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PHRASEOLOGIE DES DEUTSCHEN

Eine Analyse der Phraseologismen im Auge und ins Auge

Abgabedatum: 27.08.2019

UNIVERSITÉ DE NEUCHÂTEL
INSTITUT DE LANGUE ET LITTÉRATURE ALLEMANDES
DOZENTIN: ELENA SMIRNOVA
SEMINAR: PHRASEOLOGIE DES DEUTSCHEN
VERFASSER: VALENTIN TANNER
ORÉE DU BOIS 130
2300 LA CHAUX-DE-FONDS
VALENTIN.TANNER@UNINE.CH

SCIENCE DU LANGAGE ET DE LA

COMMUNICATION, ORIENTATION

LINGUISTIQUE ALLEMANDE

MASTER
Inhalt

1. EINLEITUNG .................................................................................................................... 3

2. THEORIE ......................................................................................................................... 5

2.1 WAS IST EIN PHRASEM? ........................................................................................................................ 5


2.1.1 Morphologische Eigenheiten ................................................................................... 5
2.1.2 Syntaktische Eigenheiten ........................................................................................ 5
2.1.3 Semantische Eigenheiten ........................................................................................ 6
2.2 KOLLOKATION........................................................................................................................................... 7

3. METHODE ....................................................................................................................... 8

4. ANALYSE ...................................................................................................................... 10

4.1 WELCHE KOLLOKATIONEN KOMMEN MIT IM AUGE UND INS AUGE VOR? ............................ 10
4.2 WELCHE VERBEN KOMMEN ALS KOLLOKATIONEN MIT IM AUGE UND INS AUGE VOR? BEI
WELCHEN VERBEN IST DER AUSDRUCK IDIOMATISCH? ........................................................................ 13

4.2.1 Verben, die bei „im Auge“ sowie „ins Auge“ erscheinen ..................................... 17
4.3 RELEVANTE FÄLLE: EIN DORN IM AUGE. EINE KOLLOKATION? ........................................... 18

5. SCHLUSS ...................................................................................................................... 19

6. QUELLEN ...................................................................................................................... 20

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1. Einleitung
„Jemanden in die Pfanne hauen“ oder „den Rahm abschöpfen“ sind typische Ausdrücke, die
wir in einem deutschen Text lesen oder im Alltag hören könnten. Um die Bedeutung dieser
Ausdrücke zu verstehen, muss ein Nicht-Native-Speaker diese jedoch lernen. Tatsächlich
bedeutet „jemanden in die Pfanne hauen“ nicht, dass wir eine Person mit einer Pfanne
schlagen, sondern, dass wir jemanden scharf und in entwürdigender Weise kritisieren. Und
„den Rahm abschöpfen“ bedeutet nicht, dass wir den Rahm von der Milch nehmen, sondern,
dass wir selbst nur das Beste nehmen wollen.

„Das Rote Kreuz“, „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, „Sonntags nie!“ wären
weitere Beispiele. Dennoch haben Sie Ähnlichkeiten im linguistischen Sinn (vgl. Burger
2010: 11): einerseits bestehen sie mehreren Wörtern, die in einer präzisen Reihenfolge
kombiniert werden, um eine genaue Bedeutung zu übermitteln. Anders gesagt können wir
eben die Ausdrücke – bzw. Phraseologismen – wie ein einzelnes Wort lernen, weil sie einen
deutlichen „Hintersinn“ haben. Die Teildisziplin der Linguistik, die sich mit den sogenannten
Phraseologismen beschafft, ist die Phraseologie, was das Thema dieser Arbeit ist.

In dieser Arbeit ist das zentrale Wort Auge, für welches die deutsche Sprache tausende von
Ausdrücken kennt: die Augen verdrehen, Du gönnst mir nicht das Weisse im Auge, ein Auge
auf jdm. werfen wären einige Beispiele. In dieser Arbeit geht es um etwas Präziseres: die
Komponenten „in + Auge“ werden analysiert, bzw. im Auge (Dativ) oder ins Auge
(Akkusativ). Es handelt es sich um präzise Redewendungen – bzw. Verben – die mit den
beiden Formen vorkommen.

Die Fragestellungen, die ich zu beantworten versuche, sind die folgenden, die gleichzeitig
mit den entsprechenden Hypothesen vorgestellt werden:

• Welche Kollokationen kommen mit im Auge und ins Auge vor?


o Hypothese 1: Die Kollokationen sollten Wörter – vor allem Verben – sein, die
sich in einem Wörterbuch der Phraseologismen befinden.

• Welche Verben kommen als Kollokationen mit im Auge und ins Auge vor? Bei
welchen Verben ist die Form idiomatisch?

3
o Hypothese 2: Die Verben die mit „im Auge“ vorkommen, sind Verben, die
keine direktionale Bedeutung haben (das Dativ wird für Wechselpräpositionen
benutzt, wenn das Verb keine Bewegung ausdrückt).

o Hypothese 3: Die Verben die mit „ins Auge“ vorkommen, sind Verben, die
eine direktionale Bedeutung haben (das Akkusativ wird für die
Wechselpräpositionen benutzt, wenn das Verb eine Bewegung ausdrückt).

o Hypothese 4: Logischerweise – und in Bezug auf die beiden vorhergehenden


Hypothesen – sollten die Verben mit „im Auge“ und nicht mit „ins Auge“
erscheinen.

o Hypothese 5: ± 50% der Verben pro Syntagma werden häufig vorkommen.


Die anderen 50% werden Verben sein, die nur einmal (oder zweimal)
vorkommen. Anders gesagt, es sollte der Zipf-Verteilung entsprechen.

• Gibt es andere Fälle, die relevant sind?

Am Anfang dieser Arbeit verdeutliche ich die theoretischen Konzepte, die wichtig für das
Verständnis der folgenden Analyse sind. In diesem Kapitel mache ich den Unterschied
zwischen Kollokationen und Phraseologismen, versuche eine Definition von beiden zu
geben. Anderseits geht es um die metaphorischen Sinne eines Syntagmas. Zweitens
beschreibe ich genauer die Methode, die ich benutzt habe, um meine Daten zu erhalten und
zu analysieren. Drittens geht es um die Analyse meiner Daten, die in zwei Teilen aufgeteilt
wurden: Zuerst präsentiere ich die Verben, die mit beiden Varianten vorkommen, dann stelle
ich die verschiedenen Sonderfälle, die ich identifiziert habe, vor. Am Schluss fasse ich meine
Arbeit zusammen.

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2. Theorie

2.1 Was ist ein Phrasem?

Die Phraseologie ist ein breites Gebiet der Linguistik, das sich mit Phrasemen beschafft. Das
Griechische „phrasislogos „ bedeutet phrasis (bzw. Rede). Dieser Bereich hat sich ab den
70er Jahren entwickelt (Donalies 2009: 3) und bezieht sich konkreter um die Beziehungen
zwischen Wörtern, bzw. die Bedeutung, die sie zusammen haben. Anders gesagt handelt es
sich um die Lehre von den festen Wortverbindungen einer Sprache, „die in System und Satz
Funktion und Bedeutung einzelner Wörter (Lexeme) übernehmen können“ (Palm 1995: 1).

Wie die Autorin Gladysz (2003: 81) ausführt, haben die Wörter „enge Assoziationen“: das
Verb wiehern wird logischerweise mit dem Substantiv Pferd verbunden. Ähnliche Beispiele
gibt es tausende: blond und Haare, oder Auto und fahren. Diese feste Verbindung zwischen
zwei oder mehreren Wörtern, deren Gesamtbedeutung sich nicht mehr aus der Bedeutung
der einzelnen Komponenten ergibt, sondern eine Übertragung erfahren hat, nennt man
„Phrasem“. Diese Phraseme können nach verschiedenen Eigenschaften angeordnet werden,
genauer nach morphologischen, syntaktischen und semantischen Eigenheiten, die weiter
unten erklärt werden.

2.1.1 Morphologische Eigenheiten

Zu Beginn geht es um eine Entität, die aus mehr als einem Wort besteht, was manchmal
auch problematisch sein könnte, weil die Definition von einem Wort oft unklar ist. Es handelt
sich hier um Polylexikalität. Dennoch betrachtet die Literatur dies als einen Grenzfall: die
Sagwörter, „bei denen Sprichwörter [...] in dem Sinne erweitert werden, dass eine – meist mit
den normalen Erwartungen auf witzige kontrastierende – Situation angeben wird, in den
Ausdruck sagt“ (Burger 2010: 15). Dazu erwähnt Burger (2010: 9) noch die Funktionswörter
(z. B.: bis zu) oder einige Kombinationswörter wie ein Funktionswort und ein Inhaltswort (z.
B.: auf Anhieb). Zusammenfassend beurteilen wir für die vorliegende Arbeit, dass ein
Phrasem mehr als ein Wort enthält.

2.1.2 Syntaktische Eigenheiten

Darauf gibt es syntaktische Eigenheiten, die die Gebräuchlichkeit betreffen, weil die
Phraseologismen logischerweise „in einem synchronen Sprachquerschnitt gebräuchlich sind“
(Burger 2015: 15). Wenn jemand ein Phraseologismus hört, braucht er tatsächlich nicht die

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wörtliche Bedeutung jedes Wortes zu kennen, um es zu verstehen. Der Phraseologismus ist
zu einem genauen Zeitpunkt entstanden. Dennoch hat er immer mehr wiederholt werden
müssen, um gängig zu werden. Das durch mehrfache Wiederholung entstandene Phrasem
wird in unserem Kopf als eine Einheit gespeichert.

2.1.3 Semantische Eigenheiten

Semantik kümmert sich um die Bedeutung der Wörter. Phraseme haben auch semantische
Eigenheiten. Laut Donalies (2009: 19) ist es möglich die Phraseme in zwei grosse
Kategorien einzuteilen: die sogenannte wörtliche Bedeutung (bzw. direkte Bedeutung) sowie
die idiomatische Bedeutung (bzw. die metaphorische/figurative Bedeutung). Ein wichtiger
Begriff in Bezug auf die semantischen Eigenheiten ist die Idiomatizität. Diese entsteht
„wenn sich die wendungsexterne Gesamtbedeutung nicht auf formalem Wege aus den
Teilbedeutungen der lexikalischen Bestandteile deduzieren lässt“ (Donalies 2009: 20). Mit
anderen Wörtern spricht man von etwas Idiomatischen, sobald ein irreguläres Verhältnis
zwischen der Bedeutung der Wortkomponenten und der Bedeutung der ganzen
Wortverbindung vorkommt (ebd. 2009: 20). Jedoch ist der Grad der Idiomatizität nicht für alle
Phrasemen ähnlich.

Um dies zu illustrieren nimmt Palm (1995: 9) einige Beispiele:

(1) Gustav hat bei seinem Vater ein Auto in der Garage. In diesem Satz ist die
Bedeutung wörtlich, bzw. direkt. Es geht um das Faktum, dass Gustav ein Auto in der
Garage seines Vaters hat.
(2) Gustav hat bei seinem Vater einen Stein im Brett. Im Vergleich zum Satz
weiter oben, kann ein Nicht-Muttersprachler diesen Satz nicht wörtlich verstehen. Er
entspricht dem Phrasem „bei jemandem einen Stein im Brett haben“, was soviel
bedeutet, wie bei jemandem beliebt zu sein.

Im Beispiel (2) ist das Phrasem vollidiomatisch, weil es einen Schritt weiter bezüglich der
Bedeutung ist. Donalies (2009:21) erklärt diesen Begriff mit dem Phrasem „roter Faden“.
Tatsächlich geht es hier um etwas Anderes als die wörtliche Bedeutung. Beispielsweise kann
ein Fremdsprachler den Ausdruck nicht direkt verstehen, wenn er ihn wörtlich zu verstehen
versucht. Er hat eine andere subjektive Bedeutung, die „Richtlinie“ bedeutet.

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Ausserdem gibt es Phraseme, die teil- oder nichtidiomatisch sind. In diesem Zusammenhang
weist Donalies (2009: 21) auf Folgendes hin:

(3) Einen Streit vom Zaun brechen


(4) Der stolze Vater

In (3) ist das Phrasem teilidiomatisch, weil Zaun idiomatisch ist, während Streit seine
ursprüngliche wörtliche Bedeutung behält. Zudem ist (4) nicht idiomatisch, weil es nichts
Anderes als eine wörtliche direkte Bedeutung haben kann.

Schlussendlich ist der Begriff der Motiviertheit in Bezug auf die Idiomatizität von grosser
Bedeutung. Wenn ein Phrasem idiomatisch ist, ist es auch unmotiviert, bzw. unverständlich.
Im Gegenteil, wenn ein Phrasem nichtidiomatisch ist, ist es motiviert, bzw. verständlich. Die
folgende Tabelle fasst die semantischen Eigenschaften zusammen:

Beispiel(e) Idiomatizität Motiviertheit


Gustav hat bei seinem Vater einen Stein im
Brett
vollidiomatisch unmotiviert

Roter Faden
Einen Streit vom Zaun brechen teilidiomatisch teilmotiviert
Gustav hat bei seinem Vater ein Auto in der
Garage
nichtidiomatisch motiviert

Der stolze Vater


Figur 1: Zusammenfassung der semantischen Eigenheiten

2.2 Kollokation

Das Konzept der Kollokation hat früher länger „Beachtung gefunden [...] und zwar im
Zusammenhang mit dem Problem einer Abgrenzung von Lexikon und Grammatik“ (Burger
2010: 52). Dennoch müssen wir für diese Arbeit den Begriff Kollokation als feste
Wortverbindungen, die nicht (oder nur schwach) idiomatisch sind. Der Begriff entspricht einer
genauen lexikalischen Kombination, und diese Bedeutung ist direkt im Lexikon codiert und
benötigt ein präzises lexikalisches Wissen, um verstanden zu werden.

Donalies (2009:65) weist darauf hin, dass Kollokationen „in der Tradition Hausmanns allein
Verbindungen, die aus einer Basis und einem Kollokator bestehen [...] sind“. Dennoch sind
einige Fälle diskutierbar und es wurden verschiede Modelle entwickelt. In einem Model ist

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die idiomatische Verbindung Phrasem und Teil der Kollokation, während im zweiten Modell
das Phrasem über der Kollokation und der Redewendung steht, womit Satzphraseme mit
Redewendung gemeint sind. Für diese Arbeit betrachten wir lediglich, dass eine Kollokation
eine Wortverbindung ist, die eine präzise Bedeutung übermittelt.

Um dies zu illustrieren, schlagen die Autoren häufig folgendes Beispiel vor: die Zähne
putzen. Tatsächlich ist es möglich, einige Alternativen zu formulieren wie die Zähne reinigen
oder die Zähne waschen. Dennoch bevorzugen die Sprecher die erste Aussage, ohne dass
dies erkennbare semantische Gründe hätte (Burger 2010: 53). Ausserdem ändert sich die
Sache in anderen Sprachen: auf Französisch sagt man se laver les dents, also mit dem
französischen Verb für waschen. Ein anderes diskutiertes Beispiel bei Burger (2010: 53) ist
das Wort Sonne und die verschiedenen entsprechenden Wortverbindungen. Tatsächlich ist
das Wort auf den ersten Blick mit dem Licht – implizit Wärme – verbunden. Der Autor gibt
unterschiedene Beispiele wie das Zimmer hat den ganzen Tag über Sonne oder Tomaten
brauchen viel Sonne. (ebd. 2010:53). Diese haben eine wörtliche Bedeutung, die mit der
Wärme verbunden werden kann. Dennoch gibt es eine Wortverbindung, die etwas
Metaphorischeres enthält: In der Sonne sitzen (ebd. 2010: 53), aufgrund der Präposition „in“,
weil man nicht „physisch“ in der Sonne sitzen kann, sondern nur an der Sonne. Die
Präposition „an“ ist laut Burger (2010: 53) phraseologisch blockiert, bzw. durch den Ausdruck
ein Platz an der Sonne.

Darüber hinaus weist der Autor darauf hin, dass es viele Ausdrücke gibt, die syntaktisch
sowie semantisch völlig regulär – nicht idiomatisch – sind, sich aber durch ihre feste Form
auszeichnen. Es bedeutet, dass obgleich diese Wortverbindungen (wie Kaffee und Kuchen,
sich die Zähne putzen) oft nicht idiomatisch sind, aber oft zusammen verbunden vorkommen,
und sich oft zusammen in einem Korpora befinden. Diese sind Kollokationen genannt.

3. Methode
Am Anfang der Arbeit fiel mir die Entscheidung schwer: ich wollte einen Phraseologismus in
Bezug auf das Wort Auge untersuchen, aber im Deutschen gibt es viele Redewendungen,
die das Wort enthalten: angenehm für das Auge, das Auge isst mit oder das Leuchten seiner
Augen sprach Bände sind Beispiele, um nur einige zu nennen. Deswegen sollte ich mich klar
entscheiden, mit was ich arbeiten wollten.

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Erstens habe ich mir vorgenommen die Redewendungen mit der Präposition in zu
analysieren, indem ich die Plural- sowie Singularformen untersuche. Zu diesem Zeitpunkt
hatte ich in meinen Daten fast 21‘000 Belege für in die Augen (Plural), in den Augen (Plural),
im Auge (Singular) und ins Auge (Singular). Diese Belege wurden aber nicht systematisch
mit einem Verb verbunden. Da die Treffer zu gross waren, musste ich mich eingrenzen: ich
bemerkte, dass die Pluralform in die Augen kaum ein Phraseologismus darstellen. Hier
einige Beispiele:

(1) [...] sahen sich tief in die Augen.


(2) [...] schaute Lorelai noch einmal unsicher in die Augen.
(3) [...] sahen sich einfach nur in die Augen.

Es ab ein ähnliches Phänomen zu der zweiten Pluralform in den Augen, obgleich es schon
mehrere Belege mit metaphorischer Bedeutung gab, wie zum Beispiel:

(4) Dass Systeme als solche bestimmte Eigenschaften haben, läßt die
Behauptungen der Astrologie nicht mehr als so abwegig erscheinen, wie sie es in
den Augen vieler Wissenschaftler bis heute sind.

In diesem Beispiel geht es tatsächlich nicht um die physischen Augen der Wissenschaftler.
Es wird hier metaphorisch gemeint, damit wir verstehen, dass es um die Gedanken der
Personen handelt. Mit anderen Worten brachten die Pluralformen nicht etwas Besonderes,
und darum war es besser sich auf die Singularformen zu begrenzen. Davon ausgehend habe
ich 500 Treffer gewählt. Dennoch sollte mein Korpus noch reduziert werden, deswegen habe
ich eine Spalte eingefügt, um zwischen „relevant“ oder „irrelevant“ zu wählen. Da das Verb
für meine Arbeit zentral ist, waren mir die Belege ohne Verb nicht nützlich. Ich habe jedoch
ein Paar Treffer gewählt, die mit einem spezifischen Nomen vorkommen, aber kein Verb
haben: es ist dies die Form: im Auge oder ins Auge + Genitiv/Dativ, weil diese Form häufig
erscheint. Auch die Treffer mit dem Wort „Dorn“ sind berücksichtigt, da sie auch häufig sind.
Diese Dorn-Treffer werden oft „ohne Verb“ geschrieben, manchmal aber mit dem Verb
„sein“. Dennoch sind die Treffer nicht direkt mit dem Verb verbunden, nur das Substantiv
„Dorn“ ist direkt damit verbunden. Um eine bessere Übersicht zu erhalten, sieht meine Excel-
Tabelle – bzw. das Programm, das ich für diese Arbeit benutzt habe – wie folgt aus:

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Treffer Relevant Verb Genitiv oder Dativ Dorn
Im Auge Welches Verb kommt
Gibt es Genitiv? Dativ? (Wenn Gibt es das Wort „Dorn“?
oder Ins Ja / nein vor?
nicht: =0) (Wenn nicht: =0)
Auge Wenn kein Verb (=0)

Figur 2: Zusammenfassung der analysierten Daten

Insgesamt gab es 464 einschlägige Treffer. Mit diesen Belegen habe ich verschiedene
Grafiken und Pivot-Tische entwickelt, um einige Tendenzen hervorzuheben.

4. Analyse
In diesem Teil wird die Analyse der Daten vorgenommen. Erstens geht es um die genaue
Reihenfolge der Fragestellungen – bzw. Hypothesen –, die am Anfang der Arbeit (Kap. 1)
dargelegt worden ist. Danach wird jede Hypothese präziser geprüft.

4.1 Welche Kollokationen kommen mit im Auge und ins Auge vor?

In diesem Unterkapitel handelt es sich um eine allgemeine Hypothese, die besagt, dass die
Kollokationen Wörter – vor allem Verben – sein sollten, die in einem Wörterbuch der
Phraseologismen vorkommen. Bei den 464 ersten Treffern gibt es einige Beispiele, in denen
im Auge/ins Auge nicht direkt mit einem Verb verbunden ist. Diese Treffer stellen 7.3% dar
und sind von grosser Bedeutung, weil dieser Prozentsatz sehr niedrig ist. Ausserdem sind
die Fälle sehr spezifisch und sind also Besonderheiten. Um dies zu erklären, werden weiter
unten einige Beispiele erwähnt:

(5) Doch einige in Telyatinki ist diese aus ihrer Sicht völlig deplazierte Beziehung
ein Dorn Im Auge

(6) Wenn der Staat als eine Organisation, welche auf den allgemein verbindlichen
Zwang angewiesen ist, zum entscheidenden Mitträger der Kultur wird, ist dies allen,
denen sowohl eine lebendige Kultur als auch ein funktionierender, nicht
bevormundender Rechtsstaat am Herzen liegt, ein Dorn im Auge.

In diesen Beispielen beobachten wir, dass „im Auge“ direkt mit „ein Dorn“ verbunden ist. Es
scheint eine fixe Konstruktion zu sein, bzw. einen Ausdruck/eine Redewendung, da der
Ausdruck nicht direkt wörtlich zu verstehen ist. In den 34 Treffern erscheint „ein Dorn im
Auge“ 32 Mal. Als erste Schlussfolgerung können wir sagen, dass dieses Ergebnis nicht

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erstaunlich ist, weil es einen festgelegten Ausdruck ist. Diese Besonderheit wird im Kapitel
4.3 diskutiert.

Die zwei anderen Treffer, die kein Verb haben, sind folgende:

(7) Die Vermutung, es würde hier eine Patentlösung angeboten, liegt zur Gänze
im Auge des Betrachters

(8) Im Auge des Betrachters verdichten sich die verschiedenen Eindrücke in der
Erinnerung zu einem Gesamtbild.

In diesen zwei Fällen ist es ähnlich zu den vorhergehenden Beispielen, aber « im Auge » ist
mit « des Betrachters » verbunden. Wahrscheinlich sind diese eine feste Konstruktion.
Anders gesagt bedeutet dies, dass wenn die Treffer nicht mit einem Verb erscheinen,
handelt es sich um feste Konstruktionen, die mit einem Nomen verbunden werden. In
unserem Korpus handelt es sich um die Substantive « Dorn » oder « Betrachter ».

In Bezug auf die anderen Treffer können wir diese mit einer Grafik darstellen. Diese zeigt die
Häufigkeit der Verben, ohne Unterscheidung zwischen im Auge und ins Auge, welche im
Moment noch nicht wichtig ist:

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Figur 3. Häufigkeit der Verben

Die häufigsten Verben sind « behalten », « fassen », « haben », « fallen », « stechen » und
« liegen ». Je nach der ersten Hypothese sollten sich diese Verben in einem Wörterbuch der
Phraseologismen befinden. In Schemann et al. (1994) finden wir folgende: im Auge behalten,
mehrere Beispiele mit dem Verb haben – bzw. scharf im Auge haben, ins Auge fassen (oder
scharf in Auge fassen), ins Auge fallen, im Auge liegen. Weiter unten werden zwei Beispiele
genannt.

(9) Darüber hinaus ist es wichtig, dass törische Kontaktlinsen genau an der
richtigen Position im Auge liegen.

Im Beispiel (9) ist die Bedeutung eher nicht-idiomatisch, da es die direkte Bedeutung
betrachtet, bzw. die Kontaktlinsen werden korrekt im Auge platziert. Dieser Fall wäre also

12
kein Phrasem und die Bedeutung im Wörterbuch wäre anders. Im Beispiel (10) ist die
Bedeutung idiomatischer:
(10) Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters; […].

Die Redewendung bedeutet, dass Schönheit unterschiedlich interpretiert werden kann,


abhängig von der Person (des Betrachters). In diesem Sinn kann man den Satz nicht
wörtlich verstehen, da er wörtlich nicht die gleiche Bedeutung wie (9)) hat. Dennoch kann
man beobachten, dass „im Auge + liegen“ fast immer mit „Betrachter“ verbunden wird.

Ausserdem kommen die Verben „stechen“ nicht vor. Eine mögliche Annahme ist, dass diese
Verben keine vollidiomatische Bedeutung haben. Sie haben eine direkte Bedeutung, obwohl
schon einige eine idiomatische Bedeutung haben:

(11) Dabei stechen alle Farben natürlich und satt ins Auge.
(12) Der Unterschied sticht ins Auge.

In (9) können wir noch sagen, dass die Bedeutung noch eher direkt – also nicht idiomatisch –
ist. Es heisst, man kann sich gut eine Situation vorstellen, in der die Farben (etwas
Physisches, Sichtbares) zu glänzend sind, und deswegen ins Auge stechen. In (10) ist es
schon metaphorischer, weil es nicht mehr um etwas Körperliches geht, sondern um etwas
Symbolisches. Der Satz bedeutet, dass der Unterschied uns stört.

Schlussendlich kann man sagen, dass unsere erste Hypothese im Allgemeinen stimmt: am
meisten kommen Verben vor, und diese befinden sich in einem Wörterbuch der
Phraseologismen. In Bezug auf die Verben, die nur einmal vorkommen, können wir es
interpretieren, dass sie keine Phraseologismen sind, da sie sich nicht wiederholen. Sie sind
noch zu selten, um als Phrasemen zu gelten. Zusammenfassend gibt es Verben, die sehr
häufig sind (wie behalten oder fassen) und andere die sehr selten sind.

4.2 Welche Verben kommen als Kollokationen mit im Auge und ins Auge vor? Bei
welchen Verben ist der Ausdruck idiomatisch?

In diesem Kapitel interessieren wir uns genauer für die Treffer, die mit einem Verb
verbunden werden. Die 34 Treffer, die kein Verb haben, werden hier nicht diskutiert.

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Die zweite Hypothese war die folgende: Die Verben, die mit „im Auge“ vorkommen, sind
Verben, die keine direktionale Bedeutung haben (implizit sollten die Präposition „in“ im Dativ
sein, da es keine Bewegung gibt). Diese Hypothese ist mit der dritten Hypothese verbunden:
Die Verben, die mit „ins Auge“ vorkommen, sind Verben, die eine direktionale Bedeutung
haben (implizit sollten die Präposition „in“ im Akkusativ sein, da es eine Bewegung gibt).

Um dies zu illustrieren, stelle ich zwei Grafiken vor. Fangen wir mit „im Auge“ an:

Häufigkeit "im Augen" + Verb


140
124
120

100

80

60 52

40
20
20
6 4 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
0
n

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rb n
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lie
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m
m

uc
us
st

la
be

Figur 4. Häufigkeit von Verben mit „im Auge“

Die häufigsten Verben, die mit „im Auge“ vorkommen, sind – wie erwartet – Verben, die eine
nicht-direktionale Bedeutung haben. Wir sehen, dass das häufigste Verb „behalten“ ist, das
sich auch in einem Wörterbuch der Phraseologismen befindet, wie durch die untenstehenden
Beispiele illustriert:

(13) Natürlich werde ich mein Konto gut im Auge behalten und unberechtigte
Lastschriften unverzüglich rückbuchen lassen.
(14) Die müssen wir im Auge behalten.

Das zweite Verb „haben“ trägt auch keine direktionale Bedeutung, wie liegen, sein, halten
oder behalten. Dennoch sind zwei Treffer merkwürdig:

(15) Da diese leicht platzen, kann es zu Blutungen im Auge kommen.


(16) Musst bloß aufpassen, dass sie nicht irgendwann mal damit im Auge landen.

14
In diesen zwei Beispielen haben wir einmal das Verb „kommen“ und einmal das Verb
„landen“, die eine direktionale Bedeutung haben. In diesem Bezug erwarten wir, dass die
Präposition „in“ im Akkusativ vorkommt, um grammatikalisch korrekt zu sein, was hier nicht
der Fall ist. Dennoch ist der Fall mit „kommen“ speziell. Tatsächlich gehört „im Auge“ als
nachgestelltes Attribut zu dem vorhergehenden Nomen. Der Ausdruck lautet „Blutungen im
Auge“ und er bedeutet, dass es zu Blutungen komm und nicht, dass etwas „ins Auge
kommt“. Aus diesem Grund ist dieser Beleg für uns nicht mehr relevant. Vor allem sind diese
Fälle sehr selten, da sie in unserem Korpus nur einmal pro Verb vorgekommen sind.
Dennoch nach dem Wörterbuch Duden kann wahrscheinlich das Verb „landen“ als transitiv
betrachtet werden, was aber selten ist und diesen Treffer erklären könnte. Die gleiche
Erklärung wäre für das Beispiel (16) möglich.

Zusammenfassend muss erwähnt werden, dass die Konstruktion „im Auge + Verb
(transitives Verb)“ häufig ist und logischerweise erwartet wird. Die zweite Hypothese ist auch
bestätigt.
In Bezug auf „ins Auge“ ist die Grafik ähnlich zu der vorhergehenden. Wir haben also „zwei
Kategorien“: die Verben, die mehr als einmal vorkommen, und diejenigen, die nur einmal
vorkommen. Ausserdem zeigen die Treffer (wie in der Figur 4) eine absteigende, eher
lineare Kurve:

Häufigkeit "ins Auge" + Verb


70 65
60
50
41
40

30 27
21
20
11 10 10
10 5
2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
0
st n

st n

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ge

se
ec

ra

le tre

fa
la
fa

uc
la

st

hi
nb
ei

Figur 5. Häufigkeit von Verben mit „ins Auge“

15
Mit „ins Auge“ kommen am meisten intransitive Verben vor, die eine direktionale Bedeutung
haben (Bespiele 17, 18, 19). „Fassen“ kommt am meisten mit 65 Treffern vor, dann „fallen“
mit 40 Treffern, „stechen“ mit 26 Treffern und „springen“ mit 20 Treffern.

(17) Aus diesen Gründen fasse ich jetzt einmal die zweite April-Hälfte ins Auge.
(18) Anders als die Plejaden fallen sie nicht ins Auge
(19) Fehler stechen ganz schnell ins Auge

Diese Beispiele sind kaum überraschend, da die Verben eine direktionale Bedeutung haben.
Aus diesem Grund können wir auch bestätigen, dass die vierte Hypothese korrekt ist.

Zum Schluss kommen wir zu der letzten Hypothese, die auch eher angemessen scheint. Es
geht um das Faktum, dass ca. 50% der Verben pro Syntagma häufig vorkommen werden,
während die 50% anderen nur einmal (maximal zweimal) vorkommen. Tatsächlich ist hier
das Phänomen der Zipf-Verteilung beobachtbar. Es gibt ein Paar Verben nicht nur für „im
Auge“, sondern auch für „ins Auge“, die viel öfter als die anderen erscheinen. Um dies
besser zu erklären, nehmen wir das Beispiel von „im Auge“. In der Figur 4 – wie bereits
erklärt – sieht man eine absteigende Kurve. Die Verben „behalten“ sowie „haben“ und
„liegen“ erscheinen oft, während die anderen nur einmal vorkommen. Es gibt zwei klar
getrennte Kategorien: die Verben, die mehrmals erscheinen (die normalerweise 50% der
Treffer sein sollten) und die Verben, die nur einmal erscheinen (die die anderen 50% sein
sollten). In unserem Fall zeigt sich diese Verteilung nicht. Anders gesagt gibt es zu wenige
Verben, die einmal vorkommen, um 50% zu erreichen. Dennoch sollten wir vielleicht mehr
Treffer analysieren, damit wir auf diese Tendenzverteilung treffen können. Als
Schlussfolgerung können wir sagen, dass wir nicht eine gleiche Verteilung haben, diese
Tendenz zeichnet sich dennoch ab.

Schlussendlich, wenn wir diese Grafik mit der Häufigkeit der Verben mit „im Auge“ (Figur 4)
vergleichen, kann daraus geschlossen werden, dass die Kurven ähnlich sind. Für beide gibt
es ein vorherrschendes Verb – „behalten“ für „im Auge“ und „fassen“ für „ins Auge“ – sowie
einige Verben, die mehrmals vorkommen. Zusätzlich gibt es eine andere „Kategorie“: jene
Verben, die nur einmal vorkommen. In diesem Sinn sind diese beiden Komponenten
vergleichbar.

16
4.2.1 Verben, die bei „im Auge“ sowie „ins Auge“ erscheinen

Nach dieser Detailanalyse aller Syntagmen, habe ich mich gefragt, ob es Verben gibt, die für
beide vorkommen. Dies ist für 3 Verben der Fall: leuchten, kommen, sehen. Die zwei ersten
scheinen eine gleiche Verteilung zu treffen. Dies bedeutet, dass „leuchten“ gleichermassen
mit „im“ oder „ins“ Auge vorkommt. Bei „sehen“ ist es nicht genauso gleich, wie die zwei
anderen Verben:

Verben, die gleichzeitig für im Auge und ins Auge erscheinen

leuchten 1
1

kommen 2
1

sehen 10
2

0 2 4 6 8 10 12

ins Auge im Auge

Figur 6. Verben, die für die beide Phraseologismen vorkommen

Zwei Treffer kommen mit der Konstruktion „im Auge + sehen“ und zehn Treffer mit „ins Auge
„sehen“ vor. Obwohl diese Konstruktion zu erwarten wäre, kommt die unerwartete
unlogische Version häufiger vor. Anders gesagt mit einem Verb, das mit einem direktionalen
Verb erscheint:

(20) Dennoch sei es gelungen, auch diesen Jahrgang zu eigenständig denkenden


Menschen zu erziehen, zu Menschen, die der Realität ins Auge sehen, […]

(21) "Wer uns vorwirft, daß wir die Täter verhätscheln hat keine Ahnung", kontert
Therapeut Hutz, gerade in den Kinderschutzzentren würden die Täter gezwungen,
Verantwortung für ihr Tun zu entwickeln, den Konsequenzen ins Auge zu sehen

(22) Dr. Fischer: „Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir veränderte
Rahmenbedingungen brauchen, um auch vor dem Hintergrund der bevorstehenden
EU-Osterweiterung wettbewerbsfähig zu bleiben.

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In diesem Fall scheint es eine feste Konstruktion zu sein: „ins Auge (zu) sehen“. Vor allem
befindet sich diese Konstruktion in dem Wörterbuch der Phraseologismen. Es bedeutet, sich
den wahren Sachverhalt bewusst machen und sich darauf einstellen, bzw. die Wahrheit
erkennen. Die historische Entwicklung der Sprache könnte uns erklären, warum diese Form
das Akkusativ benutzt.

Vor allem mithilfe dieser Grafik zeigt sich, dass sehr häufig die Verben, die mit „im Auge“
vorkommen, nicht mit „ins Auge“ vorkommen. Dies ist nur für drei Verben der Fall, und die
Verteilung ist unterschiedlich. Es war die Absicht der vierten Hypothese, die hiermit bestätigt
werden kann.

4.3 Relevante Fälle: Ein Dorn im Auge. Eine Kollokation?

In der letzten Fragestellung der Arbeit geht es um relevante Fälle, die nicht zu den
vorhergehenden Fragen passen. Also wenn ich andere interessante Eigenschaften
beobachten kann, die von der Konstruktion [im/ins + Auge + Verb] abweichen. Im Korpus
gibt es ein Merkmal, das sich mehrmals wiederholt: [ein Dorn + im + Auge + (sein)]. Diese
Konstruktion kommt 32 Male vor, und nur mit „im Auge“.

Obwohl es das Verb „sein“ gibt, scheint das Substantiv wichtiger und von grosser Bedeutung
zu sein. Erstmals müssen wir uns fragen, ob diese Konstruktion wörtlich zu verstehen ist. Ein
Dorn ist ein spitzer verletzender Pflanzenteil. In unseren Daten kommt beispielweise
Folgendes vor:

(23) Cristiano Ronaldo scheint ihm irgendwie ein Dorn im Auge zu sein

In diesem Fall, wenn Deutsch nicht unsere Muttersprache ist, ist es schwierig den Satz
wörtlich verstehen zu können. Tatsächlich geht es nicht um das Faktum, dass Ronaldo ein
Dorn im Auge hat, sondern um das Faktum, dass er von jemandem nicht geschätzt wird.

(24) Bratwurstbuden auf Volksfesten sind mir auch ein Dorn im Auge.

Ähnlich ist es unmöglich das Beispiel (16) wörtlich zu verstehen. Es handelt sich um die
Tatsache, dass der Sprecher Bratwurstbuden nicht mag. Was auch negativ konnotiert ist.

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(25) Menschliche Liebe kann auch « tierisch » sein: In « Es Wort zum Alexander »
hebt ein Ausgesteuerter zum flammenden Plädoyer für seinen Hund an; dem
Sozialarbeiter sind die Kosten für den Hundecoiffeur ein Dorn im Auge.

Diese Negativität ist auch im letzten Beispiel (17) sichtbar. Hier geht es um die Kosten für
den Hundecoiffeur, die „ein Dorn im Auge“ sind. Der Ausdruck wird wieder gebraucht, um zu
äussern, dass die Kosten für den Hundecoiffeur zu teuer sind. Anhand dieser Beispiele
sehen wir, dass die Wörter gut zusammen arrangiert sind, um eine präzise Idee zu
übertragen. Die beiden Substantive „Dorn“ und „Auge“ sind eine privilegierte Vereinigung,
eine fixierte Phrase. In diesem Zusammenhang können wir notieren, dass „ein Dorn im
Auge“ ein Phrasem ist, weil es eine spezifische Bedeutung überträgt.

5. Schluss

Ziel dieser Arbeit ist, die Phraseologismen „im Auge“ sowie „ins Auge“ zu analysieren.
Demnach wollte ich herausfinden, mit welchen Wörtern diese Konstruktionen oft verbunden
sind. Nach einer kurzen Einführung der Eigenheiten von Phrasemen sowie Kollokationen,
habe ich meine Untersuchung und den Aufbau meines Korpus detailliert. Mithilfe von ca. 460
Treffern, die ich selbst recherchiert habe, konnte ich meine verschiedenen Hypothesen
überprüfen.

Erstens kommen am meisten Verben mit „im Auge“ oder „ins Auge“ vor. Es gibt nur einige
Treffer, die kein Verb haben. Nur eine Tendenz konnte unterstrichen werden: wenn es kein
Verb gibt, ist das Syntagma oft mit dem Substantiv „Dorn“ verbunden. Dies wurde am Ende
der Analyse diskutiert (Hypothese 1).

Zweitens kommen mit „im Auge“ oft Verben vor, die keine direktionale Bedeutung haben,
während diejenigen mit „ins Auge“ eine direktionale Bedeutung haben (Hypothese 2,
Hypothese 3). Einige Ausnahmen wurden untersucht. In diesem Zusammenhang erscheinen
die Verben nur entweder mit „im Auge“ oder mit „ins Auge“, jedoch nicht in beiden
Kategorien (Hypothese 4).

Drittens kann man eine Zipf-Verteilung nicht nur für „im Auge“, sondern auch für „ins Auge“
beobachten. Dies bedeutet, dass es Verben gibt, die sehr oft mit den Phraseologismen

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vorkommen, und andere kommen nur einmal vor. Dennoch ist diese Verteilung nicht
angemessen (50/50). Es weist jedoch in die Richtung der 5. Hypothese, weil sich eine Kurve
für beide zeichnet. Viertens spreche ich am Ende der Analyse über diesen spezifischen Fall
„ein Dorn im Auge“, der eine Kollokation zu sein scheint.

Um diese verschiedenen Beobachtungen zu bestätigen und um zu sehen, ob dieses


Phänomen sich wiederholt, wäre es relevant noch weitere Treffer zu untersuchen. Deswegen
wäre es interessant ein grösseres Korpus zu haben. Damit wäre es eventuell möglich, die
Zipf-Verteilung deutlicher zu erkennen. Je mehr Beispiele analysiert werden, desto besser
können wir von eigentlichen Tendenzen sprechen. Es wäre auch interessant, die gleiche
Analyse in einigen Jahren nochmals durchzuführen und in einem neuen publizierten
Wörterbuch zu untersuchen, ob die Verben wie „stechen“ nun als Phraseologismus
betrachtet werden.

Zum Schluss – bezüglich des Haupthemas der Arbeit, die Phraseologie – habe ich bemerkt,
dass sich die meisten Phraseme des Korpus auch im Wörterbuch befinden, was unsere
ersten Hypothesen bestätigt. Dennoch habe ich beobachtet, dass die Frequenzen sich je
nach Fall stark voneinander unterscheiden. Es könnte bedeuten, dass einige Phraseme viel
öfter als andere benutzt werden. Wieder wäre es interessant, die gleiche Analyse in ein paar
Jahren durchzuführen, um festzustellen, ob die Frequenz sich ändert.

6. Quellen
Burger, Harald (2010): Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 4., neu
bearbeitete Auflage. Tübingen (= Grundlagen der Germanistik 36).

Donalies, Elke (2009): Basiswissen Deutsche Phraseologie. Tübingen (= narr Francke Attempto
Verlag GmbH).

Eisenberg, Peter et al. (2009): Duden. Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 8.,
überarbeitete Auflage. Mannheim: Duden Verlag.

Gladysz, Marek (2003): Lexikalische Kollokation in deutsch-polnischer Konfrontation. Frankfurt


(=Danziger Beiträge zur Germanistik 11).

Palm, Christine (1995): Phraseologie. Eine Einführung. 1. Auflage. Tübingen (=narr


studienbücher)

Schemann, Hans und Alain Raymond (1994): Pons. Idiomatik Deutsch-Französich. Stuttgart:
Klett-Verlag.

Smirnova, Elena (2019): Seminar. Phraseologie des Deutschen. (Université de Neuchâtel).

Daten:
Korpus, aus https://www.dwds.de (am 03.03.2019 konsultiert).

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EIGENSTÄNDIGKEITSERKLÄRUNG

Hiermit erkläre ich, Valentin Tanner,


dass ich die hier vorliegende Arbeit mit dem Titel

Phraseologie des Deutschen. Eine Analyse der Phraseologismen im Auge und ins
Auge

selbstständig verfasst habe,


dass keine anderen als die hier aufgeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt wurden,
dass alle Stellen der Arbeit, die wörtlich oder sinngemäss aus anderen Quellen übernommen
wurden, als solche kenntlich gemacht sind und,
dass die Arbeit in gleicher oder ähnlicher Form noch nicht als Prüfung vorgelegt wurde.

La Chaux-de-Fonds, den 27.08.2019 Valentin Tanner

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