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4046 Die Summe christlichen Lebens (1532) 1

Martin Luther

Die Summe christlichen Lebens


(1532)

[WA 36, 352–375]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


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So hat Paulus mit kurzen Worten die Summe des gan-


zen christlichen Lebens zusammengefaßt: »Die
Hauptsumme aller Unterweisung ist: Liebe aus rei-
nem Herzen und aus gutem Gewissen und aus unge-
färbtem Glauben. Davon sind etliche abgeirrt und
haben sich hingewandt zu unnützem Geschwätz, wol-
len der Schrift Meister sein, und verstehen selber
nicht, was sie sagen oder was sie so kühnlich behaup-
ten«(1. Tim. 1, 5-7).
Liebe Freunde, ihr wißt, wie Gott jedermann ernst-
lich befohlen hat, sein liebes Wort zu hören und zu
lernen: denn er hat es sich viel kosten lassen und dar-
auf gewandt, dasselbe in die Welt zu bringen, alle
Propheten daran gesetzt, ja seinen eigenen Sohn
darum in die Welt gesandt und ihn kreuzigen und
sterben lassen, alle Apostel darüber verfolgen und alle
Christen darüber zerplagen lassen, und denselben be-
fohlen, dasselbe treulich zu treiben, den andern aber,
es fleißig zu hören. Und wenn sonst keine Ursache
wäre, solches zu tun, als daß es Gottes Wohlgefallen
und Wille und strenges Gebot ist, so wäre es aller-
dings Ursache genug. Denn wir sind es ja schuldig,
als die Kraturen ihrem Herrn und Schöpfer gehorsam
zu sein, und dies dem mit allem Willen zu tun, der
uns soviel Gutes gegeben und noch täglich tut, daß
wir ihm nimmermehr genug dafür danken können.
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Nun läßt er es nicht dabei bleiben und wills uns


nicht allein als ein Gebot auferlegt haben oder von
uns als einen schuldigen Dienst fordern, sondern er
verheißt auch große Früchte und Nutzen, die wir
davon haben sollen, und läßt es ausschreien, daß man
ihm den allergrößten und schönsten Gottesdienst
damit tue. Denn er ist auch ein großer Herr, dem wir
dienen, der viel und mancherlei Dienste hat, aber dies
einzige geht über die andern alle. Denn wo irgendein
frommer Bauer oder Bürger und Untertan seinem
Herrn dient, so dient er auch Gott; desgleichen ein
Kind oder Knecht und Magd im Hause, wenn sie ge-
horsam sind und treulich tun, was sie schuldig sind.
Ebenso auch, wenn Fürsten und Herren, Vater und
Mutter gut regieren und ihres Amts walten: das heißt
alles Gott gedient; denn es ist sein Wille und Befehl,
den er von uns fordert.
Aber weit über und vor diesem allen hat er beson-
ders gepriesen und herausgehoben diesen Dienst
derer, die sein Wort hören und predigen, und dieses
Stück so vor allen auf Erden auserkoren, daß es ihm
besonders gedient heißen soll, denn die andern Stücke
geschehen (doch) den Menschen. Darum hat er auch
einen besonderen Tag in der Woche dazu geordnet, an
dem man das allein tue, obwohl man sonst die ganze
Woche mit anderer Arbeit auch Gott dient, welche er
an keine Zeit, oder besondere Tage gebunden hat.
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Aber diesen hat er besonders ausgezeichnet und


streng geboten, ihn zu halten, damit man Zeit und
Muße dazu habe, und damit nicht jemand klagen
möchte, er könne es infolge seiner Arbeit nicht tun
noch dazu kommen. So hat er auch besondere Stätten
dazu verordnet, wie bei uns die Kirchen oder Häuser,
wo wir zusammen kommen. Ja, er hat den ganzen
Priesterstand dazu gestiftet und erhalten, schafft und
gibt, was dazu gehört, solch Amt zu treiben, wie z.B.
allerlei Künste und Sprachen und mancherlei Gaben.
Und es wäre wohl fein, wenn man es in die Gewohn-
heit bringen könnte, daß man zur Predigt gehen so
nennte, daß es hieße: zum Gottesdienst gehen, und
predigen hieße: Gott dienen; und wenn alle, die da
beieinander sind, hießen: im rechten, hohen Gottes-
dienst versammelt.
Das sage ich nun, uns zu vermahnen, daß wir gerne
Gottes Wort hören und zur Predigt gehen sollen, weil
es nicht allein ein strenges Gebot Gottes ist, sondern
auch die höchste Verheißung hat, daß es Gott ange-
nehm ist und der höchste, liebste Dienst, den wir ihm
tun können, der so weit über alle anderen Dienste her-
vorleuchtet wie die Sonne über alle Sterne und wie
der Feiertag alle anderen gewöhnlichen Tage über-
trifft und wie in Summa Gottes Reich der Welt Regi-
ment übertrifft. Denn hier ist alles geweiht und beson-
ders auserkoren: Zeit, Personen, Stätte und Kirche,
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alles um des Worts willen, welches uns alle Dinge


heilig macht, auf daß wir uns ja hüten und nicht faul
und lässig dazu werden. Wie die schändlichen, selbst-
zufriedenen Geister tun, die sich dünken lassen, sie
hätten es nun ganz, und könnten es allzu gut und bes-
ser, als man es ihnen predigen kann, oder wie die an-
dern auch, die es bald überdrüssig werden und den-
ken: O das habe ich oft gehört, was soll ich immer
dasselbe hören? Die wissen und bedenken nicht, was
es für eine große treffliche Sache und ein wie hoher
Gottesdienst es ist, den sie so schändlich verachten
oder so faul verlassen und versäumen und damit Gott
gar hoch erzürnen, daß sie sein ernstes Gebot so sich-
er in den Wind schlagen und seine Verheißung an
ihnen vergebens sein lassen und, so viel an ihnen ist,
mit ihrem Beispiel solchen löblichen Gottesdienst
zerstören oder gar hindern.
Welcher nun dieses nicht achtet, noch sich bewe-
gen läßt, daß er Gottes Wort ehre und wert halte, gern
höre und lerne, wo er kann, dem weiß ich nicht zu
raten. Denn ich will noch kann niemand an den Haa-
ren dazu ziehen. Wer es verachtet, der verachte es im-
merhin, und bleibe ein Wanst und eine Sau, wie er ist,
bis auf den Tag, da ihn Gott schlachten und dem Teu-
fel einen Braten zurichten wird im ewigen höllischen
Feuer. Denn das kann ja kein guter Mensch sein noch
eine menschliche Sünde, sondern des Teufels Verstok-
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kung, wer es so ganz verachten kann, daß ihm Gott


selbst Stätte und Raum, Personen, Zeiten und Tage
dazu bestellt, dazu durch sein Gebot und Verheißung
so hoch und teuer dazu vermahnt und lockt, und dies
alles umsonst vor die Türe legt. Danach solltest du
bis ans Ende der Welt laufen und es mit keinem Gold
noch Silber bezahlen können, weil es doch so ein
leichter Dienst ist, daß es dich keine Mühe noch Ar-
beit, Geld noch Gut kostet außer allein, daß du die
Ohren darreichst zu hören, oder den Mund zu reden
und zu lesen, so daß doch keine leichtere Arbeit zu
tun ist. Denn wenn auch die Gefahr danach folgt, daß
du das Kreuz tragen und darüber leiden mußt, so ist
doch das Werk an sich selbst so leicht wie keine an-
dere leichte Arbeit. Kannst du Tag und Nacht im
Bierkrug sitzen oder sonst mit guten Gesellen schwät-
zen und plaudern, singen und schreien und wirst nicht
müde noch fühlst die Arbeit, so kannst du ja auch
eine Stunde in der Kirche sitzen und zuhören, Gott zu
Dienst und Gefallen. Was wolltest du tun, wenn er
dich hieße Steine tragen, oder in einem Harnisch wall-
fahrten gehen? Oder wenn er dir andere schwerere
Werke auferlegt, wie man sie uns bisher auferlegt hat?
Nun ist es aber der leidige Teufel, der die Leute so
verblendet und so satt und überdrüssig macht, daß wir
nicht achten, was wir für einen Schatz an dem lieben
Wort haben und (statt dessen) so roh hingehen und
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werden wie die wilden Tiere. Darum lassets uns doch


zu Herzen nehmen und bedenken, sooft wir predigen,
Gottes Wort lesen oder hören (es sei in der Kirche
oder daheim von Vater, Mutter, Herren, Frauen usw.)
und gerne annehmen, wo wirs haben können, daß wir
im rechten, hohen, heiligen Gottesdienst sind, der ihm
über die Maßen wohl gefällt. Damit könntest du dich
erwärmen und anreizen, dasselbe desto lieber zu
hören, und Gott würde geben, daß es auch Frucht
schaffte, mehr als jemand sagen könnte. Denn es geht
nimmermehr ohne große Frucht ab, wo es mit Ernst
gemeint wird, daß du nicht besser davon werden soll-
test, wenn du es gleich jetzt nicht siehst; aber mit der
Zeit wird es sich wohl finden und zeigen. Aber dar-
über zu reden, würde jetzt zu lange dauern.
Das sei als Vorrede zu der Predigt des Paulus ge-
sagt, um uns zu erwecken, desto fleißiger Gottes Wort
zu hören; obwohl es zwar nötig wäre, täglich und bei
einer jeglichen Predigt (daran) zu erinnern. Und (das
Gesagte) paßt auch gut zu diesem Text des Paulus,
den wir uns vorgenommen haben.
Denn er fängt den Brief an seinen Jünger Timothe-
us damit an, daß er darauf achten soll, daß nicht sol-
che Lehrer aufkommen, die da viel vom Gesetz
schwätzen und plaudern können, viel neue Fragen und
Lehre bringen, was man tun und wie man fromm sein
solle, damit sie gesehen und gerühmt werden, daß sie
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gelehrter seien als andere. Dabei kommen sie doch nie


dazu, daß sie etwas Gewisses und Rechtschaffenes
lehren, treffen weder Mitte, Anfang noch Ende, son-
dern führen allein diese Worte, man solle fromm sein,
gute Werke tun, Gott dienen usw., verstehen aber
selbst nicht, was sie bedeuten. Und wenn man sie
fragt, was man tun solle, stückeln und tröpfeln sie
hier ein Werk, dort ein Werk; hier laß dich beschnei-
den; dort opfere soviel auf den Altar; da lauf ins Klo-
ster, hier zur Wallfahrt; dort stifte Messe usw. Und
wenn das gelehrt und getan ist, danach abermals ein
anderes und immer was Neues, daß sie doch niemand
beständig und sicher unterrichten, noch sagen können:
Das ist es, oder darinnen bestehts usw. Und das soll
doch ein köstlich Ding heißen; sie können so viel
Rühmen und Verheißen, als die allein die rechten
Lehrer seien und alle anderen tadeln und meistern.
Das wäre aber ein rechter Meister (sagt Paulus),
der das Hauptstück angriffe und die ganze Summe
recht fassen und treffen könnte: wie das Herz und Ge-
wissen und der ganze Mensch stehen soll. Da wissen
sie nichts von; sie treiben wohl die Worte, aber die
Summe und endliche Meinung des Gesetzes verfehlen
sie ganz: predigen und schwätzen dieweil zum Kir-
chenfenster hinaus und zur Tür hinein, so daß nie-
mand weiß, wo man aufhören oder anfangen soll,
noch wozu es dient, oder womit er sich bessern und
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trösten soll; wie wir bisher von unsern Traumpredi-


gern unter dem Papsttum wohl gesehen und erfahren
haben. Was ist denn nun die Summe davon, was man
predigen soll? Antwort des Paulus (1. Tim. 1, 5):
»Die Hauptsumme aller Unterweisung ist Liebe
aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus
ungefärbtem Glauben.«
Da stehts, da hast du es ganz, was dazu gehört,
aufs allerfeinste und vollkommenste gefaßt; und es ist
doch kurz und schnell gesagt, und gut zu behalten. So
mußt du tun, willst du das Gesetz recht treffen und
beim Kopf ergreifen (auf daß du weißt, was du tun
und lassen und wie du dich drein schicken sollst, so
daß du nicht weiter zu suchen, noch hin und her zu
betteln brauchst): daß du habest die Liebe, die daher
fließe und gehe aus reinem Herzen und gutem Gewis-
sen und ungefärbtem Glauben. Da bleibe bei. Daraus
sollen alle rechten Predigten kommen und darinnen
bleiben: welches jener Sektengeister und der über-
drüssigen Geister keiner tun kann. Es ist nicht getan
(will er sagen), mit der Lehre von mancherlei Werken,
wo es alles gestückelt und gebettelt ist. Sondern es
muß ganz da sein, was das Gesetz haben will, das
heißt: die Liebe, und solche Liebe, die daherfließe wie
ein Wässerlein oder Bächlein und Quelle aus dem
Herzen, das da rein und ein gutes Gewissen und recht-
schaffenen, ungefärbten Glauben habe. Wenns so her-
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geht, so gehts recht, oder es ist des ganzen Gesetzes


Meinung und Bedeutung verfehlt.
Nun das sind tiefe und rechte Paulusworte, dazu
sehr reich; darum müssen wir sie etwas weiter aus-
führen, daß man sie ein wenig verstehe und sich an
seine Rede gewöhne. Zum ersten: die Summe des
ganzen Gesetzes, darin es besteht und in dem alles zu-
sammengefaßt ist, sieht er darin,1 daß es die Liebe
sei. Liebe aber heißt auf Deutsch (wie jedermann
weiß) nichts anderes, als einem von Herzen geneigt
und hold sein, und alle Güte und Freundschaft erbie-
ten und erzeigen usw.
Nun führen jene auch solche Worte, predigen und
rühmen viel von der Liebe; aber sie beziehen es nur
auf ihre Seite und bringen es auf ihr Teil. Gleichwie
die Ketzer, Gottlosen und bösen Buben auch Liebe
haben; aber allein unter sich selbst und was zu ihnen
gehört: hassen und verfolgen indessen alle frommen
Christen, daß sie sie gerne ermordeten,2 wo sie könn-
ten usw. Aber das heißt noch lange nicht Liebe, daß
ich einen Menschen oder zwei auswähle, welche mir
gefallen und tun, was ich will, und denselben freund-
lich und günstig bin, und sonst niemand. Das ist eine
armselige Liebe, die nicht aus reinem Herzen geht,
sondern ein reiner Unflat ist. Denn aus reinem Herzen
geht sie so daher: Gott hat mir geboten, ich soll meine
Liebe gegen meinen Nächsten gehen lassen und jeder-
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mann günstig sein, es sei mein Freund oder Feind,


gleich wie unser himmlischer Vater tut, der läßt seine
Sonne aufgehen und scheinen, sowohl über Böse und
Gute, und denen tut er am meisten Gutes, die ihn Tag
und Nacht schänden und seine Güter mißbrauchen mit
Ungehorsam, Lastern, Sünden und Schanden. Ebenso
läßt er regnen sowohl über Dankbare wie Undank-
bare, gibt allerlei aus der Erde, Geld und Gut dazu,
den ärgsten Schälken auf Erden. Weshalb tut er das?
Aus lauter reiner Liebe, deren sein Herz voll und
übervoll ist, und die er so frei herausschüttet über je-
dermann, niemand ausgenommen, er sei gut oder
böse, würdig oder unwürdig.
Das heißt eine rechtschaffene, göttliche, ganze und
völlige Liebe, die niemand auswählt, noch sich zer-
stückt und teilt, sondern frei über alle geht. Die ande-
re ist eine Schalksliebe: wenn ich dem gut Freund bin,
der mir dient und helfen kann und mich in Ehren hält,
und den hasse, der mich verachtet und es nicht mit
mir hält. Denn sie geht nicht aus einem Herzen her-
vor, das grundgut und rein ist, gleich (gesinnt) gegen
den einen wie gegen den andern, sondern das nur das
Seine sucht, und voll eigener Liebe steckt zu sich
selbst, nicht zu andern. Denn er liebt niemand, außer
um seinetwillen, sieht nur danach, was ihm dient, und
sucht seinen Nutzen bei jedermann, nicht den des
Nächsten. Wenn man ihn lobt und ehrt, so lacht er;
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umgekehrt, wenn man ihn sauer ansieht, oder ein


Wort redet, das er nicht gerne hört, so zürnt er und
schilt und flucht, (dann) ist alle Freundschaft aus. Ein
reines Herz dagegen soll nach Gottes Wort und sei-
nem Vorbild so beschaffen sein, daß es einem jegli-
chen gönne und tue das Liebste und Beste, was ihm
Gott gönnt und (ihm) seine göttliche Liebe gibt. Kann
Gott nun Judas dem Verräter oder Kaiphas alles Gute
geben, ebensogut wie seinen frommen Kindern,
warum sollte ich es ihm nicht auch gönnen? Denn
was können wir ihm geben, was er nicht viel reichli-
cher gegeben habe?
Ja, sagst du: er ist mein Feind und tut mir nur
Böses. Ja, mein Lieber, er ist Gottes Feind auch und
tut ihm viel mehr zu Leid, als er dir oder mir tun
kann. Aber darum soll meine Liebe nicht verlöschen
noch aufhören, weil er böse und derselben unwert ist.
Ist er böse, das wird er wohl finden, aber seine Bos-
heit soll mich nicht überwinden. Sondern wo ich
durch die Liebe ihn zurechtweisen, vermahnen usw.
oder für ihn bitten kann, daß er besser werde und der
Strafe entgehe, das soll und will ich gerne tun. Aber
daß ich noch zufahren und ihm dazu feind werden und
Böses tun wollte, das gilt nicht. Denn was ist mir
damit geholfen? Ich werde dadurch nicht frömmer und
mache ihn nur ärger. Aber das hilft mir, daß ich ihm
alles Gute gönne und erzeige (sofern ers leiden und
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annehmen kann), für ihn bitte usw. So habe ich Friede


und brauche mich mit niemand beißen noch fressen
und helfe ihm auch vielleicht damit, daß er sich besse-
re. Sonst wenn ich die Liebe so teile und auswähle, so
kriege ich wohl so viel Unlust von dem, den ich
hasse, wie Freude und Nutzen von dem andern, dem
ich gewogen bin. Das heißt dann den Brunnen oder
das Wasser getrübt und unrein gemacht, so daß die
Liebe nicht rein bleibt, gleichwie die Juden (gegen
welche Paulus hier redet) es auch getan haben damit,
daß sie so wählten und aussuchten, die sie liebten,
und (so) eine unflätige, falsche Liebe machten; so daß
auch ihr Herz nicht rein sein konnte.
Wodurch wird das Herz aber rein? Antwort: Es
kann nicht besser rein werden als durch die höchste
Reinigkeit, welche ist Gottes Wort. Das fasse ins
Herz und richte dich danach, so wird es rein. Wie z.B.
hier, nimm das Wort für dich: »Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst«(Matth. 22, 39) und
richte dich danach, so sollst du fein sehen, ob es nicht
rein waschen und ausbeißen wird, was da von Eigen-
nutz und Eigenliebe ist. Denn dieweil er dich den
Nächsten lieben heißt, schließt er keinen aus, er sei
Freund oder Feind, fromm oder böse. Denn wenn er
gleich ein böser Mensch ist und dir Böses tut, so ver-
liert er doch um deswillen nicht den Namen, daß er
nicht dein Nächster heiße, sondern bleibt gleichwohl
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dein Fleisch und Blut und gehört in das Wort: Liebe


deinen Nächsten. Darum (sage ich): wenn du ihn so
ansiehst, wie dich das Wort lehrt und anweist, so wird
dein Herz rein und die Liebe rechtschaffen, daß du
nicht einen besonderen, falschen Unterschied der Per-
son machst, noch ihn anders ansiehst als einen an-
dern, der da fromm ist und dir Gutes tut.
Wohl ist es wahr, daß der Fromme lieblicher ist,
und jedermann sich natürlich gerne zu ihm hält und
umgekehrt vor wilden, bösen Leuten zurückscheut,
aber das ist noch Fleisch und Blut, und noch nicht die
rechte christliche Liebe. Die sieht so aus: Ich liebe
dich nicht deshalb, weil du fromm oder böse bist;
denn ich schöpfe meine Liebe nicht aus deiner Fröm-
migkeit wie aus einem fremden Brunnen, sondern aus
meinem eigenen Quellbörnlein, nämlich aus dem
Wort, welches in mein Herz gepfropft ist. Das heißt:
liebe deinen Nächsten. Da geht die Liebe reichlich
heraus und ist jedermann offen, der ihrer bedarf, und
trifft beide, Gute und Böse, Freund und Feind, ja, für
Feinde (ist sie) wohl am allermeisten bereit, weil sie
dessen mehr bedürfen, daß ich ihnen aus ihrem Jam-
mer und ihren Sünden helfe, und besonders in dem
höchsten Gut, daß ich für sie bitte und alles tue, was
ich vermag, daß sie auch fromm, von Sünden und
Teufel erlöst werden mögen. Siehe, das heißt eine
Liebe aus dem Herzen gequollen, nicht hineingetra-
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gen. Denn er findet an jenem nichts, woraus er sie


schöpfe. Aber weil er ein Christ ist, und das Wort er-
faßt, welches an sich selbst ganz rein ist, macht das-
selbe sein Herz auch so rein und voll rechtschaffener
Liebe, daß er gegen jedermann seine Liebe herausflie-
ßen und sich nicht hindern läßt, die Person sei, wer
oder wie sie wolle.
Solches kannst du durch alle Stände hindurch
sehen, wie ein jeglicher darin sein (ihm) befohlenes
Amt ausrichten und Werke der Liebe üben soll. Ein
Knecht, wenn er arbeitet, und nicht weiter sieht noch
denkt als so: Mein Herr gibt mir meinen Lohn, darum
diene ich ihm, sonst sehe ich ihn nicht an usw., der
hat nicht ein reines Herz oder Meinung. Denn er dient
nicht, außer um einen Bissen Brot. Wenn das aufhört,
so hört er auch auf. Ist er aber fromm und ein Christ,
so ist er so gesinnt: ich will nicht um deswillen die-
nen, was mir mein Herr gibt oder nicht gibt, ob er
rechtschaffen oder böse ist usw., sondern deshalb,
weil Gottes Wort da steht und zu mir spricht: »Ihr
Knechte seid gehorsam euren leiblichen Herrn als
dem Herrn Christus usw.«(Eph. 6, 5; Kol. 3, 22.). Da
quillt es von selbst aus dem Herzen, das solche Worte
erfaßt und wert hat, daß es spricht: Wohlan, ich will
meinem Herrn dienen, und meinen Lohn nehmen.
Aber das soll mein Höchstes sein, weshalb ichs
(auch) tue, daß ich meinem lieben Gott und Herrn
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Christus darin diene, der michs geheißen hat, und


weiß, daß es ihm wohlgefällt usw. Da siehst du ein
rechtes Werk aus reinem Herzen.
Ein Herr oder Fürst also und wer zu regieren hat,
der so denkt: das Regiment hat mir Gott befohlen, daß
ich Herr sein soll. Aber wenn ich allein darauf sehe,
daß ich meine Ehre, Gut und Gewalt habe, so ist mein
Herz nicht rein; ich tue aber doch die Werke, die ein
Fürst tut, daß die Welt nicht über mich klagen kann,
noch der Kaiser und die Juristen mich nach ihrem
Recht tadeln noch strafen können, (erfüllt diese For-
derung) ebensowenig wie ein Knecht, der um den
Lohn dient, er suche das Seine oder nicht. Denn trotz-
dem ist das Herz vor Gott unrein, so daß ihm keines
der Werke gefällt. Denn es steckt nicht Gottes Wort
darin, sondern sein eigener Abgott: Ehre, Geld und
Herrschaft usw. Wenn aber sein Herz so beschaffen
ist: Weil ich in dem Amt bin, in das mich Gott gesetzt
hat, der das Wort gesagt hat (Röm. 12, 8): »Wer da
regiert oder ein Amt hat, der sei sorgfältig usw.«, will
ich demselben mit allen Treuen vorstehen, Gott zu
Dienst und Gefallen. Da geht und quillt sein Regi-
ment aus einem feinen, reinen, lautern Herzen, daß
Gott und die Welt Freude daran haben. Und das ist
auch eine Liebe, die nicht außen an Person oder Gut
und Ehre klebt, sondern in einem Herzen gewachsen
ist, das Gottes Wort vor Augen hat, welches, weil es
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(selbst) lauter und rein ist, das Herz auch so macht.


So wird denn all sein Regiment und Werk nichts als
Gottesdienst und angenehmes Opfer, weil es nach
dem Wort und allein um Gottes willen geht. Das kön-
nen jene Schwätzer nicht lehren noch zeigen; sie wis-
sen nichts mehr, als zu schreien: man soll fromm sein,
wenn sie aufs Beste lehren. Sie machen nur eine Juri-
stische Predigt aus weltlichem Recht, wie der Kaiser
und seine Gelehrten predigen. Aber woher das Herz
rein wird, da haben sie nie etwas von geschmeckt
noch gedacht, wie mans aus Gottes Wort führen soll,
in bezug auf alle Stände und Wesen.
Ebenso rede danach weiter, in bezug auf geistliche
Stände und Ämter: Wenn ich oder ein anderer predige
um einer guten, fetten Pfarre willen, da ichs sonst
wohl unterließe, da kann ich wohl auch das Evange-
lium predigen, aber mein Herz ist nicht rein, sondern
ein bloßer Unflat. Darum, wenn ich gleich lange pre-
dige und sage, es sei ein gutes Werk und köstliches
Amt usw., so verstehe ichs doch selbst nicht; denn es
geht nicht aus dem Herzen. So ist aber das Herz
rechtschaffen, wenn es so beschaffen ist: Wenn ich
auch Nahrung dafür haben soll, so (will ich) doch
nicht dabei bleiben; sondern weil mich Gott zu dem
Amt berufen und befohlen hat, dasselbe treulich und
fleißig auszurichten, zu seinem Lob und der Seelen
Heil, so tue ich es von Herzen gerne um des Wortes
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willen. Da suche ich nicht Liebe noch Freundschaft,


Ehre und Dank von den Menschen, sondern es quillt
aus dem Herzen und richtet dasselbe aus, ehe es Ehre,
Geld oder Gunst davon kriegt, wenn ich auch dassel-
be, wo es kommt und folgt, ohne Sünde haben und
nehmen mag.
Siehe, so ist das Wort die Ursache, Grund, Boden,
Born und Quelle der Liebe von Herzen und aller
guten Werke, wenn sie Gott gefallen sollen. Denn er
mag sie nicht, wenn das Herz nicht zuvor rein ist, wie
es auch vor den Menschen nicht gilt, wenn man ein
Werk aus lauter Heuchelei tut, ohne daß das Herz
dabei ist. Weil nun auch der Kaiser und die Menschen
das Herz fordern, wenn sie es auch nicht sehen kön-
nen, wie vielmehr muß vor Gott ein solches Herz (da)
sein, das um des Worts willen alles tut? Darum läßt
er es auch predigen, daß wir uns nach demselben in
all unserm Leben und Tun richten sollen, und uns
durch kein Ding daran hindern noch anfechten, weich
noch müde machen lassen, ob wir gleich drüber Scha-
den, Undank, Verachtung usw. leiden. Sondern (wir
sollen) frisch hindurch fahren und sprechen: ich habe
es nicht um eines Menschen willen angefangen,
darum auch nicht gelassen, sondern um Gottes willen
will ich es tun; das andere bleibe, wo es kann. Da
werden dann feine Leute draus: Herren, Fürsten, Un-
tertanen, Prediger usw., zu allen guten Werken ge-
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schickt, die mit Lust und Liebe Gott dienen und gefal-
len, denn der Brunnen und die Quelle sind gut, nicht
von außen geschöpft, noch hinein getragen. Das sei
jetzt kurz von dem ersten Stück gesagt, wie das Herz
allein durchs Wort rein werde, und nicht, wie die
Mönche träumen, daß man sich selbst mit bösen oder
unreinen Gedanken herumschlage und andere Gedan-
ken mache. Denn Gedanken hin, Gedanken her, so
bleibt doch das Herz unrein, wo Gottes Wort nicht
drinnen ist, wenn sie gleich großen Schein des gottse-
ligen Lebens vorgeben, wie Paulus selbst von ihnen
sagt. Aber diese Reinheit, von der er spricht, geht
weiter als jene äußerliche, leibliche Reinheit, wie sie
die jüdischen Heiligen führten, mit viel Waschen,
Baden, Speise und Trank, und unsere Geistlichen mit
ihrem Fasten, Kleidern, Orden usw. Sondern sie heißt
eine Reinheit des Geistes, daß man aus Gottes Wort
wisse, wie man ihm in allen Ständen dienen soll.
Folgt nun das zweite Stück: »von gutem Gewis-
sen«, daß die Liebe aus einem solchen Herzen hervor-
gehen soll, das ein fröhliches, sicheres Gewissen
habe, sowohl gegen Menschen wie gegen Gott. Gegen
die Menschen, so wie Paulus rühmt (1. Kor. 9, 2. 27),
daß er so gelebt habe, daß er niemand beleidigt, be-
trübt, noch böses Beispiel gegeben habe; sondern
alle, die ihn gesehen und gehört, hätten bezeugen
müssen, daß er jedermann gedient, geholfen, geraten
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und Gutes getan habe. Solch Gewissen rühmt Mose


auch wider seine aufrührerischen Rotten (4. Mose 16,
15): »Ich habe nicht einen Esel von ihnen genommen
und habe keinem von ihnen ein Leid getan«, ebenso
Jer. 18, 20: »Herr, gedenke doch, wie ich vor dir ge-
standen bin, um für sie zum besten zu reden und dei-
nen Grimm von ihnen abzuwenden!« usw., desglei-
chen auch Samuel (1. Sam. 12, 2. 3): »Ich bin vor
euch hergegangen, von meiner Jugend an bis auf die-
sen Tag. Hier stehe ich. Nun tretet gegen mich auf vor
dem Herrn! Wessen Rind oder Esel hab ich genom-
men, wem hab ich Gewalt oder Unrecht getan? Aus
wessen Hand habe ich ein Geschenk angenommen«
usw.
Siehe, solchen Ruhm und Trotz soll ein jeglicher
Christ auch haben, daß er so lebe gegen jedermann
und seine Liebe übe und beweise, daß niemand eine
Klage gegen ihn aufbringen könne, womit er sein Ge-
wissen erschrecken oder verzagt machen könne; son-
dern daß jedermann sagen müsse, wenn er recht be-
kennen will, daß er sich so gehalten habe, daß lauter
Besserung daraus entstanden sei (für jeden), der es
habe annehmen wollen. Und solches vor Gott wider
jedermann rühmen können, das heißt ein gutes Gewis-
sen vor den Menschen oder gegen die Menschen.
Obwohl aber solch Gewissen nicht vor Gottes Ge-
richt standhält, ebensowenig wie jene Reinheit des
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Herzens in äußerlichem Leben oder Werken der Liebe


(weil wir dennoch vor Gott immer Sünder bleiben),
sollen wir doch ein solches Herz haben, daß wir uns
vor ihm trösten und sagen können: Das hat Gott ge-
heißen und befohlen, darum tue ichs aus reinem Her-
zen und gutem Gewissen, und wollte nicht gerne an-
ders handeln noch jemand zu nahe kommen und ihn
beleidigen. Sondern was ich rede und tue, das ist von
Gott geordnet und mir befohlen. Solchen Trotz darf
ein Christ sich nicht nehmen lassen, daß er sich rüh-
men und auf Gottes Wort wider alle Welt berufen
könne. Denn wer solches nicht achtet, wie er sein
Leben führe, daß er jedermann das Maul stopfen und
vor den Menschen verantworten und beweisen könne,
daß es gut gelebt, geredet oder getan sei, der ist noch
kein Christ und hat kein reines Herz noch Liebe in
sich. Denn daß man sich so auf die Lehre vom Glau-
ben verlassen wolle, daß man, wenn man dieselbe
habe, danach tun könne, was jeglichen gelüstet und
beliebt, gleichviel es sei zu des Nächsten Schaden
oder Frommen, das taugt auf keine Weise. Sonst
würde die Lehre den Namen haben, daß sie eines jeg-
lichen Mutwillen und Büberei Freiheit gebe. Sondern
es heißt: »Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewis-
sen«(1. Tim. 1, 5), daß ihn niemand schelten noch
etwas Böses zeihen und ihm vorwerfen kann.
Obwohl das nun noch von unserm Leben und Tun
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4067 Die Summe christlichen Lebens (1532) 22

gepredigt ist, und ein Christ ein andrer Mensch vor


Gott ist, wie wir hören werden, so muß er sich doch
auch befleißigen, daß er vor der Welt unsträflich sei.
Und wo er darin nicht genug tut, daß er da das Vater-
unser dazwischen lege und spreche, zu Gott und den
Menschen: Vergib uns unsere Schuld, wie wir auch
vergeben usw., und so das Leben doch vor den Men-
schen unsträflich bleibe und ein gut Gewissen behal-
te; wo nicht durch vollkommene Liebe und Reinigkeit
des Herzens, so doch durch die Demut, (dadurch) daß
er Vergebung begehrt und erbittet von jedermann, da
wo er nicht rein und vollauf genug getan hat, oder
noch tun muß. So daß dein Nächster sagen müsse;
Wohlan, wenn du mich auch beleidigt oder mir nicht
genug gedient hast, wie du solltest: so will ich es dir
doch, weil du dich so vor mir demütigst, gerne verge-
ben und dir zugute halten, wie ich es schuldig bin und
von dir auch mir umgekehrt getan haben wollte. Um
der Demut willen muß ich sagen, du seist ein frommer
Mann, weil du nicht auf deinem Kopf bestehst, daß
du mutwillig wider mich handeln wolltest, sondern
dich zur Liebe bekehrst. Darum heißts auch noch un-
sträflich, weil es durch die Demut zugedeckt und wie-
der zurecht gebracht ist, was sträflich war, daß man
nicht drüber klagen kann. So soll man das Gesetz
deuten und predigen, daß sowohl die Liebe recht
gegen jedermann aus reinem Herzen um Gottes willen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4068 Die Summe christlichen Lebens (1532) 23

gehe und das Gewissen vor der Welt bestehe. Das


sollten jene unnützen Schwätzer anstatt ihrer losen,
faulen und kalten Geschwätze treiben.
Aber damit solches alles vor Gott gelte und beste-
he, da gehört noch ein Stück dazu, nämlich das da
folgt: »und aus ungefärbtem Glauben«.
Denn, wie ich gesagt habe: wenn ich gleich vor den
Menschen ein gutes Gewissen habe und die Liebe aus
reinem Herzen übe, so ist und bleibt dennoch der alte
Adam, das sündige Fleisch und Blut in mir, daß ich
nicht ganz heilig und rein bin und, wie Paulus Gal. 5,
17 sagt: »das Fleisch streitet wider den Geist« usw.
Und er selbst sagt Röm. 7, 15 ff. von sich, daß er
ohne Unterlaß zu Felde liegen und mit sich selbst
streiten müsse, daß er nicht das Gute tun könne, wie
er gerne wollte. Der Geist wollte wohl gerne rein und
vollkommen leben nach Gottes Wort, aber das Fleisch
ist da und wehrt und ficht uns an, daß wir noch unsere
Ehre, Geiz, gute Tage suchen und in unserm Stand
oder Dienst faul, überdrüssig oder müde werden.
So bleibt ein ewiger Kampf und Widerstand in uns,
daß immer viel Unreines mit unterläuft. Es kann nicht
eitel Reinheit noch gutes Gewissen und volle Liebe
sein, gleich was vor den Menschen sein mag. Aber
vor Gott ist noch viel Mangel und Sträfliches in uns,
wenn es gleich auch vor den Menschen in allen Din-
gen vollkommen wäre. Zum Beispiel: wenn auch
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4069 Die Summe christlichen Lebens (1532) 24

David vor den Menschen darauf trotzen kann, daß ihn


niemand tadeln kann, und die heiligen Propheten Je-
saja, Jeremia usw. rühmen und gewiß sind, daß es
recht und wohl getan sei, was sie nach ihrem göttli-
chen Amte getan haben, weil es Gottes Wort und Be-
fehl ist, und sie sich darin mit reinem Herzen und Ge-
wissen geübt haben. So können sie dennoch vor Got-
tes Urteil nicht darauf trotzen, sondern müssen sagen:
Wenn es sich vor dir um das Rechte handelt, so hat
niemand ein so gutes Gewissen noch reines Herz,
sondern es muß vor deinem Urteil erschrecken und
sich als der Strafe verfallen bekennen.
Da muß nun das dritte Stück zukommen, nämlich
der Glaube. Das ist das rechte Hauptstück und höch-
ste Gebot, das alle anderen in sich einbegreift: daß
wir wissen, wo die Liebe nicht vollkommen, das Herz
nicht rein genug und das Gewissen nicht zufrieden ist,
wo er noch zu strafen findet, da die Welt nicht strafen
kann, daß da der Glaube hinzukommen müsse, und
(zwar) ein solcher Glaube, der nicht Heuchelei sei und
vermengt mit dem Vertrauen auf eigene Heiligkeit.
Denn wo der nicht ist, da wird das Herze nicht als vor
Gott rein noch das Gewissen bestehen, wenn das
scharfe Gericht und die Rechnung angehen wird.
Denn hier ist niemand auf Erden, der solches sagen
könnte: Ich weiß, daß ich alles getan habe und vor
Gott nichts schuldig geblieben bin. Sondern so müs-
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4070 Die Summe christlichen Lebens (1532) 25

sen auch die Allerheiligsten sagen: Ich habe wohl


getan, was ich tun konnte, aber vielmal mehr gefehlt
als ich selbst weiß. So steht unser eigenes Gewissen
wider uns alle, das uns verklagt und unrein macht, ob
wir gleich vor der Welt aufs allerbeste bestanden
haben oder noch bestehen. Denn es muß richten und
urteilen nach dem Wort, welches da sagt: Das solltest
du getan oder nicht getan haben. Da kann es nicht
vorüber, noch demselben antworten, es muß zum we-
nigsten im Zweifel stehen. Wenn es aber zweifelt, so
ist es bereits unrein. Denn es bleibt vor Gott nicht be-
stehen, sondern zappelt und flieht vor ihm.
Darum muß uns hier das Hauptstück unserer Lehre
zu Hilfe kommen, nämlich daß unser Herr Jesus Chri-
stus von dem Vater in die Welt gesandt, für uns gelit-
ten hat und gestorben ist, und uns damit dem Vater
versöhnt und (bei ihm) zu Gnaden gebracht hat und
nun zur rechten Hand des Vaters sitzt und sich unser
annimmt als unser Heiland, und als unser steter Mitt-
ler und Fürbitter das Beste für uns redet, als die nicht
solche vollkommene Reinheit und gutes Gewissen
haben, noch zuwege bringen können. So dürfen wir
durch ihn vor Gott sagen: Wenn ich auch nicht rein
bin, noch ein gutes Gewissen haben kann, so hänge
ich an dem, der vollkommene Reinheit und gutes Ge-
wissen hat und dieses für mich einsetzt, ja mir
schenkt. Denn er ist es allein, von dem geschrieben
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4071 Die Summe christlichen Lebens (1532) 26

steht: (wie 1. Petr. 2, 22 aus Jes. 53, 9 anführt): »Er


hat keine Sünde getan, ist auch kein Betrug in seinem
Munde erfunden.«
Das ist nun der Glaube, der nicht gefärbt noch
Heuchelei ist, sondern vor Gott in solchem Kampf
und Zappeln des Gewissens treten und sagen darf:
Lieber Herr, vor der Welt bin ich wohl unschuldig
und sicher, daß sie mich nicht verwerfen, noch vor
den Richter führen kann. Denn, wenn ich auch nicht
alles getan habe, so begehre ich doch von einem jegli-
chen, daß er mir um Gottes willen vergebe, wie ich
auch jedermann vergebe. Damit habe ich sie stille ge-
macht, daß sie kein Recht mehr gegen mich hat. Aber
vor dir muß ich mich wahrlich selbst in allen Dingen
schuldig bekennen und sprechen, wie David selbst Ps.
143, 2: »Herr gehe nicht ins Gericht mit deinem
Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.«
Darum kann ich mit dir nicht verhandeln, wenn Recht
gelten soll; sondern ich will stracks appellieren und
mich von deinem Richterstuhl auf deinen Gnaden-
stuhl3 berufen. Vor der Welt Richtstuhl lasse ich es
wohl geschehen, daß man mit mir nach dem Recht
handele. Da will ich antworten und tun, was ich soll.
Aber vor dir will ich nichts von Recht wissen, son-
dern zu Kreuz kriechen und Gnade erbitten und neh-
men, wo ich kann.
Denn so lehrt mich die Schrift, daß Gott den Men-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4072 Die Summe christlichen Lebens (1532) 27

schen zwei Stühle gestellt habe: einen Richtstuhl für


die, welche noch sicher und stolz sind und ihre Sünde
nicht erkennen noch bekennen wollen; und einen Gna-
denstuhl für die armen verzagten Gewissen, die ihre
Sünde fühlen und bekennen, vor seinem Gerichte ver-
zagen und gerne Gnade hätten. Dieser Gnadenstuhl ist
nun Christus selbst, sagt Paulus Röm. 3, 25, den Gott
uns gestellt hat, daß wir dazu Zuflucht haben sollen,
wo wir vor Gott durch uns selbst nicht bestehen kön-
nen. Dazu will ich mich auch halten, wo ich zu wenig
getan habe oder noch tue. Da soll mein Herz und Ge-
wissen, gleichviel, wie rein und gut es vor den Men-
schen ist oder werden kann, ganz nichts und schnell
zugedeckt und darüber ein Gewölbe, ja ein schöner
Himmel geschlagen sein, der es gewaltig schütze und
verteidige, welcher heißt Gnade und Vergebung der
Sünden. Darunter soll mein Herz und Gewissen krie-
chen und sicher bleiben.
Denn so hat er selbst durch seine Apostel predigen
und ausrufen lassen, »daß durch seinen Namen sollen
Vergebung der Sünden haben alle, die an ihn glau-
ben«(Apg. 10, 43); ebenso Mark. 16, 16: »Wer da
glaubet und getauft wird, der wird selig werden.« Und
er selbst sagt Joh. 3, 16: »Also hat Gott die Welt ge-
liebt, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß
alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, son-
dern das ewige Leben haben« usw. Also hat Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4073 Die Summe christlichen Lebens (1532) 28

selbst den Gnadenstuhl gesetzt und weist uns von


dem Richtstuhl zu diesem. Die andern wollen wir vor
den Richtstuhl kommen lassen als die hoffärtigen Hei-
ligen, Verächter und Verfolger Gottes Worts. Da wer-
den sie ihr Urteil wohl hören. Die lasse in ihrem Kreis
bleiben, bis sie sich auch demütigen. Wir aber wollen
in dem Zirkel nicht bleiben, sondern (aus ihm) heraus
treten, soweit wir immer können, in den freien Kreis
und Platz, wo der Gnadenstuhl steht, und uns darauf
mit allem Recht berufen, weil wirs nicht aus unserm
Kopf erdacht haben, sondern es sein eigenes Wort ist,
das ein strenges, schreckliches Urteil denen androht,
die da mit ihrer Heiligkeit kommen, um damit vor
Gott zu bestehen, und des Gnadenstuhls Christi nicht
achten. Denn es ist schon das Urteil beschlossen, daß
sie vor den Richtstuhl kommen müssen, wie Christus
Joh. 3, 18 sagt: »Wer da nicht glaubt, der ist schon
gerichtet. Denn er glaubt nicht an den Namen des ein-
gebornen Sohnes Gottes. Wer aber an ihn glaubt, der
wird nicht gerichtet«, das heißt: er kommt nicht vor
den Richtstuhl, sondern vor den Gnadenstuhl, wo kein
Zorn sein soll, sondern er soll liebes Kind heißen und
ihm alles vergeben werden, was an ihm nicht rein ist,
ja alles vertilgt werden, wie ein Tröpflein Wasser von
der heißen Sonne. Denn wo der Gnadenstuhl regiert,
da ist nichts als lauter Vergebung und Ablaß aller
Sünde.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
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Demnach muß man nun gut unterscheiden lernen


die zwei Stücke, die da heißen Gesetz und Evange-
lium, wovon wir allezeit lehren. Das Gesetz bringt
uns vor den Richtstuhl; denn es fordert von uns, daß
wir fromm sein und lieben sollen aus reinem Herzen
und gutem Gewissen. Dazu soll es dienen, daß wir
uns darin üben. Soweit soll es gehen und dabei sein
Bewenden haben. Wenn es aber kommt und dich an-
spricht, daß du solches berechnen und geben sollst,
was es haben will, da wirds anfangen. Denn wenn du
es gleich getan hast, so besteht es doch nicht vor Gott.
Denn es wird vor ihm noch gar viel dran mangeln und
fehlen, was du nicht getan hast, (und vieles, von dem
du) selbst noch (nicht einmal) weißt, (daß du es hät-
test tun sollen). Wo willst du denn hin? Da treibt das
Gesetz auf dich und verklagt dich durch dein eigenes
Gewissen, das gegen dich zeugt und schlechterdings
das Urteil über dich fordert. Da mußt du dann ver-
zweifeln und ist dir keine Hilfe noch Rat, wenn du
nicht vom Richtstuhl zum Gnadenstuhl zu fliehen
weißt.
Wir aber lehren so, daß man Christus so kennen
lernen und ansehen soll, als den, der da für die armen,
verzagten Gewissen, die an ihn glauben, nicht als ein
Richter sitze, der da zürnen und strafen wolle, son-
dern als ein gnädiger, freundlicher, tröstlicher Mittler
zwischen meinem erschrockenen Gewissen und Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4075 Die Summe christlichen Lebens (1532) 30

und zu mir spricht: Bist du ein Sünder und erschrok-


ken, und will dich der Teufel durchs Gesetz vor den
Richtstuhl ziehen, so komme und halte dich her zu
mir und fürchte dich vor keinem Zorn. Warum? Ich
sitze deshalb hier, daß ich zwischen dich und Gott
trete, wenn du an mich glaubst, daß dich kein Zorn
noch Ungnade treffen könne. Denn soll über dich
Zorn und Strafe ergehen, so muß sie zuvor über mich
selbst ergehen. Das ist aber unmöglich. Denn er ist
das liebe Kind, in dem alle Gnade wohnt, so daß,
wenn der Vater ihn ansieht, so muß alles lauter Liebe
und Gunst sein im Himmel und auf Erden und aller
Zorn verloschen und verschwunden sein. Und was er
nur vom Vater begehrt und haben will, das muß alles
geschehen,4 ohne irgendeinen Zweifel oder Wider-
sprechen. So werden wir durch den Glauben ganz
selig und sicher, daß wir unverdammt bleiben sollen,
nicht um unserer Heiligkeit und Reinheit willen, son-
dern um Christi willen, weil wir uns an den als unsern
Gnadenstuhl durch solchen Glauben halten, gewiß,
daß in und bei ihm kein Zorn bleiben kann, sondern
lauter Liebe, Schonen und Vergeben usw. So wird vor
Gott das Herz rein und das Gewissen gut und sicher:
nicht angesehen meine eigene Reinheit oder Leben
vor der Welt, sondern angesehen der liebe Schatz, den
mein Herz ergreift, welcher mein Pfand und Fülle ist,
wo ich nicht Gott bezahlen kann und Mangel habe.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4076 Die Summe christlichen Lebens (1532) 31

Aber hier kommt es nun entscheidend darauf an,


daß man zusehe, daß der Glaube nur nicht falsch,
oder, wie Paulus sagt, gefärbt, sondern rechtschaffen
sei im Herzen. Denn wo der fehlt oder trügt, so fehlt
es alles. Denn es sind allezeit gar viele gewesen, (frü-
her) sowohl wie heute, die vom Glauben viel zu sagen
wissen, und nicht allein des Gesetzes, sondern auch
des Evangeliums Meister sein wollen, und auch wie
wir sagen: Der Glaube tuts wohl, aber das Gesetz und
gute Werke müssen jedoch auch dazu kommen, sonst
gelte der Glaube nicht, und mengen so unser Leben
und Tun und Christus untereinander. Das heißt nicht
den Glauben rein und lauter gelehrt, sondern den
Glauben gefärbt, entstellt und gefälscht, so daß er
nicht Glaube ist, sondern ein falscher Schein und
Farbe des Glaubens, weil die Zuversicht des Herzens
nicht rein auf Christus steht als dem einzigen Gnaden-
stuhl, sondern auf unsere Heiligkeit gesetzt wird, um
damit vor dem Richtstuhl zu bestehen (wodurch er
auch billig vor Gott verdammt und verworfen wird,
wohin, er gehört).
Denn wenn der Glaube rein, lauter und ungefärbt
sein soll, so muß man die zwei recht unterscheiden:
Christus und mein Werk. Denn das muß ja ein jegli-
cher begreifen, daß Christus und sein Werk nicht
mein Werk noch Leben sind, sondern etwas vom Ge-
setz und aller Menschen Leben Getrenntes, und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4077 Die Summe christlichen Lebens (1532) 32

(zwar) viel weiter und mehr als ein Mensch vom an-
dern. Denn ich kann ja nicht sagen, daß ich und der
Kaiser oder der Papst zu Rom ein Ding seien. Den-
noch bin ich ihm viel näher und gleicher, als ein
sterblicher, sündiger Mensch dem andern, als dem
Herrn Christus, welcher nicht allein ein reiner, heili-
ger Mensch ohne alle Sünde, sondern auch der eine
Gott selbst ist.
Darum lasse nur das Gesetz und dein reines Herz
und gutes Gewissen gegen die Menschen hier auf
Erden. Aber da, wo der Gnadenstuhl zur Rechten des
Vaters steht und Mittler ist zwischen dir und Gott, da
soll keines Menschen Werk noch Verdienst hinkom-
men noch etwas gelten. Denn was habe ich oder ir-
gendein Mensch dazu getan, daß er zur Rechten des
Vaters sitzt? Er ist ohne all mein Werk und Gedan-
ken, dazu ohne alles Zutun des Gesetzes dahin ge-
setzt. Denn es steht ja im Gesetz kein Buchstabe
davon. Darum muß er ja ganz abgelöst sein von allem
meinem Wesen, Leben und Tun, und klar beschlossen
sein, daß er etwas anderes ist als unser Leben, (soweit
es) aus reinem Herzen und gutem Gewissen vor den
Menschen geführt (wird), so gut wir immer können.
Denn wenn es vor Gott kommt, und ich damit den
Richtstuhl treffe, dahin mich das Gesetz weist, so bin
ich verdammt und verloren. Aber Christus ist der
Gnadenstuhl, und wer an ihm bleibt, kann nicht ver-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
4078 Die Summe christlichen Lebens (1532) 33

dammt noch verurteilt werden.


Siehe, wenn man so vom Glauben predigt, so wäre
der Mensch recht daran, und folgte jenes alles her-
nach, reines Herz und gutes Gewissen durch rechte,
vollkommene Liebe. Denn wer durch den Glauben im
Herzen sicher ist, daß er einen gnädigen Gott habe,
der nicht mit ihm zürne, wenn er auch Zorn verdient
hätte, der geht dahin und tut alles fröhlich, und kann
auch gegen die Menschen so leben, jedermann lieben
und Gutes tun, wenn sie gleich auch nicht der Liebe
wert sind. Gegen Gott steht er so, daß er sicher ist um
Christi, des Mittlers willen, daß er ihn nicht in die
Hölle stoßen will, sondern freundlich anlacht, und
ihm den Himmel auftut.
Das ist die höchste Sicherheit, Haupt und Grund
unserer Seligkeit. Danach gehe ich heraus gegen den
Nächsten mit meinem Leben und tue ihm das Beste,
das ich kann, was mein Amt oder Stand fordert und
heißt. Und wo ich zu wenig tue, so komme ich (dem)
zuvor und begehre, daß er mirs vergebe. So habe ich
ein gutes, sicheres Gewissen, vor Gott und den Men-
schen, daß weder er noch die Welt mich forthin stra-
fen noch die Hölle verschlingen, noch der Teufel fres-
sen kann. So heißt der Mensch in allen Dingen voll-
kommen gegen die Menschen durch die Liebe, vor
Gott aber nicht durch Gesetz, sondern durch Christus,
den er in seinem Glauben ergreift als den Gnaden-
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4079 Die Summe christlichen Lebens (1532) 34

stuhl, der für mich seine Heiligkeit setzt, und mir


schenkt, daß ich in ihm habe, was mir zur Seligkeit
not ist.
Darum lasset uns diesen Text behalten. Denn er ist
recht fein gefaßt und eine reine, vollkommene Lehre,
wie wir vor Gott und der Welt fromm sein sollen, wie
das Gesetz fordert: daß man diese drei Stücke zusam-
menbringe, nämlich reines Herz, gutes Gewissen und
ungefärbten Glauben, aus dem all unser Leben fließe
und immer darin gehe. So haben wir des Gesetzes
Meinung getroffen und ausgerichtet. Vornehmlich
aber, daß wir zusehen und Christus darein bringen,
»welcher ist des Gesetzes Ende« (Röm. 10, 4) und
alles miteinander und unsere ganze Frömmigkeit vor
Gott, welche wir in uns nicht finden und ohne den
Glauben nimmermehr finden werden, wie lange und
viel man (auch) des Gesetzes Lehre einbläut und hin-
eintreibt, doch ohne Verstand und Erkenntnis. Das sei
diesmal von diesem Text gesagt, damit wir Gott ge-
dient und zu Lob und Ehre seiner Gnade ein Dankop-
fer bezahlt haben, Amen.

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4080 Die Summe christlichen Lebens (1532) 35

Editorische Bemerkung

Diese Auslegung von 1. Tim. 1,5-7 ist von Luther als


Predigt am 24. November 1532 in Wörlitz gehalten
worden. Cruciger schrieb sie mit und veröffentlichte
sie wenige Wochen später. Luther hat darüber geur-
teilt: »Ich meine, er hats besser gemacht, als ichs ge-
predigt habe.« Sicher wird Cruciger manches zur
Glättung des Textes getan und vielleicht auch dieses
und jenes hinzugefügt haben (das zeigt schon die
Länge der Schrift, welche die anderer Predigten Lu-
thers erheblich übertrifft), aber Luthers Urteil be-
weist, daß er sich das Ergebnis der Crucigerschen Ar-
beit zu eigen machte. Und der Inhalt beweist es auch
(nachdem manche Längen und Weitschweifigkeiten
stillschweigend gestrichen sind, was durch die Erfah-
rungen gerechtfertigt ist, die man immer wieder bei
der Bearbeitung von Predigten Luthers durch seine
Schüler und Freunde macht: Luther ist knapp und
kurz, die Nachschreiber und Bearbeiter erst spinnen
seine Gedanken aus), daß wir hier den echten Luther
vor uns haben, der uns mit leuchtenden Farben ein
Bild unserer christlichen Existenz vor Augen stellt.
Gekürzt sind WA S. 353, 20-27; 354, 1-3, 7-25; 355,
4-31; 356, 12-14, 31-357, 5; 360, 5-13, 29-39; 365,
2-7, 15-33; 366, 17-22; 368, 13-22; 370, 1-371, 21;
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4081 Die Summe christlichen Lebens (1532) 36

372, 1-375,2.

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4082 Die Summe christlichen Lebens (1532) 37

Anmerkungen

1 Eig.: »gibt er dem«.


2 Eig.: »gerne einen mörd auff sie brechten«.
3 U.ö. »Gnadenstuhl« im Griechischen = ‘iλαστη′ρι-
ον, heute im NT mit »Sühnopfer« übersetzt.
4 Eig.: »das mus alles ja sein«.

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