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1633 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 1

Martin Luther

Vermahnung an die Geistlichen,


versammelt auf dem Reichstag zu
Augsburg
(1530)

[WA 30, 2, 345–356]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


1634 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 2

Die Stücke, die in der rechten christlichen Kirche zu


behandeln nötig ist, mit denen wir umgehen:

Was Gesetz sei


Was Evangelium
Was Sünde
Was Gnade
Was Geists Gabe
Was die rechte Buße
Wie man recht beichtet
Was der Glaube
Was Vergebung der Sünden
Was die christliche Freiheit
Was der freie Wille
Was die Liebe
Was das Kreuz
Was die Hoffnung
Was die Taufe
Was die Messe
Was die Kirche
Was die Schlüssel
Was ein Bischof
Was ein Diakon
Was das Predigtamt
Der rechte Katechismus
wie Zehn Gebote
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1635 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 3

wie Vaterunser
wie Glaubensbekenntnis
Das rechte Gebet
Die Litanei
Lesen und Auslegung der Schrift
Was gute Werke sind
Unterricht des Ehestands
Unterricht der Kinder
Unterricht der Knechte
Unterricht der Mägde
Die Obrigkeit ehren
Kinder unterrichten
Kranke besuchen
Arme und Krankenhäuser versorgen
Die Sterbenden unterweisen

Solche Stücke hat kein Bischof je behandelt und sind


dazu von den euren (den Katholiken) auch nie gründ-
lich verstanden noch gelehrt worden und ein groß Teil
ist ganz verblichen. Das könnt ihr nicht leugnen. Wir
sind in euren Schulen aufgezogen, ebenso sind eure
Bücher noch vorhanden, die solches bezeugen. Eben-
so bezeugt alle Welt, daß zuvor nie (recht) gepredigt
worden ist. Nun ist gewiß, daß es auf diese Stücke an-
kommt und die christliche Kirche mit diesen versorgt
ist, und eurer unnötigen Zusätze überhaupt nicht be-
darf.
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1636 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 4

Hierbei will ich nicht die deutschen Lieder, Braut-


segen und viele gute heilsame Büchlein aufzählen.
Aber wieviel Greuel wir damit niedergelegt und bei
uns ausgerottet haben, will ich jetzt auch nicht auf-
zählen. Es ist genug, wenn angezeigt wird, von wie-
viel Stücken wir noch zu reden hätten, wo wir Zeit
und Raum dafür nehmen wollten.

Die Stücke, die in der gleißenden (katholischen) Kir-


che in Übung und Brauch gewesen sind:
1. Ablaß
2. Opfermessen und dieselbigen auf unzählige Weise
3. Bann ganz im Mißbrauch
4. Fegefeuer
5. Poltergeister
6. unzählige Wallfahrten
7. Vigilien
8. Seelenmessen
9. Anniversarien
10. Seelenmessen vier Wochen nach dem Tode
11. Seelenbäder
12. Heiligendienst, deren etliche nie gelebt haben
13. Heiligenfeiern ohne Maßen
14. Maria zur allgemeinen Abgöttin gemacht, mit un-
zähligen Diensten, Feiern, Fasten, Gesängen, Anti-
phonen usw.
15. Butterbriefe
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1637 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 5

16. unzählige erlogene Reliquien


17. unzählige Bruderschaften
18. Eheloses Leben
19. Kirchen weihen mit Ablaß
20. Altäre weihen mit Ablaß
21. Bilder weihen mit Ablaß
22. Glocken taufen mit 200 Gevattern an einem Strick
23. Unterscheidung der Speisen
24. Unterscheidung der Tage
25. Unterscheidung der Kleider als notwendig
26. Erzwungene Stundengebete
27. Sonntagsprozessionen als ein Schauspiel
28. Die letzte Ölung zum Tode, nicht zur Gesundheit
29. Sakrament der Ehe
30. Sakrament der Priesterschaft
31. Sakrament der Firmelung weihen, zu
32. Akoluthen keinem Amt allein zur Freiheit (von
Steuern und Pflichten)
33. Tonsuristen keinem Amt allein zur Freiheit (von
Steuern und Pflichten)
34. Lektoren keinem Amt allein zur Freiheit (von
Steuern und Pflichten)
35. Subdiakone keinem Amt allein zur Freiheit (von
Steuern und Pflichten)
36. Brigitten-Gebet
37. und dergleichen ohne Zahl, und alle Betbücher
voll mit lästerlichen, schändlichen Verunehrungen
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1638 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 6

Gottes

Tonsuren
Kaseln
Alben
Chorhemden
Kappen
Kirchen
Kapellen
Altäre
Altartücher
Lichter
Leuchter
Bilder
Tafeln
Kruzifixe
Kerzen
Fahnen
Rauchfässer
Taufstein
Monstranz
Ciborium
Kelch
Orgeln
Glocken
Weihwasser
Weihsalz
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1639 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 7

Kräuterweihe
Und allerlei Speise

Und des alles über das Bedürfnis hinaus, allein als


einen besonderen Gottesdienst, dem Glauben entge-
gen

In der Fastenzeit

Aschermittwoch
Hungertuch
Bilder verhüllen
Fasten halten, die Pfaffen ausgenommen
Litanei der Heiligen
Mariengesang des Abends
Beichtmarter
Buße und Genugtun
Lange Gebete
Palmen Esel
Palmen schießen
Palmen schlucken
Palmen Kreuze
Zur Beichte zwingen
Zum Sakrament zwingen
Fladen weihen am Ostertage
St.-Marx-Prozession beides gut zu aller Unzucht
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1640 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 8

Kreuzwoche beides gut zu aller Unzucht


Himmelfahrt zur None
Heiliger Geist am Pfingsttag
Processio corporis Christi
Assumptio beatae Virginis
Kirchweih
Patronfest
Gemeindewoche
St.-Burkhardsfest
Quatter temper
Allerheiligenfest
Allerseelentag
St.-Martinsgans
Kreuz küssen und anbeten
Kreuz begraben
Halbe Messe am stillen Freitag
Beim Grabe Psalter singen
Finstere Mette
Nicht läuten, aber klappern
Acht Stunden Passion predigen
Feuer weihen
Osterkerzen
Kreuz aus dem Grab heben und in der Prozession tra-
gen
Advent, mehr Maria als Christus zu Dienst
Marienmesse
Conceptio beatae Virginis
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1641 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 9

Drei Christmessen
Weihnachtslied und -spiel
Haferweihe
Johannistrunk
Lichtmeß und Wachsmarkt
St.-Agathalicht
St.-Blasiuslicht

Ich will hier aufhören, denn wer vermags alles in sol-


cher Kürze aufzuzählen? Will man aber nicht Friede
haben, so kann ichs (oder ein anderer besser) noch
wohl weiter aufzählen, auf daß die lieben Domherren
und Bischöfe nicht denken, die Mönche haben allein
gesündigt und sie seien das reine Kätzlein. Nicht so,
ich habe für diesmal nicht mehr anzeigen wollen, als
was allein in den Pfarrkirchen Brauch gewesen ist,
welche doch das geringste Stück in eurem Regiment
und über alle Maßen verachtet gewesen sind, welche
ihr auch mit Füßen getreten habt. Sollt ich aber in die
Stiftskirchen, Domkirchen, bischöflichen Amtshäuser,
Klöster und Predigtstühle kommen und danach auf
die Bettelmönche, Almosensammler, zuletzt unter die
Lehrer auf den hohen Schulen – hilf Gott, mich wun-
dert nicht, daß ihr solche abgrundtiefen Greuel ver-
gesset und euch nun zu schmücken sucht. Hab ichs
doch selbst (bei dem lieben Gott) vergessen und nicht
gemeinet, daß ihr da säßet, da ich euch jetzt sitzen
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sehe. O nun schweigt, um Gottes willen, und bessert


euch! Es wird sonst böse mit euch werden.
Es ist zwar wahr, daß unter den aufgezählten Stük-
ken etliche sind, die nicht zu verwerfen sind. Und etli-
che von ihnen sind gefallen, von denen ich nicht woll-
te, daß sie gefallen wären (sie können aber wohl leicht
wieder aufkommen). Und das allerbeste ist dabei, daß
feine lateinische Gesänge de tempore da geblieben
sind. Obwohl sie trotzdem von den neuen Heiligenge-
sängen fast übertönt werden und auch fast nichts gel-
ten. Dennoch behalten wir sie doch fest und gefallen
sie uns von Herzen wohl. Und daß ich kurz meine
Meinung sage, so ist die Summa davon:
Wenn man solche Stücke als ein Kinderspiel für
die Jugend und junge Schüler hätte bleiben lassen,
damit sie ein kindlich Bild christlicher Lehre und Le-
bens gehabt hätten, wie man doch Kindern Puppen,
Pferde und andere Kindersachen zugeben muß, und
wäre bei dem Brauch geblieben, wie man die Kinder
lehret, S. Niklas und dem Christkind fasten, damit sie
ihnen des Nachts bescheren sollen, wie sichs ansehen
läßt, daß unsere Vorfahren es gemeint haben, so wäre
es wohl zu leiden, daß man Palmesel, Himmelfahrt
und dergleichen viel gehen und geschehen ließe, denn
da wäre kein Gewissen mit verwirret.
Aber daß wir alten Narren in Bischofshüten und
geistlichem Gepränge dahergehen und Ernst draus
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1643 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 11

machen, ja nicht allein Ernst, sondern Artikel des


Glaubens, daß es Sünde sein muß und die Gewissen
martert, wer solch Kinderspiel nicht anbetet, das ist
der Teufel selbst. Daraus folget dann, daß alle oben-
genannten Stücke, wie kindisch und lächerlich sie
sind, den christlichen Glauben und die rechten nöti-
gen Stücke, die oben angezeigt sind, dennoch mit
Ernst stürmen und verderben, als wäre sonst keine
Hilfe, man hätte denn solches gehalten. Denn wir
haben leider bisher wohl erfahren, daß man solch
Kinder- und Narrenspiel mehr und ernstlicher getrie-
ben hat (und noch) treibt, als eben die rechten Haupt-
stücke. So sind wir nun der Meinung: können wir sol-
che Kinderspiele, die zu leiden sind, um der Jugend
willen ohne Nachteil für die rechten, ernsten Haupt-
stücke erhalten helfen, so wollen wirs gerne tun. Aber
daß wir sie für Artikel des Glaubens halten sollten
und auch in Bischofshüten Narrenspiel treiben soll-
ten, da wird nichts draus, zürne und lache, wer da
will.
Dies will ich euch, liebe Herren, für dieses Mal zur
freundlichen und treuen Vermahnung angezeigt
haben, mit allerhöchstem Fleiß bittend, ihr wolltet zu-
sammen mit uns Gott ernstlich anrufen, daß er euch
Gnade und Weisheit in diesen großen Sachen verlei-
he, damit ihr tut und handelt, was seine Ehre und
unser aller Heil sei. Und wollet ja auf der Hut sein,
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1644 Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu 12

daß ihr euch nicht beschönigt, noch euer voriges fal-


sches Handeln entschuldigt, verteidigt oder mit Ge-
walt verfahret. Denn was hilfts, daß ihr noch mehr
böses Blut im Volk machet? Die Herzen sind bereits
und nicht ohne redliche Ursachen allzu sehr erbittert,
so daß es sehr nottut, sie mit demütigem Bekenntnis
und tiefgreifender Besserung zu lindern, zu besänfti-
gen und stillen und nicht weiter an ihnen zu zerren
und zu reißen. Denn ihr wisset, wenn schon kein
Evangelium wäre: daß euer Wesen und Stand, selbst
euren eigenen Rechten entgegen, über die Maßen und
zuviel gefallen und verderbt liegt, so daß sichs nicht
leiden wird, mit dem Kopf hindurch zu wollen.
So wisset ihr auch wohl, daß Papst Hadrian durch
seinen Legaten zu Nürnberg selbst bekannt hat, daß
der römische Stuhl1 Ursache vielen Jammers wäre,
und sich zur Besserung erbot. Warum wollt ihr euch
denn solches zu bekennen schämen, und dazu noch
starrsinnig auf eurem Stolz beharren, in nichts wei-
chen noch etwas einräumen, sondern alles mit Gewalt
haben, ungeachtet, ob Besserung oder Verschlechte-
rung daraus folgt. Denn ihr wisset, oder solltet wenig-
stens wissen, daß christliches Regiment oder Gewalt
nicht zum Verderben sondern zum Bessern von Gott
eingesetzt ist, wie Paulus (2. Kor. 13, 10) sagt, sie
soll nicht eine Tyrannei sondern ein Dienst sein.
(Wenn ihr dementsprechend handeltet), so könnten
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wir euch alsdann bei dem Volk wiederum heben hel-


fen. Denn ich meine doch, ihr werdet der Lutheri-
schen, als der frommen »Ketzer« – zum mindesten
ihres Gebetes – nicht gut entbehren können, wenn an-
ders ihr etwas Dauerndes ausrichten wollt. Werdet ihr
aber mit Gewalt verfahren, starrsinnig und halsstarrig
hindurch wollen (da Gott vor sei), so bezeuge ich
hiermit samt allen, die mit mir glauben, vor Gott und
aller Welt, daß es unsere Schuld nicht ist, wo euch
euer Stolz fehlgehen lassen würde, so daß ihr zu
Trümmern gehet. Euer Blut sei auf eurem Kopf. Wir
sind und wollen an eurem Blut und Verdammnis un-
schuldig sein, die wir euch eure Missetat genügend
angezeigt, euch treulich zur Buße vermahnet und
herzlich gebeten, und uns zu allem, das zum Frieden
dienet, aufs höchste erboten und nichts anders gesucht
noch begehrt haben als den einzigen Trost unserer
Seelen, das freie reine Evangelium. So können wir mit
gutem Gewissen rühmen, der Fehler sei nicht bei uns
gewesen. Aber der Gott des Friedens und des Trostes
gebe euch seinen Geist, der euch zu aller Wahrheit
weise und führe, durch unsern lieben Herrn Jesus
Christus. Dem sei Lob und Dank für alle seine unaus-
sprechliche Gnade und Gaben in Ewigkeit, Amen.

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Editorische Bemerkung

Am 23. April 1530 kam Luther auf der Koburg an, in


den ersten Maitagen hatte er das Manuskript zu seiner
»Vermahnung« (die vollständige Schrift umfaßt bei
Clemen immerhin 40 Druckseiten) beendet, Anfang
Juni wurden schon die ersten Exemplare in Augsburg
verkauft (und zwar gleich 500 Stück in wenigen
Tagen, bis der Rat durch ein Verbot eingriff), im
Laufe des Jahres erschienen mehrere weitere Ausga-
ben. Der »Vermahnung« kam nach Luthers Absicht
eine stellvertretende Aufgabe zu: wenn er selbst schon
nicht auf dem Reichstag bei den Religionsverhandlun-
gen anwesend sein konnte (weil er sich in Acht und
Bann befand), dann sollte die »Vermahnung« seine
Auffassung zu den verhandelten Fragen zur Geltung
bringen. Die Schrift erörtert deshalb eine Fülle von
Dingen, auf die im Zusammenhang von Erg.Bd. II
eingegangen werden wird. Wir geben nur ihren
Schluß wieder, in dem Luther eine zusammenfassende
Übersicht über das gibt, was zwischen den Kirchen
steht. Luther will keineswegs vollständig sein (er
stellt zusammen, »so viel mir jtzt einfellet«, sagt er
WA 345,24, vgl. auch hier S. 333,13), aber auch so
ist die Aufzählung lang und schwerwiegend genug.
Wir versuchen gar nicht erst, die Listen S. 330ff.
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durch erklärende Anmerkungen zu kommentieren,


denn das würde unverantwortbar lange Betrachtungen
zum katholischen kirchlichen Brauchtum erfordern.

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Anmerkungen

1 Der Nuntius Chieregati trug eine Instruktion Hadri-


ans VI. vom 25. November 1522 den Ständen am 3.
Januar 1523 vor (vgl. Pastor, Geschichte der Päpste
IV, 2,91 ff.).

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