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3957 Der Kleine Katechismus (1529) 1

Martin Luther

Der Kleine Katechismus1


(1529)

[WA 30, 1, 346–402;


Bek.Schr. 501–527]

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3958 Der Kleine Katechismus (1529) 2

Martinus Luther2 allen treuen, frommen Pfarrherrn


und Predigern. Gnade, Barmherzigkeit und Friede in
Jesus Christus, unserm Herrn!
Diesen Katechismus oder christliche Lehre in sol-
cher kleinen, schlichten, einfältigen Form aufzustellen
hat mich gezwungen und gedrungen die klägliche,
elende Not, die ich neulich erfahren habe, da ich auch
ein Visitator3 war. Hilf, lieber Gott, wie manchen
Jammer habe ich gesehen, daß der einfache Mann
doch von der christlichen Lehre so gar nichts weiß,
besonders auf den Dörfern, und daß leider viel Pfarr-
herrn sehr ungeschickt und untüchtig sind zu lehren.
Dabei sollen doch alle Christen heißen, getauft sein
und die heiligen Sakramente genießen, können (aber)
weder Vaterunser noch das Glaubensbekenntnis oder
die zehn Gebote, leben dahin wie das liebe Vieh und
die unvernünftigen Säue. Und nun, wo das Evange-
lium gekommen ist, haben sie dennoch fein gelernt,
alle Freiheit meisterlich zu mißbrauchen.4
O ihr Bischöfe,5 wie wollt ihr es doch vor Christus
jemals verantworten, daß ihr das Volk so schändlich
gehen lassen, und (euch) eures Amts nicht einen Au-
genblick je (würdig) erwiesen habt? Daß euch nicht
dafür die verdiente Strafe treffe! Ihr gebietet (das
Abendmahl in) einerlei Gestalt und dringt auf eure
Menschengesetze, fragt aber dieweil nichts danach,
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ob sie das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die


zehn Gebote oder irgendein Wort Gottes könnten.
Ach und wehe über euren Hals ewiglich!
Darum bitte ich um Gottes Willen euch alle, meine
lieben Herrn und Brüder, die Pfarrherrn oder Prediger
sind, wollt euch eures Amtes von Herzen annehmen,
euch über euer Volk, das euch befohlen ist, erbarmen,
und uns helfen, den Katechismus in die Menschen,
besonders in das junge Volk zu bringen und die, wel-
che es nicht besser vermögen. (Man nehme) sich diese
Texte und präge (sie)6 dem Volk Wort für Wort ein.
Und zwar so:
Aufs erste, daß der Prediger sich vor allen Dingen
hüte und meide verschiedene7 oder voneinander ab-
weichende Texte und Formen der zehn Gebote, des
Vaterunsers, des Glaubensbekenntnisses, der Sakra-
mente usw., sondern er nehme eine Form für sich, bei
der er bleibe und die er immer treibe, ein Jahr wie das
andere. Denn das junge und einfältige Volk muß man
mit (einem) immer gleichen, bestimmten Text und
Formen lehren, sonst werden sie gar leicht irre, wenn
man heut so und übers Jahr so lehrt, als wollte mans
verbessern. Damit wird alle Mühe und Arbeit verlo-
ren.
Das haben die lieben Väter auch wohl gesehen, die
das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, die zehn
Gebote alle auf eine Weise gebraucht haben. Darum
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sollen wir auch bei dem jungen und einfältigen Volk


solche Stücke so lehren, daß wir nicht eine Silbe ver-
rücken oder (der Gemeinde die Texte) ein Jahr anders
als das andere vorhalten oder vorsprechen.
Darum erwähle dir, welche Form du willst, und
bleibe dabei ewiglich. Wenn du aber bei den Gelehr-
ten und Verständigen predigst, da magst du deine
Kunst beweisen und diese Stücke so bunt8 machen
und so meisterlich drehen, wie du kannst. Aber bei
dem jungen Volk bleibe auf einer bestimmten, ewigen
Form und Weise, und lehre sie für das allererste diese
Stücke, nämlich die zehn Gebote, das Glaubensbe-
kenntnis, das Vaterunser usw. dem Text nach von
Wort zu Wort, auf daß sie es auch so nachsagen kön-
nen und auswendig lernen.
Welche es aber nicht lernen wollen, daß man den-
selben sage, wie sie Christus verleugnen und keine
Christen sind. Sie sollen auch nicht zum Sakrament
zugelassen werden, kein Kind aus der Taufe heben,
auch kein Stück der christlichen Freiheit gebrauchen,
sondern schlechterdings an den Papst und seine Offi-
ziale, dazu an den Teufel selbst gewiesen sein. Dazu
sollen ihnen die Eltern und Hausväter Essen und Trin-
ken versagen und ihnen anzeigen, daß solche rohen
Leute der Fürst aus dem Lande jagen wolle usw.
Denn obwohl man niemand zum Glauben zwingen
kann noch soll, so soll man doch die Menge dazu an-
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halten und treiben, daß sie wissen, was Recht und Un-
recht bei denen ist, bei welchen sie wohnen, sich näh-
ren und leben wollen. Denn wer in einer Stadt wohnen
will, der soll das Stadtrecht kennen und halten, von
dem er Nutzen haben will, gleichviel ob er glaube
oder im Herzen für sich ein Schalk oder Bube sei.
Zum zweiten: Wenn sie den Text nun gut können,
so lehre sie dann hernach auch das Verstehen, auf daß
sie wissen, was es bedeutet. Nimm dir abermals die-
sen Katechismus vor oder sonst irgendeine kurze
Weise,9 welche du willst, und bleibe dabei und ver-
rücke sie mit keiner Silbe (gleichwie oben vom Text
gesagt ist)10 und nimm dir die Zeit dazu. Denn es ist
nicht nötig, daß du alle Stücke auf einmal vorneh-
mest, sondern eins nach dem anderen. Wenn sie das
erste Gebot zuvor recht verstehen, danach (erst) nimm
dir das zweite vor und so fort, sonst werden sie über-
schüttet, daß sie keins gut behalten.
Zum dritten: Wenn du sie nun solchen kurzen Ka-
techismus gelehrt hast, alsdann nimm dir den großen
Katechismus vor und gib ihnen auch (ein) reiches und
weiteres Verständnis. Daselbst führe ein jegliches
Gebot, Bitte, Stück weiter aus mit seinen mancherlei
Werken, Nutz, Frommen, Gefahr und Schaden, wie
du das alles in den so viel darüber geschriebenen
Büchlein reichlich findest. Und insonderheit treibe
das Gebot und Stück am meisten, das bei deinem
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Volk am meisten Not leidet. Zum Beispiel:11 das sie-


bente Gebot vom Stehlen mußt du bei Handwerkern,
Händlern, ja auch bei Bauern und Gesinde heftig trei-
ben, denn bei solchen Leuten ist allerlei Untreu und
Dieberei groß. Ebenso mußt du das vierte Gebot bei
den Kindern und dem einfachen Mann (recht treiben),
daß sie stille, treu, gehorsam, friedsam seien, und
immer viele Beispiele aus der Schrift, da Gott solche
Leute gestraft und gesegnet hat, beibringen.
Insonderheit treibe auch daselbst die Obrigkeit und
die Eltern an, daß sie gut regieren und Kinder zur
Schule heranziehen, mit Hinweis darauf, wie sie sol-
ches zu tun schuldig sind, und wo sie es nicht tun,
welch eine verfluchte Sünde sie tun. Denn sie stürzen
und verwüsten damit beides, Gottes und der Welt
Reich, wie die ärgsten Feinde beider, Gottes und der
Menschen. Und unterstreiche sehr, was für gräulichen
Schaden sie tun, wo sie nicht helfen Kinder zu Pfarr-
herrn, Predigern, Schreibern usw. erziehen, daß Gott
sie schrecklich dafür strafen wird. Denn es ist hier
notwendig zu predigen. Die Eltern und die Obrigkeit
sündigen jetzt hierin, daß es nicht zu sagen ist. Der
Teufel hat auch etwas Grausames damit im Sinne.
Zuletzt: Weil nun die Tyrannei des Papstes abgetan
ist, so wollen sie nicht mehr zum Abendmahl gehen
und verachtens. Hier ists abermals not anzutreiben,
jedoch auf diese Weise: wir wollen niemand zum
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Glauben oder zum Sakrament zwingen, auch kein Ge-


setz noch Zeit noch Stätte bestimmen, aber so (sollen
wir) predigen, daß sie sich selbst ohne unser Gesetz
dazu drängen und uns Pfarrherrn gleichsam zwingen,
das Sakrament zu reichen. Das tut man so, daß man
ihnen sagt: Wer das Sakrament nicht zum wenigsten
etwa viermal im Jahr sucht oder begehrt, da ist zu be-
sorgen, daß er das Sakrament verachte und kein
Christ sei, gleichwie der kein Christ ist, der das
Evangelium nicht glaubt oder hört, denn Christus
sprach (1. Kor. 11, 25) nicht: »Solches lasset« oder
»solches verachtet«, sondern: »Solches tut, sooft ihrs
trinket usw.« Er wills wahrlich getan und nicht über-
haupt gelassen und verachtet haben: »Solches tut«,
sagt er.
Wer aber das Sakrament nicht hoch achtet, das ist
ein Zeichen dafür, daß er keine Sünde, kein Fleisch,
keinen Teufel, keine Welt, keinen Tod, keine Gefahr,
keine Hölle hat, d.i. er glaubt deren keines, obwohl er
bis über die Ohren darin steckt und zwiefältig des
Teufels ist. Umgekehrt bedarf er dann auch keiner
Gnade, Leben, Paradies, Himmelreich, Christus, Got-
tes noch irgendeines Guten. Denn wo er glaubte, daß
er so viel Böses hätte und so vieles Guten bedürfte, so
würde er das Sakrament nicht so lassen, darin sol-
chem Übel abgeholfen und so viel Gutes gegeben
wird. Man brauchte ihn auch mit keinem Gesetz zum
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Sakrament zwingen, sondern er würde von selbst ge-


laufen und gerannt kommen, sich selbst zwingen und
dich antreiben, daß du ihm das Sakrament geben
müßtest.
Darum brauchst du hier kein Gesetz aufzustellen
wie der Papst. Lege nur gut den Nutzen und Schaden
dar, Notwendigkeit und Frommen, Gefahr und Heil in
diesem Sakrament, so werden sie ohne dein Zwingen
von selbst wohl kommen. Kommen sie aber nicht, so
laß sie fahren und sage ihnen, daß sie des Teufels
sind, die ihre große Not und Gottes gnädige Hilfe
nicht beachten noch fühlen. Wenn du aber solches
nicht treibst, oder ein Gesetz und Gift daraus machst,
so ist es deine Schuld, daß sie das Sakrament verach-
ten. Wie sollten sie nicht faul sein, wenn du schläfst
und schweigst? Darum sieh darauf, Pfarrherr und Pre-
diger! Unser Amt ist nun ein ander Ding geworden als
es unter dem Papst war, es ist nun ernst und heilsam
geworden. Darum hats nun viel Mühe und Arbeit, Ge-
fahr und Anfechtung, dazu wenig Lohn und Dank in
der Welt. Christus aber will unser Lohn selbst sein,
so wir treulich arbeiten. Dazu helfe uns der Vater
aller Gnaden! Dem sei Lob und Dank in Ewigkeit
durch Christus, unsern Herrn, Amen.

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(Das erste Hauptstück)12

Die zehn Gebote

[wie sie ein Hausvater seinem Gesinde einfältiglich


vorhalten soll]

Das erste (Gebot)

(Ich bin der Herr, dein Gott). Du sollst nicht andere


Götter haben (neben mir).
Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben
und vertrauen.

Das zweite (Gebot)

Du sollst den Namen (des Herrn) deines Gottes


nicht unnützlich führen (; denn der Herr wird den
nicht ungestraft lassen, der seinen Namen miß-
braucht).
Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir bei
seinem Namen nicht fluchen, schwören, zaubern,
lügen oder trügen; sondern denselb[ig]en in allen
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Nöten anrufen, beten, loben und danken.

Das dritte (Gebot)

Du sollst den Feiertag heiligen.


Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir die
Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern das-
selb[ig]e heilig halten, gerne hören und lernen.

Das vierte (Gebot)

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,


(auf daß dirs wohl gehe und du lange lebest auf
Erden).
Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unse-
re Eltern und Herr[e]n nicht verachten noch erzürnen;
sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen,
(sie) lieb und wert haben.

Das fünfte (Gebot)

Du sollst nicht töten.


Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir un-
serm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch
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Leid tun; sondern ihm helfen und fördern in allen


Leibesnöten.

Das sechste (Gebot)

Du sollst nicht ehebrechen.


Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir
keusch und züchtig leben in Worten und Werken und
ein jeglicher sein Gemahl lieben und ehren.

Das siebente (Gebot)

Du sollst nicht stehlen.


Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir un-
sers Nächsten Geld oder Gut nicht nehmen noch mit
falscher Ware oder Handel an uns bringen, sondern
ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behü-
ten.

Das achte (Gebot)

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen


Nächsten.
Was ist das? [Antwort:]
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Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir un-


sern Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, af-
terreden oder bösen Leumund machen; sondern sollen
ihn entschuldigen, [und] Gutes von ihm reden und
alles zum Besten kehren.

Das neunte (Gebot)

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.


Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir un-
serm Nächsten nicht mit List nach seinem Erbe oder
Hause stehen und mit einem Schein des Rechts an
uns bringen, sondern ihm dasselb[ig]e zu behalten
förderlich und dienstlich sein.

Das zehnte (Gebot)

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib,


Knecht, Magd, Vieh oder alles, was sein ist.
Was ist das? [Antwort:]
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir un-
serm Nächsten nicht sein Weib, Gesinde oder Vieh
abspannen, abdringen oder abwendig machen, son-
dern dieselb[ig]en anhalten, daß sie bleiben und tun,
was sie schuldig sind.

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3969 Der Kleine Katechismus (1529) 13

Was sag[e]t nun Gott von diesen Geboten allen?

[Antwort:] Er sag[e]t also:


Ich, der Herr dein Gott, bin ein eifriger Gott, der
über die, so mich hassen, die Sünde der Väter heim-
sucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied;
aber denen, so mich lieben und meine Gebote halten,
tue ich wohl in tausend Glied.
Was ist das? [Antwort:]
Gott dräuet zu strafen alle, die diese Gebote über-
treten; darum sollen wir uns fürchten vor seinem Zorn
und nicht wider solche Gebote tun. Er verheißet aber
Gnade und alles Gute allen, die solche Gebote halten;
darum sollen wir ihn auch lieben und vertrauen und
gerne tun nach seinen Geboten.

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(Das zweite Hauptstück)

Der Glaube

[wie ein Hausvater denselbigen seinem Gesinde aufs


einfältigste vorhalten soll.]

Der erste Artikel


von der Schöpfung.

Ich glaube an Gott, den Vater, allmächtigen (den


Allmächtigen,) Schöpfer Himmels und der
Erde[n].
Was ist das? [Antwort:]
Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt
allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren
und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat
und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und
Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh
und alle Güter; mit aller Notdurft und Nahrung dieses
Leibes und Lebens (mich) reichlich und täglich ver-
sorget, wider alle Fährlichkeit beschirmet und vor
allem Übel behütet und bewahret; und das alles aus
lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzig-
keit, ohne all mein Verdienst und Würdigkeit: des
alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu
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dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist


gewißlich wahr.

Der zweite Artikel


von der Erlösung.

Und an Jesu(s)[m] Christu(s)[m], seinen [einigen]


(Gottes eingebornen) Sohn, unsern Herrn, der emp-
fangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jung-
frau Maria, gelitten unter Ponti(us)[io] Pilat(us)[o],
gekreuziget, gestorben und begraben, niedergefahren
zur Hölle, am dritten Tage [wieder] auferstanden von
den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur
Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen
er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die
Toten.
Was ist das? [Antwort:]
Ich glaube, daß Jesus Christus, wahrhaftiger Gott
vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhafti-
ger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei
mein Herr, der mich verlornen und verdammten Men-
schen erlöset hat, erworben, gewonnen [und] von
allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des
Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit sei-
nem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldi-
gen Leiden und Sterben; auf daß ich sein eigen sei
und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in
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ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleich-


wie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret
in Ewigkeit. Das ist gewißlich wahr.

Der dritte Artikel


von der Heiligung.

Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christ-


liche Kirche, die Gemein(d)e der Heiligen, Verge-
bung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein
ewiges Leben. Amen.
Was ist das? [Antwort:]
Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft
noch Kraft an Jesu(s)[m] Christu(s)[m], meinen
Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern
der Heilige Geist hat mich [durchs] (durch das)
Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im
rechten Glauben geheilig[e]t und erhalten; gleichwie
er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt,
erleuchtet, heiliget und bei Jesu(s) Christ(us)[o] er-
hält im rechten, einigen Glauben; in welcher Chri-
stenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sün-
den reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und
alle Toten auferwecken wird und mir samt allen
Gläubigen in Christ(us)[o] ein ewiges Leben geben
wird. Das ist gewißlich wahr.

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(Das dritte Hauptstück)

Das Vaterunser
[wie ein Hausvater dasselbige seinem Gesinde aufs
einfältigste vorhalten soll.]

Vater unser, der du bist im Himmel.


Was ist das? [Antwort:]
Gott will damit uns locken, daß wir glauben sol-
len, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten
Kinder, auf daß wir getrost und mit aller Zuversicht
ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben
Vater.

Die erste Bitte


Geheiliget werde dein Name.

Was ist das? [Antwort:]


Gottes Name ist zwar an [ihm] (sich) selbst heilig;
aber wir bitten in diesem Gebet, daß er auch bei uns
heilig werde.
Wie geschieht das? [Antwort:]
Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehr[e]t
wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, da-
nach leben. [Des] (Dazu) hilf uns, lieber Vater im
Himmel! Wer aber anders lehret und lebet, denn das
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Wort Gottes lehret, der entheilig[e]t unter uns den


Namen Gottes. [Da behüt uns vor] (Davor behüte
uns), himmlischer Vater!

Die zweite Bitte


Dein Reich komme.

Was ist das? [Antwort:]


Gottes Reich kommt wohl ohne unser Gebet von
[ihm] (sich) selbst; aber wir bitten in diesem Gebet,
daß (es) auch zu uns komme.
Wie geschieht das? [Antwort:]
Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen
Geist gibt, daß wir seinem heiligen Wort durch seine
Gnade glauben und göttlich leben, hie(r) zeitlich und
dort ewiglich.

Die dritte Bitte


Dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf
Erden.

Was ist das? [Antwort:]


Gottes guter, gnädiger Wille geschieht wohl
ohn(e) unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet,
daß er auch bei uns geschehe.
Wie geschieht das? [Antwort:]
Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und
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3975 Der Kleine Katechismus (1529) 19

hindert, so uns den Namen Gottes nicht heiligen und


sein Reich nicht kommen lassen wollen, als da ist des
Teufels, der Welt und unsers Fleisch(e)s Wille; son-
dern stärket und behält uns fest(e) in seinem Wort
und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein gnädi-
ger, guter Wille.

Die vierte Bitte


Unser täglich Brot gib uns heute.

Was ist das? [Antwort:]


Gott gibt täglich Brot auch wohl ohn(e) unser(e)
Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in die-
sem Gebet, daß er(s) uns erkennen lasse und wir mit
Danksagung empfangen unser täglich Brot.
Was heißt denn täglich Brot? [Antwort:]
Alles, was zur Leib(e)s Nahrung und Notdurft ge-
hört, [als] (wie) Essen, Trinken, Kleider, Schuh,
Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl,
fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue
Oberherr(e)n, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Ge-
sundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nach-
barn und desgleichen.

Die fünfte Bitte


Und [verlasse] (vergib) uns unsere Schuld, [als] (wie)
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wir [verlassen] (vergeben) unsern Schuldigern.

Was ist das? [Antwort:]


Wir bitten in diesem Gebet, daß der Vater im
Himmel nicht ansehen [wollt] (wolle) unsere
Sünde(n) und um derselb[ig]en willen solche Bitte(n)
nicht versagen; denn wir sind der keines wert, das wir
bitten, habens auch nicht verdien[e]t; sondern er
[wollts] (wolle es) uns alles aus Gnaden geben, denn
wir täglich viel sündigen und wohl eitel Strafe verdie-
nen. So wollen wir zwar wiederum auch herzlich ver-
geben und gerne wohltun (denen), die sich an uns
versündigen.

Die sechste Bitte


Und führe uns nicht in Versuchung.

Was ist das? [ Antwort:]


Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in
diesem Gebet, daß uns Gott [wollt] (wolle) behüten
und erhalten, auf daß uns der Teufel, die Welt und
unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Mißglau-
ben, [Verzweifeln] (Verzweiflung) und ander(e)
große Schande und Laster; und ob wir damit ange-
fochten würden, daß wir doch endlich gewinnen und
den Sieg behalten.
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3977 Der Kleine Katechismus (1529) 21

Die siebente Bitte


Sondern erlöse uns von dem Übel.

Was ist das? [Antwort:]


Wir bitten in diesem Gebet als in der Summa, daß
uns der Vater im Himmel von allerlei Übel (an)
Leib[s] und Seele, Gut[s] und Ehre erlöse und zu-
letzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende
beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu
sich nehme in den Himmel.
(Der Beschluß. Denn dein ist das Reich und die
Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.) Amen.
[Was ist das? Antwort:] (Was heißt Amen?) Daß
ich soll gewiß sein, solche Bitten sind dem Vater im
Himmel angenehm[e] und erhöret. Denn er selbst hat
uns geboten, also zu beten, und verheißen, daß er uns
will erhören. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, es soll
also geschehen.

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3978 Der Kleine Katechismus (1529) 22

Das vierte Hauptstück

Das Sakrament der heiligen Taufe


[wie dasselbige ein Hausvater seinem Gesinde soll
einfältig vorhalten.]

Zum ersten
Was ist die Taufe? [Antwort:]

Die Taufe ist nicht allein schlecht Wasser, sondern


sie ist das Wasser in Gottes Gebot gefass[e]t und mit
Gottes Wort verbunden.
Welch(e)s ist denn solch Wort Gottes? [Antwort:]
Da unser Herr Christus spricht [Matthäi am letz-
ten] (bei Matthäus im letzten Kapitel): »Gehet hin in
alle Welt, lehret alle [Heiden] (Völker) und taufet sie
im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heili-
gen Geist(e)s« [Matthäus 28, 19].

Zum andern

Was gibt oder nütz[e]t die Taufe? [Antwort:]


Sie wirk[e]t Vergebung der Sünden, erlöset vom
Tod(e) und Teufel und gibt die ewige Seligkeit allen,
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3979 Der Kleine Katechismus (1529) 23

die es glauben, wie die Wort(e) und Verheißung Got-


tes lauten.

Welches sind (denn) solch(e) Wort(e) und


Verheißung Gottes? [Antwort:]

Da unser Herr Christus spricht [Marci am letzten]


(bei Markus im letzten Kapitel): »Wer da glaubet
und getauft wird, der wird selig (werden); wer aber
nicht glaubet, der wird verdamm[e]t (werden)«
[Mark. 16, 16].

Zum dritten

Wie kann Wasser solch[e] große Dinge tun?


[Antwort:]

Wasser tuts freilich nicht, sondern das Wort Gottes,


so mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, so
solchem Wort Gottes im Wasser trauet. Denn ohne
Gottes Wort ist das Wasser [schlecht] (schlicht)
Wasser und keine Taufe; aber mit dem Wort(e) Got-
tes ists eine Taufe, das ist ein gnadenreich Wasser
des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heili-
gen Geist; wie [S.] Paulus sag[e]t zu Tito(us) im drit-
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3980 Der Kleine Katechismus (1529) 24

ten Kapitel [Tit. 3, 5-8]: »(Gott macht uns selig)


durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des
Heiligen Geistes, welchen er ausgegossen hat über
uns reichlich durch Jesum(us) Christ(us), unsern Hei-
land, auf daß wir durch desselben Gnade gerecht[fer-
tiget] (und) Erben seien des ewigen Lebens nach der
Hoffnung.« Das ist gewißlich wahr.

Zum vierten

Was bedeutet denn solch Wassertaufen? [Antwort:]


Es bedeutet, daß der alte Adam in uns durch tägliche
Reu(e) und Buße soll ersäuft werden und sterben mit
allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täg-
lich herauskommen und auferstehen ein neuer
Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott
ewiglich lebe.

Wo steht das geschrieben? [Antwort:]

[Sankt] (Der Apostel) Paul(us) (spricht) zu den Rö-


mern [am] (im) sechsten (Kapitel) [Röm. 6, 4]
spricht: »Wir sind samt Christ[o](us) durch die Taufe
begraben [im Tode] (in den Tod), (auf) daß, gleich-
wie Christus ist von den Toten auferweckt durch die
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3981 Der Kleine Katechismus (1529) 25

Herrlichkeit des Vaters, also sollen wir auch in einem


neuen Leben wandeln.«

[Wie man die Einfältigen soll lehren beichten]


Was ist die Beichte? [Antwort:]

Die Beichte begreift zwei Stücke in sich: eins, daß


man die Sünden bekenne, das andere, daß man die
Absolution oder Vergebung vom Beichtiger empfan-
ge als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle,
sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch verge-
ben vor Gott im Himmel.

Welche Sünden soll man denn beichten?

Vor Gott soll man aller Sünden sich schuld geben


(sich aller Sünden schuldig bekennen), auch die wir
nicht (als solche) erkennen, wie wir im Vaterunser
tun. Aber vor dem Beichtiger sollen wir allein die
Sünden bekennen, die wir wissen und fühlen im Her-
zen.

Welche sind die?

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3982 Der Kleine Katechismus (1529) 26

Da siehe deinen Stand an nach den zehn Geboten, ob


du Vater, Mutter, Sohn, Tochter, [Herr, Frau,
Knecht] seiest (,in welchem Beruf und Dienst du ste-
hest): ob du ungehorsam, untreu, unfleißig, zornig,
unzüchtig (frech), streitsüchtig13 gewesen bist, ob du
jemand Leid getan hast mit Worten oder Werken, ob
du gestohlen, versäumet, [verwahrlost,] (oder) Scha-
den getan hast.
[Lieber, stelle mir eine kurze Weise zu beichten
(auf)!]

(Wie bekennst du deine Sünden vor dem Beichtiger?)


[Antwort:]

So sollst (magst) du zum Beichtiger sprechen:


»[Würdiger, lieber Herr, ich bitte euch, wollet
meine Beichte hören] (Ich bitte meine Beichte zu
hören – zuzusprechen) und mir die Vergebung zu-
sprechen um Gottes willen.«

[»Sage an!«]

»Ich armer Sünder bekenne mich vor Gott aller Sün-


den schuldig; insonderheit bekenne ich vor euch, daß
ich ein Knecht, Magd usw. bin; aber ich diene leider
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3983 Der Kleine Katechismus (1529) 27

untreulich meinem Herrn; denn da und da hab ich


nicht getan, was sie mich hießen, hab sie erzürnet und
zu fluchen bewegt, hab versäumet und Schaden ge-
schehen lassen. Bin auch in Worten und Werken
schamlos gewesen, hab mit meinesgleichen gezürnet,
wider meine Herrin gemurret und geflucht usw. Das
alles ist mir leid und bitte um Gnade; ich will mich
bessern.«
Ein Herr oder Herrin sage so:
»Insonderheit bekenne ich vor euch, daß ich mein
Kind und Gesinde, Weib nicht treulich zu Gottes
Ehren gezogen hab. Ich hab geflucht, böse Exempel
mit unzüchtigen Worten und Werken gegeben, mei-
nem Nachbar Schaden getan, übel nachgeredet, zu
teuer verkauf, falsche und nicht ganze Ware gege-
ben«, und was er mehr wider die Gebot(e) Gottes und
seinen Stand getan usw.
Wenn aber jemand sich nicht mit solcher oder grö-
ßeren Sünden beschweret findet, der soll nicht sorgen
oder weiter Sünde suchen noch erdichten und damit
aus der Beichte eine Marter machen, sondern erzähle
eine oder zwei, die du weißt. Wie z.B.: »Insonderheit
bekenne ich, daß ich einmal geflucht, ebenso einmal
unbedacht mit Worten gewesen bin, einmal dies N.
versäumet habe« usw., und lasse es genug sein.
Weißt du aber gar keine (was doch nicht wohl
möglich sein sollte), so sage auch keine insbesondere,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3984 Der Kleine Katechismus (1529) 28

sondern nimm die Vergebung auf die allgemeine


Beichte hin, welche du vor Gott gegenüber dem
Beichtiger ablegst.
Darauf soll der Beichtiger sagen:
»Gott sei dir gnädig und stärke deinen Glauben.
Amen.«
Sprich: »Glaubst du auch, daß meine Vergebung
Gottes Vergebung sei?«
»Ja, lieber Herr.«
Darauf spreche er:
»Wie du glaubst, so geschehe dir. Und ich aus dem
Befehl unsers Herrn Jesu Christi vergebe dir deine
Sünde im Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes, Amen.
Gehe hin in Frieden.«
Welche aber große Beschwerung des Gewissens
haben oder betrübt und angefochten sind, die wird ein
Beichtvater wohl mit Sprüchen zu trösten und zum
Glauben anzureizen wissen. Das (Vorstehende) soll
lediglich eine allgemeine Weise der Beichte für die
Einfältigen sein.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3985 Der Kleine Katechismus (1529) 29

(Das fünfte Hauptstück)

Das Sakrament des Altars (oder das heilige


Abendmahl)

[wie ein Hausvater dasselbige seinem Gesinde


einfältiglich vorhalten soll.]

(Zum ersten)

Was ist das Sakrament des Altars? [Antwort:]


Es ist der wahre Leib und Blut unsers Herrn
Jesu(s) Christ[i](us), unter dem Brot und Wein uns
Christen zu essen und zu trinken von Christ[o](us)
selbst eingesetzt.
Wo steh[e]t das geschrieben? [Antwort:]
So schreiben die heiligen Evangelisten Matthäus,
Markus, Lukas und [S.] (der Apostel) Paulus: »Unser
Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward,
nahm er das Brot, dankt(e) und brachs und gabs sei-
nen Jüngern und sprach: Nehmet hin (und) esset: das
ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solch(e)s tut
zu meinem Gedächtnis.
Desselb(ig)engleichen nahm er auch den Kelch
nach dem Abendmahl, dankte und gab ihnen den und
sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus: Dieser
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3986 Der Kleine Katechismus (1529) 30

Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, das für


euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden; sol-
ches tut, so oft ihr(s) trink(e)t, zu meinem Gedächt-
nis.«

(Zum andern)

Was nütz[e]t denn solch Essen und Trinken? [Ant-


wort:] Das zeigen uns diese Worte: »Für euch gege-
ben« und »vergossen zur Vergebung der Sünden«;
nämlich, daß uns im Sakrament Vergebung der Sün-
den, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben
wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch
Leben und Seligkeit.

(Zum dritten)

Wie kann leiblich Essen und Trinken solch groß(e)


Ding(e) tun? [Antwort:]

Essen und Trinken tuts freilich nicht, sondern die


Worte, so da stehen: »Für euch gegeben« und »ver-
gossen zur Vergebung der Sünden.«[Welche] (Diese)
Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken
[als] das Hauptstück im Sakrament. Und wer den-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3987 Der Kleine Katechismus (1529) 31

selb[ig]en Worten glaubt, der hat, was sie sagen und


wie sie lauten, nämlich: Vergebung der Sünden.

(Zum vierten)

Wer empfängt denn solch Sakrament würdiglich?


[Antwort:]

Fasten und leiblich sich bereiten ist wohl eine feine


äußerliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohl
geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: »Für
euch gegeben« und »vergossen zur Vergebung der
Sünden.« Wer aber diesen Worten nicht glaubt oder
zweifelt, der ist unwürdig und ungeschickt; denn das
Wort: »Für euch« fordert eitel gläubige Herzen.

Wie ein Hausvater sein Gesinde lehren soll sich


morgens und abends zu segnen

Des Morgens, so du aus dem Bette fährest, sollst du


dich mit dem heiligen Kreuz segnen (d.h. bekreuzi-
gen) und sagen:
Das walte Gott Vater, Sohn, Heiliger Geist, Amen,
darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis
und Vaterunser. Willst du, so kannst du dieses Gebet-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3988 Der Kleine Katechismus (1529) 32

lein dazu sprechen:


Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus
Christus, deinen lieben Sohn, daß du mich diese
Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast;
und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behü-
ten vor Sünden und allem Übel, daß dir all mein Tun
und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen
Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heili-
ger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine
Macht an mir finde, Amen.
Und alsdann mit Freuden an dein Werk gegangen
und etwa ein Lied gesungen wie die zehn Gebote14
oder was dir passend erscheint.15
Des Abends, wenn du zu Bette gehest, sollst du
dich mit dem heiligen Kreuze segnen (d.h. bekreuzi-
gen), und sagen:
Das walte Gott Vater, Sohn, Heiliger Geist, Amen,
darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis
und Vaterunser. Willst du, so kannst du dies Gebet-
lein dazu sprechen:
Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus
Christus, deinen lieben Sohn, daß du mich diesen Tag
gnädiglich behütet hast; und bitte dich, du wollest mir
vergeben alle meine Sünden, wo ich unrecht getan
habe, und mich diese Nacht gnädiglich behüten. Denn
ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in
deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3989 Der Kleine Katechismus (1529) 33

böse Feind keine Macht an mir finde, Amen.


Und alsdann flugs und fröhlich geschlafen.

Wie ein Hausvater sein Gesinde soll lehren das


Tischgebet sprechen16

Die Kinder und Gesinde sollen mit gefalteten Händen


und züchtig vor den Tisch treten und sprechen:17
»Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst
ihnen ihre Speise zu seiner Zeit. Du tust deine Hand
auf und sättigest alles, was lebet, mit Wohlgefal-
len«.18
Danach das Vaterunser und dies folgende Gebet:
Herr Gott, himmlischer Vater, segne uns und diese
deine Gaben, die wir von deiner milden Güte zu uns
nehmen, durch Jesus Christus, unsern Herrn, Amen.
Ebenso sollen sie auch nach dem Essen gleicher-
weise züchtig und mit gefalteten Händen sprechen:19
Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine
Güte währet ewiglich, der allem Fleische Speise gibt,
der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die
ihn anrufen. Er hat nicht Lust an der Stärke des Ros-
ses, noch Gefallen an jemandes Beinen. Der Herr hat
Gefallen an denen, die ihn fürchten und die auf seine
Güte warten.
Danach das Vaterunser und dies folgende Gebet:
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3990 Der Kleine Katechismus (1529) 34

Wir danken dir, Herr Gott Vater, durch Jesus Chri-


stus, unsern Herrn, für alle deine Wohltat, der du le-
best und regierest in Ewigkeit! Amen.

Die Haustafel

etlicher Sprüche für allerlei heilige Orden20 und


Stände, um dieselben dadurch, als durch eigene
Lesung, ihres Amts und Diensts zu ermahnen

Den Bischöfen, Pfarrherrn und Predigern.

»Ein Bischof soll unsträflich sein, eines Weibes


Mann, nüchtern, mäßig, sittig, gastfrei, geschickt zur
Lehre, nicht dem Wein ergeben, nicht händelsüchtig,
sondern gelinde, nicht zänkisch, nicht geldgierig, der
seinem eigenen Hause wohl vorstehe, der seine Kin-
der im Gehorsam halte mit aller Ehrbarkeit, kein Neu-
ling« usw. (1. Tim. 3, 2-4.6; Tit. 1, 6-9).

Von weltlicher Obrigkeit

»Jedermann sei untertan der Obrigkeit; wo aber Ob-


rigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun
der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ord-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3991 Der Kleine Katechismus (1529) 35

nung; die aber widerstreben, werden über sich ein Ur-


teil empfangen. Denn sie trägt das Schwert nicht um-
sonst: sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe
über den, der Böses tut«(Röm. 13, 1 f 4).

Den Ehemännern

»Ihr Männer, wohnet bei euren Frauen mit Vernunft


und gebet dem weiblichen als dem schwächeren Ge-
schlecht seine Ehre. Denn auch die Frauen sind Miter-
ben der Gnade des Lebens, und euer gemeinsames
Gebet darf nicht gehindert werden«(1. Petr. 3, 7).
»Und seid nicht bitter gegen sie«(Kol. 3, 19).

Den Ehefrauen

»Ihr Frauen sollt euren Männern untertan sein (als


dem Herrn), wie die Sara Abraham gehorsam war und
hieß ihn Herr, deren Töchter ihr geworden seid, wenn
ihr recht tut und euch durch nichts beirren lasset«(1.
Petr. 3, 1. 6).

Den Eltern

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3992 Der Kleine Katechismus (1529) 36

»Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, son-


dern ziehet sie auf in der Zucht und Vermahnung zum
Herrn«(Eph. 6, 4).

Den Kindern

»Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem


Herrn; denn das ist recht. Ehre Vater und Mutter, das
ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: auf daß
dirs wohl gehe und du lange lebest auf Erden«(Eph.
6, 1-3).
Den Knechten, Mägden, Tagelöhnern und Arbei-
tern usw.
»Ihr Knechte, seid gehorsam euren leiblichen Her-
ren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens,
als dem Herrn Christus; nicht mit Dienst allein vor
Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern als
Knechte Christi, die den Willen Gottes tun von Her-
zen. Tut euren Dienst mit gutem Willen als dem
Herrn und nicht den Menschen und wisset: was ein
jeglicher Gutes tun wird, das wird er von dem Herrn
wieder empfangen, er sei Knecht oder Freier«(Eph. 6,
5-8).

Den Hausherren und Hausfrauen


Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3993 Der Kleine Katechismus (1529) 37

»Und ihr Herren, tut ihnen ein Gleiches und lasset das
Drohen; wisset, daß euer und ihr Herr im Himmel ist,
und ist bei ihm kein Ansehen der Person«(Eph. 6, 9).

Der Jugend insgemein

»Desgleichen, ihr Jüngeren, seid untertan den Älte-


sten. Allesamt aber miteinander haltet fest an der
Demut. Denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber
den Demütigen gibt er Gnade. So demütiget euch nun
unter die gewaltige Hand Gottes, daß er euch erhöhe
zu seiner Zeit«(1. Petr. 5, 5-6).

Den Witwen

»Das ist aber recht eigentlich eine Witwe, die einsam


ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellt und bleibt am
Gebet und Flehen Tag und Nacht. Welche aber ihren
Lüsten lebt, die ist lebendig tot«(1. Tim. 5, 5-6).

Der Gemeinde

»In diesem Wort sind alle Gebote zusammengefaßt:


Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3994 Der Kleine Katechismus (1529) 38

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich


selbst«(Röm. 13, 9).
»So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen
zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für
alle Menschen«(1. Tim. 2, 1).

Ein jeder lern sein Lektion,


so wird es wohl im Hause stohn.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3995 Der Kleine Katechismus (1529) 39

Editorische Bemerkung

Das in Bd. 3 S. 336 dieser Ausgabe als Vorbemer-


kung zum Großen Katechismus Ausgeführte gilt sinn-
gemäß auch für den Kleinen Katechismus. Auch hier
ist als Vorlage die 1930 zuerst erschienene Edition in
den Bekenntnisschriften der Evangelischlutherischen
Kirche (zuletzt Göttingen 1979 in 8. Auflage) benutzt
worden. Sie legt die Ausgabe von Schirlentz Witten-
berg 1531 zugrunde, welche den ersten vollständig er-
haltenen Wittenberger Druck der Buchausgabe des
Kleinen Katechismus darstellt. Die erste Buchausgabe
von 1529 ist vollständig verloren und nur in zwei Er-
furter und einem Marburger Nachdruck bekannt, die
zweite – bzw. dritte – desselben Jahres nur bruch-
stückweise erhalten. Von den Plakatdrucken, welche
der Buchausgabe des Kleinen Katechismus voraus-
gingen, ist nichts erhalten. Über ihre Texte unterrich-
ten uns Abschriften Michael Stiefels, die in einer
Handschrift der Jenaer Universitätsbibliothek erhalten
sind (über ihr Aussehen die einzig erhaltene Tafel mit
dem Morgen- und Abendsegen in niederdeutscher
Sprache – fotografische Wiedergabe in WA 30, 1,
241). Über die Entstehung des Kleinen Katechismus
wie die mit ihm verfolgten Absichten sagt Luthers
Vorrede das Notwendige.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3996 Der Kleine Katechismus (1529) 40

Zwar liegen zwischen dem Kleinen und dem Gro-


ßen Katechismus verschiedene inhaltliche und auch
wörtliche Übereinstimmungen vor. Das entspricht
ihrer Entstehungsgeschichte (Luther begann mit der
Ausarbeitung des Kleinen Katechismus, als er beim 3.
Hauptstück des Großen Katechismus stand und hat
dann an beiden gleichzeitig gearbeitet). Aber dennoch
stellt der Kleine Katechismus keineswegs einen Aus-
zug aus dem Großen dar, sondern hat eine völlig selb-
ständige Stellung neben ihm (zumindest die Tafelaus-
gabe ist ja auch vor dem Abschluß des Großen Kate-
chismus fertig gewesen).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3997 Der Kleine Katechismus (1529) 41

Anmerkungen

1 Der vollständige Titel lautet: »Enchiridion. Der


kleine Catechismus für die gemeine (= ungelehrten)
Pfarher und Prediger«.
2 Wie beim Großen Katechismus werden auch hier
der Vollständigkeit halber zusätzlich zu den Seiten-
zahlen der WA die der Bek. Schr. angegeben.
3 Von Oktober bis November 1528 und von Novem-
ber 1528 bis Januar 1529 nahm Luther selbst an der
Visitation der Gemeinden in Kursachsen teil.
4 Zum Ganzen vgl. Luthers Vorrede zum Großen
Katechismus, Bd. 3, S. 11ff.
5 Der ganze Absatz ist sprachlich schwierig und
mußte deshalb etwas freier als sonst wiedergegeben
werden.
6 Eig.: »tafeln und forme«, Hinweis auf die ur-
sprüngliche Tafelform des Katechismus?
7 Eig.: »mancherley odder anderley«.
8 Eig.: »bund kraus«= vielgestaltig.
9 Eig.: »dieser tafeln weise«.
10 Vgl. S. 139.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3998 Der Kleine Katechismus (1529) 42

11 Zum Nachfolgenden vgl. jeweils die entsprechen-


den Abschnitte im Großen Katechismus, Bd. 3 dieser
Ausgabe. Sie liefern den besten Kommentar.
12 Bei der Textgestaltung des Kleinen Katechismus
ergab sich eine besondere Schwierigkeit dadurch, daß
es für ihn zwei festgeprägte Textformen gibt: die Lu-
thers und die der Moderne, die bis 1958 außerdem
noch bunt und vielgestaltig war. Seit 1958 ist (nach-
dem die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche
Deutschlands und die Evangelische Kirche der Union
sich auf eine gemeinsame Textgestalt geeinigt haben)
diese Vielgestaltigkeit im wesentlichen beseitigt (bis
sie ganz ausstirbt, wird es wohl noch eine Weile dau-
ern) und sind auch die sachlichen Diskrepanzen zwi-
schen beiden Formen ausgeräumt. Aber zur Deckung
sind sie doch nicht gekommen, weil die neue Einheits-
fassung an einer ganzen Reihe von Stellen den Text
mehr dem modernen Bedürfnis anpaßt, als das früher
der Fall war. Daß der Text immer noch schwer ver-
ständlich ist und an vielen Stellen dem heutigen
Sprachgebrauch stärker hätte angenähert werden kön-
nen, ist eine andere Sache. Aber die Einheitlichkeit
des Textes in den beiden großen Kirchengebieten war
höher zu stellen als die bei isoliertem Vorgehen viel-
leicht möglichen größeren Reformen – und zwar mit
Luther, dessen Vorrede zum Kleinen Katechismus
(vgl. S. 139) hier eindeutige Richtlinien gibt. Ange-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3999 Der Kleine Katechismus (1529) 43

sichts dieses Nebeneinanders zweier festgeprägter


Textformen ist deshalb ausnahmsweise versucht wor-
den, beide nebeneinander wiederzugeben: in eckige
Klammern sind die Eigenheiten des ursprünglichen
Luthertextes eingeschlossen, in runden Klammern
steht die heute übliche Form. Wer also den Text ein-
schließlich dessen liest, was in eckigen Klammern
steht, hat den Text von 1531, wer den Text ein-
schließlich der runden Klammern liest, den der Ge-
genwart. An verschiedenen Stellen hätte der Text ei-
gentlich einer Verdeutlichung durch Änderungen oder
Zusätze bedurft, weil er der Gegenwart zuweilen nicht
ohne weiteres voll verständlich ist, mit Rücksicht auf
den »textus receptus« war das aber nicht möglich. Da
der Katechismus eine feste Lehr- und Lerntradition
hat, ist der Schaden vielleicht auch nicht allzu groß.
Eine Bemerkung ist lediglich noch zum Beichtstück
S. 151-153 nötig. Es steht hier an der von Luther vor-
gesehenen Stelle. Die moderne Einheitsform des Klei-
nen Katechismus hat hinter dem 5. Hauptstück ein be-
sonderes Stück: Vom Amt der Schlüssel und von der
Beichte, welches Luthers Beichtstück mit einem der
lutherischen kirchlichen Tradition entstammenden
Stück vom Amt der Schlüssel zu einem neuen Ganzen
zusammenfügt:

Was ist das Amt der Schlüssel?


Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4000 Der Kleine Katechismus (1529) 44

Es ist die besondere Gewalt, die Christus seiner


Kirche auf Erden gegeben hat,
den bußfertigen Sündern die Sünden zu vergeben,
den unbußfertigen aber die Sünden zu behalten,
solange sie nicht Buße tun.
Wo steht das geschrieben?
Unser Herr Jesus Christus spricht bei Matthäus im
sechzehnten Kapitel zu Petrus:
Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben;
alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im
Himmel gebunden sein,
und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im
Himmel los sein.
Desgleichen spricht er zu seinen Jüngern bei Johannes
im zwanzigsten Kapitel:
Nehmet hin den Heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie
erlassen;
und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Auch der Schluß des Beichtstückes (=S. 152-153)
ist – wie mir scheint mit Recht – mehr der heutigen
Zeit angepaßt worden. Er unterscheidet sich von der
Vorlage so, daß er mit dem üblichen System der ecki-
gen und runden Klammern nicht unterzubringen ist,
und wird deshalb im Wortlaut wiedergegeben:

Hierauf bekenne dich vor Gott aller Sünden schuldig


Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4001 Der Kleine Katechismus (1529) 45

und sprich vor dem Beichtiger aus, was als besondere


Sünde und Schuld auf dir liegt.
Deine Beichte magst du mit den Worten schließen:
Das alles ist mir leid. Ich bitte um Gnade.
Ich will mich bessern.
Wie geschieht die Lossprechung (Absolution)?
Der Beichtiger spricht:
Gott sei dir gnädig und stärke deinen Glauben.
Amen.
Glaubst du auch, daß meine Vergebung Gottes
Vergebung sei?
Antwort:
Ja, das glaube ich.
Darauf spricht er:
Wie du glaubst, so geschehe dir.
Und ich aus dem Befehl unsers Herrn Jesus Christus
vergebe dir deine Sünden im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Gehe hin in Frieden!
Welche aber große Beschwerung des Gewissens
haben oder betrübt und angefochten sind, die wird
ein Beichtvater wohl mit mehr Worten der Heiligen
Schrift zu trösten wissen und zum Glauben reizen.
Dies soll nur e i n e Weise der Beichte sein.

Im übrigen Text ist versucht worden, Luthers Text


immer in eckigen Klammern vom modernen einiger-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4002 Der Kleine Katechismus (1529) 46

maßen deutlich abzusetzen. Da es sich aber beim


Beichtstück nicht um einen Teil des langgeprägten
»textus receptus« handelt, stehen hier in runden
Klammern sowohl die Zusätze der modernen Ein-
heitsausgabe wie nach üblichem Brauch Erklärungen,
die gelegentlich nötig waren, weil selbst die moderne
Einheitsfassung nicht allgemeinverständlich genug er-
schien.
13 Eig.: »zornig, unzüchtig, heissig«.
14 Gemeint ist »Dies sind die heilgen zehn Gebot«
vgl. S. 264f.
15 Eig.: »was dein Andacht gibt«.
16 Eig.: »das Benedicite und Gratias sprechen«.
17 Ps. 145, 15f.
18 In der Mehrzahl der Ausgaben folgt hier als An-
merkung: »Wohlgefallen bedeutet, daß alle Tiere so
viel zu essen kriegen, daß sie fröhlich und guter
Dinge darüber sind, denn Sorge und Geiz hindern
solch Wohlgefallen.«
19 Ps. 106,1; 136,25; 147,9-11.
20 Orden = ordo, d.h. übertragen = Ordnungen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther