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3709 Eine kurze Form des Glaubensbekenntnisses (1520) 1

Martin Luther

Eine kurze Form des


Glaubensbekenntnisses
(1520)

[WA 7, 214–220]

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3710 Eine kurze Form des Glaubensbekenntnisses (1520) 2

Das Glaubensbekenntnis1 teilt sich in drei Hauptstük-


ke, je nach dem die drei Personen der heiligen göttli-
chen Dreifaltigkeit darin behandelt werden: das erste
ist dem Vater, das zweite dem Sohn und das dritte
dem Heiligen Geist zu eigen. Denn das ist der höchste
Artikel im Glaubensbekenntnis, daran die andern alle
hängen.
Hier ist zu merken, daß auf zweierlei Weise ge-
glaubt wird: zum ersten von Gott, das ist, wenn ich
glaube, daß es wahr sei, was man von Gott sagt,
gleich als wenn ich glaube, daß es wahr sei, was man
vom Türken, Teufel, Hölle sagt. Dieser Glaube ist
mehr ein Wissen oder eine Betrachtung als ein Glau-
be.
Zum zweiten wird an Gott geglaubt, das ist, wenn
ich nicht allein glaube, daß es wahr sei, was von Gott
gesagt wird, sondern mein Vertrauen in ihm setze, er-
gebe mich darein und wage es, mit ihm zu handeln,
und glaube ohne allen Zweifel, er werde mir so sein
und tun, wie man von ihm sagt. Auf diese Weise
würde ich dem Türken oder Menschen nicht glauben,
wie hoch man sein Lob priese. Denn ich glaube zwar
leicht, daß ein Mensch rechtschaffen sei, ich wage es
deshalb aber nicht, auf ihn zu bauen.
Solcher Glaube, der es auf Gott wagt, wie von ihm
gesagt wird, es sei im Leben oder Sterben, der macht
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allein einen Christenmenschen und erlangt von Gott


alles, was er will. Der kann kein böses, falsches Herz
haben; denn das ist ein lebendiger Glaube und der
wird im ersten Gebot geboten, das da sagt: »Ich bin
dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben
mir«.
Darum ist das Wörtlein »an« sehr gut gesetzt und
mit Fleiß wahrzunehmen, daß wir nicht sagen: »Ich
glaube Gott dem Vater« oder »von dem Vater«, son-
dern: an Gott den Vater, an Jesus Christus, an den
Heiligen Geist; und den Glauben soll man niemand
geben als Gott allein. Deshalb wird die Gottheit Jesu
Christi und des Heiligen Geistes damit bekannt, daß
wir an ihn gleichwie an den Vater glauben. Und wie
es ein gleicher Glaube ist an alle drei Personen, so
sind auch die drei Personen ein Gott.

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Der erste Teil des Glaubensbekenntnisses:

»Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen,


Schöpfer Himmels und der Erde.«
Das ist: ich entsage dem bösen Geist, aller Abgöt-
terei, aller Zauberei und allem Mißglauben.
Ich setze mein Vertrauen auf keinen Menschen auf
Erden, auch nicht auf mich selbst, noch auf meine Ge-
walt, Kunst, Gut, Frömmigkeit oder was ich haben
mag.
Ich setze mein Vertrauen auf keine Kreatur, sie sei
im Himmel oder auf Erden.
Ich wage und setze mein Vertrauen allein auf den
bloßen, unsichtbaren, ungreifbaren, alleinigen Gott,
der Himmel und Erde geschaffen hat und allein über
alle Kreaturen ist.
Umgekehrt entsetze ich mich nicht vor aller Bos-
heit des Teufels und seiner Gesellschaft; denn mein
Gott ist über sie alle.
Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott, wenn ich
auch von allen Menschen verlassen oder verfolgt
wäre.
Ich glaube nichtsdestoweniger, wenn ich auch arm,
unverständig, ungelehrt, verachtet bin oder aller
Dinge ermangele.
Ich glaube nichtsdestoweniger, wenn ich, auch ein
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Sünder bin. Denn dieser mein Glaube soll und muß


schweben über allem, was da ist und nicht ist, über
Sünde und Tugend und über allem, auf daß er sich in
Gott lauter und rein halte, wie mich das erste Gebot
dringet.
Ich begehre auch kein Zeichen von ihm, ihn zu ver-
suchen.
Ich vertraue beständiglich auf ihn, wie lange er
auch verzieht und setze ihm kein Ziel, Zeit, Maß oder
Weise, sondern stelle es alles seinem göttlichen Wil-
len anheim in einem freien aufrichtigen Glauben.
So er denn allmächtig ist, was mag mir gebrechen,
das er mir nicht geben und tun könnte?
So er Schöpfer des Himmels und der Erde ist und
ein Herr aller Dinge, wer will mir etwas nehmen oder
schaden? Ja, wie wollen mir nicht alle Dinge zugute
kommen und dienen, wenn der mir Gutes gönnt, dem
sie alle gehorsam und untertan sind?
Dieweil er denn Gott ist, so vermag er und weiß
aufs beste, wie er es mit mir machen soll.
Dieweil er Vater ist, so will er es auch tun und tut
es herzlich gerne.
Dieweil ich daran nicht zweifle und so mein Ver-
trauen also auf ihn setze, so bin ich gewiß sein Kind,
Diener und Erbe ewiglich, und wird mir geschehen,
wie ich glaube.

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Der zweite Teil

»Und an Jesus Christus, seinen eingebornen Sohn,


unsern Herrn, der empfangen ist vom Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Ponti-
us Pilatus, gekreuziget, gestorben und begraben, nie-
dergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden
von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur
Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen
er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die
Toten.«
Das ist: ich glaube nicht allein, daß Jesus Christus
wahrhaftiger, einziger Sohn Gottes ist, in einer ewi-
gen göttlichen Natur und Wesen von Ewigkeit immer
geboren; sondern auch, daß ihm von dem Vater alle
Dinge unterworfen sind und er auch nach der Mensch-
heit als ein Herr meiner und aller Dinge eingesetzt ist,
die er mit dem Vater nach der Gottheit geschaffen hat.
Ich glaube, daß an den Vater glauben und zu dem
Vater niemand kommen kann weder durch Wissen,
Werke, Vernunft, noch alles, was man im Himmel
und auf Erden nennen kann, als allein in und durch
Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, das ist, durch
den Glauben an seinen Namen und seine Herrschaft.
Ich glaube fest, daß er mir zugute von dem Heili-
gen Geiste ohne alles menschliche und fleischliche
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Werk empfangen ist, ohne leiblichen Vater oder Man-


nessamen, auf daß er mein und aller, die an ihn glau-
ben, sündliche, fleischliche, unreine, verdammliche
Empfängnis reinigte und geistlich machte durch den
gnädigen Willen seines und des allmächtigen Vaters.
Ich glaube, daß er mir geboren ist von der reinen
Jungfrau Maria ohne allen Schaden ihrer leiblichen
und geistlichen Jungfrauschaft, auf daß er nach der
Ordnung väterlicher Barmherzigkeit meine und aller
seiner Gläubigen sündliche und verdammte Geburt
gesegnet, unschädlich und rein machte.
Ich glaube, daß er sein Leiden und Kreuz für meine
und aller Gläubigen Sünde getragen hat und dadurch
alles Leiden und Kreuz gesegnet und nicht allein un-
schädlich, sondern auch heilsam und hoch verdienst-
lich gemacht hat.
Ich glaube, daß er gestorben und begraben ist,
meine und aller seiner Gläubigen Sünde ganz zu töten
und zu begraben, dazu den leiblichen Tod erwürgt
und ganz unschädlich, nützlich, heilsam gemacht hat.
Ich glaube, daß er zu der Hölle niedergestiegen ist,
den Teufel und alle seine Gewalt, List und Bosheit für
mich und seine Gläubigen zu unterdrücken und gefan-
genzunehmen, daß mir der Teufel nicht schaden kann,
und mich von der Hölle Pein erlöst, diese auch un-
schädlich und verdienstlich gemacht hat.
Ich glaube, daß er am dritten Tage von den Toten
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auferstanden sei, mir und allen seinen Gläubigen ein


neues Leben zu geben, und (uns) so mit ihm in Gna-
den und Geist erweckt hat, hinfort nimmer zu sündi-
gen, sondern ihm allein in allerlei Gnaden und Tugen-
den zu dienen.
Ich glaube, daß er aufgefahren sei gen Himmel und
von dem Vater Gewalt und Ehre über alle Engel und
Kreaturen empfangen hat, und so zu der rechten Hand
Gottes sitzet, das ist, er ist ein König und Herr über
alle Güter Gottes im Himmel, in der Hölle und auf
Erden. Deshalb kann er mir und allen Gläubigen in
allen unsern Nöten wider alle unsere Widersacher und
Feinde helfen.
Ich glaube, daß er wieder von dannen, vom Him-
mel, am Jüngsten Tag kommen wird, zu richten die
Lebendigen, die dann gefunden werden, und Toten,
die indessen verstorben sind. Und alle Menschen, alle
Engel und Teufel müssen vor seinen Gerichtsstuhl
kommen und ihn leiblich sehen, mich und alle seine
Gläubigen zu erlösen von dem leiblichen Tod und
allen Gebrechen, und unsere Feinde und Widersacher
ewiglich zu strafen und uns von ihrer Gewalt ewiglich
zu erlösen.

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Der dritte Teil

»Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christ-


liche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung
der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewi-
ges Leben.«
Das ist: ich glaube nicht allein, daß der Heilige
Geist ein wahrhaftiger Gott ist mit dem Vater und
Sohn, sondern auch daß niemand in und zu dem Vater
durch Christus und sein Leben, Leiden, Sterben und
alles, was von ihm gesagt ist, kommen noch etwas
davon erlangen kann ohne des Heiligen Geistes Werk,
mit welchem der Vater und der Sohn mich und all die
Seinen anrührt, erweckt, ruft, zieht, durch und in
Christus lebendig, heilig und geistlich macht und so
zum Vater bringt. Denn er ist das, womit der Vater
durch Christus und in Christus alles wirkt und leben-
dig macht.
Ich glaube, daß da auf Erden, so weit die Welt ist,
nicht mehr als eine heilige, allgemeine, christliche
Kirche sei, welche nichts anders ist als die Gemeinde
oder Versammlung der Heiligen, der frommen gläubi-
gen Menschen auf Erden, welche durch den Heiligen
Geist versammelt, erhalten und regiert und täglich in
den Sakramenten und Gottes Wort gemehrt wird.
Ich glaube, daß niemand selig werden kann, der
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nicht in dieser Gemeinde gefunden wird, einträchtig


mit ihr in einem Glauben, Wort, Sakrament, in Hoff-
nung und Liebe stehend, und kein Jude, Heide, Ketzer
oder Sünder mit ihr selig werde, es sei denn, daß er
sich mit ihr versöhne, vereinige und ihr in allen Din-
gen gleichförmig werde.
Ich glaube, daß in dieser Gemeinde oder Christen-
heit alle Dinge gemeinsam und eines jeglichen Güter
dem andern zu eigen sind und niemand etwas zu eigen
sei. Darum müssen mir und einem jeglichen Gläubi-
gen alle Gebete und guten Werke der ganzen Gemein-
de zu Hilfe kommen, beistehen und mich stärken zu
aller Zeit im Leben und Sterben. Und so trägt ein jeg-
licher des anderen Last, wie Paulus Gal. 6, 2 lehrt.
Ich glaube, daß in dieser Gemeinde und sonst nir-
gends, Vergebung der Sünden sei, daß außerhalb
derselben nichts zur Sündenvergebung helfe, wie viel
und groß die guten Werke immer sein mögen. Aber
innerhalb derselben schade nichts zur Vergebung der
Sünde, wie viel, groß und oft gesündigt werden mag,
und das bleibt, wo und wie lange diese eine Gemeinde
bleibt, welcher Christus die Schlüssel gibt und sagt
(Matth. 18, 18): »Was ihr auf Erden lösen werdet,
soll auch im Himmel los sein«, ebenso zu dem einzel-
nen Petrus anstelle und als Repräsentant der einzelnen
einen Kirche, Matth. 16, 19: »Was du auf Erden
lösen wirst«.
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Ich glaube, daß da eine Auferstehung der Toten in


der Zukunft geschehen wird, in welcher durch den
Heiligen Geist alles Fleisch wieder auferweckt werden
wird, das ist, alle Menschen nach dem Leibe oder
Fleische, fromme und böse, so daß also ebendasselbe
Fleisch, das gestorben, begraben, verwest und auf
mancherlei Weise umgekommen ist, wiederkommen
und lebendig werden soll.
Ich glaube, daß nach der Auferstehung ein ewiges
Leben der Heiligen und ewiges Sterben der Sünder
sein wird, und zweifle an dem allen nicht, der Vater
werde mir durch den Sohn, Jesus Christus, unsern
Herrn, mit und in dem Heiligen Geist diese Stücke
alle geschehen lassen. Das heißt Amen, das ist, es ist
treulich und gewiß wahr.

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Editorische Bemerkung

Die von Luther 1520 veröffentlichte kurze Schrift:


Eine kurze Form der zehn Gebote, eine kurze Form
des Glaubens, eine kurze Form des Vaterunsers (1522
dann im wesentlichen unverändert ins Betbüchlein
übernommen) geht im ersten und dritten Teil auf eine
ältere Vorlage zurück, der mittlere Teil, der hier wie-
dergegeben wird, ist 1520 entstanden.

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Anmerkungen

1 Hier und oft eig.: »glauben«, in diesem Zusammen-


hang = Glaubensbekenntnis.

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