Sie sind auf Seite 1von 106

5789 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh.

4, 47-54 1

Martin Luther

Einundzwanzigster Sonntag
nach Trinitatis
Joh. 4, 47-54

[HP 391–393;
WA 37, 188–190]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5790 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 2

Und es war ein Mann in des Königs Dienst, des


Sohn lag krank zu Kapernaum. Dieser hörte, daß
Jesus kam aus Judäa nach Galiläa, und ging hin zu
ihm und bat ihn, daß er hinabkäme und hülfe seinem
Sohn; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu
ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so
glaubt ihr nicht. Der Mann sprach zu ihm: Herr,
komm hinab, ehe denn mein Kind stirbt! Jesus
spricht zu ihm: Gehe hin, dein Sohn lebt! Der
Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte,
und ging hin. Und indem er hinabging, begegneten
ihm seine Knechte und sprachen: Dein Kind lebt.
Da erforschte er von ihnen die Stunde, in welcher es
besser mit ihm geworden war. Und sie sprachen zu
ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das
Fieber. Da merkte der Vater, daß es um die Stunde
war, in welcher Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein
Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.
Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er
aus Judäa nach Galiläa kam.

Johannes sagt, dies sei das zweite Zeichen gewesen,


das Jesus getan habe, da er aus Judäa nach Galiläa
gekommen sei. Das erste Zeichen, das er getan hat,
ist, daß er bald nach seiner Taufe auf der Hochzeit zu
Kana in Galiläa Wasser zu Wein gemacht hat. Das
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5791 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 3

zweite Zeichen ist nun dies, daß er des königlichen


Beamten Sohn zu Kapernaum gesundgemacht hat.
Das ist alles im ersten Jahr seines Predigtamtes ge-
schehen. Denn sobald der Herr im Jordan von Johan-
nes dem Täufer getauft worden ist, hat er von Stund
an angefangen zu predigen und Wunder zu tun. Unter
den Wunderzeichen sind diese zwei die allerersten ge-
wesen.
Es hat aber der Evangelist dies Wunderwerk des-
halb beschreiben wollen, damit er anzeige, was für
ein Mann dieser Prediger sei, und damit er lehre, wie
man diesen Prediger hören solle, nämlich daß man
wisse, es sei alles Ja und Amen, was er predigt. Man
weiß nicht sicher, ob dieser königliche Beamte ein
Jude oder Heide gewesen sei, es kommt auch nicht
sehr darauf an, wenn man es schon nicht weiß. Er ist
ein Landvogt oder Amtmann gewesen unter dem
König Herodes. Daran liegt aber am meisten, daß
man auf die Ursache achthabe, weshalb der Evange-
list dies Wunderwerk beschrieben habe, nämlich, wie
gesagt ist, damit man sehe, eine wie große Sache es
um Gottes Wort und um den Glauben sei, wenn man
Gottes Wort hat und dem glaubt.
Der königliche Beamte hat einen Sohn, der liegt
krank zu Kapernaum und hat das Fieber. Das war bei
ihnen eine solche Krankheit, wie es bei uns die Pest
war, die den Menschen schnell dahinnimmt. Dieser
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5792 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 4

hat gehört, daß ein neuer Prophet aufgekommen sei,


der gewaltig lehre und mächtig in Taten sei. Ohne
Zweifel hat er ihn auch selbst predigen hören; denn
der Herr fing sein Predigen an zu Kapernaum, wie
Matth. 4, 13 berichtet. Ebenso hat er auch gehört, daß
er zu Kana auf der Hochzeit Wein aus Wasser ge-
macht hat. Dadurch wird er bald bewegt, fällt zu und
wird ein Christ, und da er mit seinem Sohn in Not
kommt, geht er hin zu Christus, ruft ihn um Hilfe an.
Das ist ein feines Herz gewesen, welches so bald aus
einer Predigt und aus einem Wunderwerk solchen
Glauben an Christus faßt, daß er zu ihm kommt und
in der Not bei ihm Hilfe sucht. Das hat der königliche
Beamte so schnell gelernt. Was lernen wir? Haben
wir doch Gottes Wort reichlich, haben die heilige
Schrift. Alles, was geschrieben ist, das ist uns zu
Trost und Stärkung geschrieben, und Gottes Wort
wird uns täglich gepredigt, dennoch glauben wir
nicht. Aber der königliche Beamte glaubt nach einer
Predigt und nach einem Wunderzeichen, kommt des-
halb zu Jesus und bittet, daß er seinem Sohn helfe. Da
wird der Herr bei sich selbst gedacht haben: Wer hat
es diesem gesagt, daß ich helfen könne? Habe ich
doch kaum vier oder fünf Predigten gehalten und habe
kaum elf oder zwölf Jünger berufen, habe noch keinen
Kranken gesundgemacht und nur das einzige Zeichen
zu Kana in Galiläa getan, auf der Hochzeit. Wie
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5793 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 5

kommt denn dieser darauf, daß er zu mir kommt,


Hilfe sucht und bittet, daß ich seinen kranken Sohn
gesund machen solle?
Deshalb ist in dem königlichen Beamten ein feiner
Glaube. Denn obgleich der Evangelist schreibt, der
königliche Beamte habe einen schwachen Glauben
gehabt, daß er bittet, der Herr solle mit ihm hinabge-
hen und seinem Sohn helfen; und der Herr ihn auch
deshalb tadelt und spricht: »Wenn ihr nicht Zeichen
und Wunder seht, so glaubt ihr nicht«, ist es dennoch
ein großes Ding, daß er aus einem einzigen und dazu
kleineren Wunderwerk gelernt hat, ein größeres zu
glauben. Denn wenn aus Wasser Wein machen auch
ein Wunderwerk ist, so ist es doch ein kleineres Wun-
derwerk als einen Kranken, der todkrank liegt, ge-
sundmachen oder einen Toten auferwecken. Weil nun
der königliche Beamte aus dem Zeichen zu Kana ge-
lernt hat, daß Christus ein Größeres tun könne, näm-
lich seinem Sohn aus tödlicher Krankheit helfen, so
ist kein geringer Glaube in ihm. Und dieser königli-
che Beamte tut es uns weit zuvor. Denn wir haben so
lange Zeit so viele Predigten gehört und so viele
Wunderzeichen gesehen und haben doch nicht solchen
Glauben zu Christus, ja wir sind noch dazu so böse
und mutwillig, daß wir sein Wort verachten und die
Prediger seines Evangeliums verfolgen.
Der Evangelist stellt uns deshalb diesen königli-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5794 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 6

chen Beamten als Beispiel vor Augen, daß er uns


schamrot mache und uns zum Glauben reize. Zuerst
ist er schwach im Glauben, da er den Herrn bittet, daß
er hinabkomme und seinem Sohn helfe. Denn er hätte
es gern gesehen, daß der Herr persönlich zu seinem
Sohn gekommen wäre und ihm geholfen hätte, daß er
es vor Augen gesehen hätte. Da tadelt ihn der Herr
und spricht: Warum glaubest du nicht ohne Zeichen
und Wunder? Doch will ich tun, was du bittest:
»Gehe hin, dein Sohn lebt.« Dies Wort faßt der kö-
nigliche Beamte so fest, daß er sich alle anderen Ge-
danken aus dem Sinn schlägt und in sicherer Zuver-
sicht und guter Hoffnung hingeht, sein Sohn werde
leben, wie ihm Christus gesagt habe.
Diesen Glauben preist der Evangelist, da er spricht:
»Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm
sagte, und ging hin«, als wollte er sagen: der königli-
che Beamte hatte so einen feinen, trefflichen Glauben,
daß er dem schlichten, bloßen Wort glaubt und nicht
zweifelt, wenn er heimkomme, werde er seinen Sohn
frisch und gesund finden. Er steht also in sicherer
Hoffnung, ob er es schon weder sieht noch fühlt.
Indem er sich so an das bloße Wort hält und dem
glaubt, so geschieht das Wunderzeichen: sein Sohn
wird gesund und seine Knechte kommen ihm entge-
gen, verkündigen ihm und sagen: »Dein Kind lebt.«
Ist das nicht ein großes Wunder, daß das Wort
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5795 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 7

Christi solche Kraft hat und so große Dinge ausrich-


tet, daß es diesem Kind, welches todkrank lag, das
Leben schenkt und ihm seine Gesundheit wieder-
bringt? Deshalb sind diejenigen schändliche Leute,
die an der heiligen Taufe zweifeln, eben als könne sie
nicht Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit
geben. Sie sehen allein auf das Wasser und sehen
nicht auf das Wort, das mit und bei dem Wasser ist;
deshalb können sie die Taufe nicht groß achten. Aber
man soll auf das Wort sehen, das Christus (Matth. 28,
19; Mark. 16, 16) spricht: »Taufet sie auf den Namen
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig wer-
den.« Dem Wort soll man glauben, denn dieses Wort
ist eine allmächtige Kraft: was es verheißt, das ge-
schieht bestimmt, und weder Teufel noch Welt kann
es hindern oder wehren.
Ebenso tun sie auch mit der Absolution, sehen
nicht auf das Wort, das Gott in der Absolution durch
den Dienst des Predigtamts zu einem armen Sünder
spricht: »Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sün-
den vergeben.« Deshalb halten sie die Absolution für
nichts und sagen: Was sollte eines Menschen Hand
zur Vergebung der Sünden tun? Aber wir sollen aufs
Wort achthaben und glauben lernen, wenn Gott in der
Absolution zu uns sagt: Dir sind deine Sünden verge-
ben, daß es so zuverlässig und wahr sei, so sicher des
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5796 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 8

königlichen Beamten Sohn auf das Wort Christi hin


gesund geworden ist.
Deshalb sollen wir Gottes Wort hoch achten und
nicht daran zweifeln, sondern fest glauben, was Gott
sagt, das sei zuverlässig wahr und könne nicht fehlge-
hen. So rühmt Paulus (Röm. 4, 20) von Abraham,
daß er an der Verheißung Gottes nicht durch Unglau-
ben gezweifelt habe, sondern sei im Glauben stark ge-
worden, habe Gott die Ehre gegeben und aufs allersi-
cherste gewußt, daß Gott auch tun könne, was er ver-
heißt. Der königliche Beamte wird hier auch deshalb
gepriesen, weil er sich so fein einfältig ans Wort
klammert und dem Wort Christi ohne alles Disputie-
ren und Wanken glaubt. Und der Evangelist hat, wie
gesagt, solch Exempel uns vor Augen gestellt, daß
wir das Wort hochhalten und dem fest glauben lernen.
Was Gott in seinem Wort sagt, das muß geschehen,
sintemal er nicht lügen kann.
Ebenso werden wir auch, wenn Gott am Jüngsten
Tage zu uns sagen wird, die wir in den Gräbern liegen
werden: Stehet auf, ihr Toten!, sogleich von der Erde
auferstehen und wieder hervorgehen, und wird uns
kein Grab, kein Wurm, kein Stein daran hindern kön-
nen. Denn da steht das Wort Christi, Joh. 5, 28 f.:
»Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den
Gräbern sind, werden seine Stimme hören und werden
hervorgehen, die da Gutes getan haben zur Auferste-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5797 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 9

hung des Lebens, die aber Übles getan haben zur Auf-
erstehung des Gerichts.« Das Wort kann nicht falsch
noch erlogen sein.
So ein großes, mächtiges Ding ist das Evangelium
Christi und die christliche Lehre, daß es alles kann
und vermag, sintemal es eine allmächtige, göttliche
Kraft ist, die auch alle selig macht, die daran glauben,
Röm. 1, 16. Gottes Wort ist ein anderes Wort als
Menschenwort. Wenn ein Mensch etwas redet oder
befiehlt, da muß man laufen und rennen, reiten und
reisen, viel Mühe und Arbeit haben, viel Unkosten
darauf wenden, daß es ausgerichtet und ins Werk ge-
bracht werde. Aber Gottes Wort richtet alle Dinge
schnell aus, bringt dir Vergebung der Sünde und gibt
dir das ewige Leben und kostet nicht mehr, als daß du
das Wort hörest, und wenn du es gehört hast, daß du
es glaubest. Glaubst du es, so hast du es ohne alle
Mühe, Kosten, Verzug und Beschwerung.
Ebenso richtet das Evangelium Christi und die
christliche Lehre alles mit kurzen Worten aus. Denn
es ist Gottes Wort, deshalb hat es eine allmächtige
Kraft und ist ihm nichts unmöglich, wie man hier an
des königlichen Beamten Sohn sieht. Christus spricht
zu dem Vater: »Gehe hin, dein Sohn lebt.« Sobald der
Glaube da ist und der Vater »Ja« dazu sagt, sobald
lebt der Sohn und ist gesund. Da bedarf man weder
Kosten noch Mühe noch irgendeiner Beschwerung. Es
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5798 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 10

ist Christus nur um ein Wörtlein zu tun, so ist es


gleich geschehen. Und so regieret Gott seine christli-
che Kirche, ja so regiert er die ganze Welt, daß es ihm
keine schwere Arbeit ist, sondern daß er alles mit
einem Wort ausrichtet.
Deshalb sollen wir lernen, Gottes Wort in Ehren zu
halten und demselben glauben. Dieses Wort haben
wir in der Predigt des Evangeliums, in der Taufe, im
Abendmahl, in der Absolution. Deshalb sollen wir die
Taufe, das Abendmahl und die Absolution nicht ver-
achten, sondern hoch und herrlich halten. Glauben wir
dem Wort, so wird uns geschehen, wie diesem könig-
lichen Beamten geschehen ist, nämlich daß wir erlan-
gen, was uns im Wort zugesagt ist.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5799 Einundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Joh. 4, 47-54 11

Editorische Bemerkung

Hier von den zwei Predigten der HP die 1533 im


Hause gehaltene nach der WA 37, 188-190 abge-
druckten Nachschrift Rörers (im ganzen zehn zum
Text), die Quelle Dietrichs ist nicht nachzuweisen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5800 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 1

Martin Luther

Zweiundzwanzigster Sonntag
nach Trinitatis
Matth. 18, 21-35

[HP 396–401;
WA 32, 159–169]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5801 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 2

Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muß


ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, verge-
ben? Ist es genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm:
Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebenzigmal
siebenmal.
Darum ist das Himmelreich gleich einem König,
der mit seinen Knechten rechnen wollte. Und als er
anfing zu rechnen, kam vor ihn einer, der war ihm
zehntausend Pfund schuldig. Da ers nun nicht hatte,
zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn und sein
Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, und
bezahlen. Da fiel der Knecht nieder und warf sich
auf sein Angesicht vor ihm und sprach: Habe Ge-
duld mit mir; ich will dirs alles bezahlen. Da jam-
merte den Herrn des Knechts, und er ließ ihn los,
und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe
Knecht hinaus und fand einen seiner Mitknechte,
der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und
er griff ihn an und würgte ihn und sprach: Bezahle,
was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nie-
der und bat ihn und sprach: Habe nur Geduld mit
mir; ich will dirs bezahlen. Er wollte aber nicht,
sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis
daß er bezahlt hätte, was er schuldig war. Da aber
seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr be-
trübt und kamen und brachten vor ihren Herrn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5802 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 3

alles, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein


Herr vor sich und sprach zu ihm: Du Schalksknecht,
alle diese Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich
batest; hättest du da dich nicht auch erbarmen sol-
len über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich
erbarmt habe? Und sein Herr ward zornig und
überantwortete ihn den Peinigern, bis daß er be-
zahlt hätte alles, was er ihm schuldig war. So wird
euch mein himmlischer Vater auch tun, wenn ihr
nicht vergebet von Herzen, ein jeglicher seinem Bru-
der.

Im heutigen Evangelium ist die Lehre von den zwei


Reichen, vom geistlichen und leiblichen Regiment,
angerührt, wovon ihr nun oft gehört habt. Aber um
derer willen, die solchen Unterschied noch nicht ken-
nen, müssen wir wieder davon predigen. Die zwei
Reiche, das geistliche und weltliche, sind nun so un-
terschieden, wie wir hören werden. Das weltliche Re-
giment ist dazu von Gott eingesetzt und geordnet, daß
es der Bosheit der Welt wehren, steuern und sie stra-
fen solle. Nicht daß es alle Bosheit strafen könne,
dazu ist es viel zu klein, sondern daß es die äußerli-
chen, groben Laster strafe, die mit der Tat geschehen,
so daß niemand Frevel an seines Nächsten Leib,
Weib, Gut usw. übe. So weit geht das weltliche Regi-
ment, daß es äußerlichen Frieden erhalten solle, auf
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5803 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 4

daß ein jeder bei dem Seinen bleiben könne.


In diesem weltlichen Regiment ist nicht Vergebung
der Sünde, sondern Strafe. Deshalb nennt es die Heili-
ge Schrift das Schwert, 1 Mose 9; Röm. 13, 4. Gott
hat der Obrigkeit nicht ein Stück Papier in die Hand
gegeben, sondern das Härteste und Schärfste, womit
man straft, nämlich das Schwert, zum Zeichen, daß
das weltliche Regiment nicht vergeben, sondern mit
der Schärfe hindurchgehen und strafen soll. Wo man
im weltlichen Regiment vergeben sollte, so würde ich
und du nichts behalten. Wenn ein Dieb alles stiehlt,
was er im Hause findet, und ein Mörder raubt und
würgt, was er auf der Straße antrifft, und die Obrig-
keit im Lande und der Richter in der Stadt wollten
durch die Finger sehen und vergeben, so würden wir
nichts von Gut, Leib und Leben behalten.
Von dem geistlichen Regiment redet Christus im
heutigen Evangelium und lehrt, daß in diesem Regi-
ment nicht das Schwert ist, wie im weltlichen Regi-
ment, sondern Gnade und Vergebung. Deshalb soll
ein jeder, der ein Christ sein will, daran denken, daß
er seinem Nächsten alle seine Verfehlungen vergebe.
Die weltlichen Könige haben ein Reich, darin sollen
Rache und Strafe gehen, wie es Gott befohlen hat,
aber das christliche Volk hat ein anderes Reich und
Regiment, darin geht keine Rache noch Strafe, son-
dern da soll einer gegen den anderen freundlich und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5804 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 5

barmherzig sein, wie hernach gesagt werden wird.


Dieser Knecht ist seinem Herrn zehntausend Pfund
schuldig. Das ist eine sehr große Summe, die zu be-
zahlen ihm unmöglich ist. In solche Not kommt er bei
der Abrechnung, die der König mit seinen Knechten
hält, daß sich eine so große Schuld findet, die er nicht
bezahlen kann. Da befiehlt der Herr ihn zu verkaufen
und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hat,
und bezahlen. Und doch kann der Knecht mit Weib,
Kind und allem, was er hat, die große, übermächtige
Summe nicht bezahlen. Da nun der Knecht in den
Jammer und in die Not kommt, daß er nichts zu be-
zahlen hat, straft ihn sein Herr nicht. Sondern es jam-
mert ihn seiner, er läßt ihn los und erläßt ihm auch
alle Schuld, wie groß sie auch ist. Damit ist ange-
zeigt, daß in diesem geistlichen Reich eitel Verge-
bung der Sünden sei und sein solle.
Nun soll man fleißig lernen, was Vergebung der
Sünden sei. Es ist schnell gesagt: »Vergebung der
Sünden«, wie denn auch die ganze christliche Lehre
leicht ist. Ja, wenn es mit den Worten ausgerichtet
wäre, aber wenn es zum Ernst und zum Treffen
kommt, dann weiß man nichts davon. Denn es ist eine
große Sache, daß ich mit dem Herzen erfassen und
glauben soll, mir sei alle meine Sünde vergeben und
daß ich durch solchen Glauben vor Gott gerecht bin.
Das mag mir eine wunderliche Gerechtigkeit sein und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5805 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 6

eine weit andere Gerechtigkeit, als aller Juristen, Klu-


gen und Weisen in dieser Welt Gerechtigkeit ist.
Denn die sagen allesamt so: Die Gerechtigkeit müsse
in des Menschen Herzen und Seele sein, als eine Ei-
genschaft darin enthalten. Aber dies Evangelium lehrt
uns, daß die christliche Gerechtigkeit nicht in des
Menschen Herz und Seele sei; sondern wir sollen ler-
nen, daß wir durch die Vergebung der Sünden gerecht
und von Sünden erlöst werden.
Es ist eine hohe Predigt und himmlische Weisheit,
daß wir glauben, unsere Gerechtigkeit, Heil und Trost
stehe außerhalb unser, daß wir nämlich vor Gott ge-
recht, angenehm, heilig und weise seien, und ist doch
in uns eitel Sünde, Ungerechtigkeit und Torheit. In
meinem Gewissen ist eitel Fühlen und Bewußtsein
der Sünde und Schrecken des Todes, und ich soll
doch anderswohin sehen und glauben, daß keine
Sünde und Tod da sei. Wer nicht sehen soll, was er
doch sieht, und nicht fühlen, was er doch fühlt, der
muß sehr bezaubert sein. Ich fühle, daß ich ein böser
Bube gewesen bin und bin es noch und soll dennoch
sagen: Alle meine Sünden sind mir vergeben. Denn
das Wort ist über mich gesprochen, welches so lautet:
»Dir sind deine Sünden vergeben.«
So bezahlt dieser Knecht seine Schuld, die zehntau-
send Pfund, nicht aus seiner Tasche. Denn die Summe
ist zu groß, und der Knecht hat nichts zu bezahlen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5806 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 7

sondern die Bezahlung der Schuld steht in eines ande-


ren Gewalt, nämlich in des Königs Gewalt, der sich
über den Knecht erbarmt und spricht: Mich jammert
deiner; darum will ich das Schuldregister zerreißen,
daß du mir nichts mehr schuldig seiest, nicht weil du
mich bezahlt hast, sondern weil ich dir die Schuld er-
lasse.
Aber, wie gesagt, Fleisch und Blut hat das Herze-
leid, es will allzeit etwas aufbringen, worauf es sich
verlasse. Es kann sich der Unart nicht erwehren, es
kann nicht ausgehen aus dem Fühlen der Sünden und
die bloße Gnade und Vergebung der Sünden ergrei-
fen. Wenn du diese Kunst kannst, kannst nicht sehen,
was du doch siehst, und nicht fühlen, was du doch
fühlst, so wollen wir dir etwas Höheres predigen.
Aber du wirst noch wohl eine Weile daran zu lernen
haben. Denn mit dem Glauben an die Vergebung der
Sünden ist es genauso, als wenn jemand mit einem
geladenen Gewehr auf dich zielte und jetzt auf dich
abdrücken wollte, und du solltest dennoch glauben
und sagen, es sei nichts.
Diese Kunst kann ich noch nicht, sondern lerne
noch immerdar daran. Die rohe Menge weiß gar nicht,
was Sünde und Vergebung der Sünde sei. Aber wir,
die wir uns dessen annehmen, damit wir wissen, was
Vergebung der Sünde sei, haben für und für daran zu
lernen. Denn das hängt uns von Natur an, daß wir
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5807 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 8

gern die Sünde durch uns selbst tilgen wollten und


daß wir die Sünde geringmachen und sagen: Ich weiß
keine besondere Sünde, die ich getan habe: ich bin
kein Ehebrecher, kein Dieb, kein Totschläger usw.
Aber es muß ein ernstes und rechtschaffenes Bekennt-
nis der Sünde bei uns sein, daß wir so vor Gott sagen:
Lieber Gott, wenn du mit mir Rechnung halten willst,
so werden sich nicht gemalte Sünden, sondern richti-
ge, große Sünden bei mir finden, gleichwie dieser
Knecht eine richtige Schuld hat. Das sind nicht ge-
malte Pfennige, sondern richtige Groschen, Gulden
und Taler, und davon zehntausend Pfund. Solch Be-
kenntnis der Sünden ist vonnöten. Denn soll die Ver-
gebung der Sünden rechtschaffen sein, so muß auch
die Sünde rechtschaffen sein.
Aber die rechten Christen, die ihre Sünde fühlen,
haben den Trost, daß sie an die Vergebung der Sün-
den glauben. Denn sie sind getauft, hören das
Evangelium, haben die Absolution und das heilige
Abendmahl; diesem Wort glauben sie. Denn Gott hat
den Schatz, nämlich die Vergebung der Sünden, in
sein Wort und Sakrament gelegt und befohlen, daß
man denen glauben soll. Deshalb kommen die Chri-
sten nicht vor Gott, wie dieser Schalksknecht vor sei-
nen Herrn kommt und sagt: »Habe Geduld mit mir,
ich will dir alles bezahlen«. Sie machen auch ihre
Sünden nicht klein noch gering, sondern bekennen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5808 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 9

daß es rechte, große Sünden sind, und bitten um Ver-


gebung. Da geht es denn recht zu, daß sie erlangen,
was sie glauben, nämlich Vergebung der Sünden.
Dies Reich der Gnade und der Vergebung hat mit uns
in der Taufe angefangen und währet noch bis ans
Ende. Denn dazu ist die Predigt des Evangeliums, die
Taufe, Absolution und das Abendmahl eingesetzt, daß
wir unseren Glauben an die Vergebung der Sünden
immer mehr und mehr stärken sollen.
Deshalb soll ein Christ diesen Artikel erfassen und
nicht daran zweifeln, sondern fest glauben und immer
auf die Vergebung sehen, die er im Wort hat. Er dis-
putiere nur nicht viel mit seinen Sünden. Denn wo er
mit denen disputiert, so kommt er dahin, daß er die
Schuld bezahlen will, wie dieser Knecht tut. Darum
soll man nicht hören, was unser Herz aus Zagen und
Unglauben dazu sagt, sondern hören, was Gott sagt,
der größer ist als mein und dein Herz. Wo wir dem
Wort glauben, so wird uns das Wort den Himmel auf-
tun, und wir werden erkennen, daß Gottes Wort grö-
ßer, höher, tiefer, länger und breiter ist als alle Krea-
turen.
Nun folgt von dem Schalksknecht weiter, daß er
nach der Gnade mutwillig wird und den König wieder
erzürnt. Das ist die gottlose Welt, die diese Lehre von
der Vergebung der Sünde aufs schändlichste miß-
braucht. Dieser Schalksknecht, da ihm die Schuld er-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5809 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 10

lassen ist, vergißt solche große Gnade schnell, geht


hin und ergreift einen seiner Mitknechte, der ihm hun-
dert Silbergroschen schuldig war; den würgt er und
sagt, er solle bezahlen, was er ihm schuldig ist. Der
Mitknecht bittet und fleht, aber je mehr dieser
Schalksknecht gebeten wird, desto ärger und härter
wird er. Das ist der gewöhnliche Lauf in der Welt.
Wenn die Sünde vergeben ist, so vermißt man bald
die Vergebung und Gnade Gottes, wird mutwilliger
und ärger als zuvor.
Aber wie geht es diesem Schalksknecht? Der Herr
wird zornig und überantwortet ihn den Peinigern, bis
daß er alles bezahlt, was er ihm schuldig ist. So wird
uns auch geschehen, daß wir in Gottes Zorn und Stra-
fe fallen werden, geistlich und leiblich. Denn Gott
wird den Mutwillen an allen, die jetzt das Evangelium
mißbrauchen, greulich strafen. Und wollte Gott, daß
die Strafe nicht bald käme, sondern daß wir dem Übel
eine Zeitlang durch das Gebet entlaufen könnten.
Denn es kann nicht länger bestehenbleiben, der Mut-
wille ist zu groß, Gott muß ihm steuern. Denn da hilft
sonst keine Vermahnung, keine Warnung, kein Bitten
noch Flehen, keine Drohung und in Summa keine
Strafe in einem Regiment, es sei geistlich oder welt-
lich. Gott muß selbst dreinsehen, wehren, steuern und
strafen.
Wohlan, weil man es denn so haben will, daß Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5810 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 11

endlich selbst dreinschlagen muß, so will ichs mit dir,


der du das Evangelium so schändlich mißbrauchst
und Gott zum Zorn reizst, wagen und sehen, wie ich
es mit dir ausstehe. Ich habe einen Kopf zu verlieren
und nicht mehr. Verliere ich denselben schon, so will
ich doch sehen, wo ich bleiben möge, du magst auch
zusehen, wo du bleibst. Denn hier sehen wir, daß es
mit diesen Knechten ungleich zugeht. Der Schalks-
knecht wird gestraft, aber die anderen Knechte haben
einen gnädigen Herrn. Mit denen geht er nicht so um
wie mit dem Schalksknecht. So wird es auch ungleich
zugehen mit dir, der du das Evangelium so miß-
brauchst, und mit uns, die wir von dir so betrübt wer-
den.
Das habe ich für dieses Mal in Kürze von diesem
hohen, trefflichen Artikel, nämlich von Vergebung der
Sünden, sagen wollen, von welchem Artikel wir wohl
ein ganzes Jahr zu reden hätten. Unser lieber Herrgott
verleihe uns seine Gnade, daß wir diesen Artikel recht
verstehen, uns damit trösten und ihn zur Seligkeit ge-
brauchen mögen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5811 Zweiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 18, 21-35 12

Editorische Bemerkung

Von den sieben erhaltenen Nachschriften Rörers zum


Text wählt die HP die WA 32, 159-169 abgedruckte
als Vorlage (Predigt von 1530), die Quelle Dietrichs
ist nicht nachzuweisen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5812 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 1

Martin Luther

Dreiundzwanzigster Sonntag
nach Trinitatis
Matth. 22, 15-22

[HP 402–406;
WA 29, 598–605]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5813 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 2

Da gingen die Pharisäer hin und hielten einen Rat,


wie sie ihn fingen in seiner Rede, und sandten zu
ihm ihre Jünger samt des Herodes Leuten. Die spra-
chen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist
und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach
niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der
Menschen. Darum sage uns, was meinst du: Ists
recht, daß man dem Kaiser Steuer zahle, oder nicht?
Da nun Jesus merkte ihre Bosheit, sprach er: Ihr
Heuchler, was versuchet ihr mich? Weiset mir die
Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Groschen
dar. Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und
die Aufschrift? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers.
Da sprach er zu ihnen: So gebet dem Kaiser, was
des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Da sie das
hörten, verwunderten sie sich und ließen ihn und
gingen davon.

Das vornehmste Stück in diesem Evangelium ist, daß


uns unser lieber Herr Jesus Christus den Unterschied
zwischen den zwei Regimenten lehrt, welche wir das
göttliche und weltliche Reich zu nennen pflegen,
wovon ihr oft gehört habt. Diese Regimente soll man
fleißig unterscheiden und ein jedes in seinen Ständen
und Ämtern gehen lassen, so daß keines das andere
verdamme, wie die Rottengeister getan haben und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5814 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 3

noch heutigen Tages tun. Etliche haben sich wider


Gottes Reich gestellt, welches das größte und höchste
ist und am meisten Widersacher hat. Etliche haben
sich wider das weltliche Reich gestellt. So hat der
Teufel allezeit seine Diener auf Erden gehabt, durch
welche er diese zwei Reiche hat ausrotten wollen.
Aber Gott hat sie so geordnet, gefaßt und eine sol-
che Mauer darum gebaut, daß sie gut verwahrt sind
wider alle Teufel. Diese Mauer aber ist, daß Christus
in diesem Evangelium spricht: »Gebet dem Kaiser,
was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Das ist
allen Menschen gesagt, daß sie daran denken und es
tun. Tun sie es willig und gern, gut, tun sie es nicht
willig und gern, so müssen sie es doch tun. Gibt man
Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kai-
sers ist, und tut es willig und von Herzen, so hat man
Dank dazu; tut man es nicht willig, so muß man es
doch tun. Denn weil das Wort »gebet« für ein jegli-
ches Reich gilt, so werden dadurch alle Menschen ge-
zwungen, daß sie geben müssen.
Damit, daß Christus sagt: »Gebet dem Kaiser, was
des Kaisers ist«, ist das weltliche Reich bestätigt und
befestigt. Denn wenn das weltliche Regiment ein un-
rechter Stand und von Gott nicht geordnet wäre,
würde Christus nicht sagen: »Gebet dem Kaiser, was
des Kaisers ist.« Denn er ist ein Prediger und Lehrer
der Wahrheit, dessen Mund nicht lügen kann, sondern
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5815 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 4

die lautere Wahrheit sagt. Sollen wir aber dem Kaiser


geben, so müssen wir den Kaiser für einen Herrn hal-
ten. Nun war der Kaiser zu jener Zeit ein Heide und
wußte nichts von Christus, und sein Regiment war
aus lauter menschlicher Vernunft gestiftet und darauf
gegründet. Dennoch sagt hier Christus, weil er Kaiser
ist, so soll man ihn dafür halten und ihm gehorsam
sein. Tut mans nicht, so muß man.
Dies Wort: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers
ist«, nehmen die Christen mit Freuden und Danksa-
gung an und geben von Herzen gern dem Kaiser, was
sein ist. Denn sie sind durch Gottes Wort unterrichtet
und erleuchtet, daß sie verstehen, was das weltliche
Regiment gelte. Darum sind sie nicht undankbar, wie
die, welche die Obrigkeit verachten. Zuerst und am al-
lermeisten sieht ein Christ auf das Wort »gebet« und
erkennt, daß er diesem Wort, weil es Christus selbst
geredet hat, mit Recht gehorsam sei. Danach sieht er
darauf, daß die heilige Schrift die weltliche Obrigkeit
Gottes Ordnung nennt, und bedenkt, was für Nutzen
das weltliche Regiment auf Erden schafft. Denn so-
lange Gott es erhält, bleibt Friede auf Erden, daß die
bösen Buben nicht allesamt Mörder werden. Dieser
Friede ist ein so großer Schatz, daß ihn niemand be-
denken noch begreifen kann, außer den Christen al-
lein.
Der andere große Haufe, die tolle Menge, tut das
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5816 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 5

nicht. Ob sie es schon mit den Ohren hört, dennoch


glaubt sie nicht, daß weltliche Obrigkeit von Gott sei,
hält Gottes Wort, welches lehrt, daß weltliche Obrig-
keit Gottes Ordnung sei, nicht für Wahrheit; sondern
sieht das weltliche Regiment als einen Jammer,
Zwang und Not auf seinem Halse an. Ein Gottloser
sieht nicht auf Gottes Ordnung, Gebot und Befehl,
sondern denkt nur, daß er seine Tasche fülle und die
Welt genieße, gleichviel, die Obrigkeit habe Frieden
oder Unfrieden.
Wir Christen sollen nicht danach fragen, was sol-
che gottlosen Menschen tun, sondern dem Kaiser wil-
lig und gern geben, was sein ist. Tue du, was du
willst, so wirst du diese Mauer, mit der Christus hier
den Kaiser befestigt, bestimmt nicht umreißen. Was
du dich weigerst, dem Kaiser in Gottes Namen zu
geben, das mußt du doch einem anderen in des Teu-
fels Namen geben.
Viele lästern uns, daß wir so den Gehorsam der
Obrigkeit betreiben, aber wir fragen nichts nach ihren
Lästerworten. Denn wer ein Christ sein will, der
denke nur nicht, daß er hier im Paradies sei, wo er
eitel Gutes hören wolle, sondern bedenke, daß er mit-
ten in Sodom und Gomorra ist, wo solche Menschen
sind, die weder wissen noch verstehen, auch nicht
wissen und verstehen wollen, was Gott geboten hat.
Um derer willen predigen wir das nicht; um ihretwil-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5817 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 6

len wollen wir es auch nicht unterlassen. Wer nicht


folgen will, den wird unser Herrgott wohl dazu brin-
gen: nur daß wir unterdessen ihre Sünde tragen müs-
sen und mit Lust und Liebe tun, was Gott geboten
hat, und nicht auf ihren Ungehorsam, sondern auf
Gottes Gebot sehen. Gott kann wohl um eines from-
men Mannes willen einem ganzen Lande alle Sünden
zugute halten, gleichwie Lot alle Sünden des Landes
trug, betete und durch sein Gebet soviel ausrichtete,
daß die Städte nicht untergingen. Sobald er aber aus
Sodom wegging, lagen sie in einem Augenblick in der
Hölle. So wollen wir auch, dieweil wir hier sind,
beten und als die Gehorsamen wandeln, damit Gott
den Gottlosen ihre Sünde nicht zurechnen wolle. Wer-
den wir aber nicht mehr da sein, so werden sie in aller
Teufel Namen zur Hölle fahren. Die Rute ist schon
gebunden, der werden sie nicht entlaufen.
Die frommen Christen sehen auf das Wort: »Gebet
dem Kaiser« usw., und geben dem Kaiser, was sein
ist. Umgekehrt nimmt die fromme Obrigkeit, was die
Untertanen geben, nicht damit sie allein Ehre davon
habe, sondern damit die Untertanen Frieden haben, in
ihren Häusern sicher schlafen und die Dinge der Welt
gebrauchen können. Solche Wohltat soll man erken-
nen und dafür dankbar sein. Die Undankbaren wird
Gott zu seiner Zeit heimsuchen.
Damit, daß Christus hinzusetzt und sagt: »Gebet
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5818 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 7

Gott, was Gottes ist«, bestätigt und befestigt er das


geistliche Regiment, welches Gottes Reich heißt. Mit
diesem Reich hat es wohl nicht so große Not, daß es
bestätigt und befestigt werde, wie mit dem weltlichen
Reich. Denn alle Welt hat Gott zum Herrn, sie tue es
gern oder ungern; und dies Reich besteht ewig, ob-
schon viele sind, die sich dagegen stellen.
Aber nichtsdestoweniger bedarf dies Reich, wenn
man es recht verstehen soll, ebenso vieler Erklärung
wie das erste und weltliche Reich. Denn menschliche
Vernunft kann das weltliche Reich verstehen und be-
greifen; aber dies geistliche Regiment und Reich Got-
tes kann menschliche Vernunft nicht verstehen noch
begreifen.
So ist nun dies geistliche Reich ein solches Reich,
in welchem aller Menschen Herzen versammelt und
vereinigt sind, die Gott vertrauen. Denn dieses Rei-
ches Bürger haben Gott in der Taufe geschworen.
Gleichwie ein Bürger seiner Obrigkeit schwört, so ge-
loben alle Christen in der Taufe, daß sie Christus zum
Herrn und Gott haben wollen. Denn was ist es ande-
res, wenn wir vor der Taufe dem Teufel, allem seinem
Wesen entsagen und zusagen, an Gott Vater, Sohn
und Heiligen Geist zu glauben, als daß wir schwören,
an den einzigen wahren Gott und an keinen anderen
zu glauben und in solchem Glauben gute Früchte zu
bringen, daß wir von Herzen geduldig, sanftmütig
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5819 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 8

sein, unserem Nächsten behilflich und ihn liebhaben


wollen? Solche Huldigung fordert unser Herrgott auch
von uns, nämlich daß wir an Christus allein hangen,
kein anderes Wort hören und keinen anderen fremden
Glauben annehmen als das Evangelium Christi und
den Glauben an ihn. Und das ist hier in dem Wort ge-
gründet, das Christus spricht: »Gebet Gott, was Got-
tes ist.« Was ist Gottes? Nichts anderes als Glaube an
Gott und Liebe gegen den Nächsten.
Gegen diesen Glauben stellen sich viele. Denn hier
ist es auch so, daß etliche Gott geben, was Gottes ist,
andere nicht. Gleichwie im weltlichen Regiment
wenig gehorsame Untertanen sind, so sind im geistli-
chen Regiment auch wenige fromme, rechtschaffene
Christen, ob sie schon alle den Namen führen und
sich in die äußere Gemeinschaft mit untermengen.
Das kleine Häuflein gibt Gott von Herzen gern, was
sein ist. Denn fromme Herzen rufen und schreien ohne
Unterlaß zu Gott, daß ihr Glaube stärker werde und
sie sich mit solchen Früchten zeigen möchten, welche
der Glaube erfordert. Das sind die rechtschaffenen
Christen. Denn Gott will nicht unser Geld, Leib und
Gut haben, sondern hat das dem Kaiser und uns wie-
der durch den Kaiser gegeben. Aber das Herz, wel-
ches das Größte und Beste am Menschen ist, hat er
sich vorbehalten, das soll man Gott geben, dadurch
daß wir an ihn glauben.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5820 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 9

Der größte und zahlenreichste Haufen in der Welt


gibt Gott aber nicht, was sein ist, ja, hier geht es erst
recht im Schwarm. Da finden sich so viel Rotten und
Sekten, daß man sie nicht alle aufzählen kann, da un-
tersteht sich der Teufel, einem jeden einen neuen und
eigenen Glauben zu machen, wie heutigen Tages
durch die geschieht, welche die heilige Schrift nun
aufs neue schier ganz zerrissen und weggenommen
haben. Diese allesamt sind in Gottes Reich aufrühre-
risch. Gleich wie jene im weltlichen Regiment aufrüh-
rerisch sind, die da denken, das Gut sei ihrer, und dem
Kaiser nicht geben, was des Kaisers ist; ebenso sind
diese im geistlichen Regiment aufrührerisch. Sie den-
ken, das geistliche Gut und Gottes Wort sei ihr eigen,
das können sie lenken, beugen und verkehren, wie sie
wollen, den christlichen Glauben zerbrechen und die
guten Werke verderben, wie sie es gelüstet. Sie wol-
len in Summa Meister über den Glauben und Herren
über alle heilige Schrift sein, obwohl sie doch in der
Taufe geschworen haben, daß sie bei dem christlichen
Glauben und bei dem reinen, lauteren Wort bleiben
wollen.
Aber die frommen Christen, die da bei rechtem
Glauben und reiner Lehre zu bleiben gedenken, beten,
tragen, leiden. Und zwar müssen sie auch jener Sünde
tragen und Gottes Zorn abwenden, damit er nicht von
Stund an dreinschlage, bis sie Gott endlich von dieser
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5821 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 10

Erde hinwegnimmt und die Scheune samt der Spreu


anzündet und mit Feuer verbrennt, wenn er zuvor den
Weizen ausgedroschen und in seine Scheuern gesam-
melt hat. Wollen die Gottlosen Gott nicht mit Liebe
und Lust geben, was sein ist, so müssen sie dafür
Strafe leiden. Und so erhält Gott sein Wort und Glau-
ben, wie sehr sich auch die Rotten dagegen sperren,
daß er seine Tenne fegt und die Spreu verbrennt. An
solche Rache Gottes und Strafe gedenken die Christen
und Gottesfürchtigen, beten deshalb und halten Got-
tes Zorn auf, solange sie können. Denn ein rechtschaf-
fener Christ muß ein Lot sein auf Erden, und um sol-
cher Leute willen bleibt das Wort lauter und rein. Um
der anderen willen bleibt es nicht eine einzige Stunde,
ja sie tun Gott und seinem Wort, wie gesagt, alle
Schalkheit und helfen dazu, daß es nur bald unter-
gehe.
Darum sind es die Christen allein, die diese zwei
Reiche, des Gottes und des Kaisers, auf Erden durch
ihr Gebet erhalten. Wo die nicht wären und für diese
zwei Reiche beteten, so wäre es unmöglich, daß sie
eine einzige Stunde stehenbleiben sollten. In Summa:
die Christen sind es, um welcher willen Gott die
ganze Welt verschont. Denn er denkt so: Meine Chri-
sten geben mir, was mein ist, und geben dem Kaiser,
was des Kaisers ist, deshalb müssen sie auch Frieden
haben, den muß ich ihnen schaffen und geben. Wenn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5822 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 11

nun Gott den Christen Frieden gibt, so geht dieser


Friede auch über die Undankbaren, die haben von den
frommen Christen Nutzen.
So soll nun ein jeder diesen Unterschied der zwei
Reiche, des Reiches Gottes und des Kaisers, gut mer-
ken. Wenn er das Wort hört: »Gebet Gott, was Gottes
ist«, soll er sich des Eides erinnern, den er Gott in der
Taufe getan hat, und sich vor fremdem, falschem
Glauben hüten und auf Gottes Wort Acht haben, auf
daß er nicht betrogen noch verführt werde. Wenn er
das Wort hört: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers
ist«, soll er sich des Schwures erinnern, den er seiner
Obrigkeit getan hat. Auf daß man also jedermann
gebe, was man schuldig ist, wie auch Paulus (Röm.
13, 6. 7.) lehrt. Wer das mit Lust und Liebe tut, dem
wird Gott reichlich wieder geben, und er wird dazu
Lob und Ehre von seiner Obrigkeit haben. Wer das
nicht tut, der wird hören müssen, daß einer komme
und spreche: Gib es her in tausend Teufel Namen!
Tut man es mit Dank, nun gut; tut man es aber
nicht mit Dank, so muß man es doch mit Undank tun
und nicht allein Schande und Schmach, sondern dazu
auch Schaden haben an Leib, Gut und Seele.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5823 Dreiundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 15-22 12

Editorische Bemerkung

Die HP bringt drei Predigten, von diesen hier die erste


(von 1529) nach der Nachschrift Rörers (im ganzen
zehn zum Text erhalten) WA 29, 598-605 (nicht bei
Dietrich).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5824 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 1

Martin Luther

Vierundzwanzigster Sonntag
nach Trinitatis
Matth. 9, 18-26

[HP 413–416;
WA 36, 346–349]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5825 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 2

Da er solches mit ihnen redete, siehe, da kam einer


von den Obersten der Gemeinde und fiel vor ihm
nieder und sprach: Meine Tochter ist soeben gestor-
ben; aber komm und lege deine Hand auf sie, so
wird sie lebendig. Und Jesus stand auf und folgte
ihm und seine Jünger.
Und siehe, eine Frau, die zwölf Jahre den Blut-
fluß gehabt, trat von hinten zu ihm und rührte seines
Kleides Saum an. Denn sie sprach bei sich selbst:
Könnte ich nur sein Kleid anrühren, so würde ich
gesund. Da wandte sich Jesus um und sah sie und
sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat
dir geholfen. Und die Frau ward gesund zu dersel-
ben Stunde.
Und als er in des Obersten Haus kam und sah die
Pfeifer und das Getümmel des Volkes, sprach er:
Weichet! denn das Mägdlein ist nicht tot, sondern es
schläft. Und sie verlachten ihn. Als aber das Volk
hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff sie
bei der Hand. Da stand das Mägdlein auf. Und
diese Kunde erscholl in jenes ganze Land.

Diese Erzählung lehrt uns, daß unser Herr Jesus Chri-


stus ein Helfer und Retter von der höchsten und größ-
ten Not sei, nämlich vom Tode. Wir sehen, daß alle
Menschen sterben müssen, von dem ersten Menschen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5826 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 3

Adam an bis auf den letzten, von Anbeginn der Welt


bis ans Ende. Einer ertrinkt im Wasser, der andere
verdirbt im Feuer, dieser stirbt an der Pest, jener an
einer anderen Epidemie, und die da jetzt leben, haben
nichts Sichereres zu erwarten als den Tod. Da ist nun
die Frage, wie man es erreiche, daß man den Tod los-
werde oder wenn man schon sterben müsse, wie man
die Kunst lerne, auf daß man wieder lebendig werde?
Diese Kunst lehrt uns Christus hier in diesem
Evangelium. Er lehrt nicht, wie man reich werden
könne, sondern lehrt, wie man vom Tode erlöst
werde.
Nun ist es eine schändliche Plage, daß alle Welt
sieht, daß sie sterben muß, und dennoch diese Lehren
nicht allein verachtet, sondern auch den Herrn selbst
verachtet, der vom Tode errettet. Das ist nicht eine
menschliche Blindheit, sondern eine teuflische Bos-
heit, daß beide, Junge und Alte, wissen, daß sie ster-
ben müssen, und dennoch in solcher Sicherheit dahin-
gehen, daß sie den in den Wind schlagen und verach-
ten, der da sagt, er wolle uns vom Tode helfen. In an-
deren geringeren Nöten und leichterem Schaden sucht
jedermann Hilfe. Wenn einer nur ein krankes Bein
hat, dann sucht er einen Arzt auf und gibt Geld genug,
auf daß ihm geholfen werde. Wenn man nicht zu
essen hat, so läuft man über Wasser und Land, in
Regen und Wind, durch Feuer und Gefahr, daß man
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5827 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 4

den Magen fülle. Und so tut man bei allen Gebrechen


und Mängeln, da rennt und läuft man, auf daß man
die Gebrechen loswerde. Aber in dieser Not ist jeder-
mann sicher, obwohl dies doch ein größeres Gebre-
chen und höhere Not ist als alle andere, zumal wir
nicht allein hier leiblich und zeitlich, sondern auch
ewig sterben müssen, wenn uns nicht geholfen wird.
Da kommt nun unser lieber Herr Christus, der rech-
te Arzt und getreue Helfer, und sagt: Höre, lieber
Mensch, was ich mit dir tun will. Du steckst im Tode
und kannst ihm nicht entlaufen. Weil dir nun niemand
da helfen kann, so will ich dir helfen und dich nicht
allein vom Tode erretten, sondern dir auch das ewige
Leben schenken. Halte dich nur fest an mich und
glaube meinem Wort, so sollst du vor dem Tode sich-
er sein; gleichwie ich lebe, so sollst du auch leben.
Solche Predigt aber soll man allein denen predigen,
die dessen bedürfen und die da erkennen, wissen und
fühlen, daß sie sterben müssen. Die anderen, die den
Tod nicht fühlen, gehen sicher dahin und schlagen es
in den Wind, wie viele heutigen Tages tun und einen
Strohhalm nicht so gering achten wie diese Predigt, in
welcher wir lernen, wie wir dem Tode entlaufen und
zum ewigen Leben kommen können.
Das ist eine besonders greuliche, schreckliche
Sache, daß man den Herrn so verachtet, der da vom
Tode helfen kann und helfen will, und daß man so
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5828 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 5

verdrossen ist, Gottes Wort zu hören, als wäre es


noch eine große Beschwerung. Wenn ein erfahrener
und bewährter Arzt zu einem Kranken sagte, der die
Pest am Halse hätte: Ich will dir sichere Arznei gegen
die Pest geben, wenn du mir folgen willst, und der
Kranke antwortet: Hebe dich weg von mir, ich will
deine Arznei nicht, ich will lieber sterben als deine
Arznei nehmen; solchen Kranken würde jedermann
für unsinnig achten und sagen: Ei, so stirb in des Teu-
fels Namen, weil du solchen Arzt von dir stößt. So
möchte man hier auch sagen: Siehst du den Tod lieber
als unseren Herrgott, der dir helfen will, so fahre hin
und habe das höllische Feuer dazu.
Nun tun die bösen, rohen Leute so. Der Tod kommt
und reißt heute einen hinweg und morgen einen ande-
ren, das sehen sie vor ihren Augen, dennoch kehren
sie sich nicht dran und fürchten sich nicht. Wenn sie
schon wissen, daß sie sterben müssen, denken sie
dennoch nicht einmal daran, wie sie sich gegen den
Tod rüsten und dem Tode entlaufen möchten. Was
aber Christen sind, welche Trost und Hilfe begehren
und ewig zu leben gedenken, denen ist hier ein Bild
vor Augen gestellt, aus dem sie lernen sollen, was
Christus für ein Mann sei und was man von ihm hal-
ten solle, nämlich daß er ein solcher Helfer sei, der
mit den Toten umgeht und in der letzten und höchsten
Not helfen will und kann. Wenn alle Dinge aufhören,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5829 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 6

alle Freunde uns verlassen und die ganze Welt nicht


helfen kann, da ist noch ein Helfer da, Jesus Christus,
der kann dem Tod unter die Augen treten und uns von
seiner Gewalt erlösen.
Das hört man hier an seinen Worten und sieht es an
seiner Tat. Er sagt, das Mägdlein sei nicht tot, son-
dern es schlafe, und ergreift es bei der Hand und rich-
tet es auf. Als wollte er sagen: Vor euch ist das
Mägdlein tot, aber vor mir ist es nicht tot, sondern es
schläft. Wollt ihr mich recht erkennen lernen, so wis-
set deshalb, daß ich des Todes mächtig sei und daß
die Toten vor mir nicht tot sind, sondern schlafen.
Und das beweist er mit der Tat, wie gesagt ist. Der
ganzen Welt ist es unmöglich, einen Toten aufzuer-
wecken, aber dem Herrn Christus ist es nicht allein
nicht unmöglich, sondern es ist ihm auch keine Mühe.
Wie wenn einer einen Schlafenden aus dem Schlaf
aufweckt, nur ans Bett klopft und sagt: Holla, stehe
auf, so tut Christus hier auch. Ja, Christus ist es viel
leichter, einen Toten aufzuerwecken, als uns, einen
Schlafenden aus dem Schlafe aufzuwecken.
Das soll man lernen. Denn deshalb predigt man,
damit man Gottes Wort und das erste Gebot: »Ich bin
der Herr, dein Gott«, verstehen lerne, daß Gott unser
Gott sein wolle, wie Christus hier dieses Mägdleins
Gott ist. Das Mägdlein liegt in den letzten Zügen, da
kommt der Vater zu Jesus und spricht: O Herr,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5830 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 7

komm, beweise das erste Gebot, lege deine Hand auf


sie, daß sie gesund werde und lebe. Der Herr Christus
erkennt sein Amt, daß er solches im ersten Gebot zu-
gesagt hat, und will es tun, steht auf und folgt dem
Vater nach, auf daß man lerne, daß das erste Gebot
wahr sein solle, und führt das Mägdlein aus dem Tode
heraus, ergreift sie bei der Hand. Alsbald steht das
Mägdlein auf und wandelt, eben als würde es aus dem
Schlaf aufgeweckt.
Das hat Christus zum Zeugnis und Zeichen getan,
daß er aus dem Tode erretten könne und wolle. Er tut
es nicht allezeit und an jedermann, sonst sollte kein
Mensch im Grabe liegen, sondern müßten alle Ver-
storbenen alsbald auferstehen und leben. Es ist genug,
daß ers etlichemale getan hat, das andere spart er bis
auf den Jüngsten Tag. Daß ers aber an diesem Mägd-
lein und anderen getan hat, damit hat er das erste
Gebot beweisen und erklären und uns zu verstehen
geben wollen, auf daß wir so zu sagen lernten: Weil
ers hier getan hat, so kann er die Kunst gewiß noch.
Was er an diesem Mägdlein getan hat, das soll ich
mir ein Zeichen sein lassen, an dem ich glauben ler-
nen soll, daß ers am Jüngsten Tage auch an mir tun
wolle. Darauf soll ich warten und mir unterdes an der
allgemeinen Hilfe genügen lassen, die am Jüngsten
Tag geschehen wird. Auf das soll ich sterben und
mich begraben lassen und sagen: Ich fahre jetzt dahin,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5831 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 8

aber zu seiner Zeit werde ich wieder auferstehen.


Denn Gott hat mirs zugesagt, er wolle mein Gott
und Herr sein, wolle mich aus dem Tode herausrei-
ßen. Solch Wort habe ich, und über das Wort hinaus
habe ich auch das Zeichen, daß er des Obersten Töch-
terlein auferweckt hat. Und wie er hier mit diesem
Mägdlein getan hat, so hat er auch getan mit Lazarus,
der vier Tage im Grabe gelegen hatte und schon stin-
kend geworden war.
Das hat er zu predigen geboten, auf daß wir an ihn
glauben lernen, ihn anrufen und zu ihm schreien: Ach
Herr, hilf mir aus dem Tod! Sei mein Gott und Herr,
nach dem Wortlaut des ersten Gebots. Und das soll
des Sonntags unser Tun und Übung sein, daß man
davon predige und das lerne. Das heißt denn Gott
recht dienen, ihn loben und preisen, wenn man sein
Wort hört und lernt, wenn man an ihn glauben und
von ihm reden lernt nach dem ersten Gebot, wenn
man nicht tut, wie die rohen Menschen heutigen
Tages tun, welche sehen, daß sie sterben müssen, und
dennoch Gott und sein Wort verachten und sich vom
Tod erwürgen lassen wie das Vieh. Schrecklich ist es,
sage ich, daß unser Herrgott seine Hilfe solchen Men-
schen vergebens anbieten soll, die es in den Wind
schlagen und doch sonst keine Hilfe haben. So ge-
schieht es auch, daß sie in solcher Sicherheit und Ver-
achtung Gottes dahinfahren, in aller Teufel Namen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5832 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 9

zur Hölle zu und ewig verloren werden.


Deshalb sollt ihr jungen Leute und Kinder das gut
lernen und Fleiß anwenden, damit ihr euch von Ju-
gend auf gewöhnt, unseren Herrgott zu fürchten und
Gottes Wort zu lieben, damit ihr wisset, wie ihr euch
in allen Nöten verhalten sollt, besonders aber in To-
desnöten, daß ihr nämlich glaubt, daß Gott euer Gott
und Herr sei, der euch vom Tode erretten wolle. Das
ist das erste und vornehmste Stück im heutigen
Evangelium.
Das andere Stück ist, daß Christus hier an den
Pfeifern und den anderen auch lehrt, wie man sonst
tun soll. Diese alle heißt er wegschaffen. Er treibt sie
alle hinaus, als wollte er sagen: Tut alle falsche Lehre
hinweg und alles falsche unchristliche Leben, hört,
was ich euch sage, und tut, was ich euch sage. Bist du
nun ein Christ, so sollst du wissen, daß du an Gott
glauben, ihm vertrauen und ihn in allen Nöten anrufen
sollst, auch im Tode. Das Leben ist eine reine Gabe
und Geschenk und kein Verdienst, das gibt Christus
dem Mägdlein aus Gnaden und umsonst, damit sie
wisse, daß er ihr Gott sei.
So ist Christus unser Helfer und Erretter, wie der
Psalm 68, 21 sagt: »Wir haben einen Gott, der da
hilft, und den Herrn, der vom Tode errettet.« Als sol-
chen sollen wir ihn erkennen und ihn anrufen, danach
sollen wir tun, was uns gebühret. Wenn wir Christus
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5833 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 10

haben und an ihn glauben und in solchem Glauben


dahingehen und tun, was uns befohlen ist, so ists
genug, und wir sind alsdann Menschen der Seligkeit,
haben einen gnädigen Gott und leben hier im Gehor-
sam unseres Berufs und befohlenen Amts.
Wenn nun das Stündlein kommt, daß wir sterben
sollen, fahren wir selig dahin; sobald uns die Augen
zufallen und wir ins Grab gelegt werden, werden wir
wieder auferweckt. Denn tausend Jahre werden für
uns sein, so als hätten wir nur eine halbe Stunde im
Grabe geschlafen. Wenn wir des Nachts schlafen, so
hören wir keine Uhr und wissen nicht die Zeit und
Stunde, wie lange wir geschlafen haben. Widerfährt
uns nun das im Schlaf, viel mehr wirds uns im Tode
widerfahren. Tausend Jahre werden hinweg sein wie
ein Nachtschlaf; ehe sich einer recht umsieht, wird er
ein schöner Engel sein und mit Christus in der Luft
schweben.
Das wollte uns unser lieber Herr Christus hier gern
einprägen, als wollte er sagen: Liebe Leute, lernt doch
von mir, wer ich sei, auf daß ihr wisset, was für einen
Gott ihr an mir habt, nämlich einen, der euch aus dem
Tode auferwecken kann. Unterdes seid fromm und ge-
horsam. Kommt denn der Tod, so wagt es fröhlich auf
mich, so sollt ihr gewiß das ewige Leben haben; denn
ich bin ein Erretter vom Tode. Der liebe Gott gebe
uns seine Gnade, daß wirs glauben können, Amen.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5834 Vierundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 18-26 11

Editorische Bemerkung

Von den zwei Predigten der HP hier die erste Haus-


predigt von 1532 (nicht bei Dietrich) nach Rörers
Nachschrift WA 36, 346-349 (sieben sind zum Text
im ganzen erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5835 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 1

Martin Luther

Fünfundzwanzigster Sonntag
nach Trinitatis
Matth. 24, 15-28

[HP 419–424;
WA 45, 259–265]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5836 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 2

Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwü-


stung stehen an der heiligen Stätte, von dem gesagt
ist durch den Propheten Daniel – wer das liest, der
merke auf! – alsdann fliehe auf die Berge, wer im jü-
dischen Lande ist; und wer auf dem Dach ist, der
steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu
holen; und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht
um, seinen Mantel zu holen. Weh aber den Schwan-
geren und Säugenden zu jener Zeit! Bittet aber, daß
eure Flucht nicht geschehe im Winter oder im Sab-
bat. Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein,
wie sie nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher
und auch nicht wieder werden wird. Und wenn diese
Tage nicht würden verkürzt, so würde kein Mensch
selig; aber um der Auserwählten willen werden die
Tage verkürzt. Wenn alsdann jemand zu euch wird
sagen: Siehe, hier ist der Christus! oder da! so sollt
ihrs nicht glauben. Denn mancher falsche Christus
und falsche Propheten werden aufstehen und große
Zeichen und Wunder tun, so daß, wenn es möglich
wäre, auch die Auserwählten verführt würden.
Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt. Darum, wenn
sie zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste!
so gehet nicht hinaus; siehe, er ist in der Kammer!
so glaubt es nicht. Denn wie der Blitz ausgeht vom
Aufgang und leuchtet bis zum Niedergang, so wird
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5837 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 3

auch sein das Kommen des Menschensohnes. Wo


das Aas ist, da sammeln sich die Geier.

Die Summe des heutigen Evangeliums ist, daß unser


lieber Herr Jesus Christus darin die Verwüstung der
Stadt Jerusalem und des jüdischen Landes und das
Ende der ganzen Welt verkündigt. Auf daß man es
aber desto besser verstehe, muß man es voneinander
trennen und sehen, welches von dem Ende des jüdi-
schen Reiches und welches von dem Ende der Welt
geredet sei.
»Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Ver-
wüstung stehen an der heiligen Stätte, von dem gesagt
ist durch den Propheten Daniel – wer das liest, der
merke darauf«, da redet er von der Verwüstung des
jüdischen Volks und führt den Propheten Daniel an,
der da zuvor geweissagt und verkündigt hat. Christus
sagt: Der Greuel werde stehen an der heiligen Stätte,
das heißt, er wird stehen im Tempel, wo die Cheru-
bim stehen, in dem innersten Chor des Tempels, wo
die Lade Gottes steht. An dieser heiligen Stätte, sagt
Christus, werdet ihr einen Greuel stehen sehen, und
einen solchen Greuel, welcher ein Greuel der Verwü-
stung sein wird, das ist, welcher ein sicheres Zeichen
sein wird, daß Jerusalem und das jüdische Reich ver-
wüstet werden soll und so verwüstet bleiben soll.
Das ist zur Zeit des Kaisers Caligula geschehen.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5838 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 4

Der schickte seine Bilder in alle Länder seines Kai-


sertums und ließ sich als einen Gott anbeten. Ja, er
wollte nicht allein zu Rom mitten unter den heidni-
schen Göttern und an anderen Orten der Heiden ange-
betet sein, sondern er ließ auch sein Bild zu Jerusalem
in den Tempel setzen, wo die heilige Stadt und der
Gottesdienst war, und wollte auch von Gottes Volk
als ein Gott angebetet sein. Das war den Juden heftig
zuwider, denn sie waren allen Bildern feind, dennoch
mußten sie es leiden. Taten sie schon die Bilder weg,
so setzte sie der Landpfleger Pilatus wieder hinein, so
daß er auch in der Nacht und verborgen des Kaisers
Bild in die Stadt tragen und aufrichten ließ, woraus
ein großer Lärm im Volk entstand. So sagt nun Chri-
stus: Wenn ihr das sehen werdet, so wisset, daß es ein
Greuel der Verwüstung ist. Er nennt es einen Greuel
nach der Schrift Weise. Denn was wir einen Götzen
oder Abgott nennen, das nennt die Schrift einen Greu-
el, deshalb, weil solcher Götze oder Abgott nicht al-
lein ein Greuel vor Gott ist, sondern auch ein scheuß-
liches, schreckliches Ding vor den geistlichen Augen
aller frommen Herzen, denen es ein Greuel ist, wenn
sie sehen müssen, daß der Teufel an Gottes Stelle an-
gebetet wird. Wenn nun ein solcher Abgott, sagt
Christus, oder Bild der armen, elenden Menschen, die
an Gottes Statt angebetet sein wollen, an der heiligen
Stätte stehen wird, so merket darauf. Er redet sehr ei-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5839 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 5

gentlich und deutlich und nennt es einen Greuel der


Verwüstung deshalb, weil nicht allein die endliche
Zerstörung der Stadt Jerusalem darauf folgen wird,
sondern auch, daß Gott, der zuvor da gewohnt hat,
nicht mehr da wohnen wird, sondern die Stadt und
den Tempel alsdann dem Teufel und seinen Gliedern
übergeben wird, die recht ein Greuel sind vor Gott
und allen Heiligen.
»Und wenn diese Tage nicht würden verkürzt, so
würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten
willen werden die Tage verkürzt.« Hier läßt nun Mat-
thäus vom Ende des Judentums und kommt auf das
Ende der Welt, deshalb geht alles auf der Welt Ende,
was nun hernach folgt. So wirds gehen, sagt Christus,
am Ende der Welt: wo diese Tage nicht verkürzt wür-
den, so würde kein Mensch selig. Und erklärt sich
selbst und zeigt an, was für ein Unglück am Ende der
Welt sein werde, und sagt: »Wenn alsdann jemand zu
euch wird sagen: Siehe, hier ist Christus, oder da, so
sollt ihrs nicht glauben. Denn mancher falsche Chri-
stus und falsche Propheten werden aufstehen und
große Zeichen und Wunder tun, so daß, wenn es mög-
lich wäre, auch die Auserwählten verführt würden.
Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt.« Das geht nicht
die Juden allein an, sondern die ganze Welt, und be-
sonders die christliche Kirche, welche mit dem Licht
des Evangeliums erleuchtet ist. Wie wird es derselben
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5840 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 6

am Ende der Welt ergehen? So wird es ihr gehen, sagt


hier Christus: Wenn das Licht des Evangeliums in die
Welt leuchtet, so wird es geschehen, daß der Teufel
mit so viel Rotten und Sekten, falschen Propheten und
falschen Lehrern kommen wird, daß wer mit geistli-
chen Augen in die Welt sehen wird, der wird meinen,
es werde kein Mensch selig. Denn die Verführung
wird so groß sein, und die falschen Propheten werden
so große Zeichen und Wunder tun, daß auch die Aus-
erwählten (wo es möglich wäre) zum Irrtum verführet
werden.
Davor warnt der Herr treulich und fleißig und sagt:
»Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt«, als wollte er
sagen: es wird keine Entschuldigung gelten, denn ich
sage es euch zuvor, sie werden so große Zeichen und
Wunder tun und ein solches heiliges Leben von außen
führen, daß jedermann sagen wird: Hier muß Gott
wohnen, wie könnten sonst solche Zeichen und Wun-
der geschehen? Darum seht euch vor und hütet euch,
ich habs euch zuvor gesagt, ich habe euch genug ge-
warnt. Werdet ihrs mißachten, so wird alsdann keine
Entschuldigung helfen. Lieber Mensch, willst du nicht
achthaben auf die Worte, die Christus hier sagt, so ist
es mit dir geschehen. Er sagt das so: »Mancher fal-
sche Christus und falsche Propheten werden aufstehen
und große Zeichen und Wunder tun, so daß, wenn es
möglich wäre, auch die Auserwählten verführet wür-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5841 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 7

den«, ebenso: »Wenn diese Tage nicht würden ver-


kürzt, so würde kein Mensch selig.« Deshalb mußt du
nicht auf die große Menge sehen, auch nicht auf die
Weisen und Gelehrten dieser Welt, sondern auf diese
Worte, daß Christus hier sagt: Es werden Tage kom-
men, wo die nicht verkürzt würden, so würde kein
Mensch selig. Die Katholiken meinen wohl, sie haben
ein köstliches Regiment und seien in keinem Irrtum.
Denn sie verlassen sich darauf, wie sie auch sagen:
Die Kirche könne nicht irren, die Kirche müsse blei-
ben. Sie sehen aber nicht, wollen auch nicht sehen,
daß diese Weissagung Christi auch bleiben muß.
Nun steht dabei, daß sie große Zeichen und Wun-
der tun werden, und werden dennoch falsche Christus-
se und falsche Propheten sein. Solches ist im Papst-
tum auch reichlich erfüllt. Was soll man hierzu tun?
Höre, was Christus weiter sagt. »Siehe«, sagt er, »ich
habe es euch zuvor gesagt. Darum, wenn sie zu euch
sagen werden: Siehe, hier ist Christus, so glaubt es
nicht.« Da steht es, was du tun sollst: du sollst den
falschen Christussen und falschen Propheten nicht
glauben, ob sie schon im Namen Christi weissagen,
Teufel austreiben und viele Taten tun. Darum soll
man lernen, daß man nach der Offenbarung Christi
und seines Evangeliums keinem Zeichen noch Wun-
der glauben soll, und wenn schon ein Toter aufer-
weckt würde, der zehn Tage tot gewesen wäre. Wenn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5842 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 8

ich jetzt sähe, daß jemand einen Toten in eines Heili-


gen Namen auferweckte, so wollte ich doch sagen, es
wäre durch den Teufel geschehen. Denn ein Heiliger
soll nicht mein Fürsprecher und Mittler sein, sondern
Christus soll allein mein Fürsprecher und Mittler
sein, 1. Tim. 2, 5; 1. Joh. 2, 1.
Man ist genug gewarnt, wer denn gewarnt sein
will. Christus sagt hier: »Es wird mancher falsche
Christus und werden falsche Propheten aufstehen und
große Zeichen und Wunder tun.« Und Paulus sagt 2.
Thess. 2, 9-12, »daß des Antichrists Kommen gesche-
he« in der Macht des Satans mit allerlei lügenhaften
Kräften und Zeichen und Wundern und mit allerlei
Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verlo-
ren werden, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht zu
ihrer Rettung angenommen haben. Darum sendet
ihnen Gott auch kräftige Irrtümer, daß sie glauben der
Lüge, auf daß gerichtet werden alle, die der Wahrheit
nicht geglaubt haben, sondern hatten »Lust an der
Ungerechtigkeit.« Das heißt ja gewarnt, und Paulus
sagt deutlich, Gott werde den Undankbaren und Un-
gläubigen kräftige Irrtümer senden, das ist, solche Irr-
tümer, welche die Menschen mit Gewalt umstoßen
und gefangennehmen werden, so daß die Menschen
gewaltig in den Irrtum verführt werden und sich der
Lüge nicht erwehren können.
Deshalb sage ich, man soll keinem Zeichen glau-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5843 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 9

ben, nachdem das Evangelium in alle Welt hinausge-


gangen und durch Wunder und Zeichen genugsam be-
kräftigt ist. Und wenn man schon sieht, daß Tote auf-
erweckt werden, soll man dennoch nicht glauben;
denn weil Gott der Welt gedroht hat, er wolle falsche,
erlogene Zeichen durch den Teufel und seine Boten
zur Strafe derer geschehen lassen, die der Wahrheit
nicht geglaubt haben, so soll man nicht glauben, son-
dern klug sein und Christus hören, der uns treulich
gewarnt und gesagt hat: »Wenn sie zu euch sagen:
Siehe, hier ist Christus, oder da, sollt ihrs nicht glau-
ben. Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt.« Wendet
jemand ein: Ei, es sind dennoch heilige Leute, treffli-
che Propheten und große Zeichen; so sage du: Es
heißt ungezeichnet, ungewundert, ungeprophetet, un-
gechristet; sondern es heißt, wie Christus sagt:
»Wenn sie zu euch sagen: Siehe, hier ist Christus,
oder da, so sollt ihrs nicht glauben.«
Wie soll man es aber erreichen, daß man unver-
führt bleibe? Denn es will schwerfallen, daß man
kräftige Irrtümer vor sich habe und dennoch nicht in
den Irrtum verführt werde. Antwort: Da gehört Kunst
zu, und solche Kunst, welche allein der rechten Chri-
sten Kunst ist. Zum ersten soll man wissen, daß der
Teufel so ein listiger Geist und großer, mächtiger
Herr ist (weshalb er auch ein Fürst, ja ein Gott der
Welt genannt wird), daß kein Mensch auf Erden so
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5844 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 10

klug ist, keiner so stark, keiner so heilig, daß er dem


Teufel widerstehen und sich vor ihm aufhalten könn-
te, wo unser lieber Herrgott seiner List, Weisheit und
Macht nicht steuert und wehrt. In Summa, der Teufel
ist mit seiner Weisheit, Klugheit und Macht aller
Menschen Vernunft und Witz weit überlegen, so daß,
wenn Gott die Hand abzieht, da macht er uns bald ein
Gespenst vor die Augen, daß wir betrogen sind, ehe
wirs uns versehen.
Das sehen wir an Hiob. Den brachte der Teufel
dahin, daß er den Tag verfluchte, an dem er geboren
war, und Gott lästerte. David war ein großer, treffli-
cher Mann, aber da Gott die Hand abzog, da fiel er
dahin und wurde ein Ehebrecher und Mörder. Vor
solcher großen List und Macht des Teufels soll man
sich fürchten und wissen, daß kein Mensch vor ihm
sicher ist. Wenn Gott es ihm erlaubt, so kann er ver-
führen, nicht allein einen Heiligen, sondern auch die
anderen alle durch diesen Heiligen. Deshalb soll man
nicht sicher sein, sondern in Gottesfurcht und Demut
leben und Gott bitten, daß er uns nicht in Versuchung
führe noch in Anfechtung fallen lasse. Mit dieser sei-
ner List und Macht blendet und verstockt der Teufel
die Menschen, daß sie der Wahrheit nicht glauben.
Umgekehrt narrt und äfft er die Menschen und macht
sie glaubend, daß sie auf die Lüge hereinfallen, ihr
glauben und darauf schwören, es sei die lautere Wahr-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5845 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 11

heit Gottes, obwohl es doch eitel Teufels Trug und


Lüge ist. Und das ist ihm leicht. Denn er kann die
Vernunft und die Sinne verblenden, daß ein Mensch
meine, er habe Gottes Wort, wo er doch des Teufels
Lügen hat, und daß er meine, da sei der rechte Chri-
stus und ein rechtschaffener Prophet, wo doch ein fal-
scher Christus und ein falscher Prophet ist.
Deshalb soll man solche falschen Zeichen, welche
von manchen Heiligen berichtet werden, nach dem
Wort richten und beurteilen, das Christus hier sagt:
»Wenn sie zu euch sagen: Siehe, hier ist Christus,
oder da, so sollt ihrs nicht glauben.« Deshalb soll
man sagen: Ja, das ist ein feiner Prophet, es gibt feine
heilige Männer, ich sehe, daß sie große Wunderzei-
chen tun. Es tue nun aber diese Zeichen, wer da wolle,
da kommt es mir jetzt nicht darauf an. Sieh aber auf
das Ende solcher Wunderzeichen, so wirst du finden,
daß sie alle dahin gehen, daß man von Christus abfal-
len solle. Nun lehrt mich der christliche Glaube, daß
ich das Vertrauen meines Herzens allein auf Christus
setzen soll und nicht auf einen Abgott, es sei welcher
Heiliger es wolle. Denn auch die Heiligen selbst sind
nicht selig geworden, außer allein durch Christus.
Diese Wunderzeichen aber wollen mich dahin brin-
gen, daß ich glauben solle, der Heiligen Werk und
Verdienst helfen mir zur Seligkeit, sie wollen mir aus
ihnen Christus machen, das heißt, sie wollen mein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5846 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 12

Herz von Christus wegführen, welcher der einzige


Eckstein und Fels ist, auf den ich bauen und trauen
soll. Deshalb will ich in die Kirche gehen und meinen
lieben Gott in Christus anbeten und anrufen, der kann
mir besser helfen als alle Heiligen.
Wer das tut, der wird den Unterschied zwischen
den wahren und falschen Wunderzeichen recht erken-
nen. Die Apostel haben auch viel Zeichen und Wun-
der getan, aber sie sind alle dahin gegangen, daß das
Evangelium dadurch bekräftigt und Jesus Christus in
aller Welt erkannt und angenommen würde. Danach
aber ist der Teufel gekommen und hat das nachtun
wollen, da er gesehen hat, daß die Menschen des rech-
ten Weges zur Seligkeit müde und überdrüssig ge-
worden sind, und Gott hat dem Teufel erlaubt, die
Welt für ihre Undankbarkeit und Verachtung zu stra-
fen. Denn Gott kann nicht leiden, daß man den Schatz
seines Evangeliums verachte, darin er uns seinen
Sohn Christus anbietet. Sobald man den verachtet,
zieht er die Hand ab und spricht: Seid ihr meiner satt
und überdrüssig, so bin ich eurer wieder überdrüssig.
Alsdann kommt der Teufel und tut Wunderzeichen,
macht die Menschen durch seine Zauberer und Wet-
termacher blind und lahm und gibt ihnen durch diese
wieder den Rat, daß sie die Heiligen anrufen sollen,
sich diesem oder jenem Heiligen geloben. Und wenn
alsdann jemand gesund wird, so denken sie, dieser
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5847 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 13

oder jener Heilige hat mir geholfen. So hat denn der


Teufel erlangt, was er mit seinen falschen Zeichen ge-
sucht hat.
Aber ein rechtschaffener Christ ruft nicht die Heili-
gen an, gelobet sich ihnen auch nicht, sondern sagt:
Ich glaube an Jesus Christus, der ist mein einziger
Helfer, den rufe ich in allen Nöten an. Bin ich krank,
so sage ich: Wenn du willst, Herr, kannst du mir wohl
helfen; wenn du aber nicht willst, will ich dies Kreuz
und Unglück um deines Namens willen gerne leiden.
So tut ein Christ. Ein Unchrist aber und Ungläubiger
tut nicht so; denn der Teufel reizt sie, daß sie die Hei-
ligen anrufen, bei den Kreaturen Hilfe suchen, von
Gott und Christus abfallen. Wer nun unverführt sein
will, der bleibe fest im rechten Glauben an Christus,
halte an am Gebet, höre und lerne fleißig Gottes
Wort, danke Gott von Herzen dafür, auf daß Gott
nicht zürne und seine Hand abziehe und der Teufel
dich erschleiche. Denn so ein kluger, mächtiger Geist
ist der Teufel, wie gesagt, daß wenn du schon noch so
sehr gelehrt und verständig wärest und die ganze
Bibel könntest und Gott nicht über dir wacht, so fällst
du und bist verloren.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5848 Fünfundzwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 24, 15-28 14

Editorische Bemerkung

Von den insgesamt fünf Nachschriften Rörers hier die


zur Predigt von 1537 (WA 45, 259-265), die Quelle
Dietrichs ist nicht nachzuweisen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5849 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 1

Martin Luther

Vorletzter Sonntag nach Trinitatis


Matth. 25, 31-46

[WA 22, 410–423]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5850 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 2

Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in sei-


ner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird
er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und
werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und
er wird sie voneinander scheiden, gleichwie ein Hirt
die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die
Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur
Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu
seiner Rechten: Kommet her, ihr Gesegneten meines
Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von
Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen,
und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen,
und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Fremdling
gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin
nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin
krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin
gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und
sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen
und haben dich gespeist? oder durstig und haben
dich getränkt? Wann haben wir dich als einen
Fremdling gesehen und beherbergt? oder nackt und
haben dich bekleidet? Wann haben wir dich krank
oder gefangen gesehen und sind zu dir gekommen?
Und der König wird antworten und sagen zu ihnen:
Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5851 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 3

unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt


ihr mir getan.
Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken:
Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige
Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen En-
geln! Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich
nicht gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt
mich nicht getränkt. Ich bin ein Fremdling gewesen,
und ihr habt mich nicht beherbergt. Ich bin nackt
gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin
krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich
nicht besucht. Da werden sie ihm auch antworten
und sagen: Herr, wann haben wir dich gesehen
hungrig oder durstig oder als einen Fremdling oder
nackt oder krank oder gefangen und haben dir nicht
gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen:
Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt
einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir
auch nicht getan. Und sie werden in die ewige Pein
gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Dieses Evangelium spricht vom Kommen des Men-


schensohnes am Jüngsten Tage. Wenn es uns nicht
gesagt wäre, würden wir begierig sein zu hören, was
nach diesem Leben geschehen, wie es am Jüngsten
Tage zugehen würde. Nun hören wir es hier und
haben es vor Augen. Und zwar zuerst den Tod, dem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5852 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 4

wird niemand entlaufen. Jeder muß durch ihn hin-


durch. Und nach dem Tod ist es sicher, daß es so zu-
gehen wird, wie es hier beschrieben wird: daß der
Herr zum Gericht kommt, und alle Menschen, gute
und böse, dort erscheinen werden. Alle werden vor
den Richterstuhl Christi kommen, und ein jeder wird
erhalten, was er in diesem Leben verdient hat, es sei
Gutes oder Böses: »Und er wird sie voneinander
scheiden, gleichwie ein Hirte die Schafe von den Bök-
ken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten
stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der
König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her,
ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das
euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!« Die zur
Rechten sitzen, brauchen sich nicht zu fürchten und
zu erschrecken. Anders ist es mit denen zur Linken.
Hier steht, wie es zugehen und welches das Urteil
über sie sein wird: »Gehet hin von mir, ihr Verfluch-
ten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel
und seinen Engeln!«
Nun möchte man fragen, warum der Herr hier je-
weils sechs Barmherzigkeiten und Unbarmherzigkei-
ten nennt, um derentwillen die einen ins ewige Leben
und die anderen ins ewige Verderben kommen. Denn
wenn man genau zusieht, gehören sie doch alle ins 5.
Gebot. Denn in diesem 5. Gebot: »Du sollst nicht
töten«, wie es Christus in der Bergpredigt selbst aus-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5853 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 5

legt, wird geboten, daß man mit dem Nächsten nicht


zürnen soll, das heißt, daß man ihm freundlich helfen,
raten soll und daß man ihm Gutes tun soll, wo er des-
sen bedarf in Hunger, Durst, Blöße, Krankheit oder
anderen Nöten. Das alles ist im 5. Gebot enthalten,
daß wir freundlich und barmherzig gegeneinander
sein sollen und besonders gegen die, die uns Anlaß
zum Zorn gegeben haben. Es wird hier nicht von den
Werken der anderen Gebote geredet, weder vom
Gebet, vom Hören des Worts im 2. Gebot, noch von
allen andern, sondern nur vom 5. Gebot. Warum ur-
teilt er so streng über die, welche die Werke nicht
getan haben, obwohl doch sogar die Türken und die
Heiden diese Werke tun? Warum erhebt er diese
Werke so hoch?
Er will damit nicht sagen, daß die Unchristen mit
solchen Werken das ewige Leben verdienen. Denn
wenn er sagt: »Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt
mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt
mich getränkt. Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr
habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen, und ihr
habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr
habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr
seid zu mir gekommen. Was ihr getan habt einem
unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr
mir getan«, so ist kein Zweifel, daß der, der da solche
Werke und Barmherzigkeiten üben soll, selbst ein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5854 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 6

Christ und gläubig sein muß. Denn wer an Christus


nicht glaubt, der wird gewiß nicht um Christi willen
seinen armen bedürftigen Brüdern Barmherzigkeit er-
weisen. Vielleicht erhebt Christus diese Werke des-
halb so hoch, weil unter den Christen, nachdem das
Evangelium offenbar geworden ist, die Menschen
ärger werden als zuvor. Denn Matth. 19, 30 sagt er:
»Viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten und
die Letzten werden die Ersten sein.« So ist es auch
hier: welche die Besten sein müßten, werden die
Schlechtesten sein. Es wird sich zeigen, daß die, die
da rechte Christen sein sollten, weil sie das Evange-
lium gehört haben, viel ärger und unbarmherziger ge-
worden sind als die Heiden, wie man es jetzt vor
Augen erfüllt sieht. Sie gehen hin in Sicherheit,
schwelgen und prassen. Jeder handelt gegen seinen
Nächsten so, als halte er ihn nicht für seinen Freund
(viel weniger für seinen Bruder in Christus), sondern
für seinen Feind und so, als ob er nur alles gern an
sich reißen wollte und keinem andern etwas gönnte.
Das gehet täglich zu und nimmt ohne Unterlaß über-
hand, und das, obwohl sie den Tod vor Augen haben
und ihnen das Gericht bestellt ist. Christus selbst
zeigt es an, daß die Christen viel ärger werden, nach-
dem sie die Gnadenbotschaft empfangen haben. Es ist
so, wie der 2. Petrusbrief sagt (2, 21): »Denn es wäre
ihnen besser, daß sie den Weg der Gerechtigkeit nicht
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5855 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 7

erkannt hätten, als daß sie ihn erkennen und sich ab-
kehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben
ist.«
Die andere Ursache dafür, daß er diese Werke der
Barmherzigkeit und Unbarmherzigkeit aus dem 5.
Gebot so hervorhebt, ist die, daß die Christen Barm-
herzigkeit empfangen haben. Christus, unser lieber
Herr, hat uns vom Zorn erlöst, vom 5. Gebot, vom
ewigen Tode. Das ist geschehen, daß wir es nicht als
uns allein zur Erlösung getan ansehen, sondern auch
als ein Vorbild, das uns gegeben ist und dem wir fol-
gen sollen. Nicht nur deshalb sollen wir künftig nicht
gegen das 5. Gebot handeln, weil uns das Urteil
schreckt, sondern auch wegen des Beispiels Christi.
Siehe zu, daß du bei denen zur Rechten seiest, so
kannst du den Jüngsten Tag mit Freuden erwarten. Du
brauchst das Urteil nicht zu fürchten, weil du zur
Rechten stehst. Wir, die wir Christen sind, erwarten
das Gericht und seufzen danach, daß wir in jene Herr-
lichkeit kommen und hören: »Kommet her, ihr Geseg-
neten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch be-
reitet ist von Anbeginn der Welt!« Auf dieses Urteil
warten wir, denn der Teufel und das Fleisch drücken
uns, die Tyrannen, die bösen Nachbarn; wir sehen so
viel Jammer, daß wir müde werden und rufen: Komm
und befreie uns! Die hier auf Erden gedrückt sind, er-
warten mit Freuden und gutem Gewissen den Jüng-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5856 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 8

sten Tag. Hier werden alle die gefunden werden, die


den rechten Glauben haben und die, die solche Werke
tun. Denn wer glaubt, daß er durch Christus vom
Zorn befreit ist, hat ein freundliches Herz auch gegen
seine Feinde, hilft ihnen, wenn sie Not leiden, mit
Speise und Trank, gibt gern alles, was er hat.
So blind und verstockt sind das Fleisch und die
Welt. Sie sehen, daß alle Menschen sterben, und ver-
schließen doch die Augen davor, damit sie nicht
sehen, was sie sehen müßten. Sie hören, daß vor Ge-
richt kommt und verurteilt werden soll, wer das nicht
tut, was hier gefordert wird. Aber dennoch tun sie das
Gegenteil. Wenn jemand einen Feind hat, so hat er
keine Ruhe, bis er sich gerächt hat. Wenn der Feind
hungrig ist, berührt ihn das nicht, sondern wenn er
ihm Schaden tun kann, so tut ers. Du fragst nicht nach
dem Tod noch nach dem Richtstuhl, vor dem du er-
scheinen sollst. Hier ist das Urteil für dich bereit:
»Gehet hin von mir, ihr Verfluchten!« Deutschland ist
in Sünden ertrunken, in Übermut und Reichtum, und
Christus mit den Seinen ist verachtet. Wir wollen
leben, wie es uns gefällt, und werden Gott in Kürze
unsere Torheit bezahlen. Ich habe Sorge, daß meine
Prophezeiung wahr ist. Die Menschen sind unbußfer-
tig, niemand will hören. Deshalb wird Deutschland in
Trümmer gehen, denn Gott kann nicht dulden, daß
sein Name gelästert und sein Wort verachtet wird.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5857 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 9

Deshalb sei jeder darauf bedacht, daß er das heutige


Evangelium im Herzen behalte, auf daß wir zu den
Gesegneten auf der Rechten kommen und das Gericht
selig erwarten, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5858 Vorletzter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 25, 31-46 10

Editorische Bemerkung

Hier erklärt Poach, daß er keine Nachschriften Rörers


habe finden können, weil dieser Text sehr selten vor-
komme, außer der von 1537, die aber schon in der
Kirchenpostille gedruckt sei, weshalb er sie nicht
habe wiederholen wollen. Das entspricht den Tatsa-
chen: Rörers Nachschrift (= WA 45, 324-329) und
Poachs Abschrift dieser Nachschrift sind zwar vor-
handen, aber in Crucigers Sommerpostille von 1544
verarbeitet = WA 22, 410-423. Danach unser Text.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5859 Bußtag. Psalm 130 1

Martin Luther

Bußtag
Psalm 130

[WA 18, 517–521]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5860 Bußtag. Psalm 130 2

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre


meine Stimme! Laß deine Ohren merken auf die
Stimme meines Flehens! Wenn du, Herr, Sünden an-
rechnen willst – Herr, wer wird bestehen? Denn bei
dir ist die Vergebung, daß man dich fürchte. Ich
harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe
auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn
mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die
Wächter auf den Morgen hoffe Israel auf den Herrn!
Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlö-
sung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen
seinen Sünden.

Das sind feine, heftig bewegte und aus Herzensgrund


kommende Worte eines wahrhaft reuigen Herzens,
das seinem Jammer auf das allertiefste zugekehrt ist.
Sie zu verstehen ist keinem möglich als denen, die
dasselbe fühlen und erfahren. Wir sind alle in tiefem,
großem Elend, aber wir fühlen nicht alle, wo wir sind.
Was hülfe es, daß alle Kreaturen mir gnädig wären
und meine Sünde nicht achteten und erließen, wenn
sie Gott achtet und behält? Und was schadet es, wenn
alle Kreaturen mir die Sünde zurechneten und behiel-
ten, wenn sie Gott erläßt und nicht achtet? Das ists,
was Psalm 143, 2 auch sagt: »Geh nicht ins Gericht
mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5861 Bußtag. Psalm 130 3

gerecht.« Und dieser Vers hier bringt zum Ausdruck,


von wo aus der Psalm gemacht ist, nämlich von dem
Ansehen der strengen Urteile Gottes aus, der so gar
keine Sünde ungestraft lassen kann und will. Deshalb:
Wer Gottes Gericht nicht ansieht, der fürchtet sich
nicht, wer sich nicht fürchtet, der ruft nicht zu ihm,
wer nicht ruft, der findet keine Gnade.
Deshalb muß in einem rechten Menschen allezeit
die Furcht vor dem Gericht Gottes sein, des alten
Menschen halber, dem Gott feind und entgegen ist,
und neben dieser Furcht Hoffnung auf die Gnade an-
gesichts der Barmherzigkeit, die dieser Furcht zugetan
ist, um des neuen Menschen willen, der dem alten
auch feind ist und so mit Gottes Gericht überein-
stimmt. So stehen Furcht und Hoffnung nebeneinan-
der, und gleichwie das Gericht Gottes die Furcht
wirkt, so wirkt die Furcht das Rufen, Rufen aber er-
langt die Gnade. Und solange der alte Mensch lebt,
soll die Furcht, das ist, sein Kreuz und Töten, nicht
aufhören und er das Gericht Gottes nicht vergessen.
Und wer ohne das Kreuz und ohne Furcht und ohne
Gottes Urteil lebt, der lebt nicht recht.
Deshalb ist auch keine Zuflucht zu etwas anderm,
wo jemand bestehen oder bleiben könnte, denn wie
Paulus Röm. 8, 31 sagt: »Ist Gott für uns, wer mag
wider uns sein?«, so gilt auch umgekehrt: wer will für
uns sein, wenn Gott wider uns ist? Denn bei ihm al-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5862 Bußtag. Psalm 130 4

lein ist die Vergebung, so daß auch keine guten


Werke helfen, sondern wer vor Gott etwas sein will,
der muß allein auf seine Gnade pochen, nicht auf Ver-
dienst.
Wer Gott nicht fürchtet, der ruft nicht, dem wird
auch nicht vergeben. Damit man Gottes Gnade erlan-
ge, ist er deshalb zu fürchten und allein zu fürchten,
gleichwie er allein vergibt. Denn wer etwas anderes
fürchtet als Gott, der begehrt dieses andern Gunst und
Gnade und fragt nicht nach Gott. Wer aber Gott
fürchtet, der begehrt seine Gnade und fragt nicht nach
allem dem, das nicht Gott ist. Denn er weiß, daß ihm
niemand etwas tut, wenn Gott ihm gnädig ist.
Gott ist so wundersam bei seinen Kindern, daß er
sie gleichsam mit einander widersprechenden und
nicht zueinander passenden Dingen selig macht, denn
Hoffnung und Verzweiflung sind einander entgegen-
gesetzt. Dennoch müssen sie in dem Verzweifeln hof-
fen, denn Furcht ist nichts anderes als ein beginnen-
des Verzweifeln und Hoffnung ein beginnendes Gene-
sen, und die zwei ihrer Natur nach sich widerspre-
chenden Dinge müssen in uns sein, deshalb, weil zwei
in ihrer Natur einander entgegengesetzte Menschen in
uns sind, der alte und der neue. Der alte muß sich
fürchten und verzagen und untergehen, der neue muß
hoffen und bestehen und erhoben werden, und diese
beiden geschehen in einem Menschen, ja in einem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5863 Bußtag. Psalm 130 5

Werk zugleich, gleich wie ein Bildhauer, eben indem


er wegnimmt und abhaut, was am Holze nicht zum
Bilde gehören soll, gerade auch die Form des Bildes
fördert. So wächst in der Furcht, die den alten Adam
abhaut, die Hoffnung, die den neuen Menschen for-
met.
Deshalb sagt der Psalmist: Ich habe auf Gott ge-
wartet, das heißt: in diesem Rufen und Kreuz bin ich
nicht zurückgelaufen oder verzweifelt, noch habe ich
auf meine Verdienste gebaut, sondern auf Gottes
Gnade allein, die ich begehrt habe. Deren harre ich
und warte, wann es meinem Gott mir zu helfen gefällt.
Nun sind etliche, die wollen Gott das Ziel weisen,
ihm Zeit und Maß setzen und ihm gleichsam selbst
vorschlagen, wie sie sich geholfen haben wollen. Und
wenn es ihnen nicht so widerfährt, verzagen sie oder
suchen anderswo Hilfe, wenn sie können. Diese har-
ren nicht, sie warten nicht auf Gott, Gott soll auf sie
warten und alsbald bereit sein und nicht anders hel-
fen, als sie es ihm vorgezeichnet haben. Die aber auf
Gott warten, die erbitten Gnade, aber sie stellen es
Gottes gutem Willen frei, wann, wie, wo und durch
was er ihnen helfe. An der Hilfe zweifeln sie nicht.
Sie bezeichnen sie aber auch nicht näher. Sie lassen
das Gott tun, und sollte es auch über die Maßen lange
hinausgezögert werden. Wer aber die Hilfe näher be-
zeichnet, d.h. sie auf eine bestimmte Art erwartet,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5864 Bußtag. Psalm 130 6

dem wird sie nicht. Denn er wartet nicht ab und leidet


nicht Gottes Rat, Willen und Hinauszögern.
Ohne Gottes Wort hoffen und harren ist Gott ver-
suchen. Das ist nun die Natur des inwendigen Men-
schen, daß er ein stetes Harren, Hoffen, Trauen, Glau-
ben zu Gott trägt. Darum verläßt ihn auch Gott nicht,
der da allen denen Gnade und Hilfe verheißen hat, die
ihm trauen und sich auf ihn verlassen und seiner har-
ren. Und dieses Wort und Verheißen Gottes ist der
ganze Unterhalt des neuen Menschen, der lebt nicht
von dem Brot, sondern von dem Wort Gottes (Matth.
4, 4).
Gott recht erkennen, ist erkennen, daß eitel Güte
und Gnade bei ihm ist, deshalb harret Israel seiner
auch auf diese Weise. Die aber Gott als einen Zorni-
gen, Ungnädigen fühlen, die kennen ihn noch nicht
recht. Darum fliehen sie vielmehr vor ihm und harren
seiner nicht. Bei ihm ist allein die Erlösung aus den
vielen Tiefen, von denen gesprochen worden ist, und
sonst gibt es keine Erlösung. Obgleich unserer Sün-
den viele sind, so ist doch seines Erlösens viel mehr.
Wie 1. Joh. 3, 20 sagt: wenn uns auch unser Herz
verdammt, so ist Gott doch größer als unser Herz und
weiß alles, obwohl die Hoffärtigen bei sich selbst Ge-
nugtuung und Erlösung mit ihren Werken finden. Sie
wollen sich selbst herausarbeiten, Helfer, Erlöser, Er-
barmer ihrer selbst sein und sich selbst Wahrheit, Ge-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5865 Bußtag. Psalm 130 7

rechtigkeit erwerben. Aber was folgt im Beschluß die-


ses Psalms?
Er, Er, Gott, Er selbst, und nicht wir selbst, wird
Israel erlösen. Merke: Israel hat Sünde und kann sich
selbst nicht helfen. Die hoffärtigen Heiligen wollen
nicht wissen, daß Gerechtigkeit, durch die wir vor
Gott gerecht sein sollen, nichts anderes ist als eine
gnädige Gabe der lauteren, unverdienten Barmherzig-
keit Gottes. Deshalb sollen wir selbst uns nicht barm-
herzig, sondern ernst und zornig sein, auf daß uns
Gott barmherzig und nicht zornig sei. Denn wer sich
selbst gnädig sein will, dem wird Gott ungnädig sein,
und wer sich selbst ungnädig ist, dem ist Gott gnädig,
Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5866 Bußtag. Psalm 130 8

Editorische Bemerkung

Für eine Predigt Luthers über Psalm 130 gibt es keine


Nachschrift Rörers, wie es überhaupt mit Predigten
Luthers zu den Texten dieses Tages schlecht steht.
Denn zwar hatte die mittelalterliche Kirche vier allge-
meine Bußtage im Jahr (am Beginn der vier Jahreszei-
ten), und die Reformation hat auch schon spezielle
Bußtage eingeführt; mit dem heutigen Datum und als
Institution, wie wir sie kennen, hat sich der Bußtag in
Deutschland aber erst im 19. Jahrhundert (in Süd-
deutschland gar erst im 20. Jahrhundert) durchgesetzt.
Hier Luthers Auslegung von Psalm 130 in den Buß-
psalmen (Fassung von 1525), WA 18, 517-521.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5867 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 1

Martin Luther

Letzter Sonntag des Kirchenjahres


(Totensonntag – Ewigkeitssonntag)

Matth. 25, 1-13

[WA 17, II, 264–268]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5868 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 2

Dann wird das Himmelreich gleich sein zehn Jung-


frauen, die ihre Lampen nahmen und gingen aus,
dem Bräutigam entgegen. Aber fünf unter ihnen
waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten
nahmen ihre Lampen; aber sie nahmen nicht Öl mit
sich. Die klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen
samt ihren Lampen. Da nun der Bräutigam lange
ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der
Bräutigam kommt; gehet aus, ihm entgegen! Da
standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre
Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den
klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen
verlöschen. Da antworteten die klugen und spra-
chen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht
genug sein; gehet aber hin zu den Krämern und
kaufet für euch selbst. Und da sie hingingen, zu kau-
fen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gin-
gen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür ward
verschlossen. Zuletzt kamen auch die andern Jung-
frauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er
antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage
euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn
ihr wisset weder Tag noch Stunde (in welcher des
Menschen Sohn kommen wird).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5869 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 3

In diesem Evangeliumstext wird von uns gefordert,


daß wir stets wachen und auf den Herrn warten sollen,
weil wir nicht wissen, wann dieser Tag des Herrn
kommen wird. Er wird da sein, ehe wir uns umsehen,
plötzlich wird er uns überfallen und heimsuchen.
Dazu vermahnen uns auch dringlich die Apostel, wie
Paulus 1. Thess. 5, 1-3: »Von den Zeiten aber und
Stunden, liebe Brüder, ist nicht not euch zu schreiben,
denn ihr selbst wisset genau, daß der Tag des Herrn
wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie
sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, dann
wird sie das Verderben schnell überfallen, gleichwie
der Schmerz ein schwangeres Weib, und werden nicht
entfliehen.« Deshalb zeigt das heutige Evangelium in
Summa nichts anderes an, als daß wir wachen und
nicht allzu sicher sein sollen, weil wir nicht wissen,
wann der Tag des Herrn kommen wird. Dazu ermahnt
auch der Herr (Matth. 24, 42-44): »Darum wachet,
denn ihr wisset nicht, welchen Tag euer Herr kommen
wird. Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausvater
wüßte, zu welcher Stunde der Dieb kommen wollte,
so würde er ja wachen und nicht in sein Haus einbre-
chen lassen. Darum seid ihr auch bereit! Denn des
Menschen Sohn kommt zu einer Stunde, da ihrs nicht
meinet.« Das wird alles gegen unsere Sicherheit ge-
sagt, die wir allzu sicher sind und immer denken, es
habe keine Not, der Jüngste Tag komme noch lange
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5870 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 4

nicht. Dagegen rufen Christus und die Apostel immer


wieder, wir sollen wachen und in steter Furcht stehen,
daß uns dieser Tag nicht unvorbereitet finde. Die da
wachen, werden den Herrn gnädig finden, die aber
sicher sind, denen wird er ungnädig begegnen.
Das heutige Gleichnis zeigt uns, wie es mit der
christlichen Kirche beschaffen ist. Wenn wir vom
Glauben, vom Evangelium, von der Hoffnung und
von der Liebe reden, ja wenn wir nur von dieser Stük-
ke einem reden, so ist das vom Himmelreich geredet.
Wenn nun von diesem Reich gepredigt wird, so neh-
mens etliche von Herzen an und lassens sich ernst
damit sein. Sie glauben dem Wort, und ihr Glaube tut
sich kund in guten Werken. Sie lassen ihre Lampen
leuchten vor der Welt, denn sie sind mit Lampen und
Öl, das heißt mit Glauben und Liebe, wohl ausgerü-
stet. Die werden uns durch die klugen Jungfrauen ver-
sinnbildlicht. Daneben gibt es auch andere. Die neh-
men das Evangelium zwar auch an, aber nur nachläs-
sig und lassens sich keinen Ernst damit sein. Sie tun
wohl viele gute Werke, aber es fehlt ihnen am Glau-
ben. Sie meinen, sie wolltens mit den Werken aus-
richten, sind sicher und denken, es habe keine Not,
Gott lasse sich mit den Werken abfertigen. Die wer-
den uns durch die törichten Jungfrauen versinnbild-
licht. In der Schrift heißen die töricht, die da dem
Worte Gottes nicht gehorchen und ihrem Kopf nach-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5871 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 5

folgen. Sie lassen sich nicht raten, sondern meinen,


ihr Vornehmen sei das beste. Aber ihnen geht es zu-
letzt so, wie es hier den törichten Jungfrauen geht.
Diese beiden Arten Menschen gibt es in diesem
Reich, wo das Evangelium und das Wort Gottes ge-
predigt wird und wo die Übung des Glaubens im
Schwange geht, wenn auch nur einige folgen und an-
dere nicht. Unser Gleichnis redet nicht von den Ver-
folgern des Evangeliums, die sind schon vorher ge-
richtet und aus diesem Reich verstoßen, sondern es
redet von denen, die zu diesem Reich gehören. Auch
die Törichten werden Jungfrauen genannt, das heißt,
sie tragen auch den Christennamen und gehören in
das Reich. Sie tun auch gute Werke, ja ihre Werke
scheinen besser als die der anderen. Aber was fehlt
ihnen? Sie treiben es nicht mit Ernst. Sie suchen das
Ihre und nicht Gottes Ehre allein. Es ist keine wahre
Furcht bei ihnen. An der Freude wollen sie wohl teil-
nehmen, sie wollen alle zur Hochzeit. Ihrer sind viele,
und sie haben sämtlich Lampen in der Hand, aber sie
sind nicht mit Öl versorgt. Wenn der Bräutigam, der
Herr Christus, am Jüngsten Tage kommen wird, da
werden ihrer wenige mit ihm zur Hochzeit hineinge-
hen. Es waren gar viel Menschen auf Erden, als die
Sinflut kam. Dennoch gingen mit Noah nur acht See-
len in die Arche. So wird es auch hier zugehen. Viele
werden den Anschein haben, als wären sie Christen.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5872 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 6

Aber wenige werden mit dem Bräutigam zur Hochzeit


eingehen. Da werden dann die törichten Jungfrauen,
das heißt die Heuchler, die auf ihre Werke vertraut
haben, zu den klugen Jungfrauen, das heißt zu den
rechtschaffenen Christen, die allein auf die Barmher-
zigkeit und die Güte Gottes vertrauen, gehen und
sagen: »Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen
verlöschen.« Ja freilich verlöschen die Lampen, wo
kein Öl ist. Die Werke tuns nicht, das ist sicher. Du
kannst dir mit deinen Werken keinen wirklichen Trost
verschaffen. Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist es,
wo du Trost und Hilfe suchen mußt. Wem Gott die
beweist, der hats. Darum sagen die klugen Jungfrauen
zu den törichten: »Nein, sonst würde es für uns und
euch nicht genug sein.« Das ist ein Donnerwort gegen
die, welche sich auf Verdienste der Heiligen und an-
derer Menschen verlassen. Denn keiner hat deren
selbst genug, geschweige denn, daß er etwas übrig
habe, es anderen mitzuteilen. Deshalb werden sie,
wenn sie kommen und anklopfen und gern zur Hoch-
zeit hineingehen möchten, wie die törichten Jungfrau-
en hören müssen: »Ich kenne euch nicht.« Die da hin-
ein sollten, sind drinnen. Das wird dann ein schreckli-
ches Urteil sein. Dann werden sie von allen Heiligen,
ja, von allen Kreaturen verlassen sein. Denn wen der
Herr nicht kennt, den kennt niemand.
Darum laßt uns fleißig acht haben auf dieses
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5873 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 7

Gleichnis, denn es ist uns gesagt. Und laßt es uns mit


dem Evangelium ein Ernst sein, laßt uns nicht schla-
fen oder uns zu sicher fühlen. Denn ehe wirs gewahr
werden, so wird der Bräutigam, der Herr Christus,
kommen. Wer dann bereit ist, der gehet mit ein in die
Hochzeit. Das sagt uns auch der Herr, wenn er dies
Gleichnis schließt. Er erklärt es uns selbst, warum ers
uns gesagt hat, und spricht: »Darum wachet; denn ihr
wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Men-
schen Sohn kommen wird.«
Ein Wort steht noch in unserem heutigen Evange-
lium, das uns sehr tröstlich sein soll. Es spricht
davon: »Da nun der Bräutigam lange ausblieb, wur-
den sie alle schläfrig und schliefen ein.« »Alle«, sagt
der Text, das heißt sowohl die Klugen wie die Törich-
ten, schlafen ein. Auch die Klugen schlafen, das heißt
auch die rechten Christen sündigen zuweilen. Gott
kann in seinem Reich auch Sünder leiden, wenn man
die Sünde nur erkennt, wenn man nur auftut, wenn er
anklopft. Solange Fleisch und Blut in den Christen
ist, wird bei ihnen auch Sünde bleiben. Aber das ist
unser Trost, daß wir wissen, daß sie uns nicht scha-
den. Und wenn wir Gott bitten, so vergibt er sie uns,
wie 1. Joh. 2, 1 f. sagt: »Meine Kindlein, solches
schreibe ich euch, auf daß ihr nicht sündigt. Und ob
jemand sündiget, so haben wir einen Fürsprecher bei
dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und der-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5874 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 8

selbe ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht al-


lein aber für die unseren, sondern auch für die der
ganzen Welt.« Und im Vaterunser bitten wir täglich:
»Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben un-
seren Schuldigern.« Glauben wirs, so geschieht es uns
mit Sicherheit, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5875 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 9

Editorische Bemerkung

Auch für den letzten Sonntag des Kirchenjahres ist


die Auswahl nicht einfach, da die Texte aus Jes. und
Offb. Joh. von vornherein ausscheiden, weil keine
Predigten Luthers zu ihnen überliefert sind und auch
die Predigten zu den anderen Texten nicht ohne
Schwierigkeiten zu verwenden sind. Zu 2. Petr. 3, 3
ff. haben wir die Auslegung in den Reihenpredigten
zum 2. Petrus- und Judasbrief von 1523/24. WA 14,
66-73 ist hier 2. Petr. 3, 3-14 behandelt, aber die fort-
laufende Auslegung des Textes läßt keine für diesen
Band verwendbare, in sich geschlossene Predigt ent-
stehen. Die Predigten zu Luk. 12, 35-43 sind entwe-
der sehr frühen Datums (11. November und 6. De-
zember 1519, WA 9, 420 f., 431) und wegen ihrer
Kürze hier nicht zu verwenden, oder aber in ihrer
Herkunft umstritten (WA 45, 384-386 aus »Viel fast
nützlicher Punkt«). So bleibt als einzige die in Roths
Festpostille WA 17, II, 270-280, aber abgesehen
davon, daß eine Vorlage nicht nachweisbar ist (ob-
wohl offenbar eine Lutherquelle vorliegt), ist der In-
halt nicht den Erwartungen des Benutzers dieses Ban-
des in bezug auf eine Predigt zum letzten Sonntag des
Kirchenjahres entsprechend. Bleiben die Predigten zu
Matth. 25, 1-13. Es sind nur drei. Die erste (WA 10,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5876 Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Matth. 25, 1-13 10

III, 352-361 = WA 17, 2, 495-496) ist wegen ihrer


allzu allegorischen Auslegung des Gleichnisses nicht
verwendbar, die zweite (WA 45, 386-389) unterliegt
Bedenken wegen ihrer Überlieferung in der Samm-
lung »viel fast nützlicher Punkt« (zumindest ist eine
Parallelüberlieferung in den Predigten Luthers nicht
nachweisbar). So bleibt tatsächlich nur die Predigt
WA 17, II, 264-268 in Roths Festpostille übrig. Sie
ist notgedrungen gewählt worden, wenn die Vorlage
dafür auch nicht nachweisbar ist.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5877 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 1

Martin Luther

Kirchweihtag
Luk. 14, 1-6

[WA 49, 588–604, 613–614]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5878 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 2

Und es begab sich, daß er kam in ein Haus eines


Obersten der Pharisäer an einem Sabbat, das Brot
zu essen; und sie lauerten ihm auf. Und siehe, da
war ein Mensch vor ihm, der war wassersüchtig.
Und Jesus hob an und sagte zu den Schriftgelehrten
und Pharisäern und sprach: Ists recht, am Sabbat
zu heilen oder nicht? Sie aber schwiegen stille. Und
er faßte ihn an und heilte ihn und ließ ihn gehen.
Und er sprach zu ihnen: Welcher ist unter euch, dem
sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen fällt, und
der nicht alsbald ihn herauszieht am Sabbattage?
Und sie konnten ihm darauf nicht Antwort geben.

Meine lieben Freunde, wir wollen jetzt dies neue


Haus einsegnen und unserem Herrn Jesus Christus
weihen. Das gebührt nicht mir allein, sondern ihr sollt
auch zugleich mit angreifen, auf daß dieses neue Haus
dahin gerichtet werde, daß nichts anderes darin ge-
schehe, als daß unser lieber Herr selbst mit uns rede
durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm
reden durch unser Gebet und Lobgesang. Damit es
recht und christlich eingeweihet und gesegnet werde
nach Gottes Befehl und Willen, wollen wir deshalb
anfangen, Gottes Wort zu hören.
Unser Evangelium hält uns eine Disputation vor,
die Christus mit den Juden über den Sabbat halten
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5879 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 3

muß. Nun gehört dies Stück vom Sabbat in den Kate-


chismus, da man im dritten Gebot sagt: »Du sollst
den Feiertag heiligen.« Dies war den Juden ein beson-
ders ernstes Gebot und für einen besonders bestimm-
ten Tag, nämlich den Sonnabend, zu halten auferlegt.
Es war ihnen kein Scherz um den Sabbat. Deshalb
verdrießt es sie, daß Christus eben am Sabbat die
Kranken gesundmacht, und sie beschuldigen ihn, als
halte er den Sabbat nicht.
Wir aber wissen, wie der Sabbat zu halten sei,
denn wir haben es von unserem Herrn, dem Sohn
Gottes, gelernt. Es ist wahr, daß dem jüdischen Volke
zur damaligen Zeit der besondere Tag des Sabbats be-
stimmt war. Aber wir, die wir im Reich unseres Herrn
Christus sind, sind nicht daran gebunden, sondern wir
sind alle Priester (wie 1. Petr. 2, 9 geschrieben steht),
daß wir alle zu aller Zeit und an allen Orten Gottes
Wort und Werk verkündigen sollen. Und aus allen
Personen, Geschlechtern und Ständen sollen beson-
ders die zum Predigtamt berufen werden, welche die
Gnade und ein Verständnis der Schrift haben, andere
zu lehren. Christus selbst sagt (Mark. 2, 27 f.): »Der
Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und
nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist des
Menschen Sohn ein Herr auch über den Sabbat.« So
sind auch alle, die an Christus glauben, ebenso Her-
ren des Sabbats. Wir haben die Freiheit, wenn uns der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5880 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 4

Sabbat oder auch der Sonntag nicht gefällt, so können


wir den Montag oder einen anderen Tag in der Woche
nehmen und einen Sonntag daraus machen. Doch so,
daß es ordentlich dabei zugehe und es ein Tag oder
eine Zeit sei, die uns allen gelegen ist, und daß es
nicht in eines jeden Gewalt stehe, für sich etwas Be-
sonderes zu machen in den Dingen, welche die ganze
Gemeinde oder sogar die ganze Kirche angehen.
Weil nun aber der Sonntag ganz allgemein als
unser Feiertag angenommen ist, so bleibe es so, nur
daß wir Herren darüber seien und nicht er über uns.
Hier sollen wir zusammenkommen, um Gottes Wort
zu hören und ihn miteinander anzurufen, in aller Not
zu ihm zu beten und ihm für empfangene Wohltaten
zu danken. Kann es nicht unter einem Dach oder in
einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem frei-
en Platz unter dem Himmel, oder wo Raum dazu ist,
aber doch so, daß es eine ordentliche, allgemeine, öf-
fentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden
einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in
heimliche Winkel gehen soll, auf daß man sich dort
verstecke.
Da ist der Vorteil dabei, wenn die Christen so zu-
sammenkommen, daß das Gebet noch einmal so stark
gehet wie sonst. Man kann und soll zwar überall an
allen Orten und zu allen Stunden beten. Aber das
Gebet ist nirgendwann so kräftig und stark, als wenn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5881 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 5

die ganze Gemeinde einträchtig miteinander betet.


Lerne hier von Christus, was das rechte Verständnis
des Sabbats sei und wie man den Unterschied zwi-
schen dem äußerlichen Gebrauch des Sabbats, was
Zeit, Stunde oder Ort anbetrifft, und den notwendigen
Werken der Liebe festhalten soll. Die will Gott zu
jeder Zeit, zu allen Stunden und an allen Orten, wo es
die Not erfordert, gehalten haben, auf daß man wisse,
daß der Mensch des Sabbats Herr sei und ihn nach
seiner oder seines Nächsten Bedürfnis gebrauchen
kann.
Von diesem Unterschied wissen die Heuchler
nichts und können nichts davon wissen, weil sie allein
das äußerliche Werk, den Tag zu feiern, in diesem
Gebot ansehen und für nötig halten. Zwar halten sie
es selbst nicht, wenn es ihnen von Nutzen oder nötig
ist, sie wollen z.B. ihren Ochsen und ihren Esel nicht
ungetränkt lassen, aber ihres Nächsten Not achten sie
gar nicht. Da wollen sie das Gebot so streng halten,
daß sie keinem die Hand reichen, wenn sie auch
sehen, daß er ihrer Hilfe bedürfe.
Wir wissen aber durch Gottes Gnade, wie dies
Gebot vom Sabbat zu verstehen ist: nicht ganz müßig
sitzen und nichts tun, wie es unsere tollen Heiligen
träumen, sondern als erstes Gottes Wort rein und hei-
lig predigen. Zum zweiten, daß wir Gottes Wort, das
wir gehört haben, in unser Herz schließen, daß es in
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5882 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 6

uns Kraft und Frucht bringen möge und daß wir uns
öffentlich dazu bekennen, daß es wahr sei, und daran
festhalten in Leben und Tod. Zum dritten, wenn wir
Gottes Wort gehört haben, daß wir auch ein Opfer zu
Gott hinaufbringen, nämlich daß wir ihn miteinander
anrufen und zu ihm beten, daß wir ihn loben und ihm
mit Freuden danken für alle seine Wohltaten, zeitliche
und ewige, und alle Wunderwerke, die er bei seiner
Kirche tut. Alles, was in solcher Versammlung der
ganzen Gemeinde oder Kirche geschieht, ist ein eitel
heilig, göttlich Geschäft und Werk und ein heiliger
Sabbat, mit dem Gott recht und heilig gedient und
allen Menschen geholfen wird.
Denn daß ich predige, wenn wir zum Gottesdienst
zusammenkommen, das ist nicht mein Werk noch
Tun, sondern geschieht um eurer aller willen und im
Namen der ganzen Kirche. Es muß nur einer sein, der
da redet und auf Anordnung und mit Zustimmung der
anderen das Wort führet, die sich jedoch damit, daß
sie die Predigt hören, auch zu dem Wort bekennen
und so auch andere lehren. Wenn ein Kind getauft
wird, so tut das nicht nur der Pfarrer, sondern auch
die Paten als Zeugen, ja die ganze Kirche wirkt daran
mit. Denn die Taufe ebenso wie das Wort und Chri-
stus selbst ist ein Gemeingut aller Christen. Sie beten,
singen, predigen, taufen, danken alle miteinander, und
nichts ist hier, was einer für sich allein habe oder tue,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5883 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 7

sondern was ein jeder hat, das ist auch des anderen.
Das heißt recht den Sabbat heiligen und Gott recht
zu unserer Seligkeit dienen. Und damit wird auch dem
Nächsten gedient, denn durch die Lehre und das
Gebet, welches der höchste Dienst und Wohltat ist,
wird ihm auf ewig geholfen. Aber vergiß nicht, daß
du ihm auch in seiner leiblichen Not helfest, und zwar
überall da, wo du siehest, daß er deiner Hilfe bedarf.
Denn das hat Gott auch geboten, und dies Gebot soll
nicht allein außerhalb des Sabbats, sondern zu aller
Zeit und Stunde, d.h. auch am Sabbat gehalten wer-
den. In dem Gebot: »Du sollst den Feiertag heiligen«
sind die Werke der Liebe und der anderen Gebote
nicht verboten. Wenn ich meinen Nächsten in Not
und Gefahr seines Leibes und Lebens sehe, darf ich
nicht an ihm vorübergehen, wie der Priester und Levit
im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, und ihn
liegen und verderben lassen. Denn dann werde ich
unter dem Vorgeben, den Sabbat reinzuhalten, ein
Mörder an meinem Bruder. Sondern ich soll ihm die-
nen und helfen, wie der Samariter getan hat.
Das sei jetzt genug gesagt von dem Evangelium zur
Einweihung dieses Hauses. Und da ihr es nun, liebe
Freunde, mit dem rechten Weihwasser des Wortes
Gottes habt besprengen helfen, so greift nun auch mit
mir an das Räucherfaß, das ist, zum Gebet, und laßt
uns Gott anrufen und zu ihm beten: zuerst für seine
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5884 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 8

heilige Kirche, daß er sein heiliges Wort bei uns er-


halten und allenthalben ausbreiten wolle, daß er auch
dieses Haus rein erhalte, wie es jetzt eingeweihet ist,
in der Heiligung durch Gottes Wort, daß es nicht
durch den Teufel entheiligt oder verunreinigt werde
mit seiner Lüge und falschen Lehre.
Laßt uns danach beten auch für alles Regiment und
allgemeinen Frieden in deutschen Landen, daß Gott
auch den gnädiglich erhalten und stärken wolle. Laßt
uns beten auch für unsere Obrigkeit, alle Stände, hohe
und niedere, daß sie alle Gottes Wort ehren, Gott
dafür danken, ihrem Amt gut vorstehen, treu und ge-
horsam seien und dem Nächsten christliche Liebe er-
zeigen. Denn das will Gott von uns allen haben, und
das ist das rechte Werk der Christen, daß man um das
alles ernstlich bitte, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5885 Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6 9

Editorische Bemerkung

Von vornherein stand fest, daß als Predigt für den


Kirchweihtag nur die Predigt Luthers zur Einweihung
der Torgauer Schloßkirche am 5. Oktober 1544 in
Betracht kam. Zwar hatte diese Predigt Luk. 14, 1-11
zum Text, also eine Perikope, die eigentlich für den
17. Sonntag nach Trinitatis bestimmt ist, und für die
sich dementsprechend S. 369 ff. bereits eine Predigt
findet (womit die Möglichkeit einer Verwendung der
HP ausschied). Aber – einmal ganz abgesehen von
der wahrhaft klassischen Bedeutung dieser Kirch-
weihpredigt Luthers – es erwies sich zusätzlich, daß
für die Kirchweihperikopen mit Ausnahme zweier
sehr früher und nicht verwendbarer Kirchweihpredig-
ten (von 1516? WA 4, 670-674; 17, II, 507-514) und
einer Postillenpredigt (WA 17, II, 496-507), alle zu
Luk. 19, 1-10, keine Predigt Luthers vorliegt. Mit um
so besserem Gewissen wurde also die Torgauer Pre-
digt gewählt. Und zwar blieb, aus inhaltlichen Grün-
den, die Wiedergabe auf den ersten Teil der Predigt
mit Luk. 14, 1-6 beschränkt (WA 49, 588-604, 613
f.).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5886 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 1

Martin Luther

Reformationstag
Joh. 2, 13-17

[WA 46, 725–748]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5887 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 2

Und der Juden Ostern war nahe, und Jesus zog hin-
auf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel sitzen,
die da Ochsen, Schafe und Tauben feilhielten, und
die Wechsler. Und er machte eine Geißel aus Strik-
ken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den
Schafen und Ochsen und verschüttete den Wechslern
das Geld und stieß die Tische um und sprach zu
denen, die die Tauben feilhielten: Traget das von
dannen und machet nicht meines Vaters Haus zum
Kaufhause! Seine Jünger aber gedachten daran,
daß geschrieben steht: »Der Eifer um dein Haus hat
mich gefressen.«

Manche Fragen bleiben bei diesem Evangelium: wann


dies geschehen sei und wie der Bericht bei Matthäus
und Johannes zusammenzufügen sei. Aber diese Fra-
gen will ich nicht auflösen. Denn wenn wir das rechte
Verständnis der Schrift und die rechten Artikel unse-
res Glaubens haben, daß Jesus Christus, Gottes Sohn,
für uns gestorben sei und für uns gelitten habe, so
kommt es nicht sehr darauf an, ob wir auf manches,
was wir gefragt werden, nicht antworten können, ob
z.B. diese Tempelreinigung einmal oder zweimal
stattgefunden habe usw.
Gott befiehlt denen, die das Wort Gottes hören,
daß sie den Priestern auch zu essen und zu trinken
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5888 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 3

geben sollen, wie Mose den Kindern Israel geboten


hat, daß sie den Leviten ihre Nahrung und ihren Un-
terhalt geben sollten. Der Herr Christus hat im Neuen
Testament zu seinen Jüngern, als er sie aussandte, ge-
sagt (Luk. 10, 7): »Esset und trinket, was man euch
gibt.« Das ist nicht unrecht, daß ein Prediger von der
Gemeinde ernährt wird, und deshalb wird die Taufe
und das Evangelium nicht verkauft noch ums Geld ge-
geben. Ich soll dir umsonst predigen, und du sollst
mich umsonst ernähren. So geschieht es recht. Aber
wenns so zugeht, wie hier erzählt wird, daß alle Sa-
kramente in der Kirche um der Ochsen und Schafe
usw. willen verkauft werden, wie sie denn predigen:
du mußt opfern, da stehets übel. Denn das heißt ge-
kauft und verkauft. Das ist reiner Handel, wie es im
Papsttum auch war. Weil die Priester in Jerusalem nur
ihren Vorteil suchten, alles anstehen ließen, was Gott
ihnen gegeben hatte, und sich nur um das kümmerten,
was ihrer Habsucht diente, deshalb nimmt sich der
Herr des Tempels an, wird zornig, macht eine Geißel
aus Stricken und treibt sie alle zum Tempel hinaus.
Das ist aber wohl eine Frage wert, weshalb der
Herr hier mit der Faust eingreift, obwohl er doch
zuvor alles durchs Wort allein getan hat. Wie kommt
es, daß er sich so stellt, als wollte er mit Gewalt re-
gieren wie ein weltlicher Herr, während er doch ge-
kommen ist, ein anderes Reich anzurichten, nicht ein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5889 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 4

Reich der Welt, sondern auf daß er mit Predigen, Leh-


ren, Strafen und Trösten die Menschen lehrte, wie sie
sich gegen Gott verhalten sollten, daß sie an den Sohn
glaubten; wenn sie es nicht täten, daß es mit ihnen
verloren wäre. Zwar ist im Propheten Jesaja auch ge-
weissagt, daß er einen Stab mitbringen würde, aber:
»Mit dem Stabe seines Mundes wird er den Gewalttä-
tigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den
Gottlosen töten« (Jes. 11, 4). Er wird die Gottlosen
schlagen mit dem Stabe seines Mundes, d.h. mit dem
Wort Gottes. Das geschieht, wenn Gott die Welt, die
ungläubig ist, verdammt und zurechtweist und sagt:
Wer nicht glaubt, der ist verloren, wer nicht gottselig
und ehrbar lebt, der ist schon tot und gerichtet. Da ist
das Schwert des göttlichen Wortes, damit verdamme
ich alles, was die Menschen tun, und stelle die ganze
Welt unter die Sünde. So hat Christus das Schwert
des Mundes, nicht das Faustschwert. Das Wort Got-
tes ist sein Schwert, mit dem er die ganze Welt straft.
Warum nimmt er dann das Faustschwert? Wie
kommt es, daß er hier gegen die Priester des Tempels
so hart und unfreundlich handelt und mit der Faust
dreingreift und sich dessen annimmt, was sonst der
weltlichen Obrigkeit gebührte? Darauf soll man so
antworten: Das Alte Testament ist noch nicht abge-
schafft. Der Herr steht zwischen dem Alten und dem
Neuen Testament, zwischen dem, was Mose im Volk
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5890 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 5

Israel gestiftet hatte, und dem, was Christus nach sei-


nem Tode durch seinen heiligen Geist und durch die
Predigt des Evangeliums einrichten sollte. Christus
hält das Gesetz in vielen Stücken: er läßt sich be-
schneiden, läßt im Tempel opfern, geht alle Jahre
dreimal zum Fest nach Jerusalem wie andere Leute,
denn das hat Gott im Alten Testment geboten. Ebenso
gebietet er den Aussätzigen, daß sie sich den Priestern
nach dem Gesetz zeigen sollen.
Das ist alles das Gesetz des Mose und gehört nicht
zum Neuen Testament. Umgekehrt läßt er am Sabbat
die Ähren ausraufen (Matth. 12, 1 ff.), heilt den Kran-
ken am Sabbat (Joh. 5, 16) und sagt: »Des Menschen
Sohn ist ein Herr auch über den Sabbat« (Matth. 12,
8). Hier handelt der Herr nicht wie ein Schüler des
Mose, sondern als einer, der unter dem Neuen Testa-
ment ist, in welchem das Gesetz des Mose aufgeho-
ben sein und ein geistliches Regiment durch die Pre-
digt des Evangeliums in der ganzen Welt eingerichtet
werden sollte.
Diese Tat hier tut der, der sich unter das Gesetz ge-
stellt hat, und zeigt damit an, daß er ein Herr sei, der
beide Regimente in seiner Hand habe: lehren und mit
der Tat strafen. Nach dem Gesetz des Mose greift er
die Sache hier mit der Faust und mit der Tat an. Er
hat den Tempel reinigen wollen, weil die Herrschaft
des Mose noch bestand.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5891 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 6

Deshalb soll man diese Tat Christi nicht zum Vor-


bild nehmen. Uns gebührt nicht, so zu handeln, denn
wir sind Christus nicht gleich, er ist ein Herr über
Mose. Das sind wir nicht, es ist niemand über Mose
gesetzt als Christus. Bis ans Ende der Welt sollen die
zwei Regimente nicht ineinander gemengt werden,
wie das zur Zeit des Alten Testaments im jüdischen
Volk geschah, sondern sie sollen voneinander ge-
trennt und geschieden bleiben, will man das rechte
Evangelium und den rechten Glauben halten. Wir sol-
len die Kirche regieren mit dem Wort, mit dem
Schwert des Mundes. Wer darauf nichts gibt noch
etwas danach fragt, der fahre immer hin. Was frage
ich denn danach, du wirsts einmal noch innewerden.
Ich vermahne euch: Sehet zu, daß ihr bei der Unter-
scheidung bleibet, denn werden beide Regimente mit-
einander vermengt, so wird nichts draus. Wenn die
Obrigkeit sagt: Hörst du, Prediger, lehre mir so und
so, schilt und strafe nicht so, so ists miteinander ver-
mengt. Umgekehrt, wenn ein Prediger auch fordert:
Hörst du Obrigkeit, du sollst Recht sprechen, wie ich
will, so ists auch unrecht. Denn ich soll sagen: Du
hast deine Rechte, Gesetze, Gewohnheiten und Weise,
darum sollst du nicht nach meinem Kopf und Willen
oder nach meiner Schrift Recht sprechen, sondern
nach deinen Gesetzen.
Das sei zu der Frage gesagt, weshalb Christus mit
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5892 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 7

der Faust eingreift und die Käufer und Verkäufer aus


dem Tempel treibet. Seine Jünger verwunderten sich
darüber, aber der Evangelist setzt dazu: »Seine Jünger
aber gedachten daran, daß geschrieben steht: Der
Eifer um dein Haus hat mich gefressen« (Ps. 69, 10).
Wir wissen, was des Herrn Christus Jünger für Men-
schen gewesen sind: nicht kluge Hohepriester, Phari-
säer und Schriftgelehrte, sondern sie waren arme Fi-
scher, einfache Leute. Dennoch kennen sie den Psalter
und haben die heilige Schrift so gelernt, daß sie es be-
halten und daran gedacht haben. Dieses Vorbild der
Jünger soll uns auch anreizen, daß wir Gottes Wort
gern hören, glauben und annehmen, die Absolution
empfangen und das Sakrament gebrauchen. Es ist
nicht zu verwundern, daß die Jünger in Galiläa den
Spruch aus dem Psalm behalten haben, aber das ist zu
verwundern, daß sie ihn eben auf diese Tat deuten
können, als sei er von der Austreibung aus dem Tem-
pel geredet und sonst nichts anderem. Das tut Chri-
stus wehe, daß er in seines Vaters Hause solchen
Greuel und Jammer sehen soll, durch den die Seelen
jämmerlich verderbt werden. Darüber ist er unwillig,
daß seine Kirche und Stiftung so geschändet und miß-
braucht werden sollte. Es ist ihm zu tun um die Erhal-
tung des göttlichen Wortes und die armen Menschen,
die so um ihre Seligkeit gebracht werden. Auch uns
sollte aus heiligem großem Eifer das Herz schier ver-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5893 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 8

zehrt werden, wenn wir sehen, wie die Welt mit Ab-
göttereien so jämmerlich betrogen und verführt wird.
Deshalb ist das Wort nicht allein von Christus gere-
det, sondern auch von allen Predigern des göttlichen
Worts, ja von allen Menschen. Es sollte uns von Her-
zen wehe tun, wenn die Kirche so verwüstet wird. Je
frommer ein Pfarrer ist, um so mehr soll er diesen
Eifer fühlen. Unser aller Amt wäre es, daß wir um
Gottes Wort eiferten und uns des greulichen Unwe-
sens mit Ernst annähmen. Wer dies täte, der verstünde
diesen Vers recht, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5894 Reformationstag. Joh. 2, 13-17 9

Editorische Bemerkung

Zu diesem Text gibt es keine Einzelpredigt Luthers,


geschweige denn eine Nachschrift Rörers. Deshalb
wurde die Predigt zu Joh. 2, 13 aus der »Auslegung
des ersten und zweiten Kapitels Johannis in Predig-
ten« von 1537/38 übernommen. Hier (WA 46,
725-737) wird in der Predigt am 9. Februar 1538 der
Text jedoch nur bis Vers 16 ausgelegt, mit Vers 17
beginnt eine neue Predigt. Deshalb ist aus dieser Pre-
digt vom 23. Februar 1538 die Auslegung von Vers
17 hinzugenommen worden (WA 46, 738-748). Zu
dem Aurifaberschen Druck tritt für unsere (und einige
andere) Predigten als Kontrollmöglichkeit die in
Zwickau erhaltene Nachschrift durch Johann Stoltz
hinzu.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther