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- Karl Barth, der Kommunismus und die


''Linksbarthianer''
Barbara Schenck, 27. April 2012

6-7 Minuten

War Karl Barth Kommunist? Stützte er im Kalten Krieg


DDR-Propaganda?

Eine alte Debatte, im Jahr 2012 von neuem entfacht.

Stand der Basler Theologe Karl Barth im Dienste des


Kommunismus? Sympathisierte der Verfasser der
Kirchlichen Dogmatik mit dem Bolschewismus? - Fragen,
die im Kalten Krieg sogar den Spiegel in ihren Bann
zogen. Staatsgefährdende Kommunistenfreundlichkeit
warf der schweizerische Regierungsrat Markus
Feldmann dem überzeugten Sozialdemokraten vor. In
Bern wurde der wohl berühmteste Theologe des 20.
Jahrhunderts nicht auf eine Professur berufen.
"Karl Barths Engagement für den Sozialismus in der
DDR" überschreibt der Schweizer Historiker und
Unternehmer Erwin Bischof im Jahr 2010 ein Kapitel
seines Buches "Honeckers Handschlag. Beziehungen
Schweiz - DDR 1960 bis 1990". Der ehemalige FDP-
Politiker unterstellt dem Theologen, im Dienste der DDR-
Ideologen gestanden zu haben. Erneut muss Barths
Haltung zur DDR gegen törichte Denunziation verteidigt
werden.
Wolf Krötke, zu DDR-Zeiten Dozent für systematische
Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Ost-Berlin,
hat Anfang April in einem FAZ-Artikel ("Die Religion
wollte partout nicht aussterben"), dezidiert gegen
Bischofs Thesen Stellung bezogen. Gerade die
Theologie Karl Barths habe "die Freiheit gegenüber der
Ideologie des Sozialismus und die Solidarität mit den
Menschen in diesem Staat" eingeübt. Barths Option für
einen "dritten Weg" zwischen Sozialismus auf der einen
und Kapitalismus auf der anderen Seite sei keine
Parteinahme für den Kommunismus. Der Basler
Theologe wollte einen "friedlichen Wettstreit" der
Kontrahenten.
Die Gefahr eines Atomkriegs sah Barth nahen, sollte die
Ost-West-Konfrontation im Kalten Krieg sich weiter
verschärfen. 1953 schlug er vor, "durch
Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands"
zwischen Ost und West eine "solide Brücke" errichten
(>>>DER SPIEGEL 52/1959).

Fünf Jahre später schrieb er im "Brief an einen Pfarrer in


der DDR", die Kirche könne eine "Loyalitätserklärung"
zum DDR-Staat nur abgeben, wenn damit nicht eine
"Gutheißung" der dem Staat zugrundeliegenden
Ideologie gemeint sei. Sie müsse unter den Vorbehalt
der Gedankenfreiheit und des Widerspruchs, ja des
Widerstandes gestellt werden - so zitiert Krötke aus dem
Brief, der unter dem SED-Regime nicht veröffentlicht
werden durfte.
Barth selbst habe nicht im Traum daran gedacht, "den
Kommunismus als eine empfehlenswerte Staats- und
Gesellschaftsform für die Welt auszugeben", stellt Krötke
klar und hält Bischof entgegen, der "Linksbarthianismus"
eines Walter Kreck oder Friedrich-Wilhelm Marquardt, sei
dem Lehrer Barth nicht anzulasten. Kreck in Bonn sei der
Meinung gewesen, "dass die DDR ein besserer Staat sei
als die Bundesrepublik Deutschland". Diese Deutung
habe mit dem Ende der DDR dann selbst sang- und
klanglos aufgehört.

Walter Kreck, Nachfolger Barths auf dessen Bonner


Lehrstuhl, habe etwas anderes gelehrt als "theologische
Begleitmusik zu jener 'Bonner Politik', die Konrad
Adenauer als Katholik und Eugen Gerstenmaier als
Protestant damals repräsentierten", verteidigen Hans-
Theodor Goebel, Köln und Rolf Wischnath, Gütersloh
ihren Lehrer in einer Stellungnahme zu Krötkes Aufsatz:
"Im Blick auf die DDR hat Walter Kreck sich im
Zusammenhang mit der Entspannungspolitik vielfach
geäußert. Er hat unseres Wissens nicht gesagt, dass die
DDR der bessere deutsche Staat sei. Wohl aber wollte er
dem ersten staatlichen Versuch eines real existierenden
Sozialismus auf deutschem Boden nicht mit negativen
Vorurteilen eines prinzipiellen Antikommunismus
begegnen. Und er hielt das Anliegen des Sozialismus mit
dem Zusammenbruch der DDR und des Ostblocks
keineswegs für erledigt – um der Gerechtigkeit für die
Menschen willen. Vieles in seinem Urteil stimmte,
manches war Irrtum. Aber er wusste: 'Gerade weil die
christliche Gemeinde aus der Hoffnung lebt, die nur Gott
erfüllen kann und wird, resigniert sie nicht an ihren
Irrtümern, sondern nimmt sie teil am Hoffen und
Kämpfen der Menschheit auf dieser Erde.'"

Anmerkung einer "Nachgeborenen": Das Nachdenken


über das Handeln der Kirchenleute in West und Ost
während des Kalten Krieges beginnt erst, das Gespräch
über Ideologiegrenzen hinweg scheint immer noch
schwer - zumindest für die, die die 50er Jahre selbst
erlebt haben.

Literatur
Bischof, Erwin, Honeckers Handschlag. Beziehungen
Schweiz - DDR 1960 bis 1990. Demokratie oder Diktatur,
Bern 2010
Goebel, Hans-Theodor, Wischnath, Rolf, Stellungnahme
zum Aufsatz von Wolf Krötke den Theologen Karl Barth
betreffend, Köln, Gütersloh am 26. April 2012 (>>> online
auf reformiert-info)
Krötke, Wolf, Die Religion wollte partout nicht aufhören,
FAZ, April 2012, Nr. 85
ders., Öffentlicher Vortrag anlässlich einer Tagung der
Karl Barth-Gesellschaft in Münster am 19.06. 2010: "Karl
Barth als theologischer Gesprächspartner. Persönlich
akzentuierte Erfahrungen zwischen Ost und West mit
einer heraus fordernden Theologie."
Meier, Michael, Stand der Basler Theologe Karl Barth im
Dienste des Kommunismus?, in: Tagesanzeiger, 18. April
2012, online (27.4.2012)
Der Spiegel 52/1959 (23. Dezember 1959): Kunde vom
unbekannten Gott

zur Vertiefung:
Gockel, Matthias, Leiner, Martin, Kritik und Versöhnung -
Karl Barth und die DDR, in:
Martin Leiner/Michael Trowitzsch (Hg.), Karl Barths
Theologie als europäisches Ereignis, Göttingen 2008,
79-119
Busch, Eberhard, Karl Barths Lebenslauf, München 1975

Barbara Schenck, 27. April 2012