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Auf den Wegen und Spuren des Kaplans Joseph Ratzinger

„War ich ein guter


Seelsorger ?“
Ein knappes Jahr hat Joseph Ratzinger als Kaplan in einer Münchner Gemeinde verbracht.
Es war seine einzige Stelle als Seelsorger. Nach siebzig Jahren hat sich der ehemalige Papst
in einem schriftlichen Gespräch noch einmal auf die Reise nach München-Bogenhausen
begeben. VON BENEDIKT XVI. UND TOBIAS WINSTEL

E
r ist gerade einmal 24 Jahre alt und emeritierten Papst Benedikt XVI. für zugehörte, doch sehr ähnlich der Le-
hat erst vor wenigen Wochen sein ein Gespräch im Vatikan zu besuchen. benswelt in Bogenhausen. Vor allen
Studium der katholischen Theolo- Aber er hat sich darauf eingelassen, noch Dingen aber ist man ja auch selbst als
gie vollendet. Gemeinsam mit seinem einmal die Wege innerlich abzugehen, Glaubender ein Fragender, der immer
älteren Bruder Georg hat er in Mün- die der junge Joseph Ratzinger von Sep- neu die Wirklichkeit dieses Glaubens
chen die Priesterweihe empfangen. Aus tember 1951 bis Frühsommer 1952 be- hinter und gegen die ihn bedrängenden
einfachen Verhältnissen kommend gilt schritten hat. Dafür hat er auf schriftliche Wirklichkeiten des Alltags finden muss.
er als außergewöhnlich klug und gebil- Fragen schriftlich geantwortet. So ist eine Insofern erscheint mir der Gedanke ei-
det, gleichzeitig wirkt er unsicher und besondere Art von Gespräch entstanden, ner ‚Flucht in die reine Lehre‘ als voll-
scheu auf seine Mitmenschen. Es ist das zeigt, wie sehr er in der Schriftform kommen unrealistisch. Eine Lehre, die
Spätsommer 1951 und es gilt, die Stelle ganz bei sich ist, beinahe authentischer wie ein Naturschutzpark abgetrennt
als Kaplan anzutreten, und zwar in der wirkt als in der freien Rede. Er bleibt der von der täglichen Welt des Glaubens
Gemeinde Heilig Blut in Bogenhausen, Mann der Feder, nicht der großen Geste und seiner Nöte bestehen würde, wäre
einem gutbürgerlichen Stadtteil im Os- und des spontanen Wortes. zugleich ein Verzicht auf den Glauben
ten Münchens. Der innerliche Spaziergang beginnt mit selbst. Die Lehre muss sich in und aus
der Frage, wie der Kaplan Ratzinger den dem Glauben entwickeln, nicht neben
„Selbst als Glaubender ein Schritt von der reinen Lehre hinein in die ihm stehen“, schreibt Benedikt XVI. im
Fragender“ Wirklichkeit des täglichen Glaubens oder Frühsommer 2021 in unserem schrift-
auch Unglaubens erlebt hat. Wie war es lichen Gespräch.
Warum will Joseph Ratzinger überhaupt für den jungen Geistlichen, mit den Glau-
Pfarrer werden? Worauf hofft er, was benszweifeln der Menschen konfrontiert Übrigens hatte Ratzinger eigentlich die
fürchtet er? Er kann zu diesem Zeit- zu sein? Stieß er in Bogenhausen auf eine formalen Erfordernisse gar nicht erfüllt.
punkt noch nicht wissen, dass er eines andere Religiosität, eine andere Art von Wie Peter Seewalds umfangreicher Bio-
Tages zum Papst gewählt wird. Dass er Frömmigkeit und Gottesfurcht als das, graphie „Benedikt XVI. Ein Leben“ zu
noch zu Lebzeiten in die Geschichte was er in seiner Kindheit in Aschau am entnehmen ist, hatte er den sogenannten
eingehen wird – als einer der bedeu- Inn erlebt hatte? Pfarrkonkurs nicht durchlaufen, der eine
tendsten und zugleich umstrittensten Voraussetzung für die Pfarrstelle und so
Köpfe seiner Zeit, als zweiter Papst, der „Natürlich war ich mit Glaubenszwei- etwas wie die Bewerbung um eine Ge-
freiwillig von seinem Amt zurücktritt. In feln der Menschen konfrontiert, und meinde war. War dies ein Zeichen dafür,
diesem Sommer vor siebzig Jahren steht natürlich war die Art von Frömmigkeit, dass er eigentlich gar nicht in eine Ge-
ihm der Weg eines Priesters vor Augen, die ich in der Pfarrei Heilig Blut erlebte, meinde wollte?
der erst einmal lernen muss, wie man anders als die in der dörflichen Gemein- „Man konnte sich nicht einfach heraus-
als Geistlicher mit seiner Gemeinde in schaft von Aschau. Dagegen war die suchen, ob und wann man den Pfarr-
Kontakt tritt. Glaubenssituation in der Gemeinschaft konkurs macht. Es war vielmehr so, dass
Heute, in Zeiten der Corona-Pandemie, der Gymnasiasten, der ich in Traunstein in den drei Jahren nach der Priesterwei-
ist es nicht möglich, den hochbetagten und hernach bei der Flak in München he in jedem Spätsommer Exerzitien für

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den ganzen Weihekurs angesetzt waren, die ich lebend, gehemmt, fast menschenscheu. Der da-
auch selbstverständlich alle mitgemacht habe. malige Pfarrer der Gemeinde Heilig Blut hieß
Erst im Jahr danach konnte man den Pfarrkon- Max Blumschein. Er erkannte in seinem neuen
kurs machen. Da war ich aber nun schon auf der Kaplan offenbar sofort den brillanten Theologen,
Seite der Dozenten, und es schien nicht sinnvoll, bemerkte aber auch dessen Schüchternheit. Reifte
Prüfer und Geprüfter zugleich zu sein.“ vielleicht schon in diesen ersten Tagen des pasto-
Benedikt XVI. / ralen Dienstes der Entschluss, den weiteren Weg
Joseph Ratzinger Heute heißt es nicht mehr Pfarrkonkurs. Die Prü- außerhalb der Gemeindearbeit zu beschreiten?
wurde 1927 geboren fungsordnung in der Erzdiözese München und „An eine Laufbahn als Theologe hatte ich schon
und 1951 zum Priester Freising nennt als Voraussetzung für einen pasto- vor langem gedacht. Ich hatte schließlich die Preis-
geweiht. 1958 wurde ralen Beruf die „Zweite Dienstprüfung“ und be- arbeit über Augustinus verfasst, die von der Theo-
er Professor für inhaltet unter anderem eine schriftliche Reflexion logischen Fakultät für das Studienjahr 1950/51
Dogmatik, zunächst in über eine praktisch-theologische Fragestellung. ausgeschrieben worden war, und hatte den Preis
Freising, dann in Bonn, Welches Thema hätte Joseph Ratzinger gewählt, dafür erlangt mit einer als Summa cum laude be-
Münster, Tübingen und wenn die Prüfungsordnung diese Arbeit damals werteten Arbeit, so dass zum Doktorat nur noch
ab 1969 in Regensburg. verlangt hätte? die Rigorosa fehlten, die ich allerdings neben der
1977 ernannte Papst „Ich hätte eines der praktischen Themen gewählt, Tätigkeit als Kaplan nicht vorzubereiten mir zu-
Paul VI. Ratzinger zum Beispiel Erstkommunionvorbereitung. Was traute.“
zum Erzbischof von die Exerzitien angeht, die in Fürstenried statt-
München und Freising fanden, wo ich zwei Jahre meines Theologiestu- Dienst im Beichtstuhl
und nahm ihn in das diums verbracht hatte, so denke ich sehr gern an War Bogenhausen besonders religiös und fromm,
Kardinalskollegium auf. sie zurück. Im ersten Jahr war es ein Wiener Or- besonders städtisch, besonders katholisch?
1981 holte ihn Papst denspriester, der uns diese Exerzitien auf hohem „Von der Kleinstadt Traunstein kommend habe
Johannes Paul II. als geistlichem und menschlichem Niveau hielt. Im ich München nicht als besonders katholisch er-
Präfekt der Glaubens- zweiten Jahr war es Pater Hugo Rahner, der Bru- fahren. Es war für mich sehr erstaunlich, durch
kongregation nach der von Karl Rahner. Auch seine Exerzitien hat- meinen Dienst als Priester die religiöse Innenseite
Rom. 2005 wählten ten hohes Niveau, aber sie hatten irgendwie etwas der Stadt kennenzulernen, während ich bisher, in
ihn die Kardinäle zum Bedrückendes an sich – vielleicht war es schon meiner Studentenzeit, vor allem das akademische
Papst. 2013 trat er von die beginnende Parkinson-Erkrankung, die sein Profil von München wahrgenommen hatte. Nun
seinem Amt zurück. Temperament etwas verdüsterte. Im dritten Jahr wurde mir zu meinem Erstaunen sichtbar, wie viel
Foto: Romano Siciliani, KNA hielt ein Jesuit von Sankt Michael in München die Glaube sich in der Stadt verbirgt und eine Kraft ist,
Exerzitien, die weniger anspruchsvoll, aber fröh- die die Menschen zusammenhält.“
lich und ermutigend waren. Er hat uns viele kleine
lustige Geschichten erzählt, darunter die, dass er, Welche Rückzugsorte gab es, vielleicht auch Orte
wie ihm bei der Predigtvorbereitung nichts gelin- außerhalb der Kirchengebäude?
gen wollte, den Hut von Pater Mayer aufsetzte und „Einen meiner ‚Rückzugsorte‘ habe ich nicht au-
sofort die gewünschte Inspiration empfing.“ ßerhalb des Kirchengebäudes gefunden, sondern
gerade in seinem Innersten, nämlich im Beicht-
Tobias Winstel, gebo- Bevor Joseph Ratzinger als Kaplan in Bogenhau- stuhl. Pfarrer Blumschein war der Meinung, man
ren 1972, ist seit 2019 sen anfing, wurde er für ein paar Wochen an die müsse so viel Beichtgelegenheit wie nur möglich
Geschäftsleiter Medien Pfarrei in Moosach im Norden von München anbieten und lieber eine Stunde ohne Beichte dort
bei Weltbild. Zuvor war „ausgeliehen“ und musste dort alles übernehmen. zubringen, als von der Beichte jemanden abzu-
er Leiter des Kösel- Das bedeutete eine sehr große Beanspruchung für bringen durch den leeren Beichtstuhl. So musste
Verlags in der Verlags- den frisch Geweihten, und man würde es heute ich jeden Morgen um 6 Uhr im Beichtstuhl sein
gruppe Random House wohl als Überforderung für einen jungen Kaplan bis zur 7-Uhr-Messe, die ich zu zelebrieren hat-
und von 2013 bis 2016 ansehen. War ihm das nicht, etwas volkstümlich te. Fast immer ist diese Stunde frei geblieben, so
Verlagsleiter für den gesagt, zu viel Arbeit? wie auch am Samstagnachmittag die Beichtgele-
Publikumsmarkt beim „Zu viel Arbeit war es mir nicht. Allerdings hät- genheit von 4 bis 8 Uhr abends dauerte und die
Verlag Herder. Er te ich in vielem der Führung bedurft, aber der Beichtwilligen erst spät erschienen. Vor allem die
studierte Geschichte Pfarrer war wegen Herzinfarkt in Urlaub, der Stunde am Morgen war mir wertvoll, um mich
und Germanistik in Kaplan ebenfalls, weil er Kaplan war. Auch die langsam auf den Tag einzustellen und Teile des
München sowie Paris Pfarrschwester war abwesend, so dass niemand damals noch sehr langen Breviergebets in Ruhe
und promovierte mir in schwierigen Fragen eine Weisung geben zu verrichten.“
über die sogenannte konnte. Die Arbeit an sich war auch in Moosach Der spätere Dogmatikprofessor sitzt im Beicht-
Wiedergutmachung schön, aber ohne Führung problematisch.“ stuhl und vergibt Sündern. In seiner ersten Kar-
nach dem Zweiten Der junge Kaplan wird von Menschen, die ihn woche als Kaplan dürften 30 bis 40 Stunden im
Weltkrieg. damals erlebt haben, zumeist als zurückhaltend Beichtstuhl zusammengekommen sein. In seiner
beschrieben. Eher nach innen als nach außen Autobiographie „Aus meinem Leben“ (München

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2015) schreibt er: „So habe ich ganz un- tentats vom 20. Juli als Mitwisser des aussuchen konnte, die mir besonders ge-
mittelbar erfahren, wie sehr Menschen Widerstandskreises verhaftet, zum Tod fielen. Übrigens findet sich dort auch das
auf den Priester warten, wie sehr sie auf verurteilt und erhängt. Ebenso hatte Grab der Schauspielerin Liesl Karlstadt,
den Segen warten, der aus der Kraft des der Jesuitenpater Alfred Delp in der Ge- die ich wiederholt im Theater erlebt und
Sakraments kommt. (…) Sie sahen in uns meinde als Seelsorger gewirkt. Er war menschlich besonders geschätzt habe.
Menschen, die vom Auftrag Christi be- als Mitglied des Kreisauer Kreises kurz Auch Hans-Jochen Vogel, der erst letztes
rührt waren und seine Nähe zu den Men- vor Kriegsende von den Nazis ermordet Jahr verstorben und dort beerdigt worden
schen tragen durften“. Das klingt eher worden. Wie haben diese beiden starken ist, würde ich nennen. Ihn habe ich als
metaphysisch, aber wäre er selbst ganz Zeugen des Glaubens und der Mensch- einen Politiker erfahren, der den christ-
praktisch zum Kaplan Ratzinger in den lichkeit auf ihn gewirkt, wie haben sie in lichen Glauben als Maßstab ernst genom-
Gottesdienst und zur Beichte gegangen? der Gemeinde nachgewirkt? men hat, auch wenn er in der Abtrei-
„Gottesdienste habe ich immer gern ge- „Delp und Dr. Wehrle wurden im Pfarr- bungsgesetzgebung eine weitergehende
halten, der Dienst im Beichtstuhl fiel mir hof in Ehren gehalten. Es gab ja schon die Auslegung glaubte vertreten zu können.
schon schwer. Auch wenn viele Beichten Tafel mit vier Namen von Menschen, die Außerdem möchte ich den Schauspieler
eher schematisch blieben, so waren doch im Zusammenhang mit dem Attentat von Gustl Waldau nennen, den ich persönlich
immer auch wirkliche Ereignisse des 1944 ermordet worden waren. Eine Dis- nicht kennengelernt habe. Aber eine ihm
Glaubens dabei, die mich die Notwen- kussion war entstanden, weil eine der vier nahestehende Frau hat versucht, ihn zur
digkeit und das Schöne dieses Dienstes umgebrachten Personen wohl verant- Beichte bei mir zu veranlassen. Sie war
fühlen ließen. Ich konnte erleben, wie wortlich war für die Verhaftung von Dr. offensichtlich überzeugt, dass er inwen-
manche Menschen durch die Begegnung Wehrle. Die Sache war sehr verwickelt, dig die Versöhnung mit der Kirche wollte
mit Gott auch selbst neu aufgebrochen und man sollte mit Schuldzuweisungen und immer konkret vor der Beichte als
worden sind und ihr Leben vom Herrn vorsichtig sein. Da Dr. Wehrle als Kap- Weg zur Versöhnung zurückschreck-
her sich neu schenken ließen“, schreibt lan im Pfarrhof gewohnt hatte, war na- te. Die Frau war offenbar der Meinung,
Benedikt XVI. heute. türlich die Erinnerung an ihn besonders dass eine Beichte bei mir ihm die Tür zur
konkret. Andererseits konnte man schon Versöhnung öffnen könnte, und hat mich
Von Widerstandskämpfern die schönsten Texte von Pater Delp lesen, auf die Begegnung mit Gustl Waldau in
Neben den Beichtstunden fuhr er mehr- der im Übrigen kurz vor seinem Tod das diesem Sinn vorbereitet. Es ist aber leider
mals in der Woche zu Beerdigungen mit vierte Gelübde der Jesuiten in die Hände nicht dazu gekommen. Und schließlich
dem Rad quer durch München, zeleb- von Pater Franz von Tattenbach ablegte, würde ich das Grab des Bildhauers Hans
rierte Taufen und Hochzeiten. An der der unser Spiritual in Freising gewesen Wimmer besuchen. Er ist für mich einer
Grundschule, die noch heute innerhalb war und dessen Angehörige in der Pfarrei der bedeutendsten Künstler des 20. Jahr-
der Pfarrgemeinde liegt, hatte er zu unter- Heilig Blut wohnten. Für Pater Delp sind hunderts überhaupt, der eine viel grö-
richten. Außerdem war er für die Jugend- wohl Vorbereitungen zur Seligsprechung ßere Wertschätzung auch im Ausland
arbeit in der Gemeinde zuständig. Eine im Gang – so viel ich weiß. Warum für verdienen würde. Ich habe ihn als einen
große Herausforderung für jemanden, Dr. Wehrle nichts Entsprechendes zu ge- demütigen Menschen kennengelernt, der
der selbst gerade erst aus dem Studium schehen scheint, weiß ich nicht. Ein hei- freilich auch um die Größe seiner Sen-
kam und keinerlei praktische Erfahrun- liger Kaplan wäre doch eine schöne und dung wusste.“
gen hatte. Fühlte er sich gebraucht, von herausfordernde Sache.“
höherer Stelle eingesetzt oder ausgenutzt? Wenn er in Sankt Georg ein Messe zu
Welche der übertragenen Aufgaben war Zur Gemeinde von Heilig Blut gehört zelebrieren hatte, kam Joseph Ratzinger
ihm am wichtigsten? Für was hat im auch Sankt Georg, ursprünglich die erste auch an der Grabstelle von Johann von
Rückblick der Raum gefehlt? Kirche Bogenhausens. Anfang der Fünf- Lamont vorbei. Er war Astronom und
„Der Gedanke, ausgesetzt oder ausge- zigerjahre war sie noch eine Dorfkirche bis zu seinem Lebensende auch Direktor
nutzt zu sein, ist mir nie gekommen, mit einem Kirchfriedhof nach alter Art. der Königlichen Sternwarte, die bis heute
wohl aber das Bewusstsein, gebraucht Ein barockes Schmuckkästchen, das in Blickweite des Kirchturms steht. Re-
zu werden. Am wichtigsten war einfach gerne für besondere Feierlichkeiten und gelmäßig schauen Kinder und Bedürftige
von der Zeiterstreckung her die Arbeit Andachten genutzt wurde – und heute in die Hand der Halbplastik von Johann
in der Schule. Ich hatte etwa zehn Wo- noch wird. Betreten wir gemeinsam von Lamont, denn darin liegen meistens
chenstunden in vier Klassen mit ver- mit Joseph Ratzinger den Friedhof des auf wundersame Weise ein paar Mün-
schiedenen Stoffen zu halten, und das „Georgskircherls“, auf dem bedeuten- zen. Ein Rest von Volksfrömmigkeit und
brauchte Vorbereitung. Auch der Pre- de Persönlichkeiten wie Erich Kästner, Aberglaube, der dem rational gläubigen
digtdienst erforderte innere und äußere Liesl Karlstadt oder Helmut Dietl begra- Ratzinger womöglich eher fremd war.
Zeit. Für die Jugendarbeit habe ich mir ben sind. Welches Grab würde Benedikt War das nicht ein besonders guter Ort,
zu wenig Zeit genommen, obwohl sie XVI. heute besuchen? um sich beim Ringen um die Frage nach
schön gewesen wäre.“ „Dort liegt der Publizist und Diplomat Gott und die Suche nach Gottesbeweisen
Knapp zehn Jahre vor Ratzinger war Wilhelm Hausenstein begraben. Er hat aufzuhalten?
Hermann Josef Wehrle Kaplan in Heilig verfügt, dass ich nach seinem Tod aus „Johann von Lamont war mir, offen
Blut. Er wurde im Nachgang des At- seiner Bibliothek mir selbst die Bücher gestanden, in meiner Kaplanszeit noch

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kein Begriff. So hat mich das Vorbeige- der dem Kaplan zustand. Um 11.30 Uhr hängt am Ende übrigens gar nicht von
hen an seinem Grab nicht berührt. Ich war dann eine Messe für überwiegend in- dem ab, was ein Mensch sagt, sondern
habe mich vielmehr für Persönlichkeiten tellektuelle Christen. Um 7.30 Uhr pre- von dem, was er ist.“ Weiter heißt es,
interessiert, die meinem eigenen Leben digten für gewöhnlich die Jesuiten aus „dass es schon gut ist, dass Euer Kaplan
oder dem von lebendigen Menschen dem Kreis der Verfasser der ‚Stimmen streng ist, denn es gilt schon wirklich das
aus Bogenhausen nahestanden. Und ich der Zeit‘. Um 11.30 Uhr predigten über- Wort der alten Griechen, das ich Euch
habe es ein wenig traurig gefunden, dass wiegend Oratorianer, besonders Philipp in der Predigt am Schulanfang gesagt
das Zusammensein von Lebenden und Dessauer. Die Kinderpredigt, die ich zu habe: Vor die Tüchtigkeit hat Gott den
Toten, der Friedhof rund um die Kirche halten hatte, hat mir viel Freude gemacht Schweiß und die Mühsal hingestellt.“
eingeschlossen, heute nicht mehr beste- und wurde auch zusehends gut aufge-
hen kann. Vor allen Dingen aber fand nommen. Es zeigte sich, dass im Glauben Zu wem war er letztlich strenger – zu
ich es lustig, dass die katholische Jugend eigentlich auch die Erwachsenen Kinder sich oder zu den Schülern? War es rück-
das kleine alte Leichenhaus in Beschlag sind und so am ehesten zum Erwachsen- blickend betrachtet das anstrengendste
genommen und für sich als Jugendheim sein im Glauben geführt werden können. Jahr seines Wirkens?
umgebaut hatte. So habe ich die Abende Jedenfalls war der Besuch der 10.30-Uhr- „Um in der Schule wirklich streng zu
mit der katholischen Jugend an diesem Messe steigend: Es war schließlich der sein, hat mir die Kraft gefehlt. Ich nüt-
Ort verbracht, der aus einem Ort des weitaus am besten besuchte Gottesdienst, ze die Gelegenheit, um verspätet noch
Todes zum höchst lebendigen Ort ge- an dem die Menschen auch mit Stehplät- einmal den Lehrkräften Dank zu sagen,
worden war.“ zen sich begnügten und die Kirche bis an die mir ermöglicht haben, den Religi-
den Rand gefüllt war. So hat der Geistli- onsunterricht ohne disziplinäre Strenge
Predigen im Kindergottesdienst che Rat Blumschein mich dann auch als zu erteilen, weil ihre Anwesenheit die
Einer der damals Jugendlichen berichtet Prediger der 7.30-Uhr-Messe eingesetzt, Disziplin der Schüler garantierte. Auch
rückblickend, dass vor allem die Jugend was zur Folge hatte, dass ich an vielen der Geistliche Rat Blumschein war von
durch die Bibel- und Gruppenabende, Sonntagen zwei verschiedene Predigten innen her zu gutmütig, um streng sein
den Singkreis und die Jugendmesse früh vorbereiten musste.“ zu können. Die familiäre Atmosphäre in
morgens um kurz nach 6 Uhr jeden Bogenhausen hat uns alle zugleich zur
Donnerstag vom jungen Kaplan in sei- Spricht man heute mit Gemeindemit- Arbeit angespornt und uns geholfen, uns
nen Bann geschlagen war. War es nicht gliedern aus Heilig Blut, die den Kaplan nicht von ihr erdrücken zu lassen.“
besonders schwer, die christliche Lehre Ratzinger erlebt haben, merkt man, dass Der Stadtpfarrer Blumschein scheint eine
auf das Niveau von Bibelabenden und er tiefe Spuren hinterlassen hat, obgleich beeindruckende Persönlichkeit gewesen
Jugendmessen herunterzubrechen? Was er nur ein knappes Jahr dort war. So be- zu sein. In seinen Erinnerungen „Aus
konnte der nur um wenige Jahre Ältere eindruckte der junge Pfarrer zum Beispiel meinem Leben“ bezeichnete Joseph Rat-
von den Jugendlichen lernen? ein Mädchen im Religionsunterricht der zinger den Mentor als „Vorbild“, als „ei-
„Was ich von den Jugendlichen gelernt Grundschule so sehr, dass sie ihm nach nen innerlich glühenden Menschen“, der
habe, kann man nicht in der Form von seinem Weggang einen Brief schrieb. Sie sagte, „ein Priester müsse ‚glühen‘“. War
Sätzen oder Inhalten ausdrücken. Es war war 1951/52 mit ihrer Schwester seine Max Blumschein denn ein guter Pfarrer?
vielmehr die Weise, den ererbten Glau- Schülerin in der Grund- Überhaupt, was macht ei-
ben gegenwärtig zu verstehen und ihn schule. Und der junge, nen guten Pfarrer aus? War
zu leben, gerade auch im Austausch mit schwarz gekleidete Kaplan „Zur Kirche gehö- der Kaplan Ratzinger nach
Menschen, die ihn suchen, aber nicht hat großen Eindruck auf diesen Maßstäben selbst ein
finden können. Die fünf Gottesdienste, die Kinder gemacht, erzählt
ren nun einmal guter Priester und Seelsor-
die in Bogenhausen am Sonntag gehalten sie: „An seinen Unterricht Weizen und Spreu, ger?
wurden, hatten je ihr eigenes Publikum. kann ich mich nicht mehr gute und schlech- „Pfarrer Blumschein war
Die Frühmesse um 6.30 Uhr wurde von genau erinnern. Die Pre- zweifellos ein guter Pfarrer.
einem schlesischen Priester gehalten, der digten waren auf jeden Fall
te Fische.“ Ob ich ein guter Priester
das Evangelium in der traditionellen Wei- sehr gefragt. Er war auch und Seelsorger gewesen bin,
se auslegte. Um 7.30 Uhr kamen geistig bei meiner Erstkommunion dabei, ne- wage ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls
anspruchsvolle, aber fest in der Kirche ben dem Pfarrer Blumschein. Ich weiß habe ich mich auf meine Weise gemüht,
verankerte Menschen. Um 9 Uhr war noch, dass mein Vater gesagt hat: ‚Des is dem Anspruch meines Amtes und der
der eigentliche Pfarrgottesdienst mit Or- a guader Pfarrer-Lehrbua. Pass auf, der Weihe zu entsprechen.“
gel, Chor und an Festtagen mit Orchester. wird noch was.‘ Als Joseph Ratzinger
Die Predigt wurde vom Stadtpfarrer ge- dann nach einem Jahr in Bogenhausen Blumschein ließ den jungen Kaplan Rat-
halten, der allerdings nicht den Ambo da- schon nach Freising gegangen ist, haben zinger also zuerst nur in der Kindermesse
für benutzte, sondern in der ersten Bank meine Schwester und ich ihm einen Brief predigen – doch bald merkte er, dass er
stand wegen seiner schwachen Stimme. geschrieben. Darauf hat er geantwortet.“ ihn auch in den anderen Gottesdiensten
Er gab auch mehr Stichworte von sich, so In diesem Antwortbrief an die Schüle- einsetzen konnte. So konnte man den
dass die Zuhörerschaft sehr schmal war. rin schreibt Ratzinger: „Ob man auf der Stadtpfarrer in manchem Gottesdienst
Um 10.30 Uhr war Kindergottesdienst, Licht- oder auf der Schattenseite steht, während der Predigt des Kaplans in der

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Kirche auf- und abgehen sehen – und er jahres immer deutlicher geworden, und Zum Bischofsamt sollten nur Leute zu-
sprach die Gemeindemitglieder während ich habe ihn zum Ende meiner Freisinger gelassen werden, die ohne Flecken aus
der Messe an: „Spricht der nicht toll?! Ist Jahre in den Beitrag ‚Die neuen Heiden der Verfolgungszeit sich den Gläubigen
etwas ganz Besonderes, seine Predigt!“ und die Kirche‘ in der katholischen Kul- als Glaubende darstellten. Diese Anfangs-
turzeitschrift Hochland, die im Kösel- idee hat aber dann die Gruppe immer
Entweltlichung Verlag erschien, dargestellt und ein un- mehr ins Sektiererische abgetrieben und
Gibt es eine Predigt aus dieser Zeit, die erwartetes Echo gefunden. faktisch für immer bewiesen, dass zur
sich später wiederholt hat, die er wieder Meine Erfahrung in dem Bogenhausener Kirche nun einmal Weizen und Spreu,
aufgegriffen oder weiterentwickelt hat? Jahr hatte mir gezeigt, dass viele der die gute und schlechte Fische gehören. Es
„Ich kann mich eigentlich nur an eine Struktur und das Leben in der Kirche konnte also nicht darum gehen, Gutes
Predigt deutlich erinnern, die ich bei der betreffenden Funktionen von Menschen und Schlechtes voneinander zu trennen,
Erstkommunion 1952, eher schon am wahrgenommen wurden, die den Glau- wohl aber darum, Gläubige und Ungläu-
Ende meines Jahres in der Gemeinde, ben der Kirche keineswegs teilten. So bige voneinander zu scheiden.
gehalten habe. Damals habe ich gesagt, musste ihr Zeugnis auch in vielem als Dieses Problem stellt sich seither immer
dass die Menschen immer schon und mit fragwürdig erscheinen. Glaube und Un- noch deutlicher. In den kirchlichen Ein-
ihren Fortschritten in verstärktem Maß glaube waren auf eine merkwürdige Wei- richtungen – Krankenhäusern, Schulen,
das Kraut (oder Kräutlein) gegen den se miteinander vermischt, und dies muss- Caritas – wirken viele Personen an ent-
Tod zu finden versuchten. Aber es ge- te irgendwann zum Vorschein kommen scheidenden Stellen mit, die den inneren
lang ihnen nicht. Eines Tages wurde der und einen Zusammenbruch hervorrufen, Auftrag der Kirche nicht mittragen und
Ruf laut: Es ist gefunden. Es gibt den, der der den Glauben schließlich begraben damit das Zeugnis dieser Einrichtung
es gefunden hat. Und natürlich eilten die würde. Eine Scheidung war notwendig, vielfach verdunkeln. Dies wirkt sich vor
Menschen, um von ihm die Medizin zu so kam es mir vor. Allerdings konnte allen Dingen auch in Verlautbarungen
erhalten und damit den Tod endgültig zu und durfte man nicht an eine Kirche der und öffentlichen Stellungnahmen aus.
verscheuchen. Ich habe dann nach einer Heiligen denken: Dass dieser in der Ge- Man hat das Wort von der Amtskirche
dramatischen Darstellung dieser Situati- schichte immer wiederkehrende Gedan- gebildet, um den Gegensatz zwischen
on gesagt: Ja, es gibt wirklich denjenigen, ke ein falscher Traum ist, den die Wirk- dem amtlich Geforderten und dem per-
der das Kraut gegen den Tod hat, ja, er lichkeit immer sofort widerlegt, war mir sönlich Geglaubten auszudrücken. Das
ist es – Jesus Christus. Von da aus habe besonders in meinen Augustinus-Studien Wort Amtskirche insinuiert einen inne-
ich dann gemäß Johannes, Kapitel 6 die über den Donatismus deutlich geworden. ren Widerspruch zwischen dem, was der
Kommunion zu erklären versucht.“ Der Donatismus war am Ende der Verfol- Glaube eigentlich will und bedeutet, und
gungszeit in Nordafrika entstanden, als seiner Entpersönlichung.
Die erste pastorale Erfahrung ist wohl für Bischöfe, die sich mit dem heidnischen Nun, inzwischen ist es leider weitgehend
die meisten Geistlichen ein wesentlicher Staat kompromittiert hatten, nun weiter- so, dass die amtlichen Texte der Kirche
Schritt auf ihrem Weg. In dieser Zeit und machten, als ob sie immer treue Hirten in Deutschland weitgehend von Leuten
aus diesen Erfahrungen entstand bei Rat- gewesen wären. Nicht wenige Gläubige geformt werden, für die der Glaube nur
zinger offenbar die Erkenntnis der „Ent- wollten aber solche Hirten nicht aner- amtlich ist. In diesem Sinn muss ich zu-
weltlichung“. Sechs Jahrzehnte später hat kennen. geben, dass für einen Großteil kirchen-
er während seiner Reise als Papst nach
Deutschland die „zunehmende Distan-
zierung beträchtlicher Teile der Getauf-
ten vom kirchlichen Leben“ festgestellt.
„Um ihre Sendung zu verwirklichen“, so
sprach er in der berühmt gewordenen
Freiburger Rede, „wird sie immer wieder
auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen,
sie hat sich gewissermaßen zu ‚ent-welt-
lichen‘“. War das womöglich der zentrale
Gedanke, den er aus der Bogenhauser
Zeit mitgenommen und immer weiter
ausbuchstabiert hat? Konnte er damals
bereits spüren, dass er einem folgenrei-
chem Gedanken auf der Spur war?
„Ob das Wort ,Entweltlichung‘, das aus
dem von Heidegger gebildeten Wort-
schatz stammt, in Freiburg als abschlie-
ßendes Stichwort von mir klug gewählt
war, weiß ich nicht. Der Gedanke als
solcher ist mir im Lauf meines Kaplans- Kaplan Joseph Ratzinger und Stadtpfarrer Max Blumschein, 1954 Foto: Gemeinde Hl. Blut

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amtlicher Texte in Deutschland in der den und mit ihren Fragen und Aufgaben tet, so zum Beispiel Essen, das in der Blü-
Tat das Wort Amtskirche zutrifft. Ich ringenden Menschen braucht – die Ar- tezeit des Ruhrgebietes von Bischof Franz
erinnere mich an einen lang zurücklie- beit derjenigen, die sich den Fragen un- Hengsbach eine Pfarreienstruktur bekam,
genden Fall, in dem wir für die interna- serer Zeit voll aussetzen und Antworten die heute schon wieder völlig überholt ist.
tionale katholische Zeitschrift ,Commu- finden, die tatsächlich zum Leben in und In diesem Sinn ist auf jeden Fall Flexibi-
nio‘ bei einem mir befreundeten jungen aus dem Glauben helfen.“ lität angezeigt.
Bischof (ich selbst war noch Professor) Im Übrigen würde ich einem jungen
einen Text erbaten, in dem er die In- Kostbares Stück des Lebens Menschen, der sich auf das Priestertum
tention und die Arbeit seiner Sektion In welche Zukunft blickt ein Pfarrer heu- vorbereitet, nicht zumuten, sich selbst
der Bischofskonferenz darstellen sollte. te, wenn er für mehre Gemeinden da sein schon die Struktur ausdenken zu müs-
Das Manuskript, das er uns zusandte, soll? Heilig Blut hat sich mit einer ande- sen, die er zwanzig Jahre später vorfin-
war aber offensichtlich von seiner Sek- ren katholischen Gemeinde zu einem den würde. Er weiß eines, und das ist das
tion verfasst und war in Wirklichkeit die Pfarrverband zusammengeschlossen. Es Beste: Ich werde immer gebraucht wer-
Sprache des Apparats, nicht die Sprache wird immer schwieriger, den pastora- den, wo immer Menschen den Priester
einer Person. Leider hat sich dieses Er- len Dienst zu besetzen. Zugleich nimmt benötigen, geistlich benötigen und sie zu
lebnis später oft wiederholt. auch die Zahl der Gläubigen ab. Ist es Gott hinführt, über sich und über jede
Was die Kirche von Amts wegen sagen überhaupt möglich, ein Hirte zu sein für Struktur hinaus. Wie die Struktur dann
muss, sagt ein Amt, nicht eine Person. mehrere Herden oder auf verschiedenen aussehen wird – sie ist nur sekundär und
Solange bei kirchenamtlichen Texten Weiden? Was könnte man einem Kaplan dient als Hilfe für den pastoralen Dienst.“
nur das Amt, aber nicht das Herz und der heute raten, wie ihn bestärken in der Ent- Vielleicht könnte ja der ökumenische
Geist sprechen, so lange wird der Auszug scheidung, sich auf den pastoralen Weg Weg dabei helfen, die christliche Ge-
aus der Welt des Glaubens anhalten. Des- zu begeben? meinschaft zu stärken. Etwas unterhalb
wegen schien es mir damals wie heute „Die Pfarrei Heilig Blut ist erst nach dem von Heilig Blut liegt die evangelisch-lu-
wichtig, die Person aus der Deckung des Ersten Weltkrieg aus zwei Mutterpfarrei- therische Dreieinigkeitskirche. Hatte Ka-
Amts herauszuholen und ein wirkliches en gegründet worden, nämlich Bogen- plan Ratzinger Verbindungen zur evan-
persönliches Glaubenszeugnis von den hausen und St. Gabriel in Haidhausen. gelischen Gemeinde, Austausch mit dem
Sprechern der Kirche zu erwarten. Das Insofern ist die Pfarrgemeinschaft mit St. dortigen Pfarrer, gemeinsame Aktivitäten
Wort Entweltlichung deutet den negati- Gabriel nur eine Art Rückkehr. Wie man und ökumenische Absichten?
ven Teil der Bewegung an, um die es mir am besten die Zusammenarbeit über die „Die Antwort muss leider Nein heißen.
geht, nämlich das Heraustreten aus der Grenzen hin gestaltet, wage ich nicht An sich bestand ein sehr freundlicher
Rede und den Sachzwängen einer Zeit ins theoretisch zu sagen. Man muss faktisch Kontakt zur evangelischen Nachbar-
Freie des Glaubens. Aber eben diese Sei- Wege finden, um einerseits möglichst alle gemeinde, deren Pfarrer offensichtlich
te, das Positive, ist damit nicht genügend Menschen die Nähe der Kirche erfahren wirklich ökumenisch interessiert und ori-
ausgedrückt.“ zu lassen, andererseits auch die Grenzen entiert war. So hat er zum Beispiel Roma-
der Belastbarkeit der einzelnen Seelsorger no Guardini einmal zu einem Vortrag in
Nach einem knappen Jahr in Heilig Blut bedenken. Von ‚mehreren Herden‘ würde seine Pfarrei eingeladen. In diesem Sinn
ging es für Joseph Ratzinger weiter nach ich nicht sprechen. Es ist immer die eine war eine wirklich geistige Nähe der Ge-
Freising. Er verließ Bogenhausen offen- Kirche Jesu Christi. Grenzsetzungen und meinde gegeben, die sich allerdings noch
bar mit gemischten Gefühlen. Einerseits Grenzüberschreitungen müssen prak- nicht konkret in gemeinsamen Handlun-
in Vorfreude auf die neue Aufgabe und tisch geregelt werden. gen zeigte.“
intellektuelle Herausforderung, ande- Vor dem Zweiten Weltkrieg waren Pfar- Joseph Ratzinger hat als Priester und
rerseits hatte er in seiner Pfarrgemeinde reien mit 60.000 Gläubigen keine Sel- Seelsorger in der Gemeinde in München-
erfahren, wie es ist, konkret gebraucht tenheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg Bogenhausen begonnen. Er ist noch ein-
zu werden. Offenbar war beides – theo- wurde das Prinzip durchgeführt, dass mal in Gedanken zurückgekehrt, hat
logische Forschung und gelebtes Pries- keine Pfarrei mehr als 10.000 haben soll- auf sein damaliges Wirken geblickt, hat
tertum – nicht zu haben. te. Kaiser Josef II. in Österreich war der sich an die Menschen und Orte erinnert,
„Es ist genau diese scheinbare Alternative, Meinung, dass man höchstens eine Stun- die ihn damals umgeben haben; und er
die mir die Rückkehr in die akademische de entfernt von seiner Pfarrkirche woh- hat sich noch einmal die Aufgaben vor
Arbeit manchmal schwer gemacht hat. nen und möglichst nur eine halbe Stunde Augen geführt, die damals und heute
Aber schließlich habe ich begriffen, dass Kirchweg haben sollte. Von diesem Prin- den pastoralen Dienst ausmachen. In
die Alternative sich auflöst, wenn man zip her hat er Pfarreigründungen veran- seinem ausführlichen Brief, mit dem er
die Arbeit eines Theologen recht versteht. lasst. Kardinal Bertram von Breslau ist die Antworten auf die Fragen übermit-
Gerade in der heutigen Wirrnis wird selbst mit der Uhr die Wege seiner Stadt telt, schreibt er schließlich: „Auch wenn
sichtbar, wie sehr Theologen gebraucht gegangen, um Pfarreien möglichst so zu ich auf dieser Welt die Wege von Bogen-
werden, für die die Arbeit mit Büchern schaffen, dass niemand länger als dreißig hausen nicht mehr werde betreten kön-
wichtig ist, die aber nicht das letzte Wort Minuten zur nächsten Pfarrkirche hatte. nen, so sind sie doch ein kostbares Stück
hat und gerade die Pfarrer und Kapläne In diesem Sinn wurden nach dem Zwei- meines Lebens, das mir sicher auch im
und überhaupt die in dieser Welt stehen- ten Weltkrieg auch neue Diözesen errich- Jenseits erhalten bleiben wird.“ ■
18 HERDER KORRESPONDENZ  8/2021
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