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1206 Brief an Papst Leo X.

(Mai 1518) 1

Martin Luther

Brief an Papst Leo X.


(Mai 1518)

[WA 1, 527–529]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


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Dem allerheiligsten Vater, Leo X., Papst, wünscht


Bruder Martin Luther,1 Augustiner, ewiges Heil.
Allerheiligster Vater! Ich habe ein sehr böses Ge-
rücht über mich gehört, dem ich entnehme, daß etliche
Freunde meinen Namen vor Dir und den Deinen sehr
übel verleumdet haben: ich hätte mich unterstanden,
das Ansehen und die Gewalt der Schlüssel und des
Papstes herabzusetzen. Aus diesem Grunde werde ich
als Ketzer, Abtrünniger und Verräter angeklagt und
mit unzähligen Namen, ja mit Schmach belegt. Es
gellen mir die Ohren, es flimmert mir vor Augen.
Aber der einzige Hort meiner guten Zuversicht steht
unbeirrbar: mein unschuldiges und ruhiges Gewissen.
Auch höre ich nichts Neues. Denn mit solchem
Schmuck haben mich auch in unserem Lande diese
sehr ehrbaren und wahrheitsliebenden Leute geziert,
das heißt diejenigen, die ein überaus schlechtes Ge-
wissen haben und sich bemühen, mir ihre Greuel auf-
zuhalsen und ihre Schandtaten dadurch zu vertuschen,
daß sie mich in Schande bringen. Aber Du wollest ge-
ruhen, allerheiligster Vater, die Sache von mir selbst
zu hören, wenn ich auch ohne Redegabe und ungebil-
det bin.
In jüngstvergangener Zeit fing man an, bei uns das
Jubeljahr des apostolischen Ablasses zu predigen.
Das nahm so überhand, daß die Ablaßprediger mein-
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ten, ihnen stehe wegen der Furcht vor Deinem Namen


alles frei. Sie erdreisteten sich, öffentlich ganz gottlo-
se und ketzerische Dinge zu lehren, zu überaus gro-
ßem Ärgernis und der kirchlichen Gewalt zum Hohn,
als ob sie die Dekretalen wegen der Mißbräuche der
Ablaßprediger gar nichts angingen. Und nicht damit
zufrieden, daß sie mit den frechsten Worten dieses ihr
Gift ausbreiteten, sie gaben auch überdies Bücher her-
aus und verteilten sie unter das Volk. In ihnen – um
von der unersättlichen und unerhörten Habsucht zu
schweigen, die sich fast an jedem einzelnen Pünkt-
chen verrät – haben sie diese gottlosen und ketzeri-
schen Dinge vorgebracht, und zwar so, daß sie die
Beichtväter mit einem Eide dazu verpflichteten, eben
diese Dinge auf das treulichste und dringendste dem
Volke einzuschärfen. Ich sage die Wahrheit, und es
gibt nichts, wodurch sie sich vor dieser heftigen An-
klage verbergen könnten. Die Schriften sind da, das
können sie nicht leugnen. Damals glückte ihnen alles,
und die Leute wurden durch falsche Hoffnungen aus-
gesogen, so daß sie, wie der Prophet (Micha 3, 2)
sagt, ihnen das Fleisch von ihren Beinen schunden.
Sie selbst aber weideten sich unterdessen auf das
reichlichste und lieblichste.
Etwas gab es, womit sie Ärgernisse aus dem Wege
räumten: die Furcht vor Deinem Namen, das Drohen
mit dem Feuertode und die Schmach des ketzerischen
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Namens. Denn es ist unglaublich, wie gern sie damit


drohen, auch wenn sie nur in ganz nebensächlichen
Dingen, die völlig ohne Bedeutung sind, einen Wider-
spruch merken. Das heißt doch wohl nicht: Ärgernis-
se aus dem Wege räumen, sondern vielmehr mit Ge-
walt Spaltungen und endlich Aufruhr anstiften.
Aber nichtsdestoweniger nahmen in den Wirtshäu-
sern die Redereien über die Geldgier der Priester und
die geringe Meinung von (der Gewalt) der Schlüssel
und vom Papst überhand – dessen ist das Gerede die-
ses ganzen Landes Zeuge. Ich aber entbrannte (wie
ich gestehe) aus Eifer für Christus – so schien es
mir – oder wenn man so lieber will, aus jugendlicher
Hitze; doch sah ich, daß es mir nicht zustände, in die-
sen Dingen etwas zu bestimmen oder zu tun.
Deshalb ermahnte ich privatim einige hohe Wür-
denträger der Kirche. Hier wurde ich von einigen an-
gehört, anderen erschien ich lächerlich, anderen noch
anders, denn die Furcht vor Deinem Namen und die
Androhung von Kirchenstrafen behielt die Oberhand.
Endlich, als ich nichts anderes tun konnte, hielt ich es
für das beste, ihnen wenigstens ganz vorsichtig entge-
genzuarbeiten, das heißt ihre Lehren in Zweifel zu
ziehen und zu einer Disputation darüber aufzurufen.
So gab ich einen Disputationszettel heraus und lud
nur Gelehrte dazu ein, etwa darüber mit mir zu dispu-
tieren – das wird auch den Widersachern aus der Vor-
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rede zu eben dieser Disputation deutlich sein.


Siehe, das ist die Feuersbrunst, von der sie klagen,
daß dadurch die ganze Welt in Brand geraten sei.
Vielleicht sind sie unwillig darüber, daß ich als einzi-
ger – aus Deiner apostolischen Macht ein Lehrer der
Gottesgelehrtheit (mir) das Recht (genommen) habe,
öffentlich an einer Universität nach Gewohnheit aller
Universitäten und der ganzen Kirche nicht allein über
den Ablaß, sondern auch über die göttliche Gewalt,
die göttliche Vergebung und den göttlichen Ablaß zu
disputieren, was unvergleichlich höhere Dinge sind.
Doch stört mich das nicht sehr, daß sie mir dieses
Recht mißgönnen, welches mir von der Gewalt Deiner
Heiligkeit verliehen worden ist; ich bin ja gezwungen,
ihnen gegen meinen Willen viel größere Dinge zuzu-
gestehen, nämlich daß sie die Träumereien des Aristo-
teles mit der Theologie vermischen und über die gött-
liche Majestät in ganz nichtiger Weise disputieren,
gegen und über die Erlaubnis hinaus, die ihnen gege-
ben ist.
Ferner, was für ein Geschick allein diese meine
Disputationsreihe vor allen anderen – nicht allein
meinen, sondern auch aller Lehrer – getrieben hat,
daß sie fast in alle Lande ausgegangen ist, das ist mir
selbst ein Wunder. Denn sie sind bei den Unseren und
nur um der Unseren willen herausgegeben worden,
und zwar so, daß es mir kaum glaublich erscheint,
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daß sie von allen verstanden werden. Denn es sind


Disputationssätze – nicht Lehren, nicht Dogmen –,
die gewöhnlich dunkel und rätselhaft sind. Sonst,
wenn ich das hätte voraussehen können, so würde
ich – soviel an mir liegt – dafür Sorge getragen
haben, daß sie leichter zu verstehen wären.
Was soll ich jetzt tun? Widerrufen kann ich nicht,
obwohl ich sehe, daß durch diese Veröffentlichung
ein außerordentlicher Haß gegen mich entfacht ist.
Ungern trete ich vor die Öffentlichkeit und stelle mich
dem gefährlichen und wechselhaften Urteil der Men-
schen, zumal ich ungelehrt, beschränkt und ungebildet
bin, und das in unserer blühenden Zeit, die bei ihrem
guten Gedeihen der Wissenschaften und vielen guten
Köpfen auch einen Cicero in den Schatten stellen
könnte, der das Licht der Öffentlichkeit wahrlich nicht
zu scheuen brauchte. Aber es zwingt mich die Not,
daß ich als Gans unter Schwänen schnattern muß.
Damit ich also meine Widersacher begütige und
zugleich auch das Verlangen vieler erfülle, siehe, so
sende ich meine geringe Arbeit aus, in der ich meine
Disputation erkläre. Ich lasse sie aber, heiligster
Vater, unter dem Beistand Deines Namens und dem
Schatten Deines Schutzes ausgehen, um möglichst
sicher zu sein. Daran können alle, die da wollen, er-
kennen, wie rein und einfältig ich die kirchliche Ge-
walt und die Ehrfurcht vor den Schlüsseln gesucht
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und gepflegt habe und zugleich, wie unrecht und


falsch die Widersacher mich so vielfach geschmäht
haben. Denn wenn ich so wäre, wie jene mich angese-
hen wissen wollen, und wenn ich nicht vielmehr in
jeder Hinsicht auf Grund der Erlaubnis zu disputieren
richtig gehandelt hätte, so hätte der durchlauchtigste
Fürst Friedrich, Herzog zu Sachsen,2 Kurfürst des
Reichs usw., unmöglich eine solche Pest an seiner
Universität zugelassen; er ist vor vielen anderen ein
besonderer Förderer der katholischen und apostoli-
schen Wahrheit. Auch hätten mich die sehr strengen
und hochgelehrten Männer unserer Schule nicht ge-
duldet. Aber ich gebe mir unnötige Mühe, da jene
überaus angenehmen Menschen sich nicht scheuen,
mit mir auch den Fürsten und die Universität mit glei-
cher Schmach öffentlich zu besudeln. Deshalb, aller-
heiligster Vater, falle ich Deiner Heiligkeit zu Füßen
und ergebe mich Dir mit allem, was ich bin und habe.
Mache lebendig, töte, rufe, widerrufe, billige, mißbil-
lige, wie es Dir gefällt. Deine Stimme werde ich als
die Stimme Christi anerkennen, der in Dir regiert und
redet. Wenn ich den Tod verdient habe, so werde ich
mich nicht weigern zu sterben. Denn die Erde ist des
Herrn und was darinnen ist (Ps. 24, 1), der sei gebe-
nedeit in Ewigkeit, Amen; er erhalte Dich auch in
Ewigkeit, Amen. Im Jahre 1518.

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Editorische Bemerkung

Zur Entstehungsgeschichte vgl. S. 373. Daß Luther


die »Resolutionen« (auf dem Weg über Staupitz) dem
Papst überreicht, ist bezeichnend für die enge Bin-
dung, in der er damals noch zur katholischen Kirche
steht. Der Inhalt des Widmungsbriefes (vgl. z.B. S.
90, 34 ff.) ist aber ebenso charakteristisch für die Fe-
stigkeit des von Luther bereits gewonnenen Stand-
punktes. Zur Darstellung der Vorgänge vgl. die ersten
Stücke dieses Bandes.

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Anmerkungen

1 U.ö. eig.: »beatissimo patri«.


2 Kurfürst Friedrich der Weise.

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