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Studien und Editionen zum deutschen Idealismus


und zur Frühromantik
Herausgegeben von Christoph Jamme und Klaus Vieweg

Abteilung I — Editionen
Band 3

2005
Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Die Philosophie
der Geschichte

Vorlesungsmitschrift Heimann
(Winter 1830/1831)

Herausgegeben von
Klaus Vieweg

Wilhelm Fink Verlag


Umschlagabbildung:

Jena — Blick vom Philosophengang ( u m 1810),


k o l o r i e r t e R a d i e r u n g v o n F. W., S t a d t m u s e u m J e n a

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

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und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 3-7705-4058-1
© 2005 Wilhelm Fink Verlag, München
Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München
Herstellung: Ferdinand Schöningh G m b H , Paderborn

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung des Herausgebers


„El gran teatro del mundo" - Hegels Philosophie der Welt-
geschichte als denkende Betrachtung menschlichen Geschehens
in vernünftiger, freiheitlicher und weltbürgerlicher Absicht

Editorische Bemerkungen 23

Die Philosophie der Geschichte nach Hegel


Text der Nachschrift Heimann (1830/31) 29

Anhang 1
Passage aus der Nachschrift Ackersdijck 213
Anhang 2
Passage aus der Nachschrift Karl Hegel 216
Anhang 3
Passage aus der Nachschrift Karl Hegel 218
Anhang 4
Teile aus der Nachschrift Ackersdijck
(Vorlesungen vom 28. 3. bis 1. 4. 1831) 222
Anhang 5 Teile aus der Nachschrift Karl Hegel
(Vorlesungen vom 28. 3. bis 1. 4. 1831) 234

Namenregister 243
Einleitung des Herausgebers

„El g r a n teatro del mundo" - Hegels Philosophie der


Weltgeschichte als denkende Betrachtung menschlichen
Geschehens in vernünftiger, freiheitlicher und
weltbürgerlicher Absicht

In der Philosophie des Rechts und in der Enzyklopädie der philosophischen Wis-
senschaften findet sich Hegels Begriff der Weltgeschichte in komprimierter
Form. Während seiner Berliner Zeit (1818-1831) hat Hegel sein Ver-
ständnis von Weltgeschichte ausführlich in fünf Vorlesungszyklen dem
Publikum vorgetragen. Ab 1822/23 wurde dieses Kolleg im Abstand von
zwei Jahren jeweils im Wintersemester gelesen, in stets überarbeiteter
Form.
Die vorliegende F>dition enthält eine der vielen Vorlesungsmitschrif-
ten, ein Heft von Heimann aus dem Jahre 1830/31, das Eduard Gans bei
seiner Erstedition 1837 zur Verfügung stand. Obwohl diese Vorlesungen
nicht unmittelbar für die Veröffentlichung vorgesehen waren (wohl erst
1830 faßte Hegel eine Publikation ins Auge), haben sowohl die Hegeische
Einleitung als auch die verschiedenen Editionen, die Kompilationen von
Kollegnachschriften und Hegeische Ausarbeitungen verknüpften, eine
gewaltige Resonanz gehabt. Das Spektrum der Wirkung reicht noch heute
von euphorischem Feiern über kritische Interpretationen bis hin zu ein-
seitigen Bewertungen und haßerfüllter Diskreditierung. Der Text war und
ist eine echte geistige Provokation, ein Kernmoment jener ,Drachensaat',
zu deren Austilgung schließlich auch Hegels Jugendfreund Schelling nach
Berlin gerufen wurde. In seinen Berliner Vorlesungen über die Philosophie
der Mythologie und Philosophie der Offenbarung tritt zwar die Polemik gegen
Hegel hervor, ohne daß sich Schelling tiefgründig auf Hegels Denken ein-
ließ (K. Rosenkranz) und somit sein Berliner Auftritt ,wider Willen ein
Ehrendenkmal für Hegel' wurde (Varnhagen von Ense).
Die umfangreiche Wirkungsgeschichte der praktischen Philosophie
Hegels, die hier nicht nachgezeichnet werden kann, wurde von der Domi-
nanz zahlloser Stereotype und Klischees (besonders zählebig ist die Le-
gende vom preußischen Staatsphilosophen) und auch böswilligen Fehl-
deutungen geprägt, zumeist verursacht von einem fehlenden oder unzu-
reichenden Verständnis der Hegeischen Philosophie des Geistes. Unmen-
gen von Fässern übelriechender Nachrede wurden über die Geschichts-
philosophie ausgekippt, Hegel zum Vor-Denker totalitärer Diktaturen de-
nunziert, es wurde gar ein direkter Weg von Hegel zu Hitler aus den Fin-
gern gesogen. Zutreffend ist das Gegenteil: Hegel starb wirklich erst am
30. Januar 1933 (Carl Schmitt). In Alfred Rosenbergs Attacken auf Uni-
8 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

versalismus, Kosmopolitismus und eine .allgemeine Entwicklung der


Menschheit' im Sinne von Freiheits- und Rechtsfortschritt war besonders
der ,undeutsche' und ,unvölkische' Denker Hegel im Visier. Es wurden
bis zum heutigen Tag unzählige, teils hämische Todesanzeigen auf ein
Denken des Ganzen gedruckt. Fliegenbein- und erbsenzählende Ge-
schichtspositivisten übten und üben sich in abfälliger Mißachtung der
theoretischen Gehalte universalistischen Geschichtsdenkens. Man ist bei-
nahe versucht zu antworten: The more danger, the more honor.
Aber auch unkritische Lobpreisungen und oberflächliche Interpreta-
tionen pro Hegel trugen nicht unwesentlich zur Verhinderung eines ange-
messenen Verständnisses bei. Auch die fehlende systematische Verfaßt-
heit der Geschichtsphilosophie sowie die verschiedenen Editionen, in die
sich dann die Lesarten der Herausgeber einschlichen, prägten diese Re-
zeption.
Heute scheint ein überheblich-nachsichtiges Belächeln dieser Ge-
schichtsphilosophie, die bestenfalls als verstaubtes philosophisches Mu-
seumsstück gilt, zu dominieren. Ideen wie Vernunft, Wahrheit oder
Ganzheit hätten abgedankt. Ein Denken menschlichen Geschehens im
Hegeischen Sinne als ,ein Gehen aufs Ganze' fristet ein Mauerblümchen-
dasein, es ist verkümmert und geradezu unzeitgemäß. Es regiert ein schier
übermächtiger Relativismus in Gestalt einer ,Raserei der Meinungen, in
deren uniformierter Zerrissenheit sich nur die Zerrissenheit einer ganzen
Welt ausdrückt, ohne daß diese in den Blick kommt' (Robert Menasse).
Es scheint somit ein neuer und unzeitgemäßer Blick auf Hegel geradezu
an der Zeit. Zumal wir vielleicht, wie es ein französischer Meisterdenker
des 20. Jahrhunderts mal sagte, alle nur Epigonen Hegels sind, aber doch
unsere Zeit in Gedanken zu fassen, auf den Begriff zu bringen haben.

Die folgenden mehr essayistischen Überlegungen 1 , in die einige markante


Stellen aus der hier edierten Heimann-Nachschrift eingefügt sind, sollen
Lust auf die Lektüre und Neugier auf Hegels oft schon totgesagte Ge-
schichtsphilosophie wecken, vermeintliche Mumien erweisen sich
manchmal als sehr lebendig. Die Gedanken beziehen sich auf drei interes-
sante Facetten des Hegeischen Entwurfs, welche die aktuelle Relevanz
dieses Denkens aufweisen können: auf die vernünftige, freiheitliche und welt-
bürgerlich-globale Absicht seiner Theorie der Weltgeschichte. Aus systema-
tischer Perspektive bildet die Philosophie der Geschichte den Schlußstein
von Hegels praktischer Philosophie, die von Hegel bekanntlich als Philo-
sophie des Rechts bezeichnet wurde und welche eine Rechtslehre, eine
Ethik und eine Theorie der Formen von Sittlichkeit und der Historizität

Der vorliegende Text ist eine leicht geänderte deutsche Version der Einlei-
tung einer neuen spanischen Ausgabe von Hegels Einleitung in die Philoso-
phie der Geschichte.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS 9

des Sittlich-Kulturellen beinhaltet. Zugleich repräsentiert die Weltge-


schichtsphilosophie innerhalb von Hegels Systemarchitektonik den Über-
gangspunkt von der Philosophie des objektiven Geistes zur Philosophie
des absoluten Geistes, die Brücke von den Gegenständen praktischer Phi-
losophie zu Kunst, Religion und philosophischem Wissen.
Eduard Gans hatte schon 1833 in diesem ,Übergang' den .bedeutend-
sten Wert' der Hegeischen Rechtsphilosophie gesehen: Der Theorie des
Rechts werde nicht bloß ein Anfang und einen Grundlegung in einer vo-
rausgehenden Wissenschaft, sondern auch ein Ausfluß und eine Mün-
dung in eine nachfolgende gegeben. „Welches ungeheure Schauspiel ist
aber diesem Buch als Schluß beigegeben! Von der Höhe der Staaten aus
sieht man die einzelnen Staaten, als ebenso viele Flüsse sich in das Welt-
meer der Geschichte stürzen, und der kurze Abriß der Entwicklung der-
selben ist nur die Ahnung der wichtigeren Interessen, die diesem Boden
anheimfallen." 2 Dieser von Hegel verfaßte .kurze Abriß' enthält eine be-
merkenswerte Passage, die mancher Interpret nicht zureichend würdigte:
„In das Verhältnis der Staaten gegeneinander, weil sie darin als besondere
sind, fällt das höchst bewegte Spiel der inneren Besonderheiten der Lei-
denschaften, Interessen, Zwecke, der Talente und Tugenden, der Gewalt,
des Unrechts und der Laster wie der äußeren Zufälligkeit, in den größten
Dimensionen der Erscheinung - ein Spiel, worin das sittliche Ganze
selbst, die Selbständigkeit des Staats, der Zufälligkeit ausgesetzt wird."'
Durch diese Zufälligkeit hindurch, der .erscheinenden Dialektik der End-
lichkeit', bringe sich der allgemeine Geist, der Geist der Welt hervor. Die
Weltgeschichte ist nicht als das Weltgericht des Geistes im Sinne einer
abstrakten und vernunftlosen Notwendigkeit, eines blinden Schicksals zu
verstehen, Philosophie der Geschichte beinhaltet das Denken des
menschlichen Geschehens als eines vernünftigen Prozesses. Da die .Na-
tur' des Geistes Freiheit ist - ,nur die Freiheit ist die einzige höchste Be-
stimmung des Geistes' (H 5) —, kann dieses Geschehen als Fortschreiten
im Bewußtsein der Freiheit interpretiert werden. Philosophie der Ge-
schichte begreift Hegel als Rekonstruktion der menschlichen Begebenhei-
ten sub specie rationis. Eduard Gans hat im schon erwähnten Vorwort
zur Erstedition geahnt, welchen Angriffen und Diskreditierungen dieses
Werk ausgesetzt sein wird, welche Mißdeutungen, ätzende Verspottungen
und Verteufelungen folgen würden: Jeder Versuch, in der Geschichte als
auf einem ,Boden scheinbar bloß wechselvoller Willkür, auf einem solch
unsicheren und feuerspeienden Vulkan Regeln, Gedanken, Göttliches,
Ewiges zu finden', würde für ,hineingetragene Spitzfindigkeit, für Seifen-

2
Eduard Gans: Vorrede zu: G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des
Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. 1833 (Neuab-
druck Berlin 1981, 5).
3
Hegel, TWA Bd. 7, 503.
10 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

blasen apriorischer Konstrukte oder für ein Spiel der Phantasie gehalten'.
All diese Verdikte sind bis heute geläufig, obschon Gans eben den Re-
spekt vor der Erfahrung und das Vermeiden des .Einthuns alles Ge-
schichtlichen in die Formelbüchse' als Hauptverdienste dieser Ge-
schichtsphilosophie benennt.

D e n k e n v o n G e s c h i c h t e in v e r n ü n f t i g e r A b s i c h t
Philosophie der Geschichte ist für Hegel nichts anderes als die denkende
Betrachtung menschlichen Geschehens, es geht um die Darstellung des
,Logos der Geschichte' (E. Gans). Die Philosophie bringt einen einigen
Gedanken mit, den Gedanken der Vernunft als einzige Voraussetzung in
,Ansehung der Geschichte'. Im Zentrum solch philosophischer Geschichts-
betrachtung steht die Erschließung des Verhältnisses zwischen dem .Mit-
bringsel' Vernunft und der Historie. Die Etablierung der Geschichte als
Gegenstand philosophischen Wissens verlangte die Auseinandersetzung
mit sehr unterschiedlich verfaßten Positionen. Mit dem dezidierten Insi-
stieren auf das Denken unterscheidet sich Hegels Herangehen zunächst
von religiös-theologischen Sichtweisen, von Fundierungsversuchen in
Anlehnung an biblische Erzählungen, von der ,Kleinkrämerei des Glau-
bens an die Vorsehung' — ,Gott lenkt Schlachten und Flohsprünge' — wie
auch von Theodizee-Konzepten. Hegels Antwort lautete: ,die Wissen-
schaft allein ist die Theodizee'. Ebenfalls betonte er die Differenz zu ei-
nem Verständnis von Geschichte als einer Form von Literatur, als eine
Welt-Odyssee, als einer Komödie der Irrungen, den Unterschied zu der
,Beliebigkeit der romanhaften Historie ä la Walter Scott'. Philosophie der
Geschichte beinhaltet weder die Rechtfertigung Gottes in der Historie
noch einen ,wohlgeordneten Roman oder ein gutgefügtes Drama' (Edu-
ard Gans), obschon Hegel zum Behufe der Anschaulichkeit und Leben-
digkeit seiner Vorlesungen eine vielfältige Metaphorik ins Spiel bringt
(Theodizee, Drama, Theater, Gemälde, Teppich). ,Was im Gemüthe ist,
muß durch das Denken erfaßt werden, und es ist nun an der Zeit, das
Produkt der schöpferischen Vernunft, zumal in der Weltgeschichte zu er-
greifen' (H 5). Hegel geht es um die denkende Betrachtung, um das Be-
greifen des Geschehens, wobei ein scheinbarer Gegensatz zwischen dem
mitgebrachten philosophischen Gedanken und dem Aufnehmen der Be-
gebenheiten auftritt. Dieser vermeintliche Widerspruch und der daraus
resultierende Vorwurf an die Philosophie soll geklärt werden. Im Blick
auf das Verhältnis von philosophischem Gedanken und dem Geschehe-
nen kritisiert Hegel typische Vereinseitigungen. Ein Extrem besteht in
der Übersteigerung bzw. Verabsolutierung des reinen Gedankens, der
Degradierung der Geschichtsphilosophie zu einer ,apriorischen Erdich-
tung' im Sinne einer willkürlichen Konstruktion. Gegen dieses Verfahren
der .Herrschaft willkürlicher Vorstellungen und der gewaltsamen Anpas-
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS 11

sung der Begebenheiten und Taten an diese' führte Varnhagen von Ense
gerade Hegel ins Feld, der sehr treffend bemerkt habe, ,daß solche will-
kürlichen Annahmen und Erdichtungen in neuester Zeit gerade von der
gelehrten Seite her in Deutschland am meisten versucht und in Umlauf
gebracht werden, die Philosophie hingegen dem Willkürlichen und den
bloßen Einfällen und Vermuthungen die strengste Gegnerin ist'. In die-
sem Kontext bezieht sich Hegel kritisch auf die geschichtsphilosophi-
schen Auffassungen von Fichte, Schelling und Friedrich Schlegel, dies
betrifft u. a. die Annahme eines sogenannten ,Urvolkes, das alle Einsicht
in alles Wahre gehabt habe' (H 3).
Hegel zufolge gibt es keine Vernunft ohne Verstand, ohne Erfahrung,
ohne Empirie, ohne die Kenntnisnahme der Faktizität. ,Die Geschichte
aber haben wir zu nehmen, wie sie ist, wir haben historisch empirisch zu
verfahren.' Das Historische müsse getreu aufgefaßt werden, nur liege in
solchen allgemeinen Ausdrücken wie treu und auffassen die Zweideutigkeit
und das eigentliche Problem. Jeder der sich mit Geschichte beschäftigt,
verhält sich nicht nur aufnehmend, nicht ,nur dem Gegebenen hingebend',
„denn kein Autor ist bei der Geschichte passiv, wenn er sie behandelt; er
bringt seine Kategorien mit und seine Auffassung", er sieht mit ihnen,
durch sie das Vorhandene (H 3; TWA 12, 22-23)." Der Autor spiegelt
nicht das Geschehen, seine Auffassungen und Begriffe sind schon von
vornherein im Spiele - „allenthalben denkt der Mensch" (H 3). Dieses
Mitbringsel eines Koordinatensystems erscheint als Bedingung der Mög-
lichkeit eines philosophischen Geschichtsverständnisses. Mit diesem
Vorgehen ,ändert' die Philosophie die vermeintlich unmittelbar gegebene
Geschichte selbst, Philosophie der Weltgeschichte ist eine Re-Konstruk-
tion des Geschehenen, eine ,Re-Vision' des Vergangenen durch das Pris-
ma Vernunft. Mit folgendem Wortspiel fixierte Hegel diese Wechselbe-
stimmung: ,Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht auch sie vernünftig
an' (H 3).
Ein zweites Extrem besteht in der Behauptung der Existenz soge-
nannter ,reiner einzelner Tatsachen'. Das ,leere Sentenzengeklapper', die Ge-
schichtsphantasterei, die ,faselnde Spekulation', welche die .Geschichte
wahrhaft ans Kreuz genagelt habe' (H. Leo) wird durch die .geistlose An-
häufung von Fakten', durch einen Tatsachenfetischismus kontrastiert.
Wie in den im beginnenden 19. Jahrhundert sich emanzipierenden einzel-
nen Naturwissenschaften wird auch in der entstehenden Geschichtswis-
senschaft eine ,unbedingte, totale Tatsachenorientierung' gegen die .ob-
skur-metaphysischen' und .verstiegen-spekulativen' Auffassungen ge-
stellt. Der Kern der Sache, solch eines ,blinden Verstandes', ist die Le-
gende von der ,nackten Wahrheit'. Das Credo des deutschen Historikers
Leopold von Ranke und Hegel-Gegners lautete: „Nackte Wahrheit ohne

4
Vgl. hierzu auch Hegels Position zum Empirismus (Enz. TWA 8, 106-112)
12 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

allen Schmuck, gründliche Erforschung des Einzelnen, das Übrige Gott


befohlen." Hegel artikuliert in seinen Weltgeschichtsvorlesungen die
Crux dieses Verfahrens: es sollen .alle einzelnen Züge gerecht, lebendig
dargestellt werden, durch sorgfältige Treue, nicht durch eigene Verarbeitung,
soll ein Bild des Vergangenen gegeben werden'. Hier tritt die Zweideutig-
keit des ,Treu-Auffassens' hervor. Diese Manier der .bunten Menge von
Details', der Verwicklung in viele zufällige Einzelheiten gleicht im Sam-
meln aller Züge einem unendlichen Progressus, dem vergeblichen Tun des
Sisyphus und führt zur Unfähigkeit, Zusammenhänge bzw. ein Ganzes zu
sehen, zur Unmöglichkeit, das Hauptinteresse zu erkennen (TWA 12,
553). Mit dieser vom Denken befreiten und somit geistlosen Mikrologie
und Kleinkrämerei kann dem großen Weltwirrwarr kein Geist und keine
Vernunft abgewonnen, kein roter Faden im historischen Welt-Labyrinth
gefunden werden. So bleibt Geschichte eine bloße Aneinanderreihung
von Episoden und .kleinen Erzählungen'. Den Anker in die Äußerlichkeit
des ,baren, bloßen Faktums' werfen zu wollen, das Märchen von der ^ei-
nen Tatsache' und der .nackten Wahrheit', bringt gravierende Probleme
mit sich: Zuerst muß zwischen Geschehen und Darstellung des Geschehens un-
terschieden werden. ,Geschichte vereinigt in unserer Sprache die objekti-
ve als subjektive Seite und bedeutet ebensogut die historiam rerum gesta-
rum als die res gestas selbst, sie ist das Geschehen nicht minder wie die
Geschichtserzählung.' Die laut Ranke zu vermeidende .eigene Verarbei-
tung' impliziert keineswegs eine .Trübung der reinen Darstellung der Tat-
sache', der .Erzähler muß der angeblich nackten Tatsache ein Kleid anzie-
hen, sträubt er sich auch mit Händen und Füßen dagegen' (H. Leo). Die
Annahme der Reinheit historischer Faktizität ist ein Unding oder Täu-
schung. Darstellung, Mitteilung, Erzählung sind immer schon Reflex und
Verarbeitung, nie die Tat selbst. Wer in der Geschichte nur vermeintlich
,pure Facta' sieht, verfügt über kein Prinzip für die Auswahl der Gescheh-
nisse, kein Kriterium für Zusammenhänge und muß die Geschichte .pul-
verisieren', sie zu einer geistlosen Ansammlung von Fragmenten, zu ei-
nem Sammelsurium von Episoden, zu einem Reich subjektiver Willkür
und Zufälligkeit erklären. Obschon Ranke Erdichtungen und Hirnge-
spinste vermeiden will, droht gerade sein Vorgehen ins Bodenlose will-
kürlicher Aprioritaten zu stürzen. Solch Empirist verdrängt, daß er selbst
Metaphysik betreibt, daß er die metaphysischen Kategorien auf eine völ-
lig unkritische und bewußtlose Weise gebraucht. Hegel warnt vor man-
chen Historikern vom Fach, die aus Quellen zu studieren vorgeben und
diese gerade dichten (H 3). Im Versuch der Fundierung des Geschichts-
verständnisses in sogenannten reinen Fakten treffen sich die einseitigen
Positionen, die radikal empiristische Methode und die ebenso reine
(Glaubens-)Tatsachen annehmenden Weltalter-Mythologien und -Theo-
logien, die z. B. eine Offenbarung als Faktum setzen.

Die Wahrheit des Geschehenen — so Hegel und sein Fürsprech Hein-


rich Leo - ist nicht die Bestimmtheit des Gewesenen als eines bloß Ge-
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS 13

schehenen. Sondern das Vergangene ist zugleich ein geistig Reflektiertes,


ein vom Geist Konstruiertes, der Geist ist ,der Compositeur'. Es gibt
nicht ,die nackte Schlacht von Salamis, sondern nur die von Herodot, von
den Griechen und von unserem Verständnis bekleidete'. Hegels Geschichts-
theorie erscheint als Plädoyer gegen ,eine in Puncte zersprungene Geschichte',5
gegen die unhaltbare These einer von begrifflicher Anstrengung unge-
trübten Sammlung und Erforschung vorgeblich einzelner, purer Tatsa-
chen; als Plädoyer gegen empiriefreie Geschichtsdichtungen und für eine
Hermeneutik des Geschehenen vom Standpunkt des Geistes aus, eben für
ein Begreifen von Geschichte in vernünftiger Absicht.

D e n k e n der W e l t g e s c h i c h t e in freiheitlicher A b s i c h t
Was die Weltgeschichte ,im Innersten zusammenhält', die Substanz von
Geschichte oder Welt-Kultur, ist der Geist als allgemeiner Geist, der sich
selbst als Welt konstituiert. Wenn nun gefragt wird, was das Wahrhafte
des Geistes darstellt, dann sei dies gleichbedeutend mit der Frage: Was ist
die Bestimmung des Menschen? Hegels Antwort: Das Wesen des Geistes
ist Freiheit. Als äußerlich allgemeiner Geist wird die sittliche oder kultu-
relle Substanz der menschlichen Handlungen und Begebenheiten verstan-
den. Es handelt sich nicht um eine vom Einzelnen, vom Ich getrennte
Gattung, sondern das sittliche Subjekt unterwirft sich im Prozeß seiner
Selbst-Bestimmung seinem eigenen Gesetz. Die höchste Bestimmung der
sittlichen Substanz ist Freiheit, Hegels Weltgeschichtsverständnis be-
steht, wie seine ganze Philosophie, ,aus dem einen Metalle Freiheit' (E.
Gans). ,In der Weltgeschichte haben wir so die Freiheit in der Wirklich-
keit vor uns, in den Bestimmungen, in denen sie der Mensch geformt hat.
Die Weltgeschichte lehrt uns also, was die Freiheit in ihrem konkreten
Dasein ist' (H 6). Die Menschheit entwirft sich entsprechend ihrer Mög-
lichkeit, sie konstituiert sich selbst in Gestalt einer von ihr hervorge-
brachten ,Welt' oder Kultur. Dabei handelt es sich um einen zeitlichen
Vorgang, der Geist der Welt bzw. .Weltgeist' ist endlicher Geist, der sich
in der Zeit .auslegt', anfängt und endet. Er hat im absoluten Geist seinen
Grund, und sein ,Leben' ist die Welt-Werdung dieses Grundes, das Ge-
hen zu diesem Grund, der wesentlich Freiheit ist.
Insofern wir es mit der Idee des Geistes zu tun haben, so haben wir es
nur mit ,Gegenwärtigem' zu tun, der Geist ,ist nicht vorbei und ist nicht

5
Vgl. dazu: K. Vieweg, Gegen eine ,in Puncte zersprungene Geschichte'. Zur
Debatte um das Verständnis des Historischen in den „Jahrbüchern für wis-
senschaftliche Kritik" (1827-1832). In: Chr. Jamme (Hrsg): Die „Jahrbücher
für wissenschaftliche Kritik". Hegels Berliner Gegenakademie. Stuttgart
1994.
14 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

noch nicht, sondern ist wesentlich jet^t'. Die gegenwärtige Gestalt des
Geistes begreift alle früheren Stufen in sich. Das Leben des gegenwärti-
gen Geistes ist ein Kreislauf von Stufen, die einerseits noch nebeneinan-
der bestehen und nur andererseits als vergangen erscheinen. Die Momen-
te, die der Geist hinter sich zu haben scheint, hat er auch in seiner gegen-
wärtigen Tiefe (TWA 12, 105). Der leitende Gedanke von Hegels Ge-
schichtsphilosophie besteht in der Formulierung der Geschichtlichkeit
von Freiheit, der Weltgeist repräsentiert die begriffliche Form der Ver-
nunft in ihrer Zeitlichkeit oder Geschichtlichkeit. Die Weltgeschichte
kann somit als Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit begriffen werden,
keineswegs als abstrakte und vernunftlose Notwendigkeit eines blinden,
in spanische Stiefel gepreßten Schicksals - ,die Weltgeschichte ist die
Darstellung dessen, was der Geist von seiner Freiheit weiß' (H 3). Dieses
Menschheitsgeschehen kann sinnvoll nur von diesem Grund her, dem
Prinzip selbstbewußter Freiheit, konstruiert bzw. begriffen werden. Das
.Geschäft der Weltgeschichte' besteht in der .Arbeit, den Begriff der Frei-
heit zum Bewußtsein zu bringen und als Welt zu realisieren', das Prinzip
freier Subjektivität in die Köpfe hinein- und in die Welt hinauszubilden.
Als höchste Gestaltungen des Freiheitsbewußtseins, als die Wirklich-
keit der sittlich-humanen Idee gelten die Staaten. In diesen Daseinswei-
sen des Geistes, einer Synthese menschlicher Gesinnungen und Institu-
tionen, gelinge es, die Freiheit in Form eines Stufenganges zu entfalten.
Der Hegeische Staat repräsentiert das wirkliche sittliche Leben, die Men-
schen haben sich ihr eigenes Gesetz gegeben, die Verfassungen fixieren
diese eigene ,Verfaßtheit in der Zeit'. Die Idee des Staates hat ihren
Grund im Prinzip der selbstbewußten, individuellen Freiheit, der Staat
repräsentiert die Einheit des allgemeinen und subjektiven Willens, Frei-
heit gewinnt ihre Objektivität. Geschichtliche Veränderungen sind Ver-
änderungen der Form dieser Freiheit, im Bewußtsein der Agierenden und
in ihren Gesetzgebungen. Die Staaten sind somit der näher bestimmte
Gegenstand einer Philosophie der Weltgeschichte, die Weltgeschichte
wird wesentlich als Staatengeschichte begriffen. Allerdings Hegt Hegels
eigentümlicher Begriff des Staates zugrunde, wie er in seiner Philosophie
des Rechts konzipiert wurde. — Ohne richtige Vorstellung vom Staat kann
man nicht das Staatsleben, die Geschichte, verstehen (H 12). Demzufolge
kann Weltgeschichte nicht auf Institutionengeschichte reduziert sein, da
in Hegels Begriff des Staates die kulturelle Dimension wesentlich thema-
tisiert wird. Erst im Staate finden sich ,klare Taten und Bestimmungen'
sowie die Klarheit des Bewußtseins über diese, demzufolge erwächst die
Fähigkeit und das Bedürfnis des ^Aufbewahrens', sonst gibt es keine Ge-
schichte als ein Renkendes Andenken', keinen Gegenstand für die Mnemosy-
ne. Der Staat als ein sich auf allgemeine Bestimmung gründendes Gemein-
wesen verlangt, vernünftige Taten auf Dauer zu stellen, .dauernde Taten,
welchen die Mnemosyne zum Behufe des perennierenden Zwecks, die
Dauer des Andenkens hinzufügt' und somit Zeit und Geschichte erst konstitu-
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS 15

iert. O h n e Staaten keine Geschichte in ihrer Einheit von Geschehen und


.Erzählung' des Geschehenen.
Der Staat als Form des objektiven, endlichen Geistes kann kein Kunst-
Werk, kein Werk der Perfektion sein, er steht in der Welt, somit auch in
der Sphäre von Willkür und Kontingenz. Jeder Staat ist somit prinzipiell
defizitär, er steht in steter Gefahr der Defiguration, er kann zu einer
.monströsen und verunglückten Gestalt' herabsinken, falls die ,Energien
des Lasters und des Irrtums' die Oberhand gewinnen. Allerdings erweise
sich dieses Unvernünftige schließlich als ,faule Existenz'. Der Staat kann
also nur der Raum beschränkter Freiheit sein, ein Resultat des ,Werk-
Tags des Lebens', im Unterschied zum ,Sonntag' von Kunst, Religion und
Philosophie. Nur im Staat kann individuelle Freiheit in der Welt erlangt
werden. Das Prinzip moderner Staaten als Ausgangspunkt von Hegels re-
trospektiver Geschichtsdeutung hat die ungeheure Stärke, das Prinzip der
Subjektivität zum selbständigen Extrem individueller Freiheit vollenden
zu lassen und zugleich dies in die substantielle Einheit einer sittlichen
Gemeinschaft zurückzubinden. Nur der Staat als realisierte Freiheit ist
ein .wahrer' Staat. .Ein Staat ist gut bestellt, wenn sein Zweck mit den all-
gemeinen Privatinteressen vereinigt ist, viel ist dabei nötig im Staat, vieles
ist zu erfinden und einzurichten und viele Kämpfe bedarf es, ehe diese
Einheit zu Stande kommt' (H 6, H 8). Der Zweck des modernen Staates
als Realisation des Begriffs des freien Willens, als Form gelungener Aner-
kennung der Individuen, besteht allein in der Ermöglichung und Garantie
der individuellen Freiheit aller seiner Bürger. Aus diesem Grunde hat He-
gel am 14. Juli ein Glas Champagner geleert und die Französische Revolu-
tion (obschon er die Gefahr von Fanatismus und Terror, den Zusammen-
hang von abstrakter Geltendmachung der Tugend und dem ,Schrecken'
scharfsichtig erkannte) mit der Morgenröte, mit einem .herrlichen Son-
nenaufgang' verglichen. In dieser Revolution hat sich .der Gedanke, der
Begriff des Rechts geltend gemacht, wogegen das alte Gerüste des Unrechts
keinen Widerstand leisten konnte'. Auf die Gedanken von Freiheit und
Recht wurde die neue Verfassung gegründet (Ack 480, KH 497). ,Ein En-
thusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert', die ,denkende Welt fei-
erte in erhabener Rührung und Enthusiasmus diese Epoche' (KH 4 9 7 -
498, Ack 481).

Aufgrund dieses theoretischen Plädoyers für einen freien Staat muß


Hegel als ein Denker von Subjektivität, Recht und Freiheit angesehen werden.
Sein .metaphysischer Pilz' ist keinesfalls .auf dem Misthaufen der Krie-
cherei aufgewachsen', wie es Jacob Friedrich Fries böswillig ausposaunte.
Hegel legitimierte nicht einen bestimmten Staat, sondern konzipierte die
Idee eines Staates der Freiheit, er kann also in keiner Weise zum Apolo-
geten eines Unterwerfungsstaates oder zum Vorläufer des Totalitarismus
erklärt werden. Karl Poppers Diktum, bei Hegel sei ,der Staat alles und
das Individuum nichts', zeugt nur von einer fehlenden ernsthaften Be-
schäftigung mit Hegels Philosophie, deren Grundmotiv im Gedanken der
16 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Anerkennung und Sicherung der Autonomie, der individuellen Freiheit


des Einzelnen in einem rechtlich verfaßten Gemeinwesen besteht. Die
neue Welt unterscheide sich von den früheren .Welten' darin, daß jetzt
die Anerkennung des Menschen als Ich, Person und Bürger geschichtlich
vollzogen wurde. Als moderner Staat kann in Hegels Theorie nur ein sol-
cher Staat gelten, für dessen Konstitution das Prinzip des Anerkanntseins
Voraussetzung ist, in welchem die uneingeschränkte Respektierung der Würde
und Rechtsfähigkeit jeder Person Verfassungsprin^p und Verfassungswirklichkeit
ist. Der Staat der Freiheit ist notwendig ein Staat des Rechts und dieses mo-
derne Prinzip des universalen Rechts kann letztlich nur denkend, begrifflich fun-
diert werden, nicht durch Ahnen, Fühlen oder Glauben. Nur dieser den-
kend begründete Staat der Freiheit als Staat des Rechts kann als höchste
Stufe der Geschichte angesehen werden. Der Gedanke des freien Geistes
gilt Hegel als ,Angelpunkt der modernen Zeit', als das ,neue Panier, um
das sich die Völker sammeln'. Der Weltgeist hat die seinem Begriff ange-
messene Gestaltung gefunden, der Mensch die seinem Wesen würdige
Existenzweise. Nur verwechselt Hegel diesen Zustand nicht mit einem
angeblich bestehenden oder kommenden Himmelreich auf Erden.
Die einzelnen Menschen sind nicht Freie im Sinne bloßer Willkür -
.der Staat beschränkt freilich die Willkür der Individuen', aber Freiheit re-
duziert sich nicht auf bloße Willkür, sie ist Vernunftbestimmung, die zum
Bewußtsein gebracht werden muß. Dies beschreibt Hegel als .zweite
Schöpfung', die durch den Staat bewirkt werde (H 14). Aber der Staat —
so Hegels Kritik an Fichte — ist nicht eine Einrichtung zur Beschränkung
der Freiheit. Noch heute hat ein solches Mißverstehen des Staats oder gar
eine Verachtung des Staats, der als Hindernis für die individuelle Freiheit
gesehen und unzulässig mit dem Institutionellen gleichgesetzt wird, Kon-
junktur. Der Staat ist nicht bloße Maschine oder Administration, er stirbt
nicht ab, er ist nicht abzuschaffen oder zu ,verschlanken', sondern als
Existenzform menschlicher Freiheit zu denken und gemäß dieser Ver-
nunft zu gestalten.
Die Individuen sind in ,die Zeit geworfene', sind in bestimmte Formen
und historische Konstellationen .hineingestellt', sie können Freiheit in
der Welt nur durch gelingende Anerkennungsvollzüge wie moralischer
Verhältnisse oder Institutionen, nur vermittels eines Staates erlangen. Die
weltgeschichtliche Konstellation ist eine Gestalt endlicher Freiheit und
zugleich eine Art ,Gegen-Instanz' zur bloßen Partikularität wie zum kon-
sensgegründeten und vertragsgestützten, zu einem vor Irrtum und Ver-
fehlung eben nicht prinzipiell geschützten Tun von Menschen. Durch das
Handeln der Menschen komme noch etwas anderes heraus, als sie unmit-
telbar bezwecken und erreichen, als sie unmittelbar wissen und wollen.
Es wird Anderes vollbracht, was zwar an der Zeit war, aber nicht direkte
Absicht der Agierenden. Cäsar kämpfte im Interesse, sich seine Stellung,
Ehre und Sicherheit zu erhalten. Mit seinem Sieg avancierte er zum Impe-
rator des Römischen Reiches. ,Was ihm so die Ausführung seines zu-
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS 17

nächst negativen Zwecks erwarb, die Alleinherrschaft Roms, war aber


zugleich an sich notwendige Bestimmung in der Geschichte Roms und in
der Weltgeschichte.' Es handelte sich nicht nur um seinen .partikularen
Sieg', sondern um eine welthistorisch an der Zeit stehende Umwälzung.
In diesem Sinne spricht Hegel von der ,List der Vernunft' wie auch von
der .Weltgeschichte als Weltgericht'.
Aber die Menschen sind Hegel zufolge am wenigsten abstrakte Mittel,
sie sind — so Hegel in direkter Berufung auf Kant — sich selber Zweck,
weil das Vernünftige, besonders als Fähigkeit zum Denken, ihnen imma-
nent sei. - „Zu Kants schönsten Betrachtungen gehört diese, daß er das
Lebendige als Selbstzweck anerkennt" (H 9). - Der Mensch ist laut Hegel
wesentlich und dem Inhalte nach Selbstzweck. Unbesehen seiner Endlichkeit
und Begrenztheit, in der es als .Mittel' erscheint, hat jedes Individuum un-
endlichen Wert. Moralität, Religiosität, Denken, Freiheitsbewußtsein sind
eben nicht dem partikulären Interesse, nicht dem Schicksale unterworfen,
sondern diesem .entnommen' (H 9). Die Sittlichkeit eines Individuums ist
- so Hegel -gleich der eines ganzen Staates, .die Flamme bleibt immer Licht,
auch wenn sie durch einen kleinen Herd eingeschränkt leuchtet' (H 10).
Der Staat der Freiheit erhebt die Unantastbarkeit dieser menschlichen
Würde zu seinem Grundprinzip und ist der einzige, der die Geltung die-
ses Prinzips zu garantieren vermag.
Der Geist der Welt als die sittliche Substanz in ihrer konkretesten und
reichsten Gestalt verwirklicht sich in der Geschichte der menschlichen
Kultur in einem harten Kampf gegen sich selbst, er vollzieht sich ,durch
die Entfremdung seiner selbst', dieser Weg ist keinesfalls ein ,harm- und
kampfloses Hervorbringen'. Der Geist tritt zunächst als ,das feindselige
Prinzip seiner selbst' hervor, er muß auf diesem Weg erst zum Bewußt-
sein seiner selbst gelangen, die Wirklichkeit erst seinem Begriff gemäß ge-
stalten. Wie der Staat auch der Tummelplatz von Recht und Unrecht, von
Tugend und Laster, von Gelingen und Mißlingen ist, so gestaltet sich
auch das geschichtliche Verhältnis von Staaten und Kulturen als ein
höchst bewegtes Spiel der Leidenschaften, Interessen, der Talente und
Tugenden, der Gewalt, des Unrechts, der Laster, der äußeren Zufälligkeit.
Die Geschichte zeigt auch das Bild des Übels und der Zerstörung der
,edelsten Gestaltungen, sie erscheint auch als ,eine Schlachtbank, worauf
die Tugenden der Völker geopfert sind' (H 7). Allerdings kann Hegel er-
stens nicht als Denker der .imperatorischen Grausamkeit, den das Kano-
nenfutter kalt lasse' (Ortega y Gasset) eingeschätzt werden, zweitens
kommt die Geschichte der Menschheit nicht nur als Büchse der Pandora
oder als ,Straße, die der Teufel mit zerstörten Werten pflastert' (Max We-
ber), in den Blick. Als Folge des Unverstandes und der Gewalttätigkeit
wurde auf dem ,weiten Altar der Geschichte' das Glück vieler Individuen
und Völker zum Opfer gebracht, viele Ideale sind an der Klippe der har-
ten Wirklichkeit und kalten Realität zerschellt, der Untergang blühend-
ster, gelungenster und schönster Formen zeichnet ein furchtbarstes Ge-
IS EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

mälde'. Diese ,Ruinen vormaliger Herrlichkeit' erzeugen tiefste Trauer,


eine ratlose Trauer über die Vergänglichkeit. Aber die Geschichte gleicht
nicht einer Aneinanderreihung von Torheiten, nicht einer Insel, vor de-
ren Küsten nur gestrandete Schiffe liegen. Sie beinhaltet nicht nur ,das
Schauspiel der Qual der Verdammten', sondern auch ,das Schauspiel des
freien Aufwachsens der mannigfaltigsten lebendigen Gestalten'. Hegel at-
tackiert die Attitüde der Selbstsucht, die ,am ruhigen Ufer steht und von
dieser sicheren Ferne aus den Anblick der Trümmermasse genießt' (H 7).
Die Perspektiven des Predigers der Erhabenheit wie die des psychologi-
schen Kammerdieners sind einseitig und unfruchtbar, sie verkennen He-
gel zufolge die positive Seite der Erneuerung und Verjüngung des Gei-
stes, welche die Orientalen im eindrucksvollen Bild des Phönix darstell-
ten. Menschliches Tun erleide nicht das Schicksal eines Tantalus, Ixion
oder Sisyphus, Hegels Credo lautet: ,Der Mensch ist nicht einfach hinein-
gerissen in den Strudel des Lebens, er ist Herr seines Schicksals und sei-
ner Bestimmung. Er kann durch sein Wirken, durch seinen, das Gute und
Böse begreifenden Sinn, den schönen Gang der moralischen Welt beför-
dern oder behindern und stören.' Größe besteht darin, sein Geschick
selbst in die Hand zu nehmen, im Bereitsein, ohne Furcht und Verwir-
rung in Glück und Unglück fortzuschreiten (Seneca). In diesem Welt-
Drama, in diesem ,buntesten Gedränge', wo aus unbedeutend Scheinen-
dem Bedeutendes hervorgehen kann, in diesem ungeheuren Gemälde von
Handlungen und Veränderungen, in dieser Vielfalt von Individuen, Völ-
kern und Staaten, in diesem Schauspiel der Tugenden und des Unverstan-
des könne langsam der rote Faden entdeckt werden, die zunehmend ge-
lingende gegenseitige Anerkennung der Menschen als Fortschreiten von
Freiheit. Die Erziehung des Menschengeschlechts zur Moralität .braucht
viele Veranstaltungen' (H 7). In der modernen Welt eröffne sich der
Menschheit die Möglichkeit, sich nach dem selbsteigenen Gesetz des
Vernünftigen zu bestimmen. „Unsere Zeit besonders ist so beschaffen,
daß die Menschen nicht mehr durch Autorität sich leiten lassen, sie wol-
len selbst thätig und zugegen sein" (H 8).
Es eröffne sich die Chance, daß der Humanus der neue, höchste und
letzte Heilige wird. So ergibt sich die Möglichkeit, der conditio humana
besser gerecht zu werden. Für die Gegenwart heißt dies, die höchstmög-
lichen Barrieren gegen die substantiellen Bedrohungen wie Hunger, Ar-
mut, Diskriminierung, Terror, Krieg und Völkermord aufzurichten. Ein
Wort von Oliver Goldsmiths Weltbürger trifft den Grundimpuls Hegel-
schen Denkens: „Die Welt gleicht einem Meer: die Menschheit einem
über seine stürmischen Buchten segelndem Schiff. Unsere Klugheit ist
das Segel, Künste und Wissenschaft dienen als Ruder, Glück und Un-
glück als günstige oder mißliche Winde: das Urteil ist das Steuer. Ohne
letzteres ist das Gefährt ein Spielball der Wogen."
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS 19

D e n k e n in w e l t b ü r g e r l i c h - g l o b a l e r A b s i c h t u n d
das E n d e der G e s c h i c h t e
Hegels Idee des Staates als Realisationsform von Freiheit beinhaltet den
Gedanken des individuellen Staates, des inneren Staatsrechts, des Verfas-
sungsstaates, zweitens den Gedanken der Verhältnisse der Staaten unter-
einander, des internationalen Rechts als Regulationsform ihrer Beziehun-
gen sowie drittens den Gedanken des Staats als allgemeiner Idee und
,Macht gegen die einzelnen Staaten', des Geistes der Welt als sich entfal-
tenden weltgeschichtlichen Zusammenhang. Hegel begreift die Weltge-
schichte als das geistige Universum, auch in diesem Sinne kann von einer
universalistischen Geschichtsphilosophie gesprochen werden. Die Pro-
blematik des Erreichens eines Zustands des Rechts, der individuellen
Freiheit, der substantiellen Anerkennung bleibt von der Errichtung einer
inter-staatlichen Ordnung des Anerkanntseins abhängig und kann ohne
letztere, ohne einen weltbürgerlichen Zustand, nicht gelöst werden. In
Hegels Konzept eines transnationalen Staatenbundes besteht die Chance,
den Zustand der Unvernunft, welcher sich besonders im Krieg als ,einem
Zustand, der Gewalt, Rechtlosigkeit und Zufälligkeit' äußert, zu überwin-
den. Welt-Frieden erwächst Hegel zufolge allerdings nicht allein aus dem
gemeinsamen Prinzip der Legitimität der Staaten und ihrer Verträge. Die
Errichtung einer vernunftgemäßen internationalen Verfaßtheit, einer
Welt-Verfassung, bleibt abhängig von der Respektierung einer allgemei-
nen, substantiellen Identität der Verfaßtheit der Staaten. Diese universale
Substanz bezieht sich auf die geistigen Fundamente der Staaten, auf die
Grundkonstituenzien ihrer Verfassungen. Erst deren prinzipielle Über-
einstimmung im Sinne eines gemeinsamen weit-kulturellen Fundaments
ermöglicht den Vollzug substantieller Anerkennung, worin die Respektie-
rung kultureller Verschiedenheit eingeschlossen ist. Es komme darauf an,
daß die verschiedenen Seiten auf .ungefähr gleicher Stufe' stehen, das
heißt ungeachtet kultureller Differenzen in der Akzeptanz grundlegender
Kriterien des Menschlichen übereinstimmen, daß ein universalistisch-welt-
bürgerlicher Minimalkonsens besteht. Der Respekt für die jeweils besondere
kulturelle Formation reicht dabei nur so weit, als die Essenz des gemein-
samen Fundaments nicht angetastet wird, die humane Substanz menschli-
cher Kultur, die gleichberechtigte Respektierung jedes einzelnen Men-
schen aufgrund seines Menschseins. Was Hermann Hesse für die Weltli-
teratur festhielt gilt auch für Hegels Sicht auf die große Erzählung Welt-
geschichte: „Aus dem tausendfältigen Gespinste unzähliger Sprachen und
Bücher aus mehreren Jahrtausenden blickt in erleuchteten Augenblicken
den Leser eine wunderlich erhabene und überwirkliche Chimäre an: das
Angesicht des Menschen, aus tausend widersprechenden Zügen zur Ein-
heit gezaubert."

Der ungeheuren Schwierigkeit bei der Verständigung auf diese allge-


meinen Prinzipien war sich Hegel sehr wohl bewußt, als Hindernisse gel-
211 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

ten ihm die unterschiedliche historische Tradition, die Differenz der Kul-
turen, die besonders in der ,Entgegensetzung der Religionen' ihre Ursa-
che hat. In der Zusammenstimmung von universalem Rechtsfundament
und der kulturellen Eigenart und Diversität moderner Staaten besteht
eine der am schwersten zu meisternden Herausforderungen heutiger und
künftiger Generationen. Hegel behandelt dieses Problemfeld in den
Überlegungen zum Verhältnis des Weltgeistes zu den Volksgeistern. Der
Begriff Volksgeist beschreibt die Vielfalt der inneren und äußeren Ver-
faßtheit einer Gemeinschaft (von den anthropologischen und geographi-
schen Bestimmtheiten über die politische Struktur bis hin und zu Kunst,
Religion und Philosophie), der Weltgeist repräsentiert das allgemeine sitt-
liche Bewußtsein, das in jedem einzelnen Selbstverständnis einer sittli-
chen Einheit, also in jedem Volksgeist enthalten ist. Sittliches Bewußt-
sein, sittliche Substanz kann also ,nicht nur ethnozentrisch konkret, son-
dern muß auch als ein alle ethnischen Schranken übersteigendes Bewußt-
sein gedacht werden' (H. F. Fulda). Der Weltgeist als ein weltbürgerlich-
sittliches Bewußtsein konstituiert sich in seiner angemessenen Form im
Geist der modernen Zeit, in welchem der Mensch sich seiner Freiheit als
seines Wesens bewußt wird, in einer Welt, in der er gilt, anerkannt ist, allein
weil er Mensch ist, weil er allein aufgrund seines Mensch-Seins anerkannter ,Bürger I
der Welt', Kosmo-Polit, ist.
Von diesem Prinzip der Weltburgerlichkeit aus muß in der Ge-
schichtsphilosophie alles betrachtet werden, dies ist der Maßstab der Be- j
Wertung des Zustandes einzelner staatlich-kultureller Gemeinschaftsfor- I
men und trans-nationaler Strukturen. In seinem Begriff Weltgeist fixiert
Hegel nicht ein durch die Weltgeschichte geisterndes Gespenst, nicht ei-
nen Maulwurf der Historie oder einen durch Jena reitenden französischen
Imperator, sondern die weltbürgerlich-globale Absicht seines Denkens. |
,Das ganze Menschengeschlecht ist der Werkmeister der moralischen
Welt'. Das Prinzip des Freiheitsbewußtseins aller Menschen ist nicht eine
unveränderliche Substanz des historischen Geschehens, sondern Ergeb-
nis eines Stufenganges, der in der modernen Welt als einer Formierung
des Rechts seinen Zenit erreicht, insofern individuelle Freiheit universell
anerkannt und garantiert werden kann. Hegel beschreibt das Prinzip des
im Denken gegründeten freien Willens ausdrücklich als das fetzte Bewußt-
sein des Tiefsten' (KH 495). Das fetzte Prinzip', dies ,let%te tiefste Bewußt-
sein', daß der .freie Wille die substantielle Grundlage aller Rechte' ist, sei j
nunmehr erfaßt (Ack 476, 479). Mit diesem Prinzip der Freiheit ,gehen
wir denn über zu dem letzten Stadium der Weltgeschichte, zur Form unseres
Geistes, unserer Tage' (Ack 475). Die moderne Welt repräsentiert das ]
Ende der Geschichte, die letzte historische Welt-Formation. Dies impliziert
weder ein atopisches Moratorium' (Ernst Bloch) bzw. den .Ausschluß
von Zukunft' (Ortega y Gasset) noch die Öffnung hin zu neuen Stufen.
Eine höhere Stufe als Welt-Formierung des Prinzips Freiheit als das der
Freiheit aller steht Hegels Begriff von Geschichte entgegen, ein Begriff,
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS 21

der sich nicht allgemein auf menschliches Geschehen, sondern auf einen
Stufengang, auf eine .Schichtung' bezieht und sich von unserem heutigen
Gebrauch wesentlich unterscheidet. Die historische .Welt-Geschichtung'
hat, so könnte man in Anlehnung an die geologische Sicht sagen, ihre
letzte, abschließende .Schicht' erreicht, durch das universale Freiheitsbe-
wußtsein ist die Geschichte zu ihrem eigenen Grund gekommen und geht
— als endlicher Prozeß — auch zugrunde. Um es metaphorisch auszudrük-
ken: Das historische ,Leben' der Pflanze Weltgeschichte hat ihr höchstes
Stadium erreicht, in der Metamorphose der Freiheit befinden wir uns in
der Ausformung der Blüte. Wie bei der Pflanze kann es kein höheres .Le-
bens- oder Welt-Alter' geben. Im Unterschied zur Pflanze, deren Leben
sich notwendig vollendet, steht die Menschheit allerdings vor einer Alter-
native - vernünftige Gestaltung der ,Blüte' oder Untergang.
Hegels Rede vom Ende der Geschichte beinhaltet nicht den definiti-
ven Abschluß menschlichen Geschehens im Sinne eines Status der Per-
fektion, im Sinne der aktualen Präsenz der Besten aller Welten oder eines
diesseitigen Paradieses. Ein unvoreingenommener Blick auf die heutige
Weltsituation zeigt die tagtägliche Präsenz von Diskriminierung, Hunger,
Unterentwicklung, Terror und Krieg. Millionen von Kindern müssen
hungern, sind ohne Wohnung und gesundheitliche Betreuung, haben kei-
ne Chance auf ausreichende Bildung. Ein winziger Bruchteil der Men-
schen verfügt über den Löwenanteil des materiellen Reichtums. Diese
sich immer größer auftuende Schere zwischen Arm und Reich, zwischen
Verelendung und Luxus, hält Hegel für die gefährlichste Selbstbedrohung
der modernen Gesellschaft. Spätere Generationen werden diese inakzep-
table Lebenslage der Mehrheit der Weltbevölkerung wie auch die zuneh-
menden Gefährdungen ökologischer Gleichgewichte in ihr Bild vom Be-
ginn des dritten Jahrtausends unübersehbar einzeichnen. Auch die in vie-
len Hinsichten vorhandene Arroganz der .reichen Welt' wie die ungenü-
gende politische Institutionalisierung der Globalisierung (im deutlichen
Unterschied zu den effektiven Netzwerken transnationaler Unterneh-
men), die gravierenden Defizite im Völkerrecht und bei der Konstitution
einer modernen internationalen Staatenvereinigung stehen dem durchaus
diagnostizierbaren Gewinn an Freiheit gegenüber.
Hegel zufolge vollzieht sich menschliche Entfaltung in der modernen
Zeit innerhalb des erreichten Welt-Rahmens, das moderne Prinzip der
Subjektivität muß sich in die Bewußtseine hinein und in die Welt hinaus-
bilden. Es geht am Ende der Geschichte nicht mehr um die ^-Schich-
tung', sondern um die ,Ge-Staltung' von Freiheit, dem erkannten, gewonne-
nen Begriff von Freiheit kann die angemessene, ihm würdige Gestalt ver-
liehen werden. Das weitere menschliche Geschehen erscheint als eine
Zeit der Formierung von universeller Freiheit. Metaphorisch könnte man
von der Zeit der Dämmerung des Weltgeschichtlichen sprechen, in der
das Wissen über die Freiheit seinen wahren Flug beginnt. Eine Gestalt
des Lebens, die Geschichte, ist alt geworden, es gibt für sie keine ,Verjün-
22 EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

gung', keine Rückkehr zu früheren, vermeintlich idyllischen Formen, kei-


nen Aufbruch zu substantiell neuen Stufen. Es bleibt den Menschen .nur'
die Erkenntnis und die weltumspannende Realisation des Prinzips Frei-
heit.
Das Ende der Geschichte kann so als eigentlicher Beginn humaner Exi-
stenz interpretiert werden, als Anfang eines Zeitalters, in dem der Mensch
als neuer, höchster und letzter Heiliger gilt. Dies ist das einzige, was
Hegel über die Zukunft sagt. Es handelt sich weder um die utopische
Verheißung eines irdischen Paradieses, zu dessen Einrichtung .letzte
Schlachten' geschlagen werden, noch um die Vertröstung auf ein himmli-
sches Reich, nicht um ein prophetisches Raunen oder um mystische Zu-
kunftsvisionen in Form des Glaubens an künftige Welt-Alter oder tau-
sendjährige Reiche. Begreifen und Gestalten der Freiheit, der conditio
humana ist für Hegel kein bequemes Unternehmen auf paradiesischen
Pfaden, kein Wandeln wie in den schönen Hainen des antiken Griechen-
land, kein Spaziergang in toskanischen Weinbergen, eher wohl die
schwierigste Aufgabe der Menschheit schlechthin, ein Projekt, das sich
noch in Kinderschuhen bewegt.
Die wichtigste Botschaft Hegels in diesem Kontext besteht wiederum
in der Forderung nach der Anstrengung des Denkens, der stets neu notwen-
digen denkenden Betrachtung der menschlichen Geschehnisse. Der Ver-
weis auf ein Nicht-zu-Wisssendes als ,Ur-Grund' verfehlt die reflektierte
Sittlichkeit, die nicht auf blinden Glauben, Heilsversprechen, Instinkte
oder die Amme Gewohnheit setzt, sondern auf ein Prüfen und Wägen des
Guten und Bösen, des Gerechten oder Humanen. Dieses denkende Prü-
fen bildet das Kerndefizit der Fundamentalismen jeglicher Couleur. Der
Verzicht auf solches Denken geht oft einher mit einem religiös-politi-
schen Sendungsbewußtsein und der bloßen Berufung auf Instanzen eines
vermeintlich höheren Tugendhaften und Guten, wodurch alle Feld- oder
Kreuzzüge der selbsternannten Gralshüter dieses Guten gerechtfertigt
seien. Hegel zufolge führt die Macht solch abstrakter, nicht durchs Den-
ken legitimierter Vorstellungen zum Fanatismus, zur Kultivierung des
Verdachts als einer unmittelbaren Gewißheit, mit anderen Worten: zur
Herrschaft der .Furien des Zerstörens und Vernichtens'. Ein Denken in
vernünftiger, freiheitlicher und weltbürgerlicher Absicht hingegen kann
dem Menschen helfen, frei leben zu lernen. In Abwandlung einer Schil-
lerschen Sentenz könnte Hegel sagen: ,In deinem freien Denken sind des
Schicksals Sterne.'
Editorische Bemerkungen

Im Rahmen einer ersten Ausgabe der Gesamtwerke Hegels durch den


„Verein von Freunden des Verewigten" erschien 1837 als neunter Band
Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte} Der Herausgeber
Eduard Gans stützte sich dabei auf eigenhändige Manuskripte von Hegel
(Handschriften aus verschiedenen Jahren sowie ein eigens für den Vorle-
sungszyklus 1830/31 verfaßtes Manuskript) und auf Nachschriften der
Hegeischen Geschichtsphilosophie-Kollegs aus allen fünf Jahrgängen -
1822/23, 1824/25, 1826/27, 1828/29 und 1830/31. Als Verfasser dieser
Nachschriften sind Schulze, von Griesheim, Hotho, Werder, Karl Hegel
und Heimann genannt. 2 Gans versuchte durch eine Kompilation der Hef-
te ,aus Gesprochenem Lesbares zu machen'. Die Crux eines solchen Ver-
fahrens war ihm aber durchaus bewußt: Um ein durchaus unverfälschtes,
,authentisches' Werk des Philosophen zu erhalten, dürften den Hegel-
schen Gedanken keine eigenen des Herausgebers unterschoben werden.
Gans' Absicht bestand darin, ,den eigentümlichen Typus der Abfassung
auf keine Weise zu verändern' und ,nur da, wo es absolut nothwendig
wäre, ergänzen, ausfüllen, nachhelfen'. Er wolle ,nicht sein Buch, sondern
das eines anderen dem Publikum vorlegen'. 3 Dieses Vorhaben ist aller
Anerkennung wert, kann aber in Gestalt einer solchen Kompilation von
Texten in reiner Form nicht gelingen. Der Herausgeber hinterläßt bei ei-
nem solchen Unternehmen immer einige .geistige Fingerabdrücke' (M.
Grimes). Dies betrifft auch die 1840 erschienene zweite Ausgabe, in wel-
cher Karl Hegel eine neue Fassung des Textes vorlegte. Größere Beach-
tung sollte hierbei den ersten Vorlesungszyklen (1822/23 und 1824/25)
geschenkt werden, Karl Hegel wollte .von den eigenhändigen Manuscrip-
ten' ausgehen .und sich jener Hefte nur bedienen, um sich in diesen zu
orientiren und sie zu ordnen'. 4 Auch die späteren Editionen (G. Lasson,
J. Hoffmeister, Bd. 12 der Theorie Werkausgabe) gründen sich auf das

1
Georg Wilhelm Hegel's Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte.
Herausgegeben von D. Eduard Gans. Berlin 1837 (Bd. IX).
2
Vgl. dazu: F. Hespe: Hegels Vorlesungen zur „Philosophie der Weltgeschich-
te". Hegel-Studien Bd. 26, 78 ff.
3
Vgl. Anm. 1; Vorwort, XVI-XVI.
4
Karl Hegel: Vorwort zur zweiten Ausgabe. Bd. IX, XXI.
24 EDITORISCHE BEMERKUNGEN

kompilatorische Vorgehen. 5 1996 erschien schließlich eine verdienstvolle


Edition von drei Nachschriften aus dem ersten Jahrgang 1822/1823.'
Die listige Vernunft ermöglichte mir den Fund der von Eduard Gans
erwähnten und genutzten Mitschrift von Dr. Heimann aus den Jahren
1830/31. Bei Archivrecherchen in Budapest nach anderen Dokumenten
wurde neben einem bislang unbekannten Brief von Hegel 7 sowie Hand-
schriften von Fichte und Schelling 8 auch das Heimann-Heft entdeckt.
Dieses befindet sich unter der Signatur BEK Ms F 59 in der Handschrif-
tenabteilung der Universitätsbibliothek Budapest (Budapest! Egyetemi
Könyvtär). Die Frage, auf welchem Wege dieses Papier nach Budapest ge-
langte, beantwortet eine auf der ersten Seite der Handschrift vorhandene
Eintragung auf ungarisch, deren deutsche Fassung lautet: „Das Manu-
skript habe ich aus der Bibliothek des Berliner Rechtsprofessors Gans be-
schafft. Dies ist eines von denen, die er bei der Ausgabe von Hegels Werk
verwendet hat (siehe Philosophie der Geschichte. XIX 1.). Berlin 13. Au-
gust 1853. Wenzel, Gustav". 9 Gustav Wenzel (1812-1891) hatte seit 1838
den Lehrstuhl für Geschichte an der Pester Universität inne und zugleich
einen Lehrstuhl für Jura am Wiener Theresianum. 10
Das vorliegende Kollegheft ist gebunden, und jedes Blatt ist doppel-
seitig beschrieben. Auf den ungeraden Seiten befinden sind oben rechts
(wahrscheinlich später) mit Bleistift die Seitenzahlen eingetragen. Wohl
aufgrund eines Fehlers beim Zählen fehlen die Seiten 33 und 34. Die Sei-
ten 115 und 118 sind leer, die Seiten 116 und 119 erst ab der Mitte be-
schrieben.

3
Vgl dazu: W. Jaeschke: Problem der Edition der Nachschriften von Hegels
Vorlesungen, AZP 1980 5/3; A. Großmann: Weltgeschichtliche Betrachtun-
gen in systematischer Absicht. Zur Gestalt von Hegels Berliner Vorlesungen
über die Philosophie der Weltgeschichte. Hegel-Studien 31 (1996).
6
Georg Wilhem Friedrich Hegel. Vorlesungen über die Philosophie der Welt-
geschichte. Berlin 1822/1823. Nachschriften von Karl Gustav Julius von
Griesheim, Heinrich Gustav Hotho und Friedrich Carl Hermann Victor von
Kehler. Hrsg. von K.-H. Häng, K. Brehmer und N. N. Seelmann. Hamburg
1996.
7
Vgl.: K. Vieweg: „Ihr so interessantes Vaterland". Ein Brief Hegels an den
ungarischen Gelehrten Ludwig Schedius. Hegel-Studien 30, 1995.
8
Der erste Band der jetzt vorliegenden .Doppeledition' Friedrich Wilhelm Jo-
seph Schelling. Philosophie der Mythologie in drei Vorlesungsnachschriften
1837/1842 (Hrsg. K. Vieweg und Chr. Danz) erschien 1996 in dieser Reihe
als Band 1 der Abteilung Editionen. Eines dieser Kolleghefte von Schellings
Vorlesungen befindet sich in der Ungarischen Nationalbibliothek in Buda-
pest.
9
Vorname schwer lesbar, möglicherweise ein Kürzel des Vornamens Gustav.
10
Als Hauptwerke des 1879 geadelten Wenzel zählen: Ungarische Geschichte bis
1561 (1856); Allgemeine europäische Rechtsgeschichte (1869) und Ungarisches Pri
recht vor 1848 (1885).
EDITORISCHE BEMERKUNGEN 25

Außer einem Siegel der Universitätsbibliothek findet sich auf dieser


ersten Seite oben der Eintrag: Die Philosophie der Geschichte nach He-
gel von Heimann geschrieben im Winter 1830/31."

Zumeist steht am Schluß der jeweiligen Mitschrift eines Vortrags am


Rand das jeweilige Datum der Vorlesung. Der Kurs begann am 8. 11.
1830, dies entspricht der Hegeischen Datierung des Anfangs des zweiten
Entwurfs einer Einleitung (8. XI 1830).' 2 Dieser neu entworfene Teil ei-
ner Einleitung wurde von Gans verwendet, diese sollte .augenscheinlich
an die Stelle der früheren Einleitungen treten'. 13 Auch ist der erste Satz
beider Dokumente identisch: „Der Gegenstand dieser Vorlesungen ist die
Philosophie der Weltgeschichte." Seit Beginn des Wintersemesters am 8.
November 1830 hat Hegel fast regelmäßig jeden Wochentag eine Stunde
zur Philosophie der Geschichte gelesen, vermutlich bis zum Freitag, dem
1. April 1831.
Die Häufigkeit der im Text verwendeten Abkürzungen und Kürzel, ei-
nige ,holprige' Formulierungen sowie Verschreibungen und Fehler bei
Eigennamen lassen vermuten, daß es sich um eine Mitschrift des Vorle-
sungszyklus handelt. Dies bringt den Vorzug hinsichtlich einer bestimm-
ten Authentizität der Wiedergabe im Vergleich zu den ausgearbeiteten
Manuskripten von Ackersdijck und Karl Hegel aus dem gleichen Jahr-
gang.14 Die Schattenseite besteht allerdings im Einschleichen von Hör-
fehlern und Mißverständnissen infolge der Schnelligkeit des Vortragens.
Auch fehlen im Vergleich zu den Editionen und zu den Nachschriften
Ackersdijck und Karl Hegel die Überlieferung einiger Passagen sowie
wahrscheinlich die Mitschriften aus der letzten Semesterwoche (28. 3. bis
1. 4. 1831). Um diese Lücken in der vorliegenden Edition zumindest teil-
weise zu schließen, werden im Anhang die entsprechenden Texte aus den
Nachschriften Ackersdijck und Karl Hegel abgedruckt. 15 Die Anhänge 1
bis 3 beinhalten die bei Heimann fehlenden Passagen aus dem Zeitraum
21. bis 23. 3. 1831, Anhang 4 und 5 die Vorträge vom 28. 3. bis zum 1. 4.
1831. 16

11
Diese Worte stammen wahrscheinlich von Heimann.
12
Vgl. Hespe, a. a. O., 84.
13
Hegel: TWA 12, 563.
14
Vgl. dazu: Hespe, a. a. O., 82-83. Zur Ackersdijk-Nachschrift (G. W. F. He-
gel: Dictat über die Philosophie der Geschichte, 1830/31) vgl.: Handschrif-
ten en Oude Drukken van de Utrechtse Universiteitsbibliothek. Utrecht
1984. 286 f, Nr. 140 f.
15
Besonderer Dank geht an Otto Pöggeler, der freundlicherweise die Tran-
skriptionen beider Manuskripte zur Verfügung stellte, dem Hegel-Archiv
Bochum und der Universitätsbiliothek Utrecht, die den Abdruck von Passa-
gen der Karl Hegel- und der Ackersdijck-Nachschrift erlaubten.
16
Möglicherweise fehlt bei Heimann die Vorlesung vom 22. 3. 1831. Der Text
des Anhangs 3 fehlt ebenfalls in der Nachschrift Ackersdijck. Ob Hegel in
26 EDITORISCHE BEMERKUNGEN

Die Heimann-Mitschrift kann aufgrund des Vergleichs mit den vorlie-


genden Ausgaben und den beiden genannten Nachschriften — mit aller
gebotenen Vorsicht - als eine sehr gute Wiedergabe der Hegeischen Vor-
träge eingeschätzt werden, ungeachtet der Irrtümer, Verschreibungen und
der Lücken. Die vorliegende Publikation versteht sich ausdrücklich nur
als Vorarbeit zu einer künftigen kritischen Edition von Hegels Vorlesun-
gen über die Philosophie der Geschichte im Rahmen der Kritischen
Werkausgabe. Aus diesem Grunde wurden nur sehr sparsam Anmerkun-
gen und Hinweise auf Quellen und Literatur aufgenommen, es wurde auf
weitere Kommentierungen sowie auf ein Schlagwortverzeichnis verzich-
tet. Das Hauptanliegen dieser Edition besteht darin, den Text so bald wie
möglich der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Zur Textgestaltung
Es wurde eine weitgehend manuskriptgetreue Wiedergabe der Hand-
schrift angestrebt. Die Schreibweise wurde allerdings vereinheitlicht und
in einigen Fällen modernisiert. Offenbare Verschreibungen wurden korri-
giert, bei manchen Eigennamen wurde die Textfassung in die Anmerkung
aufgenommen. In ganz wenigen Fällen sind offensichtlich fehlende Wor-
te in eckigen Klammern vom Herausgeber ergänzt. Eine besondere
Schwierigkeit bestand im Umgang mit den außerordentlich vielen Abkür-
zungen und Kürzeln. Hier wurden die fehlenden Buchstaben im Kursiv-
druck eingefügt - Beispiele: Religiosität statt Rlgostt; Reflexionsbestimmung
statt Reflxbstg; Beschaffenheit statt Bschffenh; Staatsverfassung statt
Stsvrfss, Nachbarschaft statt Nchbrsch; Hauptsache statt Hsche, G^walt-
thätigkeit statt Gwltthtgk; Selbständigkeit statt Sstndgk oder Bei-sich-selbst-
Sein statt bssS. Bei häufig vorkommenden Wörtern wurde die normale
Schreibweise stillschweigend verwendet (ohne kursivierte Buchstaben) -
Beispiele für die letztgenannten Fälle: Weltgeschichte statt Wgsch; Philo-
sophie statt Phls; Gegenstand statt Ggst; Begriff statt Bgr; Bestimmung
statt Bstg; Entwicklung statt Entw, Erscheinung statt Ersch; auf statt f,
wie statt w; als statt s; über statt üb; nach statt ach; nur statt r; ist statt st;
und statt u; auch statt ch; an statt a; in statt i, zu statt z. Die vom Mit-
schreiber genutzten Kürzel und Zeichen - Beispiel: Kreuz f für starb
oder Tod; 31gk für Dreieinigkeit; verlgt für vereinigt; 1 für ein, eine oder
eines; 3te für dritte oder Dritte; 3Thlu für Dreiteilung etc. In den wenigen
problematischen Fällen (z. B. Mehrzahl- oder Zeitformen - Beispiele:
Quellf oder Quell?« statt Quell; gibt oder gab für g) wurde die plausibelste
Variante gewählt.

der abschließenden Semesterwoche an allen fünf Tagen gelesen hat, konnte


nicht ermittelt werden.
EDITORISCHE BEMERKUNGEN 27

Die Überschriften sind in größerer Schrift gedruckt, Unterstreichun-


gen im Text in durchgängiger Kursivierung.
Die am Textrand verzeichneten Termine, die jeweils handschriftlich
zum Abschluß der Vorlesungen stehen, wurden an den Anfang der Wie-
dergabe des jeweiligen Vortrags gerückt. Auf den Seiten 21, 35, 51, 63, 79,
91, 107 und 123 stehen oben rechts „Philosophie der Geschichte" (in Ab-
kürzung) sowie fortlaufend die Ziffern 2 bis 9.

Für die Anhänge 1 bis 5 stützte sich der Herausgeber auf die Transkrip-
tionen von Otto Pöggeler. Es wurden hierbei einige wenige abgekürzte
Wörter ausgeschrieben (Beispiele: prot bzw. protest - protestantisch;
kath bzw. kathol - katholisch; franz - französisch; subj - subjektiv(e, en);
u - und.

Erläuterung der verwendeten Zeichen:


! !
Ergänzungen des Herausgebers
Beginn der jeweiligen Seite in der Handschrift
[?] fragliche Lesart
< > unlesbare Buchstaben oder Wörter
\ \ durchgestrichenes Wort bzw. durchgestrichene Wörter
M nach diesem Zeichen wird in den Anmerkungen die Schreibweise
im Manuskript angegeben
TWA G. W. F. Hegel. Werke in zwanzig Bänden. Auf der Grundlage der
Werke von 1832-1845 neu edierte Ausgabe (E. Moldenhauer und
K. M. Michel). Frankfurt a. M. 1970
H Originalmanuskriptseiten des hier edierten Heimann-Heftes
(1830/31)
Ack Nachschrift Ackersdijck (1830/31)
KH Nachschrift Karl Hegel (1830/31)
G H K Nachschriften von Griesheim, Hotho und von Kehler (1822/
1823) 17

An erster Stelle geht der Dank für die Mitarbeit an dieser Edition an
Bernhard Pfeiffer (Jena), der die mühevolle Transkriptionsarbeit über-
nahm. Nochmals danke ich Otto Pöggeler (Bochum), der freundlicher-
weise die Transkriptionen der Ackersdijck- und der Karl-Hegel-Nach-
schrift zur Verfügung stellte. Hinweise zum Text gaben Ella Csikos und
Janos Rathmann (Budapest) sowie Tilman Seidensticker (Jena) und Hel-
mut Schneider (Bochum). An der Fertigstellung der Druckfassung waren
Marc Schuler, Yvonne Förster, Tino Nazareth, Tommaso Pierini, Michael
Thaldorf und Christian Tornau beteiligt.

17
Vgl. Anmerkung 1
28 EDITORISCHE BEMERKUNGEN

Dank geht auch an die Universitätsbibliothek Budapest, an die Deutsche


Forschungsgemeinschaft und an die Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Klaus Vieweg Jena, im November 2003


Text der Nachschrift Heimann (1830/31)

|1|

8/11 1830.

Die Philosophie der Geschichte


nach Hegel

von
Heimann geschrieben zum Winter 1830/31
|3|

Einleitung.

Der Gegenstand dieser Vorlesu«g ist die Philosophie der Weltgeschichte;


das ist die denkewde Betrachtu«g der Geschichte; und da jede Beschäfti-
gung des Mensche» mit Denken verbunden ist, so ist auch hier das Denken
nothwendig. Jedoch gewöhnlich wird der Gedanke gebaut durch das Gegebe-
ne; der Philosophie aber werden eigene Gedanke« zugeschrieben, welche
die spekulierende Vernunft gefunden, abgesehen von dem Daseienden. So
verändert nun die Philosophie die Geschichte selbst, daß sie diese a priori
aufzufassen scheint. Die Geschichte hält sich a« das Gegebene, das For-
schungen, Denken zwar auch verlangt, aber hier sind es nicht besondere
Gedanken, die geltend gemacht werden. Es sehe;'»/ nun die Philosophie mit
diesem Zweck in Widerspruch zu stehen, indem sie «ach w/tgebrachten Ge-
danken die Geschichte behandelt. Deshalb wollen wir über den Begriff der
Philosophie der Weltgeschichte und die Folgen, die aus diesem Begriff
kommen, z«erst in der Einleitu»^ sprechen. Das Verhältnis des Gedanke«^
und des Geschehen/ wird sich im richtigen Verhältnis zeigen. Von den
schiefen Vorstellung« die ma« sich gemacht, werde« wir also uns hier nicht
einlassen zu sprechen.
1) Der allgemeine Begriff und der allgemeine Zweck in der Philoso-
phie der Geschichte und die nähere Bestimmung dieses allgemeinen
Zweckes ist hier anz«geben. Der Zweck soll sich hier auf die Geschichte
selbst a« ihr selbst wie sie geschehen ist, nicht auf unsere Kenntnis beziehen.
Das dritte ist die Entwicklungsweise dieses Endzwecks der Weltgeschichte,
die Art der Erscheinung dieser Entwicklung
32 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

I. Über den Begriff der Philosophie der Weltgeschichte.


Der Philosophie wirft ma» also vor, daß sie mit eigenen Gedanke« a« die
Geschichte tritt. Die Philosophie hat nur einen Gedanke«, daß die Ver-
nunft herrscht, daß es also auch in der Geschichte vernünftig zugegangen
ist. In der Philosophie gibt es nun aber keine Voraussetzu»£e«, keine Au-
torität, es ist nur Voraussetzung, die ma« auf die Geschichte übertragt. Die
Vernunft ist die Substa«z wie die unendliche Macht alles natürlichen und
ge/stigen Lebens und die Bethatigung ihres Inhalte. Der wahre Inhalt der
Vernunft hat alles Sein und Bestehen. Die Vernunft ist nicht unmächt/g,
es nur bis z«m Sollen und Idealen zu bringen, und lebt nicht bloß in den
Köpfe» einiger Menschen; sie ist der unendliche Inhalt, alle Wesenhe// und
Wahrhe//; sie ist sich selbst Stoff und bedarf nicht der Bedi«gungen äußerli-
chen Materials für ihre Thätigkeit. Sie ist sich selbst Voraussetzu«^; sie bringt
a«s dem Innern in die Erscheinung den unendlichen Zweck, sowohl des
natürlichen als des geistigen Un/versums, oder der Weltgeschichte. Eine
solche Idee ist nicht die Unmacht. Sie offe»bart »«r sich selbst in der Welt;
die Erde ist der Schauplatz der Herrlichkeit der Vernunft, und dieses ist die
Voraussetzu«_g der Philosophie, die sie bei der Weltgeschichte als einem
Gliede, dem schon vieles vorangegangen ist, macht. Sie, meine Herren, die
noch nicht Philosophie studiert haben, könnte ich nur bitten, Glauben an
die Vernunft zu haben. Diesen Glauben habe ich vorläufig nicht in An-
spruch zu nehmen. Was ich sa^e, ist nicht Voraussetzu«^, sondern allge-
meine Übersicht des Ganzen, Resulta/ dessen, was sich vor uns darstellen
soll. Das Resulta/ist mir bekannt, und ich gebe Ihnen nur eine Vorstellung
von d/esem, was sich selbst beweise» wird, daß der Weltgeist, der Geist
überhaupt, die Substanz der Geschichte ist. Die Natur des Geistes ist im-
mer dieselbe, und in dem Wettdasein ist die eine Natur nur expliziert. Aus
der Weltgeschichte selbst wird sich das zeigen, was ich sa^e. Wir müssen
uns nicht von Historikern vom Fach verleiten lassen, die große Autor/tat
haben, als solche, die aus Quellen studieren, und diese gerade dichten, was
nie da war, so z. B., daß es ein Volk gegebe«, das alle Einsicht in alles
Wahre gehabt habe; oder diese oder jene Priestervölker seien da gewesen;
oder es habe ein römisches Epos gegebe«, woraus die spätere« römischen
Geschichtsschreiber geschöpft. Diese apriorischen Sätze überlassen wir den
Historiker» vom Fach. Wir wollen treu die Geschichte auffassen; hierin
liegt aber die Zweideutigkeit; denn kein Autor ist bei der Geschichte pas-
siv, wenn er sie behandelt; er bringt seine Kategorien herein und seine
Auffassung; allenthalben denkt der Mensch. Wer die Welt vernünftig an-
sieht, den sieht auch sie vernünftig an. Die unterschiedlichen Weisen des
Denkens »wirßten wir durchgehen, um die verschiedenen Gesichtsp««/fe/e in
der Geschichte kennen zu lernen. Aber es gibt Wichtiges und Unwichti-
ÜBER DEN BEGRIFF DER PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE 33

ges. Jenes läßt uns beurthe/len, dieses scheiden wir. — Vernunft herrscht in
der Welt, und Vernunft hat in der Weltgeschichte geherrscht. Der ge-
schichtliche Umstand ist bekannt, daß der Grieche Anaxagoras gesagt, daß
der voüc, die Welt regiert (nicht ein Geist sei).
| 41 Dieser voü<; ist noch nicht der selbstbewußte Geist, sondern der len-
kende Geist, wie er z. B. im Sonnensystem herrscht. Der Mensch aber
weiß sie erst. Der Gedanke, daß das nothwe«aVge Gesetz alles lenkt, frap-
pirt uns nicht. Anaxagoras hat zwar nur die physische Natur gemeint, aber
auch in der Geschichte ist er herrschend. Der Gedanke selbst jedoch frap-
piert uns nicht. Er hat aber Epoche gemacht in der Geschichte des Gei-
stes. Er hat Aristoteles sagen lassen, daß Anaxagoras ein Liriit unter Trunke-
nen war, Sokrates und alle, außer Epikur, haben den Gedanken fort sich
bewegen lassen. Als Sokrates ihn gefaßt hatte, ward er a#fs heft/gste be-
wegt; er freute sich einen Lehrer gefunden zu haben, der in der Natur ihm
die Vernunft und in den Zwecken den Endzweck zeigte. Aber getäuscht
ward er, da er tiefer forschte, daß die Anwendu«^ des Prinzips auf die
konkrete Natur so schlecht von ihm (dem Anaxagoras) aufgefaßt war, daß
die Natur nicht als eine aus der Vernunft hervorgegawgene Orga«/sation
aufgenommen ist. Abstra^/ blieb das Prinzip bei dem Anaxagoras; beim
Anaxagoras war er noch nicht konkre/.

9/11

Die Welt ist nicht dem Zufall preis gegeben, sondern eine Vorsehuwg re-
giert sie, so daß auf die Religion jener Gedanke angewendet ist. Diesen
Satz können wir aus der Religion vora«ssetzen, indem wir dran glauben,
aber die Philosophie macht keine Vora»ssetz««gen. Die Wissenschaft
selbst wird die Voraussetzung erfüllen. Dieser Satz aber muß an und für sich
wahr sein; die Richtigkeit von ihm muß auch aus der Weltgeschichte her-
vorgehen. Aus der Erscheinung leitet ma« einen Satz ab, und der Satz ist
richtig, wenn die Erscheinung demseÄe« entspricht, und sich verhält, wie
das Gesetz es ausspricht. Die wahrhafte Wahrheit muß an ihm selbst wahr
sein.
Der voüc, regiert also die Welt mit unendl/V/;er Macht, welche die Zwek-
ke der Weisheit verwirkl/cht in der Welt; das Denken, das sich frei aus
sich bestimmt, und sich selbst bewußt ist, kommt erst als eine nähere Be-
stimmung zu jener weisen Macht. Es ist also eine Verschiedenheit an dem
Glauben der Vorsehung, und auch ein Gegensatz sogar, indem das Ge-
setz des Anaxagoras mit der Forderung des Sokrates sich entgege» steht.
Anaxagoras geht nicht auf das Bestimmte in der Anwendung; ebenso ist
auch der Glaube an die Vorsehung, der nicht zur Anwendung übergeht,
zur Erkenntnis des We/rverlaufs; in der Geschichte führt man gewöhnlich
mit einer Anwendu»^ jenen Satz nicht aus. In der pragmatischen Ge-
schichte nimmt man die Leidenscha/ten der Individuen, die Fehler und das
Genie derselben, die Macht der Armeen, den z«fäll/gen Kopf des einen
34 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Menschen als die natürlichen Ursachen der Begebenhe//en in der Geschich-


te an. Im Phädon des Plato spricht Sokrates über den voüc, des Anaxagoras
und fra_g/, warum er im Gefängnis sitze, weil es den Athener» für Recht ge-
schienen, ihn einzusperren, und ihm, den Gese/zen zu gehorchen; nach
Anaxagoras aber müßte man es so erkläre», weil er Knochen und Nerven
hat, und dieses sind die natürlichen Ursachen seines Sitzens im Gefängnis:
Aber dieser sind nicht die Gründe, sondern jene ersten. So geht es auch
mit dem Glauben an die Vorsehu»^, den man in der Geschichte vergißt,
daß die Vorsehu«^ in der Geschichte geherrsch/ und bestimmt hat, die
sich so und so bestimmende Vorsehu«^, dieses bestimmte derselben ist ihr
Plan, ihr Zweck. In Ansehu«^ d/'eses Planes behauptet man, daß er vor un-
sere« Augen verborgen, und es sei Vermessenhe//, diesen Plan erkennen zu
wollen. Von Anaxagoras ka»» man sagen, daß seine Unwissenhe// darin un-
befangen war, indem das Denken sich noch so a«sgebildet, daß es sich auf
das Konkrete anwendete; seine Unwissenhe;'/ war unbefangen. Sokrates
that einen Schritt weiter, indem er vom Abstrakten fortging. Anaxagoras
nun war nicht polemisch gege» die Anwendu«^; aber jener religiöse Glaube
ist wohl polemisch gege« die Anwendung im Großen, daß die Erkenntnis
des Planes der Vorsehu«^ möglich sei. Im Einzelnen thut man es wohl.
Fromme Gemüther sehen nicht bloße Schickung« Gottes, sondern Zwek-
ke, die Gott mit ihnen verbinde; aber die Frömmigke// thut es auch nur im
Einzelnen, wenn ein Individuum aus Verlegenhe/7 gerissen und dankbar ist,
und zu Gott aufschaut; aber es ist nur ein ga«z einzelnes Schaden. In der
Weltgeschichte dagegen haben wir es auch mit Individuen zu thun, die aber
Völker sind und mit Ga«zen, die Staaten sind, und wir bleiben nicht bei
Kleinkrämerei; sondern gehen zu den große« We//ere/gnissen, worin wir
die Vernunft erkennen und bleiben nicht beim bloßen Abstrakten: ,es gibt
eine Vorsehu«/ stehen. Wir haben ernst es zu machen, die Mittel, die Er-
scheinungen in der Geschichte zu d»rir/ild«fen, die offen vor uns liegen,
und sie auf das allgemeine Prinzip zu beziehen.

|5|
Es ist die Frage: Ist es möglich, Gott zu erkennen, keine Fra^e mehr, son-
dern nur glauben[?], es ist nicht möglich, und d/eses ist zur Lehre gemacht
worden; aber durch die christl«v6e Religion ist es geboten, Gott nicht bloß zu
lieben, sondern zu erkennen; der Geist ist es, der in die Wahrheit einführt;
die christl/VAe Religion ist die geoffenbarte, in der er sich und seine Natur
und Wesen zu erkennen gegebe« hat. Unsere Materie hängt also mit Etwas
Andere« (der Religion) noch zusammen1, und die Philosophie selbst hat ein
gutes Gewissen, sich in den religiösen Inhalt zu begeben, und die Religion
selbst gegen Feinde zu vertheidigen. Gott ist nicht mehr verschlossen, son-
dern offen und erkennbar, und nothwe«af£ zu erkennen. Die Entwicklung
dieses Denkens muß daz« kommen, was dem Gemüthe vorgelegt ist, auch

Lesart unklar, ,der Religion' wurde vom Mitschreiber eingefügt


ÜBER DEN BEGRIFF DER PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE 35

mit dem Gedanken zu erfassen. Was im Gemüthe ist, muß durch das Den-
ken erfaßt werden, und es ist nun an der Zeit, das Produkt der schöpferr-
schen Vernunft, zumal in der Weltgeschichte zu ergre/fen. Die Philosophie
erfaßt nur das, was wirklich ist, und der Geist des Wirklichen wird durch die
Philosophie erkannt. Wir lernen so unsere Zeit verstehen und die Einsicht
gewinnen, daß das von der ewigen Einsicht Bezweckte in der We// des
Geistes zu Stande gekommen ist, daß die Vernunft nicht zu unmächtig ge-
wesen, ihren Endzweck zu erreichen. Wir haben eine Theodizee also vor,
eine Rechtfertigung Gottes (wie Leibniz sie mit abstrakten Kategorien ver-
sucht hat gege« die Masse des Übels), die durch die Weltgeschichte bewerk-
stelligt werden soll. Die Aussöhnu«^ des Geistes ka«« nur durch die Er-
kenntnis erreicht werden, was der Endzweck der We// sei, und daß er, nur
er, nicht das Böse verwirklicht ist; sondern das Böse hat sich nicht geltend
gemacht, nur das Affirmat/ve hat sich verwirklicht.
Die Vernunft ist ein allgemeines Wort, was ihre Bestimmung und In-
halt und Kriterium, ob etwas vernünftig ist durch die Vernünftigke;'/ wes-
sen wir auch im Konkreten aufweisen können. Die Vernunft in ihrer Be-
stimmthe/7 ist erst der Sehern, Vernunft ist nur ein Wort; ihre Bestimmung
führt uns zur
36 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

II. Bestimmung des allgemeinen Zweckes der


Weltgeschichte.

Die Bestimmung der Vernunft ist auch die des Endzweckes. Zweck ist Et-
was, was realisiert werden soll. Der Inhalt d/eses Zweckes und se;«e Ver-
wirklichung sind also zwei verschiedene Punkte, die wir zu behandeln haben.
Den Zweck der Welt beachten wir z«erst.

10/11

Die Weltgeschichte geht auf geistigem Boden vor. Welt ist ein Ausdr/«v£
für die physische und geist/'ge Natur; jene ist nicht unser Gegenstand, wenn
sie gleich wesentliche Bedingung zur Geschichte ist; und wir ha^e» auch das
Geogra/>/vsche zu erwägen; aber die Natur an ihr selbst haben wir nicht hier
zu betrachten, oder wie sie ein Systew, vernünftig ist, ohne Vernunfter-
kenntnis, aber mit Vernunftbildu«^. Wir haben hier die Natur nur relat/r
auf den Geist zu betrachten als das Geordnete. Betrachten wir die Weishe//
Go//es in der Natur, um durch sie ihn zu erkennen, so können wir dieses
noch mehr aus dem Geiste selbst thun, in welche»? Gott ebenso als in der
Natur ist, und er ist unendlich höher als diese, und aus seiner Auslegu«_g ist
Gott viel höher zu erkennen. So sind wir auf geistigem Boden, auf dem
Theater der konkretesten Wirklichkeit des Geistes, ist unser Gegenstand
auch ga»z konkret, so haben wir in der Einle/'/«»g auch von der Natur des
Geistes die abstrakten Gr#«a'bestimmungen vorauszuschicken. Diese kann
man hier aber nur lemmatisch aus der Philosophie einer andere« Wisse«-
schaft des Geistes als solchen hernehmen, und ihre Beglaab/gu«^ wird sich
in dieser Wissenscha// zeigen. Wir betrachten deshalb
1) Den Grundbegriff des Geistes und 2) welche Mittel der Geist braucht,
um seine Idee zu realisieren 3) die Gestalt, welche die vollständige
Realisierung im Dasein ist, im Staat; Staaten sehen wir in der Weltge-
schichte.

1) N a t u r des G e i s t e s .
Der Gegensatz vom Geist ist die Materie, welche die Schwere als Sub-
sta«z ist; sie ist nur die Schwere; Der Geist ist die Freiheit, sein Wesen ist
diese. Wie ka«« uns d/eses plaus/bel sein? Glauben haben wir, daß der
Mensch frei ist, diese hohe Eigenschaft besitze; aber in dieser bestehen
auch alle seine anderen Eigenschaften, Thät/gke/'/e»; alle wollen nur die Frei-
heit und bringen diese auch hervor. Diese Erkenntnis der spekula/zre« Phi-
losophie können wir hier nicht a«sführen; nur die Freiheit ist die einz/ge
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 37

höchste Bestimmung des Geistes. Die Freiheit ist Gegensatz zur Schwere,
in w/'efern diese nach einem Mittelpunkt sich dreht, welcher ga«z einfach
ist, während die Materie das Zusammengesetzte, außer einander ist, und als
schwer treibt sie sich zur Negation ihrer selbst.
| 6 | Wenn sie den Mittelpunkt erreichte, so ginge sie unter in dieser Idea-
l/'tät, die sie nicht hat in der Real/'tät. So ist die Bestimmung der Materie.
Der Geist im Gege«the/'l zu2 dieser sche/«t in sich selbst Mittelpunkt zu
sein, nicht außerhaÄ die Einheit zu haben; er hat die Einheit gefunden, ist
in sich und bei sich; nicht außerhaÄ der Bestimmung, wie die Natur, die
Materie. Dieses Bei-sich-selbst-Sein heißt Freiheit. Die Abhängigkeit
macht, daß ich bei einem andere» bin; mich auf ein Anderes beziehe, außer
mir bin; frei bin ich, wenn ich bei mir selbst bin. D/eses Bei-sich-Sein er-
scheint als Se/£s/bew#ßtse/'«, wo ich von mir weiß. Ich weiß und das, was
ich weiß, ist dasse/£e, welches weiß, der Wissende ist bei sich selbst; es ist
so kein Untersch/W; der Geist ist aber lebend/g desha/& auch, und hat ein
Anderes sich gegewüber, und als Se/£s/bewußtsein hat er sich selbst gegen-
über. D/eses ist nun die Bestimmung der Freihe/'t, im Gegensatz zur Mate-
rie, die sich stets sucht, und das ist ihr Unglück. Diese Bestimmungen le-
gen wir zu Grunde.
Fre/he/t ist ein sehr unbestimmtes Wort, und daß dasselbe vieldeutig ist,
ha/;e« wir in unserer Zeit am besten kennen gelernt; Thorhe// und Verbre-
chen und Ausschweifu«,g haben sich mit ihr gesellt. - Der Staat ist die
realisierte Fre/he/t, und das ist der wahre Staat. In der Weltgeschichte ha-
ben wir so die Freiheit in der Wirklichkeit vor uns, in den Bestimmungen, in
denen sie die Menschen geformt hat. Die Weltgeschichte lehrt uns also,
was die Freiheit in ihrem konkreten Dasein ist. — D/eses ist der Geist an
sich. Das Andere ist, daß er weiß, was er ist, und von dieser Seite können
wir sa^e«, daß die Weltgeschichte die Darstellu«^ dessen ist, was der Geist
von seiner Fre/he/t weiß. Dieser an sich seiende Geist ist der Keim des
Baumes, in dem man nichts von dem Baume selbst sieht. Die Fre/he/t ist so
daß An sich des Geistes; er muß wissen, was er an sich ist; wir wissen es;
aber z/mächst weiß es der Geist nicht von Anfa«^, die Weltgeschichte
fängt mit dem Wissen von sich an; es ist eine Arbeit von 3000 Jahren, die
der Geist gemacht hat, um sich zu wissen.
Die Orientalen haben es nicht gewußt und wissen es nicht, daß der
Mensch an sich frei ist; und desha/£ sind sie nicht wirklich frei, weil sie
nur sind, was sie wissen; wenn der Geist selbst nicht frei sich weiß, so ist
er es auch nicht. Die Orientalen wissen nur, daß einer frei ist, in diese ist
Willkühr, es ist eine Leidenscha//, wenn sie gleich auch zahm sein ka««.
Der eine Freie ist ein Despot, nicht ein freier Mann.
In den Griechen ist das Bewußtsein der Freiheit aufgegangen, weil sie es
wußten, aber sie wußten auch nur, daß einige frei sind, die Bürger von

2
M: ist
38 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Athen etc., nicht, daß der Mensch an sich frei ist, d/eses wußten nicht Pla-
to, nicht Aristote/es. Deshalb hatten sie Sklaven; ihre schöne Freiheit war
an die Sklaverei gebunden, es war eine schöne Blume, die nicht vollendet
war.
Die germanischen Völker sind durch das Chr/stenth«OT als frei erkannt
worden. In der Religion des Geistes ist d/eses z«erst aufgegangen, und diese
auch in der Welt zu realisieren, d/eses war die lange schwere Arbeit vom
Beginn des Chr/'ste«th»»?s bis auf unsere Zeit, die innere Versöhnu«^, auch
die Welt mit dem Geist zu versöhnen. Mit der Annahme der christl/V/Ae«
Religion ist nicht unmittelbar die Sklaverei a«fgehoben worden oder unm/7-
telbar die Freiheit herrschend gewese«, so daß die Staaten auf dem Prinzip
der Freiheit gegründet wären; diese Durchdringung des Geistes war der Ver-
la«f der Geschichte bis auf unsere Tage.

11/11

Wir werden sehen, wie nur in der Religion erst, noch nicht in den Regie-
rungen und Staaten d/eses Prinzip gelebt hat, und daß vielmehr ein Kampf
beider gewese« sei. Der Mensch ist frei; aber nicht anfänglich; es gab kei-
ne« Naturzwstand, wo der Mensch glücklich, wissend und alles erkennend
gewese« ist. Die Weltgeschichte ist die Erziehu«^ des Menschenge-
schlechts gewesen. Die Erziehung fängt bei der Bew«ßtlos/gke/7 des Kindes
an, wo die Bestimmung nur erst Möglichkeit, noch nicht Wirklichkeit ist.
Die Geschichte fängt auch so mit der Möglichkeit an, und wie die Erzie-
hu«_g im Manne zur Reife gekommen ist, so kommt das Resultat der Frei-
heit in der Weltgeschichte zum Vorschein.
Wozu wird der Mensch erzogen? In der Fam/V/'e ist der Mensch ohne
Willen, abhängend, noch nicht erkennend, was gut und böse ist, er wird
zur SeÄstähd/gke/7 erzogen, daß er auf sich nach allen Seite« frei beruhe
und frei sei. So wird der Mensch auch in der Geschichte erzogen.
| 7 | Die Orientalen wußten nur einen frei; die Griechen einige, wir den
Menschen als solchen. So haben wir auch die Dreitheilung der Weltge-
schichte gegebe«, der wir folgen werden, und die wir umfassender bestim-
men werden.
Die Freiheit soll nun auch Zweck, die Bestimmung, die zu erreichen
ist, sein, so daß der Anfang auch Resultat sein muß. Nun ist die Fra_£>e

2) W e l c h e Mittel sind da für d e n G e i s t , u m seine u r s p r ü n g l i c h e


B e s t i m m u n g zu realisieren.

Hierdurch kommen wir in die Erscheinung des äußerlich Vorhandenen.


Die Mittel sind die Erscheinungen, wie sie sich in der Geschichte darbie-
ten, ganz unmittelbar. Was kommt in der Geschichte vor? Wir sehen
Handlungen der Menschen, die aus ihren Leidenschaften, Interessen,
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 39
Zwecken ausgehen, wie auch aus den Charakteren und Talenten. Diese er-
scheinen als die einzigen Triebfedern. Die Menschen wollen »ach ihren
Trieben das Besondere, ihren Zweck realisieren, dann aber auch den allge-
meinen Zweck, das Gute, in dem eine Ratio3, Vernunft liegt. Die Men-
schen wollen auch das Gute; dieses jedoch ist in der Geschichte von be-
schränktem Umfange; wie edle Vaterlandsliebe, die ein Sittliches ist; aber
diese Liebe vieler Staa/sind/v/ä«en ist in diesem Dasein ein beschränktes,
indem es nur für ein kleines Land empfunden und zum Allgemeinen we-
nig be/'tragend ist. Alle Tugenden haben die Vernunftbestimmung in sich,
jedoch nur in diesem besondere» Sub]ekt: Der Umfang des Dasez'ws für die
Tugenden ist relat/V gering für den allgemeinen Endzweck der Welt. In
der Geschichte erscheint dieser nur als ein kleiner The/7. Die Zwecke der
Leidenscha/ten sind bei weitem awsgedehnter, Gewaltthät/gke/7, Sucht sind
die mächt/geren. Die Schranken der Moral sind keine Schranken. Der
Mensch ist erst natürlich; die Vernunft ist noch nicht wirklich in ihm, und
die Naturgewalt ist mächtig. Die Zudit zur Moral/tat braucht viele Ver-
anstaltu«gen. Dieses Scha«spiel der Leidenscha/ten bietet sich in der Ge-
schichte dar.
Aber auch die Folgen dieser Leidenscha/ten und des Unverstandes, die
sich zu ihnen, wie zu dem Bösen gesellt, müssen betrachtet werden. Dann
sehen wir das Bild des Übels in der Geschichte. Die Zerstöru«g der edel-
sten Gestaltungen der Staaten und Menschen. Dieses Gemälde ka«« weit
ausgeführt werden, ohne rednerische Übertreibungen, und es ka«« die
Empfindung leicht zur Trauer über die Vergängl/e^ke/7 des Herrlichen gestei-
gert werden und zur moral/se«e« Empöru«_g des Besseren in uns; diese rath-
lose Trauer gibt kein Gle/VAgewicht. Wir suchen die Empfindung zu ver-
scheuchen durch die Nothwe«ä/'gke/7 des Schicksals, das gewaltet hat; oder
wir treten in die Gegenwart unseres Interesses, und wirken wollen wir
selbst; die Selbstsucht, die am ruhigen Ufer steht, und von fernen des An-
blicks der Trümmermassen genießt, daß es ihn nicht berührt, kommt auch
in uns, um jene Empfindung zu vertreiben. Eine Schlachtbank, wora»f die
Tugende« der Völker geopfert sind, ka«» man sich in der Geschichte den-
ken; aber wem sind sie denn geopfert? Was ist die Vernunft und der Zweck
in allem diesen; ist es bloßer Z»fall, der gewirkt, ist es eine äußere Ursache,
so kommt man in den unendlichen Progress, und dieser ist auch nur Resul-
tat des ZufaVis. Welches ist also der höchste Zweck der Weltgeschichte?
Mittel waren die Erscheinungen, die sich hervorbringen zur Hervorbrin-
gu»_g des Zwecks, der Offe»baru»_g des Geistes in der Wirklichkeit. Inwie-
fern nun das Geschehene in der Welt durch die Leidenscha/ten Mittel sein
ka«» für den wahrhaftigen Endzweck, darüber ist noch zu sprechen. Das,
was der Geist an sich ist, ist nur ein Allgemeines, ein Abstraktes, Inneres,
und Einseitiges; um Wahrhe/7 zu sein, daz« gehört eine weitere Bestim-
mung.

' Oder: ,ein Recht'. In der Regel steht R für ,Recht'


40 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

12/11

Das Prinzip ist ein Abstraktes in unsere»/ Denken, und noch nicht wirkl/V<6,
weshaÄ es einseitig ist, die Philosophie hat es nur mit Konkretem zu
thun, und lehrt den Kampf des Abstrakten. Das Wahrhaf/e ist auch wirk-
lich und ist eine Bethä/zgung, deren Prinzip und Boden der Wille und die
Thätzgkez/ des Menschen ist, daß das A« Sich Seiende auch existiere. Zu
dieser Thätzgkez'/ des Mensche« gehört die ganze sub\ekt\ve Seite, Triebe,
Leidenscha/ten, Interessen des Menschen. Dieser vollbringt Etwas mit sez-
nem Ich, das er befriedigen will, er will Interesse, Dabez'sez'«[?]: es soll der
allgemeine Zweck sein Zweck sez«; und indem man seine» Zweck befrie-
digt im allgemeinen Zweck, so bleiben noch viele Seiten übrig, die nicht
die seinen sind.
| 8 | Das erste Moment der Freiheit des Menschen ist sie selbst als vernünf-
tige Bestimmung, und das ^wez/e ist das sub)ektive Mome»/, daß es sich
selbst in einer Arbeit befriedzge. Ein Mensch, der interessiert ist, sucht nur
den Privatvorthez/, ohne Gesinnung für den allgemeinen Zweck, gegen den
er oft auftritt. Interessiertsein heißt, wo das Subje^tzve nur sich selbst
sieht; aber sich für Etwas interessieren, so ist noch ein Etwas außer dem
Sub)ektiven. Nichts wird vollbracht ohne daß sich die Individuen auch zu-
gleich befriedigen. Die IndivzaWe» sind partikzz/are Sub\ekte, und haben wei-
tere Bestimmungen, Bedürfnisse. Sic »z»ssen auch die eigene Meinung, die
Überzeugu«^ haben, und sollen sie für Etwas thätig sein, so wollen sie
auch wissen, daß die Sache nützlich, gut, für sie vorthezlhaft ist. Unsere Zez7
besonders ist so beschaffen, daß die Menschen nicht mehr durch Autorität
sich leiten lassen, sie wollen selbst thätig und z/zgegen sein. So wird also
nichts ohne Interesse der Mitwirkenden vollendet. Die Leidenscha// ist oft
die Form des Interesses, wo alle Adern und Kräfte sich konzentrieren und
hinfort arbeiten. Die Leidenscha// herrscht jetzt nicht mehr so; der Geist
ist in der Beschäft/gu«^ zu zersplittert und wirft sich nicht auf einen be-
stimmten Gegenstand. So ka«» man sa^e«: Nichts ist ohne Leidenscha// in
der Welt vollendet worden. Der Inhalt dieser Leidenscha// ist noch nicht
bestimmt. Er ka«« sehr gut und auch im Irrthum sein. Ist der Inhalt
wahrhafter Art, so ist sein Eintritt in die Welt nicht ohne Leidenscha// ge-
wese». So tritt also die Wahrhez/ ins Leben, in die Wirklichke//. Ein Staat
ist gut bestellt, wenn sein Zweck mit dem allgemeinen Privatinteresse ver-
einigt ist. Alle sind dann für den Hauptzweck begeistert. Viel ist daz« nö-
thig im Staat, vieles ist zu erfinden und einzurichten und vieler Kämpfe
bedarf es, ehe diese Einheit zu Stande kommt, daß man nicht mit den Lei-
denscha/ten im Zwiespalt ist, und eine Harmonie zwischen beiden hervor-
tritt. Geschieht es, so ist dieser Punkt in der Geschichte eines Volkes seine
Blüthe.
Die Geschichte beginnt nicht mit einem bewußten Zweck; in jedem
Kreise der Menschen zwar ist der einfache Trieb des Zz/sa/w«e«lebens der
Menschen von Anfang an schon bewußt. Hat sich dieser az/sgebildet, so hat
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 41

man das klare Bewz/ßtsez«, indem man das Zusammenhalten zu schützen


sucht. Aber die Weltgeschichte fängt mit dem ga»z allgemeinen Zweck
an, daß der Geist der Freiheit sich befriedige. Es ist also der Zweck nur
noch an sich, und insofern ist das Vorhandene nur eine Natz/r, in der die
WirklzfAkez'/ ist. Der Begriff ist das Innere, Bewußtsein. Das Geschäft der
Weltgeschichte ist nun die Arbeit, diesen Begriff zum Bew«ßtsei« zu brin-
gen. Das Vorhandene, was laut ist und Gewalt hat, ist nur erst der Nat«r-
wille, und es kommt das partik/zläre Interesse zum Vorsehe/'», noch nicht
der Gedanke des Zweckes selbst. Das Vorhandene ist nun die Masse von
Bedürfnissen, und dieses sind die Mittel des Weltgeistes, sich zu realisie-
ren.
Die Lebendigkez/ der Völker und Individuen erhalten sich und sind Mit-
tel von einem Weiteren, das sie bewz/ßtlos vollbringen; es ist eine bewußte
und bewzzßtlose Thätigkei/. Es ist nun die Frage: ist es nicht Träumerei, ei-
ne unbewzzßte Thätigkei/ dabei noch anzunehmen, ist es auch wahr? Aber
das ist nicht zu erörtern; wir haben es hier an die Voraz/ssetzung zu verwei-
sen, und fürs erste zu glauben. Die Vernunft regiert die Welt und die Welt-
geschichte. Gegen das Substanzielle ist alles untergeordnet und nur Mittel.
Die Vernunft ist immanent in dem geschichtlichen Dasein und vollbringt
sich durch dieselbe. Die Verei«igung nun der Allgemeinheit und der Einzel-
heit des Subjektiven ist von spekula/iwr Natur, und ist erwiesen, in ab-
strakter Form, in der Logik. Durch Beispiele wollen wir es vorstelliger ma-
chen, da wir hier nicht beweisen können. Aus der Handlung kommt noch
ein Anderes, als man hat erreichen wollen; es ist eine Vernunft darin, des-
sen sie sich nicht bewußt sind und die sie nicht begreifen. So vollbringen
das Ihrige und noch ein Anderes. Ein Mensch ka«» aus Rache, indem ein
Anderer ihn verletzt hat, auf unrechte Weise, ihm das Haus anzünden, wo-
durch gleich viele Folgen kommen. FLr macht eine Flamme an einer kleinen
Stelle eines Balkens, der mit den ga«zen Balken, Haus, Häusern, zusam-
menhängt; Die That ist beschränkt, die Folgen sind aber groß. Das Feuer
ka«« viele verzehren.
| 9 | In der Handlung liegt die Rache an einem IndiviäWz/»/; es ist ein Ver-
brechen, was der Rachsüchtige in dem Moment vielleicht nicht weiß, die
Strafe gehört nun nothwe«azg seiner Handl»«^ an, er erhält den Rück-
schlag, und sein Leben wird dadurch zerstört. So geht hervor, daß in einer
unmittelbaren Handlung noch das Allgemeine liegen ka»«. Dieses mag ein
analoges Beispiel sein. Wir nehmen noch eines aus der Geschichte des
Caesars. Ihm standen die Feinde gege«über, die mit dem Senat zusammen-
hingen; er hat sie bezwungen, und das ganze römische Reich, und sich zum
Alleinherrscher gemacht. Die Eroberung und die Alleinherrscha// waren
nicht sein Zweck, sein Zweck war Rache und Rettu«g seiner selbst; aber
daraus entstand ein Bleibendes; die Republik ward eine Despotie. Im Be-
wußtsei« seines Zweckes lag nicht diese Folge. Aber der Erfolg war ver-
nünftig, nothwe«azg, gerechtfertigt; die Republik war faul und vertrocknet;
sie mußte zu einem andere« Zusammenhang übergehen. Der]enige ist groß,
42 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

der einen solche« Zweck hat, welcher auch der Zweck des Weltgeistes, an
der Zez7 ist, in der Entwicklung des Vernünftigen liegt.
Wir haben nun in der Geschichte die einzelnen Interessen vor Augen,
wie sie sich zerstören. Inwendig ist das Allgemeine, die Idee, die sich im
einzelnen erhält, wenn es auch zerstört wird. Es ist eine List der Vernunft,
diese Werkzeuge sich bekämpfen zu lassen, indem sie sich durch die Zer-
störung hervorbringt.

15/11

Die Vernunft zwar ist das Substa«zielle in dem indivioz/ellen Thun, durch
welches jenes verwirklich/ wird. Das Partikz/läre der Zwecke ist ein Nichti-
ges gege« den Endzweck an und für sich. Das Partikz/läre wird deshalb
aufgeopfert und die Individuen gehen zu Grunde; ihr Feld ist ein solches,
das als zufällig erscheint, und in diesem Felde der besondere« Zwecke geht
es nicht vernünftig immer, oft nur nach der Gewalt, natürlich zu. Diese
führen sie aus oder werden zerstört. Das Glück herrscht in diesem Gewühle
der Thätigke/Ten, in denen sich aber bewußtlos die Vernunft realisiert,
während das Individuum sich aufopfert.
Sind nun die Individuen mit solchen Zwecke« und Trieben nur als Mit-
tel gebraucht, so sehen wir doch Etwas auf ihrer Seite, was nicht als Mittel
angesehen werden darf; es ist ein Wesentliches auch in diesem Subjektiven,
ihre Moralität und Religiosität. Hier auf diesen Seiten, die den Individuen
angehören, nehmen wir Abstand, sie nur als Mittel anzzzsehen, sie können
nicht azzfgeopfer/ werden, um ein Höheres als sie anzunehmen.
Zweck und Mittel haben wir nun so einander entgege»gestellt. Schon bei
den natürliche» Dingen, die nur Mittel sind, verzehrt zu werden, haben wir
auch ein absolutes Recht zu erkennen, daß in ihnen eine gewisse Homogeni-
tät mit dem Zweck selbst vorhanden ist, und nicht eine Verschieae«hez7.
Die Menschen sind am wenzgsten abstrakte Mittel in dem ganz äußerlic/ie«
Sinn; sondern sie haben Thezl an dem Vernunftzwec/fe; sie sind selbst ver-
nünftig und sind selbst Zweck, weil das Vernünftige immanent ihnen ist.
Sie sind also Se/£s/zwecke. Zu Kants schönsten Betrachtung« gehört diese,
daß er das Lebendige als Selbstzweck anerkennt; dieser Selbstzweck ist aber
nur in formellem Sinne, und er ka«« deshaÄ Mittel sein. Das Lebendige
hat zwar Gefühl; aber das Thier weiß nicht vom Allgemeinen und will es
auch nicht, und ist nur formell Selbstzweck, der Mensch aber ist dem In-
halt nach Selbstzweck, wesentlich; er weiß vom Allgemeinen, daß es für
sich ist. In dieses Feld fällt die Moralität und Relzgzösität. Der Mensch ist
also durch den in ihm seienden Glauben, Freiheit genannt und Relzgiosität,
wesentlich Zweck. Einen unendliche« Werth hat deshaÄ diese Religiosität
in sich, und ist nicht dem partikulären Interesse, dem Schicksale unterwor-
fen; sondern entnommen.
Die Gerechtigkeit die in dieser Rücksicht herrschen soll, betreffend, so
sehen wir sittliche und unsittliche Menschen, die jenen Zweck vollführen
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 43

und absolute Zwecke für Individuen vollenden. Religiosität, SittlicAkez/ und


Moralität sind der individuellen Frezheit eingegeben, und die Schuld des In-
dividuums und das religiös sittliche Verderben und Schwachhei/ gehört dem
Mensche«; er weiß das Gute und das Böse, und ka«» es auch wollen. Die-
ses ist schon groß in der Genesis dargestellt. Adam, der erste Mensch, aß
vom Baum der Erkenntniß und kommt zu ihr: Es ist eine böse Schuld, da
er sich verführen ließ; aber Gott sagt auch: „sieh Adam ist worden, wie un-
ser Einer". Diese Bestätigz/«g Gottes muß man nicht übergehen. - Der
Mensch hat so Schuld am Guten und Bösen; nur das Thier ist wahrhaftig
unschuldig in diesem Sinn.
110 | Der Frezheit des Menschen ist es anheimgegeben, den Zweck der Re-
lzgiosität und Sittlic/ikei/ an ihm selbst zu realisieren, Erzieh//«^ und Bildu«_g
gehört aber auch dazzz; aber dieses ist eine äußere Seite; in seine»/ Wollen
muß es aber liegen, und das ist das Innere.
Wir müssen uns hierbei hüten, nicht in die Litanei der Klagen zu verfal-
len, daß es den Guten und Frommen meist schlecht, den Bösen meist gut
gehe. Reichthzz»?, Ehre etc. versteht man dann unter diesem Gutgehen,
aber dieses ka»« nicht zum Moment einer vernünftigen We//ord«u«,g gehö-
ren, es sind nur Forderungen befriedigt, die dem äußere« Glücke angehö-
ren. Es ist die Forderung nun, daß rechtliche Zwecke in dem Weltzweck
ihre Ausführzz«g und Sichcru«,g finden sollen. Indem man findet, daß der
'Zustand der Welt nicht den Zwecken der Vernunft entsprich/, so entsteht
eine Unzz/friedenhez/, auf welche sich die Menschen oft Etwas zu Gute
thun. Man spricht zwar nicht mehr von den ehemaligen Idealen von Staa-
/en, Fürsten und Völkern, aber jetzt sind es Grundsätze, Einsichten über
das Recht und die Sittlic/»kez7, welche dem absoluten Zweck angemessen
sind. Dem Dasein gege«über stellt man dieses Sollen, eine Forderu«^, die
nicht nur Unzz/friedenhez/ hervorbringt; sondern sittliche Empöru«^ in den
Gemüthern erzeugt. Es »zzi'ßte doch untersucht werden, wie die az/fgestellten
Forderungen in sich selbst wahr seie». Man stellt oft Grundsätze mit Prä-
tention dar. Früher war die Geschichte nur Leidenscha/ten[?]; jetzt mehr
ein Kampf von berechtigten Gedanken, und die sub\ektiven Leidenscha/ten
braz/chen doch wenigstens den Anschein höherer Berechtz'gu«^ als sie in
ihrem Selbst tragen. Die RecA/sforderungen nehmen alsdann einen gleichen
Rang mit der Religiosität und Sittlicökei/.

16/11

Der menschliche Wille ist nicht bloße formelle Thätzgkez'/; sondern Religio-
sität ist darin entha//e« und in sofern ka«« man ihn als Mittel gelten las-
sen. Die Religiosität etc. sind schlechthin Zwecke an und für sich; aber
diese geistigen Wesenhei/en haben eine Beschrankthez'/ und EndlicAkei/ an
ihnen, und stehen unter der natürlichen äußere« Nothwewäz'gkei/; sie sind der
Verletz««g a/zsgesetzt und vergä«glic». Dieser Beschrankthez/ ungeachtet blei-
ben sie doch in ihrem unendliche« Werthe. Eine religiöse Seele mag an Bil-
44 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

du«^ Mangel haben, auf große Verhältnisse die Relzg/osität az/szz/dehnen;


aber das Wesen dieser Sittlz'c/>kez7 bleibt doch im unendliche« Werthe. Das
Insekt ist nur ein dürftiges Leben gege« das mächtzge Thier oder gege« den
Menschen; aber der lebendige Wurm hat immer die Empfindung des Le-
bens, ist in der Natur, und hat ein Unendlzc/ies in sich in der Natzzr, ist ein
Ausdrzzc/fe der Idee, hat Wahrheit in sich, die in den leblosen Dingen und
Pflanzen nicht ist. Diese Wahrheit in diesem beschränkten Kreise ist auch
die Religiosität z. B. eines Bauren, dessen Leben unbedeutenden Zweck in
Bezug auf uns hat; aber diese innere konkrete Relzgiosität hat denselben
Werth wie die der ausgebildeten Erkenntnis, und die Sittlic/ikei/ eines sol-
chen Individuums ist gleich der eines ga»zen Staates. Die Flamme ist immer
Licht, wenn sie auch durch einen kleinen Heerd ei«geschränkt, leuchtet.
Was auch in der Welt sein mag und berechtzgt ist, hat ein Höheres über
sich, und das Recht das der Weltgeist geltend macht, geht über die be-
sondere« Berechtzgz/«gen, und ihnen erthezlt er erst das Recht; sie sind be-
dingt und beschränkt. Der Weltgeist ist es, der sie [vergessen macht] 4 ; die
Weltgeschichte ist in sofern das We//gericht. Beschränkt sind die Volks-
geister, wenn sie noch so schön sind, und alles, Staat, Religion, Sittlie/jkei/.
Alles wird verbraucht zum absoluten Z.weck des Geistes; alles ist Mittel,
den Begriff zu realisieren.

3. Ü b e r d e n a u s g e f ü h r t e n Z w e c k .
Die Gestaltu»^ des absoluten Zweckes in der Wirklic/>kei/ ist nun zu bespre-
che», nachdem wir von den Mitteln, dem menschliche« Thun und Willen
zur Realisieru«^ geredet haben. Das Material ist uns so begegnet, nachdem
wir von Zweck und Mittel« gesproc/je« haben. Dieses Material muß zum
Zweck gegeben werden, um diesen Zweck in diesem Material az/szz/führen. -
Das Material selbst ist das menschliche Bewußtsei», Vernünftzgkei/, Triebe
und die ganze Subjektivität. Wir sind auf geistzgem Boden, und desha/£ ist
das menschliche Thun und Wissen das Material zum Z.weck, der zur Exi-
stenz kommt. Das Material soll als das Äußerliche dem Zweck angemessen
gemacht werden.
111 | Die Subjektivität ist vorhanden und diese will ich gebraz/chen, um ein
Ob\ekt hervorzz/bringen, sie ob]ektiv zu machen. Also ist die Existenz selbst
des Menschen das Material für jenen objektiven Zweck. -
1) Der absolute Endzweck und der an und für sich seiende Inhalt der
Vernunft, das Ewige in der einfachen Substa«zialitat und 2) das subjektive
Element, Bewegu«^ und Trieb, das waren die ^»ei Seiten, die wir unter-
scheiden; beide Seiten hängen zusammen, und in jedem einzelnen liegen
beide zugleich. Denn 1) das Vernünftige haben wir in seiwer Bestimmtheit
erkannt, als die sich bestimmende und sich wissende Freiheit, als die ein-

4
M: vergehen mag
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 4^

fache Form des Geistes, die nur die Freiheit will. Das ist der bestimmte
Begriff des absoluten Endzweckes. — Dieser Begriff ist das Sub\ekt aber, das
Se/ßs/bewußtsei«, der in der Welt existierende Geist, welcher nicht die Son-
ne, nicht die Erde, sondern der Mensch ist, dessen Natz/rist, daß er denkt,
aus der Bestimmung des Göttlichen selbst. Von diesem Standpunkt betrach-
tet fällt nun der Zwiespalt hinweg, wo von einem Mittel, Material und
Zweck gesprochen ist. Der Geist in der Welt enthält alle diese Kategorien in
sich, getrennt nur gehören sie geringen Zwecken an. - 2) Das subjektive
Wissen und Wollen ist in seiner Grz/«abestimmz/«g: Denken und zwar mit
einem Inhalt, der für mich sein soll als Zweck, und von mir gewollt. Ich
weiß nicht nur die Gegenstände überhaupt, sondern wesentlic/j einen allge-
meinen Gegenstand denke ich; einen wesentliche« allgemeinen Zweck will
ich im Denken, denkend will und weiß ich den allgemeinen Gegenstand,
was das Substawzielle und das Vernünftige genannt ist. — In jedem von
beiden liegt das Ganze so. Die Idee, der Begriff, der sich an ihm selbst rea-
lisiert, ist das Ganze. Die Freiheit, die sich selbst will und weiß, und aus
sich die Idee realisiert.
Diese Vereinigung zwischen der objektiven und subjektiven Seite ist so vor-
handen. In der existierenden Welt erscheint diese Verei«igung; aber sie[?J
wird in jedem geistigen Thun hervorgebracht; in jedem Bewußtsei« liegt
diese im Hintergrz/««'. Als hervorgebracht erscheint sie in der Existenz, von
dem Subje/fe/ az/sgegangen. An der Spitze dieser Gestaltz/«_gen steht die Relz-
gion; der Geist als ei«zelner wird sich des absoluten Geistes bewußt, was das
Wesen sei; in diesem Bewußtsei« hat des Menschen Wille seinem besonde-
re« Interesse entsag/, in der Andacht, wo es ihm nicht um seine partikulä-
ren Interessen zu thun ist, oder er weiß sie als nur untergeordnet. Diese Ge-
stalt//«^ der Verewigung geht in dem innersten Menschen, im Schachte des
Gewissens, vor, das als Gefühl erscheint. Die Konzentration tritt in die
Phantasie und auch ins Nachdenken, Bildung und Kultur äußer« sich nun
so als Gestaltz/»_g des Innersten. Diese Äußerungen haben selbst nur die Be-
stimmung, Bedeutung, jene innere Verei»igung hervorzz/bringen, den Geist
auf sie zu führen, da er in der Auße«welt versenkt ist, es wira" damit az/sge-
drückt, daß das Eigenthz/w geopfert wird, das Äußere az/fgegeben wird; man
opfert. — Dieses ist die innere Vereinigung.
Die zweite Gestaltung ist die Kunst, die mehr in die Welt hi«austritt als
die Religio«; in ihrer würdigsten Haltu«^ macht sie darstellig, den Gott des
Geistes zwar nicht, aber doch den Gott überhaupt, Geistiges in seiner be-
sondere« Situatio«, darstellig für die Anschauung. Die unvollkowwewe Vor-
stellu«^ vom Göttlichen wird bewußter durch die Kunst als es in der Religion
war.

17/11

Das dritte ist die Philosophie. Die Wahrheit stellt sich nicht nur dem
Gefühle und der Anschauung als Gegenstand dar, sondern auch dem Den-
46 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

ken — dem Geist. Diese Gestaltu«^ ist die höchste und reinste für den Ge-
danken. - Aber diese Gestaltz/»gen werden wir nicht betrachten; sie hän-
gen im Innigsten zz/sammen mit unsere/» Gegenstand und deshaÄ sind sie
genannt. — Die Gestaltung, die unser Zweck ist, zeigt sich in der Wirklich-
keit, in der Geschichte, auf dem Boden der gege»wärtigen Interessen der
Menschen, innerha/£ der Erscheinungswelt des Geistes. Das Vernünftige
führt sich aus, nicht als bewußt im subjektiven Zweck, sondern innerlich be-
thätzgt und wird nicht unmittelbar als solch absoluter Zweck gewußt. Der
substa«zielle Geist ist jedoch wirksam; das Thun der Menschen muß ein
Wahres in sich haben, wenn es bestehen soll. Der Geist erscheint in der
Erscheinung, in der Wirklic/>kez7, und dieses ist der Boden der Geschichte.
Das Substa«zielle ist, verbunden mit den Interessen der Menschen, in
Einheit auch mit dem Thun und Wollen, den subjektiven Zwecken, so daß
das subjektive Bewußtsez« in der Bethatigung des Allgemeinen auch ist. Die-
ses Bewußtsez« in dem Subje£/ ist die Sittlic/jke// und das Recht, und hat wie
das Göttliche in der Geschichte sich az/sgeprägt.
| 1 2 | Die göttlichen Gesetze leben immer, und sind nicht durch die Will-
kühr zu bestimmen, wie Antigone bei Sophokles schon sagt, und jedes
gute positive Gesetz muß jenes in sich haben. Ebenso ist die Sittlichkei/ das
Substa«zielle, wie es sich im Bewußtsez« des Subjekts offenbart. Der Staat
ist die höchste Gestalt//«^ dieses Bewußtsez«s, und mit diesem haben wir es
in der Geschichte zu thun, daß die SittlicAkei/ als Richtschnur im Men-
schen gelte, dazu ist nöthig der Staat.' Die Theorie des Staates findet sich
in der Philosophie des Rechts, aber wir müssen doch einiges anführen, um
so viele jetzt geltende unrichtige Vorstellunge« vom Staat zu berichtzgen.
Ohne richtige Vorstellu«^ vom Staat kann man nicht das Staa/sleben,
die Geschichte, verstehen. Betrachten wir den Staat nach seine»-/ Äußere«,
so ist der Gesichtspz/»^/ der Bedürfnisse der erste. Wir sehen eine Gesell-
schaft von Menschen, wo jeder thätig ist, um sich zu befriedigen; aber da-
bei hat er die anderen Menschen nöthig; indem er für sich sorgt, (trägt er)
auch zugleich zur Befriedigung der anderen bei; beide sind untrennbar. In
unsere»/ Staat besonders, wo alles so entwickelt ist, kann nicht ein anderer
durch sich Brot essen und die Blöße bedecken. Der entschiedenste Eigen-
nutz des Essens schlägt um zur Existenz und Fürsorge für andere. Indem
ich nur mir Etwas zz/kommen lasse, so habe ich nur diesen guten Willen
für mich; aber dem Scheiwe nach ist das Gege«thez7 bedingt. Durch die Be-
dürfnisse scheint so der Mensch zur Gesellscha//getrieben zu sein. - Diese
Vorste//ung ist richtig; aber nur einseitig. Es muß das Meinige, mein Inter-
esse und das Allgemeine verbunden sein. Die Bedürfnisse der Natz/r, aber
auch noch ein Höheres bringt der Staat zu Stande. In der Stiftu«^ der
Staaten, und indem sie vorhanden sind, ist eine allseitige und g^gewseitige
Abhähgigkez/ der Individuen von einander bedingt durch die äußere Sez/e der

* Der Nebensatz steht am Rand, ein Zeichen zeigt die Stelle zum Einfügen an
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 47

Bedürfnisse, die durch das Zusammensein befriedigt werden. Das Substa»zi-


elle des Geistes, der vernünftige Begriff ist aber das zweite in diesem Zu-
sammensein, und diesem kommt die Macht und Gewalt zu. Der Zusammen-
halt nach der Natz/mothwe«az'gkez7 macht ein weiteres Band nothwe«äVg,
welches jenen Zusammenhalt bedingt und stützt, nämlich das Recht, wel-
ches über das Eigenthzz»? wacht. Mit diesem Recht tritt die Freiheit ein; in
den natürlichen Bedürfnissen herrscht die Willkühr und das eigene Belie-
ben, die Zz/fälligkeit, besondere Meinung über die Art der Bedürfnisse. Lu-
xus ist kein Natz/rbedürfnis, nur ein Schei« des Beliebens. Dieses Belieben
ist auch Freiheit, welchen Schnitt mein Rock haben soll, aber da der Inhalt
dieser Freiheit nur ein zz/fälliger, besonderer ist, so ist diese Freiheit nur
Willkühr, und erst die durch das Recht bedingte Freiheit ist die wahre, die
gege« die Willkühr sich geltend macht. Bei der Entscheidung nach dem
Recht wird der Vortheil einer Parthei nicht beachtet, und ihm setzt sich
gerade das Recht entgege«. Durch das Recht erscheint das Vernünftige zz/erst
in der Wirklic#kei/. Das Recht will das Allgemeine; daß der Mensch eine
Person ist, macht es geltend. Im Recht erst wird das Individuum eine Per-
son, die unendliches Gelten in sich, Freiheit hat. Das ist aber eine abstrakte
Bestimmung des Rechts; man sucht das Recht um des Rechtes willen und
dann auch um eines Vortheils willen, um das EAgenthum zu schützen, wel-
ches aber ein Zz/fälliges ist.
Das Zusammenleben für die Bedürfnisse mit dem Bande des Rechts ist
ein nothwendiges, konkretes, erfülltes Zusammensein, schon der natürlichen
Seite, und solches Zusammensein individualisiert sich und schneidet sich ge-
gen einander solches Zusammenleben ab. Die Natio«alität der Zusammen-
seienden ist so diese Nat«rbeziehu«_g, und hat einen natürlichen Zusammen-
hang der Abstammung, des Temperame«/s, Physiognomie. Die Naturen
der Völker sind verschiez/e«, nach Körpern schon, mehr nach Sprache, die
dem Geist mehr angehört; aber unbewz/ßt bildet sie sich aus. Der Boden
ist es auch, den eine solche Natio« als den ihrigen annimmt, und sich dar-
auf abschließt, und den sie Vaterland nennen. Sprache und Vaterland ver-
binden zu einer nationalen Einheit durch das Gefühl schon. Die Erhaltung
dieses Vaterlandes und Sprache und dieser Indiviäz/alität gege« andere, dieses
ist ein gemeinsamer Zweck, in welchem die Partikz/larität der Zwecke ver-
schwindet 6 , als in der Substanz der andere« Zwecke. Einen Zweck finden
sie alle, auf dem alle Interessen beruhen; das Wissen und Thun für diesen
Zweck ist die Sittlic/jkei/. Der Staat ist so ein sittliches Ga»zes überhaupt.

18/11

Die Sittlic^kei/ der Familie ist mehr Empfinden, aus welcher die Lebendig-
kei/ des Staates in den Individuen ist. Die eine Einrichtu«^ des Staates sei

6
M: verschwinden
4« D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Eigenthz/»/ des innere» und äußer» Menschen, das Vaterland desselben und
Besitz. Die Thaten, wodurch der Staat dieses geworde» ist, dieses sind die
ihrigen. Aber auch sie werden von ihm besessen. Das gemeinsame Sein ist
der Staat, woran 113 | alle AnthezV ha£e« und es ist eine Allgemeinheit, die
sie als ihr Wesen haben. Dieses Verhältnis ist desha/£ das sittliche; sie be-
sitzen es, und es ist in ihnen lebendig, treibend, Grundlage ihres Thuns
und Treibens. Wem dieser Begriff des Staates nicht wahrhaftig scheint, der
hat eine falsche Ansicht von dem Staate, wie sich bald zeigen wira". Die
Gesamtheit ist ein geistiges, individuelles Wesen, der Geist eines Volkes.
Alle Bestimmungen, die angegebe» sind, dem Sittliche« angehören, sind in
einer Wesenhei/ befaßt, dem Geiste, und als geistige Natur sind sie in ei-
nem konkreten Ga«zen; es ist ein substa«zielles Individuum, das die Macht
des Einzelnen ist. Dieser Geist eines Volkes ist die Zusammenfassung aller
in der Form der Indiviaz/alität. Dieser Geist als existierend ist das äußerlz-
che Dasein eines Staates. Athen ist die Stadt, die Bürger, die hier wohnen,
diese Gesetze und Geschichte haben; aber Athene ist auch die Göttin Pal-
las, die Gottheit der Athener (vorzüglich, wenn auch nicht ga»z bestimmt)
ha/denseÄe« Inhalt wie die Stadt, aber mit substanz/ellem Inhalt der Fanta-
sie vorgestellt. In diesem Geiste leben alle, wie äußerlich in diesem Staat.
Jeder Fjnzelne ist der Sohn seines Volkes, und einer bestimmten Stufe der
Entwicklung dieses Volkes, und keiner ist unabhängig von Volk und Zez7.
Jedes Individuum ist eine Person, se/£ständig, aber nur formell unabhängig
als konkretes Subje^/; Person, Ich wira1 er erst durch den Geist, und dieser
Geist, der auf ihn wirkt, geht vom Volk und der Zeit aus. Er geht aus die-
sem Geiste hervor. Wir sind die Söhne unserer Zeit. Plato und Aristote/es,
diese Denker der Allgemeinheit, sind nicht aus dem griechischen Geist hin-
ausgegangen. Dieser Geist ist ein bestimmter Geist, nach der geschichtli-
che« Entwicklung des Volkes.
Er ist die Grundlage in den anderen Formen des Bewußtsei«s als seiner
selbst, der Religio« etc. Der selbe Inhalt des Geistes wira" auch in der Reli-
gio« verehrt und genossen von den Individuen. Der ÄußerlicAkei/ entkleidet
mithin sich das Wesen des Geistes. Das Bild, das die Kunst darstellt, gibt
denselben Inhalt; was im Gedanken begriffen wira1 durch die Philosophie,
enthält ebenfalls denselben Gehalt. Die ursprügliche Selbzgkei/ von Sub-
sta«zialität ist es, die alle haben, und alle sind unzertrennlich von dem
Staat. Nur in diesem Staat kann diese Kunst, diese Religio», diese Philoso-
phie vorhanden sein. Dieses ist eine sehr wichtige Bemerkung. Nichts ist in
diesen Mächten Zufall, und gleichgültig verschieden können sie nicht gegen
einander sein. Ein lebendiger Geist liegt ihnen zu Grunde, und bringt sich
zum Bewußtsez«. —7 (Man will jetzt Rec»/sgesetze und Konstitutionen geben,
abgesehen von der Religzo«. Die katholzscoe und protestantzscAe Religio« ha-
ben einen Grund, das Christe«thz/»z. Sie sind aber durch den Begriff der Frei-

7
Am Rand: Novemb 1830
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 4')

heit, Sittlic/>kez7 wesentlich verschieden. Es ist ein Bedürfnis, das der Geist
sich erhältf?], das Staa/srechtlicAe loszz/reißen von einer Religio», worin die
SittlicÄkei/ nicht als substa»ziell anerkannt ist. So losgerissen die Gesetze
der Freiheit, für sich selbst az/sführend, bleiben sie Abstraktionen, sie kom-
men nicht zu einem wirkliche« Mittelpunkt und Organisation; dieses als
Beispiel). Wenn man jetzt die griechische Kunst wieder einführen wollte, so
ist dieses eine Unmöglic/ikei/; es ist ein Gewächs, das seinen bestimmten
Boden gehabt hat. Die griechische Philosophie ist zwar so, daß wir aus ihr
noch lernen, aber wir finden keine Befriedigung; wir müssen in andere Tie-
fen des Bewußtsei»s steigen.

Kunst, Religio«, Philosophie können sich auch nur im Staat entwickeln.


Ihr Stoff ist das Geistige, und der Geist eines Volkes ist dieses Geistige im
bestimmten Bewußtsei«. Die Formen der Religio«, Kunst und Philosophie
erhält der Geist als besondere Formen, die der Bildu«g angehören. Diese
Formen der Allgemeinheit gehen nur im Staat hervor; es muß für alle gel-
ten. Das Gefühl ist nur für mich; wira" das Gefühl gege«ständl/e/>, gedacht,
so ist es auch für andere. Der Stoff ist ein allgemeiner, muß eine allgemei-
ne Form auch haben und dieses ist nur im Staat möglich.
Im Staat wird die Freiheit verwirklicht. Wir haben im Staat Gesetze; wenn
die Ire/hei/ sich ihrer bewußt wird, so gibt sie sich Bestimmungen des Be-
wußtseins, Gesetze; und diesen gehorcht das Individuum; der einzelne Wille
muß sich ihnen unterwerfen, und im Gehorsa»? liegt Abhängigkeit Aber
die Staa/sgesetze sind die Objektivität eines jeden Willens; es ist das wahr-
hafte Wesen des Willens; es ist der Wille in der Wahrheit, wenn er dem
Ausspruch des Bewußtsei«s des allgemeinen Willens gehorcht, und in so-
fern ist er, als nur sich gehorchend, frei. Seine Sitte ist es, der er gehorcht.
Er ist so bei sich. Was ein Gegenstand des Staates ist, geltend ist, das ist
das Vaterland, worin die Gesetze gelten; dieses Vaterland ist eine Gemein-
samkeit des Dasei«s. Alle haben ThezY daran, und es ist der Besitz aller, ihr
gemeinsames Eigenthz/»/. Inwiefern nun jeder das Vaterland will, so haben
alle das Bewußtsez« der Einheit darin. Dieses ist die Seite der subjeyfe/zi'e«
Freiheit. Die objektive Seite liegt in der Vernunft, dem Willen an und für
sich.
114 | Es kommt der Gegensatz von Freiheit und Nothwewäzgkei/ vor, und
zwar nicht der natürlichen, sondern des schlechthin Nothwe»azgen; dieses
ist aber die Freiheit selbst, das Vernünftige. Jeder ist an sich Vernunft; er
verhält sich frei, nicht fremd gegen ein Fremdes, sondern gegen sich selbst,
die Vernunft. Objektiver Wille und subjektiver Wille sind so in Harmonie
im Staat.
Freiheit und Natur kommt auch vor als Gegensatz. Das Geistige im
Staat kommt als ein Natürliches vor; er ist eine Organisation wie das Sy-
stem/ der Bewegung der himmlische« Körper, ein Mechanismz/s, der sich selbst
produziert, nicht unmitte/bar vorhanden ist; so ist dieses organisc/ie Leben
als ein natürliches vorhanden. In dem Indivzaz/z/»? heißt dieses die Sitte und
Sil D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Gewohnhe/7. Ein Bürger eines Staates ist einmal so, mit dieser Gewohnheit.
Er besinnt sich nicht immer, wie er handle; er handelt, weil er es nicht
anders weiß. (Die Moralität ist die reflektierte SittlicAkei/; jene ist modern,
diese antik, das Wägen des Guten und Bösen gibt die Moralität. Die Sitt-
lichkeit handelt, ohne zu fragen, aus Instinkt, ohne zu reflektiere«, ob man
sich den Gerichten unterwerfen soll; sie ist plastisch; mit der Moralität ist
das Bewußtsei« der eigenen Güte verbunden; die Einheit des individuellen
Willens mit dem substa«ziel/e» Gesetz ist die Sittlic/ikei/; Gewohnhei/ ist sie
und eine zweite Natur mit Recht.)
Die erste Natzzrdes Mensche« ist die natürliche; die andere ist die geisti-
ge durch den Geist, im Staat.

19/11

Der Irrthümer gibt es zu viele, um sie hier dz/rc/>zz/nehmen. Einige sagen


gerade das Gege«the/7 von dem, was wir sagen: Der Mensch ist frei an sich,
und der Staat ist das, was jene Freiheit beschränkt. Sie setzen einen Natur-
zustand dem Staat entgegen; in jenem befinde sich der Mensch in seine«
Rechten im Genüsse seiner Freiheit. Wolff hat so einen Natz/rzz/stand jenem
Staa/srecht vorgestellt; jener aber ist historisch durch nichts bewährt. Im
Zz/stande der Wildhez/ ist die Rohheit aller Leidenscha/ten vorhanden ge-
wese», und dieses hat man die Freiheit genannt. Dieser Natz/rzz/stand ist
eine Fiktion der Reflexion, die Etwas annehmen will; aber das Annehmen
ist lahm. Der Natz/rzz/stand ist das Gegewthei/ der Freiheit, er ist in dem
Natz/rzz/stande nur an sich frei. Von der Natur frei sein ist ga»z was ande-
res, als durch einen Natz/rzz/stand frei sein. Das Kind, was geboren ist; ist
natürlich frei, indem er es noch nicht weiß; die Freiheit ist in ihm noch
nicht wirklich. Dieser Natz/rzz/stand ist die höchste Beschränku»^ der Frei-
heit, der Mensch lebt nur innerhalb der Natürlic/ikei/, und die Freiheit ist in
diesem ga«z noch versenkt. Der Staat beschränkt freilich die Willkühr der
Individuen, die Wildhez'/ der Triebe, das Böse. Nennt man diese Willkühr
der subjektiven Triebe Freiheit, so hat man Recht, aber Freiheit ist eine Ver-
nunftbestimmung, das An Sich des Geistes und diese Vernunftbestim-
mung muß zum Bewußtsez« gebracht; und dieses ist die zweite Schöpfu«_g,
welche durch den Staat bewirkt wira1. Durch [den] Staat ist die Bestimmung
der Freiheit realisiert, daß die Subje/fe/e das Recht und die Sittlichkeit wollen
und frei sind dadurch, indem sie ihr Wesen wollen. - Die Fichtische Philo-
sophie hat diese Ansicht von der Beschränku«_g der Freiheit durch den Staat
verbreitet, als wenn der Staat nur da wäre, der Noth der Bedürfnisse ab-
z/zhelfen.
Andere sa_ge«: Der patriarchalische Zz/stand muß dem gege«übergesetzt
werden, was im Staat gewußt werden soll. Dieser Zz/stand ist so vorgestellt,
daß kein organisches Gesetz alles erhält; sondern daß ein Individuum als
FamzVie«vater und Priester an der Spitze stehe und die anderen ihm aus
Liebe gehorchten. Dies sage« viele: Man braucht kein az/sgeführtes Gesetz-
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 51

buch; durch die ältesten der Dörfer und der Stadt wira" als Tradition die
Sitte erhalten, und diese sprechen das Recht. Rousseau 8 stellte das Gesetz
und die Richter als das Todte vor; sie sa_ge», man urtheile nicht durch das
Herz. Aber diese spreche», meinen sie, nur nach dem Buchstaben, und
dringen nicht in die Fälle ein. — Dieser Zz/stand hängt zusammen mit den
Fam/7ie«verhältnissen. Wo diese Verhältnisse sind, so sind die Kinder un-
mündig, ohne Willen, ohne Zweck, unfrei, nur an sich frei, und hier sind
die Fami/iezzverhältnisse am rechten Orte. Eine Art von SittlicAkei/
herrscht hier, die Famz7ie«liebe, Zz/trauen, Liebe. Die Fami/ie ist ein Indi-
viduum; die Kinder wissen sich als eins mit den Eltern. Dieses Eine ist der
Zweck beider. In der Liebe ist die Selbstsucht az/fgehoben; das Subje^/
weiß von sich nur in wiefern es sich im Andere» weiß. Personen sind nicht
in der Fami/ie, nur im Recht. Die Fami/ie ist so eine seAr hochwichtige, er-
ste Sphäre der SittlicAkei/, wo alle Subje^/e eine Person ausmachen; aber
das Bewußtsei« dieser Einheit ist die Form der Empfindung.
| 1 5 | Das Naturmome»/ ist das Überwiegende: Ein Blut dz/rcAströmt sie.
Im Staat sind die Fami/ie«, aufweiche der Staat achtet, sie heilig erhält und
ehrt, aber sie [sind]'' ihm unterworfen, zum Kriege muß die Fami/ie die
Aufopferw«^ leisten und der Staat ist die höhere SittlicAkei/, weil sie gewußt
wird. Was das Recht ist, muß als gewußtes Gesetz bestehen, um hiernach zu
richten, nicht nach dem subjektiven Urthezle eines Individuums. Im Gefühle
sind alle Zz/fälligkezten und Willkühr.
Sehr gang und gebe ist, daß der allgemeine Wille das Höchste ist, in so-
fern alle ihre Freiheit haben. Aber die Allgemeinheit ist eine besondere Re-
flexionsbestimmung der Allheit, und diese ist hier gemeint, so daß alle
Einzelnen ihren Willen azzfstellen. Die Willen aller Einzelnen sollen also
bei einer Verfassu«_g zzzgegen sein. Dieses ist besonders in unsere« Tagen
vor Augen gehalten. Wir haben angegeben, daß die Freiheit sich realisiere in
dem Subje^/, das sie weiß, und diese Freiheit ist die subjektive Freiheit. Sol-
len alle Einzelnen einwilligen zu einem Gesetz, so ist nur eine Bestim-
mung, der formellen, subjektiven Freiheit heraz/sgehoben, und die andere Sei-
te übersehen. Die Konsequenz ist diese: Kein Gesetz ka»« gelten, wenn
nicht alle übereinstimmen. — Man kam darauf, daß sich die Minorität der
Majorität unterwerfen sollte. Von Rousseau stammen alle diese Bestim-
mungen, die noch heute wirken. Aber, wo Majorität gilt, ist keine Freiheit
mehr, indem die einen gehorchen und nicht frei sind. Die Polen hatten
diese Bestimmung, daß alle auf dem Reichstage ihre Zustimmung geben
mußten. — Um seine Einwilligu«g zu geben, müssen die Einzelnen das wis-
sen und wollen, was das Rechte und Vernünftige ist, es ist dabei vorausge-
setzt, daß die Einzelnen zusammen das Volk [sind]10, und daß das Volk das

8
Schwer lesbar.
9
M: ist
10
M: ist
52 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Rechte wisse und wolle. Jeder Einzelne nennt sich nun so das Volk, und
unter diesem Name» wollen sie, daß ihre Willen gelte». In der französische«
Revolutio« hat sich dieses besonders angemaßt, und [seinen] 11 Willen durch-
gesetzt, man setzt voraus, das Volk wolle das Gute, die Minister das
Schlechte und als ob die Einzelnen es verstzmden. Eine gebildete Erkennt-
nis gehört dazu, um das zu wissen, was Recht ist. Die freisinn/gsten Völker
des Althertz/»7S, die Athener und Sparta«er hatten dieses Bewußtsez« auch,
sie übergaben Solon und Lykz/rg die Schöpfu«_g einer Verfassung. Das
Volk kommt erst nach und nach zum Bewußtsez», und ist nie auf die mo- I
derne Weise zu einer Verfassz/«g gekomme«. Wenige Menschen sind wie
Solon und Lykurg zu jenen hohe« Stellen gekommen in der Geschichte,
Gesetzgeber ihres Volkes zu sein. Allgemeiner Wille also ist der Wille des
Staates, das Vernünftige, und die Individuen »züssen sich diesem angemes- I
sen machen.

22/11

Der Staat soll nun realisiert werden, so daß, was geschieht, alles seinem
Begriff [gemäß] sein möge. Dieses betrifft also die Verfassungen. Der Staat
ist ein Abstraktum, ein Begriff, dessen Realität die Bürger mit ihrem Wol-
len, Gesinnu»gen und Sitten sind. Diese Realität aber noch in allgemeiner
Form aufgefaßt, daß der Staat eine Wirklichke// sei, diese allgemeine Exi- I
stenz muß sich zu individueller Thätzgkez/ und Willen bestimmen. Was vom
und für den Staat geschehen soll, muß aus ihm geschehen; es »nissen dieje- j
«ige«, die ihn bestimmen, ihn leiten, das Haz/pt desselben auch sein, mag es I
einer oder mehrere oder das Volk sein, das leitet. Im Kriege muß einer da j
sein, dem man gehorcht, diese Individualität der Regierung ist nothwewazg.
Der Staat, sagt man, und das Volk, thut dieses. So sa_g/ ma», Homer sei
nicht der alleinige Dichter der Ilias gewese«, sondern das ionische Volk
habe diese Gedichte gesungen; freilich hat auch das deutsche Volk die göthi-
schen Gedichte gemacht; aber nur der deutsche Geist that dieses; aber das
Individuum war es, das aus diesem allen gemeinscha//lic/)e« Geiste gedichtet
hat. So muß auch vom Staat zur Ind/viaz/alität übergega«gen werden, und
hier tritt der Unterschied von Regierern und Regierten, Befehlern und Ge- I
horchenden ein. Der Frei soll aber nicht gehorchen, sa_g/ man, wenn man
sich ans Abstrakte hält; es ist ein Widersprz/c/; aber nur, wenn der Wille als j
besonderer genommen und vom allgemeinen Willen unterschiede» [wird].12
Im Staat aber gerade, der die Freiheit vernünftig geltend macht, muß sich
der Einzelne dem allgemeinen Willen unterwerfen. In sofern der Staat
nicht ein Abstraktum, sondern ein Individuum sein soll, so tritt gleich diese
Bestimmung der Verfassung ein.

11
M: ihren
12
M: nimmt
ALLGEMEINER ZWECK DER WELTGESCHICHTE 53

Man hat nun die Verfassungen unterschiede« in Monarchie, Aristokra/ie


und Demokratie, und mit Recht hat man dieses als Grundlage zu der Ver-
schiedenheit der Verfassungen gemacht. Der Unterschied' ist, ob das Regie-
ren einem Individuum oder mehreren zz/kommen soll, auf welche Weise
sie auch diesen Vorzug haben mögen, oder allen Bürger«. Monarchie und
Despotie sind als solche gleich zu scheiden. Die orientalische« Staaten und
das römische Kaiserthz/»/ haben Einen an der Spitze gehabt, der Herr, Des-
potes, gewesen ist. Bei allen Einthe/lunge«, die aus dem Begriff genommen
werden, kommt es, daß die Gattung oder Art 116 | ein reiches Ga«zes ist,
das noch nicht durch die abstrakte Bestimmung dargestellt ist und nach In-
halt erschöpft ist. Eine Menge von Modifikationen sind auch möglich, die
jedoch nicht das Wesen betreffen. Es können Vermischz/«gen mehrerer
Ord«unge« sein, die aber dann kein Organisches sind. Das Elementare
macht das Wesen des Thieres, Wasser, Erde, Luft; nun gibt es Mitteldinge,
Übergänge, die nur unvollkommene Orgawisationen, nicht frei erhalten in
ihrem Wesen sind.
Welches ist die beste Verfassz/«_g? Diese Fra_ge ist an die Stelle dessen
getreten, was man: Ideal von Staa/sregierung, von Regierungen zu nennen
pflegt. Fenelon hat so ein Ideal von einem Fürsten in seiner Herausbil-
du«,g geschrie^e«. Die Beschaffenhei/ der Subjekte, die an der Spitze stehen,
wird" herrscha//lico[?] angesehen, wenn Glückseligkei/ herrschen soll, hat
man aber nicht an die Staa/sverfassu«g gedacht; man sah nur auf das Sub-
\ekt, nicht auf die Organisatio« des Staates. Das Individuum als Ideal ist
dann auch ein Müßiges geworde«. Fra_g/ man nach der besten Verfassu«^,
so denkt man an eine Theorie, die aus der freien Überlegu«^ geschöpft
werde, und man denkt, daß die Einführu«^ eine Folge sein könnte eines Be-
schlusses, der von der Theorie az/sgegangen ist, als ob die Verfassu»,g eines
Volkes Resultat der Theorie und der Wahl sei. Bei Hetodot findet man ein
solches Beispiel; nach Semerdis Tode verbanden sich edle Perser gege« die
Magier und überlegten, welche Verfassung sie einführen sollte», und zwar
sehr naiv, wie es auch Herodot naiv erzählt. Ein solcher Zei/punkt, muß da
sei«, wo die Theorie ihrer Einsicht gemäß eine Verfassu«g einführt. Heut
zu Tage, indem man auf die Erfahru«^, auf den Zz/stand eines Volkes
sieht, ist man dahin zz/rz/ckgekommen. Napoleon hat für die Spanier eine
Verfassz/«_g improvisiert, an deren Spitze er seine« Bruder gestellt hat, wel-
che besser war, als alles, wenn sie auch Mängel hatte, was nach ihm in
Spanie« geschehen ist. Man hat heute auch die Überzeugz/«^, daß[?] nicht
eine theoretisch richtige Verfassz/«g auch die Verfassung eines besti»/»/ten
Volkes sein ka»«.
Die Freiheit ist Grundlage für die Verfassu«^; nun geht man davo« aus,
daß die Republik für das Höchste einer Verfassung zu halten ist, wie viele
große Staa/smänner in Frankreich sich nicht dessen verwehren können, daß
sie nicht lehren sollten, die Republik sei das Höchste. Wie die Menschen
einmal seie», sagen sie, könne jetzt die Republik noch nicht eingeführt wer-
de«; die Menschen »züßten schon mit einer weniger großen Freiheit zzzfrie-
54 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

den sein, bis die Menschen so beschaffen wären, daß sie jene Freiheit alle
genössen, so halten sie die Monarchie für nützlich noch jetzt. Aber der
Begriff und die Realität sind stark hier getrennt, und von der Vernunft
wird1 diese Trennu»^ verworfen, die der Verstand setzt; in jener ist die Ein-
heit der Realität und des Begriffs in der Idee Staat.
Die Verfassu»g eines Volkes hängt mit seiner Bildu»g aufs Innigste zu-
sammen, wie auch mit dem Klima und der Weltstellu»^. Der Staat ist eine
individuelle Totalität; die Verfassu»g ist nur eine Seite im Staat, aber der
Wahl ist diese nicht überlassen; sondern jene andere» geistigen Mächte, Re-
ligio«, Philosophie, Kunst, Sittlic/jkei/ bedingen ebenso die Verfassuwg. Die-
se Totalität, der Geist eines Volkes ist es, der begriffen werden muß; er
entwickelt sich überhaupt für sich, und es treten in der Entwicklung ver-
schiedene Perioden ein, und in jeder ist eine Verfassu«_g nothwe»dzg be-
stimmt, und nicht äußerlich gewählt, sondern durch den entwickelten Be-
griff nothwe«dzg und deshalb die beste, die gerechte, die wahrhafte Verfas-
sung. Jedes Volk hat die seinem Geiste entsprechende Verfassu«g; es hat
die Verfassu«g, die es verdient, und die ihm gemäß ist. Jedes Volk durch-
läuft die verschiedene« Verfassungen in den verschiedenen Perioden, wie
man bei den Griechen und am az/sführlichsten bei den Römer« sieht, die
das Königth//»/, die Republik und den Despotismz/s hatten.
Der Geist jedes Volkes ist nicht isoliert, sonder» ein Glied in dem
Entwicklungsgange des We//geistes, und in diesem Gange treten die be-
sondere» Verfassunge» hervor. Die Weltgeschichte ist die Darstellu»^, wie
der Geist zum Bewußtsei« und zum Wollen seines Begriffs kömmt; er fin-
det Unklarheit im Gange, Klarheit am Ende der Bahn. Die Entwicklung
des Frezheitsbegriffs der unterschiedenen Verfassz/«_gen im konkreten Da-
sei» mit allen Bestimmungen und Unglücken, nehmen wir so durch.
55

III Vom Gange und der Entwicklung des Geistes in der


Geschichte

Der Geist ist verschiede« von der Natz/r; jener entwickelt sich, indem er
sich zu dem machen muß, was er an sich ist; und die Natur wird" zu dem,
was ihre Bestimmung ist; der Keim ist zum Baum geworden, auf eine na-
türliche Weise, ohne Se/As/thätigkei/. Der Geist muß sich produziere« in sei-
ne»/ Bewußtsez« und Willen, und dieses ist die Arbeit des Geistes in der
Geschichte.

23/11

117 | Im Keim ist alles in einfacher Form, die Herausbildu«,g des Inneren
ist die Bestimmung des Verschiedenen, was in Einheit darin ist. Diese ist
eine Verändern«^, welche Entwicklung ist im Lebendigen, sie ist schon
vorher bestimmt, von Innen heraus. Im Lebendigen geht aber die Ent-
wicklung ohne Hindernis fort; der Geist aber ist zunächst natürlich, so
daß er selbst das Gege«the/7 dessen ist, was seine Bestimmung ist, und so
hindert er sich selbst in sei«er Entwicklung. Der Geist als natürlicher ist sei-
«e Natz/rlic/fkei/n, die er besiegen muß, es ist das natürliche Sein, über das er
siegen muß. Er muß es hinwegschaffen, diesen Feind, der er selbst ist. Das
Natürliche hat den Geist zu seiner Beseelu«g. Der Geist also entwickelt
sich und dieses ist formell, was kommt nun dem Inhalt nach heraus. Die
Pflanzen kommen in unendlicher Mannigfaltigkei/ hervor; das Thier eben-
falls; was wird" im menschliche« Geist entwickelt? Der Geist kommt zum
Bewußtsei«, was er sein soll; seine WirklicAkei/ macht er nun durch seine«
Willen diesem Begriff gemäß, so daß er eine Welt erbaut aus dem Begriff.
Dieser Gang hat nothwewdzge Mome«/e, Stufen, welche durch die Weltge-
schichte dargestellt sind, wie er sich befreit hat. Wir begreifen leicht diesen
Begriff, und dennoch hat die Arbeit der ga«zen Weltgeschichte dazu ge-
hört, dzeses Leichte, den Begriff hervorzz/arbezten. Durch unsere Bildu«^
sind wir so weit gekommen, zu wissen, was heißt Freiheit und daß sie mit
unsere/» Se/As/gefühl innigst verflochten ist.
Dieser Stufengang des Geistes ist deshalb auch vernünftig, indem der
Geist seine»/ Begriff gemäß thut. Jede Stufe ist eine bestimmte, mit einem
eigenth«»zlic»e« Prinzip, in dem die allgemeine Bestimmung zu Grunde
liegt; aber auf eine bestimmte Weise wird1 dieses Allgemeine von einem
Volk und Staat gewußt und gewollt. Diese Stufen stellen sich dar als vor-
handene. Ein Volk ist eine Nation, ein Geborenes, und steht deshaÄ in

13
\ Böses \
56 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

der Natz/r, so daß sein Prinzip eine Naturbestimmtheit ist. Diese Natz/rbe-
stimmthei/ in der äußere« Seite ist die geographische Stellu»g. Ein Volk kann
deshalb auch nur einmal in der Weltgeschichte hervortreten. Wenn der
Geist auf die Stufe der Entwicklung kommt, die seiner natürlichen Stellu»g
gemäß ist, so kommt er zur Entwicklung seines Prinzips. Der Geist geht
alle Stufen durch. Das Natz/rliche ist aber beschränkt, und ist nicht ewig.
Das Volk spielt seine Rolle als natürliches, und ist deshalb nur einmal
Werkzeug des Weltgeistes.
Was ist der Nutzen der Geschichte? Die Völker sollen aus der Ge-
schichte Erfahru«^ lernen, sa_g/ man. Das Individuum hat seine einfache
Moral, worin seine Pflichten ausgesprochen sind. Im Staat lassen sich diese
nicht so einfach fassen, deshaÄ soll man an die Erfahrung sich wenden.
Was haben die Völker aber aus der Geschichte gelernt? Nichtsl Jedes Volk
hat sein eigentümliches Prinzip, nach welchem es sich entwickelt, und was
gewese« ist, und ist bei andere« Völkern, läßt sich nicht auf andere Völker,
Zeiten, andere Entwicklungsstufen übertragen. Man hat die französische Re-
volution, die griechische Welt, die römische Geschichte als Beispiele aufge-
stellt. Man hat die Republ/^ als die höchste Staa/sverfassz/«_g angenommen
wie auch die der nordamerika«isc»e« Staaten. Aber geht man diese Verfas-
sung« und Stufen genauer durch nach Bedingz/«gen und Umständen, so
sieht man, wie oberflächlich jene erste Ansicht ist. Jedes Volk hat ein Ge-
schäft von dem Weltgeist erhalten, und ein solches ist welthistorisch.
Jedes Volk hat nach seiner Indzvid//alität eine eigene Entwicklung und
die verschiedenen Stufen des Geistes zu dz/rc/Maz/fen, mit einer besondere«
Modifikation nach Beschaffenhei/ seines Urprinzips. Ist die Reihe an ei-
nem solchen Volk, das eine der Stufen des Weltgeistes entwickeln soll, so
ist es auch das mächtige, erobernde, es hat ein absolutes Recht, das Recht
des Weltgeistes, der ihm alle andere« Völker unterwirft und unterordnet.
Hat es den Dienst gethan, so tritt es zurück, und zu der neuen Entwick-
lungsstufe, die eine höhere ist, tritt ein anderes Volk, als Träger des Welt-
geistes.
Die Beziehu«g des welthistorische« Volkes auf ein anderes läßt bei uns
viele Völker nur als gering im Dienste des Weltgeistes erscheinen; die er-
sten erscheinen in der Zeit als Reihe, die ein Ganzes az/smacht in der Ent-
wicklung des Begriffs in der Realität. Die Art, wie sie zusammenhängen, sie
auf einander folgen, ist innerlich bestimmt, nach der Seite des Begriffs,
welches wir begreifen; die Völker selbst nehmen es nur als eine Zufälligkeit,
daß die fremden Völker hereinströmen, und alles zu Grunde richten. Thei/s
äußerlich, thei/s auch nicht kommen diese Völker in Beziehu«^. Perser und
Griechen, Griechen und Römer, Römer und Germanen kamen äußerlich in
Beziehu»^, aber besonders auch innerlich; China und Indien, unser Anfa«_g,
haben keine Beziehu«_g az/feinander, und auf die europäischen Völker, wenn
nicht durch den Handel zzzweilen, und ihre Beziehu«^ ist nur innerlich. Der
Geist unter der Erde (souterre) arbeitet er hier, wie es im Hamlet heißt,
nachdem der Geist verschwunden ist, ruft er immer noch unter der Erde,
GANG UND ENTWICKLUNG DES GEISTES 57

sie sollten schwören: Du bist ein guter Maulwurf, sagt Hamlet. So arbeitet
der Geist unter der Erde in dieser Ruhe. Das Erschaffen eines Materials, an
dem sich der Geist zerarbeztet, macht die äußere Beziehu«_g. Dem Geist
setzt sich die Natur als Unfreies voraus.
| 1 8 | Auf dessen Gestaltu«g läßt er sich ein, und diese Beziehu«^ ist eine
äußerliche. Soviel noch über die Entwicklung des Begriffs des Geistes. Ein
Gang hält sie, alle die Völker zusammen. Dieses betrachten wir als [als] die
Weltgeschichte, was ich hier voraz/sgeschickt habe. Der Zweck war die
Verwirklic/>z/«g des Begriffs des Geistes: der Staat, jeder hat ein bestimmtes
Prinzip und einen eigenth/zml/cAe« Ga«g in dieser Entwicklung des Prin-
zips.
Der Nutzen dieser Betrachtu«_g ist eine empirische Bestätigz/«_g des Ver-
nunftbegriffs, der sich äußerlich darstellt und in der Geschichte sich be-
währt; auf eine Weise, die unvernünftig z/mächst az/ssieht, und nur durch
menschliche Leidenscha//en bedingt. Andererseits ist der Nutzen der, daß
die Vernunft in ihrer eigenen Erkenntnis sich vollendet. Die Vernunft ge-
nießt ihrer selbst, indem sie sich hier erkennt.
Wir treten unserem Gegenstande näher. Ehe ich die Eintheilu«^ der
Weltgeschichte gebe, müssen wir den Kreis näher kennenlernen, in wel-
chen die Geschichte fällt, um, was nicht dazu gehört, a//sz//schließen, und
um den Boden der Weltgeschichte zu beschauen. Die Geschichte fällt in
die Ze/>, es ist ein Proze/?, ein Verlauf, der die Äußerlicökei/ an ihm selbst
hat. Die Geschichte fällt wesentlich auch in den Raum, und jener natürliche
Raum ist die Erde. Die Völker sind Geborene, Nationen, und zu dieser
natürlichen Seite gehört der Erdboden, dem sie angehören.
Die geographische Naturgewalt ist zu betrachten.

24/11
Ü b e r d e n E i n f l u ß des K l i m a s auf die G e s c h i c h t e .
Man muß wissen, wie man dieses Verhältnis zu betrachten hat. Man hört
von Homer sprechen, daß der milde ionische Himmel ihn gebildet; aber die-
ser Himmel ist noch jetzt dort derselbe, und unter den Türken ist dort
noch kein Homer az/ferstanden.
Die heiße und kalte Zone ka«« nicht der Boden für die geistzge Ent-
wicklung sein; der Frost zieht die Lappen und Eskimos 14 zusammen; die
Hitze läßt die Neger zu sehr heraus, sehr wenig innerlich werden. Diese
Extreme sind zu mächtige Naturgewalten, als daß der Mensch sie besie-
gen kö««te. Aristoteles sagt. Wenn die Noth der Bedürfnisse befriedigt ist,
so kommt man zur Theorie. In der Hitze und der Kälte ist ein ewiges Be-

M: Esquimous
=8 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

dürfnis, die Noth der Natur ist niemals abgewendet. Die gemäßigte Zone
ist also die Bühne für das Schaz/spiel der Weltgeschichte, und zwar der
nördliche» Halbkugel, indem das Land daselbst so gestaltet ist, daß es gege»
Norden sich fest zusammenhält und kontinental zusammenhängt und gegen
Norden eine breite Brust hat; nach Süden verthezlt sich das Land und läuft
in Spitzen a/zseinander. Die Nat//rproduktione« zeigen, daß der Norden
eine überwiegende Menge von Thiere» und Pflanzen gemeinscha/ziie» hat;
an den Spitzen aber haben sich die Thier- und Pflanze«gestalten besonders
indiviz/z/alisiert.
Die Welt ist in die alte und neue Welt getheilt worden und theilt sich
selbst als solche. Amerika ist die neue Welt, weil sie uns spät bekannt ist,
relativ also; aber auch absolut physikalisch und geistig ist es eine neue Welt.
Wir wollen nicht Amerika die Ehre absprec/ie«, daß es bei der Erschaffu«^
der Welt zugleich aus dem Meer mit dem andere« Land hervorgetreten sei;
aber phys/kalisc/ie Unreife hat es mit dem größten Thezl der Inseln gemein,
die nur eine erdigte Bedeckung haben für Korallenfelder, die senkrecht aus
dem Meere az/fsteigen und von Zoophyten gebildet sind. Sie sind gemacht,
wie auch Neuholland diese Unreife andeutet. Dringt man in das Innere
ein, so findet man Flüsse, die sich zu Schilfseen bilden, so daß die Flüsse
noch kein Bett sich gemacht, und sich streng von dem Land getrennt ha-
ben. Amerika mag mit E.uropa und Afrika als atlantzsc/>es Land zusammenge-
hangen haben; dieses können wir bei Seite lassen. Zur Zeit der Entdeckung
hatten Peru und Mexiko eine bedeute«de Stufe der Kultur, die nur äußerlic»
bekannt ist; Opferdienst von Menschen, Anbetu«_g von Götzen, die
Schwäche des amerika«iscAe« Lebens ka«« am bestimmtesten bezeichnet
werden, indem ihm zFe' g r ° ß e Nährmittel gemangelt haben, Eisen und
Pferd, welche beiden Europa die Übermacht gegeben haben. Beide greifen
in unsere Thätzgkei/ allgemein[?] ein. Das Thierleben ist schwächer als in
Asie» und Afrika. Das Geschlecht der Löwe» und Tiger ist bei weitem in
Stärke und Entwicklung zz/rz/'ckstehender. Amerika zeigt sich so als ein
neues Land, das nicht weitergekommen ist, als unmächtig. Diese soll noch
az/sgeführt werden bei den Schicksalen von Amerika.
119 | Wir haben oben gesagt, wir werden einzge Thezle der Erde von dem
Gange der Weltgeschichte az/sschließen und hierz« gehört Amerika. Die
Bewohner von Wes/indien waren tapfere Stämme; aber sonst war die Be-
völkeru«^ schwach. Die jetzige Bevölkeru«g kommt von Europa her, beson-
ders in Nordamerika. Die Länder im Norden haben die Engländer mehr in
der Nachbarscha// geduldet, wo sie verschwunden sind. Sie haben blutige
Kriege unter sich geführt, und sind az/fgerieben; aber sie vermehrten sich
auch; jedoch hat die Nachbarscha// gebildeter Völker, diese Athmosphäre
hat so einen nicht bemerkten Einfluß ausgeübt. Mehrere Krankheiten, aber
auch das Brandtweintrinken haben sich bedeutend vermindert, wie auch
die Pocken. Der jetzige Zz/stand von Amerika zeigt uns nur Staaten im
Norden; im Süden waren die[?] Eingebornen gewa/rthätzger behandelt worden
von Spanier« und Portz/giesen (den Arbeiten waren sie sogar nicht gewach-
GANG UND ENTWICKLUNG DES GEISTES 59

sen;) ist es merkwürdig, daß es vornehmlich von Kreolen, Abkömmlz/zge«


von Europäern mit europäischem Blut bewirkt worden ist, daß sich die Ein-
gebornen von den Spanier« losgerissen haben, indem sie das europäische
SeÄs/gefühl erhielten. So hat das europäische Pferd auf sie wunderbare«
Einfluß gehabt. Ohne Trieb sind sonst die Eingebornen, so daß sie noch
nicht das SeÄszgefühl der Freiheit und des Rechts haben. Die Inferiorität die-
ser Menschen gibt sich physisch und geistig zu erkennen. Die südliche«
Stämme sind noch in ihrer Wildheit, die Jesuiten und katholische Geistlic»-
keit haben die beste Weise gefunden, solche Menschen heranzz/ziehen. In
Mexiko und Kalifornien hat La Perouse 15 eine Menge von Klöstern, und
ein merkwzzrdzges Verhältnis zwischen ihnen und den Eingebornen gefun-
den; Trieb und Aufregung ist nicht in diese Menschen hineinzz/bringen.
Sie gehorchten sehr leicht den Mönchen wie Kinder, denen vorgeschriebe«
ist, was sie in jeder Stunde des Tages thun sollten; obgleich träge haben sie
sich dennoch gefallen lassen, jenen Völkern in Allem zu folgen. Kost und
Kleidu«^ bereiteten sie sich so. Es ist die unschuldigste Art gewesen, sie
heranzz/ziehen, damit sie Bedürfnisse hatten und Triebe befriedigten. Diese
Schwäche des indi[ani]schen Naturells zu den Arbeiten der Europäer hat
auch veranlaßt, die kräftigen Neger aus Afrika zu holen und sie arbeiten
zu lassen. Diese sind oft sehr geschickte Handwerker, Kaufleute, ja Ärzte
geworden. Die Chinarinde als Medizin zu gebraz/chen, hat ein Negerarzt
erfunden. In Amerika sehen wir so eine neue Generation; die alte ist ver-
schwunden, oder doch steht diese, wo sie vorhanden ist, unter der Zucht
der Europäer.

25/11

Amerika ist ein Land der Zz/kunft; was dort geschieht, ist noch nicht
welthistorisch, so wichtig es auch für Europa sein mag, uns geht es nichts
an. Die europäische Bevölkeru»,g wanderte aus, weil ihnen, wie Napoleon
von Europa gesagt haben soll: Dzeses alte Europa langweilt mich. 16 Man
sieht Amerika als das gelobte Land an; es ist ein Land der Sehnsucht und
diese wird' zum The/1 befriedigt, indem nichts dort beengt; seine europäische
Bildung gibt ihm die größte Se/tfs/zz/friedenhei/ gege« jene Bewohner. Man
entflieht den beengten, verschuldeten Staaten, in denen man seine Bedürf-
nisse nicht mehr befriedigen ka««. Amerika verhält sich zu Europa wie
Reichsstädte, die durch Industrie weit gekommen sind, aber neben sie sie-
delt sich eine andere Stadt an, wo nicht so, wie dort, jeder leicht Bürger
werden kann, und diese hat den Vorthe/1 gehabt, jene Industrie in ihrer
Nähe zu haben, und auf ihre Bürger keine Lasten zu legen, die oft durch die
Zeit sehr bedrückend gewese« sind, besonders durch die Zünfte. Die Bank-

15
M: La Peurouse
16
Satz, unvollständig.
60 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

rottef?] und Schulden gemacht, sind dorthin geflüchtet, wie bei Nürnberg,
Fürth, Genf, Karouge. -
Der Charakter des Beginns des Staa/slebens in Amerika ka«» noch an-
gegebe« werden. - Amerika ist in ^wei The/le zerrissen, die durch eine schma-
le Landenge zusammenhängen nur geographisch, aber nicht durch geschichAi-
che Thätzgkez'/ und Verkehr, der vielmehr durch jene Enge sehr geengt ist.
Gegen Westen" ist Nordamerika innerhaÄ seiner Küste ist das Appalachen
Gebirge, das zwischen der Küste einen schmalen Strich läßt, welcher durch
Flüsse bewässert ist. Der Lorenzstrom hinter diesem Gebirge geht nach
Norden; an ihm liegen große Seen. Mehr südlich ist der Mississippi-Flz//?,
Missouristrom und deren Gebiete. Der im Westen von den Kordilleren ab-
geschnittene Saum ist schmäler. - Im Süden ist der Orinoko und der
Amazonenstrom, die ungeheure Thäler bilden, die nicht geeignet sind,
große Kulturländer zu bilden in der heißen Zone. Der Rio de la Plata mit
dessen Zz/flüssen, die aus dem Gebirgszuge kommen, der dzeses Gebiet von
dem Amazo«e«strom trennt, bilden eine Strecke, Brasilien genannt. Die
nördliche Küste in Sz/damerika | 201 enthält den Magdalenen-Flz//? und Ko-
lumbien. Hier sind außer dem Kaiserth/zm Brasilie» nur Republi/fee« ent-
standen, der Kontrast von Nord- und Südamerika ist nun dieser. Dort se-
hen wir die Zz/nahme an Bevölkerung, Industrie, fest konstituierte Freiheit,
verschiedene Staaten, die durch Union verbunden sind und einen Mittelpunkt
haben. In Südamerika sind Republiken, die eine militärische Gewalt leitet,
bald sind sie vereinigt, bald fallen sie auseinander. Militärische Revolutzo«e«
zerstören alles. Es sind ZFe' entge_ge«gesetzte Ausgangspositionen und ZFe'
verschiedene Richtu«gen in beiden. Die politische Ausgangsposi/io« ist das
eine, das andere die religiöse. Das spanische Amerika ist katholisch; Noraame-
nka ist protestantisch. Südamerika ist erobert worden und hat sich eine Re-
gieru»^ von Eroberern festgesetzt. Gebildete Völker haben sich vorgefun-
den, und sind durch Kämpfe von den Spaniern besiegt worden. Die Sieger
haben sich in Südamerika kolonisier/. Um reich zu werden und Ämter zu er-
halten. Anders in Nordamerika. Hier sind die Staaten nur durch Europäer be-
völkert worden ohne Vermischu«^ von Europäern und Einheimischen. Die
Auswanderer kamen her, besonders aus England und aus religiöse« Rück-
sichten. Diese Europäer waren industriös, so daß wir eine Richtu«^ auf
Handel und Ackerbau, Baumwollanbau, sehen, die Arbeit für das Bedürf-
nis, bürgerliche Ruhe, Gerechtzgkei/ im Genuß. Es ist ein Gemeinwesen,
das von den Atomen der Privatpersonen ausgeht, der Staat ist nur eine
Verknüpfu«g zur Erhaltu«g des Eigenthz/ms. Hier ist also die S/aa/seinhei/
das erste; es ist eine feste Regieru«^, mit der alle zzzsamme«halten. Die Lei-
denscha/ten, die aus allgemeinen Zwecken, aus Herrschsucht in den Spa-
nier« glühten, haben die Spanier benutzt gegen die Wilden. Die Indzaner

17
M: Der Buchstabe ,W' ist durchgestrichen, das hinzugefügte ,o' als Zeichen
für ,nicht' soll wahrscheinlich die Durchstreichung negieren.
G A N G UND ENTWICKLUNG DES GEISTES 61

haben eine tiefe Demut gegen ihre Herren, die Europäer; aber ihnen fehlte
das Gefühl des Privat-RecZ>/s, durch seine Thätigkei/ sich SeÄstähdigkei/ zu
erlangen, und durch Rechtschaffenhe/7 den Besitz zu sichern. In Nordame-
rika ist die protestantische Religio» überwiegend; im Süden die katholische
die einzige. Jene bringt mit sich das Zz/trauen für die Bürger; die katholi-
sche ist ein abgesonderter Ort mit besonderer opera zum Heile der Seele, ab-
gerissen vom weltliche» Leben; diese Religiosität in ihren Werken geht
noch nicht in die Moralität und das Leben über, wie in der protestanti-
sche«. Jene unterwirft unbedingt; und die Formen der Konstitutio« schüt-
zen nicht gegen die Gesinnu«^ der Machthaber; denn in dem Leben der
Bürger ist nicht das realisiert, was in den Werken liegt. Jeder ist nur seiner
Gesinnu«^ in ihm gewiß; die Individuen isolieren sich und wollen gerne zu
einer Staa/sgewalt sich hinneigen; aber die Formen sind nicht in der Ge-
sinnu«g und schützen deshalb nicht; die sittliche Gesinnu»^ der andere«
fehlt; die Leidenscha/Zen der Habsucht, ohne Arbeit Güter zu erhalten,
zerreißen deshalb jene Provinzen.

27/11

Die katholische Religio« setzt nicht eine SittlicAkei/ hier den Leidenscha/ten
entgegen. Die Industrie kommt nicht auf, indem die Religio« sich nur be-
schenken läßt, nicht thätig ist. - Nordamerika im Vergleich mit Europa
scheint im Vorthezl zu sein, als wenn es ein großes Volk und eine große
republz£a«isc/>e Verfassung hätte. Es ist eine subjektive Einhe/7; Präsident
wird1 gewählt nur auf 4 Jahre. Der Zz/stand ist ruhig; keine Abgaben wie in
europäische« Ländern. Das Überwiegende ist der Sinn des Privatlebens,
auf den Gewinn ist er gerichtet. Dieses partikzz/äre Interesse muß aber
durch das formelle Recht gesichert sein. Das Se/£s/gefühl der persönliche«
Freiheit der Engländer ist dorthin verpflanzt. Aber Thätigkei/ für das Allge-
meine, für den Staa/szweck, ist hier nicht, nur der eigene Genuß ist die
Hauptsache, und dieser ist [durch] einen Rec/3/szz/stand geschützt. Die for-
melle« Rec/3/sgesetze fordern nur Rec/j/lic/Jkei/; aber Rec/j/schaffenhei/
braz/cht noch nicht da zu sein. Die Kaufleute aus Nordamerika waren in
üblem Rufe der Betrügerei. Das Recht beobachten sie, nicht die Rechtschaf-
fenheit der Gesinnu«^. Das juristische Recht und das Privatleben ist so dort
az/sgebildet; die Richtuwjg auf einen allgemeinen Zweck fehlt, und die Be-
thätigu«^ desselben. Die Religio» ist protesta«/ise/> im Allgemeinen; diese
führt es mit sich, daß die eigene Überzeugu»^ geltet, nicht der Glaube; aber
das Prinzip des eigenen Gefühls steht auf dem Sprung, in das mannig-
fachste Belieben überzz/gehen. Wer eine eigene We//anschauung hat, hat
eine eigene Religio«. Dieses Belieben der Meinu«g läßt Sekten entstehen.
Bei uns ist es ein Glück, daß ein Zusammenhalt sich geltend macht; wo
aber jedes Belieben ga«z freies Feld hat, müssen Sekten entstehen. Die
protesta«/iscoe Episkopalkirche hat deshalb nicht ein An und Für Sich Be-
stehendes zu sein an sich. Die Religio« ist hier nicht ein Substa«zielles; die
62 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

äußere Einrichtu«,g der Kirche macht sich nach Gutdünken. In Philadel-


phia 18 sind 19 Kirchen für 21 Sekten; das lächerlichste sieht man hier; Ver-
zücku»_g Tanz, sinnliche v4z/sgelassenhei/en der Schwärmerei, aber daneben
Beschrähku«^ zur höchsten Unfreiheit, wie bei den Herrnhutern.
| 21 | Jede Gemeinde nimmt sich auf 2 Jahre einen Geistliche« und schickt
ihn fort, wenn es ihr beliebt. Die Religio« muß immer als ein SeÄstähdiges,
mit Unabhähgigkei/ von den Gemeinden, stehen, wenn auch nicht so wie
in dem katholische« Klerus. Hier mangelt also die religiöse Einheit, die in
den europäischen Staaten erhalten ist. —
Indem die Individuen mit partikularistischer Thätzgkez/ die atomistische
Unbestimmtheit az/smachen, so ist in Hinsicht des Staatsverhaltens keine
gediegene Einheit vorhanden. Der Staat, der allgemeine Zweck, ist nicht
ein Festes für sich; sondern besondere Interessen nehmen alles ein. Der
Anthe/7 an der Staa/sregieru«g ist hier nicht zu finden, denn diese sieht
zwar auch auf praktische Interessen, ist aber doch von allgemeiner Natur.
Zur Staa/sregieruwj sind ZFe' Bestimmungen nothwewaVg, die dort fehlen.
Das Bedürfnis eines Staates und Regieru«^ entsteht, wenn der Unterschied'
der Stände (des Reichthums und [der] Armuth[?]hier) sehr groß wird,
wenn eine große Masse ihre Bedürfnisse nicht mehr auf eine gewohnte
Weise befriedigen ka««. Tritt ein solcher Zz/stand ein, so muß eine höhere
Gewalt alles zz/samme«halten, dieser Zz/stand ist noch nicht vorhanden in
Nordamerika, er wird" abgewendet; nicht so in England, wo die höchste
Spannu«^ zwischen dem höchsten Reichthz/m und höchster Armuth ist, wo
die letzte aber dennoch Anspruch macht zu leben, wie sie nicht leben
ka««. Wenn in Ionien und Griechewla»// die Volkszahl sich vermehrt hat,
daß die Bürger nicht mehr geziemend leben konnten, kein Land da mehr
zum Acker etc. war, so ließen sie sich nicht depremieren durch die Rei-
chen; sie ließen diese Trennung gar nicht kommen, wodurch eine große
Abhähgigke/7 entstanden wäre. Sie griffen zur Kolonisation; ein neues
bürgerliches Gemeinwesen entstand mit gleichen Gesetzen wie das Mutter-
land. England hat denselben Ausweg, aber ohne rechtes Verhältnis der Ko-
lonien und der neuen Zz/kommenden, die durch den Maschinenbau zu
Grunde gehen, wodurch unendlich viele, Millionen, Menschen entbehrlich
gemacht werden. Nordamerika hat diese Gelegenhe/7 zur Kolonisatio«. Neue
Ansiedler siedeln sich im Bassin des Mississippi-Stromes seit 30 Jahren,
wodurch die Haz//>/quellen zur Unzz/friedenhez'/ abgeleitet werden, und der
bürgerliche Zz/stand ohne Staa/sgewalt ruhig fortbesteht. Verfassu«g und
Regierungsweise muß desha/£ nicht mit europäischen Reichen verglichen wer-
den. Die Kolonisation ist schon lange nicht mehr möglich. Wenn Ger-
manien nicht bewohnt wäre, so würden in Frankreic/j keine Revolzrtionen
gewesen sein. Nordamerika würde mit Europa verglichen werden können, wenn

8
M: Philadelfia
9
\ 21 \
GANG UND ENTWICKLUNG DES GEISTES 63

der Raum für den Acker f//rchig[?] az/sgefüllt, und kein Ausgang mehr
möglich sein würde für den Überstrom der Menge. —
Ein Zweites ist, daß die Nordamerika«ischen Staaten keine Nachbar-
staa/en haben, gegen die sie in diesem Verhältnissen wären, wie europäische
Staaten es sind, die in[?] verschiedenen Beziehu«,ge« stehen. Alle sind selb-
ständig, und mißtrauisch desha/£, wesha/& auch Armeen nothwe»dzg sind.
Mexiko wird" erst ein Nachbarstaa/ für sie. England sah ein, daß Nord-
amerika und Mexiko ihnen jetzt nützlicher ist als früher; sie wollen es gar
nicht unterworfen haben. Die militärische Haltu«_g des Staates ist die Spitze
der Individualität, eine Armee stellt die PersönlicAkei/ des Staates vor. Die
Militzen von Nordamerika haben sich bei ihrer Befreiung tapfer bewiesen,
wie die Holländer gege« Philipp IL Den Staat zu machen ist noch ein An-
deres, als ihn kompakt zu erhalten, wo nicht mehr das Leben auf dem
Spiele steht, wo die Kriege nicht auf Vernichtu«^, sonder« nur Politische
Kriege sind. 1810 haben die nordamerika«iscAe« Militzen sich nicht mehr so
tapfer gezeigt gege« die englische Flotte; sie liefen davon. Wenn Amerika
bedrängt werden könnte, so würden die Interessen sich sehr spannen im
Norden und Süden in Amerika. Im Süden beruht alles auf dem Neger; die
Leute sind große Herrn hier im Wollanbau, im Norden sind sie nur kleine
Menschen, die nur für den Erwerb sorgen. So steht Amerika, das nicht
mit Euro/>a zu vergleichen ist.

28/11

D i e alte Welt.
liegt in einem Kreise herum, und durch eine tiefe Bucht, das Mittelmeer ge-
trennt, um welches sich die The/le lagern, und um dieses spielt die alte Ge-
schichte. In Syrien ist Jerusalem, in Arab/'e« Mekka und Medina; weiter
westlich ist Delphi, dann Rom; südlich ist Alexandrien, Karthago. Nach
Osten ist das Innere von Asie«; gege« Nord-West liegt Europa wohin sich
die Weltgeschichte, die im Osten begann, hingezogen hat, nachdem Julius
Caesar über die Alpe« geschritten, und die Germane«, Gallisches Volk mit
Rom in Zusammenhang brachte.
122 | Drei Theile sind es; das ist nicht zz/fällig, der Natursinn der Alten
hat diese unterschiede«, wenngleich nicht die bestimmten Grenzen zwischen
Europa und Asie« sich finden. Physisch und geistig sind sie von einander
verschzede«. Die Farbe« der Menschen, schwarz, gelblico, weiß, trennt sie
von einander.
Land und Wasser sind auf der Erde. Wie sich das erste zum andere» ver-
hält, dadurch bestimmt sich der Charakter eines Landes. Unter Klima, ei-
nem unbestimmtem Worte, versteht man die Lage eines Ortes nach nörd-
liche« und östliche« Breiten. Dieses thut allerdings Etwas dazu. Aber cha-
rakteristisch ist nur dieser Unterschied'; jener vom Klima ist nur oberfläch-
64 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

lieh. Die Wasserlosen Ebenen des Hochlandes von Asie« oder die Ebenen
überhaupt, dann die Thalebenen, die von Strömen dz/rc/iflossen sind, und
das Uferland sind die drei Formen des Landes, die charakteristisch sind in
Bezug auf die Beschäftigu»^ des Menschen und bestimmend in der Ge-
schichte.
Die wasserlosen Ebenen auf dem Hochland von Mittelas/'e«, die von
den Mongolen bewohnt sind, die Steppen im Osten vom KaspiscAe» Meer,
die sich bis zum schwarzen Meer und nach Europa hinüberziehen, die
Wüsten sind, haben das Eigenth/zmliche zusammen, daß sie, wenn auch zzz-
weilen der Regen oder Überschwemmu«_gen die Länder benetzen, die
Menschen getheilt wohnen lassen. Ackerbau ist nicht da, sonder« es be-
steht ihr Vermögen in Heerden, die mit ihnen wandern können, und die
Weiden, wo sie sich finden, abessen und andere suchen, wenn jene abge-
weidet sind, in Gegewden ziehen, die irgend eine Pflanzu«g tragen. In
Hochasie« ist der Winter oft sehr streng, und 3 / 4 der Heerden gehen zu
Grunde, obwohl im Sommer durch die Menge des üppigen Heues vor-
gehütet werden könnte, was aber nicht geschieht. — Hier sind die Extreme
der Gastfreihez/ und Räuberei wie in Arabie« und Afrika. Letztere Erschei-
nung ist ga«z allgemein und sie sind durch ihre Thiere, Pferde und Kame-
le, in Hochasie« selbst, wo das Klima bei weitem rauher als bei uns ist, un-
terstützt. Die Pferdemilch ernährt die Mongolen. Nahrung und Waffen
geben die Thiere also den Menschen hier, das ist der Abel der hier
herrscht. Es ist der Zz/stand der Vereinzelu«_g und der Räuberei. Aber sie
fassen sich auch zusammen in große« Masse« durch einen Impuls, und sol-
che Masse» gerathen in z//fällige Bewegu«g. Friedlich gesinnte Völker sonst,
wenn solcher Impuls in sie kommt, fa//e« in gebildete Länder, wie ein ver-
zweifelter Strom, wodurch nur die Verwüstu«^ das Resultat ist, und nichts
weiter. Die Mongolen sind so ohne anderen Erfolg nach China, nach Eu-
ropa gekommen. In den Engthalern wohnen ruhige Gebirgsvölker, wie in
der Schweiz, auch in Asien, wo im Ganzen der Zusamme«halt unbedeute«d
ist.
Die Thalebenen von ungeheuren Flüssen dz/rc/jschnitten, fruchtbar
durch die Ströme, die sie bilden, wie China und die Hoangho 2 0 Ebene. In-
dien vom Ganges und Indus, Mesopotamien, Ionien 21 , Ägypten. Hier sind
die großen Staaten gestiftet. Der Ackerbau ist hier das erste; die Regelmä-
ßzgke/7 der Jahreszei/en bestimmt die Geschichte, in einem Thezl des Jah-
res sorgt man für die übrige» Thezle. Man sieht auf die Werkzeuge, man
ka»» auch nicht aus dem Lande ziehen, man ist auf diese Landform be-
schränkt. Sie wird dem Menschen eigen, Rec/3/sverhältnisse, Herrschaft,
Besitz kommt hier zum Vorschein.

M: Hoango
Wahrscheinlich Hörfehler, es müßte stehen: Babylonien, vgl. auch TWA 12,
117 und KH 66.
GANG UND ENTWICKLUNG DES GEISTES 65

Das Uferland, das das Wasser nicht trennt von dem Lande. Die Franzo-
sen haben uns überreden wollen, das Wasser sei das Trennende, und das
zumal der Rhein Deutschland von ihnen scheide. Aber das Wasser ist das
Länder verbindende. Die Oder verbindet die beiden Ufer im Uferthale,
wie die Elbe Böhmen und Sachsen, der Nil Ägypten. Dieses ist allenthal-
ben so. Das Meer verbindet, das Gebirge trennt, wie Spanie« von Frankreich.
Das Meer ist erst spät zu einem Trennenden geworden. Sonst ist früher
beides, Meer und Land, verbunden gewesen. Die Bretagne gehörte zu
England, Norwegen zu Dänemark, Livland 22 zu Schweden, Ionien zu Grie-
chenland, Europa und die Küsten von Afrika sind stets in Beziehu»^, Europa
ist mit Amerika und Ostindien durch das Meer in Verbindu«^, ins Innere
von Afrika und Asie« sind wir noch nicht gedrungen. Das Wasser als Fluß
und Meer ist frei zu der Vereinigung. Das Mittelmeer macht deshaÄ diesen
Mittelpunkt, und da dieser Mittelpunkt ein Meer ist, so ist es erst ein wahrer
Mittelpunkt gewesen, und jener Gang in der Weltgeschichte möglich ge-
macht.

29/11

| 23 | Die Nachbarscha// des Meeres gz7>/ verschiedene Beschäftigungen den


Menschen. Das Meer selbst gibt die Vorstellung des Unendliche«, Unbe-
stimmten, nicht Individz/ellen im Vergleich mit dem Land; der Mensch
geht deshaÄ auf das Meer aus dem beschränkten Lande; auf Raubzüge,
zum Gewinn und Erwerb zieht der Mensch. Das Binnenland fixiert ihn
und macht ihn abhängig vom Boden in sehr vielen Beziehungen. Das Mit-
tel, das der Mensch zum Erwerb auf dem Meer braucht, ist die Gefahr des
Lebens und das Gegentheil dessen, was er bezweckt, die Erhaltung und
das Leben. Dieses Gewerbe ist so ein tapferes, verlangt Kühnheit im Ge-
werbe. Tapferkeit verbindet sich mit List gegen dieses nachgebende, wei-
che, ebene, aber schnell wechselnde (seine Ruhe mit der Wildheit) Ele-
ment. Gegen dieses stellt sich der Mensch, indem er auf ein Uferloses
hinaz/sstürmt. Die Erfindung der Schiffahrt macht der Kühnheit und dem
Verstand des Menschen die höchste Ehre. Aus der beschränkten Bürger-
lichkeit heraus bleibt er dennoch im Gewinn. Diese Richtung auf das Meer
fehlt den asiatischen Staaten, die doch ans Meer grenzen. - Dieses sind die
drei zu unterscheidenden Prinzipien. Bemerkt ka»« noch werden, daß die
Kz/s/e«länder von den Binnenländern getrennt erscheinen, ungeachtet sie
durch einen Strom zusammenhalten, so hat der Rhein ehemals, als Haupt-
strom Deutschlands, in dessen Nähe die Mittelpunkte des fränkischen
Reiches lagen, seine Uferländer, Holland von Deutschland getrennt, die
Donau die Türkei und der Po die Lombardei getrennt von Venedig. Polen
und Preußen sind geschieden durch das Uferland von der Weichsel. Das

M: Liefland
66 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Binnenland macht Spanien, und die Uferlandscha/ten der Flüsse Spaniens


macht Portugal. —

D i e alte Welt.
So wie wir drei elementare Unterschiede azz/gewiesen haben, so thezlt sich
jeder Weittheil an ihm selbst in drei Thezle, mehr oder weniger bestimmt. In
Afrika haben wir 1) Ägypten, das zu der Thalebene gehört; 2) das innere
Afrika oder das eigentliche Afrika, das mit einem Dreieck zu vergleichen
durch die Wüste im Norden abgeschnitten ist. Es hat eine schmale Küsten-
strecke, mit seAr hohen Gebirge«, von denen Flüsse kommen, ohne daß je-
doch Thalebenen sich bilden; in der Nähe der Gebirge und des Flz/sses21 ist
große Vegetatio«24, Löwen, Tiger, Schlangen, Sümpfe, die in jeder Hin-
sicht, selbst mit der Luft verderblic/j sind. In diesem Lande hausen die Ne-
ger. 3) Das nördliche Afrika, das eigentliche Uferland, das in Beziehu«^ sich
gesetzt hat nach Außen, mit Europa, zu welchem man es früher oft gerech-
net hat, wie man von Spanie« sagt, daß es das europäische Afrika sei. Das
innere Afrika, das Hochland, schickt ungeheure Ströme aus, die es aber
nicht möglich machen, ins Innere einzz/dringen, denn sie dz/rcAbrechen
zwar die Gebirge, aber nur mit Mühe, ohne Tiefe ist das Bett, so daß es
kein Schiff tragen ka««, Katarakten folgen aufeinander.
In Asien sehen wir ebenso drei Thezle. 1) Das asiatische Hochland, das
ungeheure Land, Sitz der Reiter 25 vor; 2) Die vielen Thalebenen, China,
Indien, Babylonie», Mesopotamien, die Ebene am KaspiscAe» Meer, östlich
und westlich; 3) Das Land der Verbindung, der syrische Küstensaum, an
dem Tyros und Sidon, und das kleinas/a/zscAe Land, es ist das Land der
Vermittluwg. Arabien hat auch viele Seehelden gehabt. Den Indem war es
verboten, auf das Meer zu gehen, und die Chinesen sind nicht so sehr aus-
gezeichnet in der SchifffaAr/.
Euro/a thezlt sich auch so in dieses drei Formen, aber nicht so abstra^/
wie Asie» und Afrika. 1) Südlich von den Alpen und dem Hämus und den
Pyrenäen ist der Thezl von Europa, der das Vermittlungsland in der Welt-
geschichte überhaupt gewesen ist, 2) Das Binnenland, nördlich von den Al-
pe» bis zu der slawischen Nation; 3) Die Flachländer bis zum Don, die
sich zum Kaspischen Meer ziehen, machen die europäischen Steppen aus.
Aber in Europa ist der Unterschied'der Natz/rgewalt nicht so bestimmt; Die
Natz/rformen sind vermischt, und dieses ist chara^/eristisch für das euro-
päische Leben.

Oder: ,der Flüsse'


M: ,Vegetation der'
M: Reuter; KH: .Reitervölker' 68
GANG UND ENTWICKLUNG DES GEISTES 67

Afrika
Dieses Land wollen wir wie Amerika aus der Weltgeschichte az/sschließen.
Wir meinen das eigentliche Afrika, den Wohnsitz der Neger. Dieser Thei/
blieb stets in sich verschlossen gegen die Geschichte. Im fünfzehnten und
sechzehnten Jahrhundert haben die Portugiesen die Küsten von Afrika
entdeckt, und es an nichts fehlen lassen und standen nicht an Muth und
Mitteln den Spanier», die Amerika eroberten, nach. Sie setzten sich in dem
Osten und Westen fest, brachen ins Land hinein; | 24 | aber ko»«ten nur
wenig behazzpten. Die Neger sind ga«z unbändig, und zu keiner Kultur zu
bewegen; es ist das Kultur entbehrende, goldgefüllte Kinderland, mit der
schwarzen Hülle bedeckte Land, noch jetzt so ungekannt, wie zu den Zei-
ten des Herodot. Das Innere ist ungeheuer bevölkert, nicht etwa eine Ein-
öde, sondern mensche»voll, die jedoch keine Verbindu»^ zz/gelassen haben.
Der Muhamedanismz/s brachte einzig Kultur hinein, indem sie besser ver-
stehen, sich £i»gang zu verschaffen.
Hier lebt der natürliche Mensch in sei«er wilden UnbändigkezZ, ohne
Ehrfurcht, Sittlic/jkei/; wir müssen, um sie zu fassen, alles europäische Ge-
fühl ablegen, Religio« und Moral und Staat.

1/12

Was die Religio« anbetrifft, wenn sie auch äußerlich in der Abhähgigkez/
von einem Höheren besteht, möge dieses auch nur eine natürliche sei«,
dem Himmel u.s.w., so ka«« ma« von den Negern mit Herodot sagen, daß
die Neger alle Zauberer sind, die nicht an einen Gott glauben, sondern
die höchste Macht in ihre Willkühr legen. Kein geistiges, sittliches, recht-
liches Gesetz steht ihm gegenüber; ein geistiger Gott ist ihnen nicht auf-
gegangen im Bewußtsein, und auch nicht einmal ein Gott einer Natur-
macht, von dem sie abhähg/g wären. Denn in der Naturmacht liegt auch
ein Geistiges, wie im Donner. Von einem Natürliche« sind die Neger frei-
lich abhängig, wie Ernte, Regen; aber nicht ein Höheres gibt ihnen dieses,
sondern die Menschen durch Zauberei. Die Könige haben Minister, wel-
che den Eleme»/e« gebieten, mit Stäben die Lüfte und Wetter regieren. An
diese Priester wenden sie sich in solchen Bedürfnissen. Ist Mißwz/chs, so
zwingen sie den Priester, Regen herbei oder Nässe wegzz/zaubern. Sie be-
täuben sich durch Ge/ränke und Tänze und erthezlen so ihre Befehle den
Elementen. Dieses ist die Grundlage ihres religiösen Bewußtseins. Einer
Menge von Zz/fällen ist der Mensch az/sgesetzt, durch welche er sein Le-
ben verlieren kann. Diese Zzzfälle machen sie sich objektiv als Gegenstän-
de, die nicht selbständige Wesen, an und für sich, sind, sondern es sind
Fetische, den sie willkürlich als ihren Genius anrufen. Sie haben ihr Be-
wußtsein aber, daß sie von ihnen dazu gemacht sind; mag es ein Krokodil,
Schildkröte, Baum oder Stein sein. Die Götter der Griechen, wie der Ju-
piter des Phidias gelten ihnen auch als gemachte, aber dabei waren sie
68 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

doch an und für sich ständige, und sie sind nicht in die Gewalt des Men-
schen geschlossen. Die Neger bringen ihre Fetische auch um, und schaf-
fen sich einen anderen an. Todtendienst ist bei ihnen zu beachten. Ihre
Voreltern gelten ihnen als Macht gegen die Lebendigen, die sich rächen,
Unheil zubringen, wie die Hexen. Aber diese Vorstellung liegt auch zu-
gleich in der Macht der Lebendigen, welche jene Todten zwingen, durch
Zauberer, Chitonenf?] genannt, herabzz/kommen, und ihnen zu dienen.
Die Neger glauben allgemein, daß nicht durch den Lauf der Natur die
Menschen sterben26, und daß etwa die Krankhei/en Ursachen des Todes ge-
wesen sind; sondern sie glauben, daß Zauber den Tod verschuldet hat, wie
sie auch den Fall ins Wasser, den Tod durch den Blitz, einem Zauber, ei-
nem Todten, zuschreiben, der sich an dem lebenden Feinde gerächt hat.
Deshalb lassen sie wieder durch den Zauberer sich von jenem Zauber be-
freien.
Der Mensch stellt sich zz/nächst so über die Natur; aber willkührlic/j
sucht er sie zu beherrschen, indem er sie verachtet; der Gebildete sucht
die Natur [zu] beherrschen, indem er ihr beikömmt. Ein wahrhaft Höheres
hat sie aber nicht.
Die Menschen haben aber nur Achtung gegen einander, wenn in ihnen
das Bewußtsein eines Höheren ist; wenn auch noch so sehr durch unsere
Religion der Mensch als ein Madensack, ein Gefäß der Demuth betrachtet
wird, so ist er doch sehr hoch gestellt, indem er zu solchem Gefäße, er[?],
bestimmt ist. Desha/£ hat sich die wahrhaftige Achtung der Mensche« ge-
gen einander ei«gestellt. Der Mensch verhält sich nun als Macht gegen die
Natur bei den Negern, und indem sie nichts Höheres haben, so verachten
sie sich gegenseitig; sie haben keine Ritterlic/'kez/ und Recht.
Schauderha// zeigt sich diese Nichtachtung; physisch ist keine Scheu
vor Mensche«; Mensche«fleisch wird" auf den Märkten verkauft; Hunderte21
von Gefangene« werden geschlachtet und von den andere« az/fgegessen.
Auch in Europa ist dieses im südlichen Italie« und Frankreich im Mittelalter,
aber zur Zeit der Theuerz/ng, öffentlich auf den Märkten geschehen. In der
Nähe des Kap Kost[?] haben die Engländer beobachtet, wie solche Opfer
bei den Negern gemacht worden sind. Bei uns ist es eine sittliche Scheu, kei«
Mensche«fleisch zu essen.
125 | Die Neger werden von den Europäern als Sklaven nach Amerika als
Sachen verkauft und zu Arbeiten verdammt. Es geht ihnen in Amerika
aber nicht schlimmer als in ihrer Heimath. Sie haben nicht das Bewußtsei»,
daß der Mensch an sich frei ist. Die Familienliebe ist schwach oder gar
nicht vorhanden. Der Sohn verkauft Eltern, Schwester, Frau und Kinder.
Gegen alle sittliche Achtu»_g ist die Sklaverei so im größten Maße herr-
schend. Der Mensch ist nichts in ihm selbst werth. Verachtung des Todes,

Im M steht hier ein Kreuz.


M: lOOte
GANG UND ENTWICKLUNG DES GEISTES 69
kann man nicht sagen, aber Nichtachtung des Lebens ist bei ihnen vorhan-
den, indem sie keinen sittlichen Zweck haben. Der Tod ist ihnen gar nichts.
Sie sterben leicht, als wenn sie als Boten zu den Todten abgeschickt wür-
den. Sie sind deshaÄ auch sehr tapfer, und die Hitze schwächt nicht den
Körper, (die Lazzaroni z.B. sind sehr stark und noch mehr die Neger).
Diese Achtu«^ des Lebens ist aber nicht der Grund, wie bei uns; sondern
es ist die Leidenscha//, die sie zu der Tapferkeit treibt.

2/12

Von Verfassung kann hier keine Rede sein. Ein Herr steht an der Spitze
oft. Die Willkühr bezwingt er durch Gewalt. Er hat Untergebene mit un-
bändzgem Willen, gegen die er selbst willkührlic/j ist. Ein solcher Häuptling
oder Despot hat demnach andere Häuptlinge unter sich, wie Agamemnon
mit seinen anderen Häz/ptli»ge», oder wie das Deutsche Kaisertum seine
deutschen Fürsten. Jener berathet sich mit diesen Untergebenen, und mit
ihrer Erlaz/bnis treibt er Tribut ein, und beschließt Kriege. Diese entfernt
er aber, wenn sie ihm entgegen sind. Der König in Aschanti 28 erbt alles
Gold in seinem Lande. Oft war er erschlagen. In Dahomey 29 ist Gebrauch,
daß, wenn die Hä//ptlinge mit ihm unz//friede» sind, sie ihm Eier zz/schik-
ken, als Zeichen, daß er sich entfernen möge, was er auch thut, und ihm
folgt sein Sohn. Das Amt des Scharfrichters ist ein sehr hohes Amt, durch
welches der Verbrecher und auf den man eifersüchtig sein ka»», wegge-
räumt wird". Aber durch eben dense/£e» wird auch der König hingerichtet.
Er ist Minister am Hof.
Die Neger sind natürlich sanftmüthig und ruhig, indem sie gleichgültig
im rechtlosen Zz/stande leben; aber sie können auch in die höchste fanati-
sche Wuth und zu ga«zen Völkern gereizt werden. Die Art, wie sie Krieg
führen, geht über alle abscheuliche Vorstellung nach dem Kriege waren sie
so sanftmüthig, daß man diesen Kontrast nicht hat begreifen können.
Stirbt der König, so sind alle Bande aufgelöst; in seinem Palaste fängt
die Verwüstung und das allgemeine Gemetzel seiner Weiber an. Eine Heer-
de von Personen gelten für seine Weiber, wie in Dahomey 3333. In der
ganzen Stadt bricht allgemeine Plünderung und Privatrache aus, so daß
man sieht, daß der König überhaupt die Ruhe begründet bei aller seiner
Despotie. In dem ganzen Land verbreitet ist diese Stimmung. Schnell des-
halb wählt man einen neuen König.
Wie wir sie jetzt kennen, so ist ihr Zz/stand von jeher gewesen. Die euro-
päische Kultur, Macht, Tapferkeit hat nichts über dieses unbändige Leben
vermocht. In dieser tigerhaften Roheit bleibt nun Afrika geschlossen, und
nur durch Sklaverei hängen sie mit Europa zusammen. Den Europäern gab

M: Eschendy
M: Dahome oder Dahomi
71) Du: PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

man Schuld, daß die Veranlassu»_g zur Sklaverei von ihnen az/sgegangen sei;
dieses ist aber nicht wahr, denn die Sklaven wurden früher az/fgefressen,
wenn sie durch den Krieg gefangen wurden; jetzt werden sie wenigsten an
Menschen verkauft. Der Neger existiert nicht als frei durch die Natur; er ist
das Gegenthez'/. Ist die Sklaverei durchaus unrechtlic/i, so würden sie30 den
Sklaven unmittelbar ihre Freiheit geben; aber dadurch entstehen die fürch-
terlichsten Folgen, wie in den französischen Kolonien. Man muß die Frei-
hei/ durch Bändigu»g des Naturells der Neger ihnen anerziehen.
Das nordwestliche Afrika hat für sich keine selbständige Rolle in der
Weltgeschichte zu übernehmen gehabt, es griff nur z//weilen ein; das nord-
östliche aber ist von eigenthz/mlic/jer Beschaffenhe/7, die wir in anderem Zu-
sammenhang, in der Reise des Mensche»geistes von Ost nach West berühren
werden, wo der Orient mit Europa zusammentraf

Lesart unsicher; sie = Europäer.


-1

|26|

Eintheilung der Weltgeschichte.

Der Orient ist nur der Osten relativ genommen, wo die Sonne aufgeht, die
allentha/ie« aufgeht. Für uns jetzt ist das E«de eine Kugel; in der Weltge-
schichte nicht so; denn der Anfa»_g ist da noch nicht die Erde, und so ist
hier ein Osten KOT' e^oxt|v vorhanden. Jenseits ist das stille Meer. Es
fängt dieses Land im Osten schlechthin an. Kein geschichtlicher Zusammen-
hang mit einem anderen Thezl der Erde ist für Asien damals vorhanden, und
hier geht die Sonne physisch auf; Abend geht sie nieder, wo aber der
menschlzcAe Geist, die innere Sonne aufgeht.

3/12

Die Weltgeschichte ist die Erziehung von der Unbändigke/7 des natürli-
chen Willens. Indem die Orientalen nur einen, die Griechen einzelne, die
Germanen alle als frei wissen, so bestimmt sich hiernach die Einthezlu«^.
Die ursprüngliche Verfassungsform ist der Despotismz/s. Die zFe'te ist die
Republik, die Demo- und Aristokra/ie; und die dritte ist die Monarchie. Es
gibt zwei Formen der Freiheit, eine substanzielle, objektive Freiheit und sub-
\ektive: Jene ist die Vernunft des Willens, welche sich bestimmt und weiter
forttreibt. Thei/s in der Fami/ie, thei/s in dem Staa/sgebäude entwickeln
sich diese Formen der Vernunft; aber es ist dabei noch nicht die eigene
Überzeugung, die subjektive Freiheit, vorhanden, d.h. der Wille, der sich in
dem Individuum selbst bestimmt. Die Reflexion des Individuums ist sein Ge-
wissen, welches im Orient noch nicht vorhanden ist. Sein eigenes Gemüth
muß jenes allgemein Vernünftige empfinden und wollen. Jene Vernunft-
gebote sind fest, und gegen diese kann das Subje^/ in Dienstbarkez/ sein, in
wiefern sie nicht zugleich als Gesetze seiner eigenen Gesinnung sind. Das
Kind thut, was Recht ist, aber es thut es nur geheißen, ohne sich dazu be-
stimmt zu haben. Dieses sind die ZF" Formen der Freiheit, die zu scheiden
sind. Sobald die ZFe'le ln den Menschen eingeht und der Mensch aus der
äußere« Wirklic/ikei/ in seinen Geist hinei«geht, und jene auffaßt, so tritt
die Reflexion ein, ein Abziehen in sich, und dieses ist eine Negation der
Welt, in die er nicht mehr versenkt ist. Dieses Zz/r/V'ckziehen enthält in
sich zugleich einen Gegensatz, welcher sich selbst az/sbildet im Geistigen.
Gott ist die eine Seite darin, der ein Gedanken Gott wird, dem das be-
sondere Subje£/ gegenübersteht. Im unmittelbaren Bewußtsez» aber, im Ori-
ent ist beides ungetrennt, das Substa«zielle, das im Geistigen Gott ist, und
das vereinzelte, Akzidentielle. Jenes Substanzze//e gilt als äußerlich vorhan-
den, und ist noch nicht an den Geist verlegt.
72 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Wir fangen also mit dem Orient an, und betrachten das Staa/sleben,
welches uns einzig angeht, da darin nur das vernünftige Wirken des Gei-
stes zu sehen. Das Kindesalter der Geschichte ist hier. Es ist eine sub-
sta«zielle Gestaltung, ein Prachtgebäude, die orientalisc/»e Welt, in welcher
die vernünftigen Bestimmungen vorhanden sind, aber so, daß die Indivi-
duen, die nicht frei sind, nur als Akzidenzen erscheinen. Diese Prachtge-
bäude bilden einen Mittelpunkt, den Herrscher, als Patriarch an der Spitze,
nicht als Despot im Sinne des römischen Kaiserreichs, sondern der das
Sittliche geltend macht; es kan« nichts sittlicher sein als das chinesische
Reich. Ein orientalischer Staat ist eine Theokratie, ein Reich Go//es; erst
unser Gott ist in diesem inneren Gegensatz zu dem weltliche« Dasei«; aber
hier, wo die innerliche geistige Welt noch nicht az/fgegangen ist, ist das
Substa«zielle in der ungeistigen Weise, als unmittelbares Sein, als Vorhan-
densein. Der Fürst an der Spitze ist der Exekutor des Sittliche«, und gilt als
höchster Mittelpunkt in jeder Rücksicht. Subjektive Individualität herrscht
hier nicht.
Das Jünglingsalter ist die griechische Welt, das ZFe'te Reich das Jüng-
lingsalter des Geistes. Die Sittlic/>kez7 ist auch hier Prinzip, aber als solche,
die den Ind/viaz/alitäten ei«gebildet ist, und daß die Gebote von den Indivi-
duen gewollt werden; es ist eine Harmonie des Sittliche« und des subjektiven
Willens; die Idee ist vorhanden in daseiender Gestalt; noch nicht getrennt
als Regel, mit einer entgegenstehenden Gestaltu«^ etwa, sondern es ist ein
Fertiges, beides zusammen, ein Kunstwerk unmittelbarer Ausdrz/c^ des Gei-
stes, ohne einen Gegensatz in sich zu haben. Dieses ist die Welt der Blü-
the, deshaÄ schnell vergänglich. Die unbefangene Sittlic/jkei/ ist es hier,
noch nicht die Moralität; es ist der freie Wille, der das Sittliche will.
Das Dritte ist der Beginn des Gegensatzes, der Reflexio«, das Reich der
abstra/fe/en Allgemeinheit, das Mannesalter, die Arbeit des Mannes, die
nicht im Dienste des Herren, sondern des Staates lebt. Der Staat hebt sich
an abstra/£/ herauszuheben. Der griechische Staat ist die Jiö/Uc,, die Stadt;
| 27 | aber nicht so in Rom, wo nicht jeder dz/rc/>gänglic/>, lebendig, kon-
kret, Anthezl am Staat hat. Die Härte des allgemeinen Zweckes opfert den
Ei«zelnen auf, und diesem Zweck dienen alle, zz/nächst der Stadt Rom,
dann aber dem römischen Reich. Das Allgemeine löst sich von der Theil-
nahme des eiwzelnen. Aber durch die The/lnahme am Allgemeinen gewin-
nen die Individuen auch die abstrakte formelle Allgemeinheit. Die Allge-
meinheit unterjocht die Individuen, welche aber als Individuen diese ab-
strafe Freiheit erhalten; die Person sehen wir hier zuerst mit einem Recht,
das zu Grunde liegt. Sie hat Eigenthzzm. Das Privatrecht war desha/i> auch
in Rom az/sgebildet worden. Die Art, wie die Individuen dem Allgemeinen
einverleibt und az/fgeopfert wurden durch ihre Tugend, Patriotismz/s, er-
drückt aber auch die Völkerindividuen als eine Masse. Rom wird]?] ein
Pantheon aller Götter, welche alle durch die eine Macht ihre eigentliche Le-
bendigkez/ verlieren. Die Ausbildu«^ dieses Reiches führt nach zwei Seiten
hin, nach dem Staat und nach der Person. Dieser Gegensatz bildet sich

i
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 73

darin aus, daß die Atome des Körpers nur äußerlich zusammen gehaAen
sind, nicht durch Sittlic/>ke/7, durch Schönhe/7, durch Geselligke/7, sondern
durch Gewalt des einen Despoten. Die Masse von Atomen, von Privatper-
sonen mit einem entwickelten Privatrecht bildet sich ohne Geist und Le-
bendigkei/ der Individualität aus, und eine Individualität hat der Herr, in
dem die Willkühr den Sitz hat. Hier wird1 aber der Geist zz/rz/ckgetrieben in
sich aus der Gö//erlosen Welt. Der Geist steigt in sich selbst herab, und es
tritt ein die Innerlic/ike/7, welche konkret erfüllt ist. Der Geist des Indivi-
duums hat die innere Gewißhe/7, und eine Substa«zialität, die im Geist ge-
wußt wird", als geistiger Gott. Das Individuum steht im Innern in Verbin-
dung mit dieser geistigen Substanz.
Hier beginnt das Reich des Geistes, das Prinzip der konkreten Freiheit.
Die objektive Freiheit, die Vernunft, der absolute Wille - und das Subje/fe/
mit sei»er Freiheit stehen in Einheit, als konkrete Freiheit. Der absolute Wille
ist Wille des Subjekts. Es ist eine Versöhnung des Geistes mit sich. Dieses
ist das germanische Reich der germanische« Völker, welche die Träger der
seÄs/bewußten Freiheit des Geistes sind. Dieses Prinzip ist zzznächst in-
nerliche Versuchung, der das weltliche Reich gegenübersteht mz7 allen seine«
Leidenscha/ten und Verworrenhei/. Die Versöhnung kommt endlic» auch
in der Wirklic/ikei/ zu Stande. Dieses sind vier Reiche der Weltgeschichte.

7/12

Die Vereinigung des Substa«:riellen mit dem subjektiven Willen ist in den
christlie/je« Reichen ausgesprochen. Eine Versöhnu«g des persönliche« und
absoluten Willens ist nur auf dem Boden des Geistigen möglic«; jeder ein-
zelne ist ein Gegenstand der Gnade Gottes, und hat einen unendliche«
Werth vor Gott, in diesem Verhältnis sind alle Menschen 31 gleich gegen ein-
ander. Hier ist jeder als frei erklär/; subjektiv und objektiv ist er frei, indem
das Subje^/ in seiner Gesinnu»_g den absoluten substanziellen Willen hat.
Dieses Prinzip ist in der christliche« Religio« ausgesprocAe«. Dieses Prinzip
ist abstra/fe/ nur im Gewissen, im zz/r/zckgezogenen Heiligthz/m des Individu-
ums aus der Wirklichkeit der Leidenscha/ten. Indem nun dieses Weltliche
noch jenes entbehrt, so ist das Reich selbst noch nicht realisiert; diese Re-
alisation hat der Kampf der germanischen Völker bewirkt. Indem sich die
Kirche unterscheide/ mit ihrem geistigen Prinzip gegen die rohe ungeistige
WirklicAkei/, als eine geistliche Wzrifelichkei/, so sind die Leidenscha/ten
noch nicht gebändzgt; aus dem geistzgen Reich entsteht ein we//liches
Reich, und in diesem sind eben solche Begierden, welche gegen die Be-
gierden der rohen Wirklichkeit kämpfen, und geben sich absolute Berechti-
gu«,g. Das weltliche Reich wird1 unterdrückt, und sucht sich seÄständig zu
setzen, und indem es den vernünftigen Willen in sich hat, so fühlt es sich

Die Wörter ,alle Menschen' sind am Rande hinzugefügt.


74 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

auch berechtigt, und steht der Kirche nicht nach. Die Versöhnung beider
Seiten wird1 nun vorbereitet. Denn indem der Staat das Recht in sich hat, so
hat die Kirche nichts voraus. Die Freiheit sucht nun ihr Ziel auch in der
Wirklichkeit zu realisieren. Diesen Weg haben wir dzzrc/>z//machen. Die Ge-
schichte ist lang, und 2 Vi Ja/>rtause»de waren, wunderbar, wie es schie«,
nöthig, um diesen ei«fachen Begriff zu realisieren, und das geistige Prinzip
zum Bewußtsei« zu bringen. Die Länge der Ze/7 ist indes nur relativ, der
Geist gehört der Ewigke/7 an; aber diese Masse, den Mensche« zu durch-
dringen, das ist noch Etwas Anderes.
Wir fangen also mit dem Orient an, und zwar wo der Staat beginnt. Die
Verbreitu»,g der Sprachen liegt jenseits der Geschichte. Die Geschichte ist
res gestae thei/s, thei/s eine geschriebene Geschichte; res gestae können
schon lange vor dieser gewesen sein. Die Geschichte ist wesentlic/3 prosa-
isch; das Gedicht, die Mythologie ist nicht Geschichte; das Bewußtsei« des
äußerlichen Daseins ist prosaisch, und tritt erst mit dem Bewußtsez« von ab-
strafe« Bestimmungen ein; wo ein Staat ist, sind Gesetze, die aber Be-
stimmungen sind, welche allgemein, abstra^/ az/sgesprocAe« sind. Tritt die
Fähigkeit ein, diese zu fassen, so ist auch das Bewußtsez« diese zu beschrei-
be«.
1281 Das Vorgeschichtliche geht deshalb auch der Bildu«_g der Staaten
voran, und demseÄe« Se/£s/bewußtsei« der Völker. Es sind keine Facta, nur
Vermuthungen.

Der Orient
hat den Charakter des Sittliche« in der Substa«zialität. Die sittliche» Be-
stimmungen sind als Gesetze az/sgesproc»e«, aber so, daß der subjektive Wil-
le von den Gesetzen als einer äußere« Macht regiert wird1; die Gesinnu«g
und das Gewissen ist noch nicht vorhanden. Die Gesetze werden auf äußere
Weise gehalten. Der Mensch ka«« äußerlich festgehalten werden durch
Zwang, leiblich, und dieses ist ja das Zwangsrecht auch im Positiven.
Denn das Recht beruht auf der Persönlichkeit der das Eigenthz/m gehört,
und dieses ist ein Äußerliches, und indem ich meine Persönlie/ikei/ in ein
Äußeres lege, so ka«« ich auch äußerlic/3 gezwungen werden. Aber die sittli-
che« Gesetze sind innerlich, wie Liebe zur Fami/ie. Werden diese nun auch
Zwang - Pflichten, so sind es richtige Gebote, Liebe zu den Eltern zu
haben, so ist das Innerliche äußerlich gemacht, und meine Gesinnu«,g, Wille
fehlt in dem Substanzie//e» W/llen: Das Vernünftige ist nun in dieser
Form im Orient vorhanden; der vernünftige Wzlle expliziert sich nur ob-
\ektiv, nicht subjektiv.
In der asiatischen Welt, in der dieses Prinzip herrscht, haben wir schon
die geographische Seite betrachtet. Die Mongolen sind Nomaden auf dem
Hochasie«, welche den Thalbewohnern gegenüberstehen und auf welche
jene herabbrechen, indem sie Eiwöden hinter sich lassen, und wenn sie
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 75

sich in den Thälern, wie in Indien (großer Mogul, Mandschuh[?]) nieder-


lassen, so sind sie in Rücksicht auf Staa/sbildu«^ von wenig Ei«fluß gewe-
se«. China und Indien in den Thalebenen werden wir deshaÄ betrachten
zz/erst. Jenes mit einem patriarchalische« Verhältnis, schei«bar mit einem
edlen Verhältnis; dieses nähert sich mehr dem Charakter des Staates, indem
es Ständeunterschiede, Beschäftigu«gsverschiede«hez7 hat; aber der Unter-
schied1 ist durch die Natur fest gebunden. Der Wille ist az/sgeschlossen, und
alles ist eine Natursache; dort ist die Fami/ie Prinzip; hier entwickelt sich
schon der Orga«zsmz/s des Staates; die Masse macht noch keinen Staat und
ist nur das Elementare; aber im Organismz/s ist ein Setzen der Unterschiede
der Gliederungen, die durch einen Prozeß nur gemacht sind. Aber die
Stände sind durch die Natur gesetzt erst in Indien.
In Vorderasie« ist eine Verbindu«^ vorhanden von nomadische« Völkern,
wie die Perser, aber diese Nomaden beherrschen von Mesopotamien bis
zum ägäischen Meer. In Persien ist das Prinzip des Lichtes herrschend, die
Abstraktion des Allgemeinen in Form natürlicher Allgemeinheit; das Licht
ist das schlechthin Allgemeine, abstra/fe/ Einfache. Ihre Herrscha//
schwebt über den Völkern und läßt ihnen allen ihre Eigenth/zml/cokei/; es
ist ein Kaiserreich im modernen Sinn. Der persische Monarch ist nicht
König von Unterthanen gewesen, sondern ßaoi)v£(ov ßaoiXetx;, ein König
der Könige war er. Es hat die Bewegl/c/)kez7 seiner Beziehung nach Auße«
und macht den Übergang nach Gr/eche«la«d' durch Ägypten. So betrachten
wir diese vier Reiche. China und Indien haben nicht auf ei«ander gewirkt in
der Geschichte, nichts haben sie gemeinscha/ilic» mztei«ander und mit dem
Okzident. Sie gehören in sofern dem äußerliche« geschichtlichen Gange
des Geistes nicht an; aber der Geist macht seine Entwicklung innerlich;
und dieser innerliche Gang hat auch einen äußeren Zusammenhang, so daß
das Innere sich ganz äußer« muß; zz/erst aber sind diese Gestaltu«gen
nicht auße«, sondern durch unsere Gedanken mit den außen erscheinenden
Gedanken in Zusammenhang.

China.
Das chines/sc/>e Reich fängt die Geschichte an, und wir nehmen es deshalb
für das älteste; aber Indien und China sind von dieser Art, daß hier das
älteste auch das Neueste ist; das älteste Chi«a zeigt sich früh entweder mit
seinem Prinzip zu dem Zustande, in dem wir es noch sehen, und enthält
die Saamenkörner, die nachher ga«z az/fgingen und zum äußere« Mecha-
nismz/s eines Staates gemacht sind. Das Neueste ist auch das Älteste in
China wegen der Substa«zz'alität ihres Prinzips; das Subjektive, eigener Wil-
le ist nicht im Gegensatz mit dem substanziellen Willen; alles Leben ent-
steht durch den eigenen Willen, und das Leben allein bringt eine Erneue-
ru«g hervor.
76 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

8/12

| 29 | Kein Volk hat eine solche Reihe geschichtlicher Begebenhezten als


China. 29. Jahrhundert 32 v. Chr. führen sie jene hinauf, bestimmt ist es 23.
Jahrhundert. Andere orientalische Reiche führen hinauf auf 23. Jahrhun-
dert, wie Ägypten, das assyrische ebenfalls 23. Jahrhundert, Indien, wenn sich
irgendeine Muthmaßu«^ aus dem Trüben machen läßt, ebenfalls. Verglei-
che« wir diese Zahlen mit den Angaben im A.T., so ist es 24 Jahrhunderte
v. Chr., die verflossen von der noahischen Fluth bis auf Christus. Johannes
von Müller setzt 3473 diese Fluth, also 1000 Jahre früher; indem er sich
nach der alexandri«isc/je» Übersetzung und deren Rechnung richtet, wo
zwischen Adam und Abraham ein Unterschied'von 1376 Jahren sind. Abra-
ham wird nun 3 Jahrhunderte nach der Flut gesetzt; ist nun die Fluth über
jene Länder gegangen, so ist es nicht glaublich, daß die Welt sich schon so
gestaltet, wie sie in der Bibel beschriebe» ist, so daß Ägypten ga«z organi-
siert erscheint.
China hat Grz/«dbücher, das seine Geschichte, Moral und Grundsätze
enthält, und diese müssen wir dz/rc/mehmen, um ihre Individualität zu er-
kennen, wie man überhaupt die Bildung eines Volkes nur erkennt aus ihren
Grz/«dbücher«, welche ihre Bibel sind, wie das A.T; N.T, woraus wir den
Charakter der Juden und Christen erkennen, den Homer muß man inne
haben, um den griechischen Geist zu erkennen; die Moallakut/r33, die in
Mekka an den Thoren eingeheftet sind, muß man kennen, um die alten
Araber zu verstehen. Die europäischen Völker waren nicht so selbständig,
wie die orientalische«, sie erhielten eine fremde, römische Bildu«_g, und ha-
ben deshalb kein Grundbuch. Ihre Se/£ständzgkez7 der Bildu«g entstand erst,
nachdem sie die Muttermilch eingesogen und überwunden haben. Ossians
Gesänge in Schottland sind abgerissen von unserer Bildu»^, das Nibelun-
g e n l i e d ka»» nicht als Grundbuch angesehen werden, und steht nicht
mehr mit unserer neuen germanische« Bildu«^ in Zusammenhang. Die Chine-
sen haben die King, wie jene Grz/«abücher heißen. Das eine Buch heißt
Tschu-King 14 , das von den Franzosen herausgegebe« ist; dieses betrifft die
Regierungen der alte« Könige; ist nicht zz/samme«hängend, sondern frag-
mentarisch, die Befehle der einzelnen Fürsten, Adel, Belehrungen enthal-
tend, die die Grundlage des Staa/sgebäudes bilden. — Der Y-King 35 ist ein
anderes Buch, das auch das Buch der Schicksale heißt, welches aus Stri-
chen, Figuren besteht. Dieses ist die Grundlage aller chinesische» Schrift
und Bildu«,g und Philosophie, indem es mit den Abstraktionen der Gedan-

M:JH
M: Moalakuth (Hegel, ed. Glockner, Bd. 14, 401)
M: Tschun King
M: I=King
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 77

ken anfä«g/ und zu dem Konkreten fortgeht. - Der Schi-King 36 , das Buch
der Lieder, ist beim Go//esdienst, Hochzeit etc. gebraucht. — Die Gebräu-
che enthalten ein viertes Buch gegen die Kaiser, Beamten, Famz7ie«verhält-
nisse, gegen Frau und Kind und gegen das Äußere der Sitte. - Yo-King 37 ,
das fünfte Buch, betrifft die Musik.
Chi«a hat früh die Aufmerksamkei/ der Europäer auf sich gezogen; im
13. Jahrhundert ungefähr schon; man hielt alle Berichte aber für Fabeln. 38
Als man Chi«a genauer kannte, fand man den ungeheuren Umfang des
Reichs bestät/gt, und zugleich bewunderte man, wie es sich so ga«z abge-
schlossen hat mit seiner Größe; so daß die geringste Anzahl der Einwohner
auf 150 Millionen geht, und gewiß stehen 250 Millione« unter der Herrscha//
von dem chinesisc/je« Kaiser, wenn man nicht das eigentliche chinesische
Reich im engsten Sinne nimmt. Auf dem Strom Hoangho 39 wohnen gera-
dezzz Millionen die sich von dem Wasser nähren. 2—3 Millio«e« Einwohner
fassen die Städte oft. Alles ist wohl geordnet und orga«isiert; die Regierung
ist weise, milde. Ackerbau und Wissenscha/zen erscheinen in blühendem
Zustande. China besitzt sehr große Geschichtswerke, von denen eines, 12
Bogen in Quart 4 " groß ist, und bis zum höchsten Alterth/zm hinauf geht.
Die Geschichtsschre/ber gehören zu den höchsten Beamten und 2 sind
stets um den Kaiser, die seine Befehle, Verordnungen, Aussprüche, az/f-
schreiben; andere zeichnen die einkommenden Berichte auf, so daß große
Materialien für die GeschicA/sschreibz/«^ vorhanden sind. Fohi soll eine
gewisse Civilisation eingeführt haben; man setzt ihn ins 29. Jahrhundert
v. Chr. Aber die Tschu-King 41 fängt mit Yao 42 an, der ins 23. Jahrhundert
fällt, setzt ein mit einer neuen Dynastie anzz/fangen. Der Norawestlichste
Winkel von China scheint die ersten Staaten in der Geschichte von Chi«a
zu enthalten. Später breitet sich dieser Anfa«,gspunkt nach dem Süden, zum
Kiang-Flz//i' und dem Hoangho 4 3 aus. Ursprz/wglic/i sollen die Einwohner in
den Wäldern wild gelebt haben.
| 30 | Fohi (nicht mit Fo = Buddha zu verwechseln) soll die Wilden gelehrt
haben, Feuer zu machen, Hütten zu bauen, die Jahreszez/en beobachten; er
zeigte, wie alle Gaben vom Himmel kommen; Tausch und Ehe führte er
ein, Brücken, Barken bauen, Pfeil und Bogen verfertigen; über alles dieses
spreche« die chinesische« Geschichtsschrezber. Die weitere Geschichte ist
eine Entwicklung dieser Gesittungen. Das Reich zerfällt in Provinzen, die
miteinander Krieg geführt und sich vereinigt. Die Dynastien wechseln, von

36
M: Tschi=King
37
M: Yo=King
38
Gemeint sind wohl die Berichte des Marco Polo.
39
M: Hoango; es fehlt der Hinweis auf den Yangtsekiang.
40
M:4
41
M: Tschu=King
42
M:Jao
43
Die Flüsse Yangtsekiang und Hoangho.
78 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

denen die jetzige die 22ste ist. Diese Provinzen wurde« unter ein Ober-
haupt gebracht, und die Hauptstädte wechselten sie immer, Nanking und
Peking waren es zz/letzt. Schweifende Völker drangen ins Land ein und
wurden hinaz/sgetrieben; Rebellionen fielen vor. Gegen diese Völker ward
die Mauer, dieses Wunderwerk der Welt 44 , von Schi-hoang-ti 45 gezogen
213 v. Chr. Dieser bezwang die vier Fürsten von China, und zertheilte das
Reich in Provi«^e». Er hat alle Bücher, welche die Geschichte der früheren
Dynastien beschreibe», mit aller Mühe sammeln und verbrennen lassen.
Dieser Umstand ist sehr wichtig; durch Verbergen so//e« jene fünf Bücher
gerettet sein. Zur Zeit des 30 jährigen Krieges beginnt die Herrscha// der
Mandschu, die nichts in China veränderten. Peking ward Residenz neben
anderen Städten jenseits der Mauer; ein mannigfaltiges Leben kam dadurch
ins Reich, indem der Kaiser in Sommerzeit jenseits der Mauer zieht und
auf nomadische Weise lebt.

9/12

Das Prinzip des Staates ist die Familie hier, die erste sittliche, natürliche Ver-
bindu«^, indem der Staat die ZFelte ausmacht. Die Fami/ie ist durch Pietät,
durch Empfz«de«|?] verbunden zu einer EÄnheit. Der Staat enthält auch
Söhne von sich, die aber als Individuen sich wissen, als Personen in diesem
Zusammenhang. Welcher in der Fami/ie nicht der Fall ist. Die substa«z/e//e
EmpfiwaWzg des Blutes verbindet zuerst die Menschen und der Staat selbst
muß zuerst diese Form haben, und desha/£ haben wir auch zz/erst mit China
anzz/fangen. Es ist hier das Verhältnis von den Kindern zu den Eltern. Die
Regieru«g beruht auf einer Vorsorge des Vaters, der alles in Ordnung hält;
die Unterthanen sind nicht freie Bürger, sonder» Glieder eines morali-
schen Famz7ie«kreises. — Die Fami/ie ist dieses hochgeachtete Grundver-
hältnis; keine Pflicht ist so hochgestellt als die der Familie, für die in Chi-
na fünf Pflichten sind: Des Kaisers zum Volk; des Vaters zu den Söhnen;
des Ältere« zu den Jüngeren; des Mannes zum Weibe; des Freundes zum
Freunde. Fünf Strafen herrschen. Fünf Elemente: Luft, Wasser, Feuer[?],
Metall und Holz haben sie auch. Sie haben vier Himmelsgege«den und eine
ist die Mitte 46 , vier Berge mit einem fünften in der Mitte, auf welche» sie
opfern. - Der Sohn hat die höchste Ehrerbietu»g für den Vater; er hat
kein Eigenthz/m, wie in Rom; er redet nicht seine» Vater an; er geht nicht
durch die Mitte der Thüre ein; geht nicht ohne Erlaubnis der Vaters fort;
drei Jahre trauern die Kinder über den Tod der Eltern, selbst des Kaisers,
arbeitet nicht diese Zeit, und ebenso auch die Mandarinen. Währenddes-
sen darf er nicht heirathen, nicht in Gesellscha//gehen, nicht Fleisch und

.dieses Wunderwerk der Welt' steht als Zusatz am Rand.


M: Tschingsi oder Tschiwanki
,und eine ist in der Mitte' steht am Rand des Manuskripts
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 79

Wein genießen; außer in Krankhei/ und zu einem gewissen Alter, wie ein
70 Jahre alter Mann nur die Trauerkleider zu tragen brazzcht. Die Mutter
wird' ebenso hoch verehrt, so daß noch der 68jährige Kaiser täglich ihr sei-
ne Ehrerbietung beweist; und ehe ihm gehuldigt wird1 von den Großen,
verehrt er seine Mutter, wie auch, ehe er sich ein Weib wählt, Gesetze gibt
etc.
Die jüngeren Brüder sind bestimmte Dinge den Ältere« schuldig; die
Bestimmungen sind sehr genau; Wenn Männer Ehrenbezeugungen erlan-
gen, so erhalten sie diese nicht selbst, sondern deren Vater, selbst wenn sie
todt sind; als wenn diese die Ursache jenes Verdienstes wären. Die Vorel-
tern werden vornehmer durch die Nachkommen, umgekehrt wie bei uns. -
Die Chinesen halten es für sehr hoch, Kinder zu haben; sie können vier
Frauen haben; die erste ist die Hausfrau, welche von den Kinder« der ande-
re« Frauen auch verehrt wird. Er nimmt sich eine zweite Frau aber, wenn
die erste keine Kinder hat. Haben alle vier keine Kinder, so adoptiert er
solche, um — sein Grab zu ehren, zu schmücken und jährlich im April zu
besuchen, wo sie oft zwei Monathe verweilen und täglich ihren Schmerz
erneuern. Der Leichnam des Vaters bleibt oft 3—4 Monate im Hause, wo
dann keiner auf einem Stuhl sitzen, im Bette schlafen darf; sondern auf
einem Schemel und auf einer Strohmatratze. —Jede Famzzze hat einen Saal
der Voreltern, wohin sich die ga«zen Zweige der Familie auf Tausende
zur Zez7, arm und reich, versammeln und die Bilder der Voreltern, die
Ämter bekleideten, und die Täfelchen mit den Namen der andere« Glieder
azzfgehängt werden, verehrt zugleich; es wird zusammen gespeist. So hoch ist
die Verehru«^ der Familie.
| 31 | Ein Mandarin, der, Christ geworde«, dieses unterließ, ist von seiner
Fami/ie bekriegt worden. - Die Verfassu«,g des Staates ist keine Verfassu«,g.
Der Kaiser steht allein an der Spitze.
Wesentliche Gr»«alage ist, daß der Kaiser Patriarch ist, vor dem kein
Unterschied' der Unterthanen ist, weder durch Privilegien, Adel, Reichthz/m;
ausgenommen die Kinder desselben und sei«e Minister. Sonst sind alle
gleich vor ihm; nur dieje«zge«, die Geschick dazu haben, wissenschaftlich ge-
bildet sind, können zu Ämter« kommen und sich geltend machen. Dieses
kö««te als idealisch erscheinen, wenn man sich jenes Bild als das Höchste
im Staat denkt. - Der Kaiser gilt als der gebildetste, wie er es auch oft ist.
Die Wissenscha/ten begründen also die Untertha«e« 47 . Diese wissen-
schaftliche Bildung aber näher betrachtet, so wird sie durch Schulen ver-
breitet, die jeder besuchen ka««; jedoch sind diese Anstalten mehr für die
Elementarkenntnisse, nicht für die höhere Bildung eingerichtet. Ju-kiao-li 48

Oder .Unterthänigkeit'?
M: Yan li, vgl. TWA 12, 158. Der französische Übersetzer dieses Romans
war Abel Remusat. Ein Exzerpt Hegels aus dem Ju-kiao-li hat Helmut
Schneider ediert (Hegel-Studien, Bd. 7).
80 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

ist ein chinesischer Roman, der ins französische übersetzt, und uns ein Bild
davon gibt. Ein junger Mann bildet sich zum Staa/sdienst, viele Examina
sind dz/re/jzumachen, wodurch verschiedene Grade der Würden erthezlt wer-
de«. Drei Hauptgrade sind es. Das letzte Exame« wird in Gegenwart des
Kaisers gemacht, und wer sich hierin az/szeichnet, wird nicht nur hoch ge-
ehrt von dem Kaiser, der ihn oft selbst examiniert, sondern auch ins
höchste Reichskollegium gesetzt. - Welches sind die Wisse«scha//e»? Die
Reichsgeschichte des chinesische« Reiches, worin zugleich die Gesetze ent-
halten sind. Das zweite ist die Rechtswisse«scha//, wo von Eigenthz/m, Ver-
gehen die Rede ist. Dann sind es die Sitten, Gebräz/che, Administration.
In jenem Roman, wo der junge Mann nach vielen Kabalen durch das dritte
Exame« zur höchsten Stufe im 25. Jahre kommt, geschieht dieses49,
besonders auch durch sein poetisches Gefühl, seine Poesie, so daß er nicht
durch die Stadt, sondern durch Bücher auf dem Lande sich selbst gebildet
hat.

10/12

Die Offiziere müssen auch gebildet sein; die Civilbeamten stehen in höhe-
rem Ansehen als die Kriegsleute, und ebenso die Friedens-Mandarinen,
wie die Doktoren, die einen Vorrang haben. Nur 15 000 Gelehrte Manda-
rine sind da gegen 25 000 Kriegsleute. Moral wird viel gelehrt als eine po-
sitive Wissenscha//wie die Geschichte und die Religio«. Bestimmt sind die
Pflichten angegebe«. — Die Chinesen haben eine Philosophie mit sehr alte«
Grz/wdbestimmungen. Y-King 5 ", das Buch der Schicksale, ein ganz altes
Buch, enthält Grundzüge, Linien, wie die Einheit, Zweiheit etc. auf pythago-
räische Weise, so daß ihre Philosophie von diesen Abstraktionen der Ein-
heit, Zweiheit ausgeht. Das absolute Prinzip, das zu Grunde liegt, ist der Cha-
rakter, die Vernunft, deren Erkenntnis, Gesetze, Wirku«gen zu wissen gilt
als die höchste Wissewscha//, die aber nicht mit den vom Staat verlangten
Wisse«scha/ten zusammenhängt. Die Werke des Lao-tse 51 und anderer Philo-
sophen sind von den Franzose« übersetzt, und es heißt Tao te king (Das
Buch von der Vernunft). Konfuzius hat noch diesen besucht (600 v.Chr.),
um ihm seine Ehrerbietung zu bezeugen. Die Chinese« sind in abstrakten
Denkbestimmungen zu Hause; Lehrer darüber gab es nicht, außer den
Tao-ssen[?] (Anhänger der Vernunft), welche sich absonder« von dem
bürgerlichen Leben, sind mysthisch und schwärmerisch. Sie glauben dann
das Mittel zu haben, welches mächtig ist, übernatürlic/v Gewalten zu ver-
schaffen, fliegen zu lassen gegen Himmel, nicht zu sterben. Dem Konfu-
zius verdankt China die Redaktion des King. Er hat eine Moral geschrze-

49
.geschieht dieses' ist am Rande vermerkt
50
M: J=King
M
Schwer lesbar.
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 81

ben, die Grundlage für die Gesetze und ihre wissenscha/ZlicAe« Kenntnisse
ist. Der Engländer Marshman 52 hat es übersetzt und sagt, der Ruhm von
Konfuzius wäre größer gewesen, wenn sein Buch nicht bekannt wäre; es ist
nur ein moralisches Erbauungsbuch, wie wir sie oft bei uns haben. In Phy-
sik, Mathematik und dergleichen sind sie sehr zurück, wenn sie auch früher
darin sehr berühmt waren. Sie haben alte, empirische Kenntnisse eher als die
Europäer gehabt, wie von der Magnetnadel, die sie aber nicht wie die Euro-
päer gebraucht haben. Ihre Buchdruckerkunst ist sehr alt; sie haben Holz-
platten, nicht bewegliche Lettern, wodurch die eigentliche Kunst sich hebt.
Sie verstehen wohl zu rechnen, aber nicht auf mathema/isc/je Weise. In der
Astronomie berühmt, machten sie alte Beobachtungen, wie von Mond-
und Sonnenfinsternissen, und andere Notizen haben sie, die aber nicht den
Name« einer Wisse«scha// verdienen. Es sind Angaben ohne Nebenum-
stände. Ihr Kalender ist erst ihnen von den Europäern gemacht worden,
ungeachtet diese Europäer schon lange dieses thun in China, so beschäfti-
gen sich doch die Chinesen selbst nicht mit dieser Wisse«scha//. Sie haben
keine Ferngläser, nur hohle Röhren.
1321 Die Europäer, um sich ihnen beliebt zu machen, haben ihnen die
kostbarsten mathema/iscfle« Instrumen/e geschenkt, welche sie aber nur
zum Prunk und Prahlerei, nicht zum Gebrauch stehen lassen. Sie feiern
die Sonnen- und Mondfinsternisse durch Feste, und sehr genau sind die
Angaben darüber. - Die Medizin ist bei ihnen nur empirisch und mit dem
höchsten Aberglaz/£e« verbunden. - Sie haben große mechanische Geschick-
lichkeit, besonders ahmen sie auch schön nach; können aber nichts erfinden;
sind zu stolz, um von anderen Etwas zu lernen. Sie glauben, die Europäer
hätten nichts zu Hause zu essen und seien Bettler, sonst würden sie nicht
zu ihnen kommen. - Ihre Schiffe sind sehr ungeschickt gebaut; und da sie
an alte« Sitten nur hängen, sie zertrümmern die nach europäischer Bauart
az/fgeführten Schiffe; aber in Metall und Kupfer arbeiten sie sehr schön,
z. B. die Insekten haben sie in Kupfer aufs treueste nachgearbeitet; sie gie-
ßen wunderbar das Metall, welches sie sehr dünn halten, noch dünner als
die griechischen Statuen. Ja sie haben 4—5 Meter 33 hohe kupferne Statuen, die
man auf der Hand tragen ka««. Das tägliche Leben und die schöne Kunst
werden versehen; aber das Schöne wird1 nicht als schönes dargestellt; sie
kennen nicht die Perspektive und Schatten in der Malerei; aber sie haben
vortreffliche europäische Gemälde kopiert; höchst bewundernswerth ist ihre
Genauigkeit, sie wissen, wie viel Schuppen jeder Karpfen, wie viel Ein-
schnitte und Rippen das Blatt, wie gebogen die Zweige sind; aber das Ide-
al ist ein anderer Boden als der ihrer Kunst und Geschie£lic/>kez/. - Ihre
Sprache ist durch Hieroglyphenschri// dargestellt. Ein Gelehrter muß 80000

J. Marshman: The works of Confucius containing the original text, with a


translation. Serampore 1809.
Im Manuskript ein hochgestellter senkrechter Strich.
82 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Zeichen kennen, die in Bücher« vorkommen. Zu Leibniz Ze/7 ist man auf
chinesische Literatur az/fmerksam gemacht worden, und er achtete sie sehr;
ja, er glaubte, ihre Ei«führung in Euro/ja würde die Erlernung der verschie-
denen Sprachen ersparen; aber diese Vorstellu«^ ist sehr seicht und ober-
flächlich. Wir haben 25 Zeichen für unsere Schrift, welche die elementare«
Laute der Sprache darstellen, und dieses ist die einzig richtige Weise für
die SchrzT/spraeÄe. An die Tonspracoe knüpft sich nicht die chinesische
Schrift, weshalb die Sprache selbst bei ihnen höchst ungebildet ist. Der Ton
eines Wortes, laut, leise, scharf, und alle Modifikation, gibt nicht gleich eine
verschiedene Bedeutu«^. Ein Wort hat 10—12 unterschieaVic/ie Bedeutuw^e«,
und nur der Akzent macht den Unterschied' der Bedeutu«_g. Die Franzose»
sprechen schön sans accent; die Chinesen im Gegentheil; Tschu bedeutet:
Herr, Küche, Schwein; Po heißt: Glas, Siegel54, zerspalten, zz/bereiten, ein
Weib, Sklave, Kluger, freigebig. - Diejenigen Wissenschaften, die für einen
Beamten gehören, werden von der Regieru«^ az/frecht erhalten. Der Kaiser
steht an der Spitze der Literatur, und er muß auch der erste in dem Wis-
sen der Wissensc/ia/ten sein. Die Literatur ist also mit dem Staat verbun-
den. - Hanlinyuan 55 heißt das höchste Kolleg derje«ige«, die für die Wis-
senschaft leben, von dem Kaiser gewählt werden, und selbst von ihm geprüft
werden zz/weilen. Sie arbeiten unter seinem Befehl die Geschichte aus. Der
Kaiser macht die Vorreden; aus ihrer Mitte ergehen die Befehle des Kai-
sers, indem sie seine Sekretäre sind. Der Kaiser selbst korrigiert die Fehler
heraus und bestraft die Fehlenden, die einen schlechten Ausdruck oder Stil
verwendet haben. Im Regierungsblatt erschei«e« die Befehle und auch die-
jenigen, die Fehler gemacht und Strafe erhalten haben.

13/12

Der Kaiser ist deshalb auch sehr oft der gebildetste, freieste Mann von
az/sgebreitetsten Kenntnissen. Ein Kaiser hat ein Kunstwerk von Gedicht
gemacht, das von allen chinesische« Gelehrten aufs höchste bewundert ist.
Er hat auch die Herausgabe der Geschichtswerke veranstaltet. An der Spit-
ze des Departements für die Correktur des Druckes und Stils stand ein
Prinz. Der Kaiser steht an der Spitze mit unumschränkter Gewalt; keine
Garantie ist gegen ihn. Der Erstgeborene ist legitimer Nachfolger, jedoch
ka«« er auch einen anderen Sohn dazu bestimmen. Er hat Dikasterien,
welche von Mandarinen besetzt sind. Eines ist aus den geistreichsten
Männern zusammen gesetzt, woraus die Minister und Präsidenten der ande-
re« Dikasterie« gewählt sind. Es gibt Mandarinen zu Gouverneuren der
Provinze« und Städte, Aufsicht der Landstraßen und ungeheuren Ströme,

Vgl. TWA 12, 170: ,sieden'.


Kaiserliche Akademie. M: Kanen Line[?]. (IBS: Han-Line als Mitglieder des
Tribunals 151)
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 83

welche sorgfältig gedämmt werden müssen. Denn oft können ganze Provin-
zen und Millio«e« von Menschen verarmt werden durch Überschwemmun-
gen. Jede Straße in der Stadt ka«« gesperrt werden. Es geht bis aufs Gering-
ste der Vorsorge und der Aufsicht. Die Kollegien gehen stufenweise
[35 | M bis zum Kaiser, der dreimal wöchentlie/i durch Hofzeitung alles be-
kannt macht, der sogar sich selbst anklagt oder sei«e» Prinzen, der zuwei-
len keine Verse machen ka»», was sehr hoch geachtet wird1. Ein Censor ist
in der Behörde, der von allen Notiz nimmt, nichts aber dem Collegium
selbst, sondern dem Kaiser alles berichtet. Er ist sehr geehrt und ist nicht
absetzbar. Er macht über alles Vorstellungen an den Kaiser. Sehr hohen
Adel der Gesinnu«^ geben die Beamten oft, und Tapferkeit gegen den Kai-
ser, so daß einst ein solcher, da er wußte, er werde durch seine Freiheit ster-
ben, seinen Sarg in den Palast mitnahm. Von oben nach Unten ist alles
unter Aufsicht, die Beamten sind verantwortlich, sowohl für die regelmäßi-
gen Vorfälle als auch für Außerorde«/7ic/jes, wie Unruhen, Krankheiten etc.
Sie berichten über diese, und, ohne Befehl zu erhalten, müssen sie solche
Maaßregeln ergreifen, wofür sie verantwortlich sind.
Was die Religion betrifft, so gibt es eine Staa/sreligion und besondere
Sekten wie die des Fo oder Buddha in Ceylon und Indien. Die Religion des
Dalai Lama ist auch verbreitet. Die Staa/sreligion ist aber für sich. Sie hat
den Himmel obenan, (worunter wir ja auch oft Gott verstehen); aber sie
glauben auch, er sei mit Gott entstanden, und die Missionare[?] haben es
zugelassen, daß die Chinesen den christlzcAen Gott Tien 17 , der im Himmel,
nennen, wesha/£ sie bei dem Papst hart angeklagt worden sind. Zu diesem
Himmel erhebt sich nur der Kaiser, der zwischen dem Himmel und seinen
Unterthanen, den Menschen, vermittelt. Er ist im Verkehr mit dem höch-
sten Wesen allein. Jährliche Feste werden gefeiert; er heißt der Sohn des
Tien, dem er allein nur Opfer bringt, im Ackerfest besonders, im Früh-
lingsäquinoktium, wo der Kaiser selbst den Pflug zieht. Die Kaiserin pflegt
Seidenwürmer, deren Seide zu heiligen Kleidern verbraucht wird1. Es gz7>/
in jedem Viertel Jahre solches Fest. Das Gedeihen von dem ganzen Rei-
che hängt ab von der Moralität des Kaisers und seiner Beamten. Er hat
deshalb für sich und seine Beamten zu stehen. Man hat Proklamationen
von ihm, worin er sich über Unglück in seinem Reiche az/sspricht, und wo
er nun sagt, er habe dieses gehört, deshaÄ habe er lange nachgedacht, wor-
über er Tien erzürnt hätte, entweder habe er oder seine Beamten gesündigt;
er läßt deshaÄ* oft einen General oder einen Beamten in einer Provinz hin-
richten, weil er diesen als Ursache des Unglücks hält. Denn es gibt ein un-
trügliches Verhältnis zwischen Himmel und Mensch, Unglück und Sünde,
Verbrechen und Heimsuchung. Der Himmel gießt seine Strafen aus auf

M: oben rechts steht 35 statt 33, wahrscheinlich ein Irrtum bei der Zählung
der Seiten. Rechts oben am Rand steht: .Philosophie der Geschichte 3'.
M: Kiam[?]
S4 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

den Kaiser selbst, um ihn zu zuchtzgen; die Gouverneure sind nicht gerecht
und nicht gehörig belehrend für das Volk. In einer Provinz verachtet man
die Gerüche: wenn der Mensch so verdorben ist, so wird die Harmonie
zwischen Mensch und Himmel getrübt, und Unglück kommt herab; der
Himmel hört auf wohlthätig zu sein, und ich habe Schz/ld, indem ich nicht
gehörig Acht auf alles um mich habe; ich bin allein gegen den Himmel ver-
antwortlich. -

14/12

Die Staa/sbeamten haben keine andere Religio», als den Willen des Kaisers
zu vollbringen und die Gesetze az/szuführen. Man nannte desha/£ diese ei-
nen politische» Atheismz/s. Die Buddhisten haben viele Ceremonien, Klö-
ster, die wie Gasthäuser sind. Mensa machen sie hier beim Wein. Die Reli-
gion ist das Regulative der geistigen Fre/he/7. Nichts Äußerliches kann ihr Et-
was anthun. Der Kaiser aber hat eine ungeheure Macht in dieser Hinsicht,
er kann machen, was er will. Die zu Christen bekehrt sind, halten nicht
mehr den Kaiser für das höchste Haz/pt, denn sie verpflichten sich zu an-
deren Gesetzen. - Andere glauben an Fo, oder Lai Lama, einen vergötterten
Mensche», deren es ZFe' g'^"> e i n e n auch im nördlichen Tibet. - Die Herr-
schaft des Himmels über die F>de ist als partikz/laris/ert vorgestellt, so daß
über den verschiedenen Gegenden der Mutter Erde besondere Genien walten,
wie bei den Griechen in Bezug auf Fluß, Berg etc. Jedes Element hat bei
den Chinese« einen Genius, woran die Herrscha// einer Dynastie gebun-
den ist. Jetzt ist der Genius der Erde der Dynastie angehörig, und hat eine
besondere Farbe, gelb. Jede Provin^ hat einen Genius, und jede Lokalztät,
jeder Baum. Alle Beamten und Genien der Lokalitäten, denen gleichsam
der Kaiser diese Gege«den anvertraut hat, stehen unter ihm, so daß er auch
die Genien absetzen, andere einsetzen ka«». So steht auch der Kaiser an
der Spitze der Religio«.
Der Kaiser ist also der Mittelpunkt, zu dem alles zz/rzickkehrt. Das
Wohlergehen der Bürger, die Herste//u«_g des Rechts, hängt alles ab von
dem Charakter des Kaisers; der von allem die Zügel in Händen hat. Somit
hängt das Wohl und das Recht von der Zz/fälligke/7 ab; in wohl eingerichte-
ten Staaten ist der Charakter des Fürsten auch von großer Wichtigkeit,
anderseits ka«« sein Charakter auch wenigen Einfluß haben, wenn eine le-
bendige Orga«isation da ist.
136 | Im chinesische« Reich haben viele vortreffliche Kaiser regiert. Aus der
Haltung des Kaisers ka«» man es schon sehen, indem er von den Ge-
schichtsschreiber» umgeben ist, die Minister die edelsten Menschen sind,
seine Erziehung sehr sorgsam, adelig, weise salomonisch ist. Die weisesten
Menschen, die auch zugleich sehr edel, gebildet, großart/g, ruhig, mit az/s-
geprägtem großem orientalischen Charakter saßen auf diesen Thronen.
Aber es können Leidenscha/Zen mithin einen Menschen einnehmen, theils
nicht genug Energien da sein, wodurch jenes alles umsonst ist, wie es bei
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 85

der letzten Revolution im vorigen Jahrhundert der Fall war, wo die Mongo-
len gegen den Kaiser zu Hülfe gerufen worden sind, obwohl er ein sehr
edeler Charakter war; stark jedoch war er nicht zum Regieren. Wird' nun
diese Beaufsichtigung von Oben schlaffer, so ist kein Prinz//) für die Be-
amten, das sie zur RecA/lic/jke/758 anhalten könnte. Thut der Kaiser auch alle
seine Pflichten, so fehlt es doch nicht unter des Mandarinen an den Intri-
gen; sie hält nur die Furcht der Strafe von Oben, nicht Gewissen und
Ehre. Das Moralische ist nur ein äußerliches Gebot, da befohlen und gehal-
ten wird, und die Moral verlangt kein Gewissen. In jenem angeführten Ro-
man sieht man die feinen Intrigen der Mandarinen, die sich die Gunst ih-
rer Oberen zu erhalten suchen und mit diesen die Erpressungen thezlen.
Eine Ordnung, die auf innerer Moralität beruht, ist nicht vorhanden. Das
Amt, das ein Individuum erlangen soll, wird1 ihm oft nur durch die Gunst
der Mandarinen zu Theil. Grausamke/7 wird" von ihnen angewendet, um
diejenigen, die sich beschweren wollen, z//r»ckzz/schrecken.
Die Arten der Strafe sind eigenthz/mlicA in China, in sofern sie zeigen,
daß das Individuum kein Gewissen nicht allein, sondern auch keine Ehre
hat. Die Mandarinen, selbst von der höchsten Klasse, sind körperlichen
Strafen unterworfen. 2,3,5,6 Grade werden oft diese herabgesetzt in ihren
Amtern, und die Mandarinen selbst müssen es bekannt machen. FUn Gene-
ral ist einmal zum Aufseher der Schneefeger herabgesetzt worden. Der
Bambus außerdem wird1 stark gehandhabt vom Kaiser an bis zum untersten
Beamten; jedem ist erlazzbt, wenn er es für Recht hält, zu bestrafen.
Die Moral wird" auch in den anderen Verhältnissen gehandhai»/. Das Fa-
milienverhältnis ist Grundlage und sehr hoch gehalten; allein zugleich mit ge-
schieht es, daß Vergehen in diesem Verhältnis ebenfalls äußerst bestraft
werden. Der Sohn und die Frau, die es an Ehrerbietung gegen den Vater
und Mann fehlen lassen, bekommen Prügel etc. Wenn ein Neveu den
Oheim verklagt, bekommt er 100 Schläge; ist die Klage nicht wahr, wird er
stranguliert. Schlägt einer die Mutter, so wird er mit Zangen zerrissen.

15/12

Die Chinesen haben eine Frau als Herrin im Hause, der die anderen dienen,
wie auch das Kind der anderen. Die Frauen können nicht ausgehen wegen
der Unnatürlic/Jke/7 ihrer Füße, die von Kindhez/ auf eingepreßt sind; sie
sind meistens in der Wirthscha//; sie sind nicht in Gesellscha//; auch ist
keine Frau in Männergesellscha//. Sie gehen nur in den Tempel und zu den
Gräbern ihrer Eltern. Zwischen Mann und Frau ist ein strenges Verhältnis,
so daß Ehebruch von Seiten der Frau ihr das Leben kostet. Es geht aber
so weit, daß wenn die Hauptfrau weniger Liebe von ihm als eine der ande-
re» erhält, und sie verklagt ihn, daß er 100 Schläge erhält. Der Todschlag

KH 117: Rechtschaffenheit
86 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

wird" als Mord angesehen und bestraft. (Der Mensch ist aber so beschaf-
fen, daß er wissen muß, was er thut; was er nicht weiß, wozu er keine
Absicht, keinen Vorsatz hatte, kann ihm nicht angerechnet werden). Bei
den Chinese« ist also diese Bestimmung der Imputation wenig angenom-
men; der Mord ist ga»z abstrakt, unbestimmt, und ist mit dem Tod zu be-
strafen. Bei den Juden war doch noch ein Asyl, eine Rettung, möglich.
Sehr hart sind diese Gesetze bei den Chinesen, so daß selbst derjenige Sol-
dat von den Feinden, welche zz/fällig im Kriege einen Chinese« getötet,
az/sgeliefert werden mußte, wenn die Chinese« zz/frieden gestellt werden
sollten. — Mit dem Individuum war aber auch die ganze Familie bestraft.
Besonders wenn das Verbrechen gegen den Kaiser ausgeübt ist, so werden
Brüder, Schwestern, Kinder Eltern, die noch so entfernt in dem Moment
des Verbreche»s sein mögen, ebenso als er selbst bestraft, damit nicht einer
etwa als Rächer des Bestraften aufträte. Die eine von den Konkubinen mit
ihrem Kind wird verkauft.
| 37 | Die Konfiskation der Güter, die bei uns nicht gesetzlich ist, wird von
den Mandarinen wohl benutzt. Bei uns werden die Kinder nicht in die Ver-
brechen der Eltern eingezogen.
In China herrscht die Sklaverei. Merkwz/rdzg in der Geschichte ist der
Übergang der Freien in die Leibeigenscha// des freien und hörigen Eigen-
thz/ms, und der Gang, wie diese Verhältnisse sich wieder aufgelöst haben.
Ursprzinglic» waren in China Grund und Boden die Haz/p/vermögen des
Chinesische« Staa/seigenthzzms, und jeder Fami/ie ward ein Stück gegeben,
wofür sie eine Abgabe gaben. Acht Familien bekamen anfaw^s neun Portio-
nen, so daß der Kaiser die neunte erhielt. Der Kaiser Shi-hoang-ti' 9 , 213
v. Chr., der die Mauer erbaut, die Schriften hat verbrennen lassen, hat die
Sklaverei zz/erst ei«geführt, er hatte freie Fürstenthümer unterworfen, eine
Einheit in das Reich gebracht, aber diese Eroberu«ge« wurde« Besitzthz/m
von Privatleuten, und die Einwohner Sklaven. Der Ursprung der Sklaverei
in China hängt mit dem Eigenth//m zusammen; sie ist noch jetzt legitim;
vor dem Kaiser sind sie alle gleich, Degradierte, so daß der Übergang zu
den Sklaven nicht groß ist. Jeder ka«« sich selbst und sei«e Kinder um so
mehr verkaufen. In dieser Degradatio« ist ein Bewußtsez« von Erniedrigu»^,
Verworfenhez/ des Mensche«, der nun keinen Werth hat; der Selbstmord
ist deshalb häufig, wie auch der Kindermord und Kinderaz/ssetzu«^. Auf
dieses wendet die Polizei, die sonst az/fmerksam ist, keine Aufmerksam-
keit Man trifft oft so auf Leichen. Die christliche« Kirchen in Peking
schicken deshaÄ Leute aus, um die az/sgesetzten Kinder hinzz/bringen, wo
die in der christlic/ie« Lehre erzogen werden. — Eine Unterscheid//«^ von
That und Handlu»g ist nicht da, und wenn in der Nähe einer Leiche ein
Mensch gefunden wird', so gilt er als Mörder gleich. Die Feinde, die Rache
nehmen mögen, thun freundlich gegen die Feinde, gehen mit ihnen baden,

M: Chiwanki
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 87

ertränken sich in ihrer Gegenwar/, damit diese als Mörder bestraft und
ihre Kinder der Güter und Ehre beraubt werden. Eine Immoralität um
Handel und Wandel, Betrug, Mangel an Ehre darüber herrscht allenthal-
ben. Sie sind listig, abgefeimt gegen einander und besonders gegen die Euro-
päer. (Bei Gelegenheit es ist nur ein Aberglaube, daß die Chinese« das
Schießpulver vor den Europäern gekannt haben; sie haben es von den christ-
liche« Missionare« gelernt.) Das Bewußtsez« dieser inneren Verworfenhe/7
kommt darin bei ihnen vor, daß die Religio« des Buddha, bei ihnen nicht
ei«heimisch, bei ihnen sich verbreitet. Denn bei dieser Religio« ist das
höchste Wesen das Nichts, und die Verachtung des Individz/z/ms ist das
Höchste; deshalb hat der Mensch keine innere Freiheit, und in dieser Reli-
gion liegt das Bewußtsein dessen, was die Chinesen unbewußt sind. Die
Chinesen sind unendlich abergläzz&isc/); die Verkündiger des Schicksals fin-
det man an jeder Straßenecke, und sie fragt jeder Chinese um Rath. — Die
allgemeinen Grz/nc/kategorien des Denkens, durch Linien az/sgedrückt fin-
den sich im Buche des Schicksals, wie eben gesagt, jeder Gedanke ist durch
eine Kombination der Linien angedeutet, und die Verkz/nder werfen nun
ihre Stäbchen und sehen nach ihrer Lage.
Dieses ist die erste Gestalt des Staates in der Form der Fami/ie. Es ist
eine ungeheure Orga«isation, eine Ordnu«_g, die durch und durch geht, die
das Moralische bewacht, und deshaÄ» fehlt die eigentliche in der Gesinnung
liegende, auf dem Willen beruhende, Moralität. Dieses Prinzip der Chine-
sen haaen wir in der Bestimmthez/ betrachtet.

Indien.
Die mongolische Geschichte macht das Integrierende von China aus; es ist
das Schweifende gegen die feste Ordnung der Chinesen, und ihre Literatz/r
haben die neueren Gelehrten studier/. Es ist eine ewige Änderung, ohne
sittliche Organisation. Unter ihnen ist die Religion des Dalai-Lama am mei-
sten verbreitet. Die zur Kongregation gehörenden, wie Abel Remusat, ha-
ben dieser Religion nachgespürt, um den Ursprung dieser unreinen Trümmer
a«fzz/finden, indem auch in ihr der Go//mensch verehrt wird.

16/12

| 38 | Indien ist ein Land, das die Sehnsucht der anderen Länder gegen sich
erregt hat, während es selbst den Zusammenhang nach Außen in sich
trägt[?], ein stummer Zusammenhang, ein lautloses Verbreiten der Völker
von da aus ist vorhanden mit anderen Völkern. Das Sanskrit, das in Indie«
ursprünglich, wenn auch nicht mehr Vo/fessprache, hat doch in sich die
Grundlage, den Ursprung, wie das Latein, die Sprache des M/7/e/alters, die
nur gelehrt, nicht gesproc/je« worden ist. Der nördliche Thei/ ist also der
Ausgangspunkt der Völker. Es ist ein stummer vorgeschicA/lie/>er Zz/sam-
88 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

menhang. Nicht Handlunge« eines Staates sieht man. - Alle westlzcfle« Na-
tionen haae« sich nach Indie« zz/rz/ckgesehnt, nach dem fernen Wunderlan-
de strebte ihr Sinn, das die größten Schätze der Weisheit, der Wissewscha//
in sich verschlossen. Schon bei den Griechen zeigte sich dieser Glaube, der
sich noch mehr zu unserer Zez7 befestigt. Die Rosen, Elepha«/e«, Diaman-
ten, Perlen, Gold haae« es in sich, und diese Schätze alle waren dem Westen
abgeschnitten, zu dem sie nicht kommen konnten. Alexander allein hat
Indie« zu Lande berührt. Eine westliche europäische Nation drang darauf hin
und unterwarf es durch das Meer, das eigentlich den Zusammenhang der Vö7-
ker bewirkt. Die Engländer besitzen mit Herrscha// Indie«. Durch eine So-
zietät. Mit China wird" es ebenso kommen, und es wird* nicht der Macht
der Stärke, dem Muthe eines europäischen Volkes widerstehen. 120—140
Millio«e« bewohnen Indie«; 90 Millio«e« stehen unter den Engländern, wel-
che unter den kleineren Fürsten Gesandte haben, und zugleich dienen als
Truppen bei ihnen die Engländer. In Os/indien ist so nichts mehr selbstän-
dig gegen die englische Macht. Von diesem Lande haben wir zu spreche«;
Diesseits des Brahmaputra 60 haben neuerlich die Engländer im Reiche der
Birmanen auch festen Fuß gefaßt. Hier herrscht die Religio« des Buddha
und kleinere Fürsten beherrschen prekär das Land.
Das eigentliche Indien diesseits des Ganges nennen wir das Land, das
wir betrachten. Es wird von den Engländer« in Hindz/stan und Dekhan 61
eingethezlt. Von der Mündu«^ des Ganges liegt gegen Persie« die Dritte Sei-
te zu dem Dreieck.62 Das Gangesthal ist gegen Nord-Ost vom Himalaja be-
grenzt. 26-27 000 Fuß" hohe Spitzen der Berge erheben sich hier, wohin
der Chinese seine Grenzen az/sgedehnt hat. Gegen Westen fließt der In-
dus, bis wohin das Land Pandschabf?] liegt, und hierher kam Alexander.
Die Engländer sind noch nicht hergedrungen. Die Sikhs04 bilden hier ei-
nen Staat, der demokratisch ist; mit einer eigenen aus der muhamedani-
schen Lehre gebildeten Religio« gestärkt haben sie Kaschmir unterworfen.
Längs des Indus wohnen altindisc/ie Kasten der Krieger. Um den Ganges
aber hat sich der indische Charakter az/sgebildet; der Indus hat in seiner
Nähe berühmte Reiche einst gehabt, jedoch nicht mit der Bildu«^, in die
östlichen Reiche von Bengalen sind die Engländer erst vor 10 Jahren einge-
drungen. Dekhan enthält eine größere Mannigfaltigkeit von Staaten als
Hindz/stan, und die Flüsse darin sind heilig wie der Ganges, dessen Name
Ganga ein Apellativ, heiliger Fluß, mehr ist.
Dieses Land Indien, die Bewohner Indie, Indier sind nur von uns so
genannt. Sie selbst haben für das Ganze nicht einen Name«, indem es nie
ein Reich war. Es ist eine verzauberte Welt, die wir vor uns haben. In Chi-

60
M: Buramputter
61
M: Dekan
62
M: ein gezeichnetes Dreieck
63
M: ein hochgesetzter Strich nach 27000
64
M: Seix oder Six.
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 89

na ist alles durch die verständige KIughe/7 eingerichtet; umgekehrt ist ein
Leben der Empfina'z/ng und Fantasie in Indien. Die empfi«dende, matte
Schonhez'/ von Indie« ist mit der Schonhez'/ von Frauen zu vergleichen, die
eine feinere Röthe, einen geistigen Auflug von Innen heraus haben, wo al-
les zart, überirdisch, innerlich, (aber nicht gesund) ist; ebenso nach der
Niederkunft einige Tage, wenn sie matt sind von der Arbeit des Gebarens,
wo zugleich die Freude über das Kind sie beherrscht, und diese Schonhez/
findet ma« bei Frauen im Zz/stande Somnambulismz/s, die im Gefühle einer
höheren Welt leben. Die niederländzschen Meister der sterbenden Maria
haben in den Tod zugleich das Bewußtsez« einer anderen Welt, wodurch die
Farbe eine ganz besondere Eigenthz/mlic/»kei/ erhalten hat, hineingebracht.
Diese Art von Schönhe/7 sehen wir auch bei den Indem; dieses feine, wei-
che Empfinden, dieses molluskelartige Innere, dieses Blumenleben ist in
Indzen. Aber betrachten wir es näher und sehen, was die Würde des Men-
schen wahrha//ist, so < . . . > 6 5 uns die äußere Zartheit nur Abscheu, Verach-
tung und sittliche Verworfenhez/, und Ekel. — Was die Geschichte Indie«s
anbetrifft, so ist schon der Gegensatz zu China angegeben, und in der
Geschichte tritt dieser Gegensatz aufs auffallendste hervor. Die Chinesen
haben die sorgfältigst geschriebene Geschichte.
| 39 | Die Regierung selbst hat mit großer Anstrengung für die Geschichts-
schreibung gesorgt. Ganz umgekehrt in Indien. Eine neue literarische Welt
ist entdeckt in Indien. Das Interesse für sie erhöht sich immer mehr. Die
große» epischen Gedichte, Hymnen, Dramen, wisse»scha//lic/>e» Werke
über Astronomie, Mathematik, Algebra, Geometrie, über Philosophie, die
von den Engländer» übersetzt worden sind, woraus man sieht, wie scharf sie
mit der Philosophie sich beschä'ft/gt haben. Von den ältesten Sprachen selbst
ist sie im Grammatischen am meisten az/sgebildet, nach allen Seiten haae«
sie es erforscht. Bei solcher Literatur finden wir die Geschichte ga«z ver-
nachlässigt. Die indische Fantasie ist unfähzg, ein bestimmtes Dasein in sei-
ner äußere« Objektivität zu haben, wie sie sich nach verständigen Kategorie«
gestalten und verflüchtigt alles in Dunst, Traum, Mythologie. Namen kom-
men deshaÄ «z/r vor; in der wildesten Mythologie erkennt ma» wohl histo-
rische Züge, aber doch nicht wirklich GeschicA/lic/ies. Zeitalter finden wir
angegeben mzt Zahlen, wie lange sie gedauert; aber diese Zahlen haae» nur
astronomische Bedeutu»_g oder gar keine. Sie sprechen von Königen, die
70 000 Jahre regieren. Die Perioden enthalten Millionen von Jahren. Aber
in Ansehung dieser Zahlen würde man Unrecht haben, wenn man sie als
Jahre von vergangener Zez7 nehmen wollte; sondern sie drücken astrono-
mische Verhältnisse aus; z.B. 19 Sonnenjahre im Verhältnis zu 235 Mon-
deswechseln, die nun während der Ze/Z vergangen sind, geben 12 368 Lu-
nationen auf ein Jahr, wodurch 12 368 Jahre auch genommen werden können,
wenn wir sehr große Zahlen nehmen. So sind auch die großen Zahlen bei
den Indern nur als Verhältniszahlen zu nehmen.

Lesart sehr unklar; möglicherweise M: ersch


90 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

17/12

Die Quellen der indischen Geschichte sind die Griechen derjenigen Zez7, da
Alexander den Weg dorthin eröffnet hat. Die Gymnosophisten sind die
Brahmanen, die damals schon vorhanden gewesen sind. Santarakottus 66
hat im nördlichen Indien geherrscht. Die andere Quelle sind die muhameda-
nischen Geschichtsschreiber, die im 10. Jh. in Indie» einzz/fallen anfingen.
Ein türkischer Sklave, der Gouverneur dort war, ha//e im Westen eine Dy-
nastie, die blühte, gegründet. Sein Sohn fiel in Indie«, und seitdem ist
durch die Ghasnaviden 67 diese Dynastie Indien beherrscht worden, wie auch
durch die Nachkommen des Timur; zuletzt die Europäer, so daß nur Frem-
de uns Auskunft über Indie« geben. In den Vedas und Puranas kommen
Namen vor, aber keine Thatsachen ka«« man entnehmen. Der Inhalt von
InschrzT/e« ist die sicherste Quelle, indem die Schenkungen von Fürsten da-
durch erkannt werden. Die astronomischen Schriften sind von sehr hohem Al-
ter, die Colebrooke69 studiert hat, welches viele Schwierigkeiten machte, nur
erst die Schrz/ten zu erhalten. Aus diesen astronomischen Abhandlungen kann
man aus einem gewissen Stand der Planeten zur Zez7 der Regierung eines
Fürsten, der angegebe« ist, die Zez7 ungefähr bestimmen; allein die stärk-
sten Interpolationen finden sich da, und widerspreche« sich, indem Späte-
re die zu ihrer Ze/7 Herrschenden in die Alten einzeichneten. Listen von
Könige« haben die Inder, die Veda entha//e« eine Menge Namen auch. Aber
in diesen Listen ist eine große Willkühr; jeder Brahmane macht eine solche
nach den Schriften, die er gelesen. 20 lassen sie aus, 10 schreiben sie ein.
Sie sind auch gewissenlos. Wilford 69 fand sich so durch die mit Mühe ge-
sammelten Manuskripte getäuscht. Er versammelte mehr Brahmanen um
sich, die er unterhielt, damit sie ihm Auszüge aus diesen Manuskrz/j/e» ma-
chen sollten. Aber da Jones™ diese immer mit den Grzechen, Römer«, He-
bräer« parallel in Bezug auf Abstimmu«^ parallelisierte, und durchaus die
Vorstellu«gen dieser aus jener ableiten wollte, so sind seine Arbeiten, wenn
auch das Sakuntala ihn berühmt gemacht, unbraz/chbar. Etwas, das aus
den Sagen von Adam etc. nachspielen kö»«te, haben deshalb die Brahmi-
nen in ihre mit Absicht verderbten Handschriften hineingebracht, so daß
Wilfords 71 Aufsätze ga«z auf falschem Grund gebaut und ohne Werth wa-
ren. Der Betrug der Brahminen hat ihn empört; sie schämten sich aber
nicht darüber.

66
M: Sandraklotus[?], vgl. TWA 12, 204.
67
M: Gasnawiden.
68
M: Kolebruk. Gemeint: Henry Thomas Colebrooke (1765-1837), Mitbegrün-
der der Indologie.
69
Francis Wilford. Vgl. TWA 12, 205.
70
M: Johnson. Es handelt sich um William Jones, Übersetzer der Sakuntala.
71
M: Wilson
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 91

Die Inder haaen eine Zeitrechnung von der Zeit des Kalidasa, der die Sa-
kuntala verfaßt hat an. Wann war das? 1491 v. Chr. soll der Fürst gelebt
haaen, unter dem Kalidasa richtete, andere nehmen nur 50 Jahre vor Chris/z/s
an, und dieses ist jetzt gewöhnlie«. Bentley 72 hat diese Ära gar ins 12. Jh.
nach Chr. gesetzt. 8 oder 9 Könige dieses Namens kommen noch dazzz
vor.
Indien war niemals ein Reich. Die Nachrichten, die man erhalten aus
den Schriften der Fremden, bezeugen, daß Indie« in eine Menge von kleinen
Herrscaa/ten zersplittert gewesen ist, und daß zu allen Zeiten Krieg, Unru-
hen in diesem dem Anschein nach paradiesischen Lande, barbarische Re-
volutionen stets gewüthet haben, so daß keine eigentliche Geschichte hier
entstand.
| 40 | Kein Staat hat sich hier entwickelt; alles verging wie es aufkam. Das
gebildete Reich der Inder war mehr ruhig und mit einer Verfassung wie im
Mittelalter, indem ein König mit Churfürst an der Spitze zusammen berie-
then. Durch ganz Indien zieht ein Gemeinschaftliches mit unendlicher Man-
nigfaltigke/7 ab. Bald sind sie höchst feig und schwächlich, bald im höch-
sten Grade tapfer, raubsüchtig, grausam. Das indische Prinzip nun wollen
wir jetzt betrachten. Ein Allgemeines hat ganz Indien gemeinschaftlich.
Dzeses beruht darauf, daß das Leben in Indien mit der Religion zusammen-
hängt; was auch politisch sich zeigt, es ist immer im Religiösen gegründet.
Urbücher sind vorhanden wie bei den Chinesen. Diese Crz/nz/bücher sind
in den Vedas, den Büchern der Religio«, welche mehrere Abtheilungen ent-
halten, worin religiöse Gebete stehen, Vorschriften über den Go//esdienst,
was die Menschen zu beobachten haben. Sie sind zum Theil vom höchsten
Alterthz/m, andere moderner. Kaum ist ein Europäer vorha»den anjetzt[?],
der sie selbst gelesen hat. Was wir vor uns acht haae«, ist [was]73 Cole-
brooke übersetzt hat. Der Professor Rosen 74 hat erst ein Specimen aus den
Vedas bekannt gemacht, so daß wir die Hoffnung haben, aus dem Werke
selbst zu schöpfen. - Dann die Ramajana und Mahabharata. Drei Bücher
sind in Serampore[?] gedruckt, zwei verbrannt von den Ramajana, und ei-
nes gibt August Wilhelm Schlegel 5 heraus.

20/12

Das Gesetzbuch Menüs hat man mit Minos paralle/isieren wollen; son-
derbar ist freilich diese Dz/rc/iziehu«^ des Name«s. Dzeses Buch ist die
Grundlage von dem rechtliche« und sittlicae« Leben. Es fängt mit einer

J. Bentley: On the Hindu Systems of astronomy, and their connection with


history in ancient and modern time, In: Asiatic Researches vol. VIII, Calcut-
ta 1805. Vgl. auch: KH 133.
Im Original ,d' (das) und ,v' (von) gestrichen; M: Kelebruk.
Vgl. TWA 12, 200 (Fn). Rig-Vedae Specimen ed. Fr. Rosen, London 1830.
Vgl. TWA 12,200.
92 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Theogonie an und einer Kaisergonie, die gege« die Ansicht anderer Völker
und der indische« Gedichte, mit höchst verschiedener Ausführung, so daß
man eine bestimmte Grz/«aansicht, bestimmte Name« nicht anführe« ka««.
Menü als historische Person ist unbekannt wie alles in Indie« in historischer
Rücksicht. Die Traditio« steigt bestimmt bis zwei Ja»rtause«de v. Chr.
hinauf. Es ist die Rede von einer Dynastie der Sonnenkinder, einer ande-
re« der Mondskinder; alles ist unbestimmt. Das Gesetzbuch Menüs ist
sehr alt, ins Englische übersetzt, enthält nur Grundlagen der Gesetze, denn
die Hindules[?] und andere enthalten az/sführlic/ie Gesetzesbestimmz/«gen.
Das politische Leben, womit das sittliche zusammenhängt, ist zu betrachten.
Wir haae« China als Fami/ie gesehen, wo der eine alles beherrscht. - Der
Fortschritt, daß die Gesamtheit selbst in sich organisiert; in China ist die
Organisation bis ins Detail gewesen, aber nicht des Staa/slebens, sondern
der Regierungsgewalt, das Staa/sleben selbst organisiert ist eine zweite
Haz/p/gestalt. Das substanzielle Ganze thezlt sich zu vollkomme»er Selbstän-
digkeit aller Glieder, so daß alle Individuen freie Personen sind, wie in den
modernen Staaten. Der Übergang von einem Extrem der Allgemeinhei/ zur
Einzelhei/ der Atome ist nun zu sehen. Dzeses zweite Extrem ist noch kei-
ne Organisation: Jedes Individuum hat sein besonderes Geschäft. Wie die
physisch lebende Orga«isation, die Lunge etc. Geschäfte haae», und das
Leben überhaupt die F.inheit von allen ist und alle Organe zusammen nur
die Lebendigke/7 des Individuums hervorbringen, so ist das freie Bewußtsez«
auch nur Resultat des unendliche« Unterschieds. Die Polypen haben keine
Glieder, nur einfache animalische Gallerte, es ist ein Verdumpftes in sich
selbst, ohne Empfindung. Der Staat nun muß sich gliedern und die besonde-
re« Geschäfte müssen das Staa/sleben zum Resultat haae«. Diese Unter-
scheid//»^ beginnt in Indien auf eine nur substanzielle, natürliche Weise. Die
Geschäfte des Staates haben als das Erste das Geschäft des Allgemeinen,
wo das Allgemeine der Zweck ist. Das ga«z Allgemeine aber ist das, des-
sen sich der Mensch in der Religion bewußt wird. Die Wissenscha/ten ha-
be« nur das Allgemeine zum Zwecke, wenn sie auch mit dem einzelnsten
beginnen, den Knochen und Muskeln; es sind Knochen — des Menschen
überhaupt. D/eses Geschäft des Allgemeinen ist das eine, worin der Staat
lebt. Das ^zra/e Geschäft ist die subjektive Kraft und Tapferkeit in der Re-
gierungsgewalt. Das Ganze empirischen [Daseins] 76 ist eine Menge von
Menschen, diese sind unter einander und gege« andere Staaten fest zu hal-
ten. - Der dritte Zweck ist die Besonderhei/ des Lebens, die Art zu leben,
Gewerbe und Handel. - Der vierte ist der Stand derjewige«, die um Lohn
arbeiten, ist ein knechtischer. Dieser Unterschied der Stände ist das we-
sentliche im Staa/sleben. In Ansehung der rechtliche« Seite hört man also
sagen: es soll kein Unterschied" der Stände sein; Vor dem Gesetze sind alle
Stände gleich. Individuen haben Leben, Eigenthzzm. Neben dieser abstrakten

M: Ganzen
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 93

Gleichheit ist gleica eine andere UngleicMie/7, schon des Alters, des Ge-
schlechts, so daß nicht alle an der Regieru«^ Antheil nehmen kö««e«. Cha-
rakter, Mittel, |41 | kommt hierzzz. Durch Geburt werden einige reich, an-
dere durch Talente; es ist gleica die unendlichste Verschiede«hez7 gege« die ab-
s t r a f e GleicAhe/7 der Persönlichkeit Das Talent hat eher das Recht, zu herr-
schen. Jeder gehört einem Stande an. Jeder muß eine bestimmte Arbeit an
dem Werke des Ganzen haben. Gegen die abstrakte Unterscheidung des blo-
ßen Rec/jts ist hier eine andere Unterscheidung. Diese Theilu«^ in Stände
tritt nun in jedem Staat hervor und auch bei den Inder«, so daß aber das
Individuum durch die Geburt dem Stande angehört. Bei uns sind Stände ver-
bunden mit der Willkühr und der Zz/fälligkez/ eines jeden, welchem Zu-
stande er angehören will. Dieses macht den ungeheuren Unterschied' in In-
die« aus. Es ist eine Lebendigke/7, die sogleich in den Tod zurzzckfällt, indem
die Stände durch die Natur bestimmt werden. Dem Begriff nach sind diese
Stände in Indie« vernünftig. Aber die Kasten sind verschieden den Stän-
den, welche an sich nur durch den Geist zu bestimmen sind.
Der erste Stand ist der der Brahminen, Brahmanen. Der zweite ist der
der Krieger Kschatrias 77 , und auch der der Regenten. Brahmanen können
auch, wie im Marattenreich, regieren. Der dritte sind die Waischjas78, Ge-
werbetreibenden, Bürger. Der vierte sind die Schudras 79 , die Dienenden
und auch die Ackerbauer«, welche nicht freie Eigenthümer sind. Die We-
ber gehören zu der dritten Klasse und machen einen großen The/7 der Be-
völkerung aus. Die Kasten dürfen nicht in einander heirathen, aber durch
die Heirathen sollen die ursprünglich 4 Kasten auf 36 ausgedehnt worden
sein, indem die Kinder aus ungleiche« Kasten eine neue bildeten. 80 Die Ka-
stenlosen heißen Kudulas, Parias, und müssen das Angesicht und die Be-
rühru«_g der Menschen fliehen. Das Verhältnis dieser Kasten ist nun zu se-
hen. Wie sie sind entstanden. — Geschichtlich ist nichts bekannt. Man hy-
pothesiert zwar, daß die BraAminen ein Volk ursprz/nglica gewesen sind,
und ein Priestervolk, aber davon ist nichts wahr. Fun Volk können nicht
Priester zusammen sein; ist es ein Volk, so sind gleich Stände da. Ein Schua-
machervolk müßten die Mongolen dann heißen, weil sich jeder sei«e Schu/je
machen ka««. — Wesentlich ka«« nur in einem große« Volk diese Art von
Unterscheidung in Stände statt finden. Nomaden braz/chen nicht Stände zu
haben. Andere Völker setzten sogleich, eines das andere voraus: Sollen Prie-
ster da sein, so müssen die anderen Geschäfte von andere« übernommen wor-
den sein. Die Entstehung dieser Stände konkresziert nicht äußerlich; son-
dern aus der Einheit des Zusammenlebens entsteht der Unterschied1. - Die
Arbeit thezlt sich ins Unendliche, so daß die Schirmentrager nichts anderes

M. Tschetrias[?]
M: Vaisias
M: Sudras
Der Nebensatz ist am Rande eingefügt.
94 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

thun, und dieses ka«« im Zz/samme«leben stattfinden. Pflichten und Rechte


haben die Stände, nicht die Stände als Menschen, sondern als Stände. Die
Tapferkeit ist nicht eine Tugend, sondern eine Tugend der Kschatrias. 81 Die
Menschlichkeit, die moralisc/ie Pflicht, das menschliche Gefühl gege« andere
ist nur Pflicht und Recht der Kasten. Furcht, Verehru«^ ist die niedere der
höheren Kaste, nicht Pflichten anderer Art, schuldzg; es ist eine Versteine-
ru«g der Unterschiede. Die sittliche Würde des Mensche« ist nicht vorhan-
den. Willkühr lenkt nur die Todten, und alle Bösen Leidenscha/ten. Es ist
eine Willkühr, Traumwelt und die Vernichtung, das dritte, und das Höch-
ste.

21/12

Die Brahminen zu kennen, ist Hauptsache. Um dieses zu können, müssen


wir uns auf die Religio« der Inder einlassen. Im Orient ist die substanzielle
Einheit vorhanden, wo der Mensch als Individuum noch nicht ein Innerli-
ches für sich ist, so daß die Religio» nicht die Gewißheit seiner in sich selbst
ist. Der rechtliche Zz/stand der Kasten ist nur ein Zz/stand in Ansehu«_g des
religiösen Verhaltens. Das Höchste bei den Inder« ist die Vernichtu«^. Die-
ses ist zusammenzufassen. Bra/kna oder Braam ist das Höchste; Wischnu
und Schiwa82, dieses ist die Dreieinigkeit. 83 Aber Braom ist die Hauptsa-
che. Die beiden andere«, oder die Sonne, die Luft und alles Göttliche, wie
die Sprache, die als göttlich gepriese« wira1, wira7 alles auch Btahm genannt.
Die Inder verehren nicht Brahma durch Tempel, Opfer, wie die anderen
Götter. Er ist die substanzielle Einheit von allen. Zu diesem religiösen Ver-
halten gehört nun, daß der Inder sich zu Bra/wi84 erhebt. - Zieht sich der
Inder in sich zurück, entfernt von allem Äußere«, und spricht das Wort:
O m , so ist das Bra/nri. In dieser Abstraktion des Menschen ist dieses
Brahm. Zu diesem Zz/rzzckziehen gehört eine ungeheure Abstraktion von
allem, was an das Äußere kettet. Diese momentane Erhebu«_g, Andacht, ist
auch bei uns der Sonntag, und der Sonntag des Lebens ist auch diese
abstrakte Erhebu»^ bei den Inder». Für die Erhebuw^e» des Inders ist aber
das Höchste, daß sie nicht momentan für ihn sind, sondern daß er nur in
solcher Erhebu»g existiert. Die Brahminen sind nun die Doppeltgebornen,
Zweimalerzeugten, auf eine natürliche Weise, und auf die geistige Weise.
| 42 | Die Natur und er selbst erzeugen ihn. Die andere« können sich nur die-
sem Vorzuge nähern, indem sie sich dieser Abstraktion widmen und das
Leben verachten, das Menschliche vernachlässigen, indem der Mensch kei-
ne Würde hat. Die Nicht-Bra/Jminen können sich nun diese Höhe erwer-

1
M: Tschetrias
2
M: Tschiwa
3
M: 3 1 gkt
4
M: Bram
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 95

ben. Ez«zelne thun dieses auch durch Verachtuwg des lebend/gen Men-
schen: Diese heißen Yogi85. Sie mortifizieren sich durch Strengigkez'A 12
Jahre lang halten sie sich auf den Beinen, sitzen und liegen nicht; um zu
schlafen lehnen sie sich an einen Baum, an dem sie sich befestigen, und
darauf werden sie gewöhnt stehend zu schlafen. Darum halten sie die Arme
über dem Kopfe über einander gelegt, um nichts verrichten zu können. Ande-
re sorgen für seine» Unterhalt. Er selbst kann gesund bleiben; die Hände
sind aber schneeweiß und die Nägel wachsen fast in eiwander. Nach 12 an-
dere« Jahren suchen sie durch Mittel die Arme wieder zu gebrauchen. Dann
müssen sie zwischen 5 Feuer, d. i. nach jeder Himmelsgege«d, und dem
Sonnenfeuer täglich zubringen, wo sie siez; dann zwischen diesen Feuern so
schwenken lassen, daß sie mit dem Haar dem Feuer nahe kommen. Viele
sterben dabei. Ist dieses dz/rc/igemacht, so wira" er stehend, um geprüft zu
werden, lebendig begraben, indem die Erde über ihn geschüttet wird". Dann
erst wird er hervorgezogen und er hat die Macht eines Bra/iminen, dessen
Hoheit außerordentlich ist. Ein Braamine wird von dem König sei»er Kuh
beraubt; die Kuh verschafft dem Bra/kninen Macht gege« den König, so
daß dieser bei aller Größe sei»er Heere nichts az/srichten ka««. Der BraZimi-
ne wird so mächtig, daß den Göttern vor ihm bang wira", und deshalb
schicken sie ihm ein schönes Mädchen, das ihn 12 Ja^re verführt, so daß er
12.000 Jahre sich wieder reinigen muß. Endlich wira1 ihm die Macht zuge-
theilt. Der Mensch also kann die Macht des BraAma erlangen durch diese
Abstra/fe/ion, durch dieses dumpfe, unbewußte Leben, in welchem sie auf
ihre Nase ewig sehen, ohne Empfindung und Wollen, todt. Das Bewußtsez«
wird vernichtet. Das Leben ist verachtet. Die Inder sind schwach, zart; sie
verbrennen die Frauen nach dem Tode der Männer, oder sie werden als
Pest az/sgeschieden aus der Gesellscha//. Ei»e Frau verbrennt sich oft,
wenn ihr Kind stirbt; sie wirft sich mit hinein, indem sie ihren Schmerz
nicht ertragen ka««. Der Mann ist auch ruhig dabei, indem er sa_gz: ich habe
mehr Frauen zu Hause. Viele Frauen, 20 oft zusammen, fassen ihre Hände
und stürzen sich in den Ganges. Ein Inder war auf den Himalaja, wo die
Quellen des Ganges sei» sollen, 14.000 Fuß 86 hoch, mit drei Frauen, die
dieses Heilige thun wollten, in die Quelle des Ganges sich zu stürzen. Die
eigentliche Schlucht fanden sie aber nicht. Zwei kamen um, eine nur zu-
rück. Bei den Go//esdiensten, wo oft Millio»e» zu gewissen Festen zusam-
menkommen, wird das Bild des Gottes herumgefahren durch 100 Menschen.
Die Inder legen sich unter die Räder, um sich von ihm zerknirschen zu las-
sen, so daß Gebeine den Weg bezeichnen. Ihr Zweck, der Tod, ist dadurch
erreicht. Die Frauen werfen deshalb auch die Kinder fort. Die Achtu»^
des Lebens bei uns ist das Höchste; das Gegenthe/7 bei den Inder«. Viele

M: Yodi
M: Meter
96 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

laufen [nackt] 87 herum und thun nichts. Die Hoheit der Abstra/fe/ion soll
erreicht werden. Der physische Tod macht keinen Unterschied mehr von die-
sem moralische» Tod. — Von Natur haben diese Hoheit die Brahmanen, die
von den Inder« als Brahma, als Gott verehrt werden. Vor ihm fällt der Inder
nieder, und sa^/: Du bist mein Gott.

22/12

Ihr Geschäft ist, die Vedas zu lesen, die nur die Bra/iminen lesen dürfen.
Dzeses Lesen ist der Zustand des Bra/wi Seins. Andere Brahminen treiben
auch Geschäfte, sind Schreiber, bekleiden Ämter. Kein anderer darf sie88
lesen, noch lesen hören; der Schudra 89 wird dann durch glühendes Oel sei-
«es Gehörs beraubt. — Die Brahminen[?] haben noch mannigfaches zu be-
obachten, in Bezug auf Kleidu«g, Tracht des Haares, Barts, Nägel; wann
sie aufstehen sollen, was sie zuerst thun sollen. Den Charakter der ihnen
vorgeschriebe« Gebote kann man nur aus den Spezialitäten der Zeremo-
nien erkennen, selbst wenn sie auch noch so kleinlich sind. Sie dürfen
nicht die Sonne selbst, noch im Reflex sehen. Sie dürfen über keinen
Strick schreiten, an den ein Kalb gebunden ist; nicht beim Regen ausge-
hen; nicht ihr Bild im Wasser sehen; gehen sie beim Gö//erbild vorbei,
oder dergleic/ie« Heiligen, wo vier Wege zusammentreffen, nicht links vor-
bei gehen, nicht mit der Frau essen noch sie essen, nießen, gähnen zu se-
hen.
143 | Im Menü Gesetzbuch ist auch über die Nothdurft, um das Letzte
anzz/geben, gesprochen, nicht an einer Straße, gepflügtem Grund, Wasser,
Holz, das verbrannt werden soll, auf den Ruinen eines Tempels, auf dem
Nest von weißen Ameisen, nicht im Gehen oder Stehen, nicht auf Bergen
den Urin 90 lassen. Bei Tag soll er das Gesicht gege« Norden, bei Nacht ge-
ge» Süden dabei wenden; nicht dabei ins Wasser sehen, nicht in die Sonne
etc. und eine Menge Dinge sind dabei zu beobachten, wenn sie die Noth-
durft verrichten. Auf Asche, Knochen, Saamen von Baumwolle, Korngar-
ben, Urin soll der nicht treten, der lange leben will und nicht durch einen
bösen Genius besessen sein will. Der Braam/Vze ka«» nicht mit dem Leben
bestraft, höchstens aus dem Reiche verwiesen werden. Die Engländer keh-
ren sich nicht daran, wie in Bombay, wo sie die Geschworenengerichte
eingeführt haae«; wobez jedoch die Inder eine Menge Dinge sich azzsbitten,
Wasser zu trinken, die Nothdurft zu verrichten, die Nacht nicht aufzz/blei-
ben, nicht die Todten ansehen zu müssen etc. Dem Brahminen kann man
nur zwei, dem folgenden drei, dem Waischja vier, fünf [Prozent] dem

87
M: die Nacht
88
die Vedas
89
M: Sudra
90
M: Ruin
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 97

Schudra abnehmen. Der Brahmine ist frei von Abgaben. Die stärksten
Aussprüche im Menü sind gege» die Bestrafung des Brahminen durch den
König. Denn sie seien so hoch über dem König, daß der geringste Brahmi-
ne sich verunreinigen würde, wenn er mit dem König speiste, und der Tod
wäre ihm besser als das Erlebnis, daß die Tochter sich mit dem König ver-
mählen könnte. Durch den Blitz ka«« der König von dem Brahminen er-
schlagen werden, solche Macht hat der Brahmine. — Wenn jemand die Brah-
minen in Ansehung ihrer Pflicht belehren sollte, so muß man ihm Oehl
heiß in den Mund und in die Ohren gießen. Wer den Brahminen schmäht,
so soll ein eiserner glühender Stab in seine Kehle gesteckt werden. Dem
Schudra, der sich auf den Stuhl eines Braami«e« setzt, soll ein glühend
Eisen in den Hintern gestoßen, oder der Hintern abgeschnitten werden.
Vor Gericht ist erlaubt zu lügen zum Besten eines Brahminen. Man soll
nach dem Gesetze selbst vor dem Gericht lügen, um einen Mann zu retten,
der durch den König verurthezlt ist zum Tode, selbst wenn es mit Recht ge-
schieht. Man ka«« durch Unwahrhe/7 eine Heirath zu Stande bringen. Der
Bra/imine soll von keinem aus der niedrigen Klasse berührt werden, im Ge-
gentheil kann dieser jenen erstechen. Die Menschenliebe herrscht hier
nicht, durch welche wir ander» das Leben retten; der Brahmine darf keinem
anderen ein wenig Wasser reichen, wenn jener auch verschmachtet. Der
Braami»e ka«« viele Frauen sich nehmen. An den großen Festen in den
Pagoden, wo Millio«e« zusammen kommen, wählen sich die Brahminen die
schönsten Frauen aus dem Volke, auch wenn diese schon verheirathet
sind. Nach einigen Jahren kann der Brahmine sie wieder zurz/ekschicken.
Der Mann freut sich über diese Ehre. Der Go//esdienst ist eine organisierte
az/sschweifende Sinnlic/3kez7 bei der höchsten Abstraktion. Um in eine Ka-
ste aufgenommen zu werden aus der niedere« Kaste, kostet sehr viel Mühe;
oft war einer az/sgestoßen, und es kostet diesem beinah das Leben nur
durch Arbeiten in die alte Kaste zurz/ckzz/kommen. In Ceylon haae« die
Engländer dieses streng verboten, wie auch das Verbrennen der Frauen,
welches sie auch dulden, indem sie schon von den Muhameda«er« früher
mit Gewalt dazu gezwungen worden sind. — Übertritt ein Brahmine ein ho-
hes Gebot, so wird er degradiert. Einige Brahmanen haae« vor 15 Jahren
den Indz/s überschritten und ins Meer gesehen, und sind deshalb angeklagt
worden. v4z/sgestoßen aus der Kaste sind sie Ei«ma/geborne 91 geworden,
und um noch einmal geboren zu werden, mußte eine goldene Kuh gemacht
werden, aus deren Hinterthei/ sie hervorkamen. Da aber nicht so viel Gold
da war, so war das Hinterthei/ von Gold, das übrige aus Holz. — Die Eng-
länder haae« ihre Noth mit ihren indische« Soldaten, die kein Fleisch, nur
Körner essen.

M: lmalgborne Bayerisch*
StaattblblMMk
Muocbe«
V
98 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

3/1 30

In China hat keiner ein bestimmtes Recht, in Indie« fängt die Unterschei-
dung an, daß jede Kaste ein bestimmtes Recht an sich selbst hat. Aber dieses
Berechtigte ist durch die Geburt, nicht durch die Vernunft und die Morali-
tät bestimmt. Über diesem Festen ist das andere Willkühr und Gewalthat.
Die Geschichte von Indie« ist so voll Revolutio« und Tyrannisierz/«gen,
Mordthaten; Insurrektionen der Gesamthe/7 käme« seltener vor; sondern
die Höheren verschwören sich gegen die Fürsten; nicht um es besser zu
machen, sondern um selbst zu herrschen. Die Eltern stellen so den Kin-
dern, und umgekehrt Brüder einander nach. Von dem höchsten Werthe
ist es, wenn man Söhne hat; denn von diesen werden ihnen, wie bei den
Chinese« Opfer, nicht der Liebe, sondern der Ceremonien, gebracht. Der
Thron ist nicht gesichert. Ein Sprichwort ist hier: Die Fürsten lieben ihre
Enkel mehr als die Kinder, weil sie von jenen an diesen gerächt werden.
| 44 | Ein Mann ohne Söhne ka»« nicht als Zeuge vor Gericht treten. Ein
gesetzmäßzger Zustand in der Regierung ist nicht vorhanden. In Bezug auf
die Abgaben, so gehört die Hälfte des Betrages des Grz/«abesitzes dem
König. Nicht Bedürfnis bestimmt die Abgabe. Die Brahma«e« geben keine.
Der Bebauer erhält hierdurch sehr wenig, indem er einen Thez7 der Hälfte
zum Bebauen selbst gebraucht. Ihren Anthezl können sie verkaufen; geben
sie nicht die Hälfte, so können sie verjagt werden. Die Engländer haben
viel zu leiden durch dieses Verhalten, welches sie durch die Zemindarsf?],
die die Hälfte eintreiben, abzz/stellen suchten. Diese sind aber oft höchst
schlau; sie verjagen die Bauern und sagen: Ein Thezl des Landes sei unbe-
baut; so daß sie nicht so viel liefern können; diese verjagten Bauern neh-
men sie aber gleich wieder als Sklaven, Tagelöhner für ihr eigenes Land an
und brauchen sie so. Sehr viele von den Bauern, die Richter, die Aufseher
des Dorfes, der Schmied, der Zimmermann, die Wäscher, Barbier, Tänze-
rinnen, Musikus, Poet, Brahmine, <...> und das Übrige werden in 2 Theile
verthezlt, wo von ein Thezl dem König z//fällt. Diese unteren Kasten blei-
ben unberührt von dem F^influß der Revolutio« der oberen Kasten.
Die indischen Dynasten handeln nicht nach Traktaten, sondern nach
Gewalt. Truppen pressen dem anderen Fürsten V* der Revenuen des Lan-
des ab. Gehen die Truppen zurück, so hört der Tribut auf. Der Indier in
Handel und Wandel als Domestiken hält es für erlaubt, die Herren um %
zu bestehlen. Die Engländer haben zu leiden durch diese Kastenunter-
schiede. Im Morgenlande haben die Obere« eine große Zahl von Bedien-
ten, wie man es selbst bei den französischen Offizieren in Algier jetzt sieht,
um sich eine Menge solcher Menschen nisten. 20—30-40-50-100 Bedien-
te aber haben die indischen Offiziere. 20000 Mann Soldaten Indier haben
100000 Bedienten um sich. Wird Halt gemacht, so ist in wenigen Stunden
alles wie zu Hause eingerichtet, denn sie bringen alles mit. Einer besorgt
die Pfeife, ein anderer das Pferdefutter, ein anderer das Auflesen des Gra-
ses etc. Andere besorgen die Mikh
ilfh zugp
zum Kaffee. Durch die Pest wird oft ei-

EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 99

ne große Zahl von diesen hingerafft. Aber ihre Ceremonien gehen sie in
ihren größten Krankheiten nach; die Braami«e« nehmen keine Arzenei-
mittel von den Europäern. Erst in neueren Zeiten wichen sie von diesen
zeremoniellen Gesetzen ab.
Die Moralität der Indier betreffend, wir können uns leicht bestechen
lassen von der zarten Empfindung, schönen Fantasie der indischen Ge-
dichte. Es gibt Facten, die nicht mit der Vernunft und Sittlichkeit zu thun
haben und dennoch zart sein können, wenn auch alles verdorben im Verse
ist. In China findet man Gemälde der tiefsten Empfindung, der schamhaf-
ten Liebe, des sinnigen Benehmens; ebenso gibt es Sze«en in chinesischen
Gedichten in <• • •, >die mit allen europäischen Nationen wetteifern kön-
nen, in Indien nun ist die Liebe höchst rein, tief, schön geschildert. Sitt-
lichkeit, Freiheit des Geistes, Bewußtsein des eigenen Rechtes, gewollte
Sittlichkeit ist aber ein Anderes, „gut" kann ein Indier sein, ohne sittlich
zu sein, indem alles Bewußtsein von dem Rechte in ihm untergegangen
sein kann. Innerliche subjektive Freiheit ist nicht in Indien. Vielmehr ist
Indien das vollkommen degradierteste 92 Volk in Bezug auf Sittlichkeit. Sie
können das Bewußtsein des Geistes und der physische» Existenz durch
das Abstrakte des Denkens im Brahma, des Versenkens in diese nur ab-
strakte Allgemeinheit vernichten. Die konkrete Allgemeinheit haben sie
gar nicht; denn sie haben keinen Inhalt in diesem Allgemeinen, in dem
alles zu Grunde gegangen ist. Im Brahma ist die Vernichtung des Geistes
und die höchste sinnliche Ausschweifz/»_g zugleich. Alles ist depraviert.
Das Gouvernement Bengalen hat aufgegeben, über alle Distrikte im sittli-
chen Zustande einen Bericht zu machen. Alle Richter stimmten überein in
der List, Verschlagenheit, Lüge, Betrug, Mord, Raub der Indier; aber sie
sind demüthzg krieche»d, niederträchtig, und zugleich grausam und mord-
süchtig. Es ist verboten, ein Thier zu todten; das sieht sanft aus; ja Thiere,
alte Kühe, Affen werden im Haus gepflegt, es gibt Städte, in denen die
Affen bedient werden. Hospitäler für Menschen gibt es nicht, nur für
Thiere. Menschlichkeit ist dahin.

4/1 31.

Perser.
145 | Mit den Perser« fängt das vordere Asie« an, ein anderes Asien. Hinter-
asie« hat ein anderes Naturell und Geschlecht, und ist nicht in Berührung
mit dem Westen gekommen wie Vorderasie«. Der Kontrast von Persie»s
und Indiens Klima ist höchst verschieden, wie auch die Begriffe von Sitt-
lichkeit, Tugend, Leidenscha//en, die alle in Persie« noch menschlich sind.

depravierteste (?)
100 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

So wie Afrika in zwei Thez/e sich theilt, die zum Thez7 mit Asien, theils mit
Europa zusammenhängen, so ka»« man auch Asien in zwei Thez/e theilen, so
daß von Persie» an das Land beginnt, das dem Westen zugekehrt ist. Wir
sehen ein Volk des Hochlands, wie die Perser es eigentlich sind, und dieje-
«ige«, welche als die Tha/bewohner des Tigris 93 und Euphrat mit Bildu«g
versehen sind, reihen sich ihnen an. Ackerbaz/ treiben diese, Künste und
Wisse«scha//. Über diese haae« die Perser geherrscht. Dem Meer gaben sich
die Kzzs/enländer Syriens und Ioniens hin. Die Perser verein/gten diese
drei Prinzipien der Gebirgsbewohner, Thalbewohner und Meerfahrer. Chi-
na hat nur ein Prinzip, unter welches es alle drückt, selbst die Bergbewoh-
ner; ebenso ist es in Indie«. Persze« ist das erste Reich, das welthistorisch,
vergangen ist; statarisch und geschic/>/slos ist Indie« und China. Der Ge-
schichte als solcher gehört Persze« an.
Das Prinzip von Persie« macht einen Übergang, der in dem Begriff
liegt, nicht äußerlico ist, wenn gleica äußerlica ein geschichtlicher Zusammen-
hang aus dem Prinzip sich entwickelt hat. Das Allgemeine im Braam
kömmt hier zum Bewußtsez», erhält eine affirmative Bedeutung für die In-
dividuen. Bra/jm ist nicht Gegenstand der Verehrung, sondern Zz/stand des
Individuums. Es ist eine ungegenständl/cae Existenz, die eine Vernichtu«^
ist für die konkrete Existenz. Das Allgemeine wird1 nun für das Individz/z/m
ein Gegenständliches und somit in ihm ein Affirmatives; Der Mensch, frei
im Allgemeinen, tritt gegenüber dem Objektiven, seinem Höchsten. Dzeses
Allgemeine tritt im Persischen hervor; das Individuum trennt sich von dem
Gegenstand, so daß es ein Unterscheiden, ein sich identisch machen mit
dem Allgemeinen dann ist. Nicht so ist es in Indie«. Hier ist das Natürliche
und Geistige in Einheit, die nur oberflächlich als das Höchste gelten ka««;
denn der Geist unterscheide/ sich nothwe»dzg von dem Natürliche« und
steht über diesem, wie es nicht in Indie« ist. Der Kaste sind alle Dinge,
Pflichten ein Partikz/läres, an das sie durch die Natur gebunden sind. Der
Mensch ist ohne sittliches Moment hier, und deshalb nicht sittlica frei, er
ist mit dem Gebote nur natürlich verbunden[?]; nur äußerlich durch den Be-
fehl ist er mit der Sittlic/;kez7 in Einheit. - So tritt jetzt der Unterschied ein;
die Einheit aus dem Unterschiede des bloß Natürliche« und des bloßen
Verhaltens macht bei den Perser« das Licht aus; das Licht ist das allge-
meinste Physikalische. Raum und Ze/7 sind noch nicht physikalisch. Das
Licht ist das erste Physikalische, es ist das Reine des Geistes, das Gute als
solches. Das Licht im doppelte« Sinn des Physikalische« und Geistigen
deutet an die Freiheit von dem Natürliche«, und dessen Stumpfhe/7. Diesen
Charakter hat da«« auch das persische Reich. Der Mensch verhält sich zum
Lichte nun, und bethätigt sich aus seinem subjektiven Willen; er verehrt und
erkennt an dem Licht. Das persische Reich besteht aus einer Menge von
Staaten mit eigener Individualität, Sitten und Rechten und Sprache, die alle

M: des Tiger
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 101

von Einem beherrscht werden, und es ist nicht wohl von einem modernen
Reiche, dem Deutschen, zu scheiden, wo man auch die große Verschieden-
heit von Sitten, Konstitutionen, Gesetzen, Religio«e« sieht. Das persische
Reich ist von dem Perser beherrscht; die eigenthz/»zlieae Lebendigke/7 des
Unterthanen wird" nicht gefährdet; es ist die bunteste Zz/sammewstellu«^ von
Völkerschaften, die alle eigenthzimlica bestellt und beherrscht sind. Einige
hatten republz£a«iscae Verfassu«^, bestimmte Sprache, Art und Bewaffnz/«_g,
Lebensart, wie Ackerbau, Fischerei, Handel; unter dem alle bescheinen-
den Lichte lebten alle sicher und mit eigener ^4z/sbildung.
Die Gebirge gegen Westen zum Euphrat 94 und Tigris hin, und links
derselben, wie auch gegen Süden hin, und gegen Indien hin, das Hochgebirge
des Himalaya, dann der Belurtag, Altai gegen Osten sind das Begrenzende
von Persie«. Gegen Westen ist ein Hochland bis zum Kaspischen Meer mit
dem Oxus 95 im Norden und den Baktriern 96 , darauf folgen die Thalländer
des Euphrat und Tigris''1, die Länder von Syrie» und Kleinasie«, wie auch
Ägypten, die alle unterworfen waren.

5/1

| 46 | Wir wollen deshalb die einzelnen Völker beschauen, die durch die Per-
ser beherrscht worden sind. - Die Zendvölker sind zuerst zu berühren. Ihre
Sprache ist die Haz/p/spracAe der nationale« Bildu«^ und < >, der Relz-
_gio« der alten Perser. Von Feueranbetern, Parsen sind noch Überreste am
KaspiscAe« See, die anderen alle sind durch die Muhameaaner az/sgerottet.
Die Religio« von Zerdust 98 (Zoroaster) ist ihnen gelehrt worden in den in
der Zend-Sprac/>e geschriebenen Bücher«, die uns von den Franzose« 99 ge-
bracht worden sind. Bei den Medern und Perser« des Cyrus findet man die-
se Religio«. Xenophon erzählt, daß Cyrus den Seinen diese Religio« hat leh-
ren lassen, und sich in diese Befehle geschickt. Nach Herodot haben die
Meder erst Arier gehört, womit Ariene und Iran zusammenhängen. Baktrien
gehört auch dazu. Als Grundlage dieser drei Völker war die ZendspracAe,
die mit dem Sanskrit zusammenhängt. Priester, Krieger, Handwerker und
Ackerleute machen vier Stände aus; es ist aber nicht gesagt, daß sie wie die
Kasten der Indier beschränkt sind. Der Ma«gel des Standes der Handels-
leute zeigt an, daß [es] ein mehr in sich zurückgezogenes Volk gewesen ist.
Bürgerliche Gesetze kommen vor, über Privat-Reca/, Kriminal-RecA/, aber
nichts zeigt auf die Einrichtung des Staates hin. Die Lehren des Zerdust

94
Schwer lesbar.
95
antiker Name des Flusses Amudarja
96
Baktrer
97
Schwer lesbar.
98
M: Zerdusch
99
A. H. Anquetil-Duperron (1731-1805), Übersetzer des Zend-Awesta.
102 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

sind sehr merkwzz'ra'ig. Südlich vom Oxus wohnten die Parther, Meder;
nördlich die Baktrier (Balkh ist das alte Baktra); Kabul liegt südlicA davon,
nur acht Tagereisen entfernt. Hier scheint das Zendvolk gelebt zu haae».
Der Geist aus der substa»zielle» Einheit mit der Natur, aus der inner-
lich losen Einhe/7 tritt nun hervor, und macht einen Bruch, wodurch der
Geist für sich wird gege« die Natur, als ein Objektives, als ein Objektives
des Sittliche«, dem er selbst mit Gesetzen entgege«tritt. Das Denken zieht
sich aus der Versenku«_g in das Allgemeine. Die Naturform des Lichtes als
das Höchstphysikaliseae und als das Geistigste ist nun das Prinzip des Ge-
dankens gegen die Natur. Der Gedanke hat aber einen Bruch gemacht, und
setzt gleich dem Licht die Finsternis entgegen. Das Gute ist nicht vorhan-
den ohne Wissen vom Bösen. Das Thier ist gut, und weiß doch nicht, was
gut ist. Dzeser Gegensatz geht in Persze« auf, und zieht sich von nun an
durch das Bewußtsei« der Mensche« durch. Die allgemeine Unterscheza'z/«^
beginnt nun. Ormuzd und Ahriman sind die Repräse«tante«, die Prinzipi-
en des Gute« und Bösen. Das Zerwana Akarana ist die unbestimmte Ze/7,
das abstrakte Ideelle, indem die Ze/7 für sich nicht existiert, wie auch nicht
der Raum; in dieser unerschaffenen Zeit haae« beide nun ihren Ursprung.
Alles Schöne, Reine, Lebendzge gehört dem Ormuzd, alles ist Offenba-
ru«_g des Lichtes, nach dessen reiner Natur alles geheiligt ist. Das Licht
wira" nun verehrt von den Persern, nicht die Sonne, Sterne und Feuer;
sondern es heißt überall, daß in der Flamme, Sternen und Sonne nur das
Vortreffliche, nicht das Licht selber verehrt wira". Verstand, Gesundhez/, Wis-
senschaft, der reine Wille des Guten, Seligke/7, alles ist Reich des Ormuzd,
dessen Reich die Menschen aufbauen, erhalten sollen. Die Gesetze der
Verehrung sind sehr weitläufig, wie man sich rein halten ka»», und wie
leicht man unrein werden kann. Sehr mild sind die Strafen gegen die Verbre-
cher; Fleisch von reinen Thieren wird gegessen. Der Mensch wira1 rein er-
schaffen, und rein wira7 er wieder durch das Gesetz der Ormuzddiener, die
das Heilige selbst sind. Das Gesetz aber sind reiner Gedanken reine That.
Reiner Gedanke ist der, der auf die Urdinge zurz/ckgeht; das reine Wort ist
Ormuzd, der lebendige Geist der gesamten Offe»baru«_g; die reine That ist
die Anrufu«,g der heiligen Geschöpfe. - Das ist ein anderer Geist der Ge-
setze als bei den Inder». That, Gedanke und Gebet, alles soll, äußerlich und
innerlich, rein sei». Der eigene Wille soll sich frei machen. Davon wissen
die Chinese« nichts. — Ormuzd ist als das reine Gute Gegenstand der Ver-
ehru»_g; das Nächste nach ihm ist die Sonne mit dem Sonnenchor, die um
den Thron von Ormuzd stehen, Amschaspands 100 , die angebetet werden,
Sonne, Mond und fünf andere Name», die von gleicher Würde sind. Sieben
Sterne werden so noch angebetet. Unter den fünf Amschaspands ist der
Name Mithra 101 auch. Welche Sterne dadurch bezeichnet seien, weiß man

100
M: Amtschaspan
101
M: Mitra
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 103

nicht. Der MitAra ist später sehr berühmt worden, als der Mittler des Men-
sche« mit Gott (Herodot). Der Mitaradienst ist nachher bedeutend gewor-
de». In der römischen Republik und in der Kaiserzeit war er als geheimer
Dienst verbreitet, und noch tief ins Mi//e/alter hinein. Ormuzd hat einen
Geisterstaat so, und der persische König hat auch als Nachbild sieben
Große des Reichs um sich gehabt.

6/1

| 47 | Zoroaster lebt nun in diesem Reiche. Dschemschid 102 , ein alter Kö-
nig, als Sohn des Ormuzd vorgestellt, scheint der griechische Achämenes
zu sei«, dessen Nachkommen die Pischdadier 103 waren, aus denen Cyrus
stammte. Dschemschid soll mit dem goldenen Dolche die Erde gespalten
haben (Ackerbau), Flüsse soll er hervorgebracht haben, wie auch Thiere und
die ersten Menschen. Gustasp 104 war der König, unter dem Zoroaster leb-
te, und diesen Gustas/) nahm man für den Vater des Darius. Die Indier
kommen auch in der Zendschrz// vor; aber historisch Bestimmteres ka««
man nichts nehmen. Reinheit des Körpers und des Geistes war hoch be-
folgt. Die Paradiese der Perser sind auch bekannt, die in üppiger Fegeta-
tion schöne Thiere pflegten, und Kanäle, Pflanzz/ngen wurden hier schön
und lieblich geleitet und angeleitet.
Das zweite Volk ist Assyrien und Babylonien. Wenn die höheren Ele-
men/e des Geistes in Persie«, so ist das Element des Reichthz/ms in diesen
Staaten merkwürdig. Die Urbücher fehlen uns über sie. Ktesias, von dem
nur Bruchstücke da sind, hat nach den Archiven Mittheilz/ng gemacht, wie
auch Herodot und das geschicM/cae Buch der Bibel, das den lokalen Kreis
eines Besteaenden1"5 bestimmt und gewichtig darlegt. Des Firdusi1"6 Epopö-
en in 60000 Distichen (zu Anfang des 11. Jh.) haaen die Heldensagen Irans
zum Gegenstand. Als historische Quelle kann es nicht angesehen werden. As-
sur und Ninus (Ninive) waren in Assyrien berz/hmt. Ninus soll es erbaut
und das Reich gegründet haaen. [am Rand] 2030 v. Chr. Ackerbau bearbei-
tete den sehr frz/chtbaren Boden herum. Er unterwarf sich Babylon, Medien
und Baktrien besonders mit großer Anstrengung, durch eine Million 700 000
Mann, 100 000 Reiter und 10000 Wagen. Semiramis ist eine Geburt, die
zwischen Mythologie und Historischem schwankt. Von dem Babylonischen
Thurmbau ist in der Bibel die Rede. Am Tigris in einer frz/chtbaren Ebene
gelegen hatten sie einen Thurm, als einen flachen Berg in der Mitte des fla-
chen Landes. Der Handel war sehr bedeutend.

M. Tschemschid; (vgl. TWA 12, 224)


M: Pistasier
M: Gustas
Sehr unklar
M: Ferdusi
104 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

7/1

Herodot gibt einige Sittenzüge über Babylonien, woraus hervorgeht, daß sie
ein Fami/ienleben geführt haben. Der Kranke wurde az/sgesetzt auf der Stra-
ße, und jeder Vorübergehende gab ihm einen gute« Rath. Die Schönen
wurden versteigert, und das Geld den Häßlichen als Aussteuer mitgegeben.
Sittenloszgkez/ herrschte erst später, da schon Armuth um sich griff.
Das dritte Volk ist Medien, eine Bevölkerz/«^ wie die Perser, dessen
Wohnterritoriz/m um den Südwesten des Kaspischen Sees sich herumzog. Es
zog sich nach Armenien hinein und in das südliche Grusinien. 107 Unter ih-
nen sind die Magier aufgeführt als einer der 6 Stämme des ga»zen Volkes.
Sie hatten die Erinneru»^ eines wilden Zz/standes, in dem sie roh, kriege-
risch lebten. Ekbatana ist erst spät erbaut von Dejokes 108 . Perser und Me-
der haae» sich so verschmolzen, daß die Perser von Herodot Meder ge-
nannt sind. Durch Sardanapals Tod hat sich das Ganze zerspaltet in meh-
rere Reiche. Das Jüdische Reich ist damals den Babylo«ier« unterlegen. Da-
niel lebte in Babylo«ie«, und aus seine« Buch sieht ma« die Einrichtungen,
wie sie alles gut gestaltet haben, man sieht Wahrsager, Magier, Ausleger der
Schrift. 560 v. Chr. tritt Cyrus auf, ein medischer Feldherr, der sich auf
den Thron geschwungen hat. Bei den Mcdem scheint die Zendreligio« ein-
heimisch gewesen zu sein. Zu ihr ist Cyrus übergetreten, und zu ihr hat er
auch seine Landsleute hingeführt. Er ist die erste we//historisc»e Iigz/r, die
in Vorderasie« eindringt, Lydie» bekriegt: Viele Staa/ensysteme, Lydie», Me-
die», Baby/o«ie«, Syrie«, Judää, sehen wir damals.
Lydien bis zum Halys ha//e eine Bilduw.g, die uns durch Homer bekannt
ist, in Bezug auf die ionischen, ätolischen und dorischen Städte, die sich Krö-
sus unterworfen hatte. Bias rieth diesen Städten, einen Bund zu machen,
und Thasos[?] zum Mittelpunkt zu machen, oder die Städte zu verlassen
und nach Sardinien zu gehen, und so ihre Fre/he/7 zu erhalten. Nur die Ei-
fersucht hielt sie zurück. Cyrz/s hat den Fluß bei Babylo« ableiten lassen
durch Kanäle, um ihn zu bestrafen, so wie Xerxes den Hellespont, weil sich
eine Natz/rmacht gege« die Beherrscher des Lichtreiches empörte; es ist
nicht bloß eine Narrheit, die sie dieses thun ließ. Er entließ die Juden aus
Babylo«. Das Charakteristische des Cyrz/s und des persische« Reiches ist die
Freiheit der Individualität der unterworfene« Völker. Gegen die Massageten
Jenseiten des Oxus zog er darauf und starb den Tod des Kriegers auf dem
Felde. Die Heroen, die eine wicht/ge Epoche in der Weltgeschichte be-
wirkt haben, sind Repräsentanten der Epoche, und ihr Tod trägt den Cha-
rakter ihrer bewirkten Epoche.

M. Grusien
M. Arbazes
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 105

10/1

| 48 | Ungefähr 560 vor Chr. hat Cyrus dieses Reich erobert. Sein Charak-
ter ist der eines Eroberers im Leben und Tode. Alexa«der und Cäsar sind
nicht bloß Eroberer, Herrscher des eroberten Landes gewese«. Unter Cyrz/s
ist das Große bewirkt worden, daß die Völker, die durch den unendliche«,
häßlichen Haß getrennt gewesen waren, vereint waren. Der Kern dieses
Reichs waren die Perser selbst, die mit einem Fuß auf dem alten Boden,
Sitten, Lebensart der Nomaden standen, während sie den andere« Fuß in
das eroberte, besiegte, beherrschte Land setzten. Die Gräber der Könige
sind auch in Persie« geblieben, welche der König oft besuchte, als seine
Brüder, die er beschenkte, während man ihm allentha/ae«, wohin er kam,
Geschenke entgege«brachte. Am Hofe war ein Corps von Reiterei, der
Kern des Heeres, das aus Persern bestand, gemeinschaftlich speisten, und
für dieses trugen die Provinzen Sorge, es zu unterhalten. Dieses war stets
um den König, zog mit ihm aus, war gut diszipliniert, sehr tapfer. Die per-
sische« Kriege gege» die Grzechen zeigen auch, daß die Griechen die Tap-
ferkez/ der Perser selbst anerkannten und ehrten. Alles war im Zz/stande des
Eroberers. Ursprünglich Nomaden und Reiter, behielten sie diese herum-
schweifende Natz/r stets bei. Züge nach Skythen, Kleinasien, Thrazien
wurden unternommen; aber dabei war ein ylz/fgebot aller Völkerschaften,
so daß durch diese ga«zen Völkerzüge und Vö/feerwanderungen von Völker-
familien mit Weibern und Kindern mit besonderer Tracht, Waffenart,
Kampfweise, auf Wagen und Pferden entstanden. Solches Bild entwirft
Herodot bei Xerxes. Die Zahl der 3 Millio«e«, die er geführt haae« soll, ist
nicht übertrieben; nur waren es nicht disziplinierte Truppen, gege« welche
die gleichförmig bewaffneten Grzechen in gleicher Ordnu«_g leicht siegen
ko««ten. Die Provinzen sorgten für den Unterhalt. 109 Baby/o«ie«, die
reichste Provi«^, lieferte 1/3 des Ganzen, und jede andere mußte von dem
Vortrefflichsten, was es hatte, geben, wie Arabie« den Weihrauch, Syrien
Purpur. Steuern fzz'r die Grundstücke soll erst Darius Codomannus aufer-
legt haben. Die Söhne des Königs, besonders der Kronprinz, wurden sorg-
fältig erzogen. Bis zum vierten oder siebenten Jahre blieben sie bei den
Frauen. Dann wurden sie im Reiten und s. w. von vier Erziehern unter-
richtet. Die Magie des Zoroaster lehrte einer von diesen, denn die Gro-
ßen sollen ein Bild des Himmels geben, wie das Amschaspands. Smerdis
Tod. Die Beratschlagung der Edlen über die persische Herrscha//sart ist
sehr schön. Darius wurde König. Durch Satrapen wurden die Provi«^en be-
herrscht.

Der westlichste Thez7 des Reiches macht das dritte Element, das Meer
aus, das Streben nach dem Hinaus. Das griechische Prinzip gehört schon

M: sorgen
106 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

zu Europa. Aber die Küste von Syrien ist wichtig im persischen Reiche.
Brach der Kontinent auf, so segelte die Kriegsflotte mit, von Phönikern
und kleinasiatiscae« Griechen bemannt. Der schmale Saum von Phonikze«
mit dem Gebirge, das zwei Stunden von dem Meer, von Norden nach Sude»
sich zieht. Die Reihe von Städten, Tyrus, Sidon, Byblos 110 , Berytos 111 , Ara-
dus zieht sich hinunter. Aber dieser Seehandel ist mehr isoliert, da er
nicht in ga»z Persze» eingriff. Das Mittelmeer ist die Szene des Handels,
und dieses reicht in die Welt hinein. Elfenbein, Purpur, Glas, edle Metalle
bearbeiteter Bernstein, Schrz/Zspracae im hohen Grade az/sgebildet ist hier
zu finden. Denn, wo mehrere Völker zusammentreffen, besonders durch den
Handel, ist das Bedürfnis einer Schrz/ZspracAe. Weit und kühn schifften sie
hin, führten Kolonien aus, entdeckten das atlantisc/je Meer; in Thasos[?]
selbst hatten sie Goldbergwerke gebaut, in Spanie« Silberwerke, Sevilla und
Cadiz besaßen sie. Karthago und Afrika gründeten sie. Längs der afrikani-
schen Küsten schifften sie, und das Zinn holten sie aus der Britzschen Insel
und Bernstein aus Preuße«. Es ist ein kühnes Handelsvolk. Der Mensch
verläßt sich hier auf seine« Geist gege« die Natur. Der Verstand fühlt sich.
Der sinnlichste Go//esdienst, Götzendienst, die Verehru«^ der Astarte und
Cybele, höchst az/sschweifend sowie der indische Kultus, Verehru«^ der na-
türlichen Sinnlichkeit ist hier zu finden. In Byblos ist der Adonis verehrt
worden (Adonaj).
| 49 | Das Fest, wodurch der Schmerz über den Verlust des Lebens verehrt
ist. Das Recht des Lebens der Individuen liegt hierin. Die Indier sind ver-
zweifelt, und legten sich die schrecklichsten Qualen auf, bis sie physisch
untergehen. Hier gewinnt das Leben einen affirmativen Charakter dagegen;
es ist die Berechtzgz/«g zu leben.
In Palästina sehen wir die mosaische Religio« des jüdischen Volkes. Sein
Prinzip ist das der Religio« des Zendvolks; nur daß von dem physikalische«
Lichte abgesehen wira1; es wird" nur von dem Guten als einem Gotte ge-
wußt, der nur für den Gedanken ist. Am Mittelmeer ist dieses Prinzip des
reinen Wissens, des reinen Gedankens für den Gedanken schon so früh
entstanden. Gott für den Geist soll so nur durch Rechtschaffenhe/7 verehrt
werden. Zugleich ist hier eine Berechtigung auch des Lebens, indem das
lange Leben auf Erden als Lohn der Frömmigkei/ angegebe« wird.

11/1

Indie« und China sind noch wie sie gewese«. Persze« ist nur noch Ruine, nur
trauriger Überrest von Persepolis, Pasargadei, Palmyra, Ekbatana, Baby-
lon, Susa, deren Herrlicake/7 vorbei ist; ga»z verödet ist alles, und die Be-
wohner wissen nicht, wozu die Ruinen, die noch da sind, gehören. Die
neue» persischen Orte genannt Isfahan, Schiras sind halb jetzt schon zu

110
M: Byblus
111
M: Beritus
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 107

Ruinen. Persepolis ist noch vorhanden in Ruinen. Aber nicht so wie die
römischen Ruinen, deren Geschichte ma» kennt, und worauf und worunter
sie stehen, so sind nicht die persischen Ruinen.
Das eigentliche Land der Ruinen ist Ägypten, das jetzt durch seine Reste
ebenso viel Bewunderung wie einst durch seine Grandiosität Erstaunen er-
regt hat. Diese überbieten alles, was an Ruinen vorhanden ist. Die Sphinx
begegnet uns allentha/ae«, sie ist das Symbol von Ägypten, halb Thier und
halb Mensch; der menschliche Geist entringt sich dem thierischen; freier
um sich blickend ist er noch an's Thierische geknüpft. Des Memnon Bild-
säule, an welche das Licht der jungen Morgensonne anschlagen und durch
sich erklingen läßt. Aber aus sich selbst erklingt noch nicht das reine Licht
des Geistes. Die Hieroglyphe ihrer Schrift macht uns ihr Leben zum
Räthsel, welches der Inhalt alles dessen ist, was dort sich äußert; sinnlich
zeigt es sich mit einer Bedeutung, die sich az/sdrücken will. Es war von jeher
und ist das Land der Wunder. - Die Nachrichten gaben die Griechen; der
emsige, sinnige, wunderbare Geschica/sschreiber Herodot hat alles durch-
forscht, und uns erzählt, was er erfahren, und was ihm nicht verboten
war, zu sa^e«. Diodor Siculz/s und Josephus geben uns auch viele Nach-
richten. Unglück ist es, daß die ägyptische Sprache aus Hieroglyphen be-
stand, die nicht die Laute bezeichneten, also lautlos war. Ein National-
werk hatten sie nicht, indem sie nicht zum Verständnis ihres Selbst, ihrer
Rechte und Charakters gekommen sind, so daß sie diese durch ein National-
werk dargestellt hätten. Erst Ptolomäus hat den Manetho eine ägyptische
Geschichte schreiben lassen. Von diesem existieren nur Auszüge. Archi-
tektur, Skulptz/r und Hieroglyphen bieten sich uns dar. Einige Symbole sind
uns von den Alten erklär/ worden. Diese sind aber höchst unzz/reichend;
mit der Wiederentdecku«^ Ägyptens ist ma« so weit gekommen, daß ma«
sie entziffern ka««; bestimmtere Geschichte, so daß ma« das Alter der
Kunstwerke erfährt, hat ma« daraus gelernt. Die Schrift ist auch von der
Art, daß sie zum Thei/phonetisch ist, so daß z. B. für ein Auge oculus das
Zeichen steht, und zugleich bezeichnet das Zeichen den ersten Buchstaben
des Wortes, also den Laut O. Young 112 und Champollion 113 der Jüngere
haae« dieses, jener erfunden, dieser az/sgeführt.
Ägypten macht durch seine Lage den Knoten, wo alles sich dz/rcAdringt;
der griechische Geist hat die Sphynx herabgestürzt, indem er das Räthsel
löste, und dessen Inhalt war der Mensch, der freie Geist, der aus dem
Natürliche« hervortritt zur Klarheit. Hier ist der Übergang von Asie« nach
Europa. - Die Geschichte von Ägypten ist voll von Widersprächen, Tradi-
tionen, die abweichen. Heller war sie zur Ze/7, da die Perser es eroberten.
Nach Herodot haben die Götter früher über Ägypten geherrscht bis Setho 114 ,
341 Mensche«alter, oder 10.000 Jahre.

112
T. Young (1773-1829). Vgl. TWA 12, 247.
113
J. F. Champollion (1791-1832), Mitbegründer der Ägyptologie.
114
M: Sethos
108 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

| 50 | Menes ist einer der ältesten Könige (Minos in Kreta, Menü in Indie»,
Menes in Ägypten). Ein See soll damals noch da gewese« sei«, den er az/s-
trocknete. Das Delta ist ein späteres Gebilde durch den Schlamm des Nil.
Von der Inse/Meroe 115 aus, also von Äthiopien aus, soll der Staat, aber nur
nach modernen Hypothesen, gebildet worden sein. Menes hat Memphis er-
baut. — Ein berühmter Name ist Sesostris, den ma« für den großen Ramsis
hält nach Champollion, der große Siegeszüge gemacht haben soll nach
den Gemälden, die von ihm da sind, worauf die verschiez/ewsten Völker zu
erkennen sind, die sich bis nach Kolchis hingezogen haben nach Herodot;
und Kolcher und Ägypter sollen die Beschneidu«^ gemeinschaftlich gehabt
haben. Nach C. Ritter 116 hängt Kolchis mit Jude« zusammen. Kanäle ließ er
graben, das Nilwasser in alle Gege«den hinzz/bringen. — Wo die Regierung
sorgfältig ist, macht sie gute Kanäle. Die Wüste gewinnt unter böse« Köni-
ge«. Für die Reiterei war deshalb unbraz/chbar geworde« das Land.

12/1

Cheops und Chephren haae« Pyramiden gebaut und die Tempel der
Priester geschlossen. Aus der Verfassung Ägyptens geht hervor, daß auch
sie Kasten wie die Inder gehabt haben. Die Kinder übernahmen die Gewer-
be der Eltern, und sie waren geschickt in ihrer Arbeit, weil sich die Tech-
nik d«rc/; die Traditio« a//sbildete und forterbte, und nicht zurz/ckging. Die
höhere Kunst war durch Eifer, gege«seitzg sich zu übertreffen nur ausgebil-
det. Aber das Forterben hat der Kunst der Ägypter nicht geschadet. Prie-
ster, Krieger, Rinderhirten, Schweinehirten, Kaufleute, Gewerbeleute,
Dolmetscher (die vielleicht erst später nöthig geworde« sind, als die Grie-
chen in den Dienst des Königs genommen worden sind, und ebenso waren
sie für den Zusammenhang mit anderen Völkern nöthig) und Schiffsleute
sind sieben Klassen, die bei Diodor und Strabo vier sind oder fünf: Prie-
ster, Krieger, Handwerker und Ackerbauer». Verschiedene Kasten sehen
wir; aber nicht so erstorben wie in Indie« sind diese; sondern ein Kampf
gege«seitig; so haae« auch die Könige die Tempel der Priester geschlossen;
Mykerinos l r schloß sie wieder auf. - Die Äthiopier wanderten ein. Der
König Anysis118 flüchtete in die Moraste gege« den Az/sfluß des Nil. —
Setho der König soll ein Priester gewesen sein, unter welchem Sanherib, der
assyrische König in's Land einfiel, Ägypten bedrohte: Die Krieger von dem
König ihrer Ämter beraubt (wie jede Kaste ihr Land ha//e, das die hohen
nicht selbst bearbeiteten) standen ihm nicht bei. Die ägyptischen Kaufleute,
Handwerker und Bauern bildeten sein Heer, und das Land ist nur durch

115
Vgl. TWA 12, 248.
116
Carl Ritter (1779-1859), Mitbegründer der wissenschaftlichen Erdkunde
117
M: Myzerenus
118
M: Amasis
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 109

die Ratzen, die der Assyrer Waffen unbraz/cabar machten gerettet worden.
Die Ägypter hielten sich nach Sethos Tode für befreit. 12 Könige herrsch-
ten, die ein Labyrinth gebaz/t unter und über der Erde, wovon noch jetzt,
im Westen vom eigentlichen Ägypten Ruinen vorhanden sind. — Psammetich
hat 130 vor Herodot mit Hilfe von Ionier» und Karier» das Land unter sich
gebracht, und ihnen ein Stück Land gegeben. — Necho hat durch einen Ka-
nal zwischen dem Mittelmeer und dem arabischen Meerbusen zu verbinden
angefangen. Wie wichtig dieser auch zu sein schien, so war er es nicht, denn
das arabische Meer ist schwer an sich zu beschiffen, und überdies weht 9
Monathe ein Nordwind hier, so daß sich ein englischer Seefahrer 8 Monathe
um die Meerenge von Bab el Mandeb 119 sich herumtreiben mußte, ehe er
eindringen konnte. - Psammis folgte, dann Apries, der eine Flotte hielt
(die früher verboten war); er zog gegen Cyrene; die Ägypter nahmen es
übel, weil er auf Ionier und Karier sich gestützt und vorgezogen, so daß sie
sagten, er wolle sie verderben. Sein an sich geschickter Abgesandter Amasis
verrieth ihn, und folgt ihm. Gegen ihn zieht Kambyses. Sein Charakter ist
sehr bezeichnet; humoristisch war er, und behaz/ptete nicht die Würde des
Thrones; durch seine Arbeitsamke/7, Rechtlichkeit und GeschicklicAke/7 mach-
te er sich alle unterthänig. Den Vormittag war er se/;r thätig; Nachmittag
sehr lustig. Als Privatmann hat er sein Geld dz/rcagebracht, und deshalb ge-
stohlen, was er auch als König fortsetzte. Keck und frech benahm er sich
gegen Kambyses, der seine Tochter zur Frau haben wollte auf Rath eines
ägyptischen Augenarztes (denn Augenkrankhei/en sind sehr gewöhnlich in
Ägypten noch heute); der sich am Kambyses rächen wollte; er schickte ihm
die Tochter des Apries; welche sich ihm verrieth, und Kambyses zieht ge-
gen Ägypten.
| 51 | Herodot gibt ein großes Detail über die Sitten. Monogamie war nur
in einem Theil von Ägypten. Die Polizei war az/sgebildet; wer nicht ange-
ben kon«te, wovon er lebe, mußte sterben (dieses Gesetz ist erst unter Ama-
sis gegebe«). Das Land war verthezlt; die Kanäle im Stande gehalten. Oft
sind die Städte erhöht; Die Gerichte sind sehr sorgfältig gehalten, es be-
stand aus 30 Richter«; Die Verhandlunge« schriftlich; der Diebstahl war
verboten, der Dieb wurde, wenn er sich selbst angab, mit 'A von dem Ge-
stohlenen beschenkt, um die List, in der die Ägypter ausgezeichnet sind, zu
belohnen. Die Präsidenz hatte ein Geschmeide der Wahrheit (wie das Urim
und Thummim) auf der Brust, das er anstatt des mündliche« Ausspruchs
gegen die gewinnende Parthei wendete. —
Die Priester war ein sehr geordneter Stand, durch Kenntnisse geordnete
Lebensart, tägliche und" stündliche Verrichtung, sehr geachtet, und Pythago-
ras soll von ihnen die Ideen für seine Lebensart genommen haben. Der
König, der sehr genau arbeitete, lebte mit ihnen in Einheit; seine Diät war
regelmäßig.

119
M: Babel-Mandeb
110 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

13/1

Die Verständigke/7 erscheint überwiegend in der Gesetzgebu«^, im Poli-


tische«, in der Staa/sverwaltu«g und in allen Erzeugnissen des künsAeri-
schen Treibens. Sie hatten in 12 Monate gut das Jahr verthe/7/, und 5 Tage
eingeschaltet. Ihre Mechanik ist zu bewunder« in den Bauten, den Wun-
dern der Welt, die so merkwzzrdzg aus dem Material gearbeitet sind. Die
Bürger und das Volk hatten nichts mit der Politik zu schaffen. Diodor Si-
culus sagt von ihnen, Ägypten ist das einzige Volk, wo die Kasten sich
nicht um die Politik bekümmern. Alle waren Privatleute wie in Indie« und
China. So haae« wir also ein verständiges Volk vor uns.
Sehen wir auf ihre Religio«, Sitten, so erscheint das Gegenthez/ von die-
ser ruhigen Gesetzmäßigkeit die exzentrische phantastische Natur. Sie ha-
ae« eine Naturanschauz/«^, so daß der Geist in die Natur versenkt ist; aber
umgekehrt ist wieder die Natur nur ein Symbol, eine Bedeutung, so daß die
Anschauz/ng nur ein Mittleres ist, nicht sich selbst, nur ein anderes darstellt.
Ein solcher Zwiespalt äußer/ sich in ihnen, und in ihrer Kunst. Das Na-
türlicae ist thei/s ein solches, thei/s auch ein Geistiges. Das Krokodil, gebil-
det, stellt ein Krokodil vor; man glaubt es soll ein Krokodil sein; oder man
hält es für ein Symbol für einen Gedanken. Ihr Gefühl empfand noch ein
Weiteres bei der Anschauung. Das Thier als solches haben die Menschen
auch nie verehrt, oder die Sonne und dergleichen. Der Mensch, noch so
dumm, ist doch ein Geistiges, und er verhält sich zu solchen natürlichen Ge-
genständen; diese Gegenstände machen die Ägypter zu Ungeheuern, so daß
sie diese nicht als natürlich darstellen, sondern sie drücken an ihnen auch
die Doppelsinnigkeit die Verklärung aus. Man will Bilder aus der Bibel er-
klären, und die Gedanken, die wir hineinlegen, haben oft die Alten nicht
gehabt. Bei den Ägyptern ist aber gleich im Bilde nicht das Bild allein, son-
dern auch die Bedeutu«g verklärt dargestellt. — Die Ägypter haben nicht al-
lein gefühlt, sondern auch im Bilde az/sgedrückt, daß noch eine Bedeutu»^
darin liege. Die Sphinx hat einen Menschenkopf; es ist ein Übergang zu
dem Geistigen, so daß nicht von uns die Erklärung zu geben ist, sondern
sie ist schon gegebe«. Die Prädikate sind gegeben, aber so, daß sie sich wi-
dersprechen. Was von einem Gegenstande gesagt worde»120, bedarf einer Auf-
lösu«_g, ist sie nicht selbst diese; das unmittelbare Dasein und die Bedeutu«_g,
Realität und Gehalt haae« eine Einheit in der griechischen Schönheit. Hier
ist die Vieldeutigke/7 des Verbundenen.
In Ägypten haben wir das Land mit dem afrikanischen Klima, Nil,
Fruchtbarkez/ - und auf der anderen Seite die Umbildu»^ ihrer Natur; so
wie die Holländer sich selbst ihren Boden über die Natur erobert haben,
und es erhalten, ebenso haben die Ägypter durch Kanäle und durch die
Kunst die gegebenen Naturbedingunge« geändert: Natur und Arbeit stehen

Oder: wird
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 111

sich so entgege«. Die afrikawisc/je Unbähdigkez/ und die menschliche Pro-


duktio« entgege« bringen jenes Kolossale hervor, was wir in Ägypten an-
staunen. Der ägyptische Geist ist der ungeheure Werkmeister, der die Na-
tur bearbeitet, zu seinem Zweck brazzcht, und seine Arbeit ihr gege«über-
stellt. Um dieses näher zu bestimmen, so wollen wir sehen, wie Ägypten sich
uns präsentiert. E^s ist ein langes Thal, das sich im Norden zum Delta aus-
breitet. Der Mittelpunkt hat sich von Süd nach Nora" | 52 | von Theben aus
gezogen. Die Ruinen dort sind die grandiosesten und am besten verwahrt
unter dem wolkenlosen afrikanischen Himmel. Memphis ist dann Mittel-
punkt des Reichs geworde«, bis später Sais der Hauptpunkt gewesen ist. Die
Ruinen von Sais sind spätere« Ursprungs, und durch das Terrain am wenig-
sten erhalten. Der Nil ist die Grz/«dbestimmung der Ägypter. Außerhalb
des Thaies des Nil begleitet die Wüste die Gegend und schließt sie so ab.
Der Strom kommt; durch Katarakten geschlossen, hinauf. Es ist ein Staub-
feld, ein süßes Wassermeer, und ein Blumenbett, wie ein Kalif sagte. Mit
Ende des Juni fällt Thau, der Nil überfließt alles. Ein Meer m/t Inseln wie
das ägäische Meer, nach Herodot, entsteht dann. Darauf nach Abfluß fin-
den sich eine Menge, ein Gerege, Gekrieche von Thieren ein; Die Ernte
erfolgt bald sehr reichlich, durch den einfachen Verlauf. Nicht Regen und
Sonne, die einfache Bedingu»_g begründet alles. Dieses ist die Grundlage
der ägyptische« Lebensthätzgkei/. Dzeser Prozeß hängt zusammen mit dem
Laufe der Sonne. Der Nil und die Sonne hängen zusammen; die Sonne,
niedrig am Himmel erst, tritt höher und zur höchsten Höhe, und dann zu-
rück. Dieser Verlauf von der Sonne und dem Nil macht die Grz/«danschau-
u«g des ägyptischen Lebens. Darauf beruht auch die Anschauu«^ des Geisti-
gen. Es ist uns das Natürliche, ein für sich Abgeschlossenes; aber die Ägyp-
ter lassen es nicht so. Eine göttliche Geschichte bringen sie hinein; Nil
und Sonne; Nil als der menschlich vorgestellte Gott, Osiris, ward geboren,
wie die Sonne im Wintersolstitium, 21ten Dez., geboren wira1 (die Geburt
Christi deshalb hierher verlegt in diese Jahreszeit); vom Typhon, dem
Feinde in der Wüste getötet, der Gluth des Tigers, womit die Gluth der
Sonne in der Wüste bezeichnet ist; Isis die Erde, der die Sonnenpracht
entzogen, wie der Lauf des Nil schwach wird, sehnt sich nach ihr, sammelt
die zerstückten Gebeine des Osiris, und ga«z Ägypten beklagt durch des Ni-
nus Gesang dessen Tod; der Ninus oder Maneros, der einzige Gesang der
Ägypter, nach HerodoZ; Osiris wira" an verschiedenen Orten begraben, und
der Begrabene ist der Herr und Richter des Totenreichs, des Reichs der
Unsichtbaren. In einem Knoten sind die drei vereinigt, der Lauf der Son-
ne ist ein Symbol zugleich für den Osiris und seine Geschichte. Der Nil ist
zugleich auch der GoZZ, das Geistige. Osiris, der Nil, die Sonne, ist nicht
nur das natürlich Nützliche Gewähren, die fruchtende Überschwemmu«^,
sondern auch als Erfinder der Mittel, dieses zu benutzen, wird1 er angese-
hen. Harken, Kasten, Pflug[?], Gesetze, Ordnu«^ der Bürger, GoZZesdienst
erschafft und gibt er. Osiris ist auch der Bild«erder Saat, und der Lauf des
Lebens. Diese unmittelbare Naturanschaz/z/«^ und das Geistige ist in einem
112 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Knoten, des Heterogenen, vereint. Das Geistige ist nicht als Geistiges
vorgestellt, sondern durch die Anschauung des Natürliche«. Wo Osiris Rich-
ter der Todten ist, kommt eine se/astä'ndige Existenz erst.

14/1

Wenn wir Glossen machen, so zeigen wir die Ähnlic/'keiZ dadurch an in


der Natur und in dem menschliche« Thun. Aber dieses ist nur eine äußer-
lich zusammengebrachte Gleichheit, die lebendzge Phantasie jedoch versenkt
sich so in die Natur, daß sie das Bewz/ßtsei« der substa«ziellen Einheit haZ;
es ist eine Einheit, die ein Subjekt ist, welches aus zwei Entgegengesetzten
durch die LebendzgkezZ zu einem gemacht, nicht wie im Orient, wo der
Geist noch in die Natur ganz abstra^Z versenkt ist. Die Einheit des Geisti-
gen und Sinnliche« in sprechender, geistiger Form findet man erst in Grie-
che«la«ä; hier ist es noch eine unklare Einheit, die durch das Räthsel be-
stzmmt ist; es zwingt sich der Geist, aus der Materie zu kommen, und diesen
Chara^Zer tragen die architekto«ise/>e« Werke. Das Unorganische Äußerli-
che, der Tempel ist nicht getrennt von dem GoZZ darin, sondern es ist eine
Einheit, ein Symbolisches, wo die Seele von der KörperlicakezZ sich zu
drängen zwingt. Die Treppenzahl haZ eine symbolische Beziehu«g auf den
Mond; die Maaße drücken aus die Füße, die der Nil, der Osiris, zu steigen
haZ, wenn das Jahr fruchtbar sei« soll.
1531 Die Skulpturgebilde, marmornen Sphinxe, sind nicht gewöhnlic/>e
Werke, sondern auch zugleich Werke der Architektur durch das Kolossale
ihrer Maaße. Ma« haZ Sphinxe gefunden. Wo ein Zehe so groß wie ein
Mann war, die zu hunderten sich gegewüberstehen. Natürliches und Geisti-
ges sind so verbunden worden.
Unter dem Natürliche« ist das Thier die lebendige Existenz; das Thier
ist ein Geistigeres als die leblose Sonne. Die Thierverehrer haben das Le-
bendige höher geachtet als die unorganische Natur, welche andere angebetet
haben. Die Thiere erschei«e« uns als bloße Symbole gebraz/cht; Thiergestal-
ten, gebildet in Hieroglyphen findet ma« deshalb; der Sinn derselben ist das
Abstra^Ze, und zu trennen von dem Sinnliche«. Diese Symbole sind nun
unendlich vieldeutig; Der Geier, Sperber, Ibis werden ausgelegt; der Geier
als Symbol der Wahrhe/7, WeisheiZ, Jahres. Es waren die Symbole nicht
stehend, ebenso wenig wie bei uns die dichterischen Gleic/>«isse, wo auch
ein sinnlicher Gegenstand zu vielen geistigen Verhältnissen gebraz/cht wer-
de« ka««. Die Ägypter haben nun in den Thiere« die LebendigkeiZ höchst ge-
achtet, und schon bei den Inder» haae« wir es bemerkt; ebenso bei den
Mongolen, die aus ihrem Bart die Laus zart nehmen, sie nicht töaten. Die
Juden aßen nicht das Blut der Thiere, denn dieses war das Leben. Kamby-
ses kam es verächtlich vor, daß die Athe«er Götter, die Ägypter den Apis
verehrten; er tötete ihn. - Viele Distrikte verehrten viele Thiere, die ma»
pflegte in Stiftz/»gen; ma« balsamierte sie ein nach dem Tode. Von anderen
hat man die Knochen gesammelt und begraben. Ein Schiff auf dem Nil
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 113

fuhr herum, und sammelte alle Katzenknochen und brachte sie nach Bu-
bastis. Zum Stumpfsinn ging diese Thierverehru«g über; auf den Tod ei-
nes Tieres stand für den Menschen die Todesstrafe. (Diodor erzählte: ein
Römer, der eine Katze erschlagen, ist so wieder erschlagen von dem Pö-
bel.) Die Menschen ließ ma« in der Hungersnoth eher verhungern, als die
Thiere todten, oder gar jenen den Vorrath a« Nahrung, den diese hatten,
zu reichen. Das freie Bewußtsein des Menschen war noch nicht lebendzg,
das über Sonne und Thiere erhaben ist. Diese LebendzgkezZ in ihren Sym-
bolen ist von den Ägyptern wie von den Indem verehrt worden.
Die Thiere sind auch so dargestellt worden, daß sie nicaZs für sich selbst
gelten; az/sdrücklica ist mzt ihnen das Menschliche und Geistige verbünde«
worden, als wenn sie sich aus jenen rängen. So waren beide vereinigt und
getrennt dargestellt. Hierher gehören die Sphinxe, deren Häzrpter Men-
schenköpfe waren; ebenso Sperber. Umgekehrt sind Menschen mit einem
Thierkopfe vorgestellt, als Masken, die einen gewissen Chara^Zer geben.
Der Chirurg, der einbalsamiert und die Gedärme also heraz/sreißt, flieht
deshalb. Schreiber, Priester etc. werden mit Thierköpfen dargestellt, um
eine gewisse Partikz/larität az/szz/drücken. — Die Kasteneintheilu«^ ist ein
Thierisches, denn die Natur haZ jedes Thier zu einer bestimmten Subsi-
stenz mit einer gewissen Anlage, Stärke, List, versehen. Die Menschen ha-
ae« auch Genie, Talente, Naturgaben also; denn denken können wir alle;
Genies nicht.121 Die GoZZheiZen selbst sind mit Löwenköpfen, Stierhörnern
dargestellt. Die Minerva, für welche ma« eine Gestalt hält, haZ einen Lö-
wenkopf. Ein Kreis von Göttern hat sich gebildet, die besonders subjekti-
viert worden sind. Über diese Partikz/larisation der ägyptischen Gottheiten zu
sprechen, würde uns zu weit führen. Wir sehen immer das Geistige verbun-
den und zugleich im Kampfe mit dem Natürliche«.
Der freie Geist ist aber auch den Ägyptern zum Bewußtsez« gekommen.
Hier ist das Wunderbare, was HerodoZ erzählt, daß sie zuerst gelehrt haae«,
daß die Seele des Mensche« unsterblich sei, d. h., daß sie ein Anderes als die
Natur ist, ein Affirmatives, ein Se/aständiges. Die Vernichtu«^, das Über-
gehen in eine abstra^Ze Einheit haae« wir bei den Inder« gesehen; aber die
UnendlicakeiZ des Subje^Zs haben die Ägypter erkannt in der Form: dieses
Reich des freien Geistes ist das Reich des Unsichtbaren, Hades[?], was
nicht zu sehen ist, und dieses ist das Reich der Todten, was nicht sinnlich
zum Anschauen kommt, es ist das Todtenreich.

17/1

1541 Alles Natürliche ist der Vergänglic/ikeiZ unterworfen, haZ in einem


Andere« die Bedingungen seiner Existenz; aber mit der UnsterblicAkez'Z ist
die UnendlicflkeiZ, die UnbedingtheiZ der Seele von Anderem az/sgesprochen.

Vielleicht sollte sinngemäß stehen: Genies können wir nicht alle sein.
114 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Die Seele ist aber gewissermaßen nur als Atom gewußt worden; denn die
Metempsychose ist mit ihrer Ansicht verbunden; denn die menschliche
Seele ka«« auch einem Thierkörper inwohnen, und da«« ist sie nur ein Ab-
straktum. Aristoteles spricht über diese Vorstellu«^, daß jedes Subje^Z eigen-
thümliche Organe für seine Thätzgkez/ haZ, die Baumeister, Zimmerer etc.
und ebenso die menschliche Seele. Ein Thier Leib ka«« also nicht ihr Leib
sei«. Richtig ist dieses. Die menschliche Seele kann nur im menschliche«
Körper sein. Die Seele aber als Ding, wo man ihr sogar einen Raum an-
weist, dann ist sie nur ein trockenes Abstraktum. Pythagoras haZ ihre An-
sicht, die von den Grzechen nicht angenommen ist, für sich getheilt. Die
Grzechen haae» gleich eine konkretere Ansicht gehabt, „was ein Thätiges
ist, muß bestimmte Instrume»/e dazu haben". Die Indier haben Etwas Ähnli-
ches; aber bei ihnen war das Letzte in der allgemeinen Substanz, die Ver-
nichtu«^, bei den Ägyptern war es eine affirmative Bestimmung. Die Seele
hat durch verschiedene Perioden durch verschiedene Körper zu wandern. Eine
Seele, die dem Osiris treu geblieben ist, ist der Degradation nicht unter-
worfen.
Die Ägypter haben ihre Todten einbalsamiert, daß sie auch dem Körper
eine Dauer gegebe« haae«, durch die sie noch jetzt erhalten sind und noch
Tausende von Jahren dasei« können. Ein Widersprz/cA scheint das zu sei«; ist
die Seele selbständig, so ist der Körper ein Überflüssiges; aber der Geist, als
dauernd gewußt, bewirkt, daß seinem Körper Dauer und Ehre gestattet ist.
In Gräbern sind die Todten aufbewahrt, nicht in dem Thale, das der
Überschwemmu«g az/sgesetzt ist, wodurch sie von dem Nil dem Offen-
liegen az/sgesetzt wären. In den Hügelreihen sind die Gräber angelegt, im
Delta sind ungeheure Konstruktionen gemacht zum Begraben, wie bei Sais,
wo Gewölbe, Mauern zu diesem Behufe gemacht sind. Thei/s für die allge-
meine Aufbewahru«_g von Todten, thei/s für besondere Fami/ie« und zumal
für die Könige sind die Gräber bestimmt. Durch den ga«zen Hügelzug im
ganzen Dz/rcaschnitt bis Libyen ging ein Gang in den Granit, mit allen
mögliche» Zz/wegen, die Gegenwände mit Hieroglyphen bedeckt.
Die Pyramiden, von jeher Gegenstand der Bewunderu«g, haae« eine von
vielen verschiedenen Bestimmunge«. Nach Herodot und Diodor sind sie zu
Gräbern bestimmt gewesen; von dem Staunenswerthesten haben sich diese
erhalten. Sie sind schon von den Araber« geplündert. Sie sind nach der
Kristallform gearbeitet, einem Natürliche«, das eine Seele in sich schloß.
Millio«e« von Mensche« in vielen Jahren haae» daran arbeiten müssen. Man
wollte den Todten eine Wohnu«^ geben; ma» gab den Todten mit, was sie
am liebsten im Leben gehabt. Das Geschäft des Menschen, der starb 122 ,
stand auf seinem Grabe. Instrume»/e fand ma» bei diesen Todten. Ein Pin-
sel fand ma» mit der Palette in solchen Gräber», mit Farbenkästchen, wo-
raz/s ma» den Mahler erkennt; ein Mädchen hat alle mögliche« Putzsachen,

122
M: f
EINTEILUNG DER WELTGESCHICHTE 115

Spiegel, Schminke in dem aufgefundenen Grabe gehabt. Rollen umhüllen


die Mumien, worauf von den Geschäften des Lebens gesprocwe« ist. Bei vie-
len fand ma« genau geschrieae«e Blätter Papyrus, worauf eine Verschrei-
bung, eine Urkunde von Grzz«dstücken, verzeichnet und die ihm mit gege-
be« ist. Das ägyptische Privatleben ka«« ma« genau erkennen, mehr noch
als in Pompeji, wo der Mensch im Begriffe, sein tägliches Geschäft zu voll-
ziehen erstarrt ist. Bestimmter und mannzgfaltiger noch ist es in Ägypten.
Nach dem Todt ist ein Gericht über die Todten gehalten, eine Haupt-
vorstellung. Osiris sitzt, Isis hinter ihm; die Seele wird gebracht und eine
Waage, und es wird1 gerichtet. Das Leben des Verstorbene« wird exponiert,
ebenso ganz auch bei dem König. In einem sorgfältigen Königsgrabe fand
ma» in den Abbildunge« und in den Hieroglyphen, wie in den Basreliefs,
daß die Hauptfigur ausgemerzt war, daß in den Gemälden die Haz/p/person
nach der Stellu«_g az/sgelöscht war, und ganz so waren die Hieroglyphen
zum The/7 verlöscht. Wahrschei«lich hat dieser König bei seinem Leben sich
verewigt; aber das Todtengericht hat ihn vernichtet. Dzeser ganze Gege»-
stand war wichtig fürs Leben und Arbeit.
| 55 | Für den Tod haae« sie gearbeitet; aber die Ägypter waren nicht traurig
deshalb; und auch nicht träge, wie Winckelmann behaupten will. Der Werk-
meister einer solchen Produkt/o« ka«« nicht faul sei«. Beim Gastmahl er-
mahnte ma«, nachdem ein Todtenbild hingestellt war, zu leben, denn ein
solcher werde ma« selbst werden. Diese umfassende Vorstellu«^ von dem
Tode durchzog alles. Die Aufnahme des Todten in das Reich des Anu-
bis 123 und Osiris verknüpft die Idee, daß mit Osiris der Todte sich verbin-
de, d. h. so wie das Thier zum Mensche«, so der Mensch zum Osiris sich
ringt. Nach diesen Gräbern nannte man die Könige: Götter, so die alten
als die Ptolemäer[?] und die römischen Kaiser. Das Göttliche und Menschli-
che war so als sich vereinigend vorgestellt.

18/1

Ägypten ist aufgezeigt worden als das Sica-Herausringen des Geistes aus
dem Natürliche«, um sich se/aständig zu wissen. Die Aufgabe für den Geist
ist noch nicht gelöst und nicht entziffert. Von einem anderen Volke ist sie
gelöst worden. Wundervoll und überraschend ist Ägypten. Sein Räthsel, des-
sen Wort der Mensch ist, die Sphinx, ist gestürzt. Die Neith ist in Sais in
einem große» Tempel, als griechische Pallas betrachtet, verehrt worden. Mit
einem Schleier der obere Teil wie mit einem Peplos bedeckt: „Ich bin, was
da ist, gewesen und sei» wird, meine Hülle hat kein Sterblicher aufgehoben.
Die Frucht, die ich gebar, ist Helios" 124 steht über ihr. Das ist die Lösung
a« dieser Neith. Der griechische Apoll hat ausgesprochen: Mensch, erkenne

M: Amendis
Vgl. TWA 12, 271-272.
116 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

dich, dieses spricht die erzeugte Sonne. Das Menschlieae in dieser Klarheit
und Heraz/sbildung, Unbefangenhei/ aber auch sehen wir bei den Grzechen.
Bei diesem Übergang von Ägypten nach Griechenland ist zu bemerken, daß
wir eigentlich aus Persie» den Übergang machen, den» die EMgenthz/mlic/Jkez/
des persische» Prinzips hat alles in Ägypten sich gewähren lassen. Nichts ließ
es umgebildet.
Dieses Licht hat kein Gebilde, nicht in Verfassu«^, Staat, Regieru«^, her-
vorgebracht; Die Perser haae« sich abgeschnitten, als Herrscher über das
Aggregat von Partikz/larztäten, gehalten. Lose war das Band, wodurch alles
zusammenhielt. Die griechische Einheit, Disziplin hat nothwendig den Sieg
davo« getragen. Das persische Licht und jenes Aggregat ist nur lose zusam-
mengehalten. Jenes Prinzip hat sich nun ins Besondere zu vertiefen und
Organisationen zu bilden.
Griechenland.

oder griechisches Reich ist die klassische Welt. Ihr Prinzip ist, daß die selbst-
bewußte Freiheit hervortrete. Das Licht, die Individualität, die Unsterblica-
kez'Z der Seele, diese Ichheit, die bei den Ägyptern nur ein Abstraktum, im
Kampfe deshalb, die Mumie in der Pyramide, war: Dieses wira1 jetzt seiner
Freiheit bewußt, und in seinem Dasez« begreift es sich. Die Einheit des Gei-
stes mit der Natur hat man für das Höchste oft gehalten; die Bestimmtheit
dieser Einhe/7 ist zu fassen. Das orientalische, oder das verdumpfte, in der
Natürlic/jkez'Z versenkte Bewußtsez« ist jene Einheit; eine Harmonie ist nun
hervorzz/bringen, aber wo nicht der Geist neutralisiert ist, so daß beide et-
wa gleiche Rechte hätten; sondern die Geister die Herrschenden sind. Der
Geist bestimmt nun die Natur, und dieses ist eine geistige Einheit, in der
wir die Griechen sehen. Es ist die frische, unbefangene Einheit, deren
Grenze die Unbefangenh ez/ ausmacht; der Geist muß jene UnbefangenheiZ
abwerfen, und sich zu einem abstrakten Allgemeinen, wie im römischen
Staat und im germanische» Prinzip erheben, wo die Subjektiv/Zät sich dem
Allgemeinen unterwerfen muß. Es ist das Jünglingsalter des Geistes; unsere
Jugend hat eine ernste zukünft/ge Bestimmung, sie ist eine Vorbereitung,
die sie befähigt zu der bevorstehenden Arbeit, in Griechenland ist es die un-
befangene jugendliche Lebendigkeit Zwei Jünglinge machen die Grenze
von Griechenland"; der eine ist der Sohn des Dichters, Achill (Homers Wer-
ke sind das Urbuch, die Grundlage der Bildung der Griechen, woraus sie
ihre Bestimmungen entnommen haaen.) Der andere Jüngling ist der Sohn
der Wirklichkeit, Alexander, die schönste Individualität, die je die Wirklica-
kez'Z hervorgebracht hat. Er beschloß und bethätzgte das griechische Prinzip.
Beide kämpften gegen Asien. Beide rächten Europa gegen Asien.
| 56 | Der freie Geist ist frei, wenn er sich frei macht, wenn er die Natur
überwindet, sie gestaltet. Der griechische Geist umbildet ein Vorgefunde-
nes, und macht sich daraus. Auf Asien bezieht sich und wendet sich Grie-
chenland. Politisch sowohl, als auch in der Bildung fängt Griechenland" mit
Asie» a», welches seine Voraz/ssetzung ist. Drei Perioden sind in diesem
Volke. Der Anfang und die Erstarkung in sich; 2) die Berührung mit dem
frühere« welthistorischen Volke und der Sieg über dasselbe, indem das Prin-
zip des Geistes, der mit Recht bewaffnet ist, siegt. 3) Die Periode des Glan-
zes hat sich vollführt und geht nun zurzick, indem es mit seiner Zz/kunft in
Berührung kommt, mit einem Volke, das ein höheres Prinzip hat, und die
We/zherrscha/Z übernehmen soll. Dieselben drei Perioden haaen wir in Rom,
den Anfang, die Aufnahme des fremden Geistes und die Verarbeitung des-
se/aen zu seinem Geiste, und die Periode des Zusammentreffens mit einem
anderen welthistorischen Volke.
118 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

D i e A n f ä n g e u n d die A r b e i t e n bis zur Reife des V o l k e s .


Der Lokalität nach geht von OsZ nach WesZ der Geist in seiner Bildung,
von Asien nach Griechenland', durch Partikelchen der Inse/n im Meer. Inseln
haben wir und ein festes Land, das fast selbst Insel ist; die schmalen Erd"-
zungen, einschneidenden Buchten bezeichnen es näher. Bergzüge, Hügel,
Berge, Quellen, Flüsse, nicht große Ströme mit Stromebenen wie in Ägyp-
ten, Babylonien und China, deshalb auch kein fruchtbarer Boden, kein weit-
hin sich ziehender gleichmäßzger Horizont. Alles ist höchst verschieden,
aber nichts großartig. Die orientalische Macht eines Ganges, Euphrat und
Tigris, Nil, wora» die Menschen einförmig gebunden sind, herrscht hier
nicht. Dieses bekundet die Mannzgfaltigkez'Z der Vö/£erschaften, die Indivi-
d"//alisirz/»g der Persönlic/jkeiZ, die Partzkz/larisieru«^ des Lebens. — Dzeses
begegnet uns zuerst bei den Anfängen.
Dann aber die Natiowalität der Vö/^erschaften, in denen aber das
Fremdartige nicht zu verkennen ist. Es ist eine patriarchalische Einheit
nicht mehr; mannigfache Verschzedenhei/ und Vermischu«_g zugleich des
Fremdartigen sind in den Eleme«Ze« zu erkennen, die ein Volk konstituiert
haae«. Autochthonen haae« sich mit Fremden vermischt, und dieses ist ein
Grund zur RegsamkeiZ. Ein Stamm ist gleichförmig, beschränkt, festbor-
niert, und daher patriarchalisch. Eine Colluviesf?] war auch Rom von ver-
schiedenen Völkerschaften, und ebenso Athen. Europa ist so gebildet worden,
daß je zwei Völker zu einem verbunden sind, auch jetzt. In Griechenland
sind so eine Menge Vö/feerschaften; die eigentlich griechzsca gewese« sind,
diese ka«« ma« nicht nennen, und schwer ist die Forschu«g. Diejenigen, die
zur Bildu«^ beigetragen haae«; haben nicht aus dem Stammland sich heraz/s-
gebildet, sondern Wanderunge« gemacht, und a« andere« Orten das gewor-
den sind, als was sie sich nachher zeigen.

19/1

Von vielen Völkerschaften weiß ma« nichts, wohin sie gekommen sind,
womit sie sich vermischt haae«. Die Gelehrten spreche« von Pelasgern
höchst mannigfach, um sie in Zusammenhang mit der folgenden Ze/7 zu
bringen. Hier ist die ZeiZ des Historischen und Trüben, ein Theater für
die Gelehrten, wo ma« viele Hypothesen machen ka««. Thukyd'ia'es sagt.
Länder sind durch Wanderschaften verlassen worden; der Boden war allent-
ha/ae« gut, wie Thessalien, Böotien, Peloponnes. Ungleichheit des Besitzes,
Unruhen, v4z/swanderungen sind leicht zu erkläre«, ebenso wie Verdrän-
gung. Aber Attika ist frei von Verlassung geblieben, ungeachtet des Un-
fruchtbaren, vielmehr haae« sich viele hingeflüchtet wegen der Sicherhe/7
des Winkels. - Ein Raubzustand war wie zu Thukja'ia'es Zeit noch Ätoler,
Ozolische Lokrer und Ackernanen, immerfort [Waffen]125 trugen; dagege«

125
Vgl. TWA 12, 279.
GRIECHENLAND 119

hat Athe« zuerst die Waffen im Frieden abgelegt. Ein Kampf war auch
noch mit wilden Thieren, auch Löwen (am Acheloos, Herodot) zu beste-
hen. Ackerbau kam auf, aber Weiber und Kinder wurden geraubt, und zu
Sklaven gemacht. Der sinnige Thukydides malt dieses Bild vom alte« Grie-
chenland.
| 57 | In diesem Zustand der Unruhe soll Kreta früh einen festen Stand
erhalten haae«, indem Minos die Seeräuberei aufhob. Eine Parthei 126 war
die herrschende, die durch Sklaven alles verrichten ließ. Wahrscheinlich ist
in Kreta, wie im spanischen Nordamerika ein Stamm aus Asien gekommen,
der Einwohner zu Sklaven gemacht und sie zu Arbeiten angehalten. Nicht
so war es in Griechenland". Dieses ist der Zustand im Eleme«/are« des Lan-
des in Griechenland".
Das Element des Meeres, das Griechenland" umspült, und in Griechen-
la«d" eindringt, ist wohl anzumerken. Die Griechen haae« sich früh auf das
Meerleben gewandt, aber nicht so wie Phöniker, die auf einem schmalen
Strich wohnten, sich nur auf dieses beschränkten. Der Zustand auf dem
Meer war wie auf dem Lande; allgemeine Seeräuberei herrschte; Die von Ka-
rern bewohnten Inseln brachten den Raub a« Vieh, Menschen in ihre
Wohnung. Nicht 127 für den Handel war das Meer.
Die Anfänge zu ihrer Bildung hängen zusammen mit Fremden, die nach
Griechenland gekommen sind. Die Anfänge der Kultur, Künste, Sittlic»ke/7
haben die Grzechen mit dankbarem Bewußtsez« aufbewahrt, welches Be-
wußtsei« ma« ein mythologisches nennen könnte. Den Beginn des Ackerbaus
mit Triptolemos als Geschichte. Die Stiftung der Ehe, die Erfindung des
Feuers ist im Prometheus erhalten worden. Das Eisen ist zu ihnen aus
Skythien, der Oelbaum von Athene, das Pferd von Poseidon eingeführt
worden. Geschichtlich hat sich dieses nicht aufbewahrt; aber im Bewußtsei«
erhielt sich die Erinnerung, daß der Anfang von Außen gekommen ist. Ge-
schica/licher ist die Ankz/nft von Fremden überhaupt. Verschiedene Staaten
sind von diesen gestiftet worden. Athen von Kekrops, einem Ägypter, viele
Kolonien a«s Kleinasien, die Geschlechter des Deukalion aus dem Kauka-
sus siedelten sich an, und die Stämme sollen aus seinen Söhnen entstanden.
Pelops, ein Nachkomme von Tantalos, kam aus Lydien mit großem Reich-
thz/m, wodurch er sich Macht über die Anwohner erwarb. Danaos stiftet
Argos, Kadmos wird" sehr heraz/sgehoben; von Phönikie» kommend brachte
er Buchstabenschrz//, gründete die Burg von Theben. Eine Kolonisation
von gebildeten Fremden sehen wir so ankommen. Diese kann nicht mit der
von Nordamerika verglichen werden, die sich nicht mz7 den Einwohnern ver-
mischt, sondern sie verdrängt hat. Ins 15., 14. Jahrhundert verlegt man die-
se Einwanderz/ngen. Auch Amphiktyon war als Stifter von M/7/e/punkten
genannt, der ein Apellationsgericht für seine Völker gründete. Solche

126
M: Parthie
127
M: 0
120 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Bündnisse haaen sich oft gestaltet. Durch diese Fremdlinge haben sich festere
Mi//e/punkte gebildet. Sie machten die Königshäuser, Burgen; sie erschie-
nen als Geschlechter von höherer Natur, da sie auch durch Reichthz/m, Ge-
schick, Schätze, Waffen sich az/szeichneten, wie Homer oft meldet, woher
diese Pracht gekommen ist. Die Burgen dieser Ankömmlinge machen die
ersten Mittelpunkte aus. Die Mauerwerke nennt man zyklopische Werke,
wie solche Grz/ndmauern noch jetzt oft gefunden sind. Schatzhaus des My-
nias in Orchomenos, des Atreus in Tiryns und Mykene, wo das Thor in
demselben Zustande ist, wie es Pausanias beschriebe». In Kreta, Smyrna,
Italie» und Spanien hat man solche Konstruktionen entdeckt. Sicherhe/7
entstand durch diese Mittelpunkte für Ackerbau, Handel gege« Raub von
Land und Meer. Am Meere waren die Burgen nicht angebaut, wie der sinni-
ge Thukjdzdes bemerkt, sondern mehr zurz/ck, und erst später, da die Mee-
re sicherer waren, that ma« es, und umgab sie mit Mauern. Zusamme«leben
ist nun begründet durch verschiedene Königshäuser, deren Verhältnis zu ih-
ren Unterthanen aus Homer gekannt ist. Die Fürsten sind hier untereinan-
der und mit ihren Untergebenen. Ein gesetzlicher Zustand ist noch nicht da;
thei/s Übermacht des Besitzes durch die Burgen gedeckt, thei/s Übermacht
der Bewaffnu«^, Tapferkeit, Persönlichkeit, die Sicherhe/7 gewährte, ver
schafften Zutrauen und Furcht. Es kam darauf an, daß ein Häuptling in
seiner Herrscha// sich behaz/ptete. | 58 | Odysseus ist entfernt, Telemach jung,
und die kleinen Fürsten setzen sich in seinen Besitz. Persönliche Tapferkeit,
Entschlossenheit Verstand machten [sich] geltend. Die Sitten dieser Köni-
ge waren sehr einfach; sie schlachten, schneiden in Stücke, braten, alles
selbst. Die Breite im Homer ist dadurch zu erklären, daß ein großer Werth
auf den Besitz, und Freude a« demselben, Wichtigkez/ des Möbels gefunden
wira". Ehre wird" ihm gestattet, und andere freuen sich.

20/1

Grieche«la«d" vereinigt sich zu einer Natiowa/unternehmu«^, dem trojanischen


Krieg. Die Verletzu»_g des Gastrechts und der Ehre werden als der Grund
davon angegebe». Vereinzelt steht der Zug nach Kolchis gege« dieses ge-
meinsame Unternehmen. Agamemnon versammelt um sich selbständige Für-
sten, die ihm gehorchten, nach Thukya7a"es, wegen seines Ansehens in der
Seemacht; aber keineswegs abhängzg von ihm waren. Die Hellenen wußten
sich dadurch als Einheit, indem sie so zusammen kämpften. Nie haae« sie so
vereinigt gekriegt. Erst Alexander wiederholte diese Vereinzgu»^. Troja ist
zerstört. In den griechischen Königshäuser» wurden Veränderz/«gen hervorge-
bracht. Das ewige Bild ihrer Jugend und des schöne« menschliche« Hel-
denth//ms blieb den Griechen dadurch für immer. Ein anderes Resultat
fand nicht Statt. Wie die Kreuzzüge auch keine Folgen gehabt haben, als
aus der Einheit ein um so größeres Zerfallen zu bewirken. Dieses ist auch
die Folgerung des trojanische« Krieges. Die Königshäuser gingen durch ihre
individuellen Gräuel oder durch Dünkel unter. Eine sittliche politische Ver-
GRIECHENLAND 121

bindu«_g fand nicht zwischen ihnen und ihren Völkern statt. Aus Homer und
den Dramen sieht ma« die Fürsten als Handelnde, während das Volk den
Chor macht, und Zuschauer ist. Die Massen vor Troja haae« wen/ger als
die Helden die Kraft des Heeres az/sgemacht; nicht bloß Generale, son-
dern auch Haz//)/kämpfer in den vorderen Reihen waren sie; durch Zwei-
kämpfe zeichneten sie sich aus. Diese Helden standen nur isoliert; sie über-
ließen sich allen Leidenscha/Zen, Zwistigkei/en, Kämpfen, in die die Völker
nicht verwickelt waren. Thei/s durch Mord, the/7s wie in Athen allmählig,
gingen sie unter. Wie in Rom waren erst Könige; aber nicht durch das Volk
sind sie vertrieben; sondern sie gingen durch sich selbst zu Grunde. Kleisthe-
nes in Korinth starb ohne Kinder 128 ; seine Tochter zog nach Athen, und
heirathete einen Bürger. - Peisistratos der Tyrann, verlangte nur von
Athe«, was seiner königliche« Familie gebührte. - Der Peloponnes war 80
Jahre nach dem Krieg von den Herakliden besetzt, und dann erst, nach
Thukydides, entstand Ruhe; keine Wander»«gen mehr; Sicherhe/7 und Fe-
stigkeit —
Ein langes Dunkel bedeckt Griechenla«d" hiernach durch mehrere Jahr-
hunderte. Von dem trojanischen Kriege ist uns vieles historisch bekannt.
Jetzt ist eine geschicaZlicae Finsterniß; ma« weiß nicht, innerhalb zweier
Jahrhunderte, wie die Thatsachen sich zutrugen; Gemeinschaftliches ist nicht
unternommen worden. Nach Thukydides haben die Chalkidier auf Euböa ei-
nen Krieg mit den Eretriern geführt, woran mehrere Völkerschaften Theil
nahmen. Dadurch gediehen nun die Städte, daß sie sich selbst überlassen
waren. Wie im MiZZe/alter die italienischen Städte gediehen durch Handel,
Kunst, innerer Eifer, äußere Zwistzgkez'Z, so damals; allentha/ae« schickte
ma« Kolonien aus, wie Thulya'id'es beschreiaZ. Athen nach Ionien, der Pe-
lopo»«es nach Italie« und Sizilie». Milet und andere sind wieder Mutter-
städte von den Kolonien am schwarzen Meer geworden. Diese Erschei-
nung, die in eine alte ZeiZ fällt, bis auf Cyrus, ist höchst eigenthz/mlic/>.
Griechische Städte ohne Könige sind von dem Volk gelenkt worden; dieses
hatte alles unter sich; durch die Ruhe nahm die Bevölkeru«_g zu. Die nächste
Folge davon, ein Anhäufen von Reichthum, dem aber sich die Armuth
nothwe»aVg gegenüberstellen muß. Der ärmere The/7 aber ließ sich nicht
durch die Noth zur abhähg/gen Lebensweise deprimieren. Aus Gleichheit
der Bürger forderte jeder, der in Noth war, Hilfe für sich. Das einzige Aus-
kunftsmittel gegen die Verarmung eines Theils der Bürger: Kolonisation.
Im fernen Lande fanden sie Boden genug, um als freie Bürger leben zu
können. Waren sie am Meer angelangt, so war ihnen der Handel wie zu
Hause geöffnet. So haaen sich im Ganzen die Bürger in Gleichhez'Z erhalten.
| 59 | UngleicAheiZ ko««te aber dennoch nicht azzsbleiben; der Reichthz/m
wurde zur Herrschaft gebracht. Seitdem erhoben sich, nach Thukydides die
Tyrannen. Geräz/schlos, still, bildete sich dieses Verhältnis aus. Zur Zeit

Müßte wohl heißen: ,ohne männlichen Erben'.


122 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

des Cyrus geht die Geschichte a«; Die Völkerschaften haben Partikularitä-
ten gewonnen, und die Geschichte geht a«.
Der eigenthlic/je griechische Geist bildete sich jetzt aus, und diesen wol-
len wir jetzt kennen lernen. Das religiöse Moment des Chara^Zers ihrer Po-
litik, Poesie muß deshalb betrachtet werden. — Wenn wir den Anfängen des
Bewußtseins der Mythologie nachgehen, so fällt uns auf, daß die Griechen
lauschen auf die Erscheinungen der Natur, die mannigfach um sie sind.
Die physikalische BeschaffenheiZ war nicht so gewaltzg mächtzg über ihre
Bewohner; die Natur ist im ganzen zerstückt; keine große Macht. Die
Griechen werden nach allen Seiten angeregt; abhängen von de« Zufällen
der Außenwelt; zur gleichen Zeit nehmen sie geistzg die Anschauu«^ auf,
und verhalten sich muthzg und kräftig gege» die Natur. Naturgegewstähde in
ihrer Vereinzelung stellen sich in der Mythologie dar. Diana ist die allgemei-
ne Mutter Natur, wie Cybele, Astarte, die der Vorstellu«^ sich darstellte. Zu
Bergen, Hügeln, Quellen, Flüssen, bestimmten Meeren verhalten sich die
Grzechen und sehen diese Naturerscheinung, schauen sie lauschend a«,
ahnend die Bedeutu»^ derselben. Dieses ahndungsvolle Lauschen ist im
Gesamt-Bilde des lläv zu erkennen, das eine allgemeine Mutter Natur
gibt, aber nicht dieses objektive Ganze, sondern das unbestimmte, und m/t
dem subje/feZz//e« Momente, mit dem Schauer verbundene Ganze, das ma« im
Walde empfindet, und das ma« in die Wälder verlegte (panischer Schrek-
ken ist das unbestimmte). E.S läßt sich dieser Schauer, indem er nicht inner-
lich bleibt, durch die Flöte vernehmen, in 7 Tönen, nach der Harmonie der
7 Planeten in den Sphären. Diese geist/ge SinnigkeiZ des Subje^Zs; diese
uavTEia, das Auslegen, Fassen der natürliche« Veränderungen, die Wahr-
nehmung und Erklärung der Natur, muß man im Griechen bemerken. Die
meisten griechischen Gottheiten sind geistige Individuen; aber das elementa-
r/sehe Anfangen derselben ist ein Naturmoment; die Musen sind zunächst
murmelnde Quellen, dann Najaden, GöZZinnen der Quellen und zuletzt die
Musen. Apoll ist die Sonne etc. bis zum GoZZ des Wissens. Das Natürliche
wurde allentha/ae« auf geistige Weise gefaßt. Von GöZZern, die geistzg wa-
ren, in denen das Natureleme«Z kaum zu erkennen, haae« die Griechen so
gewußt. Die Götter gehen aus ihrem Geiste hervor, indem sie die Natur
auslegen. So im Homer sehen wir es oft.

21/1

Nach dem Tode Achills, da seine Leiche mit Feier beerdigt wurde, soll das
Meer aufgebraust sei«, so daß die Griechen fortziehen wollten. Da trat Ne-
stor auf, erklärte ihnen das Tosen, indem Thetis eine Todtenklage hielte. -
Oder: die Griechen hatten eine Pest, und Kalchas legte sie ihnen aus, als
Zürnen des Apoll wegen des Chryses. — In ihren Anfängen haae« die Ora-
kel diese Form der Erklärung. Zu der Erklärung der Erscheinung gehört
ein verständiger Mann, ein uävric,. In Dodona (Janina) war das älteste
Orakel; eine Eiche war da, deren Laub säuselte, und daraus erklärt man
GRIECHENLAND 123

öfter (puX.Xo|iavTia. Durch das Gesäusel ertönten in der Nähe angebrachte


Kessel, deren Töne Bedeutu«^ die Mensche« erst angebe«. Die Pythische
Priesterin spraca unbew//ßt Worte, deren bestimmte Bedeutu«^ der uävric,
erst angaa. Dieses auslegen ist, dem Äußerlic/ie« einen Sinn geben. - Dieser
lidvric, war der Dichter. 129 Achill braust gege« Agamem«o« auf, und will
sein Schwerdt ziehen, Minerva unterbricht ihn; dieses denkt sich der Dich-
ter unter der Besinnu«^, die plötzlich den Achill hemmt. - Den Sinn, das
Wesenhafte in dem Äußere« wissen die Dichter, welche die Lehrer der Grie-
chen gewesen[?] sind. Homer war der größte; alles schloß sich an ihn; die
Künstler arbeiteten nur nach seine« Angaben, und in seinem Kreise. Homer
und Hesiod, nach HerodoZ, haae» den Grzechen ihre Götter gemacht. Dze-
ses ist ein großer y-4z/sspruch. Dieses gefiel denen nicht, die in Ägypten und
Asie« die Anfänge der griechischen Mythologie erkennen. -
| 60 | HerodoZ sagZ aber auch, alle griechischen Götter sind aus Ägypten ge-
kommen. Beides schei«Z sich zu widerspreche«, und dennoch ist beides im
Einklang. Das Äußerliche ist von den Menschen geistig ausgelegt worden.
Dieses Äußerliche kam ihnen von Außen. Aber die Anfänge sind ein Na-
türliches, und sind die Anfänge schon gebildeter, so haae« die Griechen sie
stets umgebildet; die Anfänge haae« so die Grzechen aus Ägypten erhalten.
Die Anfänge der Kunst haben so die Griechen thei/s aus sich ganz heraz/sge-
bildet, thei/s haae« sie es aus anderen Länder« erhalten; jedoch alles war ih-
nen äußerlich, und alles haZ er130 zu dem Seinigen gemacht. Creuzer 131 in
der Symbolik haZ beides nachgewiesen. Die Menge Liebscha/ten des Jupi-
ter sehen als zufällig aus, lüderlich; bei den meisten läßt sich aber nachwei-
sen, daß sich morgenländische Traditionen zu Grunde liegend finden. Es
sind Andeutunge« der Erzeugung des Natürliche«, nach theogonischen
Vorstellungen. Eros haZ das Getrennte vereint. Solche abstrakte Vorstellu«-
j e n sind so ga«z konkret geworden, wie die Liebe des JupiZer zu einer Frau.
— Herkules hat 12 Arbeiten gemacht; dieses hängt zusammen mit den 12
Monathen. Das Geistige, Menschlic/ie überhaupt verrichtet Arbezten. — Die
Mysterien enthielten eine höhere WeisheiZ, als die Grzechen ein Bewußt-
sei« darüber hatten. Sokrates war nicht eingeweiht. Nicht der Geheime ist
der Weise. — Diese Anfänge also sind aufgenommen, ausgelegt und az/sge-
bildet worden. Die Bedeutu«^ also ist das Wesendicae, das Geistige. — Den
Inhalt der griechische« Mythologie machen geistige Götter, die sittliche»
Mächte, von denen die Griechen wußten, daß sie die wahrhaften sind. Ih-
nen schrieben sie das sich Zutragende zu. Höheres wissen wir auch nicht,
als daß die WahrheiZ der Geist ist. — Zu größerem Bewußtsei« kam es im
Christe»thz/m. - Das Geistige ist zersplittert, in mannigfalt/ge Partikzzlaritä-
ten, als geistige Mächte von den Griechen gewußt worden. Das Geistige ist

129
Vgl. auch TWA 12, 291.
130
Gemeint ist wohl: der Grieche.
131
Friedrich Creuzer: Symbolik und Mythologie der alten Völker besonders der
Griechen (1819).
124 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Subje^/, und als geistige Subje^/e hatten sie Indzvia"z/alitäten, keine Ab-
straktionen. Ehre und Liebe sehen wir in unsere« Dramen mit einander
kämpfen; dieses sind Bestimmungen, die in abstrakter Allgemeinhei/ ge-
halten sind, bez den Grzechen sind sie als geistige Subje^/e individualisiert;
der Gehalt einer solchen individz/elle« Gestalt ist nun nicht abstrakt, son-
dern reich an Prädikaten; Ehre und Liebe sind nur Prädikate an dem Indivi-
duum; ein Prädikat ist die substa«zielle Grundlage unter den vielen Prädika-
ten, die ein Gott hatte. Dieses machten die Dichter, durch :toir|Tr|c, indem
sie zum Bewußtsei« diese Mächte brachten, daß sie das Wahrhafte sind;
anderseits haae« sie die bestimmte Gestaltung ihnen gegebe«, und die Künst-
ler konnten da nach die Götter bilden; alle erkannten aus den Zügen des
phidischen Jupiter, daß er der wirkliche olympische Jupiter sei. — Das Geisti-
ge ist so als besonderes Subje^/ mit Individualität, Äußerlie/>kez7 versehen,
bestimmten Formen der Gestaltu«^. — In einem anschaz/lichen Bilde ist den
Grzechen alles klar geworden. Die ewige Gerechtzgkei/ sahen sie in der Ne-
mesis, als Erinnys, Dike. Diese Macht: das Recht ist in Gestalt eines Bildes
zum Bewußtsez« gebracht. — Wir wissen von diesen Mächten in Weise des
Verstandes, Gedankens, indem wir durch den Begriff den Gehalt az/sdrük-
ken. — Die Fantasie war das Flrklärende der Erscheinungen also. - Die un-
erschöpfliche Produktion der Griechen brachte für Sümmungcn\?] Bilder
hervor; wir predigen, räsonnieren, schreiben darüber, sie schafften Kunst-
gebilde dafür. - Die vielen Machte, individuell neben einander gestellt, hat-
ten einen Olymp, einen Kreis mit Gestaltz/«gen des sittlic/je« Lebens, ohne
Ordnung. Diese Vielheit muß Einheit haben, welche den Gedanken for-
dert. Diese Einheit blieb ihnen abstrakt. Aller geistige sittliche Inhalt ge-
hörte den besondere« Figuren a«, so daß die Einheit das nicht Gewußte,
nicht Gebildete, das Fatum war, das über alles waltete. Die Götter der Grie-
chen sind heiter; denn sie sind geistzg wie der geistige Mensch, der sich zu
ihnen verhält; aber das Nicht-Geistzge ist die Nothwewdzgkez/, die geistlos
ist. Über diesen zersplitterten Mächten ist die Einheit als ein Geist geof-
fenbart worden, aber nicht den Grzechen.

24/1

|61 | Nicht den Geist a« und für sich, sondern die Mächte desselben haben
sie zum Gegenstand ihres Bewußtsei»s durch Ideale gemacht. Die Idee ist
ihnen zugleich das Ideal, und zugleich für die sinnliche Vorstellu«^ heraus-
geboren und expliziert. Die Formen weisen auf den inwohnenden Geist.
Das Ideale hat also nicht ein Jenseitiges, sondern geistzge Mächte, die im
Geiste sind. Athene ist die Stadt Athen, deren Burg sie angehörte als Ge-
nius, den sie als den ihrigen wußten. Eros ist ein Gegenstand, der ein Gott,
aber auch das eigene Gefühl, ein Menschlic/jes, weil es die geistigen We-
senheiten in ihrer Besonderhei/ 132 vorstellt. Der partikz/larisierte Geist wira"

M: Besondernheit
GRIECHENLAND 125

nur gewußt, und dieses ist menschliche, endliche Geistzgkei/. Das Bewußt-
sez« der geistigen Wesenheiten, ihre Darstellung, und daß diese Wesenhei-
ten auch ein Objektives sind, wie auch im menschliche» Busen wohnen,
dieses zeugt von der Freiheit der Griechen. Der Geist fand sich bei sich
selbst, nicht jenseits. Deshalb hat der Mensch eine schöne Individualität
und sich selbst zu schöner Körperlic/ike/7 gebildet. Der Dichter schafft die
schönen Gestalten der geistzgen Wesenheiten, und die Individuen haben
sich selbst zu Kz/«s/werken az/sgebildet. Sie haae« die Schonhez'/ der Körper
so dargestellt, daß kein Hindernis da ist gege« das von dem Geiste Verlang-
te. Die Götter zur Verehrung und Bewunderz/«g hingestellt erregte« die
Schöpfu«^ des Schönen am eigenen Körper. Deshalb die Spiele der Grie-
chen, die älter als ihre Kunstwerke sind. Zu den schönsten Gesängen des
Homer gehören die Wettspiele zur Leichenfeier des Patroklos. Von Bild-
säulen spricht jedoch Homer noch nicht, wenn glez'c« vom Tempel zu
Ephesus und Dodona. Die vielen Spiele stammen daher, in welchem der
Eifer, an körperlicher Schönheit und Gewandthe/7 zu übertreffen. Die vor-
züglichsten waren die olympische«, wo die Sieger verzeichnet waren. Elis
war deshalb eine priesterlicae Landschaft, in keinen Krieg verwickelt. Da-
her zählte ma« auch später nach Olympiaden. Die isthmischen, nemeischen
Spiele waren ebenfalls berühmt. Laufen, Fahren, Werfen mit dem Diskus
machten die Spiele aus. Alle Griechen kamen hinzu. Bei solcher Gelegen-
he/7 las Herodot seine Geschichte vor. Der Körper ist so zu einem Kunst-
werke az/sgebildet worden.
Hieran knüpft sich ferner das Politische. Das Demokratische war dem
griechische« Geist angemessen, für die lebendige se/aständzge Indzvidz/dlität.
In jeder Stadt ka«« jeder dabei sei» mit seiner ganzen Part/k//larität, um
thätzg mitzuwirken. Den Despotismz/s sahen wir in seiner glänzenden
Ausbildung im Orient; die Aristokratie werden wir in Rom, die Monarchie
im europäischen Prinzip sehen. Die Demokratie war die Hauptform der
griechischen Verfassung. Nie in der Geschichte, bei keinem Volke hat sich
diese Form so noch gezeigt. Die Freihe/7 des Subjekts ist noch nicht von
einem Höheren, das allgemein, abstra^/ zu Grunde läge, ergriffen worden;
diese Freiheit war noch nicht die Bethätzgu«_g des Allgemeinen wie in Rom,
wo nur der starre Staat, nicht das Subje^/ sich geltend macht. Montesquiez/
sagt, die Tugend ist die Grundlage in der Demokratie; das ist ein großes
Wort, sehr tief und gewichtig, wenn ma« in das Wesen der Republ/£ ein-
geht. Nicht eine patriarchalische Staatsform ist die Republik; sondern die
Gesetze, das Bewußtsez« der rechtlic/je« und sittliche« GrzWlagen, das Wis-
sen von dem Rechten, als einem Positiven, das gesetzt und als wahr aner-
kannt ist, gehören zum gebildeten Staat überhaupt, denen jeder zu gehor-
chen hat, nicht was der Patriarch im Herzen hat, sondern was objektiv
dargestellt ist. Solche Gesetze hatten die Griechen. Es gab Zeiten, wo die
Nothwe«dzgkez7 war, Gesetze zu geben. Die Könige brauchten nicht solche.
Erst im Zwischenraum von Troja bis Cyrus ist jenes Bedürfnis fühlbar
hervorgetreten. Damals lebten jene Weisen in GriechewlaÄa", unter denen
126 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

ma» 7 zählt, die noch nicht Sophisten waren, d.h. noch nicht Lehrer der
Weisheit; sondern die Weisen waren denkende Männer, deren Denken
nicht wisse»scha//lic/j, sondern praktisch war. Bias z. B. rieth den ioni-
schen Städten, in eine Stadt sich zusammenziehen. Einer der weisesten war
Solon.
| 621 Zalemus, Lykurg, Drako hatten schon früher Gesetze gegeben. In
Athen bestände« von jeher zwei Partheien; dann trennten sich Reiche und
Arme; der nähere Gegensatz bestand zwischen Ebenebewohnern, die Ak-
kerbauer, Güterbesitzer waren, zwischen den Hügelbewohnern, die zur
größten Anzahl von dem Weinstock lebten, und sehr arm waren, und zwi-
schen den Seeanwohnern, die von dem Handel lebten. Wohnu«g, Subsi-
stenz, Bedürfniß machten einen große« Unterschied". Solon hat allen gleiche
Rechte gegebe«. Seine Demokra/ie war nicht abstrakt, sondern sehr partikz/-
larisiert. - Periander von Korinth unrechtmäßiger Herrscher, war doch als
ein weiser Mann anerkannt. —
Sind Gesetze ein Mome«/, so ist das zweite die sittlicae Gesinnz/«g, die
Tugend, so daß das Recht, der Staat das allgemeine Interesse in der subje/fe-
tiven Gesinnu»^ die Hauptsache ist; dieses ist entgege«gese/^t der Reflexion,
dem subjektiven Belieben eines jeden Individuums. Diese Reflexio«, diese
Innerlic»kez7 ist später eingetreten, und war der Grund des Verderbens der
Grzechen.

25/1

Die demokra/isc/i politische Gestalt des griechischen Staates ist schön,


nicht tief, wie es die neuere Zeit erfordert. Gesetze und Tugenden, Be-
wußtsei» des Rechts und der Bürger zutrauen auf den allgemeinen Zweck
bestanden noch. Das substawzielle Recht war allen, Sparta und Athen, der
abstrakte Staat, die Untersuchu»^ einer Bedingung im Staate, daß den Bür-
ger» ihre Rechte gesichert seien, dieses ist für unsere Gedanken nothwe«a"zg;
aber bei jenen war das lebendige Vaterland, diese Einheit des Besitzes,
Genusses, dieser Tempel und Weise des Zusammewlebens mit Bekannten,
Gewohnheit in ihrer Stadt so zu leben, das ist das konkrete, lebendige All-
gemeine, das ihnen Zweck war.
Tugend und Moralität sind zu unterscheide«. Das Vaterland war das
Höchste, für das ma» sich aufopferte, ohne welches ma« nicht leben ko«»-
te. — Das Räsonement, das Prinzipien bildete, die Einsicht des Subjekts
und dessen Wille sind bei uns geltend, und bei den Griechen erst später
eingetreten durch die Sophisten, die nicht falsche Grundsätze durch Schein-
gründe lehrten, sondern sie verbreiteten die Bildu«^ durch die allgemeine
Reflexio«; und durch Sokrates kam die moralische Reflexio» auf, daß jeder
auf sich beharrt, nach seinem Gewissen handele. Die Grzechen in ihrem
schönen Staat hatten kein Gewissen, nur Gewohnheit im und für das Vater -
l./nd zu leben. Das Denken, die moralische Reflexio», ist eine Trennu»_g
von diesem Geiste in dem Subje^/. Bei solcher Reflexio» untersucht jeder,
GRIECHENLAND 127

ob das Gesetz recht ist; sittlich ist es, dem Staat gemäß zu leben und zu
sterben. Der Mensch setzt auch alles auf sein Gewissen, das ga»z verschie-
de« sei« ka«« von dem allgemein vorhandenen Gesetz. Jeder sagt dann seine
Meinu«g, hat sein Prinzip, hat seine Überzeugu«_g, eine gebildete auf Grün-
den beruhende Einsicht, und von da aus ist die Trennung des lebend/gen
Gemüths und des Zzzsamme«gehörigen bewirkt. - Thulya'ia'es sagt oft: jeder
glaubt, da ginge es schlecht, wo er nicht zugege« sei. —
Bei den Griechen war deshalb eine große Achtu«^ gege« große Individu-
en; jeder traut sich durch das Prinzip der Gleichheit vieles zu, und traut des-
halb auch, als Freier, den Großen, die ihm Gesetze geben. Ga»z unserem
Geist zuwider ist diese Art; bei uns soll durch die Deputierten des Volkes,
und durch das sogenannte Volk selbst das Gesetz gemacht werden. Solon al-
lein ist von den Athe«er« aufgefordert worden, Gesetze zu machen: „indem
sie es nicht verstünden". Unser Volk will alles wissen. Miltiades, Themi-
stokles, Kimon und im politische« Kreise Kleisthenes, Perikles sind die
großen plastischen Individuen, zu denen[?] das Volk großes Zutrauen
gefaßt hat.
Aber aus demselben Gefühl der Gleichheit entstand der Neid; in Bezug
auf Genie. Alle jene großen Männer fast sind schlecht belohnt worden. —
Später kamen die Sykophanten auf, die alles herabgerissen haben, was durch
die großen Individuen hervorgebracht ist. - Das Volk war auch nicht in sich
desorganisiert.
| 63 | Sind alle Individuen gleich, so ist eine Desorga«isation, ein Despotis-
mz/s, wie in China. Die größte Partikz/larisatio« in sich selbst fand im athe-
nische« Volk Statt. Az/sgezeichnete Fami/ie« sehen wir, wie die des Kallias,
aus der Plato, der seine« Ursprung von Kodrus leitete. Viele Fami/ie« haae«
sacra für sich. - Dann war Athen in Phylen eingethezlt, die Gemeinden wa-
ren nicht etwa abstrakte Einthezlung, so daß ein Bürger so viel als der An-
dere zählte; sondern jede Gemeinde hat eigenen Go/tesdienst, Opfer, Tem-
pel, Theater, Gymnasium, Besitzungen. Diese Phylen hatten besondere De-
inen, die eigene Münzen geprägt, eigene Geschenke az/sthe/lten.
Die Griechische Demokratie muß man so nun anschauen. Der sittliche
Charakter macht die Einheit des lebendigen Geistes mit dem Interesse des
Ga«zen. Der abstrakte Gedanke, die subjektive Anschauz/«g, die Moralität
ist in diesem sittliche« Zustande noch nicht vorhanden. Aber noch drei
Umstände sind in dieser Republik zu bemerken:
Die griechischen Städte, die vollkomme« ohne Oberherrscha/7 waren,
überlegten, beschlossen über die Angelegenheiten des Vaterlandes, aber
für alle wichtigen Vorfälle fragten sie das Orakel um Rath; aus sich selbst be-
schlossen sie nicht, denn sie hatten noch nicht den festen subjektiven Wil-
len: dieses will ich thun, es mag kommen, wie es will. Diesen Willen hat-
ten die griechischen Demokraten nicht. Wenn Kolonisationen, Götterauf-
nahmen, Anstalten getroffen werden sollten, Schlachten zu liefern, überall
mußten die Orakel befrag/ werden. — Der Feldherr muß wissen, ob nicht auf
eine andere Weise entschieden werden solle, er muß das Terrain, das Ver-
128 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

hältnis der Kräfte wissen; aber Pausa»ias hat bei alle dem bis Mittag bei
Platää die Opfer untersucht, ehe er den Befehl zur Schlacht gab. Nicht aus
seinem Willen, sondern anderswoher bestimmte sich das Individuum. Die
einzelnen trieben ihre Privatangelegenheiten, auch nicht aus sich, sondern
geleitet durch den Augur, nicht wie bei uns, wo oft der Zufall über uns be-
stimmt, das schöne Wetter etc.; bestimmt ließ sich das Volk nicht aus sich
entscheiden.
Ein zweiter Umstand ist die Sklaverei bei den Griechen. Diese war
nothwe»a"ige Bedingu«_g zur schöne« Demokratie, wo jeder Bürger im Mit-
genuß dessen war, was er genießen wollte, zu schwatzen, Reden zu hören,
Kämpfe, Opfer zu sehen. Ein geistig liberales Leben ko««ten sie deshalb
leben. Der Handwerker war nicht mechanisch, durch den Schmutz kleinli-
cher Beschäft/gu«^ in Anspruch genommen. Bedingu»g ihrer Freiheit war
diese Sklaverei.
Diese Verfassu»^ ist aber auch nur in Staaten möglich, die Städte sind.
Athen hat keinen großen Umfang gehabt. Eine Jtö/Uc, hat Theseus aus 12
Flecken gemacht, also ein Staat, der eine Stadt war. Im peloponnesiscae«
Krieg zog sich ganz Attika nach der einen nö/ac,, woher die Pest entstand.
In einem kleinen Umfang ka«« das Interesse gleica sei«; in einem großen
Umfange, wie in Deutschlawa", sind die Interessen von den Bayern, Öster-
reichern, Pommem und Mecklenbz/rgem höchst verschieden. Die Gleichheit
der Bildu«g ist nur möglich, wo die Menschen so zusammen leben, sich täg-
lich sehen, auf dem Markt, in dem Gymnasium zusammen sprechen und eine
Gemeinsamkei/ des Geistes, eine Gleichheit in den Gewohnheiten bewirken.
Dzeses ist eine lebendige Demokratie. Die konkrete Lebendigkez/ ist
höchst verschieden. Für Athe« ka»« nichts Schöneres gewesen sein als solche
Demokratie; hält ma» sich nur ans Formelle, so hat man ein Todtes.

26/1

Die zweite Periode dieses Staates, seine Berühru«^ mit dem Volke, das
vor ihm das We//historische gewesen ist, enthält die medischen Kriege, die
durch den Aufstand der Ionier ihren Anfang nahmen. Herodot, der Vater,
der große naive Begründer der Geschichte hat sie geschrieae«. Lakedämon
hatte damals die Herrscha// vor allen. Messenien hatte es unterjocht, half
Tyrannen anderer Staaten vertreiben, gaben aber der Aristokra/ie ein Über-
gewicht. — Größere Schlachten sind gekämpft worden als die in den medi-
schen Kriegen; aber diese werden ewig leben in der Geschichte, und somit
auch in Kunst. Es sind we//historisc/)e Schlachten; sie haae« den Geist, Bil-
du«_g festgehalten gege« die asiatische Überschwemmung. 133

Hier ergibt sich eine erhebliche Lücke im Text. Der anschließende Satz be-
zieht sich auf die Schlacht bei Marathon und am Paß von Thermopylä sowie
auf die Schlacht bei Salamis (vgl. TWA 12, 314).
GRIECHENLAND 129

| 64 | Wie oft haae» nicht 300 Bürger für ihr Vaterland den Tod gewählt?
Aber jene 300 Spartaner werden nie vergessen werden. Nicht die Tapferkeit,
nicht der Muth, Geschicklichkeit Genie sind die Wirku»_g; das Interesse,
das auf dem Spiele stand, macht die Wirku«^. Der unsterbliche Ruhm der
Griechen ist ein gerechtes Schicksal, indem sie ein hohes Interesse, das
einzig in seiner Art, gerettet haben. — Athens Seezüge haae« einen große«
Reichthz/m nach Athen gebracht. — Eine allgemeine Betriebsamkez/ der
geistigen Thätigkei/ war damals in Griechenland. Hierauf zerfiel Grieche«-
land in sich selbst durch die Kämpfe unter sich. Eifersucht brach aus.
Der pelopo««esiscAe Krieg brach aus. — Haben wir den Charakter der grie-
chischen Demokratie betrachtet, so ist es sehr interessant, den Unterschied
des politische«, sittliche» Charakters der Athe«er und Lakedämo«ier zu be-
leuchten. - Athen war eine ruhige Freistätte für jeden, der hinkam. Die
unterschiedlichen Richtungen der menschliche« Betriebsamkez/ haae« sich in
Athen vereinigt. Solon's Gesetzgebu«^ hat diese Unterschiede so gestellt,
daß sie sich einig in der Mischu»^ von Demokratie und Aristokra/ie verhiel-
ten. Noch zu seiner Lebenszeit hat sich Peisistratos Athens bemächtigt; ver-
gebens forderte er die Athe«er auf, die Verfassu«g aufrecht zu erhalten; sie
war noch neu, noch nicht in Blut und Saft übergegangen. - Noch merk-
würdiger ist, daß an Solons Verfassu«^ nichts von Peisistratos geändert wor-
den ist. Seine Regierung war auch nothwe«a7g, um die Gesetze einzuführen,
zu befestigen, da diese Gesetze nur aus dem Unterschied" der Fa^tionen her-
vorgegangen waren. Zur Gewohnhe/7 machte sie Peisistratos, und als die
eingesogen waren, so wurden auch die Peisistratiden vertrieben, Hipparch
getödtet, Hippias vertrieben. - Die Sparta«er, welche den Hippias vertrei-
ben halfen, wollten auch einige aristokra/iseae F^leme«/e geltend machen.
Aber die Alkmäoniden, Kleisthenes a» der Spitze, machten sich fest, und
so wurden durch sie die Einrichtungen des Solon mehr demokratisiert,
welches durch Perikles noch mehr geschah; er ließ den Areopag, den
Äschylus im Kampf zwischen Apoll und den Erinnyen gege« Orest ent-
scheiden ließ, fallen. Ans Volk selbst brachte er alles. Er war ein Staats-
mann von plastise/iem, antiken Charakter. Alle Privatverbindu«gen und In-
teressen gab er auf, als er sich dem Staate widmete; nie lachte er mehr; er,
der Zeus Athens, ist aufs Höchste zu bewundern. A» der Spitze des
leichtsinnigen, aber feinen und hochgebildeten Volks vermochte er nur
durch seine Persö»lic/)ke/7, daß er edel für den Staat arbeite, über sie etwas
zu erreichen.

27/1

Kein Staatsmann hat nochmal sich nach ihm in der Weltgeschichte gezeigt.
Nicht zu Extremen stieg der Unterschied zwischen Armuth und Reichthz/m;
es war meistens Wohlhaaewhez/ und Unabhähgigkez/ im Fortkomme».
Gleichheit war in Gesetz und Gewohnhei/. Die Schönhe/7 ko««te hier wohl
Grundlage zur Bildung sein. Jene ewigen Kunstwerke sind auf Kosten des
130 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

athe«isc/»e» Volkes aufgeführt worden. Die Dramen des Äschylus und Sopho-
kles wurden gegebe«; später auch Euripides, in dem sich aber schon das
Prinzip des Verderbens zeigt. - Vor diesem Volke sprach Perikles. Für die-
ses Volk arbeitete Phidias. Das muß ein großes Volk gewesen sein. — ein Kreis
von Männern, die Söhne dieses Volks, arbeiteten so ewige Werke. Politi-
scher Tiefsinn, nicht bloß Beredtsamkez'/, zeigt sich in Perikles. Thulya'ia'es
gehört zu diesen Sternen. Sokrates, Plato, und nicht zu vergessen Aristo-
pha«es, der in seinem Volk schon das Verderben erkannte, und aus Ernst
und Wohlwollen für dieses Vaterland mit Heiterkeit jenes darstellte. — Das
Talent ward angeregt. Ein sittlicher Geist belebt alles. Bei Xenopho«,
Plato« und anderen findet ma« nur Tadel gege« Athe«, der aber mehr die
spätere Ze/7 trifft, wo das Verderben der Demokratie schon gege«wärtig
war. In der Rede zur Todtenfeier spricht Perikles134 im zweiten Jahr des pe-
loponnesischen Krieges selbst aus, daß es unrecht sei, daß ihm das Lob jener
Männer allein übertragen sei. Er lobt nun nicht ihre Tapferkeit, sondern
für welche« Staat sie gestorben seien. Tiefsinnig, richtig und höchst wahr
ist der Charakter der Athe«er dargestellt. (piXÖKaXoc, mit evreXeia.
| 65 | (piXooo(pof)uev (piXööo^oq ohne sorglos zu werden und unthätig äveu
ua/Vaidac,. (Das Ergeben in die Wissenscha//, in das Nachdenken entfernt
vom Praktischen, das für das Öffentliche arbeitet. „Kühn und keck sind
wir, und geben uns Rechenscha// über unser Unternehmen; bei andere« hat
der Muth den Grund im Mangel an innerlicher Bildu«^; andere werden durch
das Überlegen sorgsam, unthätig. Wir urthezlen am besten, was das Ange-
nehme und Schwere ist, und entziehen uns nicht den Gefahren." - So mit
Bewußtsez« spricht Perikles über den Charakter seines Staats. — Höchste
Regsamkez/, Bildung Freiheit, Tugend vereinigen alles.
In Sparta ist ein starres Leben für den Staat, so daß die individuelle Bil-
dung zurück gesetzt ist. Geistlos ist die Gleichheit. - Die Spartaner sind Do-
rer, und dieser natürliche Unterschied macht sich in der Verfassung geltend.
Die Dorer kamen aus Thessalien nach dem Peloponnes, eroberten die Ge-
genden alle, die einheimischen Völkerschaften unterjochten sie, und von
ihnen sind die Heloten die Reste geblieben. In Athen waren die Sklaven
Haz/sgenossen, denn sie hatten ein Fami/ienleben. — Die Messenier sind
auch von den Spartanern unterjocht worden; es war eine griechische Völker-
schaft, welche dadurch ein heiliges Volk war, und eine gewisse Legitimität
hatte; die Spartaner begingen das Verbrechen, diese zu unterjochen. Härter
war dieses als die Unterwerfung der Griechen unter die Türken, die doch
nur einen Tribut zahlten, sonst frei waren. - Die Heloten sind oft in Krie-
gen frei gemacht worden und haae« tapfer gefochten; aber sie wurden nach

Die Quelle ist Thukydides (vgl. TWA 12, 319). Nach dem Wort .Perikles'
stehen im M noch die offensichtlich zu streichenden Wörter ,eine Rede'. Der
gesamte Satz bleibt problematisch.
GRIECHENLAND 131

den Kriegen auf 8000 niedergemetzelt; die niederträchtzgste Verrätherei!


Sparta war in beständzger Furcht vor Empöru«^. ein hartes, wildes Ver-
hältnis im Inneren von Sparta. Diese Stellu«^ hat die Folge gehabt, daß die
Spartaner alle zusamme«hielten, nicht in Familien und Przvatpersonen sich
verthezlten. — Privateigenthz/m fand Statt. Grz/»a"eigenthz/m ist in gleichen
Thei/e» allen zugethezlt worden von Lykurg in 30000 Thei/e«. Zur Gleichheit
der Bürger durfte nicht dieses verkauft werden. Waren mehr Söhne vor-
handen, so ist unbestimmt, wie sie sich das Erbthei/ verthezlten. — Soviel ist
gewiß, daß später die höchste Ungleicahez/ im Besitze war. Töchter hatten
Grz/wafeigenthz/m, und brachten es in eine bestimmte Fami/ie, sodaß den-
noch zuletzt wenige Fami/ie» alles untersteh hatten. — Es ist auch Thorheit,
eine solche Gleichheit hervorzubringen; — Eisernes Geld hatten sie; deshalb
kein Verkehr, Industrie nach Außen. (Im Innern ka»« ma« sich auch durch
Papiergeld forthelfen.) Seemacht hatten sie nicht, da sie Geld nicht hat-
ten. Später wandten sie sich an die Perser, um Subsidien für Ausrüstu«_g ei-
ner Flotte gege« Athe« zu erlangen. — Sie speisten zusammen; hatten des-
halb gleiche Sitten; nicht sehr hoch ist dieses anzurechnen, denn das Fami-
/ie«leben ist dadurch hintenangesetzt. Essen und Trinken ist Privatsache;
(die Athener hatten solches Fam/7ie«leben, waren fröhlich und scherzhaft,
sie waren nicht zum Essen, sondern zum geistigen Verkehr und körperli-
cher Übu«g zusammen, in Symposion und Gymnasium und Skolien.) -
Durch monathlic/V Beiträge der einzelnen wurden die Kosten der Speisen
bestritten; Die Armen, die keinen Beitrag gaben, waren ausgeschlossen.
Eine Demokratie war Sparta, mit zwei Könige« a« der Spitze, die schon
gege« das Prinzip der Monarchien sind. Dze Gerusia war vom Volk erwählt,
ein Gerichtshof, die nach Gewohnhei/, Sitten, nicht nach geschriebenen Ge-
setzen urthei/ten. Dieses ist nicht zu rühmen; war ihnen gleich das Gesetz
ins Herz geschrieae«, so war es auch den Athe«er»; die Gesetze müssen aber
geschrieae« und gewußt sei». Dzeser Rath berieth über sehr wichtige Ange-
legenheiten. Wie die Ephoren gewählt sind, wissen wir nicht. Es war eine
Vo/femagistratur, die wichtigste Behörde in Sparta; durch Zufall sind sie ge-
wählt worden (Aristote/es; dieses ist nicht zu verstehen). Plato und Aristote/es
nennen diese Regierung eine TUgawic,.

28/1

Durch sie sind die Könige nur passiv im Frieden gemacht worden. Die Geru-
sia machte sich auch geltend. Absttakt also hat das Volk nicht allentha/ae»
zu berathen und zu bestimmen gehabt. Der Ephoren Gewalt nennt Aristo-
teles eine Tyrannis, wie schon gesagt ist. Jeder ko»»te zu dieser Gewalt aus
dem Volke kommen. Sie riefen das Volk zusammen, schlugen Gesetze vor
und verhandelten mit der Versammlu«g. Man ka»« 166 | mit den tribuni
plebis thei/s vergleichen, theils mit Robespierre und dem Konvent, die eine
fürchterliche Gewalt in sich hatten. Dem Staate war alles ergeben, für jedes
andere abgestumpft; verwickelte Geschäfte ko«»ten sie nicht dz/rc/iführen.
132 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Fremd waren sie gege« die übrigen griechischen Staaten, indem sie ohne
Kunst waren. Schwer und lässig[?], waren sie unschlüssig und unbeholfen.
Rechtlich (nach Thulyd/des) waren sie in den Verhandlungen im eigenen
Staat, sonst waren sie ungerecht, wenn ihnen das Unrecht ein Nützliches
schien. Der Diebstahl war erlaubt, nur mußte ma« sich nicht entdecken las-
sen.
Die Sittlic/ike/7 verbunden mit der starrsten Rücksicht auf den Staat im
Gegensatz zur Sittlic/)kez7 verbunden mit der größten Bildu«^ der Indivi-
dualität, des Schönen und Wahren, so stehen sich Beide gege«über. In der
schönen griechischen Sittlic/ike/7, Tugend, Religio« liegt auch gleich das Ver-
gängliche. — Im Schönen liegt das Geistige als Grundlage; ebenso im Sittli-
che» ist der Staat das Geistige. Das Wollen des Subjekts, die subjektive Thä-
tigkei/ des Menschen, ist nun nur gemäß jenem wesentliche» Zwecke der
Sittlicakez/. Der Charakter der Schönheit beruht nun auf dieser Angemes-
senheit Aber das Element der Äußerlic»kez7 hat das Schöne a« sich; der
Geist weiß sich noch nicht für sich frei. Also die Einheit des Natürliche»
und Geistigen, nicht der Geist in der reinen Wesenheit, liegt im Schönen.
Ebenso hat sich die Subjektivität im Staat der Grzechen noch nicht von
dem Objektiven losgerissen. Das innerliche Se/as/bewußtsei« in jener obje£-
tiven Darstellu«^ ist ein weiterer Fortschritt des Geistes in seiner Freiheit.
Das Prinzip der Subjektivität, Moralität, eigenen Reflexio«, der Innerlich-
keit ist nun der Fortgang des griechischen Geistes, der dorthin kommen
mußte. Auf der Stufe der schöne« geistigen Einheit ka«« der Geist nur kur-
ze Zez7 weilen. Von 492—431 ist die schönste Periode. —
Das Prinzip der Subjektivität ist das Heterogene, das Verderben der
griechischen Sittlic/ikei/, Schönheit, Religio«, Kunst, Staat. Der Geist muß in
sich selbst hineingehen, um sich als frei zu wissen. Im Schönen weiß er sich
als frei gege« das Natürliche, in welchem er sich äußer/; er äußer/ sich nun
frei in seinem eigenen Element, und das ist die Subjektivität des Geistes,
und seine Innerlic/jkei/. Die Athener und Sparta«er wurden davon ergrif-
fen, von diesem Verderben. Groß, edel, unglücklich, bedauernswürdig sind
die Athener im Untergange. Zum gemeinen sittliche« Verderben riß dieses
neue Prinzip die Spartaner hin. —
Die äußere politische F^ntwicklung des Verderbens ist der Krieg der Staa-
ten unter einander; der Fa^tionen der Städte unter einander dann. Grie-
che«la«a" ko««te nicht einen Staat bilden. Die Bedingu«^ ihrer schönen
Demokratie war eben diese Zersplitteru«^ in Punkte, die sich in sich freier
az/sbildeten. Politische Einheit machte es eigentlich niemals aus, nicht im
trojanischen, nicht im persischen Kampfe. Dze Feinheit war nur schwach; der
Eifersucht war die Oberherrscha// des einen Staats az/sgesetzt. Der Haupt-
krieg dieser Eifersucht war der pelopo««esisc/V Krieg. Perikles, a« der Spit-
ze dieses hochsinnigen, gebildeten, bewegliche« Volkes, der für seine Frei-
hei/ glühete, begann den Krieg. Athen hatte die Hegemonie durch die per-
sische« Kriege erhalten; Bundesgenossen hatte es in Inseln, und Seestäd-
ten, die ihnen eine Bundeskasse zusamme«brachten, indem sie statt der
GRIECHENLAND 133

Flotten, die zu stellen waren, Geld schickten, woraus die Athener die
Flotte zum Schutze der Verbündeten bauten, und zugleich sich selbst übten.
Zu Tempeln, Festen wurde unterdes das Geld verwandt. Athe« war der
große Mittelpunkt, wohin sich alles drängte. Das Geld ist aber nicht ver-
schwendet worden durch die Kunstwerke (nach Thukydides), denn nach Pe-
rikles Tode sah ma«, was für den Krieg vorbereitet worden ist. Der höchste
Genuß ist a« Kunst und Wisse«scha//, und diesen hatte Athen im höchsten
Maaße; der Luxus in Kunst und Wissenscha// ist ein herrlicher, jeder (nach
Xenop/3o«) bedurfte Athens, wohin alle Früchte, Thiere eingebracht wur-
den. Mit Verstand und Geld ko«»te ma« dort wuchern, mit Poesie, Philoso-
phie und Handel.
Der pelopo««esiscAe Krieg zwischen Athen und Sparta dauerte 27 Jahre.
Perikles starb im zweiten Jahr desselben. Leichtsinnig ließ sich das Volk
von den Demagogen hinreißen. Merkwz/ra'ig ist dieser Krieg, indem | 67 |
der große Geschica/sschreiaer Thukjdzdes ihn zum Gegenstand gewählt hat.
Es ist eines der schönsten Erbstücke, die uns Griechenland" hinterlassen
hat. Jene Menschen, die gelitten, sind nicht mehr, dieses Werk verewigt
sich und jene. Lakedämonien hat verrätherisch an den griechischen Staaten
gehandelt, indem es aus der Demokratie Oligarchien schuf und die Faktio-
nen, die aristokra/isc/i gesinnt waren und sich nicht halten konnten, unter-
stützte. So ging Athen zu Grunde. Im Frieden des Antalkidas[?] das hat
Sparta den Haz//>/verrath begangen, indem es die ionischen Städte in Klein-
asien den Persern überließ. — Es war überhaupt ein Unglück in jener De-
mokra/ie, daß eine ewige Unruhe, Faktionenpartheilic/>kez7 war. Lakedämo-
nie« hat nun eine Hegemonie nicht bloß sondern die Oberherrscha// über
Griechenland, indem allentha/ae« Oligarchien, in einigen Staaten Garniso-
nen sogar waren, wie in Theben.
Die Griechen waren mit Sparta jetzt ebenso, wie mit den Athe«er« einst
unzufrieden. Dze Nemesis ward durch Epaminondas a« den Sparta«em az/s-
geführt und der Messenisc/je Staat wiederhergestellt. Theben wurde Haupt-
staat. Gegen Lakedämon standen nun die Messenier und die Arkadier, die
in Megalopolis zusamme«gebracht wurden. Das subjektive Element war in
Theben vorwiegend; die Lyrik ist hier entsprungen; Pindar war der größte
Lyriker. Pelopia'as und Epaminondas waren die Helden. Das zerrüttete
Griechenla«d" ko««te nicht mehr in sich das Heil und Rettu«^ finden. Eine
andere Autorität war notwendig, und diese mußte von Außen kommen. In
jedem einzelnen griechischen Staat zeigte sich das Verderben.

31/1

Faktionen waren allentha/ae«. Wie in den Städten im Mi//e/alter war hier in


zwei Staaten jeder einzelne Staat gethezlt. Der eine herrschte und der andere
ward aus der Stadt getrieben. Andere Staaten wurde« in die Angelegenheiten
eines Staates gezogen, so daß ma« sich sogar a» die Perser wandte. Wenn
wir dieses Verderben tiefer betrachten, so sehen wir das Streben zu einer
134 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Einheit, die in Griechenla«d" selbst nicht möglich war, und dann die Un-
verträglic/jkei/ der Bürger untereinander. Es ist die für sich frei werdende
Innerlicake/7, die der Grund ist. Sie hat zwei Seiten, das Denken, das Be-
wußtsei«, daß das Allgemeine das Wesentliche ist, und die andere Seite ist
die Subjektivität in der Partikz/larität, Zwecken des Individuums, welche
aber für das Individuum absolute Zwecke werden. Das Denken als Gegen-
satz gege« die substanzielle griechische Sittlicflke/7 war das Verderben in
Grieche«la«d". Im Orient war es nicht so; das Denken tritt hier im Gegen-
satz gege» Etwas Bestehendes auf und weiß das Prinzip, das Vernünftige,
das Wesentliche, gege» das, was gilt. Im Orientalische» ist diese Gegensatz-
losigkeit vorhanden, wo es nicht zur inneren moralise/je» Freiheit vor-
kommt. Die höchste Spitze des Denkens ist hier die reine Abstraktion,
die Vernichtu«^. Wo sich das Denken affirmativ weiß, stellt es Grundsätze
auf, Prinzipie« gege« die vorhandene Wirklic/>kez7. In der christliche« Zez7
werden wir auch das Denken als Prinzip des Verderbens kennen lernen.
Das Bewußtsei« kehrt in sich zurück in seiner Reinheit gegen die konkrete
Lebend/gkez/ in dem Staat, in der Religio«, wo nicht nachgedacht wira", gege«
die griechische Sittlicakei/, Vaterla«a" Gesetze, die eben sind, in denen der
Geist ist, ohne sich von ihnen abzusondern; sie sind a« und für sich.
Wacht der Gedanke auf, so werden die Verfassuw^en untersucht, ob sie
recht sind, ob nicht ein Besseres vorhanden und an die Stelle des Vorhan-
denen zu setzen sei. Dzeses ist von der einen Seite das allgemeine Denken.
Im Kreise der 7 Weisen sind allgemeine Sätze ausgesprochen worden, thei/s
abstrakte und allgemeine, ohne eine dringende zerstörende Wirksamkeit
da die Weisheit eine konkrete Einsicht in den Staat hatte. — Die ^lz/sbil-
dung des Denkens ist aber durch die Sophisten gemacht. Sie kamen aus Io-
nien. Das räsonierende Denken, die Reflexion über das Vorhandene,
nahm hier den Anfang, und die Meister dieser Gedankenbilduwg waren die
Sophisten, welche die Griechen in Erstaunen setzten; indem sie auf Alles
antworten lehrten, so daß allentha/ae« seine Gedankenwerdu«^ geltend ge-
macht werden konnte. Alles sollte bewiesen werden können, indem ein Ge-
sichtspunkt gefunden ward, aus dem [sich] die Meinu«_g bestätigte, und die
andere widerlegte. - Der Verbrecher ist ein Mensch, der ein Verbrechen,
ein Böses gethan hat, ein Negatives also. Um ihn zu rechtfertigen, nimmt
ma« ein Affirmatives, die Noth, die ihn getrieben etc.

1681 Vor dem Volke mußte man sprechen und um dieses zu gewinnen,
mußte man ihn eigenthlic/V Gesichtspunkte zeigen, die so gestellt waren,
daß sie wahrhaft, und Motive sei« ko««ten zum Handeln. Ein gebildeter
Geist gehörte dazu, und diese Gymnastik des Geistes lehrten die Sophisten
den Grzechen. Die formelle /lz/sbildu«g ist das Mittel geworden, beim Volk
durchzusetzen, was ma« haae« wollte. Der Meister in der Gedankenwer-
du«g gibt die unterschiedlichen Gesichtspunkte; er hat eine Wahl; sein Pri-
vatinteresse gab den Ausschlag. Ein Mittel für die Befriedu«^ der Leiden-
scha/ten wurde diese Gymnastik. Der Mensch ist das Maaß aller Dinge
war das Motto der Sophisten, welches sowohl allgemein für die Men-
GRIECHENLAND 135

sehen überhaupt nach seiner Sittlicake/7 gelten sollte, als auch für den
partikzz/ären Menschen. Geist und Realität mz/ßten[?] bisher im schönen
Griechenland in Kunst, Staat allenthalben zusammen, Wille des einzelnen und
das allgemeine Gesetz. Der Gedanke, der sich über diese Einheit erhoben
hat, hatte das Belieben zur Entscheidung in sich. Die Sophisten waren die-
se Bildner des Geistes. Der voü<; ist der Gedanke der Welt, wie Anaxagoras
ganz allgemein sagt. Im Sokrates ist das Subje£/ als das Bestimme«de gesetzt
worden für Gut und Recht. Sokrates. 135 Regel für meine Handlung ist meine
Einsicht. Hiermit machte er den Anfang mit der Innerlic/Jkei/, mit der Mo-
ralität. (Moralisch ist nicht bloß der unschz/ldige Mensch; sondern der in-
nerlich die Einsicht hat, den Willen des Guten mitbringt, indem er von
Gut und Recht allgemein weiß.) Sokrates hat selbst deshalb als das Ent-
scheidende gesetzt gege« die Verfassung das Gesetz, allgemeine Sitte; die
Tugend ist nicht mehr Sitte, Gewohnhe/7, eine andere Natur, (nicht mehr
freies Bewußtsei« dessen, was ma« thut, ist Gewohnhe/7); deshalb sagt So-
krates, er habe einen Dämon in sich, der ihm rathe, was er thun solle. Die-
ser gibt ihm nicht eine Offenbarung, was gut und recht ist, sondern was in
einzelnen Fällen zu thun ist. Wegen dieses Dämons verurthezlten ihn die
Athener, indem er fremde Götter einführe. Ein Orakelartiges hatte er bei
sich. - Man fragte; was und ob die Götter sind? Der Gedanke griff die
griechische Götterwelt an und setzte sie herab. Der Gedanke will das Allge-
meine, der voOc, ist das Absolute, oder das Eine ist das Absolute; aber die-
se abstrakten Gedanken kontrastieren stark mit der griechischen Götterwelt,
deren Prinzip Schönheit ist, und Schönhe/7 ist anthropomorphistisch, das
Geistige sinnlic» dargestellt. Deshalb verbannt Plato den Dichter aus sei-
nem Staat, besonders Homer und Hesiod, der doch der Schöpfer der grie-
chische« Vorstellzzngen war. Wenn Gott in Gedanken gefaßt werden soll, so
ist das ein Gegensatz gege« die griechischen Götter. Das Prinzip des Über-
sinnlichen im Innnern ist ein Gegensatz des Sinnlichen der Griechen. Die
Moralität ist ein Gegensatz gegen das Gesetzte, indem die eigene Einsicht
zugegen ist. Sokra/es Ansicht ist revolutionär gegen die griechische Vorstel-
lung. Die Unterhaltung des Sokra/es endigt negativ, indem ungewiß gemacht
wird", was gut und recht ist, so daß sie erkannten, sie wüßten nicht, was
recht ist. Die große Ansicht des Sokra/es hat aber eine welthistorische Ge-
rechtigkei/ erfahren, indem die Athener ihn verdammten. Der Geist eines
Volkes übte diese Gerechtigkei/ aus. Hochtragisch ist das Schicksal des So-
kra/es; er hat den Tod von dem verletzten Volke verdient; aber höher ist das
Interesse, daß der Geist zu diesem innerlichen Prinzip fortgehen müsse.
Die Athener erkannten dieses auch, daß das, was jenen verdammt hat, in
ihnen feste Wurzel gefaßt hat, daß es selbst mitschuldig, oder jener ebenso
wie es selbst freizusprechen sei. Deshalb sind die Ankläger wieder verurthezlt
worden. In Athen ging so das höhere Prinzip auf, und entwickelte sich

Steht am Seitenrand.
136 Du: PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

nach allen Seiten in seinem ganzen Interesse, das es haae« ko»«te. Zur Phi-
losophie ging diese Interesse fort, die Gedanken zu erkennen, die Ideen
des Plato. Die Kunst ist ebenso fortgegangen. Die Qaüuuia hat Perikles in
jener Rede angeführt; jetzt zogen sich die Individuen vom Staat zurz/ck, leg-
ten sich auf die Kunst, indem nicht mehr genügte, was im Volk vorhanden
war. Die Kunst geht nicht aus dem Glück, nur aus dem inneren Unglück her-
vor. Es ist die Arbeit, für die Anschauung ein Anderes zu produzieren, als
was vorhanden ist.

1/2

Deshalb blühten in Athe« Wisse»scha// Philosophie und Kunst, indem ma«


sich von dem Staat entfernte. Die Leidenscha/ten, die partikz//are Subjekti-
vität trennten sich von dem substanzie/ze« Allgemeinen, hatten aber in sich
dennoch eine geistreiche Lebendzgkei/, Grundsätze, Prinzipie«. Der Schein
des Rechts war nun oft von dem Subje^/ dem Staat geliehen.
| 69 | So ist die schöne Sittlicakei/ gebrochen; das höhere Interesse a« der
Bildung ist darin. Das athenische Volk hat sich aber auch über sein Unglück
selbst lustig gemacht; welches eine große Erscheinung ist. Der Aristopha«es
hat eine bittere Verspottu«g mit lächerlicher Lustigkeit über das Volk über-
gössen, worüber die Athener sich unendlich freuten. — In Sparta sehen wir
auch den Bruch der Sittl/eake/7 durch die Subjekte; aber moralisches Verder-
ben, das blanke Verbrechen, die platte Herrscha//, Geld = Ehrsucht tritt in
Sparta und in den Feldherrn hervor. Sobald diese außerhalb im Felde sind,
und Vorthezle auf Kosten des Staats erlangen können, bereichern sie sich
und thun Unrecht. — So kam der schöne griechische Geist herunter.
Der Schluß dieser Periode war erfüllt von der Hegemonie Spartas, das
von Theben gedemüthigt war. Theben hat lang seine Größe nicht behaz/p-
tet. Ihr Krieg mit den Phokensern stürzte sie. Die Spartaner und Phoken-
ser wegen Gewaltthät/gkez/ gege« Theben von den Amphiktyonen zu einer
Geldstrafe verurthezlt, gaben durch die Weigerung den Phokensern Anlaß
zum Kriege. Die Phokenser, (nicht mächtig, sondern augenblicklich stark
durch die Plünderu«g des delphischen Tempels, des Heiligthz/ms Grieche«-
lands, des Mittelpunktes ein politischer Mittelpunkt war in Grieche«la«d"
nicht vorhanden), des Gottes der Grieche», den sie nun so getödtet, die
nun das Orakel verhöhnt, Grieche«la»a' gestürzt hatten, brachten eine
fremde Macht in das Land. Philipp von Makedo«ie« übernahm die Ausfüh-
ru«^ der Strafe. - Der griechische Jüngling Alexander trat an die Spitze des
Ga«zen. Alexander. 136 Philz/p hat die griechischen Staaten sich unterworfen
und von sich abhängzg gemacht, indem er[?] ihnen zeigte, wie sie unmäch-
tig seien gege« seine Macht sich zu erhalten. Diese Kramerei, wodurch/ die
Herrscha// zusamme«gebracht worden, lastete nicht auf Alexa«aer, der sich

Steht am Seitenrand.
GRIECHENLAND 137

nicht mit der Bildu«g, Zucht abzugeben hatte, indem die Armee von de/»
Vater schon verständig geschaffen war; nur unmittelbar, wie den Bukepha-
los, ohne sie zu bändigen, ko««te er sie leiten. Die Phalanx mit einer Tiefe
von 20 Mann, mit vorgestreckten Speeren, bildete eine eiserne Mauer, und
ihr Urbildner war Epaminondas, von dem sie Philipp in Theben gelernt.
Gustav Adolph, Friedrich II, Napoleon haae« ebensolche neue Angriffe
erfunden. —
Alexander ist von Aristote/es, dem tiefsten und reichsten (nach dem Um-
fange) Denker des Alterthzzms, erzogen worden, und in die tiefste Meta-
physik eingeweiht ko««te Alexander ihn anklagen, daß er nicht dieses Werk
hätte bekannt machen sollen. Aristoteles antwortete: sie seien ebenso be-
kannt gemacht als nicht bekannt gemacht, und er hat Recht gehabt. (Viele
Exemplare, nicht viele Leser sind dem Aristoteles jetzt). Aristoteles hat das
Naturell des Alexa«der höchst unbefangen gelassen, indem er das schönste
griechisc/je Naturell auf das Schönste az/sbildete. Alexander an der Spitze
der Griechen, 20 Ja/;re alt, setzte sich in Bewegu»_g gege« Asien. Von seinen
Obersten war keiner unter 60 Jahre. Griechenland ist nach Asie« gewendet
worden, um Griechenland zu rächen a« Asie« seit dem trojanischen Krieg für
das übermüthige Unrecht. Es ist ein alter Zwiespalt zwischen dem Osten
und Westen, den az/szufechten Alexander unternahm. Die griechische Hoheit
der Bildu«g brachte er dafür aber nach Asien, das er zu einem griechischen
Lande machte. Der gründlichste Verstand, Tapferkeit, Muth, Feldherren-
genie waren in ihm vereinigt. Unter den alten Barten sieht ma« den jungen
Menschen geliebt, geehrt; er trug ihnen wie in eine Demokratie alles vor;
sie achten seine Hoheit. Gezwungen ist er zu Missethaten gege« die Die-
ner seines Vaters, diese alten Offiziere, unter denen seine Lage höchst
schwierig war. Ihr Neid gege« die Größe der Thaten des Alexander reizte
ihn; sie stritten oft so, daß eine empörende Raserei den Kleitos ergriff,
Alexa«a"er ihn aber verdientermaßen niederstieß. Sein Zug hat das Innere,
die Natur von Asien entdeckt. Wir kennen diese Länder meist durch ihn.
Die Kreuzzüge kamen nicht über Syrien, und kein europäisches Heer kam
weiter. Über Baktrien, Indus trug er die Waffen. Das Faktische seines Zu-
ges und Krieges beweist sein Genie und Tapferkeit. In Indien war es | 70 |
seinem Heere schon zu weit. Er starb in Babylon, zu seinem Glücke, und
nothwewdzg. Der zweite griechische Jüngling ist er für die Nachwelt. Ein
frühzeitiger Tod raffte auch ihn hin. Zwei schöne Bilder sind Achill und
er.

2/2

Ma« muß Alexander nicht nach einem moralische«, modernen tugend-


haften bürgerliche« Maaßstab messen. Nach dem moralische» Schulmeister
scheint er ganz klein, und diese große Indzvidz/alität scheint der Schulmei-
ster selbst zu sei«. Alexander hat den griechischen Geist in der Geschichte
erhalten durch seine Züge; sein Reich zerfiel; Seine Regentendynasten setz-
138 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

t e n n i c h t die Herrscha// fort; a b e r das g r o ß e griechische Reich stiftete er,


d a s noch lange nach d e n Römer« sich erhielt. So g r o ß wie d a s jetzige türki-
sche Reich w a r das des Alexander. Die jetzigen B e w o h n e r v o n Grieche«la«d",
die T ü r k e n s t a m m e n aber v o n d e m Volk, aus d e m R o x a n e , die G e m a h l i n
Alexanders war, d e n Baktrern 1 3 7 u n d Sogdianern. R o x a n e gilt als die s c h ö n -
ste F r a u d e s s c h ö n s t e n Volkes in A s i e n . Sie s t a m m t aus S o g d i a n a , u n d ihre
L a n d s l e u t e b e h e r r s c h e n jetzt Griechenla«a". D a s griechische Reich war in
viele zerthezlt, die in Klei«asien Syrien, Babylonie«, M e s o p o t a m i e « , Bak-
trisch-griechisc/;es Reich am oberen O x u s , w o das Z e n d v o l k zu H a u s e war.
V o n hier aus m a g ein Zusammenhang mit Indie« zu finden sei«, u n d so m a g
vieles n a c h Griechenland ü b e r g e g a n g e n sei«. A u c h n a c h C h i n a m a g vieles
h i n g e k o m m e n sei« (wie die a s p a e r a a r m i l l a " 8 d e r G r i e c h e n , die die Englän-
d e r i n C h i n a fanden u n d w e l c h e die Chinese« selbst n i c h t k a n n t e n ) . S a n d r a -
k o t t u s soll hier die i n d i s c h e H e r r s c h a / / abgeworfen haben. (Dieses kö»«te
sei« d e r i n d i s c h e T s c h a n d r a g u p t a 1 3 9 , v o n dem oft die R e d e ist). So weit
d r a n g n u n Griechenland. Alexander legte allentha/ae« S t ä d t e an, ließ die I n -
validen zurz/ck. G a n z Westasien w u r d e griechisch. Ägypten ist e b e n s o ein
griechisches Reich, u n d ein g l ä n z e n d e r Mittelpunkt von Wissenscha// und
Kunst g e w o r d e n , u n d viele g r o ß e architektonische Kunstwerke sind aus d e n
Zweiten d e r P t o l c m ä e r . M o r g e n l ä n d i s c h e P h i l o s o p h i e vereinigte sich mit d e r
griechischen, u n d dieses alles m a c h t e Alexandrien z u r N e b e n b u h l e r i n v o n
A t h e n , M a k e d o n i e n , E p i r u s w a r d e b e n s o griechisch. A n t i o c h i e n , < . . . >
u n d a n d e r e sind W e r k s t ä t t e n für K u n s t u n d Wissenscha// gewesen u n d
e n t s t a n d e n durch griechische F ü r s t e n . Alexander selbst war d e n Künsten auf-
richtig zugethan, wie auch d e n Wissenscha/ten. N a c h Perikles gilt er als d e r
freigebenste K//ns/belohner, u n d die durch ihn verfert/gten Kunstwerke ha-
ben ihn e b e n s o wie seine E r o b e r u n g e n verewigt (nach dem grundgelehrten
Kunstgel ehrten Meyer 1 4 0 ).

D r i t t e P e r i o d e . Ü b e r diese ist w e n i g zu sagen. E s ist eine G e s c h i c h t e


des U n g l ü c k s . Die kleinen Könige w a r e n g r o ß e Individuen; aber e h e sich
die Herrscherfamilien befest/gten, w a r ein wilder Z u s t a n d . Abentheuerlzc»
ist d a s , w a s P l u t a r c h ü b e r sie sagt, b e s o n d e r s ü b e r P o l i o r k e t e s . V o n Alex-
ander u n d Phili/>p sind die Grzechen z u m Bewußtsez« ihrer S c h w ä c h e ge-
b r a c h t worden. E i n e gewisse Selbständigke/7 ließ m a « i h n e n . Dze freie U n -
abhähgigkez/ ging verloren; das Se/as/gefühl d e r Freiheit haben sie n i c h t
m e h r haae« k ö n n e n . Die T o t a l i t ä t d e r lebendigsten Demokratie war i n n e r -

Schwer lesbar. K H : ,dem alten Stamme der Turk's, deren Vaterland Sogdiana
war' (287).
Schwer lesbar, gemeint ist wohl die Armillarsphäre, ein astronomisches In-
strument zum Messen des Himmelskreises. Vgl. auch K H 287.
M: Sandrakutu (vgl. TWA 12, 334).
J. H. Meyer, Kunsthistoriker. Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen.
Dresden 1824-1836.
GRIECHENLAND 139

lieh und äußerlica gebrochen. Gege« einander und gege« die Könige war ihr
Kampf aus kleinliche» Interessen gerichtet. Diplomatische Staa/sleute,
Redner, die nicht Generale waren, standen a» der Spitze der Staaten; sie
waren Minister und Gesandte. Zu den Königen standen sie in besonderem
Verhältnis, und erhielten sich so. Die Könige bewarben sich um den Besitz
der Herrscha// in den griechische« Staaten, oder um deren Gunst, um von
ihnen und besonders von Athen, geehrt zu sei«. Athen imponierte noch
immer durch die Pflege der Wissenscha/ie«, Philosophie und Kunst, und
ward von Raubsucht, Schwelgerei, Luxus, welche in den anderen griechi-
schen Staaten wütheten, verschont. Die syrischen, ägyptischen, kleinasia/i-
schen, makedonischen Könige machten Athen Geschenke a« Korn und Vor-
räthen. - ein Schlagwort war: Grieche«la«a" zu befreien, und Ehrentitel
war: der Befreier Griechenlands. Eine politische Bedeutu«^ hatte dieser Ti-
tel, indem angezeigt dadurch ist, daß alle einzelnen griechischen Staaten zu
unmächtig seien; um sich zu erhalten. Alles war aufgelöst.
|71 | Theben war gebrochen; ebenso Sparta gebüsst[?], indem Messenie«
wiederhergestellt war. Der ätolische Bund, von den VöT&erschaften im
westliche« Grzechewla«// gestiftet, ist durch den Geist der Ungerechtigkeit
Raub, Anmaßu«g gege« andere Staaten az/sgezeichnet. Die Böotier machten
noch ein Volk; jedoch ihr Glanz war verschwunden. Sinnlich roh lebte das
Volk; Die innere Subjektivz/ät sank zu einem gemeinen sinnliche« Genuß 141 .
Von schändliche«, niederträchtigen, gemeinen Tyrannen und Leidenscha/
ten war Sparta besessen. — Gerecht war der achäische Bund; die Staaten
ko««ten sich selbst nicht mehr tragen und ergaben sich den kleinen Könige«
als Mittel, wodurch jener Bund sehr litt. — Die Individualitäten, die sich her-
vorthun, wollen wir noch beleuchten. Das Moment der Partikz/lari/ät
macht sich nun geltend, und darauf beruht das Sinken der Griechen. In
Faktionen zerriß alles. In diesem Gefühl der Leidenscha/ten treten noch
Individuen auf, die sich edel ihr ganzes Leben zeigten, alles daransetzten,
das Vaterland zu erheben oder zu erhalten. Es sind tragische Charaktere,
die ihr Leben dem Vaterlande weihten, das Vaterland einen Moment ho-
ben, aber das Übel ko««ten sie nicht az/srotten, und gingen so im Kampfe
selbst unter, ohne die Gesundhez/ des politische« Lebens dem Vaterlande zu
schenken. Dze innere Befriedz'gu«^ hatten sie nicht, daß sie sich hätten rein
erhalten können; ihre Zwecke erlaubten ihnen nur, oft mit Gewaltthätigke//
und Verbrechen gege« die Verfassu«_g des Vaterlandes zu handeln. Treulos
mußten sie oft gege« auswärtige Fürsten sei«. Sie sind zum Bösen gezwun-
gen worden. Das ist tragisch. Es waren Zeiten, wie sie Livius in der Vorrede
schildert. Plutarch wird" von den Philologen nicht sehr beachtet; aber seine
Charaktere haae« das höchste Interesse.

Im M zusätzlich: gesunken
140 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

3/2

Die Grzechen kamen mit den Römern in Berühru«^, welche auch den
Schein der Freiheit zeigten, um die griechischen Reiche zu schwächen. Das
makedonische Reich hat festen Fuß in Griechenland gefaßt. Rom verband
sich mit den Schwächeren gegen die Mächtigen, die es besiegte. Perseus der
Könzg 166 in Rom im Triumph aufgeführt, Antiochus in Syrien besiegt,
nachdem er sich mit 400000 Mann bis zu den T/iermopylen über Kleinasie»
verbreitet hatte. Grieche»la»a" selbst, der achäische Bund kam mit den Rö-
mern in Kollision. 146 Korinth zerstört. Die Staaten in Grieche«la«ä und
Asie« und Ägypten vegetierten noch fort, ohne lebendige Selbständzgkei/ zu
haae«. Das römische Volk trat so in Berührung mit Grieche«la«d", und nun
betrachten wir
Rom.

Der eigentliche Übergang im Weltgeiste von den Griechen zu den Römern


liegt tiefer, in jener historischen Kollision mit den Griechen. „Napoleon
äußert gegenüber Goethe, daß zu dem Stoffe einer Tragödie nothwenz/ig sei
das Schicksal, gegen das ein großer Charakter kämpfe und unterliege, gegen
ein Übermächtiges, ohne die Ehre zu verlieren. Dieses Schicksal hätten
wir nicht mehr; aber in unserer Tragödie kö««te ein Anderes substituiert
werden, nämlica die Politik, als das moderne Schicksal, als diese Übermacht,
die der Zweck der Staaten und diese Gewalt ist, gege» welche die Individu-
en in ihrer individuellen Größe in ihrer Widersetzlichkeit selbst wenn sie
Recht haben, unterliegen." Diese Poli/zk, diese abstrakte, politische Gewalt,
ist die allgemeine Bestimmung, welche das römische Weltreich darstellt. Es
ist das reelle Schicksal, das sich auf der Erde offe«bart, und alle Individuen
und Völker unterworfen ha/; alle Götter im Pantheon, alle Geister und
IndividWl/täten erstickten sie, nachdem sie diese um sich versammelt hat-
ten; der Welt brachen sie das Herz, und aus diesem gebrochenen Herzen
ist der höhere Geist im Christe«thz/m hervorgegangen. Der in sich frei sich
wissende Geist trat dann gegen seine NatürlicakeiZ auf, und war sich seines
Unglücks bewußt. - Dzeses ist das abstrakte Prinzip der Römer. - Grie-
che«la«ä sahen wir in der Geistigkei/, die als Schonhez'/ ist, aber mit der
Äußerlieakez/ der Natzzr behaftet ist. Kunstwerke sieht ma« nur; der Durch-
gang war noch zu machen durch die Bildu«^ zur Form der Allgemeinhei/,
durch die harte Zucht, welche die Römer ausübten. Die freie Allgemeinhe/7,
abstrakte Freiheit, abstrakter Staat, Gewalt über die konkrete Individualität,
wodurch die schöne Lebendz'gkei/ der Individuen unterworfen worden ist.
Dieser Allgemeinhe/7 gege«über stand die Persönlic/jke/7.
| 72 | Die Freiheit des Ich, die noch von der freien Individualität verschie-
de« ist. Im Juridischen macht sie die Hauptsache aus, im Eigenthz/m, im
Reca/lichen; aber die weiteren Bedürfnisse des konkreten Geistes berück-
sichtigt das Recht noch nicht. Politische und persönliche AllgemeinhezZ se-
hen wir so in Rom. Beide Mome«/e erschei«e«: Die Form einer Innerlicökei/
überhaupt, bei allem Handeln, Thaten, Genießen; allentha/ae« wird Etwas
innerlich gewußt. Im griechischen Leben ist dieses Prinzip der Innerlic/ikez/
Verderben geworden. Zum inneren Geist erhebt sie sich nun auf einem
neuen Boden des Geistes.

In Griechenland" war die Demokratie Haz/p/bestimmung der Staaten, wie


Despotismz/s im Orient. Aristokratie ist es in Rom, und zwar eine starre,
im Gegensatz mit der Demokratie, dem Plebs. Die Demokratie hat sich in
Griechenland" auch entzweit, aber nur in Faktionen, selbst wo Tyrannen sich
142 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

aufwarfen. Aber im Prinzip vertheilen sich die Parteien in Rom, und diese
zwei Prinzipie« kämpfen gege» einander.
Die römische Geschichte hat große Schwierzgkeiten vornehmlich durch
die vielfache gelehrte Bearbeitung der Geschichte in neuerer ZezZ. Die Ge-
lehrsamkez/ hat sehr viele Gesichtspunkte aufgestellt. Drei Klassen von Ge-
lehrten bearbeiten die Geschichte, GeschicA/sschreiber, Gelehrte, Juristen.
Die ersten halten sich an großen Zügen, und haae» großen Respekt vor der
Geschichte; sie lassen entschiedene Verhältnisse gelten. Die Philologen
lassen die Traditionen nicht gelten, sie sehen auf Einzelnheiten, wie diese
kombiniert werden; und diese Kombinatione« werden durch Scharfsinn aus-
geführt und dann als Hypothesen und Fakta aufgestellt. Kleinlich und »zit
Hypothesen vermischt haae» die Juristen geforscht. Ma« gilt jetzt unwis-
send, wenn ma« sagt. Romulus war der Gründer von Rom. Wo am wenig-
sten zu holen und am wenigsten zu wissen, da ist das Feld der Gelehrten.
Ich halte mich a» das Geschichtliche.
Bei den Grzechen haae« wir erst Mythisches gehabt, Heroengeschichte, wel-
che in Prosa übersetzt worden ist, indem ma« historische Keime darin erkannte.
Umgekehrt bei den Römer». Was von der römischen Geschichte gemeldet wird,
sieht gleic» prosaisch aus, wenn auch Wunderbarkeiten, wie mit dem Gewitter,
das den Romulus geholt, vorkommen. Nun zwingt ma« uns, dieses Geschicht-
liche als Mythos anzunehmen, als wenn alte F.popöen zu Grunde lägen.
Italien im südlichen Europa, mehr gegen Westen als Griechenland, am M/7-
telmeer, jenseits der Alpen, das noch nichts mit der nordischen Macht zu
thun hat. Es ist ein Land, das eine Halbinsel wie Griechenland, aber nicht
so eingeschnitten wie dieses. Rom in der Nähe der See hat einen Konti-
nent hinter sich und hängt mit ihm zusammen. Napoleon in seinen Memoi-
ren über die italienischen Feldzüge fragt. Welche Stadt man zur Hauptstadt
von Italien machen müsse. Venedig, Mailand oder Rom? Keiner dieser
Städte kdnn einen wahrhaften Mittelpunkt, auch nicht Rom geben. Die
Lombardei ist ein Verschiedenes von Italien. Venedig ist mehr in Beziehung
mit dem Meer und Deutschland". Rom nicht am Meer, aber nicht weit davon;
es ist Rom ein künstlicher Mittelpunkt geworden für die unterworfenen
Länder, nicht natürlich, wie Rom zuerst durch Gewaltsamkeit gegründet
worden ist. Einheit der Natur ist nicht in Italien dergestalt, wie in dem Nil-
thal, oder dem Euphrat und Tigris Gebiet, oder Ganges.

4/2

Rom ist ein kärglicher Mittelpunkt, das Land gibt keine solche Einheit. Die
griechische Einheit war eine geistige aber; selbst die Makedonier haaen sich
mit Grzechen verschmolzen und griechische Bildung angenommen. Die un-
terschiedlichen Völker in Italic« haben nicht eine solche Feinheit des Geistes.
Niebuhrs höchst gelehrte Einleitu»,g über die verschied"e»en Völkerschaften
enthält eine äußerliche Zusammenstellung dieser Vö'/feerschaften, ohne Zu-
sammenhang mit der Geschichte des römischen Volkes zu finden.
ROM 143

Die erste Periode enthält die Anfänge Roms bis zur politischen Erstar-
kung. Seine SelbstähdigkezZ war unbezweifelt bis nach dem ersten punischen
Kriege. Die zweite bezieht sich auf den zweiten punzscAen Krieg mit wel-
chem das eintrat, was die Bedingung einer zweiten Periode ist, die Berüh-
rung mit dem frühen welthistorischen Volke. Gegen Morgen, Griechenland",
Syrien, Kleinasien wird nach Karthago der Krieg hingespielt. Der große
Polybius hat in großsinniger Weise diese Epoche aufgefaßt und beschrie-
ben. Dzese Periode, die | 73 | nach der Ruhe des Roms im Innern beginnt,
enthält die welterobernde Ausdehnung und zugleich das innere Zerfallen,
wodurch eine andere Herrscha// bedingt ist. Die dritte Periode enthält das
Kaiserreich, das prächtig, glänzend, allmächt/g, aber in sich gebrochen die
Anfänge142 der christlichen Religion zeigt. Der Norden schließt sich auf, mit
den germanischen Völkern entsteht eine Verbindung.

Wo ist Rom entstanden. Rom ist außer Landes entstanden. In einem


Winkel, wo drei Gebiete, das Latinische, Sabinische und EtruskiscÄe zusam-
menstießen. Ausgestoßen so legte es den ersten Stock. Nicht ein alter
Stamm ist in Rom, nicht ein natürlich, patriarchalisch, stammesmäßig zu-
sammengehörendes, das in die alte Zeit sich verliefe. Die Perser auf ihrem
Gebiet ist ein Volkstamm, eine nationale Einheit; nicht so die Römer. Das
römische Volk ist nicht aus einer Natureinheit hervorgegangen, es ist ein
Gemachtes, ein Gewaltsames also, von Haus aus, nicht ein Ursprüngli-
ches. Die Eleme«/e, aus denen dieses gemacht ist, ka»« ma« zusammensu-
chen. Viele Traditio«e« haae» sich in der römischen Geschichte erhalten, ein
Zusammenhang mit Äneas, mit Asien; mit FLvander dann etc. Jene Tradition
ist beliebt worden, und ma« fand in Laurentum noch eine Stadt Troja,
ebenso fand ma« in Xanten in Friesland eine Stadt Troja. Diese Stadt ist
in eine allgemeine Tradition übergega«gen von dem Ursprung einer Stadt.
Amulius und Numitor kommen dann vor. Die Luceres etc. kommen als
drei Tribus bei Romulus vor. Solche Eleme«/e findet ma«. Aber will ma«
diese ansehen so, als wenn sie die Quelle des römischen Volkes seien, als
wenn ruhig aus ihnen das römische Volk hervorgegangen sei, so hat man
zwar neuerlich dieses behauptet; die Geschichte hat dieses aber nicht kon-
statiert; in allem römischen Bewußtsein hat man es nicht anders gewußt.
Diese Elemente, daß auf jenen Bergen schon Hirten, Könige gelebt hatten,
nomadische Vö/4erschaften, mögen wahr sein; aber wodurch Rom Rom
geworden ist, das war ein gewaltsamer Zustand. Das erste Zusammensein
war ein Räuberstaat. In Athen und Griechenland' überhaupt, besonders in
Arkadien, sind die zerstreuten Flecken zusammengebracht worden zu einem
gemeinsamen Leben in einer Stadt. Hier ist eine Verbindz/ng von einer
Räuberbande. Die Römer wissen es besser als wir mit unserer Gelehrsam-
keit Räuberische Hirten haae« alles aufgenommen, was sich zu ihnen schla-

Oder: den Anfang


144 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

gen wollte. Freie und Sklaven in einer colluvies verbanden sich, die sich
aus jenen drei Gebieten sammelten, wie die Geschze/i/schreiaer angeben.
Auf Hügeln an einem Fluß machten sie einen Punkt zu einem Asyl. Ein
Faktum ist, daß Etrusker und Latiner ihnen keine Frauen gaben. Dzeses
charakterisiert einen Bund von Räubern; wie ma« sie betrachtete; sonst
hätten sie ja Frauen unter sich. Sie luden jene Vo/^schaften zum Gö/zerfeste
ein; aber nur die Sabiner, ein einfaches Volk, das eine tristis tetrica super-
stitio trieb, auch Furcht vor den Räubern, erschien auf die Einladung, und
die Frauen wurden geraubt. Lucumo ein Korinther kam an, und seine Nie-
derlassung war in Etrurien; aber als Fremder konnte er nicht geachtet wer-
den, so wie er seiner Herkunft und Reichthz/m nach es verlangte. Er heirate-
te zwar der Tarquinius[?], aber dennoch ist er als Verbannter nicht geach-
tet worden. Deshalb ging er nach Rom, wo er zu solchem Ansehen kam,
daß sein Sohn König geworden ist; denn, wie Liviz/s sagt, war Rom ein neu-
er Staat, wo der Adel neu aufschoß, nicht auf Ahnen beruhte, repentina
nobilitas. Diese und andere Züge charakterisieren den Anfa«^ so, wie er
von uns angegebe» ist. Diese Stiftung des Staates ist als wesentliche
Grundlage anzusehen der Ausbildung der römischen Eigenthz/mlic/ike/7, die
sich daraus herleitet. Solcher Ursprung führt mit sich die härteste Disziplin;
die Aufopferung muß am stärksten sein unter einer Räuberbande, die in
feindselzgen Verhältnis gegen alles außerhalb steht und die keine Legitimi-
tät hat, so wie die anderen Völkerschaften, die sich ehrten, indem sie wuß-
ten, daß ihnen von jeher das Land zukam. Der Zusammenhang war nicht
ein liberaler, sondern der gezwungene Zustand der Subordination. Diese
Härte zeigt sich im römischen Charakter. Die römische virtus wira" später
eine Tapferkeit, die nicht für sich kämpft, sondern sich im Zusammenhang
mit den Genossen weiß, für diese thätzg ist und diese für das Höchste hält.
Diese virtus ist mzt Raub wohl zu verknüpfen. Ein solcher geschlossener
Bund war Rom; nicht wie Lakedämonie«,
| 741 das nur in sich gegen die Heloten zerspalten war, sondern im feind-
lichsten Verhältnis gege« Außen stand und zugleich gege« die Masse, den
plebs einen Gegensatz bildet. In Niebuhr, den seine Hypothese und Er-
findu«^ über diesen Punkt sehr berühmt machten, ka»« ma« nichts Wahres
darin finden. Er haZ keine Einheit auch von Geschichte; er haZ eine Kritik
der Geschichte fortlaz/fend geliefert, und die Form wäre am besten gewe-
se«, wenn es einzelne Abhandlunge« wären. Von der plebs ist zu sagen, daß
ein Zusammenlauf von allem Gesindel in Rom statt fand. Die Römer haben
dann aus den eroberten Ortschaften die Bevölkeru«^ nach Rom ge-
schleppt. Nun ist gleich ein Unterschied" vorhanden. Nicht etwa ein prie-
sterliches und unheiliges oder überhaupt zwei Völker waren in Rom. Die
nach Rom geschleppten oder das sich einfindende Gesindel und die Feigen,
diese sind freilich in Abhängzgkez'Z von denen gekommen, die ursprünglich
diese Bande konstituierten. Dzeses Verhältnis ist nothwe«d"ig.
ROM 145

7/2

Gesetzlich und heilig schie« die Abhähgigkez/ der Plebs von den Patrizi-
er«, indem letztere die sacra hatten. Durch die Religio« sind alle Verhältnis-
se fest geworden. Diese Abhä'ngigke/7 ist aber nicht so gewesen, daß eine
Unterthänigkei/ erkannt würde. Arm haae« sich diese a« die Reichen ange-
schlossen, ihr patrocinium nachgesucht. Der erste Zustand in Rom ist
ohne Gesetze, die erst ga«z spät nach Rom gebracht worden sind. In sol-
chem Zustande, wo der Schwache nicht durch Gesetze geschützt ist, müs-
sen sich diese a» Persönliche« Schz/tz anschließen, und so entstanden Kli-
enten. Nicht etwa sind Plebejer aus diesen erst entstanden, wie Niebuhr
will. Die Klienten und Plebejer sind auch unterschiede», denn in den
Kämpfen zwischen Plebejern und Patriziern schlössen sich die Klienten a»
die Patrizier a», und kämpften gege« die Plebejer. Also nicht das Verhalten
von den Hörigen hat jenen Unterschied" gemacht. Ein rechtliches, gesetzlich
gemachtes Verhältnis war das der Klienten zu dem Patron nicht, nur mo-
mentan gestaltete es sich, denn mit der Einführu«_g der 12 tabulae ver-
schwindet jenes Verhältnis, wie Niebuhr selbst es zugibt. Im Räuberanfa«^
war alles Soldat, auf den Krieg gestellt. Die plebs zieht in den Krieg als die
Menge und bekümmerte sich nicht um den Ackerbau, hatte keinen Besitz
deshalb und keine Frucht vom Besitze. Von der Beute leben sie, und durch
diese erleichterten sie ihr Schicksal. Bei jedem Aufstand war die Verschul-
du«_g der Plebejer der Grund, durch welche das geringere Volk sich erhebt.
Schlagend ist nun, was ich eben über das Aufhören dieses Verhältnisses
durch die Gesetze gesagt habe; jeder hatte durch die Gesetze Schutz. Die
decemviri 143 waren ga«z hartgesinnte Patrizier, wie Appius Claudius es
zeigt, und sie beweisen, daß sie nicht gerne so die Gesetze eingeführt hät-
ten, wenn jenes Verhältnis der Hörigkeit wirklich ursprünglich wäre. Diese
hätten vielmehr in den Gesetzen zuerst erwähnt, wie es sich mit der Ab-
hängigkeit der Plebejer von den Patrizier« verhielte. Dieses war ja das
Wichtigste. — auch nach den Gesetzen der 12 tabulae haae« die Konsul«
und Prätore« zu sprechen, indem die Gesetze noch zu unbestimmt waren;
die prätor/sc/je« ^4z/ssprüche machen einen The/7 nun der Gesetzgebu«^ aus,
und auch nicht aus diesen ersieht ma«, wie jenes Verhältnis ursprünglich
gewesen wäre.

Die Religion betreffend so haben wir bei der griechischen Religio» schon
gesprocAe«, wie sie entstand. Es gilt nun für gewöhnlich, daß die römischen
Gottheiten dieselben wie die griechischen sind. Aber die römische Religio« be-
ruht auf ein ga«z Anderes. Der innere Schauer bei den Grzechen in der
Anschauu«_g der Natur ist zu einer Fantasiebildu«^ heraz/sgestaltet worden;
die innerliche Furcht ließ der Grieche nicht bestehen; die Natur ließ er

Behörde von zehn Personen


146 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

nicht als ein Fremdes gelten, vor dem ma« zu zittern hätte; sondern er
verwandelte sie in ein Verhältnis der Heiterkeit. Bei den Römer« sehen wir,
daß sie bei der stz/mmen und stumpfen Innerlicokei/ stehen geblieben sind,
so daß das Auße« ein Unversöhntes geblieben ist. Ohne Versöhnung ist
nun die Natur geistlos für ihn, so daß der Römer gebunden gege« die Na-
tur erscheint, religio sagt Cicero, kommt von religare, also ist es ein Ver-
hältnis der Gebundenhez/. Diese unfreie Innerlicakei/, die stumm, ungeistig
ist, knüpft sich an alles; der Römer ist bei allem in sich zurz/ckgesetzt worden.
Das äußere Dasei« ist ihm ein Äußeres geblieben, zu dem er im Verhältnis
der Abhängzgkei/ stand. Allentha/ae« steckte ihm ein Geheimnis; offen für
Fantasie und Anschauung war alles in Griechenland; nicht jenseits, sondern
ein heiteres Diesseits. Der Römer ist geheimnisvoll.
| 75 | Allentha/ae« ist eine Furcht geblieben. Die Stadt Rom ist die Stadt
und noch was anderes. Sie hatte zwei Namen, Roma und noch einen ge-
heimen Name«, hinter den ma« zu kommen suchte. Ma« glaubt (Müller),
daß er Valentia gewese«; andere Amor (umgekehrt von Roma). Romulus
hat so auch zwei Name« gehabt, nämlich auch Quirinus. Die Römer haae«
so auch Quiriten geheißen, als wenn ein göttlicher Name der zweite wäre.
Es ist eine weltliche Ansicht der Dinge, hinter denen noch ein Geheimes
wäre, welches Wichtige a« alles bei den Römer« sich geknüpft habe. Diese
nannten sie sacra, und das natürlichste ist zu einem sacrum versteinert
worden. Es ist nun lächerlic» zu glauben, als wenn dieses ein Zeichen von
Frömmzgkei/ wäre und wenn ma« mit Ehrfurcht von diesen sacris spricht.
Alles ist ein sacrum. Roggenbrod aß ma« bei einer gewissen Heirath, und
dieses war ein sacrum. Die Thüre zum bräutlic»e« Hause beschmierte ma»
mit Oehl, und dieses war ein sacrum; ebenso das Ausrücken der Stadt-
mauer. O b ein Vogel hier oder dort sich zeigte, wie die Hühner fraßen, der
Donner, alles sind höchstwichtige, als heilig angesehene Dinge. Der Thez7
der Stadt, der jenseits des Tiber liegt, enthielt den Sacer Mo«s auf dem ma»
glaubte, daß der Remus gehaust; dieses brachte ma» zusammen mit lemures,
Gespenstern. Es ist der stumme Charakter einer prosaischen Innerlicakei/.
An alle Verhältnisse brachte ma« eine Festigkeit gleich an und so auch a«
die der Patrizier und Plebejer. Jene hatten die sacra unter sich. Die Volks-
versammlungen waren mit sacra verbunden. Viele Tage waren unheilig.
Ma» machte Augurien, die in der Hand der Patrizier waren, und diese ge-
brauchten sie zu ihrem Zwecke. Ohne diesen Zug wäre es unbegrezflic/;,
wie das Volk so lang sich dieses hätte gefallen lassen sollen. Der rex
sacrorum blieb nach Abschaffu»^ des wirklic/je« rex; jener machte die Ver-
hältnisse alle fest, und hat sich so lang behauptet. Hat der Mensch dieses
a« sich, daß er in alles ein Anderes legt, so ist er abhängig, und alles, was
ihn umgibt, ist ihm äußerlich, Prosaisch blieb deshalb die Religio». Das In-
teresse nun a« Staat und Privatverhältnis knüpfte sich deshalb an die Re-
ligio«, die nun eine Religio« der NützlicAkez/ ward.
ROM 147

8/2

Die Religio« ist der Ort, wo der Mensch seine Freiheit hat, nicht ist es
so bei den Römer«, indem sie durch ihre Religio« unfrei, abhängig waren,
und hiermit hängt zusammen die innerliche Unfreiheit, das Hängen und Ge-
bundensei« a« kleinlic/ie Interessen. Die Verehru«g der Götter ist Gefühl der
Unabhangigkez/ und des subjektiven, beschränkten Interesses, das er aus
der Verehrung erwartet. Häufig kommt es vor, daß bei einer Niederlage die
lectisternien angeordnet wurden, ebenso Gebete vor den Altären; ma« holte
neue Götter, gedrungen durch das Gefühl der Noth. Die Verehru«_g solcher
Macht aus Nutzen ist auf die Vorstellu«^ von falschen144, beschränkten
Go/tesdiensten verfallen. Dieses ist die vollkomme« prosaische Seite der rö-
mischen Religio«. Die Febris war eine Gottheit. Die Ausartung des Getreides
nannte ma« robigo, und nun gab es auch einen Gott robigo. Zum Brot-
backen braucht ma« einen Backofen, fornax, welches auch ein Gott war,
ebenso die dea cloacina von den Kloaken. Die Juno kömmt als Lucina vor
bei der Geburtshülfe, ossipagina, die die Gebeine des Embryo im Mutter-
leibe bildet. Pax, Tranquillitas, Sorge, Kummer sind GöZZinnen. Diese gei-
stigen Mächte sind nicht durch solche Gebilde von den Grzechen darge-
stellt worden. — Die Spiele ebenso sind bei den Grzechen erwähnt, welche
aus Liebe zur Göttlichkeit, Schonhez/ Tempel, Bildsäulen gestalteten und
Spiele gaben, um sich darzustellen, zu üben. Die Dichter kämpften a« den
Bacchusfesten und agierten mit eigener Thätigkei/. — Bei den Römer« war
ma« nur, wie bei uns, Zuschauer; dergleieöe« bei Tanzen, Schaz/spielen,
Kärnpfen. Nero haZ erst spät wieder gespielt, aber zum Skandal aller. Zur
Ehre rechneten sich die Griechen zu siegen; der Römer hielt sich Gladiato-
ren; das kein Interesse habende Volk mußte Etwas doch haae«, und dieses
war durch Menschenhetzen geschafft, die mit Thieren kärnpfen mußten.
Diese Spiele unter den Kaisern wurden mit weithergebrachten Thieren ge-
ziert. Tausende von Gladiatoren kämpften und mordeten sich zum Ergöt-
zen der Menge. Hunderte von Bären mit 200 Löwen, 100 Elepha«ten, Ti-
ger, Straussen, Dromedaren wurden zusammengebracht. Anders und freier
war es bei den Römer«.145 —
| 76 | Anziehend sind die religiöse« Gebräuche, die sich aus der glückliche«
Zez'Z des Saturn erhielten. Dadurch zeigt sich der Natzzrsinn der Römer, der
sich an ländlichen Sitten ergötzt. Noch jetzt feiern die Römer diese Feste.
Die Saturnalien sind Überbleibsel aus einem früheren Zustande. — Die Pa-
trizier machten sich die Religio« auch nützlich. Sie gaben a», der Donner sei
nicht gut gewesen etc. - Es gibt Züge in der römischen Religio» auch, die mit
der griechischen zusammentreffen, wie Vesta; aber nur durch die Dichter ist
dieses aus den Grzechen genommen worden. Was die Götter thun, ist eine

Dieses Wort ist teilweise durchgestrichen.


Mißverständnis, hier müßte stehen: bei den Griechen.
148 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Maschinerie, die die Menschen angesetzt. Ganz äußerl/ca gebraucht sie


Vergil. — Mit der allgemeinen Pietät der Götter verbindet sich die Familien-
pietät. Die Pietät der Römer haZ Etwas Ungebundenes; das Famizzenver-
hältnis ist auch nicht frei und schön, nicht Empfindung der Liebe, die
eine Grundlage in der Familie ist. In den römischen Gesetzen liegt das Prin-
zip der Härte, AbhängzgkeiZ, Unterordnung. Die Ehe haZ den Chara^Zer ei-
nes sklavischen Verhältnisses gehaaZ. Die Frau, das ist ein mancipium gewor-
den (in manus convenitf?], in seinen Besztz). Sie war gekauft (coemtio) wie
eine Sache oder ein Sklave. Der Mann haZ das Recht über Leben und Tod
über die Frau. War sie Ehebrecherin oder dem Trunk ergeben, so konnte
er sie am Leben strafen. Lebte er mit einer Frau ein Jahr, so gehörte sie
ihm, als wenn sie gekauft wäre. War sie aber drei Tage im Jahre außer
Haus, so war sie eine matrona, die nicht ein mancipium war; sondern sie
hatte einen Besitz, eine Würde, und alle Jahre war sie drei Nächte außer
dem Haus, und war in väterlicher Gewalt oder in der Vormundscha/Z der
Agnaten. Dzeses ist gegen die Sittlie/jkeiZ, da sie ja ganz dem Mann angehö-
ren sollte. Das Heirathsgut gehörte dem Manne, wenn er sich scheiden
ließ, was leicht zu thun war. Ohne Eigenthz/m waren die Söhne, die nur
mancipium der Väter waren, keine Würde bekleideten, außer der Flamen
Dialis und der Vestalin, die nicht mancipium des Vaters, sondern des
pontifex maximus waren. Dreimal mußte der Sohn verkauft werden, um frei
zu sein. Es war nur eine Formalität freilica. — Dze Söhne und Töchter
(heilen die Erbschaft nach dem natürlichen Recht. Aber bei den Römern
herrscht die Willkühr des Testierens ohne Einschränkung. Gegen den sittli-
chen Grz/na"chara^Zer des Familien Prinzips ist die ganze Einrichtung. Der
Römer ist ein Despot im Haus, aber recht gehorchend gegen den StaaZ; er
mußte sich aufopfern. Es ist eine starre Einheit des Individuums mit dem
Staat, welche die römische virtus ist. Militärisch ist die ganze Haltung.
Was nun das Geschic/izlicae betrifft, so ist das, was in den ersten ZeiZ-
raum fällt, in mehrere Momente zu scheiden. In Rom sind Könige, dann
Konsuln in der republikanischen Verfassung, und hierin der Kampf der
Patrizier und Plebejer, der damit endet, daß letztere thei/ an den Vorrechten
der Patrizier haben. ZufriedenheiZ der Partheien trat ein, und nun gewinnt
Rom Stärke gege« die az/sländ/schen Feinde, um siegreich über das früher
we/Zhistoriscae Volk zu erschei»e«.
Die Könige haaen in einer Zez'Z gelebt, die in UnsicherheiZ eingehüllt ist;
mag es einen Romulz/s gegeben haben oder nicht, die Tradition ist da, Ro-
mulz/s haZ den Verein von den Räubern gebildet. Die Details mögen sich
nun auf irgend eine Weise gestaltet haben. Es war ein KriegsstaaZ. Erst
Numa tritt mit dem religiösen ElemenZ ein; sonst erscheinZ in den Geschich-
ten das Mysthische, die religiösen Anfänge, in Zeiten, wo ma» vom StaaZ
noch nicht spreche« kann. Hier erscheinen diese spät. Man gibt 1 Könige an.
Die Späteren sind vollkommen geschic/iZlic», so daß die höhere Kritik ihre
Existenz nicht weg bringen ka»».
ROM 149

9/2

Romulus soll 100 patres ernannt haben. Den Unterschied" zwischen Patrizi-
ern und Plebejern haZ er bestimmt festgestellt. Wie Numa Pompilzz/s die re-
ligiösen AngelegenheiZen anordnete, so Serviz/s Tulliz/s die politischen. Nach
dem Census werden die Antheile an der öffentlichen Staa/sverwaltung be-
stimm/. Die Patrizier sollen sehr unzufrieden mit ihm gewesen sein. Er ver-
thezlt Staa/sländereien unter die Bürger. Er richtet Centurien ein, so daß die
ersten 98 Klassen hatten 146 und die Patrizier das Übergewicht bekamen, je-
doch war nicht der Endbeschluß ausschließlich in ihren Händen. Mit Ser-
viz/s Tulliz/s fängt die bestimmte Geschichte an. Der Staat scheint in Blüthe
gewesen zu sein. Die Selbständigkez/ des Staats nach Außen wurde gesichert,
aber auch im Innern geschah viel. Große Bauten wurden angestellt. Die
Plebejer kamen damit zum Vermögen.
| 7 7 | Die meisten Königewaren Fremde. Romulus Stifter des Bundes. Nu-
ma war azzs den Sabinern. Tullus der Sohn eines Fremdlings. Tarquiniz/s
Priskus stammte aus einem korinthischen Geschlechte. Servius Tullius war
aus einer kleinen eroberten latinischen Stadt.
Unter dem letzten König hatte Rom eine Konsistenz und Blüthe gewon-
nen. Merkwz/rdzg ist der Akt, daß mit den Karthagern ein Bündnis geschlos-
sen wurde. Früh hatten sie eine verständige Einrichtung, und so war eine
frühe Geschic/3/schreibung möglica.
Unter dem letzten König wurde die Plebs mächtzger gegen die Patrizier,
da es mit ihr die Könige oft hielten, wodurch sie aus Armuth hera/zskamen,
die Patrizier aber unterdrückter und der Senat unnöthiger. Dieses brachte
den Sturz dem Tarquini//s. In Spannung gegen ihn waren jene, und es be-
durfte einer Gelegenheit um einen Aufstand zu erregen. Das Heiligthz/m
der Fami/ie war von einem Tarquinier verletzt, 507 vor Christus'41 wurden
so die Könige vertrieben. Aus der Monarchie enstand eine Republik; aber
keine andere Veränderung wurde wirklica vorgenommen, als daß die Macht
der Könige den zwei Kons»/n übergeben wurde. Der Staat war in sich durch
das Band der Gewohnhez/ und Verwandtscha// fest geworden.
Es tritt nun eine für die Geschichte trübe Ze/7 ein; wenig Geschica/li-
ches kommt. Krieg der Republik mit den vertriebenen Königen beschäftigen
die Römer zuerst, und sie scheinen den Römern ihre gemachten Eroberun-
gen entrissen zu haben. Porsenna eroberte Rom und nahm die Waffen den
Römern, deren Stärke vorher das Gefühl ihrer königlichen Macht war. Die
Patrizier bedrückten sie nun, und die Kämpfe mit den Plebejern endigten
damit, daß sie ihnen Volkstribunen gaben. Die Hauptursache zur Unzu-
friedenhe/7 waren die Schulden, mit denen die Plebejer belastet waren, von

,in sechs Klassen, wovon die erste zusammen mit den Rittern 98 Zenturien
ausmachte' (TWA 12, 360).
TWA 12,362: 510 vor Chr.
150 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

denen die harten Gesetze sie nicht befreien konnten. — Kleinere Kriege
wurden geführt.

10/2

Die Gallier nahmen Rom. — Im Inneren sind Kämpfe, wodurch die Stärke
sich nicht nach Außen konzentrieren konnte. - Die Haz//j>/momente dieser
inneren Kämpfe lagen also in den Schulden, in der Unabhä'ngigke/7 der
Plebejer von den Patriziern, in deren Hand sich die obrigkeitliche Gewalt
befand, ebenso dem Grz/nd"eigenth/zm, das dem Volke mangelte, welches
noch dazu stets in den Krieg hinaz/sgerissen wurde, und zwar ein The/7,
aber doch nicht stets, von der Beute erhielten. Die Gewerbe konnten nicht
blühen. Die Krieger erhielten noch keinen Sold, erst später bei Veji. Die
Patrizzer hielten sich Sklaven, oder waren sie arm, so bearbezteten sie selbst
das Land, wie Cincinatz/s; oder sie gaben ihn den Plebejern, die eine Steuer
davon gaben und die ihre Klienten waren und dann ihre Tochter ausga-
ben. - Die Regierungsgewalt war in den Händen des Senats, der Konsuln
und Patrizzer. Die mit dem Konsz/lat ursprz/'ng/ic» verbundenen Ämter wur-
den allmählig losgelöst, wie das Rechtsprechen der Prätoren die Aufmerk-
samkeit der Censoren, die einem jeden eine Centurie anwiesen, die Ädilen,
die die Polizei und Bauten unter sich hatten, wie die Magazinen etc. Diese
Ämter erhielten die Patrizier. - Wie sich der Senat ergänzt hat, ist unbe-
stimmt. Von Romulus ist er auf 100 bestimmt; die folgenden Könige ver-
mehrten ihn. Die gesetzlicae Zahl war 300 unter Tarqz/iniz/s Priscus. Nach
den Könige« ergänzte Juniz/s Brutus den von Tarquinzz/s Superbus vermin-
derten Senat. In spätere» Zeiten (nach dem zweiten punischen Kriege) wur-
de durch einen Diktator der Senat ergänzt durch diejenigen, welche die ku-
rulische Würde bekleidet hatte. Die plebeisc/ie» Ädilen und Quästoren er-
nannt dieser auch zu Senatoren. Cicero war ein Plebejer, der durch seine
Talente Würden bekleidete, und ohne Weiters in den Senat kam, der unter
Cäsar 800, unter Augustus 600 stark war. Zwar gehörte ein bestimmtes Ver-
mögen [dazu], um Senator zu sei»; aber auch arme kamen hinein. Es ist
eine Nachläss/gke/7 der römischen Geschichtschreiber, daß sie nicht ange-
ben, wer im Senat Sitz und Stimme hatte. Aber dieser Punkt war den Rö-
mern nicht so wichtig, wie er uns scheinen kann, indem wir in solchen for-
mellen Bestimmungen der Politik ganz genau alles angeben. Die Alten ha-
aen überhaupt nur darauf gesehen, wie regiert wird", nicht wer regieren soll.
Die Staa/sgewalt war so in der Hand" der Patrizzer, - Das Volk machte des-
ha/a einen Aufstand, indem es aus der Stadt zog. Der Kriegsdienst ist sel-
ten verweigert worden, ungeachtet das Volk so gedrückt war. Zähe haae«
nur die Patrizzer in ihren Rechten. Etwas abgegebe« und dennoch das Volk
beschwichtigt, welches einen Respekt vor der Ordnung und den sacris
hatte, diesen Staa/shandlungen und Würden, die mit den Gebräuchen der
Religio« umgeben waren. Die Plebejer haben durchgesetzt, was sie forderten.
| 78 | Schulden sind ihnen zuweilen erlassen worden; Gesetze gegebe«, in-
ROM 151

dem Männer mit großer Macht versehen werden, die 12 Tafelgesetze zu


schreibe«. Vo/^stribunen erhielten sie, die der Senatssitzung beiwohnten,
Komitien hielten und den Senatsbeschluß durch das Veto aufheben konn-
ten. Eine sehr bedeutende Gewalt, die durch die allmählig wachsende Zahl
der Tribunen auf 10 wieder geschwächt wurde, indem einige Tribunen ge-
wonnen wurden von den Patriziern. Sie brachten die provocatio an das
Volk zu Stande, so daß man nach dem von dem Prätor gefällten Urtheil an
das Volk appellieren konnte. Das Volk erhielt allmählig die Würden der Pa-
trizier, darauf kämpft es um das lizinische agrarische Gesetz148, mehr noch,
als die Gelehrten darüber gekämpt haaen in neuerer Ze/7.

11/2 149

Der Grz/ndbesitz befand sich hauptsächlich in den Händen der Patrizier. Die
agrarischen Gesetze gingen darauf aus, den Plebejern Ländereien zu erthei-
len, thei/s in der Nähe Roms, thez/s in den eroberten Gebieten. Der Haupt-
punkt, um den es sich in neueren Zeiten wegen des Sinnes dieser Gesetze
handelt, ist, die Patrizzer sollten einen Thei/ der Staa/sländereien herausge-
ben und Niemand sollte mehr als 500 Morgen Landes besitzen. Von dem
Privateigenthz/m sollten sie nichts heraz/sgeben. Ein solches heiliges Recht
würde man in Rom nicht angegriffen haben. Hegewisch lsn hat das schon
vor Niebuhr dargestellt. Auffallend ist es, daß die Data aus Appian und
Plutarch von Niebuhr genommen sind. Wir haaen Livius; er spricht oft von
den agrarischen Gesetzen, ebenso Cicero. Diese sollen nicht bestimmt genug
gesprochen haaen, um dies daraus konstatieren zu können. Es kommt doch
nur auf eine unnütze juridische Entscheidu»^ heraus; Solche Ländereien,
die hunderte von Jahren im Besitz gewese« sind, müssen vom Eigenthz/m
wohl unterschiede« werden. Das bloße dominium ist leer, wenn es nicht
dominium utile ist. Es handelt sich also bei der ganzen großen Entdecku«^
um den Unterschied" zwischen Besitz und Eigenthz/m, der hier gar nicht real,
sondern nur im Gedanken ist. Daher kommt bei Livius und Cicero nichts
über diesen Unterschied" vor. Die Patrizier sollen die Äcker heraz/sgeben, sei
es Besitz oder Eigenth//m, das ist es, was in den agrarischen Gesetzen gefor-
dert ist, und was endlica durchging. Licinius Stolo, auctor legis, ward selbst
bestraft, weil er sich in größerem Besitz befand, als nach seinem Gesetz er-
laz/bt war. Darin sind die Patrizzer genau gewesen. Bei den Spartanern, bez
denen die Abstraktion noch nicht weit gediehen war, handelte es sich nur
darum, daß sie das Recht an Etwas, als einen Inhalt hatten, daß sie die Sub-
sistenzmittel, nicht bloß die Fähigkeit zu besitzen, sondern den wirkliche»

Die lex agraria des Volkstribuns Licinius Stolo


Es fehlt hier wie auch bei den folgenden beiden Vorlesungen die Angabe des
Datums.
D. H. Hegewisch (1746-1812), Historiker
152 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Besitz inne hatten, nicht wie heute, wo ma« nur darauf sieht, daß jeder sein
Recht erhalte.
Das ist also das Resultat dieser Periode, daß die Plebejer das Recht er-
hielten, mit Staa/sämtern sich zu bekleiden, daß sie die provocatio erhiel-
ten und Antheil am Grz/«dbesitz, wodurch sie ihre Subsistenz gewinnen
ko««ten. Das war am Ende des 4. Jh. nach dem Erbauen Roms. Die Plebs
war zufrieden; der Senat mußte sich darein ergeben, und so hatte Rom sei-
ne innere Konsistenz erlangt. Jetzt traten die Römer erobernd auf. Ihre
Größe besteht in der virtus, der Tapferkeit, die zugleich dem Staat und
dessen Behörden gehorchend war, dem Kriegsgericht besonders. Diese
virtus macht den Geist der Gesamthez'/ aus. In dieser Bürgertugend haae«
sich Individuen, die a« die Spitze gestellt sind, als diese großen Männer aus-
gezeichnet.
Die Kriegskunst hatte bei den Römer« auch eine eigenth/zmlic/ie Seite
gege« die makedonische Phalanx, welche in solchen Massen aufgestellt war,
daß die Front 8 Mann tief war, und der Spieß des achten Mannes noch bis
zum ersten reichte. Es war Massenhaftzgkei/ mit Unbeweglicakei/ verbun-
den, wogege« bei den Römer» das Zusamme«halten mit Leichtigkei/ sich zu
schließen verbunden war. Diese hatten leichte Truppen, welche den An-
griffmachten, worauf sie sich entfernten, um in die Zwischenräume der Li-
nien aufgenommen zu werden. Darauf rückten die Schwerbewaffneten vor,
schleuderten erst ihre Lanzen und griffen dann zum Schwerdt.
Die Kriege mit den Nachbaren folgen, und hierbei ist in der römischen
Geschichtschreibung zweierlei zu bemerken. Wie Advokaten deduzieren sie
stets das Recht, das sie hätten, den Krieg zu führen, und sie nennen nur die
Namen der Feinde, nicht ihre Individualität, ihre Geschichte und Lebens-
weise; ga«z anders wie Herodot, der ein lebendzges Bild von jedem Volk
entwirft. Obgleich die Römer 1 '/•> Jahrhundert mit dem alten, italische» Urvol-
ke, den Etruskem, Krieg geführt haben, so erzählt Livius uns doch nichts
von ihnen. Dzeser beschreibt die einförmigen Kriege, und diese Trocken-
heit belebt er nur durch eingestreute Reden. Die Kriege mit den Samnitern
(in 40 Jahren), mit den Galliern machten sie zu Herren überall, und beson-
ders ging ihr Streben nach Westen, wo sie in Sizilien Fuß faßten, Corszka
1791 und Sardinien nahmen, nach Spanien übersetzten, durch welches
Streben sie mit dem großen Staat Karthago, der seine Macht weit übers M/7-
telmeer azzsgedehnt und die Römer zwang, aus einem Landheere eine See-
macht zu schaffen, was jedoch in älteren Zeiten leichter als bei uns ist, in-
dem jetzt große Zurüstung, Übung und Kenntniß dazu gehört.
Die zweite Periode wira" durch die Epoche des zweiten punzsc»e» Krie-
ges bezeichnet. Dzeses ist der Punkt, der Entscheidung der römischen Ge-
schichte. Die Römer legten hierdurch den Grund zur We//herrscha//. Durch
den ersten punischen Krieg kamen sie durch ihre Seemacht Karthago gleich;
durch den zweiten besiegten sie es und kamen in Berührung mit Griechen-
land", Syrien und Ägypten. Karthagos Macht war auf das Meer basiert und
den Handel. Sie hatten kein ursprüngliches Gebiet und kein Kernheer; ihre
ROM 153

Soldaten waren besiegte Völker oder Miethstruppen. Mit diesen zog Hani-
bal nach Italien, hielt sich 16 Jahre und setzte Rom in Schrecken; durch Par-
theiz/ng in Karthago ward er nicht unterstützt und gezwungen durch das
Talent der Scipionen, die in Spanien und Afrika kämpften und sich mit den
einheimischen Königen in Verbindungen einließen, mußte er zurückkom-
men, um Karthago zu vertheidigen. Er wurde jedoch bei Zama geschlagen,
nachdem er nach 36 Jahren wieder Karthago gesehen hatte. Auf seinen Rath
machte man Frieden mit den Römern. Hierauf gelang/e Rom zur unbestrit-
tenen Herrscha// über den Westen.
Der Krieg mit Philipp von Makedonien war durch die Schlacht bei Ky-
noskephalai beendigt. Antiochus von Syrien, der 400.000 Mann und viele
Schif/e völlig az/sgerüstet hatte, ward bei den Thermopylen und bei Magne-
sia gänzlich geschlagen und mußte die Hälfte seiner Schiffe az/sliefern. —
Der neue Kampf mit Makedonien ward darauf beendet; denn der dritte pu-
niscae Krieg mit dem 17 Tage lang brennenden Karthago für immer ge-
schlossen, und nun begann der Streit mit dem freien Griechenland". Die Ver-
anlassung gab die Eifersucht, welche den achäischen Bund rege machte.
Korinth, Theben und das Euböische Chalkis wurden zerstört, und so
durch Karthagos Fall im Westen, durch Korinths Zerstörung im Osten, das
Gebäude der Herrscha// fest begründet. Roms Zwee/fe war nicht mehr die
Erhaltung als Civilmacht, sondern des Herrschens — um des Herrschens-
willen — als Militärmacht, welchen Z.weck jeder Militärstaa/ hat. Daher die
großen Feldherrn, die wichtigen Individuen, die jetzt erscheinen. Rom hat
stehende Armeen, in die Provinzen wurden Prokonsuln und Proprätore«
geschickt. Die Finanzleute, die Ritter, verbreiteten sich in alle Theile der
Herrscha//, um die Einnahmen, die sie gepachtet, einzutreiben. Ein Netz
von Einnehmern zog sich über die römische Welt.
Von jetzt an tritt auch das größte Schauspiel von unerhörten Bürger-
kriegen auf, verbunden mit den Kämpfen äußerer Mächte. Gerade, wo
Rom ganz gesichert zu sein schien, tritt von Innen heraus die größte Ge-
fahr ein; diese ist nur durch Partheien entstanden. Die erste Veranlassung
gab die reiche Erbschaft des Königs Attalus von Pergamus. Tiberius Grac-
chus schlug vor, diese Erbschaft unter die römischen Bürger zu vertheilen,
und ward dadurch ein neuer Urheber von Ackergesetzen. Sein Haz/ptzwec/fc
war, Italien nicht mit Sklaven, sondern mzt freien Bürgern zu bevölkern.
Erst in der letzten Ze/7 waren die Gesetze, daß kein Bürger mehr als 500
Morgen Landes besitzen sollte überschritten worden. Gracchische Unruhen.
Tiberius Gracchus ermordet, wie auch des Gaj//s Gracchus. Diese Männer
wollten die Gesindelhaftigkez/ der Bürger aufheben. — Das Verderben
dringt nun gewaltzg ein; kein Hazz/j/interesse, das Vaterland etwa, trieb
mehr das Individuum; nur der persönliche Eigennutz jagte ihn, Eroberun-
gen in Griechenland und Spanien zu machen. Genuß war der Sporn.[?]
Doppelte Truppen mußten die Bundesgenossen stellen, während die Rö-
mer ihr Privatinteresse verfolgten. — Jugurthas Bestechungen zeigen das
Verderben Roms. - Der Krieg mit den Cimbrern und Teutonen brachte
154 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Rom in große Gefahr. Die Schlachten bei Aix und Vercellae retten es. Zu
gleicher Zeit brachen die Kriege des Mithr/dates und den Bundesgenossen
[aus], die gleiche Rechte mit den | 80 | Bürgern verlangen. In den Schlachten
mit den Bundesgenossen sollen 30 000 römische Bürger gefallen sein. Mit-
ten in diesen Kriegen kommt die Nachricht, daß durch Mithrzdates 80000
römische Bürger in Kleinasien ermordet seien. — Marius und Sulla. — Athen
ward vom Sulla so belagert, daß die Belagerten mit Menschenfleisch sich
sättigen mußten, und eingenommen, jedoch verschont „um ihrer Väterwil-
len". Sulla nimmt darauf Rom und führt die Proskriptionen ein, d. h. me-
thodische Ermordungen. - Mithr/dates, der Besiegte und nicht Überwun-
dene rüstet sich wieder, während 18 Jahre lang der tapfere Partheigänger
Sertorius in Spanie« gege« die Römer sich hält, bis er meuchlings ermordet
wird. — Mithrzdates, vom Pompejz/s besiegt, nimmt sich das Leben in Panti-
kopäum. - Sklavenkrieg in Italie«, Gladiatoren, Spartacus und Phrixus, be-
sonders in Gallien. Seeräuber in den griechischen und syrischen Gewässern. —
In dieser ungeheuren Verwirrung innerer und äußerer Kämpfe walzt sich
die römische Geschichte fort. Aber es ist die geregelte Kriegsmacht Roms,
die den Sieg behauptet. — Die Spannu«_g zwischen Pompe/z/s und Cäsar be-
ginnt. — Wie beim Verderben Grieche«lands große Individuen das Interesse
auf sich zogen, so auch jetzt in Rom, wo das sittliche FJend aufs höchste
gestiegen war. Das Volk hatte den Sinn fürs öffentliche Leben verloren.
Das Quantita/ive der ^Iz/sdehnung spannte das Interesse ab, die römischen
Bürger hatten keine Industrie; die Subsistenzmittel mußten geliefert wer-
den. In den Provinzen waren ewige Kämpfe, die durch auswärtige Mächte
unterstützt wurden, wie Spanze« durch Afrika. Die römischen Großen waren
in sich entzweit, so daß die Entscheidz/w^en des Volkes und des Senats auf
dem Forum durch Gewalt zu Stande kamen. - Pompejz/s stand a« der Spitze
einer Parthei, die auf ihrer Seite das Recht glaubte. Caesar hatte Gallie« er-
obert, Britan«ie« zum The/7 unterworfen und Deutschla«*/ diesseits der Al-
pen aufgeschlossen. Beide, weder Cäsar noch Pompejz/s, konnten in den
ruhigen Privatstand zurz/cktreten. Caesar ging über den Rubikon und ero-
berte die römische Welt in allen ihren Theilen, Spanze«, Italic«, Gr/eche«-
la«a", Asien bis Armenien, Afrika, von wo er durch Spanien als Sieger nach
Rom zurz/ckkehrte. Nicht auf dem Forum oder dem Kapitol wurde dieser
Krieg entschieden; er allein entschied alles. Daß er jetzt a« die Spitze
kam, darf nicht als zufällig angesehen werden. Es erhielt sich noch die Be-
wußtloszgkez/ oder Zufäll/gkei/ in der Demokratie. — Wir sehen den Cicero
als angesehenen Mann in Friedenssachen auf dem Forum; er hzelt den
Umsturz der Republz£ immer noch für Etwas zufälliges. Seine Schriften,
besonders seine Privatbriefe, seine Reden, die größtenthe/ls Staa/sangele-
genhei/e« behandeln, seine Werke über die Staa/sverfassungen zeigen, daß
er die vorherrschende Ansicht gehabt, die Spitze des Verderbens auf Indi-
viduen beruhen zu lassen. Er ahmte hierin dem Plato ndch, dem es aber
ga«z klar war, daß der Staat nicht mehr in diesem Zustande bestehen
kann. Cicero glaubt aber nicht a« die Unmöglicake/7 der Erhaltz/«g des Staats
ROM 155

und denkt an eine momentane Abhülfe. — Aber es ist nicht zufällig, daß
Cäsar die Republik gestürzt hat. Cato sagt, seine Tugend soll verflucht sei«,
denn er hat sie zum Verderben des Vaterlandes angewendet. Es ist aber
nicht das Genie, nicht die Tugend, die Rom gestürzt hat, sondern die
Nothwe«d"igkez7. Seitdem Roms Bürger kein allgemeines Interesse mehr
hatten, seit das Prinzip des Herrschens alles belebte, mußten nothwendig
die Individuen einzelne Lichtpunkte bilden, a« die sich alles anschloß und
die alles beherrschten. Indem kein wahrhafter, alle interessierenderf?]
Zweck vorhanden war, zerfiel das Ganze in individuel/e Interessen. — Bei
den Grzechen ging das Allgemeine auch in das Individz/elle über; aber die-
ses brachte bei ihnen die plastische Kunst hervor. - Die Römer, ohne Frei-
he/7 des Geistes gingen nicht aus auf Werke der Kunst und Wissenscha/Z-,
ihre Kz/«sZwerke waren geraubt, aus Griechenland geschleppt; ihr Reich-
thz/m war nicht eine Frucht der Industrie, sondern des Raubes, nicht wie
die Athener, die durch ihren Handel reich, durch ihre Industrie blühend
und groß in der Einrichtu«_g ihres Lebens waren. Eleganz und Bildu«^
lernten die Römer von den griechischen Sklaven, die ihre Lehrer, Anagno-
sten etc. waren und welche Homer, Pindar, Aschylus Sophokles auswendig
wußten. | 81 | Gewöhnlich hatten sie 9 Sklaven, die die 9 Haz/pZwerke, je-
der eines, von den griechischen Dichtern auswendig ko««ten. In Delos war
der Sitz des Sklavenhandels, der so stark war, daß oft a« einem Tage
10000 verkauft wurden. Auf solche Weise haae« die Römer Kunst und
Wissenscha/Z gehaaZ; so sind in Rom Leidenscha/ten az/sgebrochen, da bez
ihnen keine Frezhez'Z der Subjekte war, noch eine freie PrivatthätigkeiZ, und
so ko««te Rom eine Republik nicht mehr sei«. Daher jetzt die auctoritas
und dignitas der Individuen. Das Haz//>Zansehen hatten die Imperatoren.
Beim Cicero kommt es zum Bewz/ßtsei« und zur inneren Anschauung, daß
die AngelegenheiZen des Staats entschieden worden sind durch die auctorz/as
der Vornehmen, welche hinter sich einen Haufen Gesindels zur Unterstüt-
zung hatten. Selbst die edlen Römer hatten den Glauben, daß das Individu-
um den Staat gestürzt hatte, und daß das Feldherrntalent und der wilde
Charakter des Cäsar die Republik vernichtet; deshalb haben sie in diesem
merkwz/rd'igew Irrthz/m den Cäsar ermordet, ohne ein Mittel zur Befestigung
ihrer That angewendet zu haae«. Aber daß sie sich geirrt, daß die Allein-
herrschaft nothwendig war, zeigt die doppelte Wiederholz/«_g; es kam ein an-
derer an die Spitze, und nun änderte sich die Meinung, da dasselbe zweimal
geschehen war, ebenso wie in neuer Zeit zwischen Napoleon und den Bour-
bonen.

Die Dritte Periode ist marquiert durch die Alleinherrscha/Z Augustus. Sie
beginnt in der ZeiZ, wo die Berührung mit dem nächste« welthistorischen
Volke, den Germanen. Diese Periode zeigt zwei Seiten, eine weltlicae und
eine geistige. Es spaltete sich mit der Vereinigung der Gewalt in einem die
römische Welt in sich selbst, es entstand in dieser Spaltu«^ das Prinzip einer
neuen Religio« und das absolute Umstürzen alles Vorhandenen. - Das
Weltlicae hat wieder zwei Seiten, die des Herrschers und die Bestimmung
156 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

der Individuen als Privatpersonen mit Rechten. Der Kaiser ist a« der Spit-
ze der römischen Welt. Seine Gewalt ist militärisch. Die Verfassu«g ist an-
fänglich nicht geändert. Augz/sZz/s und Tiberius lassen den ga«zen Formalis-
mz/s des StaaZs, Senatoren, Konsuln Censoren, Tribunen, Ädilen, aber es
ist eine substa«zlose Form. Vor den Senat wurden die Angelegenhe/Zen ge-
bracht, und der Kaiser ist nur wie ein anderes Mitglied des Senats. Aber er
haZ in Roms Nähe ein Lager und er steht a« der Spitze einer militärisc/>e«
Macht. Weil es ihm' 31 beliebt, gehorcht der Senat. Das Mittel, ihn zum Ge-
horsam zu bringen, waren die ins Haus geschickten Soldaten, welche sie
ermordeten. Sehen jene es voraus, so bringen sie sich selbst ums Leben,
retten ihr Vermögen, machen ein Testament, und den Kaiser zum Miter-
ben. Dem Tiberius waren die Römer am meisten feind. Gege« ihn spricht
Tacitus am bittersten; sein System war Heuchelei und Verstellu«^. Er be-
nutzte die Schlechtigke/7 des Senats zum Verderben derer, die er verder-
ben wollte. Aber seine Mittel, die in Roms Nähe stehenden Soldaten, sei-
ne Leibwache, die Prätorianer, waren sich bald ihrer wirklichen Macht be-
wußt, um sie selbst zur Besteigu«g des Throns anzuwenden, wodurch die
Disziplin der Legionen sich auflöste. Anfa«gs hatten sie Scheu vor der Fa-
mi/ie des Cäsar Augustus; als aber kein Zweig mehr übrig war, trat die zü-
gelloseste Willkühr ein.
Wenn die Macht der Kaiser militärzsc/> war, so sind sie bei ihrer großen
Gewalt oft sehr naiv gewese«; Augustz/s beklagt sieb, daß Horaz noch kein
Gedicht a« ihn gerichtet, da er doch so viel Würde noch habe, um eines
Gedichtes würdig zu sei«. Tiberius schrieb an den Senat: alle Götter und
Gö'ZZinnen sollen mich verdammen, wenn ich weiß, was ich euch schreiae«
oder nicht schreiben soll. — Sie umgaben sich mit orientalischem Pompe,
und ihren Günstlingen gewährten sie alles. Den Senat wollten sie eini_ge-
mal wieder a« die Spitze stellen, aber vergeblich. Die Ernennung der Sena-
toren stand in der Willkühr des Kaisers; sie durften keine Kriegsdienste
thun und sich nicht auf eine Tagereise dem Lager nähern. Die Volksver-
sammlungen wurden eingestellt; es kam keine politische Institutio« zusam-
men; kein sittliches Zusammewhalten war vorhanden. | 821 Der Wille des
Kaisers stand über alles; vor ihm war alles gleich, und das ist aber der Des-
potismz/s, wo alle Bürger gleich sind, dieser ungebundene maaßlose Wille,
wie wir ihn im Oriente gesehen haben. Diese Gleichheit aber trug dazu bei
im römischen Staat, daß die Sklaverei aufgehoben wurde. Der Tod war un-
ter solchen Umständen vollkomme« gleichgültig; Nero starb, ermordet,
ohne Angst und Zagen. Die Genüsse waren Abgeschmacktheiten und
Graz/samke/ten. Nero hat sich auf Gold herumgewälzt, um zu sehen, wie es
sich auf Gold herumwälze. Das war eine Art Genuß; aber ka»« so was Ge-
nuß sein? Solche Individualität, solche Willkühr, füllt die Geschichte die-
ser Zeit aus. — Es gab auch Kaiser von edlem Charakter, wie Trajan, Titus,

M: Über den Wörtern ,ihm' und ,beliebt' ist das Wort .diesem' eingefügt.
ROM 15 7

die Antonine, die gegen sich selbst streng waren, ohne jedoch eine bedeuten-
de Veränderung im ganzen Zustande hervorgebracht zu haben. Auf ein freies
sittliches Zusamnzenleben dachten sie auch nicht. Sie waren nur in dieser
Ze/7 des Schmerzens und der Sehnsucht ein Zufall. Unter einigen Kaisern
hat sich das Volk auch wieder erholt, wie unter Domitian, der aber auch
Scherz und Ironie mit dem Senat trieb, wie die bekannte Erzählung vom
Gastmahl beweist.
Allein solche einzelne Lichtpunkte haben im Ganzen wenig geändert.
Italien wurde nach und nach ganz entvölkert; die übrigen Provinzen be-
drückt. Unbebaut die Ländereien; jeder konnte sich Lähdereien nehmen,
hatte er sie zwei Jaare bebaut, so waren sie sein Eigenthz/m. Wie ein Fatum
waltete dieser Zustand über der ganzen römischen Welt.
Das andere Moment ist die Bestimmung der Individuen als solcher. Sie
waren nur Privatpersonen, aber mit politischen Rechten, (wie wohl unter
dem wunderlzcae« Karakalla aller Unterschied" der Bürger aufgehoben wur-
de). Das Eigenthümlicae dabei ist, daß das Individuum eine Person ist, d.h.
eine rechtliche Person. Diese abstrakte Freiheit des Individuums hat sich hier
festgesetzt, die Bestimmung der Person, die Eigentzzmlicaes haaen kann.
Das allgemeine Fatum der römischen Herrscha// war im Willen des Kaisers
konzentriert, so daß die individuelle abstrakte Freiheit etwa an sich ein zu
Respektierendes war, aber keineswegs nach seiner empfindenden Totalität
seines Inneren. — Diese trockene Individualität ist in ihren Verhalten
höchst az/sgebildet worden in dem römischen Recht in Beziehung auf Personen
und Sachen. Denn in der Abwesenhe/7 des sittlzcae« Lebens bleibt nichts
übrig, als das abstrakte Recht, wo aber der Geist, das Glück der Individz/e«,
oft was Gleichgültiges ist. Die Haz/p/momente stehen sich nun so gegen-
über: abstrakte Allgemeinhei/ der Herrscher; in ihrer ungeschränkten Will-
kühr, und der Personen reine konzentrierte abstrakte, einfache Innerlica-
kei/, die auf das Recht des Besitzes sich stützt, wobei es gar nicht darazzf
ankommt, daß sie Etwas besitzen, wenn sie nur das Recht des Besitzes ha-
ae«.
Was jetzt vor dem Bewußtsei« der Römer stand, war kein Vaterland
mehr, sondern sie ergaben sich dem Fatum; Gleichgültigke/7 gege« das Le-
ben entstand hieraus; auf sinnliche Genüsse waren sie angewiesen, und da-
her die Bemühung, sich die Mittel dazu zu verschaffen, als: Dienste bei den
Kaisern, Gewaltthätigkei/, List, Erbschleicherei. Verworrenhei/ im höch-
sten Grade kam dadurch in alle Verhältnisse. Was vorhanden war, war ein
Bruch mit der Welt; blos sinnliche Befriedigu«^ mit dem Wirkliche« war das
Bestreben aller. Es war nun der Drang des Unglücks, in sich eine Befriedi-
gu«_g zu suchen; Etwas Substa«zielles verlangte ma«, wovor der Mensch
Achtung haae« ko««te. Daher die Erscheinung des Stoizismus, Epikuräis-
mus und Skeptizismus. Alle drei gehen auf dasselbe, den Geist zu befreien
und gleichgültig zu machen gege« Alles, was die Welt darbietet. | 83 | Diese
Gleicagültzgkei/ fand der Mensch in dem Denken, das das Allgemeine her-
vorbringt. Unter den Gebildeten war daher diese Philosophie az/sgebreitet.
158 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Nach dem Stoizismus ist nur das Gedachte das Feste und Wirkliche, was
nicht erschüttert werden kann. — Diese Unerschütterlicake/7 des Menschen
in sich selbst hat die Philosophie gewirkt. Die Freiheit von allem Dasein
ist der Zweck des Stoizismus, Epikuräismz/s und Skepti^/'smz/s, wenn gleich
die Mittel verschiede« sind. Aber von wenigen Menschen ist diese Ruhe
des Geistes in sich gegenüber aller Gege«wart zugänglich. Erfordert wer-
den dazu eine hohe Bildung, ein Studium, Übung und Askese des Geistes,
um auf diesen Standpunkt zu kommen. Dieses Unglück, dieses Fatum,
dieser Schmerz der römischen Welt löste sich auf in einer gemeinsamen
Sehnsucht nach einer Befriedigung, die aber nur in dem Geiste gereicht
werden kann.
Dieses Fatum der römischen Erdrücku«g aller Götter, alles geistigen, hei-
teren und freien Lebens hat den Boden bereitet für das aufgehen einer
geistigen Welt und höherer Befriedzgu«_g, eines Friedens, den die Weit
nicht geben ka««. Dieser ganze Zustand ist die Geburtsstätte, dieser
Schmerz die Wehen eines höheren Geistes. Der Geist selbst aber wurde
geboren in der christliche« Religio«. Es ist die Versöhnung der Welt mit
Gott. Es heißt: „als die Zez7 erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn". Das ist
aber die Erfüllung der Zeit, es ist die konkrete Zeit, die wirklich vorhande-
ne Bedingung zur Aufnahme dessen, was diese Sehnsucht stillen ko««te.152

17/2

| 841 Die Römer wurden abergläz/aisc/i, indem das Äußere getrennt von dem
Innerliche« war. Das Recht soll einen unendliche« Werth haben; aber die
Perso» ist nicht der Geist, nicht das Konkrete. Das römische Fatum hat das
Gemüth ins Unglück versetzt, indem ihm alles zufällig, nicht fest und blei-
bend gege« des Imperators Gewalt war. Die Sehnsucht nach einem Festen
zeigt sich; aber a« alles kommt der Skeptizismz/s; alles Wirkliche wird durch
das Bewußtsei« des Allgemeinen negiert. Dieses Allgemeine zeigt sich im
Denken, in der Philosophie der damaligen Ze/7, die eine innerlic/je Freiheit
gibt und war der Stoizismz/s; das Subje^/ soll sich als denkendes verhalten,
a« nichts Besonderem haften, nach dem Epikur, es soll keine Furcht und
Schmerz haben, denn diese kommen dann, wann ma« a« einem Festen
hält; aber wenn ma« sich von allem los sagt, so hat man an nichts Interesse,
und ma« ist nur im Allgemeinen. Dieses Leben im Allgemeinen gehört
dem Denken, der Wisse«scha// a«. Ma« muß ein Studium der Philosophie
hindurch gemacht haae«; ma« muß aber auch das Wissen als ein unmittelba-
res haae«, als den Glauben an Gott, daß er das Allgemeine ist; daß er diese
Grz/«d"bestimmung hat, daß er nur für de« Geist, für das Denken ist. Jene
abstrakte Allgemeinhei/ ist einseitig, indem sie nichts Konkretes hat, sie

1,2
Diese Seite ist nur zu einem Drittel beschrieben. In der Mitte steht: ,Fehlt
Ns.'
ROM 159

muß die Mdcht über das Besondere, das Zeitliche, haben. Die Weltlichkeit
bleibt so auf einer Seite stehen, und durch diese Negation der Weltlicake/7
kommt ma« zu dem Allgemeinen, welches die Macht über jene haZ, als
über ein unmächtiges. Durch diese allgemeine Macht, muß man so wissen,
daß durch sie Alles gesetzt ist und erhalten bleibt, so daß die Weltlicake/7[?]
nicht ihr entgegewgestellt, sondern von ihr gesetzt ist. Diese allgemeine
Macht, (so bestimmt als die Setzerin alles Daseins, welches in sie zurück-
geht und nur ein Momentanes ist,) wira" als Subje^Z gewußt, GoZZ, der
Schöpfer des Himmels und der Erde, welche nicht für sich sind, sondern
nur gesetzt, erschdffen. Diese Macht als Subje^Z ist nicht abstra^Z. Sie
bringt eine Welt hervor und läßt nicht Etwas sich gege«über stehen, son-
dern hebt diese selbst auf, so daß die Macht selbst in dem Weltliche« ist, in-
dem die Welt in die allgemeine Macht zurz/ckkehrt. GoZZ so ist für de« Ge-
danken, nicht für die Vorstellu«^, aus Stein gemacht, schön, sondern rein
nur für de« Gedanken. Dieses ist ein orientalisches Eleme«Z. Das Licht und
Finsternis sahen wir bei de« Persern. Zur AllgemeinheiZ des Gedankens ge-
reinigt ist dieses Eleme«Z in dem jüdischen Volke. Hier ist der Punkt, wo
dieses Volk in die Weltgeschichte eingreift. Lange war es auf einen Punkt
beschränkt, und jetzt endlich hat sich die Geschichte zu dem Boden dieser
AllgemeinheiZ gebildet. Dieser GoZZ für de« Gedanken haZ ein Verhältnis
zum Subje^Z in seiner Einzelnheiz. GoZZ ist das Allumfassende für de« Ge-
danken und das Herz, in wiefern sich dieses zu dieser AbstraktheiZ erhebt,
zu dieser Bildu«^, daß es selbst ein Allgemeines ist; daß seine Triebe, Lei-
denscha/ten verschwinden, die nur ein Besonderes sind. GoZZ in dieser Rein-
heiZ ist dem Herzen unangemessen. Das Herz sehnt sich zu jenem Reinen;
es reinigt sich selbst deshalb, daß das Subje^Z selbst jene ReinheiZ aufnehmen
ka««. Diesen Kampf des Herzens, seiner Begierden mit dem Verlangen, daß
es selbst rein sei, diesen Kampf sehen wir in de« Psalmen, Propheten, in
dieser eigentliche« Lyrik der Seele, die nach dem GötAichen ringt. Zur Be-
friedigung des Geistes geht ma« noch weiter, daß der Geist als Geist ge-
wußt werde. Nicht ein bloßes Ringen, nicht eine Sehnsucht bloß hat ma«,
sondern ma« muß die Gewißhe/7 haae«, daß das Herz fähig sei dieser Rein-
heiZ, daß es diese FähigkeiZ hat153 , (potentia, öüvauic.). Dzeses nennen wir
an sich, daß es an sich gemäß sei der göttliche« Natur, daß das Wesen der
menschliche« und göttliche« Natz/r identisch sei, daß der Mensch nicht
überhaz/jöZ, sondern an sich mit der göttlic/ie« Natz/r indentisch sei, d. h. daß
er in GoZZ sein ka««. Jenes Ringen bleibt nur Sehnsucht, wenn ma« nicht
die Gewißhe/7 haZ, daß in dem Mensche« dieses hervorgebracht werden
kann. Zu dieser Ansicht ist das Unglück in die Welt gebracht worden, um
im Geiste Frieden zu erlangen, daß die Trennu«_g des innern lebendigen
Subjekts von dem A« und FürSich Allgemeinen aufgehoben werde. | 8 5 |
Friede ka«« nur werden, wenn das Herz in sich jene AllgemeinheiZ aufneh-

Oder (vielleicht besser): ,habe'


160 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

men ka»». Voraus muß es also wahr sei«, daß die Sehnsucht gestilli wird".
Daß dieses wahr sei, ist zur rechten Ze/7 den Menschen erschie«ez. Ein
Mensch, der GoZZ ist, und ein GoZZ, der Mensch ist. Zum Bewußtsei» ist
gebracht worden, nicht auf eine philosophische Weise, sondern für d e un-
mittelbare Vorstellu»^ eines Vorhandenen, daß dieses wahr sei. Alle tonnen
nun das Bewußtsei« haben, wenn sie jene Sehnsucht haben, daß ihre Sehn-
sucht befriedigt werden kann. Ein Geschehenes ist es, nicht ein bloßes
Spekulatives. So ist
Christus

in der Welt erschienen, und diese Versöhnung ist somit angekündigt worden.
Der Friede ist hergestellt. Die menschlicae Natz/r ist a« sich der göttliche«
Natz/r fähig. Dieses ist der allgemeine Begriff des Christenthz/ms. Der
Mensch haZ in sich die Hoheit, das Ebenbild Gottes zu sei» und seiner Na-
tur angemessen zu sein. Man muß den Akzent legen auf dieses An Sich,
d. h. nicht auf eine natürliche, angeborne Weise, sondern daß der Mensch
hervorbringen muß, was a» sich möglich ist. A« de« ein Menschen ist nun
zu realisieren diese Einheit durch jenen Prozeß des Herzens durch Buße.
So wie diese Einheit a» sich, unmittelbar, möglich ist, so ist sie auch nicht
GoZZ angemessen; sie ist geistig worden. Dieses ist die Erbsünde des Men-
schen. Das natürliche Herz ist das Böse, die ursprüngliche Sünde, und ma«
muß es zu einem nicht Natürliche» machen. Die Begierden sollen nicht sei».
Im Subje^Z ist diese Natürlic/jke/7 vorhanden, welche durch den Prozeß ver-
nichtigt wird", indem das Subje^Z die in Christus offenbarte Wahrhe/7 wisse,
glaubt, daß er in Christus versöhnt ist, und daß die Einheit mit GoZZ mög-
lich ist, daß ma« sich zu GoZZ erheben und Gottes Liebe erlangen ka««.
Dzeses ist dem Mensche« offenbar/ worden. Man sa^Z jetzt, ma« weiß
nicht, was GoZZ sei. Aber GoZZ hat sich ja offenbarZ, und deshalb weiß ma«.
Hätte er sich nicht offenbarZ, so würde ma« nicht von ihm wissen, nicht a«
ihn glauben, so würde gar keine Religio» vorhanden sei«. Dzeses Prinzip ist
in die Welt nun gekommen. Diese ist eine Angelegenheit der Weltgeschich-
te, durch welche sie umschlägt und einen zweiten The/1 zeigt. Das Theo-
logische, Dogmatische geht uns nun nicht a«. Die a« sich seiende Einheit
der menschlicae« und göttlichen Natz/r bestimmt Gott so, daß er die Macht
als Subje/feZ, als Schöpfer ist, worin noch nicht die Einheit mit der
menschlicae« Natz/r liegt. Es ist nur ein einseitiges. Das Andere ist nun das,
daß er sich von sich unterschieden hat, er hat sich aufgeschlossen, er haZ ei-
nen Sohn geboren; er haZ sich selbst zum Gegensta«d" gemacht, indem er Be-
wußtsei» seiner hat. F^r muß sich deshalb so[?] von sich unterscheiden. Das
Unterschiedene ist aber er selbst, und in diesem Andere» weiß er und
schaut sich selbst an, das ist die Liebe. Der Geist unterscheid sich von sich
und weiß sich in dem Andere«. GoZZ wird" als Geist, in dem Einen, gewußt.
Dieses Prinzip wird nun in der Geschichte realisiert.

18/2

Das Prinzip der Versöhnung enthält diese Religio«. Die grzechisc/ie Reli-
gio« haZ das Prinzip der Schönhez'Z und HeiterkezZ. Diese HeiterkezZ ist ein
Natürliches; diese nun im Geistzgen ist die Versöhnung. Anthropomor-
162 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

phistisch war die griechische Religion, die durch die Fantasie und durch das
Spiel, nicht durch den Ernst gemacht war. Die Natz/relemente lagen unmit-
telbar darin, und weil das Menschlicae nur äußerlich daran war, so ist die
Religio« nicht anthropomorphistisch genug gewesen, indem das Anthro/jo-
morp/)istische nur äußerlich war. Der christlicae AnthropomorpAismus war
größer, indem der Mensch bestimmt worden ist als Inhalt des Göttlichen.
Zur Natz/r GoZtes gehört nun der Sohn. - Der Religio« der Schönheit tritt
die der Wahrhe/7 gege«über, wo Begriff und Erscheinung identisch ist.
Dieses nun ist geistig gewußt worden. | 86 | Der griechische StaaZ war frei,
demokratisch, blühend, glücklich, genial; aber unmittelbar und natürlich
war die FreiheiZ. Jetzt herrscht die absolute Freiheit, die FreiheiZin Gott. Der
Mensch weiß nur in der absoluten Macht sich selbst, in der göttlicae« Natz/r
das Menschliche; in der Liebe ist er bei Gott auch bei sich. Zum Bewußtsei«
seiner kommt er, daß er dem göttlicae« Wesen angehöre. Freiheit ist so das
allgemeine Grz/«dprinzip der christliche« Religio«.
Durch Sklaven und Orakel war die griechisc/je FreihezZ bedingt. Die Frei-
hezZ der Willkühr ist das Letzte in der christliche« Religio«. - Religio« und
Vernunft setzt ma« entgege«, als wenn diese dem Mensche« angehören;
aber es ist nur eine Untersche/dz/«<g.1S4 Die Einheit des Wesens enthält das
Wesentliche des Göttlichen und menschliche« Geistes. Also ist keine Tren-
nu«_g. Die Religio« legt ma« nur ins Herz des Individuums; derselbe Inhalt
aber ist Vernunft, daß dieser Inhalt angewendet wird" auf das wirkliche Le-
ben; auf die Vernunft, auf das Bewußtsez« seiner und der Welt. Derselbe
Inhalt spiegelt sich und bringt sich hervor im geistigen weltlicae« Dasein, in
der Vernunft. Das Herz ist ein Tempel der FreihezZ, der Religio«. Der Staat,
das Leben ist ein Tempel der FrezhezZ mit dem göttlicae« Inhalt. Dze sittliche
FrezhezZ im Staat ist so bewährt durch die Religio«. Der Staat ist nur die
v4z/sführung im Leben dessen, was die Religio« ist. Es ist das Ziel und das
Geschäft der Geschichte, daß die Religio« als Vernunft sei. Im Herzen soll
dieses Prinzip, und in der Vernunft, in der WirklieakezZ sein. Zwei Tempel
sollen erbaut werden, im Herzen und im Leben. Die ganze folgende Ge-
schichte zeigt die Entzweiung beider und zugleich die Versöhnung.
Im Staat haben wir nun zu betrachten die Gesetze, wie schon gesagt ist;
was sittlich ist, soll als ein Expliziertes gewußt werden, als ein Gesetztes,
daß es nicht bloß in der Gesinnu»_g des einzelne« liege. Die Menschen wol-
len von Gesetzen beherrscht werden. Die Gesetze, welche von dem Geist ge-
wz/ßt werden, als Etwas, das von ihm ein Gegenstand ist, nach dem er han-
deln soll und sich richten laßt, haae« diese Form nun des Gewz/ßtwerdens.
Der patriarchalische Zustand ist nicht der bessere. Was a« sich ist, muß Ge-
genstand werden. Der Inhalt der Gesetze muß nun die FrezhezZ sez«, welche
der existierende Geist expliziert. Das System der FrezhezZ ist der Inhalt der
Gesetze.

Oder: ,ein Unterschied'


CHRISTUS 163

Der Mensch ist frei nun, was die Orientalen, Römer und Griechen
noch nicht gewußt haben. Er ist des Eigenthums fähig und hat selbst einen
unendliche« Werth; er ist geistzg und ist zur Versöhnu«g bestimmt. Durch
nichts Anderes ka«« er gebunden werden. Der Mensch ist Person, d. h. in
seiner abstrakten Freiheit, aber er ist auch frei in dem Besondere«, in seine«
Talenten, Richtungen, Willen, Bestrebungen, Beschäftigungen. Er ist
allenthalben frei, und frei ka«« er seine Kräfte az/sbilden. Sein Charakter
kann sich entfalten. Stoff, Gelegenhe/Z, Veranstaltu«^ wira" ihm dazu gege-
ben. In Ansehu«_g der äußerlichen Subsistenz ist er frei; durch seinen Fleiß
lebt er; auf sich steht er, und unabhängig ist er in der Abhäng/gkezZ von
der Natur. Eine allgemeine Handhabu«^ der Gesetze ist deshalb nothwe»-
dzg, indem die AbhängigkezZ von der Natzzr immer besteht. Die Gesetze der
Freiheit der Individuen treten gege« sie ein. Die Gesetze bilden ein System.
Die Gesetze vollbringen sich nicht selbst, sie sind gewußt, sie sind ge-
schrieae«; dieses sind allgemeine Bestimmungen. Ihre Thätigkei/ ist in de«
Subjekten, die sie vollbringen und handhaben müssen. Der Wille des einzel-
nen in dieser unendliche« Freiheit ist willkührlich; er ka«« böse sei«, das
Thier ka«« nicht böse sei«. Am bösesten ka«« er sei«, wenn er sich als ein-
zelnes Subje^/ weiß; das tiefste Böse, das eigentlich Böse, diese Spitze, auf
welche sich der Mensch gege« das Gesetz stellen ka««, ist nur in dem Kreise
der unendliche« FrezhezZ, im Christe«thz/m, nicht in de»/ griechische« Staat
möglich. Äußerlzca handhabt ma« das Gesetz gege« das Böse. | 87 | Das
Gesetz ist ein Formalismz/s gege« die Gesinnung. Das Gesetz ist ein Allge-
meines. Im Willen muß es Sitte, Gesinnu«^ sei«. So muß das Gesetz zur Ge-
sinnung werden. Eine Gesinnu«^ ohne positive Gesetze ist der patriarchali-
scae[?] Staat. Das Gesetz ohne Gesinnu«_g ist nur formell. Der ungeheure
Irrthzzm unserer ZezZ ist, daß ma« Gesetze machen muß, daß diese nur das
Bestimmende seien. Schon der Richter ka«« nicht als Lineal das Gesetz
handhaben; sondern er muß als Subje£/ Einsicht und Bildung und Gesin-
nung des Rechts haben. Konstitutionen werden gemacht von solchen oft,
die keine sittlicae Gesinnung haben, wodurch der Staat zerrüttet wira". Den
Gesetzen entsprechend muß die Gesinnung sein, die aber solche Macht ist,
daß nur durch sie die Gesetze realisiert werden.
In der FrezhezZ ist das konkrete Gesetz, welches die FreihezZ will. Die Ge-
sinnung ka»» wahrhaft und unwahrhaft sein, den Gesetzen entspreche» oder
nicht. Es kommt nun darauf an, daß die rechte Gesinnung vorhanden sei«
könne. Das Böse ist vorhanden; aber jene muß vorhanden sein können;
und er ka»« es, wenn der Inhalt des Gesetzes wahr ist. Im griechischen Le-
ben trat es ein, daß die Gesinnu«^ sich getrennt hat von dem, was im Staat
gegolten hat, weil der Gedanke die Götter entfernt wissen wollte. Wenn
die Gesinnu«^ zum Denken übergeht, trennt sie sich von dem Bestehen-
den, wenn es nicht wahr ist. In der Wirklic/jkei/ soll nun die WahrhezZ rea-
lisiert sei«. So verhalten sich der Inhalt der Gesetze und die Gesinnu«_g. Bei-
de sind und können wahrhaftig sein. Es gibt nicht zwei Gewissen. Die Gesin-
nung entwickelt die Gesetze, zu der das Individuum kommt. Diese fortdau-
164 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

ernde Erziehu«^ zur Wahrheit gibt die Geschichte, und dieses ist die
Grundlage für das, was hervorgebracht worden ist.

21/2

Das weltliche Leben ist durch die Religio« von dem Prinzip der FrezhezZ
aus entwickelt worden. Die Bestimmung der FrezhezZ sind die Gesetze, wel-
che nicht jene beschränken, sondern realisieren. Die Willkühr, das Böse,
werden freilica beschränkt, sie sind aber nicht die Freiheit. - Die Gesinnu»_g
enthält das Wollen des Rechts, was die Gesetze haae« wollen. Die Gesinnu«^
ka«« wahrhaft sein, indem ihr die Wahrheit offenbar ist. Gesetze ohne Ge-
sinn//«g sind nur formell, abstrakt, todt sie!. In diesen beiden, Gesetzen
und Gesinnz/«g besteht aber noch nicht der Staat, indem die Gesinnu«^ nur
innerlich ist. Die Form des Staats nun ist monarchisch nach dem christli-
che« Prinzip. Die Despotie war in Asien, die Demokratie in dem schönen
Grzechenla«d"; die Aristokra/ie, worauf die Despotie folgte, in Rom. Die
vierte ist die Monarchie.
Das Staa/sleben ist ein Geschäft des Vo/fesgeistes, was er zu betreiben
hat, sein Werk setzt sich immer mehr fort, ist ein Produkt und produziert
wieder das Leben. Jeder steht innerhalb dieses Werkes und ka«« daran
Anthei/ nehmen, und diese macht ihn zu dem, was er in seinem Volk ist.
Die Größe des Gedankens, das bewußte Sei« dieses VoZ&lebens ist die Ver-
fassu«g, die von der Intell/genz, von der Grundlage der Gesinnu«,g, der
Wahrheit abhängt. Daß die Verfassu«^ diesem gemäß sei, das ist die Ent-
wicklung des Geistes. Jedes Volk hat seine dem Geiste angemessene Ver-
fassu«_g, deren es würdig ist, die es verdient, die es errungen. — Im Staat
sind Individuum und Regierung, die das Geschäft des Ga«zen betreibt und
das allgemeine Geschäft veranstaltet, thei/s die Gesetzgebu«,g, thei/s die
Ausübung derselben durch Behörden. Kommen Stände des Reichs vor, so
gehören sie zur Regieru«^, denn sie bestimmen die Gesetze weiter fort,
nehmen a« der Administration thei/, indem sie ihren ylz/sführungen die
Gestalt eines Gesetzes geben. — Jedes Individuum hat nach seinem Willen
ein Geschäft im Staat, und aus de« Finanzen werden sie vergütigt. Die Fi-
nanzen sind nun durch kein Gesetz bestimmt, denn alle Jahr kommen neue;
aber ma« gibt ihnen die Gestalt eines Gesetzes. Die Regieru«g umfaßt des-
halb zugleich Gesetzgebu«^ und >4z/sführung. -
Die Monarchie ist thei/s ein Mechanismz/s gege«über den Individuen; äu-
ßerlich macht sie Gesetze geltend: „Dieses muß geschehen, sonst kömmt
Zwang." Hier ist also eine äußere Thätzgkez/. — Das Subje^/ ist aber in sich
frei; es hat die Einsicht, das Räsonnement, Willkühr, welches alles sie zu
anderen Ansichten treibt. Gege« diese aber handelt der Staat, diese substa«-
zie//e Totalität, dem gemäß alle handeln müssen. | 88 | Gehorsam also muß
in der Monarchie sei«, aber er ka«« auch vernünftzg sei«, indem ma« mit
der Einsicht gehorcht, daß das Gesetz vernunftgemäß ist. — Wenn die
wahrhafte Gesinnu«^ in diesem Gehorsam ist; das Gewissen nämlich und
CHRISTUS 165

die Religio«, wenn diese dabei sind und die Verfassu«_g aus der Wahrhe/7 der
Religio« hervorgegangen ist, so muß die Verfassu«g auch wahrhaftig sein. Die
einzelnen Gebilde der Gesetze sind dem Verstand überlassen, sie können so
und so gemacht werden. — Der Gehorsam ka«« sei« währhafte Gesinnu«^,
indem er weiß, daß Wahrhe/7 seinem StaaZ zu Grunde liegt. Alle haae« zu
gehorchen bis auf den, der a» der Spitze steht, und sie regieren auch als
Behörden. - Die Individuen, die a« der Spitze stehen, haae« ein Gewissen,
dem die WahrheiZ zu Grunde liegt. Das Zutrauen der Regierenden und Ge-
horchenden liegt nun auf der Basis der Wahrheit, dieses Zutrauen ist
nothwe«d/g im Staat. Im Staat sind die Gesetze; der Staat aber ist ein Indi-
viduum; er berührt vieles andere und ist von vielem abhängig. Es ist nun
eine Sache der KlughezZ und des Verstandes, sich gegen diese Verhältnisse
gut zu stellen; das Vernünftige macht sich von selbst, so wie die Entwick-
lung des Vernünftigen im Staat, welcher selbst eine entscheidende Gewalt
haae« muß, oder es muß ein Orakel im Staat sein. Die Tiefe der inneren
FreihezZ haae« die Griechen nicht gehabt, um aus ihr sich zu beschließen;
von Außen ließen sie sich bestimmen. In der Monarchie muß in einem die
letzte Entscheidung liegen. In einer Gesellscha// ka«« durch Majorität Et-
was beschlossen werden; aber die letzte Entscheidu«^ hier ist «zzr ein Ge-
meintes. Die Entscheid««^ ka«« nur einem Subje^/ gehören, und dieses ist
unser Orakel. Wo nicht durch die Nat//r, durch die Geburt dieses Subje^/ be-
stimmt ist, da fehlt die Einheit im Staat. Es ist dann nur eine Mehrheit von
Besondernhe/ten, die a« der Spitze stehen, und deren Interessen gemäß ih-
ren Leidenscha/ten und Ansichten sich reiben; es ist eine veränderliche
Spitze. E,iner hält dieses für wesentlich, ein Anderer ein anderes; keiner
weicht, keine Vereinigung ist möglica; der Kampf entscheide/; der Staat
wird ruiniert. Die Gesinnu»^ überhaupt und die vollkomme« freie Entwick-
lung aller Talente, Einsichten, Bestrebu«gen muß vollkomme« erhalten wer-
de». Dieser Gähru«_g ist das Eine entgege«gestellt, und fehlt dieses, so wälzt
sich jeder Staa/skörper immer herum. So geht aus dem Bewußtsei« der Frei-
hezZ dieses Prinzip hervor.
Aber nicht mit der Religio« selbst können gleich die Folgen eintreten. Das
Prinzip der christliche» Religio« hat die Forderung der Entwicklung. In an-
dere« Religio«e« gilt es dafür, was jetzt als wahr gewußt wira", daß dieses un-
veränderlich ist, aber die Veränderzz«g tritt nach dem Begriff von selbst ein;
jedoch hier ist diese Entwicklung selbst bedingt durch den freien Geist, der
sich aus der UnmeryfebarkezZ heraz/sarbeitet zur WirklicakezZ.

22/2

Was nun vorhanden ist, kann nicht im Geiste gesehen werden. Innerlich
und abstra/fe/ ist das Auftreten dieser Religio«. Sie tritt auf, entfernt vom
weltlichen Dasein und sogar polemisch gege« jenes Dasei«.
Einfach zuerst tritt das Prinzip als die Versöhnz/«g des Herzens mit
Gott auf, als die ReinhezZ des Geistes. Christus ist aufgetreten im jüdische«
166 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Volke mit der unendlzc/ie» Parrhesie: „selig sind, die reines Herzens sind,
denn sie werden Gott schauen." Einfach und gege» alle Autorztat der Welt-
lichkeit spricht er die SelzgkezZ dem aus, der reines Herzens sei» wira". Dzeser
Spruch, gesprocAe« dem Volke, ist ein Maaßstab dem Volke gegen alle Ban-
de, die ma« ihm auflegt, indem es sich von allem Übel befreit hält; nur selig
sind die Friedfertigen, denn das Himmelreich ist ihres. Ihr sollt vollkom-
me« sei« wie der Vater im Himmel vollkomme« ist. Dieses ist ga«z klar, nicht
durch Exegese anders zu erkläre«. - Der Geist soll sich in die einfache
Reinheit erheben. — Wie dieses hervorgebracht werden soll, das Mittel ist
noch nicht ausgesprochen, nur das absolute Gebot. Die Beziehu«g dieses
Standpunktes gege« das weltliche Dasein, so ist die Reinheit als Grundlage
anzusehen. Trachtet nach dem Reiche Gottes, d. h. alles Andere macht sich
von selbst. „Die Leiden dieser Welt sind nicht schwer gegen jene Herrlich-
kei/." Diese Leiden sind also gar nichts gege« jene SelzgkezZ. In dieser rei-
nen abstrakten Form spricht sich diese Lehre polemisch und sogar revolu-
tionär aus. - Giebt Dir deine Hand ein Ärgernis, schneid sie ab. Die Rein-
he/Z der Seele, der sie einen Ärger geben, soll jenen vernichten. | 891 „Sor-
get nicht für de« anderen Tag", denn die Fürsorge sorgt für alle. „Gib dein
Gut den Armen und folge mir nach." Die Folge wäre dann die Umkeh-
rung des ersten Verhältnisses. Die Reichen werden jetzt die Armen sei«.
Das Verhältnis von Geschwistern und Eltern ist aufgehoben durch die Er-
hebung zu Gott; er löst das sittlicae Band auf dadurch. - „Das Schwert
bring ich auf die Erde, Krieg der Brüder gege« Brüder." Thei/s also ist ge-
fordert Abstraktion von sittliche« Banden; das Weitere ist dann die Ent-
wicklung dieses Prinzips.
Die nächste Entwicklung ist diese, daß diese Prinzipie» den Freunden
Christi angehören, die eine Gesellscha// az/smachen und eine Gemeinde,
und dadurch ist ihr Se/as/bewußtsei« in Betracht genommen. In sie ist nun
diese WahrhezZ eingekehrt. Diese Lehre ist nun als Geist vorhanden. Hier-
mit verbindet sich die nähere Bestimmung dieses Inhalts. Nach de»/ Tode
Chris/7 kommen sie erst zur WahrhezZ. Durch die sinnliche Gegenwart haae«
sie die Lehre als WahrhezZ aufgenommen, indem sie ihn sehen und a« ihn
glauben. - Aber erst durch seine Entfernu«^ sollte der Geist der WahrhezZ
sie leiten. Christus hat sterben müssen und ihnen entrückt werden. Jetzt erst
ko»»te der Geist der Wahrheit in ihnen entstehen. Der Mensch ka«« zu
Gott in einem affirma/ife« Verhalten kommen, indem die Einheit der göttli-
cae« und menschlicae« Natz/r a« sich möglich — diese WahrhezZ ko««te erst
durch die Abwesenhe/Z Chris/z möglich gemacht werden. — Das Andere von
Gott mußte erscheiwe«, um Gott lebendig darzustellen. Aber dieses Andere
ko««te nicht bleiben, sonst[?] wären es zwei; das Andere muß verschwin-
den als das sinnliche Äußere, und er kommt (wie man so sagt) zur Rechten
Gottes. Nicht auf die ^Iz/ssprüche Christi allein muß ma» die christlicae Re-
ligio» zurz/ckführen. Denn der Glaube dieser Apostel ist erst geläutert wer-
de» nach dem Tode Chris//, und diese von dem Geiste gelehrte WahrhezZ ist
die entwickelte.
CHRISTUS 167

Das Bewwßtsei« dessen, was Wahrheit ist, ist das von dem Sein Gottes in
seiner Einheit. Dieses Bewußtsei« entwickelte sich in der Gemeinde, die sich
im römischen Reich fand. Hierin liegt das Moment der ^4z/sbreitu»g der
christlie/je« Religio« in der römischen Welt. Entfernt vom Staa/sleben, abge-
sondert, durch Wahrheit und Liebe zusamme«gehalten, lebten sie, und als
solche reagierten sie noch nicht gege« de« StaaZ; erst da sie verfolgt wurden
wegen ihrer Trennung vom Staat, da traten sie als leidend auf. Sie opferten
ja nicht dem Kaiser und zeigten ihm keine Ehrerbietu«,g. In der FrezhezZ
lag ihr Leben. Passiv tapfer litten sie das Härteste als Märtyrer und för-
derten dadurch den Fortgang der christlicae« Religio«, durch den Anblick der
Römer, die sahen, wie standhaft diese Menschen und ergeben sind, in ihr
Schicksal ergeben. Aber die wahre Förderung ward vom Inhalt gemacht,
der dem Geist des Mensche« zusprach, als Versöhnung zwischen Gott und
Mensch. Nicht auf Wunder, nur auf dem Geist und dessen Zeugnis beruht
die Religio«.
Die Gemeinde hatte Vorsteherf?] und war im ganzen demokratisch.
Das Theoretische ward bis auf einen Grad az/sgebildet. Die v4//sbildu«g des
Staats aus diesem Prinzip ist ein vollkomme« Späteres. Die Haz/p/az/sbildu«^
ist die der Lehre. Die Kirchenväter und die Konzilien haae« die Dogmen
festgesetzt. In dieser Ausbildung war ein Haz//>/moment, daß die vorherge-
gangene Philosophie weiter fortgesetzt wurde. In Alexandria haben sich der
Orient und Okziden/ dz/rc»drungen; in die Tiefe der Philosophie drang
man dort weiter ein, in diesem Räthsellande Ägypten, dessen Räthsel die
Griechen gelöst haaen. Der Mensch war das Höchste. Jetzt ist der reine
Geist als das Höchste erkannt von der spekula/zVe» Philosophie, der die
pythagoräisc»e, platonische aristotelische Philosophie zu Grunde lag. Die ver-
schiedenen Meinungen über Philosophie haaen doch die Einheit der plato-
nischen und aristotelisc/ien Philosophie erkannt, deren Grz/na"inhalt die Leh-
ren der christlichen Religion sind.

23/2

Die Religion muß ma» wissen und ein Bewußtsei« von ihr haae»; das ist die
Lehre der Religio«. Eine hohe geistige Ausbildung der Philosophie war
schon vorhanden, und in der alexandrinischen Schule hat sie ihre Vollen-
du»,g erlangt. | 90 | Die griechische Philosophie, von de« Juden schon vor de«
Alexandrinern az/sgebildet, wie von Philosophie der Logos und das Prin-
zip der Thätigkeit in Gott und seine Manifestier««^ haae» nun diese Rich-
tu»^ genommen; daß sie a» die heidnische Religio» herantritt und die My-
thologie verwirft, wie es Plato gethan, so daß ma« viele des Atheismz/s an-
klagte, weil ihre Ideen von der griechischen Mythologie verschiede« waren.
Die Vo/j/äsreligio« sollte sich nun dem Gedanken, der Idee bewahren. Ma«
suchte in de« griechische« Göttern nachzuweisen, daß in ihnen eine speku-
lative WahrhezZ zu Grunde liege, wie der Kaiser Julian diese Seite aufgefaßt
hat. FrömmigkezZ und philosophische y4z/sbildu«,g, sa_g/e ma«, müssen zusam-
168 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

me»fallen. Die Heiden haae» nun durch das Christe«thz/m Veranlassu«^ ge-
haaZ, nicht mehr als sinnlicae Vorstellz/w^en die Götter zu nehmen, sondern
sie zu vergeistigen. Vernunft liegt allerdings ihnen zu Grunde; denn aus
dem Geist des Menschen sind sie hervorgegangen; aber daß sie nur dunke-
len Hintergrund bilden, ohne daß die Vernünftigke/Z heraz/sgeprägt ist, die-
ses muß ma« von de« Göttern sagen.
Man hat nun in dem Geschic/izlichen der christlicae« Relzgio« einen tiefen
Geist gesucht, wie Philo in der Schöpfungsgeschichte eine Tiefe, eine
Idee, gefunden, so daß die äußerliche Erzählu«_g in sich selbst sich verinnert
und idealisiert. Dasselbe thaten die Christen, thei/s gege« die heidnische Bil-
du«^, thei/s a« und für sich. Die geoffe«barte Religio« muß eine Befriedigz/«^
für de« Geist haben. So ist das Dogma von der spekulaZ/W« Idee aus az/s-
gebildet worden. Diese Dogmen sind thei/s durch Faktionen, thei/s durch
Konzilien äußerlich veranlaßt worden. Als Ursache von Dogmen ka«« ma«
ein Äußerliches nicht annehmen, als Bestimmung von einem Geistigen.
Die neuplatoniscae und neue pythagoräiscAe Philosophie, sagt man, ist Ver-
anlassu«^ zu de« Dogmen geworden, so daß die Dogmen aus jener Philoso-
phie hereingekommen wären, und diese gingen eigentlich die Christenhez'Z
nicht an, da sie aus einem Fremden gekommen sind. - Ist aber dieses a«
und für sich wahr? und bestreitet dieses die eigentliche Lehre der Religion. -
Der gebildete vernünftige Geist muß sein Bedürfniß in der geistigen Reli-
gio» befriedigt finden1"; ist dieses aus der fremden Philosophie genommen,
so macht dieses nicht aus. Ist nun dieses nur als ein fremder Zusatz ge-
nommen, so ist dieses demnach nicht wahr; es ist mehr als ein Zusatz.
Das Spekulative ist innigst vereinzgt mit der Gestalt Christi. Diese Gestalt
haZ schon Johannes tiefer gefaßt. Der XöyoC, ist GoZZ, und der >.6yo£ war
zuerst. So ist Christi Gestalt mit dieser SpekulaZion vereinigt; und für die
äußerliche Anschauung kam das GeschicAzliche hinzu, wodurch die Religio»
für das Volk umgeschaffen war, indem die Spekz/lation äußerlich gemacht
worden ist. Dem Bewußtsez« ist diese Gewalt angethan, daß es weiter geht.
— Ein Kirchenvater, der noch nicht als Kind Christ war, kam zu einem
Philosophen, um die WahrhezZ zu hören. Aber da er keine Mathematik ver-
stand, ward er abgewiesen. Julians Priester waren Philosophen. Aber nicht
für das Allgemeine, für das Volk, ist solche Philosophie. Sie ist durch das
Christe«thz/m in die We/Z[?] eingeführt worden, so daß sich das Herz in sie
vertiefen konnte. Für jede Stufe der Bildu«^ bis zur Philosophie haZ das
Christe«thz/m Grunz/lagen[?] geliefert.
So breitete sich in der römischen Welt das Christe«thz/m aus, bis sie 324
auf de» Thron kam, und haZ sich gegen die Bemühu«_g, das Heidenthz/m
selbst zu vergeistigen, erhalten. Die ganze gebildete Erde war unter der
Herrschaft der Römer vom Weltozean bis zum Euphrat und Tigris, tief
nach Afrika hinein und bis zum Bassin der Donau a« Thrazien, Dakien,

M: finden befriedigt
CHRISTUS 169

Pannonien, dann über Deutschla«a" herrschte eine Macht und fast eine
Bildu«^. In diesen Grenzen verbreitete sich die Christenhe/7. Konstantino-
pel ward Residenz, nachdem Rom überhaupt aufgehört haZ einzige Resi-
denz zu sei». In Asien, Deutschla«d" haae« die Kaiser lange gehaust. Rom
hatte nicht mehr die absolute Autorität. Die bestimmte zweite Residenz
ward durch Konsta»tin gemacht aus Byzanz, das weit erweitert worden ist.
Die Bevölkerung bestand aus Christen; kein Idol war hier mehr und kein
Tempel. | 91 | Aus ganz Asien kamen Scharen, um sich niederzulassen. 364
Valenthinian theilte sich mit Valens, dem Bruder, das Reich und residierte
selbst in Mailand, jener in Konstantinopel. Theodosizzs der Große haZ
(395 f) bleibend diese Theilu«_g unter seine Söhne gemacht. Er schloß voll-
komme« die heidnischen Tempel, verbot de« GoZZesdienst in Tempeln, so
daß die heidnische Religio« gänzlich verschwunden ist. Die heidnischen Phi-
losopben sind erstaunt über diesen Kontrast; Die Tempel, sa_ge« sie, sind in
Gräber verwandelt worden; befleckt sind mit de« Reliquien = Knochen der
Märtyrer die Tempel, die staZZ des Gottes gekommen sind. Mönche sind
Urheber dieser Religio«. Was sonst verächtlich war, ist Gegenstand der
höchste» Verehru«^ geworden. Das Erhabene ist in de« Staub getreten. So
sprecae« mit tiefer Klage und unbegreiflicher Verwunderz/«g die heidnischen
letzten Philosophen.

24/2

Arkadius der Ältere, Kaiser des Orients bis Persien; Honorius des Ok-
zident. Darauf brach die Verwirrung ein mit auswärtigen Nationen. Die
Gothen empören sich, dieses ska«di«avische Volk, und kommt durch Po-
len[?] hinunter in das römische Reich; zz/rz/ckgedrängt über die Donau,
wollten sie auf dem rechten Ufer Wohnungen haben. Es geschah, eine Mil-
lio« Menschen, worunter 200 Krieger waren, wurden übergesetzt. Diese
nun empörten sich und marschieren nach Griechenla«d", von wo sie aufbre-
chen, um in Italie« einzudringen. Stilicho, einer der letzten würdzge« Rö-
mer widerstand ihnen. Italie«, Gallie«, Spanien wurden verwüstet; Alarich in
Rom 410 und plündert es. Die Residenz war ihnen das hier nicht mehr,
sondern in Ravenna. Nun erschei«Z Attila, der Hunne aus Asien, treibt Tri-
but ein von dem oströmisc/je« Kaiser. Bei Chalons sur Marne wurde eine
unentschiede« gebliebene Schlacht geliefert. Attila war eine momentane
Erscheinung nur. Rom war in der größten Angst. Es wurde auch von
Genserich geplündert. Der Kaiser hatte eine Würde, die nur ein Farce war.
Heruler und Rugier. — Theoderich König von Italie«. So endet das römi-
sche Reich im Westen. Der östliche Thei/ bestand noch.
Zwei christliche Welten, eine östliche und wesdicoe, haae« wir nun, jene
im weströmischen Reich, diese in dem OsZe» von de« Germanen gebildet, die
sich zum Christe«thz/m bekehrten. Getrennt von der Politik lebte die Chri-
ste«hez'Z, mit der Ausbildung des Dogma beschäftigt und mit der Einrich-
tu«,g der Gemeinden = Kirchen, ihren Institutionen und Lehrern; aber das
170 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Politische kam erst jetzt hinein. Die ReLrgio« ist nun selbst eine politische
Macht und Motiv. Die Völker und Regierungen dz/rc/idrang sie. Zwei For-
men der christliche» Religio« sehen wir nun. Die barbarische« Völker hatten
keine Bildung, keine Kenntniß, Verfassung, einen ungebaute» Boden. Im
OsZe« hatte ein gebildetes Volk, das in griechischen Werken und Philosophie
wohl unterrichtet war, diese Religio« angenommen. Die bürgerliche Gesetz-
gebung war hier vollendet und verständig az/sgebildet durch Justinian, der
die Sammlung der römischen Gesetze machte, die unsere Bewunderung allge-
mein erregt. Das östlicae Reich haZ im Westen weit in Afrika und Italic« sich
az/sgedehnt. So ist das Christenthz/m in diese Bildung aufgenommen. Ein
großer, merkwürdiger Kontrast. Der Bildungsprozess war hier von Vorne
aus dem Christenthz/m angefangen, während er dort vollendet ist.
Ein Volk bringt sich hervor jetzt aus dem Christe«thz/m, während 1.000
Jahre hindurch in Niederträchtigkez'Z, GrausamkeiZ, Langweiligkez'Z das östli-
che römische Reich verlebt. Die christliche Religio», sieht ma« hieraus, kann
abstrakt, ohne Einfluß sei«, weil sie in sich geistig, allgemein ist, weshalb
sie so separiert sei« ka«« von der Welt, wie sich im Mönchthz/m es sich
zeigt. Dieses ist in Ägypten, Syrien az/sgebildet und weiter verbreitet wor-
den. Die Macht der Religio« über die Gemüther der Völker ist groß, und
ma« sagt, „wenn alle Menschen Christen wären, würde es gut in der Welt
stehen. In der Politi/fe und im Przvatleben würde ein rechtlicher sittlicher
Zustand bestehen, kein Krieg, Tyrannei, Laster in de« Regierende« und Re-
gierten herrschten." Aber solches Sprechen scheint ein frommer Wunsch;
aber WahrhezZ ist nicht darin. Denn die Religzo« ist ein Inneres, das dem
Gewissen angehört. Diesem steht die Realität gege«über, der wirkliche Wille
der Menschen in der Welt. | 921 Die Interessen der Menschen sind das
Reelle. Scheint die Religio« in der WirklieakezZ, so ist sie Vernunft. Es ge-
hört nun az/sdrücklica diese reelle Seite dazu, damit die innere Religzo«
dz/rcabildet werde, damit Recht, Sitte, Gewohnhe/Z Natz/rnothwendzgkezZ wer-
de. Das Gewissen ist nicht die Realität, welche im Bewußtsez«, Wollen
und Thun zu einem Tempel, zu einer Organisation des Wissens vom Recht
zu Gesetzen und deren Verwirklichung az/sgebildet wird"; d. h. es muß ein
vernünftiger Staat geboren werden, wodurch der Wille der einzelnen sittlic»
wird".
Das byzantiniscae Reich ist ein Beispiel, daß die Relz^gio« nicht in die gan-
ze Organisation des Staats und der Gesetze dz/rcagedrungen ist, der Staat
nicht nach dem Maaße der WahrhezZ aufgebaz/t ist. Die bösesten Leiden-
schaften haben als Abschaum der Staaten und Menschen unter ihren Hän-
den diese Religion. Höfische NiederträchtigkezZ wirft sich in die Religion,
die durch solche WirksamkezZ des Geistes entweiht und zu einem Scheußli-
che» gemacht. Unwirksam ist sie hier. Das ist das Mangelhafte in dem ost-
römischen Reich. - Der Lehrbegriff und die Besetzung der kirchlichen Äm-
ter beschäftigten die Konzilien, die durch die Bischöfe und Chefs die Ge-
meinden wurden. Ein Jeder hat hier seine Meinung; subtile Lehrbestim-
mungen wurden nun Gegenstand des Pöbels, und in solchen Händen sind
CHRISTUS 171

die Streitigkeiten auf eine den Händen angemessene Weise geführt worden.
Handwerker predigen in den Straßen, belehren über die Natz/r des Sohnes
und des Vaters. Bürgerkriege, Szenen von Mord und Brand allenthalben
zeigten sich hierdurch. Das TQiadyiov, dreimal heilig, ist Gott; der Herr Ze-
baoth, welches die Engel bei der Geburt Christi gesungen haaen sollen,
wurde von einer Parthei gesungen in de» Kirchen, während eine andere
Parthei noch dazu sang „der für uns gekreuzigt ist". Eine Parthei schrie
gege» die andere mit und ohne Zusatz, mit einem Stunden lang dauernden
Geschrei und Aufruhr. In Antiochia und Alexandria floß das Blut in Strö-
men. Bilder wurden gestürmt; der Kaiser deshalb abgesetzt etc. Unendliche
Streitigkeiten erhoben sich, ob Christus von gleicher oder ähnlicher Sub-
stanz wie Gott sei, und dieses kostete viel Blut. Priester wurden Soldaten;
die Gladiatoren nahmen auch Parthei und so erklär/ man den Kampf der
Rothen 156 und Blauen, in welchen der Kaiser und die Patriarchen verwik-
kelt worden sind. Solches Bild gibt dieses Reich, wie sich die Religzo« der
Christen in ihm befand.

25/2

Am Ende des siebten Jahrhunderts setzten sich diese metaphysisca-theo-


logiscae« Streitigkeiten, die Wuth erlahmte, die Neugierde war befriedigt,
und durch die Conzilien die Glaz/ae«sform bestimmt. Aber die Grzechen
haben den Traum ihres Aberglaz/aens bis zum Ende ihres Reiches fortge-
führt im blinden Gehorsam gege« ihre Geistlz'cAkezZ. - Hie und da gab es
noch Verfolgung gege« die Ketzer, z. B. gege« die Manichäer etc. Die Bil-
der- und Reliquienverehru«^ trat bald ein, und wie das Dogma erregte die-
se die heftigsten Stürme und hatte die Absetzu«^ von Kaisern durch Patri-
archen und Prätendenten zur Folge. Leo zeichnete sich aus durch seine«
heftigen Widersprz/ca, weshalb er den Name« Bilderstürmer erhielt. Der
Bilderdienst wurde 784 durch die zweite Nizaische Synode festgesetzt. Die
Kaiserin Irene setzte sich an die Spitze der orthodoxen Mönche, ließ de«
dagege« eifernden Patriarche« blenden; Streit blieb jedoch noch immer,
und zwar, ob de« Bildern als solchen eine Heiligkeit inwohne. Im Abend-
lande wurde unter Karl dem Großen 794 zu Frankfurt der Bilderdienst ver-
worfen, und eine starke Censur gege« den Aberglaz/ae« der Grzechen einge-
setzt. Erst im Mittelalter ward er auch hier eingeführt. So hat sich nun die
christliche Religio« gezeigt bei einem in seiner Bildu«_g schon fertigen Volke.
— Die ungezügelte Leidenscha//, die roheste Barbarei, feige Niederträcht/g-
ke/7 war der Haz/p/chara/fe/er im Weltliche«; — Außer de« innern Zerrüttun-
gen war das Reich auch vielfach verflochten mit de« barbariscae« Völkern,
z. B. Avaren, Bulgaren, welche zum Thei/ ins Reich aufgenommen wur-
den. Throne und Reich waren stets in Unsicherhez/. Aufruhr, Rebellion

TWA 12, KH und A: grünen


172 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

der Generale, Sturz der Kaiser, Ermordu«^ und Blendu»^ der Vätei durch
ihre Prinzen und der Prinzen durch den Kaiser, Besteigu«g des Tlrones
durch geblendete Herrscher, die ihre Söhne nun blenden lassen: dieses
Bild gibt uns das byzanti«isc/>e Reich. Die Weiber aber haben aif die
schamloseste Weise ihre Wollust und Herrschsucht befriedigt. Gemeine
Soldaten dienten den Gelüsten der Kaiserinnen, welche sie oft heiathe-
ten. | 9 3 |
Germanische Völker.

Wir gehen nun zu dem vierten welAiistorischen Volke, dem germanischen,


über. Ein Reich und ein Kaiser erheben sich über die abe«dländische Chri-
stenheit Die weltliche Spitze bildet der Kaiser. Das Prinzip dieses Reiches
ist das der christliczje« Religzo». Die Freiheit ist die Bestimmung dieser Vö7-
^er, und dieses macht das Gegenbild von dem oströmisc/ie» Reiche aus.
Ein unbefangenes nüchternes Gemüth tritt uns entgege«, das sich gleich
von Vorne nach allen demselben Prinzip gemäß, nach der Freiheit az/sbil-
det, in sich selbst sowohl als auch in weltlicher Rücksicht; und in diesem
Volke sollte der wahrhafte Begriff der FreihezZ realisert werden. - Drei Pe-
rioden lassen sich hier wieder festsetzen. Die erste begreift das Auftreten
der germanischen Völker im Westen als besondere und christliczje Völker,
welche den abendlä«d"iscae« Thezl des römischen Reiches einnehmen. Diese
Periode gibt uns ein Beispiel von Unbefangenhe/7 ohne großes Interesse.
Roh und noch nicht durch die Arbeit des Geistes hervorgebracht erscheint
die Einheit zwischen dem Geistlichen und Weltlichen. Bis Karl des Großen
Tode zieht sich diese fort. — Die zweite begreift das M/7/e/alter, die Bildung
des germanischen Prinzips aus sich selbst heraus. Karl der Große war Kaiser
geworden (799, den 25. Dez.) und dadurch ganz mit der römischen Kirche
verbunden. Die Franken waren immer die Orthodoxen; hier sehen wir im-
mer die Einheit des Geistliche« und Weltliche« sich nach der Idee des
Kirchliche« gestalten. Die Kirche sollte der Himmel auf Erden sei», und
jeder sollte ihn in derselben sehen; aber statt dessen sehen wir das christli-
che Prinzip schlechthin als außer sich gekommen. In ihrem 15 " Abfalle von
sich verfällt die Religzo» zum Gege»thez7 ihrer selbst, sie wira" die härteste
Knechtscha//, im Weltliche» zur Rohheit aller Leidenscha/ten. Denn der
Abfall des Prinzips, der Freiheit von sich selbst ist Knechtschaft. Zwei Ge-
sichtspunkte treten nun hervor; der eine betrifft das Staa/sleben; alles ist
ein festes partikulares Recht, ohne Sinn der AllgemeinheiZ. Diese Unterord-
nu«g des Gehorsams ohne allgemeine vernünftzge Grundsätze ist das, was
wir als Feudalsystem sehen. Der andere Gesichtspz/«^/ ist der Gegensatz
zwischen Kirche und StaaZ. Dieser ist nur darum, weil die Kirche, die nur
das Heilige zu besorgen haZ, weltlich geworden ist, wo alle Leidenschaften
sich die Rechte der Religio« gegebe« haben. Auf Seiten des Staats ist ebenso
gewaltsame Herrscha//, weil er das geist/ge Prinzip außer sich hat. — Mit
dem Ende des löten Jahrhunderts hört diese Periode auf. — Der Charakter
der folgenden ist Weltlichkeit, die in sich zum Bewußtsei« eines höheren

M: seinem
174 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Rechts gekommen ist. Es tritt im Weltlicae« ein dieses Bewußtsez« der Be-
rechtigung seiner selbst und damit die Wiederherstellung des Bewußtseins,
das Prinzip der christlic/je» Relzgio«, ein Bewußtsein, das die Zucht der
christliche« F".rziehung dz/rc/jgemacht hat, und das ist die Reformation. Bis
auf unsere Zeit geht diese Periode herab.
Hier ist das Prinzip des freien Geistes, woraus sich überhaupt das Be-
wußtsein der allgemeinen Grundsätze der Vernunft entwickelt. Formell wa-
ren sie schon da im MiZZe/alter in der scholastischen Philosophie. Aber de«
Gehalt des Denkens, die wahrhaften Grundsätze erhielt das Denken durch
das Wiedererwachen des konkreten Bewußtsei«s des freien Geistes. In
dieser Zeit haae» wir also zu sehen auf die Bildu»_g des Geäankens und auf
die Rekonstruktion der StaaZen durch diese Grundsätze. Das weltliche Le-
ben soll also eingerichtet werden nach diesen vernünftzgen Grundsätzen,
denn die VernünftzgkeiZ ist das Wesen des Geistes. -

Erste Periode.
Von diesem ist nicht viel zu sa^e«. Wir wollen die Germanen nicht in lh- I
ren Wäldern verfolgen, noch auch ihre Quellen betrachten, denn beides I
bietet für uns wenig Ausbeute dar. Den Wohnsitz der Freiheit sehen wir in I
den germanische« Wäldern, und es ist das berühmte Gemälde des Tacitus, I
das er mit Liebe und Sehnsucht entworfen haZ im Gegensatz zur römischen
VerderbthezZ. Aber deshalb können wir diesen Zustand nicht als einen so
hohen achten, so wenig wie in früheren Zweiten das gepriesene Schäferle-
ben und de« Zustand der Wilden in Nordamerika, wie ihn Rousseau preist,
wo nach seiner Ansicht der Mensch seine wahre FrezhezZ genösse. Von al-
lem Schlechten und allen Leidenscha/ten ist das alte Germanien frei, aber
das ist nur die negative Seite der FrezhezZ. - 1 5 8 In Germanien sehen wir
Spuren von Institutio«; allein diese finden wir allentha/ae« in jedem Zu-
stande; wir sehen freie Männer; jedes Individuum ist ein freies; es herrscht
dabei eine gewisse Gemeinsamke/Z, aber nur ein Zusammenhang in rechtli-
che« Verhältnissen, kein politischen Zustand. Wenn wir unter Arminius ei-
nen solchen sehen wollen, so ist das nur etwas Vorübergehendes nach
Außen hin. Wurde er ja doch selbst ermordet. | 94 |

28/2

Die Römerwelt wird" von de« Germanen überschwemmt. Jenseits der Al-
pen spielt nun die Geschichte der Welt. Welche Anstöße von Asie« hier,
von Auße« oder Innen de» Antrieb gegebe« haben, lassen wir hingestellt.

Die folgenden Sätze bis zum Ende der Manuskriptseite 93 stehen senkrecht
am Rand.
GERMANISCHE VÖLKER 175

Die Helvetier, wissen wir, zogen aus, um schönere Lähdereien zu bewoh-


nen. Cäsar drängte sie zur/ick. Es bildete sich ein bestimmtes Verhältnis
zwischen Germanen und Römer«. In der Schlacht gege« Pompejz/s haZ Cäsar
besonders auch durch germanische Reiterei gesiegt. Ganze Völker verließen
ihr Land; andere blieben auf ihrem Boden. Die Germanen in ihrem unge-
bildeten Zustand ergreifen umgekehrt wie Griechen und Römer die Welt-
herrschaft und bilden sich dann aus. Jene bildeten erst die antike Einfalt
aus zu einer substanziellen Einheit, und herangereift zu diesem Punkte ge-
hen sie über zur We/zherrscha//. Die Germanen überschwemmen gleich die
Welt. Datauf erst entwickeln sie sich innerlich aus, durch eine fremde Kul-
tur angefeuert. Fremde Religio», Gesetze, Staa/sbildu«g, Kultur nehmen sie
an, und verarbeiten sie ga«z zu de« Ihrigen. Ihre Geschichte fängt also mit
dem Außer sich gehen an, und nachher erst haben sie es mit sich zu thun.
Zwar zeigen die Kreuzzüge und die Entdeckungen in Amerika auch noch
das Außer sich gehen; aber nicht ist durch dieses ein höheres Prinzip gel-
tend gemacht worden; es blieb das alte.
In aller Entwicklung der Bildu«^ standen sie zurück. Staat und Stände
waren ihnen fremd. Eine Masse von freien IndividT/en bildeten sie. Ge-
meinden, Richter mögen sie gehabt haben. Aber die Se/aständigkez/ des In-
dividuums war die Hauptsache. Politik und Diplomatie waren fern. Bei Ta-
citus sind sie in ein vorteilhaftes Licht gestellt. Religzo« haae« sie gehabt,
besonders im Norden. Traditionen sind noch aufbehalten worden. Wie wenig
tief diese aber gewesen sind, sieht man aus der geringen Mühe, die es ge-
habt, sie zu Christen zu machen. Die Sachsen haaen den größten Wider-
stand geleistet, aber nicht gegen das Christenthz/m, sondern gegen die Unter-
drückung. Nicht tief war ihre Religion noch ihre Rec/i/sbegriffe. Die Ge-
meinde hatte keine Herrscha// über das verbrecherische Individuum. Nur
Geldbuße für die Verwandten mußte der Mörder des Freien niederlegen.
Sie lernten erst, daß es ein Verbrechen ist. Die Blutrache hatten sie; aber
nicht war ihnen die Größe des Individuums aufgegangen.
Freie Männer schlössen sich an ein Individuum an, zu dem sie Zutrauen
hatten, dessen Familie selbst schon eine Autorität sich erworben hat, und
machten mit ihm Streifzüge und waren sein Gefolge. Nicht das Band des
Gehorsams, sondern des freien Willens und des Gemüths knüpfte sie an
ihn. In fremde Länder zogen sie, deren Relzgio« und Gesetze sie annah-
men, wie die Burgunder und Wes/gothen die römischen Gesetze für sich
bereiteten.
Zweierlei Völker haben Reiche gestiftet, thei/s solche, die ihr Land ver-
ließen und in andere Länder zogen und sich vermischten mit den dort ein-
heimischen; thei/s solche, die zu Hause blieben und unvermischt blieben.
So sehen wir Wes/-Gothen besonders in Spanie« und Portugal und im
südliche» Frankreich mit der Hauptstadt Toulouse. Erst später sind sie von
de« Araber« zz/rz/ckgedrähgt worden. — Das zweite, az/sgezeich«e/ste Reich,
ist das fränkische, dessen Ursprung dunkel und wahrschei«/ica aus deut-
sche« Völkerschaften vom Niederrhein bis Brabant und Gallien hinein, zu-
176 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

sammengesetzt ist. Viele blieben zu Hause; andere unter Klodwig breiteten


sich bis zur Loire aus, und zuweilen dehnten sie sich bis zu de« Pyrenäen
aus. Gallier, Allemannen, Thüringer, Burgunder sind diesem Reich einver-
leibt worden. - Das dritte Reich ist das der Os/gothen in Italic«; unter
TheodericA und Totila zur Blüthe gekommen, hatte es einen Boethius und
andere große Männer gehabt. Nicht lange bestand dieses Reich. Die Fran-
ken, die Longobarden und Byzantiner the/lten es, bis sich es Karl der Gro-
ße ga«z unterwarf. Später ist das burgundische Reich wieder gebildet wor-
den als ein viertes Reich. Das fünfte ist England, das durch Sachsen den
Römer« entrissen worden und von Normannen zum The/7 besetzt worden
ist. Barbaren nahmen in Besitz die blühenden Länder Roms. | 95 | Schnei-
dend war der Kontrast nicht gege» Rom, obgleich Verwüstungen statt fan-
den. Vermischu«gen brachten zu Zwitternationen die Einheimischen und
Fremden zusammen. Romanisch ka»« ma« diese Völker nennen.
Das Mittelere, Deutschla«d", ist am westliche« Saume, sowie gege« die
Donau römisch gewesen. Römische Bildu«^, Straßen, Städte, Gerichte, Kün-
ste waren in diese Säume eingedrungen, aber nicht weit im Bunde der
Franken. Allemanne«, Bavaren, Thüriw^er, Sachsen blieben allein.

1/3.

Sueven[?] sehen wir a« der Ostsee und in Spanze«, wo sie von de« Wes/go-
then besiegt sind. Die Skandinavier haben solche Züge gemacht, um ein
anderes Vaterland, Beute und Herrscha// zu suchen - die Normannen haae«
sich am Saum von ga«z Europa erstreckt. Sie machten Ritterzüge in das
russische Reich. Die Angeln und Sachsen unterwarfen sich England, die
Normannen drangen vor bis zur Loire, Rhein, Flandern, dann Sizilie«,
Apulien, wo sie Kirchen gestiftet haben. Sie machten Züge nach Konstan-
tinopel und gründeten viele Reiche.
Die Slaven haben links der Elbe in Mecklenbz/rg, in de« Marken, ge-
wohnt. Ihr Zug geht durch Sachsen nach Franken über Nürnberg nach der
Pfalz, Böhmen, Donau, Mähren, Österreich, Kärnthen, Krain, Steyermark;
in Ungarn haae« sich die Magyaren, eine slavische[?] Nation, zwischen sie
geworfen. In Dakien, Pannonien, Moldau, Wallachei wohnten verschzedewe
germanische und barbariscae Nationen, Gepiden, Avaren[?], Serbier[?], Al-
baneser im westlichen Griechenland. Muthige Kämpfe mit de« Grzechen ha-
ae« sie geführt. Die Bulgaren lagerten sich hier; die Türken kamen heran
und unterwarfen sie. Diese ganze Parthie, ein Mittelwesen von Europa und
Asien, lassen wir aus der Philosophie der Geschichte. Polen waren wichtig,
die Russen sind eine welthistorische Macht; aber das Bewußtsez« des Gei-
stes in der Realisation auf de« Stufengängen drang nicht in diese ganze
Parthie. Die Zukunft geht uns nicht a«, die Vergangenhez/ beschäftigt uns.
De« Gegensatz haae« wir zugleich auch zu betrachten. Das Gemüth der
Germanen empfa«d" die Totalität in sich; die Totalität des Menschengei-
stes empfa«a" sich dunkel in sich selbst, frei, und dieses ist Gemüth, das nur
GERMANISCHE VÖLKER 177

die Germanen haben. Diesem Gemüthe ist die Aufgaae gegeben, die in sich
liegende Totalität des Geistes zum Bewußtsez« zu bringen und zu realisie-
ren. Dzeser Wille ist trübe und hat nur im Hintergr//«a" das Menschlic/ie.
Dzeses Gemüth ist noch nicht gereinigt, und die Reinigu»^ des Geistes ist
Prinzip. Sie ist zu vollbringen als eine Reinigu«_g zum konkreten Geiste.
Es ist ein langer Prozeß, bis er zur Wirklic/ikez/ gelangt. Furchtbar sehen
diese Völker zuerst aus, indem gege« die Gewalt ihrer Leidenscha/ten jene
Aufgabe vortritt. Sie sind zur Wuth durch diese Aufgabe gereizt mit ihrem
rohen Willen. Sie haae« die Vorstellu«^ des Bösen und haae« das böse Ge-
wissen, weshalb sie um so mehr erbittert werden. Ein solches Schauspiel
der Raserei sehen wir unter de« christlicae« Völkern, besonders in de» Kö-
nigshäuser», Chlodwig in Franken ist ein roher Verbrecher in allen seine»
Verhältnissen; gleich wie jene griechiscae« Königshäuser wird seines zu Grun-
de gerichtet. In de« Lombarden, wird" Alboin ermordet, da wird desse»[?]
Schädel [durch] das Volk derb[?] und dreist[?] zum Trinkbecher ge-
macht. 159 Wie sich diese Geschichte entwickelt, ist es eine Reihe von Ver-
brechen. Das christliche Prinzip ist so in diesen Gemüthern niedergelegt
als eine Aufgaae. Das Prinzip des konkreten Geistes ist es, dessen[?] Rei-
nigung verlangt wira". Auf der andere« Seite ist der Geist zum abstrakten
Geiste gereinigt. Jene Reinigu«_g sieht ma« konkret im Okzident, diese im
Orient. Die Reinigu«^ zum abstrakten Geiste bedarf nicht einer langen Be-
wegu»^, wie zum konkreten Geiste und dessen Erfassen seiner selbst. In
dieser Periode betrachten wir nun de«

Muhamedanismus
im ersten Viertel des siebenten Jahrhunderts. Die Natur des orientalischen
Prinzips kennen wir, auch in seine« unterschiedlichen Formen. 1961 Bis
zum jüdischen Volke hin sahen wir ihren Charakter, die einfache Einheit
hat sich zum Gedanken erhoben bei de« Juden, die nicht sinnlica, nicht mit
der Natur behaftet, ihn verehrten. [Aus diesem] 16 " Bewußtsei«, aus wel-
chem die konkrete Bildu«^ des Geistes hervorging, ging auch die reine
Abstraktion hervor, und die Reinigung von der Partikularität, mit welcher
der Dienst des Jehova behaftet war, als welcher er der Gott Abrahams etc.
war. Nach der Seite seiner Offenbarz/«,g, seines Dienstes, war er nur die-
sem Volk offe«bart, daß dieses nur ihm diene. Die Reinigung dieses Prin-
ZJps geht nun fort zur Abstreifu«_g der Partikularität in der muhameda-
nischen Religion.
Der Gott des Muhamea" ist nur Gott, ein Gott. Gott ist Gott, und Muha-
med ist sein Prophet. Diese Reinigung hat alle Unterschiede fortgebracht,

Dieser Nebensatz ist schwer lesbar, da einige Wörter über der Zeile stehen
M: Dieses
178 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Adel der Geburt, positive Rechte, Unterschied' der Stände, Besitz, Nation,
alles ist ungultzg vor dieser Einheit. Der muhameda«isc»e Glaubzge kann
aus welcher Natio«, von welchem Talent er sei, sei». Nichts hat Bedeutu«^.

2/3

Diese Bestimmung Gottes als einfaches gibt zugleich die Pflicht, die Vereh-
rung allgemein zu verbreiten. Die Theorie enthält die innere AllgemeinheiZ
des Wesens: in der Existenz, in der Verehru«g soll dieses allgemein gewußt
und verehrt werden; die innere AllgemeinheiZ soll auch wirklich sei«. Alle
Völker sollen zu dieser einfachen Religzo« bekehrt werden. Wenige Ceremo-
nien haben sie. Gebete, um sich zum Einen zu erheben, Allmosen etc. In
Arabie» festgesetzt haZ sich die Religio« gleich fertig gezeigt, und ihre An-
hänger waren bereit, alles zu unterwerfen. Der Sinn des Formlosen liegt
aber zugleich in dieser Rebgio«; Nichts hat Festigkeit, Anbau erhalten. Gleich
nach Muhameds Tod wurde dieses Hinaz/sschweifen zur Eroberu«^ festge-
setzt. Syrien wurde gleica erobert (634), Mesopotamie«, Persien, Ägypten,
ganz Afrika, Spanien, Sizilie«; das wes/gothische Reich beschränkte sich nur
auf Asturien. Das südlicae Frankreich bis zur Loire verwüsten sie und wur-
den von Karl Martell geschlagen. Sie drangen nach Italie« und nach der
Schweiz. Hindustan, die Mongolei überschwemmten sie später. Alles ge-
schah durch die mohamedaz/isc/ze Religzo«. Alle Muselmannen waren gleich
und ebenso die Bekehrten; die sich nicht bekehrten, wurden getödtet. Spä-
ter milder besteuerten sie nur die geduldeten Christen. Viele wurden zu
Sklaven gemacht; bisher war die Sklaverei aber auch in Asie« überall; die
Muhameda«er behandelten ihre Sklaven nicht so schändlic/z wie die F^uropä-
er ihre Neger. Jene behandeln die Sklaven nur als Haz/sgesinde, das sie
schätzen, wenn sie schön und gebildet sind. Sie wurden Mitglieder der Fa-
mi/ie. Mit der ungeheuersten Begeisteru»^ verbrachten sie Thaten, wie sie
nicht wieder in der Weltgeschichte zu sehen sind. Dieses bewirkte de« Fa-
natismus, die abstrakte Schwärmerei, die alles Bestehende verwüstet, in-
dem die abstrakte AllgemeinheiZ nichts Festes haZ. Deshalb zerstört sie al-
les Konkrete und Besondere. Wild und grausam macht sie; aber auch er-
haben ist das Gemüth des Menschen dann, entfernt von allen besondere«
Zwecken; er ist aller Tugenden dann fähig in dieser abstra^Ze« FreiheiZ.
Diese Eroberer zerstören alles. Omar verbrennt die alexandrinische Biblio-
thek. -
Schnell gingen sie über zu Wissenscha/Z und KziwsZen. Harun al Ra-
schid, Almansor 161 begünstigen sie. Asien, Afrika und Spanie« blüheten
und waren prächtig von Palästen und Gärten bedeckt. Schulen und Ge-
lehrte allentha/ae«. Der Hof des Kalifen glänzte von Edelsteinen und
blühte unter Dichtern und Gelehrten. Durch Syrer erhielten sie die griechi-

161
M: al Manu
GERMANISCHE VÖLKER 179

sehen Werke übersetzt. Schnell wie die Eroberung wuchs die Bilduwj bis zu
dem Grade, der ihnen möglich war. Schlicht blieben sie und einfält/g. Ein-
fach waren ihre Sitten und ihre Lebensalter in der großen Umgebu«^ von
Gold und Edelsteinen. Abu Bekr hatte nichts mehr als er während der
Woche verzehrte, auf de« Stufen der Kaba schlief er. Später trat aber
Pracht a« die Stelle; und dennoch hatten die Dichter große Freimüthig-
kei/. Freilich war damit zugleich der Schrecken verbunden; sie ko»«ten je-
den, der ihnen nicht gefiel, gleich todten. Wie bei Robespierre herrschten
bei ihnen Tugend und Schrecken. | 97 | Das eine Reich mit der Hauptstadt
Bagdad zerfiel bald, und Revolutio«e« folgen sich aufeinander; Dynastien
auf Dynastien besteigen den Thron. Generale, Sklaven kommen hinauf.
Fest ka«« sich nichts auf diesem Boden krystallisieren. Welle spült die
Welle fort, und die neue zerfließt. Die Türken erst begründen die Herr-
scha//. Janitscharen, fremde Sklaven, die in keiner Famz/ie«verbindung
standen, sind in ein Korps vereinigt, um den Thron zum Schutz gestellt
worden. So hat der Fanatismz/s, der die höchste Tugend hervorbrachte,
abgekühlt kein sittlicaes Prinzip zurückgelassen. Der Rittergeist kämpfte in
schöner, edler Tapferke/7 und ist herangebildet worden durch das orientali-
sche Leben. Aber es ist nur ein Flammen)?], keine rechtliche Organisation,
kein sittlicaes Prinzip dieses Leben, das bald in Laster deshalb versank.
Alle häßlichen Leidenschaften empfing es in sich auf, nachdem das fanati-
sche Feuer verflogen war. Der sinnliche Genuß ist schon von Anfa«g in die
erste Gestaltung der muh am edanischen Lehre, als Belohnung der Tugend
aufgestellt worden. Glück und Schicksale wechseln; die energischen Cha-
raktere sind nicht mehr durch Sittlie/ikei/ geleitet. Treuebruca, Grausamkez/
vermochten sie zu beherrschen. Diese Form hat sich so im Osten gezeigt.
Wir kehren zum Westen zur/ick.

Karl der G r o ß e
In der ersten Periode haae» wir zuerst das Reich Karls des Großen zu
betrachten. Durch viele Jahre hindurch dauerten die Kämpfe in dem Fran-
kenlande nach dem Tode Chlodwigs. Die Macht der Könige ist vergrößert
worden, indem sie eine große Dienstscha// um sich versammelten. Diese
waren Genossen in der Eroberu«_g und hatten einen The/7 daran, aber als
von dem Anführer, erhalten. Der König verlieh die Länder a« seine tapfe-
ren comitesf?] und Krieger. Sie waren nicht ein freier Adel, sondern
Dienstmannen des Königs. Die Freien gab es auch, die nur die nationale«
Kriege m/tkärnpften; aber die durch Benefizien verbundenen und die Un-
terworfenen waren dienstbar. A» der Spitze der Dienstmannen stand ein
Chef, major domus, der Chef im Haushalt. (Mord dorn 162 war das ur-

KH: ,was man von Morddom hat ableiten wollen, das so viel heißt als: Rich-
ter des Mordes' (389). A: ,Mort Dom, d. h. Herr, Richter des Mordes' (341).
180 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

sprüngl/cv&e Wort.) Die Könige wurden nur Figuranten, und diese Chefs ka-
men a» die Spitze.

3/3

Die Bischöfe schlössen sich an sie an, und so kamen die Karolinger mit
Pippin, dem Sohn Karl Martells, auf de« Thron. Der Bischof krönte ihn;
der Papst enthub die Franken vom Eide gege« Childerich, welchem die
Tonsur gegeben wurde (762). Er der letzte Merowinger, erhielt so dieses
Zeichen der Absetzung, da die fränkischen Könige das Haar bis auf die
Knie[?] trz/gen. So gewaltsam die ersten der abgesetzten Dynasten waren,
so dumpf und üppig waren ihre Nachkommen, wie es bei barbarischen Dy-
nastien zu gehen pflegt. Die Karolinger schlössen sich a« den Papst a«,
der selbst nach Frankreich kam. Pippin schlug, von ihm gerufen, zwei Mal
die Langobarden und schenkte dem Papst das Eparchat. 800 163 ward Karl
von diesem zum Kaiser gekrönt, und durch ihn geht eine neue Gestaltung
der Dinge hervor.
Rom galt de« Barbaren von jeher als der Conzentrationspunkt der
Würde und hatte deshalb ein großes Ansehen. Von hier hatten sie Buch-
staben und Religion empfangen. Die großen Heerführer suchten eine rö-
mische Würde zu erlangen, wie die der Senatoren und Patrizier; so ward
Karl Martell ein Patrizier. Karl der Große, vom Papst zum römischen Kai-
ser gekrönt, hatte dadurch eine selbständige Würde, die vom Papst az/sging,
so wie auch die königliche Würde des Pippin, und somit ist die engste Be-
ziehung des Reiches und der päpstlichen Würde gegeben. Zugleich war hier-
mit eine offenbare Trennung der westlichen Welt von der östlichen ausgespro-
chen, so wie die westliche Kirche mit der östlichen brach. Die westliche Welt
ist somit als Fortsetzung des Weströmischen Reiches angesehen, so wie die
fränkischen Könzje als Beschützer der abendlähdzschen Christenheit, Kul-
tur und Wissenscha// der Franken war eine Fortsetzung der römischen; mit
den Buchstaben haaen die Franken auch Wissenscha/Z und Religion empfan-
gen. | 98 | Was Karls weltlicae Macht betrifft, so erstreckte sich sein Fran-
kenreich vom Rhein bis zur Loire aus, über welche hinaus die Franken
von Ze/'Z zu ZeiZ Raubzüge unternommen hatten. Aachen war der Mittel-
punkt des Reiches. Aber auch Burgund, Thüringen, das südliche Deutsch-
land" gehorchten den Franken so wie der Norden durch die Unterwerfung der
Sachsen auch unterthähig war, sowohl die Wes/phalen zwischen Rhein und
Weser, als die Ostphalen bis zum Harz und Engienf?]164. Der Süden wurde
begrenzt ndch der Vertilgung der Lombarden mit deren Reiche.
Das Erste ist nun, daß Karl dieses Reich in sich systematisierte zu ei-
nem Ganzen, zu einem Staat. Er organisierte die Herrscha// durch die öf-

63
Die zweite Ziffer ist wohl überschrieben und somit korrigiert worden
64
A: Engern (344).
GERMANISCHE VÖLKER 181

fernliegen Beamten. An der Spitze stand der König; er war nicht unbedingt
erblica; er war Herr der bewaffneten Macht und Oberaz/fseher der Ge-
richtsverfassung so wie auch die oberste Richtergewalt in seinen Händen
war. — Die Kriegsverfassung beruhte im Allgemeinen auf dem Heerbann.
Jeder freie Mann gehörte zur Bewaffnung der Landwehr, so daß Volk und
Heer von einem Umfang war. Anfangs verpflegten sie sich selbst, bis zur
Loire, zum Rhein, und dann erst lernten sie die allgemeine Verpflegung.
Dzese Landwehr stand unter Herzogen und Grafen. An den Grenzen stan-
den Grafen der Marken, in das Innere Kreisgrafen aufgestellt. In einem
Gau gab es mehrere Grafen, über welchen die Heerführer, Herzoge, stan-
den. Kölln war ein Hauptsitz, das Elsaß ein eigenes Herzogthz/m, ebenso
Lothringen, Friesland, Rätien. Allemannien und Bayern ebenso, da sich
der angestammte Fürst, Tassila, empört hatte. In Thüringen ist eine Ver-
schwörung gegen Karl angezettelt worden, es erhielt einen Herzog. Ebenso
in Sachsen. Dieses war das allgemeine System des Heerbannes, welches
auch in Italien eingeführt worden ist. Zur Verthe/digung war er organisiert.
Ein Thei/hatte das Verhältnis eines stehenden Heeres, das besoldet wurde.
Die Diens/mannen erhielten Ländereien zu ihrer Benutzung. Sie mz/ßten165
eine bestimmte Anzahl Soldaten dem Kaiser zur Kriegsleistung liefern.
Um dieses Verhältnis in Ordnung zu halten, wurden Gewaltsboten durch
das ganze Reich geschickt, um die waffenfähige Mannschaft zu kontrollie-
ren.
Das zweite ist die öffentlic/ze Verwaltung der Staa/seinkünfte. Der Fis-
kus nahm die Strafgelder ein, besonders derer, die sich nicht zur Armee
stellten. Aus Zöllen hatte man auch Einkünfte, aber Abgaben waren noch
nicht eingeführt. Die Ha///>/einkünfte kamen aus den Staa/sdomänen,
Krongütern, deren es im Reiche mehrere gab. Diese hatten zu Verwaltern
Dienstmannen des Kaisers. Die größeren Güter hießen Pfalzen. Der Kai-
ser reiste in den Ha//p/landscha/ten umher. Er nahm in der Pfalz seinen
Aufenthalt. 166

4/3

| 99 | Die Gerichtsverfassung ist vollkommen gemacht worden. Grdfen (gre-


fiers) hatten den Vorsitz bei den Gerichten. Es gab ein Hofgericht. Zwei
kaiserlie/je Boten bereisten viermal des Jahres die Bezirke, sie nahmen alle
Klagen an, stellten Ungerechtigkeiten ab. Die verschiedenen Rechte der ver-
schiedenen Unterthanen, wie der Lombarden, Franken, wurden berücksich-
tzgt. Man sah auf Sitten, Gewohnhez/ und auch auf das römische Recht, das
sich in romanischen Ländern erhielt.
Die Geistlicake/7 waren thei/s Bischöfe, thei/s Weltgeistlic/ie, welche gro-
ße Kathedralen hatten, mit denen große Schulen verbunden waren. Der

165
Es folgt nach diesem Wort ein wohl durchgestrichener Buchstabe ,t'.
,66
Am Schluß der Seite steht in der Mitte: .fehlt Nichts!'.
182 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Unterricht war wohl bestellt; selbst in allen Dörfern waren Schulen, in de-
nen man schreiben und rechnen lernte. Beide Thei/e der Geistlic/ikez/ sind
sehr reich geworden durch Schenkungen besonders von den wildesten Köni-
gen, die zum Kreuz in einer Krankheit krochen. Aber die Weltlichen plün-
derten sie auch wieder, besonders die Grafen, wenn ein Abt gestorben war,
hausten mit ihren Reisigen so lange in jenen Abteien, bis nichts übrig war.
Die landesherrliche Gerichtsbarkez/ wurde den Grafen entnommen und den
geistlichen Vögten gegeben. Die Klöster und Stifte machten sich frei von den
Lasten und bildeten se/aständige Gebiete, wie sie im Weltlichen nicht exi-
stierten. Die Weltgeistliccen konnten sich verheirathen. Die Verbrecher hat-
ten in den Klöstern ein Asyl. Gegen die Mächtigen war dieses eine schöne
Anlage; aber auch zugleich schädlich, wenn Räuber und Mörder dorthin
flohen. Karl jedoch ließ sie sich durch Gewalt az/sliefern. Die Geistliche«
wurden von einer Versammlung von Bischöfen gerichtet, wenn sie unter
sich Streit hatten, sonst von de« Grafen. Die bischöfliche« Würden sind ver-
liehen worden von de« Geistliche« und de« Gemeinden des Bischofssitzes
zusammen. Insofern die Bischöfe auch weltliche Herren geworden sind, so
verlieh auch der Könz^g solche Würden. Streit entstand dann zwischen bei-
den. Ma« wählte gewöhnlica deshalb einen dem König angenehmen Mann.
Reichsgerichte wurden in der Pfalz gehalten unter Vorsitz des Kaisers.
Die Reichshofleute bildeten die Glieder des Raths, welche, nicht zu be-
stimmten Zeiten, sondern gelegentlic/z, besonders bei Heeresschauen, sich
über das Reichswohl beriethen. Der Mittelpunkt des fränkiscae« Reiches ist
der Rhein gewese«, und bei Aachen, Ingelheim ist die Heeresschau gehal-
ten worden. Später wurde sie nach Osten mehr verlegt. Das große Franken-
reich ist so nach allen Zweigen bestimmt eingerichtet worden. Karl der Gro-
ße a« der Spitze hatte so eine große Macht. 814 starb er. Auf seinem Kai-
serstuhl wurde er bezgesetzt.

Zweite Periode
Glänzend endigt die erste Periode mit Kraft und Größe. Die Reaktion hat
zum Charakter diese zweite Periode. Es ist ein ewiger Kampf. Das Reich
wurde gethezlt - nach Karl dem Großen. Die Individuen thezlten sich und
lehnten sich gegen die Staa/sgewalt auf, gege« de« Heerbann, gege« Gerichts-
verfassu«^. Die Individz/e« isolierten sich und hatten für sich keinen Schutz,
da das Allgemeine, die Staa/sgewalt verschwunden war. Ma« suchte beim
Privatmann, der gewaltzg war, Schutz; ma« erhielt ihn, aber damit zugleich
die Abhängzgkez/, so daß die Feudalverfassu«^ daraus hervorgeht. Dieses ist
der Anfa»,g wieder geworde« zu einem rechtliche« Zustand. - Das weltlicae
Prinzip überhaupt reagiert dann gege« die Geistlic/)kez7, welche die wilde
Weltlic/jkez/ bändzgt durch ihr Prinzip, das aber in diesem Gegensatz ver-
weltlicht und sich selbst entfremdet worden ist. Das weltliche Prinzip geht
darauf in sich. Diese drei Reaktionen sehen wir in dieser Periode. - Der
GERMANISCHE VÖLKER 183

Mittelpunkt des M///e/alters sind die Kreuzzüge, die einen Schrecken nach
sich ziehen. — Die Staaten wurden darauf äußerlica und innerlica se/aständzg.
Die Nationalitäten also reagieren zuerst gege« die fränkische Herrscha//,
die nun gethezlt ist. 11001 Diese Theilung ist populär gewese« und von de«
Völkern behazcptet worden. Theils sehen wir Famizz'e«akte; Unfug der Fürs-
ten, die die Macht der Fami/ie167 selbst schwächen; das Reich zerfällt, wie
nach Napoleon die Nationalitäten sich geltend machten.

7/3

Die erste Reaktion ist nun die Theilung des Frankenreiches durch Lud-
wig de« Frommen unter seinen drei Söhnen. Seinem noch hinzugekomme-
nen Sohn, Karl dem Kahlen, der auch einen Thez7 erhalten sollte, erregte
nun jene Fam/7ie«kriege, welche das Aussehen haben, als wenn sie ein in-
dividuelles Interesse hätten. Aber die westliche« Franken hatten sich von
selbst mit den Galliern identifiziert, die OsZfranken blieben ungemischte
Deutsche. Diese Nationen reagierten gege« einander, so wie Italic« gege«
diese Franken über/>az//>t[?]. Der Vertrag von Verdun machte sich nun nach
diesen Reaktionen. Sie kamen später unter eine Herrschaft, aber nur mo-
mentan in Karl dem Dicken, außer Mallorca, Menorca, Burgund. Später
hat sich die Theilung gänzlich vollendet. Italic« zerfiel in besondere Herr-
scha/ten. Die Herzoge von Spoleto und Friaul bekämpften sich über die
Lombardei. Italze« ist zerrissen worden. Burgund the/lte sich in Oberbur-
gund am Jura und Niederburgund a« der Rhone bis zum Meer. Südlich von
der Loire bildet sich bis zum Meer ein Reich mit der Hauptstadt Poitiers.
Lothringen am Rhein, Maas, < . . . > Niederbritannien auch. Zwiscae« die-
sen war la France, das Frankenreich eingeschlossen, von dem Hugo Kapet
zum nationalen König gemacht wurde. In sich zerfallen ist Frankreich so
gewesen. Die Deutschen unter der Herrscha// der Os/franken waren auch
so als besondere Nationalitäten charakterisiert.
Die innerliche« fränkischen Einrichtungen änderten sich. Die Kriegs-
macht unter Karl dem Große« war sehr konsequent. Nach ihm verschwand
sie schnell. Die nordischen Seehelden machten Einfälle in Nordtfankreica
und Deutschla«a", wie auch Engla«d". Von der Mitte des neunten Jaarhzzn-
derts an thaten sie es jährlich. Paris eroberten sie ein Mal, und bis Bonn
plünderten sie alle Städte, indem sie mit ihren Kähnen in alle Flüsse ein-
liefen. - Die Magyaren brachen im Osten ein, und bis nach Italie« und in
die Mitte von Frankreich drangen sie ein. — Die Sarazenen kommen vom
Süden, nehmen Sizilien und Thezle in Unteritalien, brachen hinein bis in die
Provence, Wallis und trafen fast mit den Magyaren in der Schweiz zusam-
men. — Erinnern wir uns nun des von Karl mit großer Ordnung eingeführ-
ten Heerbanns und sehen wir diesen Zustand, so muß doch alles jenes

Oder: .Familien'
184 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

wirkz/ngslos gewesen sein, so daß man fast die fränkischen Einrichtungen für
Träumereien halten müßte. So viel geht hervor, die Einrichtung war nicht
basiert auf dem Geist des Volkes, und sie zeigt nur das äußerlich von einem
große« Charakter aufgelegte, eine apriorische Konstitution, die nur von der
Gewalt zusamme«gehalten war.
Viel weiter sich erstreckte das dritte Moment. Der Zustand der Ge-
setzmäßigkei/, des Eigenthz/ms Sicherhe/7, ist nicht Vorhände» gewese».
Nichts war im Volke davon lebend/g. Jedes Individuum ist im Staat ver-
pflichtet, sich vor Richtern zu stellen, ebenso ist Pflicht der Richter, Recht
zu sprechen und ein Interesse für das Recht zu haben, nicht bloß für die
Partheien; Pflicht ist, das Rechte zu respektieren. Alle diese sonst im Staat
vorhandenen Verpflichtz/«gen zeigen sich unkräftzg, sobald Karls Hand die
Zügel nicht mehr zieht. Der Respekt vor seinem Charakter hielt alles zu-
samme«. Seine Ökonomie hielt nur einen Fall auf, machte ihn nicht un-
möglich. - Alle entbehrten Schutz für ihre Person und Besitz. Sowohl die
Rechte als die Macht, sie gelten zu lassen, beides fehlte; und diese Be-
dürfnisse empfanden diese Völker noch nicht, und erst durch die Schutz-
losigkeiz empfanden sie es.

8/3

| 101 | Die Individue« haae« jetzt durch den Schutz, de« sie verleihen, Macht
über andere Individuen erhalten, und die allgemeine Macht ward Privatbe-
sitz eines Herrn. Die Grafenwürde war verschwunden, indem keiner mehr
ihnen gehorchte und indem sie nicht für de« König, sondern für sich Ge-
horsam forderte. Jedes Individuum hat nun vom Staat nichts zu erwarten
gehabt, und die von de»/ StaaZ einzelnen verliehene Macht ist nun erblic»
geworden, indem jene obere Macht nicht die Gewalt hatte, gege» sie zu
opponieren; zugleich konnten sie auch nicht verhindern, daß jene erblich ge-
wordene Macht sich vergrößerte und andere« wieder Besitzthümer verlieh.
— Die Freien haben ihr Eigenthz/m jenen übergeben, um es zu schützen mit
ihren Personen, und dafür waren sie zu Dienstleistuw^en verbunden. — ein
StaaZ ist nicht mehr; Ämter sind nicht da. Verbindlic/zke/Zen herrschen
nicht für de« StaaZ, sondern für gewisse machthabende Personen. — Es war
ein Zustand des Kampfes gege« äußere Einfälle und gege« innere Anfälle.
Gege« nichts gab der StaaZ einen Schutz, und aus diesem Zustande ging
nun Tapferkeit hervor, nicht aber für de« StaaZ, sondern gege« die Noth
der andere» und gege» die Macht der andere« und um sich zu erheben. Des-
halb machte ma« allentha/ae« in Deutschla«d", Italze« und Frankreich Ve-
sten, Burgen, um von diesen Burgen aus dieje«ige« zu verthezdigen, die un-
ter dem Schutz der Burgherren standen, oder um von da aus anzugreifen.
Um diese Burgen siedelten sich die Schützlinge a« und wurden Burger, aus
denen die Städte hervorgingen. So ist das Ganze in solche Punkte der Ein-
zelnheiz zerfallen. Besonders sind die Bisthümer solche Mittelpunkte gewor-
den, wie auch die Sitze der Bischöfe und Erzbischöfe, die sich in allen
GERMANISCHE VÖLKER 185

Städten niedergelassen und eine große Macht erlangt hatten, und unter
deren Schutz begaben sich auch viele. Als die Macht der Grafen ver-
schwunden war, mußten sich die Freien zu Dienern von de« Prälaten, Bi-
schöfen und Äbten machen. Die Bisthümer erhielten schon unter de« frän-
kischen Königen die Immunität, die UnabhähgigkeiZ von den königliche«
Gerichten. Die Bischöfe hielten sich Vögte, denen die Gerichtsbarkei/ der
Grafen übergeben war. Geistliche Territorien bestanden so geschlossen.
Ein corpus sanctum, Weichbild, nannte ma« nun dieses geschlossene Ter-
ritorizzm, das durch ein Heiligenbild vorgestellt war, unter welchem die Ge-
meinde stand. Verschenkte ma« nun seine Güter einem solchen Heiligen
oder gab sie, um als ein feuda oblata sie nachher wieder zu bekommen, so
stand ma« unter dessen Schutz. So sind diese Geistlic/je« mit weltlicher
Herrscha// versehen und zahlreicher als die weltlicae«. So die größten ita-
lienischen Städte, so in Deutschla«d", Mainz, Hamburg, Lübeck, Regensburg,
Augsbz/rg, Worms, Speyer etc. Der Erzbischof a« der Spitze hatte einen
Vogt, der die Gerichtsbarke// über das Weichbild ausübte und die Leistu«-
gen der Schützlinge einzog. Franken und Lombarden, die frei gewese« wa-
ren, sind jetzt nun Dienstleute, Vasallen, Hörige, geworden. So ist der in-
nere Zustand, der auf Gewalt gegründet war, in de» Händen mächtiger
Individz/e».
Auf den Eid wurde der Ausgang des Reca/shandels gesetzt. Gottesur-
the/le sind später eingeführt worden in die Gerichte. Früher war der Eid das
Entscheidende, den aber Eideshelfer unterstützen mußten. Diese waren
12 a« der Zahl, welche die Unschuld des Angeklagten beschworen. Bei den
Longobarden 13, die unter sich einmüthig sei« müßten, und der Angeklagte
befand sich unter den Angeklagten selbst, gleichsam als wenn derselbe sein
Verbrechen eingestehen »zußte, und so, daß seine Behauptu«g zur Ent-
scheidung nöthig war, sonst konnte er nicht verurtheilt werden; die allge-
meine Klage war aber bald, daß die Meineide zu häufig würden, so daß
alle Rec/j/spflege korrumpiert war, und deshalb waren die Go//esurtheile
eingeführt. Feuer, Wasser, Zweikampfe waren die Proben der Unschuld
und galten für eine Verbesseru«^ der vorigen Entscheidungsart durch den
Eid.-
1102 | Die königlieae Gewalt blieb so ga«z klein, wenn die gleich sehr noch
ausgegebe« war. Das dominium mundi steht ihm zwar, nach dem Aus-
spruch, zu; aber nichts war davon wirklich; alles war nur Vorstellu«g.
Frankrezc/z gewann dadurch, daß es die Anmaaßu«_g der Titel fortwarf, wäh-
rend Deutschla«a" sie sich anmaaßte und dadurch unendlic/zes Unglück über
sein Haz/pt zog und die Bildu«^ hemmte.

9/3

Dieses Lehnverhältnis berührt uns noch heute. Wir konnten es nicht


verdauen, und alle Kämpfe der neueren ZeiZ sind dagege« gekämpft worden.
Es gab statt Beamten nur Herrn, thei/s weltliche, thei/s geistlic/ze, welche
186 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

beide an der Grafen Stelle getreten sind. Der König und Kaiser ist nicht
mehr Herrscher, sondern Lehensherr von Vasallen, die aus eigener Will-
kühr herrschten. Partikz/lare Gewalt herrschte allentha/ae«. N u n wäre der
Fortgang, diese Vasallen zur Verbindung unter einander als Beamten zu-
samme«zubringen; aber dann hätte über sie einer die Obergewalt haben
mzzssen; dieses war aber nicht der Fall. Lauter einzelne Dynasten sind zer-
streut. Das Oberhaz/pt ist ohne Macht; auch fehlt die Macht des Gesetzes
und Rechtes. Was gilt, anerkannt wird", ist zufällige Gewalt der einzelnen
und die eigensinnige Rohheit gegen das Recht und das Gesetz. Das Ober-
haz/pt ist nicht ein solches von einem Staat, welches etwa durch Gesetze
herrschte. Die Dynasten sind gege« ihn verpflichtet, und diese Verpflich-
tungen sind Rechte. Das Lehensrecht und der besondere Besitz ist zum
Recht gemacht worden. Dieses Recht ist aber nur ein positives, nicht ein ver-
nünftiges Gesetz. Das Staa/seigenthz/m ward Privatbesitz, und dieses nann-
te ma« FreihezZ Formell gesetzt, nicht nach der Wahrheit bestimmt war so
das Lehnrecht. Die Entwicklung ka«« nicht so beschaffen sei«, daß die be-
sondere« Gewalten unterdrückt wären und Gleichheit der Rechte eingeführt
würde; sondern die besondere« Länder haben sich az/sgebildet, so daß das
Band der Einheit verschwunden war. Nicht eine Monarchie, nicht ein
Staat ist die feudale Verfassung.

Frankreich. England. Deutschland.


nehmen wir unter den einzelnen Ländern zuerst. Die Karolinger hörten auf
zu herrschen. Sie waren nur auf die kleine Grafschaft im Nora" Osten von
Paris beschränkt überdies als Könige. Hugo Kapet, Herzog von Franzien,
ward zum König az/sgerufen; aber dadurch erhielt er keine wirkliche Gewalt
über die anderen Fürsten. Nicht über die Nation herrschte er, wie die alten
fränkischen Könige. Über sein Territoriz/m herrschte er. Er mußte sich nun
eine Macht verschaffen. Die den Fürsten Untergebenen suchten Hilfe
beim König, und dieses ist der Anfang von Staa/sbildung. Die königlic/ze
Gewalt ist in Frankreich, wie jeder Dynast, erbliea geworden. Das Herzog-
thz/m Franzien war nämlica erblich, also auch die königliche Macht, die da-
mit zusamme»hing; aber es war nur eine Famz7ie«macht. Sie ließen ihre Söh-
ne bei ihrem Leben krönen, und dieses war klug. Flanderer, Guyenne,
(Aquitanien), Poitiers (worin eine Menge se/aständiger Dynasten gege« de«
Herzog bestanden), Gascogne, Toulouse, Burgund (das ga«z dem Fränki-
sche« entfremdet war, wie auch Arles, Lyon, Provence (arelatische
Reich168 sonst) und viele andere kleine Herrschaften, dann auch Lothrin-
gen, das sich weit heraufzieht bis Mosel und Rhein von Italien aus, die alle
mit Deutschland" sich verbanden); Die Normandie war von den Normannen

Königreich Burgund (nach Hauptstadt Arles)


GERMANISCHE VÖLKER 187

bewohnt, ebenso wie die Gothen von den griechischen Kaisern. Ihrer Her-
zoge einer ging 1067, Wilhelm der Eroberer, nach Engla»d", über welches
die Dänen, aus denen die Normannen herstammen, herrschten. Die angel-
sächsische» Herrscher haben nun in England" den Normannen die Gewalt ge-
nommen; und Wilhelm hat wieder die Lehensverhä/Znisse eingeführt und
die Angelsachsen zu Vasallen gemacht: Die Herzoge von der Normandie,
zugleica Könige von England, | 103 | stellten sich den französischen Könz^g ge-
genüber und eroberten ihnen das halbe Land ab. In Deutsch/ana" war es
anders ein wenig. Die großen HerzogthzVmer Sachsen, Thüringen, Schwa-
ben, Bayern, Kärnthen, und wendische Herzoge zwischen Elbe und Oder
hatten jeder auch viele kleine Vasallen, die seiner Macht so gegenüberstan-
den, wie jene gegen den Kaiser. Wie das Reich, so zerfielen diese kleinen
Thezle des Reiches. Dann gab es weltliche Herrn unter den Erzbischöfen.
Alle standen dem Kaiser gegenüber, und Kämpfe bestanden gegen ihn. Der
Herrscher wurde nun gewählt, da nicht Deutschland", wie Frankreich, er-
obert und einem Herrscher erblich gehorchte. Deutschland1 war frei; die
einzelnen Fürsten wählten unter Bedingungen (Kapitulationen) einen aus
ihrer Mitte über sich.

10/3
Italien 169
Der König von Frankreich stand nur als Fürst neben Fürsten, der deutsche
als Fürst über Fürsten. -
In Italien zerfiel ebenso alles. Die Kaiser hatten Ansprüche in Italien,
die sie mit Kraft behaupteten; aber auch nur soweit als ihre Soldaten dort
waren. Italie»isc/>e Städte und Edele schlössen sich zu einer Zeit, und zu ih-
rem Nutzen, dem Kaiser a», besonders wenn er sie unterwerfen wollte.
Spoleto, Friaul zerfiel in kleine Herrscha/ten wie auch die Erbschaft der
Mathilde. Der Papst haZ sei» Thei/ gehaaZ. Normannen und Sarazenen
kämpften im Süden. — Der StaaZ ist allenthalben verloren gegangen durch
das Zerfallen in einzelne Punkte. Es gibt nur Rechte des Unrechts, nicht
gleiche Rechte; Der StaaZ ist nicht mehr Zweck zur Bestimmung des Einzel-
nen. -
Elemente der AllgemeinheiZ fangen von unten auf sich zu erheben,
thei/s von den Seiten der Kirche. In diesem Zustande der vollkommenen
Vereinzelung sieht man, daß es dem Menschen nicht haZ so recht sein kön-
nen. Ein böses Gewissen haZ die Christenhez'Z dz/rcaschaudert. Im Anfang
des 12. Jahrhunderts hat der Glaube alles dz/rcadrungen, daß die Welt unter-
gehen werde. Ein furchtbares Grauses bemächtigte sich der Gemüther, daß
einige in den Gütern schwelgten, andere durch Marter Buße thaten und die

Steht am Rand.
188 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Kirche ungeheuer bereicherten. - Große Hungersnoth findet man oft,


sodaß man in Italien und Frankreich Menschenfleisch öffentlica verkaufte,
nachdem man Menschen aufgefaßt und sie ermordet haZ. Rec/iZlosigkeiZ,
Meineid ist der Ton der MoralitäZ[?]. Es gibt kein RecaZ für sich; Gewalt ist
Recht. In Italien, dem Mittelpunkt des Christenthz/ms, ging es am gräulich-
sten her. virtus hieß hier Gewalt jetzt. In derselben VerderbtheiZ war auch
die GeistlicakeiZ, welche dem Raube der Weltlicaen und ihrer eigenen Vög-
te unterworfen, nur sparsam oft von diesen erhielten, was jenen beliebte.
Wollte man sich keinen Vogt halten, so wurde man von dem nächsten Dy-
nasten angegriffen, abgesetzt. Nur die Bischöfe und Äbte hielten sich waf-
fenkundige Mannen, indem sie selbst aus Familien solcher Gewaltsherrn
stammten und ebenso kriegs- und raublustig waren. Bei den Bisthümern
ist noch der Umstand, daß die Bischö/e von dem König eingesetzt wurden,
wie von Mailand, Parma, Aquileja; sie hatten ein Territoriz/m und waren zu
Lehensdiensten verpflichtet. Man stellte an diese Spitze nur dem König an-
genehme Männer. Unter den fränkischen Fürsten wurde ein vollkomme-
ner Handel mit den Abteien und Bisthümern getrieben, den Gregor erst
einstellte. Die Gläubiger erhielten solche Abteien, aus denen [sie] ihr Geld
preßten. Der König mußte gewöhnlich die von den einzelnen Fürsten ge-
billigten Männer einsetzen. Der päpstliche Stuhl ist oft, zwei Jahrhunderte
durch, von den Grafen von Tuskulum m/t ihnen genehmen Kreaturen be-
setzt worden, wofür sie Geld erhielten.
Dieser Zustand wurde den weltlic/zen und den Geistlicaen zu arg. Der
Kirche wollten sie ihre Erhabenhez'Z wieder geben. Große Chara/feZere waren
es. Heinrich III. fing an, jenen Handel zu treiben. 170 Er ernannte deutsche
Päpste, die unter seine Autorität kamen und von den Faktionen befreit wa-
ren. Hildebrand hob sich als Kardinal besonders hervor. Er war es, der als
Kardinal an Agnes, die Mutter Heinrichs IV. schicken ließ, um einen Papst
zu wählen. 1104 | Unter Nikolaus IL wurde festgesetzt, daß die Kardinäle
den Papst wählen sollten. Dadurch war anfangs nichts gewonnen, da diese
aus den herrschenden Familien waren. Aber mit der Zeit ging doch eine
Wichtigke/Z hervor. Gregor VII. war es, der sich zwei Maaßregeln vornahm
dz/rc/zzusetzen: das coelibat der GeistlicakeiZ. Man sah es von früh an als
gut, daß die Geistlicaen unverheiratet sein sollten. Viele aber doch verehe-
licht oder hatten eine Konkubine; Nikolaus IL erklärte diese deshalb für
eine neue Sekte. Er171 that alle verheiratheZen Geistliczzen, sowie diejenigen,
die bei ihnen beichteten, in den Bann. Er schloß die GeistlicAen von dem
StaaZ so und der Ehe aus. Dann stemmte er sich gegen die Simonie, gegen
den Verkauf der geistlic/zen Stellen. Geistliche nur sollten geistl/cae Stellen
besetzen, der Nordwesten von dem Deutschland" hatte mehr geistlic/ze Vasal-
len als weltliche, und es that nun dem Kaiser weh, diesen The/7 von sich zu

170
Sinnwidrig, vgl. TWA 12, 451
171
Gregor VII.
GERMANISCHE VÖLKER 189

reißen. Gregor riß dadurch aus jenem Zustande der Unterdrückz/ng durch
die weltliche Macht. Alle Benefizien geistlic/zer Art sollten von dem Papste
und dessen Legaten vergeben werden. So hatte der Papst über das unge-
heure Vermögen der Geistlic/zkez'Z zu disponieren. Als göttliche Macht hob
sie sich über die weltliche Macht, so daß die Kaiser dagegen ihnen ganz un-
terworfen werden sollten; die anderen Könige wurden nur Vasallen des Pap-
stes.

11/3

Noch mehr hob sie sich dadurch, daß sie die Ehe als Sakrament erklärte.
Über die kleinsten Dynasten erstreckte sich ihre Macht (Freuga Dei) 172 .
Die Bischöfe waren zwar in demselben Falle wie die anderen Vasallen; sie
hatten aber einen festen Halt an der Kirche, mit der sie sich zusammen-
schlössen und so zusammen eine furchtbare Macht dem Kaiser gegenüber-
stellten, wie auch gegen alle ihre Oberherren. In England" sowohl als in
Frankreic/z suchten die Unterdrückten sich an die geistliche Macht anzu-
schließen, wodurch diese Gewalt bekam über alle Verhältnisse im StaaZ und
über die Dynastien. Die Willkühr der Kirche trat entgegen der Willkühr
der weltlic/ze« Macht. Denn die Päpste hatten zwei Mittel zu ihrer Macht,
den Bann und das Interdikt. Indem jener zu weltlicae« Zwecken angewen-
det wurde, verlor er seine Kraft, und Bologna, Florenz, Venedig spalteten
seines, so daß der Papst gegen diese eine Scheu trug; der Papst hatte in sei-
nem eigenen Lande keine persönlicae Ruhe; Er wurde oft aus Rom vertrie-
ben; aber sein Wort wirkte in die Weite, und so hob sich auch diese Macht
gegen die weltlicae; aber indem sie selbst mit ihren geistlic/je« Zwecken welt-
liche vereinigte, so herrschten in der Kirche ebenfalls Willkühr und Gewalt.
Was nun die geistlic/ze Seite der Kirche betrifft, so liegt schon im Prin-
zip der christlicaen Religion, daß sie die Macht über die Gemüther haZ, wie
eben schon besprochen ist. Die Form dieser Macht nur äußert sich in der
Vermittlung des Prinzips. Wenn der natürlic/ze Mensch sich selbst besiegt
und seine Wirklic/zkez'Z identisch macht mit seiner absoluten Bestimmung,
so gelangt er zu der Einheit der göttlic/ze« und menschlie/ze« Natur. Diese
Vermittlung nun ist das Bewußtsein dieser Einheit im Geiste, als die abso-
lute Möglic/zke/Z seelig zu werden und zu sein. In der Anschauz/ng Christus
ist sie dem Menschen gegebe» worden, der sie auch rege immer haae« muß.
Der Mittelpunkt des katholischen GoZZesdienstes ist die Messe, in der Hostie
wird" diese Einheit als gege«wärtig vorgestellt. Es ist der gege«wärtige GoZZ,
dem geopferZ wird". Christus ist nicht als Individuum hier betrachtet, das
einst gelebt haZ, sondern er ist ewig gege«wärtig im Meßopfer. Diese Aus-
artung der Kirche ist nicht Mißbrauch gewese«, sondern das Dogma selbst
hat das Falsche in sich. Christus ist hier repräsentiert, und es wird" voraz/s-

mittellateinisch: Gottesfrieden
190 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

gesetzt, daß der Mensch diesem Glauben hat, Christum zu ergreifen, um


versöhnt zu werden. Das Falsche ist darin, daß die Hostie als ein äußerliches
Ding behandelt wird". Die ganze Reformation 1105 | dreht sich darum, daß
die Hostie, a« sich ein äußerlic/zes Ding, gleichgültig wie jedes andere sez und
nur durch den Glauben, den man hat, seine Bedeutu«,g erhält. In der katholi-
sche« Kirche ist das Heilige als ein Äußerliches hingestellt. Das Himmel-
reich ist ein Ding nach ihr, das in Besitz genomme« werden kann. Es ka««
sich in einer fremden Hand, weil es ein Heiliges ist und nicht ein Geisti-
ges. Daher die Trennu«_g derje«ige«, die es besitzen (Geistlic/zkeiZ) und die es
bekommen (Laien). Das Heilige als ein Äußerliches betrachtet macht die-
sen Unterschied" durch das ganze Mittelalter. Es gibt Bedingu»_gen, unter wel-
chen die Laien es empfa«^« und welche den Laien von der GeistliczzkeiZ
vorgeschriebe« werden. Die Laien haae« keine Wisse«scha/Z, keine Vernunft,
nur Glauben. Durch die Geistlic/zkeiZ wird" die Versöhnu«^ schlechthin, durch
ihr Gebet, zwischen Mensch und GoZZ. Das Gebet vor abgeschiedene« Heili-
gen ist wirksam, und deshalb werden die Heiligen angebetet, so daß Chri-
stus zur/zcktritt. Lügen und Fabeln sind deshalb unendliczze gedichtet. Ma«
verehrte in Maria die reine Mutterliebe, statt des Geistes mit einer dum-
men FrömmigkeiZ.

14/3

Der Boden dieser Versöhnu«^ ist im freien Geiste enthalten. Durch das
Prinzip der FrezhezZ, welches verkehrt worden ist, kam ma« in das Verhält-
nis des Gege«thei/s des freien Geistes. Der Geist des Menschen ka«« nicht
frei sei« hiernach. Der Mensch ka«« nicht Beziehuw^en zu GoZZ haben außer
durch ein anderes; durch ein anderes Herz steht der Mensch in Beziehu«,g zu
GoZZ, durch ein abgestorbenes eines Heiligen. In dieser Vermittlu«^ ist der
sinnlicae Mensch, das sinnlicae Herz von seiner SinnlicakeiZ entfernt wer-
de«. Diese Bewegu«_g des Geistes aus dem Sinnliche« heraus stellt sich als eine
ungeheure Erschütteru»^ dieses Natürliche«, wodurch das Herz als ein Na-
türlicaes verschwinden soll. Der vernünftige Wille soll freilich das natürlicae
Herz abstreifen, aber es nicht sich ganz entfremden. Der Mensch wira"
hiernach erklärZ als unfähig des Göttlic/je« an ihm, und somit das Faktum
der Erscheinung Christi eigentlich geleugnet. In dieser Trennu«_g des Gu-
ten wira", was das Interesse des Mensche» sei« ka»« und sei» solle, der
Mensch als äußerliche Person, sein Wohlbefinden als Zustand, nicht als
Besseru»^ des Herzens gesetzt. Die Hölle wird" az/sgemalt als angemessen
dem Zustande der absoluten Qual des Herzens. Das Verhältnis wira" so ver-
rücket[?]; dem Menschen ist es nur um seinen ewigen glückliche« Zustand,
nicht als um eine Sache des guten Willens zu thun. Die Schrecken der
Hölle sind Strafen für de« Mensche« a« ihm, der des Guten unfähig a« sich
ist. Es gibt nun Mittel der Gnade, diesen Strafen zu entgehen, welche das
Individuum nicht wissen ka««. Er beichtet einem Andere«, von dem er das
Unrechte und das Zuthuende[?] erfahren soll. Die Kirche nimmt den
GERMANISCHE VÖLKER 191

Platz des Gewissens, des Willens, ein; sie führte de« Geist am Gängelban-
de. Der Mensch ka«« erlöst werden nicht durch seine Besseru«^ in ihm
selbst, geistig durch das Gemüth, sondern indem er sich zu einem Äußerli-
che« verhält, ad opera operata thut, nicht Handlu«gen des guten Willens,
sondern auf Befehl der Kirche. Er hört die Messe deshalb, geht zu de«
heilzgen Bildern, pilgert nach Jerusalem. Der Geist wira" durch dieses geist-
lose Thun gestumpft. Ma« ka«« für sich einen andere« pilgern und Messen
hören lassen. Durch Geschenke a« die Kirche kann ma« [von] sich aus die
Schätze der Gnade erwerben. Alle geistigen Verhältnisse im Wissen, Wol-
len, Guten, Recaten und Sittliche« werden durch die äußerliche« Verhältnisse
verkehrt. Alles ist immer äußerlich, mit dem ich durch äußerliche Handlu«_gen
in Verbindu«^ stehe, wodurch ich einen glückliche« Zustand für mich, nicht
durch Geist, sondern durch äußerliches Thun erlangen soll. —
So geneth der Mensch in die größte Abhängigkeit Das geistige Prinzip
der Freiheit wurde geistlich und stellte sich dem weltlicae« Willen, der aus
sich selbst heraus thätig war, entgege«. Sittliches und Göttlic/zes trennten sich,
und das Sittlicae ward" als Nichtiges gesetzt. Auf drei Punkte kommt es a«:
auf die Sittlic/zke/Z des Empfz'«de«s, die Liebe und Ehe. Die Ehe ist degra-
diert worden, zwar als Sacrament, 1106| als untergeordnet der Ehelosigkez'Z.
Der Mensch soll sich erwerben, durch sich genießen, thätig sei«, von seinem
Fleiße abhängen und so rechtlica sei«. Dagege» wurde die Unthätigke/7, die
Armuth, die Faulhez'Z als das Höchste gesetzt. Das Unsittliche ist zum Heili-
gen degradiert worden. Das Gelübde des Gehorsams ist das dritte. Der sitt-
liche, christlic/ze Gehorsam ist der Gehorsam der FreihezZ gege» das Geistzge,
das ich anerkenne und mit FreihezZ als das Rechte weiß. Hier ist er als Un-
freiheit gesetzt; indem ich [ge]horche einem, das ich nicht verstehe, was nur
die Kirche auferlegt. Durch diese Trennung ist das, was sittlich ist, degra-
diert und vernichtet worden. Dies sind die Haz/pZmomente der Macht der
Kirche, deren Gewalt nicht eine geistige, sondern eine geistlieae ist, deren
Prinzip UnfreiheiZ ist und die eine Trennu«_g hinein brachte zwischen Geist
und Herz und dem Äußere«. Geistlos, gewissenlos, herzlos 173 ist dieses
Prinzip.
Was der Mensch wirklich ist verschwindet. Schamlosigkeit Ungebun-
denheiZ sehen wir auch deshalb in allen Verhältnissen. Die Thätigkei/, Lust,
LebendzgkezZ zu handeln ist vorhanden; aber sie[?] haZ in ihr kein Prinzip,
das sittlich wäre; das Rechte ist davon getrennt. Alles ist der Willkühr und
Wildhez'/ deshalb überlassen. Ein Gemälde dieser ZerissenhezZ gibt die Ge-
schichte der ga«zen Zeit.
Die Kirche sahen wir als Reaktion des Geist/gen gege« die Se/as/isch-
keit174; die vorhanden war. Aber diese Reaktion ist so beschaffen gewese«,
daß sie nur das, gege« das sie reagierte, sich unterthänig machte; nicht Sitt-

M: Geist,-gewissen,=herzlos
KH: das Selbstische (421)
192 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

lichkeit bringt sie hinein und verbessert es, sondern macht alles von sich
abhäng/g.
Durch das Unrecht der Feudalherrscha// hat sich eine weltliche Herrscha//
konsolidiert, und befestigt und ebenso hat die Kirche ihre Gewalt befe-
stigt. Feste Gewalten sind so vorhanden. Die Menschen ohne Gesetze und
Sittlic/zkez/ zerstücket, auf ihre individuelle Macht gewiesen, haben in jedem
Punkt eine Thätigkei/ zu beweisen; denn jeder ist auf sich gewiesen und
deshalb bewaffnet. Alles ist bewegt, betriebsam und in Handlung. Dieses
Treiben ist nun zu betrachten.

15/3

Durch die Dienstbarkez/ des Geistes gege« die Kirche sind die Men-
schen der ewigen Seligkeit gewiß. Es ist ein Vertrag mit dem Himmel ge-
schlossen, daß ma« die Leidenscha/ten frei ausgehen lassen ka««, durch
Geschenke a« die Kirche. Die Anfänge eines Allgemeinen, Substa«ziellen,
gehen daraus hervor. Allentha/ae« baut ma« Dome, Kirchen. Das Um-
schließen für die Gemeinde, die unorganische Architektur erscheint zuerst
in der Bildu«^, dann erscheint der Gott darin, die Skulptur. Der Seehandel
beginnt a» de« Küsten des Mittelmeeres und des atlantischen Meeres, jene
Gege«den können sich nur mühsel/g erhalten gege« die Gewalt des Heeres.
Die dortzgen Dynasten ließen ihren Hörigen mehr Freiheit, um sich anzu-
siedeln und die Sümpfe zu trocknen und das Meer abzuhalten. Die Lagu-
nen von Venedig und Holland haben die Mensche« nur hingezogen aus
Gewinn und größerer FrezhezZ. Die Seefahrt ist nur zu Raubzügen von de«
Normannen gebraucht worden. In Bologna blühte die Rec/z/swisse«scha/7; in
Frankreich und Paris die Scholastiker. Ein Hauptmoment ist der Handel
und die Entstehu«g der Städte. Die Kirche ist den Städten gege«über, und
beide bilden zwei Mome»/e in dieser ZezZ.
Das Entstehen der Städte ist sehr wichtig, und durch die Nachforschu«-
,gen des einzelnen sehr beliebt. Ma» ist auch näher damit bekannt [ge]wor-
den. Jeder Punkt im Mittelalter hat seine eigene Geschichte, unabhängig; so
jede Dynastie, die eigene Kriege führt, besondere Schicksale, Eigenheiten
hat. Diese unendliczze MannigfaltigkezZ hat ein Bedürfniß zum Grunde lie-
gen, die christlic/ze Welt nämlich. Die Städte sind eine Reaktion der in dem
Feudalrecht entstandenen Unrechte. Durch Schutzlosigke/Z haae« die Ge-
waltigen sich für sich zu schützen gehabt, und andere« Schutzbedürft/gen
ihn17S ertheilten, oder sie zwangen, ihn bei ihnen selbst zu suchen und
machten sie von sich abhähgzg neben ihrem Leib und ihrem Eigenthz/m.
Solche Schutzpunkte waren Burgen und Kirchen und Klöster. Die Leute
wurden Eigene 1107 | der Burgherrn, der Kirchen etc. Burger hießen sie.
Städte aus älterer ZezZ waren in Italze», Südfrankreich, am Rhein. Freie hat-

den Schutz
GERMANISCHE VÖLKER 193

ten sich auch in diese Städte begeben. Aber diese Städte waren den
Voigten der Könige und den Vögten selbst darauf unterworfen; und im
Ga«zen waren sie jedoch nicht Eigene. Die Bevölkeruw^e« waren degra-
diert, für die Herren und Geistliczze« zu arbeiten; sie bekamen Essen und
Trinken, auch Kleidu«^; Von hier aus, also von unten a«, fängt ma« nun
a«, ein Eigenthz/m zu haben. Die Dynasten, die nun Adlige heißen, hatten
die Gewalt über diese; aber sie waren Höheren unterworfen und erschie-
«e« als ihre Vasallen, so daß sie Pflichtleistu«gen gege« sie hatten. Das
Prinzip des Eigenthz/ms tritt nun ein, und von hier a« hat man unseren Zu-
stand abzuleiten. Zusammenwohnende bildeten eine Gemeinsamkei/, Kon-
föderation, Kommunion, Konjuration, denn sie schwuren sich einer dem
Andere» beizustehen, und sie schworen also gege« ihren Lehensschwur,
worin sie Treue gege« de« Herrn geschworen hatten. Mit dem Herrn stan-
den sie in Feudalitätsverhältnis (fides); jetzt wollen sie sich gege«seitig
schützen. Sie erbauten einen Thurm, worauf eine Glocke gehängt wurde,
auf deren Schellen sie sich auf einem Platz versammelten, um sich zu ver-
theidigen. A/s Militz kamen sie dann zusammen und stellten obrigkei/lic/ie
Personen auf. Sie hatten gemeinscha/zlicae Siegel, Kassen, um besondere
Einkünfte zu sammeln. Sie bauten Gräben, Mauern um ihre Gemeinsanz-
keiz. Einzelne durften nicht Thürme bauen, nur gemeinsam erhoben sie
solche Schutzwehr gege« Raub ihrer Herren und deren Diener. Die Gewer-
be sind hierin einheimisch und sind verschieden von de« Ackersleuten, die
nicht so viel Rechte als jene hatten, sondern sie wurden durch die Peitsche
zur Arbeit getrieben, während zum Gewerbe und Erwerbe Anlagen, Inter-
esse gehörten. Die Erlaz/bnis zu erwerben und durch das Geworbene zu
kaufen und zu verkaufen, mußte vom Herrn erhalten werden, so wie auch
einen Markt zu halten. Der Herr erhielt einen The/7 von dem Erwerb; ei-
nen anderen Theil verkaufte der Eigenthümer für sich. Oder er lieferte so
viel Tuch, Schu/je etc. jährlich dem Herrn, welcher zum Verkaufe einen
Platz in der Stadt erlaubte durch einen Zins, so wie der Zins lastete auf dem
Besitz eines Hauses. Fremde mußten Zölle bezahlen für die Einfuhr und
ebenso auch die Ausfuhr. Das Geleit wurde auch bezahlt, um nicht auf
der Straße beraubt zu werden. Eine solche Kommunion mußte erst vom
Herrn erkauft werden oder vom König, wie in Frankreic/z. Die Geistlic/ze«
und Könige erhielten Geld dafür, daß sie Karten gaben den Kommune«,
aber mit der Klausel, daß dem Herrn eine Abgabe und ein unbeschränkter
Kredit (so daß er gar nicht zu bezahlen [brauchte] 1 6) erlaubt war. Nach-
dem diese Gemeinden erstarkten, kauften sie den Herren die Rechte ab.
Das Richteramt, Gerichtsbarke/7 kauften sie an sich vom Kaiser, der immer
in Geldverlegenhei/ war und deshalb alle Reichsrechte verkaufte. Die Vog-
teiämter wurden ebenso vom Kaiser angekaz/ft. Am längsten hielt sich das,
daß die Städte dem Kaiser ganze Gefolge des Kaisers oft unterhalten muß-

M: .durfte'
194 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

ten, wodurch es geschah, daß die Städte zuweilen ihn und sein Gefolge ver-
jagten. Die Dynasten trieben es ebenso, und alles wurde ihnen abgekaz/ft,
die Verwaltung der Polizei und das Regiment. Gewerbezünfte bildeten sich,
so daß Gemeinden eine Gemeinde bildeten. Der Kauf der Rechte brachte
dieses hervor, oft auch die Gewalt der Gemeinden, die von de» Klöstern
manches erzwangen, indem die Bischöfe unter sich uneinig waren. | 108 |
So entstanden Kämpfe zwischen den Gemeinden und de« zwischen ihnen
wohnenden Äbten und deren Vögten. Blut floß oft auf der Straße; die
Äbte wurden oft verjagt, und durch alle diese Verwickelu«_g entwickelte sich
die Freiheit dieser Städte, deren Schicksal aber sehr verschieden war, indem
sich viele durchaus nicht frei machen konnten von ihrem Bischof, wie
Mainz. Die Städte erstarkten auf diesem Wege und wurden freie Republi-
ken, besonders in Italien, in einem The/7 von Frankreich und Deutschla»a".
Nun treten die Städte zum Adel in ein bestimmtes Verhältnis.

17/3

Der Adel verband sich mit de« Korporationen der Städte und machte
selbst eine Zunft aus, wie in Bern. Dieser Adel, die Barone herrschten über
die Stadt, und dann erst rissen die Bürger aus ihrer Hand die Gewalt. Die
reichen Bürger zerfielen auch in sich in Faktionen, wie es der Adel war in
Ghibellinen und Gwelfen, die sich an Kaiser und Papst anschlössen, aber
nicht um derentwillen, sondern um ihres Vortheilswillen gaben sie diesen
Name» ihren Faktionen. Die siegende Parthei der Bürger degradierte die
unterliegende Parthei zum Adel (populo crasso). i r Das gemeine Volk war
aber von der Regieru»_g az/sgeschlossen und deshalb gegen jene aufgeregt
von den Baronen. Die ganze Geschichte dieser freien Republik ist eine
Abwechselung des Regiments in den verschiedenen Faktionen. — Die Ver-
fassungen waren nicht bestehend, sondern wurden von der jedesmaligen
Faktion bestimmt, in Bezug auf Finanzen, Kriege etc. Oft wurden die Rich-
ter aus der Fremde geholt, und keiner von der Burg kam zu diesem Amte.
Ein Chef der Regierung wurde ebenso gewählt, dem alles anvertraut wur-
de. Fremde Fürsten erwählten sie zu ihren Herrn; aber dieses dauerte
nicht lange. Denn der fremde Herr wurde sogleica ein Tyrann, da er für
sich nur sorgte, und ebenso ging es mit den Richtern. — Die Geschichte die-
ser Städte ist interessant und mannigfach; aber da jeder auf sich gewiesen
ist, so sind die Charaktere der Individuen disparat[?]. Die ganze Geschichte
dieser Städte ist nur eine Chronik - In dieser VeränderlicakezZ, Haß der
Faktionen hören wir zugleich, daß Industrie, Land- und Seehandel geblüht,
deren Prinzip eben die LebendzgkezZ war.
Haz/p/mächte sind: die Kirche mit ihrer Kraft in allen Reichen; die Dy-
nasten und die Städte, wo ein rechtlz'czzer Zustand beginnt, der nicht auf

TWA 12, 464: populus crassus


GERMANISCHE VÖLKER 195

Unrecht begründet ist. Von der fürstlic/ze» Seite entsteht nun eine neue
Reaktion gege» den Papst und die Städte. Die Kaiser stehen an der Spitze
der ChristenhezZ und weltlicaen Macht; der Papst an der geistlic/je» aber
doch weltlic/je» Macht. Es ist eine interessante, grandiose Geschichte die-
ser Kämpfe. Die deutschen Kaiser wurden oft gedemüthigt. Die Hohen-
stauffen sind hohe Charaktere. Friedrich I. erhob die kaiserlic/ze Macht zur
größten Herrlic/zkeiZ; durch seine Größe hielt er die Fürsten an sich. Aber
die Kämpfe über Italien und die eiserne Krone bringen die verschiedensten
Lagen hervor. Es ist ein eigener Umstand schon, daß die deutschen Dy-
nasten nur verbunden waren, im Sommer den Kaisern beizustehen. — Die
Städte schlössen sich an den Papst an, so wie die Fürsten, welche den Kai-
ser fürchteten, daß er die von ihnen an sich gerissenen Reichsrechte zu-
rückfordern würde. Es ist ein Kampf gegen Papst und gegen die republi^a-
nische Freiheit, Immoralität, Unbändigke/Z von den Kaisern aus, und dieses
Bild geben die Hohenstauffischen Kämpfe. Die Kaiser mußten nachgeben
dem unbändigen Geiste der Kommunen, Dynasten und Kirche. 1183
wurde zu Konstanz 178 von Friedrich I. die FreihezZ der italienischen Städte
erklär/ - mit der Klausel jedoch, daß sie gewisse Dienste zu leisten hätten.
1220 mußte er den Fürsten ihre Se/aständigke/Z zugestehen. Der Investitur-
streit hat ein Paar Jahrhunderte gedauert. 1120179 wurde zwischen Papst und
Heinrica V. bestimmt, daß die Kapitel in Gegenwart des Kaisers wählen
sollten, und nun sollte der Kaiser den Bischof als geistlicaen Lehensträger
belehnen; den Stab und Ring gab ihm der Papst. In diesem Gegensatz ver-
eint sich auch der geistliczze und weltliche Zweck zu einem Zwecke, Chri-
stenthz/m und ChristenhezZ die sich durch den weltlic/je« Arm ausbreiten und
in der Welt geltend machen sollten. Dieser Zweck der Verbreitung des
Christenthz/ms beharrt in allen jenen Kämpfen. 1109 |

Die Kreuzzüge
stellen die Christen als Gegner ihrer Feinde auf, die thei/s Nichtchristen
und thei/s ketzerische Christen sind. Sarazenen in Spanien und gelobten
Landen, sowie die Heiden im Nordosten von Europa; dann die Züge gege»
die Ketzer im südlichen Frankreic/z. Dze ChristenhezZ empfand sich nun in ei-
nem Zwecke; begeistert sammeln sie sich gegen ihre gemeinscha//lic/ze«
Feinde. Blutdurst, kriegerzse/zer Muth vereinen sich zum Prinzip, das sie
antreibt.
Dze christlic/ze Religio« hat ein sinnlic/zes Äußere angenommen, als ein
Vermittelndes. Es ist von de« Heiligen schon gesagt worden, daß ma« an-
geblich Reliquien von ihnen sammelte, so daß die Andächtige« ein Leibli-

M: Kostnitz[?]
Richtig: 1122
196 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

ches von de« verehrten Personen hatten. Bei Christus ko««te nun diese
Sinnlichkeit nicht so weit gehen; er ist [auferstanden; ma« sammelte nun
vom Kreuz, Speer mit dem er dz/re/zstochen, Nagel. Besonders verehrte
ma« das Land, die Orte, wo seine Fußtapfen getreten, seine Lehre gepre-
digt und sein Grab gewese» ist. Christus ist gege»wärtig in jeder Versamm-
lu«_g, geistig, und wirklich geistig lebt er in der Gemeinde. Aber dieses Äu-
ßerliche hat die Gege«wart zu einer sinnliche« bestimmt; und da diese Gege»-
wart das Höchste war und diese als sinnlich genommen wurde, so »zußte
ma« noch das Höchste erwerben, was noch der Kirche fehlte, das Sinnli-
cae, sein Grab. Pilger wallten hin, um zu jenem Orte zu gelangen. Dzeser
Ort mit allem Heiligen, was darin war, mußte erobert werden. Der Glaube
hat den Leib Christi entrückt; sein Geist allein war nun gege«wärtig, und
um auch das Sinnlicae zu erlangen, kam die Christe«hez7 außer sich. Mit
Kreuzen bezeichnet zogen sie ins Morgenland. Die Päpste veranstalteten
diese Züge, die gleich den Zügen des Alexander und der Grzechen gege«
Troja az/szogen. Nach dem Charakter des politisc/ze« Abendlandes waren
diese Züge nur vereinzelt, nicht nach einem konsequentem, verständigen
Plan; sondern von verschiedenen Dynasten und zu verschiedenen Zeiten.
Gegen die Feinde Christi zog ma« zuerst nicht bloß durch Krieg, sondern
auch durch Mord, wie ma« viele Tausende 180 Juden ermordete. Peter a« der
Spitze zog zuerst unordentlich aus mit einem ga«zen Heere, das fast ga«z
aufgerieben wurde. Dieses Gesindel, das sich nur auf Wunder verließ, Gott
werde ihnen beistehen, zertrümmerte alles bestehende Recht und gingen
durch ihren Wahnwitz zu Grunde. Der Wahnsinn ging so weit, daß Kinder
a« 40.000 nach Marseille zogen, um sich einschiffen zu lassen, und sie ka-
men meistens um, ehe sie das Meer erreichten. Die Marseiller erbarmten
sich ihrer - und verkaz/ften sie als Sklaven nach Afrika. Geordnete Heere
haben endlich, obwohl mit Verlusten, ihren Zweck erreicht und das heilige
Grab erobert. Sie zeigten die größte Wildhez/, ^4z/sschreitu«g und de« gro-
ßen Gegensatz davon, die Zerknirschu«^. Denselben Charakter trugen alle
ihre Handlua^en daselbst. Sie haben in Jerusalem alles ermordet, Männer,
Weiber, Kinder, und darauf gingen sie zerknirscht in die Kirche. Die ga»-
ze Feuda/verfassu«_g führten sie in dem Königreich Jerusalem ein. Viele
unabhängige Fürstenthümer bestehen neben einander, deren Ritter vom
König abhängig sind, so wie auch von einem Patriarchen, der die Gewalt
eines Papstes hatte. Diese schlechte Verfassu«^, die keine ist, hat sie auch
zu Grunde gerichtet, ihren Feinden gegenüber. Ungeschickt und verstandlos
war der Zug selbst unternommen, ohne Verstand ist das Eroberte einge-
richtet worden. Daß die Christen a» diesem Orte beten ko»»ten, in die
Fußtapfen traten, wo Christus gega»gen, Schiffe voll Erde nach Europa
bringen, wie die Pisaner, und sein Grab besitzen, dazu haben sie also mit-
gekämpft. Dieser eitele Trieb der Sinnlicakez/ ist hier am Grab untergegan-

180
M: 1000e[?]
GERMANISCHE VÖLKER 197

gen. Ein Heiliger sieht keine Verwesu«^. Zum zweiten male ist Christen
hier geantwortet worden: er ist nicht hier, er ist auferstanden. 1110| Nicht
bei de» Todten ist der Lebendige zu suchen, sondern im lebendigen Gei-
ste der Relzgio«. Das ist das Resultat der Kreuzzüge, daß die Christenhez'/
gefunden hat, daß in diesem Besitze keine Befriedig««^ gegeben ist. Der
nächste Erfolg war auch, daß alles wieder verloren gegangen ist; ein höhe-
res Bedürfnis erwachte in ihnen; die religiöse Sehnsucht ko««te nicht mit
dem Sinnlicae« getilgt werden, wie das Grab ist.
Andere Kreuzzüge, die mehr Eroberungskriege waren, sind die der
Spanier gege« die Sarazenen auf der Halbinsel. Im Norden von Spanie« wa-
ren die zurückgedrängten kleinen christlicae» Reiche herangewachsen; die
Sarazenen wurden in vielen Dynastien in verschiede«e Faktionen zerrissen
und vereinzelt. Ewige Empörungen der Fami/ie« unter sich und der Gene-
rale gege« die Herren kamen hier stets vor. Ritterzüge machten nun jene
im 11. und 12. Jahrhundert gegen diese im Süden. Im Zusdmme«treffen mit
diesen wurden die Ritter in das Ritterth//m eingeweiht, welches in dem
M/7/e/alter in Spanien geblüht und durch den Cid repräsentiert ist. FreihezZ
und ritterliczzer Sinn beseelte sie. Die orientalische Größe wurde gekannt.
Saladin, der hohe Charakter, der Jerusalem erobert und de« Rittern seine
Kontributio« gab, sich selbst loszukaz/fen, ist nun in den spanische« Helden
abgespiegelt worden. Diese vollkommene Freiheit von Besitz und allem Be-
sondere« hatte ga«z das Morgenland dz/rc/;drungen und ist nun dem
Abendland eingepflanzt worden. Im südlichen Frankreich hatte sie/z eine
schöne Blüthe entwickelt, sowie unter Friedrich IL in Apulien. Dichter, die
etwas affektiert waren, die aber doch schön waren, brachten eine Blüthe
ins Leben. Kz/«s/licher waren sie als die tieferen und gemüthlic/ze« Deut-
schen. Hier hatten sie/; nun schwärmerische Ansichten von ReinigkezZ ver-
breitet, sowie nicht Fleisch essen. — Gege« sie wurde das Kreuz gepredigt.
Die Fürsten von Toulouse, in deren Gebiet jene waren, nahmen siez; ihrer
a« und wurden gebannt. Das Land ist verheert worden. Reczj/gläubige Ka-
tholiken waren aber auch darunter; aber „schlaget nur alle todt, der Herr
wird" schon wissen, welche die Ketzer sind", sagte ein Abt, de« ma« gefragt,
welche ma« todt schlagen solle.

18/3

Seit de« Kreuzzügen hatte die Kirche ihre Autorität verändert; das
Prinzip der christliczze« FreihezZ ist zur wahnwitzigen Knechtscha// gewor-
den. Auf das Gebot der Päpste sind diese Züge unternommen worden; der
Kaiser erschien in einer untergeordneten Gestalt. Der Stellvertreter Gottes
auf Erden, der Präsident der christlicae« Republik erscheint der Papst.
Rom mußte unterliegen, nicht durch weltliche Autorität, sondern von In-
nen, vom Geiste aus. Die Hohenstauffen sind besiegt worden. Aber die
Sehnsucht ist durch die Kreuzzüge nicht befriedigt; die päpstliczze Macht er-
lag, indem dieses religiöse Moment, durch die Sinnlic/zke/Z die Sehnsucht zu
198 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

befriedigen, ihnen nicht gelang. Von nun a«, und dieses ist der dritte Ab-
schnitt im Mittelalter, beginnt ein neues Leben. Auf höhere Zwecke richtet
ma» sich über dem gräuelhaften Dasei«; Eine Richtu«_g auf allgemeine
Zwecke, die a« sie/; berechtigt sind und die zugleich der Gegenwart ange-
hören, so wie der menschliche« Vernunft, Willen, Thätigkei/, entstand aus
dem Mißlingen jener Befried/gu»^. Auf siez; ist man gewiesen, und ma« be-
strebt siez;, seinen Willen zu realisieren. Ma« macht Ernst mit dem, was
die Kirche ausgesprocae« hat über die Entsagu«^ der Ehe, des Erwerbes
und des freien Willens. Anstalten wurden gemacht dazu; aber sie sanken
ins Verderben der Weltliczzke/Z. Ketzereien verbreiteten sich in Italien und
Frankreich; eine schwärmerische Richtu«_g ward ihnen gegebe«. Diese wa-
ren nicht so gefährlich, wie die damals, die siez; dem Unglauben hingaben
und die siez; aus Gott und allem nichts machten. 1111 | Die strengeren Re-
geln schärften die Gesetze der Mönchsorden. Franz von Assisi, ein
höchst zu bewundernder Mensch und Dominikus stiften de« Bettelorden
im Gegensatz zum weltliche« Reichthz/m, Herrscha// und Habsucht. Bet-
teln und Geißeln und Beten war ihre Beschäft/gz/»_g; die Dominikaner pre-
digten mehr. Dzeser Franziskanerorden, der siez; in viele Zweige theilte,
hat sich durch alle Lande schnell verbreitet. Der Papst hat sie zu Missionen
gebraucht. Aber sie wendeten siez; selbst gegen die WeltlicAkezZ des Papstes,
wie ihre Schriften beweisen. Sie haae« ein allgemeines Konzilium über den
Papst gestellt. Zuletzt sanken sie in Stumpfhez/ und DumpfhezZ zurz/ck.
Hiermit h/ngen zusammen die geistlichen Ritterorden, welche sie» mön-
chisch aufopferten durch Armuth und Entbehru«^. Ihnen ist aufgegebe«
der Schutz der Pilgrimme. Die Kreuzzüge haae» sie hervorgebracht. Sie
sollten die Kranken verpflegen. Die Johanniter- und Tempelherrnorden
entstanden so mit vielen Verbindungen. Es war eine schöne Verbrüderu«^
unter gleichen Rechten und Entbehru«gen. Sie waren entfernt vom Feudal-
wesen. Sie bekamen durch Vererbu«^ große Güter in ga«z Ez/ro/>a. Wie ein
Netz der Verbrüderu«g breiteten sie siez; aus. Aber diese Orden sind auch
herabgesunken in die gewöhnliche« Interessen, ihre Verwandten zu versor-
gen. Sie sind dem Bischöfliczze« Richtamt entnommen worden. Darauf wur-
den sie beschuldigt, daß sie, angesteckt von der orientalisczze« Ansicht, ei-
ne andere Religio« angenommen und ausgebildet hätten.
Die Fortbildung des Denkens, des abstrakten Allgemeinen, fing jetzt
auch a«. Die Wissenscha// bildete sich aus. An die Theologie wendete siez;
das Denken und hat von seiner Kraft ein Bewußtsez« erhalten. Die Theo-
logie wurde Philosopzzie, welche die scholastische genannt wurde. Die Phi-
losophie hat denselben Gegenstand mit der Theologie, der Erforschu«^ Gottes.
Die Theologie war aber der Kirche und durch ein Dogma, durch eine Tradi-
tion festgesetzt. Der Inhalt der Theologie sollte auch von dem Gedanken
gerechtfertigt werden. Anseimus sagt: es ist nachlässig, wenn ma« glaubt,
nicht das Geglaubte zu denken. Frei war das Denken nicht, denn ma« ging
nicht von sich, sondern von einem bestimmten Gegenstand aus, den ma«
beweisen wollte. In Frankreich ist dieses formelle Denken scharf ausgebil-
GERMANISCHE VÖLKER 199

det worden. Auf eine Menge Bestimmungen kam man, die nicht in dem
Dogma ausgedrückt waren, und diese gaben Gelegenhe/Z zum Streit, wel-
cher erlaubt war, da die Kirche ihm nichts entgegen setze. War nun Europa
ein Schaz/spiel von Kämpfen im Ernst und Turnier, so war Italien und
Frankreich ein Schauspiel der Turniere der Gedanken. Die Individ»en hat-
ten eine große Fertigkez'Z, sich in diesen Formen zu bewegen. — Die Philoso-
phie war eine Macht des Glaubens. — Der Gegensatz entstand des Denkens
gegen den Glauben, welcher Gegensatz siez; weiter ausbildete.
Dze Anfänge der Kunst, der Malerei und besonders der Poesie beginnen
in diesem Zustande des Mangels der Befriedigung. Die Phantasie schuf
schönere Gebilde als die WirkliczikezZ sie darbot. Die Industrie, der Handel
bekamen durch die Kreuzzüge neuen Antrieb, sich mit dem Orient und des-
sen Richtz/ngen zu verbinden. Diese Richtungen alle sind allgemeiner Na-
tur, wenn sie auch von dem subjektiven Verstände und Fleiße ausgingen.
Der Staat und die Verfassung haben einen wesentlichen Fortschritt ge-
macht, indem die subje^Zife Willkühr gebrochen wurde und indem daraus
ein Oberhaz/pt hervorging und eine StaaZsmacht für einen gemeinsamen
Zweck, wo die Individuen nur Glieder für den substanzielle« Zweck sind.
1112 | Die Monarchie tritt a« die Stelle der Feudalverfassung. Die Vasallen
bildeten eine Oppositio« gege« das Haz/pt des StaaZes, und Gewalt und
Versprechen mußten sie ihm gewinnen. Des Hauptes Wille ist auch nur
eine persönlicae Willkühr. Seine Rechte sind auch ««r durch Gewalt abge-
trotzt.

19/3

Der König haZ die StaaZsgewalt zu einem allgemeinen Zweck, der für das
Ganze wesentlich, nicht bloß individuell ist. Die Feudalherrscha/Z ist zu-
nächst Polyarchie, ««r Herren und nur Knechte. Die Monarchie ist die
eine Herrschaft, und ohne Knechtscha/Z. Die reelle FreihezZ ging aus dieser
Herrscha// hervor. Die deutsche Freiheit in Bezug auf Feudalherrscha/Z hieß
die Willkühr der Dynasten zur ungerechten Behandlung der Anderen.
Durch die Unterdrücku«_g der Dynasten ka«« ma« entweder das allgemeine
Recht wiederherstellen, oder nur Willkühr des Einen. Aber diese Willkühr
war es nicht, sondern das Recht hat jene erdrückt; vielmehr haZ Willkühr
aufgehört. Eine Herrschaft und eine Allgemeinheiz treten nun auf. Der
Monarch kann aber nicht allentha/ae« sei« und handeln; er haZ Minister
und Unterherrscher, und dazu werden Dynasten gewählt, die nun StaaZsbe-
amten sind und einen rechtliczze» Stand haae«. Die Monarchie geht az/s dem
Feudalismz/s hervor und ist zum The/7 noch feudalistisch, indem die einzel-
nen Vasallen unterworfen sind, nicht mehr durch sich allein, sondern durch
sich zusammen gegen die Alleinherrscher auftreten können. Hieraus entste-
hen die Stände; die Fürsten standen unter Gehorsam des Chefs und gehen
deshalb in Korporationen zusammen. Jeder gilt Etwas, wenn er Mitglied
eines solchen Standes ist. Die Korporationen also der Vasallen, Baronen,
200 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

Städte sind verschiedene Mächte in diesem Gemeinwesen; und so ist die


Macht des einen Herrschenden nicht mehr Willkühr, nicht mehr allein-
seiende Macht. Der obere Gewalthaber muß billig sei«, um ihre Unterstüt-
zu»_g zu haben. Eine StaaZenbildu«^ fängt nun a« hervorzugehen. Eine
Monarchie ka«« aus dem Feudalismz/s entstehen, durch Unterwerfu«^ der
Vasallen, so daß die einzelnen nicht mehr als einzelne Gewalt haae». Oder
diese Fürsten machen sich zu se/aständigen Landesherrn und sind unter
sich Korporationen. Oder endlich daß[?] der oberste Lehensherr die Vasal-
len mit seinem besondere« Fürstenthz/m vereint, und sich zum Herrn vom
Ganzen macht. Rein kommen diese Übergänge in der Geschichte nicht
vor; aber überwiegend ist ein Übergang. Die partikuläre Nazionalität al-
lein haZ de« Anspruch solche Staaten zu bilden.

D e u t s c h l a n d u n d Italien
oder das römische Kaiserreich haZ das größte Interesse im Mittelalter und
hängt ab von der Vorstellu«^ des Kaiserreichs. Der Kaiser ist Chef und
der Papst. Beide sollen Elemente sei« von einem Ga«zen; Aber die For-
mation war nur ein Kampf, nie ausgeführt. Der Übergang zur Monarchie
machte sich so, daß sie ihr Feudaloberhaz/pt verstießen und die Vasallen
Monarchen wurden. Die Länder zerfielen in kleine StaaZen. Deutschland"
war ursprünglich ein Zusammenhang von Stämmen, die thei/s germanisch,
thei/s slawischen Ursprungs waren und germanisiert wurden. Ein Ga«^es
haZ es nie ausgemacht, wie im Frankenreich. Ebenso in Italien; Longobar-
den und Franken haae« siez; festgesetzt; Sarazenen, Normannen, die Kir-
chen hatten ihre Thezle. — Nach dem Untergang der Hohenstaz/ffen zerfiel
alles in kleine Mittelpunkte. Die Kurfürsten hatten ihre Maxime, Ausländer
sich zu Herren zu wählen, weil diese entfernt waren und ihnen Geld dafür
zahlten. Der Erzbischof von Kölln haZ sich 12.000 < . . . > für seine Stimme
zahlen lassen; jeder Punkt war eine Raubhöhle geworden; ReczzZ bestand
nicht. Nach dem Interregnum kam 1113 | kein Fürst, nicht ein Mächtiger,
nur ein Graf von Habsburg auf de« Kaiserthron und blieb auch darauf.
Dieser schaffte sich eine Haz/smacht a«, die er früher nicht hatte, denn der
Zustand des Reiches, die Fürsten trieben ihn dazu, da sie keine Herrschaft
ihm einräumen wollten. Diese Anarchie wurde gebrochen. Durch Assozia-
zionen der Städtebünde im Interesse ihrer FreiheiZ und Industrie gege« de»
Raubzustand. Die Hanse, der rheinische Bund, der schwäbisezze Städtebund
bildeten siez; und führten Kriege mit de» Fürsten, welche dann siez; selbst
vereinigten zur Abstellu«,g des Fehdezustandes zu einem Landfrieden, der
anfaw^s partiell, dann allgemein war. Se/aständige Fürsten unter einem
machdosen Oberhaz/pt betrieben ihr Interesse so. Die Assoziazionen hat-
ten de« Zweck kriminalisch die Verbrecher zu bestrafen durch die Femge-
richte, die nicht öffentlicz; sei« durften.
Die Bauren machen bald auch eine Assoziazion der FreihezZ. Viele
GERMANISCHE VÖLKER 201

flüchteten siez; in die Städte. In der Schweiz standen die Bauren unter kai-
serliche« Vögten und waren nicht Privateigenth/z'mer, sondern Reichsämter.
Das Haus Österreich wollen sie zum Haz/seigenth//m machen; die Bauren
siegen über sie, und Bauren zwar gegen Ritter, die mit Spieß, Schwerte,
Helm, Panzer bewaffnet auf geharnischten Rossen saßen, im Kampfe ge-
übt waren. Die Schweizerbauren haae« mit Morgensternen ihnen entgege«-
gekämpft und siez; aus der Nacht de« Tag der Freihe/7 geschaffen. Gegen
diese physische Übermacht der Ritter wirkte auch das Schießpulver, das
Ha«pZmittel der Befreiung gege« die physisezze Gewalt. Ma« haZ geklagt,
daß dieses Mittel die herrliche Tapferkeit aufgelöst haZ, und daß ein Schuft
den Edelsten aus der Ferne tötet. Aber eine andere Tapferkeit entstand
daraus, die Ruhe der Gefahr des Todtes entgege« zusetzen. Das Individ"«-
um beruht nicht auf sich, sondern gilt nun nur durch die Gemeinscha/Z. Alle
Bewaffnu«^ und Gewalt der Burgen haZ dieses Pulver geendigt.
In Italic« ist die Se/aständigke/7 errungen worden von de» einzelnen
Punkten. Die Dynasten waren verschlungen mit de» Faktionen der Städte.
Die Condottieri, die das Kriegshandwerk trieben, vermehrten diesen Zu-
stand; ma« nahm sie in die Dienste gege« die Dynasten. Sie führten Ar-
meen herbei, und wie Sforza errangen sie siez; selbst Herzogthümer. Der
Krieg war noch fürchterlicher als in Deutschla«*/.

21/3

StaaZen bildeten sich, indem freie Städte sich befestigten 181 und die Dyna-
sten unterjocht wurden, und die Fürsten kamen nicht zu de« Vasallen in
das Verhältnis der Stände wie in Deutschla»//. Es warfen siez; einzelne auf,
die wie Sforza und Viskonti, auf die fürchterlichste Weise, ärger als die
römischen Kaiser gewüthet haben. Mailand, Venedig, Genua ging es eben-
so. In Florenz war ein Kaufmann, der Medici höchst einflußreichst ge-
worde«, so daß sie siez; zu der herzogliche« Würde erhoben. Pisa und Siena,
die mit Florenz rivalisierten, sind von de« Medicis unterworfen worden. Die
unzähligen kleinen Städte und die Dynasten, die Condottieri waren, sind
von dem Papste absorbiert worden. Machiavelli hat diese Verhältnisse sehr
gut auseinandergesetzt. Sein Buch ist vollkomme« unsittlich, und voll mit ty-
rannzsc/ze« Maximen, enthält die Prinzipie«, nach denen Staaten gebildet
werden müssen durch Unterwerfu«g der Einzelnen. Die Mittel, die er dazu
angiaZ, sind von der Moralität und von unserem Begriff der Freihe/7
durchaus [zu] verwerfen; aber diese Mittel sind die einzigen und vollkom-
me« berechtigt gewesen, die unter diesem Zustande solcher Dynasten,
Kondotieri und solcher Städte angewendet werden ko««Ze«[?]. Mord, List,
Vergiftu«^, alle diese Mittel werden angegebe«. Aber diese Chefs haae« ge-
zeigt, daß sie solche Mittel gegen sich angewendet verdienen. Sie waren

181
M: \s/'ca befestigten\
202 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

gewissenlos, tyrannisch und zerrissen Italic« und füllten mit Gräuel es a».
Durch solche Mittel nun sind großenthe/Ts die StaaZen in Italien gebildet
worden. 1114 |

Frankreich
Der König haZ hier seit einigen Jahrhunderten ein Territorium gehaaZ, das
sehr beschränkt war. Seine Macht war ein Titel. Er haZ auch deshalb eine
geringe Achtung von dem deutschen Kaiser erhalten. Aber sein Recht war
erblich. Auch haaen die Städte zu ihren Konjurationen siez; von ihm die
Karten gekauft als dem dem Titel nach ersten Lehensherrn. Die Fürsten in
Frankreich bildeten einen Pairshof, einen obersten Lehnshof. 12 waren ih-
rer aus einem phantastischen Ursprung. (Tafelrunde). Diese Versammlz/ng
war nachher beim Krieg bedeutend in der Macht. Nachdem die Fürsten
der Normandie England erobert hatten, so erhielten die französischen Kö-
nige große mächtige Gegner in ihnen; aber da die englisc/zen Baronen ih-
nen zu schaffen machten, so hoben sie/; die Könz^ge wieder gegen sie. — Ein
Parlament ist von Philipp dem Schönen eingerichtet worden, und dieses
war die Basis des französischen Staates. Es war der erste Gerichtshof. Die
Könige gaben den Schutz den Unterdrückten, welcher durch ein Parlament
organisiert war. An diesen konnte man appelieren von den Höfen der Dy-
nasten. Dieses Parlament haZ siez; verbreitet. - Große Grafscha/Zen fielen
den Königen anheim, thei/s durch Gewalt, theils durch Erwerb in der Hei-
rath, Erbschaft. Lyon, wo der Papst oft war und das ein Erzbisth//m war,
ist von den Königen an die Krone gebracht worden. Einzelne Herzoge blie-
ben noch, von Bretagne, Burgund; aber der König war jetzt Landesherr,
nicht bloß erster Lehensherr. - Städte und Barone waren unter ihm; er
konnte direkte ^4z/flagen[?] in den Städten machen, Zölle anlegen. Diese
Städte und Barone sind mit der GeistliczzkeiZ zu Ständen von dem König
erhoben worden, indem er Geld brauchte. Thei/s waren sie hier versam-
melt, thei/s agierte der König mit ihnen. Diese Stände waren aber nicht fer-
tig, um The/7 zu nehmen an der Gesetzgebung oder Verwaltung; sondern
um Geld dem König zu geben, und dadurch bekamen sie indire^Z einen
Einfluß. Früh wurden die Bauren von Ludwig XIV. frei gemacht durch
Loskaufung. - Die Gr/Welemente der StaaZsbildung gestalteten siez; so. —
Die Pairs, die Parlamente, die Troubadours, die scholastische Theologie
in Paris erhoben Frankreicz; in ein allgemeines Ansehen zu einem der er-
sten StaaZen der ChristenhezZ. Eine Bildung erhielt es, die allen Europas
voraus war.
GERMANISCHE VÖLKER 203

England
Wilhelm von der Normandie haZ es erobert und führte die Lehnsherr-
scha/z ein. In 60000 Lehen theilte er das Reich unter die Normannen, wo-
durch die Engländer unterdrückt wurden. Der König hatte Krondomänen.
Er verheirathete die Vasallen unter einander. Die Baronen und Städte ka-
men langsam zur BedeutsamkeiZ durch die StreitigkeiZen zum Thron, indem
sie Parthei ergriffen. Auf den Baronen beruhte des Königs Macht, wenn er
Krieg führte. Oft schließen sich die Baronen der GeistlicakeiZ an, und so
kam es, daß die magna charta dem König Johann von den Baronen ent-
zwungen wurde zur Bestätigung der Freiheizen der Magna Clans[?]. So
sollte kein Engländer von einem anderen als seines Gleichen gerichtet wer-
den; nicht also von den Trabanten des Königs gerichtet und dem König un-
tergegliederZ[?] zu sein.182 Die Willkühr in der Abfassung des Testaments ist
unbeschränkt. Der König konnte nicht ohne die Bischöfe, Baronen Aufla-
gen bestimmen. Der König war sehr mächtig, wie die Krongüter noch groß
waren durch das Einziehen der Kirchengüter. Später sind diese Güter ver-
schenkt worden, so daß der König heute in der Besoldung des Parlaments
steht. Die Städte standen in der Charta im Hintergrund". Es ist ein Gegen-
satz zwischen König und Baronen; den Baronen stehen die Bürger gegen-
über.183

23/3

|116| 1 8 4 Die Gewißhe/7, die dieser Geist zu seiner Berechtigung erlangt


haZ, haZ gewisse Erscheinungen hervorgebracht. Hierher gehört, daß das
Abendland empfänglicz; geworden ist für das Studium des Alterthwnzs. Die
Humaniora, die menschliche Hervorbringu»^, wurden nun aufgenommen.
Äußerlich ist durch den Untergang des griechischen Kaiserreichs dieser An-
fang eingeleitet worden. Flüchtlinge kamen mit der Literatur der Griechen
nach dem Abendlande. Die römische Literatur hat sich auch nur durch sie
haz/ptsächlic/; erhalten, und das Griechische haZ ma» im Abendland gar
nicht getrieben. Reuchlin haZ von einem Griechen griechisch lernen müs-
sen. Die Traditio» von der griechischen und römischen Mythologie war bar-
rock im Mittelalter. Virgil galt für einen Zauberer, aus dem man am mei-
sten wußte. Von den Griechen haZ man fast nichts und von dem Gelesenen
den Plato studierZ. Man haZ ganz andere Gestalten der Tugend bewunder»
lernen als die Mönche; ma« haZ einen anderen Maaßstab zum Lob und
Preis erhalten als der im Abendland galt. Ga«z andere Gebote der Moral

182 \ A
183
S. 115 ist leer. Hier fehlt eine Vorlesung (22. 3. 1831). Die entsprechenden
Passagen aus den Nachschriften Karl Hegel und Ackersdijk sind als Anhang
1 und 2 am Schluß dieser Edition beigefügt.
184
Der Text beginnt erst in der Mitte der Seite.
204 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

erkannte ma«. An die Stelle des scholastische« Formalismz/s erhielt ma«


de« Gehalt der platonischen Ideen. Aristote/es selbst wurde nun studier/, was
früher nicht der Fall war. Eine neue menschliche Welt ging nun auf; das
Prinzip der Heiligkez'Z gab für glänzende Laster die Tugenden der Alten
aus; dieses hörte auf. Die Buchdruckerkunst 185 ist in ihrer 186 Art ein
Schießpulver. Wenn die Welt ein solches Mittel braucht, so wird es gefun-
den. Die Liebe zu griechischer und menschlicher Tugend und Thaten und
die Empfä«glicakeiZ dafür hatte keinen Argwohn bei der Kirche erregt,
daß ihr Prinzip einen Feind erhalten haZ. Die schöne Kunst, die in Italic«
und de« Niederlanden und Deutschla«*/ erschienen ist, haZ nun andere Bil-
der geliefert als diejenigen waren, die zur Andacht gebraucht wurden; Das
Schöne spricht als der menschliche Geist aus siez; heraus und ist gege« die
Andacht, welche zum äußeren geistlosen Ding, einem Verdumpfen der See-
le geworden ist, so daß der Mund plappert, und ma« zwingt siez; zur Be-
wußtlosigkeit Das schöne Bild erregt durch Sympathie de« menschliche«
Geist, mit dem es spricht. Seele spricht zur Seele; Geist zum Geist. In der
Kirche ist die schöne Kunst entstanden, durch das Heraz/fbilden des Äu-
ßerliche« zum Geistige«. Die schöne Kunst hat das Prinzip der Kirche aus
sich heraz/sgetrieben; unbefangen nahm sie nichts der Kirche. | 1 1 7 | A/s
aber dieses Schöne zur Wisse«scha/Z siez; erhob, so wurde die Kirche hef-
tig verletzt. -
Dzeses Äußerliche, dieses Hinaus des Geistes, seine Erde kennen zu ler-
nen, haZ die Seefahrer, diese Helden, nach de« neuen Welten getrieben,
zum Zwecke der Kirche und in ihr selbst noch; denn Kolumbz/s wollte die
eroberten Schätze zu einem neuen Kreuzzug gebrauchen. Dieser Zweck
ist wild ausgeartet zum Raub; wenn gleich die Heiden bekehrt wurden, so
war dieses nicht mehr Haz/ptzweck. Das leere Hinaus haZ siez; verloren;
denn die Erde erschei«Z nun als ein geschlossenes Ganze, als rund, als um-
schzffbar. Die Magnetnadel ward erfunden. Das Technische findet sich
leicht.
Nachdem der Himmel sich aus den Stürmen erholt haZ, brach die Mor-
genröthe auf, aus der Empöru«g der wilden grausen Nacht. Die Reforma-
tion brach sie, und die

Dritte P e r i o d e
Reformation.
zeigt uns de« Mensche« als freien Geist, indem er das Wahrhafte, das Sitt-
liche, das Rechtliche will und das Allgemeine weiß. Drei Momente haae«

M. Buchdruckerzunft[?]
M: seiner
GERMANISCHE VÖLKER 205

wir zu betrachten: die Reformation selbst und 2) die Entwicklung, die Zu-
stände nach ihr. 3) Die letzten Ereignisse. —
Die Veranlassung der Reformation und die Geschichte ist bekannt. Der
Ablaß der Sünden, die Rettung von dem Bösen, von [dem] ma» sich durch
Geld loskaz/fen ko»»te und mit dem man einen schändliche« Handel trieb,
ist die äußere, gleichgültige Veranlassu»^ gewese«. Wenn die Sache noth-
wendig ist und der Geist ist innerlich fertig, so tritt er leicht in die Erschei-
nung, so oder so. Die Nothwe«d7gke/7 erzeugt sich ein Individuum, — der
Bau der Peterskirche ist herrlicz; durch das Ablaßgeld vollendet worden, so-
wie die herrlichsten Gebäude Athens durch das Geld der G < . . . > b u n d e s -
ge«ossen aufgerichtet worden sind; aber auch dadurch ist die Athene un-
tergegangen. Das jüngste Gericht des Michelangelo haZ das jüngste Ge-
richt der Kirche gebracht. Die Innigke/7 des deutsche« Volkes hat sich be-
wahrt und haZ aus siez; das Große hervorgebracht, während die äußere«
Schätze und Welten von de« andere« Völkern erstrebt wurden, haZ ein ein-
facher Mönch in seinem Geiste diese Vollendu«^ gesucht und hervorge-
bracht. Luthers einfache Lehre liegt darin, daß der Vermittelnde, Christus,
den Mensche« mit GoZZ und mit siez; selbst vermittle, und daß dieses nicht
ein sinnlicaes Dieses ist, sondern daß alle Verhältnisse in diesem Zusam-
menhang nur im Geiste vorhanden sind. Der Prozeß des Heils muß im Her-
zen und im Geiste hervorgehen. Christus ist nicht ein äußeres Ding, wie
die Hostie bestimmt. Nur im Glauben und im Geiste, in der Richtu«_g des
Geistes, ist die Versöhnu«^ vollbracht. Gege« die katholische und gege« die
reformierte Kirche haZ Luther die Haz/ZzZveränderu«^ in das Abendmahl
gelegt. E.r war nicht zu tadeln, daß er eigensinnig daran festhielt. Gegen
die Reformierten hielt er fest, daß nicht in dem Andenken bloß, sondern
in der Gegenwart Christus da sei. Das menschlicae Herz wira" von Christus
erfüllt. Christus ist nicht historisczze Person, sondern wirklzcz; gegenwärtig.
Das ist der lutherische Glaube. Der Geist verhält siez; zum gege»wärtigen
Geiste. Priester und Laien gibt es nicht mehr. Der göttliche Geist des Men-
schen ist fähig, den Geist zu erfassen und nicht sich ihm siez; von einem
Andere» es sage» zu lassen. Jeder ka«« das Werk der Verbesseru«^ in sich
machen, in seinem Gemüthe und Willen. - Das äußerlicae Thun, die Wer-
ke, die nur geistlos sind, sollen weg. Der Glaube ist die Gewißhe/7 des Ver-
hältnisses zum Geistigen. Der Glaube hat nicht einzelne äußerlic/ze Dinge
zum Gegenstand, wie daß die Juden durch das rothe Meer gega«gen sind;
sondern der seligmachende Glaube hat das Zeugnis des Geistes, nicht von
äußerliche« Geschichten. Dzeses ist der Inhalt der Reformation. Durch die
Negation der Begierden muß sich der Mensch mit siez; zum Geist versöh-

Die Seite 118 der Handschrift fehlt. Die in der Nachschrift Ackersdijck
ebenfalls fehlende Passage wird aus der Nachschrift Karl Hegel als Anhang 3
mitgeteilt.
206 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

24/3

| J 1 9 1188 J - J ^ n e u e Kirche haZ nun eine bestimmte Gestalt zur We/zlichkeit


angenommen. Die Kirche ist durch eine Versöhnu«_g, die unvermittelt und
nicht äußerlich ist, bedingt nun. Das eigene Selbst muß in diese Versöhnu«g
eingehen. Die SittliczzkeiZ der Vernunft, das Göttliche, in wiefern es in der
weltliczze» WirklicZzkeiZ lebt, hört auf, die fixe Stellu«g eines Jenseitigen zu
haben. Das Sittliche ist nun das Heilige. Die Ehe ist nun nicht unter die
Ehelosigke/7 gestellt; sie ist heilig, und weil sie ein Sittliches ist, haZ sie
nichts Heiligeres in der Art über siez;. Luther haZ auch deshalb geheirathet.
Seine wahrhafte Bestimmung war es, die Ehe einzugehen. Nach der äu-
ßerlzcae« Seite ist der Mensch in der Wechselbeziehu»g der bürgerliche»
Gesellscha/Z. Er ist in einer sittliche» Welt der Rechtschaffenhez'Z. Die Jani-
tscharen waren der kräftige Kern des türkischen Thrones, wie die Mönche
des päpstliche«; auch sie haben sich nicht verheirathen dürfen. Sie waren
auch von Christen als Kinder geraubz. So haben die Mönche auch einen
Kern gebildet. Dze Arbeitslosigke/Z war nun auch nicht mehr heilig. Der
Mensch, abhängig von der sinnliche« Natz/r, muß sie/; durch Fleiß, Verstand,
Vorsicht, selbst unabhängig machen mit Thätigke/Z und Rechtschaffenhez'Z.
Dieses ist das Heilige, nicht das Betteln. Wer Geld haZ, verzehrt es in Be-
dürfnissen und verschenkt es nicht. Denn die Bedürfnisse sind oft nicht
zu begrenzen. Und durch das Verzehren bekommen es auch andere und
solche, die arbeiten und Etwas dagege« liefern, was durch Fleiß geschaffen
ist. So ist ArbeitsamkeiZ a« die Stelle des Nicht Genießens und des Ver-
schenkens a« Klöster und Arme getreten. Die Industrie ward befördert;
der Verstand gebildet nach allen Seiten hin. Der Gehorsam ist abgeschafft
worden; Prinzip ist geworde« Gehorsam gegen die StaaZsgesetze, als gegen
die Vernunft des Wollens und Thuns. In diesem Gehorsam gehört der
Mensch nur seinem allgemeinen Wesen, das seine eigene Vernünftigke/Z
ist. Der Mensch haZ selbst ein Gewissen und haZ frei zu gehorchen. Die
Vernunft- und Freihe/Zsgesetze können nun eingeführt werden. Das Ver-
nünftige, das StaaZsleben ka«« siez; ruhig entwickeln, mit dem Bewußtsei«,
daß dieses der göttliche Wille ist. Die Fürsten sind oft böse; aber nicht von
Seiten des religiösen Gewissens handeln sie gege« die StaaZspflichten, gege«
welche die Gesetze im kanonisc/V« Rechte gehen, wie Ravaillac keine Ge-
wissensbisse hatte, Heinrich IV. ermordet zu haben. Die Religion unterstz/tzt
nicht mehr die Bösen[?]. Das System der Gesetze der Freiheit, was a« und
für sie/; Recht ist, ist nun untersucht worden. Das römische Recht ist lange
eingeführt gewese«, aber dieses haZ nichts gethan, was aus der Quelle der
FreihezZ als das Gehörige hervorging. Das erste Auftreten der Versöhnu«g
des Geistes enthält noch nicht die Vollendu«^, die erst später entwickelt
ist. 1120 | Diese Versöhnung Gottes mit der Welt, die Gege«wart Gottes

Der Text beginnt erst in der Mitte der Seite


GERMANISCHE VÖLKER 207

beim Menschen haZ anfangs nur abstra^Ze Formen gehaaZ. Diese sind
zunächst zu erwähnen.
Die Versöhnung soll im Subje/feZ vorgehen; er soll erkennen, daß es in
ihm zum Durchbruch der göttlichen Gnade gekommen ist; wie der Mensch
von Natz/r ist, ist er böse; so soll er nicht bleiben; er kommt nur zur
Wahrheit durch den Prozess der Umbildung des Natürlichen, des Sinnlic/zen
und des Wollens. Das natürliche Herz ist an siez; nicht wie es sein soll; daher
daß es an siez; böse ist. Dieses Dogmatische ist verlangt worden, daß das
Individuum seine Existenz hervorbringen soll. Das Subje^Z existier/ als
böse, nach dem Dogma. Der Mensch muß dieses in seinem Bewußtsein ha-
aen, und auch, daß der gute Geist jetzt in ihm wohne. Der Mensch ist nun
in die Qual versetzt worden, sich als böse zu wissen. Die unschuldigsten
Gemüther, in der reinsten Einfachhe/Z haben nun die Pflicht gehabt, sich als
böse zu wissen und ihre Regungen zu beobachten, wie sie böse sind. Zu-
gleica sollte man aber wissen, daß der gute Geist im Menschen wohne
durch den Durchbruch der Gnade Gottes. In der Existenz soll man also
wissen, was in dem Subje^Z an sich liegt. Der Mensch ist so in eine Qual
versetzt worden über die Ungewißheiz, ob in ihm selbst [der] gute Geist
wohne, und daß er ihn in siez; glauben, und auch nicht glauben solle. Es ist
ein ewiger Kampf hier, von dem die katholische Religion den Menschen
befreit haZ-, jetzt ist der ganze Prozeß in dem Subje^Z zu wissen. Die Psal-
men Davids in solchen Qualempfina"z/ngen geschrieben sind nun Muster der
Gesänge [gejworden. Die protestantische Religiosität trägt den Chara^Zer
der Ängstlicakez'Z jetzt. -
Kriegerischer wurden aber auch die Jesuiten durch ihre Kasuistik, für
alles einen guten Grund zu finden. Was von Unrecht entdeckt wurde, ent-
fernte man als ein Erläßliches, zu Entschuldzgendes, um[?] den Menschen
zu absolvieren.
Eine weitere Erscheinung ist dieses. Der Mensch ist in das Abstrakte
getrieben und das Geistige von dem Weltlichen getrennt worden. Dieser Un-
terschied1 kommt im Protestantismus und Katholizism/zs vor: nämlicz; der
Glaube an das innere Böse und an die ungeheure Macht der bösen Welt-
lichkeit. Durch Geld haZ man siez; die Seeligkez'Z erworben; nun wollte ma«
sich durch Verkauf der SeeligkeiZ die WeltlicAkeiZ erkaufen. Man ergab siez;
dem Teufel. Die Geschichte von Faust spielte in dieser ZezZ in dem Munde
des Volkes. Faust aus Überdruß der Wissenscha/Z hat siez; in die Welt ge-
stürzt, um mit Verlust der Seligkez'Z die Welt zu genießen mit der Herrlich-
keit. Man glaubt, daß arme Weiber eben diesen Bund geschlossen hätten,
siez; zu rächen an den Nachbaren und zaubern zu können. Dzeser Glaube an
das Böse und dessen Macht haZ eine große Menge von Hexenprozessen
schon vor der Reformation hervorgebracht. Die InnerlicakeiZ sollte hier
nach die konzentrierte Macht der Weltlic/ikeiZ, des Bösen sein.189

M: ,sein solle'
208 D I E PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

25/3

Die Wuth nun gegen diese InnerlicAkez'Z, die als Macht des Bösen geglaubt
ward, ist in jenen Prozessen ausgesprochen. Die Macht nämlic/; ward dafür
gehalten, daß sie von Innen aus wirke; gewöhnlich juridisch konnte man
nicht zu Werke gehen, denn es fehlte der Beweis für die Beschuldigung.
Der Verdacht, dieses Innerliche auch, wie ein unmittelbares Wissen, ent-
schied über die Schuld. Man instruiert einen Prozess und haZ den Glauben,
daß der Böse eine solche Macht in siez; habe, daß man mit ihm sich einge-
lassen. Der Verdacht ist ein Prinzip, wie bei den Tiberiern und Robes-
pierre, nach dem man urtheilte. Man verbrannte 50, zu Hunderten die He-
xen. In Paris sind ebenso auf Verdacht Hunderte täglich guilliotiniert wor-
den. Man bestrafte die Gesinnung. Die Dominikaner (Malleus malefica-
rum 190 Hexenhammer) haben die Aufsicht darübergehabt. 191 Spee, ein edler
Bischof, eiferte im seiner Trutz-Nachtigall 192 (s. Fr. Schlegel) dagegen. Er
haZ fürchterl/c/; diesen Verdacht beschriebe» und ebenso die schändliche
Kriminaljustiz. Die Tortur ward angewendet. Es war z. B. bestimmt, nur
eine Tortur anzuwenden; aber ma« haZ Tage lang hintereinander sie tor-
quiert, und das galt für eine Tortur. Der Teufel solle allentha/ae« 1121 | in
ihnen gewirkt haben. Wie eine Pest hat durch alle Länder diese Prozedur
gewüthet, besonders in Frankreich und Deutschla«d", Spee (1635) hat Etwas
gewirkt. Thomasius in Halle haZ zu Anfang des 18. Jahrhunderts mit Nach-
druck gewirkt. Noch zu meiner Zeit ist zu St. Gallen (1789) eine Hexe ver-
brannt worden, und zwar von einem protestantische» Gericht. — Es ist eine
wunderliche Erscheinung und für uns merkwz/ra'ig, weil wir aus der fürch-
terlichsten Barbarei seit nicht langer ZezZ entflohen sind.
Ketzerei und Hexerei war den Inquisiten dasselbe. Unglaube und das
Böse mit Gewalt versehen galt gleich. Dieses ist die abstrazfeZere Form der
Innerl/cAkeiZ in diesem Prinzip der Befreiu«^ des Geistes durch die Refor-
mation. Von der Rekonstruktion der StaaZsgewalt ist diese Seite getrennt.
Die Fortbildu«^ des Weltlichen ist als das zweite in dieser Periode zu be-
trachten. Die protestantische FreihezZ nach dem religiösen Geiste und nach
dem Weltliezze» kommen erst im dritten zusammen vereinigt. Die StaaZs-
bildung in dieser ZezZ wollen wir nun betrachten und ebenso die Befreiung
des Geistes durch den Gedanken, die beide siez; endlich zusammen finden.
Der Gedanke schließt siez; a» die WirkliczikezZ, a» de» StaaZ zuletzt.
Das monarchische Prinzip befestigt sich mit der StaaZsmacht. Der
Monarch ist ein Moment in dem StaaZ. Dieses Individuum steht a» der Spit-
ze und ist durch die Geburt (Legitimität) bestimmt, auf eine natürliche Wei-

190
Malleus maleficarum, der „Hexenhammer", 1486 verfaßt von H. Institoris
und J. Sprenger. M: maleficarum malecifent
191
M: \Trutz\
192
Friedrich Spee von Langenfeld: Trutznachtigall (vgl. TWA 12, 507).
GERMANISCHE VÖLKER 209

se. Diese Grundbestimmung der Legitimität durch Geburt wird" nun ausge-
prägt. In einem organisierten StaaZ, der selbst ein Individuum der Rechtlich-
keit, Freiheit ist, muß ein anderes Individuum an der Spitze s/ehen193 in des-
sen Willen die Konzentration des Gesamtwillens liegen muß. Dann aber
»zuß dieses Individuum auf eine natürlicae Weise bestimmt sein, durch die
Geburt. Entschieden muß es durch die Natz/r sein, ohne Wahl, Einsicht,
daß dieses Individuum an der Spitze stehen soll. Unmöglich ist er dazu be-
stimmt. Dze Vernunft selbst führt darauf und der Begriff selbst. Das speku-
lative ist nicht leicht einzusehen, daß durch die Natur der Monarch be-
stimmt sein muß. Durch das Orakel haaen siez; in der größten Freiheit die
Griechen leiten und bestimmen lassen. Die Natur hat sie geleitet; und jetzt
leitet sie uns auch und läßt uns nicht entscheiden. Sie ist die höchste Ent-
scheiderin. Der Nutzen der Monarchie kann groß sein; aber seine Noth-
wendigkeit ist aus dem Begriff zu nehmen. In diesen Zweiten nun hat sich
dieses Prinzip bestimmt. Die oberste Einheit ist in Deutschland", Italien,
Polen gewählt worden. Aber sie wurde zuletzt nur ein leerer Formalism/zs.
Einer Fami/ie gehört diese Spitze, wie ein Privateigenthz/m jeder anderen
Fami/ie. F!s ist das Verhältnis des Privatrechts. Die Fami/ie ist in siez; man-
nigfaltig; die Glieder können das Gut unter siez; theilen. Diese Theilbarkei/,
die gegen den Begriff des Staats ist, wurde aufgehoben. In der französischen
Monarchie, Sachsen, Bayern kam diese The/lbarke/7 vor, und endlicz; be-
stimmte man, daß das Land unthez/bar sei. Unter der Form von Familien-
fideikomissen ist dieses geschehen. Stände wachten darüber. Der König
hat seine Rechte nicht bloß für siez;, sondern sie gehören der Fami/ie. So
wurde das Fami/ieneigenthz/z» so gestellt, daß ein Individuum nicht dies
nach Willkühr disponieren konnte. Die Stände hielten die Einheit zusam-
men. So ward dieser Besitz ein Staa/seigenth»m. Was Privatverpflichtung
gewese», ist nun Staa/sbesitz geworde». Die Rechte der Dynasten, Baronen
sind deprimiert worden und sind in Staa/sämter verwandelt worden. In
Frankreich sind die Baronen lange Zez7 Gouverneure geworde», so daß sie
noch immer Anspruch hatten auf das Regieren in de» Provinzen. Dzeses
war ein Mittelding zum ehemaligen Fürsten und neueren Beamten. Sie hat-
ten dadurch immer noch ganz die Monarchen, woraus viele Streitigkeiten
entstanden und viele Unordnung, um sie an die Interessen des Königs zu
knüpfen. | 1 2 2 | Die selbständige Staa/smacht bringt es mit siez;, daß der
König eine unabhängige Macht von den Baronen hat, und dieses gab den
Ursprung der stehenden Armeen, wodurch der Mittelpunkt der Staa/sge-
walt sich auch befestigte gegen die Usurpationen untergeordneter Baronen;
aber freilich auch ein Mittel zur Grausamkeit.

In Deutschland" ist die Unabhängigkei/ der Fürsten von dem Kaiser be-
st/mmt worden. Die Stände gaben Beiträge zu den allgemeinen Staatsaus-
gaben und brachten ihre Beschwerden vor gegen Gesetze im Staat. In Spa-

193
M: ,h' für haben
210 DIE PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE

nien ist die edele schöne Gestalt des Rittergeistes und der Größe herab-
gesunken zu einer thatenlosen Ehre, die unter dem Titel der spanischen
Grandezza und spanischen Stolzes noch bekannt ist. Als Privatpersonen
lebten sie mit besonderen Ehren, wie die den König zu begleiten. Die In-
quisition in Spanien half der königlichen Gewalt auf, und hatten auch die
Untersuchung gegen heimliczze Mauren, Juden und Ketzer. Jahre politischer
Macht haaen die Despotze königlic/Vr Gewalt befestigt. Über den Bischo/
und Erzbischo/gesetzt konnten sie alles vor ihr Tribunal ziehen, die Güter
konfiszieren, was dem königlichen Schatze alles anheimfiel. Alles zog man
in diesen Kreis. In einem Krieg war es verboten, Pferde nach Frankreicz;
zu verkaufen, und dieses Verbot wurde von der Inquisition bewahrt. Die
fürchterliche Gewalt wurde dadurch der Staa/sgewalt gegeben, selbst gegen
die Geistlicz;kez7. Viele Provinzen hatten Privilegien, wie Aragonien, de-
nen Philipp IL ein Ende machte. Diese Inquisition war so mit dem Geist
der Spanier verbunden, daß jeder Spanier behaz/ptete, von reinem christli-
chen Blute zu sein, nicht von einem Maurer abzustammen, und dieser Ehr-
geiz ist mit der Religion vermischt worden. Diesem Ehrgeiz lag eine afrika-
nische Härte zu Grunde. Die Nazion selbst ist die Stütze der Inquisition
geworden.
Das Haz//>/interesse der Staa/sbildung war es, die Mächtigen herunter
zusetzen. Was Privateigenth///» war und Staa/sbesitzung sein sollte, wurde
ihnen geschmälert, ihre Rechte sind Pflichten gegen den Staat geworden.
Die königlicae Gewalt hatte ein Interesse gegen die mächtigen Barone. Das
Volk hat auch für seine Freiheit gegen diese Parthei genommen als Stütze
des Throns, aber zugleich schützte es siez; gegen die Gewalt des Könzgs. Die
Population des Landes blieb in der Leibeigenscha// der Hörigen. Die Frei-
he/7 der Barone in Polen machte die Unterdrückung der Population aus.
Der König hat nun sein Interesse gegen den Mittelstand gehabt, auf dem
sich die Population stützte, und dadurch behielten die Barone manches
unrechte Recht. Die Freiheit ist aber nun durch die Unterdrückung der Baro-
ne bestärkt worden. Die Geschichte der inneren Staa/sgewalt dreht siez; um
diese Punkte.
Die Staaten gegen einander, die politischen Kriege der Staa/smächte ge-
gen einander sind zahlreich gewesen, beruhten auf Ansprüchen durch Heira-
then und Erbschaften. Eroberung war hier das Interesse. Italien war der
Gegenstand. Die Deutschen haben es aufgegeben. Die Franzosen und Spani-
er haaen es zum Gegenstand ihrer Beute gemacht, Österreich nahetef?] sich
zu Spanien. Ein ganzes Reich ist Italien nicht mehr geworden. Es hat ein
trauriges Loos erhalten. Der römische Charakter und der der modernen
Italiener scheinen ganz kontrastierend zu sein bez derselben Natur und Land;
aber die Römer haaen einen starren Charakter mit Einhe/7 verbunden auf
die gewaltsame Weise eines Räuberbundes. Es ist ein starrer gewaltsamer
Charakter. Indem nun jenes Gewaltsame aufhörte, begann die trennende,
nur sich wollende Individualität, die zur schönen Kunst geführt hat, zum
Genüsse der Welt. Die Selbstsucht im Mittelalter ist nun überwunden wor-
GERMANISCHE VÖLKER 211

den, und die Milderung dieser Selbstsucht ist zur Schönheit nur, nicht zur
Vernünftigkei/ übergegangen. Um dieses wurden nun Kriege geführt. -
Frankreich selbst ist nun gerettet worden in siez; durch einen Nachklang
von ritterlicher Begeisterung in einem Mädchen von Orleans. Die Einheit
des deutschen Reiches ist höchst loos gewesen durch die Zersplitterung der
Staa/smacht. 1123 | Die Rolle, die es spielte, machte ihm wenig Ehre. Bel-
gien, Elsaß, Lothringen ist ihm abgenommen worden. — Gemeinsame In-
teressen entstanden bei diesen Kriegen, daß die besonderen Staaten in ih-
rer Selbständigke/7 siez; erhalten sollten, und das ist das politische Gleich-
gewicht von Europa, und das ist ein sehr mächtiger, reeller Bestimmungs-
grund. Das Erobern ist nun unmöglich gemacht worden. Das Mittel zum
Gleichgewicht, das erhalten werden sollte, war die Verbindung der weniger
mächtigen Staaten. Der Zweck wurde nun ein gemeinsamer und trat an
die Stelle einer Einheit einer Christenhez/, deren Mittelpunkt der Papst
war. Diese Mitte ist nun das Gleichgewicht geworden. Das diplomatische
Verhalten trat nun ein, daß man siez; gleich verband, wenn einige zu mächtig
sich hoben. Die italienischen Staaten haben die Diplomatie zur höchsten
Feinhe/7 erhoben, um sich gegen eine überwiegende Macht zu verbinden, so
daß diese Diplomatie europäisch geworden ist. Der deutsche Kaiser ver-
eint mit Spanien, verbunden mit Ungaren, Herr der Niederlande und in der
Nähe von Italien, hat die höchste Macht in Europa gehabt. Karl V. hat
durch seinen Willen die Thei/e von einander gerissen, ungeachtet der Fülle
des amerikanischen Reichthz/ms konnte er siez; doch nicht mehr ausdehnen
noch fest halten. Unter Philipp IL ist diese ungeheure Macht untergraben
worden, so daß selbst der Schein der Größe verschwand.
Ludwig XIV in Frankreicz; war unumschränkter Herr und geistig über-
legen durch seine Bildung den anderen Staaten. Aber so wie Philipps Macht
an Holland scheiterte, ebenso Ludwigs. Karl XII. von Schweden war eine
furchtbare Figur, dessen Natur mehr chevaleresk als durch seine Tiefe ge-
fährlich war. Europa schritt gemeinscha/Zlicz; in der Bildung fort, und die
besonderen Individ"//a/iZäZen[?] der Nationen prägten sie/; aus.
Gegen die Türken war die Macht ebenfalls gemeinscha/Zlicz;. Venedig,
Spanien, Ungarn, Polen, Österreich haaen Europa gerettet. Die äußerlichen,
politische« Kriege hatten diese Bewegung. —
Neu ist aber die politische Existenz durch die protestantische Kirche. 194

Es fehlt hier die Mitschrift der abschließenden Vorlesungen. Die entspre-


chenden Passagen aus den Nachschriften Karl Hegel und Ackersdijck finden
sich als Anhang 4 und 5.
Anhang 1

Nachschrift Karl Hegel (Vorlesung vom 22. 3. 1831)

[452] [...] Das Nähere, Geschichtliche wie die Fürstentümer den Staaten
einverleibt worden sind und die Mißverhältnisse und Kämpfe bei solchen
Einverleibungen berühren wir hier nicht näher: nur das ist noch zu sagen,
daß die Könige, als sie durch die Aufhebung der Lehnsverfassung zu ei-
ner großen Macht kamen, diese nun gegeneinander gebrauchten im blo-
ßen Interesse ihrer Herrschsucht: so führten Frankreich und England
hundertjährige Kriege gegeneinander. Immer versuchten die Könige nach
außen Eroberung zu machen: die Städte, welche allein die Beschwerden
und Auflagen zu tragen hatten, lehnten sich dawider auf und die Könige
räumten ihnen wichtige Vorrechte ein, um sie [zu] beschwichtigen. | 453 |
Bei allen Mißhelligkeiten suchten die Päpste ihre Autorität einwirken
zu lassen, aber das Interesse der Staatsbildung war so fest, daß die Päpste
mit ihrem einen Interesse einer absoluten Autorität wenig dagegen ver-
mochten. Die deutschen Kurfürsten im Geschäft der Bildung eines Ge-
meinwesens begriffen und in dem Gefühle ihres Rechts und der Gerech-
tigkeit ihrer Sache erklärten sich im Jahr 1338 öffentlich gegen die päpst-
liche Anmaßung und behaupteten, sie hätten in ihren Angelegenheiten
die Zustimmung des Papstes nicht nötig. Eben so hatte schon im Jahr
1302 bei einem Streit des Papstes Bonifacius mit Philipp dem Schönen,
die Reichsversammlung, welche letztrer zusammenberufen, gegen den
Papst gestritten. Die Staaten und Gemeinwesen waren zum Bewußtsein
gekommen ein Selbstständiges zu sein. — Mannigfache Ursachen hatten
sich vereinigt die päpstliche Autorität zu schwächen: die häufigen Schis-
men der Kirche, die an der Infallibilität[?] des Papstes zweifeln ließen
auch haben die Kirchenversammlungen zu Konstantz und zu Basel aus-
gesprochen, daß sie über dem Papste stehen, sie haben deshalb Päpste ab-
gesetzt und ernannt. Viele Versuche gegen das System der Kirche haben
das Bedürfnis einer Reformation sanetionirt: Arnold von Brescia, Wi-
clif195, Hus 196 bestritten mit Erfolg die päpstliche Statthalterschaft Christi
und die groben Mißbräuche des Mönchswesens. Diese Versuche jedoch
waren immer nur etwas Partielles: einerseits war die Zeit noch nicht reif
dazu, andrerseits haben jene Männer | 454 | die Sache nicht in ihrem Mit-
telpunkt angegriffen, sondern sich mehr auf die Gelehrsamkeit des Dog-
ma gewendet, was nicht so das Interesse des Volkes erwecken konnte. —
Mehr aber als das, stand dem Principe der Kirche die beginnende Staaten-

195
M: Wiklef
196
M: Huß
214 ANHANG 1

bildung gegenüber; ein allgemeiner Zweck, ein in sich vollkommen Be-


rechtigtes ist für die Weltlichkeit in der Staatenbildung aufgegangen: die-
sem Zweck der Gemeinschaftlichkeit hat sich der Wille der Begierden,
die Willkür des Einzelnen unterworfen: das besondre Interesse schwindet
vor jenem Höhern. Die Härte des selbstsüchtigen, auf seiner Einzelheit
stehenden Gemüts ist so gebrochen und dieses Brechen des Eigenwillens,
so wie das Hervorgehen eines allgemeinen Zweckes war das Resultat je-
ner Zucht einer doppelten eisernen Ruthe, nämlich der Kirche und der
Leibeigenschaft: durch die härteste Knechtschaft hat die Kirche den
Geist gebrochen, da das Christentum aber wesentlich ein geistiges197
Prinzip enthält, so hat der Geist doch nicht bis zur Indischen Dumpfheit
gebracht werden können; wie der Geist der Kirche angehörte so war auch
der Leib Eigentum eines Herren durch das Recht der Leibeigenschaft. So
ist die Menschheit durch alle Rohheit der Knechtschaft hindurch geführt
worden, und der besondre Wille wurde dadurch im Allgemeinen aufgeho-
ben: aus der Negation der Vereinzelung ist das Interesse für das Allgemei-
ne aufgegangen. Es ist so ein Boden gereinigt worden, auf | 455 | welchen
das religiöse Prinzip Platz finden konnte: es ist dasselbe fähig in diese
Selbstigkeit, welche das Höhere, Allgemeine will, gelegt zu werden. Es ist
dann den Menschen das Gefühl der wirklichen Versöhnung geworden:
der Menschengeist hat ein gutes Gewissen erhalten und sich selbstständig
gezeigt. Die Versöhnung ist in der Wirklichkeit vollbracht worden; das
bloß Natürliche ist gefangen genommen worden, der Mensch hat sich aus
dem Mittelalter zu seiner Freiheit erhoben: es ist aber nicht sowohl aus
der Knechtschaft, daß der Menschengeist sich befreit hat, sondern durch
die Knechtschaft; denn es ist auch kein Irrtum, daß das unmittelbar Na-
türliche, die Rohheit, die Begierde das Unrecht, das Böse sei, daß der
Mensch als natürlicher der Religiosität, der Sittlichkeit unfähig und das
Recht im Staate nicht vorhanden sei: der Mensch ist natürlicher Weise
unrecht und unsittlich: aber das gewalttätige Wollen hat er eben durch
jene Zucht abgelegt. Die Kirche hat den Kampf mit der rohen Sinnlich-
keit bestanden durch den Schrecken der Hölle und durch die Waffen, sie
hat derselben eine eiserne Gewalt angetan denn nur durch dieses selbst-
süchtige Mittel hat jene bezähmt werden können. Der Menschengeist hat
seine Erziehung durchgemacht und es ist ihm das Gefühl der Versöhnung
aufgegangen. Es wird in der Dogmatik ausgesprochen, daß diesen Kampf
notwendig jeder Mensch durchgemacht haben müsse, denn er ist von Na-
tur böse und erst durch seine innre | 4 5 6 | Zerissenheit hindurchgehend,
kommt er zur Gewißheit der Versöhnung. Wenn wir dies einerseits zuge-
ben, so muß andrerseits doch gesagt werden, daß die Form des Kampfes
sehr verändert ist, wenn die Grundlage eine andre ist, wenn die Versöh-
nung in der Wirklichkeit vollbracht ist. Der Weg der Qual ist als solcher

Durchgestrichen: geistliches
ANHANG 1 215

hinweggefallen (er erscheint zwar auch noch später aber in einer ganz
andern Gestalt); der Mensch befindet sich jetzt unmittelbar in einem an-
dern Zustande, so wie das Bewußtsein erwacht, befindet er sich im Ele-
mente eines sittlichen Zustandes. Das Moment der Negation ist notwen-
dig im Menschen, aber es hat jetzt die ruhige Form der Erziehung erhal-
ten; das Individuum wird sogleich das Element der Sittlichkeit versetzt,
und alle Fürchterlichkeit des innern Kampfes verschwindet; aber daß es
so geschehen kann, dazu gehört die Voraussetzung, daß der Zustand der
Religiosität, der Rechtlichkeit vorhanden sei.
Wir befinden uns jetzt auf einem höheren Standpunkte; das Höhere,
Wahrhafte ist nun im Gefühle der verwirklichten Versöhnung vorhanden:
der Mensch ergeht sich nun in Tätigkeiten, die diesen Standpunkt not-
wendig erforderten.
Anhang 2

Nachschrift Ackersdijck (Vorlesung vom 21. 3. 1831)

Zur äußeren Geschichte gehören teils die Kämpfe und Zwistigkeiten der
Vasallen und Dynasten gegen die Könige wegen der Einverleibung der
Herrschaften, teils der Könige gegeneinander (Frankreich und England).
| 430 | Dazwischen hinein wirken die Päpste in ihrem Interesse, aber sie
vermögen nichts gegen jenes feste Geschäft der Staatsbildung, obwohl
namentlich die Kreuzzüge wiederholt von ihnen gepredigt wurden. Für-
sten und Völker halten in diesem Interesse zusammen, und gegen die An-
forderung des Papstes. So erklärten die Churfürsten auf einem Reichstage
zu Frankfurt, daß die Kaiser nach ihrer Wahl nicht mehr die Einstim-
mung und Bestätigung des Papstes bedürfen sollten. So erklärt sich die
französische Ständeversammlung, als Philipp der Schöne vom Papste in
den Bann getan war, durchaus für den König. Dazu kamen die vielen
Schismen in der Kirche, veranlaßten |431 | Kirchen Versammlungen, z. B.
die Costritzer, Basler, und diese sprachen bestimmt aus, daß die Kirchen-
versammlung über den Papst stehe. Durch dergleichen Versammlungen
vieler und großer Gelehrten kamen Gedanken und Vorstellungen in Um-
lauf, die das Unrecht vieler Anmaßungen des Papstes und überhaupt das
Bedürfnis einer Verbesserung verbreitet haben. Die einzelnen Versuche
solcher Verbesserung (Wiclif198 in England, Hus 199 , Arnold von Brescia)
sind teils partiell, teils unzeitig gewesen, teils haben sie die Sache nicht in
ihrem Mittelpunkte angegriffen, da sie nur von abstracten dogmatischen
Bestimmungen ausgingen, die das Interesse des Volkes nicht erwecken
konnten. Das Eigentümliche in dem Prinzip, das gegen die Kirche sich
ausbildete, | 432 | liegt in der Staatenbildung, daß im Weltlichen ein an
sich Berechtigtes sich ausbildete, daß der Wille der Gewalttätigen Einzel-
heit sich unterworfen hatte, einem solche Zwecke sein besonderes Inter-
esse aufopferte und so gereinigt ward. Damit ist diese Härte des knorri-
gen Herzens, des selbst für sich bestehenden eignen Willens im germani-
schen Herzen gebrochen durch die Zucht der gedoppelten eisernen Ru-
the, wovon die eine, wie wir gesehen, die Kirche ist, die den Geist durch
eiserne Knechtschaft brach, ihn aber nicht zur Indischen Dumpfheit her-
abbringen konnte, besonders weil sie auf das Fundament des christlichen,
geistigen Prinzips gebaut war. Die andere eiserne Ruthe war die Leibei-
genschaft, in der der Wille durch | 433 | alle sinnliche Begierden hindurch
geschleppt wurde. So wurde das Interesse für die allgemeinen Interessen

198
M: Wickleff
199
M: Huß
ANHANG 2 217

erweckt, und so ist das religiöse Prinzip fähig in den Willen des Men-
schen, der nicht mehr erfüllt ist von dem wilden Triebe der Natur, gelegt
zu werden, in eine Selbstischkeit, die des Allgemeinen fähig ist. Dies ist
die Heraufbildung der Weltlichkeit zur Fähigkeit des Allgemeinen. Der
Menschengeist erhielt ein gutes Gewissen, und in diesem Gefühle des gu-
ten Gewissens stark, hat er sich auf seine eigene Füße gestellt. Der Pro-
zeß, ein wahrhafter Geist zu sein, war entwickelt. Der Mensch entriß sich
dem Irrtume, der Knechtschaft der Kirche; oder vielmehr er ist durch die
Knechtschaft befreit worden, und hat keinen Irrtum abgelegt, (denn es ist
kein Irrtum, daß der Mensch | 434 | als natürlich des Rechts, der Sittlich-
keit, Religiosität, nicht fähig sei), sondern hat bloß die Natürlichkeit
durch jene eiserne Zucht abgelegt. Gegen diese natürliche Begierde und
Wildheit war die Kirche aufgetreten, bestand den Kampf durch Waffen,
die dem Bekämpften angemessen waren, durch äußere Gewalt, (Hölle
und ihre Schrecken) und bezähmte diese Sinnlichkeit durch diese harten
Mittel. So hat der Menschengeist seine Erziehung durchgemacht, und es
kam in ihn das Gefühl der Versöhnung mit Gott. Jener Kampf, dogma-
tisch zu reden, wird aber immer sein und immer notwendiger. Erst durch
diese Zerrissenheit, durch diese Gewalt hindurch, kann der Mensch zu
diesem Gefühle der Versöhnung kommen. Aber | 4 3 5 | die Form dieses
Kampfes ist verändert, wenn eine andere Grundlage vorhanden, wenn an
sich in der Wirklichkeit die Versöhnung vorhanden ist. Der Weg der Pein
und Qual erscheint später noch im Gemüte selbst, aber in anderer Ge-
stalt. Des Menschen Selbstwille, Selbstbewußtsein ist gleich beim Erwa-
chen in dem Elemente eines rechtlichen, sittlichen Zustandes; in dieses
wird das Individuum sogleich eingesetzt, und ohne daß es zu einer sol-
chen Entwicklung der Begierde kömmt, geschieht die Umformung aus
dem Natürlichen zur Freiheit auf dem ruhigen Wege der Erziehung. Dies
setzt aber voraus, daß ein Zustand der Sittlichkeit, Rechtlichkeit, Religio-
sität, vorhanden sei. Im Gefühle der verwirklichten Versöhnung 14361
ergeht sich der Geist in Tätigkeiten, die einen andern Standpunkt voraus-
setzen. Die Hauptsymptome hiervon sind nur noch näher zu betrachten.
Anhang 3

Nachschrift Karl Hegel

Die Reformation, welche sich zuerst ganz ruhig entwickelte, hat dann ei-
ne förmliche Trennung herbeigeführt. Luther dachte anfänglich selbst
noch gar nicht daran, er verlangte Kirchenversammlungen und drgl.; man
darf den Protestanten nicht vorwerfen gleich mit übertriebenen Forde-
rungen aufgetreten zu sein, man hat, um sich davon zu überzeugen, nur
die offiziellen Berichte und Darstellungen nach[zu]lesen, die in den Con-
cilien selbst von der neuen Lehre gemacht worden. Der Widerstreit Lu-
thers aber, der zuerst nur beschränkte Punkte betraf, dehnte sich bald auf
die Dogmen aus, gegen zusammenhängende Institutionen, nicht gegen
Individuen, sondern gegen das Klosterleben, die Bistümer usw. selbst,
nicht nur gegen einzelne Aussprüche des Pabstes und der Concilien, son-
dern gegen die ganze Art und Weise dieser Aussprüche, gegen die Autori-
tät der Kirche. Luther hat diese Autorität verworfen und an ihrer Stelle
die Bibel und das Zeugnis des menschlichen Geistes gesetzt. Daß die Bi-
bel selbst die Grundlage für die christliche Kirche geworden, ist von un-
geheurer Wichtigkeit, jeder soll sich nun selbst daraus belehren, jeder sein
gewissen daraus bestimmen können. Das ist eine ungeheure Veränderung
der Prinzipe; die ganze Autorität der Kirche, die ganze Entzweiung ist so-
mit umgestoßen worden. Die Übersetzung, die Luther von der Bibel ge-
macht hat, ist eben so von unschätzbarem Werte für das deutsche Volk;
dieses hat so ein Volksbuch erhalten, wie keine andre Nation der katholi-
schen Welt ein Volksbuch hat; sie haben wohl eine Unzahl von Gebet-
büchlein, aber kein Grundbuch der Belehrung. | 4 6 4 | Man hat sich den-
noch in neuern Zeiten viel gestritten ob es zweckmäßig sei, dem Volke
die Bibel in die Hand zu geben: die wenigen Nachteil, die es hat, werden
jedoch bei weitem überwogen von den ungeheuren Vorteilen; die äußerli-
chen Geschichten, den dem Herzen und Verstände anstößig sein könn-
ten, weiß der religiöse Sinn sehr wohl zu unterscheiden, indem er sich nur
an das Substantielle hält. Wenn auch endliche die Bücher, welche Volks-
bücher sein sollen, nicht so oberflächlich wären, als sie es sind, so gehört
zu einem Volksbuch doch notwendig, daß es die Autorität des Einzigen
habe. In Frankreich hat man sehr wohl auch das Bedürfnis eines Volks-
buchs gefühlt, es sind große Preise darauf gesetzt worden, aber aus dem
eben angegebenen Grunde ist keines zu Stande gekommen. Daß es ein
Volksbuch gäbe, dazu ist auch vor allem notwendig, daß das Volk lesen
könne, wie es sehr wenig der Fall ist in den katholischen Ländern, welche
darin den protestantischen Ländern so sehr nachstehen. —

Durch die Verläugnung der Autorität der Kirche wurde die Scheidung
notwendig. Das Trientische Concilium hat die Grundsätze der katholi-
ANHANG 3 219

sehen Kirche festgesetzt und nach diesem Concilium konnte von einer
Vereinigung nicht mehr die Rede sein. Die Kirchen wurden Parteien ge-
geneinander, dann auch in Ansehung der weldichen Ordnungen trat ein
auffallender Unterschied ein. In den nicht katholischen Ländern wurden
die Klöster und Bisthümer aufgehoben, und das Eigentumsrecht 14651
nicht anerkannt, der Unterricht wurde anders organisirt, die Fasten, die
heiligen Tage usw. abgeschafft. So war auch eine weltliche Reform in An-
sehung des äußerlichen Zustandes und in so fern konnte die Reformation
nicht bewirkt werden ohne die weltlichen Fürsten; auch gegen die weltli-
che Herrschaft empörte man sich an vielen Orten; die Wiedertäufer ver-
jagten in Münster ihren Bischoff und richteten eine eigene Herrschaft ein
und die Bauern standen in Masse auf, um von dem Druck, der auf ihnen
lastete, befreit zu werden. - Auch auf die katholische Kirche hat die Re-
formation einen wesentlichen Einfluß gehabt; sie hat die Zügel fester an-
gehalten und hat das, was ihr am meisten zur Schande gereichte, abge-
schafft; vieles, was außerhalb ihres Prinzipes lag, und worin sie bisher un-
befangen mitgegangen war, verwarf sie nun; sie trennt sich von den auf-
blühenden Wissenschaft, von der Philosophie und der humanistischen
Literatur; bald hatte sie Gelegenheit, diese Trennung Kund zu geben: Der
berühmte Kopernikus hatte gefunden, daß die Erde und die Planeten sich
um die Sonne drehen, gegen diesen Fortschritt der Wissenschaft hat sich
die Kirche erklärt, Galilei, der in einem Dialog die Gründe für und wider
die neue Entdeckung der Kopernikus auseinandergelegt hatte (allerdings
so, daß er sich für dieselbe erklärte) mußte auf den Knien für dieses Ver-
brechen abbitten. Die katholische Welt ist so in der Bildung zurückge-
blieben | 466 | und in größre Dumpfheit versunken, - So ist die Trennung
auch äußerlich constituirt worden. —
Eine Hauptfrage, die jetzt zu beantworten ist, ist: Warum die Reforma-
tion in ihrer Ausbreitung sich nur auf einige Nationen beschränkt hat?
Warum sie nicht die ganze katholische Welt durchdrungen? —
Die Reformation ist in Deutschland aufgegangen und auch nur von
den rein germanischen Völkern aufgenommen worden, außer Deutsch-
land hat sie auch in Scandinavien und England durchdrungen. Die Roma-
nischen und Slavischen Nationen haben sich aber fern davon gehalten,
auch Süddeutschland hat die Reformation nur gemischt aufgenommen, so
wie der ganze Zustand daselbst ein gemischter war: in Schwaben, Fran-
ken und den Rheinländern waren eine Menge Klöster und Bistümer, so
wie viele freie Reichsstädte, demnach hat sich auch die Aufnahme der Re-
formation bestimmt, denn es ist vorhin schon bemerkt worden, daß die
Reformation zugleich eine ins politische Leben eingreifende Veränderung
war: es wurden zugleich weltliche Interessen angegriffen; dies setzte ihr
oft viele Hindernis entgegen. Ferner ist auch die Autorität viel wichtiger
als man zu glauben geneigt ist, es gibt gewisse Voraussetzungen, die auf
Autorität angenommen werden und so entschied auch oft für oder wider
die Reformation bloß die Autorität. In Ostreich, in Baiern, in Böhmen
220 ANHANG 3

hatte die Reformation schon große Fortschritte gemacht und obgleich


man sagt: wenn | 467 | die Wahrheit ein Mal die Gemüter durchdrungen
hat, so kann sie ihnen nicht wider entrissen werden, so ist sie doch hier
durch die Gewalt der Waffe, durch List, Überredung wieder unterdrückt
worden. -
Die Slavischen Nationen haben die Wahrheit nicht begriffen; es ist
schon gesagt worden, daß sie überhaupt nicht in den Fortschritt des Gei-
stes mit eingreifen; sie sind, so lang wir sie kennen, ackerbauende Natio-
nen: dieses Verhältnis führt aber das von Herren und Knechten mit sich,
beim Ackerbau ist das Treiben der Natur überwiegend; menschliche Be-
triebsamkeit, Verstand, subjektive Aktivität findet im Ganzen bei dieser
Arbeit nicht Statt; die Slaven sind nicht zu dieser Regsamkeit der Seele in
sich gekommen, nicht zum Grundgefühl des subjektiven Selbst, nicht
zum Bewußtsein des Allgemeinen, nicht zu dem, was wir früher Staats-
macht genannt haben; sie haben deshalb auch nicht an der aufgehenden
Freiheit Teil nehmen können. Aber auch die Romanischen Nationen: Ita-
lien, Spanien, Portugal und zum Teil auch Frankreich hat die Reformation
nicht durchdrungen: viel hat wohl die äußere Gewalt vermocht, doch dar-
auf kann man sich nicht allein berufen, sondern wenn der Geist einer Na-
tion etwas verlangt, so bändigt ihn keine Gewalt; man kann auch nicht sa-
gen wie von den Slaven, daß es diesen Nationen an Bildung gefehlt hat,
im Gegenteil sie waren darin vielmehr den Deutschen voraus. | 468 | Es
lag vielmehr im Grundcharakter dieser Nationen, daß sie die Reformation
nicht angenommen haben. Was ist aber das Eigentümliche ihres Charak-
ters, das ein Hindernis der Freiheit des Geistes gewesen ist? Die reine In-
nigkeit der germanischen Nation war der eigentliche Boden für die Be-
freiung des Geistes, die Romanischen Nationen aber hatten den Grund-
charakter der Entzweiung beibehalten, sie waren aus der Vermischung der
germanischen und römischen Welt hervorgegangen, behielten aber dieses
Heterogene immer noch in sich. Der Deutsche kann es nicht läugnen,
daß die Franzosen, Italiener, Spanier mehr Charakter, Bestimmtheit besit-
zen, einen festen Zweck (mag dieser auch nur eine fixe Vorstellung, eine
Narrheit zum Gegenstande haben) mit vollkommnen Bewußtsein und der
größten Aufmerksamkeit verfolgen, einen Plan mit großer Besonnenheit
durchführen und die größte Entschiedenheit in Ansehung bestimmter
Zwecke beweisen. (Noch auffallender ist die Verschiedenheit zwischen
dem Engländer und den romanischen Nationen; der Engländer hat das
Gefühl der Freiheit im Besondern und fühlt sich um so mehr frei, je mehr
das was er tut oder tun kann gegen den Verstand ist). Aber dann zeigt
sich sogleich bei den Romanischen Nationen diese Trennung, das Fest-
halten eines Abstrakten und damit nicht diese Totalität des Geistes, des
Empfindens, die wir Gemüt heißen, das Innerste ist bestimmten Interes-
sen verfallen und nicht als ein Ganzes vorhanden; | 4 6 9 | der Geist ist in
diesem Bewußtsein nicht sein eigen. Gehen wir von diesem Grundprinzip
aus, so sehen wir; daß diese Nationen nicht das Bedürfnis gefühlt haben,
ANHANG 3 221

die Totalität des Geistes zu befriedigen, weil eben der Geist bestimmten
Interessen verfallen ist, der Entzweiung überhaupt angehört. — Das welt-
liche und geistige Interesse ist jenen Nationen zweierlei, sie gehen ihren
sinnlichen Bedürfnissen einerseits nach und auf der andern Seite üben sie
ihre religiösen Pflichten aus. Der Selbstwillen ist so von der Religion ge-
trennt, und das Religiöse vom Selbst des Menschen getrennt ist das Ent-
zweite, — Unterworfene. Den Katholiken erscheint daher der Protestan-
tismus als etwa Pedantisches, als etwas Trauriges, kleinlich Moralisches:
sie verfolgen ruhig ihre weltlichen Zwecke und lassen ihre religiöse An-
sicht nicht hinzukommen und eben so wird das Religiöse äußerlich für
sich abgetan.
Anhang 4

Nachschrift Karl Hegel (28. 3. bis 1. 4. 1831)

| 484 | [...] Die protestantische Kirche hatte sich gleichfalls eine politische
Existenz zu erringen; ohnehin griff sie zu sehr ins Weltliche ein, als daß
nicht auch politische Streitigkeiten hätten entstehen sollen: auch macht
die Kirche das sogenante brachium saeculare notwendig zu ihrer Auf-
rechthaltung. Eine Menge alter Gebräuche wie Prozession usw. wurden
von der protestantischen Kirche abgeschafft. Es mußten da natürlich Zwi-
stigkeiten entstehen, die nur durch den Krieg ausgemacht werden konn-
ten. Den kath o/isc/;en Fürsten wurde es zur Gewissenssache gemacht die
secularisirten Kirchengüter den Protestanten wieder abzunehmen, das
verletzte Eigentumsrecht der Kirche geltend zu machen. Nur durch den
Krieg hat die Existenz der protestantischen Kirche gesichert werden kön-
nen. Die protestantischen Fürsten vereinigten sich zu einem Bund zu ihrer
Verteidigung. Bei jeder Partei war das Mißtrauen gegen 1485 | die andre
die vorwaltende Hauptbestimmung. Durch einen genialen Schlag zwang
Moritz von Sachsen den Kaiser Karl V. zum Frieden, worin die protest.
Kirche anerkannt wurde. Das Mißtrauen war aber geblieben. Die Sache
mußte durchgekämpft werden und das geschah im 30 jährigen Kriege.
Zuerst Dänemark und dann Schweden übernahmen die Sache der Frei-
heit; erstres mußte bald vom Kampfplatz abtreten, letztres aber spielte
eine um so glänzendere Rolle unter dem ruhmvollen Helden Gustav
Adolph: selbst ohne die Hülfe der protestantischen Reichsstände nahm er
es mit der ungeheuren Macht der Katholiken auf. Die Protestanten in
Deutschland wurden auch von Richelieu unterstützt, von einem Kardinal
der katho/isc/;en Kirche, der den französischen Adel gedemütigt und die
Hugenotten unterworfen und unterdrückt hatte: der Kardinal handelte
aber rein nur als Minister im Interesse seines Staates; diese befahl ihm die
Rebellen zu unterdrücken und die wachsende Macht Ostreichs zu schwä-
chen; so löst sich der anscheinende Widerspruch seiner Politik. Den
Schluß des Krieges machte die vollkommne Ermattung beider Parteien,
die gänzliche Verwüstung, an der sich alle Kräfte zerschlagen haben; in
dieser Kraftlosigkeit haben die Parteien gelernt sich gegenseitig zu vertra-
gen. Der Westphälische Friede kam endlich zu Stande, als eine ungeheure
Schmach und Demütigung für die katholische Kirche. Dieser Friede hat
für das Palladium | 486 | Deutschlands gegolten, obgleich die vollkomm-
ne Zersplitterung darin noch förmlicher festgesetzt worden ist, als sie
vorher war. Richelieu wurde mit dem größten Danke von den Deutschen
belohnt, obschon er dazu beigetragen ihre Macht zu zertrümmern, indem
er sie noch mehr zersplitterte: die Franzosen haben ihn dagegen ver-
flucht, wiewohl er die Einheit des Staats hergestellt und dadurch die
ANHANG 4 223

Macht desselben vergrößert und befestigt hatte. Deutschland verlor im


Frieden seine Schutzprovinzen Elsaß und Lothringen an Frankreich. -
Auch in England mußte sich die protestantische Kirche durch den Krieg
festsetzen: der Kampf war gegen die Könige gerichtet, denn diese hingen
der kath o/zsc/zen Religion an, indem sie darin das Prinzip der absoluten
Willkür bestätigt fanden. Gegen die Behauptung der absoluten Autorität,
nach welcher die Könige nur Gott Rechenschaft (d. i. dem Beichtvater)
zu geben hätte, stand das fanatisirte Volk auf; die Soldaten sind zu dem-
selben Fanatismus, welcher im Puritanismus seine Spitze und Vollendung
erreichte, fortgegangen. Der König wurde enthauptet: es muß aber regiert
werden im Staate; Cromwell ergriff mit starker Hand die Zügel der Regie-
rung und schickte das betende Parlament (das sogenannte Rumpfparla-
ment) auseinander; mit großem Glanz behauptete er den Thron, aber die-
se Herrschaft war auch vorüber | 487 | gehend, die alte Dynastie bemäch-
tigte sich wieder des Throns. - Das katholische Prinzip war es auch be-
sonders, das die Holländer in der spanischen Herrschaft bekämpften. Der
ackerbauende Teil der Niederlande - Belgien war der katholischen Reli-
gion mehr zugetan und blieb unter spanischer Herrschaft, der industriöse
Teil dagegen - Holland hat sich heldenmütig behauptet gegen sein Unter-
drücker: die gewerbtreibende Klasse, die Gilden und Schützengesellschaf-
ten haben die Miliz gebildet und die damals berühmte Spanische Infante-
rie durch Heldenmut überwunden. Wie die schweizerischen Bauern der
Ritterschaft Stand gehalten haben, so hier die gewerbtreibenden Städte
den disciplinirten Truppen. Indessen haben die holländischen Seestädte
Flotten ausgerüstet und den Spaniern ihre Kolonien, woher ihnen aller
Reichtum floß, genommen. Während Holland durch das protestantisc/ze
Prinzip seine Selbstständigkeit errang, verlor dieselbe Polen, welches die
Protestanten oder die sogenannten Dissidenten unterdrücken wollte. Po-
len hatte ehedem eine große Schutzmauer gegen die Türken gebildet und
ungeheure Massen von Reuterei gegen dieselben aufgestellt; aber im In-
nern war es selbst zerrüttet. Die ganze Nation bestand nur aus wenig
Herren und vielen Knechten, sie kam nicht ein Mal so weit einen Staat zu
bilden; indem sie das Extrem der Freiheit behaupten wollte: denn der
Einspruch eines einzigen Edelmannes konnte jeden gemeinschaftlichen
| 488 | Beschluß aufheben; dabei bestand aber zugleich die roheste Leibei-
genschaft. Allerdings haben die Polen in der letzten Not diese Knecht-
schaft mildern und aufheben wollen, aber es war zu spät. Das Beil der
Gerechtigkeit fällt über den Verbrecher, wenn er auch zum Schaffot ge-
führt, noch Buße tut. Wenn wir auch an den Polen die schönen Eigen-
schaften des Edelmuths, der Vaterlandsliebe, des Freiheitssinns achten,
so fehlt ihnen doch die höchste Tugend — die Gerechtigkeit. -

Durch den Westphälischen Frieden ist die protestanZisczze Kirche als


eine selbstständige anerkannt worden, indem sie als Kirche eine weltliche
Existenz hat und haben muß. Diese Selbstständigkeit war aber noch nicht
durch eine politische Macht gesichert. Diese Garantie erhielt erst die pro-
224 ANHANG 4

testantische Kirche durch Friedrich IL; dadurch daß sich dieser geniale
König gegen die Vereinigung der Hauptmächte Europas behauptet hat
sowohl durch seine persönliche Tapferkeit und seine Tugenden als durch
das Prinzip seines Staates. Zwar war der siebenjährige Krieg an sich kein
Religionskrieg aber es war es in der Gesinnung der Soldaten sowohl als
der Mächte. Denn der Hauptgrund, der die Mächte beseelte, war: diesen
Staat als den Schutz der protestantischen Kirche zu unterdrücken. Fried-
rich IL war ein philosophischer König, wie er in neuern Zeiten nicht ge-
sehn worden; die englischen Könige waren spitzfindige Theologen gewe-
sen, für das Prinzip des | 489 | Absolutismus streitend: Friedrich faßte das
protestantische Prinzip von der weltlichen Seite auf, er hatte das Bewußt-
sein, daß der Geist seine letzte Tiefe erreicht habe, daß er zum Denken
gekommen sei, sich als denkend erfaßt habe. —
Die Hauptsache ist nun die Fortbildung des Geistes in sich. — In der
protestantischen Kirche ist das Prinzip der Innerlichkeit und der Befrie-
digung in sich selbst aufgegangen; dieselbe Beschäftigung mit der Inner-
lichkeit des Geistes hat auch in der katholischen Kirche Eingang gefun-
den: durch die Jesuiten ist aber hier eine Dialektik aufgekommen, wo-
durch alles Besondere wankend gemacht wurde, so daß am Ende für das
Bewußtsein nichts übrig blieb als die Form der Allgemeinheit. Dieses
Denken ist jetzt das Panier, das die Völker versammelt hat. Das Denken
enthält auch die Versöhnung in ihrer ganz reinen Wesenheit, es geht an
das Äußerliche mit der Anforderung, daß es dieselbe Vernunft in sich
habe als das Subjekt. Das Denken ist einerseits das ganz abstrakt Allge-
meine, andrerseits ist es als das Ich: in der vollkommnen Abstraktion aller
Besonderheit bin Ich das schlechthin Gegenwärtige. Die Form der Allge-
meinheit liegt in mir, war mir Gegenstand ist als denkend muß in dieser
Form sein: indem ich denke, muß ich den Gegenstand zur Allgemeinheit
erheben und eben | 490 | so muß er ein Präsentes sein. Das ist schlecht-
hin die absolute Freiheit; sie läßt den Gegenstand frei, denn das Denken
ist seiner Sache gewiß: das praktische Interesse gebraucht die Gegenstän-
de, verzehrt sie; das theoretische betrachtet sie mit der Sicherheit, daß sie
an sich nichts Verschiedenes sind. - Also: die letzte Spitze der Innerlich-
keit ist das Denken; es ist in sich frei, indem es das Allgemeine, das sich
nur zu sich selbst verhält, zum Inhalt hat. Der Mensch ist nicht frei, in so
fern er nicht denkt; denn er verhält sich dann zu einem Andern, er ist
dann bei einem Andern. Dieses Erfassen enthält unmittelbar die Versöh-
nung: Ich, das Schlechthin Allgemeine, dem das Besondere subsumirt ist.
— Das Denken ist jetzt die Ruhe, auf welche der Geist gelangt ist; der
Geist erkennt nun, daß die Natur, die Welt auch eine Vernunft in ihr ha-
ben müsse, denn Gott hat sie vernünftig geschaffen: es ist nun ein allge-
meines Interesse die gegenwärtige Welt kennen zu lernen und sie zu be-
trachten und die Gesetze der Natur und ihr System zu finden: das Allge-
meine in der Natur sind die Arten, die Gattungen, die Kraft, die Schwere
reducirt auf ihre Erscheinungen usw. Es ist also die Erfahrung die Wis-
ANHANG 4 225

senschaft der Welt geworden: die Erfahrung ist einerseits die Wahrneh-
mung, dann aber auch das Gesetz: darin ist das Interesse des Allgemei-
nen. — Das Bewußtsein des Allgemeinen ist in Descartes aufgegangen. In
der rein germanischen Nation |491 | war das Bewußtsein des Geistes auf-
gegangen, in einer romanischen wurde das Allgemeine, die Abstraktion
zuerst aufgefaßt: damit ist ein neuer Standpunkt, ein neues Interesse auf-
gegangen; es war für die Menschen als habe Gott jetzt erst die Sonne,
Mond, Gestirne, Pflanzen, Tiere usw. geschaffen, als ob die Maaße, die
Gesetze jetzt erst bestimmt worden wären: denn nun haben sie erst ein
Interesse daran gehabt. Mit den Naturgesetzen ist man dann dem unge-
heuren Aberglauben der Zeit entgegengetreten, allen Vorstellungen von
fremden, gewaltigen Mächten, über die man nur durch Magie mächtig
werden könne. Auch auf die geistige Seite hat sich dann das Denken ge-
richtet; man hat Recht und Sittlichkeit betrachtet, als auf dem geprüften
Boden des Willens des Menschen gegründet, was man sonst als entferntes
Gebot Gottes angesehen: man hat jetzt einen ganz andern Boden gehabt;
zuerst hat man aus der Erfahrung empirisch beobachtet (wie Grotius); so
haben es die Nationen gehalten; dann hat man als Quelle des Vorhande-
nen die Triebe der Menschen angesehen, welche die Natur ihnen ins Herz
gepflanzt habe: die Socialität sei Trieb des Menschen zur Geselligkeit; das
Staatsrecht wurde eben so nach allgemeinen Bestimmungen gefaßt. Fried-
rich der Große zeichnete sich dadurch aus, daß er immer das Beste seines
Staats als das letzte Prinzip im Auge hatte: alle herkömmlichen Rechte,
die noch auf privatrechtliche Weise galten, verloren ihre Gültigkeit,
14921 indem sie dem allgemeinen Besten untergeordnet waren. Von
Friedrich 11. rührt auch das Landrecht, eine der größten Erscheinungen
der neuern Zeit, her. Die Gesetze der Natur und des Rechts hat man Ver-
nunft genannt: Aufklärung nannte man das Gelten dieser Gesetze. Von
Frankreich kam sie nach Deutschland herüber. Eine neue Welt von Vor-
stellungen ging darin auf. Luther hatte die geistige Freiheit und die kon-
krete Versöhnung erworben: was die ewige Bestimmung des Menschen
sei, müsse in ihm selber vorgehen: der Inhalt aber von dem, was in ihm
vorgehen müsse und welche Wahrheit in ihm lebendig werden müsse, ist
von Luther angenommen worden ein Gegebenes zu sein, ein durch die
Religion Geoffenbartes. Jetzt ist das Prinzip aufgestellt worden, daß die-
ser Inhalt ein gegenwärtiger sei, wovon ich mich innerlich überzeugen
könne; auf diesen innern Grund soll Alles zurückgeführt werden. Das ist
die Ausbildung der empirischen Wissenschaft: die ganz neue Welt von
Vorstellungen, denen ein andrer Boden unterlegt worden ist. Mit diesem
Prinzip der Freiheit gehen wir zum letzten Stadium der Weltgeschichte,
zur Form unsrer Tage. - Empfindung, Sinnlichkeit, Triebe bringen nur
etwas Vorübergehendes hervor; was recht und sittlich sein soll, muß auch
im Willen begründet sein, aber in dem an sich allgemeinen Willen; man
muß aber wissen was der Wille an sich ist; die Triebe gehören auch dem
Willen an, sie sind ein bestimmtes Wollen und können so in | 493 | Ge-
226 ANHANG 4

gensatz miteinander kommen; sie sind selbst Prinzipien aber untergeord-


nete Prinzipien: die Frage ist, welches ist das letzte Prinzip, das nicht un-
tergeordnet ist, und nicht besonders. Das Nichtbesondere ist der Willen
an sich und der Wille an sich, indem er ein nicht besonderer ist, will nur
sich selbst. Der Wille, der nur um des Willens ist, ist der reine freie Wille.
Dieses Prinzip ist nun im Denken erfaßt worden. Der Wille, der sich will,
der freie Wille ist als das Innerste, Letzte erkannt worden, als die substan-
tielle Grundlage alles Rechts. Der Wille will ein Seiendes produzieren; in
seiner Reinheit aber ist der dasselbe Allgemeine als Denken. Dieses Prin-
zip ist in Frankreich durch Rousseau aufgestellt worden: der Mensch ist
Willen und nur in so fern ist er frei, als er will, was sein Willen ist. Die
theoretische Vernunft hat sich dann auch in Deutschland geltend ge-
macht: der reelle Wille ist die Vernunft des Willens, der Mensch soll nur
seine Freiheit wollen, er soll die Pflicht, das Recht nur um Pflicht und
Recht willen tun: Das Denken ist absolut, ebenso der Willen: In meinem
Willen ist nichts Fremdes, nichts kann mir dagegen als Autorität aufge-
stellt werden, in meinem Willen bin ich am reinsten zurückgezogen. Zu
dieser Spitze ist das Bewußtsein gekommen. Das Prinzip des Willens und
des Denkens ist formell (besonders von Kant ausgebildet), darin liegt
noch nicht der Inhalt, was Pflicht und Recht ist; das ist nur Form, kein
Inhalt. Allerdings | 494 | sind auch inhaltsvollere Kategorien abgehandelt
worden: so ist z.B. die Frage aufgeworfen worden: Welches der Nutzen
der Gesellschaft sei? Der Zweck der Gesellschaft ist: die natürlichen
Rechte des Menschen, als Freiheit des Willens, Gleichheit (es werden vie-
le darin verglichen, sie sind aber ein Identisches, denn als Menschen sind
sie Wille und ihr Wesentliches ist als reiner, freier Willen zu sein) usw. zu
erhalten. Man kann fragen: Warum ist die Freiheit zunächst so in dieser
abstrakten Form aufgefaßt worden? Indem die Vernunft sich erfaßt, so ist
ihr erstes Erfassen die unmittelbare Form, das ist die Form der Abstrak-
tion; der Mensch, zur Selbstständigkeit der Vernunft gekommen, hat sie
zuerst in dieser Einfachheit aufgenommen. Es entsteht hier wiederum die
Frage: Warum sind die Franzosen sogleich zum Praktischen übergegan-
gen, während der Deutsche beim Theoretischen stehen geblieben? Man
kann sagen, die Franzosen sind Hitzköpfe (ils ont la tete pres du bonnet);
der Grund liegt aber tiefer: diesem formellen Prinzip steht die concrete
Wirklichkeit gegenüber; die Deutschen haben sich nur ruhig dabei verhal-
ten können, indem sie in der Wirklichkeit versöhnt waren: dabei ist wohl
zu merken, daß nur die Protestanten zur Beruhigung über die rechtliche
und sittliche Wirklichkeit gekommen sein konnten, bei ihnen war die Ver-
söhnung schon vorhanden. In Deutschland war die Aufklärung auf Seiten
der | 495 | Theologie, in Frankreich nahm sie sogleich eine Richtung ge-
gen die Kirche. In Deutschland war in Ansehung der Weltlichkeit schon
Alles durch die Reformation gebessert worden, jene verderblichen Insti-
tutionen der Ehelosigkeit, der Armut und Faulheit waren schon abge-
schafft, es war nicht mehr dieses unsägliche Unrecht, nicht diese Forde-
ANHANG 4 227

rungen der blinden Knechtschaft des Geistes vorhanden: das Königtum


sollte nicht ein abstrakt Göttliches sein, wie in Frankreich durch die Sal-
bung der Könige, sondern es war legitim, insofern das Wohl des Landes
dasselbe erforderte. So war das Prinzip des Denkens schon insoweit ver-
söhnt: auch hatte die protestantische Welt in ihr das Bewußtsein, daß zur
weitern Ausbildung des Rechts die Quelle vorhanden sei in dem Prinzipe
der Versöhnung, welches seine absolute Autorisation als Prinzip der Reli-
gion schon erhalten. —
In dem Prinzipe des freien Willens ist das Wesen, daß der Wille wahr-
haft sei, denn ich kann in den Satz: Ich will, weil ich will, Alles legen,
mich daran festhalten und selbst das Gute dagegen hintansetzen. Es ist
hiemit ein reines Gedankenprinzip für den Staat gefunden worden, das
kein Prinzip der Meinung der Frömmigkeit ist. Dies ist die ungeheure
Entdeckung, die gemacht worden, dieses letzte Bewußtsein des Tiefsten.
Zunächst ist das Prinzip inhaltslos, der Stoff zu demselben ist in den na-
türlichen Trieben gefunden worden, indem der Geist diese Bestimmung
für | 496 | Recht, Sittlichkeit, Staat faßte. Das Bewußtsein des Geistes ist
jetzt das Fundament, was nun vorkommt ist das Bewußtsein des Gedan-
ken als Gedanken und das ist die Philosophie. Man hat gesagt, die franzö-
sische Revolution sei von der Philosophie ausgegangen: nicht mit Un-
recht hat man die Philosophie Weltweisheit genannt, denn sie ist nicht
nur die Wahrheit an und für sich als reine Wesenheit, sondern auch die
Wahrheit, insofern sie lebendig wird in der Weltlichkeit und das ist die
Vernünftigkeit überhaupt; man muß also nicht wegweisen wollen, daß die
französische Revolution von der Philosophie ihre erste Anregung erhal-
ten habe; nur ist das Prinzip des freien Willens im Äußern festgehalten
worden und nicht auch zum Konkreten fortgegangen. —
Das Prinzip der Freiheit des Willens hat sich zunächst geltend ge-
macht gegen das vorhanden Recht. Vor der französischen Revolution
sind zwar die Großen, besonders durch Richelieu, unterdrückt worden
und ihre Privilegien aufgehoben aber alle ihre Privilegien gegen die untere
Klasse haben sie behalten, eben so die Geistlichkeit. Der ganze Zustand
Frankreichs damaliger Zeit stellt das Gemälde der ungeheuersten Verdor-
benheit dar. Der fürchterlich harte Druck, der auf dem Volke lastete, die
Verlegenheit der Regierung dem Hofe die Mittel zur Verschwendung und
zur Üppigkeit herbeizutreiben gaben den | 497 | ersten Anlaß zur Unzu-
friedenheit. Man sah daß die dem Schweiße des Volks abgepreßten Sum-
men nicht für den Staatszweck verwendet wurden. Die Regierung wollte
ihrer Verlegenheit nicht dadurch abhelfen, daß sie die Verhältnisse umge-
bildet hätte. Der Hof, die Klerisei, der Adel wollten ihren Besitz nicht
aufgeben weder um der Not noch um des an und für sich seienden Rech-
tes willen und zwar darum nicht, weil die Regierung eine katholische war,
wo diese Rechte noch heilig waren, worin der Begriff der Freiheit nicht
als die letzte, absolute Verbindlichkeit galt. Der Gedanke, der Begriff des
Rechts hat sich jetzt geltend gemacht, wogegen das alte Gerüste des Un-
228 ANHANG 4

rechts keinen Widerstand leisten konnte. Im Gedanken des Rechts ist


also jetzt eine Verfassung errichtet worden; auf diesen Grund sollte Alles
basirt sein. So lange die Sonne am Firmamente steht und die Planeten um
sie herum kreisen war das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf
den Kopf d.i. auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach dem Ge-
danken erbaut. Anaxagoras hatte zuerst gesagt, daß der die Welt regiert;
nun aber erst ist der Mensch dazu gekommen zu erkennen, daß der Ge-
danke, die geistige Wirklichkeit regieren solle. Es war dies ein herrlicher
Sonnenaufgang. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht; ein
Enthusiasmus des Geistes hat die 14981 Welt durchschauert, als sei es
zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekom-
men. - Folgende zwei Momente müssen uns jetzt beschäftigen: 1. der
Gang der Revolution in Frankreich 2. wie dieselbe auch welthistorisch
gewesen.
1. Es sind hier wieder zwei Punkte zu unterscheiden; die Freiheit hat
eine doppelte Bestimmung an sich; einerseits ist der Inhalt der Freiheit,
die Objektivität derselben - die Sache selbst zu betrachten, andrerseits
die Form der Freiheit, worin das Subjekt sich tätig weiß. Die Forderung
der Freiheit ist, daß das Subjekt sich darin wisse und das Seinige tue
mit seinem Willen, denn sein ist das Interesse, daß die Sache werde.
Das Subjekt muß mit seinem Willen dabei sein. (Die weitere Ausfüh-
rung dieser Bestimmungen gehört in das Staatsrecht. Es sind hier nur
einige Resultate anzugeben). Die nähern Momente der beiden angege-
benen Punkte sind diese: a. Die Gesetze des Inhalts der Freiheit, die
objektive oder die reelle Freiheit; hieher gehört Freiheit des Eigentums,
Freiheit der Person. Alle jene aus dem Feudalrecht hergekommnen Be-
stimmungen, die Zehnten und Zinsen usw. fallen hiemit weg; zur reel-
len Freiheit gehört ferner die Freiheit der Gewerbe, daß es dem Men-
schen erlaubt sei seine Kräfte zu gebrauchen, daß er Zutritt zu allen
Staatsämtern erhalten könne, usw. Das sind die Momente der reellen
Freiheit, b. Die formelle Freiheit; und das ist die Verwirklichung der
Gesetze. 1499 | Die verwirklichende Tätigkeit der Gesetze ist aber die
Regierung überhaupt: dieser kommt es zu, jene Gesetze auszuüben und
festzuhalten; der Staat muß eine Macht haben gegen das Böse, gegen
die, welche die Gesetze nicht halten wollen. Die Nation bildet einen
Staat; der Staatszweck ist die Erhaltung der Individualität der Nation;
der Staat soll nicht nur Recht und Gerechtigkeit festhalten, sondern
auch für das Wohl der Bürger sorgen; es ist nicht allein darum zu tun,
daß der Bürger ein Gewerbe treiben könne, er muß auch einen Gewinn
für seine Subsistenz davon haben; es ist nicht genug, daß der Mensch
seine Kräfte gebrauchen könne, er muß auch die Gelegenheit finden sie
anzuwenden. — Im Staate ist ein Allgemeines, so wie die Betätigung
desselben. Da tritt sogleich eine Kollision ein: Die Betätigung kommt
dem individuellen, subjektiven Willen zu, einem Willen der beschließt
und entscheidet. Schon das Machen der Gesetze, diese Bestimmun-
ANHANG 4 229

gen2"" finden und positiv aufstellen ist eine Betätigung: das Weitere ist
dann das Beschließen und Ausführen; da tritt nun die Frage ein: Wel-
ches soll dieser Wille sein, der da entscheidet? Dem Monarchen kommt
die letzte Entscheidung zu, aber indem der Staat auf Freiheit gegründet
ist, so wollen die vielen Willen der Individuen auch Anteil haben an
diesem Beschließen, diese Vielen sind aber Alle und es ist ein leeres
Auskunftsmittel, eine ungeheure Inconsequenz nur Wenige am Be
| 500 | schließen Teil nehmen zu lassen, denn jeder ist mit seine Willen
bei dem, was ihm Gesetz sein soll. Die Wenigen solle die Vielen vertre-
ten, aber die zertreten sie nur. Wenn nun aber die sogenannten Volks-
repräsentanten beschließen sollen, so ist das Gelten der Majorität über
die Minorität wieder eine ungeheure Inconsequenz. Ferner tritt hier die
Kollision ein, daß auch der Wille des Monarchen gelten soll. Endlich
machen auch die Volksrepräsentanten nicht die Gesetze des Rechts als
solche, denn diese sind wesentlich schon vorhanden; sondern sie neh-
men nur an der Verwaltung Teil. Diese Kollision der subjektiven Willen
führt dann noch auf ein drittes Moment, auf das Moment der Gesin-
nung, des innren Wollens. Diejenigen, welche die Gesetze zu betätigen
haben, sind Individuen und haben ein Gewissen: was sie entscheiden
kommt aus ihrer Überzeugung, aus ihrem Innern; da ist nun die we-
sentliche Bestimmung, daß es in der Gesinnung nicht Höheres gebe als
das Recht, nicht ein Anderes, das heiliger sei, in Beziehung auf weltli-
che Dinge und Angelegenheiten. Diese Gesinnung ist die letzte Garan-
tie, welche Regierung und Volk haben. Die platonische Republik stellt
die höchste Idee des Altertums dar, dieser steht das Prinzip unsrer
Tage des subjektiven Willens gegenüber: Plato setzt Alles auf die Regie-
rung und macht die Gesinnung zum Prinzip, demnach legt er auch
besonders Gewicht auf die Erziehung und den Unterricht in der Philo-
sophie. Wenn in neuern | 501 | Zeiten Alles auf dem individuellen Wil-
len beruht, so ist keine Garantie vorhanden, ob dieser Wille die rechte
Gesinnung habe; man hat allerdings bei den Repräsentanten ein gewis-
ses Vermögen und Alter zur Bedingung gemacht, aber Erfahrung in der
Geschäftsführung ist nicht gefordert worden: dagegen wird in den deut-
schen Staaten Erfahrung und Kenntnis vorausgesetzt; jeder muß sich in
der praktischen Laufbahn eingeübt haben, ehe er zu Ämtern gelangt. —
Nach diesen Hauptbestimmungen haben wir nun den Gang der fran-
zösischen Revolution und die Umbildung des Staates aus dem Begriffe
des Rechts zu verfolgen. - Es wurden zunächst nur die ganz abstrakt phi-
losophischen Grundsätze aufgestellt: Frankreich hielt sich nur ganz for-
mell an die Karte, worin eine bestimmte Abgrenzung der Gewalten ange-
ordnet war; dabei wurde auf Gesinnung, auf Religion gar nicht gerechnet.

Das auf dieses Wort ursprünglich folgende Wort „zu" ist durchgestrichen
230 ANHANG 4

Es galt vielmehr als eine Grundweisheit, daß die Religion in keiner Ver-
bindung mit der Staatsverfassung stände; man dachte nicht daran, daß die
höchste Verbindlichkeit und die letzte Bewährung eines Gesetzes ist,
wenn es als göttliches Gebot gilt, und daß darin die letzte und absolute
Verpflichtung liegt. Ist das aber nicht der Fall, so findet das Gesetz Wi-
derstand am religiösen Gewissen, das die höchste Berechtigung für dich
hat. Die erste Verfassung in Frankreich enthielt die absoluten Rechts-
prinzipien in sich; an der Spitze des | 502 | Staates stand der Monarch,
dem mit seinem Ministerium die Ausübung zukommen sollte; daneben
sollten die Kammern als gesetzgebende Gewalt bestehen: es ist aber eine
Täuschung, eine Lüge zu behaupten: die Kammern geben die Gesetze;
sondern sie regieren wesentlich, indem sie die Ausgaben der Verwaltung
zu bewilligen haben und greifen in alle Zweige der Staatsverwaltung ein:
denn die Gesetze sind fertig. Es mußte da, wie schon oben bemerkt wor-
den, die Kollision der subjektiven Willen eintreten: ferner zeigte sich der
Gegensatz der Gesinnung. Das Mißtrauen, der Verdacht erhielt eine
fürchterliche Gewalt; der Verdacht hat den Monarchen aufs Schaffot ge-
bracht: der subjektive Wille des Monarchen war das katholisch religiöse
Gewissen. Die Regierung ist jetzt ans Volk gekommen: es handelte sich
nun allein darum, welche Partei die Regierung an sich reißen würde. Die
Gesinnung der Freiheit ist jetzt herrschend geworden: damit hängt auch
alles Rechtliche zusammen; es ist demnach von Robespierre das Prinzip
der Tugend als das Höchste aufgestellt worden: es ist diesem[?] Menschen
Ernst gewesen mit der Tugend. Gesinnung kann nur von Gesinnung be-
urteilt und erkannt werden; es tritt demnach wieder schlechthin das Ver-
hältnis des Verdachts ein; die Tugend, sobald sie verdächtig wird, ist
schon verurteilt: dabei ist es ein unmittelbares Wissen, wer verdächtig sei.
Es herrschen jetzt die Tugend und der Schrecken.
| 503 | Die subjektive Tugend, die bloß von der Gesinnung aus regiert,
bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich. Diese ist aber notwendig vor-
übergegangen und eine organisirte Regierung ist wieder an die Stelle der
Tugend getreten. Die oberste Gewalt gehörte Fünfen an, sie bildeten eine
moralische Einheit aber nicht eine individuelle, wie die Natur der Sache
es verlangt. In Napoleon stellte sich dann erst ein individueller Wille an
die Spitze des Staates: er war es, der zu herrschen wußte; im Innern wur-
de er bald fertig, indem er die Administration centralisirte. Mit der unge-
heuren Macht seines Charakters hat er sich dann nach außen gewendet
und beinahe ganz Europa unterworfen und seine liberalen Einrichtungen
überall verbreitet: keine größeren Siege sind je gesiegt worden, keine ge-
nievolleren Züge je ausgeführt worden; aber auch nie ist die Ohnmacht
des Sieges in einem helleren Lichte erschienen als damals. Die Individua-
lität der Völker hat diesen Koloss gestürzt. In Frankreich ist dann wieder
eine constitutionelle Monarchie errichtet worden und die Karte zur
Grundlage gemacht worden aber eben so mit Gleichgültigkeit gegen die
Gesinnung; der Gegensatz der Gesinnung ist wiederum erschienen; die
ANHANG 4 231

Karte war das allgemeine Panier, beide Teile haben sie beschworen; aber
die Gesinnung war auf der einen Seite eine katholische, welche es zur
15041 Gewissenssache machte, die vorhandenen Institutionen zu ver-
nichten: es ist so wieder ein Bruch geschehen, die Regierung ist gestürzt
worden. Endlich nach einer 40 jährigen Verwirrung konnte man sich die
Hoffnung machen, daß eine Versöhnung eintreten werden: aber einerseits
ist immer noch dieser Bruch gegen das katholische Prinzip vorhanden,
andrerseits der der subjektiven Willen; die subjektiven Willen der Vielen
sollen gelten, diese Abstraktion wird festgehalten und befindet sich daher
immer im Gegensatz mit dem Vorhandenen. Gegen die besonderen Ver-
fügungen der Regierung und des Ministerium ist sogleich die Freiheit,
denn sie sind besondrer Wille, also Willkür; der Wille der Vielen ist gegen
die Regierung, stürzt das Ministerium und die bisherige Opposition tritt
jetzt ein, sie wird aber jetzt selbst Regierung und hat so wieder die Vielen
gegen sich. Es kann nur der Wille der Regierung gelten, aber die Willen
der Vielen wollen gelten und agiren gegen die Regierung. So geht die Be-
wegung und Unruhe immer fort. Gegen jeden Beschluß, jede Einrichtung
ist sogleich eine Partei, die sich das Volk heißt und ihren Willen geltend
zu machen sucht. Jede Besonderung erscheint als Privilegium, es soll aber
Gleichheit sein. Nach diesem Prinzip ist keine Regierung möglich. Diese
Kollision, dieser Knoten, dieses Problem ist es an dem die Geschichte
steht und das sie noch zu lösen hat. | 505 | —
Zweitens: Wir haben jetzt die französische Revolution als welthisto-
risch zu betrachten. Dem Gehalte nach ist die französische Revolution
welthistorisch; der Kampf des Formalismus muß davon wohl unterschie-
den werden. Was die äußere Ausbreitung anbetrifft, so sind alle moderne
Staaten erobert worden und damit dem französischen Prinzip, dem Prin-
zip der Atomistik, dem sogenannten Liberalismus geöffnet worden; al-
lenthalben hat aber dieser Liberalismus bankerott gemacht. Zuerst hat die
Firma von Frankreich bankerott gemacht in Spanien, dann in Italien, in
Deutschland usw. ja! in Spanien, in Italien ist der Liberalismus auch noch
zum zweiten Male gescheitert, als er sich durch innere Aufstände geltend
machen wollte: die ganze romanische Welt ist der Liberalismus durchlau-
fen; diese schon durch den Katholizismus entzweit ist aber in den alten
Zustand zurückgesunken.
Wir gehen jetzt auch zu der Betrachtung der andern Staaten über, wie
sie sich uns jetzt darstellen: Ostreich trägt den Charakter eines Kaiser-
tums an sich, d.h. es ist ein Aggregat von vielen Staaten, die selbst König-
reiche sind. Diese Staaten sind wenig berühmt und stehen dem gebildeten
Europa an Bildung sehr weit zurück; die Leibeigenschaft ist in Ungarn
und in Böhmen noch herrschend; die Großen in Böhmen sind eben so
deprimirt von oben her, als sie selbst ihre Untergebenen bedrücken. Die
Großen Ungarns 15061 setzen ihre Freiheit in eine Gewaltherrschaft.
England hat sich mit den größten Anstrengungen erhalten; es hat die gro-
ße Bestimmung auf dem Handel begründet zu sein, und durch den Han-
232 ANHANG 4

del die Civilisation der rohen Naturvölker zu bewerkstelligen. Die Engli-


sche Verfassung ist im Ganzen dieselbe geblieben seit der Feudalherr-
schaft, sie beruht fast nur auf alten Privilegien: die formelle Freiheit in
dem Besprechen aller Staatsangelegenheiten ist daselbst im höchsten
Grade vorhanden; die französischen Grundsätze haben in England keine
weitere Wirkung hervorgebracht; gegen jenes Besprechen steht die Parti-
kularität der Rechte durch alle Klassen und Stände hindurch fest. Das
Parlament ist die Regierung, wenn auch die Engländer selbst es nicht da-
für ansehen wollen. In Ansehung der wissenschaftlichen Bildung ist Eng-
land weit zurück gegen andere Staaten, obgleich ihm die ungeheuren Mit-
tel der industriellen Produktion zu Gebote stehen. Aus dem Feudalrecht
her hat sich die Partikularität der Interessen vollkommen festgesetzt. In
Ansehung der Institutionen, des Privatrechts ist England daher weit hin-
ter den andern civilisirten Staaten: bei den Parlamentswahlen verkaufen
die Wähler ihre Stimmen, eben so herrscht auch die größte Bestechlich-
keit in den Gerichten. Aber eben auf diesem Zustand beruht es allein, daß
in Eng | 507 | land eine Regierung vorhanden ist, wie Frankreich sie nicht
hat. Es gibt unter den Großen F^nglands eine Menge Staatsmänner, die
von Jugend auf den Staatsgeschäften gelebt haben, diese sind zugleich die
Mächtigen und die Einflußhabenden durch ihren Reichtum und dadurch,
daß sie so viele Stellen im Parlamente zu besetzen haben: auch sind die
kirchlichen Einkünfte in ihren Händen und sie können sie nach Belieben
an Andre übergeben. Die Aristokratie hat so die einträglichen Stellen zu
verteilen und hat die Majorität in Händen, dadurch ist die Regierung
überhaupt möglich. Die Frage ist jetzt, ob nach der Reform dieselbe auch
noch möglich sei.
Deutschland ist auch von den siegreichen französischen Heeren
durchzogen worden, aber die deutsche Nationalität hat den Druck abge-
schüttelt. Ein Hauptmoment in Deutschland sind die Gesetze des Rechts,
zum Teil allerdings durch die französische Unterdrückung veranlaßt, in-
dem die Mängel der frühern Einrichtung dadurch besonders ans Licht ka-
men. Die Lehnsverbindlichkeiten sind aufgehoben worden, aber nicht
durch Beraubung wie in Frankreich; die Prinzipe der Freiheit des Eigen-
tums, der Person usw. sind zu Grundprinzipien gemacht worden. Jeder
Bürger hat zu den Staatsämtern Zutritt, doch sind Geschicklichkeit,
Kenntnisse notwendige Bedingungen. Was die Regierungsgewalt und die
Beamten | 508 | anbetrifft, so steht an der Spitze die persönliche Ent-
scheidung des Monarchen; ein subjektiver Wille, wenn er auch willkürlich
genannt werden kann, muß sein; auch bleibt ihm im Ganzen wenig Viel-
faches zu entscheiden übrig; denn die ganze Organisation ist durch die
Gesetze bestimmt, in Ansehung des Substantiellen ist das, was der Ent-
scheidung des Monarchen anheim gestellt ist, für wenig zu achten;
allerdings ist es aber ein großes Glück, wenn einem Volke ein edler Mon-
arch zuerteilt worden ist, in einem großen Staate hat das auch weniger auf
sich, denn die großen Staaten haben die Stärke in ihrer Vernunft; anders
ANHANG 4 233

ist es kleinen Staaten, welche auch nicht wahrhaft selbstständige Staaten


sind. - Bei den Beamten wird, wie schon gesagt, die Bedingung von
Kenntnissen, von Geübtheit und Erfahrung gemacht, wie schon die Grie-
chen sie die (XQ10TOV genannt haben, das sind die, welche wissenschaft-
lich gebildet sind und den moralischen Willen haben. Was endlich die
Gesinnung anbetrifft, so ist schon gesagt worden daß durch die prote-
stantische Kirche die Versöhnung der Religion mit dem Recht zu Stande
gekommen ist; es gibt kein Heiliges, kein religiöses Gewissen, das vom
weltlichen Recht getrennt oder ihm gar entgegengesetzt wäre. —
Bis hieher ist das Bewußtsein gekommen, das sind die Hauptmomente
der Form in welche das | 509 | Prinzip der Freiheit sich verwirklicht hat:
die Weltgeschichte ist die Entwicklung des Begriffes der Freiheit; die ob-
jektive Freiheit aber fordert die Unterwerfung des zufälligen Willens; die
Seite des subjektiven Willens ist nur formell - die Einsicht: wenn das
Gesetz an sich vernünftig ist, so kann die Einsicht ihm entsprechend sein
und dann ist auch das wesentliche Moment der subjektiven Freiheit vor-
handen. Wir haben den Fortgang des Begriffes allein betrachtet und ha-
ben dem Reiz entsagen müssen das Glück, die Perioden der Blüten der
Völker näher kennen zu lernen, so wie die Schönheit der Charaktere von
Individuen, das Interesse ihres Schicksale in Glück und Unglück usw.: die
Philosophie hat es nur mit dem Glanz[?]21" der Idee zu tun, welche sich
verwirklicht, der Idee des Geistes als wollend in der Weltgeschichte; die
Philosophie ist auch wesentlich betrachtend: aus dem Überdruß an den
Bewegungen der Leidenschaften in der Wirklichkeit macht sich die Philo-
sophie heraus zur Betrachtung; ihr Interesse ist, zu erkennen, in wiefern
das Gegenwärtige, die gegenwärtige Wirklichkeit Resultat ist. —
Die Entwicklung des Prinzips des Geistes ist die wahrhafte Theodicee,
der Begriff hat sich in der Geschichte vollbracht und diese ist die Ehre
Gottes, denn Gott hat sich in ihr verwirklicht und geoffenbaret. —

Zuerst stand wohl ,Gang', dann wurde der Buchstabe ,!' eingefügt.
Anhang 5

Nachschrift Ackersdijck (Vorlesungen 28. 3. bis 1. 4. 1831)

Noch wichtiger aber in Ansehung der Kirche ist das Interesse der neu
entstandenen protestantischen Kirche, die sich politisch feststellte, die
sich politische Existenz zu erringen hatte. Es handelt sich, indem an die
katholische Kirche so viel Weltlicher Besitz, so viel Weltliches überhaupt
geknüpft war, nicht bloß um innere Feststellung der protestantischen
14641 Kirche, sondern auch um eine äußerliche. Denn auch das soge-
nannte brachium apostolicum war die Weltlichkeit, die weltlichen Fürsten
verbunden, der katholischen Kirche ihn zu leihen. Alle diese weltlichen
Rechte der katho/iscz;en Kirche wurden verletzt.
In Deutschland war es der Reformation günstig, daß soviele Fürsten-
tümer waren, die einzeln übertraten. Aber notwendig war damit auch ein
Krieg, der der Kirche die weltliche Existenz verschaffe. Die protestanZi-
schen Fürsten machten einen Bund zu ihrer Verteidigung. Er unterlag, und
nur durch einen genialen Coup des Churfürsten Moritz von Sachsen wur-
de ein Friede vermittelt, der aber allen Verdacht, alle Spannung und
Feindseligkeit zurückließ, so daß 14651 dann notwendig der Gegensatz
von Grund aus durchgekämpft werden mußte. Gustav Adolph, der Held
aus dem Norden, nahm sich wider Willen und ohne Unterstützung der
protestantischen Deutschen dieser an, und ein katholischer Kardinal Riche-
lieu unterstützte ihn aus rein politischen Gründen. Das Ende dieses Krie-
ges war eine vollkommne Ermattung, ein Zerschlagensein pp Aller, in
welchem sie sich dann vertragen lernten, und die katho/isc/;e Kirche ihre
Demütigung hinnahm. Der Westphälische Frieden hat lange für das Palla-
dium Deutschlands gegolten, sofern er die Verhältnisse Deutschlands
möglichst feststellte. Denn er zertrümmerte den Staat oder das Kaiser-
reich von Deutschland ganz und gar, | 466 | und schwächte es dergestalt,
daß es bald jene oben genannten Provinzen verlor. Auch in England hat
sich die protestantische Kirche durch Krieg Bahn machen, oder sich er-
halten müssen, aber durch innern Krieg gegen die englischen Könige, die
im Geheimen katholisch waren, um im Zusammenhange mit dieser Kir-
che die absolute königliche Gewalt festzuhalten. Hiergegen lehnten sich
die Engländer fanatisch auf, so daß es bis zum Puritanismus kam. Crom-
well jagte dann das betende Parlament auseinander, und weil regiert wer-
den mußte, so regierte er militairisch als Protektor des Reichs mit Glanz
und Energie, wenn auch vorübergehend.
Auch die Holländer sind zu erwähnen, dies sich mit Kraft und Mut
14671 gegen die Unterdrückung der spanischen Herrschaft empörten,
obwohl der ackerbauende Teil (im Süden) mehr der katholischen Kirche
und den Spaniern treu blieb, wogegen der nördliche Teil, besonders die
ANHANG 5 235

Bürger der Städte, als bewaffnete Miliz sich heldenmütig gegen die beste
Infanterie in Europa hielt, und von Seiten der See in allen Weltteilen so-
gar Spanische Besitzungen und Gallionen angriffen und eroberten. Einer
der letzten Religionskriege, der dagegen einer Nation ihre Selbständigkeit
kostete, sind die Unruhen in Polen, die davon ausgingen, die Protestan-
ten, Dissidenten, zu unterdrücken. Polen war früher die Schutzmauer ge-
gen die Türken, und kämpfte mit den größten Aufopferungen. Aber es
konnte nie zu einer rechten Staatsbildung kommen, sondern als ein Slavi-
sches Volk hatte es nur | 468 | Herren und Knechte, und zwar Herren, die
das Extrem der Freiheit behaupteten, daß durch den Einspruch eines Ad-
ligen die Reichsbeschlüsse aufgehoben wurden. Zugleich hatten diese
Herren ihre Rechte mit der fürchterlichsten Starrsucht und Grausamkeit
gegen die Unterworfenen verfolgt, und wenn sie alle schönen und achtba-
ren Eigenschaften hatten, so fehlte ihnen die Gerechtigkeit, die Grund-
eigenschaft für die Staaten.
Nach dem Westphälischen Frieden ist dann also die Selbständigkeit
der protestantischen Kirche anerkannt worden, aber nur politisch, durch
Tractaten. Die wirkliche Selbständigkeit und Garantie wurde ihr genom-
men, nachdem ein protestantischer Staat seine eigne Selbständigkeit kräftig
festgestellt und 1469 | durchgesetzt hatte. Dies errang ihr Friedrich IL
durch den siebenjährigen Krieg, der zwar kein eigentlicher Religionskrieg
war, aber doch mit Beziehung auf die Religion besonders von Friedrichs
Feinden geführt wurde, diesen protestantischen Staat zu unterdrücken pp.
Zugleich war aber Friedrich der Große der erste philosophische König; in
ihm erstand das Bewußtsein, daß der Geist seine letzte Tiefe erreicht hat,
daß das Denken die höchste Macht sei, und es begegnete in ihm sich das
protestantische Prinzip von der innern und weltlichen Seite.
Wir haben in der protestantischen Kirche bisher das innerliche Prin-
zip, die Innerlichkeit gehabt. Die Untersuchung über die Innerlichkeit
des Geistes ist dann sehr ausgedehnt worden, selbst in der katholischen
Kirche, und | 4 7 0 | spitzfindig wurde der Wille namentlich betrachtet.
Hierdurch ist eine Dialektik hervorgegangen, durch die alles Besondere
wankend gemacht worden ist, so daß für das Bewußtsein nichts übrig ge-
blieben ist, sondern daraus die abstrakte Vorstellung des Denkens über-
haupt hervorging, etwas denkend zu betrachten, d.h. es allgemein zu be-
trachten, es in die abstrakte allgemeine Form zu bringen. Damit ist den
Völkern ein neues und das letzte Panier des Geistes aufgegangen. Das
Denken ist nun einerseits das ganz Allgemeine, und von der andern Seite:
Es ist als Ich, das Denkende, das Ich, das ist das Dieses, das Schiechthin-
Präsente. Es ist also Form der Allgemeinheit, daß das, was mir Gegen-
stand des Denkens ist, dasselbe |471 | sei in der Form der Allgemeinheit,
und zugleich muß dieser Gegenstand ein Präsentes sein, wie ich ein Prä-
sentes bin. Das Denken ist aber seiner selbst gewiß, es ist gewiß, auch im
Gegenstande das Allgemeine zu haben. Denn das theoretische Interesse
betrachtet die Gegenstände mit der Sicherheit, daß sie ihm nicht ein
236 ANHANG 5

Fremdes sind, versöhnt mit ihm sind. — Das Denken ist die letzte Spitze
der Innerlichkeit; es ist die Freiheit, d.h. ohne zu einem Andern im Ver-
hältnisse zu sein. Im Denken ist der Mensch rein bei sich, für sich, und
wer nicht denkt, ist bei Andern, mithin nicht völlig frei.
Das Denken hat das allgemeine Interesse an der gegenwärtigen Welt
hervorgebracht, sie zu betrachten, sie zu finden, d.h. die Gesetze der Na-
tur, | 472 | die der Bewegung pp. ins Allgemeine zu fassen, Klassen, Gat-
tungen der lebendigen Gestaltungen kennen zu lernen, mit andern Wor-
ten: die Erfahrung und die Wissenschaften der Erfahrung sind Interesse
geworden. Erfahrung ist aber: zu bemerken, daß es immer auf dieselbe
Weise sei, d.h. daß ein Gesetz darin sei.
Das Bewußtsein des Gedankens ist nun in Descartes aufgegangen. In
der germanischen Nation, der Reformation war das Prinzip des Geistes
aufgegangen, in einer romanischen das des Denkens. Damit war ein neuer
Standpunkt, ein neues Interesse aufgegangen, und es war, als wenn die
Menschen jetzt erst inne würden, daß es eine Natur gäbe. Die Naturgeset-
ze wurden gesucht und gefunden. Mit ihnen ist man dann dem unsägli-
chen und unseligen /\berglauben 1473 | aller Art entgegengetreten, und
der Mensch wurde durch die Erkenntnis frei gegen die Natur. Demnächst
richtete sich aber auch das Denken in die geistige Sphäre, auf das Recht,
die Sittlichkeit, die Verfassungen, und hat die ganze rechtliche Seite so
betrachtet, daß sie gegründet sei in dem präsenten Gemüte, dem Willen
des Menschen. Früher hat man das Recht als ein aus der Ferne, von Gott
pp Gekommenes, Gegebenes, (besonders aus dem alten und neuen Testa-
mente) hergeleitet. Jetzt hatte man einen ganz andern Boden, ging ganz
empirisch zu Werke; sah, wie es die Nationen aller Art gehalten, betrach-
tete als Quelle besonders das Staatsrecht, die Triebe, die Bedürfnisse, die
die Natur dem Menschen eingepflanzt habe; [ 474 | so habe der Trieb der
Geselligkeit im Menschen dem Staate seinen Ursprung gegeben. Ähnlich
suchte man nach dem Zwecke des Staats. Und auch die Regierungen faß-
ten dies, und handelten nach allgemeinen Bestimmungen der Staatsraison.
So Friedrich IL, der philosophische König, dem das Beste seines Volkes
das Letzte, das Prinzipium war, so daß besondere Rechte und das Privile-
gien verschwanden, ein allgemeines Landrecht erschien pp. Alle diese
Gesetze zusammen pp. hat man dann Vernunft genannt, und diese Art
Natur und Recht zu betrachten, in der Vernunft gegründet, ist Aufklärung
genannt worden. Sie ist aus Frankreich nach Deutschland gekommen,
und eine ganz neue Welt der Vorstellungen daraus geschaffen worden.
| 4 7 5 | Luther fand, daß die Bestimmung des Menschen aus und in ihm
selbst hervorgehen müsse; welches aber der Inhalt dieser Wahrheit sei,
wurde als durch die positive Religion gegen angesehen. Jetzt aber wurde
angenommen; dieser Inhalt sei innerlich, ein präsenter, der von mir wahr-
genommen werden könne; und nach diesem solle, was gilt, beurteilt wer-
den. -
Dies ist nun die Ausbildung der empirischen Wissenschaft, wie gesagt.
ANHANG 5 237

Mit diesem Prinzip der Freiheit als Freiheit im Denken gehen wir dann
über zu dem letzten Stadium der Weltgeschichte, zur Form unseres Gei-
stes, unserer Tage. Es ist gesagt worden, daß jenes das Prinzip der Be-
stimmungen sei. Was gerecht | 476 | und sittlich sei, muß im Willen ge-
gründet sein, aber im an sich allgemeinen Willen. Man muß also wissen,
was der Wille an sich sei. Die Triebe wollen auch, jeder für sich, und
kommen deshalb in Gegensatz miteinander; sie sind also Prinzipien, aber
untergeordnete, besondere. Das nicht untergeordnete, nicht besondere
Prinzip ist aber der Wille an sich, der nichts besonderes will, sondern nur
sich selbst, d.h. der rein freie Wille. Dies letzte Prinzip ist nun erfaßt wor-
den, und daß der rein freie Wille das Letzte sei, die substantielle Grundla-
ge aller Rechte, ist erkannt worden. Wie dieser rein abstrakte Wille wieder
zum besondern fortgegangen, ist hier nicht näher zu entwickeln. In seiner
Reinheit ist der Wille dasselbe, was das Denken ist. Der Mensch ist Wille,
und sofern er einen Willen hat und tut, was sein Wille ist, ist er frei. -
Dies ist in Frankreich besonders von Rousseau aufgestellt worden. Theo-
retisch ist dasselbe in der Kantischen Philosophie, später auch in
Deutschland aufgekommen; die theoretische Vernunft, der reine Wille ist
die Vernunft des Willens: Pflicht und Recht sind die Formen reiner Frei-
heit pp. So wurde aufgestellt: in meinem Willen bin ich rein bei mir, da
kann niemand hineinbrechen; etwas rein Unbezwingliches ist im Men-
schen sein Wille. Dies Prinzip des Willens ist aber nun abstract, noch
nicht concret. Es liegt noch nicht darin, was Pflicht sei, was Recht sei,
sondern daß dies nur von mir gewollt werden müsse. Es ist Inhaltsloses;
zwar hat man sofort einen Inhalt zu geben gesucht, der Nutzen der | 4 7 8 |
Gesellschaft (sogen. Französische Constitutionen) etc. Die Franzosen
gingen also sogleich zum Praktischen über, die Deutschen blieben bei der
Theorie. Warum dies? Der Grund liegt tiefer. Dem formellen (abstracten)
Prinzip steht die concrete Wirklichkeit, der concrete Geist gegenüber.
Warum sind die Deutschen gegen diese ruhig geblieben? Nur darum, weil
sie in der concreten Wirklichkeit ruhiger, versöhnter waren. In der prote-
stantischen Welt war die Versöhnung im Rechtlichen, Sittlichen früher auf-
gegangen, die Aufklärung ging von der Theologie, der Kirche aus. In
Frankreich dagegen war die Aufklärung zunächst gegen die Kirche ge-
richtet. Bei den Protestanten waren keine Klöster, nicht das unsägliche
Unrecht, die Forderung des vernunftlosen Gehorsams, nicht eine gesalb-
te Legitimität der Könige, | 479 | die ein abstrakt Göttliches sein sollte.
So war das Prinzip des Denkens schon im protestantischen Bewußtsein,
und dies wußte zugleich, daß in ihm die präsente Quelle zur weitern Aus-
bildung des Rechts (bürgerlichen Staatsrechts) sei. Eben dies Prinzip der
rechtlichen Ausbildung hatte schon in der Religion die absolute Autorisa-
tion.

Das reine Gedankenprinzip des freien Willens ist kein Prinzip der Mei-
nung oder Autorität, sondern der vollen Gewißheit, gegen das alles zu-
rückweicht!?]. Dies letzte, tiefste Bewußtsein ist zunächst ohne Inhalt;
238 ANHANG 5

der Stoff, Inhalt ist zunächst in den von der Natur eingepflanzten Trie-
ben erschienen. Das Bewußtsein des Geistigen ist im positiven Bestehen
und Behaupten das Fundament; wenn dies wankt, wankt Alles. Das Be-
wußtsein der [ 480 ] Gedanken als solche, als Gedanken, ist die Philoso-
phie. Von ihr (der Weltweisheit) soll jener Umsturz, die französische Re-
volution, ausgegangen sein, und nicht mit Unrecht wird dies behauptet.
In Frankreich nämlich, als die Rechte der Großen nach der Seite des
Königs von diesem unterdrückt waren, kehrten sie alle ihre Rechte nach
unten, und die schrecklichste Bedrückung entstand. Große und Clerus
wurden zugleich von der Aufklärung durchdrungen, und hierdurch ent-
stand der Widerspruch zwischen seinen Vorstellungen und dem, was er
noch besaß, der wahren Verdorbenheit. Durch den harten Druck ent-
stand äußere Noth, die höchste Verlegenheit in den Finanzen. Man sah,
nicht zum Staatszwecke wurden die Einkünfte, (Finanzen) aufgewendet;
zugleich konnte sich | 481 | die Verlegenheit der Regierung durch Umbil-
dung der Verhältnisse nicht abhelfen, Hof, Clerus pp wollten ihre Rechte
nicht aufgeben. - Der Hauptgrund von Allem aber war, daß die Regie-
rung noch katholisch war, mithin die religiöse Verpflichtung den Refor-
men entgegenstand. Der Gedanke, Begriff des Rechts machte sich also als
Macht geltend, gegen die das alte Gerüst des Unrechts keinen Widerstand
leisten konnte. Auf den Grund des Gedankens sollte alles Recht basirt
werden. Das hatte bisher die Sonne noch nicht gesehen, solange sie die
Welt umkreiset, daß der Mensch sich auf den Kopf, auf den Gedanken
stellte, aus dem Gedanken sich die Wirklichkeit baut, daß es zum Bewußt-
sein gekommen, daß der Gedanke, die geistige | 482 | Wirklichkeit beherr-
sche. Die denkende Welt feierte in erhabener Rührung und F^nthusiasmus
diese Epoche der wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt.
Der Gang dieser Umkehrung in Frankreich war der Wirklichkeit nach
folgender: zunächst ist die Freiheit in ihrer Wesenheit zu betrachten, das
Concrete, d.h. daß das Subjekt sich darin wisse, und so der Imputation fä-
hig sei; demnächst die Form der Freiheit, d.h. daß das Subjekt darin tätig
sei, mit seinem Willen dabei sei. Im Allgemeinen sind die nähern Momen-
te nun diese: der Inhalt der Gesetze der Freiheit, die objektive, reelle
Freiheit. — Zu ihr gehört zunächst die Freiheit des Eigentums, deren Be-
schränkung sich aus dem Lehnswesen herschrieb; | 483 | ferner daß kei-
ner beschränkt sei, seine Kräfte zu brauchen, daß er Zutritt habe zu allen
Ämtern pp. Die Verwirklichung dieser Gesetze, die verwirklichende Tä-
tigkeit ist die Regierung; ihr kömmt es zu, jene Gesetze einzuführen und
festzuhalten. Darum muß der Staat eine Macht sein gegen die Gesetz-
übertreter. Zugleich ist er Individuum in seinem Verhältnisse nach außen,
darin aber hat er auch für das Wohl aller Klassen der Staatsbürger zu sor-
gen.
Über diese Sachen hat der subjektive Wille zu entscheiden. In monar-
chischen Staaten kömmt der Wille dem Monarchen zu; aber in der Frei-
heit wollen die Individuen (Alle) auch mit ihrem Willen dabei sein, ent-
ANHANG 5 239

scheiden; und es ist eine ungeheure Inconsequenz gegen das Prinzip, die
Vielen den Allen zu substituiren (Repräsentanten). | 4841 Diese Kollision
führt auf ein drittes Moment, das anzuführen ist, und dies ist die Gesin-
nung. Die Regierenden haben ein Gewissen, und was sie entscheiden,
kommt aus ihrem Innern, ihrer Gesinnung. Und da ist eine wesentliche
Bestimmung, daß es in der Gesinnung nicht Höheres gebe, als das Recht,
nichts Heiligeres, in Beziehung auf weltliche Angelegenheiten. Diese Ge-
sinnung ist die letzte Garantie, die Regierung und Volk haben. Die plato-
nische Republik war die höchste Idee des Altertums, die Alles darauf
setzt, auf die Bildung (Erziehung) der Gesinnung der Regierenden. Dem
steht heut zu Tage gegenüber das Prinzip des subjektiven Willens. Ob
dieser die Gesinnung habe, dafür ist keine Garantie gefordert. Man hat
zwar heutzutage Vermögen, Reife des | 485 | Alters, als Garantie gefor-
dert; aber Reife der Kenntnisse in Geschäften hat man nicht gefordert,
wie bei uns (viele Prüfungen pp). -
Nach diesen Bestimmungen wäre der Gang der französischen Revolu-
tion zu betrachten, obwohl noch heutzutage der revolutionaire Zustand
fortdauert. Die Sache dreht sich um den Formalismus einer Constitution,
der Abgrenzung der Gewalten, so daß aber dabei nicht Rücksicht genom-
men ist auf die Gesinnung, auf die Religion. Diese ist aber die Wurzel der
Staatsverfassung, obwohl sie nach heutigem Prinzip getrennt sein soll
vom Staate. Widerspricht die Religion dem Rechtsgesetze, so ist Letzteres
etwas präcaires, weil es seinen Widerstand findet an dem religiösen Ge-
wissen, das in sich die höchste Berechtigung hat. Die erste | 486 | Verfas-
sung Frankreichs enthielt die absoluten Rechtsprinzipien, und einen
Monarchen an der Spitze nebst einer gesetzgebenden Gewalt, die aber
wesentlich mitregiert. Fehlt in diesem Verhältnisse die Gesinnung, so tritt
der Verdacht der Gewalten gegen einander ein. Dies Verhältnis des
Mißtrauens brachte den ersten Monarchen aufs Schaffot, denn sein sub-
jektiver Wille war das katholisch religiöse Gewissen, der subjektive Wille
seiner Gegner hatte aber die Gewalt für sich, und die Regierung kam an
das Volk. Damit wurde die Gesinnung der Freiheit der Vielen herrschend,
die Gesinnung der Rechtlichkeit in ihrem ganzen Umfange d.h. der Tu-
gend, (man lese Robespierre's Reden). Diese hat aber die Bösen zum Ge-
gensatze, und damit ist | 487 | wieder der Verdacht da, ein unmittelbares
Wissen, das zur Tugend wird. Und so tritt Tugend und Schrecken zusam-
men, und bildet den Terrorismus, die fürchterliche Tyrannei. Sie ging
vorüber, und eine organisirte Regierung trat wieder ein, ein Haupt von
Fünfen, das aber als solches schwach war. Es stellte sich also ein indivi-
dueller Wille an die Spitze, der zu regieren wußte, Napoleon, der bald mit
allem fertig ward; keine größeren Siege sind erfochten, keine genialeren
Feldzüge je gemacht worden. Allein der Sieger selbst ist damit prostituirt
worden, und die Rechtlichkeit der Völker hat diesen Koloss gestürzt. Ei-
ne constitutionelle Regierung wurde eingeführt, aber wieder ohne Rück-
sicht auf Gesinnung. Die religiöse geistliche Partei 14881 oder Gesin-
240 ANHANG 5

nung war entgegen, und wieder entstand ein Bruch, und die Regierung
wurde gestürzt. Aber immer noch ist dieser Bruch vorhanden durch die
katho/isc/;e Population, und noch immer ist das Prinzip vorhanden, daß
der subjektive Wille der Vielen als Prinzip gelte. Nach Prinzipien will die
Regierung herrschen; diese schließen aber den individuellen Willen aus,
und gegen besondere Verfügungen des individuellen Willens erheben sich
sogleich die Prinzipien, die Freiheit. Die Ministerien werden gestürzt, und
die Gegner treten ein, und so geht es fort, weil das abstrakte Prinzip fest-
gehalten wird. Die Regierenden sollen keinen eignen Willen haben, son-
dern gleichsam die Anderen sein, weil nur der Wille aller gelten | 489 |
soll u.s.w. So steht gegen die Nationalgarde das, was sich Volk nennt, ge-
gen die Gemäßigten die Jacobiner pp. So ist keine Regierung möglich,
weil keiner seinen einzelnen Willen aufgeben will, nicht gehorchen will.
Die Geschichte endigt nun nach dieser Seite mit diesem Knoten, mit die-
ser Dissonanz, wie dies aufzulösen sei.
Dem Gehalte nach ist die französische Revolution also allerdings welt-
historisch; die zweite Frage ist, ob sie es auch ihrer Ausbreitung nach
war. Alle moderne Staaten sind von Frankreich erobert worden, und sein
Prinzip eingeführt. Dies ist aber das Prinzip der Atomistik, der Vielen;
und wenn dies Liberalismus heißt, so hat er überall in Europa Banquerott
gemacht, zuerst die [ 490 | große Firma Frankreich, Spanien, Italien, Pie-
mont, und fast überall zweimal, weil die ganze romanische Welt noch in
den Fesseln der religiösen Unfreiheit liegt.
Ostreich ist unberührt geblieben von der modernen Bildung, Leibei-
genschaft ist noch in Ungarn und Böhmen etc. England hat sich seine
Verfassung mit großer Anstrengung erhalten: es ist auf den Handel, d.h.
auf die Civilisation der weniger civilisirten Nationen basirt. Seine Verfas-
sung ist eine Sammlung von Privilegien, einzelnen Rechten, mit der for-
mellen Freiheit des Besprechens über alle Angelegenheiten. Das Parla-
ment ist die Regierung. In Ansehung der wissenschaftlichen Bildung ist
England weit zurück. Die | 491 | Partikularität der Interessen und Rechte
hat sich vollkommen festgesetzt; im Privatrechte, Freiheit des Eigentums
pp sind sie vollkommen zurück. Die Stimmen im Parlamente, die Offi-
zierstellen, werden verkauft, Alles ist bestechlich; daß aber in England ei-
ne Regierung vorhanden ist, wie sie es in Frankreich nicht ist, beruht auf
dieser Parlamentseinrichtung. Gewisse Große pp, die sich von Jugend auf
der Regierung widmen, sind die Mächtigen durch Geld pp, und haben so
eine Majorität, wodurch die Möglichkeit einer Regierung entsteht. -
Deutschland wurde auch durchzogen von den französischen Heeren,
und befreiet durch seine Nationalität. Hier wurden die Gesetze des ver-
nünftigen Rechts eingeführt, allerdings veranlaßt durch die Franzosen,
Leibeigenschaft, 14921 Lehnsverbindlichkeit, Unfreiheit des Eigentums,
wurden aufgehoben, Gewerbefreiheit eingeführt, Städteverwaltung pp ge-
geben. Die Regierungsgewalt hat an der Spitze die persönliche Gewalt,
den subjezfeZ/Ven Willen des Monarchen, der dem Individuum des Staats
ANHANG 5 241

notwendig ist, dem aber wenig überlassen ist in Ansehung des Substan-
tiellen; das Meiste macht sich durch die Organisation des Ganzen, wenig-
stens in großen Staaten. Übrigens ist Bedingung, daß die Wissenden re-
gieren; Kenntnis in Geschäften und moralischer Wille sind zum Amte
notwendig. Hinsichtlich der Gesinnung ist in der protestantischen Kirche
die Versöhnung der Religion mit dem Rechte vorhanden, und damit die
Möglichkeit | 493 | der wahrhaften Gesinnung. —
So weit ist das Bewußtsein des Geistes über seine Freiheit gekommen,
soweit der Begriff der Freiheit (in der Weltgeschichte) entwickelt! —
Namenregister

Abu Bekr 179 Bonifacius 213


Achämenes 103 hrahma 94, 96, 99, 100
Achill 117, 122, 123 Brehmer, K. 24
Ackersdijk 5 , 2 5 , 2 7 , 2 1 3 , 2 2 2 , Buddha 77, 83, 87, 88
Adonis 106
Agamemnon 69, 120, 123 Cadmos 119
Ahrimann 102 Caesar 4 1 , 105, 150, 154-156, 175
Alarich 169 Cato 159
Alboin 177 Champollion, J. F. 107,108
Alexander der Große 88, 90, 105, 117, Cheops 108
120,136, 137, 188, 196 Chephrcn 108
Amasis 109 Childerich 180
Amphiktyon 119 Chlodwig 177, 179
Amulius 143 Christus 111, 161, 166, 168, 171, 189,
z\naxagoras 33, 34, 135 190,196,205,213
Anquietil-Duperron, A. H. 101 Chryses 122
Ansclmus 198 Cicero 145, 150, 151, 154,155
Antigone 46 Cincinnatus 150
Antiochus 140 Colebrooke, H. Th. 90, 91
Anubis 115 Creuzer, F. 123
Anysis 108 Cromwell, O. 222, 234
Apis 112 Csikos, E. 27
Apoll 115, 122, 129 Cybele 122
Appian 151 Cyrus 103-105, 121, 122, 125
Appius Claudius 145
Apries 109 Danaos 119
Aristophanes 130, 136 Daniel 104
Aristoteles 33, 38, 48, 57, 131, 137, Danz, Chr. 24
203 Darius 103, 105
Arkadius 169 David 207
Arminius 174 Dejokes 104
Arnold von Brescia 213, 216 Descartes, R. 225, 236
Äschylus 129, 130, 155 Deukalion 119
Astarte 122 Diana 122
Athene 119, 124,205 Diodor Siculus 107, 108, 110, 113,
Attalus 153 114
Attila 169 Dominicus 198
Augustus 150, 155, 156 Domitian 157
Drako 126
Bentley, J. 91 Dschemschid 103
Bias 104, 126
Bloch, E. 20 Epaminondas 133, 137
Boethius 176 Epikur 33
244 NAMENREGISTER

Eros 123, 124 Hitler, A. 7


Euripides 130 Hoffmeister, J. 23
Homer 52, 57, 76, 104, 117, 120-123,
Faust 207 125, 135, 155
Fenelon, (Salignac de, F.) 53 Honorius 169
Fichte, G. 11, 16, 50 Horaz 156
Firdusi 103 Hotho, H. G. 23, 24, 27
Förster, Y. 27 Hugo Kapet 183, 186
Fohi 77 H u s J . 213,216
Franz von Assisi 198
Friedrich I. 195 Ilting, K.-H. 24
Friedrich der Große 1 3 7 , 2 2 4 , 2 2 5 , Institoris, H. 208
235, 236 Irene 171
Friedrich II. 197 Isis 111, 115
Fries, J. F. 15 Ixion 18
Fulda, H. F. 20
Jaeschke, W. 24
Galilei, G. 219 Jamme, Chr. 1 3
Gans, E. 7 , 9 , 10, 1 3 , 2 3 , 2 4 Johann, König 203
Gayus Gracchus 153 Johannes 168
Genserich 169 Jones, W. 90
Goethe, J . W . 141 Josephus 107
Goldsmiths, (). 18 Jugurthas 153
Gregor VII. 188, 189 Julian 167, 168
Griesheim, K. G. J. von 23, 24, 27 Junius Brutus 150
Grimes, M. 23 Juno 147
Großmann, A. 24 Jupiter 67, 123, 124
Grotius, H. 225 Justinian 170
Gustasp 103
Gustav Adolph 1 3 7 , 2 2 2 , 2 3 4 Kallias 127
Kambyses 109, 112
Hades 113 Kant, I. 42, 226
Hannibal 153 Karakalla 157
Hegel, K. 2 3 , 2 5 , 2 7 , 2 1 6 , 2 1 8 , 2 3 4 Karl der Dicke 183
Hegewisch, D. H. 151 Karl V. 211,222
Heimann 7, 2 4 - 2 7 , 29 Karl der Große 171, 173, 176, 17 >-
Heinrich III. 188 184
Heinrich V. 195 Karl der Kahle 183
Heinrich IV. 188,206 Karl XII. 211
Helios 115 Karl Martell 178, 180
Herkules 123 Kehler, F. C. H. von 23, 24, 27
Herodot 53, 67, 101, 103-105, 1 0 7 - Kekrops 119
109, 111, 113, 114, 119, 123, 125, Kimon 127
128, 152 Kleisthenes 121, 127, 129
Hesiod 123, 135 Kolches 122
Hespe, F. 23, 25 Kolumbus 204
Hesse, H. 19 Konfuzius 80
Hildebrand 188 Konstantin 169
Hipparch 129 Kopernikus 219
Hippias 129 Krösus 104
NAMENREGISTER 245

Ktesias 103 Orest 129


Ormuzd 102
La Perouse, J. F. 59 Ortega y Gasset, J. 1 7 , 2 0
L a o T s e 80 Osiris 111, 112, 115
Lasson, G. 23 Ossian 76
Leibniz G. W. 35, 82
Leo 171 Pallas 48, 115
Leo, H. 11, 12 Pan 122
Livius 139, 144, 151, 152 Patroklos 125
Lucinius Stolo 151 Pausanias (Periegeta) 120
Ludwig der Fromme 183 Pausanias 128
Ludwig XIV. 202,210 Peisistratos 121, 129
Lummo 144 Pelopidas 133
Luther, M. 2 0 5 , 2 0 6 , 2 1 8 , 2 3 6 Pe/ops 119
Lykurg 126, 131 Periander 126
Perikles 127, 129, 130, 132, 133, 136,
Machiavelli, N. 201 138
Manetho 107 Perseus 140
Marius 154 Pfeiffer, B. 27
Marshmann, J. 81 Phidias 67, 130
Menasse, R. 8 Philipp (von Makedonien) 136-138,
Menes 108 153
Menü (Menü) 9 1 - 9 3 , 96, 108 Philipp der Schöne 2 0 2 , 2 1 3 , 2 1 6
Meyer, H . J . 138 Philipp IL 210, 211
Michelangelo 205 Philo 168
Miltiades 127 Phrixius 154
Minerva 112, 123 Pierini, T. 27
Minos 9 1 , 108, 119 Pindar 133, 155
Mithra 102, 103 Pippin 180
Mithndates 154 Plato 34, 38, 48, 127, 130, 131, 135,
Montesquieu, C. 125 136, 154, 167,203,229
Moritz von Sachsen 222, 234 Plutarch 138,139,151
Muhamed 177 Pöggeler, O. 25, 27
Müller, J. 76 Poliorketes 138
Mykerinos 108 Polo, M. 77
Polybios 143
Ninus 103 Pompejus 154, 175
Necho 109 Popper, K. 15
Napoleon 137, 141, 142, 155, 18 , 2 3 0 Porsenna 149
Nazareth, T. 27 Poseidon 119
Neith 115 Prometheus 119
Nero 147, 156 Psammetich 109
Nestor 122 Psammis 109
Niebuhr, B. G. 1 4 2 , 1 4 4 , 1 4 5 , 1 5 Ptolomäus 107
Nikolaus der Zweite 188 Pythagoras 114
Numa 148, 149
Numitor 143 Ranke, L. 11, 12
Rathmann.J. 27
Odysseus 120 Ravaillac 206
Omar 178 KfW/« 145
*•* ' «' 4
246 NAMENREGISTER

Remusat, A. 79, 87 Tantalus 18, 119


Reuchlin.J. 203 Tarquinius Priscus 144, 150
Richelieu (du Plessis, A. J.) 221, 227, Tarquinius Superbus 149, 150
234 Tassila 181
Ritter, C. 108 Telemach 120
Robespierre, M. 179, 208, 230 Thaldorf, M. 27
Romulus 142, 143, 145, 148, 149 Themistokles 127
Rosen, F. R. 91 Theoderich 169, 176
Rosenberg, A. 7 Theodosius 169
Rosenkranz, K. 7 Theseus 128
Rousseau.J.J. 5 1 , 1 7 4 , 2 2 6 , 2 3 7 Thetis 122
Roxane 138 Thomasius, Ch. 208
Thukydides 118-121,127,130,132
Saladin 197 133
Sanherib 108 Tiberius 156
Saturn 147 Tiberius Graccus 153
Schedius, L. 24 Timur 90
Schelling F. W . J . 7, 11 Titus 156
Schi-Hoangti (Tschingsi) 78, 86 Tornau, Chr. 27
Schiwa 94 Totila 176
Schlegel, A. W. 91 Trajan 156
Schlegel, F. 11,208 Triptolemos 119
Schmitt, C. 7
Schneider, H. 27, 79 Valens 169
Schuler, M. 27 Valenthinian 169
Schulze, J. 23 Varnhagen von Ense 7, 11
Scott, W. 10 Vergil 203
Seelmann, N. N. 24 Vesta 147
Seidensticker, T. 27 Vieweg, K. 1 3 , 2 4 , 2 8
Seneca 18 Visconti, E. Q. 201
Sertorius 154
Servius Tullius 149 Weber, ML 17
Setho 108, 109 Wenzel, G. 24
Sforza, F. 201 Wiclif.j. 213,216
Sisyphus 12, 18 Wilford, F. 90
Sokrates 33, 34, 123, 130, 135 Wilhelm von der Normandie 203
Solon 126, 127, 129 Winckelmann, J. J. 115
Sophokles 46, 130, 155 Wischnu 94
Spartacus 154 Wolff, Ch. 50
Spee von Langenfeld, F. 208
Xenophon 101, 130, 133
Spengler, J. 208
Xerxes 104, 105
Stilicho 169
Strabo 108 Young, T. 107
Sulla 154
Zalemus 126
Tacitus 156, 174, 175 Zoroaster 101, 103

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