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3831 Sendschreiben an die Christen in Riga, Reval und Dorpat (1523) 1

Martin Luther

Sendschreiben an die Christen


in Riga, Reval und Dorpat
(1523)

[WA 12, 147–150]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3832 Sendschreiben an die Christen in Riga, Reval und Dorpat (1523) 2

Den auserwählten lieben Freunden Gottes, allen Chri-


sten zu Riga, Reval und Dorpat in Livland, meinen
lieben Herren und Brüdern in Christus, Martin Lu-
ther, Prediger zu Wittenberg.
Gnade und Friede in Christus! Ich habe schriftlich
und mündlich erfahren, liebe Herren und Brüder, wie
Gott, der Vater unsers Herrn und Heilands Jesus
Christus, auch bei Euch seine Wunder angefangen
und Eure Herzen mit seinem gnadenreichen Licht der
Wahrheit heimgesucht hat. Er hat Euch dazu so sehr
gesegnet, daß Ihr's als ein wahrhaftes Gottes Wort
von Herzen fröhlich aufnehmt, wie es denn auch
wahrlich ist. Das will bei uns der größere Teil doch
weder hören noch leiden: sondern je reichere und grö-
ßere Gnade Gott uns hier anbietet, desto unsinniger
sträuben sich die Fürsten, Bischöfe und alle breiten
Schuppen des Behemoth1 dagegen, lästern, verdam-
men und verfolgen; so lange, bis sie viele gefangen
und jetzt vor kurzem zwei verbrannt haben,2 damit
haben sie Christus neue Märtyrer zu unsern Zeiten
gen Himmel gesandt, so daß ich Euch mit Freuden
selig sprechen kann, die Ihr am Ende der Welt,
gleichwie die Heiden, Apg. 13, 48, das heilsame
Wort mit aller Freude empfangt, welches unsere
Juden in diesem Jerusalem, ja Babylon, nicht allein
verachten, sondern auch niemand zu hören gönnen.
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»Der Zorn Gottes ist schon über sie gekommen«, sagt


Paulus 1. Thess. 2, 16, »bis zum Ende hin«; aber
über euch regiert die Gnade.
Deshalb, meine Liebsten, seid für die göttliche
Gnade dankbar und erkennet die Zeit Eurer Heimsu-
chung, »daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes
empfanget«, 2. Kor. 6, 1. Und aufs erste, sehet darauf,
daß nicht Galater3 aus Euch werden, die so herrlich
anfingen und so feine, reine lautere Christen wurden,
aber bald von den Verführern zur irrigen Straße der
Werke weggewendet und umgekehrt worden sind. Es
werden ohne Zweifel auch unter Euch Wölfe kom-
men, besonders wenn die guten Hirten, die Euch Gott
jetzt zugesandt hat, hinwegkommen, und werden den
rechten Weg lästern und Euch wiederum nach Ägyp-
ten führen, daß Ihr mit falschem Gottesdienst dem
Teufel an Gottes Stelle dienet, wovon Euch Christus
jetzt durch sein himmlisch Licht erlöst hat und täglich
erlöst, daß Ihr zu seiner Erkenntnis kommt und sicher
seid, daß er allein ist unser Herr, Priester, Lehrer, Bi-
schof, Vater, Heiland, Helfer, Trost und Beistand
ewiglich in allen Sünden, Tod, Not und was uns fehlt,
es sei zeitlich oder ewiglich.
Denn so habt Ihr gehört und gelernt, daß wer da
glaubt, daß Jesus Christus ohne unser Verdienst, nach
Gottes des Vaters Willen und Barmherzigkeit, durch
sein Blut unser Heiland und Bischof unserer Seelen
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geworden ist, daß dieser Glaube uns ohne alle Werke


Christus mit Sicherheit so zueignet und gibt, wie er
glaubt. Denn Christi Blut ist freilich nicht deshalb
mein oder dein, weil wir fasten oder lesen, sondern
weil wirs so glauben, wie Paulus, Röm. 3, 28 sagt:
»So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht
werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den
Glauben«. Dieser Glaube macht uns ein fröhliches,
friedliches Herz zu Gott, und es muß ihn liebgewin-
nen, weil es sieht, daß es Gottes Wille sei und die
gnädige Neigung seiner Güte zu uns, daß Christus so
mit uns handelt. Das heißt denn, durch Christus zum
Vater kommen und zum Vater gezogen werden und
Friede mit Gott haben, sicher und fröhlich den Tod
und alles Unglück erwarten. Wo nun dieser Glaube
nicht ist, da ist Blindheit, kein Christ, noch irgendein
Fünklein göttlichen Werks oder Gefallens.
Daraus habt ihr weiter gelernt, daß alle Lehren, die
uns bisher vorgetragen worden sind, durch Werke
fromm und selig zu werden, Sünde abzulegen und zu
büßen, als da sind: die festgesetzten Fasten, Gebete,
Wallfahrten, Messen, Vigilien, Stifte, Möncherei,
Nonnerei, Pfäfferei, daß solches alles Teufelslehren,
Lästerungen Gottes sind. Denn sie vermessen sich,
das an uns zu tun, was allein das Blut Christi durch
den Glauben tun soll, schreiben damit den Menschen-
lehren und Werken zu, was doch allein Gottes Wort
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und Werken zukommt. Aber dieses Licht des Glau-


bens sieht klar, daß das alles bloß dicke, greuliche
Finsternisse sind, und bleibt an Gottes Gnade in Chri-
stus und läßt seine Verdienste vor Gott fahren. Das ist
der Weg zum Himmel und das Hauptstück christli-
chen Lebens.
Danach habt Ihr gehört: daß ein solcher Mensch
hinfort nichts schuldig ist, als seinen Nächsten zu lie-
ben, wie Paulus Röm. 13, 8 sagt, und Christus Joh.
13, 34: »Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch
untereinander liebet.« Denn wo Christi Jünger sind,
die brauchen für sich und für ihre Sünde und zu ihrer
Seligkeit nichts zu tun. Sondern das hat Christi Blut
schon getan und alles ausgerichtet, und sie geliebt,
daß sie sich selbst nicht mehr zu lieben oder zu su-
chen oder etwas Gutes zu wünschen brauchen. Son-
dern was sie davon für sich tun und suchen wollten,
das sollen sie auf ihren Nächsten wenden, und solche
guten Werke, deren sie nicht bedürfen, einem andern
tun, gleichwie Christus uns getan hat, der auch sein
Blut nicht für sich selbst, sondern für uns gegeben
und vergossen hat. Und das ist auch das Zeichen,
daran man rechte Christen erkennt, wie Christus, Joh.
13, 35 sagt: »Daran wird jedermann erkennen, daß ihr
meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt.«
Das ist das zweite Hauptstück christlichen Lebens.
So lehrt und tut, meine Liebsten, und laßt Euch von
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keinem andern Wind der Lehre bewegen, er wehe von


Rom oder von Jerusalem. Es liegt die Summe am
Glauben an Christus und an der Liebe zum Nächsten.
Ablaß, Heiligendienst und was für Werke auf uns und
unserer Seelen Nutzen bezogen werden, das meidet
wie tödliches Gift. Aber wo Ihr an dieser kleinen
Lehre hängen und bleiben werdet, werden das Kreuz
und die Verfolgung nicht ausbleiben. Denn der böse
Geist kann nicht leiden, daß seine Heiligkeit so zu
Schanden und zunichte werden soll, die er mit den
Werken durch die Geistlichen in aller Welt aufgerich-
tet hat. Aber seid beständig und denkt daran, daß Ihrs
nicht besser haben sollt als Euer Herr und Bischof
Christus, der auch um solcher Lehre willen, da er die
Werkheiligkeit der Pharisäer strafte, gemartert worden
ist. Es wird Euch solch Kreuz nützlich und nötig sein,
daß es Euch in eine feste, sichere Hoffnung bringe,
damit Ihr dieses Leben hasset und des künftigen tröst-
lich wartet; auf daß Ihr dann so in den drei Stücken:
Glaube, Liebe und Hoffnung, bereit und vollkommen
seid.
Was aber über Sakramente und äußerliche Dinge
(wie Essen und Trinken, Kleider und Gebärden) zu
sagen ist, werden Euch Eure Prediger genügend
sagen. Denn wo diese drei Stücke recht zugehen, da
geht auch wohl die christliche Freiheit in allen sol-
chen äußerlichen Sachen recht zu. Unser Herr aber,
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Jesus Christus, wolle Euch vollends bereiten, stärken


und befestigen zu seinem ewigen Reich mit aller Fülle
seiner Weisheit und Erkenntnis, dem sei Lob und
Dank in Ewigkeit, Amen.
Diese Ermahnung laßt Euch, liebe Brüder, gefallen.
Denn obwohl Ihr sie schon kennt, oder nicht von mir
bedürft, so ist doch mein Fleiß und meine Pflicht
Euch hierin schuldig, auch im Unnötigen für Euch zu
sorgen und zu dienen. Laßt Euch Eure Prediger befoh-
len sein und bittet auch für uns. Gottes Gnade sei mit
Euch, Amen.

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Editorische Bemerkung

Dieser Sendbrief ist an junge evangelische Gemein-


den gerichtet, für Luther »am Ende der Welt« gele-
gen, denen er Stärkung zuspricht und denen er dar-
legt, worauf es im Leben und beim Aufbau einer
evangelischen Gemeinde ankomme. Deshalb ist der
Sendbrief hier aufgenommen worden. Schon 1521
hatte die Reformation angefangen, im hohen Norden
der Ostseeküste Fuß zu fassen. Ende 1522 erhält Lu-
ther durch den Sekretär der Stadt Riga einen Bericht
über die Fortschritte der Evangelischen. Auf ihn ant-
wortet Luther mit diesem Sendschreiben, zu dessen
Datierung mit Sicherheit nur gesagt werden kann, daß
es in das Jahr 1523 gehört, das genaue Datum ist um-
stritten. Immerhin gibt die Erwähnung der beiden
Märtyrer S. 74,22 den sicheren Hinweis auf einen
Termin nach dem 1. Juli 1523 (vgl. dazu S. 364)

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Anmerkungen

1 Behemoth, Leviathan, vgl. Hiob 40, 25, hier wohl


das Krokodil darunter verstanden, 40, 15 dagegen das
Nilpferd (?), auf jeden Fall ein gefährliches Ungeheu-
er (die große Schlange = Urweltschlange?), Sinnbild
des Widergöttlichen.
2 Am 1. Juli 1523 wurden auf dem Marktplatz zu
Brüssel die beiden Antwerpener Augustinermönche
Johannes von der Eschen und Henricus Vos um ihres
Bekenntnisses zur Reformation willen öffentlich ver-
brannt. Luther dichtete damals sein: Ein neues Lied
wir heben an ..., vgl. S. 292ff. und die Anmerkungen
dazu S. 364f.
3 Hierzu ist der ganze Galaterbrief zu vergleichen (zu
beginnen ist am besten mit 3, 1 ff.), unsere einzige
Quelle für die Geschichte der Gemeinde(n), die offen-
sichtlich auch durch den Galaterbrief nicht mehr zu-
rechtgebracht werden konnte(n) und bald danach un-
terging(en).

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