterraum sei HN . Für N = 2 ist

(S) (A)
H N = H N ⊕ HN
N =2

(S)
Dann besteht HN aus den symmetrischen Wellenfunktionen
   
ψ x(1) , m(1)
s ; x(2)
, m (2)
s = +ψ x(2)
, m (2)
s ; x(1)
, m (1)
s

(A)
und HN aus den antisymmetrischen
   
ψ x(1) , m(1)
s ;x
(2)
, m(2)
s = −ψ x(2) , m(2)
s ;x
(1)
, m(1)
s

(S) (A)
Für N > 2 ist HN aber mit HN ⊕ HN nicht ausgeschöpft.

Eine der berühmtesten Aussagen der modernen Physik ist der ,,Zusammenhang
zwischen Spin und Statistik”: Die Zustände von N identischen Bosonen (bzw. Fer-
(S) (A)
mionen) werden in einem Hilbertraum HN (bzw. HN ) realisiert.
118 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

(S)
Wir wollen noch Projektionsoperatoren Π(S) von HN auf HN bzw. Π(A) von
(A)
HN auf HN definieren. Dazu setzen wir
1 X
Π(S) ψ = Ug−1 ψ
N!
g∈SN
1 X
Π(A) ψ = σ(g)Ug−1 ψ
N!
g∈SN

Hier läuft die Summe über alle Elemente g der Gruppe. Wird jedes g ∈ SN von
links mit einem festen g 0 multipliziert, so induziert g 0 eine bijektive Abbildung von
SN auf sich

SN −→ SN
g0
g −→ g0 g

eine sog. Links-Translation. Sei t eine Transposition. Dann ist


1 X
Ut Π(A) ψ = σ(g)Ut Ug ψ
N!
g∈SN
1 X
= − σ(tg)Utg ψ
N!
g∈SN
(A)
= −Π ψ

Entsprechend ist
Ut Π(S) ψ = +Π(S) ψ
also
(S)
Π(S) ψ ∈ HN
(A)
Π(A) ψ ∈ HN

Die Hamilton-Operatoren von Systemen identischer Teilchen sind symmetrisch


gegen Vertauschung der zu den einzelnen Teilchen gehörenden Observablen. Ein
Beispiel steht am Ende von Abschnitt 6.1, S. 112. Diese Symmetrie ist ausdrückbar
als
Ug−1
−1 HN Ug −1 = HN

oder
HN Ug−1 = Ug−1 HN
für alle g ∈ SN . Sei nun
 
(S) (A)
ψ(t = 0) ∈ HN bzw. HN

d. h.  
1
Ug−1 ψ(t = 0) = · ψ(t = 0)
σ(g)
und
~ ∂ψ
− = HN ψ
i ∂t
(S) (A)
Dann ist auch ψ(t) ∈ HN (bzw. HN ) für alle t. Denn nach formaler Integration
ist
i
ψ(t) = e− ~ HN t ψ(t = 0)
6.4 Fermionen-Systeme und das Wasserstoff-Molekül 119

und
i
Ug−1 ψ(t) = Ug−1 e− ~ HN t ψ(t = 0)
i
= e− ~ HN t Ug−1 ψ(t = 0)
 
1 i
= · e− ~ HN t ψ(t = 0)
σ(g)
 
1
= ψ(t)
σ(g)

für alle g ∈ SN .

6.4 Fermionen-Systeme und das Wasserstoff-Molekül

Wir wollen annehmen, daß die Dynamik eines Systems von N identischen Fermionen
durch einen Hamilton-Operator
N
X
H= H(ν)
ν=1

repräsentiert wird (,,Independent Particle Approximation”). Dabei wirke H(ν) nur


(ν)
auf die Koordinaten xi und Spinvariable13 σ (ν) des Teilchens ν. Die H(ν) lassen
sich alle einzeln diagonalisieren:
   
H(ν) ψλ ~x(ν) , σ (ν) = ελ ψλ ~x(ν) , σ (ν)

wobei λ einen vollständigen Satz von Quantenzahlen angeben soll. Dann ist H
diagonalisierbar durch den Separationsansatz nach Teilchen
n o YN  
ψ ~x(ν) , σ (ν) = ψλ(ν) ~x(ν) , σ (ν)
ν=1

und n o n o
Hψ ~x(ν) , σ (ν) = Eψ ~x(ν) , σ (ν)

mit
N
X
E= ελ(ν)
ν=1

Die Forderung der Antisymmetrie erzwingt, daß wir ψ durch Π(A) ψ ersetzen. Diesen
Ausdruck können wir durch eine Determinante ausdrücken
 
ψλ(1) ~x(1) , σ (1) ψλ(2) ~x(1) , σ (1)  . . .

(2) (2)

√ 1 ψλ(1) ~x , σ ψλ(2) ~x(2) , σ (2) . . .
(A)
N !Π ψ = √ ..
N ! .

ψ (1) ~x(N ) , σ (N )  (N ) (N )

λ ψλ(2) ~x , σ . . .

wobei
kψ (A) k = 1 falls kψλ(ν) k = 1 (alle ν)
13
(ν)
σ (ν) ≡ ms
120 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Diese Determinante heißt Slater-Determinante. Wir schreiben auch


1 n    o
ψ (A) = √ det ψλ(1) ~x(1) , σ (1) , . . . ψλ(N ) ~x(N ) , σ (N )
N!
Wir erkennen: Sind zwei λ(ν1 ) , λ(ν2 ) gleich, so ist ψ (A) = 0. Das bedeutet, daß in ei-
nem Mehr-Fermionen-Zustand aus unabhängigen Teilchen jeder Einteilchenzustand
höchstens einmal vorkommen (besetzt sein) darf. Das ist das Pauli-Prinzip. Es ist
eine Folge des Antisymmetrisierungs-Gebots.

In der Natur sind Systeme aus N unabhängigen Fermionen sehr selten (,,ideales
Gas”). Der am Ende von Abschnitt 6.1 (S. 112) angegebene Hamilton-Operator ist
ein Beispiel, in dem
XN X
H= H(ν) + Vνν 0
ν=1 1≤ν<ν 0 ≤N

neben Ein-Teilchen-Operatoren noch Zwei-Teilchen-Wechselwirkungen (hier: vom


Coulomb-Typ) auftreten. Dann kann man daran denken, die Wechselwirkungsterme
als Störung zu betrachen und bezüglich dieser zu entwickeln. Tatsächlich basieren
fast alle Rechnungen der Vielteilchen-Atomphysik bzw. Festkörperphysik auf dieser
Idee. Dabei wird die nullte Näherung auf folgende Weise verbessert:

Auf ein herausgegriffenes Teilchen wirken die N − 1 anderen mit einem über
ihre Bewegung gemittleten Feld plus einem variablen Restfeld. Dieses mittlere Feld
ist vom Bewegungszustand abhängig, enthält also die Lösung einer Schrödinger-
gleichung. Die entsprechenden Gleichungen werden nichtlinear. Das Verfahren heißt
Methode des selbstkonsistenten Feldes oder auch Hartree-Fock-Verfahren. Das Rest-
feld sollte danach störungstheoretisch behandelt werden. Es wird meist jedoch ganz
vernachlässigt.

Wenn die Hamilton-Operatoren H(ν) den Spin-Freiheitsgrad nicht enthalten, so


ist der Separationsansatz
   
(±)
ψ ~x(ν) , σ (ν) = ψλ ~x(ν) χσ(ν)

möglich. Im Falle eines N = 2 Fermionen-Systems kann dann die Slater-Determinante


aufgelöst werden. Die gesamte Wellenfunktion zerfällt in ein Produkt aus Ortswel-
lenfunktion und Spinwellenfunktion. Dazu benötigen wir die Wellenfunktion für den
Gesamtspin.

Wir wenden die gleiche Betrachtung an wie bei der Addition von Bahn- und
~ (1) , S
Spin-Drehimpuls. Wir haben Spinoperatoren S ~ (2) und

~
S ~ (1) + S
= S ~ (2)
~2
S = s(s + 1) · I

wobei offensichtlich s = 0 und s = 1 möglich sind. Sei


~ 2 χ1,m
S = 2 · χ1,ms
s

S3 χ1,ms = ms χ1,ms

sowie
~ 2 χ0,0
S = 0
S3 χ0,0 = 0
6.4 Fermionen-Systeme und das Wasserstoff-Molekül 121

Dann ist offensichtlich


χ1,+1 = χ(1,+) χ(2,+)
1
(χ(+) bedeutet Spin 2 in 3-Richtung). Durch Anwendung von

(1) (2)
S− = S− + S−
(i)
S− χ(i,+) = χ(i,−)

ergibt sich

S− χ1,1 = 2 χ1,0

S− χ1,0 = 2 χ1,−1

und daraus
1 h i
χ1,0 = √ χ(1,+) χ(2,−) + χ(1,−) χ(2,+)
2
χ1,−1 = χ(1,−) χ(2,−)

(Tatsächlich kann man mit expliziten Matrizen rechnen:


 
(+) 1
χ =
0
 
0
χ(−) =
1
1 1
S± = 2 σ1 ± 2 σ2
 
0 0
S− =
1 0

etc.) Die Gesamtspin-Wellenfunktion χ1,ms ist also in den beiden Teilchen symme-
trisch. Die Wellenfunktion χ0,0 ist orthogonal zu χ1,0

1 h i
χ0,0 = √ χ(1,+) χ(2,−) − χ(1,−) χ(2,+)
2

Sie ist antisymmetrisch.

Um eine in allen Parametern total antisymmetrische Funktion zu erhalten, ist


χ1,ms mit der Koordinatenfunktion
 
1 ϕ (1) ~x(1) ϕλ(2) ~x(1) 
√ · λ (2)

2 ϕλ(1) ~x ϕλ(2) ~x(2)

zu multiplizieren. Andererseits ist χ0,0 mit der total symmetrischen Wellenfunktion


 
ϕλ(1) ~x(1)  ϕλ(2) ~x(1) 

1
√ ·
2 ϕλ(1) ~x(2) ϕλ(2) ~x(2)

zu multiplizieren, wobei diese ,,Permanente” wie eine Determinante ausgerechnet


wird, aber gliedweise mit positivem Vorzeichen. Falls H zwar eine Wechselwirkung

H = H1 + H2 + V12
122 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

enthält, aber nicht auf den Spinfreiheitsgrad wirkt, ist immer noch eine Separation
möglich in der Form
 
ψ+ = ϕS ~x(1) , ~x(2) χ0,0
   
ϕS ~x(1) , ~x(2) = +ϕS ~x(2) , ~x(1)
 
ψ− = ϕA ~x(1) , ~x(2) χ1,ms
   
ϕA ~x(1) , ~x(2) = −ϕA ~x(2) , ~x(1)

Nach diesen Vorbereitungen wollen wir uns das Wasserstoff-Molekül ansehen.


Die beiden Protonen seien unendlich schwer und an Orten A, B fixiert. Ihre Koor-
dinaten sind keine Observable der Theorie, sondern frei wählbare Parameter. Dann
haben wir mit den Elektronen (1) und (2)
2 2
p~(1) p~(2)
 
1 1 1 1 1 1
H = + − e2 + + + − −
2m 2m r1A r1B r2A r2B r12 rAB

= H1 + H2 + V12
mit  
1 1
V12 = +e2 +
r12 rAB

Jeder der beiden Hamilton-Operatoren H1 , H2 beschreibt das Ion H+ 2 mit zwei


festen Protonen. Dieses Problem ist ein ausgeartetes Dreikörperproblem und sepa-
rierbar in elliptischen Koordinaten
r1A + r1B r1A − r1B
H1 : ξ= , η=
rAB rAB
φ: Winkel um die Symmetrieachse durch A, B
Dann ist  
ϕλ ~x(1) = Xnξ (ξ) Ynη (η) eiΛφ
ein Separationsansatz mit den Quantenzahlen
λ = (Nξ , nη , Λ)
Wenn wir die Wellenfunktionen ϕλ in die Determinante bzw. Permanente einsetzen
und mit χs,ms multiplizieren, so diagonalisiert das Resultat den Operator
H1 + H2
mit den Eigenwerten
E = ελ(1) + ελ(2)
wobei
E = E (rAB )
Die Wechselwirkung V12 kann dann störungstheoretisch berücksichtigt werden. Die
Funktion E (rAB ) bestimmt, ob es zu einem Bindungszustand kommt, oder nicht,
und zwar ist für den Grundzustand des H2 -Moleküls und die Grundzustandsenergie
des H-Atoms E0
(6.4.1) E (rAB ) − 2E0
charaktrisiert:
6.4 Fermionen-Systeme und das Wasserstoff-Molekül 123

• (6.4.1)> 0: bedeutet keine Bindung,


• (6.4.1)< 0: bedeutet Bindung.

Statt dieses skizzierte Programm auszuführen, wollen wir uns mit einer groben
Näherung zufrieden geben. Wir nehmen an, rAB sei groß gegen den Bohr’schen
Radius:
rAB  r0
Dann wird sich ein Elektron vorzugsweise in der Nähe eines Protons aufhalten, da
die Anziehung des anderen Protons in erster Näherung vernachlässigt werden kann.
Dann gehen die Wellenfunktionen ϕλ (~x) in die Wasserstoffatom-Wellenfunktion
über, z. B. :
   
ϕλ(1) ~x(1) −→ ϕA ~x(1)
   
ϕλ(2) ~x(2) −→ ϕB ~x(2)

Dann bilden wir mit den beiden Funktionen ϕA , ϕB die beiden Funktionen:
1
ψ+ = √ perm (ϕA , ϕB ) · χ0,0
2
1
ψ− = √ det (ϕA , ϕB ) · χ1,ms
2
Wenn ϕA , ϕB normiert sind, ist:

kψ± k2 = 1 ± S 2

mit dem Überlappintegral


Z
S= d3 x ϕA (x)ϕB (x)

Für ϕA,B nehmen wir jeweils die Grundzustandsfunktion des H-Atoms, diese ist
reell. Dann berechnen wir
(ψ± , Hψ± )
E± (rAB ) =
kψ± k2
e2 C ±A
= 2E0 + +
rAB 1 ± S2
Dabei bedeutet:
e2 2  (1)  2  (2) 
Z
C = d3 x(1) d3 x(2) ϕ ~x ϕB ~x
r12 A
e2 2  (1) 
Z
− d3 x(1) ϕ ~x
r1B A
e2 2  (2) 
Z
− d3 x(2) ϕ ~x
r2A B
wenn wir e ϕ2A , e ϕ2B als Ladungsdichten interpretieren, ist C nämlich die Summe
dreier elektrostatischer Energien vom Coulomb-Typ, nämlich zwischen den beiden
Elektronen, zwischen Elektron (1) und Proton B sowie zwischen Elektron (2) und
Proton A. Ferner haben wir das Integral
 2
e2 e2
Z 
e        
A = d3 x(1) d3 x(2) − − ϕ2A ~x(1) ϕ2B ~x(2) ϕ2A ~x(2) ϕ2B ~x(1)
r12 r1B r2A
124 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Es heißt Austauschintegral und ist typisch für die Quantenmechanik.

Falls rAB → ∞ gilt, sind S und C asymptotisch auswertbar. Die Ladungs-


verteilungen ϕ2A , ϕ2B haben den Durchmesser r0 und können asymptotisch durch
Deltafunktionen ersetzt werden (da rrAB
0
→ 0). Dann gilt:

S −→ 0
e2 e2 e2 e2
C −→ − − =−
rAB rAB rAB rAB
Vernachlässigen wir S und setzen wir für C den Grenzwert ein, so ist:

E± (rAB ) − 2E0 = ±A

Numerische Auswertung des Austauschintegrals ergibt A < 0, sodaß ψ+ zum Bin-


dungszustand gehört.

Die Molekülbindung kommt in der Regel durch die ,,Austausch-Wechselwirkung”


zustande. Man nennt solche Bindungen kovalent. Dabei entsteht die Bindung im-
mer durch Kompensation des Gesamtspins der beiden Atome. Der Gesamtspin des
gebunden Moleküls ist Null. Man nennt bei einem Atom 2s ~ = Wertigkeit (Valenz).
Natürlich kann ein Atom in verschiedenen Zuständen des Gesamtspins existieren.

6.5 Das Ritz-Verfahren, das Hartree-Fock-Verfahren und das


He-Atom

Wenn man die Hauptträgheitsachsen und -momente eines mechanischen Trägheits-


tensors bestimmen will, so kann man das Trägheitsellipsoid betrachten
3
X
xµ Tµν xν = 1
µ,ν=1

und auf der Fläche die stationären Punkte der Funktion


X
x2 = xµ xµ
µ

aufsuchen. Mit dem Lagrange-Parameter λ erhalten wir die stationären Punkte aus
" #
∂ X X
xν xν − λ xν Tνκ xκ
∂xµ ν ν,κ

d. h. aus der Eigenwertgleichung


X 1
Tµν xν = xµ
ν
λ

Umgekehrt könnte man auch auf der Kugel


X
xµ xµ = 1
µ

die Funktion X
xµ Tµν xν
µν
6.5 Das Ritz-Verfahren, das Hartree-Fock-Verfahren und das He-Atom 125

betrachten. Auch dann liefern stationäre Punkte Eigenwert und Eigenvektor.

Das Ritz-Verfahren basiert auf der Übertragung dieser Methode auf den Hamilton-
Operator der Quantenmechanik. Betrachten wir den Erwartungswert

(ψ, Hψ)

unter der Nebenbedingung


(ψ, ψ) = 1
Wir benutzen einen Lagrange-Parameter E und variieren nach ψ
δ
[(ψ, Hψ) − E (ψ, ψ)] = 0
δψ
(variieren nach ψ liefert die adjungierte Gleichung)

Hψ − Eψ = 0

Lösen wir die Schrödingergleichung, so finden wir mit der Lösung ψ

(ψ, Hψ) = E

Also: Eigenwert und Eigenvektor ergeben sich als Lösung eines Variationsproblems.

Ein Näherungsverfahren entsteht daraus auf folgende Weise: Wenn wir einen
Ansatz für ψ machen
ψ = ψ (µ1 , µ2 , . . . , µN )
der von N Parametern abhängt, so können wir im Rahmen dieses Ansatzes die
Eigenfunktionen von H optimal approximieren, wenn wir

F (µ1 , µ2 , . . . , µN ) = H+ ψ, ψ = (ψ, Hψ)




auf seine stationären Punkte untersuchen. Dabei ergibt sich der Grundzustand als
absolutes Minimum. Die Eigenwerte sind meist viel besser zu approximieren als
die Eigenfunktionen. Viele Informationen über die Spektra von Atomen sind auf
diese Weise erhalten worden. Wir wollen uns am Ende dieses Abschnitts mit einem
ein-Parameter-Ansatz einen approximativen Wert für die Grundzustandsenergie des
Helium-Atoms ausrechnen.

Vorher wollen wir uns mit Hilfe des Ritz-Verfahrens die Gleichungen des Hartree-
Fock-Verfahrens ableiten, und zwar ebenfalls am Spezialfall des Helium-Atoms. Der
Hamilton-Operator ist (α-Teilchen unendlich schwer)

e2
H = H1 + H2 +
r12
2
p~(i) 2e2
Hi = − (i)
2m r
Für die Wellenfunktionen haben wir noch allgemein


• ψ+ = ϕS ~x(1) , ~x(2) χ0,0
(Spinsingulett-Zustände=Parahelium-Zustände)

• ψ− = ϕA ~x(1) , ~x(2) χ1,ms
(Spintriplett-Zustände=Orthohelium-Zustände)
126 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Die Idee des Hartree-Fock-Verfahrens besteht darin ϕS und ϕA durch Ein-Teilchen-


Wellenfunktionen zu approximieren
1
ϕS −→ √ perm (ϕλ1 , ϕλ2 )
2
1
ϕA −→ √ det (ϕλ1 , ϕλ2 )
2

und diese Ein-Teilchen-Funktionen nach dem Ritz-Verfahren zu optimieren. Uns


interessieren die Gleichungen, denen die ϕλ (~x) genügen müssen.

Wir berechnen
(ψ, Hψ) − E (ψ, ψ)
für ψ = ψ± . Definieren wir
Z
Nλi = d3 x |ϕλi (~x)|2
Z
Sλ1 λ2 = d3 x ϕλ1 (~x)ϕλ2 (~x)

so ist
(ψ± , ψ± ) = Nλ1 Nλ2 ± |Sλ1 λ2 |2
Das Überlapp-Integral Sλ1 λ2 ist nicht null für λ1 6= λ2 , da wir keine Orthogonalität
haben. Ferner bekommen wir

(ψ± , H1 ψ± ) = (ψ± , H2 ψ± )
1
= [Nλ2 Hλ1 λ1 + Nλ1 Hλ1 λ1 ± (Sλ2 λ1 Hλ1 λ2 + Sλ1 λ2 Hλ2 λ1 )]
2
mit Z
Hλ1 λ2 = d3 x ϕλ1 (~x)H1 ϕλ2 (~x)

sowie
  Z  2  2
1 1  
ψ± , ψ± = d3 x(1) d3 x(2) ϕλ1 ~x(1) ϕλ2 ~x(2)

r12 r12
Z
1    
± d3 x(1) d3 x(2) ϕλ1 ϕλ2 ~x(1) ϕλ2 ϕλ1 ~x(2)
r12
Wir führen nun die Hartree-Fock mittleren Felder ein
 
x(2) · ϕλj ~x(2)
3 (2) ϕλi ~
  Z
(1) 2
Gλi λj ~x =e d x
r12
Dann bekommen wir durch Variation von

(ψ± , Hψ± ) − E (ψ± , ψ± )

nach ϕλ2 :

[Nλ1 (H1 − E) + Hλ1 λ1 + Gλ1 λ1 (x)] ϕλ2 (x)


± [Sλ1 λ2 (H1 − E) + Hλ1 λ2 + Gλ1 λ2 (x)] ϕλ1 (x) = 0

und eine entsprechende Gleichung durch Variation nach ϕλ1 .


6.5 Das Ritz-Verfahren, das Hartree-Fock-Verfahren und das He-Atom 127

Vernachlässigen wir die Gλi λj , so ist

H = H1 + H2

und die ϕλi können als Eigenfunktionen von H1 (oder H2 ) gewählt werden. Dann
sind sie orthonormierbar und für λ1 6= λ2 :

Nλ1 = Nλ2 = 1
Sλ1 λ2 = Hλ1 λ2 = 0
Hλ1 λ1 = ελ1

Es bleibt allein

(H1 − E + ελ2 ) ϕλ2 = 0, also E = ελ1 + ελ2

also die Schrödingergleichung für unabhängige Teilchen, wie zu erwarten war.

Wenn wir G nicht vernachlässigen, so sind die Gleichungen nichtlinear. Jedoch


sind sie invariant unter der Substitution

ϕλ1 −→ αϕλ1
ϕλ2 −→ αϕλ2

Daraus folgt: Wir können fordern, daß

Nλ1 = Nλ2 = 1

ist. Die Orthogonalität ist jedoch nur als Nebenbedingung bei der Variation er-
zwingbar. Die Gleichungen können nur numerisch gelöst werden.

Wir wollen nun die Energie des Grundzustands des Paraheliums in einer einfa-
chen Näherung berechnen. Dazu betrachten wir zuerst den Hamilton-Operator

H0 = H1 + H2
2
p~(i) Ze2
Hi = − (i) (Z = 2)
2m r
Die Grundzustandswellenfunktion und Energie ist

(0) Z3 − rZ (r1 +r2 ) 
ϕS = πr 3 · e 0 
0 
 2 2   Z ist = 2 zu setzen
E (0)
= 2 · − Z2re0 

Damit ist die Störung der Energie in erster Näherung


2
 
(0) e (0)
E (1) = ϕS , ϕS
r12

zu berechnen. Zur Integration entwickelt man r112 für r1 < r2 und für r2 < r1 jeweils
in Potenzreihenund führt die Winkelintegration aus (trivial). Danach bleiben die
Integrale über r1 , r2 . Es ergibt sich

5 Ze2
E (1) = (Z = 2)
8 r0
128 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Nun wollen wir genauer werden. Wir nehmen an, daß die Ladung des α-Teilchens
aus der Perspektive eines Teilchens durch das zweite Teilchen eine Abschirmung
erfährt. Wir setzen
Ze = 2e durch Zef f e
In dieser abgeschirmten Kernladung ist die Wellenfunktion ϕS zu ersetzen durch
3
(0) Zef f
Z
− ref f (r1 +r2 )
ϕS,ef f = · e 0
πr03
Wir bekommen (H mit Z = 2):
e2  2
− 4Zef f + 58 Zef f

(ϕS,ef f , HϕS,ef f ) = + Z
r0 ef f
(0)
(Dieser Ausdruck ergibt sich auf folgende Weise: Vergleichen wir ϕS,ef f mit ϕS ,
so sehen wir, daß rZ0 durch Zref0 f ersetzt wurde, d. h. die Längenskala wird mit Zef
Z
f
multipliziert. In der kinetischen Energie haben wir ∆, Längenänderung bewirkt
 2
Zef f
einen Faktor Z . In den Coulomb-Potentialen ist 1r der Längenänderung un-
Zef f
terworfen, das gibt den Faktor Z . Also machen wir den Ansatz
e2  2 
(ϕS,ef f , H0 ϕS,ef f ) = + αZef f + βZef f
r0
Bei Zef f = Z = 2 muß dieser Ausdruck ein Minimum haben, und dieses muß den
2
Wert − 4er0 haben. Das ergibt

(6.5.1) 2αZef f + β = 0 bei Zef f = 0 → 4α + β = 0


e2 4e2
(6.5.2) [α · 4 + β · 2] = − → 4α + 2β = −4
r0 r0
(6.5.1) und (6.5.2) → α = 1, β = −4)
Minimieren bezüglich Zef f ergibt
5
Zef f = 2 − 16
5
Dabei ist also − 16 der Abschirmeffekt. Der Energiewert ist
2 2
e2

5 e
Evar = − 2 − · = −2, 85 ·
16 r0 r0
Gemessen wird dagegen
e2
E = −2, 90 ·
r0
Das ist nur eine Abweichung von 2%. Wir merken uns, daß das Ritzsche Verfahren
selbst mit einem Parameter schon gut funktioniert, vorausgesetzt, wir setzen unsere
physikalische Intuition ein, um einen passenden Ansatz zu finden.

6.6 Die zweite Quantisierung für Elektronen

(A)
Die Zustände eines Systems aus N Elektronen bilden den Hilbertraum HN von to-
tal antisymmetrischen Wellenfunktionen. Auch wenn der Hamilton-Operator Mehr-
teilchen-Wechselwirkungen enthält, kann man – zu technischen Zwecken – eine Ba-
sis aus Einteilchen-Wellenfunktionen konstruieren. Diese Basis besteht aus Slater-
Determinanten.
6.6 Die zweite Quantisierung für Elektronen 129

Die Einteilchen-Funktionen seien durch einen Satz λ von Quantenzahlen cha-


rakterisiert. Dann ist eine Slater-Determinante durch ein (geordnetes) N -Tupel

{λ1 , λ2 , . . . , λN }

von Quantenzahlen charakterisiert.


1
⇒ ψ{λ1 ...λN } = √ det {ϕλ1 , . . . ϕλN }
N!

Diese λi sind paarweise verschieden (Pauli-Prinzip). Einen solchen Zustand kann


man formal durch eine Klammer

|λ1 , λ2 , . . . λN i

kennzeichnen.

Das Ziel der ,,zweiten Quantisierung” ist es, einen Formalismus zu entwickeln,
mit dem N -Teilchen-Systeme von identischen Teilchen aber verschiedenen N simul-
tan erfaßt werden können. Solche Systeme sind in der Physik außerordentlich wich-
tig, sie treten immer dann auf, wenn Erzeugungs- und Vernichtungsprozesse möglich
sind. Das gilt für die Elementarteilchenphysik ebenso wie für die Festkörperphysik.
Wenn wir in einem Halbleiter die Elektronen betrachten, die sich in einem Leitungs-
band befinden, so kann deren Zahl vermehrt oder vermindert werden. Das läßt sich
als Erzeugung oder Vernichtung ansehen. Auch in einem metallischen Leiter können
von außen her Elektronen zu- und abgeführt werden. Der Formalismus der zweiten
Quantisierung ist allerdings so elegant, daß man ihn auch auf Probleme mit fester
Teilchenzahl wie in der Atomphysik anwendet.

Die zweite Quantisierung benutzt einen Hilbert-Raum, der als orthogonale di-
(A)
rekte Summe aus den HN entsteht.

(A)
M
F= HN
N =0

Dieser Raum heißt ,,Fock-Raum”. Im Prinzip erlaubt dieser Raum lineare Super-
positionen von N -Teilchen-Zuständen mit N 0 -Teilchen-Zuständen, N 6= N 0 . Bei
Elektronen sind solche Zustände jedoch experimentell nicht realisierbar. Denn we-
gen der Ladungserhaltung ist bei allen reinen Zuständen die Zahl der Elementar-
ladungen N fest (wir wollen von Systemen mit Elektron-Positron-Paaren, bzw.
Elektron-Loch-Paaren absehen). Die Teilchenzahl ist bei physikalisch realisierba-
ren reinen Zuständen bestimmt, der Teilchenzahloperator eine diagonale Matrix.
Wir nennen so etwas eine ,,Superauswahlregel”. Natürlich kann bei thermischen
Systemen, die durch Zustandsgemische charakterisiert werden, die Teilchenzahl sta-
tistischen Schwankungen unterliegen. Aber diese Schwankungen sind analog zu den
Schwankungen der klassischen statistischen Physik (ohne Möglichkeit zu Interfe-
renzen, keine Phasenkorrelationen). Am Ende dieses Abschnittes werden wir einen
entsprechenden Dichteoperator angeben.

(A)
Im Fock-Raum F ist der Raum H0 als Unterraum enthalten. Er gehört zur
Teilchenzahl null und wird als eindimensionaler Raum aller komplexen Vielfachen
eine ,,Vakuumzustandes” |0i definiert, d. h.

(isomorph)
H0
(A) ∼
= C
130 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Die Einführung dieses Raums ist aus formalen Gründen notwendig. Wesentlich ist,
daß im Raum F Operatoren existieren, die Teilchenzahlen N, N 0 , N 6= N 0 ver-
knüpfen. Solche Operatoren können wir einführen, indem wir ein λ herausgreifen
und von einem unbesetzten Zustand in einen λ-Zustand übergehen. Wir wollen
mit eine Hilfskonstruktion beginnen, die auf der Annahme beruht, daß das System
nur eine Zustand λ besitzt. Den besetzten Zustand wollen wir |1iλ (oder |1i), den
unbesetzten |0iλ (oder |0i) nennen. Der ganze Zustandsraum ist

{c0 |0i + c1 |1i, c0,1 ∈ C}

Dann definieren wir Operatoren b, b+ :

b|1i = |0i
+
b |0i = |1i

Wir nennen b+ einen Erzeugungs- und b einen Vernichtungsoperator. Natürlich


sollen bei Fermionen keine höheren Besetzungszahlen als |1i und keine niedrigeren
als |0i auftreten. Daher fordern wir

b+ |1i = 0
b|0i = 0

Das führt aber zu

(6.6.1) b·b = 0
(6.6.2) b · b+
+
= 0

Ferner gilt

(6.6.3) b b+ + b+ b = I

In der Basis {|0i, |1i} mit 2-Vektoren


 !
 0
|0i −→

   
c0 1
!
c1  1
|1i −→



0

haben b, b+ die Matrixdarstellung


 
0 1
b+ =
0 0
 
0 0
b =
1 0

Aus den Antivertauschungsrelationen (6.6.1), (6.6.2), (6.6.3) läßt sich diese Darstel-
lung rekonstruieren, falls wir annehmen, daß b und b+ zueinander adjungiert sind
(→Übungen).

Wir kehren nun zum Fock-Raum zurück. Dieser entsteht durch eine Produktbil-
dung von solchen Räumen C2 über alle λ. Wir haben als Antivertauschungsalgebra

bλ , b + = b λ b+ +

λ0 + bλ0 bλ = I · δλ,λ
0
λ
bλ bλ0 + bλ0 bλ = 0
b+ + + +
λ bλ0 + bλ0 bλ = 0
6.6 Die zweite Quantisierung für Elektronen 131

Wir wollen uns für diese Produkt-Darstellung des Fock-Raums nicht weiter interes-
sieren, sondern die Fock-Raum-Darstellung dieser Algebra auf andere Weise gewin-
nen. Dazu beginnen wir mit dem Vakuumvektor |0i
h0|0i = 1
bλ |0i = 0 für alle λ
Dann definieren wir N -Teilchen-Vektoren
|λ1 , λ2 , . . . λN i = b+ + +
λ1 bλ2 · · · bλN |0i

Dabei sind alle λi paarweise verschieden, denn sonst entsteht der Nullvektor, da
b+ +
λ bλ = 0

Ferner ist dieser Vektor in den λi total antisymmetrisch, denn wegen der Antiver-
tauschungsalgebra ergibt jede Transposition einen Vorzeichenwechsel: g ∈ SN
|λg(1) , λg(2) , . . . λg(N ) i = σ(g)|λ1 , λ2 , . . . λN i
Ferner ist
hλ1 , λ2 , . . . λN |λ1 , λ2 , . . . λN i = h0|bλN bλN −1 . . . bλ1 b+ +
λ1 . . . bλN |0i

Nun wird
bλ1 b+ + + +
λ1 . . . bλN |0i = bλ2 . . . bλN |0i − b+ + +
λ bλ1 bλ2 . . . bλN |0i
| 1 {z }
= (−1)N −1 b+
λ1 . . . b +
λN λ1 |0i
b
=0
und damit nach Rekursion
= h0|0i = 1
Wir können also den Vektor
|λ1 , λ2 , . . . λN i
der Slater-Determinante
1
√ det {ϕλ1 , ϕλ2 , . . . ϕλN }
N!
eineindeutig zuordnen. Damit ist die ganze Antivertauschungsalgebra auf eine Alge-
bra von Operatoren im Fock-Raum F abgebildet worden. Wesentlich bei der Kon-
struktion ist einerseits die Basis aus Einteilchen-Wellenfunktionen, die wir später
eliminieren werden, andererseits der Vakuumvektor, aus dem die Basis durch An-
wendung der Erzeugungsoperatoren gewonnen wird. Das nächste Ziel ist eine basi-
sunabhängige Darstellung.

Dazu definieren wir einen Feldoperator (das ist kein Operator im üblichen Sinn):
X
ψσ (x) = bλ ϕλ (x, σ) (σ : Spinindex ± 21 )
λ
X
ψσ+ (x) = b+
λ ϕλ (x, σ)
λ

Die ϕλ seien normiert wie


X Z
d3 x ϕλ1 (x, σ)ϕλ2 (x, σ) = δλ1 λ2
1
σ=± 2
X
ϕλ (x1 , σ1 )ϕλ (x2 , σ2 ) = δσ1 σ2 δ(x1 − x2 )
λ
132 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Dann betrachten wir zuerst den Zustand


Z X
|ϕi = d3 x ϕ(x, σ)ψσ+ (x)|0i
σ

mit einer beliebigen normierten Wellenfuktion ϕ. Entwickeln wir


X
ϕ(x, σ) = γλ ϕλ (x, σ)
λ

so ist X
|ϕi = γλ b+
λ |0i
λ

also eine Überlagerung von Einteilchen-Zuständen. Natürlich ist

ψσ (x)|0i = 0

und es gelten die Antivertauschungsrelationen

ψσ (x)ψσ+0 (y) + ψσ0 (y)+ ψσ (x) = δ(x − y)δσσ0


ψσ (x)ψσ0 (y) + ψσ0 (y)ψσ (x) = 0
ψσ+ (x)ψσ+0 (y) + ψσ+0 (y)ψσ+ (x) = 0

Sei jetzt A irgendein Operator aus dem Hilbert-Raum der Einteilchen-Wellenfunktionen


(A)
H1 = H1 ; wir können ihn formal auf den Feldoperator anwenden gemäß
X
Aψσ (x) = bλ (Aϕλ )(x, σ)
λ

Wir definieren dann einen entsprechenden Operator A im Fock-Raum F durch


Z X
A = d3 x ψσ+ (x)Aψσ (x)
σ
X Z X
= b+
λ bλ
0 d3 x ϕλ (x, σ)Aϕλ0 (x, σ)
λ,λ0 σ

Dann ist
A|0i = 0
und Z Z
X X
A|ϕi = 3
d x ψσ+ (x)Aψσ (x) d3 y ϕ(y, σ 0 )ψσ+0 (y)|0i
σ σ0

Nun kommutieren wir


X
Aψσ (x)ψσ+0 (y) = −ψσ+0 (y) · Aψσ (x) + Aϕλ (x, σ) · ϕλ (y, σ 0 )
λ

Der erste Term, angewandt auf |0i, liefert 0. Der zweite Term ergibt eingesetzt
XZ
A|ϕi = d3 x Aϕ(x, σ)ψσ+ (x)|0i
σ
= |Aϕi

Wenn wir berücksichtigen, daß


* Z Z +
X X
hϕ1 |ϕ2 i = 0 d3 y ϕ1 (y, σ 0 )ψσ0 (y) · d3 x ϕ2 (x, σ)ψσ+ (x) 0

0 σ

σ
6.6 Die zweite Quantisierung für Elektronen 133

so läßt sich dieser Ausdruck leicht berechnen. Wieder wenden wir die Vertauschungs-
relationen an

ψσ0 (y)ψσ+ (x)|0i = −ψσ+ (x)ψσ0 (y)|0i + δσσ0 δ(x − y)|0i

Der erste Term verschwindet, der zweite ergibt


Z X
hϕ1 |ϕ2 i = d3 x ϕ1 (x, σ)ϕ2 (x, σ)h0|0i
σ
= (ϕ1 , ϕ2 )

Wir haben also mit der Zuordnung

ϕ −→ |ϕi
A −→ A

die Einteilchen-Quantenmechanik im Einteilchen-Unterraum des Fock-Raumes re-


präsentiert.

Sei jetzt
(A)
ϕ(N ) (x1 , σ1 ; x2 , σ2 ; . . . xN , σN ) ∈ HN
gegeben. Wir definieren
Z N
!
(N ) 1 Y
3
X
|ϕ i= √ d xi ϕ(N ) ({xi , σi }) · ψσ+1 (x1 )ψσ+2 (x2 ) . . . ψσ+N (xN )|0i
N! i=1 {σi }

Wir haben dann Ausdrücke der Form


+ +
h0|ψσN
0 (yN ) . . . ψσ 0 (y1 )ψ
1 σ1 (x1 ) . . . ψσN (xN )|0i

zu berechnen. Dazu bringen wir den Operator ψσ10 (y1 ) an allen ψ + vorbei, bis er
auf |0i wirkt und null ergibt. Jede Antivertauschung ergibt einen Summanden mit

+(−1)n−1 δσ10 σn δ(y1 − xn )

Danach verfahren wir mit ψσ20 (y2 ) in gleicher Weise. Es ergibt sich eine Slater-
Determinante

δσ0 σ1 δ(y1 − x1 ) δσ0 σ2 δ(y1 − x2 )
1 1
δσ0 σ1 δ(y2 − x1 ) δσ0 σ2 δ(y2 − x2 )
2 2
∆(N ) =

. ..


0 σ δ(yN − xN )
δσN N

(N ) (N )
Wenn wir nun hϕ1 |ϕ2 i ausrechnen, so haben wir diese Determinante zwischen
(N ) (N )
ϕ1 , ϕ 2
Z N
! N
!
(N ) (N ) 1 Y XZ Y X (N ) (N )
3 3
hϕ1 |ϕ2 i =√ d yi d xi ϕ1 ∆(N ) ϕ2 h0|0i
N! i=1 σi0 i=1 σi

Wegen der Antisymmetrie der ϕ1 , ϕ2 ergibt jeder Term der Determinante den glei-
chen Beitrag  
(N ) (N ) (N ) (N )
hϕ1 |ϕ2 i = ϕ1 , ϕ2 (A)
· h0|0i
HN
134 6 MEHR-TEILCHEN PROBLEME

Natürlich gilt
(N ) (N 0 )
hϕ1 |ϕ2 i = 0, N 6= N 0
Jetzt wenden wir A auf |ϕ(N ) i an. Bezeichnen wir wie früher den Operator A der
nun auf die Koordinaten x(ν) und Spin σ (ν) wirkt als A(ν) , so ergibt sich nach
elementarer Rechnung (→Übung)
N ! +
X
(N ) (ν) (N )
A|ϕ i = A ϕ


ν=1

(A)
Operatoren im HN , die sich als Summe von Einteilchen-Operatoren ausdrücken
lassen, sind damit (unabhängig von N !) durch den Operator A in F repräsentiert.

Es bleibt uns noch die Aufgabe, Zwei- und Mehrteilchen-Wechselwirkungen in


F zu beschreiben. Als Beispiel betrachten wir
X e2
+
~x(i) − ~x(j)
1≤i<j≤N

also die Coulomb-Wechselwirkung der Teilchen (Elektronen) untereinander. Wir be-


haupten, daß die Fock-Raum-Darstellung dieses Operators gegeben ist durch (Rei-
henfolge!)

e2
Z X X 1
+ d3 x d3 y ψσ+0 (y)ψσ+ (x) · · ψσ (x)ψσ0 (y)
2 σ 0
|~
x − ~y |
σ

Diese Darstellung ist unabhängig von N . Auf dem Unterraum der Einteilchen-
Zustände aus F ist dieser Operator identisch null. Diese Konstruktion ist offenbar
auf alle m-Teilchen-Wechselwirkungen zu verallgemeinern. So geht der Gesamtipmuls-
Operator über in
Z X ~
P~ (N ) in Nn(A) −→ d3 x ψσ+ (x) ∇ψσ (x)
σ
i

Die Übersetzung in den Fock-Raum gelingt bei allen Observablen A, die der Ver-
tauschungsinvarianz
Ug AUg−1 = A alle g ∈ SN
für alle N genügen und eine maximale m-Teilchen-Wechselwirkung beinhalten. Da-
bei seind für N < m alle N + k (k = 1, 2, . . . m − N )- Wechselwirkungen null zu
setzen.

Die Teilchenzahl selbst ist der Erwartungswert eines Operators


Z X
N = d3 x ψσ+ (x)ψσ (x)
σ

des Teilchenzahl-Operators. Natürlich ist

N |ϕ(N ) i = N |ϕ(N ) i

Eine Observable enthält immer gleich viele ψ und ψ + . Daraus folgt

[A, N ] = 0 (Superauswahlregel!)

für alle Observablen A. Zum Schluß noch zwei Beispiele von thermischen Zustands-
Dichteoperatoren, die im Fock-Raum definiert sind.
135

Wenn wir ein System von N Elektronen in ein Wärmebad der Temperatur T
bringen, wobei
 
Volumen  Druck 
Teilchenzahl fest Chemisches Potential variabel
Temperatur Energie
 

(A)
sind, so ist in Hn

e−βHN 1
%N = SpN : in Hn(A) , β=
SpN e−βHN kT
Das ist die kanonische Gesamtheit. Ist das System aber ein Metall mit elektrischem
Kontakt. so fixiert dieser Kontakt das chemische Potential µ und die Teilchenzahl
wird variabel. Dann ist
 
Volumen  Druck 
Chemisches Potential fest Teilchenzahl variabel
Temperatur Energie
 

Diese Gesamtheit heißt großkanonisch und wird beschrieben durch

e−αN −βH 1 µ
%= β= , α=
SpF e−αN −βH kT kT
Berechnungen mit der Großkanonischen Gesamtheit sind in der Regel einfacher als
mit der kanonischen auszuführen.

7 Symmetrien

7.1 Rotationen und Translationen, Symmetrien allgemein

Die Transformationsgruppe der Rotationen und Translationen ist aus der klassi-
schen Mechanik bekannt. Sei R eine orthogonale 3 × 3-Matrix (RT = R−1 ), ~x und
~a Vektoren aus R3 ; dann definiert
(a,R)
~x −−−→ ~x0 = R~x + ~a

eine Transformation aus der Gruppe der Translationen und Rotationen des R3 .
Diese Gruppe heißt auch die Gruppe der ,,euklidischen Bewegungen”. Wir wollen
noch voraussetzen, daß
det R = +1
Die Matrix  
−1 0 0
P =  0 −1 0  = −I
0 0 −1
definiert offensichtlich eine Spiegelung des R3 , genauer: die Inversion am Ursprung.
Falls
det R = −1
ist, kann man eine orthogonale Matrix R1 finden, so daß

R = P R1 = R1 P, det R1 = +1
136 7 SYMMETRIEN

Die Menge aller orthogonalen Matrizen R, det R = ±1, bildet die Gruppe O(3).
Diese enthält die Untergruppe der eigentlichen Drehungen, für die det R = +1 gilt.
Diese Gruppe bezeichnen wir mit SO(3). Die Elemente von O(3), die nicht in SO(3)
liegen, bilden eine Nebenklasse von SO(3).

{R|R = P R1 = R1 P, R1 ∈ SO(3)}

Die euklidischen Bewegungen bestehen also aus der Gruppe SO(3) und der
Translationsgruppe T (3). Wie wirken diese zusammen?

Hintereinander ausführen ergibt das Gruppengesetz

(a1 , R1 )(a2 , R2 ) = (a1 + R1 a2 , R1 R2 )

(Hintereinander ausführen heißt, von rechts nach links angeordnet ausführen). Aus
dieser Formel läßt sich leicht zu jedem Element (a, R) das Inverse und die Grup-
peneinheit bestimmen.

Eine solche Transformationsgruppe ist nicht automatisch physikalisch relevant.


Das wird sie erst durch die Festlegung, daß ihre Elemente Symmetrien definie-
ren. Diese zusätzliche Eigenschaft macht aus einer Transformationsgruppe eine
Symmetriegruppe. Was kennzeichnet eine Symmetrie im Rahmen der Quantenme-
chanik?

Dazu betrachten wir eine experimentelle Apparatur A. Wir üben die Transfor-
mation auf diese Apparatur aus: Erst die Drehung R, dann die Verschiebung ~a. Die
transformierte Apparatur nennen wir B. Der Inhalt des Begriffs Symmetrie ist, daß
die Physik der Apparatur B dieselbe ist wie in Apparatur A. Diese Physik drückt
sich aus duch die Zustände, die Observablen und die Dynamik des Systems. Das
wollen wir jetzt ausführen. Zunächst muß es möglich sein, zu jedem Zustand ψA in
der Apparatur A einen analogen Zustand ψB in der Apparatur B zu präparieren.
Ferner sollen den Observablen {OA } der Apparatur A die analogen Observablen
{OB } entsprechen. Diese Analogiebeziehungen

{ψA } −→ {ψB }
{OA } −→ {OB }

sind im Rahmen des Hilbertraum-Formalismus der Quantenmechanik zu konstru-


ieren. Dabei muß gelten, daß an analogen Zuständen durchgeführte Messungen an
analogen Observablen an beiden Apparaturen dieselben Meßwerte (im quantenme-
chanischen Mittel) liefern, d. h.

ψA ↔ ψ B OA ↔ OB

impliziert
(ψA , OA , ψA ) = (ψB , OB ψB )
Das ist aber noch nicht der vollständige Inhalt des Begriffs Symmetrie. Denn die
Dynamik, d. h. der Ablauf von Prozessen in beiden Apparaturen, muß ebenfalls
analog sein. Daß bedeutet, daß die Zuordnung von Zuständen

ψ A ↔ ψB

folgender Forderung genügen muß: Sei

ψA (t1 ) ↔ ψB (t1 ) t1 fest


7.1 Rotationen und Translationen, Symmetrien allgemein 137

x1
B

a
R

A
x2

Abbildung 11: Eine euklidische Transformation

Dann entwickelt sich aus den beiden Zuständen im Ablauf der Zeit immer wieder
ein Paar analoger Zustände

ψA (t) ↔ ψB (t) für alle t

Wir wollen uns nun dem Problem der Konstruktion von Analogiebeziehungen
zuwenden, und zwar für euklidische Bewegungen. Als physikalisches System betrach-
ten wir ein Ein-Teilchen-System ohne Spin, dessen Zustände durch Wellenfunktio-
nen ψ(x, t) erfaßt werden. Wir machen diese Zuordnung immer für gleiche Zeiten t,
lassen daher diesen Parameter t weg. Unser Ansatz ist (s. Abbildung 11, S. 137)
(a,R)
ψA (~x) ↔ ψB (~x) = ψA (R−1 (~x − ~a))

Speziell ist also


ψB (~a) = ψA (0).
138 7 SYMMETRIEN

Das obige Gesetz entspricht dem Transformationsverhalten eines klassischen skala-


ren Feldes (z. B. des elektrostatischen Potentials).

Gedächtnisregel: altes Feld an alter Koordinate


= neues Feld an neuer Koordinate

ψA (~x) = ψB (~x0 )
~x0 = R~x + ~a

Die Wellenfunktion ψ(~x) transformiert sich zwar unter euklidischen Bewegungen


wie ein klassisches skalares Feld. Aber darüber hinaus ist ψ(~x) ein Vektor des Hil-
bertraumes. Das ist typisch für die Quantentheorie und der klassischen Feldtheorie
(Elektrodynamik, Hydrodynamik) fremd. Seien ψ1,A , ψ2,A zwei Zustände. Wir be-
rechnen Z
(ψ1,A , ψ2,A ) = d3 x ψ1,A (x)ψ2,A (x)

Natürlich ist  
2
|(ψ1,A , ψ2,A )| = ψ1,A , Pg
2,A ψ1,A

ein Meßwert. (Pg 2,A ist die Projektion auf ψ2,A ) Für Symmetrieeigenschaften erfor-
derlich ist dann die Gleichheit
2 2
|(ψ1,A , ψ2,A )| = |(ψ1,B , ψ2,B )|

Tatsächlich ist
Z
(ψ1,B , ψ2,B ) = d3 x0 ψ1,B (x0 )ψ2,B (x0 )
Z
= d3 x ψ1,A (x)ψ2,A (x)

mit der Substitution


~x0 = R~x + ~a
Dabei wurde die Invarianz des Lebesgueschen Integralmaßes unter euklidischen Be-
wegungen verwandt
d3 x0 = d3 x
Es gilt also mehr als die Gleichheit der Wahrscheinlichkeiten, nämlich sogar

(ψ1,A , ψ2,A ) = (ψ1,B , ψ2,B )

Daraus folgt weiterhin, daß


(a,R)
ψA (~x) −−−→ ψB (~x0 ) = ψA (R−1 (~x − ~a))
= U(a,R) ψA (~x)

wobei U(a,R) ein unitärer Operator ist. Damit haben wir eine Abbildung der Trans-
formationsgruppe in die Menge der unitären Operatoren des Hilbertraumes gewon-
nen:

(ψ1,B , ψ2,B ) = U(a,R) ψ1,A , U(a,R) ψ2,A
 
+
= ψ1,A , U(a,R) U(a,R) ψ2,A
= (ψ1,A , ψ2,A )
7.1 Rotationen und Translationen, Symmetrien allgemein 139

da für unitäre Operatoren nach Definition

U + = U −1

Aus der Definitionsgleichung

U(a,R) ψA (~x) = ψA (R−1 (~x − ~a))

folgt durch Nachrechnen, daß

U(a1 ,R1 ) U(a2 ,R2 ) = U(a1 +R1 a2 ,R1 R2 )

gilt. Das bedeutet, die Abbildung (a, R) → U(a,R) ist ein Gruppenhomomorphismus.
Die Homomorphismus einer Transformationsgruppe in die Menge der unitären Ope-
ratoren eines Hilbertraumes heißt unitäre Darstellung.

Bisher haben wir nur den Zusammenhang zwischen analogen Paaren von Zuständen
untersucht. Seien OA und OB ein analoges Paar von Meßgrößen (Observablen). Das
Symmetriepostulat ist dann

(ψA , OA ψA ) = (ψB , OB ψB )

für alle ψA und zugehörige ψB . Setzen wir jetzt die gerade gewonnene Relation
zwischen ψA und ψB ein,
ψB = U(a,R) ψA
so bekommen wir
 
+
(ψA , OA ψA ) = ψA , U(a,R) OB U(a,R) ψA

Also ist das Symmetriepostulat erfüllt, falls wir setzen


−1
OB = U(a,R) OA U(a,R)

Damit sind unsere Formeln komplett, sofern wir den Parameter t völlig außer
Acht lassen. Fordern wir nun noch, daß die zeitliche Entwicklung in beiden Systemen
gleich verläuft, so ergibt sich eine weitere Einschränkung. Zunächst muß es eine
Analogie zwischen den beiden Energie-Observablen geben

HA ←→ HB

Gleichheit der zeitlichen Entwicklung bedeutet jedoch

HA = HB = H

Daraus folgt nun, daß


−1
H = HB = U(a,R) HA U(a,R)
−1
= U(a,R) HU(a,R)

für alle (a, R) gelten muß. Das bedeutet, daß

HU(a,R) = U(a,R) H

also: der Hamilton-Operator muß mit allen unitären Operatoren der Darstellung der
Symmetriegruppe vertauschen. Das ist eine für alle Symmetrien gültige Forderung.
140 7 SYMMETRIEN

Wir wollen mit dieser Formulierung nachprüfen, daß

(ψA , OA ψA ) = (ψB , OB ψB )

für alle Zeiten gilt, falls es für die Zeit t = 0 gilt. Dazu setzen wir
i
ψA (t) = e− ~ Ht ψA (0)

also

(ψA , OA ψA ) (t) = (ψA (t), OA ψA (t))


 i i

= ψA (0), e+ ~ Ht OA e− ~ Ht ψA (0)
 i i

−1
= ψB (0), U(a,R) e+ ~ Ht OA e− ~ Ht U(a,R) ψB (0)

Wegen der Vertauschbarkeit von H mit U(a,R) ist


i i i i
−1 −1
U(a,R) e+ ~ Ht OA e− ~ Ht U(a,R) = e+ ~ Ht U(a,R) OA U(a,R) e− ~ Ht
i i
= e+ ~ Ht OB e− ~ Ht

also schließlich
(ψA , OA ψA ) (t) = (ψB , OB ψB ) (t)
Sei W ein selbstadjungierter Operator. Dann bezeichnet man

Uλ Uλ = e−iλW , λ ∈ R


als eine einparametrige Gruppe von unitären Operatoren und W als ihre Erzeugende.
Ihre wesentliche Eigenschaft ist

Uλ1 Uλ2 = Uλ1 +λ2

Die Erzeugende ist durch Differentiation gewinnbar

d
Uλ = −iW Uλ

dUλ
W = +iUλ−1

In der Darstellung 
U(a,R)
der euklidischen Bewegungen sind nun in vielfältiger Weise einparametrige Unter-
gruppen einzubetten, z. B. mit einem festen Vektor ~e ∈ R3

U(λ~e,I)
U(λ~e,I) ψ(~x) = ψ(~x − λ~e)

Was ist die Erzeugende dieser Untergruppe (die nach einem Satz von Stokes garan-
tiert wird)?

Wenden wir U(~a,I) auf eine Wellenfunktion an, die eine konvergente Taylorreihe
besitzt,  n
X∞ ~
−~a · ∇
U(~a,I) ψ(~x) = ψ(~x − ~a) = ψ(~x)
n=0
n!
7.1 Rotationen und Translationen, Symmetrien allgemein 141

Nun verwenden wir, daß wir den Impulsoperator P~ durch ~~


i∇ ausdrücken können
∞  n
X 1 i ~
U(~a,I) ψ(~x) = − ~a · P ψ(~x)
n=0
n! ~
i ~
= e− ~ ~a·P ψ(~x)

Es ist also die Erzeugende der einparametrigen Untergruppe U(λ~e,I)

1 ~
W = ~e · P
~
Eine andere Formulierung ist
~ ∂
− U(~a,I) = Pj

i ∂aj ~a=0

Die unitäre Transformation U~a = U(~a,I) entsteht durch Exponentiation des Impuls-
operators. Entsprechend werden wir später zeigen, daß, falls R eine Drehbewegung
um eine Achse ~n (~n2 = 1) mit dem Drehwinkel φ beschreibt,
i ~~
U(0,R) = UR = e− ~ ζ·L ζ~ = φ · ~n

und L~ der Drehimpulsoperator ist, wir sagen, daß der Impulsoperator die Trans-
lationen und der Drehimpulsoperator die Rotationen erzeugt (gemeint ist: durch
Exponentiation). Die Symmetrieforderung

U(a,R) H = HU(a,R)

kann dann zurückgeführt werden auf

[H, Pi ] = 0
[H, Li ] = 0 i = 1, 2, 3

Dazu benutze man, daß

U(a,R) = U(a,I) U(0,R)


= Ua UR
i ~ i ~~
= e− ~ ~a·P · e− ~ ζ·L

Dieses Ergebnis ist außerordentlich wichtig. Falls die euklidischen Bewegungen


eine Symmetriegruppe darstellen, so sind die Impuls- und Drehimpulsoperatoren
Erhaltungsgrößen. Dazu war erforderlich, daß wir diese Observablen als Erzeugen-
de von einparametrigen Untergruppen darstellen können. Das ist nicht bei allen
Symmetriegruppen möglich. Wir haben in der Physik folgende Typen von Symme-
triegruppen:

1. Gruppen, die aus diskreten Elementen bestehen, wir der Einheit und der In-
version im R3 oder der Translationsgruppe auf einem unendlich ausgedehnten
Kristallgitter. Es gibt keine Erzeugenden.

2. Gruppen, die aus kontinuierlichen Elementen bestehen (Lie-Gruppen) wie die


Rotationen und Translationen im R3 . Sie besitzen endlich viele Erzeugende,
und durch deren Exponentiation sind alle Elemente der Gruppe erreichbar.
142 7 SYMMETRIEN

3. Gruppen wie in 2 (also ebefalls Lie-Gruppen), die aus mehreren Komponen-


ten bestehen, wie etwa O(3), von denen nur die Einheitskomponente durch
Exponentiation, die anderen durch zusätzliche diskrete Elemente erreichbar
sind. Die Einheitskomponente ist ein Untergruppe.

Bei einer Symmetriegruppe vom Typ 2 ist die Symmetrie durch ihre Erhaltungs-
größen vollständig charakterisiert. Im Falle des Typs 3 sind die diskreten Transfor-
mationen zusätzlich anzugeben. (also: O(3) = SO(3) ∪ P × SO(3), Erzeugende L ~
von SO(3), zusätzlich die Spiegelung P )

Eine weitere Bemerkung: Sei


G = {g}
Symmetriegruppe, g → Ug unitäre Darstellung, und H der Hamilton-Operator

HUg = Ug H

Ferner sei ψ Eigenvektor zum Eigenwert E,

Hψ = Eψ

Dann ist Ug ψ ebenfalls Eigenvektor zum Eigenwert E, denn

Ug (Hψ) = H(Ug ψ) = E(Ug ψ)

Der Eigenraum zu E ist invariant unter der Darstellung Ug von G. Die Einschränkung
von Ug auf den Eigenraum ist selbst eine unitäre Darstellung. Das Entartungspro-
blem einer Schrödingergleichung ist darauf zurückgeführt, zur maximalen Symme-
triegruppe G alle unitären Darstellungen zu finden.

7.2 Rotationen

Wir haben die Gruppe SO(3) durch orthogonale Matrizen R mit det R = +1 ein-
geführt. Wir wissen aber aus der klassischen Mechanik, daß die Transformation
X
x0i = Rik xk
k

sich auch schreiben läßt als

(7.2.1) ~x0 = ~x · cos α + (~n × ~x) sin α + ~n (~n · ~x) (1 − cos α)

dabei ist ~n der Einheitsvektor der Drehachse, die durch eine Rechtsschraube defi-
niert ist, α der Drehwinkel, der durch 0 ≤ α ≤ π zu beschränken ist. Genauer ist
die Mannigfaltigkeit der Drehungen parametrisiert durch

α = 0 , ~n unbestimmt
0 < α < π , ~n ∈ S2
α = π , ~n ∈ S2 /Z2 d. h. ±~n aus S2 sind zu identifizieren)

Führen wir
ζ~ = α · ~n
ein, so entspricht den Rotationen das Innere der Kugel vom Radius π sowie deren
Oberfläche, bei der entgegengesetzte Punkte identifiziert werden.
7.2 Rotationen 143

Sei ~n = (0, 0, 1) in z-Richtung gelegen; dann hat R die Gestalt


 
cos α − sin α 0
(7.2.2) R = + sin α cos α 0
0 0 1

Wenn wir in (7.2.1)

~x0 = R(~n, α)~x


~x = R1 ~y
~x0 = R1 ~y 0

einsetzen, so ergibt sich


~y 0 = R1−1 R(~n, α)R1 ~y
Setzen wir in (7.2.1) außerdem
~n = R1~n1
ein und benutzen

R1~n1 · R1 ~y = ~n1 · ~y
R1~n1 × R1 ~y = R1 (~n1 × ~y )

so zeigt sich, daß


~y 0 = R(~n, α)~y
also
R1−1 R(~n, α)R1 = R(~n1 , α)
Durch geschickte Wahl von R1 können wir also immer die Drehachse in z-Richtung
drehen und damit die Normalform (7.2.2) erreichen. Damit ergibt sich, daß der
Drehwinkel α immer aus
Sp R = 1 + 2 cos α
berechnet werden kann. Wenn wir (7.2.1) in Matrixform umschreiben, erhalten wir
X
Rik = cos α · δik + ilk nl · sin α + N − nk (1 − cos α)
l

also wird X
ijk Rik = 2nj sin α
i,k

Nach Berechnung des Drehwinkels ergibt sich damit die Drehachse zu


1 X
nj = ijk Rik (α 6= 0, π)
2 sin α
i,k

Die Drehachse ist in jedem Fall aus der Eigenwertgleichung


X
Rik nk = +ni
k

(Eigenwert +1) bestimmbar. Für einen infinitesimalen Drehwinkel erhalten wir

R(~n, α)~x = ~x + α(~n × ~x) + O(α2 )

Führen wir die hermiteschen Matrizen l(j) , j = 1, 2, 3 ein durch


(j)
lkm = +ijkm
144 7 SYMMETRIEN

so schreibt sich die letzte Formel


 
X
R(~n, α)~x = ~x − iα  nj l(j)  ~x + O(α2 )
j

Tatsächlich kann man zeigen, daß für endliche α


  
X
(7.2.3) R(~n, α) = exp −iα  nj l(j) 
j

Den Beweis reservieren wir für die Übungen.

Nun betrachten wir ein spinloses Teilchen und eine Symmetrietransformation

UR(~n,α) ψ(~x) = ψ(R−1 (~n, α) ~x)

Wir benutzen
R−1 (~n, α) = R(−~n, α)
und gehen zu infinitesimalen α über. Dann ist
  
X
UR(~n,α) ψ(~x) = ψ(~x) + iα  ~ x) + O(α2 )
nj l(j)  ~x · ∇ψ(~
j
 
α X
= ψ(~x) − i  nj Lj  ψ(~x) + O(α2 )
~ j

mit den bekannten Drehimpulsoperatoren Li für spinlose Teilchen.


 
Lj = −~ l(j) ~x · ∇ ~
X
= −i~ jmk xm ∇k
m,k
 
= ~x × P~
j

Tatsächlich folgt für eine Wellenfunktion mit konvergenter Taylorreihe


 
i  ~
(7.2.4) UR(~n,α) ψ(~x) = exp − α ~n · L ψ(~x)
~

Diese Gleichung wird durch Integration einer Differentialgleichung bewiesen. Dazu


lassen wir in R(~n, α) α von 0 bis 2π laufen, wobei nach (7.2.1) (S. 142)

R(~n, α) = R(−~n, 2π − α)

gilt. Diese Mehrdeutigkeit in der Parametrisierung stört uns jetzt aber nicht. Wir
definieren eine einparametrige Untergruppe durch (periodisch im Parameter α, Pe-
riode 2π)
{R(~n, α)|~n fest, 0 ≤ α < 2π}
Dann gilt
R(~n, α1 )R(~n, α2 ) = R(~n, α1 + α2 )
7.2 Rotationen 145

Diese Untergruppen sind kommutativ (abelsch). Dann läßt sich differenzieren:


UR(~n,α1 ) UR(~n,α2 ) = UR(~n,α1 +α2 ) (Darstellungseigenschaft)
d   1
UR(~n,α) ψ(~x) = lim UR(~n,α+∆α) ψ(~x) − UR(~n,α) ψ(~x)
dα ∆α→0 ∆α
UR(~n,∆α) − I
= lim · UR(~n,α) ψ(~x) (Kommutativität)
∆α→0
 ∆α 
i X
= −  nj Lj  UR(~n,α) ψ(~x) (∆α infinitesimal)
~ j

Das ist die gewünschte Differentialgleichung. Ihre Integration ergibt die Exponetia-
tionsformel (7.2.4).

Wir können natürlich beim Vergleich der beiden Formeln (7.2.1) und (7.2.3)
feststellen, daß die hermitschen Matrizen l(j) bei der Darstellung
R(~n, α) → UR(~n,α)
auf die selbstadjungierten Operatoren ~1 · Lj abgebildet werden. Die Matrizen l(j)
spannen einen reellen dreidimensionalen Raum auf; dasselbe tun die Lj . Da
X 1X
nj l(j) → nj Lj
j
~ j

abgebildet wird, induziert die Darstellung eine lineare Abbildung dieser beiden
Räume aufeinander. Darüber wollen wir jetzt noch mehr lernen.

Diese linearen Räume sind durch Differentiation auf der Gruppe nach α entstan-
den; sie sind tangentiale Mannigfaltigkeiten. Dabei überträgt sich, wie wir gleich
sehen werden, die Gruppenstruktur in solcher Weise, daß aus den Vektorräumen
Algebren besonderen Typs entstehen, die Lie-Algebren.

Denn die Gruppenstruktur der SO(3) manifestiert sich in


R1−1 R(~n, α)R1 = R(R1−1~n, α)
Differentiation nach α bei α = 0 bewirkt
X X
R1−1 nj l(j) R1 = (R1−1 n)j l(j)
j j

Nun sei
R1 = R(~n∗ , β)
Differentiation nach β bewirkt bei β = 0
  ! " ! #
X X X X
 nj l(j)  , n∗k l(k)  = − n∗k l(k) n l(j)
j k j k
| {z }
Kommutator
X
= +i (~n × ~n∗ )j l(j)
j

Diese Differentiation kann nun analog bei der Darstellung ausgeführt werden und
ergibt
[Lj , Lk ] = +i~ljk Ll
(keine Summation über l erforderlich). Das sind die Vertauschungsrelationen der
Drehimpulsoperatoren. Merke:
146 7 SYMMETRIEN

Die Multiplikationsoperationen der Lie-Algebra sind durch den Kommutator


definiert. Jeder Element der Lie-Algebra erzeugt (durch Exponentiation)
eine einparametrige Untergruppe. Aus den einparametrigen Untergrup-
pen entsteht durch Multiplikation die volle Gruppe. Lie-Algebren und
Gruppen sind einander ein-eindeutig zugeordnet.

Die Lie-Algebra der Gruppe SO(3) nennen wir so(3). Wir haben die diskutierte
Struktur in folgendem Diagramm zusammengefaßt:

R(~n, α) ∈ SO(3) / UR(~n,α)


O Darst. O
Exp. Diff. Exp. Diff.
 
/
P
nj l(j) ∈ so(3)
P
j Darst. j nj Lj

Bei allen Symmetriegruppen der Physik mit kontinuierlicher Topologie (kontinuier-


liche Gruppen) finden wir diese Struktur.

Wird eine Symmetrie G in einer Lie-Algebra dargestellt, so nennen wir das die
adjungierte Darstellung. Als Parametrisierung von SO(3) haben wir

(nj l(j) )
P
R = e−iα j (kanonische Parametrisierung erster Art)

Bei kompakten Gruppen ist diese Parametrisierung ausreichend, um jeden Punkt


der Gruppe zu erreichen.

1
7.3 Teilchen mit Spin 2

Wir betrachten einen Hilbert-Raum für die Zustände eines Teilchens mit dem Spin 12 .
Diese lassen sich durch Paare von Wellenfunktionen

ψ(~x, ms ), ~x ∈ R3 ; ms = ± 12

beschreiben. Unter den Translationen spielt der Spin keine Rolle

U~a ψ(~x, ms ) = ψ(~x − ~a, ms )

aber unter Rotationen erwarten wir


X
UR ψ(~x, ms ) = dms m0s (R) ψ(R−1 ~x, m0s )
1
m0s =± 2

Da UR unitär sein sollte, muß d eine unitäre 2 × 2-Matrix sein. Unser Ziel ist es,
diese Matrizen zu konstruieren. Dazu gehen wir zur Gleichung
−1
OB = U(a,R) OA U(a,R)

auf Seite 139 zurück. Als Operator wählen wir

OA = 12 ~n ~σ

das ist die Spinkomponente in Richtung auf einen Einheitsvektor ~n. Im gedrehten
System B ist die analoge Observable die Projektion auf den gedrehten Vektor
1
OB = 2 (R~n) ~σ
1
7.3 Teilchen mit Spin 2 147

Vom unitären Operator U(a,R) bleibt nur der Anteil der d-Matrix an den Pauli-
Matrizen hängen
(7.3.1) (R~n) ~σ = d(R) (~n · ~σ ) d(R)−1
oder mit
−1
Rik = Rki
da ~n beliebig ist X
−1
Rki σi = d(R)σk d(R)−1
i

Wir wollen nun die allgemeine Form unitärer 2 × 2-Matrizen studieren. Wir
machen den Ansatz
u = u0 · I − i ~u · ~σ
wobei
1
u0 = 2 Sp u
1
un = 2 Sp(u · σn )
zunächst vier komplexe Zahlen sein dürfen. Dann ist
1
u−1 = (u0 · I + i~u~σ )
det u
det u = u20 + ~u2
wobei wir von der Form
   
(7.3.2) (~a · ~σ ) ~b · ~σ = ~a · ~b · I + i ~a × ~b · ~σ

Gebrauch machen können. Ferner gilt


u+ = ū0 + i~ū~σ
da die σ-Matrizen hermitesch sind. Wenn wir uns auf unitäre 2 × 2-Matrizen u mit
det u = 1 beschränken, so folgt aus
u+ = u−1
daß
(u0 , ~u)
vier reelle Parameter darstellen, die der Einschränkung
u20 + ~u2 = 1
genügen. Die multiplikative Gruppe der unitären 2 × 2-Matrizen mit Determinante
eins wird SU(2) genannt. Wir haben gerade eine ein-eindeutige Parametrisierung
der Gruppe SU(2) durch die auf der Einheitskugel S3 im R4 gelegenen Vektoren
(u0 , ~u)
kennengelernt.

Jede unitäre Matrix U kann mit einer hermiteschen Matrix A geschrieben werden
als14
U = eiA ,
14 alternativ, aber hier nicht günstig:
1 + iA
U =
1 − iA
148 7 SYMMETRIEN

wobei
det U = ei Sp A
gilt.

Für die Matrizen u ∈ SU(2) können wir schreiben

u = eia
a = a+
Sp a = 0

Also läßt sich A darstellen als


a = ~a · ~σ
mit einem reellen Vektor ~a. Da
2
a2 = (~a · ~σ ) = ~a2 · I

gilt, ist
∞ n
X (~a · ~σ ) n
ei(~a·~σ) = i
n=0
n!
∞ ∞
X (−1)n 2 n X (−1)n · i 2 2n
= ~a + ~a ~a · ~σ
n=0
(2n)! n=0
(2n + 1)!
~a · ~σ
= cos |~a| · I + i sin |~a|
|~a|
u0 = cos |~a|
sin |~a|
~u = −~a ·
|~a|
Damit haben wir eine zweite eindeutige Parametrisierung der SU(2) kennengelernt:
Vektoren ~a aus dem R3 , die den Rand und das Innere der Kugel |~a| ≤ π ausfüllen15

Nachdem wir die SU(2) kennengelernt haben, kehren wir zur Gleichung (7.3.1)
(S. 147) zurück, die wir jetzt lösen wollen. Mit

d(R) = u0 − i ~u · ~σ

und der Gleichung (7.3.2) (S. 147) bekommen wir

(u0 − i ~u · ~σ ) ~n · ~σ (u0 + i ~u · ~σ )
 

= (u0 − i ~u · ~σ ) (u0 + i ~u · ~σ ) ~n · ~σ + i [~n · ~σ , ~u · ~σ ]


| {z }
Kommutator
= ~n · ~σ + i (u0 − i ~u~σ ) · 2i (~n × ~u) ~σ
 

= ~n · ~σ + 2u0 (~u × ~n) ~σ + 2i ~u · (~n × ~u) +i ~u2~n − ~u (~n · ~u) ~σ 



| {z }
=0
 2 
= ~n · ~σ + 2u0 (~u × ~n) ~σ − 2 ~u ~n − ~u (~n · ~u) ~σ

Nach Gleichung (7.3.1) (S. 147) soll das gleich

(R~n) · ~σ = (R(~e, α)~n) · ~σ


15 Der Rand |~a| = π wird einer einzigen Matrix u = −I zugeordnet.
1
7.3 Teilchen mit Spin 2 149

sein, wobei ~e die Rotationsachse und α der Drehwinkel ist. Das ist (vgl. Glei-
chung (7.2.1), S. 142) der Fall, wenn

cos α = 1 − 2~u2
sin α = 2u0 |~u|
~
u
~e = |~
u|

wobei man auch α durch 2π − α ersetzen kann. Diese Gleichungen werden gelöst
durch

u0 = cos α2
|~u| = sin α2
d(R(~e, α)) = cos α2 − i sin α2 ~e · ~σ
α
= e−i 2 ~e·~σ
~a = − α2 ~e

Aus der oben genannten Zweideutigkeit folgt, daß mit jeder Lösung d(R) auch
−d(R) Lösung ist. Diese Zweideutigkeit der Zuordnung
 −i α ~e·~σ
+e 2

R(~e, α) −→
 −i α ~e·~σ

−e 2

ist zwar kein Homomorphismus und damit keine Darstellung (bei Physikern oft:
,,zweideutige Darstellung”), aber das braucht einen Physiker nicht zu stören. In der
Gleichung
UR ψ(x) = d(R)ψ(R−1 x)
(ψ ist ein zweikomponentiger ,,Spinor”) ist ψ immer nur bis auf einen konstanten
Phasenfaktor bestimmt. Das willkürliche Vorzeichen wird in ψ absorbiert. Der Be-
griff der Darstellung ist nur zu eng; für die Quantenmechanik zweckmäßiger wäre
ein Begriff ,,Darstellung bis auf einen Faktor”:

R −→ UR
R1 R2 −→ UR1 R2 = α(R1 , R2 )UR1 UR2
|α(R1 , R2 )| = 1

Es gibt aber noch einen anderen Gesichtspunkt. Wenn man die Abbildung umkehrt
α
SU(2) 3 e−i 2 ~e~σ → R(~e0 , α0 ∈ SO(3)
α0 = min {α, 2π − α}
~e0 = ±~e entsprechend

so erhalten wir eine Darstellung im echten Sinne. Was hindert uns daran, die Sym-
metriegruppe der Rotationen SO(3) durch die Gruppe SU(2) zu ersetzen? Daß wir
mit SO(3) und nicht mit SU(2) begonnen haben, liegt doch daran, daß wir uns
auf die Erfahrung mit der klassischen Physik gestützt haben. Dort gibt es keine
Spinoren. Tatsächlich hindert uns nichts, SU(2) als ,,wahre” Symmetriegruppe an-
zusetzen.

Ein dritter Gesichtspunkt ist für die Physik weit wichtiger, als solche terminolo-
gischen Spitzfindigkeiten. Wir können eine Umgebung der Gruppeneinheit in SU(2)
durch  −i α ~e·~σ
e 2 ,α < ε
150 7 SYMMETRIEN

definieren. Für ε < π ist diese Umgebung immer eindeutig abbildbar auf eine Um-
gebung in der SO(3), nämlich
{R(~e, α), α < ε}
und zwar so, daß
α
R(~e, α) ↔ e−i 2 ~e·~σ
Wenn man nun nach α bei α = 0 differenziert, werden die Lie-Algebren ebenfalls
ein-eindeutig aufeinander abgebildet:
σi
ei l(i)
P P
e−iα i ↔ e−iα i ei 2

impliziert
σi
l(i) ↔
2
Wenn man jedoch exponentiert und eine einparametrige Untergruppe erzeugt, so
kommt man in SO(3) bei α = 2π, in SU(2) erst bei α = 4π zur Gruppeneinheit
zurück.

Wir wollen noch einmal zur Ausgangsgleichung zurückkehren.


X
(7.3.3) UR ψ(x, ms ) = dms m0s (R)ψ(R−1 x, m0s )
1
m0s =± 2

Die Wellenfunktionen ψ(x, ms ) spannen einen Hilbert-Raum auf mit der Norm
X Z
kψk2 = d3 x |ψ(x, ms )|2
1
ms = 2

Die Funktionen ψ hängen von x ab und bezüglich dieser Abhängigkeit ist der
Hilbert-Raum ein Raum L2 (R3 ). Sie hängen aber auch von den ms ab und bilden
bezüglich dieser Abhängigkeit einen Raum C2 . Zusammen ist der Hilbert-Raum ein
Tensor-Produkt
L2 (R3 ) ⊗ C2
Die euklidischen Bewegungen g = (a, R) (R = R(~n, α)) kann man darauf darstellen
als h i i
i ~ ~ i ~
σ
Ug = e− ~ ~a·P e− ~ α~n·L ⊗ e− ~ ~n~ 2
Wenn wir jetzt in Gleichung (7.3.3) UR(~e,α) betrachten und nach α differenzieren,
so erhalten wir auf der rechten Seite
~
Lj ⊗ IC2 + IL2 (R3 ) ⊗ σj
2
Wir wollen (wie in Kapitel 5) diesen Operator als Gesamtdrehimpulsoperator Jj
bezeichnen
~
Jj = Lj ⊗ IC2 + IL2 (R3 ) ⊗ σj
2
in abgekürzter Physikernotation

~j + ~
Jj = L σj
2
Natürlich ist (α nicht zu groß)
~ ~
e− ~ α(~n·J ) = e− ~ α(~n·L) ⊗ e− ~ α(~n·~s)
i i i

~
~s = σ
2
7.4 Die unitären Darstellungen der Gruppe SU(2) 151

in abgekürzter Physikernotation
~ ~ ~
e− ~ α(~n·J ) = e− ~ α[~n·(L+S )]
i i

Merke:

Die Addition von Drehimpulsen entspricht immer einer Tensorprodukt-


bildung der Räume

7.4 Die unitären Darstellungen der Gruppe SU(2)

Wir wollen uns zunächt um eine Vertiefung des Begriffs Darstellung bemühen. Sei
G eine Gruppe und
g −→ Ug , g ∈ G
eine Darstellung in einem Hilbert-Raum V, der sich als orthogonale, direkte Summe
schreiben läßt:
V = V1 ⊕ V2
Das heißt:

v∈V → v = v1 + v2 , v1 ∈ V1 , v2 ∈ V2
(v1 , v2 ) = 0

(v1,2 eindeutig bestimmt). Es sei

Ug v1 ∈ V1 für jedes g und jedes v1

Dann heißt V1 invarianter Unterraum. Da Ug eine unitäre Darstellung ist, ist auch
V2 ein invarianter Unterraum, denn (alle v1 , v2 , g):

0 = (v2 , Ug v1 )
= (Ug+ v2 , v1 )
= (Ug−1 v2 , v1 )

Da g −1 alle Elemente von G durchläuft, wenn g dies tut, ist Ug v2 ⊥ V1 für alle g
und v2 , also Ug v2 ∈ V2 .

Wenn wir eine Basis von V aus einer Basis von V1 und einer Basis von V2
zusammensetzen, so zerfällt die Matrix Ug in Blöcke
 
U11 U12 }V1
Ug −→
U21 U22 }V2
Invarianz von V1 bedeutet U21 = 0. Wir haben gerade bewiesen: Ist die Darstellung
unitär und U21 = 0, so ist auch U12 = 0. Die Darstellung ist dann reduzibel, sie
wird durch die Räume V1 und V2 reduziert. Eine Darstellung heißt irreduzibel, falls
sie keine invarianten Teilräume besitzt.

Es ist offensichtlich zweckmäßig, nur irreduzible Darstellungen zu betrachten.


Alle anderen ergeben sich durch direkte Addition der Darstellungsräume. Ist eine
Darstellung einer kontinuierlichen Gruppe reduzibel (irreduzibel), so ist es auch die
Darstellung ihrer Lie-Algebra. Wir suchen also eine unitäre Darstellung
P σj P
U = e−iα j nj 2 −→ e−iα j nj Jj
152 7 SYMMETRIEN

σj
wobei die Jj den gleichen Vertauschungsregeln genügen, wie die 2

[Ji , Jj ] = ijk Jk

Das ist die bekannte Drehimpulsalgebra, und ihre (selbstadjungierten) irreduziblen


Darstellungen sind uns alle bekannt. Sei 2j ∈ N (d. h. j = 0, 12 , 1, 32 , . . . ). Dann gibt
es dazu eine 2j + 1-dimensionale (komplexe) Darstellung folgender Art: Wir bilden

J± = J1 ± iJ2

und haben eine Basis |j, mi,

m ∈ {−j, −j + 1, . . . , +j − 1, +j}

so daß16

J3 |j, mi = m|j, mi
p
J+ |j, mi = (j + m + 1)(j − m)|j, m + 1i
p
J− |j, mi = (j − m + 1)(j + m)|j, m − 1i

Ferner ist j(j + 1) der Eigenwert von


3
X
Ji2
i=1

Die entsprechende unitäre Darstellung der Gruppe ergibt sich dann durch Expo-
nentiation h  i X j
exp −iα ~n · J~ |j, mi = Dm0 m (~n, α)|j, m0 i
m0
j
die Matrizen Dm 0 m heißen ,,Drehmatrizen” (unter Mathematikern: Koordinaten-

funktionen der 2j + 1-dimensionalen Darstellung der SU(2)). Ist


 
0
~n = 0 = ~e3
1

d. h. die Drehachse ist die z-Achse, so ist ~n · J~ = J3 diagonal und die Drehmatrizen
ergeben sich zu
j j −iαm
Dm 0 m (~
e3 , α) = Dm 0 m ((0, 0, 1), α) = δm0 m · e

Wenn jedoch die Drehung um die y-Achse erfolgt, so ergibt sich eine nicht-diagonale
Matrix
 
0
~n = 1 = ~e2
0
j
Dm e2 , α) = djm0 m (α)
0 m (~

Jedes Element von SU(2) läßt sich durch Euler’sche Winkel ψ, Θ, ϕ in folgender
Weise darstellen:
i i i
u = e− 2 ψσ3 e− 2 Θσ2 e− 2 ϕσ3
16 J + = J−
+
7.4 Die unitären Darstellungen der Gruppe SU(2) 153

Dann ist
j 0
−iψm −iϕm j
Dm 0 m (u) = e dm0 m (Θ)

Man kann zeigen, daß djm0 m (Θ) die folgende Form hat
s
(j + m0 )!(j − m0 )! X j + m
  
j−m
djm0 m (Θ) =
(j + m)!(j − m)! n j + m0 − n
n∈N
0 2n−m−m0 2j+m+m0 −2n
(−1)j+m −n cos Θ 2 sin Θ
2

und sich die Summe über alle n ∈ N erstreckt, für die die beiden Binomialkoeffizi-
enten nicht verschwinden.

1
Natürlich ist für j = 2

1  
Θ
2
dm 0 m (Θ) = e−i 2 σ2 0
mm
cos Θ − sin Θ
 
= 2 2
+ sin Θ2 cos Θ
2 m0 m

Die Darstellung zu j = 1 sollte den Drehungen des R3 entsprechen. Seien ~ei , i =


1, 2, 3 die Basisvektoren des R3 , die den x, y, z-Achsen entsprechen. Dann machen
wir die Zuordnung

|1, 0i ↔ ~e3
1
|1, ±1i ↔ ± √ (~e1 ± i~e2 )
2

Man kann zeigen, daß dann entsprechend


j=1
Dm 0 m (~
n, α) = R(~n, α)jk

Schließlich betrachten wir die Kugelfunktionen Yml (Θ, ϕ). Da Θ, ϕ Polarkoordinaten


auf der Einheitskugel S2 des R3 darstellen, können wir die Yml als

Yml (~n), ~n ∈ S2

schreiben. Dann sind die Yml tatsächlich der Basis |l, mi (d. h. j ∈ N) zuzuordnen
und

UR Yml (~n) = Yml (R−1~n)


+l
X
l l
= Dm 0 m Ym0 (~
n)
m0 =−l

Setzen wir ~n = ~e3 (Einheitsvektor in z-Richtung), so ist


r
2l + 1
Yml (~e3 ) = δm0

und damit r
2l + 1 l
Yml (R−1~e3 ) = D0m (R)

154 7 SYMMETRIEN

Man zeigt leicht, daß mit

R−1 = R(~e3 , ϕ)R(~e2 , Θ)


 
sin Θ cos ϕ
R−1~e3 = ~n(Θ, ϕ) =  sin Θ sin ϕ 
cos Θ
Yml (R−1~e3 ) = Yml (Θ, ϕ)
r
2l + 1 l
= D0m (R(~e2 , Θ)−1 R(~e3 , ϕ)−1 )

r
2l + 1 +imϕ l
= e d0m (−Θ)

Damit haben wir eine allgemeine Formel für die Kugelfunktionen aus den Drehma-
trizen abgeleitet.

7.5 Die Addition von Drehimpulsen

Wir betrachten zwei irreduzible Darstellungen der Lie-Algebra von SU(2)

1.
(1)
Jk dim = 2j1 + 1, C2j1 +1 , Basis = {|j1 , m1 i}

2.
(2)
Jk dim = 2j2 + 1, C2j2 +1 , Basis = {|j2 , m2 i}

Wir suchen irreduzible Darstellungen der Operatoren


(1) (2)
Jk = Jk + Jk k = 1, 2, 3

die ebenfalls die Lie-Algebra von SU(2) erzeugen, d. h. den Vertauschungsrelationen

[Ji , Jj ] = ijk Jk

genügen. Diese Operatoren wirken im Raum C2j1 +1 ⊗ C2j2 +1 , der durch die
(2j1 + 1)(2j2 + 1) Basisvektoren

|j1 , m1 i|j2 , m2 i = |j1 , m1 ; j2 , m2 i


| {z }
formales Produkt

aufgespannt wird. Die Antwort wird sein, daß es für jedes j

|j1 − j2 | ≤ J ≤ j1 + j2
j1 + j2 − J ganzzahlig

einen 2J + 1-dimensionalen Unterraum Vj von C2j1 +1 ⊗ C2j2 +1 gibt, der eine irre-
duzible Darstellung der Lie-Algebra der Jk trägt. Dann ist
jM
1 +j2

C2j1 +1 ⊗ C2j2 +1 = VJ
J=|j1 −j2 |
7.5 Die Addition von Drehimpulsen 155

Wir konstruieren nun explizit eine Basis in den Räumen VJ . Dazu beginnen wir mit
der Bemerkung, daß die ,,Leiteroperatoren” in den VJ gegeben sein müssen durch
(1) (2)
J± = J± + J±
(1) (2)
J3 = J3 + J3

Daher gilt sicher:

J3 |j1 , m1 ; j2 , m2 i = (m1 + m2 )|j1 , m1 ; j1 , m2 i

Wir nennen die Zahl M = m1 + m2 , d. h. den Eigenwert von J3 , das Gewicht des
Vektors |j1 , m1 ; j2 , m2 i. Das höchste Gewicht aller Vektoren hat der Vektor

|j1 , j1 ; j2 , j2 i

nämlich j1 + j2 . Natürlich ist

J+ |j1 , j1 ; j2 , j2 i = 0

also ist der Vektor zu einer Darstellung mit j1 + j2 = J gehörig. Da


p
J− |J, M i = (J − M − 1)(J + M )|J, M − 1i

können wir aus dem Vektor mit dem höchsten Gewicht durch mehrfache Anwen-
dung von J− Vektoren niedrigeren Gewichts erzeugen, die aber alle zur gleichen
Darstellung j = j1 + j2 gehören. So ist z. B.
−1
|j1 + j2 , j1 + j2 − 1i = [2(j1 + j2 )] 2 J− |j1 + j2 , j1 + j2 i
|j1 + j2 , j1 + j2 i = |j1 , j1 ; j2 , j2 i

also
 
−1 (1) (2)
|j1 + j2 , j1 + j2 − 1i = [2(j1 + j2 )] 2 J− + J− |j1 , j1 ; j2 , j2 i
s s
j1 j2
= |j1 , j1 − 1; j2 , j2 i + |j1 , j1 ; j2 , j2 − 1i
j1 + j2 j1 + j2

Die auf diese Weise konstruierten Vektoren |J, M i mit J = j1 +j2 , −(j1 +j2 ) ≤ M ≤
(j1 + j2 ) spannen den Unterraum Vj1 +j2 auf. Nun betrachten wir das orthogonale
Komplement von Vj1 +j2 in C2j1 +1 ⊗ C2j2 +1 . In diesem orthogonalen Komplement
suchen wir nach dem Vektor mit dem höchsten Gewicht. Da der Vektor mit dem
Gewicht j1 + j2 verbraucht wurde, bleiben nur noch die Vektoren |j1 , j1 ; j2 , j2 − 1i
und |j1 , j1 − 1; j2 , j2 i mit dem Gewicht j1 + j2 − 1. Diejenige Linearkomination aus
beiden, die auf dem oben konstuierten Vektor |j1 + j2 , j1 + j2 − 1i senkrecht steht,
liegt im orthogonalen Komplement, z. B.
s s
j2 j1
− |j1 , j1 − 1; j2 , j2 i + |j1 , j1 ; j2 , j2 − 1i
j1 + j2 j1 + j2

Anwendung von J+ auf diesen Vektor ergibt


s s
2j1 j2 2j1 j2
− |j1 , j1 ; j2 , j2 i + |j1 , j1 ; j2 , j2 i = 0
j1 + j2 j1 + j2

Die hingeschriebene Linearkombination ist also der Vektor des höchsten Gewichts
einer irreduziblen Darstellung mit

J = j1 + j2 − 1
156 7 SYMMETRIEN

Anwendung von J− auf diesen Vektor


s s
j2 j1
|j1 + j2 − 1, j1 + j2 − 1i = − |j1 , j1 − 1; j2 , j2 i + |j1 , j1 ; j2 , j2 − 1i
j1 + j2 j1 + j2

ergibt die ganze Reihe von Vektoren

|j1 + j1 − 1, M i, −(j1 + j2 − 1) ≤ M ≤ (j1 + j2 − 1)

die den Unterraum Vj1 +j2 −1 aufspannen. Wir untersuchen dann den Vektor mit
dem höchsten Gewicht im orthogonalen Komplement zu Vj1 +j2 ⊕ Vj1 +j2 −1 . Dieses
Gewicht ist j1 + j2 − 2. In der ursprünglichen Basis gibt es dann drei Vektoren mit
diesem Gewicht:

|j1 , j1 − 2; j2 , j2 i
|j1 , j1 − 1; j2 , j2 − 1i
|j1 , j1 ; j2 , j2 − 2i

Zwei zueinander orthogonale Linearkombinationen wurden bereits für Vj1 +j2 sowie
Vj1 +j2 −1 verbraucht. Die Orthogonalitätsforderung legt also die letzte Linearkom-
bination bis auf einen Phasenfaktor fest. Anwendung von J+ auf diese Kombination
ergibt null, etc. Da
jX
1 +j2

(2J + 1) = (2j1 + 1)(2j2 + 1)


J=|j1 −j2 |

ist, ist nach der Konstruktion von V|j1 −j2 | die Basis von C2j1 +1 ⊗ C2j2 +1 aus-
geschöpft.

Zur Veranschaulichung zeichnen wir in Abbildung 12 noch einmal das Gewichtsdiagramm


für die gesamte Basis von C2j1 +1 ⊗ C2j2 +1 auf.

Die Koeffizienten bei der Konstruktion der Basis |J, M i heißen Clebsch-Gordan-
Koeffizienten.
X
(7.5.1) |J, M i = hj1 , m1 ; j2 , m2 |J, M i · |j1 , m1 ; j2 , m2 i
m1 ,m2
jX
1 +j2 X
(7.5.2) |j1 , m1 ; j1 , m2 i = hJ, M |j1 , m1 ; j2 , m2 i · |J, M i
J=|j1 −j2 | M

Allgemein ist (Unitarität)

hJ, M |j1 , m1 ; j2 , m2 i = hj1 , m1 ; j2 , m2 |J, M i

aber es ist üblich, diese Koeffizienten reell zu definieren. Diese Koeffizienten bilden
dann eine (2j1 + 1)(2j2 + 1) × (2j1 + 1)(2j2 + 1) orthogonale17 Matrix, wenn wir
einerseits die Paar j, m, andererseits die Paare m1 , m2 in irgendeiner Weise anord-
nen. Die Unitarität folgt immer, wenn wir aus einer orthogonalen Basis zu einer
anderen übergehen.

Folgende Regeln sind elementare Forderungen aus unserer Konstruktion:

hJ, M |j1 , m1 ; j2 , m2 i = 0
17 orthogonal=unitär und reell
7.5 Die Addition von Drehimpulsen 157

höchsten Gewicht
Vektor mit dem

m1
11
2

2
9

5
2
7
m2

11
2

5
Gewichtsdiagramm für j1 = 3, j2 = 2. Jedes Kreuz gibt einen Basisvektor

an. Die Gewichte m1 + m2 variieren von − 11 11


2 bis + 2

Abbildung 12: Gewichtsdiagramm


158 7 SYMMETRIEN

• falls m + m1 + m2 nicht ganz


• oder falls j + j1 + j2 nicht ganz
• oder die Dreiecksungleichung |j1 − j2 | ≤ j ≤ j1 + j2 nicht erfüllt ist

Es gibt heute eine allgemein akzeptierte Phasenfestlegung bei der Definition der
Clebsch-Gordan-Koeffizienten, die sowohl in alle Tabellen wie in die umfangreiche
Software Eingang gefunden hat.

7.6 Tensoroperatoren

~ L,
Die Operatoren J, ~ S
~ bilden Vektoroperatoren in dem Sinne, daß

~ −1 = R~n · J~
UR (~n · J)UR

für einen beliebigen Vektor ~n gilt. Dies ist eine Folgerung aus
UR UR(~n,α) UR−1 = UR(R~n,α)
d. h. aus dem Gruppengesetz S. 143
RR(~n, α)R−1 = R(R~n, α)
j
Diese Konstruktion wird oft verallgemeinert. Gegeben seien 2j + 1 Operatoren Tm .
Ist dann X j j
UR Tmj
UR−1 = Dmm0 (R)Tm 0

m0
j
so nennen wir die Operatoren Tm
einen irreduziblen Tensoroperator. Solche Opera-
toren tauchen sehr häufig in der Physik auf. Beispiele werden wir noch kennenlernen.
Allgemeine Tensoroperatoren sind in irreduzible zerlegbar.

Wir wollen annehmen, daß wir einen Satz von Zuständen


|a; j1 , m1 i
haben, der sich unter Rotationen transformiert wie
X j
UR |a; j1 , m1 i = Dm10 m1 (R)|a; j1 , m01 i
1
m01

Dabei sei a ein weiterer Satz rotationsinvarianter Quantenzahlen. Wir nehmen an,
daß wir einen zweiten Satz
|b; j2 , m2 i
mit analogen Eigenschaften haben. Es sei uns die Aufgabe gestellt, ein Matrixele-
ment
j
hb; j2 , m2 |Tm |a; j1 , m1 i
zu berechnen. Das ergibt
X j
j
Dm0 m hb; j2 , m2 |Tm |a; j1 , m1 i
m0
= hb; j2 , m2 |UR Tmj
UR−1 |a; j1 , m1 i
X j j2
= Dm10 m1 (R−1 )Dm 0 m (R
2
−1 )hb; j , m0 |T j |a; j , m0 i
2 2 m 1 1
1 2
m01 m02
7.6 Tensoroperatoren 159

Hier ist
j2 −1 j2
Dm 0 m (R
2
) = Dm 2m
0 (R)
2 2

j1
Ferner erhalten wir nach Multiplikation mit Dm 0 (R)
und anschließender Sum-
1 m1
mation über m (anschließend Umbenennung)
X j j1 j 0
Dm0 m (R)Dm 0 m (R)hb; j2 , m2 |Tm |a; j1 , m1 i
1 1
m0 m01
(7.6.1) X j2 0 j
= Dm 0 (R)hb; j2 , m2 |Tm |a; j1 , m1 i
2m 2
m02

Wenn wir nun die Gleichung (7.5.2) (S. 156) von links mit einer unitären Transfor-
mation UR multiplizieren, erhalten wir
X j j2 0 0
UR |j1 , m1 ; j1 , m2 i = Dm10 m1 (R)Dm 0 m (R)|j1 , m1 ; j2 , m2 i
2 1 2
m01 m02
jX
1 +j2 X X
J 0
= hJ, M |j1 , m1 ; j2 , m2 i DM 0 M (R)|J, M i

J=|j1 −j2 | M M0
| {z }
UR |J,M i

Multiplikation dieser Gleichung mit

|j1 , m01 ; j2 , m02 i

ergibt
j1 j2
Dm 0 m (R)Dm0 m
1 2
1 2
jX
1 +j2 X
= hJ, M |j1 , m1 ; j2 , m2 ihj1 , m01 ; j2 , m02 |J, M 0 iDM
J
0 M (R)

J=|j1 −j2 | M M 0

Diese Formel verwenden wir zur Umformung von (7.6.1)


j+j
X1 X
J
hJ, M |j, m; j1 , m1 iDM 0 M (R)

J=|j−j1 | M M 0
X j
hj, m0 ; j1 m01 |J, M 0 i · hb; j2 , m2 |Tm 0
0 |a; j1 , m1 i

m0 m01
X j2 0 j
= Dm 0 (R)hb; j2 , m2 |Tm |a; j1 , m1 i
2m 2
m02

j
Wenn wir voraussetzen können, daß die Funktionen Dmm 0 (u) auf SU(2) alle von

einander linear unabhängig sind, so folgt, daß auf der linken Seite nur J = j2 , M 0 =
m2 , M = m02 vorkommen dürfen, oder daß gelten muß
X j
hj, m0 ; j1 , m01 |J, M 0 i · hb; j2 , m2 |Tm 0
0 |a; j1 , m1 i

m0 m01

= δJ,j2 δM 0 ,m2 · hb; j2 kT j ka; j1 i


| {z }
Definition

und weiter
j
hb; j2 , m2 |Tm |a; j1 , m1 i = hj2 , m2 |j, m; j1 , m1 ihb; j2 kT j ka; j1 i
160 7 SYMMETRIEN

Wir nennen hkT ki das ,,reduzierte Matrixelement”. Die zweite Formel


Matrixelement = Clebsch-Gordan-Koeffizient × reduziertes Matrixelement
heißt Wigner-Eckart-Theorem.

Wir wollen nun noch etwas zur linearen Abhängigkeit bzw. Unabhängigkeit der
j
Dm 1 m2
(u) auf der Mannigfaltigkeit SU(2) sagen. Tatsächlich folgt aus allgemeinen
gruppentheoretischen Sätzen (Satz von Peter und Weyl), daß
Z
j j0 1
dµ(u) Dm 1 m2 (u)Dm0 m0 (u) = δjj δm1 m1 δm2 m2
0 0 0
1 2 2j + 1
SU (2)

falls das Integrationsmaß die Eigenschaften den Invarianz unter Translationen hat
dµ(u) = dµ(u1 u) = dµ(uu1 )
und es normiert ist Z
dµ(u) = 1
SU (2)

Das ist z. B. erfüllt für


1
dµ(u) = d4 ũ δ(ũ2 − 1)
π2 |{z}
Lebseque-
Maß in R4
ũ = (u0 , ~u)
Orthogonale Funktionen sind aber immer linear unabhängig. Die große Bedeutung
des Wigner-Eckart-Theorems beruht darin, daß viele Operatoren in der Quantenme-
chanik Tensoroperatoren sind (elektrische Dipol, magnetischer Dipol, elektrischer
Quadrupol etc.) und daß die Zahl der Matrixelemente, die man berechnen muß,
erheblich reduziert wird. Ferner lassen sich die Auswahlregeln von den Clebsch-
Gordan-Koeffizienten ablesen.

Wir wollen uns jetzt etwas genauer mit Dipol- und Quadrupoloperatoren be-
fassen, die l = 1 und l = 2 entsprechen. Zunächst sei l = 1. Gegeben sei ein
Vektoroperator
X3 +1
X
~=
A Ai~ei = Tm1
|1, mi
i=1 m=−1

setzen wir von S. 153


1
~e1 = − √ (|1, 1i − |1, −1i)
2
i
~e2 = + √ (|1, 1i + |1, +1i)
2
~e3 = |1, 0i
ein, so wird
1
T11 = − √ (A1 + iA2 )
2
1 1
T−1 = + √ (A1 − iA2 )
2
T01 = A3
7.6 Tensoroperatoren 161

Bei einem Ein-Elektronenproblem ist der Ortsoperator ein möglicher Dipoloperator.


Einführung von Polarkoordinaten liefert

1
T11 = − √ r sin Θeiϕ
2
1
1
T−1 = + √ r sin Θe−iϕ
2
T01 = r cos Θ

also r
1 4π
Tm = rYm1 (Θ, ϕ)
3
Das Elektron bewege sich in einem Zentralpotential, so daß der Hamilton-Operator
sowohl unter Rotationen wie unter Spiegelungen invariant ist. Dann sind die Eigen-
funktionen
ψn,j,j3 ,π π = ±1 : Parität

Die Matrixelemente
1
hψn0 ,j 0 ,j30 ,π0 |Tm |ψn,j,j3 ,π i

sind dann proportional


hj 0 , j30 |1, m; j, j3 i · δπ0 π,−1
1
denn die Parität von Tm ist −1 (~x ist ein echter Vektor der Parität −1). Ein anderer
Dipoloperator ist der Spin
~
Ai = si = σi
2
mit Parität +1 (Axialvektor oder Pseudo-Vektor). Hier ist

1
T̃11 = − √ S+
2
1 1
T̃−1 = + √ S−
2
T̃01 = S3

(entsprechend der Bezeichnung J± , J3 bei Drehimpulsen). In diesem Fall ist für die
Matrixelemente nur der Paritätsfaktor anders

hj 0 , j30 |1, m; j, j3 i · δπ0 π,+1

Der erste Fall entspricht einem elektrischen, der zweite einem magnetischen Di-
polübergang.

Schließlich betrachten wir für das gleiche physikalische Problem noch den Ope-
rator
r2
Qik = xi xk − δik
3
Er ist symmetrisch und spurfrei, enthält damit fünf unabhängige Komponenten,
2
ebenso wie die Operatoren Tm . Wenn wir definieren
r
2 4π 2 2
Tm = r Ym (Θ, ϕ)
5
162 7 SYMMETRIEN

so wird
r
2 3
T±2 = (Q11 − Q22 ± 2iQ12 )
8
r
2 3
T±1 = ∓ (Q13 ± iQ23 )
2
3
T02 = Q33
2
Der elektrische Quadrupoloperator ist von diesem Typ.

7.7 Die Raumspiegelung oder die Parität der räumlichen Spie-


gelung

~x −→ ~x0 = −~x

Diese Operation bestimme, zusammen mit der trivialen Transformation (~x0 = ~x)
eine diskrete Gruppe von zwei Elementen. Die der räumlichen Spiegelung entspre-
chende unitäre Transformation wollen wir mit P bezeichnen. Notwendigerweise ist

P2 = I
P = P −1 = P +

P ist also unitär und selbstadjungiert und hat nur die Eigenwerte ±1. Diese heißen
Parität (besser: Eigenparität). Die grundlegenden Observablen verhalten sich wie

P ~x = −~xP echte Vektoren
P p~ = −~pP (polare Vektoren)
~ = +LP~

PL Pseudo-Vektoren
~ = +SP
PS ~ (axiale Vektoren)

Die Raumspiegelung ist eine Symmetrie, falls

P H = HP

(d. h. falls H ein echter Skalar ist). Wellenfunktionen transformieren sich wie

P ψ(~x, ms ) = ψ(−~x, ms )

Die Spinkomponente bleibt also ungeändert. Speziell gilt

P f (r)Yml (Θ, ϕ) = (−1)l f (r)Yml (Θ, ϕ)

Das folgt am leichtesten aus der Tatsache, daß

rl Yml (Θ, ϕ)

den Komponenten des symmetrischen spurlosen Ternsors l-ter Stufe entspricht, der
aus ~x gebildet wird (l = 1, 2 haben wir im letzten Abschnitt behandelt). Das be-
deutet, daß es als homogenes Polynom vom Grad l aus den Komponenten von ~x
aufgebaut ist.
7.8 Antilineare Operatoren und die Umkehr der Bewegungsrichtung 163

7.8 Antilineare Operatoren und die Umkehr der Bewegungs-


richtung

Ein antilinearer Operator A ist definiert durch

f −→ g = Af
λ̄1 Af1 + λ̄2 Af2 = A(λ1 f1 + λ2 f2 )

Es genügt, wenn wir uns mit solchen antilinearen Operatoren befassen, die auf dem
ganzen Hilbertraum definiert sind. Die Antilinearität kann auch ausgedrückt werden
durch
cA = Ac̄, c ∈ C
Produkte zweier antilinearer Operatoren sind linear:

cA1 A2 = A1 c̄A2 = A1 A2 c

Sei ein Skalarprodukt (g, Af ) betrachtet. Wir möchten den adjungierten Operator
definieren. Es ist offensichtlich, daß das nur möglich ist durch

(g, Af ) = (f, A+ g)

so daß A+ ebenfalls antilinear ist. Ist dann A+ = A−1 , so nennen wir A antiunitär.

Ein antilinearer Operator kann auf folgende Weise konstruiert werden: Sei {fn }
eine Basis des Hilbert-Raums. Wir definieren

Afn = fn alle n

Dann ist für einen allgemeinen Vektor


X
g = αn fn
n
X
Ag = ᾱn fn
n

d. h. A ist eine komplexe Konjugation bezüglich der Basis {fn }. Man kann auch
bei kontinuierlichen Spektren eine komplexe Konjugation definieren. Sei ψ(x) eine
Ortswellenfunktion eines Teilchens ohne Spin. Dann ist

Kψ(x) = ψ̄(x)

ein antilinearer Operator bezüglich der Spektralschar des Ortsoperators.

Wir nennen einen antiunitären Operator T eine Symmetrietransformation, falls

• Zustände transformiert werden wie f → f 0 = T f


• Operatoren sich transformieren wie O → O0 = T OT −1
• T H = HT

Offensichtlich werden Übergangswahrscheinlichkeiten

|(f, g)|2
164 7 SYMMETRIEN

durch solche antiunitären Operatoren nicht geändert, denn

(f, g) → (f 0 , g 0 ) = (T f, T g)
= (T −1 T g, f )
= (g, f )
= (f, g)

Wenn wir zum ersten Abschnitt unserer Symmetriediskussion zurückkehren, so pos-


tulierten wir dort, daß Messwerte in beiden symmetrischen Systemen übereinstim-
men sollten. Dazu können also auch im Prinzip antiunitäre Operatoren herangezo-
gen werden. Da aber Produkte von zwei antiunitären Operatoren unitär sind, kann
eine kontinuierliche Symmetriegruppe nie durch antiunitäre Operatoren dargestellt
werden, denn jedes Gruppenelement g kann als Quadrat eines anderen Gruppen-
elements g1 aufgefaßt werden: g = g12 . Das läßt zur Verwendung von antiunitären
Operatoren nur gewisse diskrete Gruppen zu. Tatsächlich treffen wir sie dabei not-
wendigerweise an.

Wir wollen uns zuvor umgekehrt überlegen, ob wir mit unitären und antiunitären
Operatoren alle Möglichkeiten von Symmetrietransformationen erschöpft haben.
Die in Abschnitt 7.1 betrachteten Analogiebeziehungen

{ψA } ↔ {ψB }

sind im allgemeinen keine Zuordnungen zwischen Vektoren von Hilbert-Räumen,


sondern zwischen Zuständen. Zu einem Zustand gehören aber alle Vektoren

eiα ψ α freie Phase

Fassen wir alle Vielfachen eines Vektors mit einer Phase zu einem ,,Strahl” zusam-
men, so bedeutet eine Symmetrie zunächst eine Beziehung zwischen Strahlen
T
→ eiα ψB ∈ [ψB ]
[ψA ] 3 ψA − α unbestimmt

wenn wir mit [ψ] den durch ψ erzeugten Strahl bezeichnen. Natürlich ist dabei

(7.8.1) |(ψ1,A , ψ2,A )|2 = |(ψ1,B , ψ2,B )|2

Wir betrachten nun eine Basis ψn,A und eine ebensolche Basis ψn,B , so daß
T
[ψn,A ] −
→ [ψn,B ] n∈N

Wir wollen nun diese Zuordnung in einer vektorweisen Abbildung des Hilbert-
Raumes fortsetzen. Zunächst definieren wir

ψ1,B = T ψ1,A

mit ψ1,B ∈ [ψn,B ] , ψ1,A ∈ [ψn,A ] willkürlich aber fest. Es ist natürlich vorausgesetzt,
daß T die Bedingung (7.8.1) erfüllt. Wir betrachten nun einen weiteren Strahl [ψA ]
und das dazugehörige Bild [ψB ] = T [ψA ]. Aus beiden Strahlen wählen wir je einen
willkürlichen Vektor ψA , ψB . Wir definieren

un,A = (ψA , ψn,A )

mit einem willkürlichen aber festen Vertreter ψn,A ∈ [ψn,A ] für alle n. Analog bilden
wir
un,B = (ψB , ψn,B )
7.8 Antilineare Operatoren und die Umkehr der Bewegungsrichtung 165

2A
un

1A

1B
(1)
un

un

1B
(2)
un
Abbildung 13: Zur antiunitären Abbildung

lassen aber ψn,B noch frei über [ψn,B ] laufen. Die Forderung (7.8.1) bedeutet

|un,A | = |un,B | n = 1, 2, . . .

Nun betrachten wir die Forderung

|un1 ,A + un1 ,A | = |un1 ,B + un2 ,B | ∀n1 , n2

Da

|un1 ,A | = |un1 ,B |
|un2 ,A | = |un2 ,B |

gibt es bei festen un1 ,A , un2 ,A , un1 ,B zwei Lösungen für un2 ,B :
(1)
(7.8.2) un2 ,B = eiα un2 ,A
(2) 0
(7.8.3) un2 ,B = eiα ūn2 ,A

Läßt man nun n1 , n2 frei über N aufen, so erkennt man, daß zwischen un,A und
un,B immer die Relation (7.8.2) (mit α unabhängig von n) oder die Relation (7.8.3)
(α0 unabhängig von n) gelten muß. Diese Phasen α, α0 werden zu einer Umdefinition
von ψB benutzt. Danach schreiben wir

ψB = T ψ A

Anwendung auf die Basis ergibt

ψn,B = T ψn,A

In beiden Fällen gilt X


ψB = T ūn,A ψn,A
n
166 7 SYMMETRIEN

sowie andererseits
X
= ūn,B ψn,B
n
X
= un,B T ψn,A
n

In ersten Fall ist T linear, im zweiten antilinear. Daraus folgt die Unitarität bzw.
Antiunitarität von T .

Jetzt betrachten wir die Schrödingergleichung in Ortsdarstellung für ein Teilchen


ohne Spin
~2
 
~∂
+i ψ(~x, t) = − ∆ + V (~x) ψ(~x, t)
∂t 2m
Da V reell ist (sonst ist H nicht selbstadjungiert) ist mit jedem ψ(~x, t) auch ψ̄(~x, −t)
eine Lösung derselben Gleichung. Dabei sind die Erwartungswerte auf folgende Wei-
se verknüpft:
Z
h~xit = d3 x ψ̄(~x, t)~xψ(~x, t)
Z
= d3 x ψ(~x, t)~xψ̄(~x, t)

= +h~xi∗−t


3 i~
h~
pit = d x ψ̄(~x, t) − ∇ ψ(~x, t)
~
Z  
3 i~
= d x ψ(~x, t) + ∇ ψ̄(~x, t)
~

= −h~
pi−t

wobei die Erwartungswerte h. . . it mit ψ(t) und h. . . i∗t mit ψ̄(t) berechnet werden.
In der klassischen Mechanik ist
τ
~x(t) −→ +~x(−t)
τ: τ
p~(t) −
→ −~p(−t)

die Substitution der Bewegungsumkehr (Zeitspiegelung). Diese Substitution führt


jede Lösung in eine andere Lösung der klassischen Bewegungsgleichungen über.
Wir kommen auf diese Weise dazu, im Hilbert-Raum der Teilchen ohne Spin eine
antiunitäre Transformation T zu definieren:

ψ(~x) → T ψ(~x) = ψ̄(~x)

d. h. dieser Operator ist eine komplexe Konjugation bezüglich des Spektrums des
Operators. T ist der Bewegungs- oder Zeitumkehroperator.

Nun betrachten wir Teilchen mit Spin. Aus (~x, p~ Operatoren)

T ~xT −1 = ~x
T p~T −1 = −~ p

folgt
~ −1 = −L
T LT ~
wie es intuitiv richtig ist. Wir fordern daher
~ −1 = −S
T ST ~
7.8 Antilineare Operatoren und die Umkehr der Bewegungsrichtung 167

auch für die Spinoperatoren. Dazu machen wir den Ansatz


X
T ψ(~x, ms ) = dT,ms m0s ψ̄(~x, m0s )
m0s

~ = ~ ~σ , und unter komplexer Konjugation


Da S 2

σ̄x = σx
−σ̄y = σy
σ̄z = σz

folgt

T Si ψ(~x, ms ) = dT (Si ψ)(~x, ms )


= −Si dT ψ̄(~x, ms )

Offensichtlich erfüllt
i
dT = e− 2 πσ2
diese Forderung. dT sollte aber unitär sein. Wichtig ist, daß mit dieser Definition

d¯T = dT

Daraus folgt für einen Spin


T 2 = d2T = −I
Allgemeiner folgt für ein beliebiges System aus Fermionen und Bosonen

T 2 = (−1)F F : Fermionenzahl

Denn für die Wellenfunktion eines Teilchens mit Spin j definiert man
+j
X  i 
j − 2 πσ2
T ψ(~x, ms ) = Dm 0
s ms
e ψ̄(~x, m0s )
m0s =−j
 i

j
Dm 0
s ms
e− 2 πσ2 = djms m0s (π) reell
j
Dm 0 (−1)
s ms
= (−1)2j δms m0s

Welche Folgerungen kann man aus

T H = HT

ziehen? Da H = H+ auch eine Reellitätsbedingung ist, muß man beide Bedin-


gungen simultan betrachten. Einschränkungen ergeben sich nur bei Mehrteilchen-
Problemen und dort bei Termen, die in den Impulsen und Drehimpulsen von unge-
~
rader Ordnung sind; z. B. (irgendein ~x, p~, L)
 
p · V (~x) + V (~x) · p~] ~s(1) × ~s(2)
[~
h i 
~ · V (~x) + V (~x) · L
L ~ ~s(1) × ~s(2)

T H = HT ⇒ V (~x) rein imaginär


H = H+ ⇒ V (~x) reell

also ist V = 0 (sog. ,,No-go Theoreme”).

Schließlich ergibt sich noch eine Folgerung für Systeme mit T H = HT bezüglich
des Spektrums von H, nämlich
168 7 SYMMETRIEN

1. Für ein System von spinlosen Teilchen kann man in der Ortsraumdarstellung
die Eigenfunktionen von H reell wählen.
2. Für ein System von Teilchen, das ein ungerade Anzahl von Fermionen enthält,
ist jeder Eigenwert von H mindestens zweifach, allgemein 2n-fach entartet.

Im Fall 1 ist wegen T ψ = ψ̄ in der Ortsraumdarstellung

+ 21 (ψ + T ψ) = Re ψ
1
+ 2i (ψ − T ψ) = Im ψ

Real- und Imaginärteil einer Wellenfunktion. Da aus

Hψ = Eψ
T Hψ = H(T ψ) = E(T ψ)

folgt, ist auch Real- und Imaginärteil einer Wellenfunktion eine Eigenfunktion oder
identisch null. Seien ψ1 , . . . , ψn die Eigenfunktionen zu einem n-fach entarteten
Eigenwert E. Man definiere
(
Re ψ1
ψ1 = C · kφ1 k = 1
Im ψ1

je nachdem, ob Re ψ1 6= 0 oder Im ψ1 6= 0 und willkürlich, falls beide 6= 0 sind. Sei


φ1 , . . . φk , k < n ein reelles Orthonormalsystem von Eigenvektoren zu E

T φi = φi i = 1, . . . , k

Aus dem Orthogonalen Komplement zu span(φi )ki=1 im Eigenraum von E wähle


man einen weiteren Eigenvektor ψ̃k+1 und setze
(
Re ψ̃k+1
φk+1 = C · kφk+1 k = 1
Im ψ̃k+1

Dann ist
(φk+1 , φl ) = 0 l = 1, . . . , k
da sowohl (ψl = T ψl )
(T ψ̃k+1 , φl ) = 0
wie nach Voraussetzung
(ψ̃k+1 , φl ) = 0

Im Fall 2 ist mit jedem ψ:


Hψ = Eψ
auch T ψ eine Eigenlösung, aber T ψ und ψ sind orthogonal. Denn

(T ψ, ψ) = (T −1 ψ, ψ)
= (−1)F (T ψ, ψ)
= −(T ψ, ψ)

da F ungerade ist. Sei E ein Eigenwert, ψ eine Eigenfunktion. Dann ist T ψ1 Eigen-
funktion und zu ψ1 orthogonal. Wenn auf diese Weise ein Orthonormalsystem

ψ1 , . . . , ψk , T ψ1 , . . . , T ψk
7.9 Die Eichinvarianz 169

gefunden wurde und der Eigenraum noch nicht ausgeschöpft ist, so nehme man eine
weitere Eigenfunktion mit

(ψk+1 , ψl ) = (ψk+1 , T ψl ) = 0 l = 1, . . . , k

Dann ist auch T ψk+1 Eigenfunktion und orthogonal zu allen ψl , T ψl , l = 1, . . . , k,


denn

(T ψk+1 , ψl )= (T −1 ψl , ψk+1 )
= (−1)F (T ψl , ψk+1 )
= 0
(T ψk+1 , T ψl ) = (ψl , ψk+1 )
= 0

Wenn E endlich entartet ist, gibt es im Eigenraum also eine Basis

ψ 1 , . . . , ψ n , T ψ1 , . . . , T ψ n

7.9 Die Eichinvarianz

Wir betrachten die Schrödingergleichung für ein Elektron in Anwesenheit eines elek-
tromagnetischen Feldes A,~ φ in Ortsrealisierung:
 !2 
1 e ~ x)
A(~
 −i~∇~ − + eφ(~x) ψ(~x) = Eψ(~x)
2m c

Wir wissen, daß die Wellenfunktion ψ(x) bis auf eine Phase α ∈ [0, 2π) unbestimmt
ist:
ψ(~x) −→ e−iα ψ(~x)
läßt die Schrödingergleichung ungeändert. Diese Unbeobachtbarkeit der Phase können
wir als Symmetrie interpretieren. Die Observablen sind dann unabhängig von α.
Tatsächlich können wir einen unitären Operator definieren durch

Uα ψ(x) = e−iα ψ(x)


Uα1 Uα2 = Uα1 +α2

α ist mod 2π bestimmt. Für alle Observablen inklusive H ist dann

Uα OUα−1 = O

Wir nennen diese Symmetrie die globale Eichsymmetrie zur Gruppe U(1) (auch:
U(1)-Eichsymmetrie erster Art). Bei getrennten physikalischen Systemen kann man,
da wechselseitige Interferenzphänomene ausgeschlossen sind, die Phasen unabhängig
transformieren. Wir wollen das weiter diskutieren und fragen, ob wir nicht über-
haupt α als Funktion von x einführen können. Dazu nehmen wir also an jedem
x ∈ R3 eine Gruppe U(1) an und substituieren in der Schrödingergleichung

ψ(x) −→ eiα(x) ψ(x)

Da jedoch h i
~ iα(x) ψ(x) = eiα(x) −i~∇
−i~∇e ~ + ~∇α(x)
~ ψ(x)
170 7 SYMMETRIEN

ist der Hamiltonoperator nicht invariant. Er wird jedoch invariant, wenn wir das
~
elektromagnetische Feld A(x) ebenfalls einer Transformation, nämlich der bekann-
ten Eichtransformation unterwerfen. Wir sehen
e
α(x) = Λ(x) mit e = −|e|
~c
sowie
~
A(x) −→ A ~ 0 (x) = A(x)
~ ~
+ ∇Λ(x)
Dann ist
~ − e A(x) ~ − e A(x)
h i h  i e
−i~∇ ~ ψ(x) → −i~∇ ~ ~
+ ∇Λ(x) ei ~c Λ(x) ψ(x)
c c
~ − e A(x)
e
h i
= ei ~c Λ(x) −i~∇ ~ ψ(x)
c
~
Unter gekoppelter Substitution von ψ(x) und A(x) ist die Schrödingergleichung in-
variant. Das ist eine Symmetrie im Sinne der klassischen Feldtheorie für die Felder
~
ψ(x), A(x) (Substitutionssymmerie), aber keine Symmetrie im Sinne der Quanten-
mechanik (Operatorsymmetrie). Denn man kann durch
ψ(x) −→ ψ 0 (x) = eiα(x) ψ(x)
= Uα ψ(x)
für jedes α(x) ∈ C ∞ (R3 ) einen unitären Opertaor Uα definieren. Der bewirkt dann
aber nicht
~
Uα A(x)U −1
=A~ 0 (x)
α
~
wie wir es von Operatoren A(x) erwarten müßten. Es gilt also ebenfalls nicht
Uα HUα−1 = H
Der Grund für diese Schwierigkeit liegt in der gemischten Quantisierung: Das Elek-
tronenfeld wird quantisiert (d. h. die Zustände bilden einen Hilbertraum), das Pho-
tonenfeld bleibt klassisch. Wenn man entweder nur klassische Feldtheorie betreibt,
oder wie in der Quantenelektrodynmaik beide Felder quantisiert, so ergibt sich eine
Symmetrie, die Symmetrie der lokalen Eichinvarianz zur Gruppe U(1) (Eichinvari-
anz zweiter Art).

Wir können diese Tatsache aus einem anderen Gesichtspunkt heraus betrachten.
Wir nehmen an, zuerst nur von dem Materialfeld der Elektronen ψ(x) gewußt zu
haben, und seine globale Phaseninvarianz gekannt zu haben. Wenn wir dann lokale
Phaseninvarianz fordern, so muß es ein elektromagnetisches Feld mit der Eichtrans-
formation
~
A(x) −→ A ~ 0 (x) = A(x)
~ ~
+ ∇Λ(x)
geben. Diese Art zu argumentieren erzwingt die Existenz eines Eichfeldes. Tatsächlich
sind wir damit in der Physik von heute angekommen.

Wir betrachten eine Spin- 21 Wellenfunktion mit einem zusätzlichen Freiheitsgrad


{ψσ,i (x)} σ = ± 12 (Spin)
i ∈ {1, 2, 3} oder i ∈ {blau, weiß, rot} (Farbe)
Dann kann man die drei verschiedenen Farben einer Matrix-Transformation aus
SU(3) unterwerfen:
u ∈ SU(3) u+ = u−1 det u = 1
X
(uψ)σ,i (x) = uij ψσ,j (x)
j
171

Für jedes u ∈ SU(3) gibt es eine Darstellung

u = e−iΛ

mit
Λ = Λ+ Sp Λ = 0
Diese Λ spannen die 8-dimensionale Lie-Algebra su(3) von SU(3) auf. Fordern wir
nun Invarianz unter der lokalen SU(3)-Farb-Eichgruppe, so muß es ein Feld geben,
daß sich wie

Aµ (x) −→ A0µ (x) = e+iΛ(x) Aµ (x)e−iΛ(x) + Λ(x)
| {z } ∂xµ
Gruppentransformation

transformiert und Lie-Algebra-wertig ist, d. h.

Aµ (x) ∈ su(3)

Da SU(3) keine abelsche Gruppe ist, ist die Lie-Algebra nicht trivial (wie bei U(1))
und
e+iΛ(x) Aµ (x)e−iΛ(x) 6= Aµ (x)
Feldtheorien mit nicht-abelscher lokaler Eichinvarianz heißen Yang-Mills-Feldtheorien.
Nach unserem heutigen Verständnis (,,Standard-Modell”) sind alle materiellen fun-
damentalen Felder Yang-Mills-Felder.

Im Bereich der elektro-schwachen Wechselwirkung wirkt die lokale Eichgrupppe

U(1) × SU(2)

die die elektromagnetische U(1) als Untergruppe enthält. Das Eichfeld enthält vier
Komponenten, die das Photon, das Z-Boson (=schweres Photon) und die zwei W-
Bosonen beschreiben. Diese Z- und W-Bosonen sind auf diese Weise vorhergesagt
und anschließend gefunden worden.

Im Bereich der starken Wechselwirkung wird die lokale Farb-Eichgruppe SU(3).


Ihr Eichfeld ist 8-komponentig und beschreibt die Gluonen. Quarks und Gluonen
sind immer gebunden, also nie frei beobachtbar (confinement). Alle Eichfelder sind
~ Vektorfelder; ihre Teilchen haben den Spin 1.
(wie das elektromagnetische Feld A)
Die fundamentalen Materiefelder haben den Spin 12 .

8 Streutheorie

8.1 Die in- und out-Zustände und die Møller-Operatoren

Wir betrachten ein Ein-Teilchen-Problem ohne Spin mit dem Hamilton-Operator


~2
H = − ∆ + V (~x)
2m
= H0 + V (~x)

Wir sind an der durch das Potential V (~x) hervorgerufenen Streuung interessiert. Es
sei
lim V (~x) = 0
|x|→∞
172 8 STREUTHEORIE

Kontinuum der
Streuzustände

gebundene
Zustände
von H
der ebenen
Kontinuum

Wellen

Abbildung 14: Spektren von H und H0

und das Potential falle für x → ∞ hinreichend stark ab (mindestens wie r−α , α > 1).
Wir wollen uns die beiden Spektren von H und H0 vor Augen halten (s. Abbil-
dung 14).

Wir wollen die Hilbert-Räume entsprechend mit H0 und H bezeichnen. Natürlich


sind beide Räume je ein Raum L2 (R3 ). Das Kontinuum der Streuzustände spannt
einen Unterraum von H auf: HC
H C = PC H
wobei PC den Projektionsoperator auf HC darstellt. Unser erstes Ziel ist eine ein-
deutige Abbildung von H0 auf HC durch isometrische Operatoren Ωout (Ωin ), die
Møller-Operatoren. Jedem Wert von E aus dem kontinuierlichen Spektrum von H0
entspricht eine ebene Welle
~ ~2~k 2
eik·~x E=
2m
Es gibt dann zwei Möglichkeiten, dieser ebenen Welle einen Zustand aus dem Kon-
tinuum von H zuzuordnen:

1. die gleiche ebene Welle plus eine auslaufende Kugelwelle, den Operator der
Zuordnung werden wir Ωin nennen;
2. die gleiche ebene Welle plus eine einlaufende Kugelwelle, den Operator be-
zeichnen wir mit Ωout .
8.1 Die in- und out-Zustände und die Møller-Operatoren 173

Die zweite Darstellung geht aus der ersten durch Bewegungsumkehr (Zeitspiegelung)
hervor.

Wir wollen die Konstruktion des Operators Ωout (Ωin ) zunächst auf die bekann-
ten Begriffe der Streuamplitude und Streuphasen zurückführen. Dazu benötigen wir
als erstes Kugelwellen zu einem festen Drehimpuls l. Jeder Energieeigenwert E ist
unendlich entartet. Falls
V (~x) = Ṽ (r)
können wir entweder die Richtungen von ~k oder auch die Drehimpulsquantenzahlen
l, m zur Charakterisierung der Entartung benutzen. In diesem Fall gehen wir mit
dem Ansatz
uEl (r) l
ψElm (~x) = Ym (Θ, ϕ)
r
in die Schrödingergleichung ein:
 
00 l(l + 1) 2m 2mE
uEl (r) − + 2 V (r) − 2 uEl (r) = 0
r2 ~ ~
Die Randbedingung, daß ψElm (~x) bei r = 0 zusammen mit ihrer ersten Ableitung
lokal quadratintegrabel sei, läßt für uEl (r) nur eine bis auf eine Konstante unbe-
stimmte Lösung zu. Für r → ∞ ergibt sich dann
 
r→∞ l
uEl (r) ∼ Cl (E) sin kr − π + δl (E)
2
mit der Streuphase δl (E). Diese Lösung besteht also jeweils aus einer ein- und einer
auslaufenden Kugelwelle. Im Falle des freien Hamilton-Operators ist
uEl (r) = rjl (kr)
 
r→∞ 1 l
∼ sin kr − π
k 2
Die ebene Welle in z-Richtung (~k = (0, 0, k))läßt sich in diese Kugelwellen zerlegen
∞ p
X
eikz = 4π(2l + 1)il jl (kr)Y0l (cos Θ)
l=0

Analog muß sich die ganze Streuwelle als Eigenfunktion von H in die Kugelwellen
uEl (r) zerlegen lassen (~k = (0, 0, k))

X uEl (r)
ψ~k (x) = Y0l (Θ)
r
l=0
∞ −il π
r→∞ eikr X iδl e
2
∼ Cl e Y l (Θ)
r 2i 0
l=0
∞ π
e−ikr X e+il 2 l
− Cl e−iδl Y (Θ)
r 2i 0
l=0

wobei die asymptotische Form von uEl (r) benutzt wurde. Setzen wir die asympto-
tische Form der sphärischen Besselfunktion jl (kr) in die Entwicklung der ebenen
Welle ein,
∞ π
eikr X l p e−il 2 l
eikz ∼ i 4π(2l + 1) Y (Θ)
r 2ik 0
l=0
∞ π
−eikr X l p e+il 2 l
− i 4π(2l + 1) Y (Θ)
r 2ik 0
l=0
174 8 STREUTHEORIE

so sehen wir, daß wir durch geeignete Wahl von Cl (E) neben einer ebenen Welle in
ψ~k (x) nur auslaufende oder nur einlaufende Kugelwellen erzeugen können.

1.
(1) 1 p
Cl (E) = + il 4π(2l + 1)e+iδl (E)
k
∞ π
(1) r→∞ eikr X l p e−il 2 l
ψ~ (~x) ∼ i 4π(2l + 1) Y (Θ)e+2iδl (E)
k r 2ik 0
l=0
∞ π
−eikr X l p e+il 2 l
− i 4π(2l + 1) Y (Θ)
r 2ik 0
l=0

r→∞ eikr
∼ eikz + f (Θ)
r

1 X e2iδl − 1p
f (Θ) = 4π(2l + 1)Y0l (Θ)
k 2i
l=0

2.
(2) 1 p
Cl (E) = + (−i)l 4π(2l + 1)e−iδl (E)
k

so ergibt sich die komplex konjugierte Lösung

(2) (1) e−ikr


ψ (~x) = ψ~ (~x) ∼ eikz + f (π − Θ)
−~k k r
Wir bezeichnen (~k jetzt beliebig)
(1)
ψ~ (~x) = ψ~k (x)in
k
(2)
ψ~ (~x) = ψ~k (x)out
k

und
 
~
ψ~k (x)out = Ωout eik·~x
 
~
ψ~k (x)in = Ωin eik·~x

Wenn wir eine Streuung in ihrem zeitlichen Verlauf verfolgen, so haben wir Wellen-
pakete zu bilden mit einer Verteilungsfunktion ϕ̃(~k) im Impulsraum
Z
E
ψout (ϕ; x)t = d3 k ϕ̃(~k)ψk (x)out e−i ~ t
Z
E
ψin (ϕ; x)t = d3 k ϕ̃(~k)ψk (x)in e−i ~ t

Für t → −∞ wird ψin (ϕ; x) sich wie das Wellenpaket


Z
~ ~k2
ϕ(~x)t = d3 k ϕ̃(~k)eik~x−i 2m t

verhalten. Für t → +∞ tritt dagegen neben ϕ(~x)t noch ein Wellenpaket aus aus-
laufenden Kugelwellen auf. Wegen der Zerfließens der Wellenpakete in der Quan-
tenmechanik ist es nicht ganz einfach, dieses Verhalten durch explizite Rechnung
zu verifizieren. Die zeitliche Entwicklung nach der Schrödingergleichung

i~ ψ(~x)t = Hψ(~x)t
∂t
8.1 Die in- und out-Zustände und die Møller-Operatoren 175

kann formal durch Integration

ψ(~x)t = Ut ψ(~x)0
 
i
Ut = exp − Ht
~

ausgedrückt werden. Der Operator Ut ist in seltenen Fällen (freies Teilchen, har-
monischer Oszillator) als Integralkern bekannt. In fast allen anderen Fällen dient er
nur zu formalen Argumenten, so auch hier. Wir schreiben
H
ψin (ϕ; x)t = e−i ~ t ψin (ϕ; x)0
H0
ϕ(~x)t = e−i ~ t
ϕ(~x)0

Da für t → −∞ beide Ausdrücke in dasselbe Wellenpaket übergehen sollen, erwarten


wir
lim kψin (ϕ; x)t − ϕ(~x)t k = 0
t→−∞

Das können wir auch schreiben als


H H0
lim kψin (ϕ; x)0 − ei ~ t e−i ~ t
ϕ(~x)0 k = 0
t→−∞

Wenn wir andererseits unsere Definition


 
~
ψ~k (x)in = Ωin eik·~x

auf beiden Seiten mit ϕ̃(~k) multiplizieren und über ~k integrieren, so ergibt sich

ψin (ϕ; x)0 = Ωin ϕ(~x)0

also H0
H
Ωin = lim ei ~ t e−i ~ t
t→−∞

Eine entsprechende Argumentationskette führt auf


 
H H0
Ωout = lim exp i t − i t
t→+∞ ~ ~

Wir haben damit die Ableitung der Streuzustände auf eine zeitliche Entwicklung
zurückgeführt, wie es in der idealisierten Beschreibung eines Streuexperiments ge-
schieht. Einige formale Eigenschaften der Møller-Operatoren sind einfach zusam-
menzustellen. Es ist
Ω+

in Ωin = I
in H0
Ω+out Ωout = I

aber
Ω+

in Ωin = PC
in H
Ω+
out Ωout = PC
Beim Vorhandensein von gebundenen Zuständen ist PC 6= IH und damit sind die
Møller-Opertaoren zwar isometrisch, aber nicht unitär. Die Existenz des Limes
t → ±∞, der uns die Møller-Operatoren liefert, hängt ebenso wie die Streupha-
senanalyse von den speziellen Eigenschaften des Potentials ab. Aus unserer Ab-
leitung ist ersichtlich, daß der Limes nach Anwendung auf ein Wellenpaket ϕ(~x)0
durchgeführt werden soll (,,starker Limes”). Obwohl wir die Møller-Opertaoren für
Einteilchenprobleme eingeführt haben, ist diese Einschränkung nicht wesentlich. Sie
läßt sich auf alle Streuprobleme verallgemeinern.
176 8 STREUTHEORIE

8.2 Die Lippmann-Schwinger-Gleichungen

Wir wollen uns weiterhin mit den Møller-Operatoren befassen und versuchen, Re-
chenverfahren zu ihrer Konstruktion mittels Störungstheorie zu entwickeln. Zunächst
benutzen wir das folgende Lemma:

Sei ψt eine stetige18 Kurve im Hilbert-Raum H und es sei

ψ∞ = lim ψt
t→∞

d. h. für jedes ε > 0


kψ∞ − ψt k < ε falls t > T (ε)
Das Lemma sagt aus, daß dann auch
Z ∞
ψ∞ = lim ε exp(−εt)ψt dt
ε→0 0

gilt. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit kann man annehmen, daß ψ∞ = 0 ist,
denn Z ∞
ψ∞ = ε e−εt ψ∞ dt
0
Da ψt stetig ist, ist es beschränkt

kψt k ≤ C

also
Z ∞ Z T Z ∞
−εt −εt
e−εt kψt k dt

ε
e ψt dt ≤ ε
e kψt k dt + ε
0 0 T

Wählen wir
T = T ( 2δ ) T : kψt k < δ
2 für t > T
So ist die rechte Seite

≤ CT ( 2δ )ε + δ
2
1
−1
CT ( 2δ )

≤ δ falls ε ≤ 2

Nun wollen wir dieses Lemma anwenden. Natürlich kann der Grenzwert
Z ∞
lim ε e−εt ψt dt
ε&0 0

auch dann existieren, wenn ψt selbst keinen Limes hat. Tatsächlich hat dieses ,,Li-
mitierungsverfahren” die Eigenschaft, oszillierende Funktionen wegzumitteln. Sei
etwa
ψt = eiωt ∈ C 1 , ω 6= 0 ∈ R
Dann hat ψt für t → ∞ keinen Grenzwert, wohl aber das Integral
Z ∞
1
lim ε e−εt+iωt dt = lim ε · =0
ε&0 0 ε→0 ε − iω
Sei ferner χ ein gebundener Zustand von H zum Eigenwert E, d. h. E < 0. Ferner
setzen wir
t t
ψt = e+iH0 ~ e−iH ~ χ
18 bez. der starken Topologie
8.2 Die Lippmann-Schwinger-Gleichungen 177

Dann ist
kψt k = kχk
und damit kann ψt nicht für t → ∞ gegen null konvergieren. Andererseits werden
wir mit dem gerade benutzten Argument zeigen, daß
Z ∞
lim ε e−εt ψt dt = 0
ε&0 0

ist: χ besteht ausschließlich aus oszillierenden Anteilen, da


Hχ = Eχ E<0
   
E t
ψt (x) = exp −i t exp iH0 χ(x)
~ ~
~k 2
  Z  
E − 32 3 ~
= exp −i t (2π) d k χ̂(k) exp ik · ~x + i t
~ 2m
also
Z ∞
gε (x) = ε exp(−εt)ψt (x)dt
0
Z
3 ε
= (2π)− 2 d3 k χ̂(x) 2 E
 exp(i~k · ~x)
ε − i ~k
2m − ~
ε2
Z
kgε k2 = d3 k |χ̂(x)|2 2 E 2

ε2 + ~k 2m − ~
ε2
Z
≤ d3 k |χ̂(x)|2
E 2

2
ε + ~
→ 0 für ε → 0
Wir führen jetzt diesen sogenannten ,,Abelschen Limitierungsprozeß” bei den Møller-
Operatoren aus:
Z ±∞    
t t
Ωout = lim ±ε dt exp (∓εt) exp iH exp −iH0
ε→0 0 ~ ~
Z ±∞    
t t
Ωin = lim ±ε dt exp (∓εt) exp iH0 exp −iH
ε→0 0 ~ ~

Nach dem früher Gesagten waren Ω+ out auf den gebundenen Zuständen gleich null
gesetzt worden (Ωout Ω+out = PC ). Hier ergibt sich das als Folge der Limesbildung.
Die obigen Gleichungen sind noch weiter zu vereinfachen. Aus
       
d t t i t t
exp iH exp −iH0 = exp iH (H − H0 ) −iH0
dt ~ ~ ~ ~ ~
   
i t t
= exp iH V −iH0
~ ~ ~
oder durch Integration von 0 bis t:
i t
    Z
t t τ τ
exp iH exp −iH0 =I+ dτ eiH ~ V e−iH0 ~
~ ~ ~ 0
Einsetzen in die obigen Gleichungen ergibt mit
Z ±∞ Z t Z ±∞ Z ±∞
±ε dt dτ e∓εt f (τ ) = ±ε dτ dt e∓εt f (τ )
0 0 0 τ
Z ±∞
= dτ e∓εt f (τ )
0
178 8 STREUTHEORIE

i ∞
Z
t t
Ω out = I+ dt e∓εt eiH ~ V e−iH0 ~
in ~ 0
i ∞
Z
t t
Ω+out = I− dt e∓εt eiH0 ~ V e−iH ~
in ~ 0

(von jetzt ab ist ε & 0 als selbstverständlich angenommen). Diese beiden Gleichun-
gen sind die Lippmann-Schwinger Gleichungen in allgemeiner Form. Wenn wir uns
die Definitionen
~
ψ~k (~x)out = Ωout eik·~x
~
ψ~k (~x)in = Ωin eik·~x

ins Gedächtnis zurückrufen, so erhalten wir aus den ersten beiden Gleichungen durch
~
Anwendung auf eik·~x mit
t ~ E ~
e−iH0 ~ eik·~x = e−i ~ t eik·~x
~2 k 2
E =
2m
i ±∞
Z
i~ H ~
dt e(∓ε+i ~ −i ~ )t V eik·~x
E
k·~
x
ψ~k (x) out = e +
in ~ 0
i~
k·~
x 1 ~
(8.2.1) = e − V eik·~x
H − E ± i~ε
Entsprechend folgt aus den beiden anderen Gleichungen durch Anwendung auf
ψ~k (~x) out
in

~
eik·~x = Ω+out ψ~k (x) out
in in

1
= ψ~k (x) out + V ψ~k (x) out
in H0 − E ± i~ε in

oder durch Umformen


~ 1
(8.2.2) ψ~k (x) out = eik·~x − V ψ~k (x) out
in H0 − E ± i~ε in

Diese Gleichung mit der Resolventen


−1
(H0 − E ± i~ε)

ist für eine störungstheoretische Entwicklung brauchbar. Dazu lösen wir sie itera-
tiv19 :
~ 1 ~
ψ~k (x) out = eik·~x − V eik·~x + . . .
in H0 − E ± iε
∞  n
X 1 ~
= − V eik·~x
n=0
H 0 − E ± iε

diese Gleichung können wir auch aus (8.2.1) erhalten, wenn wir benutzen, daß
∞  n
1 X
n−1 V
V = (−1)
H − E ± iε n=1
H0 − E ± iε
19 Das ~ im Nenner der Resolvente ist wegen lim nicht relevant
ε→0
8.2 Die Lippmann-Schwinger-Gleichungen 179

(also formale Reihenentwickling. Wenn wir Konvergenzkriterien aufstellen würden,


würden sie uns wenig nützen). Berechnen wir in Ortsdarstellung die Resolvente
Z
1 1
V ψ(x) = − d3 x0 hx
0
x iV (x0 )ψ(x0 )


H0 − E ± iε H0 − E ± iε
Z
1 0 1
d3 k hx|ki ~2 k2 hk|x0 i

hx
x i =
H0 − E ± iε
2m − E ± iε
d3 k i~k(~x−~x0 ) ~2 k02
Z
2m 1
= 3 e mit E =
~2 (2π) k 2 − k02 ± iε 2m
0
Integration über die Winkel mit r = |~x − ~x|
Z∞
2m 1 1 −1
kdk eikr − e−ikr k 2 − k02 ± iε

= 2
· 2·
~ 4π ir
0
+∞
Z
2m 1 1 −1
= 2
· 2· dk keikr k 2 − k02 ± iε
~ 4π ir
−∞
+∞
Z  
2m 1 1
= dk eikr + da k0 > 0
4ir~2 π 2 k − k0 ± iε k + k0 ∓ iε
−∞
Zur Vorzeichenwahl siehe Abb. 15

Da r > 0, wird die Integralkontur in der oberen Halbebene geschlossen. Es bleiben


die Residuen von den Polen ±k0 + iε:

2m 1 ∓ik0 r
= 2
· e
~ 4πr

Zusammengefaßt haben wir:


Z
1 2 1 0
− V ψ(x) = − 2 d3 x0 e∓ik0 |~x −~x| V (x0 )ψ(x0 )
H0 − E ± iε ~ 4π |~x0 − ~x|

Dieser Ausdruck ist mit dem entsprechenden Kern in der Bornschen Reihenentwick-
lung identisch (vgl. S. 87).

Die abgeleiteten Formeln sind in ihrer Allgemeinheit auf viel kompliziertere Pro-
bleme anwendbar als nur auf ein Ein-Teilchen-Problem ohne Spin. Sie sind abgeleitet
−1
worden unter der Annahme, daß die Resolvente (H0 − E ± iε) explizit berechen-
bar ist, was natürlich im freien Fall zutrifft. Betrachten wir aber einmal die nie-
derenergetische Streuung eines Protons (niederenergetisch 7→ keine Anregung des
Kerns), dann gibt es eine Coulombwechselwirkung des Protons mit dem Kern so-
wie eine Wechselwirkung mit typischen Kernkräften (starke Wechselwirkung). Die
Coulombwechselwirkung ist für eine störungstheoretische Behandlung ziemlich un-
geeignet (wegen der unendlichen Reichweite). Die Kernkraft ist aber kurzreichweitig:

1 − λr
VKern (r) ∼ e c
r
~
λc = (Comptonwellenlänge des Pions)
mπ · c

und damit gut für eine Bornsche Entwicklung. Andererseits sind die Coulomb-
Oberes Vorzeichen Unteres Vorzeichen
180

rechter Term linker Term


Im k

x−k 0+i ε x+k 0+i ε

Re k

x−k 0−i ε x+k 0−i ε


8

Abbildung 15: Zur Vorzeichenwahl bei der Berechnung der Resolvente


STREUTHEORIE
8.3 S-Matrix und T -Matrix 181

Streuwellenfunktionen ψ~k (~x)Coulomb


out explizit bekannt:
in

~k = (0, 0, k)
Ze2 m
γ = + 2
~ k  
η = ik(r − z) = i(kr − ~k · ~x)
ψ~k (~x)Coul
in = eikz 1 F1 (−iγ, 1; η)
ψ~k (~x)Coul
out = ψ−~k (~x)Coul
in

(Z =Kernladungszahl, m =reduzierte Masse des Protons) Wir würden also in un-


serem Formalismus ersetzen:
~
eik·~x −→ ψ~k (~x)Coulomb
out
in

Ze2
H0 −→ H0 + = H1
r
1
ψ~k (~x) out = ψ~k (~x)Coulomb
out − VKern ψ~k (~x) out
in in H0 − E ± iε in

(Entsprechend zu (8.2.2)). Dabei läßt sich diese Gleichung iterativ nach Potenzen
von VKern entwickeln.

8.3 S-Matrix und T -Matrix

Wir wollen uns zunächst darüber klar werden, was bei einem Streuprozeß tatsächlich
gemessen wird. Im Eingangszustand befindet sich in der Regel ein nicht fokussierter
Strahl (in der Optik kann man auch auf das Streuzentrum fokussieren!). Dieser wird
beschrieben durch eine Überlagerung von Eigenzuständen von H (nicht H0 !) und
damit kommt dafür nur ψ~k (x)in in betracht. Die Teilchenzähler beobachten dagegen
herauslaufende Teilchen, dafür werden die Wellenfunktionen ψ~k (x)out benutzt. Die
Übergangsamplitude ist daher
  2mE
ψ~k2 out , ψ~k1 in k12 = k22 =
~2
Definieren wir nun
ψ~k in = Sψ~k out
so wird S ein auf dem Unterraum der Streuzustände definierter unitärer Operator.

S + S = SS + = PC

Damit läßt sich S durch die Møller-Operatoren ausdrücken.


~
ψ~k,in = Ωin eik·~x
= Sψ~k,out
~
= SΩout eik·~x
S = Ωin Ω+
out

Die Übergangsamplitude, die den Streuprozeß beschreibt, wird damit


   
ψ~k2 ,out , Sψ~k1 ,out = ψ~k2 ,in , Sψ~k1 ,in
182 8 STREUTHEORIE

Greifen wir auf die Formeln von S. 174 zurück, so können wir S bezogen auf die
Kugelwellenbasis berechnen:

eikr 2iδl (E) e−ikr


ψ~k,in : ·e + (−1)l+1
r r
eikr −2iδl (E) e−ikr
ψ~k,out : ·e · (−1)l+1 +
r r
also ist S diagonal mit den Eigenwerten

Sl (E) = e2iδl (E)

Hier erkennt man die Unitarität von S an den Eigenwerten

|Sl (E)| = 1

Der S-Operator vertauscht mit dem Hamilton-Operator H

HS = SH

da nach Definition S Eigenzustände zum gleichen Eigenwert von H verknüpft. Liegt


ein Zweikörper-Problem mit nur von der Relativkordinate abhängigem Potential
vor, also für den Gesamtimpuls P~

P~ H = HP~

so ist auch
P~ S = S P~
Noch allgemeiner: Seien O1 . . . On ein Satz von Observablen mit

Oi H = HOi [Oi , Oj ] = 0

und seien die zugehörigen Quantenzahlen

E, ω1 , ω2 , . . . ωn

dann definiert man


ψ~k,(ω1 ...ωn ) in = Sψ~k,(ω1 ...ωn ) out
und damit gilt auch
Oi S = SOi
n
Damit läßt sich aber S gleichzeitig mit H und allen {Oi }i=1 diagonalisieren. Die
Eigenwerte von S werden als Streuphasen definiert. Beim Proton-Neutron-Problem
bei niedrigen Energien, bei dem die Wechselwirkung oft durch das ,,Tensorpotential”
(s. Übungen) mit den Quantenzahlen j, s, π (s = 0 oder 1) beschrieben wird, ist die
Diagonalform des S-Operators

Sj,s,π (E) = e2iδj,s,π (E)

Das Deuteron selbst gehört zu

j = 1, s = 1 , π = +1

Neben dem S-Operator gibt es den (verwandten) S̃-Operator

S̃ = Ω+
out Ωin
8.3 S-Matrix und T -Matrix 183

Dann ist die Übergangsamplitude

(ψout (ϕ2 ), ψin (ϕ1 )) = (ψout (ϕ2 ), Sψout (ϕ1 ))


= (Ωout ϕ2 , Ωin ϕ1 )
 
= ϕ2 , S̃ϕ1

Hierbei sind ϕ1 , ϕ2 die Wellenpakete aus Überlagerungen von ebenen Wellen, d. h.


aus Kontinuumseigenfunktionen von H0 . Mit dem S-Operator läßt sich am leich-
testen analytisch rechnen. Man verwendet

1. den S-Operator für grundlegende Untersuchungen wie Invarianz, Eigenwerte


von S, analytische Eigenschaften von Streuamplituden,

2. den S̃-Operator in der Quantenfeldtheorie (sowohl in der Elementarteilchen-


wie Festkörperphysik)

Der T -Operator ist aus dem S-Operator abgeleitet. Er wird durch Subtraktion

T =S−I (bzw. T = S − PC )

gebildet. Also ist in der Kugelwellenbasis (Ein-Teilchen-Problem ohne Spin)

Tl (E) = Sl (E) − 1
= 2ieiδl (E) sin δl (E)

Wir können natürlich auch mit ebenen Wellen weiterrechnen. Wir beginnen mit
(~k1 , ~k2 beliebig)
   
ψ~k2 , out , ψ~k1 , in = ψ~k2 , out − ψ~k2 , in , ψ~k1 , in + δ(~k1 − ~k2 )

−3 ~
(Die Normierung ist jetzt so gewählt, daß sie den ebenen Wellen (2π) 2 eik·~x ent-
spricht). Jetzt setzen wir die Lippmann-Schwinger-Gleichungen (8.2.1), S. 178 ein.
h i 
−1 −1 3 ~
= δ(~k1 − ~k2 ) + − (H − E2 + iε) + (H − E2 − iε) · V (2π)− 2 eik·~x , ψ~k1 , in
 h i 
3 ~ −1 −1
= δ(~k1 − ~k2 ) + (2π)− 2 eik·~x , V − (H − E2 − iε) + (H − E2 + iε) ψ~k1 , in

Nun ist
h i
−1 −1
[. . . ] ψ~k1 , in = − (E1 − E2 − iε) + (E1 − E2 + iε) ψ~k1 , in
−2iε
= ψ~
(E1 − E2 )2 + ε2 k1 , in
= −2πiδ(E1 − E2 )ψ~k1 , in

Also ist
   
3 ~
ψ~k2 , out , ψ~k1 , in = δ(~k1 − ~k2 ) − 2πiδ(E1 − E2 ) (2π)− 2 eik2 ·~x , V ψ~k1 , in

Wir definieren
 
3 ~
(8.3.1) T (~k2 , ~k1 ) = (2π)− 2 eik2 ·~x , V ψ~k1 , in
184 8 STREUTHEORIE

Hätten wir statt dessen


   
ψ~k2 , out , ψ~k1 , in = ψ~k2 , out , ψ~k1 . in − ψ~k1 , out + δ(~k1 − ~k2 )

benutzt und entsprechend weiterverarbeitet wie oben, so hätten wir erhalten


 
ψ~k2 , out , ψ~k1 , in = δ(~k1 − ~k2 ) − 2πiδ(E1 − E2 )T̃ (~k2 , ~k1 )

mit
 
3 ~
(8.3.2) T̃ (~k2 , ~k1 ) = (2π)− 2 ψ~k2 , out , V eik1 ·~x

Nach Multiplikation mit δ(E2 − E1 ) sind beide Ausdrücke (8.3.1) und (8.3.2) gleich.
So wie hingeschrieben sind sie auch für k12 6= k22 definiert und verschieden20 . Es
handelt sich um zwei verschiedene Fortsetzungen desselben Ausdrucks ,,auf der
Energie-Schale”, d. h. unter Berücksichtigung der Energieerhaltung.

Für beide Formen (8.3.1) und (8.3.2) folgen aus den Lippmann-Schwinger-Gleichungen
3 ~
bestimmte Integralgleichungen (mit ϕ~k = (2π)− 2 eik·~x ):

• Aus (8.3.1):
(8.3.3)
  Z  
−1
T (~k2 , ~k1 ) = ϕ~k2 , V ϕ~k1 − d3 k ϕ~k2 , V ϕ~k (Ek − E1 − iε) · T (~k, ~k1 )

• sowie aus (8.3.2):


(8.3.4)
  Z  
−1
T̃ (~k2 , ~k1 ) = ϕ~k2 , V ϕ~k1 − d3 k ϕ~k , V ϕ~k1 (Ek − E1 − iε) · T̃ (~k2 , ~k)

Beide Gleichungen sind für Iterationen geeignet. Die Amplitude T (ebenso T̃ ) ent-
spricht auf der Energieschale der Streuamplitude f (Θ), die früher eingeführt wurde.
Zum Beweis betrachten wir
Z
i~ 3m 1 0
ψ~k, in (~x) = e k·~x
− 2 d3 x0 0
e+ik|~x−~x | · V (~x0 )ψ~k, in (~x0 )
~ 4π|~x − ~x |
ikr
r=|x|→∞ ~ e
∼ eik·~x + f (Θ)
rZ
2m 1 ~0 0
f (Θ) = − 2 d3 x0 e−ik ·~x V (~x0 )ψ~k, in (~x0 )
~ 4π
0
 
~k 0 = k~x
r

also bei Berücksichtigung korrekter Normierung


2m 1 3
f (Θ) = − (2π) · T (~k 0 , ~k)
~2 4π
Damit läßt sich dann auch die Wirkungsquerschnitts-Formel angeben
2 2
dσ 4π m
= 2 T (~k 0 , ~k)

(8.3.5)
dΩ ~
20 Gleichheit für k 2 = k 2 und Verschiedenheit für k 2 6= k 2 erkennt man an der Bornschen Reihe
1 2 1 2
für T (s. (8.3.3) und (8.3.4), S. 184)
8.3 S-Matrix und T -Matrix 185

Aus der Unitarität von S folgt nach

SS + = PC = (PC + T )(PC + T + ) = (PC + T + T + + T T + )

auf HC also
T + T+ + TT+ = 0
Davon das (~k1 , ~k2 )-Matrixelement genommen, ergibt dies
 
−2πiδ(E2 − E1 ) T (~k1 , ~k2 ) − T (~k2 , ~k1 )
Z
+ (2π)2 d3 k δ(E1 − E)δ(E − E2 )T (~k1 , ~k)T (~k2 , ~k) = 0
 32 Z

Z Z Z  Z
3 2 1 2m
d k= dΩk k dk = dΩk dE E
2 ~2

Damit wird auf der Energieschale


Z
mk
T (~k1 , ~k2 ) − T (~k2 , ~k1 ) = −2πi 2 dΩk T (~k1 , ~k)T (~k2 , ~k)
~

mit k = |~k1 | = |~k2 |. Diese Gleichung ist das ,,optische Theorem”.

Wir wollen uns jetzt noch den Fall zweier Potentiale ansehen, von denen eins
exakt lösbar ist.

V = V1 + V2 , H = H 0 + V = H 1 + V2
Ze2
z. B.: V1 = VCoul = , V2 = VKern
r
Als Lippmann-Schwinger-Gleichungen haben wir
3 ~ 1
ψ~k (x) in = (2π)− 2 eik·~x − V ψ~k (x) in
out H0 − E ± iε out

3 ~ 1
ψ~k (x)Coul
in = (2π)− 2 eik·~x − V1 ψ~k (x)Coul
in
H0 − E − iε
und die T -Matrix
 
3 ~
T (~k2 , ~k1 ) = (2π)− 2 ψ~k2 , out , V eik1 ·~x
  
−1
= ψ~k2 , out , V ψ~kCoul + (H 0 − E − iε) V 1 ψ~
Coul
1 , in k1 , in
   
− 23 i~
= ψ~k2 , out , V ψ~k , in + −ψ~k2 , out + (2π) e k·~x , V1 ψ~kCoul
Coul
, in
1 1
   
Coul − 23 i~
k·~x Coul
= ψ~k2 , out , V ψ~k , in + (2π) e , V1 ψ~k , in
1 1

Der letzte Term ist die exakte T -Matrix für Coulomb-Streuung


 
T (~k2 , ~k1 ) = T (~k2 , ~k1 )Coul + ψ~k2 , out , V2 ψ~kCoul
, in 1

Wenn wir V2 nur in erster Bornscher Näherung berücksichtigen, wird


 
T (~k2 , ~k1 ) ≈ T (~k2 , ~k1 )Coul ψ~kCoul
, out
, V 2 ψ~
Coul
k , in
2 1

wobei die bekannten Coulomb-Wellenfunktionen einzusetzen sind.


186 8 STREUTHEORIE

8.4 Die zeitabhängige Störungstheorie

Der Hamilton-Operator unseres jetzt betrachteten Problems habe die Form

H = H0 + H1 (t)

wobei H1 (t) eine kleine zeitabhängige Störung sei. Ein typisches Beispiel ist ein
oszillierendes äußeres Magnetfeld, das auf ein Atom oder ein einzelnes Elektron
wirkt. Seien ϕn , En Eigenfunktionen und Eigenwerte zu H0 . Wenn sich das System
zur Zeit t = t0 in einem Zustand ϕn befindet, so wird es durch die Störung in andere
Zustände überführt und von Interesse ist die Übergangsamplitude

(ψ(t), ϕn )

Dazu führen wir die Wechselwirkungsdarstellung ein. Sei


~ ∂ψ
Hψ(t) = −
i ∂t
die Schrödingergleichung. Da wir das durch H0 beschriebene System als lösbar an-
sehen, ist es zweckmäßig, die zeitliche Entwicklung, die von H0 ausgelöst wird,
abzuseparieren:
H0
ψ(t) = e−i ~ t ϕ(t)
~ ∂ h −i H0 t i
Hψ(t) = − e ~ ϕ(t)
i ∂t
 
~ H0 −i H0 t H0 ∂
= − −i e ~ ϕ(t) + e−i ~ t ϕ(t)
i ~ ∂t
also
H0 H0 ~ ∂
e+i ~ t
H1 (t)e−i ~ t
ϕ(t) = − ϕ(t)
i ∂t
Wir bezeichnen H0 H0
Hw (t) = e+i ~ t
H1 (t)e−i ~ t

als den Störoperator in ,,Wechselwirkungsdarstellung”. Analog beschreibt


H0
ϕ(t) = e+i ~ t
ψ(t)

den Zustand in ,,Wechselwirkungsdarstellung”. Die zeitliche Entwicklung von ϕ(t)


genügt also der Schrödingergleichung
~ ∂
(8.4.1) − ϕ(t) = Hw (t)ϕ(t)
i ∂t
Diese lineare Differentialgleichung (mit nicht konstanten Koeffizienten) besitzt be-
kanntlich eine eindeutige Lösung, die durch ihren Anfangswert bei t = t0 bestimmt
ist
ϕ(t) = V (t, t0 )ϕ(t0 )
V (t, t0 ) ist ein unitärer Operator. Einsetzen in die Schrödingergleichung (8.4.1)
liefert
~ ∂
(8.4.2) − V (t, t0 ) = Hw (t)V (t, t0 )
i ∂t
Integration von t0 bis t unter der Berücksichtigung von

V (t0 , t0 ) = I
8.4 Die zeitabhängige Störungstheorie 187

ergibt
Zt
~
− (V (t, t0 ) − I) = dτ Hw (τ )V (τ, t0 )
i
t0
oder
Zt
i
(8.4.3) V (t, t0 ) = I − dτ Hw (τ )V (τ, t0 )
~
t0

Diese Integralgleichung kann iteriert werden (das ist ihr einziger Zweck)
(8.4.4)
n Z t Zτ1 τZn−1
∞ 
X i
V (t, t0 ) = I + − dτ1 dτ2 . . . dτn Hw (τ1 )Hw (τ2 ) . . . Hw (τn )
n=0
~
t0 t0 t0

Man beachte hierbei, daß die Hw (τi ) i. a. nicht miteinander vertauschbar sind, wenn
die Zeiten τi verschieden sind. Mit diesen Formeln wollen wir nun die Übergang-
samplitude von ϕn bei t0 in ϕm bei t berechnen. In der Wechselwirkungsdarstellung
ist zu ersetzen
En
ϕn −→ e+i ~ t ϕn
H 0 ϕn = En ϕn
also haben wir die Übergangsamplitude in der Form
i
cmn (t, t0 ) = (ϕm , V (t, t0 )ϕn ) e− ~ (Em t−En t0 )
Ferner verwenden wir
i
(ϕm , Hw (τ )ϕn ) = e+ ~ (Em −En )τ · (ϕm , H1 (τ )ϕn )
Wir benutzen dann die ϕn als vollständiges Orthonormalsystem, um zu entwickeln
X
. . . H(τ1 )H(τ2 ) · · · = . . . H(τ1 )ϕn ) (ϕn , H(τ2 . . . etc.
n

Dann bekommen wir


N Z t Zτ1 τZN −1
∞ 
X i
cmn (t, t0 ) =δmn + − dτ1 dτ2 . . . dτN ·
~
N =1 t0 t0 t0
X 
· (ϕm , H1 (τt )ϕn1 ) (ϕn1 , H1 τ2 ϕn2 ) · · · ϕnN −1 , H1 (τN )ϕn ·
−1
{ni }N
i=1

i
· exp (−Em t + En t0 + (Em − En1 )τ1 + (En2 − En2 )τ2 + . . .
~

+(EnN −1 − En )τN
Diese Formel ist noch völlig allgemeingültig. Oft reicht jedoch die erste Näherung
aus. Wir definieren
X∞
cmn (t, t0 ) = c(ν)
mn (t, t0 )
ν=0
(ν-te Näherung ∼ (H1 )ν )
c(0)
mn (t, t0 ) = δmn
Zt
i − i Em (t−t0 ) i
c(1)
mn (t, t0 ) = − e ~ dτ (ϕm , H1 (τ )ϕn ) · e ~ (Em −En )(τ −t0 )
~
t0
188 8 STREUTHEORIE

Die Übergangswahrscheinlichkeit in einen Zustand m 6= n ist damit in niedrigster


Ordnung
t 2
Z
1 i
(1)
= 2 dτ (ϕm , H1 (τ )ϕn ) · e ~ (Em −En )(τ −t0 )

wmn
~
t0

Wir wollen den Sonderfall betrachten, daß H1 (τ ) konstant ist, dann läßt sich dieses
Integral weiterverarbeiten
2  
(1) 1 2 ~ 2 (Em − En )(t − t0 )
wmn (t, t0 ) = 2 |(ϕm , H1 ϕn )| · · 4 sin
~ Em − En 2~

Falls Em , En im diskreten Spektrum liegen, haben wir immer eine oszillierende


Übergangswahrscheinlichkeit. Wenn Em , En im kontinuierlichen Spektrum liegen,
so ist für t − t0 → ∞
 
1 2 t − t0 π
· sin ω ∼ (t − t0 ) δ(ω)
ω2 2 2

Nehmen wir diese Formel zunächst einmal hin, so wird mit


 
E m − En
δ(ω) = δ = ~δ(Em − En )
~
1
lim w(1) (t, t0 ) (1)
= Wmn
t→∞ t − t0 mn
2π 2
= |(ϕm , H1 ϕn )| δ(Em − En )
~

(1)
Der lineare Anstieg von wmn kann natürlich nicht unbeschränkt weitergehen, da

(1)
wmn ≤1

als Wahrscheinlichkeit. Je kleiner die Störung, desto länger der lineare Anstieg.
Die Störungstheorie ist sicher nur solange gut, wie wir weit vom Sättigungsgebiet
wmn ∼ 1 entfernt sind.

Nun wollen wir beweisen, daß

1
lim sin2 ωτ = πδ(ω)
τ →∞ ω2 τ

Natürlich ist der Limes in der Distributions-Topologie auszuführen. Für den Beweis
können wir zur Integral-Fouriertransformierten übergehen. Dazu kehren wir zur
Darstellung
+τ 2
2
Z
sin ωτ 1
iωσ

= e dσ
ω2 τ 4τ


−τ
Z+τ Z+τ
1
= dσ1 dσ2 eiω(σ1 −σ2 )

−τ −τ
8.4 Die zeitabhängige Störungstheorie 189

t
Sättigung
lineares
Gebiet
Anstieg
quadr.
mn
1
w (1)

Abbildung 16: Zeitliches Verhalten der Übergangswahrscheinlichkeit in erster Nähe-


rung
190 8 STREUTHEORIE

zurück. Fouriertransformation bezüglich ω ergibt


Z +∞ Z+τ Z+τ
−iωρ 1
dω e dσ1 dσ2 eiω(σ1 −σ2 )
−∞ 4τ
−τ −τ
Z+τ Z+τ

= dσ1 dσ2 δ(σ1 − σ2 − ρ)

−τ −τ
Z+τ

= dσ1 Θ(τ − σ1 − ρ)Θ(σ1 − ρ + τ )

−τ

= (2τ − |ρ|) Θ(2τ − |ρ|)
4τ 
π|ρ|
= π− Θ(2τ − |ρ|)

Also ist für τ → ∞
sin2 ωτ
= πδ(ω) + O( τ1 )
τ ω2
Wir betrachten von nun an die Formel für die Wahrscheinlichkeit pro Zeit:
(1) 2π 2
Wmn = |(ϕm , H1 ϕn )| δ(Em − En )
~
Wenn die Energiezustände im Kontinuum mit der Dichte ρ(E) verteilt sind, so er-
halten wir weiter für die Übergangswahrscheinlichkeit in irgendeinen der möglichen
Endzustände Z
(1) 2π 2
dE Wmn ρ(Em ) = |(ϕm , H1 ϕn )| ρ(En )
~
Wie berechnet man ρ(E)?

Die Zustandsdichte ρ(E) ist eine wichtige Funktion, die immer wieder benötigt
wird. Sie ist auf folgende Weise zu berechnen: Sind die Zustände diskret, und die
Energieeigenwerte En , Hϕn = En ϕn , so ist
X
ρ(E) = δ(En − E)
n

Sind die Zustände kontinuierlich, etwa Rdurch ~k parametrisiert, und sind sie auf
δ(~k − ~k 0 ) normiert, so werden sie durch d3 k abgezählt und
Z
ρ(E) = d3 k δ(E(~k) − E)

3
Für ebene Wellen (2π)− 2 exp[i~k · ~x] ist z. B.
Z  
2mE
ρ(E) = d3 k δ − E
~2
r
2m 2mE
= 2π · 2
~ ~2

Wir wollen zum Schluß noch den Zusammenhang zwischen V (t, t0 ) und dem
Operator S̃ (S. 182) klären. Wir behaupten
S̃ = t→+∞
lim V (t, t0 )
t0 →−∞
8.4 Die zeitabhängige Störungstheorie 191

dabei ist der Limes mit der entsprechenden Vorsicht auszuführen (nämlich mit einem
,,adiabatischen Cutoff” e−ε|t| , siehe später). Zum Beweis bemerken wir, daß
H0 H0
t −i H H
~ t +i ~ t0 −i
S̃ = Ω+
out Ωin = lim e
i ~ e e e ~ t0
t→+∞
t0 →−∞

Wir brauchen also nur noch zu zeigen, daß


H0 H0
t −i H H
~ t +i ~ t0 −i
V (t, t0 ) = ei ~ e e e ~ t0

Nun erfüllt V (t, t0 ) die Differentialgleichung (8.4.2) (S. 186)

~ ∂ i i
− V (t, t0 ) = e| ~ H0 t V{ze− ~ H0}t V (t, t0 )
i ∂t
Hw (t)

mit der Anfangsbedingung


V (t0 , t0 ) = I
Offensichtlich ist durch unseren Ausdruck sowohl die Anfangsbedingung als auch
die Differentialgleichung erfüllt. Man beachte jedoch, daß in S̃ stillschweigend die
zeitliche Konstanz von H0 und H vorausgesetzt wurde, während V (t, t0 ) allgemein
definiert wird. Wir merken uns:

S̃ = V (∞, −∞) bei zeitlich konstanten H, H0

Zum Schluß dieses Kapitels wollen wir diese Formel zur Berechnung von Wir-
kungsquerschnitten nutzen. Wir wollen noch eine weitere wichtige Entwicklung ken-
nenlernen, die Dyson-Entwicklung für die S̃-Matrix. Dazu kehren wir zur Entwick-
lung von V (t, t0 ) zurück ((8.4.4) S. 187)

n Z t Zτ1 τZn−1
∞ 
X i
V (t, t0 ) = I + − dτ1 dτ2 . . . dτn Hw (τ1 )Hw (τ2 ) · · · Hw (τn )
n=1
~
t0 t0 t0

Um den Limes t → +∞, t0 → −∞ auszuführen, benutzen wir dieselbe ,,adiabatische


Abschneidevorschrift” wie im Fall der Møller-Operatoren: Wir multiplizieren unter
dem Integral mit e−ε|t|

(8.4.5)
n Z∞ Zτ1 τZn−1
∞ 
X i
S̃ = V (∞, −∞) = I + − dτ1 e−ε|τ1 | dτ2 e−ε|τ2 | . . . dτn e−ε|τn | ·
n=1
~
−∞ −∞ −∞

· Hw (τ1 )Hw (τ2 ) · · · Hw (τn )

Diese Reihe läßt sich formal umschreiben (ohne ihren Inhalt zu ändern). Dazu führen
wir eine Ordnungsvorschrift für zeitabhängige Operatoren ein. Sei A(t) eine Kurve
im Operatorraum mit t als Parameter und

[A(t1 , ), A(t2 )] 6= 0 i. A.

Dazu schreiben wir


(
A(t1 )A(t2 ), t1 > t2
P {A(t1 , ), A(t2 )} =
A(t2 )A(t1 ), t1 < t2
192 8 STREUTHEORIE

Für t1 = t2 ist keine Vorschrift erforderlich. Die Operation P heißt ,,Zeitordnung”


falls t die Zeit ist, sonst allgemeiner ,,Wegordnung”. Entsprechend definieren wir
P für Produkte von beliebig vielen auch verschiedenen Operatoren: die Parameter
wachsen von rechts nach links. Ausdehnung der Operation P auf Summen von
Produkten ist ebenfalls möglich: P ist dann linear.

Nun bemerken wir, daß in der Formel für S̃ die Operatoren Hw (τi ) schon zeit-
geordnet sind, da die Integrationsvariablen die Ungleichung
τ1 ≤ τ2 ≤ τ3 ≤ · · · ≤ τn
erfüllen. Andererseits sei ein Würfel im Rn gegeben:
−M ≤ xi ≤ M für alle i ∈ {1, 2, 3, . . . , n}
Dieser Würfel läßt sich in n! Teilgebiete (,,Pyramiden”) zerlegen, z. B.
−M ≤ xi1 ≤ xi2 ≤ · · · ≤ xin ≤ M
und zwar eine ,,Pyramide” für jede Permutation der Indizes. Über eine solche ,,Py-
ramide” wird aber gerade integriert
∞ > τ1 ≥ τ2 ≥ · · · ≥ τn > −∞
Dann ist offensichtlich
n Z∞ Zτ1 τZn−1
∞ 
X i −ε|τ1 | −ε|τ2 |
− dτ1 e dτ2 e ... dτn e−ε|τn | ·
n=1
~
−∞ −∞ −∞

· Hw (τ1 )Hw (τ2 ) · · · Hw (τn )


∞  n Z∞ Y n 
X i 1 
= − · dτi e−ε|τi | · P {Hw (τ1 )Hw (τ2 ) . . . Hw (τn )}
n=1
~ n! i=1
−∞

oder noch schöner


 
Z∞

 i 
S̃ = P exp − dτ e−ε|τ | Hw (τ )
 ~ 
−∞

Diese Formel gehört zu den wichtigsten in der Quantenmechanik: Sie heißt Dyson-Formel.

Zum Schluß noch eine Bemerkung: Natürlich gilt mit denselben Bezeichnungen
  
Zt
 i 
V (t, t0 ) = P exp − dτ Hw (τ )
 ~ 
t0

Wenn wir differenzieren


 
Zt
~ ∂ i
− exp − dτ Hw (τ )
i ∂t ~
t0

so ergibt sich in der Entwicklung zwar Hw (t), kann aber am Integral nicht vorbei-
gezogen werden, z. B.
 t 2
Z Zt Zt
∂ 
dτ Hw (τ ) = Hw (t) · dτ Hw (τ ) + dτ Hw (τ ) · Hw (t)
∂t
t0 t0 t0
Zt
6= 2Hw (t) dτ Hw (τ )
t0
8.4 Die zeitabhängige Störungstheorie 193

Erst die Zeitordnung gibt


 t 2
Z Zt
∂ 
P dτ Hw (τ ) = 2Hw (t) dτ Hw (τ )
∂t
t0 t0

weiterhin
~ ∂
− V (t, t0 ) = Hw (t)V (t, t0 )
i ∂t
wie gefordert.

Wir haben früher ((8.3.5), S. 184) einen Wirkungsquerschnitt durch die T -


Matrix ausgedrückt. Wenn wir jetzt den Zusammenhang zwischen T - und S̃-Matrix
ausnutzen, so können wir alle Entwicklungen (z. B. die Dyson-Reihe) dieses Kapi-
tels zur Berechnung der T -Matrix und damit auch des Wirkungsquerschnitts nut-
zen. Bei zeitlich konstanter Sörung ist die Dyson-Reihe identisch mit der Bornschen
Entwicklung für die T -Matrix. Seien Anfangs- und Endzustand gegeben durch
3 ~
ϕf = (2π)− 2 eikf ·~x
3 ~
ϕi = (2π)− 2 eiki ·~x

Dann ist ((8.3.2), S. 184)


   
ϕf , S̃ϕi = ψ~k2 , out , Sψ~ki , out
 
= ψ~kf , out , ψ~ki , in

= δ(kf − ki ) − 2πiδ(Ef − Ei )T̃ (~kf , ~ki )

(T̃ = T auf der ,,Energie-Schale” Ef = Ei ). Für kf 6= ki ist also


 
ϕf , S̃ϕi = (ϕi , V (∞, −∞)ϕi )

= −2πiδ(Ef − Ei )T (~kf , ~ki )


2
Also ist |(ϕi , V (∞, −∞)ϕi )| nicht definiert. Für die Übergangswahrscheinlichkeit
pro Zeiteinheit gilt jedoch21
2
|(ϕi , V (t, t0 )ϕi )| 2π 2
lim = δ(Ef − Ei ) T (~kf , ~ki )

t→∞
t0 →−∞
t − t0 ~

In Störungstheorie erster Näherung haben wir die Behauptung in der Form


(1)
wf i (t, t0 ) 2π 2
lim = |(ϕf , H1 ϕi )| δ(Ef − Ei )
t→∞
t0 →−∞
t − t0 ~

auf S. 188 bewiesen. Da sie rein kinematischen Ursprungs ist, gilt sie in jeder
störungstheoretischen Ordnung. Der Wirkungsquerschnitt ist definiert durch

Übergangswahrscheinlichkeit pro Zeiteinheit


Stromdichte einfallender Teilchen
21 Das zeitliche Dauer
wird oft zur Faustformel ,,ersetze (δ(Ef − Ei ))2 durch 2π~
· δ(Ef − Ei )” zusam-
mengefaßt.
194 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

summiert über die nicht beobachteten Quantenzahlen des Endzustands. Also


2π ~ ~ 2
dσ = (kf , ki ) δ(Ef − Ei )d3 kf
~jein
3 ~
d3 kf = Summationsmaß für den Endzustand der Normierung ϕf = (2π)− 2 eikf ·~x

Wir integrieren diesen Ausdruck über Ef

~2 k 2
Ef = , d3 kf = kf2 dkf dΩ
Z 2m
ρ(Ei ) m
δ(Ef − Ei )kf2 dkf = = 2 ki
4π ~
Ferner ist
~ki
jein = (2π)−3 Geschwindigkeit × Dichte
m
Das ergibt
2
(2π)2 m

dσ ~ ~ 2

= T (kf , ki )
dΩ ~2
Diese Formel stimmt mit dem Ergebnis von S. 184 überein. Nur haben wir uns jetzt
nicht auf eine alte Formel berufen, die f (Θ) enthält, sondern eine neue Ableitung
angegeben, die beliebig zu verallgemeinern ist, z. B. auf Produktionsprozesse mit
mehr als zwei Teilchen im Endzustand.

9 Elektronen im elektromagnetischen Feld

9.1 Das klassische elektromagnetische Feld

Das elektromagnetische Feld beschreibt Wechselwirkungen zwischen geladenen Teil-


chen. Dabei wird das Feld vom Teilchen “1” (Quelle) erzeugt und vom Teilchen
“2” als Kraft wahrgenommen. Demgemäß bestehen die Feldgleichungen aus zwei
Anteilen: Der Differentialgleichung, die die Erzeugung des Feldes aus der Quelle
beschreibt, und der Gleichung für die Kraft. In der Quantenmechanik kommt zu
diesem Bild noch die Vorstellung hinzu, daß dem Feld Teilchen entsprechen und der
Austausch dieser Teilchen die Kräfte bewirkt. Diese Teilchen sind nicht real in dem
p2
Sinne, daß ihre Energie-Impuls-Relation erfüllt ist (klassisch: E = 2m bei massiven
Teilchen).

Dem elektromagnetischen Feld entsprechen Photonen. Den vier Freiheitsgraden


des elektromagnetischen Potentials
 
~ ϕ
A,

kann man vier Typen von Photonen zuordnen (vier ,,Polarisationen”). Aber wegen
der Besonderheit der Eichtransformationen kann man ein Photon völlig eliminie-
ren, ein weiteres ist dann für die Coulomb-Wechselwirkung verantwortlich. Zwei
Photonenfreiheitsgrade (nämlich die ,,transversalen” Polarisationen) kommen als
freie Photonen vor. Diesen Formalismus, der mit einer instantanen (d. h. sich mit
unendlicher Geschwindigkeit ausbreitenden) Coulombwechselwirkung rechnet, wer-
den wir beschreiben. Wir betonen, daß dieser Formalismus äquivalent ist zu einem
9.1 Das klassische elektromagnetische Feld 195

,,manifest kovarianten” Formalismus, in dem eine explizite Coulombwechselwirkung


nicht vorkommt, aber mit vier Freiheitsgraden22 des Photons gerechnet wird.

Wir beginnen mit den Maxwell-Gleichungen bei Anwesenheit einer Quelle (Strom
von geladenen Teilchen, Ladungsdichte):

~
div E = ρ
1 ∂E~ 1
~−
rot B = ~
c ∂t c
~
div B = 0
~
~ − 1 ∂B
rot E = 0
c ∂t

Wir verwenden das ,,rationalisierte Gaußsche” Maßsystem (Faktoren 0 und µ0


eliminiert). In diesen Einheiten ist die Feinstrukturkonstante

e2
α=
4π~c
Im üblichen SI-System wäre sie

e2 1
α= ·
4π~c 0
Sind die obigen vier Maxwell-Gleichungen gelöst, so wird die Kraft auf eine Probe-
ladung e (e = −e0 beim Elektron)
 
F~ = e E ~ + 1 ~v × B
~
c

Diese Bewegungsgleichung im elektromagnetischen Feld ergibt sich aus der Lagrange-


Gleichung
1 e~
L = m~v 2 − eϕ + A · ~v
2 c
Der kanonische Impuls ist dann

∂L e
pk = = mvk + Ak
∂vk c
und die Energie

H = HTeilchen + HWechselwirkung
X ∂L
= vk −L
∂vk
k
1
= m~v 2 + eϕ
2
1  e ~ 2
= p~ − A + eϕ
2m c
 
Bei vorgegebenem Feld A, ~ ϕ kann man mit diesem Ausdruck für H Quanten-
mechanik des geladenen Teilchens betreiben. Das ist nur dann sinnvoll, wenn die
klassische Feldamplitude groß gegen die Quantenschwankungen des Photonenfeldes
22 Polarisationsfreiheitsgraden
196 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

sind. Was das bedeutet, werden wir später sehen. Diese Näherung reicht zur Be-
schreibung von erzwungener Emission und Absorption, nicht aber von spontaner
Emission, die selbst ein typischer Quanteneffekt des elektromagnetischen Feldes ist.

Wir wollen diese halbklassische Theorie der Emission und Absorption hier an-
geben. Dazu eine Vorbemerkung:

~
Sei irgendein Vektorfeld gegeben, z. B. A(x). ~
Dann läßt sich A(x) in ein quel-
~ ⊥ (x) und ein wirbelfreies Feld A
lenfreies Feld A ~ k (x) zerlegen. Ist

~
lim A(x) =0
|x|→∞

so ist mit der Forderung



~ ~
lim A ⊥ (x) = lim Ak (x) = 0

|x|→∞ |x|→∞

diese Zerlegung eindeutig. Zunächst heißt quellenfrei


~⊥ = 0
div A

und wirbelfrei
~k = 0
rot A
Die Konstruktion verläuft so:
Z
~ ~ ~ ˆ~
A(x) = d3 k eik·~x A(k)

Dann zerlegt man bei festem ~k 6= 0


~
~ˆ ~k) = k ~ˆ +A
~ˆ⊥ (~k)
 
A( ~k · A
~ 2
k
| {z }
ˆ
~
Ak (~
k)

so daß:

~k × A ~ˆk (~k) = 0
~ˆ⊥ (~k) =
~k · A 0

~
Sei A(x) das elektromagnetische Potential. Wir zeigen, daß es eine Eichtransfor-
~ k zu null gemacht wird. Das bedeutet
mation gibt, so daß A

~=0
div A

~ x, t) −→
A(~ ~ x, t) + grad χ(~x, t)
A(~
1 ∂
ϕ(~x, t) −→ ϕ(~x, t) + χ(~x, t)
c ∂t
Verlangen wir h i
~ x, t) + grad χ(~x, t) = 0
div A(~
9.1 Das klassische elektromagnetische Feld 197

so müssen wir χ als Lösung von


~ x, t)
∆χ(~x, t) = − div(A(~

wählen, also
d3 x0
Z
1 ~ x, t)
χ(~x, t) = div A(~
4π |~x − ~x0 |
Wir setzen von jetzt ab
~=0
div A
voraus, unabhängig davon, ob es sich um ein freies Feld handelt oder nicht. Wir
diskutieren noch das elektrostatische Potential ϕ in diesem Fall.

Aus den Maxwell-Gleichungen folgt die Gleichung


~
~ = − grad ϕ − 1 ∂ A
E
c ∂t
1 ∂2
 
1 ∂ ~ 1 ∂ϕ
∆ϕ − 2 2 ϕ + div A + = −ρ
c ∂t c ∂t c ∂t

Wenn man (wie meist üblich) die Lorentz-Bedingung

~ + 1 ∂ϕ = 0
div A
c ∂t
fordert, so ergibt sich für ϕ:

1 ∂2
∆ϕ − ϕ = −ρ
c2 ∂t2
ρ(~x0 , t0 )
Z
1 3 0
ϕ = d x
4π |~x − ~x0 | t0 =t− |~x−~x0 |
c

~ k = 0):
das retardierte Potential. Mit der Transversalitäts-Bedingung (A

~=0
div A

haben wir stattdessen

∆ϕ = −ρ
Z
1 ρ(~x, t)
ϕ = d3 x0
4π |~x − ~x0 |
= ϕ(~x, t)

das instantane Coulombpotential23 .

Schließlich wollen wir zur Vorbereitung der Feldquantisierung noch die Gesam-
tenergie inklusive Feldenergie bei der Transversalitätsbedingung studieren. Wir be-
ginnen mit der Lagrange-Funktion für das elektromagnetische Feld und ein System
von Punktteilchen der Ladung qi und der Masse mi in diesem Feld. Wir haben als
Koordinaten

~xi (t), ~vi (t) : Teilchen


~x, t : Feld
23 Die Zeiten in ϕ und ρ sind gleich, also bewirkt eine Änderung von ρ an einem Punkt eine

Änderung von ϕ im ganzen Raum zur gleichen Zeit. Da ϕ keine Observable ist, ist das keine
Kausalitäts-Verletzung
198 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

und damit
Z
1X 1 h
~ 2 (x) − B ~ 2 (x)
i
L= mi~vi2 + d3 x E
2 i 2
" #
X ~ xi t), t)
~vi (t) · A(~
− qi ϕ(~xi (t), t) −
i
c

~ in (analog zu A,
Aufspaltung von E ~ div E
~ ⊥ = 0)

~ =E
E ~⊥ + E
~k

ergibt unter Verwendung von


~=0
div A (Eichbedingung)

und
~
1 ∂A
~
E = − grad ϕ −
c ∂t
1 ∂A~
~⊥
E = −
c2 ∂t
~k
E = − grad ϕ

Da
Z Z
~k · E
E ~ ⊥ d3 x = (2π) 3 ~ˆk (~k) · E
E ~ˆ⊥ (−~k)d3 k

!
= 0

erhalten wir Z Z  
~ 2 d3 x =
E ~⊥
E 2 ~ 2 d3 x
+E k

Nun benutzen wir


~⊥, ∂ ~
A A⊥
∂t
als dynmaische Variablen des Feldes und

~xi , ~vi

als dynamische Variablen der Teilchen. Wir gehen zur Hamilton-Funktion über
vermöge:
X ∂L Z ~ ⊥ δL
∂A
H= ~vi + d3 x · −L
i
∂~vi ∂t δ ∂L
∂t

Da
Z Z
3~2 2
d xE = d3 x (∇ϕ)
Z
= − d3 x ϕ∆ϕ
Z
= d3 x ϕρ

und die Ladungsdichte ρ(~x, t)


X
ρ= qi δ(~x − ~xi (t))
i
9.1 Das klassische elektromagnetische Feld 199

ist, ergibt sich als Coulombfeld der Teilchen


Z
1 ~2 1 1 X 1
d3 x E k = · qi qj + Selbstenergie (d. h. i = j)
2 2 4π |~xi (t) − ~xj (t)|
i6=j
= VCoul (~xi )

Die Selbstenergie sollten wir weglassen. Also ist der Startpunkt der Legendre-
Transformation
 !2 
1
Z
1 ∂ ~⊥
A  2
L= d3 x  ~⊥ 
− rot A
2 c ∂t
X ~ ⊥ (~xi (t), t)
~vi (t) · A 1X
+ qi − VCoul (~xi (t)) + mi~vi2 (t)
i
c 2 i

Hierbei ist ebenfalls


X
qi ϕ(~xi (t), t) = 2VCoul (~xi (t))
i

gesetzt worden. Daraus ergibt sich

∂L ~ ⊥ (~xi (t), t)
qi A
= + mi~vi
∂~vi c
= p~i
δL 1 ∂A ~⊥
~
= 2
δ ∂∂t
A⊥ c ∂t

also weiter
 !2 
1
Z ~⊥
1 ∂A  2
H= d3 x  ~⊥
+ rot A 
2 c ∂t
X 1 h qi ~ i2
+ VCoul (~xi (t)) + p~i − A ⊥ (~
xi (t), t)
i
2mi c

Wir nennen die drei Anteile

H = HF eld + HCoul + HT eilchen

Bisher wurde
HT eilchen + HCoul

quantisiert, mit qi = −e für Elektronen. Dabei war A ~ ⊥ ein äußeres Feld. Die Koor-
dinaten ~xi , p~i wurden der Quantisierung unterworfen, sie wurden durch Operatoren
ersetzt. Ist dabei A ~ ⊥ das Feld einer elektromagnetischen Welle, so können wir im
Rahmen dieser Quantisierung die erzwungene Emission und Absorption behandeln.
Das wollen wir zuerst tun.

Um auch die spontane Emission zu erfassen, die durch Quantenfluktuation des


~ ⊥ entsteht, müssen wir A
Feldes A ~ ⊥ als Operator interpretieren, sprich: quantisieren.
Das ist unser nächstes Ziel.
200 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

9.2 Absorption und induzierte Emission elektromagnetischer


Strahlung

Wir beginnen mit dem Hamilton-Operator für ein Elektron im transversalen elek-
tromagnetischen Feld
1  e~ 2
H= p~ − A ⊥ (~
x, t)
2m c
wollen diesen jedoch für das gesamte System von Elektronen eines Atoms verallge-
meinern:
Z 2 XZ
1 X e~ e~ (j) ~
H= p~j − A xj , t) −
⊥ (~ ~σ B(~xj , t) + V
2m j=1 c j=1
2mc

(V : Elektron-Elektron und Elektron-Kern-Wechselwirkungen) Wobei also auch noch


die Wechselwirkung des Spins mit dem äußeren Magnetfeld berücksichtigt wurde.
~ ⊥ und B
A ~ sind Operatoren im Z-Elektronen-Hilbertraum vermöge ihrer Abhängig-
keit von der Koordinate ~xj des Teilchens j. Wir spalten auf

H = H0 + H1 (t)
Z
1 X 2
H0 = p~ + V
2m j=1 j

und da
~ ⊥ (~xj , t) = A
~ ⊥ (~x, t)~ ~ ~ ⊥ (~xj , t)
p~j A pj + div A
i
| {z }
=0
wird
Z 
e2 ~ 2

X e ~ e~ (j) ~
H1 (t) = − A⊥ (~xj , t)~
pj + A (~
x j , t) − ~
σ B(~xj , t)
j=1
mc 2mc2 ⊥ 2mc

Der Term ∼ A ~ 2 ist von der Größenordnung der zweiten störungstheoretischen



Näherung des Terms ∼ A ~ ⊥ · p~j . Er ist für die Eichinvarianz erforderlich. Seine
Vernachlässigung führt auf eine Verletzung der Eichinvarianz allerdings von der
Größe der zweiten störungstheoretischen Näherung. Da wir nur störungstheoreti-
sche Näherung 1. Ordnung rechnen wollen, werden wir ihn vernachlässigen.

~ ⊥ (~x, t) den Ansatz


Wir machen für A


~ ⊥ (~x, t) = ~e · a cos(ωt − ~k · ~x)
A
c
• ~e · ~k = 0 (Transversalität)
• ~e ist der Polaristaionsvektor, ~e2 = 1
~
• a ist die Amplitude des E-Feldes

1 ∂A ~⊥
~⊥
E = −
c ∂t
ωa
= ~e sin(ωt − ~k · ~x)
kc
= a~e sin(ωt − ~k · ~x)
9.2 Absorption und induzierte Emission elektromagnetischer Strahlung 201

~ und zur Hälfte in B


Da die Energiedichte zur Hälfte in E ~ enthalten ist, wird sie
1 ~2 ~2
 
% = E +B (zeitliches Mittel)
2 
1 1 2 1 2
= a + a
2 2 2
1 2
= a
2

Wir nehmen an, das System befinde sich zur Zeit t = 0 im Zustand ϕi und es in-
teressiere uns die Übergangswahrscheinlichkeit in den Zustand ϕf für t > 0. Dafür
bekommen wir als Übergangswahrscheinlichkeit in der ersten Ordnung Störungs-
theorie ((8.4), S. 188)
t 2
Z
(1) 1 i
(Ef −Ei )τ

wf i (t, 0) = 2 dτ (ϕf , H1 (τ )ϕi ) e ~
~

0

Die Integration über die Zeit wird so durchgeführt, daß wir A ~ ⊥ und B ~ zerlegen

~ ⊥ = ~e · a ei(~k·~x−ωt) + e−i(~k·~x−ωt)
h i
A
2k
a h i(~k·~x−ωt) ~
i
B = +i(~k × ~e)
~ e − e−i(k·~x−ωt)
2k
1
ωf i = (Ef − Ei )
~
Zt
1 h i
dτ ei(ωf i ∓ω)τ = ei(ωf i ∓ω)t − 1
i(ωf i ∓ ω)
0
 
2 t t
= ei(ωf i ∓ω) 2 sin (ωf i ∓ ω)
ωf i ∓ ω 2
Für t → ∞ geht das Absolutquadrat gegen
4 sin2 (ωf i ∓ ω) 2t

−→ 2πδ(ωf i ∓ ω)t
(ωf i ∓ ω)2
Bei großen Zeiten spielt also immer nur ein Teil der cos-(sin-)-Funktion eine Rolle,
je nachdem, ob

• ωf i > 0 (Absorption)
• ωf i < 0 (induzierte Emission)

Mit ω = c · k ist die Übergangswahrscheinlichkeit pro Zeiteinheit


  2
2 2
Z  
(1) e a 1 X ~
ik·~
xj ~ ~ (j)

(9.2.1) Wf i = 2π 2 2 2 δ(ωf i ∓ ω) · ϕf ,
 e ~e p~j + k × ~σ ϕi

~ m ω 4 j=1
2i

~ ⊥ -Feld mit einem ganzen Spektrum von ω vorliegen haben24


Wenn wir ein A
Z∞
a(ω)  
~ ⊥ = ~e
A dω cos ωt − ~k · ~x
k
0
24 ~
k
fest
|~
k|
202 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

so ist die Energiedichte


Z∞
% = dω %(ω)
0
1
%(ω) = a(ω)2
2
und Integration über ω liefert
a2 −→ a(ω)2 −→ 2%(ω)
  2
Z
πe2 %(ωf i ) 
 
(1)
X ~
ik·~
xj ~ ~ (j)

Wf i = 2 2 2 · ϕf , e ~e p~j + k × ~σ ϕi

~ m ωf i j=1
2i

Durch Mittelung über die Polarisationsvektoren ~e ⊥ ~k und über die Raumrichtungen


von ~k ergibt sich der Einstein-Koeffizient
(1)
1 X Wf i
Z
1
Bf i = dΩk ·
4π 2 %(ωf i )
e⊥~
~ k

Wenn wir jetzt statt rationalisierten Einheiten normale Gaußsche Einheiten ver-
(1)
wenden, ist π in Wf i durch 4π 2 zu ersetzen.

Jetzt behandeln wir das Matrixelement


 
Z  
X ~ ~
ϕf , eik·~xj ~e p~j + ~k × ~σ (j) ϕi 
j=1
2i

weiter. Wenn die Wellenlänge groß gegen den Atomradius ist, ist der Erwartungs-
 2
wert von ~k · ~xj klein, also entwickeln wir die Exponentialfunktion: Die ersten
beiden Potenzen in ~k ergeben
Z      
X
~ ~~ (j) 2
~e p~j + i k · ~xj p~j + k × ~σ + O(k )
j=1
2i

Dabei kann man setzen


     
Z Z
X im  X
ϕf , p~j ϕi  = ϕf , H0 , ~xj  ϕi 
j=1
~ j=1
 
Z
X
= imωf i ϕf , ~xj ϕi 
j=1

Nehmen wir als Einstein-Koeffizient der spontanen Emission

~ωf3 i
Af i = Bf i
π 2 c3
so wird nach den entsprechenden Mittelungen in Dipolnäherung
  2
3 Z
ωf3 i e2 X X

(9.2.2) Af i = 3
ϕf , ~xj,α ϕi

3π~c α=1
j=1
9.2 Absorption und induzierte Emission elektromagnetischer Strahlung 203

Mittelung über die Polarisation ~e und ~k liefert einen Faktor 31 . (Im üblichen Gauß-
system ersetze e2 → 4πe2 )

Nun betrachten wir die beiden übrigen Operatoren proportional ~k. Daß
   
ϕf , ~k · ~xj p~j ϕi
=O R

(ϕf , p~j ϕi ) λ

(R: Atomradius) ist offensichtlich, denn


D E
~k · ~xj = O R

λ

Andererseits ist
1
h~xj · p~j i = O(1)
~
so daß  D  E
~k × ~σ (j) = O( ~k ) = O 1 ~k · ~xj p~j
D E D E
~
Also sind beide Terme linear in ~k von gleicher Größenordnung und um O R

λ kleiner
als der Dipolterm. Wir schreiben

~k · ~xj p~j = 1 ~k · ~xj p~j + ~xj ~k · p~j − 1 ~k × (~xj × p~j )


  h   i
2 2 | {z }
~j
=L
Z
X
~ =
L ~j
L
j=1
Z
~ ~ X (j)
S = ~σ
2 j=1

Ferner ist für den Quadrupoloperator T (j) :


(j)
xα xβ − 31 δαβ x2

Tαβ =
 
X (j) ~ h~   i
H0 , kα eβ Tαβ  = k · ~xj (~e · p~j ) + (~e · ~xj ) ~k · p~j
im
α,β
PZ
Dann ist der gesamte Operator T = j=1 T (j)
Z      
X ~
T = ~e ϕf , i ~k · ~xj p~j + ~k × ~σ (j) ϕi
j=1
2i
   
1 X i n    o
= − mωf i ϕf ,  kα eβ Tαβ  ϕi  − ~e ~k × ϕf , L~ + 2S
~ ϕi
2 2
α,β

Wir haben unter der Voraussetzung R λ  1 die Wahrscheinlichkeitsamplitude in


eine Folge von Beiträgen fallender Größenordnung zerlegt. Technisch geschah dies
durch Entwicklung der Exponentialfunktion. Als wichtigster Beitag erschien:

1. das Matrixelement des Dipoloperators (E(1)-Übergang)


   
XZ 
ϕf , e~xj ϕi 
 
j=1
204 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Falls dieses Matrixelement verschwindet (nämlich als Folge von Auswahlregeln


für Drehimpuls und Parität wie sie aus dem Wigner-Eckart-Theorem folgen),
so tritt die nächste Ordnung in Kraft:
2. das Matrixelement des Quadrupoloperators (E(2)-Übergang)
   
XZ 
(j) (j)
Tαβ = xα xβ − 13 δαβ x2 j

ϕj , eTαβ ϕi 
 
j=1

bzw. das Matrixelement des magnetischen Dipoloperators (M(1)-Übergang)


  
e~  ~ ~
ϕf , L + 2S ϕi
2mc
Falls auch diese Übergänge verboten sind, müssen wir E(3)- bzw. M(2)-Übergnänge
in Betracht ziehen.

9.3 Die Quantisierung des elektromagnetischen Feldes

Ausgangspunkt der Quantisierung ist die Hamilton-Funktion


Z
1 
~⊥ ~2

(9.3.1) HF eld = d3 x E 2
+B
2
 !2 
1
Z
1 ∂ ~⊥
A  2
= d3 x  + ∇×A ~⊥ 
2 c ∂t

Die Analogie mit der Hamiltonfunktion für eine schwingende Membran ist: A~ ⊥ ent-
spricht der Auslenkung aus der Ruhelage, der erste Term ist die kinetische, der
zweite die potentielle Energie. Der erste Schritt zur Quantisierung besteht darin,
Normalkoordinaten einzuführen. Das sind kanonisch konjugierte Parre von Varia-
blen, die zu den Eigenschwingungen des Systems gehören. Wir führen die Bezeich-
nungen ein
~
Q(x, ~ ⊥ (x, t)
t) := A
1 ∂ ~
P~ (x, t) := A⊥ (x, t)
c2 ∂t
und erhalten kanonische Bewegungsgleichungen:
δHF eld ∂ ~
= − P (x, t)
~
δ Q(x, t) ∂t
δHF eld ∂ ~
= + Q(x, t)
δ P~ (x, t) ∂t

Durch Elimination von P~ folgt hieraus die Wellengleichung25


∂  
− P~ (x, t) = ∇ × ∇ × Q(x, ~ t)
∂t
= −∆Q(x,~ t)
2
1 ∂ ~
= − 2 2 Q(x, t)
c ∂t
1 ∂2 ~
 
∆ − 2 2 Q(x, t) = 0
c ∂t
25 Wie ~ =0
schon oben: div Q
9.3 Die Quantisierung des elektromagnetischen Feldes 205

Nun zu Normalkoordinaten. Wir betrachten ein festes Volumen V (Würfel der Kan-
1
tenlänge V 3 ) und nehmen periodische Randbedingungen an. Dann gibt es den
~
Q(x, t) entsprechende Eigenlösungen (,,Moden”)
1 ~
~u~k,α (t) = √ ~eα (~k)ei(k·~x−ωt)
V
~eα (~k) : Polarisationsvektoren α ∈ {1, 2}
~eα (~k) · ~k = 0 (Transversalität)
~eα (~k)~eβ (~k) = δαβ
Die Vektoren ( )
~k
~e1 (~k), ~e2 (~k),
k~kk
bilden für jedes ~k 6= 0 ein Dreibein von Einheitsvektoren. Für ω nehmen wir die
positive Wurzel:
1 ∂2
 
∆ − 2 2 ~u~k,α (t) = 0
c ∂t
ω2
⇒ −k 2 + 2 = 0 ω = +|~k| · c
c
Dann gelten die Orthogonalitätsrelationen
Z
d3 x ~u~k1 ,α1 (t)~u~k2 ,α2 (t) = δα1 ,α2 δ~k1 ,~k2

und die ~u~k,α (t), ~u~k,α (t) bilden ein vollständiges System von Lösungen der Wellen-
gleichung. Dabei läuft ~k = (k1 , k2 , k3 ) über die Menge

ki = 1 ni ni ∈ Z
V 3

Schließlich können wir jede Lösung der Wellengleichung entwickeln


Xh i
~
Q(x, t) = c~k,α ~u~k,α (t) + c~k,α ~u~k,α (t)
~
k,α

~
wegen der Reellität Q(x, ~
t) = Q(x, t). Definieren wir
(9.3.2a) c~k,α (t) = c~k,α e−iωt
(9.3.2b) ~u~k,α (t) = ~u~k,α e−iωt
so können wir ebensogut schreiben
Xh i
(9.3.3) ~
Q(x, t) = c~k,α (t)~u~k,α + c~k,α (t)~u~k,α
~
k,α

Wir wollen das selbe Ergebnis noch einmal (weniger trickreich, systematischer)
~ in eine Fourier-Reihe im Ort (per Randbedingung)
ableiten. Zunächst zerlegen wir Q
und ein Fourierintegral in t:
+∞
Z X
~
Q(x, t) = dω Q̂~k,α (ω)~u~k,α e−iωt
−∞ ~
k,α
| {z }
alle ω!
206 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Dann wenden wir die Wellengleichung an


+∞
ω2
Z X  
0= dω Q̂~k,α (ω) k 2 − 2 ~u~k,α e−iωt
c
−∞ ~
k,α

Daraus folgt
ω2
 
Q̂~k,α (ω) k 2 − 2 = 0
c
ω2
 
=⇒ Q̂~k,α (ω) ∼ δ k 2 − 2
c

Führen wir den Vierervektor (k0 , ~k), k0 = ω


c ein, so ist k02 − ~k 2 = 0 ein Doppelkegel,
der ,,Lichtkegel”,

• k0 > 0, |~k| = k0 : ,,Vorwärts-Lichtkegel”

• k0 < 0, |~k| = −k0 : ,,Rückwärts-Lichtkegel”

Wir setzen entsprechend

Q̂~k,α (ω) = c~k,α δ(ω − c|~k|) + d~k,α δ(ω + c|~k|)


| {z } | {z }
positiver Frequenzteil negativer Frequenzteil

Einsetzen liefert (über ω integriert)


Xh ~ ~
i
~
Q(x, t) = c~k,α ~u~k,α e−ic|k|t + d~k,α ~u~k,α e+ic|k|t
~
k,α

~
Q(x, ~
t) = Q(x, t)
~u~k,α = ~u−~k,α (~eα reell)

impliziert schließlich
d~k,α = c−~k,α
Das ist aber das selbe Ergebnis wie vorher.

Der Zusammenhang (9.3.3) von S. 205 ist als kanonische Transformation von
den Feldvariablen Q(x, t), P (x, t) zu den Modenvariablen
1
!
V 3~
Re c~k,α (t), Im c~k,α (t) k∈Z

zu verstehen. Definieren wir


1h i
(9.3.4a) Q~k,α (t) = c~k,α (t) + c~k,α (t)
c
iω h i
(9.3.4b) P~k,α (t) = − c~k,α (t) − c~k,α (t)
c
so ist
d
(9.3.5a) Q~ (t) = +P~k,α (t)
dt k,α
d
(9.3.5b) P~ (t) = −ω 2 Q~k,α (t)
dt k,α
9.3 Die Quantisierung des elektromagnetischen Feldes 207

Das sind die kanonischen Bewegungsgleichungen für einen harmonischen Oszillator


mit der Hamilton-Funktion
1h 2 i
H~k,α = P~k,α + ω 2 Q~2k,α
2
Tatsächlich läßt sich ohne große Schwierigkeiten zeigen, daß Einsetzen von (9.3.3),
S. 205 in (9.3.1), S. 204 liefert
X  ω 2 2
H̃F eld = 2

c~k,α
c
~
k,α

und nach Einführen von Q~k,α , P~k,α

X1 
2
H̃F eld = P~k,α + ω 2 Q~2k,α
2
~
k,α
X
= H~k,α
~
k,α

Damit ist die Zerlegung unseres gesamten Systems in unabhängige harmonische


Oszillatoren abgeschlossen.

Im nächsten Schritt wird jeder dieser unabhängigen Oszillatoren quantisiert.


Sei ~k, α fest vorgegeben. Dann betrachten wir einen Hilbertraum H = H(~k, α und
darin die Zustände |n~k,α i, n~k,α ∈ N des harmonischen Oszillators. Wir definieren
Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren für jeden Index (~k, α)

a~k,α , a~+
k,α

so daß die Vertauschungsrelationen gelten


h i
a~k1 ,α1 , a~+ = δ~k1~k2 δα1 α2
k2 ,α2
h i
a~k1 ,α1 , a~k2 ,α2 = 0 etc.

Da Nichtvertauschbarkeit nur bei ~k1 = ~k2 , α1 = α2 vorliegt, haben wir es mit


unabhängigen Oszillatoren zu tun. Diese Oszillatoren werden mit den Indizes ~k, α
abgezählt. Wie früher interessiert eine Darstellung der Operatoren a~k,α , a~+ mit
k,α
einem Vakuumvektor

a~k,α |0~k,α i = 0, |0~k,α i ∈ H(~k, α)

sowie n~k,α
1 
|n~k,α i = a~+ |0~k,α i
n~k,α ! k,α

Wenn wir vergleichen mit Abschnitt 1.3, so finden wir (ω = |~k|c)


" #
1  ω  12 i
(9.3.6a) a~k,α = √ Q~k,α + 1 P~
k,α
2 ~ (ω~) 2
" #
1  ω  12 i
(9.3.6b) a~+ = √ Q~k,α − 1 P~
k,α
k,α 2 ~ (ω~) 2
208 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Ferner ist mit dem Photonzahl-Operator zur Mode ~k, α


N~k,α = a~+ a~k,α
k,α
 
H~k,α = ~ω N~k,α + 12

Wir werden von nun an diesen Ausdruck renormieren, indem wir die nicht beobacht-
bare Nullpunktsenergie 12 ~ω subtrahieren. Die Darstellung aller Oszillatoren gleich-
zeitig kann, wie bei unabhängigen physikalischen Systemen (Vertauschbarkeit!), in
Tensorprodukträumen erfolgen
O
F= H(~k, α)
~
k,α

Dieser Raum heißt Fock-Raum. Er besitzt einen Grundzustand, den Vakuumzu-


stand, O
|0i = |0~k,α i
~
k,α

Eine Basis
n desoFock-Raums gewinnt man aufnfolgende o Weise: Man nimmt für eine
~ ~
Menge (k, α) , n~k,α 6= 0 an. Sei etwa A = (k, α) diese Menge26 . Dann setzen
wir  n~k,α
a~+
k,α
O
|n~k1 ,α1 , n~k2 ,α2 , . . .i = q |0i
~
(k,α)∈A
n~k,α !

Wir bemerken noch, daß mit X


N= N~k,α
~
k,α

der Vakuumzustand die Eigenschaft N |0i = 0 hat.

Gehen wir von den a~k,α , a~+ zu den P~k,α , Q~k,α über ((9.3.6), S. 207), so bekom-
k,α
men wir die Vertauschungsrelationen
h i
Q~k1 ,α1 , P~k2 ,α2 = i~δ~k1~k2 δα1 α2
h i
Q~k1 ,α1 , Q~k2 ,α2 = 0
h i
P~k1 ,α1 , P~k2 ,α2 = 0

Die Bewegungsbgleichungen (9.3.5), S. 206


d
Q~ (t) = +P~k,α (t)
dt k,α
d
P~ (t) = −ω 2 Q~k,α (t)
dt k,α
sollten nun auch in der quantisierten Version gültig sein (damit ein Korrespondenz-
prinzip gilt). Aber wie kommen sie zustande?

Im Rahmen der Quantenmechanik haben wir bisher das Schrödingerbild kennen-


gelernt. Dabei sind die Operatoren (wie Impuls, Drehimpuls etc. ) zeitlich konstant
und die Zustände genügen der Schrödingergleichung
d
Hψ(t) = i~ ψ(t)
dt
26 #A <∞
9.3 Die Quantisierung des elektromagnetischen Feldes 209

Erwartungswerte und Übergangsamplituden sind zeitabhängig:


d
i~ (ψ1 (t), Aψ2 (t)) = (ψ1 (t), [A, H] ψ2 (t))
dt
Es ist jedoch offensichtlich, daß diese Zeitabhängigkeit in äquivalenter Weise auf
folgende Art erzeilt werden kann: Wir definieren

ψ̃ = ψ(0)
i i
= e+ ~ Ht Ae− ~ Ht
Ã(t)
 
(ψ1 (t), Aψ2 (t)) = ψ̃1 , Ã(t)ψ̃2
d h i
i~ Ã(t) = Ã(t), H
dt
Das ist das Heisenbergbild der quantenmechanischen Zeitentwicklung.

Wenn wir, wie oben durchgeführt, ein Feld quantisieren, so bekommen wir die
Quantenfeldtheorie im Heisenbergbild. In der Tat ist
 
h i X
P~k,α , H = P~k,α , H~k,α 
~
k,α
h i
= P~k,α , ~ωN~k,α
h i h i
Q~k,α , H = Q~k,α , ~ωN~k,α

und
h i
a~k,α , N~k,α = +a~k,α
h i
a~+ , N~k,α = −a~+
k,α k,α

Hieraus folgt
h i
P~k,α , N~k,α = −iω(k)Q~k,α
h i i
Q~k,α , N~k,α = − P~
ω(k) k,α
sowie endlich
h i
P~k,α , H = −i~ω 2 (k)Q~k,α
h i
Q~k,α , H = +i~P~k,α

Wir erkennen daraus, daß diese Ausdrücke mit


dP~k,α dQ~k,α
i~ bzw. i~
dt dt
identifiziert werden können.

Wir kehren zum Feld A~ ⊥ (x, t) zurück. Wir bekommen


r
~
X ~ h i
(9.3.7) A⊥ (x, t) = c a~k,α (t)~u~k,α + a~+ ~u~k,α
2ω k,α
~
k,α
210 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Dabei wurden die c~k,α (t) zunächst durch Q~k,α , P~k,α ((9.3.4), S. 206) ersetzt, dann
diese weiter durch a~k,α , a~+ ((9.3.6), S. 207) substituiert:
k,α
r
~
c~k,α (t) = c a~ (t)
2ω k,α
Als Übung wollen wir den Poynting-Vektor berechnen.
Z
~ 1 ~ ⊥ × Bd
~ 3x
(9.3.8) P = E
c
(9.3.9) E~⊥ = − 1 ∂ A ~⊥
c ∂t
(9.3.10) ~ = rot A
B ~⊥

Nun ist
d
a~ (t) = −iωa~k,α (t)
dt k,α
(siehe klassische Gleichungen (9.3.2), S. 205)
ih i
= + HF eld , a~k,α (t)
~
Also ist
s
~ ⊥ (x, t)
X ~ω(~k) h i
E = i · a~k,α (t)~u~k,α − a~+ ~u~k,α
2 k,α
~
k,α
s
X 2 h    i
~
B(x, t) = i · a~k,α (t) ~k × ~u~k,α − a~+ ~k × ~u~k,α
~
~ω(~k) k,α
k,α

Nach Einsetzen in den Integralausdruck für den Poynting-Vektor haben wir Inte-
grale der Form
Z     1 Z
~ 0 ~ ~ 0 ~ 0 ~ ~0
3
d x ~u~k,α × k × ~u~k0 ,α0 = ~eα (k) × k × ~eα (k ) ·
0 d3 x eik~x−ik ~x
V
 
= δ~k,~k0 · ~eα (~k) × ~k × ~eα0 (~k)

= ~kδ~k,~k0 δα,α0

Die entsprechden Beiträge ergeben


X 1h i
~~k a~k,α (t)a~+ (t) + a~+ (t)a~k,α (t)
2 k,α k,α
~
k,α

Dann bleiben aber noch Beiträge mit z. B.


Z     1 Z
~ ~0
d3 x ~u~k,α × ~k 0 × ~u~k0 ,α0 = ~eα (~k) × ~k 0 × ~eα0 (~k 0 ) · d3 x eik~x+ik ~x
V
 
= −δ~k,−~k0 · ~eα (~k) × ~k × ~eα0 (−~k 0 )

= −~kδ~k,−~k0 ~eα (~k) · ~eα0 (−~k 0 )

Da ω(~k) = ω(−~k) = c|~k| ist, ergibt dies z. B.


X
~~ka~k,α (t)a−~k0 ,α0 (t)~eα (~k) · ~eα0 (−~k 0 )
~
k,α,α0
9.3 Die Quantisierung des elektromagnetischen Feldes 211

Diese Summe geht in ihr negatives über, wenn man ~k → −~k ersetzt. Also ist sie
gleich Null zu setzen. Es bleibt also
X1h i
P~ = ~~k a~k,α (t)a~+ (t) + a~+ (t)a~k,α (t)
2 k,α k,α
~
k,α
X  
= ~~k N~k,α + 12
~
k,α

aber auch hier sollten wir P~ |0i = 0 fordern. Das schaffen wir durch Subtraktion der
(nicht definierten) Summe
X
1
~~k 2
~
k,α

Der Poynting-Vektor ist der Impulsoperator. Das ist klar, wenn man weiß, daß jedes
Photon den Impuls ~~k hat. Dennoch ist es interessant zu prüfen, ob der Poynting-
Vektor der erzeugende Operator der Translationen ist. Dazu ein paar Bemerkungen:
Wenn wir uns die Feldoperatoren A ~ ⊥ (9.3.7), E
~ ⊥ (9.3.9), B
~ (9.3.10) (S. 209f.) an-
sehen, so stellen wir fest: der positive Frequenzteil besteht aus Vernichtern, der
negative Frequenzteil aus Erzeugern. Wir schreiben z. B.

~ ⊥ (x, t)
A = ~ ⊥ (x, t)(+)
A + ~ ⊥ (x, t)(−)
A
| {z } | {z }
positiver Frequenzteil negativer Frequenzteil
~ ⊥ (x, t)(+) |0i =
A 0

während
~ ⊥ (x, t)(−) |0i =
A 6 0
nämlich eine Überlagerung von Ein-Photon-Zuständen ist. Wir erwarten für Trans-
lationen
i ~
U~a = e− ~ ~a·P
U~a |0i = |0i
~ (−)
U~a A⊥ (~x, t) |0i = A ~ ⊥ (~x + ~a, t)(−) |0i

Tatsächlich ist durch Ausrechnen


h i r
X ~ ~ +
P~ , A
~ ⊥ (x, t)(−) = c ~ka~ (t)~u~k,α
2ω k,α
~
k,α
~~ ~ (−)
= − ∇ x A⊥ (x, t)
i
also
~ ·~ ~ ~
e−i
P
~
a
~ ⊥ (x, t)(−) e+i P~·~a
A ~ ⊥ (x, t)(−)
= e~a∇x A
~ ⊥ (x + a, t)(−)
= A
~ ·~
P a
U~a = e−i ~

Wir wollen noch betonen, daß nur bei periodischen Randbedingungen ~x + ~a einen
Sinn hat. Hätten wir das Quantisierungsvolumen mit festen Randbedingungen ver-
sehen, so wären weder die Translationen, noch ein Impuls-Operator zu definieren
gewesen.
212 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Nach der Diskussion von Energie- und Impuls-Operator sollte man den Dreh-
impuls-Operator studieren, der sich aus Bahndrehimpuls und Spindrehimpuls zu-
sammensetzt. In der klassischen Elektrodynamik werden entsprechende Ausdrücke
abgeleitet, die man quantisieren kann. Wir wollen nur das Ergebnis angeben im
Falle des Spins. Zuerst führt man (komplexe!) Polarisationsvektoren für zirkulare
Polarisationen ein. Bei gegebenem ~k seien die Polarisationsvektoren
~e1 (~k), ~e2 (~k)
zusammen mit
~k
|~k|
ein orientiertes Dreibein. Dann definieren wir
~e(±) = ∓ 21 (~e1 ± i~e2 )
und entsprechende Erzeugungs- und Vernichtungs-Operatoren
 
a~+ = ∓ 12 a~+ ∓ ia~+
k,± k,1 k,2

Mit diesen Vektoren sollte man hermitesche Skalarpodukte wie


 ∗ 0
~e(λ) · ~e(λ ) = δλλ0

bilden. Der Spin wird immer auf die Bewegungsrichtung projiziert. Wir setzen für
den Spinoperator in Bewegungsrichtung ~k:
~ · ~k
S  
= ~ a~+ a~k,+ − a~+ a~k,−
|~k| k,+ k,−

Für diese Projektion des Spins auf die Bewegungsrichtung hat sich die Bezeichnung
Helizität durchgesetzt.

Der Fockraum F beschreibt reine Zustände von Photonen. Daneben gibt es


Zustandsgemische (Dichteoperatoren). Wir zerlegen einen Vektor aus F zunächst
in Komponenten, die zu festem Eigenwert des Photonzahl-Operators gehören:
ψ = ψ (0) + ψ (1) + ψ (2) + . . .
Nψ = 1 · ψ (1) + 2 · ψ (2) + . . .
1 = kψk2 = kψ (0) k2 + kψ (1) k2 + kψ (2) k2 + . . .
In jedem diese Unterräume mit fester Teilchenzahl ist der Zustand ψ (n) durch eine
Wellenfunktion im Impulsraum angebbar.
n
X 1 (n)  ~ ~
Y
ψ (n)
= √ ψ (k1 , α1 ), . . . (kn , αn ) a~+ |0i
n! ki ,αi
(~
ki ,αi ) i=1

(0)
ψ = c|0i, c ∈ C1
 
Die Funktion ψ (n) (~k1 , α1 ), . . . (~kn , αn ) ist per definitionem total symmetrisch we-
gen den Vertauschungseigenschaften der Operatoren a~+ . Bose-Statistik ist auf
ki ,αi
diese Weise garantiert. Da
* n n
+

Y Y X
0 a~ki ,αi a~k0 ,α0 0 = δ~k1 ,~k0 δα1 ,α0j · · · δ~kn ,~k0 δαn ,α0j
j j j1 1 jn n
i=1 j=1 Permutationen
{j1 ,j2 ,...,jn }
9.4 Die Photon-Atom-Wechselwirkung 213

ist  2
X 
kψ (n) k2 = ψ (n) (~k1 , α1 ), . . . (~kn , αn )

~
ki ,αi

9.4 Die Photon-Atom-Wechselwirkung

Wir gehen vom Hamilton-Operator aus


Z 2 X Z
1 X e~ e~ (j) ~
H= p~j − A (x
⊥ j , t) − ~σ B(xj , t) + V + HF eld
2m j=1 c j=1
2mc

in dem jedoch A ~ ⊥ und B ~ durch die Operatorausdrücke (9.3.7) und (9.3.10) zu


ersetzen sind. Der Hilbert-Raum der Zustände besteht aus
HT eilchen × F
und beschreibt gleichzeitig die Atom- und Photonen-Zustände. In Störungstheo-
rie erster Näherung sind in H1 (S. 200) nur die linearen Terme in A ~ ⊥ und B
~ zu
berücksichtigen. Dann ist
 
ϕf , H̃1 (τ )ϕi (elektromagnetisches Feld, klassisch)

zu ersetzen durch
( ϕf · ψ (Nf ) , H1 (τ ) ϕi · ψ (Ni ) )
|{z} | {z } |{z} | {z }
Atom- Photonen- Atom- Photonen-
zustand zustand zustand zustand

~ ⊥ und B
wobei die linear auftretenden Operatoren A ~ nur

+1 Emission
Nf − Ni = −1 Absorption
0 Streuung

gestatten.

Ist die Mode ~k, α in ψ (Ni ) schon n~k,α -fach besetzt, so ergibt sich als Matrixele-
ment von A~ ⊥ im Fock-Raum
r
~ q
Emission c ~u~k,α eiωt n~k,α + 1

r
~
Absorption c ~u~ e−iωt n~k,α
p
2ω k,α
Diese Ausdrücke ersetzen die klassischen Feldgrößen
a −i~k·~x+iωt
Emission e ~eα
2k
a i~k·~x−iωt
Absorption e ~eα
2k
Wir können das so formulieren: Bei Übergang von den klassischen zu den quanten-
mechanischen Ausdrücken ist zu ersetzen
 q
r 
 ~n~k,α (Absorption)
2~ω 
a(ω) durch · q
V 
 ~n~ + 1 (Emission)

k,α
214 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Das paßt natürlich gerade damit zusammen, daß die spektrale Energiedichte %(ω)
gegeben ist durch

~ω(k)
%(ω) = 12 a(ω)2 −→ n~k,α (bzw. n~k,α + 1)
V
In der quantentheoretischen Formel für die Emission tritt der Faktor n~k,α + 1 auf,
der also bei n~k,α = 0 nicht verschwindet. Das bedeutet, die Emission enthält einen
erzwungenen Anteil ∼ n~k,α und einen spontanen Anteil ∼ 1. Diesen spontanen
Anteil wollen wir uns jetzt ansehen.

Wir betrachten die Übergangswahrscheinlichkeit pro Zeit (9.2.1) (S. 201) für
spontane Emission. Wir summieren über alle möglichen entstehenden Photonen
und definieren den Einsteinkoeffizienten Af i im Limes V → ∞ durch
(1)
X
Af i = Wf i
~
k,α
Z
V X (1)
= d3 k Wf i
(2π)3 α

Mit
ω2
Z Z  
ω(k)
d3 k δ(ω(k) − ω) = dΩ~k |~k| =
c3 c
erhalten wir von S. 201
e2 |ωf i |
Z X 2
Af i = dΩ~k |(ϕf , . . . ϕi )|
8π 2 m2 ~c3 α

Gehen wir zur Dipol-Näherung über, so ist das Matrixelement nach Ausführung der
Summation über die Polarisationen (Faktor 32 ) unabhängig von ~k ( dΩ~k = 4π).
R

Weitere Berücksichtigung des Faktors mω 2 (S. 202) ergibt


    2
Z
e2 ωf3 i
X

Af i = ϕf ,  ~xj ϕi
 
3π~c3
j=1

wie in (9.2.2) (S. 202) angegeben.

Wir studieren als nächstes den Pozeß der Photon-Atom-Streuung

γ + AZ −→ γ + AZ

wobei das Atom Z Elektronen aufweisen soll. Als Anfangszustand wählen wir

|ϕi ; (~ki , αi )i, ω(ki ) = ωi

als Endzustand
|ϕf ; (~kf , αf )i, ω(kf ) = ωf

Wir berechnen die Streumatrix als Element der S̃-Matrix in zweiter störungstheo-
retischer Näherung für die Wechselwirkung
Z
e X~
− · A⊥ (xj , t)~
pj
mc j=1
9.4 Die Photon-Atom-Wechselwirkung 215

und in erster Näherung für die Wechselwirkung27

Z
e2 X
~ ⊥ (xj , t)2 :
2
: A
2mc j=1

~ wollen wir zur formalen Vereinfachung weglassen.


Die Wechselwirkung ∼ ~σ · B

In unserer Formel für S̃ (8.4.5) (S. 191) gehen wir von Hw (τ ) zurück zu H1 (τ ):

i i
Hw (τ ) = e ~ H0 τ H1 (τ )e− ~ H0 τ

d. h. vom Wechselwirkungsbild zum Schrödingerbild. Dabei bleiben wir. Dann


müssen wir auch die Feldoperatoren A ~ ⊥ (x, t) aus dem Heisenbergbild (der freien
elektromagnetischen Feldtheorie) ins Schrödingerbild zurücktransformieren. Dazu
setzen wir in ihnen einfach t = 0. Die Faktoren e±iωt fallen dann weg.

In der zweiten Ordnung haben wir

(9.4.1)
 2  Z∞ Z∞
i e 2 −ε|t1 | i
− dt1 e dt2 e−ε|t2 | e ~ [t1 (Ef +~ωf )−t2 (Ei +~ωi )] ·
~ mc
−∞ −∞
*     +
Z Z
H0
  X X  
· ϕf ; ~kf , αf  ~ ⊥ (xj )~ i (t −t )
pj 0  ϕi ; ~ki , αi
~ ⊥ (xj 0 )~

A pj  e ~ 2 1  A
j=1 j 0 =1

während in der ersten Ordnung für die zweite Wechselwirkung

  2 Z∞
i e i
− 2
dt e−ε|t| e ~ t[Ef +~ωf −Ei −~ωi ] ·
~ 2mc
−∞
(9.4.2) * +
  X Z  
~ ~
~ ⊥ (xj ) : ϕi ; ki , αi
2

ϕf ; kf , αf : A
j=1

In (9.4.1) greift die erste Wechselwirkung bei t2 ein, die Zweite bei t1 (t2 < t1 ).
Bei der ersten Wechselwirkung kann das einlaufende Photon vernichtet werden,
dann muß das Auslaufende bei der zweiten Wechselwirkung erzeugt werden. In der
Zwischenzeit t1 ≥ t ≥ t2 haben wir nur das Atom in einem Zwischenzustand |ϕz i
(diese bilden ein vollständiges Orthonormalsystem)

H0 |ϕz i = Ez |ϕz i

Diesen im Matrixelement (9.4.1) enthaltenen Prozeß beschreiben wir durch einen


Feynman-Graphen, bei dem die Zeit nach oben anwächst.

27 In ~ 2 ist entahlten
A ⊥
aα (~k)a+α0
(~k0 ) +a+ ~ ~0
α (k)aα0 (k )
| {z }
6=0 angewandt auf |0i

Man muß zur ,,Normalordnung” : · · · : übergehen, in der alle Erzeuger links stehen.
216 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD


 
~kf , αf
ϕf

ϕz

ϕi 
~ki , αf


Dazu gehört der algebraische Ausdruck

 +∞
2 Z +∞
Z
i −ε|t1 |
− dt1 e dt2 e−ε|t2 | ·
~
−∞ −∞
 
X i
· exp [t1 (Ef + ~ωf − Ez ) + t2 (Ez − Ei − ~ωi )] ·
ϕz
~
* Z
+
e2 ~c2

1 X
+i~
kf ·xj

· 2 2· √ · · ϕf ~eα,f e p~j ϕz ·
m c 2 ωf ωi V j=1
*
Z +
−i~
X
ki ·~
xj 0

· ϕz ~eα,i
e p~j 0 ϕi
j 0 =1

oder nach Ausführung der Zeitintegrationen

e2 ~c2 1
−2πiδ (Ef + ~ωf − Ei − ~ωi ) 2 2 √ · ·
m c 2 ωi ωf V
* Z
+
* Z
+

~ −1 ~
X X X
−ikf ·xj +iki ·~
xj 0

· ϕf ~eα,f
e p~j ϕz (Ei + ~ωi − Ez + iε)
ϕz ~eα,i
e p~j 0 ϕi
ϕz j=1 j 0 =1

In (9.4.1) kann aber auch bei der ersten Wechselwirkung (t2 ) schon das Photon des
Endzustandes erzeugt und das einlaufende Photon bei der zweiten Wechselwirkung
(t1 ) vernichtet werden. In der Zwischenzeit t2 ≤ t ≤ t1 sind neben dem Atom beide
Photonen vorhanden. Für dieses Matrixelement bekommen wir einen Feynman-


Graphen
 
~kf , αf
ϕf

ϕz


~ki , αi
 ϕi
9.4 Die Photon-Atom-Wechselwirkung 217

Dazu gehört der algebraische Ausdruck

 +∞
2 Z +∞
Z
i −ε|t1 |
− dt1 e dt2 e−ε|t2 | ·
~
−∞ −∞
 
X i
· exp [t1 (Ef − ~ωi − Ez ) + t2 (Ez − Ei + ~ωf )] ·
ϕz
~
* Z
+
e2 ~c2

1 X ~
−iki ·xj

· 2 2· √ · · ϕf ~eα,i e p~j ϕz ·
m c 2 ωf ωi V j=1
*
Z +
+i~
X
kf ·~
xj 0

· ϕz ~eα,f
e p~j 0 ϕi
j 0 =1

oder nach Ausführung der Zeitintegrationen

e2 ~c2 1
−2πiδ (Ef + ~ωf − Ei − ~ωi ) 2 2 √ · ·
m c 2 ωi ωf V
* Z
+
* Z
+

~ −1 ~
X X X
−iki ·xj +ikf ·~
xj 0

· ϕf ~eα,i
e p~j ϕz (Ei − ~ωf − Ez + iε)
ϕz ~eα,f
e p~j 0 ϕi
ϕz j=1 j 0 =1

Im Falle des Ausdrucks (9.4.2) schreiben wir einen speziellen Feynman-Graphen


nieder:
 
~kf , αf
ϕf

ϕi 
~ki , αf


und erhalten als algebraischen Ausdruck

e2 ~c2
−2πiδ (Ef + ~ωf − Ei − ~ωi ) √
mc2 2 ωi ωf
* Z +

1 X ~ ~
e−ikf ·~xj +iki ·~xj0 ϕi

· ~eα,f ~eα,i ϕf
V 0 j,j =1

Wir können schließlich folgende Feynman-Regeln aufstellen

1. Baue das Matrixelement von rechts nach links im zeitlichen Ablauf auf.

2. Ordne den äußeren Linien Wellenfunktionen zu:


218 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

 c
q
~ ~
eα,i eiki ·~xj
2ωi ~


 
~ki , αi
|ϕi i

ϕi


 
~kf , αf
q
~
c ~
eα,i e−iki ·~xj
2ωi ~

 ϕf
|ϕf i


3. Den inneren Linien entsprechen Propagatoren
X |ϕz ihϕz |
ϕz
E − Ez + iε

wobei E die gesamte dem Atom zur Verfügung stehende Energie bedeutet.
Diese berechnet sich aus
4. der an jedem Vertex gültigen Energieerhaltungsgleichung (das unterscheidet
ein- und auslaufende Linien durch das Vorzeichen der Energie)
5. an den Vertizes setze ein

 e
− mc p~j

 e
+ mc
2
2 δmn

6. multipliziere total mit dem Energieerhaltungsfaktor

−2πiδ (EEndz. − EAnf z. )


PZ
7. summiere über alle Elektronen j=1 , die an dem Vertex beteiligt sind.

In diesen Regeln fehlt noch der Photonpropagator , auf den wir gleich
zurückkommen werden.

Der Wirkungsquerschnitt für die Elektron-Atom-Streuung ergibt sich nach dem


früher diskutierten Verfahren (S. 193). Dazu beseitigen wir den Eenergieerhaltungs-
faktor und nennen das verbleibende Matrixelement M . Die Übergangswahrschein-
lichkeit pro Zeit ist dann

Wf i = |M |2 δ (EEndz. − EAnf z. )
~
9.4 Die Photon-Atom-Wechselwirkung 219

Wir summieren über die auslaufenden Photonen


Z
−3
V · (2π) d3 kf

und dividieren durch die Stromdichte der einlaufenden Photonen


c
j=
V
Das ergibt28 (bei festen Atomen, die keinen Rückstoß aufnehmen)

dσ 2π V kf2 V
= · · · · |M |2
dΩf ~ c ~c (2π)3

Mit der Abkürzung


e2
r0 =
4πmc2
die man als ,,klassischen Elektronenradius” bezeichnet, erhalten wir schließlich

Z D −i~k ·~x +i~k ·~x 0
X
dσ 2 ωf
=r0 ϕf e f j i j (~eα,f · ~eα,i ) δjj 0
dΩf ωi 0
j,j =1
( ~ ~
1 X (~eα,f · p~j ) e−ikf ·~xj |ϕz ihϕz | (~eα,i · p~j 0 ) e+iki ·~xj0
+
m ϕ Ei + ~ωi − Ez + iε
z

~ ~
) + 2
(~eα,i · p~j 0 ) e+iki ·~xj0 |ϕz ihϕz | (~eα,f · p~j ) e−ikf ·~xj
+ ϕi

Ei − Ez − ~ωf + iε

Dieser Wirkungsquerschnitt beschreibt elastische Prozeße

Ei = Ef ωi = ωf |ϕi i = |ϕf i

und inelastische Prozeße

• Ei < Ef (stokesche Übergänge) oder


• Ei > Ef (anti-stokesche Übergänge)

Im elastischen Fall sprechen wir von Rayleigh-Streuung. In diesem Fall läßt sich die
Formel vereinfachen. Wir schreiben

~eαi = ~ei ~eαf = ~ef

Vertauschungsrelationen liefern

pj · ~ef , ~xj 0 · ~ei ]


[~
~ X
= ~ef · ~ei δjj 0 {hϕi |~
pj · ~ef | ϕz i hϕz |~xj 0 · ~ei | ϕi i − hϕi |~xj 0 · ~ei | ϕz i hϕz |~
pj · ~ef | ϕi i}
i ϕ z

~
= + ~ef · ~ei δjj 0
i
28

kf2 Z∞
von dkf |kf |2 δ(E . . .)
~c
0
220 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Wir benutzen wie früher den Trick29


hϕz |[H, ~xj · ~ei ]| ϕi i = (Ez − Ei ) hϕz |~ej · ~ei | ϕi i
~
= hϕz |~
pj · ~ei | ϕi i
mi
also
1 X −1
~ef · ~ei δjj 0 = (Ez − Ei ) · {hϕi |~
pj · ~ef | ϕz i hϕz |~
pj 0 · ~ei | ϕi i
m ϕ
z

+ hϕi |~
pj 0 · ~ei | ϕz i h|~
pj · ~ef | ϕi i}
Jetzt betrachten wir ω = ωi = ωf so klein, daß
~
e−ikf ·~xj ≈ 1
(alle j, j 0 )
~
e+iki ·~xj0 ≈ 1
Dann ist das Matrixelement gleich
Z 
X ω X hϕi |~pj · ~ef | ϕz i hϕz |~ pj 0 · ~ei | ϕi i

~m ω zi (ω zi − ω − iε)
j,j 0 ϕz

hϕi |~
pj 0 · ~ei | ϕz i hϕz |~
pj · ~ef | ϕi i
+
ωzi (ωzi + ω − iε)
Hier ist
Ez − Ei = ~ωzi
Im Limes ω → 0 wird
 
1 1 ω 2

= 2 1± +O ω
ωzi (ωzi ∓ ω − iε) ωzi ωzi
Der konstante Term liefert aber
X
−2
ωzi {hϕi |~
pj · ~ef | ϕz i hϕz |~
pj 0 · ~ei | ϕi i − hϕi |~
pj 0 · ~ei | ϕz i hϕz |~
pj · ~ef | ϕi i}
ϕz

= m2 hϕi |[~xj · ~ef − ~xj 0 · ~ei ]| ϕi i = 0


Es bleibt damit für das Matrixelement nur der Term O (ω) und entsprechend für
den Wirkungsquerschnitt


dσ  r0 2 4 X

−3
= ω ωzi [hϕi |~ pj · ~ef | ϕz i hϕz |~
pj 0 · ~ei | ϕi i
dΩ ~m ϕz
z≥j,j0 ≥1
2

+ hϕi |~pj 0 · ~ei | ϕz i hϕz |~
pj · ~ef | ϕi i]




 r m 2 X
0 4 −1
= ω ωzi [hϕi |~xj · ~ef | ϕz i hϕz |~xj 0 · ~ei | ϕi i
~ ϕz
z≥j,j0 ≥1
2

+ hϕi |~xj 0 · ~ei | ϕz i hϕz |~xj · ~ef | ϕi i]

Die Frequenzabhängigkeit ist ∼ ω 4 .


29 H = HT eilchen
9.5 Die Selbstenergie des Elektrons 221

9.5 Die Selbstenergie des Elektrons

Wir wollen ein Elektron (ohne Spin) betrachten, das in einem Atom gebunden
sei. Spezialisierung auf den Fall des freien Elektrons wird leicht möglich sein. Der
Propagator dieses Elektrons wurde auf folgende Weise abgeleitet: Der Zeittransla-
tionsoperator
H0
e−i ~ (t0 −t1 )
t0 > t 1

stand zwischen zwei Wechselwirkungen bei t1 und t0 . Die bei t1 in den Propagator
einfließende Energie lieferte den Faktor

E
e−i ~ t1

und wir hatten zu integrieren

Zt0
i H0
(t0 −t1 )−i E
− dt1 e−ε|t1 | e−i ~ ~ t1
~
−∞
  Zt0
X
−i E −i i
= e ~ t0 · dt1 e−ε|t1 | e− ~ (Ez −E)(t0 −t1 ) |ϕz ihϕz |
ϕz
~
−∞

−i E
X |ϕz ihϕz |
= e ~ t0

ϕz
E − Ez + iε

Die Energie wird also an den nächsten Vertex wieder abgegeben. Wir betrachten
nun zwei höhere Ordnungen in der Dipolwechselwirkung:

H0
 e ~  H0
 e  H
~ ⊥ (x) · p~ e−i ~0 (τ2 −t1 )
e−i ~ (t0 −τ1 )
− A⊥ (x) · p~ e−i ~ (τ1 −τ2 ) · − A
mc mc


Auch hier wollen wir annehmen, daß dieser Operator im Raum der Atomzustände
wirkt (Einschränkung auf diesen Unterraum), und daß bei τ2 ein Photon erzeugt


wird, das bei τ1 wieder vernichtet wird. Der Feynman-Graph ist dann:
t0

τ1 t0

anstelle von

τ2 t1

t1
Auch hier speisen wir bei t1 die Energie E ein,

E
e−i ~ t1
222 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

und integrieren anschließend über alle Zeiten t1 , τ2 , τ1 . Das bei τ1 vernichtete Photon
muß identische Quantenzahlen wie das bei τ2 Erzeugte haben. Das ergibt:
Z
V 3
X X D
i~k·~x
E
(9.5.1) d k |ϕ i ϕ (~
e · p
~ ) ϕ z2 ·

3 zf zf e α
(2π) α=1,2 ϕzi
i=1,2,3
D E
~
· ϕz2 e−ik·~x (~eα · p~) ϕz2 hϕz3 |

" #2
−1 e c~2
· [(E − Ez1 + iε) (E − Ez2 − ~ω(k) + iε) (E − Ez3 + iε)] · − p
mc 2ω(k)V

hier kann ϕz1 6= ϕz3 sein, mit Ez1 6= Ez3 eventuell. Wir wollen uns jedoch zuerst
auf den Fall freier Elektronen beschränken:
− 32 ~
|ϕzi i = (2π) ei~qi ·ξi

ξ~ : Ortskoordinate
~x : Ortsoperator

D E Z
~ ~ ~
d3 ξeiξ(k+~q2 −~q1 ) (~eα · p~)
−3
ϕz1 eik·~x (~eα · p~) ϕz2 = (2π)

 
= ~ (~eα · ~q2 ) δ ~k + ~q2 − ~q1
D E  
~
ϕz2 e−ik·~x (~eα · p~) ϕz3 = ~ (~eα · ~q3 ) δ ~k + ~q2 − ~q3

~2 ~qi2
Ezi =
X Z2m
→ d3 qi
ϕzi
     
δ ~k + ~q2 − ~q1 δ ~k + ~q2 − ~q3 = δ ((~q1 − ~q3 ) δ ~k + ~q2 − ~q1


Also ist ϕz1 = ϕz3 . Der Propagator mit der Selbstenergieeinsetzung

ist diagonal in den Elektronenzuständen.

Wir gehen nun zur Ortsdarstellung über (~q1 = ~q3 )


− 32 ~
|ϕz1 i = |ϕz3 i −→ (2π) ei~q1 ·ξ

Wir bekommen dann (~q1 = ~q)


−2
~~q2
Z 
~
d3 q ei~q·(ξ−~η) E −
−3
(2π) + iε ·
2m
  2 −1
Z
~ e 3 2 ~2 ~k − ~q
−3
X 2
· (2π) d3 k (~eα (k) · ~q) · · E − − ~ω(k) + iε
 
α
2m2 ω(k) 2m
9.5 Die Selbstenergie des Elektrons 223

Das untere Integral bezeichnen wir mit

∆E (~q, E) =
  2 −1
~2 ~k − ~q
" #
3 2
~ e
Z
d k3 ~k · ~q 
~q2 − · E − − ~ω(k) + iε

3 2ω(k) ~k 2 2m
m2 (2π)

Hierbei benutzen wir, daß


X km kn
eα,m (k)eαn (k) = δmn − m, n : Indizes der Komponenten
α=1,2
k2

Beweis: siehe Übungen.


Summieren wir nun alle Graphen


ξ~

+ + + ···

so ergibt sich die geometrische Reihe



−1 X !n
~2 ~q2
Z 
−3 3 i~ ~ η)
q ·(ξ−~ ∆E (~q, E)
(2π) d qe E− + iε q
~ 2 2
2m E − ~2m + iε
n=0
−1
~2 ~q2
Z  
~
d3 q ei~q·(ξ−~η) E − ∆E (~q, E) −
−3
= (2π) + iε
2m

Diese partielle Aufsummation der Störungsreihe30 führt zu einer Energieverschie-


bung um den Wert ∆E (~q, E). Dabei ist die Verschiebung von der Ordnung e2 . Eine
weitere Verschiebung der Ordnung e2 kommt von dem iterierten Graphen (d. h. die


ganze geometrische Reihe)

der durch die Wechselwirkung

e2 ~ 2
+ A (x, t)
2mc2 ⊥


erzeugt wird (Übungen). Der Term der Fußnote auf S. 223 ist der wichtigste Beitrag
vierter Ordnung in e.

30 Graphen des Typs werden ausgelassen!


224 9 ELEKTRONEN IM ELEKTROMAGNETISCHEN FELD

Welche Information ist in ∆E (~q, E) enthalten? ∆E ist komplex. Betrachten wir


zuerst den Imaginärteil
  2    2 
2 Z 3 ~k · ~q ~ 2 ~
k − ~
q
~e d k  2
Im ∆E (~q, E) = −π ~q − ·δ E − − ~ω(k)
  
3 2ω(k) ~k 2 2m
m2 (2π)

denn
1
Im = −πδ(x)
x + iε
Da die Delta-Funktion in ~k auf einer kompakten Fläche singulär ist, wird nur über
diese Fläche integriert. Das Integral ist somit endlich! Angenommen, wir könnten
in virtuelles Elektron der Energie E und des Impulses ~q in ein reelles Elektron der
2
~2 (~ q)
k−~
 
Energie und des Impulses ~ ~k − ~q und in ein Photon ~ω(k) zerfallen
2m
lassen. Virtuell heißt hier
~2 q 2
E 6= ,
2m
die Energie-Impuls-Relation wird nicht eingehalten. In Störungstheorie erster Ord-
nung wäre das Matrixelement
D   E
ϕf ; ~k, α |H1 (t)| ϕi

− 32 ~ ~
|ϕf i = (2π) ei(q~−k)·ξ
−3 ~
|ϕi i = (2π) 2 ei~q·ξ
 2
~2 ~q − ~k
H0 |ϕf i = |ϕf i
2m
H0 |ϕi i = E|ϕi i

Dann ergäbe sich die Zerfallswahrscheinlichkeit pro Zeiteinheit (durch Rechnung!)


zu
2
τ −1 = − Im ∆E (~q, E) τ : Lebensdauer des virtuellen Elektrons
~
Wir schreiben
i
∆E (~q, E) = ∆Er (~q, E) − Γ (~q, E)
2
Γ (~q, E) = ~τ −1

Das Integral für ∆Er ist divergent im Bereich |k| → ∞. Wir sagen: es divergiert im
UV-Bereich. Diese Divergenz wird aber durch eine Neuskalierung der Energie

E − ∆Er → Eren

kompensiert. Diese Neuskalierung heißt Renormierung. Die Idee ist die Folgende:
Wenn man ein Elektron von bestimmtem Impuls p~ beobachtet, so ist seine nichtre-
lativistische Energie
p~2
E=
2m
In dieser Energie des freien Elektrons sind schon alle Energieverschiebungen ent-
halten. Die Energie eines nicht ans Photonen-Feld gekoppelten Elektrons ist nicht
9.5 Die Selbstenergie des Elektrons 225

beobachtbar, da wir experimentell diese Kopplung nicht abschalten können. Wir


geben diesem unbeobachtbaren, ungekoppelten Elektron (,,nackten Elektron”) eine
hypothetische Masse mbare .
p~2 p~2 p~2
 
= − ∆Er p~,
2m 2mbare 2mbare
Denn wenn wir mit dem nackten Elektron als Anfangszustand beginnen, ist
p~2
E=
2mbare
festgelegt. Wenn man nun im Integral k auf

|k| < Λ und Λ → ∞

beschränkt, wird ∆Er eine Funktion von Λ. Im nichtrelativistischen Bereich ist


tatsächlich
∆Er = C(Λ) · p~2 (Führender Term in Λ → ∞)
Man postuliert nun
mbare = mbare (Λ)
so daß  
2 1 1
p~ · − C(Λ) = p~2 ·
2mbare (Λ) 2m
Dann muß
mbare (Λ) → 0 für Λ → ∞
sein, um die Divergenz von C(Λ) zu kompensieren.

Diese Vorstellung von Renormierung hat in der Quantenfeldtheorie zu großen


Erfolgen geführt. Sie ist typisch für die Elementarteilchenphysik. Bringen wir ein
Elektron in ein Kristallgitter, so hat es im Vakuum eine wohldefinierte Masse. Im
Gitter, d. h. nach Anschalten der Elektron-Phonon-Wechselwirkung, hat es ebenfalls
eine wohldefinierte Masse, die sogenannte effektive Masse. Hier sind beide Massen,
mit und ohne Wechselwirkung, endlich, beobachtbar, und ihre Differenz muß endlich
und berechenbar sein. Das ist in der Tat der Fall!

Kehren wir nun vom freien Elektron zum Aton zurück. Tatsächlich ist die Ener-
gieverschiebung einer Spektrallinie eines Atoms durch störungstheoretische Effekte
der quantisierten Feldtheorie von großem Interesse: der Lamb-Shift ist von die-
ser Art. Im Ausdruck (9.5.1) (S. 222) berechnen wir dazu das Diagonalelement
ϕz1 = ϕz3 und setzen in Analogie zum freien Elektron

~e2
Z
1 X XD
i~k·~x
E
∆E (z1 , Ez1 ) = d3 k · ϕ (~
e · p
~ ) ϕ ·

3 z1 α z2
2ω(k) α=1,2 ϕ
e
m2 (2π) z2
D E
~ −1
· ϕz2 e−ik·~x (~eα · p~) ϕz1 · [Ez1 − Ez2 − ~ω(k) + iε]

Auch diese Integral ist UV-divergent. Aber in dieser Divergenz ist natürlich die
Renormierung der nackten Elektronen eingeschlossen. Um diesen unbeobachtbaren
Effekt zu eliminieren, gehen wir so vor, daß wir auch hier den cut-off Λ einführen
und den Ausdruck
C(Λ) ϕz1 p~2 ϕz1

von
∆Er (z1 , Ez1 )Λ
226 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

subtrahieren:

∆Er (z1 , Ez1 )ren = ∆Er (z1 , Ez1 )Λ − C(Λ) ϕz1 p~2 ϕz1

Diese Renormierungsvorschrift wurde zuerst von H. A. Bethe auf die Berechnung


des Lamb-Shifts angewandt. Doch erst die (relativistische) Quantenelektrodynamik
hat die Richtigkeit der Renormierungsidee bewiesen. Die numerischen Werte für
Lamb-Shift, g − 2, Feinstruktur des H-Atoms gehören zu den genauest gemessenen
Zahlen der ganzen Physik.

10 Die Dirac-Gleichung

10.1 Minkowski-Raum und relativistische Kovarianz

Die Dirac-Gleichung ist die bekannteste relativistisch kovariante Gleichung zur Be-
schreibung von Teilchen in der Quantenmechanik. Wir wollen zunächst die relati-
vistische Kinematik wiederholen, um den formalen Apparat zur Hand zu haben.

Wir benutzen ein Maßsystem mit

~=c=1

Dann fassen wir Raum und Zeit zu einem vierdimensionalen Raum zusammen. Wir
bezeichnen:
=
 1x = 
ct =t
x x
x2  = y 
x3 z
 0
x
xµ = mit µ = 0, 1, 2, 3 und k = 1, 2, 3
xk

Im Raum der {xµ } benutzen wir eine pseudo-euklidische Metrik


0
(x, y) = xµ y µ · gµµ0 = x0 y 0 − ~x · ~y (Summenkonvention)

mit  
1 0 0 0
0 −1 0 0
gµν = 
0 0 −1 0 
0 0 0 −1
Die metrische Matrix g wird benutzt, um Indizes herabzuziehen

xµ = gµν xν
xµ y µ = (x, y)

Entsprechend ist g −1 = g definiert

g µν gνλ = δλµ
xµ = g µλ xλ
10.1 Minkowski-Raum und relativistische Kovarianz 227

Der Raum von Vektoren xµ mit pseudo-euklidischer Metrik gµν heißt Minkowski-
Raum. Sei nun xµ ein kovarianter Vektor und xµ ein kontravarianter Vektor. Dann
ist

∂µ =
∂xµ
kovariant, denn
xµ ∂µ
ist invariant, wie man an (x2 = (x, x))
xµ ∂µ x2 = 2x2


erkennen kann. Den Ausdruck


∂2
 = ∂µ ∂ µ = gµν ∂ µ ∂ ν = g µν = ∂µ ∂ν =−∆
∂t2
bezeichnet man als d’Alembert-Operator. Vektoren können in in Mannigfaltigkeiten
vom folgenden Typ zerlegt werden:

1. aµ aµ < 0: raumartige Vektoren


2. aµ aµ = 0: lichtartige Vektoren
3. aµ aµ > 0: zeitartige Vektoren

2 und 3 zerfallen in weitere Untermannigfaltigkeiten a0 > 0 (positive) und a0 < 0


(negative) lichtartige bzw. zeitartige Vektoren sowie in 2
a0 = ~a = 0
den Nullvektor.

Schließlich gibt es noch den -Tensor zu erwähnen, der bei antisymmetrischen


Tensoren eine Rolle spielt, z. B.
F̃µν = µνλσ F λσ (F̃ heißt dual zu F )
~ bilden einen
Das skalare elektrostatische Potential φ und das vektorielle Potential A
Vierervektor  
φ
Aµ = ~
A
Aus diesem Vierervektor entsteht der elektromagnetische Feldtensor F µν durch Bil-
dung der Vierer-Rotation
Fµν = ∂µ Aν − ∂ν Aµ
 
0 Ex Ey Ez
−Ex 0 −Bz By 
Fµν = 
−Ey

Bz 0 −Bx 
−Ez −By Bx 0
Die Forderung der Eichinvarianz für die Feldgleichungen eines Teilchens der Ladung
e erzwingt, daß jeder Differentialoperator ∂µ kombiniert wird mit dem Feld Aµ
∂µ → ∂µ + ieAµ


 
+ ieφ
∂x0
= 
~ ~
∇ − ieA
228 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

Zu jeder Geometrie gehört eine Invarianz-Gruppe, die das Skalarprodukt un-


geändert läßt. Sei
x0µ = Ωµν xν
x0 = Ωx
eine lineare Transformation. Die Matrix Ω kann durch Multiplikation mit g verwan-
delt werden in
Ωµν Ωµν Ωνµ
Aus der Invarianzforderung
(x0 , y 0 ) = (x, y)
folgt
0
(10.1.1a) gµµ0 Ωµν Ωµν 0 = gνν 0
oder
0 0 0
(10.1.1b) Ωµν Ωµ ν = δνν
oder
(10.1.1c) gΩT g = Ω−1
(das entspricht OT = O−1 bei euklidischen Geometrien).

Die reellen Matrizen, die den Relationen (10.1.1) genügen, bilden die homogene
Lorentzgruppe. Als Beispiel erwähnen wir die Untergruppe der Rotationen
 
1 0
ΩR =
0 R

R = R (~e, α) Rotation
sowie die Untergruppe der Lorentz-Transformationen vom Typ
cosh η ~e sinh η
 

Ω= 
e sinh2 η
~e sinh η I + ~e⊗~
1+cosh η

mit η ∈ R1 , ~e2 = 1, ~e ∈ R3 .

Die klassischen Bewegungsgleichungen sind am einfachsten durch die (invarian-


te) Eigenzeit
p
dτ = dxµ dxµ
p
= 1 − ~v 2 dt
d~x
~v =
dt
dx0 = dt
auszudrücken. Damit können wir den Geschwindigkeitsvektor uµ definieren durch
dxµ
uµ =
dτ dt


=  
dt
~v · dτ
dt 1
= √
dτ 1 − ~v 2
uµ uµ = 1
10.2 Die Klein-Gordon Gleichung 229

Die Ruhemasse m eines Teilchens liefert den Impuls vermöge

pµ = muµ
µ
p pµ = m2
 0
p
pµ =
p~
m
p0 = √ = Energie (kinetische)
1 − ~v 2
Die Bewegungsgleichung eines Massenpunktes im elektromagnetischen Feld Fµν ist
dann
dpµ
= eF µν uν

(pµ mechanischer, nicht kanonischer Impuls). Der kanonische Impuls p̃µ ist

p̃µ = pµ + eAµ

und die Hamilton-Funktion


r 2
H = eφ + p̃~ − eA~ + m2 = p̃0
| {z }
=p0

Dabei ist p̃0 die Gesamtenergie E

p̃0 = p0 + eφ = E

und die Energieerhaltung lautet


H=E
Aus H lassen sich die Bewegungsgleichungen
d~x p~
=
dt p0
dp~˜ 
~

= −e grad φ − ~v · A
dt
ableiten. Aus der zweiten Gleichung folgt
d~p 
~ + ~v × B
~

=e E
dt
wenn man benutzt, daß
~
dA



= + ~v · grad A~
dt ∂t

10.2 Die Klein-Gordon Gleichung

Historisch ist man so vorgegangen, daß man einen relativistisch kovarianten Ansatz
für eine Wellengleichung gesucht hat, die die Schrödinger-Gleichung ersetzen sollte.
Dabei wurde stillschweigend vorausgesetzt, daß es eine Wellenfunktion ψ(x, t) geben
müsse, die der gleichen Wahrscheinlichkeits-Interpretation unterworfen ist, wie im
nichtrelativistischen Fall. Eine Möglichkeit besteht darin, in

H=E
230 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

die Substitution

E −→ i p~ −→ −i∇
∂t
durchzuführen und
" r #
∂ 2
i ψ = eϕ + ~ + m2 ψ
−i∇ − eA
∂t

zu schreiben.

Der Opertor auf der rechten Seite ist zwar wohldefiniert (es ist ein pseudo-
Differentialoperator im Sinne von Hörmander), aber praktisch schwer handhabbar,
außer wenn A ~ = 0 ist. Diese Gleichung ist wenig untersucht worden. Eine störungs-
theoretische Auswertung mit
 2
m2  −i∇ − eA ~

führt auf relativistische Korrekturen für ein spinloses Teilchen in einem elektroma-
gnetischen Potential und ist für das Wasserstoffproblem unbrauchbar (Fehlen der
Spin-Bahn-Kopplung!).

Geht man statt dessen von der klassischen Gleichung


 2
2 ~ = m2
(E − eφ) − p~ − eA

aus, so kommen wir zur Klein-Gordon-Gleichung


" 2  #
∂ 2
i − eϕ − −i∇ − eA ~ ψ = m2 ψ
∂t

oder
(∂µ + ieAµ ) (∂ µ + ieAµ ) + m2 ψ = 0
 

Wir wollen uns mit der freien Klein-Gordon-Gleichung

 + m2 ψ = 0


etwas ausführlicher beschäftigen. Fouriertransformation (x = xµ )


Z
−2 µ
ψ(x) = (2π) d4 k ekµ x ψ̂(k)

ergibt
−k 2 + m2 ψ̂(k) = 0


also h    i
ψ̂(k) = δ k 2 − m2 Θ (k0 ) ψ̂+ ~k + Θ (−k0 ) ψ̂− ~k
   
Dabei ist ψ̂+ ~k (ψ̂− ~k ) eine beliebige Funktion des dreidimensionalen Impulses
~k sowie (
1 ξ>0
Θ (ξ) =
0 ξ<0
 
Die beiden Funktionen ψ̂± ~k gehören zu den positiven (k0 > 0) bzw. negativen
 
Frequenzen (k0 < 0) oder Energien. Nur die Funktion ψ̂+ ~k ist eventuell brauch-
bar zur Interpretation als Wahrscheinlichkeitsamplitude für die Wahrscheinlichkeit
10.2 Die Klein-Gordon Gleichung 231

im Impulsraum. Tatsächlich wird in der QFT von dieser (und nur von dieser) In-
terpreation dauernd Gebrauch gemacht. In den Ortsraum übersetzt ergibt sich
ψ(x) = ψ+ (x) + ψ− (x)
Z 3
−2 d k ∓ik0 x0 +i~k·~x  
ψ± = (2π) e · ψ̂± ~k
2k0
  12
k0 = + m2 + ~k 2

Da die Klein-Gordon-Gleichung von zweiter Ordnung in der Zeitableitung ist, er-


fordert das Cauchy-Problem zwei Anfangswerte


ψ(x)|x0 =0 ψ(x)
∂x0
x0 =0

zur eindeutigen Lösung. Eine ,,Wellenfunktion” ψ(x)|x0 =0 reicht also nicht zur Be-
schreibung aus. Die Tatsachen, daß man immer zwei Frequenzanteile hat bzw. zwei
Anfangswerte benötigt, hängen miteinander zusammen. Denn nach Umkehrung der
Fourier-Transformation ergibt sich mit
ψ0 (~x) =
ψ(x)|x0 =0


ψ1 (~x) = 0
ψ(x)
∂x
Z x0 =0
1 h ~   i
−1 ~
ψ̂+ k + ψ̂− ~k = (2π) d3 x ψ0 (~x) e−ik·~x
2k0
Z
i h ~   i
~ −1 ~
ψ̂+ k − ψ̂− k = (2π) d3 x ψ1 (~x) e−ik·~x
2
Man kann natürlich auch versuchen, die negativen Frequenzanteile per definitionem
zu beseitigen  
ψ̂− ~k = 0
Dann ist ψ1 (~x) aus ψ0 (~x) berechenbar. Bei freien Teilchen ist das tatsächlich in
Ordnung. Aber sobald eine Wechselwirkung eingeschaltet wird, mischen sich beide
Frequenzanteile. Wenn die betrachteten Energien klein gegen mc2 sind, kann man
die negativen Frequenzteile störungstheoretisch (Potenzreihe in (mc2 )−1 ) eliminie-
ren. All diese Probleme sind typisch für die relativistische Quantenmechanik und
werden uns bei der Dirac-Gleichung wieder begegnen.

Ein anderer Zugang hat historisch eine Rolle gespielt. Man forderte in Kompati-
bilität mit der Klein-Gordon-Gleichung die Existenz einer Wahrscheinlichkeitsdichte
P (x) und eines Wahrscheinlichkeitsstromes ~(x). Diese sollten bilinear in ψ(x) sein
und der Kontinuitätsgleichung
∂P
+ div ~ = 0
∂t
oder mit
jµ = (P, ~)
∂µ j µ = 0
erfüllen. Man verifiziert leicht, daß diese Forderungen durch (eindeutig bis auf kon-
stanten Faktor)
 
i ∂ψ ∂ ψ̄
P (x) = ψ̄ −ψ
2m ∂t ∂t
1 
~(x) = ψ̄∇ψ − ψ∇ψ̄
2im
232 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

erfüllt werden. Die ,,Wahrscheinlichkeitsdichte” P (x) ist offensichtlich nicht positiv


definiert. Eine sinnvolle Interpretation ist damit noch nicht möglich. Beschränken
wir ψ auf positive Frequenzen, so wird P (x) immer noch nicht positiv definit. Man
prüft diese Aussage am besten numerisch. Wohl ist aber dann
Z
P (x)d3 x > 0

für positive Frequenzen. Die Schlußfolgerung ist: Auch bei einer sinnvollen Wahr-
scheinlichkeitsinterpretation im Impulsraum (Beschränkung auf positive Frequen-
zen) ist eine Wahrscheinlichkeistinterpretation im Ortsraum, d. h. die Existenz einer
Orts-Observablen, fraglich.

10.3 Die Dirac-Gleichung

Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Dirac-Gleichung aus verschiedenen


Vorgaben abzuleiten. Am elegantesten ist die gruppentheoretische Methode, die die
Theorie der unitären Darstellungen der inhomogenen Lorentz-Gruppe voraussetzt.
Wir wollen uns an dar originale Vorgehen von Dirac halten. Das Ziel ist eine Diffe-
rentialgleichung vom Schrödingertyp
∂ψ
(10.3.1) i = HD ψ
∂t
wobei HD ein selbstadjungierter Differentialoperator in N × N Matrixform ist und
CN ⊗ L2 R3 ⊗ C1 (R)

ψ ∈ |{z}
| {z } | {z }
Index Ortsabh. Zeitabh.
 
ψ1
 .. 
ψ =  .  (~x, t)
ψN

Der Freiheitsgrad CN dient zur Beschreibung des Spins. N = 2 ist aber nicht ausrei-
chend. Wegen der Forderung, daß Orts- und Zeitvariablen kovariant transformierbar
sein müssen, kann HD nur linear in den Ortsableitungen sein (freie Teilchen)
HD = α ~ · p~ + β · m

α
~ = (α1 , α2 , α3 )
hermitesche Matrizen
β
~
p~ = −i∇
Als weitere Forderung stellen wir auf, daß jede Komponente von ψ der Klein-
Gordon-Gleichung
 + m2 ψ s = 0

s ∈ {1, 2, . . . , N }
genügen soll. Multiplizieren wir Gleichung (10.3.1) von links mit
   
∂ ∂
i +α ~ · p~ + βm · i − α ~ · p~ − βm ψ = 0
∂t ∂t
so ergibt sich
 
2
∂ X X
− − αi αj pi pj − (αi β + βαi ) mpi − β 2 m2  ψ = 0
∂t2 i,j i
10.3 Die Dirac-Gleichung 233

Diese Gleichung stimmt mit der Klein-Gordon-Gleichung überein, falls

αi αj + αj αi = 2δij I
αi β + βαi = 0
β2 = 1

Diese Gleichungen sind nun zu lösen. Auch hier folgen wir Dirac. Wir definieren

(10.3.2a) σx = −iαy αz etc. zyklisch


(10.3.2b) %1 = −iαx αy αz
(10.3.2c) %2 = −βαx αy αz
(10.3.2d) %3 = β

Dann gilt:

1. beide {σx , σy , σz }, {%1 , %2 , %3 } erfüllen je die Lie-Algebra der Pauli-Matrizen;


2. jedes σ kommutiert mit jedem %.

Damit bekommen wir eine Darstellung in der folgenden Form von 4 × 4 Matrizen
(mit den Pauli-Matrizen {σ1 , σ2 , σ3 })
     
σ1 0 σ2 0 σ3 0
σx = , σy = , σz =
0 σ1 0 σ2 0 σ3
     
0 I 0 −iI I 0
%1 = , %2 = , %3 =
I 0 iI 0 0 −I

Rückwärts ergibt sich

αx = %1 σ x
αy = %1 σ y
αz = %1 σ z
β = %3

Die so erhaltene Darstellung heißt Dirac-Darstellung der α, β-Matrizen.

Wenn wir nun wie üblich das elektromagnetische Feld ankoppeln, bekommen wir
die Dirac-Gleichung
  
∂ 
~ − eA

~ − βm ψ = 0
i − eϕ − α ~ −i∇
∂t

Wir wollen nun die heute sehr viel verbreiterte Form, die kovariante Dirac-Gleichung,
angeben. Definieren wir

γ0 = β
~γ = β~α

so bekommen wir durch Multiplikaton mit β

[iγ µ (∂µ − eAµ ) − m] ψ = 0


γµ = γ 0 , ~γ

234 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

wobei die γ-Matrizen die Relation


(10.3.3) γ µ γ ν + γ ν γ µ = 2g µν
erfüllen. Dabei sollten folgende Hermitezitätsbedingungen gelten:
+
γ0 = γ0
+
γ k = −γ k = +γk
also
+ −1
γµ = gµν γ ν = (γ µ ) = (γ µ )
Sei ein pseudoeuklidischer Raum mit der Metrik g µν gegeben. Dann nennt man
die durch (10.3.3) definierte Algebra die zugehörige Cliffordalgebra. So bilden etwa
die beiden Pauli-Matrizen σ1 , σ2 die Cliffordalgebra des euklidischen Raumes R2 ,
die drei Pauli-Matrizen σ1 , σ2 , σ3 die Cliffordalgebra des Raumes R3 . Wir wollen
hier betonen, daß es bis auf Äquivalenz genau eine irreduzible Darstellung einer
Cliffordalgebra gibt. Wir werden später auf die Eigenschaften der γ-Matrizen näher
eingehen.

Für den ,,Dirac-Spinor”  


ψ1
ψ 2 
ψ= 
ψ 3 
ψ4
führen wir die Bilinearform
4
X
ψ+ ψ = ψ̄i ψi
i=1
ein. Dann betrachten wir die adjungierte Form von
" #
∂ψ X  ∂

k
i = eϕ + αk −i k − eA + βm ψ
∂t ∂x
k

nämlich
∂ψ + X ∂ 
+
i = −eϕψ − i k − eA ψ + αk − mψ + β
k
∂t ∂x
k
Daraus folgt
 
∂  +  ∂ + ∂
i ψ ψ = i ψ ψ + ψ+ ψ
∂t ∂t ∂t
X ∂
ψ+ ψ

= −i
∂xk
k

Setzen wir
P = ψ+ ψ
~ = ψ + α

µ
j = (P, ~)
so ergibt sich
∂µ j µ = 0
P ≥ 0
Damit hat sich eine positive Dichte ergeben, die als Wahrscheinlichkeitsdichte in-
terpretierbar ist. Die Separation der negativen Frequenzteile hat aber ebenfalls zu
erfolgen. Diese wird störungstheoretisch vorgenommen.
10.4 Clifford-Algebren und Kovarianz 235

10.4 Clifford-Algebren und Kovarianz

Die Relationen (10.3.3) definieren eine Algebra, die Clifford-Algebra zum Minkowski-
Raum M1,3 . Dazu betrachten wir

3
1. den Vektorraum von Polynomen, die aus den {γ µ }µ=0 gebildet werden können;

2. benutzen die Relationen (10.3.3) zur Reduzierung der Basis dieses Raums.

Es bleiben damit 16 Basiselemente ΓA , A ∈ {1, . . . , 16}

IN 1
γµ 4
γµγν , µ < ν 6
γµγν γλ, µ < ν < λ 4
γ0γ1γ2γ3 = γ5 1
16

Man beachte, daß die Matrizen γ µ γ ν γ λ , µ < ν < λ sich durch die Matrizen γ µ γ 5
ausdrücken lassen. Sind alle 16 Matrizen linear unabhängig? Um dies zu beweisen,
beachten wir, daß
Sp ΓA = 0 außer für ΓA = IN
Der Beweis ist einfach:

2
1. Sp γ µ = 0, denn für µ 6= ν, (γ ν ) = ηI, η = ±1 wird

Sp γ µ = η Sp (γ µ γ ν γ ν )
= η Sp (γ ν γ µ γ ν ) (zyklische Invarianz)
= −η Sp (γ µ γ ν γ ν ) (Anti-Vertauschung)
= − Sp γ µ

2. Sp γ 5 = 0, ebenso da γ 5 γ µ + γ µ γ 5 = 0

3. Sei µ < ν, dann ist

Sp γ µ γ ν = Sp γ ν γ µ (zyklische Invarianz)
= − Sp γ µ γ ν (Anti-Vertauschung)
= 0

4. Sp γ 5 γ µ = 0 ebenso.

Es ist
2
ΓA = η A IN
+
ΓA = η A ΓA
ηA = ±1
236 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

Die zweite Gleichung folgt aus der ersten (trivialen), da


 + 
Sp ΓA ΓA >0

sein muß. Also ist mit aα ∈ C


16
X
A = aα Γα
α=1
16
1 X 2
Sp AA+ = |aα |
N α=1
:= (A, A)
Bezüglich dieses Skalarproduktes sind die ΓA orthogonal, sie sind damit trivialer-
weise linear unabhängig.

Unter Multiplikation von links


16
X
γ µ ΓA = A
DB (γ µ ) ΓB
B=1

bekommen wir die reguläre Darstellung der Clifford-Algebra. Sie erfüllt


D (γ µ ) D (γ ν ) + D (γ ν ) D (γ µ ) = 2g µν · I16
und ist 16-dimensional.

Seien zwei irreduzible Drastellungen D1 , D2 gegeben


γ µ −→ D1,2 (γ µ )
Gibt es ein S, det S 6= 0, so daß
D1 (γ µ ) S = SD2 (γ µ ) für alle µ
so heißen die beiden Darstellungen äquivalent. Darstellungen sind damit in Äqui-
valenzklassen einordenbar. Ein elementarer Satz der Algebra sagt, daß die reguläre
Darstellung alle Äquivalenzklassen unter Ausreduktion enthält, und zwar jede so-
oft, wie ihre Dimension angibt. Die 4-dimensionale Dirac-Darstellung kommt also 4
mal in der regulären Darstellung vor. Die reguläre Darstellung zerfällt also in vier
Blocks von 4 × 4-Matrizen. Mehr passt aber in die 16 × 16-Matrizen der regulären
Darstellung nicht hinein: es gibt nur diese Äquivalenzklasse.

Bevor wir die Kovarianz der Dirac-Gleichungen formulieren, wollen wir noch ein
wenig Darstellungstheorie der homogenen Lorentzgruppe betreiben. Sei
Λ = R (α, ~n) ΛS (η, ~e) ∈ SO (3, 1)
   
= ~ + O α2
1 − iα~n · M ~ + O η2
1 − iη~e · N
 
~ + η~e · N
~ + O α2 , η 2 , αη

= 1 − i α~n · M

Für die {Mi , Nj } können wir die Vertauschungsrelationen ableiten:


[Mi , Mj ] = +iijk Mk
[Mi , Nj ] = +iijk Nk
[Ni , NJ ] = −iijk Mk
Daraus leiten wir sofort zwei Darstellungen ab:
10.4 Clifford-Algebren und Kovarianz 237

1.
1 i
σj Mj −→
Nk −→ σk
2 2
,,Spinordarstellung von SO(3, 1)” exponentiert zu
   
i 1
a = exp − α~n~σ · exp + η~e~σ
2 2
| {z } | {z }
unitär aus hermitesch>0
SU (2)

= a (α, ~n; η, ~e)


det a = 1 ⇒ a ∈ SL (2, C)

2.
1 i
σj Mj −→
Nk −→ − σk
2 2
,,konjugierte Spinordarstellung von SO(3, 1)” exponentiert zu
   
0 i 1
a = exp − α~n~σ · exp − η~e~σ
2 2
−1,+
= a (α, ~n; η, ~e)

Bei einer Clifford-Algebra zu einem euklidischen Raum (Rn ) oder pseudoeuklidi-


schen Raum (M3,1 , allgemein Mp,q ) gibt es in dem bis auf Äquivalenz eindeutig
bestimmten Darstellungsraum der Algebra eine Darstellung Λ 7→ S(Λ) der homo-
genen Rotationsgruppe (SO(n), SO(3, 1), SO(p, q)), bei der die
1 µ ν
σ µν = (γ γ − γ ν γ µ )
2i
die Rolle der Erzeugenden spielen. In der Dirac-Darstellung ist
1 0 j
σ 0j γ γ − γj γ0

=
2i
= −iγ 0 γ j
= −iαj
 
0 σj
= −i
σj 0
σ ij = −iβαi βαj
= +iαi αj
 
σi σ j 0
= i
0 σi σj
 
σk 0
= − (ijk zyklisch)
0 σk

Wenn wir bei der Konstruktion der αi , β %1 und %3 vertauschen31 , bekommen wir
 
0 0 I
γ =
I 0
 
k 0 −σk
γ =
σk 0
 
5 0 1 2 3 −iI 0
γ = γ γ γ γ =
0 +iI
31 σ
x , σ y , σ z , %1 , %2 , %3 wie bei (10.3.2), aber αx = %3 σx = βσx etc.
238 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

sowie
 
σ 0
σ 0j = −i j
0 −σj
 
σ 0
σ ij = − k (ijk zyklisch)
0 σk

Dies ist die ,,Weyl-Darstellung”. Setzen wir als Darstellung an (nur in dieser Weyl-
Darstellung)  
a (α, ~n; η, ~e) 0
Λ → S(Λ) =
0 a0 (α, ~n; η, ~e)
so wird daraus
   
i i
S(Λ) = exp αijk ni σ jk · exp + ηej σ 0j
4 2
Diese Schreibweise ist unabhängig von der Darstellung. Spezialfälle:

1.

~n = (0, 0, 1)
η = 0
 − i ασ 
e 2 3 0
S(Λ) = − 2i ασ3
Dirac- oder Weyl-Darstellung
0 e

2.

α = 0
~e = (0, 0, 1)

in Weyl-Darstellung
1
e 2 ησ3
 
0
S(Λ) = 1
0 e− 2 ησ3
aber in Dirac-Darstellung
  
1 0 σ3
S(Λ) = exp + η
2 σ3 0
 
0 σ3
= cosh 12 η · I4 + sinh 12 η ·
 
σ3 0

Die Kovarianz der Dirac-Gleichung ist eine Folde der Identität


−1
(10.4.1) S (Λ) γ µ S (Λ) = Λµν γ ν

wie wir später sehen werden. Um diese Identität zu beweisen, erinnern wir uns an
Abschnitt 7.2
−1
d (R) σj d (R) = Rjk σk
oder jetzt explizit  
i i ~
e+ 2 α~n·~σ σj e− 2 α~n·~σ = e−iα~n·M σk
jk

Für Rotationen ist  


1 0
Λ=
0 R
10.4 Clifford-Algebren und Kovarianz 239

und unter Benutzung der γ µ in Weyl-Darstellung (Abschnitt 7.4) folgt (10.4.1)


sofort für Rotationen, speziell
−1
S (R) γ 0 S (R) = γ 0
Für die speziellen Lorentz-Transformationen wählen wir das obige Beispiel in Weyl-
Darstellung
Λs (η, ~e)
~e = (0, 0, 1)
1   + 1 ησ
e− 2 ησ3 e−ησ3
    
0 0 I e 2 3 0 0
+ 12 ησ3 1 =
0 e I 0 0 e− 2 ησ3 e+ησ3 0
| {z }
=γ 0

= cosh ηγ 0 + sinh ηγ 3
− 21 ησ3
  + 1 ησ
−e−ησ3 σ3
    
e 0 0 −σ3 e 2 3 0 0
+ 12 ησ3 − 12 ησ3 =
0 e σ3 0 0 e e+ησ3 σ3 0
= sinh ηγ 0 + cosh ηγ 3
Damit ist (10.4.1) bewiesen.

Nun setzen wir in die Dirac-Gleichung


(10.4.2) (iγ µ ∂µ − m) ψ(x) = 0
ein:
x0 = Λx
∂ν = Λµν ∂µ0
sowie
ψ 0 (x0 ) = S (Λ) ψ(x)
und zeigen, daß
iγ µ ∂µ0 − m ψ 0 (x0 ) = 0


gilt. Das verstehen wir als Kovarianz. Tatsächlich folgt durch Multiplikation von
(10.4.2) mit S (Λ)
 
−1
0 = iS (Λ) γ µ S (Λ) ∂µ − m S (Λ) ψ(x)
 µ 
= i Λ−1 ν γ ν ∂µ − m S (Λ) ψ(x)
= (iγ ν ∂ν0 − m) ψ 0 (x0 )
Damit ist die Kovarianz bewiesen.

Wir fassen noch einmal zusammen: Der Dirac-Spinor spannt den Darstellungs-
raum der Clifford-Algebra auf (irreduzibel), aber zerfällt unter homogenen Lor-
entztransformationen in zwei zweidimensionale inäquivalente Darstellungen (von
SL(2, C). Dowohl in Dirac-, als auch in Weyl-Darstellung bilden die oberen zwei
und die unteren zwei Komponenten je eine, nämlich dieselbe Paulispindarstellung
unter Rotationen.

Noch ein paar Bemerkungen zum Schluß. Sei Λ eine Rotation, dann ist S (Λ)
unitär und S (Λ) = γ0 S (Λ) γ0 . Ist Λ eine spezielle Lorentztransformation, so genügt
S (Λ)
+ −1
S (Λ) = S (Λ) = γ0 S (Λ) γ0
240 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

denn (Λ = Λs (η, ~e))  


1 0
S (Λ) = exp ηγ (~e · ~γ )
2
+ −1
Der Exponent antikommutiert mit γ 0 . In jedem Fall gilt: S (Λ) γ 0 = γ 0 S (Λ) .
Damit wird
+
ψ 0 (x0 )+ γ 0 ψ 0 (x0 ) = ψ(x)+ S (Λ) γ 0 S (Λ) ψ(x)
= ψ(x)+ γ 0 ψ(x)
also erzeugt γ 0 ein Pseudo-Skalarprodukt im Raum der Dirac-Spinoren. Wir werden
abkürzen
ψ(x)+ α0 = ψ(x)

10.5 Lösungen der Dirac-Gleichung

Da ψ(x) der Klein-Gordon-Gleichung genügen soll, machen wir den Ansatz


Z
−3
d4 k e−ikx δ k 2 − m2 ψ̂(k)

ψ(x) = (2π) 2

Mit der Abkürzung X X


k µ γµ = kµ γ µ = k
µ µ

genügt ψ̂(k) der Gleichung


(k − m) ψ̂(k) = 0
Das ist ein homogenes lineares Gleichungssystem. Der lineare Operator ist nicht
hermitesch.
k + = γ 0 kγ 0
Wir definieren
   
ψ̂(k) = Θ (+k0 ) ψ̂+ ~k + Θ (−k0 ) ψ̂+ −~k
 
  ψ̂± ~k
(10.5.1) ψ̂ (±) ~k = p (→ liefert die Impulsraumwellenfunktion)
2 |k0 |
d3 k ∓ikx (±) ~ 
Z
−3
ψ (±) (x) = (2π) 2 √ e ψ̂ k
2k0
q
(10.5.2) k0 = + ~k 2 + m2
ψ(x) = ψ (+) (x) + ψ (−) (x)
Wegen der Kovarianz können wir die obigen Gleichungen im Ruhesystem lösen. Sei
~k

~ = ~e
k

~
k
p = tanh η
m2 + ~k 2
 
m
0
k = Λs (η, ~e) 
0
 für k 0 > 0
0
10.5 Lösungen der Dirac-Gleichung 241

p
Natürlich gilt (k0 = + ~k 2 + m2 )
 
(k ∓ m) ψ̂± ~k = 0

also im Ruhesystem für das obere Zeichen

m γ 0 − 1 ψ̂+ (0) = 0

 
ψ̂+,1
ψ̂+,2  Dirac-Darstellung
ψ̂+ =  ψ̂+,3  −−−−−−−−−−−→ ψ̂+,3 (0) = ψ̂+,4 (0) = 0

ψ̂+,4

während die ersten beiden Komponenten mit dem Paulispinor χ identifiziert werden
können. Wir führen die Basis von Zuständen ein (α ∈ {1, 2, 3, 4})
 σ
χ
vα(+),σ (0) =  0 
0
  α
1 1
χ+ 2 =
0
 
1 0
χ− 2 =
1

σ bezeichnet die Spinprojektion des ruhenden Teilchens in z-Richtung.

Die Lösungen zu negativen Frequenzen genügen der Gleichung

−m γ 0 + 1 ψ̂− (0) = 0


so daß sie für die ersten beiden Komponenten verschwinden müssen.

ψ̂−,1 (0) = ψ̂−,2 (0) = 0

während die beiden letzten Komponetnen sich unter Rotation wie ein Paulispinor
transformieren:  
0
vα(−),σ (0) =  0  σ = ± 12
σ
χ α

Nun können wir zu endlichen Impulsen zurückkehren, indem wir die spezielle
Lorentztransformation Λs (η, ~e) anwenden
 
m
0
k = Λs (η, ~e) 
0

0
 
(±),σ
vα(±),σ ~k = S (Λs (η, ~e))αβ vβ (0)
 
Hier kann S (Λs ) eingesetzt werden und die v (±),σ ~k berechnet werden (Vorsicht
bei der Benutzung älterer Lehrbücher!). Die allgemeine Lösung lautet nun
  X    
ψ̂± ~k = a(±)
σ
~k v (±),σ ~k
1
σ=± 2
242 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

Da das lineare Gleichungssystem nicht


 durch einen hermiteschen Operator definiert
(±),σ ~
war, sind die Lösungen v k auf etwas kompliziertere Weise orthonormiert.
Wir setzen32
   +
v (±),σ ~k = v (∓),σ ~k γ 0
  0
  0
+
v (±),σ ~k v (±),σ ~k = v (±),σ (0)+ S (Λs ) γ 0 S (Λs ) v (±),σ (0)
0
= v (±),σ (0)+ γ 0 v (±),σ (0)
= ±δσσ0

Entsprechend ist
  0
 
v (±),σ ~k v (±),σ ~k = 0

Umgekehrt gibt es entsprechende Vollständigkeitsrelationen


!
    X
~k v (∓),σ ~k = (±),σ (±),σ
X X
vα(±),σ Sβ 0 β Λ−1

β S (Λs )αα0 vα0 (0)vβ 0 (0) s
σ α0 β 0 σ

Die Klammer ist (Dirac-Darstellung!)

1 0 
(. . . ) = γ ± 1 α0 β 0
2
so daß sich schließlich  
k±m
=
2m αβ

ergibt.

Merke: Der Spin eines relativistisch bewegten Teilchens wird durch rotationsfreie
Lorentztransformation (Λs ) aus dem Ruhesystem definiert. Gemessen wird er ziem-
lich indirekt, nämlich durch Beobachtung von Sekundär-Streuung. In den Formeln
zur Analyse dieser Streuung muß die Definition eingearbeitet sein.

Als Spinoperator kommt ein Vierervektor


 ν
0
1
µ  2 σ1 
 
S µ ~k = Λs (η, ~e)ν  
 1 σ2 
2
1
2 σ3

in Frage, oder ein antisymmetrischer Tensor


 στ
0 0 0 0
 
µν ~ µ ν  0 0 + 12 σ3 − 12 σ2 
S k = Λs (η, ~e)σ Λs (η, ~e)τ · 
0 − 1 σ3

2 0 + 12 σ1 
0 + 12 σ2 − 12 σ1 0

Im nichtrelativistischen Limes ( vc  1) geht die Dirac-Gleichung mit Aµ -Feld33 in


eine Schrödingergleichung über, die eine Spin-Bahn-Wechselwirkung enthält und
32 Achtung auf die Vorzeichenumkehr, Vorzeichen hängen mit e±ikx zusammen, was sich bei

Konjugation umkehrt, damit bleibt später die Zuordnung von positiven Frequenzen zu Vernichtern
gewahrt.
33 ,,minimal” gekoppelt
10.5 Lösungen der Dirac-Gleichung 243

als g-Faktor des Elektrons g = 2 liefert. Tatsächlich ist g − 2 als sehr kleine Zahl
bekannt und wird auf QED-Korrekturen zurückgeführt. Würden wir den Spin aus
einer klassischen relativistischen Betrachtung in die Schrödingergleichung einsetzen,
so wäre g ein freier Parameter.

Die postitiven Frequenzanteile erlauben eine Wahrscheinlichkeitsinetrpretation


im Impulsraum. Wir gehen davon aus, daß
+
P (~x, t) = ψ (+) (~x, t) ψ (+) (~x, t)

die Zeitkomponente eines erhaltenen Vektorfeldes J µ

∂µ J µ = 0

ist (Abschnitt 10.3)34 . Eine Wahrscheinlichkeitsdichte ist kein Skalarfeld, d. h.

P 0 (Λx) = P (x)

darf nicht gelten. Denn


Zahl der Ereignisse in V
P (x) = lim
vol(V )→0
x∈V
vol(V )

Der Zähler ist eine Lorentzinvariante, der Nenner unterliegt aber einer Kontraktion!
Das liefert den Faktor cosh η, der nur bei Transformationen eines Vektors auftritt!

Damit ist
Z
1 = d3 xP (~x, t)
Z Z 3 0  + Z d 3 k
−3 d k ik0 x ~k 0 −ikx
 
~k
= 3
d x (2π) e ψ̂ + · e ψ̂ + (k0 , k00 > 0)
2k00 2k0
 +  
Z ψ̂+ ~k ψ̂+ ~k
= d3
4k02

Erst wenn wir wie in (10.5.1) (S. 240)


 
  ψ̂± ~k
ψ̂ (±) ~k = √
2k0
einführen, wird das Integral

d3 k (+) ~ + (+) ~ 
Z
= ψ̂ k ψ̂ k
2k0
Bei Photonen konnten wir den positiven Frequenzteil selbst verwenden, jetzt müssen
1
wir diesen Teil mit √2k umnormieren.
0

Wir notieren noch

Jµ = ψ (+) (~x, t)γ µ ψ (+) (~x, t)


∂µ J µ = ψ (+) (~x, t)∂µ γ µ ψ (+) (~x, t)
↑ Wirkung auf beide Faktoren
34 Das wird am Ende des Abschnitts bewiesen.
244 10 DIE DIRAC-GLEICHUNG

Beim hinteren Faktor setzen wir

∂µ γ µ ψ (+) = −imψ (+)

Konjugation

ψ (+)+ γ 0 ∂µ γ µ γ 0 = +imψ (+)+


| {z }
ψ (+) ∂µ γ µ = +imψ (+)
| {z }
∂µ J µ = ψ (+) [+im − im] ψ (+)
= 0

und J µ ist ein Vektor


−1
J 0µ (~x0 , t0 ) = ψ (+) (~x, t)S (Λ) γ µ S (Λ) ψ (+) (~x, t)
= Λµν J ν (~x, t)

— ENDE —
245

A Mathematische Erläuterungen

A.1 Fourier-Theorem
Z
N
Ĝ(k) = (2π)− 2 e−ikx G(x)dN x
RN

1.
1 2
G(x) = e− 2 x
Ĝ(k) = G(k) !

2.

f, g ∈ S(R)
Z
\ N
(g · fˆ)(x) = (2π)− 2 e−ikx g(k)fˆ(k)dN k
RN
 
Z Z
−N −ikx −N −iky
= (2π) 2 e g(k) · (2π) 2 e f (y)d y  dN k
N

RN RN

Da Z
|g(k)f (y)|dN y dN k
R2N

existiert, gilt das Fubini-Theorem über die Vertauschbarkeit der Integrationen


Z
N
= (2π)− 2 f (y)ĝ(x + y)dN y
RN

3.

g(k) = G(εk), ε & 0 später


Z
−N
ĝ(x) = (2π) 2 e−ikx G(εk)dN k
RN
x
= ε−N Ĝ
ε
x
−N
= ε G
ε
Es folgt
Z
−N
(2π) 2 e−ikx G(εk)fˆ(k)dN k
RN
Z
−N x+y N
= (2π) 2 ε−N f (y)G( )d y
ε
RN
Z
−N
= (2π) 2 f (−x + εs)G(s)dN s
RN
246 A MATHEMATISCHE ERLÄUTERUNGEN

ε → 0: lim G(εk)fˆ(k) = fˆ(k) ist absolut integrierbar.


ε→0
lim f (−x + εs)G(s) = f (−x)G(s) ist absolut integrierbar (über s).
ε→0

Also können die Limites unter dem Integral ausgeführt werden (Lebesgue-
Theorie).
Z
N
(2π)− 2 e−ikx fˆ(k)dN k
RN
ˆ
= fˆ(x)
Z
N
= f (−x) (2π)− 2 G(s)dN s
RN
| {z }
=Ĝ(0)=G(0)=1

= f (−x)

A.2 Spektralsatz

Seien H ein Hilbertraum, A ein selbstadjungierter Operator darauf. Dann heißt das
(
diskreter Anteil {an }
Spektrum von A :
kontinuierlicher Anteil {aλ }

mit

Aϕn = an ϕn : ϕn ∈ H Eigenfunktion oder Eigenvektor von A


(ϕn , ϕm ) = δnm
Aϕλ = aλ ϕλ : ϕλ ∈
/ H Eigenfunktional von A
(ϕm , ϕλ ) = 0, (ϕλ , ϕλ0 ) ∼ δ(λ − λ0 )

Sei ψ ∈ H, dann kann man ψ schreiben als


X Z
ψ= (ϕn , ψ)ϕn + dλ(ϕλ , ψ)ϕλ
n

Man kann auch ein anderes Maß dσ(λ) auf dem kontinuierlichen Spektrum benutzen:
Z
(ϕλ0 , ψ) = dσ(λ) (ϕλ , ψ) (ϕλ0 , ϕλ )
| {z }
δ(λ−λ0 )
= =δ(σ(λ)−σ(λ0 ))
| dσ(λ)
dλ |

Wie wählt man nun dσ(λ)? Betrachten wir als Beispiel die eindimensionale ebene
Welle:
p = Impuls, H = L2 (R)

p eikx = ~k eikx
1

ϕλ −→ ϕk = √ eikx 
2π Fourierintegral

dσ(λ) = dk
A.3 Weierstraß-Approximation für Kugelfunktionen 247

+∞
Z +∞
Z +∞
Z
1 0
dk (ϕk , ψ)ϕk (x) = dk eikx
dx0 e−ikx ψ(x0 )

−∞ −∞ −∞

Man integriert hier zunächst über ein kompaktes Gebiet


+M
1 sin M (x − x0 )
Z
1 0
dk eik(x−x ) =
2π π x − x0
−M

und macht dann nach dem Riemannschen Lemma einen Grenzübergang im Sinne
der Distributions-Topologie (,,schwache Topologie”)

1 sin M (x − x0 )
lim = δ(x − x0 )
M →∞ π x − x0

Also: Falls

Φ ⊂ H ⊂ Φ0
↑ ↑
Testfunktionen Eigenfunktionen

in (der Topologie von) Φ0


+∞
Z
dk ϕk (x0 )ϕk (x) = δ(x0 − x)
−∞

Merke: Man kann die Eigenfunktionale des kontinuierlichen Spektrum ,,auf Delta-
funktionen” normieren, dabei ist das Maß dσ(λ) äquivalent zu dλ, falls dσ(λ)
dλ 6= 0
fast überall und ferner
Z
dλ ϕλ (x0 )ϕλ (x) = δ(x0 − x)

A.3 Weierstraß-Approximation für Kugelfunktionen

Sei f (Θ, ϕ) stetig auf der Einheitskugel. Dann ist mit

F (x1 , x2 , x3 ) = rα f (Θ, ϕ) (α > 0)

eine stetige Funktion in

|x1 |2 + |x2 |2 + |x3 |2 = r2 ≤ 1

definiert. Der Weierstraßsche Approximationssatz sagt dann aus, daß es ein N und
Koeffizienten an1 n2 n3 gibt, so daß



X
n 1 n2 n3

sup F (x1 , x2 , x3 ) −
an1 n2 n3 x1 x2 x3 ≤ ε
0≤r≤1 3
P
ni ≤N
i=1
0≤ni (∈N)
248 A MATHEMATISCHE ERLÄUTERUNGEN

gilt, falls N (ε) hinreichend groß und die an1 n2 n3 passen gewählt werden. Speziell
gilt dann
X
n 1 n 2 n3
sup f (Θ, ϕ) − an1 n2 n3 e1 e2 e3 ≤ ε

S2 i

Nun lassen sich die Monome

en1 1 en2 2 en3 3 , n 1 + n2 + n3 ≤ N

linear durch die Yml , l ≤ N ausdrücken. Sei

n1 + n2 + n3 = l
l+2 l
 
Dann gibt es 2 solcher Monome der ei . Von diesen lassen sich aber 2 als
Produkte
n0 n0 n0
(e21 + e22 + e23 )e1 1 e2 2 e3 3
n01 + n02 + n03 = l − 2

zusammenfassen. Also bleiben


   
l+2 l 1
− = [(l + 2)(l + 1) − l(l − 1)]
2 2 2
1
= [3l + 2 + l]
2
= 2l + 1

unabhängige Monome vom Grad l. Diese entsprechen dann den 2l + 1

Yml (Θ, ϕ)

In den Übungen haben wir den Fall l = 1 explizit berechnet. Für l > 1 können wir
unsere Darstellung der Yml benutzen. Sei z. B. m ≥ 0. Wir benutzen
 1
2l + 1 (l − m)! 2
Yml = · (−1)m eimϕ Plm (cos Θ)
4π (l + m)!
 l+m
1 d
Plm (cos Θ) = (sin Θ) m
(cos2 Θ − 1)l
2l l! d(cos Θ)
Wir fassen zusammen
eimϕ (sin Θ)m = (e1 + ie2 )m
Ferner
 l+m
d
(cos2 Θ − 1)l = Polynom in cos Θ vom Grad l − m
d(cos Θ)
(
gerade, wenn l + m gerade ist
ungerade, wenn l + m ungerade ist

Im zweiten Fall
= cos Θ × gerades Polynom
die geraden Polynome sind Polynome in cos2 Θ und lassen sich als homogene Poly-
nome von
e23 und e21 + e22 + e23 = 1
schreiben. Damit wird Yml immer ein homogenes Polynom vom Grad l in e1 , e2 , e3 .
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 249

Abbildungsverzeichnis
1 Blende mit Doppelspalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
2 Eindimensionaler Potentialtopf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
3 Graphische Lösung des eindimensionalen Potentialkastens . . . . . . 63
4 Wellenfunktionen des eindimensionalen Potentialkastens . . . . . . . 63
5 Eindimensionale Potentialschwelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
6 Zum Tunneleffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
7 Zweizustandssystem (ungestört) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
8 Zur Wahl von ∆ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
9 Crossover-Phänomen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
10 Zur Entartung von Energieniveaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
11 Eine euklidische Transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
12 Gewichtsdiagramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
13 Zur antiunitären Abbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
14 Spektren von H und H0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
15 Zur Vorzeichenwahl bei der Berechnung der Resolvente . . . . . . . . 180
16 Zeitliches Verhalten der Übergangswahrscheinlichkeit in erster Nähe-
rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189

Literatur
[A.+St.] Milton Abramowitz, Irene A. Stegun, Handbook of Mathematical
Functions, Dover 0-486-61272-4, Bibliothek: 110/019
[Edm] A. R. Edmonds, Angular Momentum in Quantum Mechnics, Princeton
Landmarks in Physics, ISBN 0-691-02589-4