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1215 Die Thesen zur Leipziger Disputation (1519) 1

Martin Luther

Die Thesen zur Leipziger Disputation


(1519)

[WA 2, 160–161]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


1216 Die Thesen zur Leipziger Disputation (1519) 2

Gegen die neuen und alten Irrtümer wird Martinus


Luther folgende Thesen an der Universität zu Leip-
zig verteidigen:
1. Täglich sündigt jeder Mensch, aber täglich tut er
auch Buße, wie Christus (Matth. 4, 17) lehrt: »Tut
Buße!«, außer einem vermeintlichen neuen Gerechten,
welcher der Buße nicht bedarf, obwohl der himmli-
sche Weingärtner doch auch die fruchtbringenden
Reben täglich reinigt.
2. Zu leugnen, daß der Mensch auch im Guten sün-
digt und daß die Sünde nicht an sich selbst, sondern
bloß durch Gottes Barmherzigkeit Vergebung erlangt,
oder daß nach der Taufe noch Sünde im Kinde bleibt,
heißt Paulus und Christus zugleich mit Füßen treten.
3. Wer da behauptet, daß das gute Werk und die
Buße (schon) beim Abscheu vor den Sünden (noch)
vor der Liebe zur Gerechtigkeit anhebt und daß man
dabei nicht mehr in der Sünde sei, den rechnen wir zu
den pelagianischen Ketzern,1 beweisen aber auch,
daß er zugleich gegen seinen heiligen Aristoteles ver-
stößt.
4. Gott verwandelt die ewige Strafe in eine zeitli-
che, nämlich das Kreuz zu tragen. Dies aufzuerlegen
oder wegzunehmen haben kirchliche Rechtssatzungen
oder Priester keine Macht, selbst wenn sie – durch
schädliche Heuchler verführt – sich das anmaßen.
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5. Jeder Priester muß den Bußfertigen von Strafe


und Schuld lossprechen, sonst sündigt er. Ebenfalls
sündigt auch ein höherer Prälat, wenn er sich verbor-
gene Taten ohne höchst notwendigen Grund reser-
viert, mag auch der Brauch der Kirche, d.h. der
Heuchler, dagegen sein.
6. Vielleicht leisten die Seelen im Fegefeuer Ge-
nugtuung für ihre Sünden; daß aber Gott von einem
Sterbenden mehr als die Bereitschaft zum Sterben
verlangt, ist eine gänzlich unbegründete und verwe-
gene Behauptung, da das auf keine Weise bewiesen
werden kann.
7. Daß er nicht versteht, was Glaube, Reue noch
was freier Wille ist, zeigt der, welcher da stammelt,
der freie Wille sei Herr über die Taten, seien es gute
oder böse, oder der da träumt, daß einer nicht allein
durch den Glauben ans Wort gerechtfertigt werde oder
daß der Glaube nicht jede Schuld aufhebe.
8. Es ist gegen Wahrheit und Vernunft, daß es
denen, die ungern sterben, an der Liebe mangelt, und
daß sie deswegen den Schrecken des Fegefeuers zu er-
leiden haben – jedoch nur dann, wenn Wahrheit und
Vernunft dasselbe sind wie die Meinung der Theolo-
gisten.2
9. Wir wissen wohl, daß von den Theologisten be-
hauptet wird, die Seelen im Fegefeuer seien ihres Hei-
les gewiß und die Gnade werde in ihnen nicht ge-
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mehrt, doch verwundern wir uns dieser hochgelehrten


Männer, daß sie für diesen ihren Glauben keinerlei
glaubhafte Begründung auch nur im geringsten vor-
bringen können.
10. Daß das Verdienst Christi der Schatz der Kir-
che ist und dieser durch die Verdienste der Heiligen
noch bereichert wird, ist gewiß. Daß das aber ein
Schatz des Ablasses sei, das erdichtet nur ein schänd-
licher Speichellecker oder die von der Wahrheit abir-
ren und gewisse falsche Übungen und Bräuche der
Kirche.
11. Zu sagen, der Ablaß sei für die Christen etwas
Gutes, heißt dummes Zeug reden; in Wahrheit ist er
nämlich gerade das Gegenteil von einem guten Werk.
Ein Christ muß den Ablaß wegen des Mißbrauches
verwerfen, weil der Herr sagt: »Ich tilge deine Über-
tretungen um meinetwillen« (Jes. 43, 25), nicht um
des Geldes willen.
12. Daß der Papst jede Strafe sowohl für dieses wie
für das zukünftige Leben erlassen könne, die man für
seine Sünden schuldig ist, und daß der Ablaß auch
denen zugutekomme, die nichts Böses getan haben,
das träumen nur die ganz ungelehrten Sophisten und
die verderblichen Speichellecker, können es aber nicht
im geringsten beweisen.
13. Daß die römische Kirche über alle anderen er-
haben sei, wird mit den kraftlosesten, in den (letzten)
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400 Jahren entstandenen, Dekreten der römischen


Päpste bewiesen; gegen diese stehen die beglaubigten
Historien von 1100 Jahren, der Wortlaut der heiligen
Schrift und der Beschluß des Konzils von Nizäa,3 des
heiligsten von allen.

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Editorische Bemerkung

Die hier abgedruckten Thesen sind Anfang Mai als


Teil von Luthers Disputatio et excusatio F. Martini
Luther adversus criminationes D. Joannis Eccii er-
schienen. Sie stellen die letzte Etappe der Vorberei-
tung für die Leipziger Disputation dar (zur Verteidi-
gung seiner 13 Thesen ließ Luther Ende Juni dann
noch erscheinen die Resolutio Lutheriana super pro-
positione sua decima tertia de potestate papae) und
zeigen, wie weit sich nicht nur der sachliche, sondern
auch der persönliche Gegensatz zwischen Luther und
Eck bereits entwickelt hat (für die Schärfe des persön-
lichen Gegensatzes ist besonders die Vorrede charak-
teristisch, die um ihrer rein auf die Historie be-
schränkten Bedeutung willen hier ausgelassen ist).
Gewiß hat Luther – der Gewohnheit der Zeit und dem
Charakter der Disputationen entsprechend – in den
Thesen manche Formulierung polemisch überspitzt,
so daß man aus ihnen nicht unbedingt seinen wirkli-
chen Standort im Mai 1519 in allen Einzelheiten ab-
lesen kann. Aber die Disputation selbst führte ihn,
wie bekannt, noch über das in den Thesen Ausgespro-
chene hinaus.

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Anmerkungen

1 In den Kämpfen mit Augustin und insbesondere in


den Auseinandersetzungen nach seinem Tode sind die
(weitverbreiteten) Anschauungen des Pelagius und
seiner Anhänger, daß der Mensch auch nach dem Fall
aus eigenen Kräften zum Guten fähig wäre, mehrfach
in der Kirche verurteilt worden.
2 U.ö. eig.: »theologistae«, herabsetzend für die
theologischen Gegner, insbesondere die scholasti-
schen Theologen.
3 Das Konzil von Nicäa fand 325 statt, zur Sache
vgl. S. 337ff.

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