Sie sind auf Seite 1von 21

2737 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 1

Martin Luther

Ein Brief an die zu Frankfurt am Main


(1533)

[WA 30, III, 558–565]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


2738 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 2

Gnad und Fried in Christus, unserm Herrn und Hei-


land, liebe Herrn und Freunde!1 Es ist an mich gelan-
get durch viele, die aus Eurer Frankfurter Messe kom-
men, wie bei Euch in Eurer Stadt vom heiligen Sakra-
ment (des Abendmahls) auf zwinglische Weise geleh-
ret werden solle, jedoch unter dem Anschein und mit
solchen Worten, als sollt es völlig gleich und ein
Ding sein mit unserer und unsergleichen Lehre. Und
habe oft sagen hören, daß es so zurechtgelegt wird,
daß niemand gewiß sei, was und wie mans meine oder
glaube. Das alles habe ich dahingestellt gelassen und
mich dessen gar nichts angenommen, als der in Frank-
furt nichts zu sagen hat2 und wohl weiß, daß dafür
nicht ich, sondern Eure Prediger und Ihr selbst alle-
samt Christus Rechenschaft geben müsset.
Aber weil ich gar herzlich gebeten bin, daß ich
meinen Rat etlichen3 anzeigen wollte (die bei Euch
hierin ratlos und in Zweifel stehen oder auch viel-
leicht sicher dafür halten, daß Eure Prediger nicht leh-
ren noch glauben, wie Leib und Blut wahrhaftig im
Brot und Wein seien), ob sie mit der Menge zum Sa-
krament gehen oder dasselbe um solcher Ursache wil-
len meiden und entbehren sollen, habe ich denselben
zu Dienst diesen offenen Brief an Euch alle ausgehen
lassen wollen, weil ich die ratlosen Personen nicht
kenne noch die Namen weiß, auch nicht zu wissen be-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2739 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 3

gehre, denn mit Euern Predigern und ihren Anhängern


habe ich nichts zu tun. Sie haben genugsam gehöret
und gesehen, was ich und die Unsern vom Sakrament
lehren und glauben. Und wie sie sich unserer entäu-
ßern und von uns fernhalten, so lassen wir sie auch
gehen. Machen sie es gut, so werden sie es wohl fin-
den.
Darum bitte ich freundlich, Ihr wollet mir diese
notwendige Schrift zugute halten, welche mir zugleich
auch ein Zeugnis sein soll, vor Gott und der Welt:
wenn etliche bei Euch in dem Wahn stünden, als
wären Eure Prediger mit uns eins und lehrten gleich
wie wir vom heiligen Sakrament, das sie hieraus wis-
sen, wie wir gar nicht eines (Sinnes) sind, und daß
sich niemand darauf verlassen darf, daß er von ihnen
unsere Lehre höre, welche sie auch in vielen Stücken
verspotten und verwerfen, wie alle Welt, so aus
Frankfurt kommt, einträchtig bezeuget, welches wir
so geschehen und sie ihrem Gericht behalten sein las-
sen.
Denn es sind jetzt an vielen Orten (wie ich getrö-
stet bin) die hinfort gleich mit uns lehren. Aber etliche
andere,4 da sie gesehen haben, daß der Karren zu sehr
und zu tief im Schmutz steckt5 und ihr früheres Ge-
schrei vom bloßen Brot und Wein im Sakrament kei-
nen Anklang mehr finden will, hören sie damit auf
und drehen ihre Worte anders,6 behalten aber gleich-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2740 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 4

wohl die vorherige Meinung im Sinn und Brauch und


sagen mit dem Munde, es sei Christi Leib und Blut
wahrhaftig im Sakrament gegenwärtig. Wenn nun der
einfältige Mann solches höret, so denkt er, sie lehrten
gleich wie wir und gehet daraufhin zum Sakrament
und empfängt doch lediglich Brot und Wein, denn
seine Lehrer geben auch nichts mehr und meinen auch
nichts mehr. Das heimliche Verständnis aber ist wie
vorher das, daß der wahrhaftige Leib und Blut Christi
wohl im Sakrament gegenwärtig sei, jedoch nur geist-
lich und nicht leiblich, wird auch allein im Herzen mit
dem Glauben empfangen und nicht leiblich mit dem
Munde, welcher lediglich Brot und Wein empfängt.
Siehe, heißt das nicht ein teuflisches Gaukelspiel
mit den Worten Christi getrieben und die einfältigen
Herzen so schändlich um ihr Sakrament betrogen und
beraubt? Das ist so, wie Hieronymus von den Aria-
nern schreibt,7 daß deren Bischöfe so predigten, daß
die Christen ein anderes aus ihren Worten verstanden,
als sie (in Wirklichkeit) meineten. Denn sie hatten
auch die Sache zu weit getrieben,8 daß ihr Schreien
nichts mehr gelten wollte, nämlich daß Christus eine
bloße Kreatur wäre und nicht Gott. Da änderten sie
auch ihre Rede, schwiegen stille9 von der Kreatur und
nannten Christus einen Gott, ja einen wahrhaftigen
Gott. Aber das heimliche Verständnis war dieses:
Christus wäre nuncupative10 ein Gott, das ist, er
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2741 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 5

hätte den Namen Gottes und hieße Gott. Und daß er


ein Gott hieße, das wäre wahr, aber er wäre doch
nicht ein natürlicher, ewiger, einziger Gott mit dem
Vater, gleich wie Johannes wahrhaftig ein Engel heißt
und es wahr ist, daß er ein Engel heißt, er aber gleich-
wohl ein Mensch und nicht ein Engel von Natur ist.
So behielten sie es heimlich im Sinn, daß Christus
eine bloße Kreatur wäre, aber mit dem Maul sprachen
sie, er wäre Gott.
Genauso tun auch jetzt unsere Katholiken. Nach-
dem sie gemerkt haben, daß ihr greulicher Greuel zu
hell an den Tag gekommen ist, da sie den Heiland
Christus und seinen Glauben ganz verdammt und (die
Gläubigen) auf ihre eigenen Werke zu bauen gelehret
und fast geschrien haben, ziehen sie sich nun zu-
rück11 und ergreifen auch das Wort »Glauben« und
predigen von Glauben u n d guten Werken. Aber
heimlich bleiben sie bei ihrem alten Greuel unter dem
Wort »Glauben«. Denn sie sagen: Es ist wahr, man
muß durch den Glauben gerecht werden – sofern die
Werke dabei sind. Denn vor den Werken und ohne die
Werke ist der Glaube nichts. Mit diesen Worten be-
zeichnen sie den Glauben als den, der gerecht mache,
geben aber gleichwohl den Werken die Gerechtigkeit
und dem Glauben a l l e i n gar nichts und putzen sich
doch, der Glaube mache gerecht, wenn die Werke
dabei sind, sonst ist er nichts. Das heißt warm und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2742 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 6

kalt aus einem Maul blasen, wenn ich sage: Der Glau-
be macht gerecht, und: er ist doch ohne Werke nichts.
Denn so er alleine ohne die Werke nichts ist, so müs-
sens die Werke ganz sein (die gerecht machen), wenn
schon dasselbe Nichts (das ist der Glaube) dabei ist.
Solches ist ihre heimliche Meinung und so wird der
alte vorige Greuel unter neuen Worten vorgebracht
und dem alten Götzen ein neuer Rock angezogen.
So tut diese doppelzüngige Rotte auch, sagen:
Christi Leib und Blut sei wahrhaftig im Sakrament,
aber doch geistlich und nicht leiblich, und bleiben
damit auf ihrem vorigen Irrtum, daß bloßer Wein und
Brot im Sakrament sei. Und geben danach vor, es sei
nicht not, daß der gemeine Christenmensch wisse,
w i e Christi Leib im Sakrament sei, sondern es sei
genug, daß er glaube, es sei der Leib, den Christus
gemeinet hat. Wenn Du nun dieser Lehre nach glau-
best, daß Christi Leib im Himmel leiblich und im Sa-
krament geistlich sei, so habest Du im Geist und
Glauben den Leib, den Christus gemeinet hat, ob Du
wohl im Brot und Wein nichts als eitel Brot und
Wein empfängest. Daher verwüsten sie auch des
Herrn Abendmahl und gewöhnen die Leute, daß sie
ohne Sakrament dahinfahren und sterben, sprechen:
Was soll mir das Sakrament (das ist eitel Brot und
Wein), hab ich doch Christi Leib und Blut geistlich
im Herzen? Was soll doch solche falsche Heuchelei
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2743 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 7

und Lügen, darin sie nicht allein die Wahrheit leug-


nen, sondern auch nicht ihren eigenen Glauben frei
heraus zu bekennen wagen? Was sind mir das für
Christen, die so heimtückisch12 sind und scheuen
sich, ihre Lehre frei zu bekennen und verkaufen sie
unter fremdem Schein und Deckel? Darauf gehöret
eine zwiefältige Hölle: eine, weil sie wider Gottes
Wort lügen, die andere, daß sie ihre eigene Lehre,
welche sie Gottes Wort zu sein rühmen, leugnen und
nicht frei bekennen.
Was meinest Du nun? Wenn ein frommes Herz sol-
che Bosheit und Falschheit an seinem Seelsorger weiß
oder ihn dessen verdächtig hält, was soll es tun? Mei-
nest Du, es könne sein Herz und sein falsches Frevel-
wort zufriedenstellen, wenn er saget: Glaube den
Leib, den Christus meinet, und frage nicht weiter?
Nein, lieber Gesell, solches glaubt er schon vorher,
ehe er kommt, wenn er schon nicht zum Sakrament
gehet, sondern das fragt er, und darum kommt er: er
will wissen, ob er eitel Brot und Wein mit seinem
Munde empfange. Nicht fragt er, was er von Christus
und seinem Leibe im Herzen glauben soll, sondern
was man ihm mit den Händen reiche. Hier gilts nicht
den Brei im Maul wälzen und Mum, Mum sagen (d.h.
ausweichend zu antworten). Man darf ihn nicht leh-
ren: Glaube den Leib, den Christus meinet, sondern
(muß) den Brei ausspeien und das Mummen lassen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2744 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 8

frei und dürr dahersagen, ob er mit dem Munde eitel


Brot und Wein empfange. Denn wie er den Leib glau-
ben solle, den Christus meine, das soll man auf die
Kanzel oder auf ein andermal aufsparen. Hier soll
man ihm sagen, was Brot und Wein im Sakrament
sei, und ihn nicht so an der Nase herumführen.13
Denn es gilt hier nicht, so heimlich und doppelsinnig
sein Wesen zu treiben.14
Darum ist das mein treuer Rat, den ich vor Gott
schuldig bin, sowohl Euch zu Frankfurt und wo mans
anderswo bedarf: Wer von seinem Seelsorger öffent-
lich weiß, daß er (vom Abendmahl) Zwinglisch leh-
ret,15 den soll er meiden und eher sein Leben lang
des Sakraments entbehren, ehe ers von ihm empfan-
gen sollte, ja auch eher drüber sterben und alles lei-
den. Ist aber sein Seelsorger der doppelzüngigen
einer, der mit dem Maul vorgibt, es sei im Sakrament
der Leib und Blut Christi gegenwärtig und wahrhaf-
tig, und doch dessen verdächtig ist, daß er täusche
und es anders meine als die Worte lauten, so gehe
oder sende frei zu ihm und lasse Dir deutlich heraus
sagen, was das sei, das er Dir mit seinen Händen
reicht und Du mit Deinem Munde empfängst, hintan-
gesetzt für dieses Mal, was man im Herzen glaube
oder nicht glaube, und schlicht gefragt, was Hand und
Mund hier fasset. Ists ein redlicher Schwärmer, der
aufrichtig mit Dir handeln will, der wird Dir so sagen:
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2745 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 9

er reiche Dir eitel Brot und Wein, dabei Du den Leib


und Blut Christi denken und glauben sollst usw. Ists
aber der Gaukler einer, die ein heimliches Spiel spie-
len, so wird er Mum, Mum sagen und den Brei im
Maul umherwerfen und so geifern: Ei, es ist genug,
daß Du den Leib glaubest, den Christus meinet. Das
heißt denn fein geantwortet und Urkund gegeben der
Hoffnung, die in uns ist, wie I. Petr. 3, 15 lehret.
Solcher hoher Geister Kunst nach wollt ich mit
allen Artikeln des Glaubens spielen und sagen: es sei
nicht not, daß ich glaube, drei Personen sind ein gött-
liches Wesen und eine jegliche sei wahrhaftiger Gott.
Sondern es ist genug, daß Du die heilige Dreifaltig-
keit glaubest, die Christus meinet, das ist, die ich, der
Arianismus, meine; der meinet aber keine Dreifaltig-
keit. Ferner: es ist nicht not, daß Du glaubest, Chri-
stus sei wahrhaftiger Gott, sondern es ist genug, daß
Du den Gott glaubest, den Christus meinet, das ist,
den ich, Arius,16 Sabellius, Mohammed usw. meine;
die meinen aber keinen. Ferner: es ist nicht not, daß
Du glaubest, Maria sei eine rechte Mutter und Jung-
frau, sondern es ist genug, daß Du die Jungfrau glau-
best, die der Evangelist meinet, das ist, die Kaiphas
und die Juden meinen; die meinen aber, sie sei eine
freie Dirne.
Solche Prediger, wo sie scherzen wollen, sollten sie
sich etwas anders vornehmen und göttliche Sachen in
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2746 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 10

Frieden lassen, daß nicht einmal der Donner drein-


schlüge. Ists aber ihr Ernst, so sollte man sie auch mit
Ernst aus dem Amt und von der Kanzel zum Lande
ausweisen. Denn was soll doch das schreckliche Gau-
kelspiel sein, darinnen sie das Volk lehren wollen und
sagen ihnen doch nichts, sondern weisen sie ins fin-
stere Loch und sprechen: Glaube, was Christus mei-
net? Was aber Christus meinet, wollen sie nicht
sagen. Denn sie fürchten, wo sie es sagen sollten,
würde alle Welt sprechen: Das meinte Christus nicht,
sondern Du selbst meinest es, und Dein Vater, der
Teufel, mit Dir, und Ihr brauchet beide des Namens
Christi zum Schanddeckel über Eure Lügen, damit Ihr
uns verführen und verderben wollet.
Wo nun solche Prediger sind, die habens sehr gut
und eine leichte Weise zu predigen erfunden, bedürfen
der Schrift und des Studierens nicht mehr. Denn sie
können in allen Stücken so zum Volk sagen: Liebe
Leute, seid hiermit zufrieden, glaubt, was Christus
meinet, das ist eben genug. Wer könnte so nicht pre-
digen? Wer wollte hier nicht gern Schüler sein? Wenn
wir der Mühe zu predigen und zu lehren überhoben
sein möchten und Christus die Mühe für alles beides
befehlen und sagen: Ich glaube, was Christus glaubt,
oder, was noch viel besser wäre, ich lasse Christus für
mich glauben und ihn sorgen, was ich glauben soll,
ach, das wären mir die feinsten Christen und die
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2747 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 11

prächtigsten Brüder. So sagen auch jetzt die Katholi-


ken: sie glauben, was die Kirche glaubt. Und, wie
man von den Polen sagt, daß sie sagen sollen: Ich
glaube, was mein König glaubt. Warum nicht? Wie
könnte ein besserer Glaube sein, der weniger Mühe
und Sorge hätte als dieser?
So sagt man, wie ein Gelehrter17 einen Köhler zu
Prag auf der Brücke, aus Mitleid über einen armen
Laien, gefragt habe: Lieber Mann, was glaubst Du?
Der Köhler antwortet: Was die Kirche glaubt. Der
Gelehrte: Was glaubt denn die Kirche? Der Köhler:
Was ich glaube. Danach, da der Gelehrte hat sterben
sollen, ist er vom Teufel so hart im Glauben ange-
fochten, daß er nirgends hat bleiben noch Ruhe haben
können, bis daß er sprach: Ich glaube, was der Köhler
glaubt. Wie man auch von dem großen Thomas von
Aquin sagt,18 daß er an seinem Ende nicht vor dem
Teufel hat bleiben können, bis daß er sprach: Ich
glaube, was in diesem Buch stehet und hatte die Bibel
in den Armen. Aber Gott verleihe uns solchen Glau-
bens nicht viel. Denn wo diese nicht anders als so ge-
glaubt haben, so haben sich beide, Gelehrter und
Köhler, in den Abgrund der Hölle hineingeglaubt.
Dahinein glauben sich auch solche Geister, die da
sagen: Glaube den Leib, den Christus meinet, das ist
genug. O ja, es ist fein und gut geglaubt, solcher
Glaube schadet dem Teufel nichts.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2748 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 12

Und wie könnte man ein Volk feiner im Irrtum hal-


ten als mit solcher Rede? Denn wo sie dessen gewiß
werden, daß sie nicht sorgen brauchen, ob sie recht
oder unrecht gelehret worden sind, so schlafen und
schnarchen sie fein sicher dahin, fragen auch hinfort
billig nach keiner Lehre noch Predigt. Sie haben auf
einmal genug gelernt, daß sie wissen und glauben,
Christus glaube für sie. Was wollen sie mehr haben,
die freien, fröhlichen, sicheren Christen? Es wäre
denn, daß man dazu auch lehren wollte, es sei nicht
not, daß man gute Werke tue und Böses leide, es sei
genug, daß Christus sie tue und leide. Den laß auch
für Dich fromm sein und alles tun, so brauchst Du
weder glauben noch Gutes tun. Und was schadets,
man ließe auch den Teufel für uns ungläubig sein und
Böses tun, so müßte er für uns in die Hölle, gleich
wie Christus für uns in den Himmel fahren mußte.
Wir aber blieben auf Erden gute Gesellen, äßen und
tränken, sicher, daß wir weder gen Himmel noch zur
Hölle zu fahren brauchten. Das wäre mir eine löbliche
Kirche, in den Schweinestall gebauet.
Ich hoffe aber nicht, daß solche Christen oder Pre-
diger sich rühmen oder vorgeben, es habe der Luther
selbst solches geraten und gelehret. Denn wo ich des
gewahr und gewiß würde, daß sie solches Gift aus
meinen Büchern sögen und die Schuld auf mich leg-
ten, müßte mich die Mühe nicht verdrießen, jenen ein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2749 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 13

wenig die Augen zu scheuern und die Brille auf die


Nase zu setzen und sie heißen, meine Bücher nicht
durch ein gemalet Glas zu lesen. Denn ich weiß dem
Teufel und seinen Aposteln das wohl zuzutrauen: wo
sie meine Worte verkehren und danach mit meinem
Namen die Leute verführen können, daß sie es an
gutem Willen nicht fehlen ließen, wie etliche dersel-
ben Rotte mir oft getan und meinen Worten ihre Mei-
nung gegeben haben.
So habe ich im Büchlein19 wider die Schwärmer
geraten und gelehret: Wenn ein Christ von den Ver-
tretern der bildlichen Bedeutung der Einsetzungswor-
te20 angefochten würde, so sollte er fest und steif bei
den Worten Christi bleiben und glauben, daß (wie die
Worte selbst lauten) Leib und Blut Christi im Brot
und Wein sei und sollte es getrost auf Christus
wagen. Hätte ihn derselbe verführet (was unmöglich
ist), der würde es wohl am Jüngsten Gericht verant-
worten. Indes wäre der Christ mit Recht mit seinem
Glauben sicher, daß er bei den Worten bliebe, und
meinet mit seinem Glauben den Leib, den die Worte
geben und wie sie lauten. Siehe, das heißt nicht geleh-
ret, den Leib glauben, den Christus meinet. Denn mit
solcher ihrer Rede werden die Worte Christi aus den
Augen getan und es wird freihin ohne Wort nach eige-
nen Gedanken in die Luft geglaubet. Ich aber will die
Worte haben und den Glauben auf sie (wie sie lauten)
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2750 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 14

setzen, daß ich nicht den Leib glauben will, den Chri-
stus meinet, außer und ohne sein Wort, sondern den
Leib, den seine Worte meinen, wie sie da stehen und
lauten. Denn das ist seine rechte Meinung, und er hat
uns seine Meinung in den Worten und durch die
Worte gesagt und angezeigt. Außer seinem Wort und
ohne sein Wort wissen wir von keinem Christus, viel
weniger von Christi Meinung. Denn der Christus, der
uns ohne Christi Wort seine Meinung vorgibt, das ist
der leidige Teufel aus der Hölle, der Christi heiligen
Namen führet und darunter sein höllisches Gift ver-
kauft.
Solches will ich jetzt aus Sorge allen zur Warnung
gesagt haben, die es begehren, ob vielleicht jemand
durch meine Bücher oder Namen21 angefochten wäre.
Denn obwohl ich nicht weiß, ob jemand solches tue
und des auch niemand zeihen kann noch will, muß ich
mich doch vor des listigen Drachen und seiner Anhän-
ger22 Bosheit und Tücke besorgen, als der ich nun so
oft gewitzigt bin, daß ers wohl vornehmen möchte.
Obwohl ich doch billiger hoffen sollte, daß niemand
so frech und unverschämt sein könnte, solchen seinen
Irrtum unter Berufung auf mich zu stärken23 und auf-
rechtzuerhalten, weil mein Bekenntnis vor aller Welt
öffentlich am Tage dastehet und meine Bücher gewal-
tiglich bezeugen, mit welchem großen Ernst ich wider
den Irrtum gestritten habe, so daß ein Schwärmer sich
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2751 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 15

ja in sein Herz schämen sollte, einen Buchstaben des


Luther zur Begründung seines Irrtums anzuführen
oder zu gebrauchen. Zu dem ist nun vor alle Welt ge-
kommen das herrliche Bekenntnis24 und die Apolo-
gie, die vor Kaiserlicher Majestät zu Augsburg von
vielen der höchsten Stände des Römischen Reiches
frei bekannt und erhalten ist, darin auch die Katholi-
ken, ob sie uns wohl über alle Maß feindlich sind, uns
dennoch keines Schwärmerartikels beschuldigen kön-
nen. Wir haben da nicht Mum, Mum gesagt noch ein
heimliches Spiel gespielet, sondern da stehen unsere
hellen, dürren, freien Worte, ohne alles Verdunkeln
und Heimlichtun.
Und in Summa, daß ich von diesem Stücke weg-
komme, ist mir erschrecklich zu hören, daß in e i n e r
Kirche oder an e i n e m Altar beide Teile einerlei Sa-
krament holen und empfangen sollten, und ein Teil
sollte glauben, er empfange bloßes Brot und Wein,
der andere Teil aber glauben, er empfange den wahren
Leib und Blut Christi. Und oft zweifle ich, ob es zu
glauben sei, daß ein Prediger oder Seelsorger so ver-
stockt und boshaft sein und hierzu still schweigen und
beide Teile so gehen lassen könnte, einen jeglichen in
seinem Wahn, daß sie einerlei Sakrament empfangen,
ein jeglicher nach seinem Glauben usw. Ist aber etwa
einer, der muß ein Herz haben, das da härter ist als
kein Stein, Stahl noch Diamant. Der muß freilich ein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2752 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 16

Apostel des Zorns sein, denn Türken und Juden sind


viel besser, die unser Sakrament leugnen und das frei
bekennen. Denn damit bleiben wir von jenen unbetro-
gen und fallen in keine Abgötterei. Aber diese Gesel-
len müßten die rechten hohen Erzteufel sein, die mir
eitel Brot und Wein geben und ließen michs für den
Leib und Blut Christi halten und betrögen mich so
jämmerlich. Das wäre zu heiß und zu hart. Da wird
Gott in Kürze zupacken.25 Darum, wer solche Predi-
ger hat oder sich dessen von ihnen versiehet, der sei
vor ihnen gewarnet wie vor dem leibhaftigen Teufel
selbst.26

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


2753 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 17

Editorische Bemerkung

Mit dem Marburger Gespräch von 1529 war der Hö-


hepunkt der Auseinandersetzung zwischen Luther und
Zwingli über das Abendmahl erreicht. Zwar hatte man
sich über die leibliche Gegenwart Christi nicht eini-
gen können, aber man war sich doch näher als zuvor
gekommen und hatte – was das Wichtigste war – das
Anliegen und die Denkweise des anderen würdigen
gelernt. Die Marburger Artikel, welche die Überein-
stimmung der Streitenden in allen Grundartikeln des
christlichen Glaubens (mit Ausnahme des Abend-
mahls) feststellten, waren der Ausdruck dieser – für
beide Teile unerwarteten – Nähe zueinander. Sie hielt
nicht vor, der Gegensatz in der Abendmahlsauffas-
sung war zu stark. Mit welcher Schärfe Luther auf
Klarheit drang und mit welcher Strenge er die Tren-
nung zwischen den Abendmahlsauffassungen mit
allen sich daraus ergebenden Konsequenzen forderte,
davon legt der im Herbst 1532 verfaßte (und Anfang
Januar 1533 im Druck erschienene) »Brief an die zu
Frankfurt am Main« Zeugnis ab. Der Abdruck ist hier
auf den das Abendmahl betreffenden Teil des Send-
briefs beschränkt, welcher anschließend die Beichte
behandelt. Luthers im Kleinen Katechismus vorge-
schlagene Form der Privatbeichte (vgl. dazu Band 6
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2754 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 18

dieser Ausgabe) fand in Frankfurt Kritik, gegen wel-


che sich Luther verteidigt. Die Auseinandersetzung
über die Beichte ist mit der über das Abendmahl ver-
knüpft, hing die Zulassung zum Abendmahl nach
Wittenberger Brauch doch von der vorangegangenen
Beichte (und dem damit verbundenen Beichtexamen)
ab. Aber da die Beichte nicht nur in Band 6, sondern
auch an mehreren Stellen dieses Bandes (vgl. S. 91ff.,
207ff.) behandelt wird, schien der Abdruck dieses
zweiten Teiles nicht erforderlich.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


2755 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 19

Anmerkungen

1 Eig.: »Erbarn, fursichtigen, lieben« usw.


2 Eig.: »nichts befolhen ist«.
3 Eig.: »jrrigen«.
4 D.h. frühere Anhänger einer sinnbildlichen Deu-
tung.
5 Eig.: »zu fern und tieff jnn schlam gefürt ist«.
6 Eig.: »wisschen sie das maul«.
7 Epistula ad Damasum XV, 3-5; CSEL 54, 64 bis
67.
8 Eig.: »den karren zu weit gefüret«.
9 Wie 215, 15.
10 Lat. = dem Namen nach.
11 Eig.: »zihen sie nu die pfeiffen ein«.
12 Eig.: »meucheln«.
13 Eig.: »im sacke verkeuffen«.
14 Eig.: »so unter dem hütlin spielen und im finstern
mausen«.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


2756 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 20

15 D.h.: eine sinnbildliche Deutung vorträgt.


16 Arius, Presbyter in Alexandrien, durch welchen
der nach ihm genannte arianische Streit ausgelöst
wurde, Bestreiter der vollen Gottheit Christi. Sabel-
lius wirkte kurz vor 200 in Rom als Vertreter des sog.
»modalistischen Monarchianismus«. Nach ihm sind
Vater, Sohn und Geist nur Erscheinungsweisen der
einen Gottheit.
17 Eig.: »Doctor«.
18 Legendär.
19 Gemeint ist entweder die Schrift von 1527 »Daß
diese Worte ›Dies ist mein Leib‹ noch feststehen
wider die Schwärmer«. WA 23, 64ff. oder aber die
von 1528: »Vom Abendmahl Christi, Bekenntnis«,
vgl. S. 382f.
20 Eig.: »Tropisten und Figuristen«.
21 Gemeint ist »Vom Abendmahl Christi, Bekennt-
nis«, WA 26, 261ff.
22 Eig.: »und seiner schupen«.
23 Eig.: »mit mir zu stercken«.
24 Das Augsburgische Bekenntnis von 1530.
25 Eig.: »zu schmeissen«.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
2757 Ein Brief an die zu Frankfurt am Main (1533) 21

26 Folgt WA 565-571 eine Verteidigung der lutheri-


schen Beichte.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther