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1554 Brief an den Wormser Reichstag (28.

April 1521) 1

Martin Luther

Brief an den Wormser Reichstag


(28. April 1521)

[WA Br 2, 314–317]

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Den hochwürdigsten und hochwürdigen in Gott,


durchlauchtigsten und durchlauchtigen, hochgebornen
Kurfürsten, Fürsten, Erzbischöfen und Bischöfen,
ehrwürdigen Prälaten, edlen und wohlgebornen Gra-
fen, gestrengen, ehrenfesten Ritterschaften und Edlen
und allen andern Ständen des heiligen Römischen
Reichs, jetzt auf dem kaiserlichen Reichstag zu
Worms versammelt, meinen gnädigsten, gnädigen und
günstigen Herren.
Gnädigste, gnädige und günstige Herren, Ew. Kur-
fürstlichen, Fürstlichen und andern Gnaden und Gun-
sten sei mein untertäniges Gebet und Dienst allezeit
zuvor.
Gnädigste, gnädige und günstige Herren! Nachdem
die Röm. Kais. Majestät mich auf ihr freies, sicheres
und unmittelbares Geleit gen Worms berufen, um von
mir Auskunft meiner Bücher halber zu empfangen,
die in meinem Namen ausgegangen, bin ich als der
untertänigste Kaplan vor Kais. Maj. und den Ständen
des Reichs in Gehorsam erschienen.
Also hat mir Kais. Maj. erstlich vorhalten lassen,
anzuzeigen, ob ich mich zu den benannten Büchern
bekennte, und dieselben widerrufen oder darauf be-
harren wolle oder nicht? Habe ich nach untertänigem
Bekenntnis zu den Büchern, so von mir gemacht und
durch die mir Mißgünstigen oder auf andere Weise
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nicht verkehrt und zu Nachteil verändert, mich unter-


täniglich vernehmen lassen: weil meine Schriften mit
dem klaren, lautern Wort Gottes bekräftigt seien, ist
mir aufs höchste beschwerlich, unbillig und unmög-
lich, Gottes Wort zu verleugnen und solche meine
Bücher dermaßen zu widerrufen. Und (ich habe) in
Demut gebeten, Kais. Maj. wolle mich zu solchem
Widerspruch auf keine Weise drängen lassen, sondern
meine Schriften und Bücher, entweder selbst oder
durch andere – und seien es die Geringsten – die es
vermögen, untersuchen, um die Irrtümer, die darin
sein sollen, durch göttliche, prophetische und evange-
lische Schriften (als solche) zu erweisen. (Das habe
ich) mit dem christlichen Erbieten (getan): so es er-
wiesen würde, daß ich geirrt haben sollte, wollte ich
alle Irrtümer widerrufen und der Erste sein, der meine
Bücher in das Feuer werfen und mit den Füßen darauf
treten wollte.
Darauf ist von mir begehrt worden, ich wollte eine
kurze und richtige Antwort geben, ob ich widerrufen
oder auf meinem Vorhaben bleiben wollte. Deshalb
habe ich abermals untertänigst geantwortet: dieweil
mein Gewissen durch solche göttliche Schrift, die ich
in meinen Büchern anführe, gefangen und ergriffen
sei, so könne ich auf keine Weise ohne Weisung
durch die heilige göttliche Schrift etwas widerrufen.
Also haben darauf folgend etliche Kurfürsten, Fürsten
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und etliche aus den Ständen des heiligen Römischen


Reichs mit mir verhandelt, ich sollte und wollte meine
Bücher auf Kais. Maj. und der Stände des heiligen
Reichs Erkenntnis stellen; wie danach auch der Kanz-
ler von Baden1 und Doktor Peutinger von Augsburg
mir gegenüber vorgeschlagen haben. Darauf habe ich
mich abermals erboten wie zuvor: Sofern ich durch
göttliche Schrift oder helle und klare Ursachen unter-
wiesen würde.
Das Letzte war das, daß ich etliche Artikel, aus
meinen Büchern gezogen, der Entscheidung eines
Konzils anvertrauen sollte. Und ich bin allezeit und -
wege in Untertänigkeit willig gewesen, alles zu tun
und lassen, was mir möglich war. Es hat sich endlich
allein daran gestoßen, daß ich nicht diesen christli-
chen Maßstab habe erlangen können, daß Gottes
Wort frei und unverbunden wäre, und daß ich meine
Bücher auf Kais. Maj. und des heiligen Reichs und
Stände oder eines künftigen Konzils Entscheidung,
Urteil und Verfügung (nur) so stellte, daß nichts
wider das heilige Wort Gottes darin von mir aufgege-
ben oder von ihnen beschlossen, gesprochen und er-
kannt würde.
Denn Gott, der aller Herzen erforschet, ist mein
Zeuge, daß Kais. Maj. in allen Dingen Gehorsam zu
leisten, es betreffe Leben oder Sterben, Tun oder Las-
sen, Ehre oder Schande, Gut oder Schaden, ich ganz
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willig und geflissen bin. Ich habe mich dazu auch zu


vielen Malen erboten und erbiete mich nochmals,
nichts vorbehalten als allein das göttliche Wort, darin
nicht allein des Menschen ewiges Leben (wie Chri-
stus Matth. 4, 4 sagt), sondern auch der Engel Freude
und Wonne stehet, welches über alle Dinge frei und
ungebunden sein soll und muß, wie Paulus (2. Tim. 2,
9) lehrt. Und es steht in keines Menschen Gewalt, das
aufzugeben oder es in Gefahr zu bringen, wie groß,
viel, gelehrt und heilig sie immer sein mögen, so daß
auch Paulus Gal. 1, 8 zweimal rufen und sagen kann:
»Wenn gleich ein Engel vom Himmel, oder auch wir
selbst, euch anders lehren wollten, der sei verflucht«;
und David im Psalter (Ps. 146, 3): »Ihr sollt nicht
vertrauen auf die Fürsten, sie sind Menschen, die kön-
nen ja nicht helfen.« Ja, niemand soll sich auch auf
sich selbst verlassen, wie Salomo (Sprüche 28, 26)
sagt: »Der ist ein Narr, der sich auf sein Herz ver-
läßt«, und Jeremia Kap. 17, 5: »Verflucht sei, der
sich auf Menschen verläßt.« Denn in zeitlichen Sa-
chen, die Gottes Wort und ewige Dinge nicht betref-
fen, sind wir schuldig, einander zu vertrauen, das an-
gesehen, daß derselben Dinge Aufgeben, Gefahr und
Verlust, die wir doch fahrenlassen müssen, für die Se-
ligkeit unschädlich sind. Aber in Gottes Wort und
ewigen Dingen kann und will Gott nicht leiden, daß
man sich frei stütze und verlasse auf einen oder viele
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Menschen, sondern allein auf ihn selbst, der allein die


Ehre und Namen hat und haben soll, daß er wahrhaf-
tig und die Wahrheit selbst ist, aber alle Menschen
eitel sind, wie das Paulus Röm. 3, 4 meisterlich ein-
führt. Und das ist nicht unbillig, denn solch Vertrauen
und Verlassen ist das rechte Anbeten und der eigentli-
che Gottesdienst, wie Augustinus lehrt,2 welches kei-
ner Kreatur erboten werden soll. Denn daher will Pau-
lus keinen Engel vom Himmel, auch nicht sich selbst,
auch ohne Zweifel keinen Heiligen im Himmel oder
auf Erden solches Vertrauens würdig achten oder ge-
achtet werden, ja, er verflucht es sogar. Es würde
auch kein Heiliger das dulden, noch viel weniger be-
gehren, einem Menschen in den Dingen zu vertrauen,
welche die ewige Seligkeit betreffen. Das ist nichts
anderes, als aus den Kreaturen Abgötter machen und
ihnen die rechte Ehre Gottes erzeigen.
Deshalb bitte ich untertänig, Ew. Kurfürstliche,
Fürstliche Gnaden und Gunsten wollten solch meinen
Vorbehalt nicht in Ungnaden oder als aus bösem
Mißtrauen erwachsen verstehen, sondern aus oben an-
geführter heiliger Schrift, der billig jedermann gehor-
sam ist und sein soll. Denn mein untertäniges Ver-
trauen und starke Zuversicht kann man leicht daraus
ermessen, daß ich auf Kais. Maj. Erfordern und Geleit
untertänig erschienen bin, obwohl meine Bücher vor-
her von meinen Abgönnern verbrannt und dabei ein
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Mandat in Kais. Maj. Namen wider mich und meine


Schriften an vielen Stellen angeschlagen worden ist.
Das hätte einen solchen armen Mönch billig zurück-
gejagt haben sollen, wo sich nicht mein Herz zu Gott,
Kais. Maj., Ew. Kurfürstlichen und Fürstlichen Gna-
den und dem ganzen Reich so voll Gnade und Gutes
untertäniglich versehen hätte und noch versähe.
Weil ich denn auf keine Weise habe erlangen kön-
nen, daß meine Schriften durch das göttliche Wort wi-
derlegt würden, und so habe Abschied nehmen müs-
sen, und der Mangel allein an dem gewesen ist, daß
man die irrigen Artikel, die in meinen Büchern sein
sollen, mit göttlichen Schriften nicht hat erweisen
oder widerlegen wollen, noch gestatten, bewilligen
oder mich vertrösten und zusagen, daß meiner Bücher
Untersuchung und Beurteilung auf dem Grund des
heiligen Wortes Gottes geschehen sollte, tue ich den-
noch Kais. Maj., Ew. Kurf. und Fürstlichen Gnaden
und Gunsten untertänigste Danksagung ihrer gnädi-
gen Erzeigung und freien, sichern, unmittelbaren Ge-
leits, das sie mir in Worms gehalten und wieder zu
halten, bis ich in Sicherheit sei, sich gnädiglich entbo-
ten haben. Und ist an Ew. Kurf., Fürstliche Gnaden
und Gunst abermals meine untertänige Bitte um Got-
tes willen, Ew. Kurf. Gnaden und Gunst wollten mir
gegen Kais. Maj. gnädiglich erbitten, daß Ihre Kais.
Maj. mich wegen meines vielfältigen früheren und jet-
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zigen untertänigen und christlichen Erbietens durch


meine Abgünstigen nicht vergewaltigen, verfolgen
und verdammen lassen wollten. Denn ich bin noch-
mals in Untertänigkeit erbötig, auf Kais. Maj. genug-
same Versicherung vor unverdächtigen, unpartei-
ischen, gelehrten, geistlichen und weltlichen Richtern
zu erscheinen, mich durch Kais. Maj., das Reich, die
Konzile, die Doktoren oder wer das zu tun vermag
oder willig ist, unterweisen zu lassen, meine Lehre
und Bücher jedermann willig zu unterwerfen, ein Ur-
teil zu leiden und anzunehmen, nichts ausgeschlossen,
außer allein das heilige, freie und klare Wort Gottes,
das billig oben schweben und aller Menschen Richter
bleiben soll.
Darum bitte ich nicht allein meinethalben (an dem
nichts gelegen ist), sondern um des Heils allgemeiner
Christenheit willen untertäniglich; welches auch ver-
ursacht hat dieses mein untertäniges Schreiben zu
übersenden. Denn ich wollte von Herzen gerne, daß
Kais. Maj., dem heiligen Reich und ganzer deutschen
Nation geholfen, und sie in Gottes Gnaden selig er-
halten würden. Das habe ich bisher nächst Gottes
Ehre und allgemeiner Seligkeit der ganzen Christen-
heit gesucht – und gar nicht das Meine – und suche es
nochmals, ob ich gleich durch die mir Mißgünstigen
verdammt würde. Denn weil Christus, mein Herr und
Gott, für seine Feinde am Kreuz gebeten hat, wieviel
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mehr soll ich für Kais. Maj., Ew. Kurf. Gnaden und
das ganze heilige Reich, meine allerliebsten Herren,
Obrigkeiten und deutsche Nation, zu denen ich mich
aller Gnaden, zuvor auf das vorige und das jetzige Er-
bieten untertäniglich und tröstlich versehe, sorgen,
bitten und beten.
Befehle hiermit mich in Ew. Kurf. Gnaden und
Gunst in allem Gehorsam, welche Ew. Kurf. Gnaden
und Gunst der allmächtige Gott, uns allen zu Heil und
Trost, sich lasse gnädiglich befohlen sein, Amen. Ge-
geben zu Friedberg, am Sonntag Cantate, im 1521.
Jahr.
Ew. Kurf. Gnaden und Gunst untertäniger Kaplan
Martinus Luther.

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Editorische Bemerkung

Am 28. April 1521, als schon feststand, daß Friedrich


der Weise ihn binnen kurzem »eintun und verbergen«
lassen wollte (Brief an Lukas Cranach vom selben
Tage, Bd. 10,84), richtete Luther noch einmal an den
Kaiser (Bd. 10,85-89) wie an die Reichsstände einen
Abschiedsbrief, der gleichzeitig Rückblick wie Recht-
fertigung war. Der an die Stände war deutsch gehalten
(von Spalatin übersetzt?), er lief alsbald in zahlrei-
chen Drucken um.

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Anmerkungen

1 Hieronymus Vehus, der Kanzler des Markgrafen


Philipp von Baden.
2 Der lateinische Text gibt (unrichtig) das Enchiri-
dion ad Laurentium, cap. 1 als Fundort an; hat Luther
vielleicht de civ. Dei 10,1,2 gemeint?

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