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E

06/20
JUNI 2020
100 neue Geheimtipps
The 1975
Moses Sumney

Postpunk, Sunshine-Pop, Afrobeat,


Yaeji

Weirdo-Country, Glam-Rock u.v.a.


Blixa Bargeld

DIE BESTEN D: 7,90 € / A: 8,70 € / B, L: 8,90 € / I, E: 9,90 € / CH: 14,50 SFR / P(CONT.): 9,90€

UNBEKANNTEN
Perfume Genius

PLATTEN
Sommer ohne Festivals

M OS E S SU M N E Y
PE R FU M E G E N I U S
TH E 1 975
E N DLICH!
ME-Helden: U2

M E - H E LD E N :

U2
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„The 1975 are still whoever the
hell they want, and completely

H e a l y i s t h e i r g e n e r a t i o n a l m o u t h p i e c e — a g u y w h o ’s n e v e r m e t a c o n t r a d i c t i o n
“(…) the 1975 are a thrillingly unreasonable band for unreasonable times.
themselves.”- SPIN

NOTES ON A

he couldn’t fully inhabit, to arresting effect.”- PITCHFORK


CONDITIONAL FORM
O U T M AY 2 2 ND
“(…) an artefact that sums up millennial life, a magpie
pop masterpiece that could only be made right now and
right here.”- NME

D I G I TA L || C O L O U R E D V I N Y L ||
C A S S E T T E || C D

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CD IM ME KOMPILIERT VON ANNETT SCHEFFEL

JADE HAIRPINS (Don’t Break My) Devotion / Aus dem Album: Harmony Avenue / Albumkritik S. 72

FRIENDS
OF GAS Fe l d e r / A u s d e m ko m m e n d e n A l b u m : Ke i n Wet te r

SPIRIT FEST Mirage / Aus dem Album: Mirage Mirage / Albumkritik S. 82

KAITLYN AURELIA SMITH


C O L L A G E : W A LT E R S C H Ö N A U E R

T h e S t e a d y H e a r t ( S i n g l e E d i t ) / A u s d e m A l b u m : T h e M o s a i c O f Tr a n s f o r m a t i o n / A l b u m k r i t i k S . 7 7

KATIE VON
SCHLEICHER Yo u R e m i n d M e / A u s d e m A l b u m : C o n s u m m a t i o n / A l b u m k r i t i k S . 7 0

DIE ERDE
L e b e n d e n L e b e n d e n / A u s d e m S o u n d t r a c k : D i e L i e b e f r i s s t d a s L e b e n – To b i a s G r u b e n , s e i n e L i e d e r u n d d i e E r d e / F i l m k r i t i k S . 9 3

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06/20
06 Making Of

08 CORONA & WIR


Der erste Sommer
ohne Festivals

10 CORONA & WIR II


Konzerte aus dem
Wohnzimmer

12 Themeninterview

„Ich habe verstanden:


PERFUME GENIUS

14 Jan Kedves

Ich kann alles machen!“ FASHION KILLA

15 9 Fakten über
– M o s e s S u m n ey – PSYCHEDELIC FURS

16 Selbstauslöser
HMLTD

18 Abschied von
BILL WITHERS

19 Josef Winklers
HIRNFLIMMERN

20 Radar
CLEO SOL,
WESTERMAN

ME-SPECIAL
22 DIE 100 NEUEN
GEHEIMTIPPS
Zum dritten Mal kramt
die ME-Redaktion tief
in ihren Kisten: Die bes­
ten Platten, die kaum
einer kennt – aus den
nerdigsten Genres, von
Sunshine-Pop über
Postpunk bis Afrobeat.
Plus: Die persönlichen

FOTOS: ALEX ANDER BL ACK, DASOM HAN, PETER NOBLE/REDFERNS


Playlists der Autoren
44 MOSES SUMNEY
Ein exzentrischer Soul-
sänger mit einem super­
ambitionierten Konzept­
album – ausgerechnet
über Isolation
46 THE 1975
Für die erfolgreichsten
Reizfiguren des bri-
tischen Pop ist Freund-
schaft entscheidender
als Liebe
50 YAEJI
S. 44 Sie ist ihr eigener Sou-
MOSES verän – und verbindet
House-Banger mit
SUMNEY koreanischem Pop

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S. 50
YAEJI
ME-GESPRÄCH
52 BLIXA BARGELD
über Krieg und Corona,
Brokkolisuppe, Ost-
Berlin und 40 Jahre
Einstürzende Neu-
bauten

ME-HELDEN
56 U2
Endlich! Die drittgrößte
Band der Welt – und
ihre guten Momente.
Eine ehrliche Würdi-
gung

64 Platte des Monats


66 Krieg der Sterne
84 Quarantäne-Special
86 Backkatalog
92 Filme & Serien
95 Bücher
96 Tourneen
97 Feedback / Impressum
98 Merkzettel

S. 56
U2

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MAKING-OF

Freilandhaltungsdreams
(are our reality)
Ja ja. Der eine schaut auf den Raps, der andere trinkt Schnaps. Homeoffice halt. In
the xx. Woche! Gut, wer in solchen Zeiten psychischer bis realwirtschaftlicher
Unwuchten schon als Kind in einen großen Kessel mit Vorstellungskraft (bitte flüs-
ternd, aber mit innerer weitschweifender Armbewegung aussprechen!) gefallen ist.
Denn der kann sich einfach was aus- und somit wegdenken aus seiner virologisch
eingeschränkten Freilandhaltung. Wir beim ME denken uns zum Beispiel aus, was
man sonst noch so machen kann als schnelle Musikmagazin-Brüter. Wohnzimmer-
konzertübertragungen sind da ganz sicher nur der Anfang. Schon lange spukt dem
einen Kollegen zum Beispiel die Idee durch den Kopf, einen „Musikexpress“ samt
Schlaf-, Salon- und ggf. Dark-Room-Wagen auf Schienen kreuz und quer durchs
Land zu schicken (postcoronal natürlich), nach Vorbild des „Festival-Express“, auf
den 1970 Janis Joplin und Bands wie The Band aufsprangen, um on stage wie on
board Kanada zu bespielen, bejamen und zu besaufen. Hey, in diesem Moment
könnte schon dein Telefon klingeln, Deutsche Bahn! Oder deins, Judith, Thees, Farin
(hat da mal wer die Nummer?)! Oder, anders: Wir machen ein ME-(Home)Koch­
studio auf, mit Blixa als resident Kaltmamsell! Und L. A. Salami als erstem … Leute,
spätestens jetzt müssen eure Augen leuchten – sonst wird das alles nichts!

ALEX’ TREFFLICHE STRICHE


Der Hamburger Illustrator, Designer und Zeichner Alex Solman, der sich
vor allem mit rasend guten Club-Flyern („Golden Pudel“/HH, „Paloma­
bar“/B) und mit seinen Artworks (Sleaford Mods, Andreas Dorau, die
„FACT Mix“-Reihe usw.) einen Namen gemacht hat, tut das schon länger:
Porträts von jüngst verschiedenen Prominenten anfertigen – mit wenigen
trefflichen Strichen, abstrahiert und liebevoll dekonstruiert, kubistisch
oder kritzelig-transformativ usw. Wir dachten uns: Warum macht er das
nicht auch für uns? Und das tut er inzwischen auch. Nein, solche Nachru-
fe werden durch seine Arbeit nicht weniger bitter. Aber es scheint, als
schickten wir dank Alex’ Illustrationen den Toten ein Lächeln hinterher.

KLEMENS’ GEISTER-GIGS
Was Corona so alles macht. Uns zum Beispiel hat die Pandemie quasi
über Nacht in eine Sendeanstalt verwandelt. Der ME und seine beiden
F O T O S : A L E X S O L M A N , P R I VAT

Schwestern „Metal Hammer“ und „Rolling Stone“ zeigen seit Ende


April #daheimdabeikonzerte, über die ab Seite 10 ausführlicher erzählt
wird. Klemens Wiese wiederum könnte davon erzählen, dass diese
Streaming-Konzerte natürlich alles andere als „über Nacht“ entstanden
sind. (Oder eben doch, aber in denen schläft man dann halt fast nicht.)
Eigentlich ist Klemens gerade zu unserem Team gestoßen, um sich
um den „International Music Award“ (IMA) zu kümmern, doch dann
waren da eben plötzlich „Geister-Gigs“ mit Max Raabe und Proberaum-
Schaltungen mit Frank Spilker zu organisieren. Gut, dass ihn als
ehemaliger Label-Mann (Mute, Domino) und Veranstalter (Melt,
Lollapalooza) nichts mehr erschüttern kann.

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CORONA UND WIR

Helga bleibt zu Hause


Was passiert mit der Musikbranche, wenn der Festival-
sommer wegbricht? Nach dem Großveranstaltungsverbot
durch die Corona-Pandemie stehen Veranstalter*innen
und Künstler*innen vor einem Trümmerhaufen. In der Not
machen sie das Beste aus der Krise.

Auf einmal geht alles ganz schnell. Zwei


Tage nach Ostern steht per Regierungsbe-
schluss fest: Der Festivalsommer ist
gecancelt. Die Bierbong bleibt im Schrank,
das Wurfzelt im Keller, der Headliner im
Proberaum. Der Ausfall von „Rock am
Ring“, „Hurricane“, „Wacken“, „splash!“ und
Co. passt plötzlich in eine Tickermeldung.
Während Fans sich inzwischen von die-
sem Schock erholt haben dürften und
offenbar sogar ihr Eintrittsgeld zurückbe-
kommen – bei Redaktionsschluss streitet
die Regierung, ob es Rückerstattungen in
Form des Kaufpreises oder Gutscheine
werden – bleibt die Situation prekär, vor
allem den Beteiligten der Festivals.
Stefan Reichmann ist Fragen nach Exis-
tenznöten gewohnt. Der 55-jährige Veran-
stalter war schon immer Idealist. Seit fast
40 Jahren organisiert er das „Haldern
Pop“-Festival, das trotz internationalem
Renommee noch immer in der niederrhei-
nischen Provinz stattfindet und nicht etwa
in Berlin, wo größeres Publikum gelockt
hätte. Die Rendite, das waren all die Jahre
keine finanziellen Erlöse, sondern das
Gefühl, gebraucht zu werden. Oder auch,
im Dorf eine Bar mit Livemusik eröffnen
und ein Label gründen zu können.
Normalerweise kommen 7 000 Leute
nach Haldern, dieses Jahr steht die 37.
Ausgabe an. Ausgesetzt wurde kein einzi-
ges Mal – auch jetzt nicht.
„Das Festival wird stattfinden, wenn
auch nicht im herkömmlichen Sinn und F OTO S : S I LV E R S C R E E N C O L L E C T I O N , G E T T Y I M AG E S
merkwürdig anders. Über 90 Prozent der
Künstler haben bestätigt. Inwieweit wir
Künstler, Songs und Zuschauer emotional
in Einklang bringen, ist dann nur noch
unserem Ideenreichtum geschuldet“,
erklärt er.
Reichmann hat auf dem Gelände ein
Tonstudio und Locations für spontane Auf- früher, als sie meistens schon vor Verkün- Reichmann ein Tagebuch; waren die ersten
tritte. Band-Gigs ohne Live-Publikum sind dung des Line-ups weg waren. Auch Posts noch von Betroffenheit geprägt, sind
denkbar, ebenso wie das Aufzeichnen von damals gab er sich in Interviews zuver- sie mittlerweile ein Sammelsurium aus
Musikproduktionen vor Ort. „Am Ende sichtlich. Noch dieses Jahr will er alles Momentbeobachtungen, Kurzgeschichten
kann es auch sein, dass wir mit drei Kisten Organisatorische geklärt haben, eine Ver- und kleinen Gedichten. „Gestern bin ich
Bier an der Gründungsstätte sitzen, um schiebung des „Halden Pop“ kommt nicht mit meiner Tochter auf dem Fahrrad durch
das Feuer nicht ausgehen zu lassen.“ infrage – es wäre nur ein Mitverschieben den Wald gefahren und hab mir Gedanken
Grimmiger Optimismus ist Teil von des Problems. gemacht, warum die Jogger und Hunde-
Reichmanns Art. Schon im letzten Jahr Mit der veränderten Situation hat er sich halter so schlecht auseinanderzubringen
verkauften sich die Karten langsamer als derweil abgefunden. Auf Facebook führt sind, obwohl doch genug Platz für alle da

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ist. Wir haben aber auch schon beschrie- ziellen Einbrüche abfedern wollen. Für über ,Zoom‘ einspielen lassen. Eigentlich
ben, wie man Kartoffelsalat macht.“ Musiker*innen sind Festivals oft wichtiger war geplant, im Sommer das Debütalbum
Auch beim „Golden Leaves“ in Darm- als Solo-Konzerte. Es gibt höhere Gagen, auf den Bühnen zu präsentieren, nun ban-
stadt kommuniziert man fleißig via Face- man erreicht neues Publikum und wirbt für gen Blond noch um den Support-Slot auf
book mit den Besuchern – und hofft auf eigene Tourneen. Unter den gegenwärti- einer großen Tour im Herbst. Nina Kummer
Solidarität. Für Torben Schrenk, den Ver- gen Bedingungen leiden vor allem kleinere erzählt, wie sie parallel darum kämpft, an
anstalter des als Studentenaktion gestar- Acts am Anfang ihrer Karriere. finanzielle Hilfen der Regierung zu kom-
teten Pop-Festivals, ist eine Woche nach Für das Electronica-Duo Ätna aus Dres- men: „Die Soforthilfe für Soloselbstständi-
dem Regierungsbeschluss noch immer den fallen etwa sechs wichtige Festival- ge bezieht sich nur auf Personen, die lau-
unklar, ob er am 29. August starten darf. Shows aus. Inéz Schaefer konzentriert sich fende Ausgaben haben. Da fallen wir auch
Denn die Definitionen einer Großveranstal- nun verstärkt auf ihren Job als Dozentin für komplett durchs Raster. Und dann kann
tung variieren in Teilen zwischen den Bun- Gesang an der städtischen Hochschule. man noch Hartz IV beantragen, da stecken
desländern, sind nicht abschließend fixiert. Auch dort verändert Corona den Alltag: wir gerade drin.“
Noch müsste das „Golden Leaves“ mit „Ich unterrichte über ,Zoom‘ und gebe Mit den aktuellen Rettungsschirmen
3 500 Besucher unter der Höchstgrenze meinen Studenten online Aufgaben. Sie zeigt sich, dass Musiker*innen meist nicht
liegen, die von der Landesregierung ver- können mir zum Beispiel Gesangsübungen mehr zu vermarkten haben als sich selbst.
handelt werden. Im Falle eines Verbots als Sprachmemo über ,WhatsApp‘ schi- Für Büromieten oder festangestellte Mitar-
möchte er das Festival aufs nächste Jahr cken.“ Auch ihr Bandkollege Demian beiter müssen sie nicht aufkommen. Nina
verschieben. Schrenk hofft, dass dann Kappenstein überlegt, demnächst Musik- Kummer ergänzt: „Ich bin ja Fan vom
möglichst wenige ihr Tickets zurückgeben unterricht zu geben, um sich zu finanzie- bedingungslosen Grundeinkommen, weil
wollen. Es geht um nicht weniger als die ren. Trotzdem käme es für ihn nicht infra- ich hier in Sachsen das Gefühl habe, es
Existenz: „Ich finde, Veranstalter und ge, die Band aufzugeben, selbst wenn sie fehlt an Wertschätzung und Respekt
Besucher sollten da Hand in Hand gehen: nicht mehr als Broterwerb reichen würde. gegenüber den Leuten, die im künstleri-
Einmal, damit Besucher im nächsten Jahr „Das wäre allerdings das Schlimmste und schen Bereich tätig sind.“
noch eine breit gefächerte Kulturland- ein echt krasser Einschnitt“, sagt er. Noch Dieses Gefühl kommt in diesen Tagen
schaft vorfinden und wir wiederum die schlimmer treffe es jedoch ihre Technik- öfter zur Sprache, wenn man mit Leuten
Möglichkeit haben, solche Veranstaltun- Crew. „Die stehen jetzt vor dem finanziel- aus der Kreativszene spricht. Die Kultur, so
gen überhaupt noch zu realisieren.“ len Nichts.“ Ein paarmal haben die beiden scheint es, steht in der Hierarchieordnung
Denn an anderer Stelle kommt nicht viel auch Wohnzimmerkonzerte ausprobiert – der Systemrelevanz nicht besonders weit
Geld zurück. Die Versicherung schließt eine Erfahrung, die sie als „ein bisschen oben. Sie erscheint als Genuss, als das
alles, was mit Corona zu tun hat, aus – wie creepy“ in Erinnerung haben. Schaefer Sahnehäubchen einer Gesellschaft – trotz
bei den meisten Festivals. Standardmäßig erzählt: „Als wir das zuletzt in einem Club der großen Liebe zu ihr verzichtbar und
werden für Veranstalter nur Schäden gemacht haben, war es draußen supergei- derzeit ohnehin häufig gratis in Form eines
abgedeckt, die auf Brand, Diebstahl, Sturm les Wetter und drinnen arschkalt und dun- unüberblickbaren Livestream-Angebots.
oder sonstige Naturgefahren zurückge- kel. Es war 14 Uhr, jemand kam mit einem Und trotzdem gibt es Grund zur Hoff-
hen, heißt es laut dem Verband der Ver- Mikro am Ohr geklemmt zu uns und hat nung. Zurück zu Stefan Reichmann nach
sicherungswirtschaft. Tatsächlich hätten gefragt: „So, seid ihr bereit? Drei, zwei, Haldern: „Wir kriegen unheimlich viele
viele Festivals bessere Chancen auf ein eins: okay!“ Dass dieses Gefühl mal einen Mails, in denen beschrieben wird, was den
Greifen der Versicherung, wäre kurz vor Festivalgig ersetzen soll, können sich Ätna Leuten das Festival bedeutet. Sie schrei-
Beginn in der Nähe eine Terrorwarnung nicht vorstellen. ben Lieder und Gedichte über die Erinne-
ausgesprochen worden oder ein Atom- Noch härter trifft es das Indie-Pop-Trio rungen.“ Einige würden auch ihre zerstör-
kraftwerk explodiert. Blond, bestehend aus den Kraftklub- ten Konzertkarten schicken, um mit der
Zumindest die großen Festivals könn- Schwestern Nina und Lotta Kummer und damit verbundenen Spende ein Zeichen zu
ten eine Extra-Klausel für Seuchenschutz Johann Bonitz: Gleich 30 Festival-Gigs setzen; dass die Kultur dableiben, überle-
abgeschlossen haben. Aus Veranstalter- muss die Band aus dem Kalender streichen. ben soll. „Die Leute werden jetzt erkennen,
kreisen hatte man schon Ende März Lotta und Nina sitzen nun gemeinsam in dass ihnen was fehlt im Sommer“, ist er
gehört, dass viele aus taktischem Kalkül ihrer Wohnung in Selbstisolation, örtlich sich sicher. Vor Kurzem bekam Reichmann
ein offizielles Verbot abwarten. Denn bei getrennt vom dritten Bandmitglied. Von der Post von einem Fan seines Festivals. Die-
einer freiwilligen Absage könne der Isolation als kreative Chance ist nichts zu ser wolle sein Ticket nun an die Wand
Anspruch auf Hilfsgelder entfallen, wobei spüren, stattdessen herrscht Frust. Auf nageln, als Zeitdokument dieses histori-
das von Vertrag zu Vertrag unterschiedlich neue Musik hat momentan niemand Lust schen Sommers.
geregelt ist. Da muss genau abgewägt und – schon allein, weil sich Songs schlecht Friedrich Steffes-lay & Lilly Wolter
gut eingeschätzt werden. Je näher das
Festival rückt, desto kostspieliger wird der
Ausfall, sodass es dann doch günstiger
sein kann, selbst abzusagen. Für alle ande-
ren war es da längst zu spät. Sich gegen
Kultur steht in der Hierarchie
Corona zu versichern wäre gewesen, wie
sich eine Brandschutzversicherung für ein
der Systemrelevanz nicht
brennendes Haus zu besorgen. weit oben. Sie erscheint als
verzichtbares Sahnehäub-
Online-Spendenaktionen, Soli-Merch,
Benefiz-Konzerte aus dem Wohnzimmer:

chen der Gesellschaft.


Veranstalter*innen wie Künstler*innen
müssen jetzt planen, wie sie die finan-

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CORONA UND WIR

Na, wenigstens im Netz können wir


Konzerte gucken

Musik verbindet. Und weil wir Konzertbesuche sind also bis auf Weiteres Roger O’Donnell im Heimstudio in die Tas-
gestrichen, dann holen wir die Konzerte ten, die amerikanische Bassistin Nik West,
nicht in Clubs und auf Festivals halt zu uns. Das war die Idee. Und dazu of Prince-, Bootsy-Collins- und Taylor-
gehen können, schauen wir haben sich die drei Redaktionen von Swift-fame, nahm sich vor ihrer Trophäen-
uns intime kleine Konzerte MUSIKEXPRESS, Rolling Stone und Metal wand auf. Seit dem 27. April zeigen wir auf
online an. Mando Diao, Rufus Hammer zusammengetan. den Websites unserer Musiktitel jeden
Für unsere Reihe kleiner Sessions unter Abend von Montag bis Freitag um 19 Uhr
Wainwright, Ezra Furman –
dem Motto #DaheimDabeiKonzerte haben eines dieser kleinen, meist selbstgefilmten
rund 30 Künstler sind bei wir die unterschiedlichsten Bands und Konzerte. Alles natürlich unter Quarantäne-
#DaheimDabeiKonzerte zu Künstler angesprochen, es sollte möglichst Bedingungen selbst produziert. Von zu
sehen. für alle Musikfans da draußen auf den Hause für zu Hause. Parallel sind die Gigs
heimischen Sofas etwas dabei sein. Und auch bei unserem Kooperationspartner
so viele haben mitgemacht. MagentaTV zu sehen. Wer die ersten Auf-
Gavin Rossdale, Frontmann der briti- tritte verpasst hat, kann sich die Videos
schen Alternative-Rocker Bush, griff zu auch jetzt noch auf MagentaMusik 360
Hause in die Saiten, Cure-Keyboarder anschauen.

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Es sind schöne, manchmal
bewegende, manchmal
lustige Momente in ätzen-
den Zeiten.

Im Uhrzeigersinn:
Gavin Rossdale, Nik West,
Frank Spilker, Other
Lives, Jonathan Wilson,
Andy Allo, Jennifer
Pague, Roger O‘Donnell

Da gibt es Geheimtipps zu entdecken wie Other Lives und Passenger hintereinander


The Goon Sax aus Australien und fast gezeigt werden. Am „Rolling Stone Day“ Hier könnt ihr gucken:
- Die Sessions sind von Montag bis
schon legendäre Songwriterinnen wie treten Rufus Wainwright, Frank Spilker und
Freitag täglich um 19 Uhr auf musik-
Lucinda Williams. Ghostpoet ist dabei, Jerry Leger auf. Und am „Metal Hammer express.de zu sehen.
Jonathan Wilson, Andy Allo, Fink und Kathy Day“ sind es Doro, Rage und Beasto - Unser Kooperationspartner bei den
FOTOS:#DAHEIM DABEI KONZERTE

#DaheimDabeiKonzerten ist MagentaTV.


Sledge, ehemals Leadstimme bei Sister Blanco, die Band um Alice Coopers Toch-
Auf MagentaMusik 360 seht ihr eben-
Sledge. Um nur einige zu nennen. Einer der ter Calico. Was an welchem Tag stattfindet, falls täglich um 19 Uhr die Gigs
Höhepunkte dürfte der Auftritt von Max lest ihr immer aktuell bei musikexpress.de – auch später kann man bereits gesen-
dete Shows dort anschauen.
Raabe im menschenleeren Tempodrom in – und auch, was ihr verpasst habt (aber das
Berlin sein. „Bevor einigen die Decke auf könnt ihr entspannt auf MagentaMusik 360 Weitere gute Netzauftritte:
- Isolation Berlin („Wohnzimmer im Kopf“
den Kopf fällt, machen wir Rabatz für alle“, nachträglich noch gucken). via Facebook): 60 Minuten Songs.
sagt der Sänger zu der Aktion. Bleibt zu hoffen,
hoffen, dass die Zeit der - Post Malone („Absturz-Hausbar“ via
Weitere Highlights sind sicher die Mini- Wohnzimmerkonzerte bald zu Ende geht. YouTube): Der Rap-Star spielt Nirvana-
Songs im Nachthemd.
festivals am Freitag, unter anderem gibt es Denn nichts kann das Live-Erlebnis im - Travis Scott („Fortnite-Gig“ via You-
einen „MUSIKEXPRESS Day“, an dem die Club oder auf einem Festival wirklich Tube): Ein Konzert im Online-Videospiel.
homemade Auftritte von Mando Diao, ersetzen.

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THEMENINTERVIEW

Perfume Genius über


Queerness

FOTO: CAMILLE VIVIER

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Seit seinem Debütal- Musik aufgewachsen. Wir sind Haben Leute in der Musik- Hat die Indie-Szene da
bum LEARNING singt wohl so nebeneinander her industrie dich je gebeten, Vorarbeit geleistet?
aufgewachsen. Wichtig für diskreter mit deiner sexu- Ich glaube schon! Popmusik
der US-Amerikaner
mich waren Sleater-Kinney. ellen Identität zu sein? hat sich ja immer an queerer
Mike Hadreas alias Das war mein erstes Konzert, Ja, das kam schon vor. Eher Kultur bedient. Bloß ohne den
Perfume Genius so da war ich zwölf und lebte in unterschwellig. Ich denke, es Queers dabei die verdiente
ehrlich wie nur wenige der Vorstadt. Aber bei Sleater- gibt da für einige Menschen Anerkennung zu zollen. Mit
vom Schwulsein. Zu Kinney wurde von einer Liebe eine Barriere, meine Songs zu Gender-Ideen wurde ja trotz-
seinen Fans zählen gesungen, von der ich mir vor- hören: Da ich ein queerer dem gespielt …
Anna Calvi und der stellen konnte, dass ich sie Künstler bin, fühlt es sich dann … im Glamrock zum Bei-
gerade sehr gefeierte eines Tages auch haben werde auch für sie wie ein politischer spiel …
– obwohl man mir beigebracht Akt an, mich zu hören. Und ... ja, als Spielzeug taugte das
Schriftsteller Ocean hatte, dass sie nicht okay sei. manchen ist wohl schon dieser anscheinend immer gut. Aber
Vuong („Auf Erden Mittlerweile hast du mit Gedanke unliebsam, noch nie so queer, dass es zur
sind wir kurz gran- Christine And The Queens bevor sie die Play-Taste drü- Bedrohung geworden wäre.
dios“). Doch wer waren gesungen, gewisserma- cken. Das ist mir klar. Aber es Nur so weit, dass es Spaß
und sind für Perfume ßen den Sleater-Kinney hält mich von nichts ab. Mein brachte. Aber inzwischen will
Genius queere Ikonen der nächsten Generation. ganzes Leben lang hat man das Publikum wohl auch wirk-
in der Popkultur? Und Auch Chris erzählt queere mir verklickern wollen, wie lich queeren Menschen zuhö-
Geschichten. Sie prescht nach man nicht zu laufen, nicht zu ren. Trotzdem bewegt sich
warum sind sie nach
vorne für Veränderung und sprechen habe. alles sehr langsam.
wie vor so wichtig? haut auch auf die Kacke! Sie Als Kind hast du Gloria Was wünschst du der jun-
will, dass Queers auch Cham- Estefan imitiert, heißt es gen Generation queerer
Mike, wie war das bei dir pions sind. – sodass andere Eltern Künstler*innen?
als Teenager? Hattest du Noch mal zu den Prono- irritiert waren. Dass sie sich frei fühlen, sich
queere Idole im Fernsehen men: Wie wichtig ist es (lacht) Ich hatte mir ein Dusch- ausdrücken zu dürfen. Dass
und im Kino? dir, dass du klar über Lie- tuch um den Kopf gebunden, sie dabei intakt bleiben. Mein
Ich liebte „Xena“, die Serie. Sie be zu Männern singst? so als ob ich lange Haare hät- ganzes Leben lang sehne ich
ist eine Prinzessin und auch Es scheint erst mal nur eine te, die im Winde wehen. In die mich schon an den Punkt
eine Kriegerin. Nicht explizit Kleinigkeit zu sein, aber hat Augen meiner Oma stand zurück als Kind, bevor mir die
queer, aber doch zwischen den doch eine große Stoßkraft. Bei geschrieben: „Was um Him- Welt indoktriniert hatte, dass
Zeilen. Dann bin ich mit Gregg- meiner Single „On The Floor“ mels willen geht hier vor?“ es nicht okay ist, ich zu sein.
Araki-Filmen aufgewachsen, wollte ich einen Feel-Good- Und doch hat es sich für mich Wie ich aussehe und wen ich
wie „Nowhere“ (1997) und „The Popsong schreiben. Und dabei so richtig angefühlt. liebe. Das prägt einen und
Doom Generation“ (1995). als Mann über das Begehren Die Artworks deiner bei- bestimmt auch, wie man alles
Und in der Pop-Musik? zu einem Mann singen. So was den vorigen Alben waren danach wahrnimmt. Meine
Rufus Wainwright war der ein- hätte ich als Teenager gut androgyner inszeniert als Musik dreht sich um diesen
zige offen schwule Sänger, den gebrauchen können! Ich habe diesmal. Die neue Optik speziellen Filter, gruselt sich
ich damals kannte. Da war ich Gefährten gesucht, auch in wirkt konventioneller vor ihm, zerlegt ihn, liebkost
wohl im ersten Highschool- der Kunst. Wenn ich nun über männlich. ihn. Ich hoffe, dass in Zukunft
Jahr, ich war 15 Jahre alt. Rufus meine Erfahrungen schreibe, Mein Auftreten stellt immer alle Arten queerer Storys
hat ganz klar Männer besun- ist das automatisch queer. dar, wie ich mich zu der Zeit erzählt werden können. Mit
gen – und auch die Pronomen Trotzdem ist mein offener fühle. Ich liebe meine Version oder ohne Filter? Ich weiß
dabei nicht verändert. Und er Umgang damit vorsätzlich. eines hypermaskulinen Urbil- nicht. Aber bitte mehr!
hat diese spezielle Art Drama Im Song „Jason“ von dei- des diesmal. Die ist nämlich Stefan Hochgesand
in seinem Gesang, den Leuten nem neuen Album SET MY auf ihre Weise auch sehr thea- Al b u m kri t i k S. 79
war klar: Das ist schwul. Nicht HEART ON FIRE IMMEDI- tralisch, campy, over-the-top.
nur seine Themen, sondern ATELY geht es um eine Im Video zu „On The
auch die Darbietung. Für mich Nacht mit einem anderen Floor“ sieht man dreckige Zu Schulzeiten wurde Mike
war das in jeder Hinsicht kom- jungen Mann, als ihr beide Erde, Zigarren, Autorei- Hadreas beschimpft und angegrif-
promisslos und erbaulich. 23 Jahre alt wart. fen. Und dann kämpfst du fen für sein Anderssein. Eine Zeit-
lang hat er in New York „alles außer
Drama soll erbaulich sein? Wir hatten uns gerade erst mit diesem Typen oder Heroin“ genommen, wie er sagt.
Ich liebe Drama. (lacht) Mit getroffen. Vielleicht hatte er machst Liebe, wer weiß. Seine Lieder erzählen von der
diesem Motto gehe ich durch vorher noch nie was mit einem Jedenfalls tanzt ihr. Abscheu vor dem eigenen Körper
(„17“) bis zur Hoffnung, eines Tages
mein Leben: So viel Drama wie Mann. Das könnte kompliziert Sehr technisch und dann doch ohne Furcht auf jeder noch so
möglich! Drama kann ja nicht für ihn gewesen sein. Es war sehr liederlich. Süß, aber auch vollen Straße die Hand seines
bloß Stress sein. Ich meine die nicht bloß sexuell, sondern körperlich. Freundes halten zu können („All
Waters“). Seit vielen Jahren woh-
Art von Drama, die deinem All- auch romantisch. Aber auch Hast du auch den Eindruck,
nen die beiden nun zusammen
tag etwas Magisches verleiht. betrunken und bizarr. Ich mei- dass vermehrt offen quee- und treten auch öffentlich als Paar
Hast du dann auch Patrick ne, fast jeder ist schon mal mit re Künstler*innen im Main- auf. Aus Hadreas’ anfänglich ein-
fach, aber eindringlich gebauten
Wolf und später Ezra Fremden nach Hause gegan- stream sichtbar werden?
Klavierballaden sind mit der Zeit
Furman gehört? gen. Ich jedenfalls mit vielen. Ich denke da an Halsey, komplexere Soundscapes und
Ich kenne und mag sie, aber Und trotzdem war an diesem Sam Smith, Lil Nas X ... rhythmischere Hits geworden.

bin nicht wirklich mit ihrer Treffen etwas eigenartig. Ich mag Lil Nas X!

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STIL
FASHION KILLA
Die Stil-Kolumne von Jan Kedves

Stopp Manspreading LIEBER MASKEN ALS


FUNKTIONSJACKEN
Im ÖPNV hat man ja gerade etwas mehr Platz
als sonst. Dennoch bleibt Manspreading ein
Ärgernis. Zwei Studentinnen der Berliner UdK
protestieren dagegen, indem sie mit ihrem Im Pop ist die Maske ein beliebtes Accessoire.
Riot Pant Project die Schrittbereiche von Warum tun wir uns jetzt so schwer damit?
Hosen mit Slogans wie „Stop Spreading“
oder „Toxic Masculinity“ bedrucken.

Merkwürdig, wie lange es gedauert hat, bis die Menschen in


Deutschland anfingen, Mund-Nasen-Masken im Corona-Alltag
zu tragen. Als wären sie – konfrontiert mit der Entscheidung,
so ein Teil zum Schutz ihrer Mitmenschen und ihrer selbst auf-
zusetzen oder nicht – plötzlich alle eitel geworden. Dabei zie-
hen sich die Deutschen doch mehrheitlich nach dem Motto an:
Egal wie’s aussieht, Hauptsache funktional! Der Outdoor-Func-
tion-Look, der die Straßen dominiert, signalisiert im Grunde
etwas Ähnliches wie eine Maske: Ich bin praktisch veranlagt
und schirme mich und meinen Körper vor unangenehmen bis
Statt Handschuh schädlichen Umwelteinflüssen ab – Ästhetik zweitrangig.
Neben einem Mund-Nasen-Schutz braucht Vielleicht ist es auch so, dass man mit den wind-, wasser- und
man jetzt unbedingt einen Behelfsfinger aus frostfesten Teilen von Jack Wolfskin, Quechua und Wellensteyn
antimikrobiellem Messing. Damit kann man nur gesteigerte Vitalität demonstriert, ein vom Fitnessgrad
Türen öffnen, Geldautomaten bedienen oder unabhängiges „I Will Survive“, das man den Klima-Widrigkeiten
den Paketempfang bestätigen. Zum Beispiel entgegenhält, denen man in der Stadt eher selten ausgesetzt ist.
von KeySmart: www.getkeysmart.com Demgegenüber könnte einem eine Corona-Schutzmaske schon
allzu morbide vorkommen. Zu ernst. Vor allem: zu ängstlich.
Ängstlich will ja keiner aussehen. Nicht mal uneitle Menschen.
Dabei könnte man mit Blick auf den Pop auch sagen, dass
Masken einfach super aussehen und sich niemand die Chance
entgehen lassen sollte, mit einem selbst gebastelten oder krea-

F OTO S : L E X I - S U N / R I OT PA N T P R O J E C T, K E Y S M A R T, H E P B U R N
tiv gekauften Mund-Nasen-Schutz ein bisschen wie ein Popstar
auszusehen. An Sidos alter Totenkopf- oder Cros Pandamaske
sollte man sich nicht orientieren, die lassen den Mund frei,
was aus Virensicht eine Einladung zum Freiflug ist. Aber die
College-Maske, die es von Rihannas Fenty-Label gab, schick
in Schwarzgelb? Unter ihr würde nicht mal der eingeschobene
Kaffeefilter auffallen. Oder die strassbesetzte Netzmaske, die
Beyoncé auf ihrer Tour mit Jay-Z trug? Sehr glamourös!
Popstars haben für ihr Spiel mit Identitäten und wechseln-
den Personae immer wieder zur Maske gegriffen. Vielleicht
wollten sie nebenbei auch ein bisschen Anonymität, oder sie
waren Mysophobiker, also Menschen mit Angst vor Ansteckung.
Michael Jackson fällt einem ein. Was auch immer man ihm vor-
Super Sonnenbrille werfen mag: Wie er seine aus Seidenstoff genähten OP-Masken
Sollte wegen Covid-19 wirklich der Sommer- trug, war sensationell! Die Befestigungsbändel hingen lose nach
urlaub ausfallen, könnte man das gesparte unten, als würde Michael Jackson sagen: Selbst meine Masken
Geld immerhin in eine richtig krasse Hingu- sind magisch wie ich, sie halten einfach so, sie schweben mir
cker-Luxus-Sonnenbrille investieren. Etwa in auf der Nase! Auch solch eine Maske könnte man sich ganz
die „Double Frame Cat-Eye Hepburn Glasses“ leicht selbst nähen: indem man einfach zwei Paar Bändel dran-
der Londoner Super-Designerin Martine Rose. näht und dann nur eins benutzt.

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9 FAKTEN

über
The Psychedelic Furs
Mit Songs wie „Love
My Way“ und „Pretty
In Pink“ bildeten die
Londoner den Brü-
ckenkopf vom Post-
punk hin zum Glam-
Pop der Mitt-80er.
Live sind Richard
Butler und Band nach
dem Split Anfang der
90er schon lange wie-
der unterwegs. Ende
Juli erscheint mit
MADE OF RAIN ihr
erstes neues Album
seit fast 30 Jahren.

Backstage im Chicagoer Punkclub Tuts, Oktober 1980, v.l.: Tim Butler, Roger
Morris, Vince Ely, Richard Butler, Duncan Kilburn und John Ashton

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Die Brüder Richard Keith Forsey trommel- Band mit einem Coversong zu „WDR-Rockpalast“ statt. Wäh-
(Gesang) und Tim Butler te einst für Udo medialen Ehren: Die Episoden rend das Publikum vornehm-
(Bass) sind die kreative Lindenbergs Panik der US-Serie „Charmed“ lich für die Psychedelic Furs
Achse der Band. Der Vater, einst Orchester und Amon Düül 2, begannen acht Staffeln lang erschienen war, fiel das Inter-
ein strammer Kommunist, mit später für Moroder und Donna mit ihrer Version von „How esse für den zweiten Act des
der Auswanderung in die Sowje- Summer. Er schuf den kom- Soon Is Now?“, im Original von Abends eher bescheiden aus.
tunion liebäugelnd, die Mutter merziell so erfolgreichen The Smiths. Love-Spit-Love- Die Band hieß U2.

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eine Künstlerin, wandte sich Chartsrock-Sound von Billy Drummer Frank Ferrer spielt
auch Richard später der Malerei Idols „White Wedding“-Ära, heute bei Guns N’ Roses. Zur Pflege seiner

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zu. In den vergangenen Jahren schrieb an Irene Caras Song Stimme trinkt
stellte er u.a. in Florenz, Miami „Flashdance… What A Feeling“ Radio nannte sich die Richard Butler bei
und New York aus, sein bevor- mit – und produzierte das Furs- Vorläuferband der Studio-Aufnahmen gewöhn-
zugtes Motiv ist Tochter Maggie Album MIRROR MOVES (1984), Psychedelic Furs, lich größere Mengen Milch.

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Mozart (!) mit ihren Freunden. für das Forsey auch gleich noch neben Richard und Tim gehör-

2
das Schlagzeug des ausgestie- te auch ein weiterer Butler, Die Backing Vocals
Pretty In Pink“, der genen Vince Ely übernahm. nämlich ihr Bruder Simon, dazu. auf „Love My Way“

4
Titelsong des Filmklas- Beim legendären Londoner stammen vom Hip-
sikers von John Hughes, Die US-Serie „Love „100 Club Punk Special“-Festi- pie-Duo Flo & Eddie, zwei Ex-
stammt ursprünglich aus dem My Way“ (2004 – val hatten sie 1976 bereits die Mitglieder von Frank Zappas
Jahr 1981, erschienen auf dem 2007) hat ihren Sex Pistols gesehen und den Mothers Of Invention und Teil
Album TALK TALK TALK. Die Namen von einem Song der unmittelbaren Drang verspürt, der Band The Turtles („Happy
F OTO : PA U L N AT K I N / G E T T Y I M A G E S

Neuaufnahme wurde fünf Jahre Psychedelic Furs, das Titelthe- es Rotten und Co. gleichzutun. Together“). Unter den Songs,
später zum Top-40-Hit in den ma ist eine Coverversion der Geprobt wurde im elterlichen an deren Produktion die bei-
Staaten, ist bis heute einer der australischen Band Magic Dirt. Wohnzimmer, zum Instrumen- den außerdem beteiligt waren,

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Trademark-Songs überhaupt tarium gehörte unter anderem sind Klassiker wie Bruce
des Brat-Pack-Genres. Mit der Nach dem Band-Split ein Staubsauger. Springsteens „Hungry Heart“,

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Geschichte der Filmheldin Anfang der 90er-Jah- „Get It On“ von T. Rex. Auch
Andie Walsh (Molly Ringwald) re gründeten Richard Am 4. November 1981 Blondie, Ramones, Duran
hat der Song wenig zu tun. Tat- und Tim Love Spit Love. Zwei fand im Berliner Duran und Alice Cooper ver-
sächlich geht es im Originaltext Alben veröffentlichte die Band. Metro­pol vor etwa trauten auf die Sangeskünste
um ein Mädchen, das für ihre Während die Platten eher 2 000 Zuschauern eine Kon- der beiden.
Promiskuität bekannt ist. unterm Radar flogen, kam die zert-Aufzeichnung für den Ingo Scheel

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SELBSTAUSLÖSER

E i n Ta g i m Le b e n vo n:

HMLTD
... eher: Ein Tag im alten Leben der schrillen Briten von HMLTD. Kurz bevor die Welt nach Hause gegangen ist,
haben uns die Art-Rocker eine Einwegkamera mit Eindrücken aus ihrem Alltag vollgeknipst. Ein Leben zwischen
freiem Reisen im Tourbus, Shake-Hands mit unbekannten Journalisten und Crowdsurfing über zahl­lose
verschwitzte Fremde. Von Kneipenabstürzen, von Groupies jeglichen Geschlechts wollen wir gar nicht erst
anfangen, lieber damit enden: Das wird es alles wieder geben! Hey hey, my my, Rock’n’Roll will never die.

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NACHRUF

Der Poet im Mechaniker


Zum Tode von Bill Withers (1938 – 2020)

Sich in die Theorie zu versteigen, dass seriöser R’n’B grund- Dass sich Withers 1971 für sein Debütalbum JUST AS I AM in
sätzlich von Künstlern reiferen Alters stammen müsse, ist zwei- Arbeitskleidung ablichten ließ, war also kein Gag, um die eige-
fellos Humbug. Dafür, dass ein wenig Lebenserfahrung aber ne Bodenständigkeit ins rechte Licht zu rücken, sondern
auch nicht schaden kann, stand Bill Withers, der erst als knapp authentisch, zumal er trotz seines Plattenvertrages zunächst
30-Jähriger begonnen hatte, seine musikalische Karriere mit weiterhin als Mechaniker, jetzt für einen Flugzeug-Ausstatter,
dem nötigen Nachdruck zu verfolgen. Als er dann 1971 in sei- arbeitete. Er misstraute dem Musik-Business zeitlebens. Nicht
nem Durchbruchs-Hit „Ain’t No Sunshine“ die Worte „I know“ zu Unrecht, denn nach der Pleite seines ersten Labels und
Dutzende Male wiederholte, hatte das auch jenseits dieses dem Wechsel zu Columbia verlor er 1975 die Kontrolle über
Songs seine Richtigkeit: Withers kannte das Aufwachsen im sein Werk. Seine weiteren Alben schlossen nicht an frühere
ärmlichen, provinziellen Bergarbeitermilieu West Virginias, er Erfolge an, was seinem Entschluss, der Branche den Rücken
kannte die Marine, der er als 17-Jähriger beigetreten war, um zu kehren, Vorschub leistete. Die Single „Just The Two Of Us“,
ihr neun Jahre lang als Mechaniker zu dienen – und er kann- 1981 mit Grover Washington Jr. veröffentlicht, markierte sei-
te natürlich jenes leidige Kontinuum, das man Rassismus nennt. nen letzten großen Hit, sein finales Album erschien 1985.
Anfang der Siebzigerjahre, als die Bürgerrechtsbewegung Auch wenn seine aktive Karriere nur 15 Jahre währte, hat
auf Soul, Funk und R’n’B immensen Einfluss ausübte, verfolgte der Mann aus Slab Fork, West Virginia als Songwriter beacht-
Withers einen sehr eigenen Ansatz, der zwar weniger plaka- liche Spuren hinterlassen, wovon auch drei Grammy Awards
tiv ausfiel, in Fragen des gesellschaftlichen Bewusstseins aber in der Kategorie „Bester R’n’B-Song“ künden. Auf die Frage
ZEICHNUNG: ALEX SOLMAN

gewiss nicht minder überzeugende Antworten lieferte. Eine eines US-Journalisten, wie er vom Mechaniker zum gefeierten
unsentimentale Milieustudie wie „Better Off Dead“ entsprach Künstler wurde, antwortete er lakonisch: „Irgendwo in meiner
exakt dem harten, ungeschönten Realismus, den auch die tra- Seele hatte sich wohl ein Poet versteckt.“ Gut für uns, dass er
ditionellen Folksänger seiner Heimat in den Appalachen pfleg- ihn beizeiten herausließ. Bill Withers starb am 30. März in Los
ten – ganz unabhängig von der Hautfarbe. Angeles. Er wurde 81 Jahre alt. Uwe Schleifenbaum

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ME DIGITAL IM JUNI
HIRNFLIMMERN
Die Popismus-Kolumne von Josef Winkler

Beste Filmtipps

ESCAPE FROM COVID 19


Eigentlich ist der Juni ja voller Höhepunkte
der laufenden Festivalsaison. Weil die aus
bekannten Gründen aber ausfällt, müssen wir
uns zu Hause beschäftigen. Zum Beispiel mit Ein Weg, um die total eclipse of the heart zu
den besten Musikdokus, Serien-Neustarts, vermeiden: Eskapismus am Plattenschrank.
herrlichen Klassikern und neuen Staffeln Die
besten Tipps zum Gucken und Streamen
findet ihr bei musikexpress.de.
In München waren sie wieder ganz fix. Klar, da gibt’s eine leben-
dige, kreative Szene, die stellen so was unbürokratisch auf die
Beine: ein Soli-Festival für Leidtragende der Corona-Pandemie!
Tolle Sache. Erst als ich mich durch die engen Flure der Muffat-
halle schieben ließ, plagten mich Zweifel, ob eine solche Akti-
on im Moment eigentlich sinnvoll ist … Und dann wachte ich auf.
Ich war seit Jahren auf keinem Festival, wann ich aber das letzte
Mal von einem geträumt habe (ohne mitzukriegen, wer überhaupt
spielt!), könnte ich nicht sagen. Was soll das also heißen, traum-
deutungstechnisch? Möchte mein Unterbewusstsein gern mal
wieder auf ein Festival gehen? Ausgerechnet jetzt, der Idiot?
Möglicherweise erst im Herbst oder gar 2021 wird es wie-
der Konzerte und Festivals geben, raunt es Mitte April im digi-
Gemischtes Doppel talen Wald. Das stellt natürlich für alle, die da nicht geschäftlich/
Kennt ihr schon unsere Popkolumne? Seit beruflich/künstlerisch involviert, sondern einfach nur potenzielle
Anfang 2019 kommentieren Linus Volkmann Kunden und Konsumenten solcher Veranstaltungen sind, ein
und Paula Irmschler alle 14 Tage, immer don- vergleichsweise tragbares Luxusproblem dar. Aber selbst einen
nerstags, die High- und Lowlights ihrer Pop- solchen Randaspekt dieser Krise zu Ende zu denken, löst bei mir
woche. Wer keinen Aufreger zwischen Aldi- gerade heftiges Hirnflimmern bis hin zum Birnenbeben aus.
Designertüten, Guilty Pleasures und Xavier Als Journalist müsste ich mir schon aus beruflicher Neugier
Naidoo verpennen will, liest im sonst so das jetzt alles en detail reinziehen, die Fakten, Ansichten und
F OTO S : A M C , K AT H A R I N A S C H M I DT, V I C TO R D E C O LO N G O N / G E T T Y I M A G E S

ereignisarmen Coronasommer besser mit! Stimmen hören, aufdröseln, einordnen, mir eine Meinung bil-
den und dann Durchdachtes zu Papier bringen … Aber ich weiß
nicht, wie’s Ihnen geht: Ich pack’s grad kaum noch. Ich verdrän-
ge. Ich eskapiere. Und ich regrediere! Immer öfter bleibt derzeit
das Kultur- und Nachrichtenradio aus, stattdessen schleiche ich
ums Plattenregal herum und zerre himmelschreiende Kamel-
len ans Tageslicht – je oller, je doller. Mal mit 5-Jährigen TARKUS
von Emerson, Lake & Palmer gehört? Die Musik zieht nur so mit-
tel, aber das Klappcover mit den gaga Cyborg-Fabelwesen („Nein,
der hier ist der Tarkus, der andere ist der Manticore“) kommt
super an. Und wenn mal wieder irgendein/e Experte/in zu Aus-
führungen anhebt, inwiefern nach dieser Krise „nichts je wie-
der so sein wird wie zuvor“ – dann muss ich schnell rüberwech-
seln zur „Das Beste aus den 70ern und 80ern“-Welle, vielleicht
Uncooler Collins singt da grad Bonnie Tyler irgendwas. „Keine singt geiler als die
Not dead yet: Phil Collins geht mit Genesis, so Tyler“, alter Merksatz aus den 80ern. Hab ich nie so gesehen, aber
Corona will, Ende des Jahres auf Reuniontour. jetzt kommt sie mir gerade recht. „Lost in France“. Gut, im Moment
Für viele vermeintliche Pop-Checker ist der auch eine eher ätzende Vorstellung. Aber besser fürs Gemüt, als
Weltstar ein Negativbeispiel für massenkom- sich 24/7 sein Weltgefüge zerkauen zu lassen und ständig diesen
patible Musik – und der schulterpolsterigen, frostigen Gedanken im Kopf herumzurollen: Dass nämlich grob
drumcomputerigen 80er-Jahre. Warum das geschätzt 80 Prozent aller Menschen, die mir etwas bedeuten,
(Vor)urteil nicht mal überprüfen? Ein Plädoyer die ich gut finde, mag, schätze, liebe, verehre, mehr oder weniger
für den kleinen Mann mit den Millionen deutlich über 60 sind, ob nun aus Musik, Film, Literatur, Kunst,
Radiohits lest ihr auf musikexpress.de. Medien oder einfach hier aus dem Dorf. Bitte bleiben Sie negativ.

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RADAR

Die besten n e u e n Bands und Künstler


dem Befinden erkundigt und offen auf alle
Fragen antwortet – außer auf die nach
Sault. Während viele Künstler ihre Relea-
ses wegen Covid-19 verschoben haben,
hat sich Cleo Sol entschieden, ihr Baby
trotz Doomsday-Stimmung in die Welt zu
entlassen. „Ich wollte keine Ego-Nummer
aus dem Release machen. Es kann ja sein,
dass meine Musik gerade das ist, was viele
Menschen jetzt brauchen“, sagt sie. Viel-
leicht ist sie weniger geheimnisvoll um des
Effekts willen, sondern einfach verdammt
bescheiden für ein Business der notorisch
Unbescheidenen.
Cleo Sol ist aufgewachsen in einer
musikaffinen Familie – und als „größter
Spice-Girls-Fan überhaupt“, wie sie sagt.

Cleo Sol
„Meine beste Freundin in der Grundschule
hatte ein Union-Jack-Kleid, in dem ich
posiert habe. Ginger Spice war mein Lieb-
ling.“ Wann ihr erster Song erschienen ist,
hat sie schon fast vergessen: 2007 muss
es gewesen sein. „Ich war erst 17 und
konnte singen, klar, aber ich wollte mehr:
von meine eigenen Erfahrungen berich-
ten.“ Erfahrungen, die erst noch gemacht
werden mussten. Nach ihren ersten Schrit-
ten als Sängerin wollte sie vor ihrem Debüt
erst ein bisschen umherleben. Im Titel-
song singt Cleo Sol, wie in so vielen ihrer
Songs, über persönliches Wachstum – was
in ihrer Welt aber nicht bedeuten muss,
schneller, härter, besser zu werden: „I’m a
little wiser, baby“, heißt es da, „I’m a little
stronger“, aber auch „I’m a little softer“.
„Soft und verletzlich zu bleiben und damit
zufrieden zu sein, ist mein Hauptziel”, sagt
Cleo. „Ich bin von Natur aus kein Dickkopf,
aber schon willensstark. Früher habe ich
meine Verletzlichkeit oft hinter meiner
Durchsetzungsfähigkeit versteckt.“
Passend zu ihrer Maxime klingt ROSE
IN THE DARK wie eine unaufgeregte Ent-
Der ewige Soulstar im Beta-Sta- taucht an der Seite von Feature-Partnern gegnung auf den Future-R’n’B der vergan-
dium träumt in 90s-beeinflusstem auf (Tinie Tempah, Little Simz) und sorgt genen Dekade. Den warmen Sound von
R’n’B von einer Welt, in der man für Gesprächsstoff, obwohl (oder gerade Erykah Badu und Sade lässt Cleo Sol in
beim Erwachsenwerden verletz- weil) Interviews mit ihr rar sind. Gerade modernen, schlicht produzierten Bekennt-
lich bleiben darf. kursiert das Gerücht, sie sei Teil des hoch- nissongs zurückkehren, in der ihre Jazz-
gelobten, aber streng anonym agierenden geschulte Stimme klar die Hauptrolle
Cleo Sol ist der Albtraum aller Selbstopti- Disco-Postpunk-Kollektivs Sault. spielt. „Der R’n’B der späten 90er hat gro-
mierer. In Zeiten, in denen man mit spätes- Cleo Sols Debütalbum ROSE IN THE ßen Einfluss auf mich. Es ist die Musik mei-
tens 20 wissen sollte, wohin die Reise im DARK, veröffentlicht Ende März, schien ner Kindheit und Jugend; ich liebe das
Leben geht, in denen Teens wie Billie Eilish aus dem Nichts zu kommen. Für sie selbst friedvolle Gefühl, das sie mir gibt.“ Diese
es aus den Stand vom Schlafzimmer auf ist es das Ergebnis eines langen Ringens Tradition führt die ewige Nachwuchshoff-
FOTO: CLOE SOL

große Festivalbühnen schaffen, hat die mit sich selbst. Ringen muss man, einem nung auf ihre Art fort: als optimale, nicht
Londonerin etwas Unerhörtes getan: Sie besorgten Management sei Dank, auch optimierte Version ihrer selbst.
hat sich Zeit gelassen mit ihrer Karriere. um einen Gesprächstermin mit ihr. Man ist Julia Lorenz
Seit den frühen Zehnerjahren wird Cleo Sol dann fast ein bisschen überrascht, wenn Klingt wie: Erykah Badu, Nick Hakim, Charlotte Day Wilson
als Underground-Soulstar gehandelt, sich am Telefon eine herzliche Cleo nach Albumkritik S. 83

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Westerman Westermans Musik ist beinahe klassischer
Elektro-Folk-Pop, luftig, melodisch, der Welt
zugewandt. Zu etwas Besonderem wird er
durch den Hintergrund seines Schöpfers.
Ein Londoner macht verspielten Einerseits ist Will Westerman besessen von
Synth-Pop, der in unsicheren philosophischen Fragestellungen, seine
Zeiten um Optimismus kämpft. Musik ist für ihn die Chance, in seinem Kopf
Ordnung zu schaffen, das ewige Rauschen Eve Owen
Will Westerman sitzt in seinem Garten in der Ideen kurz anzuhalten. Für Westerman, Was: Musikfans verliebten sich in
West-London, dreht eine Kippe und der eine ADHS-Diagnose hat, ist Musikma- die Backing-Vocals auf „Where Is
erzählt von seinem morgendlichen Lauf chen ein Prozess therapeutischer Reinigung. Her Head“ von The National, forsch-
über zehn Kilometer. Was man eben so Zum anderen setzte er sich lange mit Chor- ten im Netz und fanden Eve Owen,
tut, um rauszukommen. Ein Bild von Ent- musik auseinander, mit den spirituellen, die mittlerweile solo überzeugt.
spannung, das zur Musik passt, mit der er gemeinschaftlichen Aspekten von Musik, Woher: London
sich unter seinem Nachnamen nun auf auch wenn er lange allein produzierte. Das Warum: Owens Piano-Balladen
Albumlänge der globalen Musikcommu- hat sich mittlerweile geändert – und damit zeichnen Porträts von Einsamkeit
nity vorstellt. „Alles ist gerade in die Luft sein Sound. War es zu Beginn seiner Karriere und Sehnsucht. Das ist todtraurig,
gegangen, und wenn ich ein deprimieren- seine Stimme mit Gitarre, entstand das durch die Umarmung ihrer warmen
des Album aufgenommen hätte, würde es Album nun gemeinsam mit Producer Bullion, Stimme aber auch tröstlich. fsl
mir komisch vorkommen, es gerade jetzt selbst Musiker und ein guter Freund.
zu veröffentlichen. Aber es war so ein ent- Westerman schreibt Texte und Melodien,
scheidender Teil des Entstehungsprozes- aber erst mit Bullions elektronischen Lay-
ses, dass ich etwas machen wollte, was ers werden Songs daraus. So schafft es
Hoffnung in sich trägt. Ich fühle mich gut Westerman, dem Drang zu widerstehen,
mit der Botschaft der Musik und ich bin alles auszufüllen: „Ich denke Musik und
froh, es jetzt rauszubringen!“ Text jetzt mehr symbiotisch.“
YOUR HERO IS NOT DEAD heißt es. Der Man hört dem Album diesen holistischen
Titel zieht sich als zentrales Mantra durch Ansatz an. YOUR HERO IS NOT DEAD ist Jade Hairpins
den Verlauf der Tracks: Ausbrechen aus gemacht für die Glücksmomente, die ent- Was: Bevor klar war, dass das Duo
dem uralten Spannungsbogen, Helden stehen, wenn sich der Wahnsinn des Lebens zur Hälfte aus einem Mitglied der
leben weiter, ihre Qualitäten finden sich in kurz lichtet. Hätte ästhetisch auch ins Jahr Hardcore-Band Fucked Up besteht,
allen. So will es Westerman gelesen wissen: 2010 gepasst, in den kurzen Sommer des sorgte 2018 eine mysteriöse
„Ich mache Musik, um mich selbst heraus- Chillwave. Gut runter geht es aber auch im 12-Inch-Single für Rätselraten.
zufordern. In den letzten Jahren war es für langen Sommer der Distanzierung. Woher: London
mich sehr schwer, optimistisch zu bleiben. In Steffen Greiner Warum: Schlagzeuger Jonah Falco
der Musik kämpfe ich darum. Und ich hoffe, Klingt wie: MorMor, The Blue Nile, Arthur Russell und Gitarrist/Mastermind Mike
dass sich diese Erfahrung weiterreicht.“ Albumkritik: S. 70 Haliechuk klingen zusammen, als
hätten sie für ihren poppigen Post-
punk-Entwurf die Synthpads von
LCD Soundsystem gekapert. fsl
F O T O S : B E X D AY, S A R A H -J A N E - F E N T O N , C O L I N M E D L E Y, T I A N A M A R O S

Elena Shirin
Was: Die 23-jährige Pianistin und
Songwriterin bettet ihren leichtfüßi-
gen Gesang mal in melancholische
Klavierbegleitung, mal in ruhige
Lo-fi-Boom-Bap-Beats. Oder
gleich in beides zusammen.
Woher: Wien
Warum: Weil sie uns daran erin-
nert, es (auch in der Selbstisolation)
ruhig angehen zu lassen. Die Single
„Implode’xplode“ ist ein Plädoyer
dafür, auf die Signale des Körpers
zu hören, wenn es stressig wird. fsl
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GEHEIMTIPPS

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NEUE
1 0 0 G E H E I M T I P P S

MUS
MUSIK
FÜR
ZUHAUSE!
ZUHAUSE
Wenn es eine Zeit gibt, sich ausgiebig mit versteckten Platten-Schätzen aus exotischeren Nischen
und Genres oder sträflich vernachlässigten Gebieten zu beschäftigen, dann ist sie jetzt! Wir haben
deshalb 10 Kolleg*innen gebeten, uns mit neuem Stoff aus ihren eher ungewöhnlichen Spezialgebieten
zu versorgen – von Afrobeat über Bedroom-Pop und Glamrock bis hin zu den viel zu wenig bekannten
Glanztaten weiblicher Rapperinnen und zu Alben, über die man tatsächlich lachen kann. Je eine
besondere Playlist haben sie noch obendrauf gepackt. Das ist wirklich sehr viel neue Musik für Zuhause.

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F E M A L E R A P

entdecken will, dann sollte man endlich einen Blick auf seine weiblichen Künstlerinnen werfen.
Selbstverständlich ist „Female Rap“ kein Genre. Aber: Wenn man versteckte HipHop-Juwelen

Denn in nahezu keinem anderen Fach sind Frauen so unterrepräsentiert, in Bestenlisten

HipHop-Platten von Rapperinnen. Annett Scheffel hat zehn davon für uns ausgesucht.
muss man sie mit der Lupe suchen. Dabei gibt es viele sehr gute, auch sehr gute frühe

Roxanne Shanté
Bad Sister
1989

In einer Zeit, als Rap noch Wort-


kampf war, war Roxanne die Da Brat
erste Queen of Rap: die Stimme Funkdafied
MC Lyte eher hoch und schrill, aber von 1994
Lyte As A Rock roher Energie, die Texte clever,
1988 sexy, unverfroren und rhyth-
misch so auf den Punkt, dass Zugegeben: kein echter
sie auch über den schweren, Geheimtipp, vielmehr ein
Damals schrieb MC Lyte Pop- rauschenden Bass-Beats der G-Funk-Klassiker und ein Hit-
geschichte. Auch wenn ande- Ära immer scharfkantig klingen. Album als Insel inmitten des
re schon mit Singles und EPs Ihre erste LP erschien fünf Jah- Testosteron-Ozeans seiner
Pionierarbeit geleistet hatten re nachdem sie als 14-jähriges Zeit (Nas! Snoop Dogg! Big-
(siehe Roxanne Shanté): LYTE Zahnspangen-Kid aus einer gie!). Das erste Platin-Album
AS A ROCK war die erste Solo- Sozialbausiedlung in Queens einer Solo-Rapperin. Sehr gut
LP einer Rapperin – die Blau- zur Lokalheldin wurde (die Sin- gealtert und trotzdem taucht
pause für alle Latifahs, Missys gle „Roxanne’s Revenge“ ver- es nie in Bestenlisten auf.
und Nickis nach ihr. Als eine kaufte sich allein in New York Dabei bietet FUNKDAFIED eine
der wenigen Frauen im Boys eine viertel Million Mal und geniale Mischung: eine selbst-
Club dieser Zeit war MC Lyte beeinflusste den jungen Nas) bewusste Rapperin aus dem
herrlich unbeirrt. Keine Quo- und hat alles, was eine gute Mittleren Westen, ein bisschen
ten-Rapperin, sondern eine Rap-Platte Gangsta, ein bisschen Szene-
proud heavy lady und nicht nur braucht: solide Dance-Tracks Darling, mit markanter Catch-
als Sprachakrobatin besser („Go On Girl“), conscious phrase („Brat-tat-tat-tat“), für
als die allermeisten: cooler als Ratschläge zur Emanzipati- die der Südstaaten-Produzent
Big Daddy Kane, geistreicher on („Independent Woman“), Jermaine Dupri einen super-
als Boogie Down Productions, selbstbewussten Sex-Talk smoothen Califonian-Swag-
tougher als Salt-N-Pepa, aber („Fatal Attraction“) und lautes ger-Sound entwarf. Die mit
genauso frech. Viele ihrer Revierverhalten („Bad Sister“) – buttrig weichen Funk-Grooves
Breakbeat-Tracks haben einen alles mit viel Humor und Flow. und Isley-Brother-Samples
feministischen Unterton, ruhen ausgepolsterten Party-Jams
sich darauf aber nie aus. machen bis heute Spaß.

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G E H E I M T I P P S

Bahamadia Nicki Minaj


Kollage Beam Me Up Scotty
1996 2009 Dua Saleh
Nūr
Kamaiyah 2019
HipHop in der Transformation: Auf dem dritten und letzten A Good Night In The Ghetto
2Pac ist tot, Biggie bleiben nur Mixtape aus ihrer Frühphase 2016
noch ein paar Monate, Boom bringt Nicki all ihre Talente in Dua Saleh macht HipHop für
bap als noch bestimmender Stellung: die Looks, der Grö- Eine unbedingte Empfehlung die neue Dekade. Die sudane-
Stil wird von neuen Sounds ßenwahn, die grelle Vehe- ist dieses Debüt-Mixtape der sisch-amerikanische Rapperin
aufgemischt. Eine der ver- menz, die expliziten Lyrics, die damals 21-jährigen Rapperin identifiziert sich als Gender-
kanntesten Platten dieser Zeit Exzentrik. Vor allem aber ihre aus Kalifornien, besonders Non-Binary und präsentiert
ist das Debüt von Bahamadia. phänomenalen Rap-Skills: die- weil es einen heiklen Balan- auf ihrer Debüt-EP einen der-
Die Rapperin aus Philadel- se Geschwindigkeit, diese Prä- ceakt meistert: Kamaiyah maßen visionären, fluiden, ein-
phia triff t (mit Produktionshil- zision, dieser Witz, die mes- beschwört den 90er-Swag- dringlichen Sound zwischen
fe von Guru und DJ Premier, serscharfen Wortspiele, die ger von TLC und ist zugleich Minimal Afro-Beats und Futu-
aka Gang Starr) schon genau legendären Zwischentöne – ganz im Jetzt ihrer eigenen re R’n’B, dass es einem heiß
den warmen, an Neo-Soul und BABOOM! PAHP! YUH! Ende Coming-of-Age-Geschich- und kalt ins Mark fährt. Das
Jazz geschulten HipHop, den der 2000er ist sie das größte te. Mehr als um präzise Wort- Beste ist ihre elastische Stim-
The Roots in den nächsten Versprechen des Rap über- spiele geht es um ein Gefühl me, die von einem eleganten
Jahren verfeinern werden und haupt – glänzend, großspu- und sie konserviert es auf Schnurren in ein dunkles Knur-
der mit „Uknowhowwedu“ hier rig und trotzdem wunderbar eine frische, ehrliche, anste- ren übergehen kann. „Nūr“
einen frühen Hit hat. Bahama- schräg. Neben ihrem Weirdo- ckende Weise: das Jung- bedeutet auf Arabisch übri-
dia rappt nicht aggressiv über Alter-Ego mit extraterrestri- sein, das ziellose Cruisen, die gens „Licht“. Wir sehen es. Als
Sex, Drogen und Money, sie ist schen und pansexuellen Nei- durchsoffenen Nächte und Gruß aus der Zukunft.
cool, auf diese Oldschool-Art, gungen verblasst selbst Lil die Träume vom Ruhm außer-
mit ruhigem Selbstvertrauen Wayne als Feature-Gast. Eines halb des Ghettos.
und trockenem Humor. der besten HipHop-Mixtapes
der Nullerjahre!
D I E P L AY L I S T

10 Rapsongs von
Nichtrapper*innen
Fantasma Goria
Rah Digga Fantasma Goria 01 Blondie – „Rapture“
Dirty Harriet Rapsody 2017
02 Falco – „Maschine
2000 brennt“
The Idea Of Beautiful
2012 03 Johnny Rotten bei
Interessante Alben von Time Zone/Afrika
„First and only female Deutsch-Rapperinnen gab Bambaataa –
unmatched by anyone“, rappt Bereits auf ihrer ersten LP es einige in den letzten Jah- „World Destruction“
Rah Digga am Ende von zeigt sich Rapsody als kom- ren (Ebow, Haiyti, Eunique 04 Mary J. Blige –
„Imperial“. Und es stimmt: Im plexe Dichterin und Denkerin: etc.). Zu wenig beachtet ist „What's The 411?“
Jahr 2000, als Foxy Brown und conscious mit Blick auf sozi- aber diese wunderbar schrä- 05 Prince –
Lil’ Kim HipHop mit G-Strings ale Probleme und die Rea- ge und vielseitige Platte, die „Sexy M.F.“
und Sexy-Talk prägten und lität der schwarzen Jugend für Deutsch-Rap-Verhält- 06 Beck – „Inferno“
Missy Elliott im Labor neue („We all know somebody that nisse ziemlich extravagante 07 Jack White –
Beats köchelte, war Digga remind us like Trayvon“), auf- und arty Töne anschlägt. Die „That Black Bat
eine Rap-Rapperin – unange- richtig im Ton, fantasievoll in Hamburgerin beherrscht den Licorice“
fochten in Skills und Flow und den Sprachbildern, in Sachen atemlosen ADHS-Rapstil, den 08 Rihanna bei N.E.R.D. –
Intensität. Deshalb gibt es auf Storytelling und emotionaler man von Nicki Minaj kennt „Lemon“
ihrem Debüt auch nur die Rein- Verdichtung locker auf dem („Klartext“), hierzulande und 09 Frank Ocean bei
form: scharfsinnigen, tech- Niveau von Kendrick Lamar in Zeiten des Trap aber sel- A$AP Rocky –
nisch beeindruckenden Rap. (der sie später für TO PIMP A ten hört. Kein perfekt durch- „Purity“
Digga kann Gangster, Dig- BUTTERFLY ins Studio holt). komponiertes Album, aber 10 Samual Herring
ga kann Club-Banger, Digga Dazu kommt eine fantas- spielerisch, poppig und vol- (Future Islands) alias
kann politisch und nimmt es tische Produktion (von Jamla- ler Ideen. Hermlock Ernst &
Kenny Segal –
leicht mit Feature-Gast Busta Gründer The 9th Wonder), die
„Down“
Rhymes auf. inmitten von Boom-bap-Beats,
Soul-Bläsern und fließenden
Synthie-Melodien einen war-
men Sog erzeugt.

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B E D R O O M P O P

Nacht zum Weltstar. Ohne Management oder Label. „Bedroom Pop“ hat sich als Versprechen
an junge Künstler*innen, mit wenig Equipment aus dem Jugendzimmer heraus erfolgreich

längst mehr als „nur“ in viel Hall verpackte Teenage Angst, weiß Friedrich Steffes-lay.
Die Geschichte geht so: Teenager*in spielt ihren Song vor der Webcam ein und wird über

werden zu können, zu einem prägenden Genre der Generation Z entwickelt. Und das ist

Yung Lean
Unknown Memory
2014

Cleaners From Venus


Number Thirteen Als vor einigen Jahren Fans
1990
und Musikjournalist*innen um Earl Sweatshirt
den Überbegriff für eine neue I Don’t Like Shit, I
Vor 30 Jahren kannte man HipHop-Strömung stritten, Don’t Go Outside
zwar schon „Schlafzimmer- hätte beinahe „Bedroom- 2015
Produzenten“, doch das Gen- Rap“ geboren werden kön-
re, unter dem Musikprojekte nen. Den Schwall an DIY-Rap-
wie das des Briten Martin pern, die nebulöse, trippige Mit 21 Jahren stellt sich Earl
Newell firmierten, nannte sich Soundschwaden mit Auto- Sweatshirt seinen inneren
Lo-Fi- oder DIY-Musik – in Tune berappten und damit Dämonen. Kontrollverlust ob
Ästhetik und Herangehens- Klickzahlen in Millionenhöhe des wachsenden Erfolgs als
weise gewissermaßen der Vor- einfuhren, fasste man dann neuer Rap-Posterboy, Dro-
läufer des heutigen Bedroom- doch lieber unter dem eben- genkonsum, Sozialphobie,
Pop. Newell ging den Weg so verschwurbelten Begriff Bipolarität – große Probleme
derer, die an Plattenlabels vor- „Cloud Rap“ zusammen. und Themen, mit denen er
beimusizieren: Er vertrieb sei- Dabei ist der Spirit von Gen- sich in seiner Wohnung ver-
ne Musik über Kassetten. re-Pionieren wie Yung Lean barrikadierte und schließ-
Der Erfolg blieb dadurch aus. aus Schweden ähnlich wie lich durch diese Platte mit
Umso mehr feiern Bescheid- der von den Bedroom-Szene- der Welt kommunizierte. Pop
wisser bis heute die smar- größen heute: juvenile Tris- im landläufigen Sinne mag
te, verspielte Herangehens- tesse, ausgedrückt in hal- sich hinter dieser sinistren
weise der Cleaners, die über lig-sirupartiger Musik, zu der Lo-Fi-Ästhetik auf schwe-
Rhythmusmaschinen und Syn- man viel besser nachdenklich ren, verschleppten Beats nur
thesizern Schalmei mit Aku- herumliegen als tanzen kann. kaum noch erkennen lassen.
stikklampfe oder Mizmar mit Dafür blickt man durch Earls
E-Gitarre mischen – dem Schlafzimmertür direkt in das
Internet sei Dank, steht ein so Seelenleben eines jungen
kleines, großes Pop-Album Ausnahmekünstlers.
wie NUMBER THIRTEEN heute
der ganzen Welt offen.

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G E H E I M T I P P S

Mathew Lee Cothran


My First Love Mends (Sandy) Alex G
My Final Days House of Sugar
2018
Girl In Red 2019
Kali Uchis Chapter 2
Por Vida 2019
2015 Die erste Liebe, über die man Alex Giannascoli veröffent-
nie richtig hinweggekom- Skandinavische Popmusik sollte licht schon seit zehn Jahren
Hinter der Barbie-verdächti- men ist. Der Großvater, der man sowieso immer auf dem Platten, hat in der Band von
gen Optik von Karly-Marina vom Krebs dahingerafft wur- Schirm haben. Der Aufstieg Frank Ocean gespielt und
Loaiza verbirgt sich eine de. Die muffelige Kleinstadt- des Girl In Red begann aller- zeigt Songwriter-Talent für viel
Macherin. Mit Garage-Band- kneipe. Mat Cothran – ehemals dings nicht in einem schwe- größere Formate, doch sei-
Software nimmt sie mit 19 ein Kopf geheimnisvoller Indie-Pro- dischen Jugendzimmer, son- ne Solomusik bleibt hörbar DIY
erstes, beachtliches R’n’B- jekte wie Coma Cinema und dern in einem norwegischen. Mit und seine Wohnung für ihn der
Mixtape namens DRANKEN Elvis Depressedly – ist mit 31 erstaunlichem Selbstvertrauen beste Platz, um ohne Druck
BUBBLE auf. Drei Jahre spä- Jahren älter als die meisten und spürbar dringlich singt die von außen herumzuprobieren
ter gelingt ihr mit dieser EP gegenwärtigen Bedroom-Pop- 20-jährige Marie Ulven Ring- und aufzunehmen. Auch des-
der Durchbruch. Fein verwebt Artists. Doch so wie das hier heim über gleichgeschlechtli- halb klingt selbst ein Album
sie darauf dreamy 60s-Pop könnte es klingen, wenn die- che Liebe und innere Leere; mal wie das strahlende und weit-
mit in Watte verpackten Neo- se Künstler*innen in zehn Jah- begleitet von der Akustik-, dann läufige HOUSE OF SUGAR
soul- und Reggae-Beats. ren auf einen Nostalgie-Trip von einer stürmischen E-Gitar- immer noch so intim und eigen
Trotz Top-Produzenten wie in die Vergangenheit gehen – re mit Shoegaze-Einschlag. Ihr wie seine alten Bandcamp-
Tyler, The Creator, Diplo oder begleitet von akustischen Gitar- Debüt hat sie 2018 und 2019 in Tapes. Hört man diese Musik
Badbadnotgood bleibt sie ren, hingetupften Percussions, Kapiteln zweigeteilt, hören lässt im eigenen Schlafzimmer,
Heimstudio-Sound und DIY- psychedelischen Effekten und es sich wunderbar wie eines. klingt sie, als säße Alex mit der
Spirit treu. Sounds aus dem Casio-Key- Gitarre direkt neben einem,
board. während draußen der Herbst-
sturm tobt.

Amilli D I E P L AY L I S T

луни ана Wings


витражи Clairo 2019 10 Songs zum
2018 Immunity Liegenbleiben
2019
01 Nena –
Russischer Bedroom- „What is life right now, I’m still „Ich bleib im Bett“
Pop? Lohnt sich! Setzt aber Der Name der 21-jährigen Sin- trying to find out“ – direkter
02 Olli Schulz & der
voraus, dass man irgend- ger/Songwriterin aus Boston als in den ersten Zeilen auf
Hund Marie –
wie die kyrillischen Schrift- steht für den Hype um Bedroom Amillis EP-Debüt lassen sich
„Bettmensch“
zeichen bezwingt und das Pop. 2017 stellt sie ein pixeliges die Gedanken vieler 20-Jäh-
Webdesign russischer sozi- Video zu ihrem Song „Pretty riger kaum einfangen. Das/Ihr 03 The Beach Boys –
aler Netzwerke. Dann stößt Girl“ auf YouTube, in dem sie Leben soll auf jeden Fall kei- „In My Room“
man vielleicht auf Perlen wie auf einem Lo-Fi-Beat über eine nes sein, das bloß aus der Jagd 04 Cro feat. Ace Tee –
die Musik von луни ана, einer unglückliche Beziehung singt. nach Statussymbolen („Rarri“) „Slow Down“
21-jährigen Künstlerin, die auf Der Clip explodiert und ver- oder (toxischen) Beziehungen 05 Jack Johnson –
Bandcamp auch als Luniana wandelt sie vom Noname zum („Die For You“) besteht, so viel „Banana Pancakes“
aktiv ist. Ihr erstes Album Popstar – und zum Politikum, steht fest für die Musikerin aus
06 Les Poules À Colin
витражи (übersetzt etwa exemplarisch für die ganze Ent- Bochum. Darüber hinaus schwe- – „Chantons Pour
„Glasmalerei“) klingt genau- wicklung des Genres. Denn was ben Amillis Gedanken, die sie Passer Le Temps“
so, wie es der Name ver- ist bei diesem Erfolg tatsächlich mit samtiger Stimme in die-
07 Over The Rhine –
spricht. Nach schillernden, „authentisch“, was letztlich doch sen reduzierten Popsongs mit „Let’s Spend The Day
zerbrechlichen Kunstwer- Kommerzprodukt? An Clairos Neosoul-Einschlag vorträgt, oft In Bed“
ken, hinter denen eine selbst- Debüt klingt nicht mehr viel nach noch ziellos umher. Aber was 08 The Beatles –
bewusste ästhetische Vision Lo-Fi, auch wenn sich in die ein könnte normaler sein für eine „I’m Only Sleeping“
steckt – einzuordnen irgend- oder andere Soundspur ein Kni- junge Frau, die von einem frei-
09 Dillon – „Lullaby“
wo zwischen den melancho- stern verirrt oder ein Stahlsai- willigen sozialen Jahr plötzlich
lischen Gitarrentunes von ten-Quietscher. Aber den Spa- an den Beginn einer Musiker- 10 Percy Faith
The xx und leise klickern- gat zwischen Introspektive und karriere geworfen wurde? & His Orchestra –
„Theme From
den Macbook-Beats à la Billie dem Appeal eines werdenden A Summer Place“
Eilish. Weltstars bekommt diese Platte
ganz gut hin.

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A F R O B E AT

aktuellen Pop weisen. Eine Liebeserklärung in zehn nicht so bekannten Alben.


Jahren und verfolgt seitdem die Grooves und Stories, die bis ins Zentrum des
Miles Davis hat gesagt, Afrobeat sei die Musik der Zukunft. Tony Allen hat die
Zukunft in die Welt gespielt. Und Fela Kuti hat dem Afrobeat Geschichte und
Gesicht gegeben. Frank Sawatzki entdeckte den Afrobeat der 70er vor 25

L'Orchestre
Kanaga De Mopti
L'Orchestre
Kanaga De Mopti
1977
Rail Band
Rail Band
T.C. Boyles Weltenbummler
1973
Batsumi
Mungo Park wird so etwas wie
Batsumi
1974
die Vorläufer dieser Musik auf
In seinen besten Jahren war der Suche nach dem legendär-
das Buffet Hotel de la gare en Fluss Niger gehört haben,
Bamako in Mali ein Hotspot Das ist kein Remix und kein Dis- das Rauschen und Tosen, die
für Nachtschwärmer, Busi- co-Banger, aber in den elfein- dahinbrausenden Melodien
ness-Leute und Reisende. halb Minuten des ersten Album- des Stroms, die sich hier und
Die Rail Band unterhielt das Tracks entwickelt die Band dort zu einer Sinfonie vereini-
Publikum als Orchester des aus Soweto einen Afrojazz, gten. Das L'Orchestre Kanaga
Hauses mit einer Mixtur aus der mindestens die Köpfe tan- De Mopti zählte zu den Regio-
Rumba, Calypso, Funk, R’n’B zen lässt. „Lishonile“ setzt Bass nalbands, die Mali in den 70ern
und der Folkore der Mandin- und Beats mit Gesängen, Sax- von Staatsseite finanzierte. Die
go. Ihre Nächte waren wohl und Flötensoli in full swing. Aufnahmen des großen Trom-
länger als die der Beatles im In die folgenden vier Aufnah- peters Sorry Bamba weisen
Star-Club in Hamburg. Zur men mischen sich Melodien aber über diese Zeit hinaus.
neunköpfigen Band zähl- aus dem Schatz der indigenen Die Band war längst im Afro-
ten 1973 zwei spätere World- Folkmusik. Das Album wurde Futurismus des 20. Jahrhun-
Music-Stars: Salif Keita 1974 kaum beworben, Batsumi derts angekommen. In ihrem
(Gesang) und Mory Kanté erspielten sich aber einen Ruf kosmischen Funk tauchen
(Kora, Balafon, Gesang). Die- als hervorragende Live-Band, Metallglocken, Fula-Flöten,
se weniger bekannten frühen inspiriert vom „Black Conscious ein großes Balafon, E-Gitarren,
Aufnahmen gehören zu den Movement“ der späten 60er. Keyboards und Synthesizer
Blaupausen für eine westafri- Musikalisch leichtgewichtig im auf, dazu kommen mächtige
kanische Linie des Afrobeat. Vergleich zu Afrobeatbands Call-And-Response-Gesän-
Die Rail Band löst die Zeit im aus Nigeria oder den Spiritual ge und hymnische Bläsersätze,
Hypno-Groove auf. Jazzern aus den USA. die vom Ort Mopti künden.

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G E H E I M T I P P S

Diverse
Lipa Kodi Ya City Council
2007
Bob Ohiri And His Rikki Ililonga Baba Commandant
Uhuru Sounds Vielleicht weiß das Mississippi & Musi-O-Tunya & The Mandingo Band
Uhuru Aiye Label nicht einmal so genau, Dark Sunrise Sira Ba Kele
1977
was sie da zusammengetragen 2010 2018

haben. Auf der Langspielplatte


In Nigeria soll man Bob Ohiri mit dem handverklebten Cover Mit dieser Ililonga-Werkschau Erinnert die Vorfahren! Das
für einen besseren Gitar- aus Recyclingpapier und Fotos setzte das Now Again Label hier ist Griot-Rock oder auch
risten gehalten haben als befinden sich zwölf Songs, die ein Spotlight auf die Zam- eine Reanimation des Afro-
King Sunny Adé, in dessen sie über die Jahre aufgelesen rock-Szene, von der auch die beat. Der Commandant und
Band er eine Zeitlang spielte. haben. Die Sammlung folgt kei- Afrobeat-Fachfanschaft bis seine Band spielen den
Das Album, das er 1976 im nem Programm, keiner großen dato kaum etwas gehört hat- Burkinafunk der 70er-Jahre
englischen Oxford aufnahm, Idee, nur der Magie der Ent- te. Zambia konnte – im Gegen- mit einer Dringlichkeit in
enthält sieben Stücke, zwei deckung. Es ist Musik aus Mali, satz etwa zu Nigeria, Mali oder die Gegenwart, als ginge es
davon werden in Yoruba Kenia, Sierra Leone, Somalia Südafrika – keinen größe- bereits um morgen.
gesungen, eines in „Broken und Ruanda, 1967 bis 1972 ren Popstar mit internationa-
Englisch“. Die Band pitcht die erstveröffentlicht. Wir hören ler Strahlkraft aufbieten. Die
traditionelle Musik der Yoru- Highlife-Stücke, Palm-wine Alben und Singles von Ililonga
ba auf den Psych-Funk ihrer Music, Juju und den coolsten und seiner Band erschie-
Zeit hoch. Juju und Afrobeat Rhythm&Blues-Stomp, der nicht nen in den 70-Jahren in Klein-
D I E P L AY L I S T
werden hier zu einer prä- von Bo Diddley stammt. Und die auflagen. In der Rückschau
medizinischen Versorgungs- Schwestern von Notre-Dame klingt die Mixtur aus Afrobeat
10 Afrobeat-Songs
station: Nonstop-Trance fürs D'Afrique singen im Chor zum und Psychrock wie ein ausge- mit besonders
Volk. Minimal Beat von vier stoischen wachsener transkontinentaler tollen Gitarren
Drummern. Sound-Flirt, der Jimi Hendrix, (und anderen
Fela Kuti, Rumba und Blues Saiteninstrumenten)
zusammenbringt. Oder: die
Fuzz-Gitarre auf Kalimba-Wol- 01 Bembeya Jazz –
ken trägt. „Dembaty Galant“

02 Ofo &The Black


Company –
Salah Ragab And Diverse „Allah Wakbarr“
The Cairo Jazz Band Ouaga Affair (Hard Won 03 Orchestre Poly
Egyptian Jazz Sound Of The Upper Volta Rythmo
2006 1974-1978) De Cotonou –
„Assibavi“
2009 Francis Bebey
Spektakel. Sound-Krimi. Psychedelic Sanza 04 Rikki Ililonga
Exotic Jazz. Stellen Sie sich Eine Platte zu produzieren war & Musi-O-Tunya –
1982-1984
„The Hole“
James Bond in einem Night- eine Herkulesaufgabe in Ober- 2014
club in Kairo vor, das 20-köp- volta (Burkina Faso) in den 05 Moussa Doumbia –
„Yeye Mousso“
fige Orchester spielt Sachen frühen 70ern, es gab weder Techno auf dem Daumenkla-
von Count Basie oder bringt Aufnahmemöglichkeiten noch vier? Eine alternative Route auf 06 Bob Ohiri & His
den „Ramadan in Space Presswerke. Künstler muss- Jon Hassells und Brian Enos Uhuru Sounds –
Time“ auf Tempo, als wäre ten Studios in Ghana aufsu- „Fourth World“-Expeditionen? „Ariwo Yaa“
den Musikern ein durchge- chen, die Vinylplatten wurden Eine Stimme, die den Körper als 07 Abdel Hadi Halo
knallter Bösewicht auf den dann in Benin produziert. OUA- Krach-Geist verlässt? Francis & The El Gusto
Fersen. Pianist und Drum- GA AFFAIR erzählt lauter Lo- Bebey, 1929 in Kamerun gebo- Orchestra Of Algiers –
„Fatouma“
mer Salah Ragab begann sei- Fi-Short-Stories, voller Klang- ren, 2001 verstorben, war Musi-
08 Extra Golden –
ne Karriere im Militär und trat schwankungen und Fehler. Die ker, Poet und Befreier, er spielte
„Hera Ma Nono“
später mit dem Sun Ra Arke- populärsten Bands, Super Vol- gegen die Kolonisierung der
09 Abu Obaida Hassan –
stra in Ägypten auf. Die Afro- ta (& Sandwidi Pierre) und Har- Gedanken in seiner Musik an.
„Daweena“
swing-Aufnahmen auf dieser monie Voltaique, nehmen Latin PSYCHEDELIC SANZA bringt
Compilation stammen aus Beats auf die Dancefloors dieser das Werk eines Genies aufs 10 Picoby Band
D'Abomey –
der Zeit von 1968 bis 1973. Jahre, unter den rauen Oberflä- Tableau, das den Afrobeat in „Mi Ma Kpe Dji“
chen taucht eine mellow music einer transzendentalen Medita-
mit Keyboards und Bläsern auf. tion erkundet. So irritierend wie
Harmonie Voltaiques „M'Baba berührend, der Künstler erklärt
Tarame“ ist der Schepper- die Pygmy Flute zur Groove-
radiopsychbeat-Hit auf dieser maschine und setzt den Beats
Zusammenstellung. jodelnd zu.

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G L A M R O C K

mativen bayerischen Provinz sich das erste Mal von einem Song verstanden fühlen – Bowies
Zwei große Ch-ch-ch-changes im Leben von Stephan Rehm Rozanes: In der heteronor-

entdecken. Unter dem Namen DJ Nackt & Zerfleischt lud er in den Nullerjahren zu seiner
„Rebel Rebel“ – und in einem Kunstkino seinen Lieblingsfilm-for-Life, „Velvet Goldmine“,

Glamrock-Partyreihe im legendären Münchner Club „59:1“. Kurz: Er kennt sich aus.

Jobriath
Jobriath
1973

Cockney Rebel Der sicherlich notwendigste


The Human Menagerie
Secos & Molhados
Eintrag in diese Liste: Der
1973 Secos & Molhados
Superstar, der keiner wer- 1973
den sollte. Bruce Campbell
Den besonderen Reiz dieses war unter dem Künstlerna-
Debütalbums macht die aus- men Jobriath der erste offen In Brasilien konnte selbst die
drückliche Nichtstimme des Homosexuelle, der einen repressive Militärdiktatur die
megalomanen Steve Harley Majordeal bekam – David Verbreitung androgyner Per-
aus, wie sie da gegen diese Geffen nahm ihn für rekord- formances nicht aufhalten. Der
gewaltig orchestrierten Songs, brechende 500 000 US-Dol- mit einer traumhaften Coun-
allen voran die essenzielle lar unter Vertrag. Nach einer tertenorstimme ausgestat-
Glamdefinition „Sebastian“, riesigen Anzeigenkampagne, tete und betont weiblich auf-
ankrächzt. Das macht diese inkl. XXXL-Poster am Times tretende Ney Matogrosso
Musik so anschlussfähig: Square, nach markigen Selbst- – vom „Rolling Stone“ als
Man muss eben nicht mit vergleichen mit Elvis und den größter brasilianischer Sän-
dem Gesangstalent eines Beatles, verfehlte JOBRIATH ger aller Zeiten gefeiert –
Ferry, Bowie oder gar Mercury die Charts. Ein Glammer-Jam- führte dieses zwischen Fado,
gesegnet sein, um im ver- mer, bedient die pompös Prog- und Glamrock irrlich-
ruchten Mitternachtskaba- arrangierte Platte mit ihren ternde, exzentrisch schwarz-
rett bestehen zu können. Aller- Sci-Fi-, BDSM- und frauen- weiß geschminkte Trio an, das
dings auch nur dort – mit verehrenden Texten doch alle zu einem kommerziellen Phä-
seiner Band floppte Harley, Fantasien des Genres. 1992 nomen wurde und innerhalb
erst als Solist gelang ihm mit versuchte der selbsternannte 18 Monaten eine sensatio-
„Make Me Smile (Come Up Überfan Morrissey, Jobriath nelle Million Platten verkaufte.
And See Me)“ ein später Hit. als Live-Supportact zu gewin- Ihr Debüt ist wie eine sorglose
nen, nicht wissend, dass der Variante der Velvet Under-
Künstler neun Jahre zuvor an ground, wie The Doors auf
Aids gestorben war. lebensbejahenden Drogen.

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G E H E I M T I P P S

Brett Smiley
Breathlessly Brett
Doctors Of Madness
2003
Figments Of Emancipation
1976

Metro Der Stoff, aus dem Glam-Träu-


Velveteen Rabbit
Ohne Glam kein Punk, das Metro me sind: Amerikaner mit den
Velveteen Rabbit
demonstrieren auf atembe- 1977 Looks einer Pornoqueen wird 2019
raubende Weise diese Lon- vom schillernden Stones-
doner Artrocker um Richard – Strippenzieher Andrew Loog
nomen est omen – Strange, an An diesem britischen Trio sieht Oldham entdeckt, veröffent- Der meiste aktuelle Neo-Glam
denen der kommerzielle Erfolg man schön – im Wortsinn – licht 1974 zwei Singles – und ist Buzzword-basierter Bau-
stets vorbeizog. Während ihre den Garderobenwechsel des verschwindet, abgesehen von kasten-Pop mit der künst-
irre aufwendigen Shows von Genres vom Leopardenfell zu einem Auftritt in der ’77er- lerischen Ambition einer
späteren Superstars wie den den Cocktailparty-Maßanzü- Erotikklamotte „Cinderella“. Tribute-Show. Angenehme
Sex Pistols, The Jam, Simple gen, wie sie auch Roxy Music Sein einziges, 1974 aufgenom- Ausnahme sind da die nach
Minds und Joy Division eröff- bald anlegen sollten. Die Lead- menes Album erscheint 2003. einem fast 100 Jahre alten Kin-
net wurden, sollte der hyste- single ihres Debütalbums, Bombastische Balladen ohne derbuch benannten Velvete-
rische Theaterrock der Doc- „Criminal World“, war der BBC Schamgrenze kuscheln sich an en Rabbit aus New York. Auch
tors ein Geheimtipp bleiben. too sexy für eine Playlist, wur- von Bläsern getragene Sleaze- hier finden sich Stampf-mit-
Die E-Geige von Bandmitglied de aber sechs Jahre später als Rocker, sowie an ein Beatles- den-High-Heels-Beats und
Urban Blitz gab der Gruppe Coverversion von David Bowie Cover und ein von einer Har- Mick-Ronson-Licks, aber eine
einen unverwechselbaren und gerettet. Nach dem Flop der fe eingeleitetes Medley aus „I Beigabe an Dream Pop, das
unheimlichen Sound – Bas- Platte lieh sich die Band für Can’t Help Myself“ (The Four Abdriften in noisige Psyche-
sist Stoner trug bereits damals eine Single Stuart Copeland Tops) und „Over The Rainbow“. delia und der gender-bending
Corpsepaint. Ihr zweites aus; der kehrte aber schnell Im Jahr darauf erscheint eine Gesang dehnen das Glam-
Album ist ein Schlachtruf: zur Polizeiwache zurück und Spurensuche in Buchform: Korsett stimmig aus. Songs
hymnisch, aggressiv und bei wurde ein Weltstar, während „The Prettiest Star: Whatever wie „Too Much, Just Enough“
aller Komplexität voller Lei- Metro ein verführerisches Happened To Brett Smiley“. grooven sogar – back in the
denschaft. Geheimnis blieben. 2016 stirbt der HIV-Infizierte. New York Groove!

D I E P L AY L I S T
City Boy The Hollywood Brats The Darkness
Young Men Gone West The Hollywood Brats One Way Ticket To Hell...
1977 1980 Die 10 besten
And Back Songs von
2005 David Bowie,
Der „NME“ verglich das 1971 als The Queen gegründet, die keiner kennt
Songwriting dieses bri- bestätigten diese outrageous Das Album, das ihnen den Ein-
tischen Sextetts mit dem von Londoner mit ihrem fina- zug in die Stadien hätte garan-
01 „Strangers When
Lennon/McCartney, dazu len Namen ihren Ruf als bri- tieren sollen, geriet zum gigan- We Meet“
wurde City Boy als erste Band tisches Pendant zu den New tischen Flop, in dessen Sog
02 „ Velvet Goldmine“
erlaubt, live bei „Top Of The York Dolls. Stets ausgebuht, sich die eben noch „nation’s
Pops“ aufzutreten und Hit- oft sogar auf der Bühne ver- leading rock band“ auflö- 03 „Dodo“
garant Robert „Mutt“ Lange möbelt, hatten sie mit Keith sen sollte. Der Witz sei aus- 04 „Who Can I Be Now?“
produzierte ihre ersten fünf Moon zumindest einen promi- erzählt, hieß es damals. Dann 05 „ Bring Me The
Alben. Allesamt sind sie emp- nenten Riesenfan. Doch kein hätten sich allerdings auch Disco King“
fehlenswert, aber ihr drit- Label wollte ihren besoffenen Queen nach ihrem Debüt tren- 06 „ She’s Got Medals“
tes ist wohl ihr „glamigstes“. Krawallrock zwischen Glam nen müssen. Deren Sänger
07 „ Slip Away“
Schwelgerische Songs, und Proto-Punk. Ihr 1973 auf- wäre vom zweiten Album der
gekleidet in Luxusbademän- genommenes Debüt erschien Retro-Rocker bestimmt ent- 08 „Like A Rocket Man“
teln mit Brandflecken, vorge- erst zwei Jahre später – unter zückt gewesen, traut es sich 09 „Teenage Wildlife“
tragen mit Harmonien wie von anderem Bandnamen und nur doch derart weit over the top, 10 „ Looking For
den Gebrüdern Gibb. in Norwegen. Die erste „rich- dass sich Mercurys Schnauz- Satellites“
tige“ Veröffentlichung erfolgte bart einem Smiley ähnelnd
1980. Da interessierte sich nach oben gezwirbelt hätte.
dann gerade wirklich niemand Das Titelstück ist zudem der
mehr für diesen Stil, der nur beste Song von The Sweet,
kurz darauf als Glam-Metal die den The Sweet nie aufgenom-
Welt erobern sollte. men haben.

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W E I R D O - C O U N T R Y
Nein, hier geht es nicht um Country-Rebellinnen wie The Highwomen, die in Nashville gerade

The Gun Club, die nicht nur Alternative Country und Americana den Weg ebneten – sondern
Country-Tradition. Um Sonderlinge mit Sci-Fi-Fimmel und Cowpunks im Fahrwasser von
alles auf links drehen. Sondern um Außenseiter in möglichst eigenwillig interpretierter

auch Julia Lorenz‘ Bild von Country als reaktionäre Männermusik veränderten.

The Legendary
Peter Grudzien
Stardust Cowboy
The Unicorn
1974
Rock-It To Stardom
1984

Lange bevor Lil Nas X als


schwuler Cowboy den Main- Wenn man es mit einem
stream eroberte, sang die- Song geschafft hat, sowohl in
ser Outlaw in verhallten, X diversen „Worst Music ever“-
psychedelischen, verspon- More Fun In The New World Listen zu landen, als aber auch
nenen Countrysongs über 1983 David Bowie zu packen, muss
seine Homosexualität. Peter man ein Visionär sein – oder
Grudziens Debütalbum THE ein Sonderling. Norman Carl
UNICORN von 1974 ist eine Auch X, die Band aus Los Odam aus Texas ist beides. Als
kleine Schatzkammer vol- Angeles, die mit „I Must Not Teen fand er Western, Raum-
ler Songs, die klingen, als Think Bad Thoughts“ einen fahrt und Thelonious Monk
erscheine einem Nashville in der schönsten (Post-)Punk- super, seit den 60ern spielte er
Drogen-Träumen. Das Publi- songs der 80er, ach was: als Legendary Stardust Cowboy
kum strafte den Außenseiter- überhaupt!, aufnahm, haben die Musik, die aus dieser Inte-
künstler Grudzien lange mit ihre Wurzeln im Country. Man ressenlagerung logischerwei-
Desinteresse. Als ihn Isabelle lausche nur auf den galoppie- se folgen muss: Lo-Fi-Country
Dupuis‘ und Tim Geraghtys renden Rhythmus von „The und Blues mit Sci-Fi-Sounds,
Doku „The Unicorn“ von New World“! Oder den Truck- infiziert mit Psychedelic und
2018 endlich etwas bekann- stop-Sound von „Hot House“, Wahnsinn der Marke Screa-
ter machte, war der kompro- zu dem auch Billy Ray Cyrus min' Jay Hawkins. Sein Song
misslose Loner schon seit zufrieden schunkeln würde „Paralyzed“ von 1968, neu ein-
fünf Jahren tot. – um zwei Songs später von gespielt für dieses – überhaupt
der Energie der Band aus der sein erstes – Album, beein-
Ramdösigkeit gerissen zu flusste etwa Kid Congo Powers
werden. Wer’s sortenreiner (The Gun Club, Bad Seeds u.a.),
mag: Unter dem Namen The der in den 80ern mit Odam
Knitters nahmen Teile der tourte – und eben auch Bowie,
Band das Country-Album der ihn auf seinem 02er-Album
POOR LITTLE CRITTER ON HEATHEN coverte („I Took A
THE ROAD (1985) auf. Trip On A Gemini Spaceship“).

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Yip Yip Coyote Daniel Antopolsky


Fifi Country Teasers Acoustic Outlaw, Vol. 1
1985 Satan Is Real Again, Or 2016

Feeling Good About Bad


Thoughts
Yip Yip Coyote, eine der 1996 Wenn man so will, ist Antopolsky
schrägsten Erscheinungen
22-Pistepirkko der Rodriguez des Outlaw-
Big Lupu
im sogenannten Cowpunk, Country. In den 70ern bereiste
1992
waren die Rache der Pop- Der Country steckt hier vor er als aufstrebender Musiker
per für alle blöden Coun- allem im Namen – und im Detail. mit Townes Van Zandt die USA.
try-Klischees. Die britische Wie stellt man sich Ame- Die Außenseiter aus Schott- Nachdem der in seinem Beisein
Band verband Wave-Pop und rika von Finnland aus vor? land spielen auf ihrem besten aber beinahe an einer Überdo-
Country, rasante Schlag- In einem Land, in dem es Album kaputten (Post-)Punk mit sis Heroin gestorben war, zog er
zeugarbeit und elastische bestimmt viel Leere und Ein- Honky Tonk, Western-Zitaten, sich zurück und verschwand auf
Basslines mit Banjo-Gedöns samkeit, aber eben keine Ween-Humor und bitterbö- einem Bauernhof in Bordeaux.
und Howdy-Howdy-How. Das Wüstenhighways gibt, bahnte sen, klugen In-die-Fresse-Tex- Seine schrägen, akustischen
Ergebnis klang, als hätte Bow sich das Trio 22-Pistepirkko ten. Wenn Ben Wallers mit sei- Outlaw-Country-Songs begann
Wow Wows Annabella Lwin vom Punkrock aus auf holp- ner ätzenden Kratzstimme dem Antopolsky erst vor einigen Jah-
nachts um drei versucht, den rigen Pfaden den Weg in die Herrn dafür dankt, ein Mann ren aufzunehmen und zu veröf-
Soundtrack für einen Spa- US-Musiktradition. Auf ihrem zu sein („Thank You God For fentlichen. Mit der Dokumen-
ghettiwestern aufzunehmen vierten Album BIG LUPU Making Me An Angel“) oder im tation „The Sheriff of Mars“ von
– was ausdrücklich als Kom- machten sich die drei einen fantastischen „It Is My Duty“ 2019 setzte der Regisseur Jason
pliment gemeint ist. Weil eigenen Reim auf Country, einem jungen Mann im Roll- Ressler ihm ein Denkmal.
Yip Yip Coyote nicht nur tol- Blues und Americana – fuz- stuhl rät, gefälligst aufzustehen
le Pop-Melodien hatten, son- zig, lustig und ausufernd. und zu arbeiten, dürfte dem
dern auch Humor und das Letzten aufgehen, wie absurd
unschlagbare Wissen, dass (und) grausam Patriarchat und D I E P L AY L I S T
man Stereotype nur überwin- Kapitalismus sein können.
den kann, wenn man sie sehr, 10 Merkwürdig-
sehr ernst nimmt. Mitte der keiten von Country-
Würdenträgern
80er schaute die Band bei
John Peel vorbei und veröf- Freakwater 01 Jimmy Buffett –
fentlichte mit FIFI ihr einziges Feels Like The Third Time „My Head Hurts, My
1993 Feet Stink, And I Don’t
Album – dann verliert sich die Love Jesus“
Spur der Coyoten. Holly Golightly 02 Bellamy Brothers –
Wer sich den archetypischen Truly She Is None Other „Country Rap“
Outlaw als Mann vorstellt, 2003
03 Hank Williams Jr.
der auf einer Veranda der & Hank Williams –
Rückkehr seiner verlorenen Wer nicht mitbekommen hat- „There’s A Tear
Liebe harrt, kann sich von te, wie die Medway-Szene um In My Beer“
Freak water eines Besseren Billy Childish in den 80ern und 04 Hank Williams III –
belehren lassen. Catherine 90ern frisches Blut in Blues „Satan is Real/
Straight To Hell“
Souled American Irwin und Janet Bean bedie- und Garage gepumpt hatte,
nen das genretypische konnte sich nur wundern, wel- 05 Conway Twitty &
Fe Loretta Lynn – „You’re
1988 Instrumentarium, singen auf che exzentrische Besuche- The Reason Our Kids
ihrem dritten Album FEELS rin den White Stripes auf dem Are Ugly“
LIKE THE THIRD TIME aber Erfolgsalbum ELEPHANT ihre 06 Kinky Friedman –
Im Bandnamen steckte schon so eigenwillig und granit- quäkige Stimme borgte. Dabei „Get Your Biscuits In
The Oven And Your
die Mission der Band aus erweichend über die Gegen- veröffentlichte Holly Golightly
Buns In The Bed“
Chicago: Sie woll(t)en see- wart, über die Nöte allein- Smith mit dem zu dieser Zeit
lenlosen, saturierten Weiß- erziehender Mütter und erscheinenden TRULY SHE IS 07 Dolly Parton –
„Drinkenstein“
hemden die Deutungsho- Freunde, die dem Alkoholis- NONE OTHER schon ihr elftes
08 Johnny Cash –
heit über die Roots-Musik mus verfallen sind, dass sie Soloalbum. Das Werk ruht auf
„Flushed From The
entreißen. Souled American Country als Schutzraum für den Säulen von Blues, Sixties- Bathroom Of Your
klangen auf ihrem Debüt so Outcasts quasi im Alleingang Pop und eben Country mit, Heart“
derangiert wie die Violent reanimierten. nun ja, Kuhglocken. Golightly 09 Shania Twain –
Femmes ohne deren ado- gibt die giftige Nancy Sina- „Whose Bed Have Your
Boots Been Under“
leszente Triebstau-Nervo- tra, die keinen Bock hat, an
sität, so verzweifelt und sla- der Tanke auf Lee zu warten, 10 Johnny Paycheck –
„(Pardon Me) I’ve Got
ckerhaft, dass sie fast besser sondern lieber alleine über die Someone To Kill“
nach Seattle als Nashville Landstraßen ruckelt. Und sie
gepasst hätten. ruckelt noch immer.

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8 0 S P O S T P U N K

Sound steht. Postpunk hat den Anspruch, die Dinge offen zu halten. André Boße kam in

Musik, die narkotisiert und aufrüttelt, blendet und den Hörer in die Dunkelheit zieht …
Ein Begriff, der jedoch nicht als Genrebeschreibung taugt, für keinen (vor)definierten
Aus der Punk-Explosion bildeten sich Schallwellen – und die nennen wir Postpunk.

den 80ern über den Pop zum Postpunk – und entdeckte wunderlich-dialektische

Martha & The Muffins


This Is The Ice Age
1981
Swell Maps
Jane From Occupied Europe
1980 The Raincoats Mit der Debüt-LP METRO
Odyshape MUSIC sowie der Single „Echo
1981
Später in seiner Karriere wird Beach“ haben Martha Johnson
Nikki Sudden zum ewigen und ihre Muffins das Thema Hit
Rock’n’Roll-Troubadour wer- Den Raincoats ist nach der furi- abgehakt; mit dieser, ihrer drit-
den, erst sein Tod setzt der osen Debüt-LP die Drumme- ten Platte schwimmen sich die
langen Reise 2006 ein Ende. rin abhandengekommen. Statt Kanadier frei. Eine bedeutende
Bereits Anfang der 70er grün- den Posten neu zu besetzen, Rolle spielt dabei Produzent
det er mit seinem Bruder Epic holen sich die Musikerinnen Daniel Lanois, der hier schon
Soundtracks und anderen drei Percussion-Typen ins Stu- an seinen Qualitäten feilt, auf
Freunden aus Birmingham die dio, unter anderem den legen- die später U2 und Peter Gabri-
Dilettanten-Band Swell Maps. dären Robert Wyatt. Doch nur el zurückgreifen werden.
Anfangs parodieren sie Glam- selten haut einer von ihnen Stücke wie „Swimming“ oder
rock, später erweitern sie Punk auf die Snare – der Rhythmus „Boy Without Filters“ klingen
um Krautrock und Psych. Man imitiert dennoch Dub, Calyp- wie Brian Eno im Bandformat,
traut seinen Ohren kaum, wie so und Pop. In den Fokus die- „You Sold The Cottage“ zeigt,
zeitgemäß der besinnungslose ser abseitigen Songs zwischen dass Martha & The Muffins
Gitarrenkrach auf der zweiten Folk, Prog, Neuer Musik und No ihren Funk-Punk noch draufha-
Platte der Swell Maps klingt: Wave rücken unkonkret femini- ben. Jedoch verfolgt die Band
Flaming Lips, Parquet Courts, stische Texte sowie die Geige längst eine Vielzahl anderer
Stephen Malkmus – die großen von Vicky Aspinall. Kim Gordon Interessen.
Namen des Indie-Rock ließen und Kurt Cobain waren und jün-
sich von dieser Musik beleh- gere Acts wie Warpaint und
ren, die auf wundersame Weise Goat Girl sind Superfans die-
Lärm, Romantik und Nonsens ser Platte, die dann am stärks-
kombiniert. ten ist, wenn man nach kurzer
Nervphase von gigantischen
Ideen überwältigt wird.

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Romeo Void Shiva Burlesque


Benefactor Shiva Burlesque
1982 1987
Iggy Pop
Zombie Birdhouse Der Killing-Joke-triff t-The- 17 Pygmies
1982
Gossip-Sound der Single Captured In Ice Zwei der vier Typen aus dieser
1985
„Never Say Never“ hat Romeo Band gründen vier Jahre später
Viele Fans behaupten, Iggy Pop Void in DJ-Kreisen bekannt die Alt.-Country-Erneuerer
habe zwischen NEW VALUES gemacht: Das Stück zündet Mitte der 80er-Jahre wird Los Grant Lee Buffalo. Bei dieser
(1979) und AMERICAN CAESAR immer, insbesondere wegen Angeles zum Epizentrum einer Gruppe singt allerdings noch
(1993) nichts Gescheites hinbe- Sängerin Debora Iyall und ihrer neuen Postpunk-Welle, Bands ein Mann namens Jeff Clark,
kommen. ZOMBIE BIRDHOUSE knochentrockenen Chorus- wie die Red Temple Spirits, passend zur Musik mit dunkel-
fällt dabei unter den Tisch. Was Zeile „I might like you better Abecedarians oder Savage erhabener Stimme. Bei Songs
wohl einfach daran liegt, dass if we slept together“. Iyall ist Republic interpretieren die wie „The Lonesome Death Of
er zuvor PARTY verhunzt hat auf BENEFACTOR der Star der Denkrichtung politischer, laden Shadow Morton“ erkennt man
und 1986 mit Bubblegum-Pop Show, ihr Sprechgesang ist auf ihn mit Mythen und Theorien bereits die dystopischen Ame-
um die Ecke kommt. ZOMBIE Augenhöhe mit Debbie Harry, auf. Die 17 Pygmies sind in die- ricana-Fantasien, die ab 1991
BIRDHOUSE fügt sich nirgend- dazu hat sie genügend Soul ser Szene beliebte Außensei- Grant Lee Buffalo perfektio-
wo ein, dafür besitzt die Platte in der Stimme, um den Eth- ter, weil sie sich auf keinerlei nieren. Doch auf SHIVA BUR-
viel zu viele Bruchstellen. Iggy no-Funk-Elektro-Twist ihrer musikalische Richtung festle- LESQUE dominiert ästhetisch
Pop ist hörbar druff, der Gesang Band voranzutreiben. Eben- gen. Mal spielen sie Folk, mal hochwertiger Postpunk-Noir,
ist zu laut, die Gitarren schla- falls Mitglied von Romeo Void: Minimalisten-Prog, alles kaum häufig nicht weit entfernt von
ckern, der Beat ist synthetisch, der ambitionierte Saxofonist zu fassen. CAPTURED IN ICE der Musik, die Nick Cave Ende
einige Songs wirken wie Karika- Benjamin Bossi. Das sollte man wird dann zur Sternstunde, der 80er vorträgt.
turen, Titel wie „Ordinary Bum- wissen, denn ignorieren kann weil die 17 Pygmies plötzlich
mer“ kommen nicht von unge- man ihn nicht. auch Pop zulassen: Songs wie
fähr. Aber: Anders als Bowie „Monday“ oder „Suit Of Nails“
spürt Iggy Pop, was Postpunk klingen wie einige Jahre später
D I E P L AY L I S T
bedeutet. „Angry Hills“ ist die UK-Shoegazer Lush.
das beste Beispiel: Das Stück 10 Postpunk-Hits
schwebt einfach so dahin, drei von Bands, die
fantastische Minuten lang. bald schon Main-
The Opposition stream waren
Intimacy
01 U2 – „Boy/Girl“
1983
02 The Cure –
Abwärts „Grinding Halt“
Ungerecht, dass der Markt Abwärts
03 Simple Minds –
kaum Dunkelgötter neben The 1987
„I Travel“
Cure zulässt. The Sound, Com-
Normil Hawaiians 04 The Mothmen
sat Angels, The Chameleons
More Wealth Than Money (später: Simply
… Sie alle vertonen das Gefühl Mitte der 80er haben Abwärts Red) – „Does
1982
der Isolation ähnlich eindring- ihre erste Runde bereits hin- It Matter Irene?“
lich. Nur kauft niemand ihre ter sich, die LPs AMOK KOMA 05 Del Amitri –
Ein Dutzend Musiker triff t sich Platten. The Opposition ist und DER WESTEN IST EIN- „Crows In The
Wheatfield“
in der Abgeschiedenheit von noch so ein Fall, drei LPs zwi- SAM haben sie zum bundes-
06 Rip Rag + Panic
Wales, um über das Königreich schen Wave und Postpunk hat deutschen Postpunk-Faktor
(Vocals: Neneh
und seine moralisch verlotterte die Band aus London gemacht, gemacht. Lange überlegt der
Cherry) – „(Constant
Politik zu debattieren. Fast danach holt sie sich im Main- skeptische Chef Frank Z., was Drudgery Is
nebenbei entsteht eine ellen- stream nasse Füße. INTIMACY nun folgen soll – und entschei- Harmful To) Soul,
lange Doppel-LP, die genau so ist ihre zweite LP: Gitarren wie det sich für Pop. Die Hälfte der Spirit And Health“
klingt, wie viele dieser Diskus- Skelette, die Stimme klagt Songs auf ABWÄRTS ist auf Eng- 07 Orchestral
sionen verlaufen: Es fließt in über schmerzende Arme und lisch, der Beat kommt aus der Manoeuvres In
tausend Richtungen, aber die Stimmen im Kopf, ein von Dub Box, Synthies konkurrieren mit The Dark – „I Betray
My Friends“
Haltung aller Beteiligten bleibt informierter Bass pumpt fri- Gitarren. Weil Frank Z. danach
zu jeder Zeit erkennbar. Mal sches Blut in den Organismus. mit neuer Besetzung in Richtung 08 The Human League –
„The Dignity Of
braucht das Kollektiv keine drei Stücke wie „In The Heart“ Metal marschiert, gilt das Album Labour (Pt. 1)“
Minuten, um mit „Red Harvest“ stehen den Stimmungsma- als Ausrutscher. Aber das stimmt
09 Linda Ronstadt –
alles zu zeigen, wozu Postpunk chern auf The Cures PORNO- nicht: Die Aznavour-Interpreta- „How Do I Make You?“
in der Lage ist. Die Industrial- GRAPHY in nichts nach. tion „Alkohol“ ist ein viel zu sel- 10 INXS –
Folk-Suite „British Warm“ hin- ten gewürdigter Geniestreich, „Body Language“
gegen läuft zehn Minuten lang: „White House“ klingt wie New
Postpunk Floyd! Order aus der Hafenstraße.

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S U N S H I N E - P O P

fand Easy Listening seinen Weg ebenso wie LSD-Trips. Manche der Künstler waren
Ein Genre mit Widersprüchen. Denn in die meist in Kalifornien entstandene Musik

Jochen Overbeck meint: Die melodieverliebten Alben dieser Zeit sind einer der
familienfreundliche Alternativen zum Hippie-Zeitgeist, andere echte Hippies.

schönsten Seitenstränge des Sixties-Sounds – und durchaus einflussreich.

The 5th Dimension


Up, Up And Away
The Sunshine Company 1967
Happy Is
1967
Jimmy Webb, dessen größ-
ter Erfolg später das von
Schon der Opener führt Glen Campbell gesungene
den Hörer mitten in eines „Wichita Lineman“ werden
der Kernthemen des Gen-
The Free Design sollte, schrieb fünf Songs für
Kites Are Fun
res: „Children Could Help Us dieses Debütalbum, darunter
1967
Find The Way“ ist eine Hym- den Titelsong, der es 1968 auf
ne auf die kindliche Naivität. fünf Grammys brachte. Beson-
Die Melodieführung geht über Ausführlich gesampelt von ders am Gesang sind die Wur-
die gesamte halbe Stunde des den Avalanches, geremixt von zeln der Band im Soul erkenn-
Albums mit. Die Gruppe aus Stereolab, Caribou und ande- bar – als The Versatiles hatten
Los Angeles spielt sanften, auf ren, geliebt von Tyler, The Cre- sie sich 1965 noch um einen
Vokalharmonien fokussierten ator. Warum, wird schon im Plattenvertrag bei Motown
Pop, der mit milden Latin-Ein- Titeltrack deutlich: Die Band, bemüht. In Sachen Zielgrup-
flüssen in der Rhythmik und aus Mitgliedern der New pe war der Wechsel des Band-
ein paar Orchesterarrange- Yorker Musikerfamilie Dedrick namens und des Sounds eine
ments aufgehübscht wurde. bestehend, baute eine Kehrtwende: Plötzlich veröf-
Am schönsten: „Four In The schmuckvolle musikalische fentlichte man Platten für den
Mornin’“ mit seiner Fuzz-Gitar- Welt, die sich auf Pop ebenso weißen Mainstream-Markt.
re, das Beatles-Cover „Rain“ berief wie auf Benjamin Brit- Als Afroamerikaner waren sie
und „Back On The Street“, ten. Cembalo, Trompeten und in diesem Genre die große
gleichzeitig der größte Charts- Streicher kamen hier ebenso Ausnahme.
Hit der Gruppe. zu ihrem Recht wie „Bababa“-
Chöre. In Sachen Arrange-
ments vergleichbar mit den
Großwerken der Westküste,
aber eben weniger hippiesk.

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The Association
Birthday
1968 Beachwood Sparks
Roger Nichols & The
The Tarnished Gold
Small Circle Of Friends 2012
Roger Nichols & The Small The Association waren neben
Circle Of Friends The 5th Dimension die erfolg-
1968 reichste Band des Genres. Ihr „It’s time to stop pretending
The Clique
viertes Album hat die besten those days are gone“, sin-
The Clique
Arrangements. Böse Zungen 1969 gen die Beachwood Sparks
In den Liner Notes dieser Soft- sagen: Es ist das Sunshine- im Opener dieser Platte. Und
Pop-Platte tauchen (als „mora- Pop-Album der (berühmten in der Tat, Gegenwart ist hier
le booster“) Namen wie Randy Studiomusiker-Combo) The Clique stammten aus wirklich keine anzulegende
Newman und Van Dyke Parks Wrecking Crew! Ein Blick in die Texas und waren eigentlich Richtschnur. Der Sunshine-Pop
auf. Eine gute Gesellschaft, die Credits zeigt: Falsch ist das richtig psychedelisch. Sän- strahlt bei den Kaliforniern aus
in die richtige Richtung weist: nicht, aber im Gegensatz zu ger Randy Shaw legte die- jeder Pore, angerührt ist er mit
Nichols spielt federweichen vielen anderen Gruppen der se Einflüsse ebenso ab wie einer guten Prise Westcoast-
Westcoast-Pop, bisweilen nah Zeit schrieben The Association seine Bandmitglieder, als er Folk der Byrds-Schule. Das
am Easy Listening und bedient den Großteil ihrer Songs selber. gemeinsam mit Gary Zekley, geht aber in Ordnung, schließ-
sich dabei vor allem an Fremd- Die stärksten: „Everything That der zuvor Erfolge für die Grass lich waren da die Übergänge
material von Burt Bacharach bis Touches You“, das man sich Roots und die Mamas & The auch in den 60er-Jahren flie-
Lennon/McCartney. Manchmal auch gut als Byrds-Nummer Papas verantwortete, und des- ßend, und die Vokal-Arran-
nimmt er unvermutet Fahrt auf, vorstellen könnte, „Barefoot sen Studio-Recken dieses gements in Songs wie „Water
etwa im perkussiv rasselnden Gentleman“ mit seinem Barock- Album aufnahm. Zwei hyper- From The Well“ klingen so, als
„Can I Go“. Die Platte verkaufte Einschlag und das beschwingte melodiöse Pop-Hits gelan- stammten sie direkt aus dem
sich schleppend, sie blieb bis in „Time For Livin’“. gen der Band: „I’ll Hold Out My Pop-Labor von Gary Usher.
die 2000er-Jahre Nichols‘ ein- Hand“ und „Sugar On Sunday“.
ziges reguläres Studioalbum. „Superman“ coverten R.E.M.
Vergangenes Jahr wurde sie bei 1986 für ihr viertes Album
Tapete wiederveröffentlicht. LIFES RICH PAGEANT.

D I E P L AY L I S T
Sagittarius
Present Tense 10 modern Takes
1968
on Sunshine-Pop

Gary Usher, der Kopf hinter 01 Ariel Pink – „Dayzed


The Gordian Knot Captain Soul Inn Daydreams“
Sagittarius, war ein umtriebiger
The Gordian Knot Jetstream Lovers
1968 Musiker: In der ersten Hälfte 2003 02 Ocean Alley –
der 60er haute er im gefühlten „Yellow Mellow“
Wochentakt Surf-Singles raus. 03 The Babe Rainbow –
Vom Campus der University Als Produzent bei Columbia Im Internet wird behauptet, „Morning Song“
Of Mississippi landete dieses Records formte er den Sound dass der große Terry Melcher 04 Incarnations –
Quartett zunächst im Green- der Byrds mit, als Songwriter und Teilzeit-Beach-Boy Bruce „I Should’ve Known“
wich Village und schließlich schrieb er unter anderem mit Johnston eigentlich diese Plat- 05 The Shins –
an der Westcoast. Dort fiel es Brian Wilson „In My Room“. Vor- te produzieren sollten. Zwei „Simple Song“
Nancy Sinatra auf, die es für liegendes Album ist sein Opus Jahre vorher hatten sie warme
06 Foxygen –
eine Tour zu den US-Truppen Magnum. Gemeinsam mit Curt Worte für das Debüt der Band „San Francisco“
in Vietnam zu ihrer Backing- Boettcher, der fast gleichzei- gefunden. Das geschah dann
07 Whitney –
Band machte. Bald landeten tig das The-Millennium-Groß- leider doch nicht, hinterließ
„Golden Days“
die Knots einen Plattenvertrag werk BEGIN veröffentlichte, ver- aber keine Folgeschäden: Bes-
bei Verve Records, mit Bands schmolz er zehn Stücke, die ser als Ian Grimble (u.a. Travis) 08 Jacco Gardner –
„Clear The Air“
wie The Velvet Underground teilweise von Boettchers ande- hätten die das auch nicht
und den Mothers Of Invention rer Band The Ballroom stamm- gemacht. Die Band aus North- 09 Cayucas –
im Katalog auch jenseits des ten, zu einer trippigen Soft- ampton holt den Sunshine Pop „High School Lover“
Jazz ein gefragtes Label. Das Oper. Höhepunkt: „My World ins neue Jahrtausend, fügt Psy- 10 Panda Bear –
passt, auch in der Rückschau: Fell Down“, ursprünglich von der chedelic und etwas Mersey- „Bros“
Die Songs des einzigen Albums britischen Band The Ivy League beat und hier und da Feedback
besitzen eine erstaunliche Tie- aufgenommen, kommt hier mit hinzu. Anhänger der reinen
fe. „The Year Of The Sun“ hät- Glen Campbell an den Vocals. Lehre mögen das Album nicht
te auch bestens auf den „Once in dieser Liste sehen, aber sie
Upon A Time In Hollywood“- sollten einfach mal „Captain Of
Soundtrack gepasst. Your Soul“ anhören.

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stellte, hatte er sie längst so vielfältig wie eindeutig beantwortet. Einiges von dem, was große
„Does Humor belong in Music?“ Als Frank Zappa 1986 diese Frage im Titel eines Livealbums

besonderem Humor. Aber Platten finden, die auch nach Jahren good sind für gleich
Künstler*innen von Queen über Ween bis Missy Elliott erschaffen haben, zeugt von

Jimmie Haskell
California ´99
mehrere laughs – das hat Oliver Götz beinahe zum Ernst werden lassen.

1971

Tiny Tim
God Bless Tiny Tim Dieses Album steht stellver-
1968 tretend für zwei prall gefüllte
Kategorien: durchgeknallte The Deep Freeze Mice
50 Jahre später ist man in der Konzeptalben/Rockopern und Hang On Constance Let Me
Einordnung dessen, was auf unfreiwillig komisches Zeug. Hear The News
1985
der Debüt-LP dieses Exzentri- Und doch macht diese (ein-
kers geschieht, nicht viel wei- zige) Platte des nicht unbe-
ter. Denn diese Pop- und Vau- rühmten Arrangeurs und Film- Wie bitte, diese Musik könnte
deville-Interpretationen sind komponisten Jimmie Haskell gerne noch etwas lustiger
nicht zuletzt aufgrund Tiny genug Spaß, sich für einen sein? … Noch lustiger beor-
Tims außergewöhnlichem Fal- Abend genauer damit zu gelt also? Breaks und progres-
sett- und Bariton-Gesang beschäftigen. Ihre so dys- sive Wendungen comicartiger
weitaus vielschichtiger, als topische wie komplett irre vollzogen? Mr. Alan Jenkins in
man im ersten Eindruck ver- Story über ein in Konkurs seinem Ausdruck wenigstens
mutet. GOD BLESS ..., produ- gegangenes Amerika, in dem so ein bisschen exzentrisch,
ziert von Richard Perry (Harry (Cannabis vertilgende) Insek- wenn er schon dermaßen ver-
Nilsson, Barbra Streisand) und ten auf der Speisekarte stehen rücktes Zeug singt über Meta-
wunderbar arrangiert von Artie und der Big Brother watcht, physik, Laser-OPs (von innen)
Butler, hat spooky-psyche- sagt über seine Entstehung und Wesen, die sich nur dia-
delische Seiten und manch- mindestens genauso viel aus gonal fortbewegen können?
mal packt einen sogar die wie über die fiktive Zukunft. Nun, hier liegt wohl ein Miss-
Rührung. Als der junge Otto Und die Musik ist feiner Hip- verständnis vor: Diese Band
Waalkes Tims Version des pie-Poprock-Quatsch, der aus Leicester war nie ein
20er-Jahre-Schlagers „Tip Toe klingt, als hätte man das alles Novelty-Act, das waren unbe-
Through The Tulips With Me“ in tatsächlich verfilmt. irrbare Euphoriker, die keinen
sein Bühnenprogramm copy- Sinn darin erkannten, sich zwi-
pastete, übersteigerte er des- schen Psychedelia, Indie-Pop,
sen Theremin-artige Tremolo Postpunk, Bluesrock oder
zum Ziegengemecker, damit Beatles entscheiden zu müs-
der deutsche Lachmichel sen (innerhalb eines zweiein-
auch folgen kann. Buh. halbminütigen Stücks).

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Aphex Twin
Come To Daddy EP Jacques Palminger And
1997 The Kings Of Dub Rock
Mondo Cherry
Culturcide 2008
Tacky Souvenirs Of Pre- Da man mit diesem Kunstwerk
Revolutionary America vor allem den Schrecken ver-
DJ Koze aka Adolf Noise
1986 bindet, der einem damals dank Dub ist die wohl welt(all)weit
Wo die Rammelwolle fliegt
Chris Cunninghams Video in beste Musik, von der man sich
2005
Ganz sicher nicht für den die Knochen fuhr, geht leider gefangennehmen lassen kann.
regelmäßigen Verzehr geeig- sein besonderer Humor etwas Festgedübelt vom Bass, dann
net (gibt es ohnehin nur sel- verloren. Das Schockgetöse Lustig im Sinne von psychede- zuerst nur gefoppt, aber bald
ten zu kaufen – dafür jedoch und Fratzengezeige von Acts lisch-rätselhaft-fantastisch ist schon komplett aus der Zeit
auf YouTube), aber in sei- wie Marilyn Manson und The Stefan Kozallas Musik bis heu- gezogen von Echo und Hall, ist
ner Umsetzung mindestens Prodigy wurde hier so weit ins te. Dabei sank der Wortanteil man schließlich nur noch dort.
so unterhaltsam wie als Zeit- Groteske gedreht, dass die seiner Arbeiten seit Fischmob- Also da. Kommt zu diesem
dokument interessant: Ein vom industriellen Rocktheater Tagen allerdings beträchtlich. Da noch Dada hinzu in Form
paar Anarcho-Karaokistas plötzlich ohne Hose dastan- Auch auf dem zweiten Album von Jacques Palmingers (Stu-
aus Houston schnappen den. Zugehörige EP setzt(e) seines Gaga-Alias Adolf Noise dio Braun) spracherotischen
sich Mitte der 80er Hits von „Come To Daddy“ noch einmal wird gar nicht so viel gespro- Unsinns-Monologen und wer-
Springsteen, Jacko, Bowie in einen ganz anderen Kon- chen/gesungen, wie man sich den diese zusätzlich unter-
und overdubben grobst- text, weil der Twin darauf ein zu erinnern meint. Allerdings malt von Chansongesang und
mechanisch Strophen und irres Spiel mit Verfremdungen, haben sich ein Refrain wie Zitaten aus dem Engtanz-
Refrains mit eigenen Texten, Breaks und Kinderliedme- „Bäume strahlen Stress aus“ Kanon des Pop, gibt es gar
die gegen den markthörigen lodien treibt, das zwischen oder seine legendäre, zur phi- kein Entkommen mehr.
Rock-und-Pop-Betrieb, Poli- Sabotage-Akt und bösartiger losophischen Frage gerin-
zei und Klassensystem, wie Niedlichkeit borderlinert. nenden Verulkung von Gun-
die als faschistisch verurteilte ter Gabriels Ostbürger-Rant
Reagan-Regierung ätzen. („Zuviel Zeit?“) tief ins Textge-
Fiese Noise und Tape-Loop- dächtnis gebrannt. Während
Störungen gibt es gratis dazu. einem Musik und Geräusch D I E P L AY L I S T
Dagegen klingen die Resi- weiter wie frisch geschlüpft
dents wie ein Kurorchester. über die Synapsen hopsen. 10 äußerst befremd-
Komar & Melamid / liche Songs von sehr
David Soldier bekannten Bands
The People’s Choice Music:
The Most Wanted Song, 01 Pearl Jam –
The Most Unwanted Song „Bugs“
1997
Laibach 02 Depeche Mode –
We Love Katamari „Black Day“
Opus Dei Soundtrack
Nach Publikumsbefragung
1987 03 U2 –
erarbeiteten die Konzeptkünst- 2005
„Bass Trap“
ler Vitaly Komar und Alexander
Hey, das ist doch diese Band, Melamid unter Mitwirkung des Dass man sich zu einem 04 Faith No More –
die Rammstein so dolle beein- Komponisten Soldier DAS ulti- Videospiel, in dem ein Prinz „Das Schützenfest“
flusst hat. Ja, klar, aber wer hört mative Mainstream-Stück – fünf einen superklebrigen Ball, an
tatsächlich Laibach-Platten? schmalzige Lovesong-Minu- dem bald alles – vom Käfer bis 05 The Police –
„Mother“
Dabei hat das satirische Spiel, ten mit Sax, E-Piano und gefäl- zum Eiffelturm – hängenbleibt,
das die Slowenen hier auf ihrem ligsten Harmoniewechseln. Viel durch verschiedene Welten 06 Paul McCartney –
dritten Album mit wagneresker interessanter reagiert unser Hirn rollen muss, einen angemes- „Darkroom“
und latent faschistischer Ästhe- jedoch auf das Gegenstück, den sen bizarren Soundtrack ein-
07 Hüsker Dü –
tik in der Rockmusik (zitiert 22-minütigen „Most Unwan- fallen lässt: geschenkt. Doch
„The Baby Song“
werden unter anderem Queen ted Song“ mit Instrumenten und dass dieser Soundtrack gleich
und Opus) wie auch mit der Styles, die die meisten Men- dermaßen bizarr, wahnsinns- 08 The Doors –
stumpfen Rhetorik von Kriegern schen meiden: (alberne) Cow- üppig, schwerstalbern und „The Mosquito“
und Populisten treiben, eigent- boy-Musik, rappende Operet- anarchoniedlich, mega- und
09 Guns N´ Roses –
lich schon vor 33 (Hoppla!) Jah- tensängerinnen, Dudelsack, metapoppig und insgesamt
„My World“
ren alles zu irgendwelchen „Flü- Tuba, Harfenglissandi, brüske so superjapanisch ausfallen
geln“ und Freiwild-Hühnchen Dissonanzen auf der Kirchen- muss: ein riesen Geschenk! 10 The Pogues –
gesagt, was es zu sagen gibt. orgel, Kinderchöre, die den „Worms“
„Walmart“ anpreisen. Große
Kunst im Sinne des Hurz! also.

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P R O T O - G R U N G E
Nachdem die Punk-Kids irgendwann in den 80er-Jahren die Lust an Geschwin-

heit feiern. Im Spannungsfeld zwischen Black Sabbath und Black Flag entstand
digkeitsrekorden verloren hatten, wollten sie wieder den Hardrock ihrer Kind-

Chris Weiß hat live miterlebt, wie es zu Nirvana und Co. kommen konnte.

Randy Holden
Grunge und legte den Grundstein für die Revolution des Alternative Rock.

Population II
1970

Rotznäsige Punks wie unser-


Wipers Flipper
eins wurden aufmerksam auf
Is This Real? Generic Flipper
Randy Holden, als Mark Arm 1982
1980
von Mudhoney POPULATION II
im „Alternative Record Guide“
des „Spin“-Magazins neben Auch 40 Jahre später ist es Wer mutig genug war, ein-
üblicheren Verdächtigen wie unmöglich, nicht sofort mitge- zutauchen in den Under-
den Stooges, Captain Beef- rissen zu werden vom ersten ground der frühen 80er, muss-
heart und Birthday Party in sei- Album der Band aus Portland, te per se hart im Nehmen sein.
ner persönlichen Top Ten abfei- Oregon: Hit auf Hit, wie man so Aber nur die Allermutigsten
erte. Wie Nachforschungen schön sagt, mit Melodien, die hatten den Mumm, sich Flip-
ergaben, war Holden besten- auch die Beatles nicht besser per auszusetzen, einer Band
falls bekannt als Gitarrist, der hindrechseln können, und die- von Kaputtniks aus San Fran-
Blue Cheer auf der zweiten Sei- ser einmaligen Power des ame- cisco, die Stumpfheit zum
te ihres dritten Albums die Levi- rikanischen Punk. Und natür- Prinzip erkor und dem Zuhö-
ten las. Heute ist das Soloalbum lich der Gitarre von Greg Sage, rer versicherte, das Leben sei
dieses Mannes schnell gefun- über die endlich mal jemand die einzige Sache, für die es
den im Netz, damals musste ein dickes Buch schreiben sich zu leben lohne. Während
man sich die Hacken ablaufen, sollte: Nichts auf der Welt klingt die Musik als Krach mit ver-
um das Teil aufzutreiben. Welch besser. Außer vielleicht die stimmten Instrumenten vor
süßer ohrenbetäubender Lärm Stimme des „Alien Boy“, wenn sich hintaumelte, als würde
drang einem da entgegen, ent- sie in Hymnen des entfrem- Punk sich gerade im Delirium
fesselt und entmenscht, erzeugt deten Seins die Suche nach tremens die Hosen vollpissen.
von Holdens gnadenlos aufge- Liebe als Schaufensterbummel Oder wie „Spin“ schrieb: „Man
drehter Gitarre und einem pas- beschreibt: „Want it so much, musste schon ziemlich smart
senderweise überforderten look but don’t touch“. sein, um derart dumme Musik
Drummer. Proto-Grunge, bevor zu spielen.“ Mark Arm und
Rockmusik sich jemals vorstel- Kurt Cobain haben damals
len konnte, irgendwann einmal genau zugehört.
Proto zu sein.

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G E H E I M T I P P S

Fang Bastards
Landshark Monticello
Steel Pole Bath Tub
1982 1989
Butterfly Love
1989

Hardcore aus Berkely. Aber was Und noch was Derbes aus
für Hardcore! Fang sind so weit
Gore der Zeit, bevor das Jahr kam, Die Revolution war in Seattle
Mean Man’s Dream
vom politisch aufgeheizten Punk an dem (der) Punk brach: Die bereits in vollem Gange, als
1987
seiner Zeit entfernt, dass diese Bastards waren ein Haufen lär- Steel Pole Bath Tub (anfangs
exquisit nihilistische Musik auch mender Höhlenmenschen, die aus Montana, dann San Fran-
vom Mond kommen könnte. Die Etwa zur selben Zeit, in der selbst auf dem für Zimperlich- cisco) fast parallel zur Veröf-
Gitarre von Tom Flynn, einem die Melvins in der Nachbar- keit nicht gerade bekannten fentlichung des ersten Nirvana-
der unbesungenen (Anti-)Hel- schaft von Kurt Cobain auszu- Label Amphetamine Reptile, Albums klarmachten, dass
den des Instruments, klingt tat- loten begannen, wie sich die quasi das Sub Pop für die Seattle keine Insel ist und Grun-
sächlich außerirdisch, lasziv und bleierne Schwere von Black Grunge-Hipster, aus dem Rah- ge auch in anderen Städten
krank, hypnotisch und zuge- Sabbath musikalisch ohne men fielen als Rockmetzger möglich: Wie das Trio hier im
dröhnt in diesen Liedern über Metalklischees mit maximaler mit besonders ausgeprägtem Spannungsfeld zwischen Eksta-
„Werrwöulfe“, Skinheads und: Wucht umsetzen ließe, expe- Dachschaden. Der Drummer se und Psychose Lärmsplitter
Landhaie. Sänger Sammytown rimentierten in den Niederlan- kann nur einen Rhythmus und auf Popmelodien treffen lässt,
singt, als wäre er ganz woan- den Gore mit einem ähnlichen den nicht besonders gut. Der nimmt die krachenden Anti-
ders. 1989 wandert er elf Jah- Ansatz. Nur noch konsequenter Rest passt sich an. „I guess I songs von IN UTERO vorweg.
re ins Gefängnis, nachdem er im und radikaler als die Melvins. don’t know much!“ Butch Vig,
Drogenrausch seine Freundin Ein Trio, das – frei von Gesang der später NEVERMIND produ-
erwürgt hatte. „The Money Will samt Lyrics – den Hammer der ziert und danach bei Garbage
Roll Right In“ ist der Fang-Song Götter so unbarmherzig nieder- spielt, holt als Produzent alles
für die Ewigkeit. Er wird gecovert sausen ließ, dass sogar Hen- aus diesen Antiliedern raus.
von Mudhoney und Nirvana. Und ry Rollins sofort das hohe Lied Das ist nicht viel. Aber D I E P L AY L I S T

Metallica. auf Gore anstimmte. Am besten es reicht.


ist das zweite Album, das zeigt, 10 besondere
wie man Headbanging und Coverversionen
Intelligenz unter eine Mähne von Bands der
bekommt. Grunge-Revolution

01 Soundgarden –

Tales Of Terror Cosmic Psychos „Girl U Want“ (Devo)

Tales Of Terror Go The Hack 02 Mudhoney –


1984
1989 „Hate The Police“
(The Dicks)

Eine nennenswerte Punkszene Pussy Galore Dass mit Australien immer zu 03 Afghan Whigs –
„My World Is Empty
gab es in Sacramento nicht, Right Now! rechnen ist, weiß man seit, na Without You“
und kaum jemand listet Tales of 1987 ja, den Easybeats? Buffalo? (The Supremes)
Terror als nennenswerte Band AC/DC? The Saints? Radio
04 Urge Overkill –
der goldenen Ära des US-Hard- Pussy Galore war Jon Spen- Birdman? Birthday Party? „Emmaline“
core. Aber aus kaum nachvoll- cers Band vor der Blues Explo- Mitte der 80er-Jahre began- (Hot Chocolate)
ziehbaren Gründen verschlug sion, nur mit weniger Blues und nen die Cosmic Psychos ihr
05 Nirvana – „Return
es ausgerechnet dieses Quin- mehr Explosion. Was die Band Unwesen zu treiben, die aus- Of The Rat“ (Wipers)
tett immer wieder nach Seattle, von anderen Formationen aus sehen wie die letzten Bau-
06 Pearl Jam – „Sonic
wo Kids wie Mark Arm vor der der New Yorker Noise-Schmie- ern und auch so klingen und
Reducer“ (Dead Boys)
Bühne standen und nicht fassen de abhob, war ihre Lust an natürlich umwerfend sind.
konnten, was sie zu hören beka- der coolen Pose. Die Songs Man könnte jedes ihrer herr- 07 Dinosaur Jr. –
„Show Me The Way“
men. Das einzige und niemals auf RIGHT NOW!, ihrem zwei- lich stumpfsinnigen Alben
(Peter Frampton)
wiederveröffentlichte Album ist ten und besten Album, sind listen, aber bei GO THE HACK
08 Screaming Trees –
angefüllt mit irrwitzigen Songs, unanhörbar und eigenartig steht das Trio auf dem Cover
„Song Of A Baker“
die klingen, als könnte es sie sexy, als hätte man die Filme auf einem Radlader (der (Small Faces)
jede Sekunde aus der Kurve tra- von Richard Kerns „Cinema of dem Bassisten gehört) und
09 Shudder To Think –
gen, und verzweifelt um sich Transgression“ in Musik (oder es gibt „Pub“ und „Lost Cau- „Imagine“
kratzenden Gitarren, die sich was man so nennt) gegossen. se“ zu hören, die zwei größ- (John Lennon)
nicht entscheiden können, ob sie Die Zeit war reif für Grunge. ten Hits der Band. Der Rest 10 Sonic Youth –
nun Schwindsucht oder Tollwut ist aber genauso gut. Weil „Superstar“
haben. „Ozzy“ wurde von den es eh nur dieses eine Riff bei (Carpenters)
Mudhoney- und Pearl-Jam-Vor- ihnen gibt. Mehr Mudhoney
läufern Green River gecovert. als Mudhoney!

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F R E I S T I L
Experimentelle Musik kennt keine Grenzen. Künstler*innen mit Forschergeist

infrage gestellt und Spielarten aufgelöst werden, ist das Spezialgebiet von
Albert Koch. Er empfiehlt zehn essenzielle Platten aus Rock, Folk, Techno,

Ennio Morricone
gibt es in allen Genres. Diese „andere Musik“, mit der Hörgewohnheiten

Drammi Gotici
Dream Pop und Soundtrack, auf denen frei gedacht und gemacht wird.

1978

La Monte Young / Marian


Zazeela
Mit Sicherheit hat Ennio Mor-
Dream House 78'17"
1974
ricone mehr Filmsoundtracks
mit experimenteller Musik This Heat
komponiert als solche mit der Health And Efficiency
Minimal- und Drone-Musik leichtverdaulichen, die ihn 1980
haben sich über die Jahre in so berühmt gemacht hat. Die
allen möglichen Genres ausge- Musik zum italienischen TV-
breitet. Erfunden wurde beides Vierteiler „Drammi Gotici“ Eine EP, die zwei gegensätz-
von La Monte Young in den 60er- aus dem Jahr 1978 fällt ein- liche Seiten der Experimental-
Jahren. Seinem Projekt Theatre deutig in die erste Katego- Rock-Band aus Camberwell
Of Eternal Music gehörten rie. Die Stimmung ist düster, zur Schau stellt. Der Titel-
neben ihm seine Ehefrau Mari- die Musik dissonant, inspi- track ist der vielleicht konven-
an Zazeela an, die anderen Mit- riert von Musique concrète tionellste Song von This Heat,
glieder wechselten ständig – u.a. und der klassischen Musik eine Art Sonic Youth vor Sonic
John Cale –, auf diesem Album des 20. Jahrhunderts. Wie Youth, bevor das Stück in der
sind es der Trompeter Jon Has- zufällig webt Morricone kur- Mitte übergeht in einen repe-
sell und der Posaunist Garrett ze Zitate von Mittelaltermusik titiven Rhythmus, ein Solo auf
List. Zusammen erzeugen die und italienischer Volksmusik der verstimmten Gitarre, Tape-
Stimmen und Instrumente einen ein. Am besten aber wird es Collagen menschlicher Stim-
„ewigen“ fernöstlich inspirierten immer dann, wenn das Viola- men und nach einem Fade-
Drone. Auf der B-Seite: eine spiel von Dino Asciolla auf den out in Faustischer (die Band!)
elektronische Minimal-Kompo- wortfreien Gesang von Edda Kakophonie endet. „Graphic/
sition mit drei unterschiedlichen Dell’Orso triff t. Varispeed“ variiert in 15 Minu-
Sinustönen, die beim Hörer ten Tape-Loops von Drone-
Phantommelodien erzeugen. artigen Tönen auf minima-
DREAM HOUSE 78'17" demons- le Weise. Die Hörer durften/
triert außerdem, dass 40 Minu- dürfen frei wählen, welche
ten Musik mühelos auf eine LP- Geschwindigkeit sie an ihren
Seite passen. Plattenspielern einstellen.

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G E H E I M T I P P S

Grouper
Dragging A Dead Deer Up A Hill
2008 Dean Blunt
John Fahey
Roaches 2012–2019
Womblife 2020
1997
Es ist kein Dream Pop, es ist kein Heather Leigh
Folk, kein Ambient, keine Psy- I Abused Animal
Wie gefährlich kann eine akus- chedelia – es ist alles auf ein- 2015 Egal, wie man die Musik von
tische Gitarre klingen? Der mal, und möglicherweise alles in Dean Blunt auch nennen mag
große Folk-Fingerpicking-Stilist einem einzigen Song. Das fünfte Die Pedal-Steel-Gitarre wird mit – zum Beispiel Art-Pop-Folk
und Begründer der „American Album von Liz Harris unter dem genau einem Genre assoziiert: –, es sind die kleinen Dinge,
Primitive Guitar“ zeigt es auf Namen Grouper trägt den schö- Country. Heather Leigh hat sie die den Unterscheid ausma-
einem seiner letzten Alben. John nen Titel DRAGGING A DEAD aus ihrem gewohnten Umfeld chen: das Metal-Gitarrensolo,
Fahey hatte in den Jahrzehnten DEER UP A HILL. Aus dem Rau- geholt und in neue Kontexte die wunderbar singende Vio-
vorher immer wieder seine Hörer schen des Meeres schält sich gesetzt, sie spielt einzelne Töne, line, Samples von Sitar und
mit Experimenten und Sound- ein Song, der klingt, als wür- wiederholt sie ohne große Vari- Streichern, Dope Beats und
collagen verstört, treibt das aber de er aus schlechten Laut- ationen, bis sie sich im Hallraum Spoken Words, die eine Art
auf WOMBLIFE, das zu Hause sprechern auf einem großen verlieren. Neben der hohen HipHop ergeben, der hypna-
bei Produzent Jim O’Rourke auf- Platz gespielt und man hörte Stimme, die alte Folk-Traditi- gogische Hall und natürlich
genommen wurde, auf die Spit- ihn durchs geschlossene Fens- onen in Erinnerung ruft, ist die Blunts unnachahmliche Croo-
ze. Im künstlichen Hallraum ter. Einfache Folksongs werden Stille das bestimmende Instru- ner-Stimme. Die Skizzenhaf-
dekonstruiert Fahey die (Slide-) von einem dicken Schleier aus ment auf diesem Album. Die tigkeit, die Zerrissenheit und
Gitarre, quält die Saiten und legt Ambience umgeben und irgend- Amerikanerin zeigt aber auch, die stilistische Diversität der
Donner, Drone, Feedback und wann verschwimmen die Gren- wie man die Pedal Steel verzer- 26 Tracks, die der Produzent
Ambient-Soundscapes darüber. zen zwischen Instrumenten und ren kann, bis eine Art von Noise- aus London im vergangenen
Und kommt damit nah an ande- Geräuschen. Musik aus einer core entsteht, oder lässt sie wie Jahrzehnt auf diversen digi-
re große Gitarrenzerstörer wie Zwischenwelt. eine Hawaii-Gitarre klingen. talen Plattformen hochgela-
Derek Bailey und Loren Connors. den hat, machen aus dieser
Compilation ein „normales“
Dean-Blunt-Album.

Nicolas Jaar
Speaker Music
Pomegranates D I E P L AY L I S T
Vladislav Delay 2015
Of Desire, Longing
2019
Multila
2000 10 Tracks von
Schon lange bevor sich Nico- Ennio Morricone,
las Jaar offenbar von den Wenn Planet Mu, eines der die Albträume
Es war die Zeit, in der der Denkmustern der herkömm- wichtigsten englischen IDM/ verursachen
Techno sich von der rein lichen (elektronischen) Musik (Post-)Dubstep-Label, das (können)
funktionalen Aufgabenstel- befreit hat, war seine Nei- Album eines Musikers, Akti-
lung emanzipiert und sich als gung zur Avantgarde zu erken- visten, Journalisten und Bilden- 01 „Dopo l'intervista“
Kunstform und Experimen- nen. Zum Beispiel auf dem den Künstlers veröffentlicht, das 02 „Caccia“
tierfeld begriffen hatte, die Album POMEGRANATES, das an AMM, die britischen Pioniere 03 „Requiem per un
Zeit der Berliner Labels Basic zunächst nur als YouTube- der Improvisationsmusik, erin- operaio“
Channel/Chain Reaction und Stream veröffentlicht wurde. nert, dann ist zu erahnen, wel- 04 „La congiura“
der Erfindung des Dub-Tech- Mit diesem imaginären Sound- chen Stellenwert die experimen-
05 „Sospensione folle“
no. Das dritte Album des fin- track zu dem sowjetischen telle Musik zurzeit einnimmt.
nischen Produzenten Vladislav Film „Die Farbe des Granatap- DeForrest Brown Jr. entwickelt 06 „Luca’s sound“
Delay aka Sasu Ripatti kompi- fels“ (1969) gelang Jaar über unter dem Alias Speaker Music 07 „Musica per
liert die beiden EPs „Huone“ 20 Tracks und 67 Minuten ein aus seinen Theorien über Afro- undici violini“
und „Ranta“, die er 1999 für kleines elektro-akustisches futurismus und soziale Klassen 08 „Venuta dal mare IV“
Chain Reaction aufgenommen Meisterwerk zwischen Ambient im heutigen Amerika zwei LP-
09 „Sogno primo 1“
hat. Das ist verhallter Ambi- und Neuer Musik, Melodie und Seiten-lange Tracks, die sich
ent-Techno, bei dem ausge- Atonalität. Fragmentarische zäh wie ein Lavastrom fortbewe- 10 „Sytar“
franste Effekte, „unsaubere“ Sounds aus Orchestersamp- gen: Abstraktionen, Geräusche
Loops und gegenläufige Mini- les und Field Recordings fügen und stolpernde Beats, die im
mal-Rhythmen eine dysto- sich zu musikalischen Stim- Hintergrund von einem Saxofon
pische Soundlandschaft in mungsbildern. Dazu gibt es begleitet werden, im einen, per-
den allerschönsten Grautönen wunderbare Melodien wie im kussives Brodeln mit beinahe
erschaffen. Fiebertraum halluziniert. jazzigem Vibe im anderen.

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TEXT: STEFFEN GREINER FOTO: ALEXANDER BLACK MOSES SUMNEY

Wer ein zweigeteiltes Konzeptalbum in 20 Aufzügen Identität, das ist neben Isolation das andere
zum Thema Isolation aufzunehmen in der Lage ist, große Thema von GRÆ, wie er in unserem Inter-
view genauer ausführt …
scheint diese auch in Zeiten des Lockdowns überwinden
zu können: Wir haben uns mit dem Soulsänger Moses Ein Album über Isolation in Zeiten sozialer
Sumney getroffen, als das eigentlich schon gar nicht Distanz. Du scheinst die Isolation ja eher
mehr möglich schien …

S
produktiv zu finden. Warum eigentlich?
Es ist so wichtig für jede*n Künstler*in, sich
tadt verwaist, Grenzen de“, sagt Sumney. „Jetzt habe ich begrif- selbst kennenzulernen. Und man kann sich nie
zu, Flüge abgesagt, Hän- fen, dass ich vermutlich weiterlebe. Und selbst kennen, wenn man nicht mit sich konfron-
deschütteln absolut nicht immer älter werde. Darüber habe ich frü- tiert ist. Wenn nichts von seinem Selbst ablenkt.
empfohlen. Und wer sitzt her nie nachgedacht. Und der Gedanke Diese Konfrontation mag ich: mit Gedanken und
Mitte März in einem Berli- ließ in mir den Wunsch entstehen, zu Dämonen.
ner Hotelzimmer und gähnt erkunden, was ich alles geben, verschen- Aber anderen zu erzählen, wer man ist, ist
herzhaft gejetlagt? Wer tut so was, der ken kann. Ich bin jetzt Maximalist, ich das nicht der halbe Spaß an der Selbst­
nicht total narzisstisch wäre – in Zeiten habe verstanden: Ich kann alles machen. erkenntnis?!
der großen Seuche einmal um die hal- Warum sollte ich mich bremsen?“ Na, wenn du da drauf stehst ...
be Welt fliegen, für ein paar Interviews? So gibt es nun neben den erwarteten Ist es denn überhaupt möglich, eine Iden­
Vielleicht jemand, der gerade in zwei sanften Stücken auch große, grobe Rock- tität auszuformen, so nur für sich selbst?
Teilen ein langes Album veröffentlicht, nummern, es gibt frickeligen Jazz. Es ist Das ist wahrscheinlich unmöglich. Ich frage mich
das sich beim ersten und auch beim ein bisschen, als hätten die campy Über- das oft: Ob man ein Selbst bilden kann ohne die
zweiten Hören nicht erschließt, viel von treiber Queen nun auch noch die moder- Intention, für die Gesellschaft eine Rolle zu spie-
der Zeit braucht, wie es sie in der aktu- ne experimentelle Musik entdeckt. GRÆ len. Seit ich aus L. A. weggezogen bin, will ich
ellen Situation zwischen Anspannung ist „I Want To Break Free“ im größtmög- wissen, wer ich bin, wenn ich mir nicht die Fra-
und Langeweile aber ja auch reichlich lichen Maßstab und ohne Flachs. „Ich ge stelle, was andere von mir halten.
gibt – und das darüber hinaus auch noch wollte nicht soft und lo-fi sein, ich wollte Gibt es dir mehr Freiheit, jetzt in einer
prophetisch vom dominierenden Thema richtig singen. Meine Stimme wird eines Kleinstadt zu leben?
dieser Tage handelt: Isolation. Moses Tages schwinden, ich werde diese Stücke Da kennt mich niemand. In Los Angeles ist man
Sumney, die aufgetürmten Haare und nicht immer vortragen können. Ich muss immer beobachtet und gleichzeitig Beobachter.
die Augenbrauen schwarz-weiß gefärbt, das jetzt singen, solange es geht. Wenn Als Moses Sumney oder als ein beliebiger
schwarzer Kimono über definiertem ich etwas machen kann, muss ich es auf Mensch?
Body, grinst aufreizend. „Wer weiß, viel- jeden Fall machen. Weil es niemand sonst Beides. Jeder ist ein Star in L. A., ob man es sein
leicht stecke ich ja hinter allem!“ gibt, der das kann.“ will oder nicht. Andere Menschen bestimmen zu
Sumney war mit seinem Debüt vor Im Video zu „Virile“ tanzt ein aufge- einem großen Teil deine Identität. Auch wenn die
drei Jahren der neue Prophet des intimen pumpter Sumney mit nacktem Ober- gar nicht an dich denken, ist das, was du glaubst,
Soul-Folks. AROMANTICISM: Ein körper durch Rinderhälften in einem was sie von dir denken, Teil deiner Identität.
Sound zum Schluchzen in leeren Kir- Schlachthof und singt über Männlich- Irgendwann langweilte mich das.
chen, spirituell, aber ohne jeden Gott. keit, affirmativ und kritisch zugleich. Würdest du eher ein Plädoyer dafür hal­
Ganz verletzlich und ausgebeint klang Der Künstler stellt sich ganz konkret ten, dich immer wieder neu und anders
die Stimme des heute 28-jährigen Kali- – Fleisch und Blut – in die Schusslinie für andere zu definieren, oder dafür, alle
forniers, oft im überirdischen Falsett, aktueller Diskussionen zu diesem The- Kategorien einfach zu streichen?
verwandt mit Thom Yorke oder Anohni, ma. „Es ging um Opfer. Und sich selbst Ich glaube, gar keine Kategorisierung ist besser.
Kammermusik mit sehr gelegentlichen zu opfern, das ist doch interessant. Ich Definitionen langweiligen mich. Die sind für die
Beats. Bei seinen Konzerten versank wollte mich erschöpfen, ich wollte meine anderen, nicht für mich. Ich labele mich, damit
Sumneys Körper im Dunkel der Bühne, Ressourcen erschöpfen. Mein Gesicht, andere mich verstehen können. Aber wenn es
versteckt in zu großen Hoodies. meine Nase, meinen Körper, meinen keine anderen Menschen gäbe, würde man das
Versinken kann bei seinem neuen Torso, meine Haare, meine Stimme, mei- nicht machen. Mir ist inzwischen egal, wie mich
Album GRÆ nun nichts mehr. Es ist ne Gedanken, mein Hirn, mein Herz. Ich jemand sieht. Egal, wie sie mich definieren, ich
zu groß dafür. Auch zu ambitioniert. wollte alles hergeben, es konsumierbar sage mir immer: Okay, cool.
Die Entscheidung, die erste Hälfte mit machen.“
Abstand vor der zweiten zu veröffentli- Grenzerfahrungen und Konfronta- Mag GRÆ auch von Isolation und der eige-
chen – Teil eins im Februar, Teil zwei im tionen, die nach dem (post-)sakralen nen Identität handeln, spielen Beiträge ande-
Mai –, um die Hörenden verdauen zu las- Debüt nicht zu erwarten waren. Sumney rer doch eine wichtige Rolle, in Samples oder
sen, tut der Musik gut. In homöopathi- stellte sogar seine Ernährung um, für Spoken-Word-Fetzen, eingesprochen von
schen Dosen ist das ein Meisterwerk, als neun Monate, für eben diese neue Kör- Freund*innen wie der britisch-ghanaisch-
Ganzes eine zermürbende Erfahrung. perlichkeit. „Ich habe mich geschämt nigerianischen Schriftstellerin und Fotogra-
Aber eine mit Gewinn. für meinen Körper und ich war des- fin Taiye Selasi. Genug Sumney, sagte sich
Was sich seit dem Debüt von vor drei wegen oft schüchtern. Das wollte ich Moses Sumney: „Gerade, weil es um Isolation
Jahren verändert hat? Zuerst einmal ist hinter mir lassen. Ich wollte die Kon- geht, ist es gut, weitere Stimmen und Meinun-
Sumney von L. A. in die Kleinstadt Ashe- trolle über meinen Körper und gleich- gen auf dem Album zu haben. Auch wenn alle
ville in North Carolina umgezogen. Aber zeitig wollte ich ihn egal werden las- sich isoliert fühlen, fühlen doch alle das Glei-
da ist noch mehr. „Bei meinem ersten sen. Den Körper zu zähmen, reflektiert che. Es geht darum, die Verbindung zu finden
Album war ich besessen vom Tod, ich meine Ideologie, das Männliche und zwischen den isolierten Körpern.“
war so sicher, dass ich jung sterben wer- das Weibliche zur Synthese zu führen.“ Albumkritik S. 64

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THE 1975 TEXT: JOCHEN OVERBECK FOTO: MARA PALENA

DIE
FREUNDLICHE
SEITE DER
APOKALYPSE

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Relevante Reiz­
figuren: Adam Hann,
Matt Healy, Ross
MacDonald und
George Daniel sind
The 1975.

Pop, der alles infrage stellt, was wir bisher über Pop wussten: The 1975
sind die Eklektiker der britischen Musikszene – und damit extrem
erfolgreich. Nach drei Nummer-eins-Alben erscheint nun mit NOTES
ON A CONDITIONAL FORM das neue Werk der Briten um Matt Healy.
Mit an Bord: eine Klimakämpferin, Sex und (fast) keine Drogen.

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THE 1975

M
Daniel schießt die Songs auch
diesmal verlässlich ins Weltall:
Wir hören den großen Eighties-
Pop der amerikanischen Wave-
att Healy ist in Habachtstel- Schule, der so klingt, als wäre er wird? „Menschen reagieren immer dann,
lung, man spürt das durchs einem John-Hughes-Film ent- wenn sie einer direkten Gefahr ausgesetzt
Telefon. Er sitzt zu Hause sprungen und der schon das sind“, sagt Healy. „Wenn sie diese Gefahr
in England und sagt gleich Debütalbum prägte. Wir hören noch nicht sehen, schieben sie sie weg. Beim
zu Beginn, es falle ihm aber auch Jungle und House. US- Klimawandel geht es um unseren Planeten.
schwer, jetzt Interviews zu Folk. Indie. Etwas, das sich Rich- Der Planet – das ist eine ziemlich große Idee,
geben. Als Journalist fühlt tung R’n’B lehnt und von Healy weißt du?“ Die Idee des ­Thunberg-Features
man sich eigenartig ertappt, selbst als Sophisto-Pop bezeich- ist indes nicht nur eine inhaltliche. „Greta
wenn man ihn nach dem net wird. Ach ja, „People“, einer erfährt viel Anerkennung. Wir wollten ihr
Grund dafür fragt. Die Leute, so sagt er, wollten von ihm der fünf vorab ausgekoppelten ganz förmlich einen Platz in der Popkultur
alle etwas zum Corona-Virus erfahren und dazu, wie er Tracks, ist eine klassische Emo- verschaffen“, sagt Healy. Um die Angreifbar-
damit umginge. Er wolle aber nicht über sich selbst reden, core-Nummer. keit, die so eine deutliche Positionierung mit
da gerade jetzt die Gemeinschaft wichtig wäre. Zudem Dieser Eklektizismus, die- sich bringt, weiß er. Auch, als das Thunberg-
sei er der völlig falsche Ansprechpartner, wisse schließ- ser vollkommene Bruch mit Feature im vergangenen Herbst auf die Stre-
lich auch nicht mehr als jeder andere. Ein paar Dinge tradierten Hörgewohnheiten aming-Dienste dieser Welt gespielt wurde,
sagt er dann, als konkrete Handlungsweisen dienen sie machte The 1975 schon mit dem reagierten in den sozialen Netzwerken vie-
nicht, wohl aber als gute Denkanstöße: „Ich glaube nicht, letzten Album zur wichtigsten le zunächst zynisch. H ­ ealy lächelt das weg.
dass wir zur Normalität zurückkehren werden. Ich glau- Band ihrer Generation. Neben „Es gibt einen sehr guten Witz von Ricky Ger-
be nämlich nicht daran, dass diese Normalität überhaupt Bon Iver und Tame Impala sind vais zu dem Thema. Es ist, wie wenn jemand
existiert. Normalität ist nur eine attraktive Idee. Die Welt sie gerade der einzige Act, der an einer Wand ein Schild sieht, das für Gitar-
besteht aus Chaos, und so sollten wir sie behandeln. Lass aus einem klassischen Poprock- renunterricht wirbt. Der sieht das, ruft bei
uns nicht über die dunkle Seite der ­Apokalypse sprechen, Background stammt und mit der notierten Telefonnummer an und sagt:
sondern darüber, dass sich die Leute plötzlich mit ­Virtual tatsächlich Neuem ein Main- ,Ich möchte aber überhaupt keinen Gitarren­
und Augmented Reality beschäftigen, und mit Kommu- stream-Publikum erreicht. Das unterricht nehmen!!!!!‘ Es geht letztend-
nikationsmöglichkeiten, die vielleicht noch nicht perfekt führt zu Abwehrhaltungen: Vie- lich darum, dass alle gehört werden wollen,
sind, aber eben das, was wir haben!“ le Menschen, vor allem solche sobald jemand anderes gehört wird.“

E
Gute Slogans, die auf einer schillernden Gedanken- mit einer klassischen Indie-
welt basieren. Matt Healy beherrscht solche ebenso Rock-Sozialisation, hassen die- igentlich sollte NOTES OF A CON-
blitzgescheiten wie blitzschnellen Positionierungen zur se Musik, weil sie das Gegebene DITIONAL FORM schon vor einem
Gegenwart wie kaum ein anderer Popstar. Wer sich mit infrage stellt. Dass da eine Band guten Jahr erscheinen. Doch was
ihm unterhält, ist in einer Position, die an den Tennis­ steht, die im Großen und Gan- zunächst vollendet erschien, war
spieler erinnert, der die Ballmaschine angeschmissen zen das Setup der Rolling Stones es noch längst nicht. „Das Album wurde ein-
hat, nicht wissend, dass sie auf der schnellsten Positi- besitzt – Fun Fact: Sie spielten fach immer besser“, sagt Healy und erzählt
on steht. Bam, bam, bam. Man muss auf Zack sein. Man sogar schon als deren Support dann davon, wie man während einer ziemlich
sollte sich keine Fehler erlauben. Bam, bam, bam. So wie –, die aber musikalisch auf Über- umfangreichen Welttournee an den Songs
die Ballmaschine, die nicht verzeiht, ist auch Healy in länge freidreht und dafür auch arbeitete, mal in den eigenen Schlafzimmern,
seinem diskursiven Tempo gnadenlos. Bam, bam, bam. noch viel Wertschätzung von häufiger in Hotelzimmern und schließlich
The 1975 haben ein neues Album veröffentlicht. Schon der Presse erfährt, ist für sie eine den verschiedensten Studios der Welt, von
der Titel NOTES ON A CONDITIONAL FORM trägt Zumutung. London über Berlin bis Los Angeles. Tage-
Bedeutung vor sich her wie der Pfarrer die Monstranz Reizfiguren also. Dass eine weise buchte man sich ein, für mehr blieb
bei der Himmelfahrtsprozession. In den Liner Notes andere Reizfigur das Album selten Zeit. Das ist erstaunlich, denn eigent-
finden sich weitere Beweise für ein gewisses kulturelles eröffnet, passt da gut. Im Ope- lich sind The 1975 eine Band, der man dieses
Gewicht, so gastieren Phoebe Bridgers, die wahrschein- ner „The 1975“ – mit dem Stück, Perfektionistentum anvermuten würde, aber
lich beste Songwriterin der U-30-USA, FKA Twigs, ver- jeweils abgewandelt, beginnt auch den gewissen Wahn, der zu monatelan-
lässliche Qualitätslieferantin aus dem Grenzgebiet zwi- jede Platte der Briten – hören gen Aufenthalten im Studio führt. Die alte
schen britischem Elektro-Pop und Avantgarde, und dann wir eine eindringliche Warnung Westcoast- und Classic-Rock-Schule, Auf-
noch Cutty Ranks, Dancehall-Veteran aus Jamaika. Ach von Greta Thunberg. „We can nehmen, bis wirklich alles auseinanderfällt.
ja, und Matt Healys Vater, der in England sehr bekannte still fix this“, sagt sie uns. Das ist Gefällt die Idee Healy? Er lacht. „Oh, die Vor-
Schauspieler Tim Healy, steuerte auch noch einen Song eine interessante Botschaft zum stellung gefällt mir sehr gut. Ich könnte noch
bei. Gemeinsam mit dem Vorgänger A BRIEF INQUIRY Moment, denn der Klimawandel weitere drei Jahre an diesem Album arbeiten.
INTO ONLINE RELATIONSHIPS wurde dem mit 74 ist angesichts der Corona-Kri- Aber es würde in diesen drei Jahren vielleicht
Minuten nicht ganz kurzen Album auch noch der Pro- se aus dem Blick geraten. Dabei um zwei Prozent besser.“
jekt-Titel „Music For Cars“ verliehen, was natürlich ein sind seine Folgen für die Welt Dann sagt er den Satz, der so oft eine Bin-
Brian-Eno-Bezug ist. Und zu guter Letzt hören wir am vermutlich größer als jene, die senweisheit ist: „Es ist unsere bisher bes-
Anfang auch noch Greta Thunberg. das Virus besitzt. Woran liegt es, te Platte.“ Diese Aussagen wird man in ein
Dazu spielen The 1975 eine Musik, die alles infrage dass er dennoch von vielen als paar Jahren noch einmal genaueren Unter-
stellt, was wir über Popmusik zu wissen glauben. Zwar weniger akut wahrgenommen suchungen unterziehen müssen, aber es ist
gibt es eine offizielle Arbeitsteilung, die sich folgt liest: gut möglich, dass Healy recht behält. Inte­
Matt Healy singt und spielt Gitarre. George Daniel sitzt ressant ist schon einmal das Konzept, das er
am Schlagzeug; beide bedienen zudem verschiedene mit dem Album verfolgte: Das scheint eigen-
Tasteninstrumente, Adam Hann spielt die Lead-Gitar- artig simpel – und ist doch eines, das man so
re, Ross MacDonald den Bass. Das mag den Buchstaben bisher selten gehört hat. „Es ist im Prinzip
nach richtig sein, aber die Produktion durch Healy und eine Ode an meine Liebe zu amerikanischer

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THE 1975
Rockmusik auf der einen und – beim „Breakfast Club“ kam die vom Eigh-
britischer Dance-Musik auf ties-Wave, bei The 1975 kommt sie von Emo
der anderen Seite.“ Die Vielört- – Menschen schlichtweg interessanter macht.
lichkeit des Aufnahmeprozes- Den jungen Matty Healy hätte man sich gut
ses spielte dieser Idee in die NOTES ON A CONDITIONAL FORM handelt vor als Nachsitzer in der Shermer Highschool
Karten, denn sie verschaffte allem von Beziehungen. Das Sexuelle kommt vor, sexu- vorstellen können. Und auch die Zielgruppe
Healy Abstand. „Man romanti- elle Identitäten und ihre scheinbaren Chiffren sowie die seiner Band bestand vor sieben, acht Jahren
siert immer die Situation, in der Reaktionen der Öffentlichkeit darauf spielen in Liedern noch vor allem aus Kids im Alter von John
man sich gerade nicht befindet. wie „Roadkill“, oder dem „Me & You Together Song“ durch- Bender, Claire S ­ tandish, Allison Reynolds,
Es war ziemlich einfach, in Los aus eine Rolle. Healy möchte die Zeilen dieser Songs aber Andrew Clark und Brian Johnson. Frühe Sin-
Angeles Songs zu schreiben, die nicht als Kommentare zu politischen Landschaften ver- gles wie ­„Chocolate“ oder „Sex“ schienen Teen-
in England spielten. Und in Eng- standen wissen. „Das sind Teile von Narrativen. Eigent- agern auf den Leib geschrieben zu sein.
land wiederum rief ich dieses lich finden sich auf dieser Platte keine großen Statements Die Fans sind älter geworden. Matt Healy
Amerika-Feeling auf.“ zu irgendwas – außer dazu, wer ich bin.“ ist zu einem der schillerndsten Stars des bri-

W
Eine der Geschichten, die tischen Pop-Betriebs geworden. Einige Zei-
sich vor gut eineinhalb Jahren er ist Matt Healy? Welche Geschichte len auf diesem Album kann man durchaus
um den Vorgänger A BRIEF erzählt er? Bescheidenheit. Herz. Vergeben. als Hinweis darauf verstehen. „Give yourself
INQUIRY INTO ONLINE Das sind Wörter, die er verwendet, wenn er a new name. Change your voice on a train.
RELATIONSHIPS rankte, war selbst über seine Lieder spricht. Vor allem: Have a complaint about your fame“, heißt es
jene der Sucht. Healy hatte sich Freundschaft, nicht nur, aber auch zu den anderen Mit- in „Tonight (I Wish I Was Your Boy)“. Bekla-
über die Jahre eine Drogenab- gliedern seiner Band The 1975. „Es gibt Unmengen von gen möchte sich ­Healy indes nicht. „Ich bin
hängigkeit zugelegt. Schleppend, Liebesliedern über romantische Situationen. Viele von nicht jenseits meiner Band berühmt, ich
aber so deftig, dass schließlich den Momenten, die mich zu dem machten, der ich bin, fand nie groß in den Tabloids statt. Die Bou-
Heroin eines der Rauschmittel habe ich aber mit meinen Freunden erlebt. Das Album levardpresse hat versucht, mich für sie inte-
seiner Wahl war. Zuletzt war er ist also auch ein Liebesbrief an Freundschaft an sich.“ ressant zu machen, aber das ist ihr einfach
clean. Verändert das sein Song- „Will I live and die in a band?“, fragt er einmal. „The nicht gelungen.“ In der Tat ist es bemer-
writing, seine Sicht der Dinge? moment we started a band was the best thing that ever kenswert, dass Healy für die Yellow Press
Er macht eine Pause. „Eigent- happened to me“, heißt es an einer anderen Stelle. 17 Jah- nie so interessant schien wie jemand wie
lich nicht. Es war in der Vergan- re ist dieser Moment her. Healy erzählt von Klassenzim- Pete Doherty. Nun weiß er, wie man mit sol-
genheit nicht so, dass ich immer mern und Schul-Übungsräumen, davon, wie er Ross und chen Dingen umgeht. Seine Eltern sind die
high war, wenn ich Musik mach- Adam kennenlernte, und davon, wie er zum ersten Mal in Großbritannien sehr bekannten Schau-
te“, sagt er. „Und auch dieser am Schlagzeug saß, am Mikro hatte es sich ein gewis- spieler Denise Welch und Tim Healy. Als er
Tage bin ich nicht perfekt, ich ser Elliott Williams schick gemacht, heute Mitglied der ein Kind war, kam manchmal Mark Knopfler
hatte einige Rückfälle, habe über Editors. Er erinnert sich an die erste Probe der jetzigen zu Hause in Newcastle vorbei und griff zur
Rehab nachgedacht. Ich versu- Besetzung, man spielte „Livin’ On A Prayer“ von Bon Jovi Gitarre, ab und zu auch Brian Johnson von
che immer noch, den richtigen und ­„Ghostbusters“. Er erinnert sich daran, wie die Band AC/DC. Ruhm, so sagt Healy, sei etwas, das
Weg zu finden. Aber ich besitze zum Emo wechselte, Songs damals angesagter Gruppen er von klein auf kenne – und nichts Erstre-
nicht mehr das Verlangen, auf wie Taking Back Sunday coverte und auch die ersten eige- benswertes.
diesen Drogen zu sein.“ nen Stücke an dieser Art von Musik schulte. Vor allem Bleibt die Frage nach Brian Eno. Denn mit
Man hört das der Platte an. Sie aber erinnert er sich daran, wie diese Jacke irgendwann dessen zweckgebundener MUSIC FOR AIR-
ist über weite Strecken freundlich, nicht mehr passte. Wie er anfing, auszugehen, sich für PORTS hat diese Platte mit all ihren Vermu-
manchmal beinahe altersweise. House und Elektro zu interessieren und diese Musik mit tungen und Erzählungen, mit ihren kleinen
Natürlich handelt sie davon, wie
sich Gesellschaft und Politik
verschränken, vor allem in den
Songs, die in Amerika spielen,
„DIE BOULEVARDPRESSE HAT VERSUCHT,
wird das deutlich. Über „Jesus MICH FÜR SIE INTERESSANT ZU MACHEN.
Christ 2005 God Bless America“
sagt Healy: „Religion ist Brainwa- ES IST IHR EINFACH NICHT GELUNGEN.“
shing. Ein archaischer Weg, um
viele Leute für dein Ziel zu gewin-
nen.“ Solche Aussagen kommen ins Wirkprinzip der Band holte. Das sei zunächst eher ein und großen Geschichten und auch mit der
nicht bei allen Amerikanern gut Nachteil gewesen. „Wir sahen nicht cool aus. Wir spielten Ambition, die Welt ein kleines bisschen bes-
an. „Ich spreche so etwas bei keine coole Musik. Wir bekamen keinen Plattenvertrag, ser zu machen, doch so gar nichts zu tun. War-
unseren Konzerten dort an. Ich während all diese Indie-Bands irgendwo unterschreiben um also „Music For Cars“? Healy lacht jetzt.
habe Lust auf die Debatte. Aber konnten.“ „Ich habe Brian Eno erst vor ein paar Tagen
schon, wenn es um den Klima- Deren Halbwertszeit war größtenteils gering. The 1975 getroffen. Eigentlich wollten wir uns über den
wechsel geht, verlassen Leute den sind hingegen seit ihrem ersten Album eine Nummer- ­Klimawandel unterhalten, haben dann aber
Saal.“ Notiz am Rande: Die Lust eins-Band. Es passt zu ihnen, dass sie Fans des eingangs ewig über Musik geredet. Das war einer der
zur Debatte führt Healy durch- erwähnten John Hughes sind. Wer dessen Film „Break- besten Tage meines Lebens.“
aus mit Mut: Bei einem Konzert fast Club“ gesehen hat, weiß um die Wucht, die Under- Und so, wie MUSIC FOR AIRPORTS
in Dubai küsste er einen männli- dogs entfalten können und weiß, dass eine dunkle Kante einem bestimmten Zweck diene, habe auch
chen Fan, als der schrie, er wolle sein „Music For Cars“ seinen imaginierten
ihn heiraten. Auf derlei scheinbar Einsatzbereich: „Musik, um Weed in kleinen
homosexuelle Handlungen steht Autos in den Vorstädten Englands zu rau-
in den Vereinigten Arabischen chen“, sagt Healy. Eine schöne Vorstellung.
Emiraten die Gefängnisstrafe. Albumkritik S, 67

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YAEJI

IN DEN CLUB MEDITIEREN GEHEN

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Z
TEXT: LAURA AHA FOTO: DASOM HAN YAEJI

Mit „Raingurl“ lieferte Yaeji 2017 einen House-Banger, der seln, machten „Raingurl“ zusammen mit
seinen reduzierten Grooves zu einem Club-
eigentlich keiner war. Mit WHAT WE DREW folgt nun endlich
banger, der eigentlich viel zu verhalten ist,
ihr Langformat-Debüt, das jedoch kein Album ist. Die um einer zu sein. Gleichzeitig machte der
koreanisch-amerikanische DJ, Produzentin und Sängerin Track aus der schüchtern wirkenden Yaeji
versucht, in ihrem eigenen Tempo eine eigene musikalische einen DJ-Star.
Sprache zu finden – und ist damit erstaunlich erfolgreich. „Yaeji sieht aus wie das introvertierte
Nerd-Mädchen, das in der Schule nur Ein-
sen schreibt und gleichzeitig ist sie das
Mädchen, das im Club jeder kennen möch-
te“, bringt eine Userin in einem Kommen-
tar unter dem Video zu „Raingurl“ die fas-
zinierende Ausstrahlung von Yaeji auf den
Punkt. Yaeji unterwandert die Clubwelt,
die sich gerne mal zu ernst nimmt, mit spie-
Zwei Schlafsäcke treiben auf einem Bergsee, der sich nert sie sich und lacht. Yaeji lerischen Sounds und naiver Anmutung.
glitzernd in Yaejis runder Nickelbrille spiegelt. Plötz- spricht leise und bedächtig, Gleichzeitig ist sie neben Peggy Gou eine
lich schreckt sie hoch, aber schon fliegt sie mit ihrem ihre Stimme klingt hoch und der wenigen Künstler*innen, die koreani-
Hund unterm Arm wie eine Superheldin in Richtung kindlich, sie kö­n nte ihr eige- schen Pop mit westlichem Underground in
Kamera, um Augenblicke später in einem überdimen- nes Anime-Alias wohl perfekt Einklang zu bringen versucht.
sionierten Reiskocher zu landen. Ihr Hund fährt unter- synchronisieren. Ihre erste Tour durch Südkorea war
dessen mit Sonnenbrille lässig in einem pinken Cabri- Einmal angefixt mit der daher für sie auch ein besonderer Moment.
olet vor. Im Animations-Video zu ihrem Song „Waking DJ-Kultur, durchforstete Yaeji Zum ersten Mal spielte sie vor einer Men-
Up Down“ wird die Sängerin, Produzentin und DJ Kathy Tracks und Sets auf Sound­ schenmenge, die so aussah wie sie und in
Yaeji Lee selbst zu einer Anime-Figur, die durch eine Cloud, stieß auf Künstler wie der alle ihre Texte verstanden. Gleichzeitig
knallbunte Welt voll absurder Figuren (mit so schönen Kaytranada und Moodymann, haderte Yaeji auch mit dem Erfolg und den
Namen wie Chef Eggman, CEO Lotta Chex, Grandma mixte HipHop und R’n’B, bis Zwängen des Tourlebens: „Plötzlich lief
Old Yaeji u.a.) bewegt. sie schließlich Techno und alles in einer Geschwindigkeit ab, von der
„Ich wollte immer schon ein animiertes alterna- House für sich entdeckte und ich keine Ahnung hatte, wie ich sie steuern
tives Universum für mich erschaffen. Von Woofa, erste eigene Stücke produzier- sollte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich
dem Hund, der ursprünglich Subwoofa hieß, hat- te. Nach ihrem Studium zog sie mich damit arrangieren konnte.“
te ich schon länger ein paar Zeichnungen gemacht nach New York und warf sich Dass Yaeji Dinge am liebsten in ihrem
– er sollte mein lustiger Sidekick werden“, erzählt ins Nachtleben. Mindestens eigenen Tempo macht, zeigt sich auch dar-
Yaeji aus ihrem New Yorker Studio über eine instabi- drei Abende die Woche, am an, dass sie ihren ersten LP-Release WHAT
le Videocall-Verbindung, an deren Tonaussetzer man Wochenende oft auf mehreren WE DREW als „Mixtape“ bezeichnet – um
sich in den Wochen der Corona-Ausgangsbeschrän- Partys in einer Nacht, war sie sich mit dem ersten richtigen Album viel-
kungen längst gewöhnt hat. Auf Yaejis sehenswer- unterwegs und saugte die Ener- leicht doch noch ein wenig Zeit lassen zu
tem Instagram-Kanal hat sie zu jedem der Charak- gie ihrer DJ-Idole auf. Doch der können. Trotz ihrer Tanzbarkeit wirken
tere aus dem Video eine eigene Actionkarte erstellt. Club erfüllte für sie auch eine Yaejis Songs oft nachdenklich, stellenweise
Dank derer erfährt man, dass ihr Hund Woofa „Club- andere Funktion: „Wenn ich sogar ein bisschen traurig. Aus dem Stück
FOTO: STYLING MONICA KIM, HAIR JESS DYLAN, MAKEUP COURTNEY MIN

Mate“ liebt und der Vogel aus der symbiotischen Kom- im Club stand, hatte ich Zeit „In The Mirror“ ist sogar Wut herauszuhö-
bo Bird&Worm durch eben die Begegnung mit sei- zum Nachdenken. Es war fast ren, und selbst in augenscheinlichen Feel-
nem Partner Wurm Veganer wurde. Passenderweise wie meditieren, über Dinge, die good-Tracks wie „Waking Up Down“ geht es
ist Bird&Worms Sternzeichen Waage und ihr gemein- ich noch nicht verarbeitet hat- darum, ein besserer Mensch werden und
sames Hobby: Cheerleading. te. Aus meinen Erfahrungen im Mentor*innen zu finden, die ihr mit den
Die grellbunte Fantasiewelt, die sich Yaeji zusätzlich Club und den Beobachtung der Herausforderungen des Alltags helfen.
zu ihren beatlastigen Dance-Tracks, die von modernem Menschen um mich herum ist Das Spannungsfeld zwischen kindlicher
House und dem zurückgelehnten R’n’B-Sound der Nul- auch die Idee zu ,Raingurl‘ ent- Naivität und Erwachsenwerden zieht sich
lerjahre beeinflusst sind, erschaffen hat, ist mehr als standen.“ neben Yaejis visueller Arbeit auch thema-
ein bisschen Bewegtbild und funny Artwork: „Ich habe Dieser Hit schlug 2017 ein tisch durch WHAT WE DREW. In „When I
mich schon immer als visuelle Künstlerin gesehen“, wie eine Bombe und kata- Grow Up“ tritt Yaeji in den Dialog mit ihrem
sagt die 26-Jährige. Yaeji wurde in New York gebo- pultierte die bis dahin kaum jüngeren Ich, welches sich die erwachsene
ren, ging in Südkorea und Japan zur Schule, um spä- bekannte Yaeji in DJ-Sets auf Yaeji offenbar ganz anders vorgestellt hat.
ter nach Pittsburgh in Pennsylvania zu ziehen, wo sie der ganzen Welt. Zeilen wie „Ich denke viel darüber nach, dass Jugend-
Konzeptkunst, Ostasien-Wissenschaften und Grafik- „Mother Russia in my cup, and lichkeit besonders in der Kultur der USA
design studierte. Das DJing kam überhaupt erst beim my glasses fogging up“ waren als diese magische Sache verkauft wird, die
Studentenradio dazu. zwar lyrisch keine Meisterleis- man nicht verlieren darf. Dass alles vor-
„Die Radiostation war im Keller des Unigebäudes tung, fingen aber das durchaus bei ist, wenn du sie verloren hast. Doch ich
und sah aus wie eine Festung. Als ich eintrat, habe ich auch befremdliche Gefühl, sich glaube, man muss sie nicht verlieren, man
mich direkt verliebt – sowohl in die Musik als auch in alleine in einer Masse im Club kann sein ganzes Leben lang jugendlich
die Leute. Deren Motto war: Spiel die verrückteste und zu verlieren, perfekt ein. Die sein.“ Und das gilt ganz bestimmt auch für
komischste Musik, die nirgendwo sonst gespielt wird. beiläufigen, beinahe gelang- Menschen, denen es an Talent oder Fanta-
Und irgendwann bekam ich meine eigene DJ-Show – weilt wirkenden Vocals, die sie fehlt, sich selbst in eine Anime-Super-
obwohl ich gar nicht wusste, wie man auflegt. Ich habe bei Yaeji stets zwischen Eng- heldin zu verwandeln.
einfach nur auf iTunes Fadein/Fadeout gemacht“, erin- lisch und Koreanisch wech- Mixtape-Kritik ME 5/20

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INTERVIEW: STEFFEN GREINER ME-GESPRÄCH

„ EIN GROSSES
L O C H
IN DER MITTE “
Blixa Bargeld
Einstürzende Neubauten, die Avant- Wochen undenkbar. Vor zwei Wochen [das meine beste Freundin und da war mein
garde-Rockband, mit der Blixa Interview wurde Mitte April geführt – Anm.] Zahnarzt. Und auf der anderen Seite vom
Bargeld seit 1980 zur ikonischen war ein Text im britischen „Guardian“, von Tunnel habe ich keine Erinnerung, die vor
Figur nicht nur hiesiger Popkultur der italienischen Schriftstellerin Francesca 2002 liegt. Ich war nie in Ost-Berlin! Das
wurde, haben wieder ihr Support- Melandri: „I am writing to you from Italy, ist für mich eine ziemliche Terra Incogni-
Modell der „Phasen“ angeworfen. which means I am writing from your futu- ta. Ich sage: Ich bin zurück, aber eigentlich
Finanziert und begleitet von ihren re.“ Ich gehe nicht aus dem Haus, ich lasse bin ich nicht zurück, denn das Berlin, aus
Anhängern wurde ein neues Album auch keinen rein. Meine Tochter ist nur noch dem ich komme, gibt’s gar nicht mehr. Und
aufgenommen: ALLES IN ALLEM. unglücklich, sie unterhält sich per Video- was davon mit Erinnerungen verknüpft ist,
Grund genug, eines dieser herrlich konferenz mit ihren Freundinnen. Ich bin ist auf jeden Fall nicht hier.
erratischen Gespräche über die schon seit 22 Tagen in Quarantäne, ich habe Was ist im Osten der Stadt anders?
großen Dinge zu führen, die Bargeld ja schon angefangen, bevor es verpflichtend Meine Frau konnte sich nicht vorstellen,
beherrscht wie keiner sonst im Land. wurde. Ich habe meine Tochter aus der Schu- fest in Berlin zu leben, weil es hier keine
le genommen, bevor die zugemacht hat. asiatische Minderheit gibt. Aber hier, wo
Es ist das Niemandsland der Kontaktsperre. Warum sind Sie denn eigentlich wie- ich jetzt bin, kann man das nicht so ein-
Blixa Bargeld lebt mit seiner Tochter und sei- der zurückgekommen in diese Stadt, deutig sagen. Erstens ist Mitte sehr inter-
ner aus China stammenden Frau, der Mathe- nachdem Sie lange Jahre im Ausland national und zweitens gibt es genau hier
matikerin Erin Bargeld – die ihren Famili- verbracht hatten? im Scheunenviertel im Umkreis von 500
ennamen von „Zhu“ in „Bargeld“ hat ändern Ich bin 2002 mit meiner Frau nach San Metern fünf, sechs vietnamesische Restau-
lassen –, ganz um die Ecke des Autors, in Francisco gezogen, ein paar Jahre später rants. Was im Rest Berlins türkische Läden
Berlin-Mitte. Empfangen wird dennoch nur nach Peking. Peking haben wir aufgegeben sind, das sind hier die Vietnamesen. Wenn
digital. Dafür gibt es Tipps für das beste vor Olympia. Damals ging es um die Fra- man in einer Stadt aufwächst, verbindet
Sushi im Scheunenviertel und immer wie- ge: Zurück nach Berlin oder zurück nach man Orte mit Erinnerungen und verankert
der Stücke aus dem Bargeld’schen Œuvre, San Francisco? 2010 sind wir dann end- die in einem Netzwerk. Das habe ich hier
die der Maestro aus den Stapeln fischt und gültig nach Berlin gegangen. Meine Toch- nicht. Das ist Berlin, aber nicht das mei-
in die Laptop-Kamera hält. ter wurde 2008 geboren, sie ist bald zur ner Erinnerungsstruktur. Ich war mit mei-
Schule gekommen, und in dem Moment nen Eltern nur einmal in Ost-Berlin, auf
FOTO: MOTE SINABEL

In welchem Ausnahmezustands- ist das mit dem Globetrotterischen vor- der Museumsinsel im Pergamon-Museum.
grad erleben Sie diese Tage denn, bei. Jetzt sind wir hier. Das ist für mich Es hat sich dennoch angeboten, die-
als jemand, der schon viele merk- eine eigenartige Situation, insofern ich se Stadt noch einmal musikalisch zu
würdige Situationen in dieser Stadt als alter West-Berliner jetzt in den Osten erkunden.
erlebt hat? der Stadt gezogen bin. Wenn ich durch Das täuscht. Als wir angefangen haben, an
Das ist unser Zweiter Weltkrieg. Selbst den Tiergarten-Tunnel fahre, komme ich dem Album zu arbeiten, an der „Phase IV“
der Zustand, wie er jetzt ist, war vor zwei wo raus, wo ich sagen kann: Da wohnte [seit 2002 binden die Neubauten in bisher vier

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ME-GESPRÄCH

sogenannten „Phasen“ ihre Fans an sich; bie- Ich kapituliere! ist immer noch da. Ein Schulabbrecher-Meta-
ten exklusive Einblicke und besonderes Materi- Throbbing Gristle, Devo, Pere Ubu. Und phernschatz, der immer wieder aufleuchtet.
al gegen Spenden; bei „Phase IV“ wurde erst- jetzt erkläre mir jemand mal Industrial. Ich Bleibt das im Ästhetischen oder hat
mals auf eine etablierte Crowdfunding-Plattform, konnte mit der Kategorie nie etwas anfan- das eine gesellschaftliche Funktion?
„Patreon“, zurückgegriffen – Anm.], war die gen. Das verschwand dann wieder im zwei- Ich denke, gerade das Spiel mit Mythen
Vorgabe: an 100 Tagen innerhalb von einem ten Auftauchen dieses Begriffes, von Ame- und Mythologien ist hilfreich, insofern
Jahr zu arbeiten. Die Frage von Alex Hacke rika ausgehend, mit Ministry und Nine das natürlich Ausdrucksweisen und Aus-
war, ob es ein Thema gäbe, eine Vorgabe – Inch Nails. Der eigentliche Ansatzpunkt drucksmöglichkeiten sind, um Wahrheiten,
wobei Thema ja auch falsch ist, eher: Ist eine von Throbbing Gristle war doch das Miss- Erkenntnisse oder Vermutungen in eine
konzeptuelle Hangelschnur da, so etwas verständnis, dass Musik Entertainment Form zu bringen, die sich jenseits norma-
wie „Ich möchte ein bestimmtes Instru- sein sollte. Das fiel bei denen wieder weg. ler Sprache bewegt. Das gibt es auf dieser
mentarium erkunden“. Und meine Ant- Insofern lieber Rockband als Industrial. Platte auch wieder, da ist von Herkules’ Tod
wort war: „Ich glaube, es hat was mit Ber- Oder noch schlimmer: Industrial-Rock. bis zu diversen Hermes-Geschichten alles
lin zu tun.“ Es gab ein Stück, „Welcome To Sie mussten dann das Deutsche ent- drin verwurstet. Ich bin, glaube ich, auch
Berlin“, das ist aus mehreren Gründen weg- protestlied-ieren. der Einzige, der jemals das Wort „Corona“
gefallen. Musikalisch ist die Idee zu dünn, Na ja, ich fand es immer sehr treffend, dass in einem Songtext hatte, wenn Sie zurückge-
zu missverständlich als Kommentar zu die erste LP der Scherben, WARUM GEHT hen zu „Sonnenbarke“ auf SILENCE IS SEXY:
irgendwas. Oder ein Protestsong. Das ist ES MIR SO DRECKIG?, in großen Teilen „Ich hab die Strahlenkrone aufgesetzt,
nicht meine Art, das wollte ich nicht. Ich live aufgenommen wurde, als Vorgruppe Corona, spiegelnd darin mein leuchtendes
habe da einen Kübel Galle ausgekippt. Das von – rate mal, welcher Band? MC5! Das Haupt.“ Das ist eins unserer Lieblingsstücke,
Stück ist dann einfach weggefallen. Wenn macht doch viel mehr Sinn. MC5 hätte ich ich weiß nicht, ob ich das noch singen kann!
es um Berlin geht, dann ist die Mitte also liebend gerne gesehen. Aber mein Taxifah- Damals war es einfach ein Begriff für Krone,
leer. Das ist wie eine alte 7-Inch-Single: Ein rer hätte da ja auch gesagt: Protestmusik! jetzt muss ich den Text ändern!
großes Loch in der Mitte. Aber das hatte Ich freue mich ja über Ihre musik­ Die Idee, so eng mit den eige-
die Wirkung, dass es ausgestrahlt hat, dass historischen Exkurse, ich lernte nen Supportern zu arbeiten, hat ja
es infiziert hat. Es gibt ein Stück namens schließlich: Sie wollten einmal durchaus auch etwas von Geheim-
„Tempelhof“, das hieß bloß gar nicht so, son- Archäologe werden. Welche Epo- gesellschaft.
dern „Pantheon“. Dann gibt es ein Stück che hat es Ihnen denn angetan? 2002 hat meine Frau das als Produktions-

Ach, alles. Der gan-


namens „Wedding“, da ist auch kein Kom- modell für uns entwickelt. Damals gab es
mentar zum Wedding drin. den Begriff Crowdfunding noch gar nicht.
Worin bestehen denn Ihre Vorbe-
halte gegen die Form des „Protest- ze ägyptologische Bei den ersten Alben, bei der „Phase I“,
haben wir sicher noch Fehler gemacht,
songs“?
Ich erinnere mich an einen Taxifahrer, der Mythos, wie jedem aber wir haben es verfeinert. Im Januar
2019 kam ich aus Hongkong zurück und
mich mal in den Wedding gefahren hat: „Ein-
stürzende Neu-, ah, is ditt nisch so Protest-
Jugendlichen. Ich hatte Jetlag. Nach und nach kristallisier-
te sich heraus, dass ich noch ein Album
musik?“ Da hatte ich den Begriff Protestmu- habe tatsächlich mit den Neubauten machen will. Vorher

Gefäße zerdeppert,
sik schon Jahrzehnte nicht mehr gehört. Ich war das immer: Kunst kommt von Müs-
hab’ keine Vorbehalte, es ist bloß nicht mei- sen, nicht von Können. Ich habe es nicht
ne Art, über etwas zu schreiben. Und wenn
man im Sinne dieses Taxifahrers Protest- um die Scherben in mir gehabt, hab’s nicht gemerkt. Also
haben wir wieder das Supporter-Modell
musik machen will, müsste man schon über
etwas schreiben. Es ist ja allgemein bekannt, noch mal zusam- aufgesetzt, aber diesmal war es nicht mehr
nötig, eine eigene Plattform zu bauen. Die
dass Einstürzende Neubauten große Vereh-
rer von Ton Steine Scherben sind. Da wür-
menzukleben. „Phase IV“ sollte enden mit Konzerten in
Potsdam und Berlin im April, es gab dann
de der Taxifahrer auch sagen: „Na, is ditt Waren Sie erfolgreich? noch eine Stadtrundfahrt, die Busse sind
nisch …“. Das aber hat mich an den Scherben Schon. Ich habe aber manchmal nachträg- schon gemietet gewesen. Was nun alles
nicht interessiert. Ich fand immer, dass die lich suchen müssen, weil doch irgendwel- flachfällt. Es hat insofern aber tatsächlich
Scherben eine richtig gute – und im wahrs- che Teile fehlten. Ich bin dann zu einem etwas von einer eingeschworenen Gemein-
ten Sinne – Rockband waren. Dazu gehörte, Gymnasium gegangen, das Latein und schaft, als dass ganz viele Subskribenten
dass die auf Deutsch sangen. Das war, als Griechisch anbot, weil das für ein Archäo- schon bei der „Phase I“ dabei waren, die
die Neubauten anfingen, noch immer kei- logiestudium erforderlich war. Also habe belustigen sich selber, dass sie damals
ne Selbstverständlichkeit. Es geisterte das ich Latein gemacht, aber als es zu Grie- Teen­a ger waren und heute zwei Kinder
Märchen vom Deutschen als in Rockmusik chisch kam, hat sich dafür nur noch ein haben. Jetzt in den Zeiten von Corona
Unsingbarem durch die Gegend. Ton Steine weiterer Schüler interessiert, sodass sie betreibe ich auf der Webseite einen Video­
Scherben waren eine Rockband, und Ein- den Kurs gestrichen haben. Damit war mei- blog, einmal die Woche koche ich in Echt-
stürzende Neubauten habe ich auch immer ne Archäologenlaufbahn vorzeitig been- zeit mit den Supportern. Die wissen vor-
als Rockband verstanden. det. Meine Schule wurde ein naturwissen- her, was ich koche, können das Material
Nicht unbedingt die erste Assoziation. schaftlich orientiertes Gymnasium. Und mit mir zusammen vorbereiten, kochen
Wir wurden schon von der ersten Bespre- ich wurde Schulabbrecher, letztendlich. und dann verzehren. Neulich habe ich eine
chung an immer mit Industrial in Verbin- Der Mythos, das Rituelle – ist das karamellisierte Brokkoli-Suppe gemacht,
dung gebracht. Das bedeutete damals ja etwas, was sich bei den Neubauten wo man den Brokkoli also braun werden
auch noch was anderes. Ich erinnere mich durchzieht? lässt in der Pfanne. Freitag drauf habe ich
an den ersten Artikel im Musikexpress Dieses Metaphernfeld, das mythologische, dann Spaghetti Cacio e Pepe gemacht.
über Industrial, welche Bands da genannt aber auch das naturwissenschaftliche, ins- Das habe ich noch nie gehört, was
wurden, da kommen Sie nie drauf! besondere Astronomie und Biologie, das ist das?

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ME-GESPRÄCH

Ein römisches Standard-Gericht: Spa- und lasse es binden. Ich bin bei Band 70.
ghetti mit schwarzem Pfeffer und Pecco- So gesehen kann man sagen, dass die Auto-
rino-Käse. Römisch, von den Genossen. biografie in irgendeiner Form darin schon
Neulich die Geschichte gehört, wie in Rei- vorhanden ist.
nickendorf jemand einer Pizzeria, die auch Waren Sie mit der Verbindung von
nur noch aus dem Fenster verkaufen kann, Essen als Kunstform mit Popmu-
eine Freude machen wollte und die italie- sik eigentlich Avantgarde? Warum
nische Nationalhymne gesungen hat. Da berührt ein besonderes Gericht heu-
kamen die raus: „Wir sind Kommunisten!“ te mehr als ein Noise-Konzert? Ist
Essen scheint tatsächlich mehr und Essen der neue Pop?
mehr das dominante Thema in Ihren Weiß ich auch nicht. Das hängt sicher mit
Äußerungen zu sein. Sie scheinen es medialen Vermarktungsmöglichkeiten
zu genießen, beinahe, eine Provoka- zusammen. Ist natürlich auch ein ganz
tion draus zu machen. anderer Luxus, ein globaler Luxus, es wer-

WasmeinenSiedamit– den Reisen damit verknüpft … Es gibt einen


Podcast „Food Is The New Rock“, da war der
dass ich schwarzes weltbeste Koch zu Gast, René Redzepi vom

Risotto mit Biolek ge-


Restaurant Noma in Kopenhagen, der dann
ausgerechnet sagte, dass er mich kennt und
kocht habe? dass ich meine ganzen Tourpläne um die
Restaurants baue. Was so nicht ganz richtig
Oder zum Beispiel Ihr Buch mit ist. Aber es ist schon so: Seit ich keinen Dro-
Menükarten, „Europa kreuzweise. gen mehr nehme, gehe ich sehr gerne essen.
Eine Litanei“. Das fällt jetzt ja auch flach.
Das war nun eine Vorgabe des Verlages. Sie sagten vorhin, Sie hätten nicht
Ich habe mich mit der Form auseinander- gedacht, dass von Ihnen noch ein –
gesetzt. Eine Litanei besteht aus Wieder- ich bin immer versucht, zu sagen: ein
holungen, es ist eine orale Form, die laut Scherben-Album – ein Neubauten-
gelesen werden soll. Damit habe ich mich Album kommt. NEUBAUTEN
auseinandergesetzt. Das war eine Finger- Das macht schon Sinn. Wir hatten tat-
übung. Seitdem sitze ich ja auch an meiner sächlich R.P.S. Lanrue, den Gitarristen
FÜR NEULINGE
Autobiografie. Ich bin zwar aus dem Ver- der Scherben, im Studio, der hat bei
trag wieder ausgestiegen, aber da ist ein „ Am Landwehrkanal“ gespielt, ist aber Das Allerspannendste an den Einstürzenden
Neubauten ist noch immer ihre Ursuppe.
Rest-Vorschuss übrig, der belegt, dass ich unseren Umschnitten zum Opfer gefal-
Was wäre wohl geschehen, wäre die ursprüng-
sie schreiben müsste. Aber ich weiß schon len – es war auch, verwenden wir den
liche Besetzung der nachhaltig wichtigsten
– in dem Moment, in dem die Corona-Krise Begriff aus dem Theater, eine unzuläs- Gruppe aus dem Umfeld der West-Berliner
vorbei ist, was meinst du, wie viele Autobio­ sige Verdoppelung. Frühachtziger-Kunstszene eine Weile beisam-
grafien und schlechte Romane kommen? Aber tatsächlich: Ich will nicht men geblieben? Techno-Patin Gudrun Gut,

Im November gibt es doch überall nur noch sagen, das klingt nach Identitäts- die zum Gründungsquartett gehörte, hätte
ihre Synthie-Experimente in ganz anderen
Männer mit Vollbärten und langen Haaren! krise, aber was hat das mit Ihnen
Dimensionen geführt und die Neubauten
Ihre Autobiografie ist seit fast einem gemacht, diese Unsicherheit, ob die wären heute keine schwarz uniformierte
Jahrzehnt im Gespräch. Was blo- Neubauten noch Musik produzieren Altherrenkapelle. Andererseits war die
ckiert Sie denn da so? können? Vertestosteronisierung des Line-ups nach
Genau wie bei der Litanei gibt es eine Wir haben also seit 2008 kein reguläres ersten Konzerten für die Neubauten 1980

Form, mit der ich mich auseinanderset- Material mehr gemacht. Darauf lief es durchaus stilprägend: Blixa Bargeld als
Hohepriester über unerhörter Kakophonie,
zen sollte. Ich wollte eigentlich eine fik- letztendlich also hinaus, dass ich dachte:
der Deutsch als Pop-Sprache neu poetisierte
tive Autobiografie schreiben, ich wollte es Wir müssen ein Album machen, 100 Tage, und Bürgerschreck-Ästhetik mit Walter-
erfinden. Da bin ich ein paar Mal stecken ein Jahr. Wobei wir auch mehr gemacht Benjamin-Exegese verband, N. U. Unruh, der
geblieben. haben: Vier Singles, die wurden an unse- aus Geldnot sein Schlagzeug verkaufte
Aber das ist doch gerade ein boo- re Supporter verschickt. Für das krönende und mit seinem Schlagwerk aus Schrott fortan

mendes Genre, die Autofiktionalität! Endereignis habe ich noch eine Box pro- den Sound der Neubauten brachial prägte,
Co-Schrottprügler FM Einheit und Bassist
Es gibt ja auch diesen Boom an Berlin- duzieren lassen, 500 Stück, die sich jetzt Mark Chung, dazu der pubertierende West-
Büchern und Berlin-Filmen. Der verknüpft bei uns im Büro stapeln. Es ist nicht so, Berlin-Wunderboy Alexander Hacke. Die
sich gerade mit dem Boom um die Zwan- dass wir nur das Album gemacht haben. Es Neubauten trieben 1983 den Altbauten des
zigerjahre. Wenn Corona nicht wäre, wür- gibt ein Buch, in der Deluxe-Version gibt NS-Reichstagsgeländes die bösen Geister

den wir das ganze Jahr nur über Charles- es ein zweites Album. mit rituellem Lärmen aus, fanden sich aber
spätestens nach ihrer dritten Platte HALBER
ton und Kokain reden. In diesen Boom, Sie bewegen sich vermutlich jetzt in
MENSCH (1985) kreativ herausgefordert,
Oskar Röhler, Mark Reeder, diese ganzen etwas, was man „Alterswerk“ nennt. neue Songwriting-Wege zu finden. Die
Achtziger-Dinger, da will ich nicht rein- Ist Altern noch etwas, das Angst Neubauten wanderten in Folge zaghaft in
FOTO: MOTE SINABEL

platzen. Unter dem Thema will ich nicht macht? klassischeres Liedgut, wurden Theaterma-
abgehakt werden. Wenn ich es jetzt fertig Ja, das ist definitiv Alterswerk. Ich nehme cher, Weltstars, Bargeld an der Seite von Nick
Cave eine Säule der Bad Seeds. Nebenbei
geschrieben hätte, würde ich es liegen las- es hin. Ich bin über 60, es dauert nicht
entwickelten sie mit den „Phasen“ ein eigenes
sen. Ich schreibe immer mit der Hand in mehr lange, bis ich meine Seniorenkarte
Crowdfunding-System. „Phase IV“ zeitigt nun
kleine Notizbücher, dann tippe ich das ab. kriege und billiger Bus fahren darf. Das pünktlich zum vierzigsten Bandjubiläum ein
Und wenn ich genug habe, was abgetippt ist einfach eine Tatsache. wichtiges Ergebnis: das erste reguläre Neu-
ist, dann schicke ich es an eine Druckerei Albumkritik S. 74 bauten-Album seit 2007, ALLES IN ALLEM.

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ME-HELDEN TEXT: ANDRE BOSSE

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ME-HELDEN

N° 107
HELDEN

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D
ME-HELDEN

Das U2-Dilemma, verkürzt auf zwei Ereignisse in diesem Frühjahr:


Am 17. März, St. Patrick’s Day, verbreitet Bono einen fürchterlichen
fürchterlichen
Song namens „Let Your Love Be Known“ übers Netz, für und inspiriert
von „den Italienern“, gewidmet aber auch den Iren, die ihren Natio-
nalfeiertag nicht wie gewohnt feiern können. Puh! Zwei Wochen spä-
ter spendet die Band dem irischen Gesundheitssystem zehn Milli-
onen Euro, damit es sich im Kampf gegen das Corona-Virus rüsten
kann. Wobei U2 mit ihrer Spende nicht hausieren gegangen waren,
öffentlich wurde die Aktion erst Tage später. Gut!
Häufig erinnern U2 im 42. Jahr ihres Bestehens an einen Erd-
kundelehrer älteren Jahrgangs: Eigentlich ein korrekter, engagier-
ter Kerl, aber manchmal macht er Sachen, da packst du dir nur
noch an den Kopf.
Das U2-Dilemma begleitet die Band von Beginn an. Es gibt die
Erzählung von einem Gig der ambitionierten Iren, Ende der 70er-
Jahre in Dublin, noch vor der Veröffentlichung der ersten LP BOY.
Bei diesen frühen Konzerten simulieren U2 schon mal, eine gro-
ße Band zu sein. Sie treten an diesem Abend zusammen mit den
Mekons auf, einer chaotischen Postpunkband aus Nordengland,
besetzt mit sozialistischen Dilettanten, die sich ihr Equipment von
der Gang Of Four schnorren müssen. Der Erzählung nach spielen
U2 also ihre Show, die großen Gesten sind schon vorhanden, vor
allem Bono tut so, als singe er fü r Tausende, der Applaus ist eher
mau. Danach entern die Mekons die Bühne und spielen das Publi-
kum mit ihren sozialistischen Rumpelstücken an die Wand. Es soll
dann Paul McGuinness gewesen sein, ab 1978 Manager von U2, ein
Job, den er loyal bis 2013 ausfü hrt, der seinen Schützlingen sagte:
„Die können zwar nicht viel, aber sie besitzen etwas, was ihr noch
nicht habt: Haltung.“
Gesten ja, Haltung nein: U2 polarisieren von Anfang an. Das
Kernproblem ist ihre unverkennbare Ambition. Schon 1980 werden
die Iren zum Bestandteil einer damals relevanten Entweder-oder-

F O T O S : R O B V E R H O R S T/ R E D F E R N S , H U LT O N A R C H I V E /G E T T Y I M A G E S , G E O R G E R O S E /G E T T Y I M A G E S
Frage: Bist du Echo & The Bunnymen oder U2? Klar, auch die Kon-
kurrenz aus Liverpool ist ambitioniert, ihr Chef Ian McCulloch
(Spitzname: „Mac the Mouth“) hält sich bis heute fü r einen der
besten Songwriter und Sänger aller Zeiten. Jedoch ist die Musik
von Echo & The Bunnymen von Psychedelia infi ziert, sie schillert,
besitzt Humor, will nicht eins-zu-eins verstanden werden, die erste Von links oben im
Platte heißt CROCODILES. U2 hingegen nennen ihr Debüt album Uhrzeigersinn: U2
BOY und zeigen auf dem Cover: einen Jungen. Interessant: BOY 1981 auf dem Pink-
kommt in den britischen Charts gerade mal auf Platz 52, CRO- pop-Festival; Bono
CODILES erreicht Rang 17. Die Frage, wer das Rennen macht, U2 1993 in Rotterdam,
oder die Bunnymen, ist 1980 also noch keine ausgemachte Sache. mit The Edge 1987 in
Das ändert sich 1983, mit dem dritten U2-Album WAR Dublin und im selben
(OCTOBER, das zweite von 1981, klingt noch wie eine Pfl icht- Jahr mit Bob Dylan.
übung). Auf dem Cover ein Foto des gleichen Jungen wie bei BOY, 1985 lässt Bono am
das erste Stück auf Seite A heißt „Sunday Bloody Sunday“ – und damit Absperrgraben des
ist bereits alles gesagt. Ist BOY noch ein Album, das die Kriti- „Live Aid“-Konzerts
ker sehr mögen, das sich aber nicht sonderlich gut verkauft, dreht Besucher herauszie-
sich die Sache mit WAR um 180 Grad: Die Platte verkauft sich sen- hen – unter anderem
sationell, fegt Michael Jacksons THRILLER vom Nummer-eins- Kal Khalique.
Spot der UK-Charts, dafü r meckern jetzt die Kritiker. Im Verriss
des „New Musical Express“ fä llt die Formulierung „liberal aware-
ness“, die sehr gut auf den Punkt bringt, worauf Bono ab jetzt mit interessant, mit Blick auf Bono und U2 wird sie manchmal sehr
seinen Texten abzielt: Er will ein Bewusstsein herstellen – fü r die unfair gefü hrt. Dass dem so ist, daran hat Bono mit seiner poli-
offensichtlichen Probleme auf der Welt. Auf „Rejoice“, einem Stück tischen Penetranz einen gewissen Anteil. Dennoch, nichts ist
von OCTOBER, singt Bono noch: „I can’t change the world, but einfacher als ein U2-Bashing, über keine andere Band gibt es so
I can change the world in me.“ WAR ändert die Perspektive, jetzt viele Witze (siehe Kasten). Interessant ist dabei, dass die gleichen
geht es eben doch darum, die Welt zu verändern, zu verbessern – Stimmen, die Bono zum Schweigen bringen wollen, sich darüber
und zwar im Auftrag und mit Hilfe der Rockmusik, die fü r Bono echauffieren, dass eine Künstlerin wie Helene Fischer ihre Positi-
nun kein Mittel zum Eskapismus mehr ist, sondern ein Medium on in der deutschen Musikbranche nicht nutzt, um politisch Stel-
der Verkündigung. lung gegen Rechts zu beziehen. Ja, was denn nun?
Warum aber sollte ausgerechnet der Sänger einer Rockband Joan Baez ist Expertin, wenn es darum geht, die politische
ein gesellschaftspolitisches Mandat besitzen? Und ist es über- Kraft von Songs abzuschätzen. Die US-Sängerin und -Songwri-
haupt klug, Rockmusik politisch aufzuladen? Schließlich hat der terin ist in den 60er-Jahren an beinahe allen Fronten unterwegs,
kreative Prozess nichts mit Demokratie zu tun. Diese Debatte ist sie ist gleichzeitig Aktivistin und Folkstar, spielt in Woodstock

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und arbeitet mit Martin Luther King zusammen. An einem Som-
mersamstag im Jahr 1985 macht sie, was Millionen andere Men-
schen an diesem Tag auch machen: Sie schaut fern. Es ist der Tag
des „Live Aid“-Events, U2 sind auch dabei, ihr viertes Album THE
UNFORGETTABLE FIRE, produziert von Brian Eno und Daniel
Lanois, hat sie noch größer werden lassen – und doch sind die Iren
fü r die große Rockwelt eine eher kleine Nummer. Noch. Denn U2
nutzen ihren Auftritt. Bono trägt eine Art weißes Piratenhemd
(die US-Sitcom „Seinfeld“ widmet später diesem lächerlichen Klei-
dungsstück eine ganze Episode), ist ganz in seinem Element, seine
Ansagen pendeln zwischen gespielter Abgeklärtheit und übergro-
ßem Pathos, er ist sich der Wucht seiner Worte und Gesten bewusst,
schaut nachdenklich und konzentriert, wie ein Skispringer kurz
vor dem Sprung. Die Band webt große Rocksongs in ihre eigenen
Tracks ein, „Sympathy For The Devil“, „Ruby Tuesday“, „Walk On The
Wild Side“, „Satellite Of Love“.
Bono ist in diesen wenigen Minuten Zeremonienmeister, viel-
leicht sogar tatsächlich der Messias. Schnell macht die Geschich-
te von Kal Khalique die Runde, einem 15 Jahre alten Mädchen,
das ganz vorne steht, nicht weil sie U2 so mag, sondern weil sie
auf Wham! wartet. Als der Druck der Menschen hinter ihr immer
größer wird und das Mädchen Angst bekommt, sieht es die aus-
gestreckte Hand von Bono, wird mit Hilfe der Security auf die
Absperrung in den Bühnengraben gehievt, tanzt ein paar Sekun-
den engumschlungen mit dem Sänger, verschwindet dann. Für
Bono ist das der Moment, in dem er, der Rocksänger, die Barrie-
ren zwischen sich und dem Publikum niederreißt. Für viele Skep-
tiker ist es der Augenblick, in dem Bono dem Größenwahn verfä llt
– zumal die Band nichts anderes machen kann, als die Akkorde
des Songs „Bad“ in Dauerschleife zu spielen, bis ihr Sänger seine
Aktion beendet hat. Was sagt Joan Baez dazu? Noch am selben Tag

N
notiert sie, wie begeistert sie davon ist, dass es Bono gelingt, dieses
riesige Stadion in den Griff zu bekommen: „Er ruft ins Publikum.
Und es ruft zurück. Er dirigiert einen Chor – das gesamte Publi-
kum ist dieser Chor. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal
etwas Ähnliches gesehen zu haben. Nichts hat mich bei Live Aid
so sehr bewegt, wie Zeugin der Magie von U2 gewesen zu sein.“

Nach diesem Ereignis sind U2 eine andere Band. Jeder kennt sie. Vor
F OTO S : PAU L B E R G E N / R E D F E R N S , I N D E P E NDENT NE WS AND MEDIA/GETT Y I M AG ES

allem kennt jeder Bono, der mehr will als der Popstar Paul Young, der
vor U2 auf der Bühne in Wembley steht, oder als der Mucker Mark
Knopfler, der mit seinen Dire Straits folgt. Bono begreift Rockmusik
als sozialpolitische Bewegung. Und er nimmt die Rolle des Verkün-
ders an, die ihm zugeteilt wird. Er, der eigentlich Paul Hewson heißt,
in der Schule aber schon „Bono Vox“ genannt wird, die „schöne
Stimme“. Was man dabei nicht vergessen darf: Bono kann sich auf
die drei jungen Männer an seiner Seite verlassen, die seinen Weg loy-
al mitgehen: The Edge, als Gitarrist ein Großer seines Fachs, dessen
Spiel später unzählige Indie-Bands beeinflusst, weil es ihm meistens
gelingt, Fläche und Dynamik zu verbinden. Adam Clayton, der Bas-
sist. Und Larry Mullen Jr., der Schlagzeuger, der als 14 Jahre alter
Schüler einer katholischen Lehranstalt in Dublin die Sache ins Rol-
len bringt, als er 1976 am Schwarzen Brett einen Aushang anpinnt:
„Suche Musiker für eine neue Band“. Zehn Jahre später befinden
sich diese Musiker auf einem guten Weg, zur größten Band der Welt
zu werden. Der „Rolling Stone“ kürt U2 1986 zur „Band of the 80s“,
nicht unbedingt, weil sie die beste ist, sondern weil sie für sehr vie-
ls
ik a Und er
le Leute bedeutend ist – „und sie vielleicht sogar die einzige Band

mu s ist, die überhaupt noch eine Bedeutung besitzt“.

t Rock egung. ders Es zählt damals zu Bonos großen Stärken, dass er die Positi-
f
grei he Bew Verkün
on seiner Gruppe gut einzuschätzen vermag. Sehr klug ist zum

o be c s
Beispiel seine Feststellung, U2 sei „eine Band ohne Tradition“.

Bon lpolitis olle de t wird. Was die vier kannten, als sie zusammenfanden, waren die Bands,
a l
sozi t die R zugetei
über die in den englischen Zeitschriften zu lesen war: der Punk
von den Buzzcocks und Undertones, Penetration und Skids,
m
nim ie ihm der Postpunk von Joy Division und Wire, dazu noch ein wenig
d
an,
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ME-HELDEN

Extraterrestrisches aus Deutschland, Kraftwerk und Neu!. Wenig


bis keine Ahnung haben U2 von den Ursprüngen des Rock’n’Roll,
von Blues, Gospel, Soul und Country. Dieses Unwissen spielt keine
Rolle, als die Band noch unter sich ist und New-Wave-Rock spielt.
Doch nun sind sie Superstars, hängen mit ihrem Landsmann Van
Morrison herum, treffen auf Bob Dylan und Keith Richards. Letzte-
rem gesteht Bono, nicht nur keine Ahnung von Blues zu haben, son-
dern sich ihm sogar zu verweigern, weil die Blues-Musiker, die er
kenne, immer wieder die gleichen Akkorde durchnudeln würden.

U
Keith Richards denkt kurz darüber nach, ob er diesen Iren ausla-

K i n g s O f L e o n , C o l d p l a y, F o o F i g h te r s , M u s e , N e w M o d e l A r m y, O a s i s , T h e A l a r m
chen oder bemitleiden soll, dann entscheidet er sich dafü r, ihm die
Legenden nahe zu bringen, Leute wie John Lee Hooker und Robert
Johnson. Bono sagt später, diese Lehrstunde habe ihn umgehauen.

D a v i d B o w i e , T h e U n d e r t o n e s , Te l e v i s i o n , T h i n L i z z y , B r i a n E n o , R o y O r b i s o n
U2 beginnen, sich die Geschichte anzueignen. Sie kappen die Linie
zum Postpunk, entwickeln sich zu einer Traditional-Rock-Band,
mit Fokus auf das „Heartland“, die Vereinigten Staaten von Ame-
rika. Es entsteht das Album THE JOSHUA TREE, das mit drei Lie-
dern beginnt, die jeder kennt: „Where The Streets Have No Name“,
For“, „With Or Without You“ –
„I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ Z ITATE
wie
w ie viele Rockalben gibt es, die ein solches Eröffnungstrio
Eröff nungstrio zu bie-
tten
en haben? Wieder produzieren Brian Eno und Daniel Lanois, die „U2 waren nie beliebt in
Platte
P latte verkauft sich 25 Millionen Mal. U2 wagen den nächsten Liverpool. Wir erkennen
Schritt, konzipieren den Live/Studio-Hybrid RATTLE & HUM,
auf dem sie Helden wie Lennon/McCartney, Hendrix, Dylan und
einen Fake, wenn wir ihn
B.B. King Tribut zollen, aber auch eigene Songs einweben. Die Plat- sehen.“
te wirkt wie ein Mixtape von jemanden, der zwischen ewige Stan- Ian McCulloch, Echo & The Bunnymen

dards auch ein paar eigene Songs geparkt hat. Damit ist RATTLE
& HUM der eine Schritt zu viel. Und erneut zeigen U2 ein gutes „U2 sind die einzige Band, deren
Gespür dafü r, was nun zu tun ist. Die Band macht eine Pause. Und Katalog ich in- und auswendig
danach alles anders.
Als U2 zurückkehren, ist ein neues Jahrzehnt angebrochen. Die
kenne. ‚A Sort Of Homecoming‘
90er-Jahre verändern den Blick auf den Musikmarkt, die Leute von THE UNFORGETTABLE FIRE
wollen nun Alternativen zum Gigantismus, Anti-Helden und künst- war einer der ersten Songs, die
lerische Visionen. Die Band bucht fü r ihr ACHTUNG BABY die ich meinem noch ungeborenen
Berliner Hansa Studios, blickt nicht mehr nach Amerika, sondern
nach Europa, wo die politischen und musikalischen Entwicklun-
Baby vorgespielt habe.“
Chris Mar tin, Coldplay
gen spannender sind: Alternative Rock, Dance, Electronica, Hip-
Hop, Industrial – U2 spielen nun Musik fü r die Gegenwart. Bono
singt „The Fly“ und trägt dazu Leder und eine Fliegenbrille, plötz- „Ich mag Bono sehr, und die Musik
lich können U2 sogar Ironie. Der erste Track „Zoo Station“ wird so von U2 ist sehr menschlich, sie
produziert, dass Käufer denken sollen, es stecke die falsche LP entsteht nicht per Knopfdruck.“
oder CD in der Hülle. Aus dem Tribut an den Bahnhof Zoo entwi- Keith Richards
ckelt sich das Konzept fü r die „Zoo TV“-Tour, einer Multimedia-
Show, die als Satire funktionieren soll. Viele Fans überfordert das, „In keinem U2-Song steckt
die Band jedoch fü hlt sich im postmodernen Deutungshimmel
pudelwohl – und legt nach: ZOOROPA transferiert 1993 die „Zoo echte Lebenserfahrung.“
J o h n Ly d o n
TV“-Idee aufs Albumformat, bei der Single „Numb“ übernimmt
The Edge den Sprechgesang, bei „Lemon“ gibt Bono Prince, bei
„The Wanderer“ ist Johnny Cash mit dabei. Nach einer Live-, einer „Ich mag die Platten von U2 nicht mehr. Ich
Remix- und einer Platte mit Soundtracks zu imaginären Filmen habe Aschenbecher aus ihnen gemacht, indem
ich das Vinyl auf dem Herd geschmolzen habe.“
unter dem Projektnamen Passengers beenden U2 ihre Innovations-
S inéad O’Connor
dekade 1997 mit POP: Knietief stecken U2 in den Gaga-90ern, zehn
Jahre nach THE JOSHUA TREE ist von den ernsten „Heartland“-
„Das Apple-Experiment hat für
H A B E N B E E I N F L U S S T:

Eroberern nichts mehr übrig.


FOTO: UNIVERSAL MUSIC

Ein ordentlicher Ritt, der genau entlang der Entwicklungslini- uns funktioniert, weil wir auf diese
B E E I N F LU S S T VO N :

en der Rock- und Popmusik fü hrt, vom offen-naiven Postpunk über Art ein jüngeres Publikum erreicht
den missionarischen Weltverbesserungseifer rund um Live Aid,
den Gigantismus der 80er-Jahre und die politisch-künstlerische
haben, das diese Songs nun
Offenheit nach Ende des Kalten Krieges bis zum Anything-Goes kennt und sehr häufig hört.“
der kunterbunten Postmoderne. Man darf der Band attestieren, B ono, nachdem U2 in Ko op eration mit Apple das
Album SONGS OF INNOCENCE ungefragt in die
dass sie in den ersten 20 Jahren ihrer Geschichte wie ein Seismo- Mediatheken der User gestellt hat – was zu
graph funktioniert, bereit, jede Erschütterung aufzunehmen und verheerenden Reak tionen führ te.
fü r sich zu nutzen. Dass sich U2 seit 2000 in einer musikalischen
Komfortzone befi nden – das ist mit Blick darauf, was diese Band
geleistet hat, total egal.

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INFO

D I E D R E I G U TE N 10 BA N D S , VO N D E N E N D I E M E D I E N DAC HTE N : „ DAS W E R D E N D I E N E U E N U2“


U2-W IT Z E
Cactus World News / Big Country / Hothouse Flowers / The Music /
Bei einem Konzert macht JJ72 / Bell X1 / Travis / Snow Patrol / Razorlight / Glasvegas
Bono zwischen zwei Die eine Band, die es geworden ist: Coldplay
Songs eine Pause, startet
damit, im Sekundentakt
in die Hände zu klat-
schen, und sagt: „Jedes V I E L H I LF T V I E L: P O LITI S C H E A K TI O N E N U N D S OZ I A LE E N G AG E M E NT S
Mal, wenn ich klatsche,
stirbt in Afrika ein Kind.“ 1984: Band-Aid-Benefiz-Single für den Kampf
gegen Hunger und Armut in Äthiopien
Ruft jemand aus dem
1986: „A Conspiracy For Hope“-Tour zur
Publikum: „Dann hör Unterstützung von Amnesty International
doch verdammt noch mal 1992: „Stop Sellafield“-Festival gegen den Betrieb
mit dem Klatschen auf!“ des Kernkraftwerks
1995: „Miss Sarajevo“ als Song gegen den
Warum ist Bono von der Balkankrieg, aufgenommen als Passengers
mit Luciano Pavarotti
Bühne gefallen?
1998: Einnahmen der Single „Sweetest Thing“
Er stand zu nahe an „The gehen an das Chernobyl Children’s Projekt
Edge“. 2002: Bono ist Co-Gründer der NGO DATA
2004: „46664“-Aids-Benefiz-Konzertreihe,
Mein U2-Navi ist totaler Gastgeber ist Nelson Mandela
2005: „Live 8“-Konzert in London für Bob Geldofs
Schrott! The Streets
„Make Poverty History“-Kampagne
Have No Names & I Still 2005: The Edge ist Mitinitiator des Projekts „Music
Haven’t Found What I’m Rising“, das Musiker aus New Orleans nach Hur- Atomkraft? Nein, danke! Bono am
Looking For. ricane-Katastrophen mit Equipment versorgt Nuklearkomplex Sellafield.

D I E W I C HTI G S TE N P L AT TE N
F O T O : D AV E H O G A N / H U LT O N A R C H I V E /G E T T Y I M A G E S

WAR THE UNFOR- THE JOSHUA ACHTUNG BABY ZOOROPA POP


1983 GETTABLE FIRE TREE 1991 1993 1997
Die ersten beiden 1984 1987 Die Mauer ist weg, Umbruch abge- Ein Mega-Act ver-
LPs klingen noch Erste Zusammen- Der Gigant unter den Berlin öffnet sich, da schlossen. U2 klin- schenkt die eigene
introvertiert, auf der arbeit mit Brian Eno Rockalben der 80er. müssen U2 hin gen elektrisch und Relevanz, indem er
dritten wagt sich und Daniel Lanois, Einen guten Job ver- – natürlich in die groovy, mit einem den Rummel nicht
Bono an die globale die U2 eine für richtet der Kanadier Hansa Studios, wo Handstreich kapern schließt, sondern
Analyse von Krieg damalige Verhältnis- Daniel Lanois, der schon David Bowie, die Rockbotschafter weitere Nonsens-
und Frieden. Die se mutige Ambient- begreift, wie eine von Iggy Pop und Nick die Popkultur der Attraktionen hinzu-
Band spielt dazu Richtung geben. Iren konzipierte Ame- Cave gearbeitet 90er. Zu hören sind stellt. Es beginnt die
packenden New- Interessante Textu- rika-Platte zu klingen haben. Der Trip stark in der Dekade Reise ins Mittelmaß,
Wave-Rock mit ren treffen auf ein- hat. Überirdisch: das gelingt: eine exzel- verhaftet Beats, das die meist zu soliden
Mainstream-Affinität; dringliche Songs, Finale „Mothers Of lente und überaus damals hypermo- Singles führt. Höhe-
The Edge findet zu darunter das Titel- The Disappeared“, erfolgreiche Platte derne Album weckt punkte sind oft die
seinem einzigartigen stück und „Pride (In von dem Radiohead zu Beginn eines heute nostalgische Songs mit der größ-
Gitarrenspiel. The Name Of Love)“. viel gelernt haben. Umbruchs. Gefühle. ten inneren Ruhe.
     

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PLATTE DES
MONATS
 der Wahnsinn  sehr gut  gut  ganz okay  uninteressant  schlecht

Moses Sumney
Græ
Jagjaguwar/Cargo ( VÖ: 15.5.)

64
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PLATTE DES MONATS

20 Farben, grau – ein Werk von Corona öffentlich wahrgenommen


epochaler Größe, das R’n’B, Soul, wurde, der Song bezieht seine gro-
Art Rock, Jazz und die Ballade ße Kraft aus einer Zerbrechlichkeit,
zur Gitarre mitnimmt und Prince die von ganz innen berichten mag
bis an die Ränder der Popmusik und doch so weit nach draußen
fortdenkt. greift, in die Natur, die wir gerade so
Moses Sumney trägt eine Sauer- anders erleben und in die Natur der
stoffmaske, die seinen Mund und Gedanken.
seine Nase bedeckt, seine Worte GRÆ heißt das dazugehörige
fallen langsam in den Song: „When Album, Teil eins steht seit 21. Febru-
I’m weary / and so worn out / ooh, ar auf Spotify & Co., Teil zwei und
when my mind’s clouded / and filled der komplette physische Long­player
with doubt“. Im nächsten Moment erscheinen am 15. Mai. Im Rahmen
nimmt er die Maske ab und die Stim- dieser – auch aufmerksamkeits­
me beginnt zu schweben. „That’s ökonomisch bestimmten – Drama-
when I feel / the most alive / maso- turgie gelingt dem amerikanischen
chistic kisses / Are how I thrive“. Sänger und Songwriter eine Expe-
Damit beginnt eine Bilderfolge, die dition in Klangzonen, die sich Defi-
von der Flucht aus einer menschen- nitionen entziehen und im selben
leeren Krankenstätte erzählt, sie Moment die Existenz des Schwer-
endet in den Zuckungen des befrei- definierbaren feiern. Eine Flucht aus
ten Körpers, den Launen des Seins, der reinen musikalischen Lehre.
denen der Künstler im Superfalsett Grau ist nichts so richtig, weder hell,
so atemberaubend Gestalt verleiht. noch dunkel, eine Farbe sowieso
„Twerking on top of an ambulance. nicht. Grau ist eher wolkig besetzt,
We love to see it“, jubelt eine Follo- auch ein Ton der Neutralität. Der
werin auf YouTube. Künstler, der seit dem Album
Als das Video zu „Cut Me“ Anfang AROMANTICISM nur noch auf den
April erschien, hatten wir uns schon Ritterschlag zum neuen Star der
daran gewöhnt, Bilder mit der black music wartete, tritt hier aus
Corona­brille zu betrachten – die Dis- dem eher engen Erwartungshori-
kussionen um Abstandsgebote und zont heraus, der ihm und musika-
Freiheitsbeschränkungen beraub- lisch Verwandten zugewiesen wird.
ten bis dahin gängige kulturelle Sumney verwandelt sich in einen ween / Coloring in the margins“ – so den wir uns auch an epochale Wer-
flatterigen Pop-Sinfoniker, der den bilanziert der Sänger seine Jugend ke der Vergangenheit erinnern. An
Sumney ver- grauen Himmel per Zauberstab in
jedem Moment, in jedem der 20
in „Neither/Nor“. Auf „Polly“ nimmt
er gleich zwei Liebespositionen ein,
Stevie Wonders SONGS IN THE KEY
OF LIFE oder Prince’ SIGN O’ THE
wandelt sich in Songs in full colour setzt. die eine schließt mit der Frage, ob er TIMES – von Sumney weitergedacht
einen Pop-Sin- Die Entfernung aus den Farben nur noch jemandes „friday dick“ sei. bis an die Ränder des Pop. Genau-
foniker, der den korrespondiert mit der Flucht aus
den Stereotypen. Im Video zu „Virile“
Superschmusiges Lied, by the way.
Der besondere Charme dieser
er: in Richtung eines „also also also
and and and“ (auch das ist ein Song-
grauen Himmel tanzt Sumney zwischen den Fleisch- Songs beruht auch auf den musi­ titel). Die Erzählstimme, die eben
in jedem der klumpen in einem Schlachthof, sei- kalischen Eingemeindungen, die noch im Sound zu versiegen schien,
ne Reflexionen gelten überkomme- Sumney u.a. in Zusammenarbeit mit verstellt, verwandelt sich. Es
20 Songs in full nen Bildern von Männlichkeit, die Daniel Lopatin (Oneohtrix Point beginnt ein Alien Talk, begleitet von
colour setzt. Stimme schießt in Extreme, die Never) vorgenommen hat, der Sän- so etwas wie einem Tröpfeln und
Musik: ein Hybride aus Hymne, ger kann sich in R’n’B, Art Rock und Keyboards, die Saxofone sein könn-
Zuweisungen ihrer vermeintlichen Ambient und zerstörerischen Pop- Jazz verlustieren, die Gitarre zur Bal- ten, oder umgekehrt. Ein sehr kur-
Unschuld. Inwieweit hat das Virus Melodien. Arena-Rock vielleicht lade spielen, mit den Streicher­ zes und seltsames Stück Selbster-
den Umgang der Kunst mit Emotion, noch? Ist Geschlecht oder Hautfar- ensembles tänzeln und den Maschi- mächtigung. „I insist upon my right
mit Glück und Leiden infiziert? Erst be so relevant, muss ich meiner Iden- nen beim Heulen lauschen. Wenn to be multiple“, sagt die Stimme.
einmal: Das Video zu „Cut Me“ ist tität, meiner Musik einen Namen wir GRÆ eines Tages in die Jahr-  Frank Sawatzki
vor der Zeit entstanden, in der geben? „I fell in love with the in-bet- zehntbestenlisten aufnehmen, wer- Story S. 44

Die fünf besten Songs: 1. „Cut Me“ 2. „In Bloom“ 3. „Lucky Me“ 4. „Polly “ 5. „ And So I Come To Isolation“
Klingt wie: Stevie Wonder : SONGS IN THE KEY OF LIFE (1976) / Prince: SIGN O’ THE TIMES (1987 ) / D’Angelo And The Vanguard: BLACK MESSIAH (2014)
Platten des Monats

1990 2000 2010


FOTO: ALEXANDER BLACK

Juni

The Jeff Healey Band: Miles: LCD Soundsystem:


HELL TO PAY MILES THIS IS HAPPENING
„Jeff Healey unterstreicht seinen Anspruch „Die Wandlung zur Popband ist abgeschlossen, „Die neuen Tracks haben das Zeug, LCD
auf einen Platz im Gitarristen-Olymp. (...) [er] Miles ruhen in der neuen Rolle in sich selbst Soundsystem (...) in die Bestenlisten zu tra-
brilliert mit einer virtuosen Mischung aus und haben keinen speziellen Albumnamen gen. Man wird sie noch auflegen wollen,
Blues und Rock.“ nötig. (...) eine Popwelt in Perfektion, modern wenn Florence-And-The-Machine-Platten
und zeitlos.“ schon in den Grabbelkisten der Musikwaren-
häuser überwintern.“

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OLIVER ALBERT JOCHEN STEPHAN ANNETT FRIEDRICH HELLA LILLY
GÖTZ KOCH OVERBECK REHM ROZANES SCHEFFEL STEFFES-LAY WITTENBERG WOLTER

KRIEG
DER
Ich finde in diesem Bei Moses Sum- Bin tief enttäuscht Die ersten, bereits Moses Sumney: Wer hätte gedacht, Ich will ein Musical ROSE IN THE DARK
STERNE Monat alles gut ... ney verweise ich von einigen Redak- Ende Februar ver- kunstvoll, auf dass ausgerechnet von Moses Sum- von Cleo Sol
Nur dass manche auf den Kommen- tionsmitgliedern. öffentlichten Zei- Albumlänge fehlt The 1975 zum ney. Eine Show mit bringt die Ruhe,
Kolleg*innen die tar von Kollegin Ich werde für sie len unserer Platte die Luft. Car Seat Redaktionsspalter Überlänge, B-Sei- die man in einer
Klasse von The Hella. Bei The 1975 Mixtapes anferti- des Monats lauten: Headrest: wirkt wird statt die ten obendrauf, Blu- chaotischen Zeit
Die Redaktion bewertet
1975 nicht erken- schließe ich mich gen, die aus- „Isolation comes unscheinbar, hallt Avantgarde-Stunts menmeer auf der wie jetzt gut
Neuerscheinungen
nen wollen, das vollinhaltlich der schließlich aus from ‚insula‘ which aber lange nach. von Moses Sum- Bühne, zehn Out- gebrauchen kann.
finde ich nicht so Aussage von Songs der Gruppe means island … The 1975: Lange ney, Fiona Apple fit-Wechsel, 30
gut. Annett an. The 1975 beste- here we go into the keine Platte mehr & Co.? Obwohl ... Tänzer*innen, und
hen. grey ”. Allerdings gehört mit gleich- einer GoPro an sei-
hat man als Moses wertig vielen guten ner Stirn, damit wir
wohl auch ein und furchtbaren alle die Welt mehr
Prophet zu sein. Ideen. wie er sehen kön-
nen. Das wär ’s.

01 Moses Sumney
        4,19
Græ

66
02 Fiona Apple
        4,06
Fetch The Bolt Cutters
PLATTEN

03 Car Seat Headrest


        3,94
Making A Door Less Open
04 Cleo Sol
        3,94
Rose In The Dark
05 Laura Marling
        3,94
Song For Our Daughter
06 The 1975
        3,88
Notes On A Conditional Form

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07 Ghostpoet
        3,75
I Grow Tired But Dare Not Fall ...
08 Kaitlyn Aurelia Smith
        3,63
The Mosaic Of Transformation
09 Perfume Genius
        3,56
Set My Heart On Fire Immediately
10 Katie Von Schleicher
        3,56
Consummation

Bei Gleichstand der Durchschnittswertungen entscheidet die höchste Einzelwertung.


PLATTEN

WAS KOMMT RAUS, WAS KOMMT REIN eigene musikalische Essenz redu-

Index
zieren. Wie im Highlight des
Albums, dem Schlusssong „Guys“.
Es ist ein unglaublich eingängiger,
„ Ko m m t e u c h e i n e r zeitloser Indie-Pop-Hit geworden, The 1975  67

q u e r, h a b t i h r e u r e
den man noch ewig mitsummen
Alva Noto  75
möchte.

Tr i c k s . S i c h z u w e h -
  Florian Kölsch Fiona Apple  79
Story S. 46
Badly Drawn Boy  72

ren, ist nicht schwer “ Dean Blunt  75

„Kleine Flügel, großes Herz (Der kleine Car Seat Headrest  76

D r a c h e Ko ko s n u s s ) “, A m b o s s Fa c to r y, 2 0 1 4 Ian Chang  82

Childish Gambino  81
Die Kombination von Homeoffice und doppeltem
Elternstatus (Kid A und Kid B, in diesem speziellen Deerhoof  72

Fall) ist nicht immer kompatibel. So erklärt Kollege The Dream Syndicate  78
Fabian Soethof seine Abwesenheit vom „Krieg der
Sterne“ in diesem Monat. Er hat uns folgende Nach- Dua Lipa Bob Dylan  81

richt zukommen lassen: „Musik, die ich seit Beginn Future Nostalgia Efdemin  77

von Homeoffice, Kita-Schließung und Quasi-Qua- Urban/Universal


Einstürzende Neubauten  74
rantäne gehört habe und bewerten könnte: die Titel- Mit dem Disco-Pop ihres zwei- Floating Points  75
songs von ,PJ Masks‘, ,Paw Patrol‘, ,Miraculous‘, ten Longplayers befindet sich
Ghostpoet  71
,Operation Nussknacker 1 & 2‘, ,Hotel Transsilvanien 1 Dua Lipa durchgehend auf der
& 2‘, ,Der kleine Drache Kokosnuss‘ (sehr gut) und so Überholspur. Drängelnd und den Golden Diskó Ship  69

weiter. Musik, die ich nicht hören und bewerten Blinker nach links gesetzt.
Hodge  80
Vom Dark Pop des mit Preisen
konnte: jedes Album im Krieg der Sterne. Und jedes
überhäuften Debütalbums findet I Break Horses  68
weitere.“ Ob wir nächsten Monat nur Kinderlieder sich auf FUTURE NOSTALGIA
bewerten sollten, fragt sich Der Plattenmeister nichts mehr. Dua Lipa schmeißt
Nicolas Jaar  72

jede Zurückhaltung über Bord. Jade Hairpins  72


Jeder Song hier ist maximal auf
Jamie xx  75
Sonnenschein und die Playlists des
kommenden Sommers ausgerich- Joan As Police Women  80
tet. Balladen würden dem Vorha- Damien Jurado  69
dem 22 Songs zählenden Mam- ben nur im Weg stehen. Der kurz-
mutwerk des Quartetts aus Man- weilige Disco-Pop klingt wie die Kate NV  75

chester, das noch allerhand Weite- bestgelaunte Mischung aus Molo- KUF  68
res bietet: Neben Indie ko und Daft Punk. Es ist wie ein
Rock- ( „Roadkill“) und Pop- Hüpfball der Lebensfreude mit Mark Lanegan  78

Momenten („Me & You Together nahezu undurchdringlicher Ohr- Dua Lipa  67
Song“) gibt es auch elektronische wurmdichte. Die Mischung aus
Laura Marling  78
Sounds: „Shiny Collarbone“ hat 80er-Jahre-Sound und modernen
The 1975 House- und Dancehall-Einflüsse, Elementen serviert Lipa mit einem Scott Matthew  82
Notes On A Conditional während „Having No Head“ an die Dauergrinsen. Mal steckt es sofort
Minor Science  72
Form Arbeiten von Trent Reznor und Atti- an, wie in dem mit Vocodern durch-
cus Ross erinnert. Auf NOTES ON setzten und scharf geschnittenen Tom Misch & Yussef Dayes  76
Polydor/Universal ( VÖ: 22.5.)
A CONDITIONAL FORM erkunden Elektro-Funk-Pop „Future Nostal-
Moby  74
Auf ihrem vierten Album pro- The 1975 die unterschiedlichsten gia“ oder in dem „Let’s get
bieren sich The 1975 in den ver- physical“-Shout von „Physical“ . In My Ugly Clementine  76
schiedensten Spielarten aus. In The 1975 sind misslungenen Momenten wie etwa
Onipa  76
der Dauerabwechslung findet bei „Boys Will Be Boys“ kippt es
die Indie-Rock-Band aus UK immer dann am jedoch auch leicht ins Manische. Peaking Lights  80
aber auch zu sich. besten, wenn Mit dem über die ganze Spieldau- Perfume Genius  79
Alles beginnt mit Greta Thunberg sie sich auf ihre er durchgetretenen Gaspedal
und ihrem Opening-Monolog, den schleicht sich mit der Zeit auch Rustin Man  70

die Klimaaktivistin mit den Worten


eigene musika- etwas Eintönigkeit ein. Einzig
„it is now the time for civil disobe- lische Essenz „Pretty Please“ gibt dem Rezept
Katie von Schleicher  70

dience. It is time to rebel“ beendet. reduzieren. eine eigene, einen Hauch dunklere Shirley Holmes  82

Die Zeile bildet einen grandiosen und zurückgenommene Note. Kaitlyn Aurelia Smith  77
Übergang zu „People“, einer sozial­ musikalische Spielarten, was nicht Doch die mitreißenden Augen­
Soela  83
kritischen Hardrock-Nummer, die nur die Albumlänge auf 80 Minuten blicke überwiegen auf dem Album.
musikalisch an Marilyn Mansons treibt, sondern auch auf Kosten Zeitweise wird aus FUTURE NOST- Cleo Sol  83
„The Beautiful People“ erinnert, und eines größeren Konzepts geht. Fast ALGIA das Album, das uns Lady
Sparks  70
in der Frontmann Matt Healy sich schon zwangsläufig gibt’s auf dem Gaga immer wieder versprochen,
die Seele aus dem Leib schreit. Es Album auch Füll­material, etwa den aber nie geliefert hat. So wird aus Spirit Fest  82
geht auch anders: Durch angeneh- dahindudelnden Electronica-Track dem mit Produzenten wie Stuart
Moses Sumney  64
me Zurückhaltung fällt das schwel- „Yeah I Know“ oder „Don’t Worry“, Price, Jeff Bhasker und Ian Kirk­
gerische „Jesus Christ 2005 God das wie ein Abklatsch des frühen patrick entstandenen Werk eines The Weeknd  70
Bless America“ auf, bei dem Phoe- James Blake wirkt. Am Ende stellt der ersten Pop-Pflichtalben der
Westerman  70
be Bridgers mitsingen darf. Es ist man fest, dass The 1975 einfach am noch jungen 2020er.
einer der schönsten Momente auf besten sind, wenn sie sich auf ihre   Sven Kabelitz

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I Break Horses
Warnings
B e l l a U n i o n / P I AS / Ro u g h Tra d e

Auch die Schweden wissen:


Dream Pop ist einfach das bes-
te Genre, um sich zu den alb-
traumartigen Gefühlsschichten
runterzubuddeln.
Man möchte nicht der Ex von Maria
Lindén sein. Oder, literaturwissen-
schaftlich sauber formuliert: Man
möchte nicht der Ex vom lyrischen
Ich auf WARNINGS sein, denn die-
ser Ex oder jedenfalls Future-Ex
wird im nur scheinbar träumerisch
einlullenden Gesang von Maria
Lindén auf mannigfaltige Weise
gedemütigt, wie sich wohl nur einst
Liebende hassen können. Die Vor-
würfe gegenüber dem Ex reichen
von Pseudo-Zuneigung, „so called
affection“, zur sich gar prächtig
darauf reimenden „semi erection“,
dem Schlappschwanz. Ist das
schon Schwanz-Shaming oder
noch legitime Beziehungsresü-
mee-Metapher? Dream Pop ist
jedenfalls, wenn die Pforten zur
Psyche erst mal aufgestoßen sind,
das beste Genre, um sich auch zu
Der Schlagzeuger trommelt wie im Jazzkeller, wo den albtraumartigen Gemütslagen
runterzugraben. Das ist wahr, auch
noch Menschenschweiß von der Decke tropft, der wenn Bill Callahan, der brummeln-
Bassist zupft einen mannshohen Kontrabass. de Barde, nach dessen gleichna-
migem Song sich die Band benannt
hatte, meinte, die dunkle Seite der
KUF Seele interessiere ihn in diesem
Re:Re:Re Lied einen feuchten Dreck. Eigent-
Macro/ Wordandsound
lich seltsam, dass I Break Horses,
das schwedische Duo, nicht viel
Cyborgs im Jazzclub: Mit ihrem wunderbar House-verstrahltem Acid Jazz sind öfter noch mit ihrem Pendant aus
KUF gerade der heißeste Geheimtipp aus Berlin. US-Maryland, dem Shoegaze-Duo
Das Geheimrezept von KUF: In dem House der drei Berliner sind Vocals zentral. Doch namens Beach House verglichen
sie haben keinen Sänger. Die Stimmen, die man uns gönnt, sind gesampelte Feldauf- wird, wenn denen auch ein wesent-
nahmen, verfremdet und von aller Körperlichkeit losgelöst. Posthuman geradezu. Sam- lich größerer Publikumserfolg
ple-Master Tom Schneider steuert zudem die liebevoll hypnotisierenden Synthesizer- zuteil wurde. Nicht nur dass beide
spiralen und die filigranen Riffs bei. Im Gegenzug aber sind Schlagwerk und Bass für beim selben Label, Bella Union,
elektronische Gefilde und Gepflogenheiten ungewöhnlich organisch zugange: Hendrik sind, und sich beide Mitte der Nul-
Havekost trommelt wie im Jazzkeller, wo noch Menschenschweiß von der Decke tropft lerjahre (die Zeit der schrumpfen-
(wir erinnern uns), während Valentin Link einen aufrechten, mannshohen Kontrabass den Gitarren) gegründet haben
zupft. Diese Mixtur von Cyborgklang im Jazzclub, sie ist genial. Im Januar 2018 beka- und dass sie dieselben Initialen
men die drei Berliner den ersten Ritterschlag: Laurent Garnier, der nicht ganz unbe- haben und beide eine Keyboard-
kannte französische House-DJ, schrieb seiner Facebook-Gefolgschaft, immerhin einer spielende Sängerin sowie einen
halben Million Menschen: „Ich hab mir heute eine Menge neuer Alben gehört. Das hier hintergründig Gitarren beisteuern-
ist definitiv DAS EINE. Absolut fantastisch!“ So schaut’s nämlich aus. Gemeint war den Duo-Partner: Nein, wo Beach
noch der Vorgänger, das zweite Album UNIVERSE, das auch schon auf dem Berliner House von der „Depression Cher-
Techno-Label Macro erschien, von dem wohltemperierte Plattenläden ja sowieso alle ry“ singen, geht es I Break Horses
Novitäten feilbieten. Nun ist das dritte Album da: RE:RE:RE. Die drei Innovatoren von diesmal im finalen Track um den
KUF haben sich an Reworks gewagt, allesamt von Tracks des Macro-Labelkatalogs. oder wohl eher noch die „Depres-
Und natürlich copy-pasten KUF nicht, sondern zerhackstückeln aufs Feinste und set- sion Tourist“, also abermals das
zen die Klangkörner dann ganz unerhört zusammen. Zwar wird nicht an lausbübischen lyrische Ich, das nur Gast in der
Breakbeats und Synkopen gespart, doch die Rhythmik ist insgesamt so tanzbar, dass Depression des Gegenübers ist.
man statt trübsalblasend von Schweiß zu träumen, schnell schon neuen generiert. Full Ja, man merkt es schon, um gute
House! Laune geht’s hier nicht auf diesem
 Stefan Hochgesand dritten Studioalbum zwischen all

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den Kickdrumschlägen, den Voco- Klangkünstlerin Theresa Stroetges Sophia Trollmanns als der Leim, der aber andere hätten deren geheime
der-Chorälen und den Grabes- unter dem Namen Golden Diskó das technoide Konstrukt zusam- Sprache dann doch so viel besser
Orgeln und den Ambient-Instru- Ship das Verhältnis von Folk, Rock menhält. Die Tracks identifizieren wir verstanden. Auf dem letztjährigen
mental-Schwarzwäldern, aber und Pop zu experimentellen Musi- stilistisch als Synthie-Pop, Pop-Pop, Album IN THE SHAPE OF A STORM
Lindéns Gesang schwingt sich mit ken ausgelotet. Keines dieser drei Grimes-Pop („Limping Over The spielte uns der Songwriter aus Seat-
den treuen Synthie-Funkelstern- Alben – PREHISTORIC GHOST Prairies“), aber jeweils in einer tle, Washington, sein subtiles Spiel
chen trotzdem zu unverhofften PARTY (2012), INVISIBLE BONFIRE Mutantenform, die sich hoffentlich mit Realität und Fiktion über weite
Höhen auf, wie sie nur die schmer- (2014) und IMAGINARY BOYS im Laufe der Evolution der populä- Strecken nur mit Gitarre und Gesang
zende Seele kennt, zu deren Ret- (2017) – klingt wie eines der ande- ren Musik durchsetzen wird. zu. Jurados 16. Album WHAT’S NEW,
tung der Leib Rettungsendorphine ren. Mit Album Nummer 4,    Albert Koch TOMBOY? öffnet jetzt wieder einen
ausschickte. Manchmal geht es ARACEAE, setzt Stroetges diese größeren Klangraum, in dem die
eben nicht mehr ohne sie, die fix „Traditionen“ der Andersartigkeit Worte sich in einem arrangierten
gefakte Euphorie. und der Meta-Musiken fort. Inhalt- Kontext aus Bass, Drums, Chören
 Stefan Hochgesand lich behandelt die Künstlerin pro- und Streichern Bewegung verschaf-
phetisch die Veränderungen der fen; trocken, dezent, hin und wieder
Umwelt und die Entfremdungsef- in einer Art Flüsterton. Was den ins-
fekte nach intensiven Naturerfah- trumentalen Part angeht, erinnert
rungen – wovon wir heute mehr als das in Teilen an die Alben, die er mit
nur ein Lied singen können. Im Mit- Richard Swift aufgenommen hat.
telpunkt ihrer musikalischen For- Damien Jurado kann wie nur wenige
schungen stehen diesmal der Damien Jurado ganz unprätentiös um Melancholie
Groove und der Beat, aber Golden What’s New, Tomboy? und Depression kreisen, er kann
Diskó Ship wäre nicht sie selbst, Lo o s e M u s i c / Ro u g h Tra d e
suchen und gar nicht finden, in der
wenn sie ein astreines Techno- Wärme seiner Melodien die Fühler
Golden Diskó Ship Album aufgenommen hätte. Die Melodisch, melancholisch, uner- ausstreckend. Das reicht für den
Araceae durch Repetition erzeugten klärlich – ein wärmendes Song- Moment. Und manchmal wächst
Karaoke Kalk/Morr Music/
Grooves, die manchmal sehr gera- writeralbum, das wieder mehr ihm eine kleine Hymne aus diesen
Indigo (VÖ: 29.5.)
den Beats stellen lediglich das Arrangement mit sich bringt. Bewegungen, ein Song, den man
Fundament für aufwendig und Vielleicht hat es Damien Jurado unhörbar auf den Lippen trägt, der
Klangforschung im Grenzbe- komplex konstruierte und mit beflügelt, dass er seinen Frieden einen aber sicher durch unsichere
reich von Techno. Das vierte diversen Sounds und Störfaktoren geschlossen hat mit der Endlichkeit Zeitläufte begleitet („The End Of
Album der Berliner Produzentin angereicherte Tracks dar. Zum Bei- und der Unerklärlichkeit seiner The Road“, „Josephine“). Übrigens
Theresa Stroetges. spiel in „Ortolan“, da funktioniert Gedanken und seiner Songs. Er wür- ohne, dass man dabei etwas „ver-
Auf bisher drei Alben hat die Ber- das manchmal sehr freie, manch- de wohl niemals wissen können, was standen“ haben müsste.
liner Multiinstrumentalistin und mal melodische Saxofonspiel diese seine Lieder ihm sagen sollen,    Frank Sawatzki

THE ONE AND ONLY


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den ersten Platz. Getestet wurden WLAN-Lautsprecher ohne Sprachassistent.
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Die 70. Geburtstage der Sparks- eigenen Leid. Auf CONSUMMATION letzten Stadionreihe hinter irgend-
Brothers Ron und Russell Mael lie- gibt es zwar ebenfalls eine Reihe einer Säule sitzen, alle Knöpfe zu
gen schon einige Jahre zurück. Die von traurigen Hymnen. Doch häu- drücken. Die Mischung macht’s.
Goldene Hochzeit der kaliforni- figer als zuvor lässt Katie von Inhaltlich bleibt zwar alles beim
schen Band, die immer so britisch Schleicher die Sonne rein: „Wheel“ Alten – die Welt ist schlecht, keine
daherkam, steht kurz bevor, kann ist sehr schöner Indie-Pop, so lieb- Frau ist gut genug, er ist nicht gut
aber auch schon vorbei sein, denn lich wie eine Komposition von Bel- genug, irgendwas mit persönlichen
genau lässt sich das Gründungs- le & Sebastian, aber gesungen mit Dämonen geht auch immer -, dafür
Rustin Man datum der Sparks nicht ermitteln, dieser tollen Stimme, die sich bei setzt musikalisch die Verspieltheit
Clockdust aber für eine Pop-Gruppe bleiben den tiefen Tönen besonders wohl- der Frühzeit wieder ein. „Hardest To
D o m i n o / G o o d To G o
das beeindruckende Zahlen. Alte fühlt. „Caged Sleep“ dreht mit Love“ klingt wie sein eigener Bass-
Säcke, Verwalter des eigenen melodischen Keyboards und Remix, während „In Your Eyes“ vor
Der Talk-Talk-Bassist lässt mit Erbes? Alles Quatsch, die beiden abseitigen Sounds ins Kosmische dem inneren Auge einen sonnen-
seinem Art-Pop seinen inneren ehemaligen Kunststudenten konn- und bereitet den Boden für den bebrillten Alf mit Saxofon neben
Bowie von der Leine. ten sich bis heute eine beneidens- Weltraumgospel „Messenger“, auf das Radio stellt. Gerade das High-
Die Erwartungen sind hoch für Paul werte Jugendlichkeit bewahren. dem Katie von Schleicher ihre light „Escape From LA“ und das von
Webb. Selbst schuld, möchte man Bühnen-Derwisch Russell singt Stimme vervielfacht und dadurch Oneohtrix Point Never produzierte
sagen. Warum musste der Mann immer noch so hoch, als greife ihm auf wundersame Weise viel leich- „Repeat After Me“ erinnern daran,
auch den Bass spielen für die weg- jemand kräftig in den Schritt. Ron, ter klingt. Dennoch sollte man sich warum The Weeknd neben Frank
weisenden Talk Talk oder 2002 mit der musikalische Taktgeber und beim Hören dieser Lieder nicht zu Ocean das R’n’B-Jahr 2011 gehörte.
seiner ersten Lebensäußerung als Hauptsongwriter, komponiert herr- sicher fühlen: Inspiration für die   Christopher Hunold
Rustin Man zusammen mit Beth lich überdrehte, temporeiche und Texte war ein Wiedersehen mit
Gibbons gleich einen Klassiker auf- gewitzte Songs. A STEADY DRIP, dem Hitchcock-Film „Vertigo“, ein
nehmen. Solche Erwartungen zu DRIP, DRIP ist kein stetes Tröpfeln, Werk, über dessen Frauenbild Kri-
erfüllen, ist dermaßen unmöglich, wie es der Titel andeuten mag, das tiker nächtelang streiten können.
da hat sich Webb für sein drittes ungefähr 24. Album der Sparks Von Schleicher findet im Film einen
Album als Rustin Man wohl rauscht nur so durch und klingt so Subtext, der von Missbrauch und
gedacht: Warum sie nicht noch knallbunt, wie das Cover aussieht. Stalking erzählt, ihre Songs und
höher schrauben und einem der Es bereitet Spaß und vereint alles, das Coverfoto nähern sich dem
Allergrößten Referenz erweisen? was die Sparks so besonders Thema mit aller Vorsicht an, der
Dass seine mittlerweile 58 Jahre Song „Power“ bringt das Machtge-
alte Stimme an die des späteren Das ungefähr 24. fälle der Liebe auf den Punkt – und Westerman
David Bowie erinnert, das war
Album der Sparks klingt dabei zärtlich und magisch. Your Hero Is Not Dead
schon auf DRIFT CODE (2019) auf-   André Boße
fällig geworden. Nun kultiviert er rauscht nur so P I AS / Ro u g h Tra d e ( VÖ : 5.6. )

dessen Intonation zwischen diven- durch und klingt Bed­room-Pop-Debüt aus London.
haftem Angeödetsein und unkon-
so knallbunt, Es gibt wunderbare Stellen auf die-
zentriertem Mäandern, während ser Platte, zum Beispiel das Instru-
die Musik, die Pauken und Trompe- wie das Cover mental „Dream Appropriate“, auf
ten, die exotischen Instrumente aussieht. dem der blasse Londoner eine ent-
namens Kokoriko oder Euphonium, rückte Gitarre spielt wie einst Vini
das Geklingel und Geklängel, die macht: barocken Synthie-Pop, Reilly mit The Durutti Column. Oder
ausgeklügelten Arrangements und Gitarren-Rock, orchestralen „Waiting On Design“, das zu Beginn
verschwenderischen Harmonien Pathos, überraschende Wendun- ziemlich eiert, sich zum Ende hin
und epischen Melodien, mit aller gen. Dieses feine Werk ist genauso The Weeknd aber auf magische Weise öffnet,
Macht nicht von dieser Welt sein in den 70ern zu Hause, wo alles After Hours Oboe inklusive. Westerman klingt
wollen. Mal walzern wir durch ein begann, wie im Hier und Jetzt. Republic/Universal
da wie der verträumte Cousin von
20er-Jahre-Cabaret, dann spielt   Sven Niechziol King Krule: Auch er ein Bedroom-
die Einsame-Herzen-Band von Ser- Der Larger-than-Life-R’n’B des Musiker, jedoch sind seine Fanta-
geant Pepper auf oder wir beob- Kanadiers lernt endlich von sei- sien um einiges milder, auch nimmt
achten einen „Waterloo Sunset“, ner Vergangenheit. er andere Drogen, vielleicht sogar
besuchen Bowie in den Hansa Stu- Abel Tesfaye hat sich bereits vor gar keine. Schwierig wird die Plat-
dios und eine Talk-Talk-Séance. seinem „ersten“ Album ein Denk- te, wenn es Westerman zu sehr ins
Eine Zeitreise, die vielleicht nicht mal in drei Akten gesetzt. Der düs- Seichte zieht. „Blue Comanche“
alle, aber doch sehr viele Erwartun- tere, samplefreudige R’n’B, in dem etwa ist butterweich, der Klang
gen erfüllt. er, vor allem auf dem noch immer kennt keine Kanten, keine Härten
  Thomas Winkler sensationellen HOUSE OF BAL- – wer 80er-Musik zum „Dahin-
LOONS, seine hedonistische, schmelzen“ mag, findet hier einen
Katie von Schleicher selbstmitleidige Kunstfigur in tief- neuen Lieblingssong, andere holen
Consummation schwarzen bis unheimlichen Beats sich eine Magenverstimmung. Grö-
F u l l T i m e H o b by/ Ro u g h Tra d e
auf drei Mixtapes mit sich selbst ßere Probleme bereiten die Songs
(VÖ: 22.5.)
bekanntmachte, hing neun Jahre mit leichtem Soul- und Funk-Ein-
wie ein Schatten über den offiziel- schlag, hier fehlt es Westerman an
Pop für Psychologen: Die New len Alben. Schnell wurde die Musik Groove und Finesse, und weil seine
Yorkerin bleibt auf der dunklen größer, musste mit dem Fame des Stimme ein wenig an die von Chris
Seite der Seele. Kanadiers wachsen, ließ bis auf Martin erinnert, bekommt man eine
SHITTY HITS hatte Katie von wenige Ausnahmen sein Talent ver- Ahnung, wie ein Soloalbum des
Sparks Schleicher ihr Debütalbum missen. AFTER HOURS könnte fast Coldplay-Chefs klingen könnte.
A Steady Drip, Drip, Drip be­nannt, und wie gut dieser Titel zu ein Jahrzehnt später endlich das Daher bleibt man am Ende ein
BMG Rights/ Warner ( VÖ digital:
ihrer Musik passte: Jeder Song ein Album sein, das seinen Status mit wenig ratlos: Ein Talent ist Wester-
1 5. 5. , p h y s i s c h : 3 .7. )
Volltreffer für beschissene Zeiten. seinem Talent vereint. Nicht falsch man aus London allemal, nur fällt
Das war prima, doch konnte es so verstehen, hier vergeht kaum eine es schwer, ihm überall dorthin zu
Die etwas anderen Pop-Helden natürlich nicht weitergehen, denn Sekunde, die nicht dafür produziert folgen, wo er sein Glück versucht.
steigen aus dem Jungbrunnen. sonst suhlt man sich zu sehr im wurde, auch bei denen, die in der   André Boße

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3 FRAGEN AN
GHOSTPOET

I GROW TIRED BUT DARE NOT FALL


ASLEEP behandelt grundlegende
Themen des Menschseins, frühere
Ghostpoet-Platten wirken dagegen
introspektiver.
Für mich ist das eine Entwicklung von
Album eins an. Ich habe immer versucht,
den Zeitgeist anzuzapfen, die Komplexität
unserer Emotionen und die ewigen Fra­
gen einzubeziehen: Warum sind wir hier,
was bringt die Zukunft? Ich bemühe mich,
Musik mit Tiefe und Gefühl zu kompo­
nieren.
Hat die Ausbreitung des Corona-
Virus deinen Blick auf diese existen-
ziellen Fragen verändert?
Nein. Die gegenwärtige Situation ist kata­
strophal auf vielen Ebenen, aber die
Geschichte lehrt, dass die Menschen am
Ende als Sieger aus globalen Zusammen­
brüchen gehen. Vielleicht werden wir uns
als Spezies anpassen und verändern müs­
sen, um die Langzeitwirkungen der Krise
zu überstehen. Werden wir gemein­
schaftsorientierter werden, oder steht uns
ein Zeitalter der Überlebensstrategien
bevor? Oder werden wir einen Moment
lang reflektieren und nach ein paar Lip­
penbekenntnissen wieder business as
usual haben? Niemand weiß das. Ich bin
besorgt und gleichermaßen fasziniert von
all diesen Dingen.

Welche Künstler hatten besonderen
Einfluss auf den Sound des Albums in
der Zeit der Entstehung?
Ich habe die verschiedensten Sachen
gehört. Das war die Musik, die um mich
herumschwebte: Gang Of Four ENTER­
Ghostpoet Bassgitarrenriff stehen. Wie
TAINMENT, Can EGE BAMYASI und
I Grow Tired But Dare Not soll man das nennen: Postprog­
FUTURE DAYS, Radiohead AMNESIAC,
Fall Asleep rockjazzambient vielleicht.
Talk Talk LAUGHING STOCK, Serge
Einen dunkel pochenden,
P I AS / Ro u g h Tra d e Gainsbourg HISTOIRE DE MELODY
manchmal unwirtlichen Klang-
NELSON, Portishead THIRD, David Axel­
Postprogrockjazzambient! Sound- raum betritt Ghostpoet von der
rod SONG OF INNOCENCE, Brian Jones­
raum für eine existenzielle Song- ersten Sekunde an, und er ver-
town Massacre und Arthur Verocai.
sammlung dystopischen Zuschnitts. lässt ihn auch nicht mehr. Was
Wenn Obaro Ejimiwe ein Album aufnimmt, stehen die Chan- nicht heißt, dass die zehn
cen auf eine Mercury-Prize-Nominierung fifty-fifty. Zwei sei- Tracks keine Variationen auf-
ner bislang vier Ghostpoet-Veröffentlichungen (PEANUT bieten, keine Amplituden ken-
BUTTER BLUES & MELANCHOLY JAM 2011 und SHEDDING nen würden. „Humana Second Hand“ ist eine nervöse Cello-
SKIN 2015) erreichten die Shortlist, aus der die Experten-Jury Musik, „Black Dog Silver Eyes“ tanzt auf Slo-Mo-Beats aus
die späteren Preisträger kürte. Das darf man getrost als Hono- der Box, obendrauf Partikel von elektronischem Fall-out und
rar für eine ambitionierte künstlerische Leistung werten, für ein verendendes Saxofon. Wir hören Tracks, die regelrecht
F OTO : E M M A D U D LY K E

einen musikalischen Auftritt, der sowohl Zeit als auch Publi- um ihre Fassung ringen. I GROW TIRED BUT DARE NOT FALL
kum trifft. Die neue Songsammlung hat sogar das Zeug, einen ASLEEP ist das Album, das die Lücke zwischen King Krules
Relevanzspitzenplatz im Spektrum aktuell dystopischer Pop- MAN ALIVE! und den Druckwellen füllt, die Scott Walker am
Entwürfe zu erreichen. „It’s getting kinda complex these Ende aus seiner Eremitage schickte. Selten hat der Blues die-
days“, raunt Ghostpoet im Refrain des Sechsminüters ser Tage mich so sehr erwischt, weit mehr als einen Preis wün-
„Breaking Cover“, und dahinter stehen nur noch existenzielle sche ich Obaro Ejimiwe die Kraft, mit dieser Musik weiter
Fragen: Was machen wir hier, ist das schon das Ende? „I am leben zu können.
alive... I wanna die“, die Worte bleiben beinahe im schweren   Frank Sawatzki

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gesungenes Wort passiert. Es ist holsucht und Depression zwangen Nach Young Guv, dem Neben­
dafür aber mit anscheinend gren­ ihn zu einer langen Pause. Die projekt des Fucked-Up-Kollegen
zenlosen Möglichkeiten der musi­ eigentlich geplante Alben-Trilogie Ben Cook, und Sänger Damien
kalischen Übersetzung ausgestat­ kloppte er in die Tonne. Er hätte uns Abrahams hervorragendem Podcast
tet und erlaubt es, viel zu sagen, nun seine neuesten Narben präsen­ „Turned Out a Punk“ ist Jade Hair­
ohne auch nur einmal zu sprechen. tieren und seine Wunden lecken pins nun das dritte gelungene Pro­
Der Brite Angus Finlayson hat sich können. Doch BANANA SKIN jekt aus dem Umfeld einer der bes­
als Musikjournalist lange mit dieser SHOES soll so frisch wie möglich ten und innovativsten Bands der
Nicolas Jaar Transferleistung beschäftigt und klingen und ohne Altlasten aus­ letzten zehn Jahre.
Telas Musik als zweite Sprache verstan­ kommen. Es sprudelt zwischen   Matthias Scherer
Other People (VÖ: 29.5.)
den und jetzt die Seiten gewech­ munter umherpurzelnden Klang­
selt. SECOND LANGUAGE, das auf collagen („Is This A Dream?“) und
Der amerikanische Produzent dem britischen Label Whities Soulpop („Tony Wilson Said“)
mit seinem dritten Album im lau- erscheint, welches sich seit Jahren regelrecht trotzig vor Lebensfreu­
fenden Jahr: zwischen Minimal als Sprachrohr für abseitige Bass- de über. Dazu gibt es Nachdenk­
Music und Avantgarde. und Techno-Experimente versteht, liches wie das vom Trennungs­
Wenn’s so weitergeht, werden wir nutzt dabei Werkzeuge wie Break­ schmerz durchdrungene „I Wish
für Nicolas Jaar eine eigene Rubrik beat, Electronica-Mutationen und You Happiness“ oder das sich am
einrichten müssen. TELAS (auf Ambient, um das Thema Verstän­
Deutsch: „Stoffe“) ist schon das digung zu behandeln. Dabei ent­ Ein Album, das
Deerhoof
dritte Album des Produzenten in gut
drei Monaten – nach 2017–2019 sei­
stand ein herausragendes Album,
das an die Qualität der ersten EPs
regelrecht vor Future Teenage Cave
nes Alter Egos Against All Logic und von Minor Science anknüpft. Im Lebensfreude Artists
CENIZAS unter seinem Geburts­ Track „For Want Of Gelt“ zum Bei­ übersprudelt. Joyful Noise/Cargo (VÖ: 29.5.)
namen. Im Gegensatz zu CENIZAS, spiel arbeitet sich ein zitternder
auf dem die einzelnen Tracks von Bass-Beat ab, während im Hinter­ Chicago-Klassiker „If You Leave Die Kalifornier mit seltsamem
der Spannung und der Dynamik der grund alles zusammenbricht, aber Me Now“ orientierende „I Need Wackelblues, eierndem Indie-
aufeinandertreffenden Gegensätze immer wieder von einer nach vorne Someone To Trust“. Über die gesam­ Rock und Ratterpopnoise.
leben (etwa Noise vs. Saxofon vs. drängenden Melodie unterbrochen te Spielzeit geht dem Comeback „Improvise your own communions,
Minimal-Elektronik), breitet Nicolas wird. Wie britische Bassmusik hier etwas das Feuer verloren, doch für sing one by one“, singt Satomi
Jaar hier in vier – circa um die 15 als Dolmetscher für eine Reihe von einen nostalgischen Umtrunk reicht Matsuzaki im Title Track und fügt
Minuten langen – Tracks die höchst Genres arbeitet – von Techno bis das Wiederhören allemal. später hinzu: „Try my sci-fi“. Es ist
diversen musikalischen Bestandtei­ Ambient – klingt nie wie Stück­   Sven Kabelitz ein Wackelblues aus der Garage,
le hintereinander aus. Zum Beispiel werk. Um das Konzept auf den ein Lo-Fi-Song, der an jedem Tag
„Telas 1“, hier folgt auf eine Art von Punkt zu bringen, benutzt Finlay­ nach den 1980ern hätte entstan­
perkussiver, freier Improvisation son ein Zitat des irischen Schrift­ den sein können. Die Kamera im
eine unruhig-brodelnde Ambient- stellers Samuel Beckett, das er für Video fährt durch eine Höhle,
Passage, die in tribalistisches Trom­ das Cover auf eine Steinplatte gra­ immer und immer wieder. Deerhoof
meln übergeht und in ein Solo auf vieren ließ. Es ist die deutsche haben sich zu den Höhlenkindern,
einem akustischen Saiteninstru­ Übersetzung aus dem Französi­ die außerhalb der Systeme leben
ment, vielleicht eine Gitarre, gefolgt schen, Becketts Zweitsprache. und unversicherte Daseinsformen
von elektroakustischem Minimalis­   Christopher Hunold proben, bereits geäußert, jetzt
mus usw. usf. Die anderen Tracks spielen sie den potenziellen Hel­
erinnern an Minimal-House, Mini­ Jade Hairpins den der Zukunft eine Hymne zu.
mal Music und Ambient, der bis zur Harmony Avenue Dafür musste nicht erst das Coro­
New-Age-Grenze vorgeht. In ihrer Merge/Cargo (VÖ: 29.5.)
na-Virus in die Welt treten. FUTURE
Abfolge verraten die Alben TEENAGE CAVE ARTISTS zählt zu
CENIZAS und TELAS, dass Nicolas Eine weitere gelungene Platte einer auch schon wieder etablier­
Jaar – zumindest zurzeit – an nichts aus dem Kosmos der Prog-Punk- ten Klasse von Alben, auf denen
anderem als an musikalischen Institution Fucked Up. Musiker ein gewaltiges Unbehagen
Experimenten interessiert ist. Ohne große Fanfare erschien beim an den Zuständen in der Welt in
  Albert Koch Indie-Label Merge im Herbst 2018 Klang setzen. Haben Matsuzaki,
Badly Drawn Boy eine 12-Inch eines mysteriösen Rodriguez, Dieterich und Saunier in
Banana Skin Shoes Projekts namens Jade Hairpins. Zu ihrer Eigenschaft als schlaue
O n e L a s t F r u i t / Ro u g h Tra d e
hören: ein zutiefst befriedigendes Gegen-den-Strich-Bürster das
(VÖ: 22.5.)
Stück namens „Motherman“, das nicht immer schon getan, im gran­
zwischen New Wave, Postpunk und diosen Geholper und mit den Stop-
Nach sieben dunklen Jahren Krautrock hin und her waberte. Wie and-go-Punkpoptracks der Ver­
kehrt der Mützenmann und Ex- sich dann herausstellte, stecken gangenheit? Sie modifizieren
Kritikerliebling mit sympathi- hinter Jade Hairpin zwei Mitglieder gerade den mit ihnen verbundenen
schem Indie-Pop zurück. der großartigen kanadischen Prog- Stil, weg von kontrolliertem Trash
Manchmal reicht es schon, sich rar Punk-Band Fucked Up. Mike und Chaos, hin zu fließenden,
Minor Science zu machen. Dann kann es plötzlich Haliechuk (g, voc) und Jonah Falco archaischen Vortragsformen mit
Second Language so schön sein, eine einst so ver­ (dr) haben das Rezept dieses aufgerauten Oberflächen. Es gibt
Whities
traute Stimme zu hören. Da ist es Songs auf dem ersten Hairpins- melancholische Hallraumpop­
dann fast schon egal, worüber die Album weiter perfektioniert. Ana­ songs hier, ein knisterndes Stück
Breakbeat und Techno als Über- Person da faselt. Netterweise loge Synthie-Lines blubbern und Progrock, eiernden Indie-Rock und
setzungshelfer in einem der bes­ bringt Damon Gough aka Badly brodeln, die Gitarren sägen und einen irgendwie netten Ratterpop­
ten Bass-Alben der letzten Zeit. Drawn Boy zehn Jahre nach seinem säbeln, und Falco und Haliechuk noisetrack, der gar keinen Titel
Das Spiel mit Sprache, mit Kommu­ letzten Studioalbum IT’S WHAT I’M teilen sich kompetent die melodi­ trägt. Ein Piano-Solo zum Finale: „I
nikation und Intentionen ist gerade THINKING (PART 1 PHOTOGRA­ schen, psychedelisch-humoristi­ Call On Thee“. Es wird still in der
in der elektronischen Musik so fas­ PHING SNOWFLAKES) sogar ein schen Gesangsparts, die mal an Garage. Seltsam ergreifend, und
zinierend. Weil es nämlich meist paar interessante Geschichten mit. David Byrne, mal an Noah Lennox neu im Angebot bei Deerhoof.
ohne ein gesprochenes oder Eine schmerzhafte Trennung, Alko­ von Animal Collective erinnern.   Frank Sawatzki

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wiederum Songs. Ganz ähnlich Das Titelstück und „Taschen“ sind Moby findet nur noch statt als
funktionieren übrigens Städte, als großartige Balladen, „Seven Trump-Kritiker (gut!), Tattooträger
Durcheinander, das sich ordnet und Screws“ eine wunderbare Betrach- (geht so) und alter Herr, der von
zur Kommune wird. Kein Wunder tung von Gender-Identität, die Beziehungen mit jungen Frauen
also, dass die Neubauten schon Stimme löst die sieben Schrauben, fantasiert (panne!). Dass er auch
immer Stadtmusik gespielt haben. ordnet die Fragmente neu, zieht aus Alben veröffentlicht, gerät zuneh-
Und auch kein Wunder, dass die dem „Ozean der Möglichkeiten“ ein mend in Vergessenheit. Auch bei
Stadt Berlin diese Platte prägt. Bli- neues Ich: „Non-binary. I: forever ALL VISIBLE OBJECTS liegt der
Einstürzende xa Bargeld wandert wie ein new.“ Wer die Neubauten der 90er Fokus zuerst auf dem Setting. 100
Neubauten gespenstischer Flaneur durch die- mag, erfreut sich am Industrial- Prozent der Einnahmen spendet
Alles in Allem sen Topos, sein Gang durch Raum Twist „Ten Grand Goldie“, in ihre Richard Melville Hall an Tier- und
und Zeit führt ihn zum Haus am Frühphase kehrt die Gruppe mit der Menschenrechtsorganisationen.
Potomak/Indigo (VÖ: 15.5.)
Avantgarde-Collage „Zivilisatori- Erwartungsgemäß durchziehen die
Balladen der Avantgarde: Nach-
denkliche Neubauten finden
Im 40. Band- sches Missgeschick“ zurück, wohl-
wissend: „Wir leben hier nicht mehr
Themen Umweltschutz, Tierrechte
und Nachhaltigkeit die Tracks. Die
neue Perspektiven. Jahr gibt es / Schon lange, schon lange nicht.“ Musik? Ja, ist auch da. Irgendwie.
Die Neubauten gelten als Zerstörer, zur Feier des  André Boße Nach dem Ambient-Ausflug LONG
dabei lieben sie die Struktur: 2020
ist das 40. Jahr der Bandgeschich-
eigenen Über- ME-Gespräch S. 52 AMBIENTS 2 geht es auf seinem 17.
Album zurück zur EDM. Nur wenige
te, zur Feier des eigenen Überle- lebens eine melancholische Tracks unterbre-
bens gibt es eine neue Platte – die neue Platte. chen dies. Dabei bleibt Moby weit-
seit 2007, das Erste-Weltkriegs- gehend schrecklich schablonen-
Werk LAMENT begreift die Band als Grazer Damm, wo er seine Kindheit haft und vorhersehbar. ALL VISIBLE
Auftragsarbeit. 100 Arbeitstage verbrachte, zum Landwehrkanal, in OBJECTS fehlen Subtilität und
innerhalb eines Jahres – das war den Militaristen vor 101 Jahren die Dynamik. Wenn Apollo Jane in dem
der Plan für diese Produktion. Leiche von Rosa Luxemburg war- in Kaffeehaus-Jazz getunkten „Too
Durchkreuzt wurde der Prozess fen. „Grazer Damm“ ist ein schwe- Much Change“ in Dauerschleife den
immer wieder von „Dave“, eine Art reloser Walzer, „Am Landwehrka- Songtitel wiederholt, mag man ihr
Navi für Irrwege, das die Gruppe nal“ ein rotziges Folkstück, halb Rio Moby zustecken: „Keine Angst. Hier ganz
selbst hergestellt hat, um Routinen Reiser, halb Brecht/Weill. Bargeld All Visible Objects bestimmt nicht.“ Die 18 Euro für das
zu verhindern. „Dave“ ist ein Set aus singt: „Wir hatten 1000 Ideen, und Embassy Of Music (VÖ: 15.5.)
Album sollte man lieber gleich an
Karten, die Musiker ziehen eine, alle waren gut.“ Die Grundstim- eine der von Moby unterstützen
befolgen die Anweisungen, ohne mung von ALLES IN ALLEM ist kon- Ein EDM-Album für das Gute! Organisationen stiften. Da haben
sie zu verraten. Aus dem Chaos ent- templativ. Interessant, wie sich Bli- Wenn nur die Musik nicht so stö- dann alle was davon.
stehen Improvisationen und daraus xa Bargeld und Nick Cave annähern. ren würde.  Sven Kabelitz

Das letzte
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­

THE SINGLES
ausgewählt und besprochen von Albert Koch

nen sonischen und melo- zusammen. Der wohl unge-


dischen Bestandteile des wöhnlichste Jamie-xx-Track
Songs herauszuarbeiten. Seine bisher. Jetzt, wo sie um die
Musik braucht keine Worte, Urheberschaft wissen, sagen
dennoch ist die Version auch die Schlaumeier: „Hätte man ja
für Nichtvertraute von fort- auch vorher drauf kommen
schrittlicher elektronischer können.“
Musik zu jedem Zeitpunkt 
erkennbar. Aber Alva Noto
erreicht noch viel mehr. Er
nimmt dem Song, der im Origi-
nal nach dem Intro von einer
beatgetriebenen Hektik lebt,
den Beat, was ihm noch mehr
von dieser süßen Melancholie
verleiht, die dem Original zuge-
sprochen wird. Und das alles Das eher abstraktere „Bias“
mit dem ausdrücklichen Segen (Ninja Tune/Rough Trade) von
von Robert Smith. Floating Points letztjährigem
 Album CRUSH gibt es jetzt in
zwei neuen Versionen. Das
Wahrscheinlich hat Dean Blunt Man kann das auch als Kritik Stück, das am Anfang ein paar
die Singles-Rubrik vom letzten an den mehrheitlich konserva- unbegleitete, beat­lose Buchla-
Monat gelesen und erfahren, tiven Popkonsumenten werten, Sounds in den Raum stellt und
dass ein Künstler hier unge- die seit 50 Jahren immer das- sich zu einem manischen
teilte Aufmerksamkeit erhält, selbe hören wollen. Hier habt Breakbeat-Gezappel entwi-
wenn er eine Single veröffentli- ihr es: immer dasselbe. ckelt, ist hier in der „Extended
cht, die zeitlich den Rahmen  Version“ zu bewundern. Des
sprengt, so wie bei Arca, für Im Herbst vergangenen Jahres Künstlers eigener „Mayfield
deren über 62-minütige Single eroberte ein mysteriöser Track Depot Mix“ zeigt, wie sich der
„@@@@@“ wir den gesamten die – damals noch vor Publi- Track Ende des Jahres 2019
Kasten leergeräumt haben. kum stattgefunden habenden durch die zahlreichen Live-
Dann hat sich Blunt gedacht, – Sets von DJs wie Jamie xx, Shows entwickelt hat und stel-
bringe ich doch auch eine Sin- Four Tet oder Daphni. Der lenweise nichts mehr mit der
gle mit einer Stunde Spielzeit Track „Idontknow“ von Originalversion zu tun hat. Hier
heraus, und stehe ganz allein „Unknown Artist“ wurde ein in einer Aufnahme aus dem
im Mittelpunkt. Aber so läuft Reden wir über „A Forest“ von mittlerer Clubhit und jeder, Warehouse in Manchester.
das nicht bei uns. Obwohl The Cure. Das Schwarzweiß- wirklich jeder, hat sich gefragt, 
„Stalker“ (World Music) von Cover der Single und das des wer denn der Urheber dieses
Dean Blunt durchaus eine Son- begleitenden Albums SEVEN- Tracks sei. Die meisten antwor-
derbehandlung verdient hätte. TEEN SECONDS darf retro- teten: „Idontknow“. Bis jetzt,
Der Single-Track besteht aus spektiv verstanden werden als als Jamie xx den Finger hob
einem circa viersekündigen eine Art Sinnbild einer blei- und sagte, ich bin’s gewesen.
Loop, den Blunt der Folge ernen, unsicheren Zeit Anfang „Idontknow“ (Young Turks/XL/
„Stalker 7“ seiner Video-Kunst- der 1980er-Jahre, die freilich Beggars/Indigo) wurde jetzt
Serie auf YouTube entnommen im Rückblick retroromantisch regulär veröffentlicht auf den
hat. Der Loop wird für eine aufgepimpt wurde. Die lustigen üblichen digitalen Kanälen und Wenn wir den virusverseuchten
Stunde und zwei Sekunden 80er, hahaha. Insofern ist „A im wichtigsten analogen For- Veröffentlichungslisten der
wiederholt. Eine männliche Forest“ nicht nur der perfekte mat. Die Entstehung des Labels Glauben schenken wol-
Singstimme repetiert in einem Soundtrack seiner Zeit, son- Tracks ist einer Schreibblocka- len, so wird am 12. Juni ROOM
eher verzweifelt anmutenden dern auch vielleicht das per- de von Jamie xx geschuldet, FOR THE MOON erscheinen,
Tonfall den Satz „I’ve been wat- fekte Stück von The Cure, der im vergangenen Jahr eine das neue und dritte Album der
ching you“ zu einem je nach einer Band, die nur in dieser Zeitlang das Gefühl hatte, kei- russischen Experimental-/Elek-
Ansichtssache Dope- oder schwarzweißen Zeit hat ent- ne Musik mehr zustande zu tronikmusikerin Kate NV (bür-
HipHop-Beat. Natürlich ist das stehen können. Zum 40-jäh- bringen, was sich offenbar gerlich: Kate Silonosova). Vorab
ein Experiment über den rigen Jubiläum der Veröffentli- geändert hat, als er merkte, freuen wir uns aber erst einmal
Umgang mit dem Faktor Zeit in chung der Single „A Forest“ dass der Track in den Sets über die Single „Sayonara“
der Musik, was einem multidis- hat Carsten Nicolai alias Alva besagter DJs die Menschen (RVNG Intl./Cargo). Die klingt
ziplinären Künstler wie Dean Noto eine Coverversion des zum Tanzen gebracht hat. Wir wie eine sehr gute Mischung
Blunt auch zusteht. Interessant Songs herausgebracht. Sein „A hören eine Art Clubmusik-Sui- aus No-Wave-Mutant-Disco,
dabei ist, dass sich das musi- Forest“ (Noton) ist eine zehn- te mit polyrhythmischem japanischem City-Pop und Kate
kalische Backing nahtlos minütige Goth-Ambient-Sym- Drum-Geklöppel, einem Bush. Ja, Kate NV kann auch
aneinanderfügt, so dass über phonie. Alva Noto nimmt die Breakbeat, zerhackten Vocal- Kate B und Pop sehr gut und mit
die 60 Minuten tatsächlich ein Geschwindigkeit heraus und Samples, Dancehall-haften Pop sehr gut experimentieren.
einheitlicher Groove entsteht. lässt sich viel Zeit, die einzel- Gesang – und dann alles 

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geoutet: Wie er Musik höre, hätte Songwriting, sie ist mal zwirbelig,
sich doch sehr geändert, sein Inte- mal Bongo, aber immer mitreißend
resse an kompletten Alben wäre genug, um diese Musik davor zu ret-
zurückgegangen, im Gegenzug ent- ten, einfach bloß „schön“ zu sein.
decke er immer mehr einzelne Stü-   Steffen Greiner
cke aus allen Himmelsrichtungen;
Stücke, die eine spezielle Energie
für ihn besäßen. Jetzt veröffentlicht
My Ugly Clementine er (dennoch) ein Album, möchte es Tom Misch &
Vitamin C aber als eine Sammlung eben sol- Yussef Dayes
I n k M u s i c / Ro u g h Tra d e
cher Energieleistungen verstanden What Kinda Music
wissen. In MAKING A DOOR LESS
Caroline/Universal
Die Supergroup aus Wien mit OPEN ist auch die Zusammenarbeit
groovigem Indie-Rock und en- von Toledo und Drummer Andrew Harmonie und Störfeuer: Zwei
gagierten Statements. Katz geflossen, die parallel elektro- gegensätzliche Pole der Lon-
Dass es My Ugly Clementine verste- nische Tracks produzierten. Man doner Jazz-Szene finden einen Onipa
hen, eingängige Melodien mit wich- mag kaum einen Fokus in dieser gemeinsamen Sound. We No Be Machine
tigen Botschaften zu paaren, zeigen 10-Track-Sammlung ausmachen: „Schön“ ist der passende Begriff für Strut/Indigo
sie schon zu Beginn ihres Debütal- Car Seat Headrest verrennen sich die Musik, die der Jazzgitarrist Tom
bums: VITAMIN C beginnt mit „Play- Misch seit seinem 2018er-Debüt für Die Feier eines Coming Toge-
ground“ und einer klaren Empower-
ment-Message an die Hörer*innen:
Hier verpuffen mittlerweile ganz schön breite Krei-
se etabliert hat: bisschen Funk,
ther, das viele Rhythmen kennt:
Highlife, Tribal Beats, Shangaan
„Just because I have smaller hands, zu viele bisschen HipHop, bisschen Disco, Elektro, Funk.
doesn’t mean I can’t do what my Energien im alles schön spätsommerlich warm, Es existiert ein etwas älteres
male friends can“. Hinter My Ugly auch wenn manchmal das eigene Geschwisteralbum zu Onipas Debüt:
Clementine stecken musikalische Kampf um Muckertum unwillkommene Schat- Sänger Kweku Of Ghana (K.O.G. &
Granden der österreichischen Sze- Erneuerung. ten wirft. Yussef Dayes ist hingegen The Zongo Brigade) und Gitarrist und
ne: Songwriterin und Mastermind bislang eher innerhalb der Jazz- Songwriter Tom Excell waren beide
der Band ist Sophie Lindinger, die über die Strecke von knapp 43 Szene aufgefallen. Aber was heißt schon auf Nubiyan Twists JUNGLE
man vom Indie-Pop-Duo Leyya Minuten in einem Vielzuviel von schon „Jazz-Szene“? In London ist RUN (2019) vertreten. Und das, was
kennt. Komplettiert wird das Quar- Ansätzen. Das reicht von der knapp Jazz schließlich ein paar Ecken hei- die beiden auf diesem Freund-
tett durch Mira Lu Kovacs (5K HD, sechsminütigen Eröffnung „Weight- ßer als die letzten Ausläufer von schaftsalbum jetzt fortführen, nimmt
Schmieds Puls), Kathrin Kolleritsch lifters“ mit ihren Industrial-Anklän- Rave, die sie in Berlin gerade noch den Flow der Twists-Melange in
(KEROSIN95) und Nastasja Ronck gen über eine eher old-schoolige so am Leben halten. Der Perkussi- absoluter Feierlaune mit. Wir hören
(Lucid Kid). Kernelemente ihres Version von Rock’n’Roll, wie man sie onist gilt dort als einer der span- Daumenklaviere, analoge Bässe,
Indie-Rock-Sounds sind groovige in den 80ern noch pflegte („Holly- nendsten und talentiertesten Musi- Jazzfusion- oder Shangaan-Syn-
Bassläufe und griffige Hooks: Mal wood“), über schwermütige Sound- ker. Ein dynamisches Match also, thies – die Klänge der Instrumente
fühlt man sich an Courtney Barnett, scapes („Hymn“) und eine Mitpfeif- das für dieses Album zusammen- schweben durch den Raum, verbin-
mal an Pavement, mal an das Wiener Beatnummer namens „Martin“ bis kommt! Virtuosität und Gelassen- den sich, nehmen Abschied oder
Indie-Rock-Trio Dives erinnert. Auf hin zum quirligen Finale „Famous“, heit, abgehangenes Muckertum kehren im Hall zurück. Wir wissen gar
VITAMIN C werden Themen wie das auf House-Beats davoneilt. und Experimentierfreude, Epigo- nicht genau, wo wir bei Onipa sind –
gescheiterte Beziehungen, Toleranz MAKING A DOOR LESS OPEN kann nentum und Blick nach vorn, diese Orte, die vielleicht die Herkunft von
und Gleichberechtigung verhandelt. mit anderen Car-Seat-Headrest- Gegensätze scheinen sich hier tat- Sounds bezeugen könnten, verbin-
Highlight der Platte ist das ruhige Platten aber nicht mithalten. Zer- sächlich zu ergänzen. Zwischen den sich auf WE NO BE MACHINE zu
„Try Me“, dessen einfühlsamer Folk- streuung darf Kreativität freisetzen, diesen Polen spannen sich zwölf größeren Agglomerationen, aus
Rock etwas von Angel Olsen hat. Mit hier verpuffen zu viele Energien im Tracks auf, die immer wieder schim- denen Leadsänger K.O.G., Wiyaala
VITAMIN C ist My Ugly Clementine Kampf um Erneuerung. mern. Die Rhythmik Dayes ist dabei „The Lioness Of Africa“ (Ghana),
ein abwechslungsreiches Album   Frank Sawatzki wesentlich infektiöser als Mischs Morena Leraba (Lesotho), Spoek
gelungen, das musikalisch wie text-
lich ambitioniert ist, dabei aber
enorm erfrischend daherkommt.
  Florian Kölsch
­
Christine And The Queens – La
Vita Nuova (2020)
Rich Brian – „Glow Like Dat“
(2017)
Mavi Phoenix
hört gerade:

Roddy Ricch – Please Excuse


Me For Being Antisocial (2019)
Car Seat Headrest Harry Styles – „Adore You“
Making A Door Less (2019)
Open
Matador/Beggars/Indigo
Blood Orange Feat. Toro y Moi
Doja Cat – Hot Pink (2019) – „Dark & Handsome“ (2019)
FOTO: NILS MÜLLER

Will Toledo sucht Kreativität und


Energie und endet in einem Viel- 50 Cent Feat. Nate Dogg – „21 Gwen Stefani – „Luxurious“
zuviel von Ansätzen: zwischen Questions“ (2002) (2004)
Pop, Rock, Elektro, Industrial
und Soundscapes. Texas – „Inner Smile“ (2001) Frank Ocean – „DHL“ (2019)
Will Toledo hat sich jüngst als Kind
der Generation „Track-Listener“

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BOOM TSCHAK
Die Elek tronik-Kolumne von Albert Koch
Mathambo (Johannesburg), Rapper
Syntax (London) ihre Geschichten
erzählen. 19 Tracks hat das Album
und fast alle gewinnen ihre Energie
durch Groove, die Band nimmt High-
life- und Tribal Beats mit auf die
Expedition in diese Noname-Neu-
länder, die gar keine Grenzen mehr
haben müssen. Wie hieß das bei
Nubiyan Twist: „Where you from? I’m
from wherever I be“.
  Frank Sawatzki

KLANGFORSCHUNG
Phillip Sollmann alias Efdemin bringt sein experimen-
telles Projekt MONOPHONIE von der Volksbühne
Berlin auf Schallplatte.
Kaitlyn Aurelia Smith
The Mosaic Of
Transformation
Ghostly Intl./Cargo (VÖ: 29.5.) Immer wenn Phillip Sollmann Musik unter seinem bürger-
Auch auf ihrem achten Album er- lichen Namen veröffentlicht und nicht unter dem bekannte-
forscht die Klangkünstlerin aus
Kalifornien die Möglichkeiten
ren Pseudonym Efdemin, weiß man, es wird ernst. Ernst im
der analogen Synthesizer. Sinne von Klang- und Experimentierkunst, die weit über
Der Höhepunkt kommt zum Schluss. Sollmanns Alias hinausweist, das in seinem experimentellen
Das zehnminütige „Expanding Elec-
tricity“ am Albumende ist ein suiten- Anspruch allerdings selbst weit über den Mainstream der
artiger Track, in dem Kaitlyn Aurelia Techno-Minderheiten hinausweist. Siehe: NEW ATLANTIS,
Smith alles, was ihre Musik aus-
das hervorragende Efdemin-Album aus dem vergangenen
macht, in einer Art Collage zusam-
menführt: Streicherpassagen, Ana- Jahr. Wenn es um erweiterte Klangforschung geht, erinnern
log-Synthie-Geblubbere, Geklöppel wir an Sollmanns Debütalbum SOMETHING IS MISSING
vom Vibraphon und himmlische
Chöre. Also eine Art „Beginner’s
von 2006 auf dem Dial-Label, an das Album GEGEN DIE
guide to the music of Kaitlyn Aurelia ZEIT, auf dem er 2017 zusammen mit dem experimentellen
Smith“. Eine gewisse Affinität zur Musiker John Gürtler ein Meisterstück an elektro-akusti-
Esoterik muss der Beginner schon
mitbringen, um die Musik der scher Musik und freier Improvisation abgeliefert hat, an sei-
33-jährigen Kalifornierin zu genie- ne Zusammenarbeit mit dem australischen Avantgarde-/
ßen – wir sparen uns die Erklärung
des Konzepts, das hinter dem Album
Improvisations-Künstler Oren Ambarchi und nicht zuletzt
steht, weil das mehr als nur eine daran, dass Sollmann einst elektroakustische Musik studiert
gewisse Affinität zur Esoterik erfor- und sich mit „ernsten“ experimentellen Musikformen wie
dert. Auch auf ihrem achten Album
dreht sich bei Smith alles um die Musique concrète beschäftigt hat. Wen jetzt auf A-Ton, der
charakteristischen Sounds von Ana- avantgardistischen Untermarke des Berghain-Labels Ostgut
logsynthesizern wie Buchla und
EMS. Sie entlässt üppige, farbenfro-
Ton das Phillip-Sollmann-Album MONOPHONIE (A-Ton/
he Melodien aus den Maschinen, die Kompakt – VÖ: 15.5.) veröffentlicht wird, ist das nur eine
von obskuren Sounds und Effekten Bestätigung für die Eingangsthese. Sollmann hat das Projekt
kontrastiert werden, und immer wie-
der kommen die Streicher aus den MONOPHONIE 2017 in der Volksbühne Berlin uraufgeführt,
Schaltkreisen zurück. Es gibt Übun- auf Nachbauten von historischen Instrumenten, die Künstler
gen in Abstraktion, wie die Miniatur
wie Hermann von Helmholtz, Harry Partch und Harry Ber-
„Understanding Body Messages“
und eine Art House-Dream-Pop toia einst für sich selbst designt haben. Viele Strukturen
(„The Steady Heart“). Die Musik von dieser Musik, die (Poly-)rhythmen, die Erin-
Kaitlyn Aurelia Smith entsteht in
einem von den Zeitläuften abgekop-
nerungen an Minimal Music, der „kosmische“
pelten Paralleluniversum, nichts hier Vibe, die ungewöhnlichen Stimmungen, die
will „modern“ sein, der Enthusias- Klangfarben von Orgeln, Percussioninstru-
mus, mit dem die Künstlerin die
klanglichen Möglichkeiten ihrer menten und Soundskulpturen, findet man
analogen Gerätschaften auslotet, nicht nur im fortschrittlichen Techno, sondern
erinnert an den der Synthesizer-Pio-
niere der 1970er-Jahre.
in allen Arten der experimentellen Musik, egal,
    Albert Koch wo ihre Exponenten ursprünglich herkommen.

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PLATTEN

Laura Marling
Song For Our Daughter
Partisan/Chrysalis

Die britische Songwriterin spielt einen Folk um


eine fiktive Mutterschaft, der so aufrichtig und
so rau ist, dass es jeden Kitschverdacht killt.
Wen der Gesang von Laura Marling kaltlässt, der
sollte sicherheitshalber überprüfen (lassen), ob er ein Zombie ist. Wenn
dieser elegante und mutmaßlich nur durch gelegentliche Menthol-Ziga-
retten (die ja die gefährlichsten sein sollen) angeraute Sopran im tempo
rubato den Beschränkungen des Folk-Takts entweicht, um sich dann eine
Quinte oder Sexte tiefer im Seelenkeller, zwei Etagen unter dem Männer-
kitsch-Country-Saloon, zu suhlen, oder, im Gegenteil, mit dem Wüsten-
staub im Gegenlicht der Sonne zu gleiten – my oh my, es gibt kaum Bes-
seres! Noch intimer als beim Meisterinnenwerk und Vorvorgänger-Album
SHORT MOVIE von 2015 ist Marling wieder angemessen nah mikrofoniert,
sodass man sich fühlt, als würde sie direkt vor einem summen und die
Gitarre zupfen. Selbst Violine und Cello sind so roh abgenommen, dass
kein Kitschverdacht aufkommt. Beim letzten Album SEMPER FEMINA ging
es Marling einerseits um Weiblichkeit; andererseits äußerte sie sich der-
zeit auch, diese Konzepte unterlaufend, über ihre (sic!) Männlichkeit, über
Gender-Fluidität und überhaupt Queerness. Und geht’s hier überhaupt
um Mutterschaft, wie der Titel verheißt? Weniger, als man meinen könn-
te. Dabei kann das ja ein fruchtbares Sujet sein, Lily Allen hatte es bewie-
sen mit dem Song „Three“. Auf Marlings neuem Album heißt es: „Lately
I’ve been thinking ’bout our daughter growing old / all of the bullshit she
might be told.“ Das Buch, das sie ihr sozusagen als Gegengift, als erbau-
lichen Ratschlag an den Nachttisch gelegt habe, sei von einem, bzw. einer
Survivor (Beyoncé und überhaupt Destiny’s Child lassen grüßen) schon
gelesen worden – ihr selbst? Lang stand Laura Marling, gefühlt, im Schat-
ten der großen Folk-Pop-Sängerin der Nullerjahre: Aimee Mann. Oder
auch von Bill Callahan. Man könnte vielleicht sagen, mit diesem tollen
Album: Marling ist eine würdige „Tochter“.   Stefan Hochgesand Laura Marling ist eine würdige
„Tochter“ der großen Folk-Pop-
Sängerin Aimee Mann.

world. What a beautiful world.“ auf, auf. Bleibt als Fazit nur eine völlig nerungen quasi zugeflogen. Folge-
und ein paar Wochen nach Erschei- abgewetzte Phrase: Hier hat sich richtig ist auch das Album eine Art
nen des Clips wird diese nie schla- eine Band neu erfunden. Bildungsroman oder doch wenigs-
fende Metropole von einem unsicht-   Sven Niechziol tens eine Coming-of-Age-Geschich-
baren Feind voll ausgebremst. Nichts te. Es geht um Kindheitserinnerun-
ist mehr wie vorher, könnte man auch gen und Wachstumsschmerzen, um
über The Dream Syndicate sagen. verflossene Lieben und beinahe ver-
Dabei stehen mit Songwriter und gessene Erinnerungen, um Trauma-
The Dream Syndicate Gitarrist Steve Wynn sowie Drummer ta, Verletzungen und natürlich ganz
The Universe Inside Dennis Duck zwei Gründungsmit- oft um alle möglichen Rauschgifte,
Anti/Indigo
glieder in den Reihen, auch Bassist nicht nur im Song „Ketamine“ – aus-
Mark Walton gehört seit Mitte der gerechnet die einzige Droge, die
Alternative-Psychedelic-Rock 80er dazu. Nach dem Aus 1989 folg- Mark Lanegan selbst noch nicht aus-
war einmal, im Paisley Under- te 2012 bekanntlich die Rückkehr, probiert haben soll. Das ist dann wohl
ground ertönt nun der Jazz. aber weil nun Chris Cacavas (Green Mark Lanegan seine Art von Humor. Grundsätzlich
Sind das wirklich The Dream Syndi- On Red) an den Keyboards mit- Straight Songs Of aber geht es – dem Sujet und dem
cate, die das episch lange Eröff- mischte, veränderte sich der Sound Sorrow dunklen Bariton des Künstlers ange-
nungsstück „The Regulator“ spielen? der einstigen Helden des Paisley messen – eher gedeckt auf dem
P I AS / H e ave n l y/ Ro u g h Tra d e
Über 20 Minuten dauert der Track, Underground erheblich. THE UNI- Album zu. Ob Folk-Ballade („Apples
der zu Anfang von einer Vintage- VERSE INSIDE verdeutlicht schon Der große alte Schmerzensmann From A Tree“) oder Electronica
Drum-Machine, elektrischer Sitar durch das knallbunte Cover mit sei- des Alternative Rock wühlt tief in („Internal Hourglass Discussion“),
und Gitarren getrieben wird. In der ner Goa/Trance-Ästhetik ein weite- der eigenen Biografie. Wüsten-Soul („At Zero Below“ mit
Mitte sorgt dann ein Saxofon für res Abrücken vom Alternative Rock. Man kann Mark Lanegans eben Greg Dulli und der Geige von Nick-
FOTO: JUSTIN TYLER CLOSE

einen Bruch, und der Opener gleitet Eine Steigerung zu „The Regulator“ erschienene Autobiografie „Sing Cave-Intimus Warren Ellis) oder
in den improvisierten Jazz über. Dazu gibt es nicht, aber die restlichen vier, Backwards And Weep“ lesen. Viel- Nancy-and-Lee-Duett (das wun-
wurde ein sehr schönes Video bis zu zehn Minuten langen Stücke leicht sollte man sogar. Man muss dervolle „This Game Of Love“ mit
gedreht, das einen psychedelischen überraschen immer wieder mit Jazz- aber nicht. Man kann auch STRAIGHT seiner Gattin Shelley Brien): Der
Streifzug durch ein pulsierendes Improvisationen („Dusting Of The SONGS OF SORROW hören, das – Staub der Vergangenheit liegt
New York zeigt, lebensfrohe Men- Rust“) und Kraut­ rock-Einflüssen wenn man so will – Album zum Buch. schwer auf diesen Liedern. Lanegan
schen, überfüllte U-Bahnen, Jazz- („Apropos Of Nothing“). Dazwischen Die Songs, so sagt es der grimmige wühlte schon immer in seinem Inne-
Clubs und den Times Square. Zwi- versteckt sich der bezaubernde Psy- alte Mann des US-amerikanischen ren, bis es weh tat. So schmerzhaft
schendurch taucht kurz ein Graffiti chedelic-Trip „The Longing“, aber Alternative Rock, seien ihm während aber war es noch nie.
mit dem Schriftzug „What a terrible auch dort taucht das Saxofon wieder des Schreibens seiner Lebenserin-   Thomas Winkler

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UNSERE LIEBSTEN
PLATTENLÄDEN
Perfume Genius Fiona Apple BENSHEIM MÜNCHEN
Set My Heart On Fire Fetch The Bolt Cutters MUSIKGARAGE BENSHEIM ECHT OPTIMAL GMBH
Immediately Epic/Sony Music
Rock, Pop, Indie,
Heavy, Jazz, Klassik
Avantgarde, Industrial,
Punk, New Wave, Reggae,
Matador/Beggars/Indigo 64625 Bensheim Independent, Hip Hop
Percussion statt Piano: Fiona
(VÖ: 15.5.) Bahnhofstr. 24 80469 München
Apples Songwriter-Outsider- Kolosseumstr. 6
Sinnliche Körperarbeit zwischen Pop wird rhythmischer. BERLIN
Ballade, Elektro und 80s-Pop. Man muss sehr lange auf neue
OLDSCHOOL BERLIN LANDSBERG
Ocean Vuong, Autor des fabelhaf- Alben von Fiona Apple warten, die- Jazz, Pop, Klassik (CD, DVD, DISCY
ten Romans „Auf Erden sind wir ses Mal waren es acht Jahre, so vie- Vinyl – neu & gebraucht) Musik, Buch, Film
kurz grandios“ und Shooting-Star le wie noch nie. Apple, die keinen 10629 Berlin
86899 Landsberg
der Literaturszene, beschreibt in Führerschein besitzt, hat das Zeit- Walter-Benjamin-Platz 2
Herzog-Ernst-Str. 179B
einem kurzen Essay zu diesem gefühl einer Spaziergängerin. Aber
Album die Musik von Mike Hadreas wenn sie wieder da ist, dann BOCHUM
MANNHEIM
als ein „weather of feeling and thin- erkennt man sehr schnell, wozu das DISCOVER RECORDS
Indie, Alternative, Electro, COME BACK RECORDS
king“. Das klingt beim ersten Lesen Warten gut war. „I Want You To Love
Hip Hop und Beats Pop, Rock, Alternative, Metal
ein bisschen gewollt feuilletonis- Me“ heißt das erste Stück der neu- 68161 Mannheim
44787 Bochum
tisch, doch dann läuft SET MY en Platte, ein Klavierstück, nichts Untere Marktstr. 1 S1, 17
HEART ON FIRE IMMEDIATELY, und Besonderes eigentlich. Apple singt
die Metapher geht einem nicht die erste Strophe, den ersten Ref-
mehr aus dem Kopf. Eine Großwet- rain – alles gut. Doch im zweiten
DÜSSELDORF
terlage ist ja eine sehr komplexe Durchgang erhöht sie die Intensität, A & O MEDIEN
Rock/Pop, Electronic/
Anordnung, da gibt es Hochs und das Lied schwappt von der zweiten Club, Reggae, World-Music,
Tiefs (die sogar Namen tragen), mal Strophe in den zweiten Refrain, aus
einer Sehnsucht wird eine Forde-
Jazz, Klassik
40212 Düsseldorf PLATTENLADEN
Perfume rung – ein kurzer C-Teil mit Pauken, Schadow Arkaden, 1. Etage

Genius über- dann spielt das Klavier verrückt und


die Sängerin gleich mit. Welcome
DES MONATS
setzt die back, Fiona Apple! Diese Rückkehr
Sprache der geschieht früher, als das Label sich
das vorgestellt hat: Die Corona-
Meteorologen bedingte Verschiebung in den
ins Sinnliche, Herbst war schon ausgemacht, da
Sexuelle. legte die Künstlerin selbst den Ter-
min mitten in die Krise. „Hol den
sinkt der Druck, mal steigt er, Strö- Bolzenschneider!“ lautet der
me schaufeln die Luft aus den ent- Albumtitel auf Deutsch, Apple hat
ferntesten Ecken ins Land, es flie- ihn aus einer englischen Serie
gen die Pollen und blühen die geklaut: Eine Ermittlerin (Gillian
Gräser, mal stürmt es, mal regt sich Anderson) gibt diese Aufforderung,
gar nichts. Und am Himmel türmen nachdem sie einen verschlossenen
sich die Wolkenberge. Für sein Pro- Raum entdeckt hat, hinter dem sie
jekt Perfume Genius übersetzt ein sexuell missbrauchtes Mäd-
Mike Hadreas diese Sprache der chen vermutet. Fiona Apple wurde
Meteorologen ins Sinnliche, Kör- mit zwölf Opfer einer Vergewalti-
perliche, Sexuelle. Es entstehen gung, doch singt sie keine Lieder
Songs, die wie Wetterphänomene darüber, sie hat früh gesagt, diesem
funktionieren: „Jason“ erinnert in unstillbaren Schmerz wohne keine
seiner Frische an Hadreas’ frühen Poesie inne. Jedoch textet sie hier
Meistersong „Mr. Peterson“, an die über das, was anderen Mädchen
Entdeckung der Queerness, hier und Frauen passiert. Die Stimme ist
verpackt als ein Barock-Popsong rau, die Percussion poltert, der
aus den 60er-Jahren. Bei „Without Schrottplatzblues klingt fast wie
You“ weht vom Meer her ein warmer Tom Waits. Auf vielen dieser Lieder
Wind, der zwingende Elektro-Pop ist der Rhythmus zentral: Apple
„Your Body Changes Every thing“ lässt ihn pulsieren und rumpeln, ein
führt in die schwüle Stadt, wo man normales Schlagzeug gibt es nur
sich spät in der Nacht „On The selten, ein Song heißt „The Drum-
Floor“ wiederfindet, Mike Hadreas set Is Gone“. Andere Stücke rücken ECHT OPTIMAL GMBH
dachte hier beim Songwriting und in Richtung HipHop. Es passiert so AVANTGARDE, INDUSTRIAL,
Arrangieren an Cindy Lauper. Dass viel, dass man gar nicht merkt, was
PUNK, NEW WAVE, REGGAE,
Perfume Genius auch im 80s-Bub- hier fehlt: das Piano. Der erste Song
blegum-Sound besteht, zeigt: Die- wird noch von ihm dominiert, dann INDEPENDENT, HIP HOP
ses Projekt ist absolut wetterfest. verschwindet es in die hinterste 80469 München
 André Boße Ecke. Man vermisst es nicht. Kolosseumstr. 6
Themeninterview S. 12  André Boße

… empfohlen von

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kasts „Spread“ (mit Meshell Ndege- einigen der wichtigsten Labels des Als das kalifornische Ehepaar Aaron
ocello, die für den Sprechgesang Genres EPs und 12-Inches veröf- Coyes und Indra Dunis im Jahr 2011
zuständig ist) landet sie bei den fentlichte und an einer eher düste- mit seinem Debütalbum 936 erste
Strokes: Aus dem Gitarrenslacker- ren Musik arbeitete, die mal an die größere Aufmerksamkeit erregte,
Stück „Under Control“ von ROOM dunklen Dungeon-Sounds des war man geneigt zu glauben, dass
ON FIRE macht Joan Wasser eine Dubstep und mal an die minimalis- auch der große Rest des noch jungen
R’n’B-Pianoballade, wie sie Feist tischen Drum’n’Bass-Experimente Jahrzehnts nach leiernden Synthesi-
nicht besser spielen könnte. Indie- von Kollegen wie Peverelist erinner- zern, psychedelischen Schlieren und
Joan As Police Woman Kenner freuen sich über „Not The te. Auf SHADOWS IN BLUE lädt er 80er-Jahre-Momenten, die es in den
Cover Two Way“ von Cass McCombs, die Inter- allerdings etwas seltener zum Tanz 80er-Jahren gar nicht gegeben hat,
S we et Po l i c e / P I AS / Ro u g h Tra d e
pretin zieht das Stück tiefer in den ein. Field Recordings, Ambient-Ein- klingen würde. Wir wissen jetzt, dass
verwunschenen Wald. Bei ein paar flüsse, hier und da klingt es nach es nicht so gekommen ist, und bei
Joan Wasser transferiert auf Stücken wirken die neu zugefügten verschwitztem Dschungel, in dem Peaking Lights sowieso nicht. Sie
ihrem zweiten Cover-Album Elemente störend, „Life’s What You ein paar Percussions arbeiten, und haben ihre Musik, die wir der Einfach-
Song-Klassiker in ihren Art-Pop- Make It“ von Talk Talk zum Beispiel alles mag entfernt an die Bass-Ver- heit halber als Chillwave bezeichnen
Kosmos. gewinnt wenig, wirkt durch den gangenheit erinnern, trotzdem ist wollen, mit einem Einfluss aufgela-
Gut zehn Jahre nach COVER, einem Zusatzsänger Justin Hicks über- mit federleichten Tracks wie „Lana- den, der ihr ein hohes Maß an Origi-
künstlerisch wie kommerziell erfolg- dreht. Genial hingegen ist die Versi- cut“ oder „The World Is New Again“
reichen Album nachgespielter
Songs, wagt sich Joan Wasser nun
on von Blurs „Out Of Time“: Seit
jeher denkt man sich, dass dieses
der Weg zum New Age näher, als
man glaubt. Was auch Martins im
Dass Peaking
an COVER TWO. Damals, 2009, Stück ein Klassiker ist, Joan Wasser Vorfeld getätigte Aussagen unter- Lights ihre
stand ihre Solokarriere noch am führt ihn in ihrer reduzierten Version stützen, in denen er von seiner neu Musik beim
Anfang, die COVER-Sammlung endgültig in die Hall Of Fame. entdeckten Liebe für Pflanzen und
funktionierte wie ein Analyse-Tool  André Boße seinen Garten schwärmt. So hängt Techno-Label
ihrer Kunst: „Hört, wer mich alles selbst über Club-Tracks wie „Cutie“ Dekmantel
beeinflusst hat!“ Sie spielte Songs
von Jimi Hendrix und David Bowie,
und dem Titeltrack „Shadows In
Blue“ immer ein psychedelischer
veröffentli-
Public Enemy und Britney Spears, mit Vogelgezwitscher angereicher- chen, trägt
Nina Simone und Sonic Youth. 2020 ter Schleier. Und es funktioniert, der nicht zur
hat sie auf dem Weg etwas an Dyna- grüne Daumen des Briten ist ein auf-
mik verloren. Den Ansatz, die Idee regendes Update seines Sounds.
Abnahme der
von Pop möglichst offenzuhalten,  Christopher Hunold Verwirrung bei.
haben andere Künstlerinnen mit
mehr Begeisterung erledigt. Joan As nalität verleiht: Dub. Der Höhepunkt
Police Woman sich hat dagegen eine Hodge war 2012 LUCIFER IN DUB, die Dub-
eigene Komfortzone erbaut. Da will Shadows In Blue Version eines Dub-Albums (LUCI-
sie jetzt wieder herauskommen. H o u n d s to ot h / Ro u g h Tra d e
FER). Von Anfang an haben Peaking
COVER TWO soll dabei helfen. Und Lights selbst innerhalb der diversen
die Platte beginnt ambitioniert: Psychedelischer Bass und House Outsider-Musiken noch eine Outsi-
„Kiss“ wird nun wirklich nicht zu sel- mit grünem Daumen. Das späte der-Stellung wahrgenommen. Dass
ten gespielt, für Joan Wasser ist Debütalbum von Jacob Martin die beiden Neu-Amsterdamer ihre
Prince das große Vorbild in Sachen alias Hodge. Musik jetzt beim holländischen
Eigenständigkeit, entsprechend viel Auf dem Papier ist es erst einmal Peaking Lights Techno-/House-Label Dekmantel
Mühe hat sie sich gegeben. Und es korrekt, hier vom Debütalbum des ESCAPE veröffentlichen, trägt nicht unbe-
funktioniert: mehr als fünf Minuten Produzenten aus Britanniens Bass- Dekmantel
dingt zur Abnahme der Verwirrung
lang entwickelt sich ihr „Kiss“ zur Hauptstadt Bristol zu sprechen. Auf bei. Der Psychedelic-Elektro-Kraut-
intensiven Neo-Blues-Ballade – eine demselben Papier müsste dann Das Psychedelic-Elektro-Kraut- Pop von Peaking Lights auf dem ach-
Art Prince-Noir. Über eine geheim- aber auch stehen, dass Jacob Pop-Duo bleibt auch auf seinem ten Album E S C A P E wird weiterhin
nisvoll-pulsierende Version von Out- Martin seit fast einem Jahrzehnt auf achten Album verwirrend. mal mehr, mal weniger dezent von

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NUMMER EINS
Die Pop-Kolumne von Jochen Overbeck
Effekten aus der Echokammer ver-
ziert. Es gibt pure 80er-Noir-Ästhetik
(„The Damned“), Netflix-Retro-Seri-
en-Momente („The Caves“) und soli-
täre Ausflüge in Richtung Gegen-
wart. Aber selbst ein Track, den man
als House bezeichnen könnte
(„Peace“) wird von Indra Dunis’
Gesang und durch die (indie-)poppi-
gen Synthesizermelodien von der
Verkündung der reinen Lehre abge-
halten. Peaking Lights bleiben schön
verwirrend.
 Albert Koch

BOB DER BAUMEISTER


Billboard Rock Digital Sales-Charts vom 22.3.2020,
Bob Dylan – „Murder Most Foul“

Childish Gambino Bob Dylan hatte oft ein Faible fü r die Überlänge. „Desolation
3.15.20
Row“ von HIGHWAY 61 REVISITED, das der Schreiber die-
RCA/Sony Music
ser Zeilen in der zehnten Klasse im Englisch-Unterricht
Der Alleskönner Donald Glover
verheddert sich mit seiner Lo-Fi-,
übersetzen musste, sprengte 1965 mit 11:22 Minuten erstmals
Rap- und Soul-Wundertüte in die Zehn-Minuten-Grenze. „Joey“ vom Großwerk DESIRE
den eigenen Ansprüchen. brachte es 1976 mit seinen zwölf Versen zum New Yorker
Dass bitte jeder Mensch auf die-
sem Planeten die herausragende Mafioso Joe Gallo auf großzügige 11:05 Minuten. „Brownsville
Serie „Atlanta“ gesehen haben Girl“ von KNOCKED OUT LOADED, zehn Jahre später
sollte, gehört in jede Besprechung
von allem, was mit Donald Glover
erschienen, ist lediglich vier Sekunden kürzer. „Highlands“
zu tun hat. Niemand hat zudem auf TIME OUT OF MIND überschritt 1997 mit 16:31 Minuten
Amerika in Zeiten von Donald die Viertelstundengrenze, ist aber von Daniel Lanois so
Trump so gut und so catchy auf den
Punkt gebracht wie Glover vor zwei schön wüstensandig produziert, dass jede Sekunde Freude
Jahren mit dem Gamechanger bereitet. Man könnte noch eine Weile so weitermachen, aber
„This Is America“. Aber auch einem
die Beweisfü hrung dürfte erbracht sein: Dylan mag lange
so fleißigen Alleskönner und Multi-
talent gelingt musikalisch nicht Lieder. Deshalb überrascht es nicht, dass „Murder Most Foul“,
immer alles. War der Vorgänger das er jetzt mitten in den Lockdown veröffentlicht hat, noch
AWAKEN, MY LOVE! ein kleines
Funk-Meisterwerk will das mut-
länger ist. Aber Dylan baut seine Geschichte um die
maßlich letzte Album Glovers als Er mordung Kennedys und allem, was in diesem Zeitkorridor
Childish Gambino Outkast, Stevie passierte, wunderbar auf. Geige und Klavier spielen eine
Wonder, Prince und Kanye West
zugleich sein. Die teils starke Lo- meditative, fast ambiente Musik, in die nach einer Weile
Fi-Produktion der dünnen, elektro- Schlagzeugbeats und Beckenschläge reingehauen werden
nischen Beats ist dabei nicht
un bedingt das Problem. Der
wie Pflöcke in einen neuen Viehweidenzaun. Das ist eine
Demo-Charakter der Tracks, in große Freude, aber natürlich nicht nah genug am Zeitgeist,
Kombination mit dem Titel der um, wie anfangs von einigen Medien berichtet, die
Platte und denen der Tracks, die
bis auf zwei Ausnahmen nur anzei- Spitzenposition der regulären US-Charts zu errei-
gen, an welcher Stelle wir uns chen. Dass der Song mehr Digitalabverkäufe hat als
befinden, wirkt selten aufgesetzt,
kollidiert aber mit den zu großen
alles übliche Hitparadenmaterial von The Weeknd,
Ideen der Songs selbst. Viel zu lang Drake und Konsorten, ist dennoch bemerkenswert,
werden nicht ausgereifte Song- wie auch die Tatsache, dass Dylan noch eine
ideen über die Ziellinie gerettet
(„24.19“), das Album verliert sich im zweite Billboard-Kategorie anfü hrt: Sein
FOTOS: GETTY IMAGES

Sound-Chaos („32.22“) und man- „Shelter From The Storm“ ist, so die
che Tracks („53.49“) wirken wie
„LyricFind“-Charts, aktuell der Song, nach
Outtakes des Vorgängers. Die
Unfehlbarkeit seiner Autoren-, dessen Text im Internet am häufigsten
Schauspiel-, und Regiearbeit gesucht wird, was aber daran liegen dürfte,
konnte Donald Glover als Musiker
nicht in das neue Jahrzehnt retten.
dass Chris Martin ihn fü r „Saturday
 Christopher Hunold Night Life“ coverte.

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PLATTEN

Ian Chang
属 Belonging
C i t y S l a n g / Ro u g h Tra d e ( VÖ : 2 9. 5. )

Nur aus Percussion-Samples baut der Son-Lux-Schlagzeuger wundervoll


knispernde Miniaturen.
Man fragt sich ja schon manchmal: Wenn es technisch möglich ist, jeden Klang,
vorhanden oder ausdenkbar, in Musik umzusetzen, warum aus dieser Fülle
dann so viel austauschbare Musik entsteht? Vielleicht ist es nur logisch, dass
dann ausgerechnet aus der Beschränkung ein neuer, spannender Entwurf
erwächst. Ian Chang, Schlagzeuger bei Son Lux und Landlady, hat für sein
zweites Soloalbum 属 BELONGING Percussion-Instrumente gesampelt und
schichtet die nun zu knispernden und knuspernden, knackenden und knack-
senden Wunderwerken voller rhythmischer Raffinesse. Das Erstaunlichste:
Wie ein eindeutig definiertes, leicht wiedererkennbares Klangbild einen der-
artigen Abwechslungsreichtum entwickeln kann, der noch nicht einmal die
Gastauftritte der Vokalistinnen Kiah Victoria, Hanna Ben und Blonde-Red-
head-Sängerin Kazu Makino nötig gehabt hätte. Tatsächlich ist es sogar fast
so, als degradierten Text und Gesang die Preziosen aus Schlagwerk-Samples
zu gewöhnlichen Indietronics-Popsongs, wie sie vor gut zwei Jahrzehnten
schon en vogue waren. Wie viel schöner ist es doch, in diesen klimpernden
und klirrenden, tackernden und tuckernden Miniaturen ohne die Anleitung
durch Worte zu versinken.
 Thomas Winkler
Musikalische Wunderwerke voller
rhythmischer Raffinesse.

ten Alben mit Arrangements, die so ger und Gitarrist von The Notwist),
klingen, als flirte Dido übertrieben Cico Beck (= Joasihno), Mat Fowler
mit dem Konsensradio – und so, als (= Mitglied des Projekts Jam
hätte Matthew eine Schreibblocka- Money). Sie haben sich in Tokio und
de. Warum nichts Neues? Schon München getroffen und gemein-
2016 hatte er auf LIFE IS LONG eige- sam aufgenommen, indem sie ihre
ne Songs gecovert und mit Strei- Beziehungen und Perspektiven ins
cher-Klangzuckerwatte erstickt. Spiel bringen und etwas erzählen.
Scott Matthew Diesmal hat er zusammengearbeitet In „Mirage“ lauschen wir einer Art Shirley Holmes
Adorned mit dem Produzenten Jens Gad, der Ennio-Morricone-Soundbilderbuch, Die Krone der
Glitterhouse/Indigo (VÖ: 15.5.)
(Fun Fact, aber kein Scherz) 1988 am ein entspanntes Tippeln, eine bei- Erschöpfung
ersten Milli-Vanilli-Album mitge- läufige Flöte, dazu: der verschlafene
Rookie/Indigo
Der australische New Yorker schrieben hatte. Über die Original- Gesang Achers. Wenn das ein Film
covert seinen Songwriter-Pop Gesangsspuren haben Gad und wäre, liefen wir jetzt in einen vom Das Rock-Trio aus Berlin erwei-
selbst in neuen Versionen, die Matthew unstimmiges Jazzy-Feel- Frühjahrsregen befeuchteten Park, tert nicht nur seine musikalische,
zu beliebig klingen. Good-Pop-Instrumentarium gelegt, die Zeit macht Pause. Oder war das sondern auch seine inhaltliche
First things first: Scott Matthew ist das einerseits nicht katastrophal doch die Musik von Yesteryear? Bandbreite.
ein Meister des Coverns. Sein Album schlecht, andererseits aber völlig Das Gros dieser stillen Lieder mit Gleich im Opener „Binichbinich“
UNLEARNED von 2013 dürfte sogar überflüssig ist. Jammerschade! den handgeklöppelten Beats ver- legen Shirley Holmes ihre Wurzeln
eines der bitterschönsten Cover- Scott, wir wollen neue Lieder von dir. weist auf Fowlers Homerecording- offen. Breitwandgitarren, Donner-
Alben aller Zeiten sein. Joy Division,  Stefan Hochgesand Arbeiten, auf das Spielen, Auspro- schlagzeug und dann das Zitat, der
Neil Young und die Bee Gees hatten bieren in sich verschiebenden hysterische Give-it-to-me-aha-
kaum je zuvor so traurig geklungen. Ansätzen. Aber dann eben auch aha-Chor aus „Pretty Fly (For A
Ganz zu schweigen von Whitney auf die kleinstmöglichen Ambient- White Guy)“, also genau der Moment,
Houston, auf deren Klangpfaden in dem The Offspring ein einziges
Scott Matthew in „I Wanna Dance Spirit Fest klin- Mal den alten, weißen Männer-Punk
With Somebody“ ans Ende der gen manchmal mit der nötigen Selbstironie abfe-
Nacht wandelte. Der lächerliche derten. Selbst 22 Jahre später kein
Vorwurf, Matthew hätte da gar nicht
wie eine gerade schlechter Referenzpunkt, vor
gecovert, sondern die Originale ein- mal losgelassene allem für eine Berliner Band wie
fach so gespielt, als wären sie Kinderband. Shirley Holmes, die sich dem
immer schon Lieder von ihm gewe- Spirit Fest Hauptstadt-Hipstertum demons-
sen, konnte nie überzeugen. Eben Mirage Mirage Momente bei The Notwist (Micha trativ nicht verpflichtet fühlt. Nein,
das war ja Matthews Stärke: dass er Morr Music/Indigo (VÖ: 15.5.)
Acher ist als Gast mit der Trompe- Coolness kann man dem Trio wirk-
seinen eigenen Blick auf diese te dabei). Tapes, Toys und Field lich nicht vorwerfen: Stattdessen
Songs riskiert hat . Für die Sound- Die stillen, intuitiven Psychpop- Recordings spielen ganz unaufge- nutzen Shirley Holmes vor allem die
tracks der beiden bezaubernden songs dieser Zusammenkunft regt in diese Lieder hinein, und Möglichkeiten der klassischen
schwulen Liebesfilme „Shortbus“ verweigern sich der Festlegung. wenn Saya singt („Circle Love“, Kraft-Rock-Formation aus Gitarre,
und „Five Dances“ hatte Matthew Nenn Spirit Fest jetzt bitte keiner „Honest Bee“), klingen Spirit Fest Bass und Schlagzeug, aber bemü-
alternative Versionen seiner eige- eine Allstar-Indie-Band. Wir wollen manchmal wie eine gerade mal los- hen sich auf ihrem dritten Album
nen Songs eingespielt. Rau und nur mal kurz mitteilen, wer hier mit- gelassene Kinderband, „like the um so viel musikalische Vielfalt wie
wow! Und jetzt das: Auf ADORNED macht: Saya und Takashi Ueno (= echo of an unheard sound“. noch nie. Das bedeutet, dass ein-
covert er Songs seiner gesammel- Tenniscoats), Markus Acher (= Sän-  Frank Sawatzki gängige Power-Pop-Hits wie „Das

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