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933 Disputation zur Erforschung der Wahrheit und zum Trost der 1

Martin Luther

Zur Erforschung der Wahrheit und zum


Trost der erschrockenen Gewissen wird
das (nachfolgende) unter dem Vorsitz
des Ehrwürdigen Vaters Martin Luther,
Augustiner, in einer Zirkulardisputation
nach unserer Gewohnheit disputiert
werden.
(1518)

[WA 1, 630–633]

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1. Zwischen der kirchlichen Vergebung der Strafe und


der Schuld ist die Erlassung der Schuld bei weitem
die wichtigere.
2. Die Erlassung der Schuld macht das Herz ruhig
und hebt die größte aller Strafen auf, nämlich das
schlechte Gewissen wegen der Sünde.
3. Die Erlassung der Strafe mehrt bisweilen das
schlechte Gewissen, bisweilen nährt sie (aber auch)
die noch schlimmere Vermessenheit.
4. Die Erlassung der Schuld versöhnt den Men-
schen mit Gott; die Erlassung der Strafe versöhnt den
Menschen mit dem Menschen, das heißt mit der Kir-
che.
5. Wenn die Schuld erlassen ist und man kein
böses Gewissen zu haben braucht, dann ist die Strafe
keine Strafe mehr, sondern eine Freude in Trübsal.
6. Der Mensch kann ohne Erlassung der Strafe
selig werden, aber auf keine Weise ohne Erlassung
der Schuld.
7. Es ist von größerem Nutzen für die Seligkeit,
wenn der, welcher von der Schuld losgesprochen ist,
den Loskauf von der Strafe unterläßt.
8. Die Erlassung der Schuld gründet sich nicht auf
die Reue des Sünders, noch auf das Amt und die Ge-
walt des Priesters.
9. Sie gründet sich vielmehr auf den Glauben, der
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sich an das Wort Christi hält (Matth. 16, 19): »Was


du auf Erden lösen wirst« usw.
10. Denn es ist wahr, daß nicht das Sakrament des
Glaubens, sondern der Glaube an das Sakrament (das
heißt, nicht weil es geschieht, sondern daß es geglaubt
wird) gerecht macht.
11. Christus hat nicht gewollt, daß des Menschen
Seligkeit in der Hand oder dem Willen eines Men-
schen stehe,
12. sondern wie geschrieben steht (Hebr. 1, 3): »Er
trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort«; und
(Apg. 15, 9): »Er reinigte ihre Herzen durch den
Glauben.«
13. Die irren bis zum Unglauben, welche behaup-
ten, die Vergebung der Schuld sei ungewiß wegen der
Ungewißheit der Reue.
14. So sehr sich auch der Priester wie der Sünder
wegen der Reue im Ungewissen sein mag, so ist doch
die Absolution gültig, wenn man glaubt, man sei ab-
solviert.
15. Darum ists also gewiß: die Sünden sind verge-
ben, wenn du glaubst, daß sie vergeben sind. Denn
die Verheißung Christi, des Heilands, ist gewiß.
16. Wer durch die Schlüsselgewalt freigesprochen
ist, soll lieber sterben und aller Kreatur absagen, als
an seiner Absolution zweifeln.
17. Wer daran zweifelt, daß seine Absolution Gott
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angenehm ist, der zweifelt zugleich auch daran, daß


Christus die Wahrheit gesagt habe, wenn er spricht
(Matth. 16, 19): »Alles, was du auf Erden lösen
wirst« usw.
18. Wer die Vergebung (der Sünden) auf Reue
gründet, baut den Glauben an Gott auf Sand, das
heißt auf Menschenwerk.
19. Unrecht dem Sakrament gegenüber und ein
Werkzeug zur Verzweiflung ist es, nicht an die Abso-
lution zu glauben, ehe die Reue gewiß ist.
20. Ja, wer das Vertrauen seines Gewissens so auf
die Reue bauen will, der macht Gott zum Lügner, sich
selbst aber zum Verkünder der Wahrheit.
21. Solche verlassen sich aufs Gottloseste nicht auf
die Barmherzigkeit und das Wort Christi, sondern auf
ihre eigenen Werke und Kräfte.
22. Ja, sie wollen selbst auf ganz verkehrte Weise
das Wort und den Glauben bekräftigen und sich nicht
vielmehr selbst durch das Wort und den Glauben
kräftig machen lassen.
23. Die Priester sind nicht Vermittler der Verge-
bung, sondern Diener des Worts zum Glauben an die
Vergebung.
24. Das Amt der Schlüssel wirkt durch das Wort
und den Befehl Gottes ein sicheres und unfehlbares
Werk, wenn du nicht voll böser Tücke bist.
25. Der Priester hat genug eindeutige Zeichen der
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Reue, wenn er merkt, daß der Sünder die Absolution


begehrt und an sie glaubt.
26. Ja, man soll ihn vielmehr danach fragen, ob er
glaube, daß er absolviert sei, als ob er rechte Reue
empfinde.
27. Der Priester soll sich auch hüten, nicht so sehr
allein nach der Reue zu forschen, daß der Mensch an-
nehmen muß, er müsse um der Reue willen absolviert
werden.
28. Man soll ihm vielmehr das Wort Christi ein-
schärfen (Matth. 9, 2): »Sei getrost, mein Sohn, deine
Sünden sind dir vergeben«, als daß man nach seiner
Würdigkeit fragt.
29. Daraus folgt, daß das Wort Christi (Joh.
20,23): »Welchen ihr die Sünden erlasset« nicht von
den Strafen, sondern von der Schuld verstanden wer-
den muß.
30. Wie der Priester lehrt, tauft, wahrhaftig das
Abendmahl reicht und dies doch allein Werke des
Geistes sind, der innerlich wirkt,
31. so vergibt er wahrhaftig die Sünden und spricht
los von der Schuld, und doch ist dies ein Werk allein
des Geistes, der innerlich wirkt.
32. In all diesen Dingen wirkt er, indem er das
Wort Christi verwaltet, gleichzeitig den Glauben,
durch welchen der Sünder innerlich gerecht wird.
33. Nichts macht nämlich gerecht als allein der
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Glaube an Christus, zu dem der Dienst am Wort


durch den Priester notwendig ist.
34. Ohne diesen Glauben ist die Reue über die
Sünden ein Werk, das zur Verzweiflung führt und
Gott mehr beleidigt, als ihn versöhnt.
35. Der Priester kann das Schlüsselamt mißbrau-
chen und dadurch sündigen, daß er jemanden absol-
viert, den er nicht hätte absolvieren dürfen, nämlich
wenn er gebunden ist.
36. Doch ist die Absolution deshalb nicht nichtig,
es sei denn, daß zugleich auch der Glaube des Absol-
vierten nichts wäre.
37. Wie in der Taufe und im Abendmahl auch die
eingeschränkte und verbotene Schlüsselgewalt wahr-
haftig tauft und das Sakrament reicht,
38. so absolviert sie wahrhaftig auch in der Buße,
mag sie auch noch so verboten sein, wenn nur bei
dem Absolvierten keine List dahintersteckt.
39. Auch ein Priester, der leichtfertig handelt und
spottet oder wissentlich gegen das Verbot handelt,
tauft und absolviert doch gültig.
40. Gesetzt den Fall (was doch unmöglich ist): der
zu Absolvierende empfände keine Reue, glaubte aber
doch, er werde absolviert, so ist er wahrhaftig absol-
viert.
41. Hier kann kein Vorbehalt von Fällen noch ir-
gendein Verbot hinderlich im Wege stehen, wenn es
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nur unbekannt war und blieb.


42. Die Sakramente des Neuen Testaments sind
nicht in solcher Weise wirksame Zeichen der Gnade,
daß es genug wäre, sich bei ihrem Empfange nicht vor
ihnen zu verschließen.
43. Ja, wer ohne Glauben zu irgendeinem Sakra-
ment geht, der tritt zum Schein und deshalb zu seinem
Gericht hinzu.
44. Die Sakramente des Alten und des Neuen Te-
staments unterscheiden sich so voneinander: jene
waren Rechtfertigungen des Fleisches, diese aber sind
Rechtfertigungen des Geistes.
45. In den Sakramenten des Neuen Testaments ist
das Wort dessen, der die Vergebung verheißt, gegen-
wärtig, in denen des Alten Testaments fehlte es, und
deshalb (fehlte) auch der Glaube dessen, der die Ver-
gebung empfängt.
46. Wie die läßlichen Sünden nicht in die Beichte
und Ab- solution des Schlüsselamtes gehören, so
auch nicht alle Todsünden.
47. Wenn der Mensch alle Todsünden beichten und
von ihnen absolviert werden sollte, so würde er zu
etwas angehalten, was schlechterdings unmöglich ist.
48. Kein Mensch weiß, wie oft er eine Todsünde
begeht – auch in seinen guten Werken – wegen der
eitlen Ehre.
49. Er soll allein die Sünden bekennen, von denen
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er oder andere mit Bestimmtheit wissen, daß sie Tod-


sünden, das heißt grobe Vergehen, sind.
50. An den anderen soll er verzagen und sich zu-
versichtlich in die Tiefe der Barmherzigkeit Gottes
begeben, der ihm (die Vergebung der Sünden) treulich
zusagt.
Summa Summarum:1 Der Gerechte lebt nicht aus
den Werken noch aus dem Gesetz, sondern aus dem
Glauben (Röm. 1, 17).2

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Editorische Bemerkung

Diese Disputation ist bisher so gut wie ganz unbeach-


tet geblieben, dementsprechend wird sie hier zum er-
stenmal in einer Auswahlausgabe abgedruckt. Sie
fand nicht anläßlich einer Promotion statt, sondern als
eine der Freitagsdisputationen, die in Wittenberg von
den Professoren der Reihe nach gehalten wurden. Ihr
genaues Datum ist unbekannt (obwohl uns anschei-
nend ein Exemplar des Urdrucks erhalten ist), nur die
Jahreszahl steht fest. Jedoch sind die Thesen aus
ihrem Inhalt zeitlich näher zu bestimmen. Sie stehen
nämlich in engem Zusammenhang mit den Resolutio-
nen Luthers zu seinen 95 Thesen (Bd. 2, 32-82). Ihre
Hauptgedanken wollte Luther offensichtlich seinen
Kollegen in dieser Disputation vortragen. Das Manu-
skript zu den Resolutionen ist allem Anschein nach
im Februar 1518 fertig gewesen (auf den 13. Februar
ist der Brief datiert, mit dem es Luther dem Bischof
Hieronymus Schulz zur Kenntnisnahme zusendet, Bd.
10, 32-34). In diese Zeit, Februar/März 1518, dürfte
die Disputation gehören, die nun aber schon im Titel
auffällig ist. Er deutet darauf hin, daß in den Thesen
mehr als die Frage des Ablasses besprochen wird.
Tatsächlich wird von der Erlassung der Schuld ge-
sprochen (These 2ff.), die sich auf den Glauben grün-
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det (These 9ff.). Allein durch den Glauben wird der


Sünder innerlich gerecht (These 33ff.). Der Glaube ist
das Entscheidende am Sakrament (These 10). Der
Mensch soll sich in die Tiefe der Barmherzigkeit Got-
tes begeben, der ihm die Vergebung der Sünden zuge-
sagt hat (These 50). Und am auffälligsten ist der, bei-
nahe triumphierende, Schluß: »Summa Summarum«
mit seiner Anführung von Röm. 1, 17; im frühen
Schrifttum Luthers gibt es dergleichen nicht. Von hier
aus ist die Ansicht vertreten worden (zum ersten Mal
bei K. Aland, Der Weg zur Reformation, S. 108), daß
diese Thesenreihe dem Zeitpunkt der reformatorischen
Erkenntnis Luthers nahesteht. Das Neue ist schon da,
es ist noch mit der Diskussion der bisherigen Ablaß-
fragen verbunden, führt sie aber schon weiter, wobei
es noch nach seinem vollen Ausdruck ringt.

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Anmerkungen

1 Ein Vergleich mit dem Schluß der Thesen gegen


die scholastische Theologie S. 362, 11ff. macht das
Besondere dieses Schlußsatzes noch deutlicher.
2 Ein Druck der Thesen fügt eine Schlußbemerkung
hinzu: Den Beweis für diese Thesen gibt der Autor in
seinen Resolutionen über die Ablaßthesen. Der Ur-
druck enthält diese Angabe nicht, sondern nur die
Jahreszahl 1518. Dieser Hinweis des später erschie-
nenen Druckes bestätigt die oben vertretene Datie-
rung: von August 1518 ab (Erscheinungstermin der
Resolutionen) ist dieser Verweis möglich, der seinen
Zweck für die Öffentlichkeit ja nur erfüllt, wenn die
Resolutionen vorliegen.

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