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Alles auf eine Karte setzen: Elektronisches

Regieren und die Gesundheitskarte

Oliver Decker
Abteilung für Med. Psychologie und Med. Soziologie der Universität Leipzig

Zusammenfassung: In diesem Beitrag wird am Beispiel des eHealth-Systems eine Was ist die Gesundheitskarte? Eines der
Wirkung des elektronischen Regierens, des eGovernments betrachtet werden. Insbe- zentralen Politikfelder der rot-grünen Re-
sondere der Einführung der Gesundheits- und Heilberufskarte wird eingangs die Auf- gierung war die Umsetzung des sogenann-
merksamkeit gewidmet. Sie sind die technischen Voraussetzungen für die Tele- ten eGovernments, also der elektronischen
matikmedizin und damit der erste Schritt auf dem Weg zur elektronischen Patienten- Verwaltung. Wie auch bei der Gesundheits-
akte. Um die exemplarische Bedeutung der Gesundheitskarte für das eGovernment karte, vollzieht sich diese „Verwaltungs-
zu verdeutlichen, wird in diesem Beitrag zunächst der administrative Hintergrund skiz- revolution“ weitestgehend ohne öffentliche
ziert. Im nächsten Schritt soll die Foucaultsche Analyse von Regierungstechniken vor- Resonanz (Engemann, 2002). Das ist ver-
gestellt werden. Beispielhaft ist hier der „Panoptismus“ als Technik der Kontrolle, mit hältnismäßig erstaunlich. Der Übergang zur
der das überwachte Subjekt in seine Kontrolle und Disziplinierung eingebunden wird. „Elektronischen Verwaltung“, welcher auf
Der abschließende Rückbezug auf die Gesundheitskarte kann sichtbar machen, in- einem Kabinettsbeschluss vom 1.12.1999
wieweit bereits diese Karte, unabhängig von den repressiven Überwachungsmöglich- basiert („Moderner Staat – Moderne Ver-
keiten, als Verfeinerung der Kontrolle verstanden werden kann. waltung – Deutschland erneuern“; vgl.
Bundesregierung, 1999) wird mit mehre-
ren Millionen Euro befördert und diversen
Die Gesundheitskarte der Bundesrepublik zum 1. Januar 2006 Forschungsprojekten flankiert. Die Umset-
rückt näher. Zwar werden, anders als für zung dieser Vision hat einige Konsequen-
Das Gesetz zur Modernisierung der gesetz- die Versicherten, für die sich durch ihre zen, die in den unmittelbaren Nahbereich
lichen Krankenversicherung trat zum 1. Ja- schrittweise Einführung die unmittelbare jedes Individuums hineinreicht.
nuar 2004 in Kraft, ein Kernelement die- Konsequenz noch einige Jahre hinziehen
ses Modernisierungsgesetzes ist die soge- kann, vor allem die Heilberufe von dieser Die Gesundheitskarte ist ein Meilenstein
nannte Gesundheitskarte. Sie führte lange Veränderung unmittelbar betroffen sein bei der Einführung des eGovernments in
Zeit neben der ebenfalls in diesem Gesetz (Warda & Noelle, 2002). Dennoch ist eine der Bundesrepublik: Die Gesundheitskarte
enthaltenen Zuzahlungsregelung bei Arz- so große Veränderung in der Gesundheits- wurde von einer gemeinsamen Arbeits-
neimitteln und der Praxisgebühr ein Schat- versorgung Grund genug, diese Neuerung gruppe des Bundesinnenministeriums, des
tendasein und wurde in der Öffentlichkeit nicht nur hinsichtlich adminstrativer und Bundeswirtschaftsministeriums, des Bun-
und auch bei den betroffenen Fachgruppen technischer Aspekte einmal genauer in den desgesundheitsministeriums und des Bun-
wenig zur Kenntnis genommen. Das ist Blick zu nehmen. desfinanzministeriums vorbereitet (Bun-
erstaunlich, betrifft doch die Gesundheits- desregierung, 2005). Das Bundesinnen-
karte alle Versicherten, die komplementär Im Folgenden wird es wesentlich um ei- ministerium hatte hierbei die Federführung.
eingeführte Heilberufskarte alle ÄrztInnen, nen ausgewählten Aspekt der Gesundheits- Diese enge Verzahnung zwischen den ver-
PsychotherapeutInnen und ApothekerIn- karte und der Karte für die Heilberufe ge- schiedenen Ressorts begründet sich aus
nen und auch das finanzielle Volumen für hen: Beide sind notwendige Voraussetzung der Zielstellung: Mittelfristig soll dann der
ihre Umsetzung ist groß. Derzeit beginnt für die Einführung des eHealth-Systems, neue digitale Personalausweis folgen. Er-
in einigen Bundesländern in ausgewählten der Gesundheitstelematik, insbesondere gänzt werden die Gesundheitskarte und
Modellregionen (beispielsweise in Baden- der elektronischen Patientenakte. Wie vie- der digitale Personalausweis um eine
Württemberg, Bayern, Bremen, Nieder- le Begriffe, so haben auch diese in der wis- „JobCard“, auf der die Berufsbiographie mit
sachsen, NRW, Sachsen und Mecklenburg- senschaftlichen Auseinandersetzung einen den erworbenen Sozialansprüchen abruf-
Vorpommern) die Einführung der Gesund- sehr weiten Bedeutungsraum (Oh, Rizo, bar ist (Weichert, 2005). Geplant ist, diese
heitskarte und der Heilberufskarte (Schug Enkin & Jadad, 2005), so dass sich eine Karten langfristig zu einer Karte zusammen
& Redders, 2005) und auch das geplante Klärung des Kontextes empfiehlt: Diese zu führen (Bundesregierung, 2005). Die
Datum der Einführung dieser Gesundheits- Klärung führt in die Politik. Gesundheitskarte soll ab Anfang 2006 aus-
karte für alle 80 Millionen Versicherten in gegeben werden, wobei die Ausgabe

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„evolutionär“ erfolgen wird, d. h. die bisher auf, das auf der Gesundheitskarte den Trä- nitäter oder Arzt vor Ort bereits sämtliche
geführten Krankenversichertenkarten wer- ger kenntlich machen soll (Paland & Riepe, relevanten Informationen für die notfall-
den im Zuge eines sowieso notwendigen 2005). Mit dem Passbild wird die Gesund- mäßige Versorgung zugänglich machen.
Austausches ersetzt. Da bisher pro Jahr 10- heitskarte mit einer Ausweisfunktion aus- Auch Informationen zu chronischen Krank-
15% der Krankenversichertenkarten neu gestattet, die die Krankenversichertenkarte heiten oder Medikamentenunverträg-
ausgegeben werden mussten, etwa wegen nicht gehabt hat. Zwar diente auch sie dem lichkeiten sollen auf der Karte direkt abge-
Wohnortswechsel, Namenswechsel oder Nachweis, Leistungbezugsberechtigter im legt werden. Die Phantasien, die sich in der
eines Defekts, ist auch auf diesem Weg Gesundheitswesen zu sein. Allerdings blie- momentanen Planungsphase mit den
bald mit einer flächendeckenden Einfüh- ben die Kontrollmöglichkeiten beschränkt. Möglichkeiten verbinden, reichen weit. So
rung der Gesundheitskarte zu rechnen. Die neue Gesundheitskarte wird den Trä- wird etwa die Idee eingebracht, auf der
ger wie ein Personalausweis identifizierbar Karte für die Patienten lesbar die Kosten
Dabei scheint zumindest die Gesundheits- machen. „Dabei werden die Identifizie- der Arztinanspruchnahme abzulegen, mit
karte in der Krankenversorgung nicht ohne rungsdaten, weitere Grunddaten und das dem Argument, sie damit in eine gleich-
Vorbild zu sein. 1993/1994 wurde in der Foto auf die Karte aufgebracht. Danach ist berechtigte Position mit dem Arzt zu brin-
Bundesrepublik die Krankenversicherten- die eindeutige Karte einer Person zugeord- gen. Hierbei wurde etwa von Seiten des
karte eingeführt. Heute sind etwa 90% der net.“ (Weichert, 2004, S. 394). Bundesgesundheitsministeriums argumen-
Bevölkerung – ob gesetzlich oder privat tiert: „Mit der elektronischen Gesundheits-
krankenversichert – mit dieser Karte aus- Daneben sind es die inneren Werte, die karte werden bestehende Patientenrechte
gestattet (vgl. Warda & Noelle, 2002). die Gesundheitskarte unterscheidbar ma- umgesetzt. Für Patienten bietet die elek-
Wahrscheinlich bietet sich wegen der Ver- chen von der Krankenversichertenkarte – tronische Gesundheitskarte die Chance,
trautheit im Umgang mit einer Chipkarte und die Gesundheitskarte hat es in sich. besser als bisher über die eigenen Ge-
auf Seite der Versicherten auch die Ge- Zwar verfügte auch die Krankenversicher- sundheitsdaten verfügen zu können und
sundheitskarte als Einstieg in das eGovern- tenkarte über einen Speicherträger, aber über deren Verwendung eigenverantwort-
ment an. Dabei wird die Gesundheitskarte die Gesundheitskarte soll mit einem wie- lich verfügen zu können. (...) Mit moder-
der heutigen Krankenversichertenkarte derbeschreibbaren Mikroprozessorchip nen Informations- und Kommunikations-
aber nur noch in der Größe gleichen. Auf ausgestattet werden. Dieser Mikroprozes- technologien kann den Patienten ein Ser-
der bisherigen Krankenversichertenkarte sor kann deutlich mehr Informationen auf- vice geboten werden, wie sie ihn aus an-
sind auf einem Speicherchip bisher Anga- nehmen, als die bisherige Krankenver- deren Lebensbereichen kennen.“ (Bales,
ben zur Person erfasst (Name, Anschrift, sichertenkarte mit ihren etwa 300 kb. In 2005, S. 728). Das dabei formulierte Ziel
Geburtsdatum) sowie versicherungsrele- der Diskussion sind verschiedene Informa- der Stärkung der Patientenrechte und der
vante Informationen. tionen, die abgelegt werden sollen. Neben informationellen Bewässerung einer
einem elektronischen Rezept, welches die Dienstleistungswüste geht einher mit der
Was die Gesundheitskarte in der geplan- bisherige Papierversion in der Kommuni- Steigerung der Eigenverantwortlichkeit des
ten Form deutlich von der Krankenver- kation zwischen Arzt und Apotheker ablö- Patienten. Die mit der Gesundheitskarte in
sichertenkarte unterscheiden wird, ist zwei- sen soll, ist daran gedacht, etwa Notfall- Aussicht gestellte Verfügungsmöglichkeit
erlei: Im Erscheinungsbild fällt das Passbild informationen aufzunehmen, die dem Sa- über die krankheitsrelevanten Daten wird

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als Empowerment der Patienten vorgestellt cherkapazität und auch wegen der notwen- ersetzen (Schmidt & Koch, 2005). Um die-
(Grätzel von Grätz, 2004). Wie bei ande- digen Sicherung der Daten ist allerdings se auf Servern abgelegten personenbe-
ren Modernisierungsmaßnahmen im Ge- davon auszugehen, dass sich die Speiche- zogenen Daten abrufen zu können, muss
sundheitssystem geht diese Stärkung der rung von Daten auf der Karte – nach der eine Lösung gefunden werden, die es ge-
Patientenrechte mit einer Betonung der Aufbauphase des Systems – im Wesentli- stattet, die dezentral arbeitenden zugriffs-
Marktförmigkeit der Arzt/Patienten-Bezie- chen auf die Notfalldaten beschränkt.“ berechtigten Nutzer zu authentifizieren: An
hung einher, wie etwa bei der Einführung (Bales, 2005, S. 729 für das Bundesge- dieser Stelle kommt wiederum die Gesund-
von Qualitätssicherungsmaßnahmen sundheitsministerium). heits- und die Heilberufskarte ins Spiel.
(Decker & Brähler, 2000). Die mit der Ge-
sundheitskarte in Aussicht gestellte Zunah- Warum also der Aufwand der Einführung Den Speicherplatz, für den verschiedene
me an Freiheit ist hierbei immer verknüpft dieser Karte? Der Speicherträger soll eine Nutzungen in der Literatur diskutiert wer-
mit ökonomischen Motiven. Politisch steht andere Entwicklung möglich machen. Das den, braucht die Gesundheitskarte vor al-
auch die Gesundheitskarte im Kontext ei- eGovernment – und damit die Telema- lem, um eine zentrale Information aufzu-
ner Liberalisierung des Gesundheits- tikmedizin – soll nicht aus bei jedem ein- nehmen: Wichtiges Element der Gesund-
marktes. zelnen Bürger abgelegten Daten bestehen, heitskarte ist die elektronische Signatur
sondern die personenbezogenen Informa- (Bales, 2005; Goetz, 2005) – und das hat
Die Verbindung von angestrebter Transpa- tionen sollen zentral gebündelt werden – sie mit der Heilberufskarte, der JobCard
renz mit ökonomischer Rationalität wird und das gilt auch für die Gesundheitsdaten: und dem digitalen Personalausweis ge-
noch deutlicher im Ziel, den Informations- Die Gesundheitskarte soll die elektronische meinsam. Die vom Bundeskabinett be-
fluss zwischen den verschiedenen Grup- Patientenakte möglich machen. Damit schlossenen Eckpunkte sehen vor, dass
pen und Ärzten im Gesundheitssystem etwa der Zweck erfüllt ist, dass diese Da- die geplanten Kartenprojekte durch glei-
besser zu gewährleisten und damit etwa ten jedem behandelnden Arzt zur Verfü- che Standards für die elektronische
das Disease Managment oder die Integrier- gung stehen, sollen sie nicht auf der Kar- Authentisierung (Identifizierung des Kar-
te Versorgung in einer neuen Qualität zu te, sondern auf Servern, also auf dezentral teninhabers) aufweisen und die qualifi-
ermöglichen. Die Vermeidung von Doppel- betriebenen aber miteinander vernetzten zierte elektronische Signatur (Äquivalent
verordnungen und -untersuchungen, sowie Computern abgelegt werden. zur manuellen Unterschrift) vereinheitlicht
die angestrebten Synergieeffekte aus der wird (Bundesregierung, 2005).
verbesserten Kommunikation zwischen Diese Telematiksystemarchitektur muss
den funktionalen Gruppen im Gesundheits- man sich als informationstechnischer Laie Die Patientendaten werden als elektroni-
system soll dann – nicht zuletzt – ein gro- in Anlehnung an das Internet als einen sche Patientenakte von den jeweiligen
ßes Einsparvolumen zeitigen. Es wird da- verteilten, dezentralen Serververbund vor- Heilberufsangehörigen in das Servernetz
mit argumentiert, dass bereits das elektro- stellen (Paland & Riepe, 2005, S. 627). Auf eingespielt: Wie beim Internet, soll bei der
nische Rezept ein sehr großes Einsparungs- verschiedenen, von einem privaten Firmen- Telematikmedizin der Zugang über jede
potential für das Gesundheitswesen auf- konsortium eingerichteten und betriebe- Arztpraxis, jedes Krankenhaus oder jede
weist. Je nach Autoren wird bis zu 1 Milli- nen Datenbanken werden die Informatio- Apotheke möglich sein. Die Zugriffs-
arde Einsparvolumen angenommen, aller- nen, in diesem Fall die elektronische Pa- berechtigung wird durch die Heilberufs-
dings sind diese Zahlen eher strittig (vgl. tientenakte, abgelegt. Neben den einzel- karte in Verbindung mit der jeweiligen
Schmidt & Koch, 2005). nen Servern ist ebenfalls ein sogenanntes Gesundheitskarte des Patienten nachge-
„Backendsystem“ geplant, mit dem die wiesen. Der Patient soll den Zugriff des ein-
Auch wenn die Erwartungen vielfältig sind, Daten der Server gesichert werden zelnen Arztes auf die elektronische Pa-
so äußern sich die Beteiligten hinsichtlich (ebenda). Die Betreiber dieser Backendsys- tientenakte regulieren können, so dass
des ersten konkreten Einsatzes in 2006 teme sind noch nicht ausgewiesen, dürf- etwa dem Zahnarzt die psychotherapeuti-
dann vorsichtig. Zunächst ist vor allem an ten aber die Leistungsträger sein, bei de- sche Dokumentation nicht zugänglich ist,
die Nutzung des elektronischen Rezepts nen sich dann die Informationen bündeln wenn der Patient diesen Teil seiner Akte
gedacht (Bales, 2005). Diese Zurückhal- (Weichert, 2004, S. 398). vorher sperrt (Bales, 2005). Um eine
tung in der Nutzung des Potentials der Instrumentalisierung der Daten durch Ar-
Gesundheitskarte ist der Überlegung ge- Diese Datenbanken sollen in eine Archi- beitgeber oder Versicherungen zu unter-
schuldet, dass die Karte mit Akzeptanz- tektur eingebunden sein, die es dem Arzt binden, ist ein Verbot der Selbstauskunft
problemen zu kämpfen hätte, würden möglich macht, die relevanten Daten an geplant, d. h. dem Patienten ist es nicht
gleich zu Anfang für die Patienten nicht dem Ort abzurufen, wo sie zur Behand- gestattet, die Daten weiterzugeben
mehr nachvollziehbare elektronische Pro- lung zur Verfügung stehen müssen (DIMDI, (Weichert, 2004). Trotz der geplanten
zesse stattfinden (Weichert, 2005). Tat- 2004). Weiterhin soll die Kommunikation Datenschutzregelungen im Verkehr zwi-
sächlich ist nach der Erprobungsphase zwischen den im Gesundheitssystem akti- schen Arzt und Patient, sowie im Kontakt
nicht mehr damit zu rechnen, dass mehr ven Heilberufen erleichtert werden: Diese von Patient und Dritten, wie etwa Arbeiter-
als Notfalldaten auf der Karte abgelegt wer- Telematikarchitektur soll die bisherige geber oder Versicherungen, wird deutlich,
den: „Im Hinblick auf die begrenzte Spei- papierbasierte Kommunikation vollständig wie weitreichend die Verfügbarkeit der elek-

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tronischen Patientenakte mit der vorgese- Gutes Regieren und fahndung nach den Anschlägen von New
henen Speicherung sowohl auf einer Ser- Gouvernementalität York am 11. September gezeigt. In diese
verarchitektur als auch auf einem Backend- polizeiliche Maßnahme sind ohne viel
system ist. Bleiben wir im Folgenden bei der Aufhebens die Immatrikulationsdaten der
Gesundheitskarte und die sich aus ihrer Universitäten genauso eingeflossen wie die
Abschließend lässt sich festhalten, dass die Einführung ergebenden Konsequenzen. Nutzerprofile im Internet. Es ist nicht son-
elektronische Signatur auf der Gesundheits- Diese sind sehr vielfältig. Für eine Über- derlich schwer, sich politische Situationen
karte und der Heilberufskarte das unab- sicht der Anwendungsprobleme sei an die- vorzustellen, in denen die dann zentral
dingbare Schlüsselinstrument zur Umset- ser Stelle auf Haas (2005) verwiesen. Die elektronisch erfassten Krankendaten eben-
zung in einem vernetzten Gesundheitswe- von Haas erörterten Probleme reichen von falls mit in die Rasterfahndung einfließen.
sen sind. Und nicht nur das: Bei der Re- den Schwierigkeiten bei der Zusammen- Dieses Überwachungspotential führt un-
konstruktion des politischen Kontextes ist fassung der Dokumentationssysteme un- mittelbar in den Kern der sich anschließen-
noch zweierlei deutlich geworden. Zum terschiedlicher Professionen, über das Arzt- den Überlegungen. Aber wohlgemerkt
einen ist sichtbar geworden, dass die Ge- Patienten-Verhältnis bis hin zur Stigmati- bereits als Potential: Im Folgenden soll die
sundheitskarte Voraussetzung ist, um sierung der Patienten durch auf Jahrzehn- Wirkung der Gesundheitskarte Thema sein,
sensibelste personenbezogene Daten der te festgeschriebene und durch die elektro- ohne dass sie als Instrument repressiver
zentral geführten elektronischen Daten- nische Präsentation scheinbar verobjek- Herrschaftsausübung, etwa bei polizeili-
verarbeitung, Speicherung und Weiterverar- tivierten Diagnosen. Die noch bestehen- chen Ermittlungen, tatsächlich zum Einsatz
beitung zugänglich zu machen. Zum an- den Schwierigkeiten im Datenschutz hat
deren startet im Gesundheitswesen 2006 Weichert beschrieben (2005).
ein Großprojekt, mit dem die Umsetzung
auch anderer Verwaltungsaufgaben durch Auf die Verfügbarkeit der Daten für polizei-
1 Der Einführung der Gesundheitskarte stehen
eGovernment erprobt wird. Es wird deut- liche oder geheimdienstliche Verfolgung in anderen Industrienationen vergleichbare
lich, dass dieses Großprojekt im Gesund- möchte ich an dieser Stelle nicht einge- Projekte gegenüber. Die Deutsche Gesund-
heitswesen einen Ausblick auf die staatli- hen, obwohl hier ebenfalls größte Aufmerk- heitskarte ist Teilprojekt eines Europäischen
Telematikprojekts (Paland & Riepe, 2005).
che Organisation verschiedener Lebens- samkeit angezeigt ist. Die elektronische Auch hat im Jahre 2004 der frühere republi-
bereiche ermöglicht: Sollte sich die Datenverarbeitung macht es eben auch kanische Fraktionsführer im Kongress Newt
Authentifizierung im Gesundheitswesen möglich, große Mengen an personenbezo- Gingrich das Motto ausgegeben: „Paper Kills“
und die Einführung eines „Virtual public health
technisch realisieren, der Informationsfluss genen, auf einem Servernetz gespeicher- service“ in Aussicht gestellt. Im Lancet wird
zwischen den Servern gewährleistet sein te Daten, wie die elektronische Patienten- dieses Vorhaben als „Millenium Project“ be-
und keine nennenswerten Akzeptanzpro- akte, zu filtern und aufzubereiten. Dass zeichnet: Fernziel ist eine Globalisierung des
Gesundheitssystems, mit der adminstrativ
bleme beim Endnutzer auftreten, wird die- hierbei der Datenschutz an die politischen
besserer Zugang zu forschungsrelevanten
se Architektur auch auf die Verwaltung an- Erfordernisse leicht anzupassen ist, hat Daten (Juma & Yee-Cheong, 2005) gewähr-
derer Lebensbereiche übertragen werden1. zuletzt die bundesrepublikanische Raster- leistet werden kann.

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kommt. Als Ausgangspunkt der folgenden unserer liberalen, bürgerlichen Gesellschaft, der Pest heimgesuchte Stadt zu kontrollie-
Überlegungen soll die These dienen, dass mit der die konkreten Techniken, die das ren, erkannte Foucault den Keim der
die Gesundheitskarte mit der durch sie Subjekt zum Objekt der Herrschaft macht, „Disziplinierungsanlage“, das „Modell der
möglichen Dokumentation gleichzeitig ein rekonstruiert werden können. Disziplinierung“ (ebenda, S. 254): „Dieser
Empowerment des Patienten bedeutet und geschlossene, parzellierte, lückenlos über-
die Verfeinerung seiner Überwachung – Für Foucault verschränkten sich die „Tech- wachte Raum, innerhalb dessen die Indi-
und damit seine Ohnmacht die Folge ist. nologien der Macht, (...) die das Verhalten viduen in feste Plätze eingespannt sind, die
Dies ist der Fluchtpunkt der anschließen- von Individuen prägen und sie bestimm- geringste Bewegung kontrolliert und sämt-
den Überlegungen: Diese Individualisie- ten Zwecken oder einer Herrschaft unter- liche Ereignisse registriert werden, eine
rung ist gleichzeitig eine Verfeinerung der werfen“ und die „Technologien des Selbst, ununterbrochene Schreibarbeit das Zen-
Herrschaftstechniken. (...) die es dem Einzelnen ermöglichen, aus trum mit der Peripherie verbindet, die Ge-
eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine walt ohne Teilung in einer bruchlosen Hie-
Diese Verschränkung von Individualisierung Reihe von Operationen an seinem Körper rarchie ausgeübt wird, jedes Individuum
und Herrschaft ist das Thema des franzö- oder seiner Seele, seinem Denken, seinem ständig erfasst, geprüft und unter die Le-
sischen Philosophen Michel Foucault. Mit Verhalten und seiner Existenz vorzuneh- benden, die Kranken und die Toten aufge-
dem Begriff der „Gouvernementalität“ be- men, mit dem Ziel, sich so zu verändern, teilt wird – dies ist das kompakte Modell
zeichnete er seine Untersuchung der ge- dass er einen gewissen Zustand des der Disziplinierungsanlage.“ (Foucault,
schichtlichen Entwicklung von Herrschafts- Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Voll- 1975, S. 253). Im absolutistischen Staat
techniken, eine „Genealogie des Regie- kommenheit oder der Unsterblichkeit er- zielte, vereinfacht ausgedrückt, die Macht
rens“. Dabei war für ihn von Interesse, wie langt.“ (Foucault, 1984, S. 26) zu jeweils des Souveräns auf die Kontrolle eines Ter-
sich Regierungstechniken und Subjektivie- historisch spezifischen Regierungs- oder ritoriums mittels repressiver Herrschafts-
rung verschränken. Dieses Erkenntnisin- Herrschaftstechniken. techniken ab. Dabei funktionierte Kontrol-
teresse kommt auch im Kunstwort „Gou- le über Ausschluss bzw. Einschluss der
vernementalität“ (Übersetzung des franzö- Foucault schrieb eine Genealogie der Kon- Körper der Delinquenten. Kontrolliert wird
sischen Begriffs „gouvernementalité“) zum trolle, indem er als Historiker erfasste, wie der kranke oder delinquente Körper auf das
Ausdruck: Es setzt sich zusammen aus ei- in den Zeitläufen der Umgang mit Devianz, Gröbste, indem er eingesperrt wurde und
ner Verbindung der Begriffe „Regieren“ Krankheit, Kriminalität oder Irrsinn das einer ständigen Überwachung durch Wär-
(„gouverner“) und „Denkweise“ („mentali- Modell für die allgemeine Herrschaft ab- ter unterworfen wurde: Wen dieses Sys-
té“) (Foucault 1991)2. In diesem Begriff gegeben hat. Dabei unterschied Foucault tem erfasste, der war ausgeschlossen und
vereinte Foucault begrifflich, was seiner eine geschichtliche Abfolge von drei For- im Dunkeln. Dagegen kontrolliert die
Analyse nach historisch als Ko-Formation men der Regierung: Vom Souverän über nationalstaatliche „Disziplinargesellschaft“
verstanden werden muss: der moderne die Disziplinargesellschaft zum Gouverne- (ebenda, S. 269), die sich nach Foucault
Staat bringt das moderne Subjekt, das er ment. Die untersuchten Techniken der im Verlaufe des 17. und 18. Jahrhundert
für sein Funktionieren braucht, durch Kontrolle und Disziplinierung geben das entwickelt, vervielfältigt und verfeinert hat,
Regierungstechniken hervor. Kennzeichen Exempel ab für die Technik, mit der Herr- ihre einzelnen Mitglieder durch systemati-
dieses historischen Prozesses ist eine zu- schaft zu diesem Zeitpunkt ausgeübt wird. sche Sichtbarmachung. Das Prinzip des
nehmende Verobjektivierung des Selbst. Foucault betrachtete die Disziplinierungs- Kerkers – einsperren, verdunkeln und ver-
Ein historischer Prozess führt zu einer techniken nicht nur als Kontrolle des Straf- bergen – verkehrt sich in das Gegenteil:
immer weitergehenden Verfeinerung der täters oder des Kranken, sondern sie kenn- Die Disziplinargesellschaft erfasst alles
Techniken, mit denen das Subjekt sich zeichnen seiner Ansicht nach, pars pro toto, durch ständige Sichtbarkeit. Die Kontroll-
selbst zum Objekt macht und in diesem als Extrem die übergreifenden, alle Mitglie- techniken in der Seuchenzeit kennzeich-
Prozess der Verobjektivierung im Sinne der der einer Gesellschaft erfassenden neten für Foucault einen Übergang. Die
Herrschaft denkt, lebt, fühlt. Dieser Gedan- Herrschaftstechniken. Disziplinierung vollzieht sich in beiden Fäl-
ke ist vertraut auch aus anderen Theorien: len unmittelbar am Körper, allerdings ver-
Die Exponenten der Kritischen Theorie be- In seinem Buch „Überwachen und Strafen“ schiebt sich der Ort der Kontrolle: War es
schäftigten sich in ihrer Kritik der Konstitu- analysierte er (Foucault, 1975) die Verän- in der Kontrollgesellschaft der Wärter, so
tionsbedingungen von Subjektivität und der derungen der Herrschaftstechniken zu Be- verschiebt sich in der Disziplinargesellschaft
Analyse der historischen Hervorbringung ginn der bürgerlich-liberalen Gesellschaft. die Dokumentation in ein Zentrum, an dem
von Subjektivität mit einer ähnlichen Fra- Der Begriff des „Panoptismus“ überschreibt
gestellung. Wie Adorno und Horkheimer das dritte Kapitel. Es beginnt mit einer Schil-
begriff Foucault das Selbsterleben als Pro- derung des Pest-Reglements am Ende des
2 Zur ausführlichen Begriffsgeschichte und der
dukt eines historischen Prozesses, als Er- 17. Jahrhunderts. Eindrücklich beschrieb Entwicklung der Foucaultsche Theorie vgl.
gebnis sehr feiner Techniken der Fremd- Foucault den Versuch, der Pest durch Kon- Lemke (1997). Die Foucaultsche Theorie-
trolle und Einschluss der Körper, also ei- entwicklung ist in Schritten erfolgt, die hier
und Selbstbeherrschung. Der besondere
darzustellen den Rahmen sprengen würde.
Wert der Foucaultschen Analyse an dieser nes jeden Körpers, ob krank oder gesund, Die folgende Schilderung ist verkürzt und auf
Stelle ist seine Mikrophysik der Macht in Herr zu werden. In diesem System, die von die vorliegende Fragestellung zugespitzt.

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die Informationen zusammenlaufen. Die nicht realisiert worden ist, können wir doch
Individuen müssen für dieses Zentrum in modernen Gefängnissen wie in den Ver-
sichtbar sein, ohne es selbst sehen zu kön- einigten Staaten und unseren Kranken-
nen. Nach Foucaults Einschätzung geht häusern Elemente dieses Prinzips realisiert
diese umfassende Kontrolle während der sehen.
Pestzeit den heutigen Regierungstechniken
voraus und enthält bereits wesentliche Ele- Für Foucault bestand der Wert der Ben-
mente der modernen Gouvernementalität: thamschen Planung in ihrer Beispiel-
Der absoluten Sichtbarkeit des Individu- haftigkeit für die Herrschaftstechnik der
ums. Diese Gouvernementalität zielt auf ein bürgerlich-liberalen Gesellschaft und ihrer
„Regieren aus der Distanz“ (Krasmann, doppelten Wirkung auf das Subjekt. Das
1999, S. 109). Panoptikum war für Foucault die Metapher
für die bürgerlich-liberale Herrschaft. Die
Die Gouvernementalität stellt nun die his- Rationalität der liberalen Wirtschaftsord-
torisch jüngste Kontrolltechnik dar, in der nung wird nicht wie die Rationalität des
das Individuum selbst seine Prüfung auf Feudalsystems in vergangenen Zeiten ein-
die herrschende Rationalität übernimmt gehalten, indem die Devianz ausgeschlos-
und diese durchsetzt. Diese systematische sen und verdunkelt wird, sondern durch
Selbstkontrolle setzt die Repräsentanz der eine Partialisierung und beständige Sicht-
herrschenden Rationalität – in unserem Fall barkeit des Individuums. Die Sichtbarkeit
der liberalen Ökonomie – im Individuum hat zur Folge, dass jeder zu jedem Zeit-
voraus. Um zu illustrieren, wie diese Ver- punkt in seinem individuellen Handeln und
schränkung der „Technik der Macht“ mit der seinen individuellen Motiven ausgemacht
„Technik des Selbst“ funktioniert, bediente werden und seine Handlung auf Stimmig-
sich Foucault des Gefängnismodells des keit mit der herrschenden Rationalität über-
englischen Ökonomen, Theoretikers des prüft werden kann. Diese ständige Sicht-
Utilitarismus und Philosophen Jeremy
Bentham: Das Panoptikum.
barkeit hat eine Wirkung auf das Subjekt:
„Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unter-
1/3 hoch
worfen ist und dies weiß, übernimmt die
Das Prinzip des Panoptikums besteht darin, Zwangsmittel der Macht und spielt sie ge-
dass von einem zentralen Punkt des Ge- gen sich selbst aus; er internalisiert das
fängnisses aus alle Gefängniszellen ein- Machtverhältnis, in welchem er gleichzei-
sehbar und jederzeit kontrollierbar sind. tig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip
Dieses Prinzip sollte durch bauliche Maß- seiner eigenen Unterwerfung.“ (ebenda, S.
nahmen erreicht werden, bei der sämtli- 260). Diese Sichtbarkeit hat einen eigen-
che Zellen ringförmig um einen Turm im tümlichen Subjektivierungsschub zur Fol-
Zentrum angeordnet gewesen sind. Die ge: Die Machttechnik der Partialisierung
Anlage sollte nach Bentham so angelegt betont die Isoliertheit des Individuums im
sein, dass alle Insassen jederzeit von einer Kontakt mit der herrschenden Ordnung.
Person beobachtet werden konnten, ohne Damit führt die „Technik der Macht“ gleich-
selbst die beobachtende Person wahrneh- zeitig auf Seiten des Individuums zu einer
men zu können oder den Zeitpunkt der Selbst-Objektivierung, einer Prüfung der
Beobachtung bestimmen zu können. Ein Handlung und Motive auf ihre Kompatibili-
Motiv bei dieser Planung war für den libe- tät mit der gesellschaftlichen Rationalität.
ralen Ökonomen Bentham die Effektivität Aufgrund dieser Techniken des Selbst wird
des Überwachungssystems, da es mit re- aber bei zunehmender panoptischer
lativ wenig Personalaufwand einen mög- Regierungstechnik die Sanktion und direk-
lich großen Überwachungseffekt zeitigt. te repressive Machtausübung immer we-
Bentham sah sein Modell ebenfalls als sehr niger nötig: „In jeder dieser [panoptischen,
geeignet an, um Schulen, Krankenhäuser OD] Anwendungen ermöglicht es die Per-
und Fabriken zu bauen – sämtliche Ein- fektionierung der Machtausübung: weil es
richtungen, die eine Überwachung und die Möglichkeit schafft, dass von immer
Disziplinierung von Individuen zum Ziel weniger Personen Macht über immer mehr
haben, könnten nach diesem Organisa- ausgeübt wird; weil es Interventionen zu
tionsprinzip gebaut werden. Obwohl die- jedem Zeitpunkt erlaubt und weil der stän-
ses Bauprinzip zu Lebzeiten von Bentham dige Druck bereits vor der Begehung von

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Fehlern, Irrtümern, Verbrechern, wirkt; ja deutetet nicht nur, „Ich sehe Dich, Du siehst investiert wird, bleibt eben jedem Einzel-
weil unter diesen Umständen seine Stärke mich nicht“. Allerdings kommt dieser um- nen überlassen, der in seine Gesundheit
gerade darin besteht, niemals eingreifen fassenden Dokumentation eine Schlüssel- investieren möchte – wie auch die Folgen
zu müssen, sich automatisch und ge- position zu. seiner fehlerhaften Investitionsplanung sein
räuschlos durchzusetzen, einen Mechanis- unternehmerisches Risiko bleiben.
mus von miteinander verketten Effekten zu Im Medizinalsystem lässt sich vielleicht am
bilden.“ (ebenda, S. 264/265). besten beobachten, was Gouvernemen- Lemke fasste die Gemeinsamkeiten der
talität bedeutet (Petersen & Bunton, 1997) gesellschaftlichen Veränderungen mit dem
Im Moment der Durchsetzung des Panop- und welche Subjekteffekte die Regierungs- Blick der Gouvernementalität zusammen:
tismus wird die herrschende Logik zur Lo- techniken haben. In der Kritik des Medi- „Während am Ende des 19. Jahrhunderts
gik der Beherrschten. Sie übernehmen, zinalsystems hat Foucaults Herrschafts- die Sozialisierung des Risikos an die Erfin-
geübt in tagtäglicher Selbstkontrolle, diese analyse wahrscheinlich die deutlichsten dung neuer – sozialer – Formen der Re-
Rationalität. Spuren hinterlassen, da Foucaults Rekons- gierung gebunden war, geht am Ende des
truktion der Herrschaftsmechanismen an 20. Jahrhunderts die Privatisierung von Ri-
prominenter Stelle die Kontrolle der Kör- siken auf eine Neuauflage liberaler
Kontrolle und Medizin per stehen hat (Crary & Kwinter, 1992). Die Regierungsmodi zurück. Diese neoliberale
jüngeren Forschungsaktivitäten sollen hier Regierungsformen führen jedoch nicht zu
Mit der Einführung der Gesundheitskarte nur noch abschließend und exemplarisch einer Verlagerung von Handlungskompe-
scheint es, als würde die panoptische Phan- skizziert werden, um deutlich zu machen, tenzen von der staatlichen auf die gesell-
tasie Benthams zu sich selbst kommen. Die inwieweit die Einführung der Gesundheits- schaftliche Ebene, zu einem Abbau des
geplante Serverarchitektur gestattet es, karte in Zusammenhang mit einer neo- Staates oder einer Beschränkung auf einen
sämtliche Ereignisse mit einem minimalen liberalen Umstrukturierung des Sozialsys- „Nachtwächterstaat“; im Gegenteil über-
personellen Aufwand zu dokumentieren: tems steht und auf welchen unterschiedli- nimmt der Staat innerhalb des Neolibe-
Jeder Abruf der Karte und Daten wird re- chen Ebenen diese Strukturierung sich voll- ralismus über seine traditionellen Funktio-
gistriert und gespeichert, jeder Arztbesuch zieht. Denn die Gesundheitskarte wird zu nen hinaus neue Aufgaben. Die neoliberale
dokumentiert, jede Krankheit festgeschrie- einer Zeit eingeführt, zu der das solidari- Regierungsformen zeichnen sich nicht
ben, jede Teilnahme an präventiven Maß- sche Gesundheitssystem zur Disposition durch direkte Interventionen durch autori-
nahmen dokumentiert. Die Kontrolle der steht. Sie wird ein Instrument sein, um den sierte und spezialisierte Staatsapparate aus,
solcherart Überwachten kann sich zu je- Wechsel vom solidarischen Gesundheits- sondern auch durch die Entwicklung indi-
dem Zeitpunkt vollziehen, ohne dass dies system zum liberalen Gesundheitsmarkt rekter Techniken, die Individuen führen und
von den Betroffenen zu bemerken wäre. abzusichern. Die als Effekt des Panoptismus anleiten, ohne für sie verantwortlich zu
Sie wissen um ihre Überwachung und das eintretende Selbstprüfung des Einzelnen sein.“ (Lemke, 2000a, S. 37 f.).
Potential der Kontrolle und hierin besteht auf die ökonomische Rationalität seiner
Handlung ist für ein solidarisches Gesund- 3 Inwiefern die von Foucault beschriebenen Fol-
die Wirkung dieser Regierung. Diese Wir- gen der individuellen Selbstkontrolle tatsäch-
kung der panoptischen Überwachung heitssystem bei weitem nicht so notwen- lich übernommen werden, ist eine noch
macht nicht bei den Patienten halt. Die dig, wie sie eine notwendige Voraussetzung empirisch offene Frage. Möchte man einen
bei der Vermarktwirtschaftlichung eben der Eindruck davon erhalten, wie weitreichend die
Angehörigen der Heilberufe sind nicht nur
Rationalität der liberalen Ökonomie von den
als Patienten betroffen, sondern auch hin- Gesundheit ist. Erst wenn das einzelne Sub-
Menschen bereits übernommen worden ist,
sichtlich ihrer eigenen Intervention, Doku- jekt seine Gesundheit als ein Projekt be- so muss man die gegenwärtige Entwicklung
greift, für dessen investive Pflege er ver- mit der Volkszählung von 1987 kontrastieren.
mentation und etwa in ihrer Weiterbildung
Der damalige Volkszählungsboykott mobili-
zu jedem Zeitpunkt zu kontrollieren, ohne antwortlich ist, kann ein Marktgeschehen
sierte noch weite Teile der Bevölkerung, die
dass diese Kontrolle für sie bemerkbar sich auch in Bezug auf den Körper realisie- einen Überwachungsstaat kommen sahen.
wäre3. ren. Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht
sich in der Sache auch engagiert und hohe
Auflagen zur Anonymisierung der Daten ge-
Es ist nicht der einzige Ort, an dem sich im Der Kern der gegenwärtigen Umstruktu- macht. Heute ist die technische Möglichkeit,
Medizinalsystem die Gouvernementalität rierung im Gesundheitssystem ist ein wei- Daten über die gesamte Bevölkerung zu sam-
testgehender Paradigmenwechsel, der weg meln, zu archivieren und nach willkürlichen
manifestiert. Der Stellenwert der Medizin Kriterien zu bearbeiten und Individuen zuzu-
bei der Kontrolle von Abweichung ist be- von einer solidarischen „sorgenden Sozial- ordnen in einem Maße gegeben, wie es zu
reits deutlich geworden, wenn Foucault politik“ (Prisching, 1993) hin zu einem „Ge- Anfang der achtziger Jahre vielleicht gerade
währleistungsstaat“ führt (Franzius, 2003): mal einigen Informationstheoretikern denk-
den Beginn der Disziplinargewalt mit Ver-
bar erschien. Und eine kritische Öffentlich-
waltung der von der Pest befallenen Stadt Gesellschaftliche Gruppen werden in die-
keit, die sich mit dieser Möglichkeit ausein-
beschreibt (Tierney, 2004). Aber auch die sem Verständnis weniger als schutz- andersetzt, sie gar boykottiert, ist nicht aus-
Kontrolle der Krankheit hat sich verändert. bedürftig und mehr als gleichberechtigte zumachen. Die politischen Auseinanderset-
Akteure, Produzenten und Investoren de- zungen um die Einführung dieser Karte blei-
Der Panoptismus als besondere Technik ben im Rahmen der Logik der wirtschaftli-
der Gouvernementalität setzt sich nicht erst finiert. Der Betrag, der in die Gesundheit chen Liberalisierung und Ökonomisierung, die
mit der Gesundheitskarte durch und be- des einzelnen Mitglieds einer Gesellschaft diese Form der Kontrolle notwendig braucht.

344 Psychotherapeutenjournal 4/2005


O. Decker

Für Psychotherapeuten und Psychosoma- versursachenden Stress: Beide sind mit ablesen (Weir, 1996). Die Logik der Gou-
tiker von einprägsamer Intensität ist Monica einer rationalen Lebensführung nicht in vernementalität durchzieht ebenfalls die
Greccos (1993) Analyse der Einbettung der Einklang zu bringen. Wie bei Erkrankungen Genetik, steht doch das Versprechen im
Psychosomatik in die Gouvernementalität. in Folge eines Zigarettenkonsums, so zei- Raum, dass das statistische Risiko einer
Ihre Analyse der Entwicklung psychosoma- gen psychosomatische Erkrankungen, dass Erkrankung sich bestimmen lässt. Ist das
tischer Krankheitskonzepte macht sichtbar, das Individuum unfähig ist, ein freies und Risiko aber individuell und nicht mehr nur
welche Bedeutung Gesundheit und Krank- rational handelndes Subjekt zu sein. Wie als epidemiologisches Morbiditäts- oder
heit mit der neoliberalen Rationalität an- auf das Rauchen zu verzichten ist, so hät- Mortalitätsrisiko zu bestimmen, so führt es
genommen haben. Grecco macht kennt- te es auch frühzeitig die Stressentwicklung zu einer Individualisierung des Risikos: „Die
lich, was der Wechsel vom biomedizini- erkennen müssen und etwa mit therapeu- Einzelnen sollen sich zugleich durch eine
schen Krankheitsmodell, das Krankheit als tisch begleiteter Entwicklung von Coping- explizite Risikobereitschaft auszeichnen
Folge einer körperlichen Ursache behan- strategien dem Stress begegnen müssen. und ein vorausschauendes Risikomanage-
delt, zum psychosomatischen Krankheits- Krankheit und Gesundheit unterliegen ment betreiben.“ (Lemke, 2000b, S. 239).
modell mit seinem biographischen Krank- insgesamt nicht mehr den Kategorien von
heitsverständnis für die Bewertung von Zufall oder Schicksal, sondern stehen im Dass dieser liberale Zwang, die technisch-
Krankheit bedeutet. Der Fortschritt des bio- Kontext einer rationalen Lebensführung medizinischen Möglichkeiten der Früher-
medizinischen Krankheitsverständnisses und verweisen damit auf die Eigenverant- kennung und Behandlung zu nutzen, in
gegenüber dem voraufgeklärten, christlich wortlichkeit des Individuums für seinen einem Kontext mit der Gesundheitskarte
konnotierten Verständnis war die Ablösung Zustand. Die Gesundheitskarte erlaubt die stehen, kann abschließend ein Blick auf die
der Krankheit von Schuld und Verfehlung, Dokumentation etwa der ausreichenden Zukunft des Krankenversicherungsmarktes
Sühne oder Prüfung. Die Krankheit wurde Teilnahme an präventiven Maßnahmen deutlich machen. Schmidt-Semisch
mit dem naturwissenschaftlichen Verständ- und Vorsorgeuntersuchungen, die zur (2000) untersucht die Logik, die der „versi-
nis ein regelwidriger Zustand des Körpers Pflicht eines rational handelnden Subjekts cherungsmathematischen Gerechtigkeit“
und der Kranke war für diesen Zustand gehören. Dass dabei „ausreichend“ eine (ebenda, S. 169) zugrunde liegt. Bisherige
nicht verantwortlich. Mit dem vom Kategorie ist, die sich erst mit der Erkran- Sozialversicherungen wie die Krankenkas-
Medizinsoziologen Talcott Parson formulier- kung, bzw. mit ihrem ausbleiben evaluiert, se lag ein „sozialer“ Gerechtigkeitsbegriff
ten Rollenverständnis des Patienten fand hat hier keine Relevanz. Es verschärft eher zugrunde: Risiken werden durch ein Sys-
dieses Krankheitsmodell seinen sozialen noch die Individualisierung des Risikos zu tem getragen, in das alle unabhängig vom
Ausdruck: Der Patient war an seiner Krank- erkranken, weil das Damoklesschwert je- individuellen Risiko einzahlen. „Wir haben
heit unschuldig, bekam Rechte als Kranker derzeit nieder gehen kann. So wird es zu es also mit zwei Grammatiken von Solida-
und die Pflicht, an seiner Genesung mit- einer Verstärkung der Rituale der Selbst- rität und Gerechtigkeit zu tun: Die erste ist
zuwirken. Grecco weist nun darauf hin, dass kontrolle kommen, um sich und anderen die über den Markt vermittelte, freiwillig
sich im Zuge des psychosomatischen das Engagement für die eigene Gesund- erworbene Solidarität des Versicherungs-
Krankheitsmodells ein Verständnis von heit zu dokumentieren. In der elektroni- kollektives, die entsprechend der versiche-
Krankheit durchgesetzt hat, das unter der schen Patientenakte lässt sich der ver- rungsmathematischen Gerechtigkeit hohe
Hand die moralische Bewertung wieder dienstvolle Lebenswandel niederschreiben. Risiken mit hohen und geringere Risiken
einführt. Jeder Einzelne ist dafür verant- Dass die Teilnahme an präventiven Maß- mit geringen Tarifen belegt (...); die zweite
wortlich, mögliche Noxen in seiner Lebens- nahmen bereits jetzt ein präventiver Zwang ist die vom Staat erzwungene, de-kom-
führung auszuschließen. Was für das Rau- geworden ist, lässt sich bei den Vorsorge- modifizierte Solidarität des Sozialversiche-
chen gilt, gilt nun auch für krankheits- untersuchungen bei Schwangerschaften rungskollektives, die entsprechend einer

1/4 quer

Psychotherapeutenjournal 4/2005 345


Alles auf eine Karte setzen: Elektronisches Regieren und die Gesundheitskarte

sozialen Gerechtigkeit die Tarife an das Ein- men wird: Das Selbst nimmt sich zum liberalismus und Gesundheitspolitik in
kommen und Kompensationsleistungen an Objekt einer ständigen Prüfung, inwieweit Deutschland. Frankfurt: VAS.
soziale Bedürftigkeit knüpft.“ (ebenda, S. es der herrschenden Rationalität entspricht DIMDI. Deutsches Institut für Medizinische
170 f.). und übernimmt damit den Job seines ei- Dokumentation und Information
genen Wächters. Zwar ist die liberale Wirt- (2004). Die Telematikrahmenarchitek-
Nachdem das solidarische Gesundheits- schaftsordnung bereits jetzt von den meis- ture als Bebauungsplan des Medizin-
system durch den Wandel der Arbeitsge- ten Mitgliedern der Gesellschaft introjiziert. netzes. http://www.dimdi.de/static/de/
sellschaft4 unter Druck geraten ist, sehen Mit der Einführung der Gesundheitskarte ehealth/karte/technik/
die derzeit in der Diskussion befindlichen wird die Kontrolltechnologie jedoch verfei- rahmenarchitektur/index.htm
Finanzierungsmodelle in der Regel min- nert werden, indem sie zusätzlich in das [10.08.2005]
destens eine privatwirtschaftliche Zusatz- Subjekt verlagert werden. Die Gesundheits- Engemann, Chr. (2002). Das Internet und
versicherung zum Solidarmodell vor. Das karte ist das Panoptikum, durch welches die neue Gestalt bürgerlicher Herrschaft:
bedeutet, dass neben einer bestimmten die Einhaltung der Regeln durch das Sub- Electronic Government. Utopie kreativ,
Sockelsicherung durch ein Solidarsystem jekt durch dieses selbst kontrolliert wird, Heft 135, 45-54.
mindestens zusätzliche medizinische Leis- indem es zu seinem eigenen Überwa- Foucault, M. (1975). Überwachen und Stra-
tungen nur durch eine individuell abzu- chungsorgan wird. Dies führt gleichzeitig fen. Die Geburt des Gefängnisses.
schließende private Krankenversicherung zu einer paradoxen Situation: Die Zunah- Frankfurt/M.: Suhrkamp (1977).
zu sichern sind – wenn diese nicht das me individueller Verfügungsmöglichkeiten Foucault, M. (1984). Technologien des
ganze Solidarsystem ersetzen wird. „Der als (beispielsweise an Informationen) gehen Selbst. In: L. H. Martin, H. Gutmann &
Um- oder Abbau bezeichnete Rückzug des einher mit dieser Verlagerung der Kontrol- P. Hutton (Hrsg.) (1993). Technologien
Sozialstaats kann dementsprechend als le an die Individuen selbst, so dass die des Selbst. S. 24-62. Frankfurt/M.: Fi-
Durchsetzung der versicherungsmathema- Repression individuell als Freiheitsgewinn scher.
tischen gegen die soziale Gerechtigkeit erfahren werden kann. Die Mitglieder der Foucault, M. (1991). Governementality. In:
verstanden werden.“ (ebenda, S. 171). Die- Gesellschaft werden in einer doppelten G. Burchall, C. Gordon & P. Miller (Hrsg.).
se versicherungsmathematische Gerechtig- Logik gleichzeitig ermächtigt und ohnmäch-
keit macht aber eine Kontrolle notwendig: tig gegenüber den entindividualisierten In-
„Der Arbeitsunwillige“, der Raucher, der stanzen der Herrschaft. 4 In Erinnerung zu behalten ist hierbei immer,
dass das Solidarsystem nicht etwa an sich
Übergewichtige (und viele mehr), sie alle
selbst oder der ausufernden Inanspruchnah-
werden tendenziell zu Präventionsverwei- Literatur: me zugrunde gegangen ist: Die Kosten sind
gerern, die ihre unnötigen, weil vermeid- inflationsbereinigt seit den neunziger Jahren
Bales, S. (2005). Die Einführung der elek- nicht gestiegen (Deppe, 2002). Die Krise im
baren Schäden selbst verursacht haben,
tronischen Gesundheitskarte in Sozialsystem ist dem Umstand geschuldet,
und damit schließlich zu Versicherungs- dass der Rückgang der sozialversichert Be-
Deutschland. Bundesgesundheitsblatt,
betrügern. Die „Rede vom sozialen Netz schäftigen bei gleich bleibender Zahl der Leis-
Gesundheitsforschung, Gesundheits- tungsbezieher nicht durch andere Modelle der
als soziale Hängematte im Freizeitpark
schutz 48, 727-731. Finanzierung abgefedert worden sind. Anfang
Deutschland (Freyberg, 1997, S. 185) der achtziger Jahre hat noch der Deutsche
Böckling, U., Krasmann, S. & Lemke, Th.
macht tendenziell alle „Netto-Empfänger“ Gewerkschaftsbund Modelle der Finanzierung
(2000) (Hrsg.). Gouvernementalität der
der Sozialversicherung verdächtig. Nur die diskutiert, die dem rationalisierungbedingten
Gegenwart. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Abbau an Arbeitsplätzen mit einem Einbezug
propagierte versicherungsmathematische
Bundesregierung (1999). Moderner Staat der Maschinen in das Sozialsystem begeg-
Rationalität – so die implizite Botschaft – nen wollten. Das diese ja keinesfalls revoluti-
– Moderne Verwaltung. http://
kann dieser (betrügerischen) „Vollkasko- onären Ideen nie eine Chance hatten, merkt
www.st aat -modern .de/-,10010/ E- man daran, wie utopisch sie heute erschei-
Mentalität“ ein Ende setzen, weil sie alle
Government.htm [10.08.2005] nen. Die von der CDU im Bundestagswahl-
Risikounterschiede der Personen berück- kampf 2005 präferierte Erhöhung der Mehr-
Bundesregierung (2005). Bundeskabinett
sichtigt. Wenn diese Rationalität auf das wertsteuer zur Senkung der Lohnneben-
beschließt gemeinsame eCard Strate- kosten bedeutet nur noch einmal den Ab-
Rechtswesen der Gesellschaft übergreift
gie. http://www.staat-modern.de/ schied der Arbeitgeber aus dem staatlich ver-
und damit auch soziale Kontrolle der Gram- mittelten Solidarsystem und wird den hier
dokumente/ sm_artikel_staat_modern/
matik versicherungsmathematischer Ge- beschriebenen Prozess durch Aushöhlung
799625/dok.htm [10.08.2005]
rechtigkeit unterstellt, wird der Verdacht des Solidarsystems beschleunigen. Das per-
Crary, J. & Kwinter, S. (1992). Incorpora- fide an diesem Vorschlag ist zweierlei: Zum
gleichsam allgemein. In der „verdächtigen
tions. New York: Zone. einen werden durch die Erhöhung einer indi-
Gesellschaft“ (Kreissl, 1989) wird tenden- rekten Steuer die Bezieher kleiner Einkom-
Decker, O. & Brähler, E. Vermessene Psy-
ziell jeder zu einem potenziellen „Täter“, men stärker belastet, es handelt sich eben
chotherapie – Überlegungen zu ökono- nicht um eine einkommensabhängige Betei-
dessen Risikokombination es zu durchdrin-
mischen und zivilisatorischen Aspekten ligung an den Kosten. Zum anderen sind Selb-
gen gilt.“ (ebenda, S. 178). ständige/Unternehmer steuerrechtlich in der
der Qualitätssicherung. VPP – Verhal-
Regel Mehrwertsteuerabzugsberechtigt,
tenstherapie und psychosoziale Praxis sprich die Unternehmer können anders als
Die neoliberale Rationalität des Marktes ist
34, 875-887. private Haushalte die Steuererhöhung tat-
dann am besten durchzusetzen, wenn ihre sächlich an anderer Stelle vom Staat wieder
Deppe, H.-U. (2002). Zur sozialen Anato-
Einhaltung von den Menschen übernom- zurückholen.
mie des Gesundheitssystems. Neo-

346 Psychotherapeutenjournal 4/2005


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