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3856 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 1

Martin Luther

Deutsche Messe und


Ordnung des Gottesdiensts
(1526)

[WA 19, 72–113]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3857 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 2

Vor allen Dingen will ich gar freundlich gebeten


haben, auch um Gottes Willen, daß alle diejenigen,
die diese unsere Ordnung im Gottesdienst sehen oder
befolgen wollen, ja kein notwendig Gesetz draus ma-
chen, noch jemands Gewissen darein verstricken oder
damit fangen, sondern sie, der christlichen Freiheit
entsprechend, nach ihrem Gefallen gebrauchen, wie,
wo, wann und wie lange es die Sache mit sich bringt
und fordert. Denn wir lassen solches auch nicht in der
Absicht ausgehen, daß wir jemand darin meistern
oder mit Gesetzen regieren wollten; sondern deshalb,
weil allenthalben auf deutsche Messen und Gottes-
dienste gedrungen wird, und große Klagen und Ärger-
nisse umgehen über die mancherlei Weise der neuen
Messen, daß ein jeglicher etwas eigenes macht: etli-
che aus guter Absicht, etliche auch aus Vorwitz,
damit sie auch etwas Neues aufbringen und unter an-
deren auch (etwas zu sein) scheinen und nicht geringe
Meister seien. (Das ist hier so), wie es denn der
christlichen Freiheit allezeit geschieht, daß wenige sie
anders gebrauchen als zu eigner Lust oder Nutzen,
und nicht zu Gottes Ehre und des Nächsten Besse-
rung.
Obwohl es dem Gewissen eines jeglichen überlas-
sen ist, wie er solche Freiheit gebrauche, auch nie-
mand diese Freiheit zu verwehren oder zu verbieten
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ist,1 so ist doch darauf zu sehen, daß die Freiheit der


Liebe und des Nächsten Diener ist und sein soll. Wo
es denn so geschieht, daß sich die Menschen ärgern
oder irre werden an solchem mancherlei Brauch, sind
wir wahrlich schuldig, die Freiheit einzuschränken2
und, soviel es möglich ist, (so) zu tun und zu lassen,
daß die Menschen sich an uns bessern und nicht är-
gern. Weil denn an dieser äußerlichen Ordnung (im
Hinblick auf unser Gewissen vor Gott) nichts gelegen
ist, und (sie) doch den Nächsten nützlich sein kann,
sollen wir der Liebe entsprechend, wie Paulus (1.
Kor. 1, 10 u.ö.) lehrt, danach trachten, daß wir einer-
lei Sinnes seien, und – aufs Beste, wie es sein kann –
(auch) gleicher Weise und Gebärden seien, gleichwie
alle Christen einerlei Taufe, einerlei Sakrament
haben, und keinem etwas Besonderes von Gott gege-
ben ist.
Doch will ich hiermit nicht begehren, daß diejeni-
gen, welche bereits ihre gute Ordnung haben oder es
durch Gottes Gnade besser machen können, diese fah-
ren lassen und uns weichen. Denn es ist nicht meine
Meinung, daß das ganze deutsche Land gleichmäßig3
unsere Wittenbergische Ordnung annehmen müsse,
ists doch auch bisher nie geschehen, daß die Stifte,
Klöster und Pfarren in allen Stücken gleich gewesen
wären. Sondern fein wäre es, wenn in einem jeglichen
Gebiet4 der Gottesdienst auf gleiche Weise stattfände
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und die umliegenden Städtlein und Dörfer mit einer


Stadt gleiche Gottesdienstformen hätten. Ob die in
anderen Gebieten diese auch hielten oder was Beson-
ders dazu täten, soll frei und ungetadelt sein. Denn in
Summa: wir stellen solche Ordnung gar nicht um de-
rentwillen auf, die bereits Christen sind. Denn die be-
dürfen dieser Dinge keines (um welcher willen man
(ja) auch nicht lebt, sondern sie leben um unsertwil-
len, die noch nicht Christen sind, auf daß sie uns zu
Christen machen5 – sie haben ihren Gottesdienst im
Geist). Aber um derentwillen muß man solche Ord-
nung haben, die (überhaupt erst) noch Christen, oder
stärker im Christentum werden sollen. Das ist so, wie
ein Christ der Taufe, des Wortes und Sakraments
nicht als ein Christ bedarf, – denn der hats schon
alles – sondern als ein Sünder. Am meisten aber ge-
schiehts um der Einfältigen und des jungen Volks wil-
len, welches täglich in der Schrift und Gottes Wort
geübt und erzogen werden soll und muß, auf daß sie
der Schrift gewöhnt, geschickt, geläufig und ihrer
kundig werden, um ihren Glauben zu vertreten, ihn
andere mit der Zeit zu lehren, und das Reich Christi
zu mehren helfen. Um solcher willen muß man lesen,
singen, predigen, schreiben und nachdenken, und wo
es hilfreich und förderlich dazu wäre, wollt ich mit
allen Glocken dazu läuten lassen und mit allen Orgeln
pfeifen und alles klingen lassen, was klingen könnte.
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Denn deshalb sind die katholischen Gottesdienste so


verdammenswert, daß sie Gesetze, Werk und Ver-
dienst draus gemacht und damit den Glauben unter-
drückt haben. Sie haben sie nicht auf die Jugend und
die Einfältigen gerichtet, dieselben damit in der
Schrift und Gottes Wort zu üben, sondern sie kleben
selbst dran und halten sie als ihnen selbst nützlich
und nötig zur Seligkeit. Das ist der Teufel. Auf diese
Weise haben die Alten die Gottesdienste nicht geord-
net noch eingesetzt.
Es gibt aber drei verschiedene Gottesdienste: Er-
stens eine lateinische Form, welche wir früher haben
hinausgehen lassen, und die Formula Missae6 heißt.
Diese will ich hiermit nicht aufgehoben oder verän-
dert haben; sondern wie wir sie bisher bei uns gehal-
ten haben, so soll es noch frei sein, sie zu gebrauchen,
wo und wann es uns gefällt oder bestimmte Gründe
uns dazu veranlassen. Denn ich will auf keine Weise
die lateinische Sprache aus dem Gottesdienst ganz
wegkommen lassen; denn es ist mir alles um die Ju-
gend zu tun. Und wenn ichs vermöchte, und die grie-
chische und hebräische Sprache uns so vertraut wäre
wie die lateinische und so viele feine Musik- und Ge-
sang(stücke) hätte wie die lateinische sie hat, so sollte
man einen Sonntag um den andern in allen vier Spra-
chen: deutsch, lateinisch, griechisch, hebräisch Messe
halten, singen und lesen.
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Ich halte es gar nicht mit denen, die sich nur auf
eine Sprache so ganz verlegen und alle andern verach-
ten. Denn ich wollte gern solche Jugend und Men-
schen aufziehen, die auch in fremden Landen Christus
nützlich sein und mit den Menschen reden könnten,
daß es uns nicht so ginge wie den Waldensern in
Böhmen,7 die ihren Glauben so in ihre eigene Spra-
che gefangen haben, daß sie mit niemand verständlich
und deutlich reden können, er lerne denn zuvor ihre
Sprache. So handelte der heilige Geist im Anfang
aber nicht; er wartete nicht, bis alle Welt gen Jerusa-
lem käme und Hebräisch lernte, sondern gab allerlei
Sprachen zum Predigtamt, so daß die Apostel reden
konnten, wo sie hinkamen. Diesem Vorbild will ich
lieber folgen. Und es ist auch billig, daß man die Ju-
gend in vielen Sprachen übe; wer weiß, wie Gott sie
mit der Zeit brauchen wird? Dazu sind auch die Schu-
len gestiftet.
Zum zweiten gibt es die deutsche Messe und Got-
tesdienst, wovon wir jetzt handeln, welche um der
einfältigen Laien willen eingerichtet werden soll.
Aber diese zwei Arten des Gottesdienstes müssen wir
so vor sich gehen und geschehen lassen, daß sie öf-
fentlich in den Kirchen vor allem Volk gehalten wer-
den. Unter ihm sind viele, die noch nicht glauben oder
Christen sind, sondern die meisten stehen da und gaf-
fen, auf daß sie auch etwas Neues sehen, gerade als
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wenn wir mitten unter den Türken oder Heiden auf


einem freien Platz oder Felde Gottesdienst hielten.
Denn hier ist noch keine geordnete und feste Ver-
sammlung, darinnen man nach dem Evangelium die
Christen regieren könnte, sondern (es handelt sich
um) eine öffentliche Anreizung zum Glauben und
zum Christentum.
Aber die dritte Weise (des Gottesdienstes), welche
die rechte Art der evangelischen Ordnung (an sich)
haben sollte, dürfte nicht so öffentlich auf dem Platz
unter allerlei Volk geschehen. Sondern diejenigen, die
mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium
mit der Tat und dem Munde8 bekennen, müßten sich
mit Namen (in eine Liste) einzeichnen und sich etwa
in einem Hause für sich allein versammeln zum
Gebet, (die Schrift) zu lesen, zu taufen, das Sakra-
ment zu empfangen und andere christliche Werke zu
üben. In dieser Ordnung könnte man die, welche sich
nicht christlich hielten, kennen, strafen, bessern, aus-
stoßen oder in den Bann tun nach der Regel Christi
Matth. 18, 15 ff. Hier könnte man den Christen auch
ein gemeinsames Almosen auferlegen, das man frei-
willig gäbe und unter die Armen nach dem Vorbild
des Paulus austeilte (2. Kor. 9, 1). Hier bedürfte es
nicht vieler und großer Gesänge. Hier könnte man
auch Taufe und Sakrament auf eine kurze feine Weise
halten und alles aufs Wort und Gebet und die Liebe
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richten. Hier müßte man einen guten kurzen Unter-


richt9 über das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote
und das Vaterunser haben. In Kürze: wenn man die
Menschen und Personen hätte, die mit Ernst Christen
zu sein begehrten, die Ordnungen und Regeln dafür
wären bald gemacht.
Aber ich kann und mag eine solche Gemeinde oder
Versammlung noch nicht ordnen oder anrichten. Denn
ich habe noch nicht die Menschen und Personen dazu,
ebenso sehe ich auch nicht viele, die sich dazu drän-
gen. Kommts aber dazu, daß ichs tun muß und dazu
gedrängt werde, so daß ichs mit gutem Gewissen
nicht lassen kann, so will ich das Meine gerne dazu
tun und auf das beste, so ichs vermag, helfen. Bis
dahin will ichs bei den angeführten zwei Weisen (des
Gottesdienstes) bleiben lassen und öffentlich unter
dem Volk solchen Gottesdienst über die Predigt hin-
aus fördern helfen, um die Jugend zu üben und die an-
dern zum Glauben zu rufen und anzureizen, bis daß
sich die Christen, welche das Wort mit Ernst meinen,
von selbst finden und auf einer Änderung bestehen
(auf daß nicht eine Spaltung draus werde, wenn ichs
von mir aus10 betreiben wollte. Denn wir Deutschen
sind ein wildes, rohes, tobendes Volk, mit dem nicht
leicht etwas anzufangen ist, es treibe denn die höchste
Not).
Wohlan, in Gottes Namen! Aufs erste ist im deut-
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schen Gottesdienst ein leichtverständlicher, schlichter,


einfältiger, guter Katechismus vonnöten. Katechismus
aber bedeutet einen Unterricht, mit dem man die Hei-
den, die Christen werden wollen, im Christentum lehrt
und unterweist, was sie glauben, tun, lassen und wis-
sen sollen. Diesen Unterricht oder Unterweisung weiß
ich nicht schlechter oder besser aufzustellen, als sie
bereits vom Anfang der Christenheit an aufgestellt
und bisher geblieben sind, nämlich die drei Stücke:
Die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis und das
Vaterunser. In diesen dreien Stücken steht schlicht
und kurz fast alles, was einem Christen zu wissen not
ist.
Dieser Unterricht muß nun so geschehen (weil man
noch keine besondere, eigentliche Gemeinde11 hat),
daß er auf der Kanzel, zu etlichen Zeiten oder täglich,
wie das die Notwendigkeit fordert, vorgepredigt
werde und daheim in den Häusern des Abends und
Morgens, den Kindern und dem Gesinde (wenn man
sie zu Christen machen will) vorgesagt oder vorgele-
sen werde, und zwar nicht allein so, daß sie die Worte
auswendig lernen noch reden, wie es bisher geschehen
ist, sondern daß man sie Stück für Stück abfrage und
sie antworten lasse, was ein jegliches bedeute und wie
sie es verstehen. Kann man nicht alles auf einmal fra-
gen, so nehme man ein Stück vor, des anderen Tages
ein anderes. Denn wenn die Eltern oder Erzieher der
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Jugend sich diese Mühe nicht selbst oder durch ande-


re mit ihnen geben wollen, so wird nimmermehr ein
Unterricht im Christentum zustande gebracht wer-
den12 (es käme denn dazu, daß man eine besondere
Kerngemeinde einrichtet,13 wie oben gesagt ist).14
So soll man sie nämlich fragen: »Was betest du?«
Antwort: »Das Vaterunser«. »Was ists denn, wenn du
sagst: Vater unser im Himmel?« Antwort: »Daß Gott
nicht ein irdischer, sondern ein himmlischer Vater ist,
der uns im Himmel reich und selig machen will«.
»Was heißt denn: Dein Name werde geheiligt?« Ant-
wort: »Daß wir seinen Namen ehren und verschonen
sollen, auf daß er nicht geschändet werde«. »Wie wird
er denn geschändet und entheiligt?« Antwort: »Wenn
wir, die wir seine Kinder sein sollen, übel leben, un-
recht lehren und glauben«. Und so fortan: was Gottes
Reich heiße, wie es kommt, was Gottes Wille, was
täglich Brot usw. bedeute.
Ebenso auch beim Glaubensbekenntnis: »Wie
glaubst du?« Antwort: »Ich glaube an Gott den
Vater ...« usw., ganz15 aufgesagt. Danach Stück für
Stück, je nachdem es die Zeit ergibt, eines oder zwei
auf einmal. Also: »Was heißt an Gott den Vater, den
Allmächtigen glauben?« Antwort: »Es heißt, wenn
das Herz ihm ganz vertraut und sich aller Gnade,
Gunst, Hilfe und Trost zu ihm fest versieht, zeitlich
und ewiglich«. »Was heißt an Jesus Christus, seinen
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Sohn, glauben?« Antwort: »Es heißt, wenn das Herz


glaubt, daß wir alle ewiglich verloren wären, wenn
Christus nicht für uns gestorben wäre« usw.
Ebenso muß man auch bei den zehn Geboten fra-
gen, was das erste, das zweite, das dritte und andere
Gebote bedeuten. Solche Fragen mag man aus unserm
Betbüchlein16 nehmen, wo die drei Stücke kurz aus-
gelegt sind, oder (es auch) selbst anders machen, bis
man die ganze Summe des Christentums17 im Herzen
in zwei Stücke (wie in zwei Säcklein) fasse, welche
sind: Glaube und Liebe. Des Glaubens Säcklein habe
zwei Beutlein: in dem einen Beutlein stecke, daß wir
glauben, wie wir durch Adams Sünde allzumal ver-
derbt, Sünder und verdammt sind (Rom. 5, 12; Ps.
51, 7), im andern stecke, daß wir alle durch Jesus
Christus von solchem verderbten, sündlichen, ver-
dammten Wesen erlöst sind (Röm. 5, 18; Joh. 3, 16
ff.). Der Liebe Säcklein habe auch zwei Beutlein: in
dem einen stecke, daß wir jedermann dienen und
wohltun sollen, wie uns Christus getan hat (Röm. 13,
8 ff.), im andern stecke, daß wir alles Böse gerne lei-
den und dulden sollen (1. Joh. 3, 16).
Wenn nun ein Kind solches zu begreifen beginnt,
gewöhne mans daran, aus den Predigten Sprüche der
Schrift mit sich zu bringen und bei Tisch den Eltern
aufzusagen, bei Tisch, wenn man essen will (gleich-
wie man vorzeiten das Latein aufzusagen pflegte),
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und danach die Sprüche in die Säcklein und Beutlein


zu stecken, wie man die Pfennige und Groschen oder
Gulden in die Taschen steckt. Dabei sei des Glaubens
Säcklein das goldene Säcklein. In das erste Beutlein
gehe dieser Spruch, Röm. 5, 12: An eines Einzigen
Sünde sind sie alle Sünder und verdammt worden;
und der Ps. 51, 7: »Siehe, ich bin als Sünder geboren,
und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen«.
Das sind zwei rheinische Gulden in das Beutlein. In
das andere Beutlein gehen die ungarischen Gulden,
wie dieser Spruch Röm. 4, 25: »Christus ist um unse-
rer Sünden willen dahingegeben und um unserer
Rechtfertigung willen auferweckt«, ebenso wie Joh. 1,
29: »Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt
Sünde trägt«. Das wären zwei gute ungarische Gulden
in das Beutlein.
Der Liebe Säcklein sei das silberne Säcklein. In
das erste Beutlein gehen die Sprüche vom Wohltun,
wie Gal. 5, 13: »Durch die Liebe diene einer dem an-
dern«, Matth. 25, 40: »Was ihr getan habt einem
unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr
mir getan«. Das wären zwei silberne Groschen in das
Beutlein. In das andere Beutlein gehe dieser Spruch
Matth. 5, 11: »Selig seid ihr, wenn euch die Men-
schen um meinetwillen schmähen und verfolgen«, und
Hebr. 12, 6: »Welchen der Herr liebhat, den züchtigt
er, und er straft einen jeglichen Sohn, den er auf-
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nimmt.« Das sind zwei Silbergroschen18 in das Beut-


lein. Und lasse sich hier niemand zu klug dünken und
verachte solch Kinderspiel. Christus, da er Menschen
erziehen wollte, mußte er Mensch werden. Sollen wir
Kinder erziehen, so müssen wir auch Kinder mit
ihnen werden. Wollte Gott, daß solch Kinderspiel gut
getrieben würde, so sollte man in kurzer Zeit einen
großen Schatz an christlichen Leuten sehen und daß
reiche Seelen in der Schrift und Erkenntnis Gottes
würden, bis daß sie selbst von diesen Beutlein als
Hauptstellen19 mehr machten und die ganze Schrift
darein faßten. Sonst gehts täglich zur Predigt und geht
wieder davon, wie es hinzu gegangen ist. Denn man
meint, es gelte nichts mehr, als die Zeit (des Gottes-
dienstes über) zuzuhören, niemand denkt daran, etwas
davon zu lernen oder zu behalten. So hört mancher
Mensch drei, vier Jahr lang predigen und lernt doch
nicht (soviel), daß er auf ein Stück des Glaubensbe-
kenntnisses antworten könnte; wie ich es täglich wohl
erfahre. Es steht in Büchern genug geschrieben? Ja, es
ist aber noch nicht alles in die Herzen getrieben.

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Von dem Gottesdienst

Weil es das größte und vornehmste Stück allen Got-


tesdienstes ist, Gottes Wort zu predigen und zu leh-
ren, halten wirs mit dem Predigen und Lesen so: des
heiligen Tages oder Sonntags lassen wir die gewöhn-
lichen Episteln und Evangelien (bestehen) bleiben
und haben drei Predigten: Früh um fünf oder sechs
singt man etliche Psalmen zur Mette. Danach predigt
man die Epistel des Tages, am meisten um des Gesin-
des willen, daß die auch (dann) versorgt werden und
Gottes Wort hören, wenn sie in andern Predigten
nicht sein könnten. Danach einen Wechselgesang und
abwechselnd das Te Deum laudamus20 oder Benedic-
tus (Luk. 1, 68-79), mit einem Vaterunser, Kollekten-
gebet21 und Benedicamus Domino.22
Während der Messe, um acht oder neun, predigt
man das Evangelium, das die Zeit (d.h. die Predigt-
ordnung) durchs Jahr hindurch ergibt. Nachmittags
zur Vesper, vor dem Magnificat (Luk. 1, 45-55),23
predigt man das Alte Testament, der Reihe entspre-
chend nacheinander. Dafür aber, daß wir die Episteln
und Evangelien nach der Zeit des Jahres eingeteilt,
wie bisher gewohnt, behalten, ist das die Ursache: wir
wissen nichts Besonderes an solcher Weise zu tadeln.
Es ist mit Wittenberg zu dieser Zeit24 so beschaffen,
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daß viele da sind, die an den Orten predigen lernen


sollen, da solche Einteilung der Episteln und Evange-
lien noch ist und vielleicht bleibt.25 Weil man denn
denen damit nützlich sein und ohne unsern Nachteil
dienen kann, lassen wirs geschehen. Damit wollen wir
aber nicht die tadeln, welche die ganzen Bücher der
Evangelisten vor sich nehmen.
Hiermit, meinen wir, habe der Laie Predigt und
Lehre genug, wer aber mehr begehrt, der findet an an-
deren Tagen genug. Des Montags und Dienstags früh
geschieht nämlich eine deutsche Lektion von den zehn
Geboten, vom Glauben und Vaterunser, von der
Taufe und dem Sakrament (des Abendmahls), daß
diese zwei Tage den Katechismus in seinem rechten
Verständnis erhalten und stärken. Des Mittwochs früh
ist eine deutsche Lektion; dazu ist der ganze Evange-
list Matthäus bestimmt, daß der Tag sein eigen sein
soll, weil er ja ein besonders feiner Evangelist ist, die
Gemeinde zu lehren, und (er) die gute Predigt Christi,
auf dem Berge gehalten, beschreibt und sehr zur
Übung der Liebe und gutem Werk anhält. Aber der
Evangelist Johannes, welcher besonders gewaltig den
Glauben lehrt, hat auch seinen eigenen Tag, den
Sonnabend nachmittags zur Vesper, so daß wir also
mit zwei Evangelisten in täglichem Umgang stehen.
Den Donnerstag und Freitag frühmorgens haben die
täglichen Wochenlektionen in den Episteln der Apo-
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stel und was mehr im Neuen Testament ist. Hiermit


sind die Lesungen und Predigten genug bestellt, das
Wort Gottes im Schwang zu halten, außer den Lektio-
nen in der Universität für die Gelehrten.
Die Knaben und Schüler in der Bibel zu üben, geht
so vor sich: Täglich vor der Lektion die Woche über
singen sie lateinisch etliche Palmen, wie bisher zur
Mette gewohnt. Denn, wie gesagt ist, wir wollen die
Jugend bei der lateinischen Sprache in der Bibel be-
halten und darin üben. Nach den Psalmen lesen die
Knaben einer nach dem andern, zwei oder drei, latei-
nisch ein Kapitel aus dem Neuen Testament, je nach-
dem wie lang es ist. Darauf liest ein anderer Knabe
dasselbe Kapitel auf deutsch, um sie zu üben, und
falls jemand von Laien da wäre und zuhörte. Danach
gehen sie mit einem Wechselgesang zur deutschen
Lektion über, wovon oben geredet ist.26 Nach der
Lektion singt der ganze Haufe ein deutsches Lied,
darauf spricht man still ein Vaterunser, danach der
Pfarrherr oder Kaplan ein Kollektengebet und schlie-
ßen mit Benedicamus Domino, wie gewohnt.
Zur Vesper singen sie desgleichen etliche der Ves-
perpsalmen, wie sie bisher gesungen worden sind,
(auch lateinisch mit einem Wechselgesang), darauf
einen Hymnus, sofern er vorhanden ist. Danach lesen
sie abermals einer nach dem andern, zwei oder drei,
lateinisch aus dem Alten Testament, ein ganzes oder
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halbes Kapitel, je nachdem wie lang es ist. Danach


liest ein Knabe dasselbe Kapitel auf deutsch, darauf
das Magnificat (Luk. 1, 45-55) auf lateinisch, mit
einem Wechselgesang oder Lied, danach ein stilles
Vaterunser und das Kollektengebet mit dem Benedi-
camus.
Das ist der tägliche Gottesdienst die Woche hin-
durch in Städten, wo es (höhere) Schulen gibt.

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Des Sonntags für die Laien

Da lassen wir die Meßgewänder, Altäre, Lichter noch


bleiben, bis sie alle werden oder uns gefällt, sie zu än-
dern. Wer aber hier anders verfahren will, das lassen
wir geschehen. Aber in der rechten Messe unter lauter
Christen müßte der Altar nicht so (stehen) bleiben
(wie er jetzt steht), und (müßte) der Priester sich
immer zum Volk wenden, wie das ohne Zweifel Chri-
stus im Abendmahl getan hat. Nun, das warte auf
seine Zeit.
Zum Anfang aber singen wir ein geistliches Lied
oder einen deutschen Psalm in der ersten Kirchenton-
art27 auf die Weise wie folgt (mit Noten):
»Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll
immerdar in meinem Munde sein. Meine Seele soll
sich rühmen des Herrn, daß die Elenden hören und
sich freuen. Preiset mit mir den Herrn, und laßt uns
miteinander seinen Namen erhöhen! Da ich den Her-
ren sucht, antwort er mir und errettet mich aus aller
meiner Furcht. Welche auf ihn sehen, werden erleucht
und ihr Angesicht wird nicht zuschanden. Da dieser
Elende rief, höret der Herr und half ihm aus allen sei-
nen Nöten. Der Engel des Herrn lagert sich um die
her, so ihn fürchten, und hilft ihn aus. Schmeckt und
seht, wie freundlich der Herre ist. Wohl dem Mann,
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3874 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 19

der auf ihn trauet! Fürchtet ihn seine Heiligen! Denn


die ihn fürchten, haben keinen Mangel. Die Reichen
müssen darben und hungern; aber die den Herrn su-
chen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.
Herzu Kinder, hört mir zu! Ich will euch die Furcht
des Herren lehren. Wer ist, der Lust hat zu leben und
wünscht gute Tage zu sehen? Behüt deine Zunge vor
Übel und deine Lippen, daß sie nicht Betrug reden.
Laß vom Bösen und tu guts. Suche Fried und jag ihm
nach. Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten
und seine Ohren auf ihr Schreien. Das Antlitz des
Herrn steht über die, so Böses tun, daß er ihr Ge-
dächtnis ausrotte vom Lande. Wenn die Gerechten
schreien, so höret der Herr und errettet sie aus all
ihrer Not. Der Herr ist nahe bei denen, die zerbro-
chens Herzens sind, und hilft denen, die zerschlagen
Gemüt haben. Der Gerechte muß viel leiden, aber der
Herr hilft ihm aus dem allen. Er bewahret ihm alle
seine Gebeine, daß nicht eins zerbrochen wird. Den
Gottlosen wird das Unglück töten, und die den Ge-
rechten hassen, werden Schuld haben. Der Herr erlö-
set die Seele seiner Knechte, und alle, die auf ihn
trauen, werden keine Schuld haben (Psalm 34,
2-23).«28
Darauf Kyrie eleison, auch im selben Ton, dreimal
und nicht neunmal, wie folgt (mit Noten): Kyrie, elei-
son. Christe, eleison. Kyrie, eleison.
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3875 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 20

Danach liest der Priester ein Kollektengebet29 in F


fa ut in unisono, wie folgt: Allmächtiger Gott, der du
bist ein Beschützer aller, die auf dich hoffen, ohne
welches Gnade niemand etwas vermag noch etwas vor
dir gilt: laß deine Barmherzigkeit uns reichlich wider-
fahren, auf daß wir durch dein heiliges Eingeben den-
ken, was recht ist und durch deine Kraft das auch
vollbringen um Jesu Christi, unseres Herrn willen.
Amen.
Danach die Epistel im achten Ton, daß er im Uni-
sono des Kollektengebets gleich hoch bleibe. (Folgt
Regel und als Beispiel mit Noten 1. Kor. 4, 1-5).
Er soll aber die Epistel mit dem Angesicht zum
Volk gekehrt lesen, aber das Kollektengebet mit dem
Angesicht zum Altar gekehrt. Nach der Epistel singt
man ein deutsches Lied: »Nun bitten wir den heiligen
Geist«,30 oder sonst eins, und das mit dem ganzen
Chor. Danach liest er das Evangelium im fünften Ton,
auch mit dem Angesicht zum Volk gekehrt. (Folgt
Regel und als Beispiel mit Noten Joh. 1, 19-28).
Nach dem Evangelium singt die ganze Kirche das
Glaubensbekenntnis auf deutsch: »Wir glauben all an
einen Gott«.31 Danach findet die Predigt über das
Evangelium des Sonntags oder Festes statt. Und mich
dünkt, wo man die deutsche Postille fürs ganze Jahr
hätte, es wäre das Beste, daß man verordnete, die Po-
stille des Tages, ganz oder ein Stück davon, aus dem
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3876 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 21

Buch dem Volk vorzulesen, nicht allein um der Predi-


ger willen, die es nicht besser könnten, sondern auch
um Schwärmer und Sekten zu verhüten; wie man an
den Homilien32 in der Mette sieht und spürt, daß frü-
her eben auch solche Weise gewesen ist. Sonst, wo
nicht durch die Prediger geistliches Verständnis und
der Geist selbst redet (welchen ich hiermit nicht Ziel
setzen will, der Geist lehrt wohl besser reden als alle
Postillen und Homilien), so kommts doch endlich
dahin, daß ein jeglicher predigen wird, was er will,
und anstatt des Evangeliums und seiner Auslegung
wiederum von blauen Enten gepredigt wird. Denn
auch das ist eine der Ursachen dafür, daß wir die Epi-
steln und Evangelien, wie sie in den Postillen geord-
net stehen, behalten, daß der geistreichen Prediger
wenige sind, die einen ganzen Evangelisten oder ein
anderes Buch gewaltig und nützlich behandeln kön-
nen.
Nach der Predigt soll eine öffentliche Paraphrase
des Vaterunsers und Vermahnung an die folgen, wel-
che zum Sakrament (des Abendmahls) gehen wollen,
auf die folgende (oder eine bessere) Weise:
Liebe Freunde Christi, weil wir hier versammelt
sind in dem Namen des Herrn, sein heiliges Testa-
ment zu empfangen, so vermahne ich euch aufs erste,
daß ihr euer Herz zu Gott erhebt, mit mir das Vater-
unser zu beten, wie uns Christus, unser Herr, gelehrt
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3877 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 22

und Erhörung tröstlich zugesagt hat:


Daß Gott, unser Vater im Himmel, uns, seine elen-
den Kinder auf Erden, barmherzig ansehen und Gnade
verleihen wolle, daß sein heiliger Name unter uns und
in aller Welt geheiliget werde durch reine, rechtschaf-
fene Lehre seines Wortes und durch rechte Liebe in
unserem Leben. Er wolle gnädig alle falsche Lehre
und böses Leben abwenden, darin sein werter Name
gelästert und geschändet wird. Daß auch sein Reich
komme und gemehret werde, (er) alle Sünder, Ver-
blendeten und vom Teufel in seinem Reich Gefange-
nen zur Erkenntnis des rechten Glaubens an Jesus
Christus, seinen Sohn, bringe und die Zahl der Chri-
sten groß mache. Daß wir auch mit seinem Geist ge-
stärkt werden, seinen Willen zu tun und zu leiden, im
Leben und im Sterben, im Guten und im Bösen, (und
wir) allezeit unsern Willen brechen, opfern und töten.
Er wolle uns auch unser täglich Brot geben, uns
vor Geiz und Bauchsorge behüten, sondern uns alles
Guten genug von ihm erwarten lassen.
Er wolle auch uns unsere Schuld vergeben, wie wir
denn unseren Schuldigern vergeben, daß unser Herz
ein sicheres, fröhliches Gewissen vor ihm habe, und
wir uns vor keiner Sünde nimmer fürchten noch er-
schrecken.
Er wolle uns nicht in Anfechtung führen, sondern
helfe uns durch seinen Geist, das Fleisch zu bezwin-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3878 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 23

gen, die Welt mit ihrem Wesen zu verachten und den


Teufel mit allen seinen Tücken zu überwinden.
Und er wolle uns zuletzt erlösen von allem Übel,
leiblichem wie geistlichem, zeitlichem wie ewigem.
Welche das alles mit Ernst begehren, sprechen von
Herzen »Amen«, ohne allen Zweifel glaubend, es sei
Ja und erhört im Himmel, wie uns Christus zusagt
(Mark. 11, 24): »Alles, was ihr bittet in eurem Gebet,
glaubet nur, daß ihrs empfangt, so wirds euch wer-
den«, Amen.
Zum zweiten ermahne ich euch in Christus, daß ihr
mit rechtem Glauben das Testament Christi wahrneh-
met, und am allermeisten die Worte, darinnen uns
Christus seinen Leib und Blut zur Vergebung
schenkt, im Herzen fest erfaßt, daß ihr gedenkt und
dankt der grundlosen Liebe, die er uns bewiesen hat,
da er uns durch sein Blut von Gottes Zorn, Sünde,
Tod und Hölle erlöst hat, und darauf äußerlich Brot
und Wein, das ist, seinen Leib und Blut, zur Siche-
rung und Pfand zu euch nehmt. Demnach wollen wir
in seinem Namen und auf seinen Befehl mit seinen ei-
genen Worten das Testament so handhaben und ge-
brauchen.
Ob man aber solche Paraphrase und Vermahnung
auf der Kanzel flugs nach der Predigt oder vor dem
Altar tun wolle, laß ich eines jeglichen Willen frei.33
Es sieht so aus, als hättens die Alten bisher auf der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3879 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 24

Kanzel getan, wovon noch geblieben ist, daß man auf


der Kanzel ein allgemeines Gebet spricht oder das
Vaterunser vorher spricht. Aber die »Vermahnung«
ist zu einer »öffentlichen Beichte« geworden. Denn
damit bliebe das Vaterunser mit einer kurzen Ausle-
gung im Volk und würde des Herrn gedacht, wie er
beim Abendmahl befohlen hat.
Ich will aber gebeten haben, daß man diese Para-
phrase und Vermahnung mit vorher festgesetzten oder
vorgeschriebenen Worten oder auf eine besondere
Weise halte um des Volkes willen, auf daß sie nicht
heute einer so, der andere morgen anders halte, und
ein jeglicher seine Kunst beweise, das Volk irre zu
machen, so daß es nichts lernen noch behalten kann.
Denn es handelt sich ja darum, das Volk zu belehren
und zu leiten, darum ists notwendig, daß man die
Freiheit (des einzelnen) hier durchbreche und eine ein-
zige Weise in solcher Paraphrase und Vermahnung
gebrauche, insbesondere in einer Kirche oder Gemein-
de für sich, wenn sie schon nicht einer andern um
ihrer Freiheit willen folgen will.
Danach folgt das Abendmahl und die Konsekrati-
on,34 auf die Weise wie folgt (mit Noten):
Unser Herr Jesu Christ, in der Nacht, da er verraten
ward, nahm er das Brot, dankt und brachs und gabs
seinen jüngern und sprach:35 Nehmt hin und esset,
das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solchs
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3880 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 25

tut, so oft ihrs tut, zu meinem Gedächtnis.


Desselbigengleichen auch den Kelch nach dem
Abendmahl und sprach: Nehmt hin und trinket alle
draus, das ist der Kelch, ein neu Testament in meinem
Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der
Sünde. Solchs tut, so oft ihrs trinkt, zu meinem Ge-
dächtnis.
Es dünkt mich aber, daß es dem Abendmahl gemäß
sei, wenn man flugs auf die Konsekration des Brotes
das Sakrament reiche und gebe, ehe man den Kelch
segnet. Denn so sagen beide, Lukas und Paulus (Luk.
22, 20; 1. Kor. 11, 25): »Desselbigengleichen den
Kelch nach dem Mahl« usw. Und in der Zeit singe
man das Deutsche Sanctus,36 oder das Lied: »Gott
sei gelobet«,37 oder Johann Hussens Lied: »Jesus
Christus unser Heiland«.38 Danach segne man den
Kelch und gebe denselben auch und singe, was von
den obengenannten Liedern übrig ist oder das Agnus
Dei.39 Und daß man fein ordentlich und züchtig hin-
zugehe, nicht Mann und Weib (zusammen), sondern
die Weiber nach den Männern, weshalb sie auch (ge-
trennt) voneinander an verschiedenen Orten stehen
sollen.40
Das Aufheben (des Kelches)41 wollen wir nicht
abtun, sondern beibehalten, deshalb weil es fein mit
dem Deutschen Sanctus übereinstimmt und bedeutet,
daß Christus befohlen hat, seiner zu gedenken. Denn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3881 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 26

gleichwie das Sakrament leiblich aufgehoben wird


und doch Christi Leib und Blut darunter nicht gese-
hen wird, so wird auch durch das Wort der Predigt
seiner gedacht und wird er erhoben, dazu wird er mit
dem Empfangen des Sakraments bekannt und hochge-
ehrt, und doch wird alles im Glauben begriffen und
nicht gesehen, wie Christus seinen Leib und Blut für
uns gegeben und noch täglich für uns bei Gott, uns
Gnade zuerlangen, zeigt und opfert.
Das deutsche Sanctus (mit Noten):
Jesaia dem Propheten das geschah,42 daß er im
Geist den Herren sitzen sah auf einem hohen Thron in
hellem Glanz, seines Kleides Saum den Chor füllet
ganz. Es standen zwei Seraph(im) bei ihm daran.
Sechs Flügel sah er einen jeden han, mit zwein ver-
bargen sie ihr Antlitz klar, mit zwein bedeckten sie
die Füße gar, und mit den andern zwein sie flogen
frei, gen ander rufen sie mit großem Schrei: Heilig ist
Gott, der Herre Zebaoth. Heilig ist Gott, der Herre
Zebaoth. Heilig ist Gott, der Herre Zebaoth. Sein Ehr
die ganze Welt erfüllet hat; von dem Schrei zittert
Schwell und Balken gar, das Haus auch ganz voll
Rauchs und Nebel war.
Danach folgt die Kollekte mit dem Segen:
Wir danken dir, allmächtiger Herr Gott, daß du uns
durch diese heilsame Gabe erquickt hast, und bitten
deine Barmherzigkeit, daß du uns das zu starkem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3882 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 27

Glauben gegen dich und zu rechter Liebe unter uns


allen gedeihen lassest, um Jesu Christi, unsers Herrn
willen. Amen.
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr erleuchte sein Angesicht über dir und sei
dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir
Frieden.43
Das sei gesagt vom täglichen Gottesdienst und vom
Lehren des Wortes Gottes, am allermeisten um die Ju-
gend aufzuziehen und die Einfältigen anzureizen.
Denn diejenigen, die aus Vorwitz und Lust an neuen
Dingen gerne zugaffen, sollen solches alles gar bald
müde und überdrüssig werden, wie sie es bisher auch
bei dem lateinischen Gottesdienst getan haben, da
man in den Kirchen täglich gesungen und gelesen hat,
und die Kirchen dennoch wüst und leer geblieben
sind, und (wie sie es) bereits schon auch beim deut-
schen (Gottesdienst) tun. Darum ists das beste, daß
solcher Gottesdienst auf die Jugend zugeschnitten44
werde und auf die Einfältigen, die freiwillig45 herzu-
kommen. Es will doch bei den andern weder Gesetz
noch Ordnung noch Vermahnung noch Treiben hel-
fen; die lasse man fahren, daß sie willig und frei beim
Gottesdienst unterlassen, was sie unwillig und ungern
tun. Gott gefallen erzwungene Dienste doch nicht, sie
sind vergeblich und verloren.46
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3883 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 28

In Summa sind diese und alle Ordnungen so zu ge-


brauchen: wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man
sie flugs abtue und eine andere mache; gleichwie der
König Hiskia (2. Kön. 18, 4) die eherne Schlange, die
doch Gott selbst zu machen befohlen hatte, deshalb
zerbrach und abtat, weil die Kinder Israel sie miß-
brauchten. Denn die Ordnungen sollen zur Förderung
des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zum
Nachteil des Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr
tun, so sind sie schon tot und abgetan und gelten
nichts mehr; gleich als wenn eine gute Münze ver-
fälscht, um des Mißbrauchs willen aufgehoben und
geändert wird, oder als wenn die neuen Schuhe alt
werden und drücken, nicht mehr getragen, sondern
weggeworfen und andere gekauft werden. Ordnung ist
ein äußerlich Ding, sie sei so gut sie will, so kann sie
in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine
Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum besteht
und gilt keine Ordnung um ihrer selbst etwas, wie
bisher die päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen
sind; sondern aller Ordnungen Leben, Würde, Kraft
und Tugend ist der rechte Gebrauch, sonst gilt sie und
taugt sie gar nichts.
Gottes Geist und Gnade sei mit uns allen! Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3884 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 29

Editorische Bemerkung

Luther ist in den Fragen der Gottesdienstgestaltung


konservativ gewesen. Das zeigt sich ganz besonders
deutlich bei seiner Rückkehr von der Wartburg 1522
(vgl. Bd. 4, S. 61ff. und 345ff.). Ihn leitete dabei die
Rücksichtnahme auf die »Schwachen«. Grundsätzlich
war Luther mit den Wittenberger Neuerungen einver-
standen: Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt,
Streichung der im Meßformular den Opfercharakter
der Messe bestimmenden Teile usw. Aber er hält den
Weg für falsch, der hier gegangen wurde. Denn man
hatte die Neuerungen eingeführt, ehe die Gemeinde
innerlich wirklich reif dafür war und forderte von ihr,
daß sie das Neue einfach hinnahm. Zwar war das
Neue an sich richtig, aber so durchgesetzt, wie das in
Wittenberg geschehen war, mußte es zu einer neuen
Gesetzlichkeit führen. Predigt das Evangelium, for-
derte Luther, dann wird die Erkenntnis des Neuen
wachsen und das Alte von allein fallen. Der neue
Glaube wird sich von allein die neuen Formen schaf-
fen.
Tatsächlich ist das von Luther Erwartete auch sehr
bald eingetreten. Immer weniger nahmen an den
Abendmahlsfeiern teil, bei welchen das Sakrament
nur in einer Gestalt gereicht wurde, immer größer
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3885 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 30

wurde die Zahl derer, die danach begehrten, daß das


innerlich Erkannte auch eine äußere Form finde. 1524
hatte sich die deutsche Sprache im Gottesdienst be-
reits an verschiedenen Orten durchgesetzt (zuerst in
Nürnberg, dann in Reutlingen, Wertheim usw.). Von
den verschiedensten Seiten her wird Luther gedrängt,
sich diesem Vorgehen anzuschließen und eine Ord-
nung für einen deutschen evangelischen Gottesdienst
zu schaffen. Wir können beobachten, wie er Schritt
für Schritt die Vorbereitungen dazu trifft (vgl. seine
Äußerungen in der Formula Missae von 1523, sein
Taufbüchlein aus demselben Jahr, seine deutschen
Kirchenlieder usw.), aber ohne daß er sich darüber im
klaren ist, wie planmäßig das geschieht. Denn Luther
folgt dabei nur den Notwendigkeiten und den Bedürf-
nissen der Gemeinde. Im Oktober 1525 werden
schließlich Musiksachverständige nach Wittenberg
gerufen, und am 29. Oktober 1525 ist es endlich so
weit, daß in der Stadtkirche zu Wittenberg der erste
deutsche Gottesdienst stattfinden kann (für die Got-
tesdienste an den Wochentagen bleibt der Gebrauch
der lateinischen Sprache noch bestehen). Bezeichnend
ist die Ansprache, welche Luther aus diesem Anlaß an
die Gemeinde richtet: Lange habe er sich gegen die
Einführung der deutschen Messe gewehrt. »Nun mich
aber so viele aus allen Landen mit Zuschriften und
Briefen bitten ... können wir uns nicht wohl entschul-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3886 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 31

digen ..., sondern müssen dafür halten, es sei der


Wille Gottes«(WA 17,1, 459). Was in Wittenberg
praktisch erprobt war, wurde zu Papier gebracht und
von Luther mit den notwendigen Bemerkungen und
Erklärungen zusammen dem Drucker übergeben. An-
fang 1526 (die ersten Exemplare vielleicht schon in
den letzten Tagen von 1525) erschien die »Deutsche
Messe« im Buchhandel. Reißend wurde die Schrift
abgesetzt (in Wittenberg erschienen noch im selben
Jahre zwei weitere Ausgaben, an anderen Orten min-
destens sieben Nachdrucke). Im Auszug wurden sie
von 1527 an in die Gesangbücher aufgenommen, die
evangelischen Gottesdienste weit über das 16. Jahr-
hundert hinaus sind von ihr bestimmt.
Wenn nun in unserer Zeit im Zusammenhang der
Bemühung um eine Erneuerung der Liturgie Versuche
auch zur Wiedereinführung der Deutschen Messe zu
beobachten sind, lag die Frage nahe, ob nicht gerade
diese Schrift Luthers in unserer Ausgabe vollständig
abgedruckt werden müßte. In der vorigen Auflage war
diese Frage noch verneint und eine Fassung geboten
worden, welche sich auf das Allgemeingültige der
Deutschen Messe beschränkte und auf das, was aus
ihr über Luthers Auffassung vom Gemeindegottes-
dienst zu entnehmen war. Dafür war mancherlei anzu-
führen: Die »Deutsche Messe« war schon, als sie er-
schien, keine Schrift für die Gemeinde, sondern für
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3887 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 32

die Pastoren. Sie enthält umfangreiche Notenstücke,


in welchen die Liturgie an Beispielen erläutert wird;
zu ihrem Verständnis ist nicht nur eine genaue Kennt-
nis der Gregorianik, sondern auch des katholischen
Meßgottesdienstes erforderlich. Eine Fülle von Erläu-
terungen wäre notwendig, wenn auch nur eine unge-
fähre Vorstellung davon erreicht werden sollte, was
die »Deutsche Messe« will und bedeutet. Und die
Möglichkeit einer inneren Aneignung läge dann für
den Leser immer noch in weiter Ferne. Es soll gar
nicht bestritten werden, was beredte Fürsprecher der
Deutschen Messe ausgeführt haben (z.B. Theodor
Knolle im Lutherjahrbuch 10, 1928, 170-203: »Lu-
thers Deutsche Messe und die Rechtfertigungslehre«),
daß es sich bei ihr um »ein vollgültiges Zeugnis evan-
gelischen Geistes« handelt. Aber was für das 16.
Jahrhundert ein entscheidender Fortschritt war,
braucht das noch nicht für das 20. zu bedeuten. Die
Deutsche Messe heute unverändert wiederholen zu
wollen, bedeutet einen Rückschritt und die Gefahr
einer Erstarrung. Man kann die Entwicklung nicht an
einem bestimmten Punkt still stehen lassen wollen,
und sei er noch so bedeutsam.
So etwa war in der vorigen Auflage argumentiert
worden. Zwar ist der Herausgeber nach wie vor der
Meinung, daß eine Übernahme der Deutschen Messe
als Gottesdienstform für die Gemeinde von heute
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3888 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 33

nicht möglich ist. Aber er hat sich doch zu einer mög-


lichst vollständigen Wiedergabe des Textes entschlos-
sen. Nur die Melodiebeispiele für den Gesang der
Epistel und des Evangeliums sind ganz ausgelassen
worden (WA S. 103-111), ebenso wie der Notensatz
(die Stücke mit Noten sind jedoch jedes Mal gekenn-
zeichnet), und zwar nicht mit Rücksicht auf die tech-
nischen Schwierigkeiten, sondern darauf, daß die ab-
solute Mehrheit der Benutzer des Bandes damit –
auch bei ausführlichen Erklärungen – nichts anzufan-
gen weiß. Die Wiedergabe des Textes genügt dem
Leser zur Entscheidung darüber, ob diese Form des
Gottesdienstes heute möglich ist oder nicht; daß in ihr
Grundlegendes gesagt ist, an das unsere Zeit erinnert
werden muß, darüber war in der vorigen Auflage
schon kein Zweifel gelassen. Wenn diese Abschnitte
in der erweiterten Fassung vielleicht nicht so schnell
auffindbar sind, so wird dieser Nachteil doch wohl
durch die jetzt gegebene Möglichkeit zur eigenen
Meinungsbildung wieder ausgeglichen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3889 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 34

Anmerkungen

1 Eig.: »Wie wol aber eym iglichen das auff seyn ge-
wissen gestellet ist ... auch niemands die selbigen zu
weren ...«.
2 Eig.: »eynzuzihen«.
3 Eig.: »so eben«.
4 Eig.: »hirschafft«.
5 Das ist doch wohl ironisch gemeint und gegen die
»Geistchristen«, die »vollkommenen Christen«, d.h.
die Schwärmer gesagt.
6 Formula Missae et Communionis, 1523, vgl. WA
12, 205-220.
7 Luther wendet sich auch sonst dagegen, daß die
Waldenser die Bibel nur in der Übersetzung gebrau-
chen und diese für ausreichend halten, vgl. seine
Schrift von 1523: Vom Anbeten des Sakraments des
heiligen Leichnams Christi (WA 11, 455). 1524 hat-
ten die Waldenser außerdem beschlossen, daß der
Gottesdienst ganz in der Landessprache stattfinden
solle.
8 Eig.: »mit hand und munde«.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3890 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 35

9 Unterricht eig.: »Catechismum«.


10 Eig.: »aus meynem kopff«.
11 Gemeint ist die Gemeinde derer, die mit Ernst
Christen sein wollen, vgl. weiter oben.
12 Eig.: »nymer mehr keyn Cathechismus angericht
werden«.
13 Eig.: »das man eyne sonderliche gemeyne anrich-
tet.«
14 Vgl. S. 89f.
15 Eig.: »durchaus«.
16 Das »Betbüchlein« erschien 1522, vgl. WA 10,2,
375-409, danach noch in zahlreichen, oft veränderten
Ausgaben. In dem, was Luther hier ausführt, bereitet
sich der Kleine Katechismus vor.
17 Eig.: »Christlichen verstands«.
18 Eig.: Schreckenberger, so genannt, weil das Silber
in Schreckenberg (= Annaberg) gewonnen wurde.
19 UNSICHER! Eig.: locos communes.
20 Luthers Übertragung des Te Deum laudamus s. S.
287ff.
21 Das Kollektengebet, Gebet vor der Schriftlesung,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3891 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 36

noch heute in der Liturgie, hat mit dem Einsammeln


der Kollekte nichts zu tun, sondern bedeutet ur-
sprünglich die Sammlung (lat. collectio), d.h. Zusam-
menfassung des vorher im Wechselgebet mit der Ge-
meinde Vorgetragenen durch den Geistlichen. Ein
Beispiel für ein Kollektengebet s. S. 97.
22 Schlußgebet des Priesters bei den katholischen
Stundengebeten.
23 Vgl. Luthers Auslegung des Magnifikat in Band
5, 274-340.
24 Die lutherische Reformation hat die sog. altkirch-
liche Perikopenordnung (welche diesen Namen nur
bedingt zu Recht trägt: ihre Anfänge gehen zwar bis
in die alte Kirche zurück, voll ausgebildet ist sie aber
erst im 7. Jahrhundert und durchgesetzt hat sie sich
im Karolingischen Zeitalter) im wesentlichen beibe-
halten. Erst das ausgehende 19. Jahrhundert (Eisen-
acher Kirchenkonferenz von 1896) hat neben die
»alten« Perikopen eine »neue« Perikopenreihe ge-
setzt. Inzwischen sind mehrere neue Perikopenreihen
eingeführt worden.
25 Die Schweizer Reformation (ebenso wie die
Schwärmer) war von der festen Perikopenordnung
entweder zur fortlaufenden Auslegung biblischer Bü-
cher oder zur Predigt über freigewählte Texte überge-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3892 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 37

gangen.
26 Vgl. S. 94,23ff.
27 Eig.: »ynn primo tono«. »Dieser Psalm soll nach
dem ersten regulären Psalmton gesungen werden. Die-
ser Psalmton ruht auf der ersten Kirchentonart, deren
Kennzeichen folgende sind: Der im Satze vorherr-
schende Ton, »Hauptton« oder »Dominante« genannt,
ist a, die Schlußnote, die »Finale«, ist D. Das zweite
Merkmal ist bei dem von Luther als Beispiel gegebe-
nen Psalm: »Ich will den Herrn loben alle Zeit« nicht
zur Geltung gekommen, weil die in der katholischen
Kirche vor dem eigentlichen Psalm hergehende und
demselben nachfolgende Antiphone, welche in D
schließen würde, nicht aufgenommen ist und weil für
den Schluß der einzelnen Psalmverse unter den ver-
schiedenen im Gebrauch befindlichen Finale ein sol-
ches gewählt ist, welches nicht in D ausgeht. Für bei-
des dürfte Luther sich deshalb entschieden haben, um
dem Geistlichen das Treffen der Einsätze möglichst
zu erleichtern. Darum wählt er ein Finale, welches
derartig in G schließt, daß wie von selbst der Wieder-
anfang mit F erfolgen mußte. Ebenso hat er als »Me-
diation« am Schluß der ersten Hälfte jedes Psalmver-
ses eine möglichst einfache gewählt, diejenige, welche
in der katholischen Kirche für den ferialen Gesang der
Psalmen vorgeschrieben ist. Auch läßt er niemals auf
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3893 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 38

einer Silbe mehr als einen einzigen Ton singen. Ver-


muthlich zur Vermeidung von Eintönigkeit schloß er
sich nicht an die Regel an, das Initium (hier: F G a)
nur bei dem ersten Verse eines Psalmes singen, die
folgenden Verse aber sogleich mit der Dominante be-
ginnen zu lassen. Um die Melodie an die Betonung
der deutschen Worte anzuschließen, folgt er nicht
immer der Regel, daß bei dem ersten Psalmton auf die
Mediation die letzten fünf und auf das Finale die letz-
ten vier Silben zu singen sind.«(WA 19,54f.)
28 Ps. 34, 2-23 ist genau wie bei Luther (nur in mo-
derner Orthographie) wiedergegeben und nicht nach
dem heutigen Text, weil die Bindung des Textes an
die Melodie Änderungen nicht gestattet. Nur bei Ge-
fahr von Mißverständnissen sind Zusätze in runden
Klammern gemacht.
29 »Für den Gesang der Kollekte unterscheidet die
katholische Liturgie drei Orationstöne. Luther wählt
den allereinfachsten, den tonus simplex ferialis, wel-
cher in unisono, d.h. auf einem einzigen Ton, ohne
jede Modulation, vorgetragen wird. Zur Erleichterung
für den Sänger soll an dieser Stelle der Messe dieser
Ton derselbe sein, wie der Anfangston des Psalms
und des Kyrie. Diesen Ton nennt Luther hier »F fa
ut«.«(WA 19, 55)
30 Vgl. S. 261f.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3894 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 39

31 Vgl. S. 266f.
32 Luther meint die Lesungen aus den Kirchenvä-
tern, die für die Horen vorgeschrieben sind.
33 Eig.: »las ich frey eym iglichen seyne wilkore«.
34 Eig.: »das ampt und dermunge«.
35 Der Text wird auf die gleiche Weise behandelt
wie oben S. 96 Ps.34.
36 »Jesaja dem Propheten das geschah«, vgl. S. 281.
37 1524 im Druck erschienen, vgl. S. 272f.
38 Gemeint ist Luthers Umdichtung: »Jesus Chri-
stus, unser Heiland, der von uns den Gottes Zorn
wandt«, vgl. S. 271f.
39 Christe, du Lamm Gottes.
40 In bezug auf die Beichte verweist Luther auf seine
sonstigen Äußerungen dazu (vgl. auch S. 151ff. die-
ses Bandes), insbesondere auf sein Betbüchlein von
1522, vgl. WA 10, 2, 438 ff.
41 Hier zeigt sich Luthers Konservativismus, der nur
zögernd das Alte abstreift, mit aller Deutlichkeit. Es
hat bis 1542 gedauert, bis die Elevation des Kelches,
die doch nur in der römischen Messe ihren Sinn hat,
abgeschafft wurde.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3895 Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdiensts (1526) 40

42 Auch für diesen Text gilt das gleiche.


43 Folgt WA S. 102-111 »Exercitatio odder ubunge
der melodeyen«(Notenbeispiel für die Rezitation der
Epistel und des Evangeliums an 1. Kor. 4, 1-8 und
Matth. 6, 24-34).
44 Eig.: »gestellet«.
45 Eig.: »zufals«.
46 Folgt eine Anweisung Luthers für die Feste und
die Passionszeit: so lange, wie keine ausreichende
deutsche Liturgie für die Feste vorhanden ist, muß sie
lateinisch stattfinden. »Die Marterwoche soll gleich
wie andere Wochen sein, nur daß man die Passion
predige, des Tages eine Stunde die Woche hindurch
(oder so viel Tage wie man will) und das Sakrament
nehme, wer da will«.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther