Sie sind auf Seite 1von 3

AKTUELL

Digitale Kirche:
Auf der Suche
Eine internationale, ökumenische Studie hat die digitale Präsenz der Kirchen während des
ersten Lockdowns untersucht. Erste Ergebnisse zeigen viel Kreativität, werfen aber auch
Fragen nach der Zukunft einer Online-Kirche auf. VON DANA KIM HANSEN-STROSCHE

N
ot macht bekanntlich erfinderisch. len Kirche zügig angegangen werden Eine interessante Beobachtung zu den
So erging es im vergangenen Jahr müssen. Auch das Forscherteam ver- Verkündigungsformaten fällt dabei
auch den Kirchen, die aufgrund steht die vorliegende Studie als „Projekt auf: Auf katholischer Seite lag die Eu-
des ersten Corona-Lockdowns plötzlich zur Generierung von Fragen für die ge- charistiefeier mit rund 24 Prozent der
gezwungen waren, Alternativen für die genwärtige Kirchenentwicklung“. digitalen Angebote hinter geistlichen
liturgischen Feiern, ja für ihr gesamtes Die Situation des ersten Lockdowns im Impulsen und Andachten (47 Prozent),
kirchliche Handeln, zu finden. So fan- März 2020 kann für die Kirchen, zu- Wort-Gottes-Feiern machten 21 Pro-
den unzählige Angebote ihren Weg in mindest im Bereich der Digitalität, als zent der Angebote aus. Eine Zentrie-
die digitale Welt. Rund ein Jahr später Segen bewertet werden. Waren es sonst rung auf das Streaming von Messfeiern
liefert das internationale, ökumenische vermutlich nur die medienaffinen Seel- scheint es demnach nicht gegeben zu
Forschungsprojekt „Churches Online sorger jüngeren Alters, die sich mit dem haben. Wolfgang Beck, Pastoraltheolo-
in Times of Corona“ (Contoc) umfang- Thema digitale Kirche befasst haben, ge an der Philosophisch-Theologischen
reiche quantitative Daten zur digitalen musste sich aufgrund des Versamm- Hochschule Sankt Georgen in Frank-
Präsenz der Kirchen zwischen Ostern lungsverbotes plötzlich jeder Haupt- furt und auf katholischer Seite für die
und Pfingsten 2020. amtliche in der Gemeinde mit den Studie mitverantwortlich, sieht „ein
Die Umfrage richtete sich an Hauptamt- Möglichkeiten von Internet und Social Bewusstsein dafür, dass es im Digitalen
liche im kirchlich-pastoralen Dienst. Sie Media für das liturgische Handeln aus- vielleicht nicht nur die eine liturgische
wurde unter anderem in Deutschland, einandersetzen. Und dieses Müssen hat Form gibt, sondern hier auch andere
Österreich und der Schweiz, aber auch bei immerhin 95 Prozent der Befragten Formen zu nutzen sind und sogar an-
in Dänemark, Ungarn, den USA und dazu geführt, dass sie zum ersten Mal gemessener sein können“.
Namibia durchgeführt. Zentral für das digitale Angebote in ihrer Pfarrei oder Ähnliches gilt auch auf evangelischer
deutsche Forscherteam war die Frage, Gemeinde gemacht haben. Seite: Hier waren 65 Prozent der litur-
wie die hauptamtlich Beschäftigten der gischen Angebote Andachten. Zu einem
beiden christlichen Kirchen mit den Digitalisierungsschub ähnlichen Ergebnis kommt auch eine
Digitalisierungsprozessen umgegangen Hierbei sei eine große Kreativität sicht- Adhoc-Studie der Evangelischen Kirche
sind. bar geworden, so Ilona Nord, evan- in Deutschland, die bereits im vergan-
gelische Religionspädagogin an der genen Jahr veröffentlicht wurde und mit
Rund 3900 Rückmeldungen gab es aus Universität Würzburg und Mitauto- ihrer Befragung die Zeit Ende Mai im
der katholischen und evangelischen rin der Studie. In den Gemeinde habe Blick hatte. Zwar seien im Gesamt der
Kirche in Deutschland von Pfarrperso- es ein enormes Engagement gegeben, Verkündigungsformate am häufigsten
nen oder hauptamtlichen Laien (1500 viele Dinge seien einfach ausprobiert Gottesdienste angeboten worden, in
beziehungsweise 2400). Die Studienau- worden. Auf katholischer Seite gaben absoluten Zahlen überwiege allerdings
toren sprechen von einer Repräsentati- 71 Prozent der Befragten an, dass sie die digitale Andacht und andachts-
vität ihrer Ergebnisse. Und auch wenn sich durch die Situation ermutigt fühl- ähnliche Formate mit 60 Prozent der
die Zahlen eine Situation von vor über ten, kreativ zu werden. Dabei wurde digitalen Verkündigungsformate. Man
einem Jahr widerspiegeln und mittler- der Fokus auf Verkündigung und Seel- könne hier eine Ausdifferenzierung der
weile ein Lern- und Reflexionsprozess sorge gelegt, während der gemeindliche Formate erkennen.
eingesetzt hat, zeigen die ersten ausge- Bildungsbereich, vermutlich auch auf-
werteten Ergebnisse der Studie, welche grund von Ressourcenknappheit, ver- Für beide Kirchen war bei den Online-
Fragestellungen im Bereich der digita- nachlässigt wurde. Angeboten vor allem die Einbindung

HERDER KORRESPONDENZ  6/2021 11


AKTUELL

der Gläubigen ein wichtiges Anliegen. anstelle eines „sowohl als auch“ geht. schen sich zudem eine Förderung digita-
So konnten in den meisten Fällen die Auch Wolfgang Beck riet unlängst dazu, ler Gemeinschaftsformen auch nach der
Teilnehmer durch Mitsingen und Mit- zwischen analog und virtuell nicht im- Corona-Pandemie.
beten, durch eigene Fürbitten etwa über mer zwei Gegensätze zu sehen. Digitale Und für die katholische Kirche tut sich
eine Kommentarfunktion, oder durch Kirche verstanden als eigener Kirchort, im Vergleich zu ihrer evangelischen
das Reagieren mit Likes partizipativ der anderen Gesetzmäßigkeiten folgt, Schwesterkonfession noch ein anderer
am Gottesdienstgeschehen teilhaben. könnte hier zu einem Perspektivwech- Bereich auf: Zwei Drittel der Haupt-
Darüber hinaus wurden laut Forscher- sel beitragen. amtlichen fehlte die Unterstützung von
team die digitalen Angebote oftmals Seiten der eigenen Diözese. Man habe
auf Grund von Rückmeldungen der Rund um den eigenen Kirchturm sich eher Rat bei Gemeindemitgliedern,
Teilnehmer auf deren Bedürfnisse ange- Die Corona-Pandemie hat eine lokal-an- Ehrenamtlichen oder Bekannten geholt.
passt und entwickelten sich so im Laufe gebundene Digitalisierung der Pastoral Im Vergleich dazu gaben die evangeli-
der Zeit bereits weiter. vorangetrieben. Jede Kirchengemeinde schen Befragten an, gerade durch die
hat ihren eigenen Gottesdienststream sogenannte mittlere Ebene gute Unter-
Die EKD spricht aufgrund ihrer ausge- angeboten. Kooperationen mit den stützung gefunden zu haben.
werteten Zahlen von einem „Digitali- Nachbargemeinden, auch ökumenisch, Für beide Kirchen stellt sich aber vor
sierungsschub“, den auch die Ergebnisse hat es so gut wie nicht gegeben. Dieses allem die Frage nach den Ressourcen:
der Contoc-Studie nahelegen. Und die- „Kirchturmdenken“ zeigt sich auch in Schon jetzt ist in den Gemeinden die
ser Schub, der aus einer Notsituation der Frage, wen man mit den Angebo- Zeit knapp, es fehlt an Mitarbeitern. Oft-
heraus geboren wurde, könnte nachhal- ten erreicht hat. Zwar sehen die Be- mals wurde das digitale Angebot zusätz-
tig Bestand haben. Etwas mehr als die fragten in Online-Gottesdiensten eine lich zum normalen Arbeitspensum ge-
Hälfte der katholischen Befragten (54,1 Möglichkeit, mobil eingeschränkte und leistet. Aber auch an dieser Stelle könnte
Prozent) will laut Contoc-Studie ihr solche Menschen zu erreichen, die bis- eine Reflexion über das, was wirklich
Online-Angebot fortsetzen, auf evan- her nicht den sonntäglichen Gemeinde- gebraucht wird, über Kooperationen
gelischer Seite sind es rund 60 Prozent. gottesdienst besuchen. Doch gaben sie mit Nachbargemeinden, mit gezielteren
Und zwei Drittel der Befragten sehen auch an, dass das Gros der Teilnehmer Angeboten hilfreich sein.
in den Digitalisierungsprozessen mehr einen Bezug zur Pfarrei oder Gemein-
Chancen als Risiken. Man sei davon de, etwa durch Familienmitglieder, hat. Matthias Kopp, Pressesprecher der Deut-
überzeugt, dass Online unverzichtbar An dieser Stelle wäre eine genauere schen Bischofskonferenz, sprach bei der
geworden ist und die Corona-Krise hier Untersuchung der Nutzerperspektive Tagung „Kirche im Web“ davon, dass
enorme Innovationspotenziale freige- wünschenswert, die die Contoc-Studie Corona die Kirche in die Digitalisierung
setzt hat, so Ilona Nord. nicht leisten kann und will. geworfen habe. Man habe mittlerwei-
Obwohl etwa die Hälfte der Befragten Es besteht die Gefahr, dass eine Viel- le einen Stand erreicht, hinter den man
angab, dass ihre Gemeinde auf mindes- zahl kirchlicher, digitaler Angebote mit nicht mehr zurückwolle. Nach diesem
tens einer Social-Media-Plattform zu ähnlichem Profil nebeneinander her- „Geworfen-werden“ sollte jetzt, so auch
finden ist, zeigen die Studienergebnisse laufen. Zwar gab laut Contoc-Studie der Wunsch der Forscher der Contoc-
auch, dass man von einer digitalen Kir- auch rund ein Fünftel der Befragten an, Studie, die theologische Reflexion ein-
che noch weit entfernt ist. Zumindest keine Online-Gottesdienste angeboten setzen. Das umfangreiche Datenmaterial,
dann, wenn man unter digitaler Kirche zu haben, weil man auf andere Angebo- das die Forschergruppe dazu gesammelt
mehr versteht als das bloße Übertragen te verwiesen habe – dennoch zeigt sich: hat, kann hierbei ein wichtiger, aber nicht
der analogen Angebote in den digitalen Es bedarf einer umfassenderen Onli- der einzige Baustein sein. Die Daten zei-
Raum – wenn man in Digitalität nicht nestrategie. Doch dies scheint, so Beck, gen, dass die Digitalisierung mittlerweile
nur ein Tool sieht, das man benutzt, son- bei vielen Bistümern nicht im Blick zu zum Normalfall geworden ist – von ei-
dern eine Kulturform. sein. Zwar arbeite man an Strukturre- nem „Technikhype“ oder einer „Tech-
Spätestens seit Mai 2020, als ein Got- formen und Großpfarreien, doch die nikangst“ kann man laut den Forschern
tesdienstbesuch in der Kirche wieder Förderung eines digitalen Kirchorts sei nicht mehr sprechen.
möglich war, stellt sich die Frage, ob nicht angedacht. Darin sieht er ein In- Die Pandemie hat die kirchliche Praxis
die traditionellen und analogen Got- diz, „dass in den Diözesen immer noch verändert. Der Wille und das Potenzial
tesdienste an Bedeutung verlieren. Die eine Fokussierung auf Gemeinden rund zu Innovationen im Bereich der digita-
Studienergebnisse geben diesbezüglich um Kirchtürme besteht“. len Kirche sind bei den Verantwortlichen
Entwarnung: die große Mehrheit der Wie kann es weitergehen? Gerade auf vor Ort angekommen. Es wird noch eini-
Befragten sieht in den Onlineangebo- katholischer Seite sehen die Befragten ge Zeit in Anspruch nehmen, bis alle Da-
ten eine Ergänzung zum bestehenden (76 Prozent) Nachholbedarf in Sachen ten ausgewertet worden sind. Frühestens
Angebot, keinen Ersatz. Ein Traditions- digitaler Infrastruktur. 86,4 Prozent Ende des Jahres rechnet man mit einer
bruch, wie er an mancher Stelle befürch- wünschen sich mehr Weiterbildung im umfassenden Publikation der Ergebnis-
tet wird, ist nicht absehbar. Und doch Bereich Digitalisierung, 76,8 Prozent se. Dann könnte sich, so der Wunsch der
zeigt diese Debatte, dass es zumeist wollen Ehrenamtliche in diesem Bereich Forschungsgruppe, im Frühjahr 2022
immer noch um ein „entweder oder“ mehr fördern. Rund 54 Prozent wün- eine Folgestudie anschließen. ■
12 HERDER KORRESPONDENZ  6/2021
Copyright of Herder Korrespondenz is the property of Verlag Herder GmbH and its content
may not be copied or emailed to multiple sites or posted to a listserv without the copyright
holder's express written permission. However, users may print, download, or email articles for
individual use.