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5296 Sonntag Oculi. Luk.

11, 14-28 1

Martin Luther

Sonntag Oculi
Luk. 11, 14-28

[HP 123–128;
WA 37, 317–322]

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Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm.


Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der
Stumme. Und das Volk verwunderte sich. Etliche
aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Gei-
ster aus durch Beelzebub, ihren Obersten. Andere
aber versuchten ihn und begehrten von ihm ein Zei-
chen vom Himmel. Er aber erkannte ihre Gedanken
und sprach zu ihnen: Ein jegliches Reich, wenn es
mit sich selbst uneins wird, das wird wüste, und ein
Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch
mit sich selbst uneins, wie will sein Reich bestehen?
weil ihr saget, ich treibe die bösen Geister aus
durch Beelzebub. Wenn aber ich die Geister durch
Beelzebub austreibe, durch wen treiben eure Söhne
sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn
ich aber durch Gottes Finger die hösen Geister aus-
treibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.
Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht,
so bleibt das Seine in Frieden. Wenn aber ein Stär-
kerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt
er ihm seinen Harnisch, darauf er sich verließ, und
teilt den Raub aus. Wer nicht mit mir ist, der ist
wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zer-
streut.
Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen
ausfährt, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht
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Ruhe und findet sie nicht; so spricht er: Ich will wie-
der umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen
bin. Und wenn er kommt, so findet ers gekehrt und
geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben an-
dere Geister zu sich, die ärger sind als er selbst;
und wenn sie hineinkommen, wohnen sie da, und es
wird hernach mit demselben Menschen ärger als
zuvor.
Und es begab sich, da er solches redete, erhob
eine Frau im Volk die Stimme und sprach zu ihm:
Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die
Brüste, die du gesogen hast. Er aber sprach: Ja,
selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.

Das heutige Evangelium handelt, wie ihr hört, vom


Teufelaustreiben und ist eben in der Absicht auf diese
Zeit gelegt (wie das vor acht Tagen), daß man sich
durch Reue, Buße und Beichte hat bessern und den
Teufel austreiben sollen. Man lese dies Evangelium
aber heute oder morgen, im Sommer oder in der Fa-
stenzeit, so ists sehr reich, darin uns unseres lieben
Herrn Christus Werk vor Augen gehalten wird, wel-
ches nicht allein dazumal geschehen ist, sondern es
soll bleiben bis an der Welt Ende und solange sein
Reich auf Erden bleibt.
Und es wird uns deshalb vorgeschrieben und gepre-
digt, daß wir das lernen und darüber getröstet werden
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sollen. Denn das sollen wir wissen, daß solch Werk,


daß der Herr den Teufel austreibt, nicht aufhört, son-
dern in der Christenheit für und für bis an den Jüng-
sten Tag vor sich geht. Wo Christi Reich ist, da ge-
schieht dies Wunderwerk, daß der Stumme redet, der
Blinde sieht und der Taube hört. Christus ist gekom-
men und hat solch Werk leiblich angefangen, aber die
Christenheit übt dies Werk geistlich immer für und
für bis an der Welt Ende.
Zu solchem Werk hat Christus seine Werkzeuge:
die heilige Taufe, das hochwürdige Sakrament, das
Wort, die Absolution und anderes, was zum Predigt-
amt gehört, hinter sich gelassen, daß man dem Teufel
sein Reich damit zerstören, ihm die Leute wegfangen
und ihn aus den Menschen vertreiben soll usw. Denn
so steht Jes. 55, 11 geschrieben: »Mein Wort soll
nicht leer zu mir zurückkommen«. Gleichwie der
Regen, der auf ein dürres Land fällt, nicht ohne
Frucht abgeht, es grünet hernach und wird alles leben-
dig; so schafft auch Gottes Wort mit Sicherheit im-
merdar bei etlichen Frucht. Denn der Heilige Geist
will allwege bei dem Wort sein, dadurch die Herzen
erleuchten, anzünden und reinigen und so von des
Teufels Tyrannei und Gewalt erlösen.
Wenn das nun auch bei der Welt kein großes Anse-
hen hat und mit leiblichen Augen nicht gesehen wird,
wie dazumal, da es von Christus leiblich geschah,
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darauf kommt es nicht an. Denn die Welt ist ohnehin


nicht wert, daß sie ein einziges Fünklein von Gottes
Wunderzeichen und Werken erkenne, sondern sie soll
blind, toll und taub sein, schänden, schmähen und lä-
stern, wie wir sehen, daß sie dem Herrn Christus hier
tut. Aber wir Christen, die das Wort haben und an-
nehmen, sollens sehen und wissen und uns von Her-
zen dessen trösten, daß Gott uns die Gewalt hier auf
Erden gelassen hat, daß wir ohne Unterlaß Teufel
geistlich und leiblich austreiben können, ja, sollen
und müssen.
Denn ein jegliches Kind, das zur Welt kommt, das
wird in des Teufels Reich geboren, wo er als ein Herr
des Todes regiert und alle Tyrannei der Sünden wegen
übt. Man trage es aber nach dem Befehl Christi hier-
her zur seligen Taufe und spreche über es die Worte,
die Christus befohlen hat, so wird das Kind zum
Reich Gottes wiedergeboren und muß der Teufel wei-
chen und ausfahren. Denn da wird dem Kind von Gott
durch Christus Gottes Gnade zugesagt, sintemal es in
den Tod Christi getauft wird. Wenn ein armes, be-
trübtes Gewissen, das der Teufel mit einem schweren
Fall überfallen und sonst durch Anfechtung verletzt
hat, zu mir kommt, mir seine Not klagt und Trost und
Unterricht begehrt, da habe ich und ein jeder Christ
Befehl, daß ich meinen Bruder trösten und ihm Gottes
Gnade durch das Verdienst Christi zusagen soll. Da
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muß der Teufel auch weichen, nicht mir, der ich ein
armer Sünder und elender Mensch bin, sondern dem
Wort, welches unser lieber Herr Christus uns auf
Erden gelassen hat. Ebenso, wenn du ein verzagtes,
erschrockenes Gewissen hast und kannst den Trost
nicht fest genug ergreifen, daß Gott dir gnädig sein
und deine Sünde vergeben wolle, da hat unser lieber
Herr Jesus sein Abendmahl zum sicheren Trost ver-
ordnet, auf daß du – weil dir sein Leib und Blut zur
Speise und Trank gegeben wird, keine Ursache ha-
best, ferner zu zweifeln, daß sein Leib für deine
Sünde hingegeben und sein Blut für deine Sünde ver-
gossen sei. Wo aber solcher Glaube und Vertrauen
ist, da ists unmöglich, daß der Teufel länger seinen
Sitz behalten könnte und die Herberge nicht räumen
müßte.
Deshalb sollen wir von dem Wort Gottes und den
heiligen Sakramenten nicht verächtlich noch schimpf-
lich reden. Wahr ists, das Wort, das gepredigt wird,
ist ein leibliches Wort, und die Personen, die das
Wort predigen, sind leibliche Menschen. Aber wenn
solch Wort nach dem Befehl Christi gepredigt und
mit dem Glauben erfaßt wird, so ist solche Kraft hin-
ter dem Wort, daß der Teufel davor fliehen muß. So
hat Gott seine allmächtige Gewalt in solch geringes
Werkzeug und schwaches Gefäß gesteckt. Denn wir
Menschen sind ja gegen den Teufel wie ein Stroh-
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halm. Wo er seine Gewalt wider uns üben sollte oder


könnte, sollte er uns in einem Augenblick schnell
wegreißen. Was tut aber unser Herrgott? Er zündet
nur ein Fünklein wider solchen hoffärtigen, mächtigen
Geist an, das ist, er gibt dem armen Strohhälmlein
sein Wort in den Mund. Dieses Wort ist ein himmli-
sches Feuer, welches, wo es leuchtet, den Teufel so
brennt, daß er nicht weiß, wo er bleiben soll.
Das heißt ja eine allmächtige Gewalt, wie Paulus
(Röm. 1, 16) das Evangelium eine Kraft Gottes nen-
net, die da selig macht alle, die daran glauben. Das ist
eine solche Macht und Stärke, die Gottes Stärke heißt
und so kräftig ist, daß sie den Menschen aus der
Sünde zur Gerechtigkeit, aus dem Tode ins Leben,
aus der Hölle in den Himmel, aus des Teufels Reich
in Gottes Reich bringt und ewig selig macht. Das laß
mir eine wunderbare, allmächtige Kraft sein, daß das
Wort in dem armen Strohhalm so mächtig und kräftig
ist, daß es den Teufel verjagt und dem Menschen, der
an das Wort glaubt, von Sünde und Tod zur Gerech-
tigkeit und ewigem Leben hilft.
Solches sollen wir Christen lernen und Gott dafür
danken und sein Wort und die heiligen Sakramente
herrlich und groß, ja als unsern höchsten Schatz ach-
ten. Die Unchristen aber wissen das nicht, sinds auch
nicht wert, daß sie solche herrliche Majestät und Kraft
des Wortes Gottes sehen sollten, nach dem Spruch:
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Der Gottlose muß hinweg, auf daß er die Herrlichkeit


Gottes nicht sehe. Und wie Jesaja von den Juden sagt
(6, 9): »Höret und verstehts nicht, sehet und merkets
nicht«, so sollen diese auch das Wort hören und grei-
fen und dennoch seine Kraft nicht verstehen, denn sie
sinds nicht wert.
Wir aber sollen Gott dafür danken, ihn loben und
preisen, daß wir solche treffliche, herrliche Majestät
und Kraft des Worts erkennen und erfahren. Wenn
wir auch gleich arme Bettler und Sünder, jene aber
reich und heilig sind, haben wir dennoch alles und
sehen des Wortes Kraft, welches jene nicht haben
noch sehen, wie Paulus (2. Kor. 6, 10) sagt: »Als die
Armen, aber die doch viele reich machen, als die
nichts haben und doch alles haben«. Es ist aber nicht
unsere, sondern Gottes Kraft, durch die wir den Teu-
fel austreiben. Er wehret sich auch kräftig und wirft
uns wieder hinaus, so daß wir uns so wohl miteinan-
der hinauswerfen. Aber zuletzt wird er so hinausge-
worfen, daß er uns nicht mehr wird hinauswerfen kön-
nen.
So geht das Wort noch immerdar in der Christen-
heit, das da heißt: Teufel austreiben, die Blinden se-
hend, die Stummen redend und die Tauben hörend
machen, und geht in ebenso großer Kraft, als es ging,
da Christus gegenwärtig war. Ja, es geht in größerer
Kraft. Geschieht es nicht leiblich, so geschiehts doch
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geistlich, denn es ist viel größer und mehr, daß man


den Teufel aus der Seele und dem Herzen treibe, als
daß man ihn aus dem Leib treibe; denn in der Seele
und im Herzen sitzt er viel fester als im Leibe. Darum
gehört eine größere Stärke und Kraft dazu, soll man
ihn aus der Seele und dem Herzen reißen. Nun muß
der Teufel da heraus, wo er am festesten sitzt, und ge-
schieht solch Austreiben, wie gesagt, durch so eine
geringe Sache, nämlich durchs Wort, die Absolution,
die Taufe, das hochwürdige Abendmahl. Solche
Macht hat uns Christus gegeben, der gebe uns auch
Gnade, daß wir solche Wohltat erkennen, fröhlich und
dankbar dafür seien.
Weiter folgt im Evangelium, was die Scheinheilige,
die Jungfrau Welt, dazu sagt, wenn sie dies Werk
sieht und hört. Denn hier finden sich über dem Werk,
da der Teufel ausgetrieben wird und der Stumme
redet, dreierlei Schüler. Die ersten verwundern sich
über solches Werk Christi und danken ohne Zweifel
Gott dafür. Das sind die Frommen und das kleine
Häuflein, denen die Augen aufgetan sind und welche
die Herrlichkeit und Kraft des göttlichen Werks
sehen. Der andere Haufe Schüler sind die rechten
Scheinheiligen, welche, wie gesagt, dies Wunderwerk
nicht allein nicht sehen noch vernehmen, sondern
auch lästern. Diese aber sind so blind, verstockt, toll
und töricht, daß sie nichts Treffliches an so großem
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Wunderwerk ersehen können, ja sie tun das Gegen-


teil. Da sie sich über das Werk verwundern sollten,
fahren sie zu, lästerns und schreiben es dem Teufel
zu. Das ist eine so große Blindheit, Verstockung und
Raserei, daß sie kein Mensch mit Worten erreichen
kann.
Die dritten Schüler sind auch sehr fromm, begehren
ein Zeichen vom Himmel. Sie sehen wohl das Wun-
derwerk, aber sie haltens für kein rechtes Zeichen.
Denn sie sagen: Es ist wohl ein Zeichen, daß er den
Teufel austreibt, aber es ist ein kleines, geringes Zei-
chen, es ist ein Zeichen auf Erden. Wenn er uns ein
Zeichen vom Himmel gäbe, so wollten wir glauben.
Daß er Teufel austreibt, das ist nichts. Wenn er aber
eine neue Sonne, neuen Mond, neue Sterne oder der-
gleichen am Himmel machte, das wäre etwas. Das
sind die naseweisen Doktoren, die unsern Herrgott
lehren wollen, was er für Zeichen tun soll. Sie wollten
gern, daß er ihr Gaukler würde, eine Narrenkappe an-
zöge und vor ihnen mit Wunderzeichen spielte, wie
sie wollten, gerade als hätte unser Herrgott sonst
nichts zu tun, als daß er ihnen ihren Vorwitz befrie-
digte, gleichwie Herodes ihn auch für einen Gaukel-
mann ansah und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm
sehen. Heutigen Tages wirst du solche Schüler in der
Welt auch finden, und derer über die Maßen viel und
am meisten unter den großen Leuten, habe nur gut
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5306 Sonntag Oculi. Luk. 11, 14-28 11

Acht drauf.
Solches ist uns nun zum Trost gesagt, damit wir
uns nicht daran kehren, sondern wissen, daß es das
rechte Evangelium ist, wenn wir sehen, daß sich drei-
erlei Schüler oder Jünger finden. Die ersten lobens,
lassen es sich gefallen und verwundern sich darüber.
Die andern sind öffentliche Feinde, lästern und schän-
den es. Die dritten wollten gern, daß es Gott nach
ihrem Kopf und nicht nach seinem Gefallen machte.
Solche Schüler hat das Evangelium in der Welt für
und für. Die ersten hören und lieben es. Die andern
verfolgen es von außen. Die dritten treten es inwendig
mit Füßen. Daran dürfen wir uns nicht kehren, gleich-
viel sie nehmens an, lästern es oder treten es mit
Füßen. Wenn wir Prediger sagen, was zu sagen ist, so
haben wir unsere Seele errettet. Wer nicht folgen will,
der mag hinfahren, bis er inne wird, wen er verachtet,
geschändet und gelästert hat.
Darum lasset uns Gott für solche Gnade danken,
daß er uns zu Hilfe seinen Sohn gegen den Teufel ge-
schickt hat, ihn auszutreiben, und sein Wort bei uns
gelassen hat, durch welches noch heutigen Tages
solch Werk geübt, des Teufels Reich zerstört und das
Reich Gottes erbauet und gemehret wird. In solcher
Gnade wolle uns Gott durch seinen Sohn und Heili-
gen Geist gnädig erhalten, Amen.

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Editorische Bemerkung

Acht Nachschriften Rörers sind erhalten, die WA 37,


317 bis 322 abgedruckte (Predigt von 1534) ist von
HP wie Dietrich als Vorlage gewählt, allerdings
bringt Dietrich »Luthers Predigt in ziemlich freier
Weise, besonders gegen den Schluß«, während
Rörer/Poach »ziemlich genau seiner Nachschrift«
folgt und sich nur zum Schluß anscheinend an Diet-
rich anlehnt.

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5308 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 1

Martin Luther

Sonntag Laetare
Joh. 6, 1-15

[HP 129–131;
WA 36, 349–352]

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5309 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 2

Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer,


daran die Stadt Tiberias liegt. Und es zog ihm viel
Volks nach, darum daß sie die Zeichen sahen, die er
an den Kranken tat. Jesus aber ging hinauf auf den
Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern. Es
war aber nahe Ostern, der Juden Fest. Da hob Jesus
seine Augen auf und sieht, daß viel Volks zu ihm
kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir
Brot, daß diese essen? Das sagte er aber, ihn zu
prüfen; denn er wußte wohl, was er tun wollte. Phil-
ippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergro-
schen Brot ist nicht genug unter sie, daß ein jegli-
cher ein wenig nehme. Spricht zu ihm einer seiner
Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es
ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und
zwei Fische; aber was ist das unter so viele? Jesus
aber sprach: Schaffet, daß sich das Volk lagere. Es
war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei
fünftausend Mann. Jesus aber nahm die Brote,
dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten;
desgleichen auch von den Fischen, wieviel sie woll-
ten. Da sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jün-
gern: Sammelt die übrigen Brocken, daß nichts um-
komme. Da sammelten sie und füllten von den fünf
Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die übrig-
blieben denen, die gespeist worden. Da nun die
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5310 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 3

Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, spra-


chen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die
Welt kommen soll. Da Jesus nun merkte, daß sie
kommen würden und ihn greifen, damit sie ihn zum
König machten, entwich er abermals auf den Berg,
er selbst allein.

Dies Wunderwerk, da unser lieber Herr Jesus Chri-


stus mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen fünftau-
send Mann in der Wüste gespeist hat, ist uns vorge-
schrieben, daß man es in der Christenheit für und für
predigen, hören, fassen und lernen solle. Die Ursache,
warum man es vorgeschrieben hat, ist nämlich, daß
wir Gott vertrauen sollen, daß er uns ernähren wolle.
Denn kein Ding in der Welt hindert den Glauben so
sehr, wie Mammon oder Reichtum auf einer Seite und
Armut auf der andern Seite. Wer reich ist und etwas
hat, der schlägt Gottes Wort in den Wind und läuft
mit Füßen darüber, wie das Evangelium von denen
berichtet, die zum großen Abendmahl geladen sind
und wegen ihres Ackers, Ochsen, Weib usw. nicht
kommen können, Luk. 14, 15 ff. Wer arm ist, der tut
alles, was dem Teufel und der Welt gefällt, auf daß er
sich der Armut erwehre.
So gehts nirgends recht zu, weder zur Rechten noch
zur Linken. Die Reichen verachten Gott, meinen, sie
bedürfen Gottes und seines Worts nicht. Die Armen
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5311 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 4

sagen: Wie kann ich mich des Worts annehmen, dem


gehorsam sein und folgen? Ich bin arm, ich muß zu
essen und zu trinken haben; wer etwas von den Men-
schen haben will, der muß süß reden und tun, was sie
wollen, ob er schon nicht gern will. Da werden denn
Huren, Buben und gottlose Menschen draus, die alles
tun, was die Menschen wollen, so daß also Reichtum
zur Rechten und Armut zur Linken Gottes Wort und
den Glauben immerdar hindern.
Wider diese zwei Stücke, welche auf beiden Seiten
verhindern, daß es recht zugeht, predigt hier der Herr
und macht einen Mittelweg, nämlich, weder zu reich
noch zu arm sein, sondern Gott zu vertrauen lernen,
daß er uns ernähren werde, und sich an dem genügen
lassen, was Gott täglich beschert. Bist du nicht reich,
so sollst du gleichwohl nicht darben noch Not leiden.
Gott will dir so viel zu essen schaffen wie ein König
zu essen hat, der nicht mehr hat als ein Christ. Denn
was kann ein König mehr, ob er schon ein groß Kö-
nigreich hat, als essen, trinken, sich kleiden, warme
Stube und Bett haben? Er wird weder allen Wein, der
im Lande wächst, allein austrinken noch alles Geld
allein verzehren. Wenn er stirbt, so bringt er nichts
mehr davon, als daß er davon gegessen und getrunken
hat. Das soll ein jeglicher Christ auch haben: obschon
er nicht soviel hat wie ein König, bringt er doch so
viel davon wie ein König.
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5312 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 5

Darum will unser lieber Herr Christus mit diesem


Wunderwerk seinen Jüngern und Christen so viel pre-
digen und sagen: Ihr dürft nicht sorgen noch nach gro-
ßem Gut trachten, es soll euch wohl zufallen, wessen
ihr bedürft. Glaubt nur, daß euer himmlischer Vater
euch ernähren werde. Und auf daß ihr glauben könnet,
sehet, was ich euch hier vor die Augen stelle. Ich bin
auch arm und habe nichts. Da sind zweiundsiebzig
Jünger und zwölf Apostel und haben nicht mehr an
Speise als fünf Brote und zwei Fische. Über das sind
jetzt bei mir fünftausend Mann, und ein großer Teil
davon Weiber und Kinder; die wollen alle gern essen.
Nun sehet, ob ich schon arm bin, nur fünf Brote und
zwei Fische habe, und kein Brot hier in der Wüste feil
ist, so daß ich mehr kaufen könnte, dennoch soll mir
so viel daran gelegen sein, daß ich sie alle speisen
will, und so speisen, daß viermal soviel übrig bleiben
soll, als jetzt vorhanden ist. So will der Herr uns pre-
digen.
Da ists nun allein darum zu tun, daß man solches
lerne und erfasse. Denn in Armut und Mangel begin-
nen die Leute mit sich selbst zu disputieren und zu
sagen: Ich habe nur ein, zwei, fünf oder zehn Gulden,
nur ein Faß Bier, soviel Scheffel Korn; wenn das alle
ist, so ists aus, da ist nicht mehr. Wenn solche Gedan-
ken kommen, soll man an dies Wunderwerk denken
und sagen: Was ists denn weiter? Ich habe viel oder
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5313 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 6

wenig, so will ich glauben, Gott werde mich ernähren


und tun, was ihm wohlgefällt, und ihn sorgen lassen,
wo ich mehr nehme. Denn ich habe das Evangelium
predigen hören, daß Christus mit fünf Broten und
zwei Fischen fünftausend Mann in der Wüste gespeist
hat. Warum wollte ich denn zweifeln oder sorgen?
So sollen wir diese Geschichte brauchen, den Glau-
ben zu üben und zu stärken. Denn sie ist uns nicht
deshalb vorgeschrieben, daß man sie allein lese (sol-
ches kann der Teufel auch wohl), sondern daß sie uns
erinnere und erwecke, auf daß wir glauben und sagen:
Was Christus dazumal in der Wüste getan hat, das
kann und will er noch heute tun. Wenn ich ihm nur
vertraue, so soll ich zu essen haben: ists nicht ein
Überfluß, so soll es das Notwendigste sein.
Das andere Stück in diesem Evangelium ist, daß
unser lieber Herr Christus auffordert, die übrigen
Brocken zu sammeln, damit nichts umkomme. Das ist
auch eine nötige Lehre. Denn so gehts: wenn Gott
wenig gibt, so wollen die Menschen verzweifeln und
sorgen sich, sie müssen Hungers sterben. Wenn er
vollauf gibt, so werden sie ruchlos und verachten Got-
tes Segen. Sowenig unser Herrgott nun das Zagen und
Sorgen will, sowenig will er auch das Verschwenden.
Sondern er will, daß man die Mittelstraße gehe, daß
man ihm vertraue und das übrige in Vorrat halte.
Wenn etwas wohlfeil ist, sagt man, so soll man es
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5314 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 7

schon aufheben.
Das soll man nicht allein vom Brot verstehen, son-
dern auch von allen andern Gaben Gottes, sie seien
leiblich oder geistlich. Heutigen Tages geht Gottes
Wort im Schwang, und alle Künste blühen. Wie man
aber Gott dafür dankt und es aufhebt, das sieht man
vor Augen. Jedermann verachtet beides, Gottes Wort
und gute Künste, und läuft mit Füßen darüber. Wer
aber klug wäre, der sollte es sammeln und aufheben,
solange ers hat, auf daß ers finden könnte, wenn er
dessen bedürfen würde. Denn Gott will nicht allezeit
neu Brot schaffen, wenn man das übrige umkommen
läßt. Sondern er will, daß man aufhebe, was er ge-
schaffen und gegeben hat. Die heilige Schrift liegt
heute allenthalben wie Brocken, welche die Hunde
schier nicht fressen mögen. Ihr jungen Leute, schauet,
daß ihr Körbe seid und es sammelt. Denn es wird die
Zeit kommen, daß man gern ein einzig Blatt von dem
haben wollte, wovon man jetzt eine ganze Bücherei
voll hat. Und nach dieser wohlfeilen Zeit wird solche
Teuerung kommen, daß man gern eine einzige Predigt
haben wollte, da man jetzt hundert Predigten hat.
Wenn unser Herrgott gibt, so gibt er reichlich, daß
es im Überfluß da ist. Umgekehrt: wenn er weg-
nimmt, so nimmt ers so ganz hinweg, daß nicht ein
Körnlein übrig bleibt. Darum heißts: »Sammelt die
übrigen Brocken, daß nichts umkomme«. Ein guter
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5315 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 8

Hausvater soll aufheben und Vorrat halten, damit


nichts umkomme. Im weltlichen Regiment soll ein
guter Regent nichts verschleudern; wie Joseph in
Ägypten das Korn die sieben reichen Jahre hindurch
aufschüttete, auf daß er für die sieben teuren Jahre
hätte. So soll ein fleißiger Schüler auch in der Schule
lernen, weil die Kunst nach Brot geht. In der Kirche
soll man das Evangelium hören und lernen, solange
das Licht scheint, Joh. 12, 35. In Summa, man brau-
che die Zeit, ehe sie weggeht. Wenn die Zeit vorüber
ist, so sehe man, wie man wieder kriege, was man
versäumt hat. Wenn Gott einmal Brot gegeben hat, so
denke man daran und gehe sparsam damit um. Er will
nicht immerdar neu Brot geben, sondern will, daß du,
was übrig ist, aufhebst. Wenn du aber das Brot, das
vorhanden ist, verachten und verschwenden willst, so
magst du auch darben, wenn die Zeit kommt, daß du
es bedarfst.

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5316 Sonntag Laetare. Joh. 6, 1-15 9

Editorische Bemerkung

Die HP bietet zum Sonntag Laetare zwei Predigten


(acht Nachschriften Rörers sind erhalten), hier ist die
erste wiedergegeben (nicht bei Dietrich), welche am
17. November 1532 gehalten ist, die Nachschrift Rö-
rers findet sich WA 36, 349-352.

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5317 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 1

Martin Luther

Sonntag Judica
Joh. 8,46-59

[HP 135–137;
WA 37, 328–329]

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5318 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 2

Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen?


Wenn ich aber die Wahrheit sage, warum glaubet
ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes
Worte; darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht
von Gott.
Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm:
Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und
hast einen bösen Geist? Jesus antwortete: Ich habe
keinen bösen Geist, sondern ich ehre meinen Vater,
und ihr verunehrt mich. Ich suche nicht meine Ehre;
es ist aber einer, der sie sucht und richtet. Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort wird
halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich. Da
sprachen die Juden zu ihm: Nun erkennen wir, daß
du einen bösen Geist hast. Abraham ist gestorben
und die Propheten, und du sprichst: So jemand mein
Wort hält, der wird den Tod nicht schmecken ewig-
lich. Bist du mehr als unser Vater Abraham, welcher
gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben.
Was machst du aus dir selbst? Jesus antwortete:
Wenn ich mich selber ehre, so ist meine Ehre nichts.
Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von welchem
ihr sprecht: Er ist unser Gott, und kennet ihn nicht;
ich aber kenne ihn. Und wenn ich wollte sagen: Ich
kenne ihn nicht – so würde ich ein Lügner, gleichwie
ihr seid. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort.
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5319 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 3

Abraham, euer Vater, ward froh, daß er meinen Tag


sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da
sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünf-
zig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus
sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:
Ehe denn Abraham ward, bin ich. Da hoben sie Stei-
ne auf, daß sie auf ihn würfen. Aber Jesus verbarg
sich und ging zum Tempel hinaus.

Dieses ist ein sehr reiches und langes Evangelium, so


daß wirs in so kurzer Zeit nicht nach Bedürfnis und
Würde auslegen können. Deshalb wollen wir es, so-
viel unser Herrgott Gnade verleiht, in Kürze behan-
deln.
Zum ersten sagt unser lieber Herr Christus zu den
Juden: Ihr könnt mich weder der Lehre noch des Le-
bens halber schelten. »Wenn ich aber die Wahrheit
sage, warum glaubet ihr mir nicht?« Und er zieht
dann eine Schlußfolgerung: Wer von Gott ist, der hört
Gottes Wort. Ihr Juden höret nicht Gottes Wort, des-
halb seid ihr nicht von Gott, sondern vom Teufel.
Von dem werdet ihr auch euren verdienten Lohn emp-
fangen, nämlich den Tod und die Hölle.
Dies ist ein besonders schreckliches Urteil über die
Verächter des Worts, davor sich billig jedermann ent-
setzen und sich vor solcher Sünde hüten sollte. Aber
was hilfts? Die Verachtung des Worts nimmt allent-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5320 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 4

halben so überhand, daß keine allgemeinere Sünde in


der Welt ist als eben diese. Heutigen Tages verachtet
niemand Gottes Wort als Edel und Unedel, Geistlich
und Weltlich; Bauer und Bürger wollen es nicht hören
und laufen herum wie die wilden Tiere. Wir predigen
ihnen, wie wirs aufs beste können, aber sie wollen
nicht hören. Darum sind sie vom Teufel, der wird
ihnen auch lohnen, wie er den Juden und andern Ver-
ächtern gelohnet hat.
Aber höre, wie die Juden dem Herrn Christus auf
solch Urteil antworten: »Sagen wir nicht recht«, spre-
chen sie, »daß du ein Samariter bist und hast einen
bösen Geist?« Als wollten sie sagen: Du bist ein
durch und durch schlechter Kerl, du bist ein Heide
und lehrst dazu nicht recht, bist ein Verführer und
Teufelsapostel. So tun es heutigen Tages unsere Bür-
gerlein und Bäuerlein auch. Wenn wir sie wegen ihrer
greulichen Verachtung des Worts schelten, so fangen
sie an zu lästern und sprechen: Ihr Buben solltet das
Evangelium predigen, so wollt ihr uns schelten; ihr
lehrt nicht wie Christi Apostel, sondern wie der Teu-
fel selbst. Das müssen wir hören. Was wollen wir
aber viel klagen? Ist solches Christus selbst von sei-
nem eigenen Volk widerfahren, wie er in diesem
Evangelium lange klagt, daß sie ihn lästern, obwohl
er doch allein Gott zu Ehren und Lobe und den Men-
schen zur Besserung prediget, so werden wir es nicht
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5321 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 5

besser haben.
Das andere Stück ist, daß der Herr sagt: »Wahr-
lich, wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort
wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich«.
Da haben wir nicht allein die Ehre, daß die, welche
Gottes Wort hören, von Gott und Gottes Kinder sind,
sondern wir haben auch den Nutzen und Frommen
davon, daß wer Gottes Wort höret und hält, der wird
den Tod nicht sehen ewiglich. Das heißt, er wird nim-
mermehr sterben noch in die Hölle fahren, ja er wird
auch den leiblichen Tod nicht sehen, sintemal er keine
Sünde, sondern eitel Gnade und Gerechtigkeit sieht.
Natürlich pflegen wir zu erschrecken, wenn des Todes
Anblick kommt. Werden wir aber Christi Wort hal-
ten, das ist, glauben und nicht zweifeln, so sollen wir
den Tod nicht sehen, das ist, ewig nicht fühlen noch
erfahren, sondern gleichwie in einem Schlaf dahinfah-
ren und ewig leben.
Der Gottlosen Reim ist: Ich lebe und weiß nicht
wie lang, ich muß sterben und weiß nicht wann, ich
fahr' von dannen, weiß nicht wohin; mich wundert,
daß ich fröhlich bin. Die sinds, die den Tod sehen,
fühlen und erfahren, denn sie glauben dem Wort Chri-
sti nicht. Darum müssen sie sich vor dem Tod fürch-
ten und entsetzen, können ihm doch nicht entlaufen,
sondern müssen im ewigen Tode bleiben, weil sie die
kräftige, allmächtige Arznei nicht haben, Gottes
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5322 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 6

Wort, welches aus dem Tod ein ewiges Leben macht,


ja auch hier in dieser Zeit das ewige Leben anfängt.
Der Christen und Gläubigen Reim ist: Ich lebe, so
lang Gott will, ich sterbe, wann und wie Gott will, ich
fahr und weiß gewiß wohin, mich wundert, daß ich
traurig bin. Die sinds, die den Tod nicht sehen noch
fühlen. Wenn sie auch ein wenig vor dem Tod er-
schrecken (denn sie müssen auch, wie alle Adamskin-
der, sterben und den Tod leiden), sollen sie dennoch
nicht ewig tot sein noch des Todes Stachel im Herzen
erfahren, sondern einschlafen ohne Ängste und Sor-
gen.
So spricht Paulus (Röm. 1, 16): Das Evangelium
von Christus »ist eine Kraft Gottes, die da selig macht
alle, die daran glauben«. Das ist eben das, was Chri-
stus hier sagt: Wer mein Wort hält, das ist, fest
glaubt, der ist selig und siehet nicht den Tod, sondern
das ewige Leben. So eine große, gewaltige Sache ists
um die Kraft des Worts Christi, daß wo es im Herzen
mit festem Glauben angenommen wird, die Seligkeit
schon da und angefangen, und der Tod mit Sünde,
Teufel und Hölle in Christi Auferstehung und Sieg
schon überwunden und verschlungen ist.
Wer Gottes Wort hört, der hat deshalb beides –
Ehre und Nutzen – davon: Ehre, daß er von Gott und
Gottes Kind heißt und ist, Nutzen, daß ihn das Wort
selig macht, wenn er daran glaubt. Wenn er schon
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5323 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 7

auch krank sein und vom Teufel ein wenig angefoch-


ten werden und leiblich sterben muß, wenn das Stünd-
lein kommt, wird er doch bald danach die Seele auf-
geben, als schliefe er ein, und in Christi Schoß fahren.
Die Engel werden auf ihn warten und ihn auf den
Händen tragen, daß er seinen Fuß nicht an einen Stein
stoße, wie der 91. Psalm V. 12 sagt.
Wer Gottes Wort umgekehrt nicht hat, nicht hört
noch daran glaubt, der muß beides – Schande und
Schaden – haben: Schande, daß er vom Teufel und
des Teufels Kind heißt und ist; Schaden, daß er in sei-
nen Sünden verzweifeln und sagen muß: O, wo soll
ich nun hin? Ich muß sterben. Der sieht und fühlt den
Tod ewig. Das ist das andere Stück in diesem
Evangelium, daraus wir lernen sollen, daß wir Gottes
Wort in großen Ehren und herzlich lieb haben, als den
einzigen Schatz, der den Tod mit Sünde, Teufel und
Hölle wegnimmt, daß er auch nicht mehr gesehen
werden soll.
Das dritte Stück ist, daß der Herr sagt: »Abraham,
euer Vater, ward froh, daß er meinen Tag sehen sollte,
und er sah ihn und freute sich«. Und bald danach:
»Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe denn Abra-
ham ward, bin ich«. Da bekennt Christus selbst, daß
er wahrhaftiger, ewiger Gott sei. Denn kein Mensch,
wie heilig er auch ist, darf das von sich sagen und
rühmen, was Christus von sich selbst hier sagt: »Ehe
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5324 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 8

denn Abraham ward, bin ich«. Er sagt nicht: Ehe


denn Abraham ward, war ich; sondern er sagt: »Ehe
denn Abraham ward, bin ich«. Denn das gehört allein
Gott zu, daß er nicht geschaffen noch gemacht sei,
wie Abraham und andere Kreaturen. Gott heißt und
ist nicht geschaffen noch gemacht, sondern »Ich bin«,
das ist, ein Wesen, das weder Ende noch Anfang hat.
Denn Gott ist von Anfang und sein Wesen nimmt
kein Ende, sondern bleibet in Ewigkeit.
Das hat die Juden aber verdrossen, daß Christus
sagte, er sei Gott. Sie nehmens für eine Gottesläste-
rung und sagen: Das ist der leidige Teufel, daß dieser,
welcher als ein Mensch geboren ist, spricht, er sei
Gott. Sie werden darüber so heftig entrüstet, daß sie
nach Steinen greifen und ihn zu Tode werfen wollen.
Uns aber ists sehr tröstlich und ein sicherer Beweis
unsers Glaubens, in dem wir bekennen, Christus sei
natürlicher und ewiger Gottessohn. Und das ist die
Ursache dafür, daß Christi Wort so kräftig ist, daß es
alle selig macht, die daran glauben. Denn weil er
wahrhaftiger, ewiger Gott ist, so kann er auch allen
denen das Leben und die Seligkeit geben, die sein
Wort halten.
Hier ist auch gut darauf zu merken, daß der Herr
sagt: Abraham sah meinen Tag und freute sich. Das
ist so viel gesagt wie: Abraham hat gewußt, daß ich
ewiger, allmächtiger Gott Mensch werden sollte. Und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5325 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 9

in solcher Erkenntnis und in solchem Glauben auf


mein Wort ist er selig geworden und hat den Tod
nicht gesehen. Wo er sich nicht an mein Wort gehal-
ten hätte, so müßte er auch im ewigen Tod geblieben
sein. Aber er hat meinen Tag gesehen und hat sich ge-
freut.
Da werden die Juden zornig und sprechen: Ei, wie
kann das sein? Bist du doch gar nicht so alt, wie
kannst du denn Abraham gesehen haben, der zweitau-
send Jahre vor dir gewesen ist? Denn an seiner
menschlichen Natur sahen und fühlten sie, daß er
noch nicht fünfzig Jahre alt und nicht vor Abraham
gewesen war. Aber seine göttliche Natur, die er hat,
ehe denn Abraham ward, vor allen Kreaturen und vor
der ganzen Welt, sahen und fühlten sie nicht. Sie
konnten deshalb nicht zusammenreimen, daß Mensch
Gott sein solle, wie denn keine menschliche Vernunft
solches zusammenreimen kann.
Das sind die drei Stücke in diesem Evangelium in
Kürze angezeigt: das erste, daß wir Gottes Wort gern
hören und lernen sollen. Tun wir das, so werden wir
Gottes Kinder sein; tun wirs nicht, so werden wir des
Teufels Kinder sein. Das andere, von Kraft und Nut-
zen des Worts, nämlich daß es alle, die daran glau-
ben, selig macht, daß sie den Tod ewig nicht sehen
werden. Das dritte, daß Christus wahrhaftiger, ewiger
Gott ist, der solche Gewalt hat, daß wir durch sein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5326 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 10

Wort ewig leben können und nicht sterben werden.


Unser lieber Gott und Vater verleihe uns seine Gnade,
daß wir seinem Wort durch seinen Heiligen Geist fest
glauben und dadurch ewig selig werden mögen, um
seines lieben Sohnes Jesus Christus willen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5327 Sonntag Judica. Joh. 8,46-59 11

Editorische Bemerkung

Von den zwei Predigten der HP ist die zweite (1534


im Hause gehalten) gewählt (nicht bei Dietrich), ihr
liegt die WA 37, 328-329 abgedruckte Nachschrift
zugrunde (elf Nachschriften Rörers sind erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5328 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 1

Martin Luther

Sonntag Palmarum
Joh. 12, 12-19

[HP 137–139;
WA 37, 344–346]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5329 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 2

Des andern Tages, da viel Volks, das aufs Fest ge-


kommen war, hörte, daß Jesus käme nach Jerusa-
lem, nahmen sie Palmenzweige und gingen hinaus
ihm entgegen und schrieen: Hosianna! Gelobt sei,
der da kommt in dem Namen des Herrn, der König
von Israel! Jesus aber fand ein Eselsfüllen und ritt
darauf; wie denn geschrieben steht: »Fürchte dich
nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt,
reitend auf einem Eselsfüllen«.
Solches aber verstanden seine Jünger zuerst
nicht; aber als Jesus verherrlicht ward, da dachten
sie daran, daß solches von ihm geschrieben war und
man solches ihm getan hatte. Das Volk aber, das mit
ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von
den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging
ihm auch das Volk entgegen, da sie hörten, er hätte
solches Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen
untereinander: Ihr sehet, daß ihr nichts ausrichtet;
siehe, alle Welt läuft ihm nach!

Dieser Tag heißt der Palmsonntag, an welchem Tage


unser lieber Herr Jesus Christus zu Jerusalem einge-
ritten ist und die Schrift des Propheten erfüllt hat,
welche von ihm geweissagt war, daß er zu Jerusalem
auf einem Esel einreiten sollte (wie der Prophet Sa-
charja verkündigt hat und die Evangelisten Matthäus
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5330 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 3

und Johannes solch Zeugnis des Propheten anführen).


Dieser Tag sollte aber billig der Tag des Einzugs
Christi heißen. Denn da ist er von Galiläa und Kaper-
naum durch das ganze Land bis nach Jerusalem gezo-
gen und ist an diesem Tag zu Jerusalem auf einem
Esel eingeritten. Denn er hat auf das Osterfest zu Je-
rusalem sein und da sein Königreich einnehmen wol-
len, wie die Könige und Fürsten einzureiten pflegen,
daß das Land ihnen huldigen und schwören muß.
Weil aber Christi Reich ein geistliches und armes
Reich ist, mußte die Weissagung des Propheten Sa-
charja vorhergehen und dem Volk verkündigen, daß
ihr König einreiten würde: nicht prächtig und herr-
lich, wie die weltlichen Könige pflegen, sondern
sanftmütig und erbärmlich, auf daß die Juden, welche
diesen König verachteten, sich nicht entschuldigen
und sagen könnten: Wir Juden haben nicht gewußt,
daß dieser unser König wäre. Denn wie sollten wir
ihn angenommen haben? Ist er doch nicht eingeritten
wie ein weltlicher König einzureiten pflegt, sondern
ist auf einem Esel eingeritten, arm und elend!
Deshalb sagts der Prophet vorher, und der Einzug
geschieht eben in der Gestalt, wie er zuvor vom Pro-
pheten verkündigt und abgemalt ist, auf daß die Juden
keine Entschuldigung hätten. Dazu nennen ihn seine
Jünger öffentlich einen König. Und ob er gleich
nichts Eigenes hat, streuen sie doch Palmenzweige auf
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5331 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 4

den Weg und breiten ihre Kleider unter ihn, damit


wird er als ein König geehrt. Am allermeisten aber
wird er damit geehrt, daß das Volk ihm hinaus entge-
gengeht und von ihm singt: »Hosianna, gelobt sei, der
da kommt in dem Namen des Herrn, der König von
Israel«. Das ist die Ehre und die Huldigung, die die-
sem König von seinen Jüngern und vom Volk ge-
schieht.
Solches, sage ich, ist von dem Propheten Sacharja
lange zuvor verkündigt und beschrieben, auf daß die
Juden nicht auf große weltliche Gewalt, leibliche
Pracht und Herrlichkeit gafften. Deshalb sagt er:
»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion: Siehe, dein
König kommt zu dir, reitend auf einem Eselsfüllen«.
Als wollte er sagen: Du Tochter Zion, höre und merke
es mit Fleiß, der Einzug des Messias wird so zuge-
hen: dein König wird auf einem Esel einreiten; wenn
er aber gleich arm sein wird, wird er dennoch von sich
singen und sich als einen König ehren lassen. Darum
habe fleißig acht darauf, daß du ihn nicht versäumest,
sondern als deinen König annehmest. Er wird arm
einreiten, wird über die Stadt Jerusalem weinen, daß
sie ihn nicht annehmen will und daß es ihr so übel
gehen wird, deshalb weil sie ihren König verachtet
und die Zeit, in der sie heimgesucht wird, nicht er-
kannt hat.
Uns aber ist solches geschrieben, wird uns auch
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5332 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 5

von Jahr zu Jahr gepredigt, auf daß wir das Reich


Christi von der Welt Reich und den König Christus
von andern weltlichen Königen unterscheiden lernen.
Dieser König Christus kommt arm zu der Tochter
Zion und reitet auf einem Esel. Denn er regiert nicht
so in seinem Reich, daß man unter ihm Geld und Gut
sammeln, Krieg führen, reich und gewaltig auf Erden
werden könnte, was die weltlichen Könige lehren und
tun. Denn diese müssen darauf sehen, daß sie Frieden
in ihrem Land erhalten, auf daß ihre Untertanen in
Ruhe und Einigkeit leben und für ihre Nahrung sor-
gen können. Christus verwirft und verdammt das
wohl nicht, denn er ißt und trinkt auch mit als ein
Gast in dieser Welt. Aber in seinem Reich, darin er
König und Herr ist, lehrt er nicht, wie wir ackern,
pflügen, säen, ernten, haushalten, Geld sammeln,
Krieg führen, Land und Leute regieren sollen, sondern
befiehlt solches den weltlichen Königen und Herrn.
So ist dieser König von den weltlichen Königen
unterschieden, daß die weltlichen Könige und Herren
damit umgehen und lehren, wie man Haus und Hof,
Land und Leute regieren, Geld und Gut gewinnen,
reich und gewaltig werden solle, hier zeitlich auf
Erden. Aber dieser König Christus geht damit um und
lehrt, wie wir das Himmelreich ererben, ewig reich
und selig werden sollen, daß wir zu einem andern und
bessern Leben kommen können, da wir nicht mehr
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5333 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 6

(wie wir hier auf Erden tun müssen, um den Leib zu


erhalten) essen, trinken, arbeiten müssen.
Dort werden unsere Körper viel hübscher und
schöner sein als die liebe Sonne, da wird man nicht
mehr traurig noch schwach noch krank sein, sondern
ewig fröhlich, gesund, stark und frisch.
Denn Christus in seinem Reich lehrt uns durch sein
Wort, daß wir arme, verlorne Sünder seien, zum Tode
verdammt und dem Teufel unterworfen. Er aber habe
uns durch seinen Tod und Blut von allen Sünden,
vom Tode und von der Gewalt des Teufels erlöset, auf
daß wir durch den Glauben an ihn gerecht und selig
werden. Das ist eine andere Lehre, Weisheit und
Kunst als die der Vernunft, Juristen und weisen Leute
auf Erden, wie wir hier leben, Haus und Hof regieren,
Güter sammeln, Land und Leute schützen sollen usw.
Denn wenn wir hier gleich lange leben, regieren und
Güter sammeln, müssen wir doch endlich davon und
das alles hinter uns lassen.
Das ist nun die Ursache, weshalb Christus ohne
weltliche Pracht auf einem Esel und arm zu Jerusalem
eingeritten ist, daß er damit nicht allein die Schrift der
Propheten hat erfüllen, sondern auch die Art und Ei-
genschaft seines Reiches anzeigen wollen. Auf daß
wir nicht wähnen, er sei deshalb auf die Erde gekom-
men, damit wir von ihm hier auf Erden reich werden,
Schätze sammeln sollen usw., sondern damit wir wis-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5334 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 7

sen, er sei deshalb gekommen, damit wir von Sünde,


Tod und Teufel erlöset werden und er uns in jenem
Leben reich mache. Darum ists ihm zu tun, darum ist
er auf die Erde gekommen, und das ist seines Reiches
Art, Kraft und Frucht: daß wir aus diesem elenden,
sterblichen und stinkenden Leben in jenes selige,
klare und ewige Leben kommen sollen.
Ein solcher König war auch Jerusalem von Gott
durch die Propheten verheißen. Denn wo er hätte ein
weltlicher König sein und nach weltlicher Weise re-
gieren sollen, so hätte er nicht besonders von Gott
verheißen zu werden brauchen. Weil er aber beson-
ders von Gott verheißen ist, so kann er nicht ein welt-
licher König sein noch nach weltlicher Weise regie-
ren. David und andere Könige regierten nach weltli-
cher Weise, hatten Land und Leute, sammelten Schät-
ze usw. Dieser König aber ist der rechte König, von
Gott verheißen. Der hat ein geistliches, ewiges Kö-
nigreich, welches er mit eigener Kraft und Macht ge-
waltig durch sein Wort und den Heiligen Geist re-
giert.
Aber die Juden mochten diesen König nicht, ob er
schon zu ihnen gerecht und als ein Helfer kam, wie
der Prophet Sacharja sagt, und ewige, himmlische
Güter zu ihnen brachte. Dennoch achteten sie sein
nicht, weil er arm kam, auf einem Esel geritten.
Darum haben sie ihn versäumt und warten noch heuti-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5335 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 8

gen Tages auf einen andern, weltlichen König, der auf


einem hübschen Pferd einreite, auf einem güldenen
Sattel sitze, ein gülden Kleid anhabe, und da es in
Summa alles aufs herrlichste und prächtigste zugehe.
Aber sie warten vergebens und umsonst. Denn ein
solcher König ist ihnen nicht verheißen, darum wird
ihnen solcher König auch nicht kommen.
Wir Christen aber sollen diesen König recht erken-
nen lernen und all unsern Trost und Trotz auf jenes
Leben setzen, da wir ewig selig und ohne alle Sünde
und Gebrechen sein werden. Denn deswegen ist Chri-
stus gekommen, gekreuzigt, gestorben, von den Toten
auferstanden, gen Himmel gefahren und in sein Reich
getreten, damit er Sünde, Tod und Teufel uns zugut
überwände und durch sein Blut und den Heiligen
Geist alle Unreinheit vertreibe und von uns wegnäh-
me, auf daß alle, die an ihn glauben, gerecht und selig
werden und durch diesen zeitlichen Tod in sein ewi-
ges himmlisches Reich kommen.
So soll man diesen König Christus empfangen, daß
wir ihn als gerecht und als einen Helfer erkennen und
seiner durch die Kraft des Worts, der Sakramente und
des Glaubens zu jenem Leben teilhaftig werden. Denn
ein Christ ist nicht deshalb getauft, damit er hier auf
Erden Schätze sammle und reich werde – er kann
wohl ohne das Evangelium und ohne die Taufe Schät-
ze sammeln und reich werden. Sondern deshalb ist er
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5336 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 9

getauft, damit er durch Christus das ewige Leben er-


lange. Darum sollen wir auch das Evangelium und die
Taufe zum ewigen Leben gebrauchen. Ich bin deshalb
getauft und ein Christ, damit ich Christi Reich ererbe
und erlange. Habe ich aber Güter, so soll ich die ge-
brauchen für des Leibes Bedürfnisse, aber damit soll
ich mich nicht in den Himmel heben wollen.
Darum soll man Christi Reich von der Welt Reich
gut unterscheiden, wie er denn selbst solchen Unter-
schied mit seinem Einzug zu Jerusalem genügend an-
gezeigt hat. Er ist auf einem Esel ohne Sattel eingerit-
ten, hat dazu keinen eigenen Esel, sondern der Esel,
darauf er einreitet, ist entliehen. Er sitzt auch auf dem
Esel so, wie er geht und steht, barfuß, ohne Stiefel
und Sporen usw. Nach der Vernunft geht alles när-
risch zu. Und doch ist dieser Bettelkönig, der auf
einem Esel einreitet, der König Israels, von Gott ver-
heißen und von den Propheten verkündigt, wie die
Jünger auch singen: »Hosianna«, das ist, Glück zu
diesem Könige, zu seinem neuen Königreich! »gelobt
sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der
König von Israel«. Daraus ist klar und offenbar, daß
Christus zu Jerusalem nicht mit weltlicher Pracht ein-
gezogen ist, deren die weltlichen Könige brauchen,
die da Schätze und Güter hier auf Erden sammeln.
Deshalb ist er kein weltlicher König, noch hat er
solch Königreich, davon man auf Erden reich wird,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5337 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 10

sondern er ist ein ewiger König und hat ein ewiges


Königreich, darin man keines Goldes noch Silbers be-
darf und doch ewig keinen Mangel hat.
Aber die Welt verachtet diesen König und sein
Reich mit seinen ewigen Gütern aufs höchste und
kümmert sich allein um die zeitlichen Güter, wie Ge-
walt, Ehre und Reichtum auf Erden. Wir Christen
aber sollen hier auf Erden arbeiten und die Güter die-
ser Welt für unsere Bedürfnisse gebrauchen und doch
unsere Gedanken auf jenes Leben richten. Denn wir
müssen doch endlich davon und die Güter dieses
weltlichen Reichs hinter uns zurücklassen. Deshalb
sollen wir daran denken, wo wir dort bleiben wollen,
nämlich bei dem ewigen König Christus. Denn wenn
wir ihn hier empfangen werden, das ist, an ihn glau-
ben und seinem Evangelium gehorsam sind, dann
wird er uns umgekehrt dort empfangen und zu uns
sprechen: »Kommt her, ihr Gesegneten meines Va-
ters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von An-
beginn der Welt« (Matth. 25, 34).
Das hat uns unser lieber Herr Jesus Christus mit
seinem Einzuge zu Jerusalem anzeigen wollen, auf
daß wir ihn recht erkennen lernten und allein zur lin-
ken Hand hier auf Erden in dem Reich der Welt seien,
aber zur rechten Hand dort in jenem Leben, wie wir
denn auch auf das zukünftige Leben getauft sind. Gott
gebe uns seine Gnade, daß wir diesen König mit
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5338 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 11

Freuden empfangen und annehmen mögen und bei


ihm ewiglich bleiben, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5339 Sonntag Palmarum. Joh. 12, 12-19 12

Editorische Bemerkung

Die HP bietet hier die 1534 im Hause gehaltene Pre-


digt (Nachschrift Rörers WA 37, 344-346), während
Dietrich keine Predigt bringt und auf den 1. Advent
verweist.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5340 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 1

Martin Luther

Gründonnerstag
Luk. 22, 7-20

[HP 171–176;
WA 37, 347–352]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5341 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 2

Es kam nun der Tag der ungesäuerten Brote, an


welchem man das Osterlamm opfern mußte. Und er
sandte Petrus und Johannes und sprach: Gehet hin,
bereitet uns das Osterlamm, auf daß wirs essen. Sie
aber sprachen zu ihm: Wo willst du, daß wirs berei-
ten? Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hinein-
kommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen,
der trägt einen Wasserkrug; folget ihm nach in das
Haus, da er hineingeht, und saget zu dem Haus-
herrn: Der Meister läßt dir sagen: Wo ist das Ge-
mach, darin ich das Osterlamm essen kann mit mei-
nen Jüngern? Und er wird euch einen großen Saal
zeigen, der mit Polstern versehen ist; daselbst berei-
tet es. Sie gingen hin und fandens, wie er ihnen ge-
sagt hatte, und bereiteten das Osterlamm.
Und da die Stunde kam, setzte er sich nieder und
die Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mich
hat herzlich verlangt, dies Osterlamm mit euch zu
essen, ehe denn ich leide: Denn ich sage euch, daß
ich es hinfort nicht mehr essen werde, bis daß es
seine Erfüllung findet im Reich Gottes. Und er nahm
den Kelch, dankte und sprach: Nehmet ihn und teilet
ihn unter euch; denn ich sage euch: Von nun an
werde ich nicht trinken von dem Gewächs des Wein-
stocks, bis das Reich Gottes kommt.
Und er nahm das Brot, dankte und brachs und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5342 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 3

gabs ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für
euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.
Desselbigengleichen auch den Kelch nach dem
Mahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testa-
ment in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

Das ist ein Stück, das beim Abendmahl des Herrn ge-
schehen ist, welches Stück man gut von dem Sakra-
ment seines Leibes und Blutes unterscheiden soll.
Denn in diesem Stück wird gar nichts von dem Sakra-
ment des Leibes und Blutes Christi abgehandelt, son-
dern von dem Essen des Osterlammes, das Mose im
Alten Testament geboten hat. Im Gesetz steht so ge-
schrieben (2. Mose Kap. 12), daß die Juden am vier-
zehnten Tag des ersten Monats, nachmittags, das ist
zwischen abends um fünf oder sechs Uhr, das Fest der
ungesäuerten Brote anheben sollten, das ist, das
Osterfest. Das sollten sie sieben Tage lang halten und
allen Sauerteig und Brot, das gesäuert war, aus allen
ihren Häusern wegtun und die sieben Tage über
nichts anderes als süßes, ungesäuertes Brot essen.
Und am ersten Tage dieses Osterfests sollten sie das
Osterlamm essen.
Das alte Osterlamm des Mose mußten die Juden so
essen: sie mußten allesamt um ihre Lenden gegürtet
sein und ihre Schuhe an ihren Füßen haben und Stäbe
in ihren Händen und mußtens so essen, als die hinweg
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5343 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 4

eilen und in jeder Hinsicht vorbereitet sind davonzu-


laufen. Es war des Herrn Passah, darum mußten sie
allesamt geschuht, gegürtet und gerüstet sein als die
Pilger, die da bald davonzulaufen gedenken. Gleich-
wie ein Botenläufer vor dem Tisch steht und flugs in
Eile in sich hinein ißt und einen Trunk trinkt, daß er
sich erquicke, und geht davon: so mußten auch die
Juden ihr Osterlamm essen. So wird Christus auch ge-
standen oder, wie die Evangelisten sagen, gesessen
haben und seine Schuhe an seinen Füßen und seinen
Stab in seiner Hand gehabt haben, desgleichen auch
seine Jünger, und eilends gegessen, als wollten sie
jetzt davon.
So hat Christus die alten Ostern mit seinen Jüngern
gehalten. Und das soll man gut merken, daß mans von
dem Sakrament des Leibes und Blutes Christi recht
unterscheide. Wahr ists, man ißt und trinkt hier auch,
wie im Sakrament. Aber hier ist schlichtes Brot und
Wein, mit denen Christus dem alten jüdischen Oster-
lamm, Königreich, Priestertum, Predigt und Danksa-
gung für die Erlösung aus Ägypten den Abschied ge-
geben hat. Bald darauf aber setzt er ein und stiftet ein
neues Osterlamm, ein neues Königreich und Priester-
tum, eine neue Predigt und Danksagung wie folgt:
»Und er nahm das Brot, dankte und brachs und
gabs ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für
euch gegeben wird, das tut zu meinem Gedächtnis.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5344 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 5

Desselbigengleichen auch den Kelch nach dem Mahl


und sprach: »Dieser Kelch ist das Neue Testament in
meinem Blut, das für euch vergossen wird«.
Da setzt der Herr das Sakrament seines Leibes und
Blutes ein. Und diesen Text kann man sehr wohl be-
halten. Denn er ist nicht lang und ist dazu fein, hell
und klar. Unser lieber Herr Christus hat uns nicht mit
vielen Gesetzen beschweren wollen, wie das jüdische
Volk im Alten Testament beschweret war. Er nimmt
nicht mehr als Brot und Wein und spricht sein Wort
darüber: »Nehmet, esset, das ist mein Leib; trinket,
das ist mein Blut«, oder »dieser Kelch ist das Neue
Testament in meinem Blut«; item: »das tut zu meinem
Gedächtnis«. Da laßt uns nun die Augen auftun und
die Ohren schärfen und diese Worte sicher und fest er-
fassen.
Da er das Brot nimmt, spricht er: »Das ist mein
Leib«, und da er den Kelch nimmt, spricht er: »Das
ist mein Blut«, oder »das Neue Testament in meinem
Blut«. Darum bleibt hier nicht eitel Brot und Wein,
sondern das Brot ist sein Leib, den gibt er zu essen,
und der Wein ist sein Blut oder das Neue Testament
in seinem Blut, das gibt er zu trinken. Denn so lauten
die Worte: »Er nahm das Brot«, »er nahm den
Kelch«, und setzte die Worte hinzu: »Das ist mein
Leib«, »das ist mein Blut«, oder »dieser Kelch ist das
Neue Testament in meinem Blut«. Diese Worte ma-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5345 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 6

chen, daß das Brot sein Leib und der Wein sein Blut
ist.
Wer nun dieses Brot ißt, der ißt den wahrhaftigen
Leib Christi; und wer aus diesem Kelch trinkt, der
trinkt das wahrhaftige Blut Christi, er sei würdig oder
unwürdig.
Das soll man fest glauben. Denn die lieben Chri-
sten sollen Gott die Ehre tun und bekennen, daß, was
Gott sagt, das kann er auch tun; wie Paulus von Abra-
ham schreibt, daß er so getan habe (Röm. 4, 21). Wer
ein Christ sein will, der soll sich nicht bekümmern,
wie das sein könne, daß Brot Christi Leib und Wein
Christi Blut sei. Viele wollen Gott mit ihrer Vernunft
messen und begreifen, und weil sichs mit ihrer Ver-
nunft nicht reimet, meinen sie, Gott könne es auch
nicht tun. Was ists aber, daß man sich schon lang
darum bekümmert? Und wenn man sich auch schon
zerrisse, so wird man dennoch unsern Herrgott mit
menschlicher Vernunft nicht begreifen können. Denn
unser Herrgott ist nicht ein solcher Gott, der sich von
menschlicher Vernunft messen, begreifen und fassen
ließe, und seine Werke und Worte sind auch nicht sol-
che Werke und Worte, die menschlicher Vernunft un-
terworfen wären. Es heißt, wie Paulus (Eph. 3, 20)
sagt: Gott kann »überschwenglich tun über alles, was
wir bitten oder verstehen«. Was ists denn, daß wir
uns darüber zu Tode martern und uns unterstehen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5346 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 7

Gottes Wort und Werk so zu beurteilen und festzuset-


zen, daß sie sich zu unserer Vernunft schikken und
reimen sollen? Sondern so solls sein: Ist es Gottes
Wort, so ist Gott allmächtig und wahrhaftig, was er
sagt, das kann er auch tun.
Darum sollen wir bei diesen hellen, klaren Worten
fest bleiben, da unser Herr Christus sagt, das darge-
reichte Brot sei sein Leib und der dargereichte Kelch
oder Wein sei sein Blut oder das Neue Testament in
seinem Blut. Und wir sollen einfältig dahingehen und
ohne allen Zweifel glauben, es sei so, wie die einfälti-
gen Kinder tun. Wir sollen Christus für solche Gnade
danken, fröhlich darüber sein und unser Herz stärken
und darauf sehen, warum es Christus getan habe, und
nicht disputieren und fragen, ob ers tun könne. Es
sind vorwitzige Herzen, welche nichts danach fragen,
warum es Christus so gemacht habe, sondern allein
fragen, ob ers so machen könne.
Es ist ein sehr verdrießlich Ding, wenn man in Got-
tes Werken so handeln will, daß sie sich mit unserer
Vernunft reimen sollen. Denn wenn wir die Kreaturen
nicht ausmessen noch die Dinge begreifen können,
darinnen wir täglich leben und uns bewegen: wie wol-
len wir denn das ausmessen und begreifen, was Gott
allein in seinem Wort anzeigt und darin wir nicht
leben und uns bewegen? Darum sollen wir Gott die
Ehre geben und ihn allmächtig und wahrhaftig sein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5347 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 8

lassen und glauben, was er sagt, daß ers auch tun


könne. Daß eine Kuh Heu und Gras frißt, das kannst
du beurteilen, dafür reicht deine Vernunft, ebenso für
Gold, Silber, Stein, Holz, Korn usw. Was man daraus
machen soll, kannst du beurteilen, da sei so klug, wie
du kannst. Aber was Gott tut und schafft, da laß alle
Gelehrten, Klugen und Weisen mit ihrer höchsten
Vernunft und Kunst hervortreten und laß sie es dispu-
tieren, befragen und erforschen, so wird dir dennoch
niemand gründlich sagen können, wie das Allerge-
ringste zugehe, was Gott tut.
Darum sollen wir Gottes Wort und Werk undispu-
tiert und unbefragt lassen und allein danach fragen,
wer es geredet und getan habe, ob es Gott geredet
habe oder ein Mensch, ob es Gottes Werk oder eines
Menschen Werk sei. Ist es Gottes Wort und Werk, so
tue deine Augen zu, disputiere und frage nicht, wie es
zugehe, sondern glaube, daß Gott allmächtig und in
seinen Worten und Werken wahrhaftig sei. Ich soll
mich im Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes taufen lassen und glauben, daß ich
durch dieses Bad im Wort von allen meinen Sünden
rein werde, und soll nicht disputieren, wie es zugehe.
Denn da steht Gottes Wort, Befehl und Verheißung:
»Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker, taufet
sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes« (Matth. 28, 19). »Wer da glaubet
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5348 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 9

und getauft wird, der wird selig« (Mark. 16, 16).


So sagt Christus hier auch mit klaren, deutlichen
Worten: »Nehmet, esset, das ist mein Leib; trinket,
das ist mein Blut, das tut zu meinem Gedächtnis«.
Darum wird im Abendmahl unter dem Brot und Wein
wahrhaftig und dem Wesen nach sein Leib und Blut
dargereicht und empfangen. Denn es ist sein Wort,
Befehl und Ordnung. Ein Mensch hat das nicht gere-
det, sondern Christus selber hats so geordnet, einge-
setzt und befohlen. Denn gleichwie die Taufe keines
Menschen Wort und Werk ist, sondern Christi Wort
und Werk, so ist auch dies Sakrament keines Men-
schen Wort und Werk, sondern Christi Wort und
Werk allein. Wie solches zugehe, werden wir mit un-
serer Vernunft nicht ergründen.
Weil nun unser lieber Herr Christus solch lieblich
nötig Werk vornimmt und solche süße, tröstliche
Mahlzeit bereitet, so ists ein Wunder, daß die Men-
schen so hart und schwer dazu kommen und sich vor
dem Sakrament scheuen. Wenn man vom Sakrament
predigt, so ists ihnen eine Last, vermahnt man sie
dazu, so halten sie es für eine größere Last. Denn sie
haben Sorge, sie müssen fromm werden und die
Sünde lassen.
Wahr ists, wir sollen fromm sein und die Sünde
lassen. Denn wenn du die Sünde mehr liebst als Got-
tes Gnade, so sollst du dich mehr davon weghalten als
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5349 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 10

dazu. Aber doch soll man die Menschen vom Abend-


mahl nicht abschrekken, denn es ist eine liebliche,
tröstliche Speise. Christus hat nicht ein solches
Abendmahl eingesetzt, da er uns Gift und Tod gebe.
Denn weil wir vorher in Sünden ertrunken und tot
sind, ists nicht vonnöten, daß Gift zu Gift gegeben
werde. Merke auf seine Worte, so wirst du hören, daß
er sagt, er habe seinen Leib für dich gegeben und sein
Blut für dich vergossen. Er sagt nicht, daß er seinen
Leib gegen dich gegeben und sein Blut gegen dich
vergossen habe; sondern für dich, dir zugut, zu Trost
und Stärkung, deiner armen Seele zur Erlösung. Auf
daß du den Sünden je länger desto mehr feind und
immer stärker und stärker Christ werdest, deshalb
gibt dir Christus das Sakrament seines Leibes und
Blutes, nicht damit es dein Gift und Tod sein solle.
Gleichwie er dich tauft und ins Wasser steckt, nicht
damit du ertrinkst und im Wasser verderbest, sondern
damit du durch dieses Bad von Sünden erlöset und
wiedergeboren werdest, auf daß du ein neuer Mensch
in Gnaden geboren seiest, so gibt er dir in diesem Sa-
krament auch seinen Leib und Blut zu essen und zu
trinken, nicht damit er dich erwürge und umbringe,
sondern damit er dich erquicke und lebendig mache.
Darum soll man mit allem Fleiß lernen, was dieses
Sakraments Nutzen und Zweck sei und warum es
Christus eingesetzt habe: nämlich für mich und dich
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5350 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 11

und für uns alle. Wenn ich meine Sünde fühle, ich bin
ein böser Bube gewesen und ungehorsam Kind, der
Teufel hat mich gefangen, ich habe nicht getan, was
ich tun soll; da soll ich zu diesem Tisch kommen und
das Abendmahl empfangen, auf daß ich von meinen
Sünden frei und erquickt werde. Mit solchen Men-
schen, die ihre Sünde fühlen und sie gern los wären,
soll man reden, daß sie das Abendmahl empfangen
und es nicht als ein schreckliches Gericht ansehen,
vor dem man sich scheuen sollte, sondern als eine
liebliche, tröstliche Speise für die armen, betrübten
Seelen. Es kann wohl aus alter Gewohnheit herkom-
men, daß wir uns vor diesem Sakrament scheuen.
Aber man soll die Christen unterrichten, daß sie mit
Freuden, sicher und getrost hinzugehen und sagen: Ich
bin ein armer Sünder, ich bedarf Hilfe und Trost, ich
will hingehen zu des Herrn Abendmahl und mich mit
meines lieben Herrn Jesus Christus Leib und Blut
speisen. Denn er hat dies Sakrament deshalb einge-
setzt, damit alle hungrigen und durstigen Seelen ge-
speist und erquickt würden. Er wird mich nicht schel-
ten, viel weniger erwürgen, wenn ich nur in dem
Namen komme, daß ich gesegnet sein, Hilfe und
Trost haben will.
Wenn uns deshalb der große, reiche Trost nicht be-
wegen wollte, das Abendmahl zu empfangen, so soll-
ten wir doch unsers Herrn Jesus Christus Ehre anse-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5351 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 12

hen und das Sakrament oft gebrauchen, damit er mit


solchem Gedächtnis gelobt, gepriesen und geehrt
werde und einen Dank von uns habe. Denn gleichwie
Mose im jüdischen Volk ein Gedächtnis des Auszugs
und der Erlösung aus Ägyptenland hat erhalten sollen,
so daß, wenn die Juden das Osterlamm aßen, sie Gott
für die Wohltat preisen, loben und danken mußten,
daß er sie aus Ägypten erlöst, durchs Rote Meer ge-
führt und ihnen Königreich und Priestertum gegeben
hatte. Das war ihnen ein fröhliches Essen, und noch
heutigen Tages haltens die Juden herrlich und essen
das Osterlamm mit Freuden, als gingen sie zum fröh-
lichen Tanz. Ebenso hat Christus in seinem Volk des
Neuen Testaments ein Gedächtnis seines Leidens und
Sterbens erhalten wollen, so daß wir, wenn wir das
Sakrament empfangen, ihm für die Erlösung danken
sollen, mit der er uns erlöst hat, nicht aus Ägypten
und dem Roten Meer, sondern von Sünden, Tod, Teu-
fel, Hölle, Gottes Zorn und allem Jammer. Das soll
uns nicht ein Schrecken, sondern eitel Freude und La-
chen sein, vornehmlich im Geist, auf daß wir Gott
dienen und ihm für seine Gnade und Wohltat, uns in
Christus erzeigt, loben und danken.
Deshalb sollen wir freiwillig und fröhlich zum
Abendmahl gehen, mit aller Sicherheit, und sagen: Ich
will auch hingehen zu dem rechten Osterlamm und
meines lieben Herrn Jesus Christus Leib und Blut
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5352 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 13

essen und trinken, sein Gedächtnis halten und ihm für


seine Erlösung danken, auf daß ich nicht unter den
Verächtern und Undankbaren erfunden werde, die sol-
che teure Erlösung in den Wind schlagen und verges-
sen.
Diese zwei Stücke sind auf diesen Abend gesche-
hen: das erste, daß Christus mit seinen Jüngern das
Osterlamm gegessen hat zum Abschied des jüdischen
Osterlamms, Königreichs und Priestertums; das ande-
re, daß er das Sakrament seines Leibes und Blutes
eingesetzt hat. Das sollen wir oft gebrauchen und sei-
ner dabei gedenken. Dazu verleihe uns der barmherzi-
ge Gott seine Gnade, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5353 Gründonnerstag. Luk. 22, 7-20 14

Editorische Bemerkung

Die 1534 gehaltene Predigt (nicht bei Dietrich) hat


als Vorlage die WA 37, 347-352 abgedruckte Nach-
schrift Rörers.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5354 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 1

Martin Luther

Karfreitag
Joh. 19, 13-30

[HP 177–180;
WA 37, 21–23]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5355 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 2

Da Pilatus das Wort hörte, führte er Jesus heraus


und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte,
die da heißt Steinpflaster, auf hebräisch Gabbatha.
Es war aber der Rüsttag auf Ostern um die sechste
Stunde. Und er spricht zu den Juden: Sehet, das ist
euer König! Sie schrieen aber: Weg, weg mit dem!
Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich
euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antwor-
teten: Wir haben keinen König denn den Kaiser. Da
überantwortete er ihnen Jesus, daß er gekreuzigt
würde.
Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und
ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte,
welche heißt auf hebräisch Golgatha. Allda kreuzig-
ten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Sei-
ten, Jesus aber mitten inne. Pilatus aber schrieb
eine Überschrift und setzte sie auf das Kreuz; und
war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden
König. Diese Überschrift lasen viele Juden, denn die
Stätte, da Jesus gekreuzigt ward, war nahe bei der
Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, latei-
nischer und griechischer Sprache. Da sprachen die
Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht:
Der Juden König, sondern daß er gesagt habe: Ich
bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich
geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5356 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 3

Die Kriegsknechte aber, da sie Jesus gekreuzigt


hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier
Teile, einem jeglichen Kriegsknecht einen Teil, dazu
auch den Rock. Der Rock aber war ungenäht, von
obenan gewebt durch und durch. Da sprachen sie
untereinander: Lasset uns den nicht zerteilen, son-
dern darum losen, wes er sein soll – auf daß erfüllt
würde die Schrift: »Sie haben meine Kleider unter
sich geteilt und haben über meinen Rock das Los ge-
worfen«. Solches taten die Kriegsknechte.
Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter
und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleopas
Frau, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine
Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er lieb
hatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das
ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger:
Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an
nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, da Jesus wußte, daß schon alles voll-
bracht war, auf daß die Schrift erfüllt würde, spricht
er: Mich dürstet! Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie
aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten
ihn auf einen Ysop und hielten es ihm dar zum
Munde. Da nun Jesus den Essig genommen hatte,
sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt
und verschied.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5357 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 4

Heute begeht man die Geschichte des Leidens und


Sterbens unsers Herrn Jesus Christus, wie wir in un-
serm Glaubensbekenntnis bekennen und sprechen:
»Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingebornen
Sohn, unsern Herrn ... gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben«. Denn obschon
die Christen täglich und immerdar das Leiden und
Sterben Christi predigen, bedenken und betrachten
sollen, ist dieser Tag besonders zur Predigt und Be-
trachtung des Leidens Christi geordnet, deshalb weil
alles, was Christus im Garten, in des Hohenpriesters
Kaiphas Hause, vor dem Landpfleger Pilatus und vor
Gericht und am Kreuz gelitten hat, an diesem Tag ge-
schehen ist.
Das ists, was die Evangelisten allenthalben bei
dem Bericht über das Leiden Christi schreiben: Sol-
ches ist geschehen, auf daß erfüllet würden die Schrif-
ten der Propheten. Denn alles, was Christus gelitten
hat, ist geschehen um der heiligen Schrift willen.
Darum beschreiben die Evangelisten nicht allein, wie
es mit des Herrn Leiden zugegangen ist, sondern wie-
derholen auch stets diese Worte: »Solches geschah,
auf daß die Schrift erfüllet würde«, als wollten sie zu
uns sagen: Befraget die Propheten darum, die werden
euch sagen, weshalb Christus gelitten habe. Groß und
schwer ist sein Leiden, Marter und Kreuz, aber groß
ist auch seine Liebe und Neigung, ja die allergrößte
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5358 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 5

Gnade gegen uns, daß der fromme Herr und Heiland


die heilige Schrift mit seinem Leiden und Sterben um
unsertwillen erfüllet hat.
So steht 1. Mose 3, 15 geschrieben: »Ich will
Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und
zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkom-
men; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn
in die Ferse stechen«. Diesen Spruch hat Christus zur
Zeit seines Leidens hören müssen, der hat ihm ins
Herz geklungen und ihm gepredigt. Denn er war jetzt
in die Stunde gekommen, da er der Schlange, nicht
der, die im Grase kriecht und Frösche frißt, sondern
der alten Schlange, dem Teufel, den Kopf zertreten
sollte. Und das sollte er tun nicht mit dem Fuß, auch
nicht mit Schwert oder Geschütz, sondern mit seinem
Leib und Leben, daß er den Teufel über sich herlaufen
und allen seinen Grimm und Zorn auf sich ausgießen
lasse. Damit zertritt und zerquetscht er den Teufel, auf
daß wir Ruhe und Frieden vor ihm haben.
Wenn der Schlange der Kopf zertreten und zer-
quetscht wird, so ists mit ihr aus, so hat sie ihr Ende.
Weil nun Christus der alten Schlange, dem Teufel,
den Kopf zertreten hat, so hat der Teufel seine Gewalt
und Macht verloren. Der Teufel bleibt bei uns wohl
ein Teufel, und die Welt bleibt Welt. Aber doch ist
dem Teufel der Kopf zerschmettert, und Christus hat
ihm sein Reich des Todes, Sünde und Hölle zerstört
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5359 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 6

und ihm seine Gewalt genommen.


Diesen Spruch, sage ich, hat Christus angesehen,
als er litt und gesagt: Dies ist die Stunde, da ich dem
Teufel den Kopf zertreten und er mich in die Ferse
stechen soll. Das soll und will ich leiden. Solches hat
er an der Juden Ostertag ausgestanden und damit den
Ostertag recht gefeiert und durch solch sein Leiden
des Teufels Reich zerstört, so daß er nun Gewalt hat
über den Teufel. Wenn er ein Wort spricht, so ist der
Teufel mit seinem Reich des Todes, der Sünde und
Hölle hinweg. Und wer an ihn glaubt, der soll auch
sicher sein, daß ihm Sünde, Tod, Teufel und Hölle
nicht schaden sollen.
Das ist auch das vornehmste und höchste Stück in
der Passion, daß Christus seinem himmlischen Vater
zu Gehorsam und uns zu Dienst und Nutzen gelitten
hat, auf daß die Schrift erfüllet würde. Es ist gut, zu
bedenken, welcher Art die Erlösung sei, mit der uns
Christus erlöset hat, nämlich nicht aus Ägyptenland
noch zeitlich, sondern eine ewige Erlösung von
Sünde, Tod und Hölle. Es ist auch gut anzusehen und
zu bedenken, was die Bezahlung für unsere Sünde sei,
nämlich daß Christus für uns nicht Geld oder Gut,
sondern seinen Leib und Leben gegeben hat; wie Pau-
lus oft rühmt, Christus habe sich selbst für unsere
Sünde gegeben, Gal. 1, 4., Eph. 5, 2., Tit. 2, 14. Des-
gleichen ist auch gut zu bedenken, wie große Marter
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5360 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 7

Christus für uns gelitten hat und wie sauer es ihm ge-
worden ist, daß er blutigen Schweiß vergossen hat,
gekrönt, verspottet, angespien, gegeißelt, ans Kreuz
genagelt und zerstochen worden ist um unsertwillen.
Aber dies ist das größte und höchste Stück, daß
Christus hat leiden müssen, auf daß die Schrift durch
ihn erfüllet würde. Dies Stück soll man fleißig anse-
hen und bedenken, auf daß man nicht allein die Größe
der Erlösung, der Bezahlung und der Marter erkenne,
sondern auch des Herrn Christi Herz und geneigten
Willen gegen uns erkenne, wie von Herzen gut ers mit
uns gemeint hat und wie eine große Liebe und Nei-
gung in ihm gewesen ist, daß er sich selbst für uns ge-
geben hat. Darum sollen wir auch umgekehrt beide
lieb gewinnen, ihn, der solche Marter für uns gelitten
hat, und den himmlischen Vater, der ihm solches auf-
erlegt und befohlen hat. Solche Liebe soll die Er-
kenntnis seiner Gesinnung gegen uns in uns wirken,
in welcher er solche Marter auf sich nimmt und für
uns leidet. Und ein menschlich Herz muß härter sein
als ein Stein, ja härter als Eisen und Stahl, welches
dadurch nicht weich noch bewegt wird.
Dennoch geht die liebe, edle Welt dahin und nimmt
das gar nicht zu Herzen, ist faul, kalt, undankbar und
verachtet solchen großen Schatz. Darum geschiehts
auch, daß unser Herrgott sie dahingibt, daß sie immer
weiter davon abkommt. Und unser Herrgott tut eben
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5361 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 8

recht, daß er zu der undankbaren Welt sagt: Magst du


die große Liebe nicht, daß ich dich so väterlich und
herzlich heimgesucht und meinen liebsten Sohn für
dich in so große Marter gesteckt habe: wohlan, so
mag ich dich ebenso nicht. Fragst du nichts danach,
was ich getan habe, so frage ich auch nicht nach dir.
Willst du meinen Sohn Jesus Christus nicht haben, so
nimm dafür Barabbas, ja den Teufel selbst. Und gibt
sie auch dahin, den Rottengeistern und falschen Leh-
rern, dem Geiz, der Hoffart usw.
Und solches ist auch kein Wunder. Wer kanns un-
serm Herrgott deshalb verdenken? Er gibt dir seinen
Sohn, und der wagt seinen Leib und Blut für dich, auf
daß er dich aus dem Tode und der Hölle errette. Und
du willst das nicht allein nichts achten, sondern ihn
auch für solche Gnade und Liebe beschmutzen. Dann
tut er dir recht, daß er zu dir spricht: Willst du das, du
edles Früchtlein, so fahre hin und gehe zum Henker.
Wenn man ansieht, wie undankbar die Menschen sind
und wie sie doch so gar keine Freude an Christus
haben, so ists kein Wunder, daß Gott zornig wird und
die Welt fahren läßt. Denn wer da Liebe und Freund-
schaft von Christus nicht empfangen kann oder will,
der fahre immerhin zum Teufel und werde auch selbst
ein Teufel; wer kann die Welt halten?
Man predigt die Passion aber nicht deshalb, damit
man undankbar werden solle, sondern damit man des
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5362 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 9

himmlischen Vaters und seines Sohnes, unsers Herrn


Jesus Christus große Liebe gegen uns Menschen er-
kenne und den Vater und den Sohn liebgewinne.
Denn wer es von Herzen glaubt, was Christus für ihn
gelitten hat, der wird nicht ein undankbarer Schelm
sein, sondern wird Christus von Herzen hold sein.
Wenn mit einer in Todesnöten, in Feuers- oder Was-
sersnöten zu Hilfe käme und seinen Leib und Leben
um meinetwillen wagte, da müßte ich ja ein Schelm
sein, wenn ich den nicht liebgewönne. Tut man es
wohl um wenig Geld, daß man den liebhat, der uns so
viel schenkt oder vorstreckt. Was sollten wir denn
nicht hier tun, da uns Gottes Sohn geschenkt wird, der
um unsertwillen in Sünde, Tod und Hölle gewesen
ist? Sollte man da nicht auch so tun und sagen: das
hat mein Herr Jesus Christus für mich gelitten, des-
halb will ich ihn wieder lieben und sein Wort gern
predigen, hören, glauben und ihm folgen und gehor-
sam sein? Tun wir das nicht, so sind wir tausendmal
ärger als die in der Welt sind. Denn die wissen nichts
von dieser Gnade, wir aber wissens und sind dennoch
undankbar und vergessen, gedenken nicht dran, daß
wir durch Christus von Sünde und Tod erlöst sind. Er
sagt zu uns: Es soll euch weder Sünde noch Tod scha-
den, denn ich habe euch durch meinen Tod eine ewige
Erlösung erworben. Daß man nun das verachten will,
das ist sehr schrecklich.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5363 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 10

Deshalb sollen wir das Leiden Christi so lernen,


daß wir wissen, es sei uns zugut geschehen, auf daß
wir solches Leiden nicht anders ansehen als eine
ewige Hilfe. Seinen blutigen Schweiß, seine Angst in
der Nacht und sein Kreuz soll ich so deuten und
sagen: Das ist meine Hilfe, meine Stärke, mein
Leben, meine Freude. Denn das alles ist geschehen,
auf daß wir Frucht und Nutzen davon sollen haben
und daß wir glauben, es sei uns zugute geschehen,
und daß wir ihm von Herzen danken. Wer das tut und
vom Leiden Christi diesen Gebrauch macht, der ist
ein Christ.
Er hat uns ja eine solche Wohltat erzeigt, daß wir
sie nimmermehr vergessen, sondern ihm immerdar
dafür danken und uns derselben trösten und sagen sol-
len: Sein Schmerz ist mein Trost, seine Wunden sind
mein Heil, seine Strafe ist meine Erlösung, sein Ster-
ben ist mein Leben. Niemand kann es genügend pre-
digen, sich auch nicht genugsam darüber verwundern,
daß eine so hohe Person vom Himmel herabgekom-
men, an unsere Stelle getreten ist und den Tod für uns
gelitten hat. Wir sind gnädig genug heimgesucht und
teuer genug erkauft. Widerfährt uns nun etwas Böses,
daß wir verführt oder sonst geplagt werden, so sollen
wir unserer Undankbarkeit Schuld geben. Allen die-
sen geschieht recht, daß Gott sie so dahingibt. Denn
weil sie diesen reichen und ewigen Trost, diese Liebe
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5364 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 11

und Hilfe ausschlagen und so ihren Mutwillen trei-


ben, widerfährt ihnen billig, was ihnen widerfahren
soll, und fahren sie so dahin. Wir aber sollen an dem
treuen Heiland und frommen Haupt Jesus Christus,
für unsere Sünde gekreuzigt und gestorben, festhalten.
Dazu helfe uns der barmherzige Gott, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5365 Karfreitag. Joh. 19, 13-30 12

Editorische Bemerkung

Die 1533 im Hause gehaltene Predigt (nicht bei Diet-


rich) folgt der WA 37, 21-23 abgedruckten Nach-
schrift Rörers.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5366 Osternacht 1

Martin Luther

Osternacht
[HP 181–186;
WA 36, 159–164]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5367 Osternacht 2

Ich glaube an Jesus Christus ...


niedergefahren zur Hölle,
am dritten Tage auferstanden von den Toten.

An diesem Osterfest begeht man den feinen, tröstli-


chen Artikel unseres christlichen Glaubens von der
Höllenfahrt und fröhlichen Auferstehung unseres
Herrn Jesus Christus, wie denn dies Fest auch darum
eingesetzt ist, damit dieser Artikel gepredigt und den
Menschen eingeprägt und recht gut aufgefaßt und be-
halten werde. Deshalb wollen wir jetzt auch bei die-
sem Artikel bleiben und davon reden, wie wir denn
schuldig sind, Gott zu loben und zu ehren und von
seinem Wort zu predigen, solange wir leben.
So beten wir im christlichen Glaubensbekenntnis
und so lehren und bezeugen die heiligen Evangelien,
die man zu dieser Zeit zu predigen pflegt, daß unser
Herr Jesus Christus gestorben und begraben sei, nie-
dergefahren zur Hölle, am dritten Tage wieder aufer-
standen von den Toten. Diesen Artikel will ich mir
jetzt vornehmen. Viele sind gewesen, sind auch noch
viele, die diesen Artikel mit der Vernunft und mit den
fünf Sinnen haben fassen wollen, besonders dies
Stück, wie es zugegangen sei, daß Christus, ehe er
auferstanden und gen Himmel gefahren und noch im
Grabe gelegen ist, zur Hölle hinunter gefahren sei.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5368 Osternacht 3

Aber das Allerbeste und Sicherste ist, daß man bei


den Worten und bei dem einfältigen Verständnis blei-
be, wie die Worte lauten.
Ihr seht, wie man des Herrn Niederfahrt zur Hölle
an die Wände zu malen pflegt, nämlich daß Christus
eine Chorkappe oder Mantel anhabe und die Engel
vor ihm hergehen, er aber habe eine Fahne in der
Hand und stoße damit an die Hölle, und die Teufel
wehren sich; endlich aber stößt er die Hölle auf und
treibt die Teufel aus, auf gleiche Weise, wie man ein
irdisches Schloß oder Haus stürmt.
Wahr ists, von des Herrn Niederfahrt zur Hölle
kann man auf zweierlei Weise reden: schlicht und ein-
fältig, mit kindlichen Worten und Bildern, was auch,
wie gesagt, das Beste und Sicherste ist. Aber man
kann davon auch sehr gelehrt reden, wie es an sich
selbst ist, wie es zugegangen sei, daß Christus zur
Hölle hinunter gefahren ist und doch sein Leib im
Grabe bis an den dritten Tag gelegen hat.
Denn etliche Lehrer haben sich sehr darüber be-
kümmert und gelehrt und scharfsinnig davon dispu-
tiert, wie es möglich sei, daß Christi Leib im Grabe
gelegen und seine Seele zur Hölle gefahren sei. Etli-
che haben gesagt, er sei nicht persönlich und gegen-
wärtig, der Seele nach, sondern allein geistlich, sei-
nem Werk, Kraft und Wirkung nach hinuntergefahren.
Aber was ists, wenn man sich schon lange darüber
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5369 Osternacht 4

bekümmert und scharfsinnig darüber disputiert? Man


wirds doch mit Gedanken nicht erlangen noch ergrün-
den, wie es denn die Lehrer selbst nicht verstanden
haben, ob sie sich schon sehr darüber bekümmert und
scharfsinnig darüber disputiert haben. Denn daß ich
mit meinem Munde und mit meiner Zunge voll be-
schreiben und mit meiner Vernunft begreifen soll, wie
es in den Sachen zugehe, die weit über und außer mei-
ner Vernunft, Sinn und Verstand sind, das werde ich
besser lassen. Daß ich es z.B. mit meiner Zunge voll
beschreiben und mit meinem Herzen begreifen und
verstehen soll, wie es dem Herrn gegangen und wie
ihm im Garten Gethsemane zu Mute gewesen sei, da
Blutstropfen von seinem Leibe auf die Erde gefallen
sind, das werde ich besser lassen, wenn ich mich des
schon unterstünde. Desgleichen werde ich auch nim-
mermehr mit Worten voll beschreiben noch mit Ge-
danken erreichen können, aus was für einem Herzen,
Liebe und Feuer das Gebet und Flehen gekommen ist,
welches Christus am Kreuz mit lautem Schrei und
Tränen geopfert hat. Ich muß das im Wort und im
Glauben lassen, mit meinen Worten und Gedanken
werde ichs nimmermehr erreichen.
Gleichwie ich nun dies und anderes nicht ergründen
noch erreichen kann, so werde ich auch nicht ergrün-
den noch erreichen, wie Christus zur Hölle gefahren
ist. Der christliche Glaube bezeugt, daß er zur Hölle
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5370 Osternacht 5

gefahren ist, und die Heilige Schrift begründet diesen


Artikel mit klaren deutlichen Worten. Aber wie es zu-
gegangen sei, das wirst du nicht ergründen. Und wenn
du auch schon zehnmal weiser wärest als Salomo, so
wirst du es dennoch nicht erreichen. Deshalb ist mein
treuer Rat, du läßt es bei den einfältigen Worten und
kindischen Bildern bleiben und läßt dich durch die
scharfsinnigen Geister, die ohne Bilder darüber nach-
denken und es mit ihrer klugen Vernunft ergründen
wollen, nicht anfechten. Sondern wie dieser Artikel
im Wort vorgetragen und mit Bildern vorgemalt wird,
daß die Engel vorhergehen und Christus mit der
Fahne hinunterfährt, die Höllenpforte zerbricht und
zerstört, so erfasse es einfältig. Denn ob es wohl ein-
fältig und grob geredet ist und kindliche Bilder sind,
so zeigen uns solche Worte und Bilder doch fein die
Kraft und den Nutzen dieses Artikels, wie wir hören
werden.
Wenn ich so sage: Christus ist ein Herr über Teufel
und Hölle, und der Teufel hat keine Gewalt und
Macht über ihn und über die, welche ihm angehören,
das ist ohne Bild und Blumenwerk geredet. Kann ichs
so erfassen und glauben, so ists gut. Wenn ichs aber
mit Blumen und Bildwerk vormale und eine Fahne
mache, mit der Christus die Hölle aufgestoßen hat,
daß es die Kinder und das schlichte Volk, die es sonst
ohne Bild nicht erfassen können, auch verstehen, er-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5371 Osternacht 6

fassen und glauben mögen, so ists auch gut. Wie man


es nun erfassen kann, entweder mit Hilfe äußerlicher
Bilder oder ohne äußerliche Bilder, so ists recht und
gut, wenn man nur kein Ketzer wird und dieser Arti-
kel nur fest bleibt, daß unser Herr Jesus Christus zur
Hölle hinuntergefahren sei, die Hölle zerbrochen, den
Teufel überwunden, und die, so vom Teufel gefangen
waren, erlöst habe. Müssen wir doch sonst alle Dinge,
die wir nicht kennen und wissen, durch Bildreden er-
fassen, wenn sie gleich nicht so ganz genau zutreffen
oder in Wahrheit so sind, wie es die Bilder abmalen,
warum wollten wir denn nicht diesen Artikel, den wir
auch nicht verstehen noch voll ergründen können,
durch Bildreden erfassen, weil das Bild gut hilft, das
rechte, reine Verständnis zu erhalten, nämlich daß
Christus selbst persönlich die Hölle zerstört und den
Teufel gebunden hat? Wie Christus das getan hat, da
kommt es nicht drauf an. Aber darauf kommt es an,
daß ich wisse und glaube, das Tor sei aufgestoßen,
der Teufel gebunden und gefangen, die Hölle zerbro-
chen und zerrissen, so daß mich und alle, die an Chri-
stus glauben, weder Hölle noch Teufel gefangenneh-
men noch mir schaden kann.
Das sei ein Stück dieser Predigt von dem Artikel,
daß Christus zur Hölle hinuntergefahren ist, das ist,
daß er den Teufel überwunden und die Hölle zerbro-
chen hat, auf daß kein Christ sich hinfort vor dem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5372 Osternacht 7

Teufel zu fürchten und zu entsetzen brauche. Die


Welt mit allen ihren Kräften hätte nicht vermocht, je-
mand aus des Teufels Banden zu erlösen noch für eine
Sünde der Höllen Pein und Gewalt wegzunehmen.
Sondern sie müßten allzumal, soviel je auf Erden ge-
kommen sind, ewig darinnen bleiben, wo nicht der
heilige, allmächtige Sohn Gottes mit seiner eigenen
Person dahingefahren und die Hölle durch seine gött-
liche Gewalt mit Macht gewonnen und zerstört hätte.
Denn keiner Mönche Heiligkeit noch aller Welt Ge-
walt und Macht vermag ein Fünklein des höllischen
Feuers auszulöschen. Aber das tut es, daß dieser
Mann selbst hinunterkommt. Da müssen alle Teufel
laufen und fliehen, wie vor ihrem Tode und Gift, und
die ganze Hölle mit ihrem Feuer muß vor ihm verlö-
schen, so daß sich kein Christ davor zu fürchten
braucht. Und wenn er schon in die Hölle hineinkäme,
soll er dennoch der Höllen Pein nicht leiden; gleich-
wie er durch Christus auch den Tod ewig nicht
schmeckt, sondern durch Tod und Hölle zum ewigen
Leben hindurch dringt.
Das andere Stück dieser Predigt ist, daß unser Herr
Jesus Christus am dritten Tage von den Toten aufer-
standen ist. Da gehört ein starker, fester Glaube zu,
der uns diesen Artikel stark, fest und gut mache. Die
Worte: »Christus von den Toten auferstanden«, soll
man gut merken und mit großen Buchstaben schrei-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5373 Osternacht 8

ben, daß ein Buchstabe so groß sei wie der Turm, ja


wie Himmel und Erde, daß wir nichts anderes sehen,
hören, denken noch wissen als diesen Artikel. Denn
wir sprechen und bekennen diesen Artikel im Gebet
nicht deshalb, weil es allein geschehen sei, wie wir
sonst eine Geschichte erzählen, sondern damit es im
Herzen stark, wahrhaftig und lebendig werde. Und
das nennen wir Glauben, wenn es uns so lebendig ist,
daß wir ganz und gar drin stecken, eben als sei sonst
nichts anderes geschrieben als: Christus ist auferstan-
den.
Da ist Paulus ein rechter Meister, diesen Artikel
näher auszuführen. Röm. 4, 25: »Christus ist um un-
serer Sünden willen dahingegeben und um unsrer
Rechtfertigung willen auferweckt«, Eph. 2, 5 f.: »Die
wir tot waren in den Sünden, hat er samt Christus le-
bendig gemacht und hat uns samt ihm auferweckt und
samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Chri-
stus Jesus«, 1. Thess. 4, 14: »Wenn wir glauben, daß
Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott
auch, die da entschlafen sind, durch Jesus mit ihm
einherführen«.
Wenn wir das nun glaubten, so hätten wir gut leben
und sterben. Denn Christus hat nicht allein für seine
Person den Tod überwunden und ist von den Toten
auferstanden. Sondern du mußts so aneinander hän-
gen, daß es uns gelte, und auch wir in dem »Christus
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5374 Osternacht 9

ist auferstanden« stehen und gefaßt sind und um und


durch dasselbe auch auferstehen und mit ihm ewig
leben müssen. So hat unsere Auferstehung und unser
Leben schon in Christus angefangen, und zwar so
sicher, als wäre es schon ganz geschehen, nur daß es
noch verborgen und nicht offenbar ist.
So genau sollen wir diesen Artikel ansehen, daß
alle anderen Anblicke dagegen nichts sind, so als
sähen wir nichts anderes im ganzen Himmel und
Erde. Wenn du einen Christen sterben siehst und be-
graben werden und nichts als einen toten Leichnam
daliegen, und vor Augen und Ohren bloß Grab, To-
tengesang, Totenwort, ja eitel Tod ist: dann sollst du
doch solch Totenbild aus den Augen tun und im Glau-
ben ein anderes Bild an Stelle jenes Totenbildes
sehen. Nicht als sähest du ein Grab und einen toten
Körper, sondern eitel Leben und einen schönen, lufti-
gen Garten und Paradies, darin kein Toter, sondern
eitel neue, lebendige, fröhliche Menschen sind.
Denn wenn das wahr ist, daß Christus vom Tode
auferstanden ist, so haben wir schon das beste Stück
von der Auferstehung hinweg, so daß die leibliche
Auferstehung des Fleisches aus dem Grabe (die noch
zukünftig ist) im Vergleich dazu gering zu rechnen
ist. Denn was sind wir und alle Welt gegen Christus,
unser Haupt? Kaum ein Tröpflein gegenüber dem
Meer oder ein Stäublein gegenüber einem großen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5375 Osternacht 10

Berg. Weil nun Christus, das Haupt der Christenheit,


durch welchen sie lebt und alles hat, und der so groß
ist, daß er Himmel und Erde füllt, und gegen den
Sonne, Mond und alle Kreaturen nichts sind, aus dem
Grabe erstanden ist und dadurch ein mächtiger Herr
aller Dinge, auch des Todes und der Hölle geworden
ist, so müssen auch wir als seine Glieder durch seine
Auferstehung getroffen und angerührt werden und
eben des teilhaftig werden, was er damit ausgerichtet
hat, als um unsertwillen geschehen. Denn wie er
durch sein Auferstehen alles mit sich genommen hat,
so daß beides, Himmel und Erde, Sonne und Mond
und alle Kreaturen auferstehen und neu werden müs-
sen, so wird er auch uns mit sich führen. Derselbe
Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird
auch unsere sterblichen Leiber lebendig machen, und
mit uns alle Kreaturen, die jetzt der Vergänglichkeit
unterworfen sind und sich ängstlich nach unserer
Herrlichkeit sehnen, aber auch von dem vergänglichen
Wesen frei und herrrlich werden sollen. So haben wir
schon mehr als die Hälfte unserer Auferstehung, weil
das Haupt und Herz bereits droben ist und es nur
noch um das Geringste zu tun ist, daß der Leib in der
Erde verscharret werde, auf daß er auch erneuert wer-
den möge. Denn wo das Haupt bleibt, da muß der
Leib auch hintennach, wie wir an allen Tieren sehen,
wenn sie zu diesem Leben geboren werden.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5376 Osternacht 11

Zudem ist auch noch eine andere Hälfte geschehen,


ja, auch weit über die Hälfte, daß nämlich wir durch
die Taufe im Glauben schon geistlich auferstanden
sind, das heißt, nach dem besten Stück an uns. Und so
ist nicht allein leiblich das Allerbeste daran gesche-
hen, daß unser Haupt aus dem Grabe gen Himmel ge-
fahren ist, sondern auch unsere Seele hat nach dem
geistlichen Wesen ihr Teil hinweg und ist mit Chri-
stus im Himmel. Und allein die Hülsen und Schalen
oder Scherben bleiben noch hier auf Erden, aber sie
müssen um des Hauptstücks willen auch hintennach
fahren. Denn die Hülse und Schale soll noch auferste-
hen, aber das rechte Stück und der Kern ist schon auf-
erstanden.
Das soll man nun fest glauben. So sollen wir, wenn
wir einen Christen sehen krank sein, sterben, ins Grab
gelegt werden, oder auch wenn wir selber sterben sol-
len, alles aus den Augen hinwegtun und das »Er ist
auferstanden« recht beten. Wir sollen bekennen und
sagen: Das beste Stück an der Auferstehung ist schon
geschehen, Christus, das Haupt der ganzen Christen-
heit, ist durch den Tod hindurch und von den Toten
auferstanden. Zudem ist das vornehmste Stück an mir,
meine Seele, auch durch den Tod hindurch und mit
Christus im himmlischen Wesen. Was kann mir denn
das Grab und der Tod schaden? Ist doch dieser Leib,
wie Paulus (2. Kor. 5, 1) sagt, nur eine Hütte der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5377 Osternacht 12

Seele, von Erde oder Lehm gemacht und ein veraltetes


Kleid oder ein alter, schäbiger, lausiger Pelz. Weil
aber die Seele durch den Glauben bereits im neuen,
ewigen, himmlischen Leben ist, und nicht sterben
noch begraben werden kann, so haben wir nicht mehr
zu warten, als daß diese arme Hütte und der alte Pelz
auch hintennachfolge und neu werde und nicht mehr
vergehen könne, weil das beste Stück droben ist und
uns nicht hinter sich lassen kann. Wenn Christus, der
da heißt: »Er ist auferstanden«, hinweg ist aus dem
Tod und Grab, so muß, der sagt: »Ich glaube« und an
ihm hanget, auch hintennach. Denn er ist uns deshalb
vorangegangen, damit wir hintennachfolgen sollen;
und hat solches auch schon in uns angefangen, daß
wir durch das Wort und die Taufe täglich in ihm auf-
erstehen.
Siehe, so sollten wir uns zu solchen Gedanken des
Glaubens hingewöhnen, wider den äußerlichen, leibli-
chen Anblick des Fleisches, der uns eitel Tod vor die
Augen stellt und mit solchem Bilde schrecken und
den Artikel von der Auferstehung in Zweifel stellen
und zerrütten will. Dazu verleihe uns Gott seine
Gnade, daß wir es erfassen und andere damit trösten
können, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5378 Osternacht 13

Editorische Bemerkung

Die am 31. März 1532 (nachmittags am Ostertag) ge-


haltene Predigt (nicht bei Dietrich) hat als Vorlage die
WA 36, 159 bis 164 abgedruckte Nachschrift Rörers.
Daß Luther einer Predigt nicht einen Schrifttext, son-
dern einen Teil des Glaubensbekenntnisses zugrunde
legt, ist keine Seltenheit. Er hat mehrfach über den
Katechismus bzw. Katechismusstücke gepredigt; zum
Osterfest hat er oft auch über die Passion oder die
Ostergeschichte unter Einbeziehung des gesamten Be-
richtes der Schrift gepredigt.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5379 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 1

Martin Luther

Erster Ostertag
Mark. 16, 1-8

[HP 187–191;
WA 37, 27–32]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5380 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 2

Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria,


Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Sa-
lome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten ihn.
Und sie kamen zum Grabe am ersten Tage der
Woche sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie
sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein
von des Grabes Tür? Und sie sahen auf und wurden
gewahr, daß der Stein abgewälzt war; denn er war
sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und
sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der
hatte ein langes weißes Kleid an, und sie entsetzten
sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzet euch nicht!
Ihr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er
ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stät-
te, wo sie ihn hinlegten! Gehet aber hin und saget
seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hinge-
hen wird nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie
er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flo-
hen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und
Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand
etwas; denn sie fürchteten sich.

Dem barmherzigen, ewigen Gott zu Lob und Ehren


wollen wir jetzt von der Auferstehung unsers Herrn
Jesus Christus predigen und hören, wie es denn billig
ist, daß man diesen Artikel an diesem Fest predige.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5381 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 3

Ebenso will auch daran gelegen sein, daß man diesen


Artikel vornehmlich predige und treibe; sintemal
unser Größtes und Höchstes darauf steht, nicht allein
in diesem gegenwärtigen Leben, sondern auch im zu-
künftigen. Dazu soll man diesen Artikel treiben, nicht
allein um dessentwillen, daß es nützlich und gut ist,
sondern auch dazu, daß Gott damit gelobt und geehrt
werde, auf daß doch jemand auf Erden sei, der es mit
Ernst hört und unserm Herrn Christus für sein Leiden
und seine Auferstehung dankt. Denn Gott hats gern,
daß man daran gedenkt und immer davon predigt.
Und zwar kann man es nicht genügend predigen
und hören, denn man kann es nicht genug erfassen.
Wir predigen nichts Neues, sondern predigen immer-
dar und ohne Unterlaß von dem Mann, der da heißt
Jesus Christus, wahrer Gott und Mensch, für unsere
Sünde gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen
auferweckt. Aber ob wir solches schon immerdar pre-
digen und treiben, werden wirs doch nimmermehr ge-
nugsam erfassen können; wir bleiben dennoch immer
Säuglinge und junge Kinder, welche jetzt reden lernen
und kaum halbe Worte, ja kaum Viertelworte machen.
Wenige sind, die davon recht predigen, noch weni-
ger, die es lernen und erfassen. So sind auch bereits
Rottengeister vorhanden und werden noch mehr kom-
men, die sehr klug sind und gelehrt disputieren und
diese Historie zuschanden machen werden, daß wir
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5382 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 4

darüber diese Person verlieren werden. Sie werden


Christus wie einen anderen Propheten predigen und
mit eitel Geisterei umgehen und sagen: Geist, Geist.
Damit werden sie diesen Artikel verdunkeln und es so
machen, daß wir diesen Bericht verachten und mit
dem Bericht diese hohe Person verlieren werden, ob-
wohl doch diese Person von allen Propheten weit un-
terschieden ist, und dieser Bericht nicht eine gewöhn-
liche Erzählung ist von Dieterich von Bern oder vom
Türken, wie der den König von Ungarn geschlagen
und überwunden hat, sondern eine hohe, treffliche Hi-
storie von des Herrn Christus herrlichem Sieg über
Sünde, Tod, Teufel und Hölle.
Das ist das erste Stück dieser Predigt, daß unser
lieber Herr Jesus Christus als wahrhaftiger Gott, der
größer ist als alles, was in Himmel und Erde ist, und
als der allerreinste und unschuldigste Mensch den
Tod in sich selbst zerrissen hat. Denn weil Tod und
Teufel nichts an ihm hatten, ist er aus dem Grabe her-
vorgefahren, schöner als die Sonne. Das soll man gut
merken, daß Christus, auferstanden von den Toten,
wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch in einer
Person sei. Und wenn du es schon nicht verstehst, wie
es zugehe, daß Christus Gott und Mensch sei, die Per-
son einig und ungetrennt, die Naturen aber unterschie-
den, so weise die Frage hinweg und sprich: Ich glau-
be, daß Jesus Christus, Gott und Mensch, eine einzige
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5383 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 5

Person sei und die zwei Naturen, Gottheit und


Menschheit, zusammengefügt seien. Dabei bleibe ich.
Denn im christlichen Glaubensbekenntnis beken-
nen wir, daß Gottes und Marias Sohn ein einziger
Sohn, eine einzige Person, ein einziger Christus und
Herr sei; nicht zwei Söhne, nicht zwei Personen, noch
zwei Christusse und Herren. Wer also Christus den
Menschen oder Marias Sohn anrührt und tötet, der
rührt an und tötet Gottes Sohn. Denn gleichwie mein
Leib und Seele zwei Naturen sind und ich doch eine
einzige Person bin, so verwundet mich, wer meinen
Leib sticht, haut, tötet, ob er schon meine Seele nicht
sticht, nicht haut, nicht tötet. So auch ist Christus
Gott und Mensch, und wer Marias Sohn erwürgt, der
erwürgt Gottes Sohn; wer Marias Sohn verachtet, lä-
stert, schändet, kreuzigt, der verachtet, lästert, schän-
det, kreuzigt Gottes Sohn und Gott selbst.
Das andere Stück dieser Predigt ist, daß man die
Erzählung auf Kraft, Frucht und Nutzen hier betrach-
te. Davon hört ihr durch das ganze Jahr, wie unser
Herr Jesus Christus durch seinen Sieg, welchen er in
sich selbst begangen hat, Sünde, Tod und Teufel
überwunden und geschlagen hat. Den Teufel hat er in
seinem eigenen Leibe erwürgt, den Tod in seinem ei-
genen Blut ersäuft, die Sünde in seiner Marter und
Leiden ausgelöscht. Das hat er allein und in sich
selbst ausgerichtet, aber für sich allein und für sich
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5384 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 6

selbst hat ers nicht behalten. Denn er als wahrhafti-


ger, ewiger Gott und Herr über alles, hat solches Sie-
ges für sich selbst nicht bedurft, viel weniger hat er
bedurft, daß er Mensch würde, noch viel weniger, daß
er litte unter Pontius Pilatus. Daß aber die so große,
hohe Person solches ausgerichtet hat, das gilt mir und
dir und uns allen.
Und das ist die Kraft und Frucht des Leidens und
der Auferstehung Christi. Nach der Historie müssen
wir wissen und glauben, daß Christus eine hohe, treff-
liche Person sei, wahrhaftiger Gott und Mensch, und
daß sein Leiden und Sterben groß und hoch und seine
Auferstehung von den Toten herrlich und sieghaft sei.
Aber nach der Kraft und Frucht müssen wir wissen
und glauben, daß sein Sieg und Triumph allen ausge-
teilt und geschenkt sei, die an ihn glauben. So glau-
ben wir nicht allein, daß Christus in seiner Person ge-
storben und von den Toten auferstanden sei, sondern
auch, daß wir uns desselben Leidens und Auferste-
hung als unseres, uns gegebenen und geschenkten
Schatzes annehmen und rechten Trost davon haben,
wie wir im Osterliede singen: Des sollen wir alle froh
sein, Christ will unser Trost sein. Es gilt uns, Chri-
stus will uns mit seiner Auferstehung trösten.
Das ist recht gut gesungen, und es sind sehr tröstli-
che, ja, eitel geistliche Worte. Denn sie lehren, daß
der Sieg und die herrliche Auferstehung dieser hohen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5385 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 7

trefflichen Person allen Gläubigen geschenkt und zu


eigen gegeben sei. Ich soll wider meinen, du wider
deinen und ein jeglicher wider seinen Tod Christi
Auferstehung haben, welche größer ist als Himmel
und Erde, und in welcher der ganzen Welt Sünde und
Tod verschlungen ist. Meine Heiligkeit solls nicht
tun, kanns auch nicht tun noch mich von irgendeiner
Sünde, geschweige denn von der Sündenlast und vom
Tode erlösen. Aber das tuts, daß diese Person, wahr-
haftiger Gott und Mensch, in und durch sich selbst
einen ewigen, herrlichen Sieg wider Sünde, Tod und
Teufel erlangt hat. Und dieser Sieg soll mein sein,
wenn ich nur an ihn glaube und ihn für die Person er-
kenne, welche mir und allen Gläubigen zugut solches
ausgerichtet hat.
Wer das nicht glauben will, der lasse es; wir predi-
gen für die, die es gern hören und dessen bedürfen.
Das sind die, welche in Ängsten, Schrecken und
Zagen sind, welche sagen: Ich muß davon und ster-
ben; ebenso: Ich habe gesündigt, ich habe weder Ruhe
noch Frieden. Denn wenn der Teufel einen angreift,
macht er ihm Himmel und Erde zu enge. Solches tut
er mit der Sünde. Mit dem Tode tut er auch so; den
kann er so greulich, gräßlich und schrecklich aufbau-
schen, daß man Gottes und seines Worts ganz ver-
gißt. Er ist ein Tausendkünstler, er ist ein Meister der
Sünde und des Todes, deshalb kann er auch die Sünde
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5386 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 8

und den Tod so meisterlich aufputzen.


Es ist nützlich und notwendig, daß wir uns wider
solchen Feind rüsten und auf ihn gefaßt machen mit
rechtem Verständnis der Kraft und Frucht der Aufer-
stehung Christi, auf daß wir nicht denken, daß Chri-
stus um seiner selbst willen von den Toten auferstan-
den und gen Himmel gefahren sei, daß er für sich al-
lein in aller Seligkeit lebe, sondern daß er sein Gut
und Erbteil mit uns teilte. Denn um seiner selbst wil-
len ist er nicht auf die Erde gekommen, um seiner
selbst willen hat er sich nicht ans Kreuz schlagen las-
sen. Er hat dessen für sich nicht bedurft, sondern un-
sere Sünde hat er getragen, unsern Tod hat er durch
seinen Tod hier hinausgebissen und verschlungen,
und die Hölle, in die hinein wir fahren sollten, hat er
zerstört, wie im Propheten Hosea (13, 14) geschrie-
ben steht: »Ich will sie aus dem Totenreich erlösen
und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein,
Totenreich, ich will dir eine Pest sein«. Er redet von
unserm Tod und von der Hölle, die uns gefangenhielt,
und sagt, er wolle die Sünde austilgen, die auf mir
liegt und mich anklagt, und den Tod und die Hölle
zunichte machen, die mich fressen und verschlingen
will.
So sollen wir dieses Mannes, der da »Jesus Chri-
stus« heißt und allmächtiger, ewiger Gott, und un-
schuldiger, gerechter Mensch ist, Leiden, Sterben und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5387 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 9

Auferstehung gegen unsere Sünde und Tod setzen.


Kommt der Teufel und spricht: Siehe da, wie groß ist
deine Sünde! Siehe da, wie bitter und schrecklich ist
der Tod, den du leiden mußt! So sprich du dagegen:
Lieber Teufel, weißt du nicht dagegen, wie groß mei-
nes Herrn Jesus Christus Leiden, Sterben und Aufer-
stehung ist? In ihm ist ja ewige Gerechtigkeit und
ewiges Leben, in ihm ist eine allmächtige Auferste-
hung von den Toten, welche nicht allein größer ist,
als meine Sünde, Tod und Hölle, sondern auch größer
als Himmel und Erde. Meine Sünde und Tod ist das
Fünklein, aber meines Herrn Christus Sterben und
Auferstehung ist das große Meer.
Und das ist so wahr, daß es der Teufel nicht leug-
nen kann. Christi Auferstehung und Sieg wider
Sünde, Tod und Hölle ist größer als Himmel und
Erde; du kannst seine Auferstehung und Sieg so groß
nicht machen, sie ist noch viel größer. Denn weil
seine Person groß, ewig, unendlich und unbegreiflich
ist, so ist seine Auferstehung, Sieg und Triumph auch
groß, ewig, unendlich und unbegreiflich. Wenn schon
tausend Höllen und hunderttausend Tode da wären, so
wären sie deshalb dennoch nur ein Fünklein und
Tröpflein gegen Christi Auferstehung, Sieg und Tri-
umph. Christus schenkt aber seine Auferstehung, Sieg
und Triumph allen, die an ihn glauben. Weil wir denn
nun auf ihn getauft sind und an ihn glauben, so folgt,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5388 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 10

daß wenn schon ich und du hunderttausend Sünden,


Tode und Höllen hätten, so wäre es dennoch nichts.
Denn Christi Auferstehung, Sieg und Triumph, der
mir in der Taufe und im Wort durch den Glauben ge-
geben und nun mein ist, ist viel größer. Ist das wahr,
wie es bestimmt wahr ist, so lasse Sünde, Tod, Teu-
fel, Hölle, Welt, Papst, Kaiser und alles Unglück
murren, was können sie uns denn schaden?
Das ist das andere Stück dieser Predigt, daß wir
nicht allein die Historie ansehen sollen, die in Christi
Person geschehen und welche groß und herrlich ist,
sondern daß wir auch wissen und glauben, daß sol-
ches alles uns zugute geschehen und uns im Wort vor-
getragen und durch den Glauben zu eigen gegeben
wird, wie Paulus 1. Kor. 15, 57 sagt: »Gott sei Dank,
der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Chri-
stus«.
Wie viele Menschen aber sind jetzt wohl, die sich
dieses Sieges von Herzen freuen? Es ist keine Lüge,
was Christus durch seine Auferstehung ausgerichtet
hat, sondern die lautere Wahrheit, in der Heiligen
Schrift gegründet, von den Propheten verkündigt und
von den Aposteln bezeugt, aber wir haben besonders
dicke Ohren und schwere, träge Herzen, solches zu er-
fassen. So wirs recht erkennten, würden wir uns von
Herzen darüber freuen und in eitel Sprüngen gehen.
Aber weil wir anderswo Freude suchen, in Geld, Gut,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5389 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 11

Pracht, Wollust, so tun wir auch ebenso, wie die Un-


gläubigen: wenn eine einzige Sünde aufwacht und sie
ergreift, so ist die Sünde vor ihren Augen größer als
zwanzig Christusse. Solche großen Narren und
schändlichen Menschen sind wir auch, daß wir uns
durch unseren leidigen Unglauben diesen allergrößten
Schatz zunichte machen. Man predigts und singts uns
wohl, aber wir wollens nicht hören.
Da lasset uns zusehen. Es verachte diesen Schatz,
wer da wolle, so wird niemands Schade größer sein,
als dessen, der ihn verachtet. Christus wird dennoch
Menschen finden, welche sich darüber freuen werden,
sich verwundern und ihm danken, daß er ein so wun-
derbar großes Werk durch seine Auferstehung von
den Toten ausgerichtet hat. Wir sollen jetzt bereits
gewiß sein, daß uns durch Christi Auferstehung und
Sieg solche Sicherheit gegeben ist, daß uns keine
Sünde noch Tod schrecken soll. Schrecken uns aber
Sünde und Tod, so geschieht uns entweder Unrecht,
weil uns Christus frei gemacht hat, oder wir glaubens
nicht. Denn Christus, von aller Marter auferstanden,
der unser Trost sein will, ist größer als unsere Sünde
und Tod, ja größer als Himmel und Erde.
Was tut aber unser zartes Fleisch? Weil dieser
Schatz nicht aus Talern und Gulden besteht, die sich
sehen, greifen und anfassen lassen, sondern gepredigt
und im Wort vorgelegt wird, so verachten wirs. Ich
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5390 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 12

vermahne aber einen jeglichen, daß er diesen Artikel


gut lerne und erfasse. Wer in diesem Artikel nicht gut
gegründet und geübt ist und wird vom Teufel ange-
griffen, der wird gewahr werden, was der Teufel für
ein Meister sei. Unser lieber Herr Jesus Christus, der
unser Trost sein will, verleihe uns seine Gnade und
Geist, daß wirs recht lernen und behalten mögen,
Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5391 Erster Ostertag. Mark. 16, 1-8 13

Editorische Bemerkung

Vier Nachschriften Rörers sind erhalten, die HP wählt


die WA 37, 27-32 abgedruckte (1533 gehalten)
Nachschrift Rörers als Vorlage (nicht bei Dietrich).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5392 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 1

Martin Luther

Zweiter Ostertag
Luk. 24, 13-35

[HP 191–196;
WA 37, 363–367]

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5393 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 2

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben


Tage in einen Ort, der lag von Jerusalem bei zwei
Stunden Wegs; des Name heißt Emmaus. Und sie re-
deten miteinander von allen diesen Geschichten.
Und es geschah, da sie so redeten und besprachen
sich miteinander, da nahte sich Jesus selbst und
ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten,
daß sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu
ihnen: Was sind das für Reden, die ihr zwischen
euch handelt unterwegs? Da blieben sie traurig ste-
hen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete
und sprach zu ihm: Bist du allein unter den Fremd-
lingen zu Jerusalem, der nicht wisse, was in diesen
Tagen darin geschehen ist? Und er sprach zu ihnen:
Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das von Jesus
von Nazareth, welcher war ein Prophet, mächtig von
Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn
unsre Hohenpriester und Obersten überantwortet
haben zur Verdammnis des Todes und gekreuzigt.
Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen würde.
Und über das alles ist heute der dritte Tag, daß sol-
ches geschehen ist. Auch haben uns erschreckt etli-
che Frauen aus unserer Mitte; die sind frühe bei
dem Grabe gewesen, haben seinen Leib nicht gefun-
den, kommen und sagen, sie haben eine Erschei-
nung von Engeln gesehen, welche sagen, er lebe.
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5394 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 3

Und etliche unter uns gingen hin zum Grabe und


fandens so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen
sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren und
trägen Herzens, zu glauben alle dem, was die Pro-
pheten geredet haben! Mußte nicht Christus solches
leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? Und
fing an bei Mose und allen Propheten und legte
ihnen in der ganzen Schrift aus, was darin von ihm
gesagt war. Und sie kamen nahe zu dem Orte, da sie
hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weiter-
gehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe
bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat
sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu blei-
ben. Und es geschah, da er mit ihnen zu Tische saß,
nahm er das Brot, dankte, brachs und gabs ihnen.
Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten
ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie spra-
chen untereinander: Brannte nicht unser Herz in
uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns
die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben
Stunde, kehrten wieder nach Jerusalem und fanden
die Elf versammelt und die bei ihnen waren, welche
sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und
Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf
dem Wege geschehen war und wie er von ihnen er-
kannt wäre, als er das Brot brach.

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5395 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 4

Das Hauptstück in diesem Evangelium ist von der


Predigt Christi, die er den Jüngern aus der Schrift ge-
halten hat. Denn als diese zwei Jünger unterwegs von
ihm reden und miteinander schwatzen, hat er sich auf
dem Wege zu ihnen gesellt und ihnen eine schöne
lange Predigt gehalten, wie der Text sagt: »Er fing an
bei Mose und allen Propheten und legte ihnen in der
ganzen Schrift aus, was darin von ihm gesagt war«.
Das ist so eine herrliche Predigt gewesen, daß die
Jünger danach im Orte oder Hause selbst bekennen,
daß ihr Herz gebrannt habe, da er mit ihnen auf dem
Wege geredet und ihnen die Schrift eröffnet hat.
Nun wollte ich wünschen, daß man wissen möchte,
was doch der Herr für Schrift aus Mose und den Pro-
pheten angeführt habe, durch die sie in dem Artikel,
daß Christus hat leiden und zu seiner Herrlichkeit ein-
gehen müssen, entzündet, gestärkt und überzeugt
worden sind, weil man doch gar so wenig, ja wies
scheint, in den 5 Büchern Mose gar nichts findet, das
davon gesagt wäre. Denn die Juden, denen vertraut
ist, was Gott geredet hat, haben auch Mose und haben
solches doch in den 5 Büchern Mose nicht finden
können, ja, sie lesen noch heutigen Tages Mose und
können doch solche Dinge darin nicht ersehen, son-
dern sehen das Gegenteil.
Wie mag das zugehen? Christus beruft sich auf
Mose und alle Propheten und sagt, diese zeugten von
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5396 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 5

ihm, und die Juden haben und lesen Mose und die
Propheten und können dennoch in Mose und in den
Propheten nichts von Christus sehen. Wie reimt sich
das? Antwort: Diese zwei Jünger lösen das auf, da sie
sagen: »Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns
redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete?«
Sicher ists, daß Mose von Christus schreibt, aber
daran liegts, daß die, welche Mose lesen, auch verste-
hen, was Mose redet. Denn Paulus sagt (2. Kor. 3,
14), daß bis auf den heutigen Tag, wenn die Juden
Mose lesen, eine Decke oder Tuch vor ihren Augen
und Herzen hängt, daß sie es nicht sehen können. Und
Christus sagt (Luk. 8, 10) zu seinen Jüngern: »Euch
ists gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches
Gottes, den andern aber in Gleichnissen, auf daß sie
es nicht sehen, ob sie es schon sehen, und nicht ver-
stehen, ob sie es schon hören«.
Deshalb ist die Schrift ein solches Buch, dazu nicht
allein das Lesen, sondern auch der rechte Ausleger
und Offenbarer, nämlich der Heilige Geist gehört. Wo
der die Schrift nicht öffnet, da bleibt sie wohl unver-
standen, ob sie schon gelesen wird. Heutigen Tages
geht es noch so in der Welt zu. Wir haben die Lehre
so klar wie die Apostel. Wir erweisen die Artikel der
reinen Lehre aus der Schrift, so daß es unsere Wider-
sacher nicht widerlegen können. Aber was hilfts? Ist
doch kein Artikel des Glaubens von den Aposteln ge-
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5397 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 6

predigt worden, der nicht von den Ketzern angefoch-


ten worden wäre. Was ists denn Wunder, daß die
reine Lehre, die wir predigen, angefochten wird?
Darum liegt der Fehler nicht an der Schrift, am Lesen
oder Predigen, sondern am Ausleger, wie das allge-
meine Sprichwort lautet: Es kommt alles auf einen
guten Ausleger an.
Danach gehören zu der Schrift auch rechte Schüler,
die sich gern lehren und unterweisen lassen. Denn
Mose und die Propheten sind solche Lehrer, die die
Weisen und Klugen zu Narren machen und der Ver-
nunft die Augen ausstechen, wo sie verstanden und
geglaubt werden sollen. Wo das nicht geschieht, stößt
und ärgert man sich daran oder streitet dagegen.
Darum wills nicht anders sein: Wer die Schrift verste-
hen und fassen soll, der muß ein Narr werden. Wer
hier klug sein und es mit der Vernunft messen will,
wie sichs reime und schicke, mit dem ists verloren,
der bleibt wohl ein untüchtiger Schüler.
Die Bibel und Schrift ist nicht ein solches Buch,
das aus der Vernunft oder aus Menschenweisheit her-
fließt. Der Juristen und Poeten Künste kommen aus
der Vernunft und mögen wiederum von der Vernunft
verstanden und erfaßt werden. Aber Mose und der
Propheten Lehre kommt nicht aus der Vernunft und
Menschenweisheit. Wer sich deshalb untersteht, Mose
und die Propheten mit der Vernunft zu begreifen und
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5398 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 7

die Schrift zu messen und nachzurechnen, wie sichs


mit der Vernunft reime, der geht ganz in die Irre.
Denn alle Ketzer von Anfang an sind auch daraus ent-
standen, daß sie gemeint haben, was sie in der Schrift
lesen, das möchten sie so deuten, wie die Vernunft
lehrt.
Paulus sagt (1. Kor. 1, 23 f.): »Wir predigen den
gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und
den Griechen eine Torheit. Denen aber, die berufen
sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als
göttliche Kraft und göttliche Weisheit«. Den Juden,
sagt er, predigen wir eitel Anstoß, daran sie sich sto-
ßen und darüber sie toll und töricht werden; sie kön-
nen es weder hören noch sehen. Den klugen Heiden
predigen wir eitel Torheit, darüber sie zu Narren wer-
den, weil es wider ihre Vernunft geht, die es nicht lei-
den kann. Welche aber einfältige Schafe sind, unter
Juden und Heiden, die sagen: Gott hat es geredet,
darum glaube ich es, die können es fassen und verste-
hen. Und Christus selbst dankt (Matth. 11, 25) sei-
nem himmlischen Vater mit fröhlichem Herzen, daß
er solches den Weisen und Verständigen verborgen
und den Unmündigen, Albernen, Narren und Kindern
offenbart hat. Ich lobe unsern Herrgott darum, daß er
es tun darf. Wo er es nicht getan hätte, da wollte ich
ihn bitten, daß er es noch tun wollte. Denn man kann
die weisen Leute und die hohe Vernunft in göttlichen
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5399 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 8

Sachen nicht unterweisen noch belehren: von der


Taufe, von Christus, vom Glauben, von Seligkeit und
ewigem Leben.
Wenn die Vernunft z.B. von der Taufe hört: »Wer
da glaubet und getauft wird, der wird selig« (Mark.
16, 16), ebenso: die Taufe ist ein »Bad der Wiederge-
burt« (Tit. 3, 5) usw., so prallt sie sofort zurück und
spricht: Solltest du sogleich wiedergeboren und selig
werden, wenn du dich mit ein wenig Wasser waschen
lässest? Sollte die Wiedergeburt so leicht zugehen?
Lieber, bedenke doch, wie sauer es einem Weibe
wird, ehe sie ein Kind zur Welt bringt, und du solltest
das ewige Leben und den Sieg über Sünde, Tod und
Teufel erlangen, wenn du dich mit wenig Wasser be-
gießen läßt? Ei, was kannst du denn draus machen?
Wasser ist Wasser. So klagt die Vernunft herein.
Wenn sie von Christus hört, daß Gott Mensch gewor-
den, gestorben, von den Toten auferstanden, gen Him-
mel gefahren sei und sich zur rechten Hand Gottes ge-
setzt habe, spricht die Vernunft desgleichen: Wie will
sich das reimen? Das ist unmöglich. Deshalb ist es
unseres Herrgotts Wohlgefallen, der Vernunft solche
Dinge vor die Augen zu stellen, daran sie sich stößt
und ärgert. Und wenn die Vernunft nicht gottesfürch-
tig wird, sich fangen läßt und schlechthin glaubt, so
wird sie zur Närrin und kann der Dinge keines begrei-
fen. Aber wenn einfältige Herzen drüber kommen,
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5400 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 9

denen es der Heilige Geist durch seine Predigt offen-


bart, daß sie von Herzen dran glauben, so geben sie
solche Kraft und Feuer, daß sie fest daran hangen,
dabei bleiben und sich deswegen martern und erwür-
gen lassen.
So sehe nun ein jeder zu, daß er ein einfältiger
Schüler der Heiligen Schrift sei. Denn weise Leute
kommen nicht hinein, die Schrift bleibt ihnen ver-
schlossen. Augustinus klagt, daß er zuerst mit freier
Vernunft an die Schrift herangegangen und neun
ganze Jahre darin studiert habe und die Schrift mit der
Vernunft habe begreifen wollen. Aber je mehr er darin
studiert habe, je weniger habe er davon verstanden,
bis er endlich zu seinem Schaden erfahren habe, daß
man der Vernunft die Augen ausstechen und sagen
müsse: Was die Schrift sagt, das lasse ich mit der
Vernunft unerforscht, sondern glaube es mit einfälti-
gem Herzen. Wenn man das tut, so wird die Schrift
hell und klar, die zuvor finster war. Ebenso sagt auch
Gregor d. Gr. (es nimmt mich Wunder, wie der Mann
zu dem guten Wort gekommen ist): Die Heilige
Schrift ist wie ein Wasser, darin ein Elefant
schwimmt und ersäuft, aber ein Lamm geht hindurch
wie durch einen flachen Bach. In Summa: es tuts
nicht, wenn man die Heilige Schrift mit der Vernunft
liest. Aber wenn die Offenbarung dazu kommt, wie
hier den Jüngern geschieht, das tuts.
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5401 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 10

Zum Verständnis der Heiligen Schrift gehört die


Offenbarung, daß der Heilige Geist, als der rechte
Ausleger, das Wort auswendig durch die mündliche
Predigt und inwendig durch Erleuchtung im Herzen
erkläre. Den Juden war das Wort, das von Christus
gepredigt wurde, eitel Stein, aber den Jüngern und an-
dern, die es mit Ernst und einfältigen Herzen hörten
und annahmen, war es Licht und Feuer, davon ihr
Herz erweckt, entzündet, getrost und fröhlich wurde.
Wir sollen die Heilige Schrift und Gottes Wort
gern lesen, hören und behandeln. Denn dazu gibt der
Heilige Geist, der durchs Wort kräftig ist, Verständ-
nis, wie wir hier an diesen Jüngern sehen: die reden
auf dem Wege von der Schrift, und wollten gern hin-
ein, können aber nicht hineinkommen. Da gesellt sich
der Herr zu ihnen und tut ihnen eine herrliche Predigt,
nimmt Sprüche aus Mose, Propheten und Psalter und
erklärt die, so daß sie die Schrift verstehen. So wird
uns auch geschehen: wenn wir die Schrift mit Ernst
behandeln, so werden wir unseres Herzens Lust und
Freude finden und Christus recht erkennen, wie er un-
sere Sünde getragen hat, wie wir mit Abraham, Isaak
und Jakob ewig leben werden, bloß daß wir auch ein-
fältige Schüler bleiben, wie diese Jünger und Frauen
gewesen sind.
Denn in dies Buch, das da die Heilige Schrift heißt,
gehört kein kluger Meister noch Zänker. Gott hat an-
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5402 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 11

dere Künste gegeben. Grammatik, Dialektik, Rheto-


rik, Philosophie, Juristerei, Medizin: da sei klug,
streite, forsche und frage, was recht und unrecht sei.
Aber hier, in der Heiligen Schrift und Gottes Wort laß
das Streiten und Fragen anstehen und sprich: Das hat
Gott geredet, darum glaube ichs. Hier gilt es nicht
Disputieren und Fragen wie oder was, sondern es
heißt: Lasse dich taufen und glaube an des Weibes
Samen, Jesus Christus, wahrhaftigen Gott und Men-
schen, daß du durch sein Sterben und Auferstehung
Vergebung der Sünden und das ewige Leben habest.
Frage nicht: Warum und wie kann das sein? Tust du
das, so wird dir dein Herz brennen, und du wirst Lust
und Freude davon haben. Willst du aber streiten und
fragen: Wie kann das sein? so bist du schon von der
Wahrheit und rechtem Verständnis der Schrift abge-
kommen. Diese Jünger streiten und fragen nicht, son-
dern binden sich an des Herrn Christi Wort und
hören, was er sagt. Da geht ihnen auch das Wort mit
aller Gewalt ein und wird ihr Herz so erleuchtet, daß
sie keinen Zweifel daran haben, lustig, hitzig und
fröhlich sind, als wären sie durch ein Feuer gegangen.

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5403 Zweiter Ostertag. Luk. 24, 13-35 12

Editorische Bemerkung

Von den Nachschriften Rörers wählte die HP die WA


37, 363-367 abgedruckte als Vorlage (Predigt von
1534, nicht bei Dietrich).

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5404 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 1

Martin Luther

Sonntag Quasimodogeniti
Joh. 20, 19-31

[HP 208–212;
WA 34, I, 318–328]

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5405 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 2

Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche,


da die Jünger versammelt und die Türen verschlos-
sen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und
trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit
euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen
die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger
froh, daß sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus
abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie
mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und
da er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu
ihnen: Nehmet hin den heiligen Geist! Welchen ihr
die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und
welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
Thomas aber, der Zwölfe einer, der da heißt Zwil-
ling, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten
die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn ge-
sehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in
seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen
Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in
seine Seite, kann ichs nicht glauben. Und über acht
Tage waren abermals seine Jünger drinnen und
Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen ver-
schlossen waren, und tritt mitten ein und spricht:
Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas:
Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände
und reiche deine Hand her und lege sie in meine
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5406 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 3

Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!


Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr
und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich
gesehen hast, Thomas, so glaubst du. Selig sind, die
nicht sehen und doch glauben!
Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor den Jün-
gern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch.
Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus
sei der Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch
den Glauben das Leben habet in seinem Namen.

»Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich


euch«. Hier befiehlt Christus seinen Jüngern das Amt,
das Evangelium zu predigen, und da kommt Christi
Leiden und Auferstehung in seinen rechten Brauch
und Übung. Denn wo das Leiden und die Auferste-
hung Christi außerhalb des Predigtamts allein bei der
Historie oder Geschichte geblieben wäre, so wäre es
vergebens und gar nichts von Nutzen. Aber Christi
Leiden und Auferstehung soll man in seinen rechten
Brauch und Übung bringen. Solches aber geschieht
auf die Weise, in welcher der Herr hier predigt und
spricht: »Ich sende euch, wie mich mein Vater ge-
sandt hat«.
Wie aber der Vater Christus gesandt habe, lehrt
lange zuvor Jesaja, Kap. 61, 1 f.: »Der Geist des
Herrn ist auf mir, weil mich der Herr gesalbt hat. Er
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5407 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 4

hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu brin-


gen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu ver-
kündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebunde-
nen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen
ein gnädiges Jahr des Herrn«. Das ist der Befehl, mit
dem Christus gesandt ist. Nun sagt Christus hier:
»Gleichwie ich gesandt bin, so sende ich euch«, als
wolle er sagen: Was ich gepredigt habe, das befehle
ich euch zu predigen. Mein Amt habe ich vollbracht:
wie ich gepredigt habe, so predigt ihr auch. Gleichwie
ich gesandt bin, den Elenden zu predigen, die Gefan-
genen zu trösten, so sende ich euch zu eben demsel-
ben Wort, Evangelium und Lehre, die ich gepredigt
habe.
So deutet dieser Befehl eigentlich auf die Lehre
hin, daß Christus seine Jünger sendet, das Predigtamt
zu führen, wie er es zuvor geführt hat. Was es aber
für eine Lehre sei, sagt Jesaja mit feinen, herrlichen,
klaren Worten: daß Christus dazu gesalbt und gesandt
sei, daß er die erschrokkenen, verzagten Herzen trö-
sten soll. Welche Predigt nun anders als auf diese
Weise geht, das ist nicht die rechte Predigt Christi
und solche Prediger sind auch von Christus nicht ge-
sandt. Christus will nicht, daß man außerhalb und
gegen diese Predigt neue Predigten aufrichten solle,
welche das Volk mit neuen falschen Lehren beschwe-
ren. Und das will ich allein angedeutet haben, damit
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5408 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 5

wir zu dem folgenden Text kommen mögen:


»Und er blies seine Jünger an und spricht zu ihnen:
Nehmet hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sün-
den erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr
sie aber behaltet, denen sind sie behalten«.
Da habt ihr das rechte geistliche Regiment, welches
man, wie ich oft gesagt habe, ja so weit vom weltli-
chen Regiment trennen soll, wie Himmel und Erde
voneinander entfernt sind. Die nun in diesem geistli-
chen Regiment sind, die sind rechte Könige, rechte
Fürsten, rechte Herren und haben die größte und
höchste Gewalt zu regieren. Aber hier muß man dar-
auf achthaben, wie dies Regiment abgegrenzt sei und
wie weit diese Gewalt geht. Nämlich wie die Worte
klar lauten: so weit die Welt ist, und doch soll es mit
nichts sonst zu tun haben als mit den Sünden. Ein
Apostel und Bischof im geistlichen Regiment hat
nichts zu tun mit Geld, Gut, Haus, Hof und zeitlicher
Nahrung. Solches ist Kaiser, Königen und weltlichen
Herren befohlen, daß sie nach ihren weltlichen Rech-
ten hierin anordnen und festsetzen, wie es dem allge-
meinen Nutzen und Frieden am besten ist. Aber dies
geistliche Regiment ist allein auf die Sünden abge-
stellt. Wo die Sünde anfängt und aufhört, da soll dies
Regiment auch anfangen und aufhören, und sonst
nicht.
So ist also Christi eigene Definition seines Regi-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5409 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 6

ments und seiner Sendung: das Evangelium predigen


und die Sünden erlassen und behalten; und der Apo-
stel Schlüssel und Gewalt ist, daß sie zuerst das
Evangelium von Christus predigen und Sünden bin-
den und lösen. Das ist nun eine Gewalt, welche nicht
auszusprechen ist. Was ist aller Kaiser und Könige
Gewalt gegen diese Gewalt, daß ein armer Mensch,
ein Apostel, ja ein jeder Jünger Christi ein Urteil über
die ganze Welt sprechen darf und mit dem Wort, das
er in seinem Munde führt, den Himmel entweder auf-
schließen oder zuschließen kann? Und solch Urteil,
das Petrus oder ein anderer Jünger Christi spricht, soll
so gewaltig und sicher sein, als hätte es Christus
selbst gesprochen, wie denn seine Worte hier bezeu-
gen: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich
euch«. Ich soll nicht weniger von Petrus oder des
Pfarrers Amt halten als von Christi Amt, wenn nur
Petrus und der Pfarrer dasselbe Wort hat, das Chri-
stus geführt hat.
Das ist nun eins, daß die Sünde nicht ein weltlich
Ding heißen soll, sondern eine Angst und Beschwe-
rung des Gewissens, auch nicht eine erdichtete Sünde,
sondern solche Sünde, die uns vor Gott anklagt und
schuldig macht. Darum, so merke diese Definition
gut: daß Sünde die heißt, welche uns Gottes Gesetz
aufdeckt und uns damit beschuldigt. Ist es nicht eine
solche Sünde, so ist es eine erdichtete Sünde, da Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5410 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 7

nichts von weiß. Soll mir die Sünde vergeben werden,


so muß sie in meinem Herzen lebendig werden, daß
ich sie fühle und nicht allein daran denke, wie ich ge-
sündigt habe, sondern auch empfinde, ein wie böser
Teufel und eine wie greuliche Last es um die Sünde
ist, die mich vor Gott verklagen und hinunterreißen
will in die Hölle und ewigen Tod.
Das ist rechte Sünde, wovon Paulus (Röm. 7,
8-10) redet: »Ohne das Gesetz ist die Sünde tot. Ich
aber lebte vormals ohne Gesetz, als aber das Gebot
kam, ward die Sünde lebendig, ich aber starb«. Er
will so sagen: Sünde ist immer in uns; aber so lange
das Gesetz nicht kommt, ist die Sünde gleich, als
schliefe sie. Denn sie tut nicht wehe, sie beißt und
nagt nicht. Solange die Sünde schläft und tot ist, fragt
man nicht, wie man Buße tue und sich bekehre. Wenn
aber der Donnerschlag, Gottes Gesetz, ins Herz
kommt, dir das Gewissen regt und dir Gottes Gericht
offenbart, daß er dich um der Sünde willen strafen
und verdammen will, alsdann wird die Sünde gleich
lebendig, daß du siehst ein wie mächtig Ding es um
die Sünde ist, daß sie dir Gott nimmt, dich dem Teu-
fel übergibt und in die Hölle hineinstößt. Da vermag
niemand zu helfen, es sei gleich Kaiser oder König.
Das sagt Paulus hier auf feine Weise und Vers 13:
»Die Sünde wird überaus sündig durchs Gebot«, das
ist, sie wird alsdann eine rechte Sünde. Wo nun die
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5411 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 8

Sünde so ihre Wirkung hat, daß man vor ihr nirgends


Ruhe noch Rast haben kann, das haben sie Reue und
Leid genannt, ja auch ein Verdienst, und nicht gese-
hen, daß es zehnfältige Sünde ist. Denn zuvor war es
eine tote Sünde, nun aber wird aus einer lebendigen
Sünde die Welt voller Sünden.
Wo aber rechte Reue im Herzen ist, da kommt als-
dann Christus und spricht: Du bist voller Sünde, und
je mehr du an die Sünde gedenkst, je weiter gehst du
von mir. Sollte ich dir dafür die Sünde vergeben, daß
du von mir fliehst? O nein! Es muß ja Reue und Leid
da sein; denn sonst kannst du der Sünde nicht von
Herzen feind werden, wirst auch nimmermehr von
Herzen begehren, daß sie dir vergeben werden soll.
Das ist aber der rechte Weg, daß du dich dahin fin-
dest, wo mein Wort ist, und das hörest und mit Glau-
ben annehmst, wie dirs Vergebung der Sünden ver-
kündigt, damit wirst du von Sünden lebendig. Außer-
halb des Worts wirst du weder Trost noch Vergebung
der Sünden finden.
Hier steht es: Vergebung der Sünden steht auf dem
Wort, das Christus sagt: »Welchen ihr die Sünden er-
lasset, denen sind sie erlassen«. Summa summarum,
Vergebung der Sünden soll man nirgendswo suchen
als nur in des Herrn Christus Worten; wer sie anders-
wo sucht, der wird sie nicht finden. Suchst du sie in
deinem Herzen, in deiner Reue, in deinen guten Wer-
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5412 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 9

ken, so mußt du verdammt werden. So es meine


Werke, meine Reue und Beichte tun kann, wozu be-
darf man denn Christi Wort? Und was bedarf es Chri-
sti, daß er hier den Befehl gibt? So laß uns desto mehr
die Gewalt der Schlüssel außer Betracht lassen und
predigen, daß wir solcher Gewalt nicht bedürfen. Ja
laßt uns desto mehr Türken und Juden sein, die auch
glauben, sie wollen selig werden, wenn sie gleich
Christus nicht haben.
Darum laßt uns fleißig merken, daß Christus die
Vergebung der Sünden hier in sein Wort faßt und
nicht in gute Werke, sie heißen, wie sie wollen. So
nun jemand Vergebung der Sünden begehrt, der gehe
zu seinem Pfarrer, oder wenn er den Pfarrer nicht er-
reichen kann, zu seinem nächsten Bruder und Chri-
stenmenschen. Wo er Gottes Wort weiß und findet, da
soll er auch sicher Vergebung der Sünden finden, so-
fern er nur dem Wort glaubt, das ihm der Pfarrer oder
Bruder im Namen Christi zuspricht. Ich treibe nicht
ohne Ursache immerdar aufs Wort. Denn es ist be-
schlossen, daß wir mit keinem Werk, Reue, Beichte,
Genugtuung die Sünde überwinden können; sondern
alles, was wir tun können, und wenn wir uns gleich zu
Tode marterten, ist umsonst und vergebens.
Was ist die Ursache dafür? Nichts anderes, als daß
hier steht: Das Erlassen und Behalten der Sünden
steht allein im Wort. Wer da nicht zum Wort kommt,
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5413 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 10

in dem Vergebung der Sünden ist, der muß in das an-


dere Wort kommen, durch welches die Sünden behal-
ten werden. Christus hat beides in der Apostel Mund
gelegt. Darum ist sonst kein anderer Weg noch Mittel
zur Vergebung der Sünden als das Wort. Man tue,
was man wolle, man mache es sich so sauer, wie man
wolle, so wird doch das Gewissen antworten und
sagen: Deine Sünden sind dir behalten; denn du
kommst nicht zum Wort, sondern willst dir mit eige-
nen Werken helfen.
Unser Herrgott hat die Vergebung der Sünden mit
keinem Werk verbunden, das wir tun, sondern mit
dem einzigen Werk, daß Christus gelitten hat und auf-
erstanden ist. Dieses Werk aber hat er durch das Wort
in der Apostel und seiner Kirchendiener, ja zur Not in
aller Christen Mund gelegt, daß sie dadurch Verge-
bung der Sünden austeilen und allen, die es begehren,
verkündigen sollen. Willst du nun Vergebung der
Sünden haben, so mußt du sie im Wort aus der Apo-
stel, Prediger oder Christen Mund holen. Holst du sie
nicht im Wort aus der Apostel, Prediger oder Christen
Mund, so wirst du zur Vergebung der Sünden nicht
kommen. Ein Prediger, der das Evangelium Christi
hat, kann sagen: Mir ist Gewalt von Christus gegeben
über die Sünden, dieselben zu vergeben und zu behal-
ten. Willst du nun Vergebung der Sünden haben, so
hole sie aus meinem Munde; holst du sie aus meinem
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5414 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 11

Munde nicht und willst meinem Worte nicht glauben,


so gehe hin und tue gleich die besten Werke, laß dich
auch gleich töten, dennoch sind dir die Sünden behal-
ten.
Dazu gehört nun der Glaube, der das Wort aus der
Apostel und Prediger Mund fasse und sich fest an die
Vergebung halte, durch Christi Leiden und Auferste-
hen erworben und im Wort vorgetragen und ausge-
teilt. Das ist der Grund unserer Lehre, daß wir allein
durch den Glauben an Christus gerecht und selig wer-
den. Denn das Wort von der Vergebung der Sünde,
durch Christus erworben und in der Jünger Mund ge-
legt, kann man nicht mit Händen noch mit Werken
fassen, es heiße gleich fasten, beten, Almosen geben
oder was es für Werke sein können. Der Glaube allein
ist es, der solch Wort fassen kann, und das Herz ist
allein das rechte Kästlein dazu, darein es sich schlie-
ßen läßt. So daß es also lauter und sicher ist, daß wir
allein durch den Glauben gerecht werden müssen.
Unsere Werke gehören nicht dazu, daß man Verge-
bung der Sünden erlange; sondern das Wort und der
Apostel Mund und der Glaube, der dieses Wort er-
faßt, gehören dazu. Hörst du der Apostel Mund und
das Wort nicht, so bist du verloren und verdammt.
Danach aber, wenn du im Wort durch den Glauben
Vergebung der Sünden erlangt hast, so tue gute
Werke, sei fromm und diene anderen Menschen. Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5415 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 12

verleihe uns durch Christus seine Gnade, daß wir sol-


ches glauben und erfahren, Amen.

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5416 Sonntag Quasimodogeniti. Joh. 20, 19-31 13

Editorische Bemerkung

Von den zwei Predigten der HP zu diesem Sonntag ist


die 1531 gehaltene gewählt worden (nicht bei Diet-
rich). Im ganzen sind sechs Nachschriften Rörers von
Predigten Luthers über Joh. 20, 19-31 erhalten, hier
die WA 34, I, 318-328 abgedruckte.

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5417 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 1

Martin Luther

Sonntag Misericordias Domini


Joh. 10, 12-16

[HP 215–217;
WA 37, 386–387]

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5418 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 2

Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe
nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt
die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und
zerstreut die Schafe. Der Mietling flieht; denn er ist
ein Mietling und achtet der Schafe nicht. Ich bin der
gute Hirte und kenne die Meinen und bin bekannt
den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich
kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die
Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind
nicht aus diesem Stalle; und auch diese muß ich her-
führen, und sie werden meine Stimme hören, und
wird eine Herde und ein Hirte werden.

Dieses Evangelium kann man, gleichwie andere


Werke Christi, auf zweierlei Weise behandeln: erstens
im Hinblick auf den Glauben, danach in Hinblick auf
die Liebe. In Hinsicht auf den Glauben geht es darauf
hinaus, daß Christus der einzige Mann und Hirte ist,
der für seine Schäflein stirbt und sonst niemand. Denn
zu dieser Tat, daß Christus für uns stirbt, ist kein
Mensch, kein Heiliger noch Engel tüchtig gewesen,
daß er den ersten Menschen mit seinen Nachkommen,
der vom Teufel durch die Sünde im Paradies erwürgt
war, hätte befreien können. So ist also diesem Hirten
diese Tat eigen, die ihm niemand nachtun kann, so
wie man ihm auch andere Taten nicht nachtun kann,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5419 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 3

die er für uns getan hat, daß damit für unsere Sünde
bezahlt würde.
Gleichwie deshalb niemand dem Leiden Christi
gleichtun kann, so kann auch niemand die Worte
sprechen, die Christus hier spricht, da er sagt: »Ich
bin der gute Hirte. Und ich lasse mein Leben für die
Schafe«. Denn mit diesen Worten zieht er alles an
sich und lehrt uns, daß wir glauben sollen, daß aller
Heiligen Leiden im Vergleich zu seinem Leiden als
gar nichts zu rechnen sei. So als wollte er sagen: Ihr
habt Mose und die Propheten gehabt, die haben recht
gepredigt und gelehrt, was man tun solle. Aber für die
Aufgabe, für die Schafe zu sterben und die Schafe zu
eigen zu haben, sind sie eitel Mietlinge und können
die Schafe vor dem Wolf nicht retten. Wenn Mose
lange gepredigt und gelehrt hat, so bleibt gleichwohl
der Tod da und Mose flieht. Auch wenn die Propheten
und andere ihr Bestes getan haben, sind sie ebenso
dennoch nicht die, welche einem einzigen Schaf wider
den Wolf, den Teufel und den Tod helfen könnten.
Wer in solcher Gefahr bestehen und vom Wolf nicht
zerrissen werden will, der hüte sich, daß er sich nicht
auf das Gesetz oder auf gute Werke verlasse. Denn
der Mietling flieht, das Gesetz weicht und hält nicht;
ja, was mehr ist, es ist noch wohl gegen euch und ver-
dammt euch. Die guten Werke halten auch nicht und
verschwinden. Ich bin es und will es auch nur allein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5420 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 4

sein, der gegen den Wolf, Tod und Teufel hilft.


Deshalb soll man alle Zuversicht auf heiliges
Leben fallenlassen und lernen, daß man sich durch
einen rechten Glauben hierher zu dem finde, der hier
sagt: »Ich bin der gute Hirte. Und ich lasse mein
Leben für die Schafe«. Denn dieser flieht vor dem
Wolfe nicht und läßt sich eher drüber zerreißen, ehe
er dem Wolf ein Schäflein ließe. Deshalb sollen wir
in solcher Gefahr allein auf ihn sehen und uns zu ihm
halten. Das ist ein Stück, das man mit dem Glauben
erfassen muß, dazu können wir nichts tun. Sondern er,
der gute Hirte, unser Herr Christus, hat es alles getan
und ausgerichtet und uns befohlen, wir sollten uns
dessen annehmen und mit festem Glauben daran han-
gen.
Zum zweiten kann man dieses Evangelium nach
der Lehre in Hinsicht auf die Liebe behandeln. Da
geht es darauf hinaus, daß alles, was unser lieber
Hirte Jesus Christus getan hat, auch uns zum Beispiel
gesetzt ist, wie Petrus in der heutigen Epistel (1. Petr.
2, 24 f.) lehrt: »Christus hat unsre Sünden selbst hin-
aufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, auf daß
wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben,
durch welches Wunden ihr seid heil geworden. Denn
ihr waret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun
bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen«.
Solches ist die Lehre vom Glauben; die bezieht er
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5421 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 5

auch auf die Liebe und sagt (Vers 21): »Christus hat
für euch gelitten und euch ein Vorbild gelassen, daß
ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen«. Gleichwie
Christus für uns gestorben ist, daß er uns durch sein
eigen Werk, ohne unser Zutun, von Sünden und ewi-
gem Tod errettete: so sollen wir deshalb auch aus sei-
ner Tat, nach dem Glauben, ein Vorbild machen, daß
ein jeder sage: Mein Hirte Jesus Christus hat mich
von Sünden und Tod ohne alle meine Werke errettet.
Da soll und kann ich nichts zu tun, sondern ich soll es
allein glauben. Gleichwohl soll ich im Glauben sei-
nem Vorbild nachfolgen und meinem Nächsten die-
nen, unangesehen es gehe mir drüber, wie übel es
wolle.
So wird ein jeder Christ auch ein guter Hirte. Nach
der Lehre vom Glauben ist Christus, unser Herr, al-
lein der einzige gute Hirte, der sein Leben für die
Schafe läßt, die andern alle sind Mietlinge. Aber nach
der Lehre von der Liebe sind auch alle Prediger und
Christen gute Hirten. Denn ob sie schon mit ihrem
Tode nicht andere von Tod und Sünden erretten kön-
nen (denn das ist das einzige Werk des einzigen rech-
ten Hirten Jesus Christus, wie gesagt), so können sie
doch ihr Leben dafür lassen, daß andere durch solch
Vorbild zum Wort gelockt und zur Erkenntnis Christi
gebracht werden.
Denn die Welt und der Teufel sind dem Wort feind
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5422 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 6

und töten die Diener des Worts und brauchen alle ihre
Macht dahin, daß sie das Wort mit Gewalt unterdrük-
ken möchten. Darein müssen sich die frommen Hirten
fügen und zum Teil deswegen ihr Leben lassen.
Darum gehören fromme, treue Prediger dazu. Weil sie
glauben, daß sie durch den Tod Christi erlöst sind,
folgen sie flugs dem Vorbild Christi nach und sterben
auch um der Schäflein willen und lassen das Leben
um des Wortes willen. Solches Sterben macht die an-
dern nicht selig, denn Seligkeit kommt allein durch
den Tod Christi Jesu. Aber dennoch stärkt es die an-
dern, und so wird Gott durch unser Blut und Sterben
gepriesen, und der Nächste wird im Glauben dadurch
gestärkt, ob er gleich dadurch nicht vom Tode erlöst
wird. Denn das muß vorher geschehen sein durch das
Blut und Sterben des einzigen und rechten Hirten
Jesus Christus, wie jetzt oft gesagt ist.
Hier finden sich denn auch Mietlinge und Wölfe.
Zuvor, in der Lehre vom Glauben, heißen der Teufel
und der Tod »Wolf«; Mietlinge sind Mose, das Ge-
setz, die Propheten und alle Menschen, sie seien
gleich so fromm sie immer wollen. Denn ihrer keiner
kann sich selbst schützen, geschweige denn andere:
vor dem Wolf, dem Teufel und der Sünde. Aber hier,
in der Lehre von der Liebe, heißen »Wölfe« die Ket-
zer, falschen Lehrer und Tyrannen, welche die Lehre
verfolgen und verdammen; Mietlinge heißen die unbe-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5423 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 7

ständigen Prediger und Christen, die da weichen und


sich schrecken lassen. Wer aber ein frommer Prediger
und Christ ist, der läßt sich nicht abschrecken, wenn
er den Wolf sieht. Sondern ehe er seinen Nächsten des
Worts und der rechten Erkenntnis Christi beraubt
werden ließe, eher ließe er deswegen seinen Leib und
Leben, wie die heiligen Apostel und lieben Märtyrer
getan haben; die sind nicht geflohen, sondern dem
Wolf in den Rachen gelaufen.
So soll es noch heute sein. Wer da ein Prediger sein
will, der meine es mit ganzem Herzen, daß er allein
Gottes Ehre und seines Nächsten Besserung suche.
Sucht er aber nicht allein Gottes Ehre und seines
Nächsten Heil, sondern will bei solchem Amt seinen
Nutzen oder Schaden bedenken, da brauchst du nicht
zu denken, daß er stehen werde. Entweder er wird
schändlich davonfliehen und die Schäflein verlassen,
oder er wird schweigen und die Schäflein ohne
Weide, das ist, ohne das Wort, hingehen lassen. Das
sind Mietlinge, die um eigenen Nutzens willen predi-
gen, geizig sind und sich nicht an dem genügen las-
sen, daß ihnen Gott täglich ihre Nahrung als ein Al-
mosen gibt. Denn wir Prediger sollen doch nicht mehr
von unserm Amt haben als das, was wir für unser
Leben brauchen. Die aber mehr haben wollen, das
sind Mietlinge, welche nicht auf die Herde achten,
während ein rechtschaffener Prediger dagegen alles
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5424 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 8

läßt, auch seinen Leib und Leben.


Das ist die andere Lehre vom Vorbild. Das bezieht
sich nicht allein auf die, welche in Kirchenämtern
sind, sondern auf alle Christen. Denn sie alle sollen
bekennen und eher Leib und Leben lassen, ehe sie
sich vom Wort weg zur Abgötterei zwingen lassen
wollten. Denn sie wissen, daß sie einen Hirten haben,
der dafür sein Leben gelassen hat, und wenn sie schon
ihres auch lassen müssen, sollen sie es doch durch ihn
wieder empfangen und in Ewigkeit nicht mehr verlie-
ren.
Nun fährt der Herr fort und hält eine Predigt von
seinen Schafen und unterscheidet sie von allen an-
dern. Er will damit seine Lehre auch von der Ketzerei
und aller andern Lehre trennen und scheiden und
spricht: »Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen
und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater
kennet und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein
Leben für die Schafe«. Das ist, als wollte er sagen: Es
ist alles darum zu tun, wenn ihr meine Schäflein sein
wollt, daß ihr mich, euern Hirten, und nicht andere
recht kennet, so wird es nicht Not um euch haben.
Da stehts: Christus kennt seine Schafe, und umge-
kehrt kennen die Schafe Christus. Daraus folgt, daß
man den Schäflein Christi im Glauben nichts anderes
predigen soll als Christus allein, daß er sein Leben für
die Schafe gegeben hat, und das Vorbild und die
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5425 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 9

Nachfolge Christi in den Werken der Liebe. Darum


soll ein guter Prediger den Menschen nichts anderes
vortragen, als Christus allein, damit man ihn erkennen
lerne, was er sei und gebe, auf daß niemand sein Wort
verlasse, das er sagt: »Ich bin der gute Hirte, und ich
lasse mein Leben für die Schafe«, und er allein also
nach dem Glauben für den einzigen Hirten und Bi-
schof unserer Seelen gehalten werde. Das soll man
den Menschen predigen, auf daß sie ihren Hirten ken-
nenlernen.
Danach soll man auch das Vorbild einprägen,
damit wir, wie Christus um unsertwillen alles getan
und gelitten hat, auch um des Wortes willen alles gern
tun und leiden sollen. So wie er das Kreuz getragen
hat, so sollen auch wir unser Kreuz tragen. Diese
zwei Stücke soll man in der Christenheit predigen.
Wer es nun hört, versteht, glaubt und dem folgt, der
heißt Christi Schaf. Der sagt: Ich höre und kenne mei-
nes Hirten Jesus Christus Stimme, die lautet so: Ich
bin für euch gestorben und habe euch durch mein Blut
und Tod von dem Wolf errettet. So redet Christus, das
glaube ich und weiß von keinem andern Hirten mehr.
Danach aber gehe ich hin und tue meinem Nächsten
auch so, wie Christus mir getan hat, und wenn es not
ist, so leide ich auch um seinetwillen. Werde ich des-
wegen geschlagen, so denke ich daran, daß er auch
deswegen geschlagen worden ist. Die Stimme höre
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5426 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 10

ich und bleibe dabei.


Wenn aber ein Wolf, Teufel und falscher Lehrer
kommt und vorgibt: Das tut es nicht allein, daß du an
Christus glaubst und allgemeine Werke in deinem
Beruf und Stande tust, sondern du mußt ein Mönch
werden usw., da spricht das Schäflein: die Stimme
kenne ich nicht, da höre ich einen Wolf, einen Teufel
und falschen Lehrer, der mich von meinem Hirten
Jesus Christus reißen und fressen will. Vor dem fliehe
ich und dessen Stimme höre ich nicht.
Deshalb sagt Christus hier: »Sie werden meine
Stimme hören«; und kurz zuvor (Joh. 10, 5) sagt er:
»Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern
fliehen vor ihm, denn sie kennen der Fremden Stimme
nicht«. Denn unmöglich ist es, daß ein Schäflein,
wenn es einmal zu glauben angefangen und mit Ernst
seines Hirten Stimme gehört und erfaßt hat, die Pre-
digt höre und annehme, die der Stimme Christi entge-
gen ist. Das Gebot der Obrigkeit hört es, als die allein
dies zeitliche Leben betrifft, aber trotzdem weiß es
genau, daß sie nicht zur Seligkeit dienen. Denn des-
wegen kommt man nicht in das ewige Leben, daß man
solchen äußerlichen Geboten Gehorsam leistet. Wenn
aber ein Prediger kommt, nicht des Kaisers oder des
Fürsten Gebot bringt, sondern zum Schein Gottes
Namen führt und spricht: Wenn du selig willst wer-
den, so mußt du für deine Sünde genug tun, Messe
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5427 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 11

halten usw., da hört das Schäflein nicht, sondern sagt:


Ich kenne deine Stimme nicht, es ist nicht des Hirten,
sondern eines Wolfes Stimme, so redet der Teufel,
nicht Christus.
Das ist es nun, daß Christus sagt: »Ich kenne die
Meinen und bin bekannt den Meinen«. Denn sie
hören meine Stimme, so genau und richtig, daß sie
einem Fremden nicht nachfolgen. Das ist gleichwie
bei den Schafen: wenn der Hirte pfeift, so laufen sie
in Scharen hinzu, und die Mutter kennt das Lämm-
lein, und das Lämmlein kennt die Mutter; so laufen
meine Schafe auch zu mir und kennen mich, und ich
kenne sie.
Deshalb ist dies die Summe davon, daß wir lernen
sollen, wie dies ganze Gleichnis vom Hirten und den
Schafen auf das Evangelium gerichtet ist, Christus
und sein Reich darzustellen und zuerst anzuzeigen,
daß es alles ganz und gar auf das Hören ankommt.
Wenn das Schäflein seines Hirten Stimme hört, so ist
es errettet; hört es aber einen Fremden, so folgt es
nicht, sondern läuft so lange in die Irre, bis es seines
Hirten Stimme trifft. All seine Art und Natur ists zu
hören. Sollen auch wir Christen sein und bleiben, so
muß es durch das Hören des Wortes und durch den
Glauben geschehen. Ein Schaf kennt seines Hirten
Stimme, und der Hirte kennt seine Schafe. Woran?
Daß sie seine Stimme hören! So kennen wir Christus
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5428 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 12

durch die Stimme seines Evangeliums, und Christus


kennt uns daran, daß wir sein Evangelium hören, wel-
ches uns verkündigt, daß er für unsere Sünde gestor-
ben ist. Damit sind die Schafe Christi von den ande-
ren allen geschieden. Und wo Christi Stimme erklingt,
da ist der Schafstall des ewigen Lebens, darin die
Menschen von Sünden und Tod selig werden. Das
soll man predigen und lehren.
Zum zweiten, daß man alles fliehe und meide, was
außerhalb Christi als zur Seligkeit führend gelehrt
wird, und daß man wisse, daß er allein es getan habe
und sonst niemand. Deshalb sagt Christus: »Ich bin
der gute Hirte, und ich lasse mein Leben für die Scha-
fe«, als wollte er sagen: Lernet mich zuvor kennen,
danach seid fromm und sterbe einer für den andern.
Nicht zum ewigen Leben, denn das habt ihr schon
vorher durch mich, sondern mir und meinem Vater zu
Ehren und zur Besserung der heiligen christlichen
Kirche. Bei dem Bekenntnis bleibt, das ist die Stim-
me. Wer dies gern hört, der ist mein Schäflein. Und
wer mich so kennet, den kenne ich wieder und soll
mir nimmermehr genommen werden. Da helfe uns
Gott zu, durch Christus, unsern einzigen Hirten,
Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5429 Sonntag Misericordias Domini. Joh. 10, 12-16 13

Editorische Bemerkung

Von den acht Nachschriften Rörers bietet die HP


zwei. Hier ist die zweite (1534 im Hause gehalten,
Vorlage WA 37, 386 bis 387 als Bruchstück erhal-
ten) gewählt.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5430 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 1

Martin Luther

Sonntag Jubilate
Joh. 16, 16-23

[HP 218–221;
WA 34, I, 345–353]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5431 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 2

Über ein kleines, dann werdet ihr mich nicht sehen;


und abermals über ein kleines, dann werdet ihr mich
sehen. Da sprachen etliche unter seinen Jüngern un-
tereinander: Was ist das, was er sagt zu uns: Über
ein kleines, dann werdet ihr mich nicht sehen; und
abermals über ein kleines, dann werdet ihr mich
sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie:
Was ist das, was er sagt: Über ein kleines? Wir wis-
sen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, daß sie ihn
fragen wollten, und sprach zu ihnen: Darüber fraget
ihr untereinander, daß ich gesagt habe: Über ein
kleines, dann werdet ihr mich nicht sehen; und aber-
mals über ein kleines, dann werdet ihr mich sehen.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet wei-
nen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; ihr
werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in
Freude verkehrt werden. Ein Weib, wenn sie gebiert,
so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekom-
men. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie
nicht mehr an die Angst um der Freude willen, daß
ein Mensch zur Welt geboren ist. Und auch ihr habt
nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen,
und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll
niemand von euch nehmen. Und an demselben Tage
werdet ihr mich nichts fragen.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5432 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 3

Vater etwas bitten werdet, so wird ers euch geben in


meinem Namen.

Der Herr will seinen Jüngern anzeigen, daß er sterben


und von den Toten wieder auferstehen werde. Ȇber
ein kleines«, spricht er, »dann werdet ihr mich nicht
sehen«, das ist, ich werde euch aus den Augen kom-
men, sterben und begraben werden. »Und abermals
über ein kleines, dann werdet ihr mich sehen«, das ist,
ich werde von den Toten wieder auferstehen und mich
lebendig sehen lassen. Es sind seltsame, doppelsinni-
ge Worte, mit denen er anzeigen will, daß er noch
kurze Zeit bei ihnen sein werde, danach werde er ge-
tötet werden und sterben; aber am dritten Tage werde
er von den Toten wieder auferstehen und sich leben-
dig offenbaren. Und nach solchem Tod und Auferste-
hen werde er zum Vater gehen. Diese zwei Stücke,
Sterben und von den Toten wieder Auferstehen, kön-
nen die Jünger aus dem Text nicht ersehen. Sie folgen
ihrer Vernunft, die kann aus diesen Worten: Ȇber
ein kleines, dann werdet ihr mich nicht sehen«, nichts
anders machen, als daß der Herr sich eine Zeitlang
verstecken und verbergen wolle.
So urteilt und richtet Fleisch und Blut von Christi
Wort, und solches tut Fleisch und Blut in den Heili-
gen. Denn auch die Heiligen haben ein groß Teil von
dem alten Adam, solange sie in diesem Leben sind,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5433 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 4

und es ist große Kunst, daß man über dem Wort nicht
nach menschlicher Vernunft richte. Die Jünger sind
voll Gaben und Heiligen Geistes, dennoch reden sie
fleischlich und wie es ihnen die Vernunft und das
Fleisch eingibt. Ja, auch nach der Auferstehung Chri-
sti, da er nun gen Himmel fahren will, obwohl sie
seine Predigt nun vierzig Tage lang gehört haben und
er ihnen die Schrift ausgelegt und ihnen das Verständ-
nis eröffnet hat, haben sie dennoch fleischliche Ge-
danken von seinem Reich und sprechen (Apg. 1, 6):
»Wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich
für Israel?« Ebenso machen auch wir es nicht besser;
ich und du und wir alle haben auch noch fleischliche
Gedanken, ob wir schon getauft sind und Christen
heißen.
Darum sind das schändliche Verführer, die auf
Papst, Kaiser, Konzile, Väter bauen und sagen: Die
christliche Kirche kann nicht irren, was die christliche
Kirche festgesetzt hat, das soll man halten. Aber sage
du: Der Mensch kann nicht ohne Irrtum leben. Sol-
ches sieht man hier an den Aposteln, welche in dem
höchsten Artikel von dem Leiden und der Auferste-
hung Christi irren und fehlgehen. Deshalb vertraue
ich nicht den Vätern, Konzilen, Kirchen, es sei denn,
daß sie Gottes Wort haben. Denn hier sieht man an
den Aposteln, daß man den heiligen Vätern und der
Kirche nicht vertrauen solle, sie haben denn mit Si-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5434 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 5

cherheit Gottes Wort. Was die Kirche über und au-


ßerhalb Gottes Wort redet, es sei durch die heiligen
Väter oder Konzile, da sprich: Das ist der Apostel
Fleisch, welche auch so aus der Vernunft reden, ohne
den Heiligen Geist.
Es setzt aber Christus eins neben das andere, Trau-
rigkeit und Freude, Weinen und Lachen. Gleichwie er
zuvor in dem Text eins neben das andere gesetzt und
gesagt hat: Ȇber ein kleines, dann werdet ihr mich
nicht sehen, und abermals über ein kleines, dann wer-
det ihr mich sehen«, so tut er es hier auch in der Er-
klärung und spricht: Ich sage euch, wahrlich, ihr wer-
det traurig sein, und die Welt dagegen wird sich freu-
en. Aber euer Trauern und der Welt Freude wird eine
kurze Zeit währen. Es wird sich das eine und das an-
dere miteinander abwechseln: eure Traurigkeit soll
zur Freude und der Welt Freude soll zur Traurigkeit
werden. Das sagt er deshalb, damit die Geduld desto
stärker werde. Denn wer könnte so fest und stark sein
und das Leiden ausstehen, wenn Gott nicht bisweilen
eine Erquickung darböte? Denn wo die Traurigkeit
kein Ende hätte, so wäre es schon die Hölle selbst.
Aber es heißt so: Der Christen Trauern soll ein klei-
nes sein, und der Welt Freude soll auch ein kleines
sein. Die Christen müssen weinen und trauern, die
Welt dagegen wird singen, springen und fröhlich sein.
Aber seid getrost und haltet ein wenig stille, es wird
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5435 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 6

alles nicht lange dauern. Danach wird sichs umkehren


und die Traurigkeit in Freude und die Freude in Trau-
rigkeit verwandelt werden. Am Ende des Evangeliums
deutet er es noch klarer und spricht: »Euer Herz soll
sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch
nehmen«, das ist: eure Traurigkeit soll zur ewigen
Freude werden, und die Freude soll nimmer von euch
genommen werden.
Das sollen wir gut lernen, auf daß wir es in Trübsal
und Anfechtung zusammenbringen und sagen können:
Wohlan, ich habe jetzt Traurigkeit; es ist um ein klei-
nes zu tun, dann soll sie, diese Traurigkeit, zur Freude
werden. Besonders aber wer im Predigtamt ist, der
denke daran! Der Teufel und die Welt werden es nicht
lassen, sie werden dich anfechten. Sagst du die Wahr-
heit, so will die Welt toll und töricht werden, hebt an,
dich zu verfluchen, zu verdammen und zu verfolgen,
da mußt du Hohn und Spott leiden. Kann die Welt
das Schwert über dich zücken, so wird sie es auch
nicht unterlassen, und der Teufel hilft als ein Meister
dazu und treibt solche giftigen, feurigen Pfeile in das
Herz, daß das Herz zerschmelzen möchte. Wenn du
nun solche Anfechtung fühlst: die Welt verflucht und
verfolgt dich, spottet und lacht dein noch dazu, und
der Teufel plagt dich, was sollst du hier tun? Sollst du
ungeduldig werden, das Predigtamt fahren lassen, da-
vonlaufen und fluchen? Nein, sondern du sollst Ge-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5436 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 7

duld haben, bis zu Ende warten und Mut fassen und


sagen: Wohlan, mein Herr Christus hat es vorher ge-
sagt: »Ihr werdet weinen und heulen, die Welt aber
wird sich freuen«. Aber er hat auch hinzugesetzt:
»Eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden«, es
soll heißen, »über ein kleines«. Weil er nun wahrhaf-
tig ist und mir nicht bei dem kleinen gelogen hat, daß
ich ihn jetzt nicht sehe und weinen und heulen muß,
so wird er mir auch bei dem andern kleinen nicht
lügen, daß ich ihn wiedersehen und mein Herz sich
freuen soll.
Darum soll man diese Worte fleißig merken, daß
der Herr sagt, es werde sich das eine und das andere
miteinander abwechseln: Christus nicht sehen und
Christus sehen, traurig sein und sich freuen, weinen
und fröhlich sein. Aber wie geht es? Wie folgen wir
dieser Lehre? Wenn Traurigkeit und Leiden vor-
kommt, so ist unser liebes, empfindliches Fleisch da
und unsere edle Vernunft, und denkt so: Wann wird
das Leiden ein Ende haben? Es ist nun alles aus und
verloren. Denn Fleisch und Blut und menschliche
Vernunft kann nichts anderes tun, als nach den fünf
Sinnen und nach dem Fühlen zu urteilen und zu rich-
ten. Sie sieht an, wie wehe das Leiden tut, und sieht
die an, die uns das Leiden zufügen. Aber dadurch
wird die Traurigkeit und das Leiden nur desto größer,
bis es zuletzt so groß wird, daß einer darüber des
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5437 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 8

Todes sein müßte. Wer deshalb ein Christ sein will,


der soll nicht darauf achten, wie wehe es tut und wie
gern das Fleisch das Leid los wäre. Sondern er soll
sich an das Wort halten und das auf die Sache bezie-
hen und sich mit dieser tröstlichen Verheißung trö-
sten, daß die Traurigkeit eine kleine Zeit dauern und
danach zur Freude werden soll. Dazu soll auch dies
Beispiel eines Weibes dienen, die nun aus ihrer Angst
erlöst ist und Freude hat deshalb, weil ein Mensch zur
Welt geboren ist.
Wer das tut, der wird gut stehen bleiben, wie groß
und schwer die Anfechtung und das Leiden auch sein
mag. Wer es aber nicht tut, der wird auch eine kleine,
geringe Anfechtung nicht ausstehen können. Denn
weil er das Wort und die Verheißung fahrenläßt, so
ist all sein Tun und Vornehmen ein bloßer fleischli-
cher Ratschlag und Gedanke, daraus nichts wird noch
werden kann. Wo Christus hier nicht mit seiner tröst-
lichen, zuverlässigen Verheißung aushilft, und dies
nicht durch seinen Heiligen Geist ins Herz drückt, so
ist es verloren. Beißen und sich verzehren kann man
sich wohl mit Gedanken in Jammer und Elend, aber
sich mit eigenen Gedanken daraus herauszubringen,
das vermag man nicht. Denn gleichwie es den Juden
in der Wüste geschah: je mehr sie auf den Biß der
feurigen Schlangen sahen, desto mehr erschraken sie
und fürchteten sich, so wird auch dem geschehen, der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5438 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 9

das Wort und die Verheißung fahrenläßt: je mehr er


auf das Fühlen sieht, wie wehe es tut, je mehr wird er
in Schrecken, Verzagen und Ungeduld fallen.
Wenn wir Traurigkeit haben, sollen wir uns des-
halb an das Wort halten und das Wort und die Sache
zusammenhalten und so sagen: Mein Herr Christus
hat mirs zuvor gesagt: Wolle ich sein Jünger sein, so
müsse es geweint und geheult sein, die Welt aber
werde sich freuen. Aber das Weinen und Heulen solle
nicht lange währen. Dafür hat er mir eine zuverlässige
Zusage gegeben und dazu das Beispiel eines Weibes
vor Augen gestellt, die nicht über der Geburt bleibt,
sondern aus der Angst mit Freuden errettet wird. Das
hat er getan, damit ich glauben solle, er wolle mich
auch aus der Not herausreißen und zur ewigen Freude
bringen. Darum will ich dies Unglück geduldig leiden
und mich dessen trösten, daß es um ein kleines zu tun
sei, dann werde ich für dieses Leid reichlich erfreut
werden. Wenn wir so das Wort ergreifen und in Glau-
ben und Geduld ausharren, dann läßt sich Christus
alsdann wiederum sehen, so wie er sich von den Jün-
gern nach seiner Auferstehung und nach ihrem großen
Herzeleid wiederum hat sehen lassen. Da schauen wir
denn nicht auf das Leiden, wie wehe es tut, und wie
unbillig die handeln, die uns das Leiden zufügen, son-
dern gewinnen den fröhlichen Blick, der heißt, wie
Christus hier sagt: »Ich will euch wiedersehen, und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5439 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 10

euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll nie-
mand von euch nehmen«.
Soviel über dies Evangelium, welches allein ein
Evangelium für die Christen ist, auf daß sie glauben
lernen und sich damit trösten in ihren großen Anfech-
tungen und Trübsalen, und Geduld haben in Hoff-
nung, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5440 Sonntag Jubilate. Joh. 16, 16-23 11

Editorische Bemerkung

Neun Nachschriften Rörers sind erhalten, die HP


wählte die WA 34, 1, 345-353 abgedruckte (Predigt
von 1531), nicht bei Dietrich, dessen Quelle nicht
nachzuweisen ist).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5441 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 1

Martin Luther

Sonntag Kantate
Joh. 16, 5-15

[HP 222–225;
WA 37, 74–77]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5442 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 2

Nun aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt


hat; und niemand unter euch fragt mich: Wo gehst
du hin? Sondern weil ich solches zu euch geredet
habe, ist euer Herz voll Trauerns geworden. Aber
ich sage euch die Wahrheit: es ist euch gut, daß ich
hingehe. Denn wenn ich nicht hingehe, so kommt
der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will
ich ihn zu euch senden. Und wenn derselbe kommt,
wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde
und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;
über die Sünde: daß sie nicht glauben an mich; über
die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr
mich hinfort nicht sehet; über das Gericht: daß der
Fürst dieser Welt gerichtet ist.
Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt
es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der
Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle
Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber
reden; sondern was er hören wird, das wird er
reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündi-
gen. Derselbe wird mich verherrlichen; denn von
dem Meinen wird ers nehmen und euch verkündigen.
Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe
ich gesagt: Er wirds von dem Meinen nehmen und
euch verkündigen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5443 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 3

Unser lieber Herr Jesus Christus hat das zu seinen be-


trübten und bekümmerten Jüngern geredet, als er nun
in den Garten Gethsemane gehen und von hinnen
scheiden sollte, da er betrübt war bis in den Tod.
Weil der Herr nun sieht, daß die Jünger so betrübt
und traurig sind, tröstet und stärkt er sie wider die ge-
genwärtige Traurigkeit über sein Abscheiden und
wider das zukünftige Ärgernis seines schmählichen
Todes und wider das zukünftige Leiden, das sie vom
Teufel und von der Welt überfallen würde. Liebe Kin-
der, sagt er, ihr seid über meinen Abschied sehr be-
kümmert und es tut euch weh, daß ich von euch ge-
nommen werden soll und ihr allein gelassen werden
sollt. Aber laßt eure Traurigkeit fahren, es soll nach
meinem Weggang viel besser werden, als es jetzt ist.
Denn wo ich nicht von euch ginge und aus diesem
leiblichen Wesen und Leben schiede, dann würdet ihr
bleiben, wie ihr jetzt seid, und würde alles in dem
alten Wesen bleiben: die Juden unter dem Gesetz
Mose, die Heiden in ihrer Blindheit und alle Welt
unter Sünde und Tod. Aber wenn ich von euch zum
Vater gehe und sterbe und das ausrichte, wozu mich
Gott gesandt hat, so will ich euch den Heiligen Geist
senden, der soll in euch und in aller Welt ein ander
Wesen anfangen. Darum ist es gut, daß euch das Herz
bricht und ihr auf meine leibliche Gemeinschaft ver-
zichtet, auf daß ihr zu dem zukünftigen Schatz, zu
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5444 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 4

dem Heiligen Geist, kommet.


Darum sollen wir, wenn uns etwas Saures und Bit-
teres begegnet, am ersten aus diesem Evangelium ler-
nen, daß wir es im Gehorsam Gottes aufnehmen, ge-
duldig leiden, uns trösten und denken, es werde her-
nach viel besser werden.
Denn das ist Gottes Weise, so pflegt er mit uns
umzugehen, daß er uns nach der Anfechtung und
Traurigkeit, wenn uns das Herz gebrochen ist, reich-
lich und überschwenglich tröstet. Und je größer das
Übel und die Traurigkeit ist, je größer ist auch her-
nach der Trost und die Freude, wenn wir es nur gut
hinnehmen und das Unglück und die Traurigkeit mit
Geduld tragen. Je ungeduldiger wir aber umgekehrt
sind und mit Kreuz und Anfechtung nicht beschwert
sein, sondern die Last von uns werfen wollen, je mehr
und schwerer werden wir beschwert.
Das ist es, weshalb Christus hier seine Jünger mit
dem zukünftigen Gut, mit dem Heiligen Geist, tröstet,
als wollte er sagen: Liebe Brüder, seid getrost und
guter Dinge, ob ich schon von euch gehe und euch al-
lein lasse und ihr meiner leiblichen Gesellschaft und
Freundschaft beraubt werden müßt. Ich wollte wohl
auch lieber hier bei euch bleiben, damit ich den
Kelch, den mir der Vater gegeben hat, nicht zu trinken
brauchte. Aber wahrlich, es wird und soll euch besser
sein, daß ich von euch zum Vater gehe, als daß ich
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5445 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 5

bei euch bleibe. Denn wo ich nicht zum Vater hin-


gehe, so kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich
aber zum Vater hingehe, so will ich den Tröster, den
Heiligen Geist, zu euch senden. Mein Abschied ist
euch viel besser als mein Bleiben. Denn wenn ich
bleibe, so habt ihr nicht mehr an mir als einen natürli-
chen Trost, leiblichen Schutz und äußerliche Freund-
schaft. Was ist euch damit geholfen? Wenn ich aber
von euch zum Vater hingehe, so werdet und sollt ihr
geistlichen Trost, ewigen Schutz und Freude durch
den Heiligen Geist an mir haben.
Siehe, ein wie über die Maßen feiner, freundlicher
Mann ist unser lieber Herr Jesus Christus gewesen.
Wie fein tröstet und stärkt er seine Jünger mit so fei-
nen, lieblichen, freundlichen und süßen Worten, der-
gleichen kein Mensch auf Erden gegen seine liebsten
und besten Freunde reden kann. Das ist alles um un-
sertwillen geschrieben, daß wir in Anfechtung, Kreuz
und Leiden geduldig und getrost zu sein und denken
lernen sollen: Hat den lieben Jüngern und Aposteln
das Herz brechen müssen, haben sie Geduld haben
und auf den Herrn Christus verzichten und auf den
Tröster, den Heiligen Geist, warten müssen, so wer-
den wir das auch tun müssen, unser Kreuz auf uns
nehmen, Geduld haben und Christus vertrauen und
glauben, der da spricht, es werde und solle hernach
viel besser werden, als es jetzt ist. Und das ist das
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5446 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 6

erste Stück dieses Evangeliums.


Das andere Stück dieses Evangeliums ist, daß er
sagt: »Wenn der Heilige Geist kommt, so wird er der
Welt die Augen auftun über die Sünde und über die
Gerechtigkeit und über das Gericht«. Und das ist das
Hauptstück, der vornehmste Artikel unseres christli-
chen Glaubens und unser schönster, bester und höch-
ster Trost. Wenn der Heilige Geist kommen wird, sagt
er, wird dieser in aller Welt durch euch von mir Zeug-
nis geben. Und ihr werdet auch meine Zeugen sein
und von mir in der ganzen Welt zeugen und predigen.
Ich will euch den Heiligen Geist senden, der wird in
euch wirken, daß ihr so mutige und trotzige Leute
werdet und die ganze Welt angreifen und zurechtwei-
sen sollt. Ihr sollt euch durch euer Wort und Predigt-
amt und durch des Heiligen Geistes Kraft alle Welt
unterwerfen und zum Gehorsam bringen.
Was heißt nun »alle Welt«? Und was heißt »zu-
rechtweisen«? Wenn man hier recht erörtert, so wird
man wohl finden, was da gesagt sei. »Alle Welt«
heißt nicht allein Hannas, Kaiphas, Hohepriester,
Pharisäer, Sdhriftgelehrte, Älteste, Fürsten und Köni-
ge zu Jerusalem; sondern alles, was in der Welt ist, zu
Jerusalem und an allen Orten der Welt, alle Weisen,
Klugen, Gelehrten, Heiligen, Gewaltigen, Kaiser, Kö-
nige, Fürsten, Edle und Unedle, Bauern und Bürger,
Hohe und Niedrige, Junge und Alte. »Zurechtweisen«
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5447 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 7

heißt, keinem etwas durchgehen lassen, sondern all


ihr Tun und Wesen mit dem Wort angreifen und ihnen
sagen, daß sie allzumal, wer sie auch sind, vor Gott
strafbar und ungerecht sind und dieser Predigt von
Christus gehorchen müssen, oder sie sollen ewig ver-
dammt und verloren sein. Hiermit sind alle Menschen
auf Erden dem Predigtamt, das die Apostel und ihre
Nachkommen von Gottes wegen führen, unterworfen,
so daß sie demselben untertan sein und folgen müs-
sen, wollen sie Gottes Gnade haben und selig werden.
Er faßt aber das Predigtamt des Heiligen Geistes
und der Apostel Wort in drei Stücke oder in drei Arti-
kel und sagt: sie sollen durch den Heiligen Geist, oder
der Heilige Geist durch sie, der Welt die Augen auf-
tun über die Sünde, über die Gerechtigkeit und über
das Gericht. Und er deutet selbst, was er unter einem
jeden Stück verstanden haben wolle. Das sind drei
hohe Stücke und treffliche Artikel, darin alles gefaßt
ist, was das geistliche Regiment und Christi Reich be-
trifft, und wovon die Welt überhaupt nichts weiß
noch versteht. Die wollen wir nacheinander kurz und
einfältig behandeln.
Das erste Stück soll das sein: »Über die Sünde,
daß sie nicht glauben an mich«. Ihr sollt, sagt er,
durchs Wort und durch des Heiligen Geistes Kraft
allem, was in der Welt weise, fromm, heilig und
mächtig ist, die Augen darüber auftun, daß sie vor
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5448 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 8

Gott Sünder, ja unter die Sünde verkauft sind. Und


sollt sie um solcher Sünde willen zurechtweisen, daß
sie nicht an mich glauben. Ihr sollt die Welt nicht al-
lein wegen Diebstahls, Ehebruchs, Hurerei, Mord,
Totschlag und anderer Übertretung des Gesetzes zu-
rechtweisen. Denn diese Sünden haben der Kaiser und
Mose angezeigt und gescholten. Sondern wegen die-
ser Sünde sollt ihr die Welt schelten, daß sie nicht an
mich glauben.
Darum wird diese eure Fredigt ganz und gar neu
und der Welt unbekannt sein, nämlich daß außerhalb
des Glaubens an mich alles Sünde ist, ein wie gutes
und heiliges Werk es auch vor der Welt sein mag.
Und umgekehrt, daß denen, die an mich glauben, alle
Sünden, wie groß und schwer sie sein mögen, zuge-
deckt und vergeben sind, ja, daß alles, was die tun,
welche an mich glauben, sie essen oder trinken, wa-
chen oder schlafen usw., alles gute, Gott angenehme
und wohlgefällige Werke sind; daß umgekehrt den
Gottlosen und Ungläubigen alle Werke, wie gut und
heilig sie immer scheinen mögen, Sünde sind, daß sie
auch einen Bissen Brot in Ungnade und Sünde essen
und von einem jeglichen unnützen Wort, das sie gere-
det haben, beim Jüngsten Gericht Rechenschaft geben
müssen.
Das andere Stück eurer Predigt soll das sein: »Über
die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5449 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 9

mich hinfort nicht sehet«. Das ist eine besonders wun-


derliche und seltsame und eine ganz andere Gerech-
tigkeit, als die weltliche Gerechtigkeit ist. Denn mit
diesen Worten nimmt Christus die Gerechtigkeit, von
der sein Evangelium lehrt und die vor Gott gilt, aus
meinem und deinem Herzen, als ob sie schon drinnen
sein muß, und setzt sie zur Rechten des himmlischen
Vaters. Deshalb ist es nicht unsere Gerechtigkeit, son-
dern Christi Gerechtigkeit. Ja, diese Gerechtigkeit ist
Christus selbst und wird doch meine Gerechtigkeit,
wenn ich glaube, daß Christus zum Vater gegangen
ist, das ist, daß er aus der Jungfrau Maria geboren ist,
gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben,
am dritten Tage auferstanden, aufgefahren gen Him-
mel, sitzend zu der Rechten des Vaters, wie die Arti-
kel unseres christlichen Glaubensbekenntnisses lau-
ten.
Deshalb wächst und kommt die Gerechtigkeit, die
vor Gott gilt und welche die christliche Gerechtigkeit
heißt, nicht aus unserem Herzen, obwohl sie in unse-
rem Herzen sein muß. Sie besteht auch nicht in unse-
ren Werken, sondern im Glauben an Christus, daß er
um unserer Sünde willen dahingegeben und um unse-
rer Gerechtigkeit willen auferweckt ist und unser Herr
und Heiland ist. Wer das glaubt, den spricht Gott ge-
recht.
Das dritte Stück soll das sein: »Über das Gericht,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5450 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 10

daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist«. Es ist eine


besonders tröstliche Predigt, die der Tröster, der Hei-
lige Geist, in der Welt durch der Apostel Mund gepre-
digt hat und hat predigen sollen. Denn was ist Tröstli-
cheres, als daß alle Sünden, wie viel und groß sie
auch sind, aufgehoben, vergeben, zugedeckt und nicht
zugerechnet werden sollen um des Glaubens an Chri-
stus willen, und daß der, welcher solchen Glauben
hat, von Gott gerecht gesprochen werden soll, ohne
all sein Werk und Verdienst, allein durch den Glau-
ben an Christus? Tröstlichere Predigt kann in der
Welt nicht erschallen. Wenn aber diese neue, unerhör-
te Lehre und Predigt kommt und angeht in der Welt,
daß wir durch den Gang Christi zum Vater gerecht
sind, kommen Juden und Heilige dieser Welt und
sprechen: Du Petrus, Paulus usw. tust das Maul weit
auf, lehrst und predigst von Sünde und Gerechtigkeit,
was ist dies aber für eine neue Lehre und Predigt?
Wenn Sünde ist, nicht an Jesus von Nazareth glau-
ben, und Gerechtigkeit ist, daß Jesus von Nazareth
zum Vater gegangen ist, wozu dienen dann unsere
Werke, Opfer und Gottesdienste? Hat Gott das nicht
selbst alles eingesetzt? Ist dies nicht der angenehme
Gottesdienst, was wir haben? Hat denn Gott nicht ge-
boten, daß man ehrbar und heilig leben soll? Ihr seid
Ketzer und Verführer des Volks; denn ihr predigt
gegen das, was Gott geordnet und eingesetzt hat.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5451 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 11

Da spricht nun Christus zu seinen Aposteln: Seid


getrost und unverzagt und laßt euch durch solch Rich-
ten und Urteilen der Welt nicht bewegen. Verdammen
Juden und Heiden eure Lehre, so laßt sie gehen. Denn
der Teufel kann es nicht lassen, er muß die Lehre des
Glaubens und der christlichen Gerechtigkeit verdam-
men und verfolgen. Es liegt aber nichts dran, ob sie
euch schon in den Bann tun und euch als Ketzer ver-
dammen werden; ich habe bereits ihr Richten und Ur-
teilen, das sie über euch und eure Lehre ergehen las-
sen werden, gerichtet und verdammt. Der Fürst dieser
Welt, der Teufel, gibt ihnen das Richten ein, mit dem
sie euch richten. Aber erschreckt und fürchtet euch
nicht: der Fürst dieser Welt ist schon gerichtet.
Darum, liebe Kinderlein, die Welt wird euch angrei-
fen, sie wird über ihrem Tun und Wesen wachen und
eure Lehre verdammen. Aber seid ihr nur zufrieden,
dies soll euer Trost sein, daß ich den Fürsten dieser
Welt schon gerichtet habe, darum soll euch sein Urteil
nicht schaden.
So tröstet und stärkt unser lieber Herr Christus
seine Jünger und Christen, daß sie vor dem Richten
der Welt nicht erschrecken noch denken sollen, sie
seien auch von Gott verworfen und verdammt, wenn
sie von Teufel und Welt gerichtet und verdammt wer-
den; wie auch Psalm 37, 33 sagt: »Der Herr läßt den
Gerechten nicht in des Gottlosen Händen und läßt ihn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5452 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 12

vor Gericht nicht zum Schuldigen werden«. Es ist


eine besonders tröstliche Predigt, daß Christus hier
sagt: ehe euch der Teufel und die Welt richten wird,
habe ich sie schon gerichtet. Ich habe den Fürsten die-
ser Welt gerichtet und verdammt. Damit ist der Köni-
ge Weisheit und der Pharisäer Heiligkeit zu Boden
geschlagen. Christus will die Oberhand behalten über
das Richten der ganzen Welt, wie weise und heilig
auch die sein mögen, die da richten. Denn er ist allein
weise und gerecht, alle Menschen aber sind Narren
und Sünder. Darum wird er wohl recht behalten, wie
Psalm 51, 6 sagt: »Auf daß du Recht behaltest in dei-
nen Worten und rein dastehst, wenn du richtest«.
Aber dies dritte Stück vom Gericht betrifft das Kreuz.
Das ist nun die Summe der evangelischen Lehre,
daß man predige, was Sünde und Gerechtigkeit ist,
und wegen dieser Lehre der Welt Richten und Urtei-
len erwarte und sich dennoch dessen tröste, daß Chri-
stus hier sagt: Der Fürst dieser Welt sei schon gerich-
tet. Und solche Lehre treiben wir mit ganzem Fleiß,
predigen von Sünde und Gerechtigkeit und leiden der
Welt Gericht über uns. Ob wir schon der Welt über
das Gericht die Augen auftun und ein Gericht gegen
das andere angeht, so müssen wir dennoch deswegen
herhalten und leiden.
Wir predigen so: Weltliches Wesen ohne Glauben
an Christus ist und soll auch nichts sein, wie heilig
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5453 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 13

und geistlich es immer scheine. Dies ist aber die


christliche Gerechtigkeit, daß Christus zum Vater ge-
gangen ist, sein Blut am Kreuz für uns vergossen hat
und sich zur Rechten des himmlischen Vaters gesetzt
hat. Und dies ist der Artikel unseres Glaubens von der
Rechtfertigung des Menschen, welchen Artikel wir
gut wissen müssen, auf daß wir uns wider den Teufel,
Ketzerei und unser eigen Gewissen, welche alle gegen
diesen Artikel streiten, schützen und halten können.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5454 Sonntag Kantate. Joh. 16, 5-15 14

Editorische Bemerkung

Von den acht erhaltenen Nachschriften Rörers wählt


die HP die WA 37, 74-77 abgedruckte als Vorlage
(Predigt von 1533 im Hause, nicht bei Dietrich).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5455 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 1

Martin Luther

Sonntag Rogate
Joh. 16, 23-30

[HP 225–228;
WA 37, 391–392]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5456 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 2

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den


Vater etwas bitten werdet, so wird ers euch geben in
meinem Namen. Bisher habt ihr nichts gebeten in
meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß
eure Freude vollkommen sei.
Solches habe ich zu euch in Sprüchen und Bildern
geredet. Es kommt aber die Zeit, daß ich nicht mehr
in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei
heraus verkündigen von meinem Vater. An demsel-
ben Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und
ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bit-
ten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb,
weil ihr mich liebet und glaubet, daß ich von Gott
ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen
und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich
die Welt und gehe zum Vater.
Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest
du frei heraus und nicht mehr in Bildern. Nun wis-
sen wir, daß du alle Dinge weißt und bedarfst nicht,
daß dich jemand frage; darum glauben wir, daß du
von Gott ausgegangen bist.

Unser lieber Herr Jesus Christus vermahnt in diesem


Evangelium herzlich zum Gebet. Denn das ist nach
dem Predigtamt der höchste Gottesdienst bei den
Christen, daß man bete. Solches lehrt der Herr hier
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5457 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 3

seine Jünger und uns und sagt über die Maßen tröst-
lich, daß sie zu solchem Werk kühn und unerschrok-
ken sein sollen. Denn, sagt er, ich brauche den Vater
für euch nicht zu bitten. Ob ich schon für euch gebe-
ten habe und noch bitte und beten werde am Kreuz
und zur Rechten Gottes, da ich euch ohne Unterlaß
und in Ewigkeit vertreten will, bedürft ihr doch mei-
nes Gebets für euch nicht, weil ihr den Vater selbst
bitten könnt. Denn weil ihr mich liebt und an mich
glaubt, so hat euch der Vater lieb und erhört euch um
meinetwillen, wenn ihr selbst bittet. Deshalb könnt
ihr kühn zum Vater treten und getrost bitten; ihr sollt
auch nicht zweifeln, euer Gebet sei erhört.
Das heißt doch wirklich ein tröstliches Anreizen
und Locken zum Gebet, daß unser lieber Herr Chri-
stus spricht: Wer Liebe zu mir hat, der soll dessen
sicher sein, daß mein Vater ihn wieder liebhat, und
zwar so sehr, daß er ihn erhört, wenn er bittet. Denn
solches habe ich durch meinen Tod erworben, daß er
ebenso beten darf wie ich. Das sollen wir mit Fleiß
merken, daß Christus uns durch sein Sterben und Ab-
schied von dieser Welt einen solchen Zutritt zu Gott
dem Vater gemacht und erworben hat. Wir seien, wo
wir wollen: in der Kirche, im Haus, im Keller, in der
Küche, auf dem Felde, in der Werkstatt, und kommen
mit einem solchen Herzen und sprechen: Lieber Gott
und Vater, ich weiß gewiß, daß du mich lieb hast,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5458 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 4

denn ich habe deinen Sohn und meinen Erlöser Jesus


Christus lieb. In solchem Vertrauen und Zuversicht
will ich dich jetzt getrost bitten, du wollest mich erhö-
ren und mir geben, was ich erbitte; nicht weil ich so
heilig oder fromm sei, sondern weil ich weiß, daß du
um deines Sohnes Christus Jesus willen gerne alles
geben und schenken willst. In dessen Namen trete ich
jetzt vor dich und bitte und zweifle gar nicht, mein
Gebet (ich sei in Bezug auf meine Person, wie ich
wolle) sei bestimmt erhört.
Wenn wir so beten, sagt Christus, so sei es recht.
Denn weil wir an Christus glauben und ihn liebhaben,
so habe uns der Vater auch lieb. Hat uns nun der
Vater lieb, so ist unser Gebet Amen und Ja und gewiß
erhöret. Darum soll sich ein jeder Christ davor hüten,
daß er mit dem Gebet nicht so lange warte, bis ihn
dünke, daß er ganz rein und tauglich sei. Der Teufel
ist ein Betrüger und schleicht uns immer nach, ob er
uns jetzt mit diesem, bald mit einem andern am Gebet
hindern könnte. Darum müssen wir uns gegen ihn rü-
sten und uns nicht hindern lassen. Wenn er dir eingibt
und durch dich und in dir spricht: Ich will zuvor das
tun; so sprich du: Nein, nicht so! Sondern sobald die
Not vor Augen ist, so will ich beten; denn das ist das
rechte Betstündlein, daß ich Gott in der Not anrufe:
bin ich nicht tauglich oder würdig, Gott wird mich
wohl tauglich und würdig machen. Denn ich weiß, er
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5459 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 5

hat mich lieb, nicht um meinetwillen, weil ich so


fromm oder heilig bin, sondern um Christi willen, den
ich liebhabe und an den ich glaube.
Das will unser lieber Herr Christus hier haben, daß
wir beten sollen und nicht ohne zu beten hingehen,
wie die ruchlosen Leute, denen Essen und Trinken
(wie sie sagen) schmeckt, wenn sie gleich in acht
Tagen kein Vaterunser gebetet haben. Bist du ein
Christ oder willst einer sein, so hüte dich vor solchem
rohen Leben; bete zum wenigsten des Morgens, wenn
du aufstehest, vor und nach Tisch und des Abends
wieder, wenn du zu Bette gehest, und sprich: Vater
unser, geheiligt werde dein Name usw. Denn wir
Christen sind schuldig, daß wir ohne Unterlaß beten
sollen; wo nicht mit dem Munde (wie wir es denn
nicht immer können), so doch mit dem Herzen. Unse-
re Herzen sollen einen jeden Augenblick in dem
Wunsch stehen, daß Gottes Name geheiligt werde,
sein Reich komme, sein Wille geschehe, ebenso, daß
er Frieden im Lande, gut Wetter, gesunden Leib
geben wolle usw. Solches wünscht ein jeder Christ
alle Stunden und Augenblicke in seinem Herzen, und
wenn er gleich nicht daran denkt, so ist doch nichts
anderes in ihm. Das heißt geistlich und mit dem Her-
zen beten. Und wir bedürfen solches Gebets auch sehr
wohl um der starken Gefahr willen, daß ein Christ
nicht einen Augenblick vor dem Teufel und seinem ei-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5460 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 6

genen Fleisch sicher ist, daß er nicht in Sünde und


Schande falle. Aber neben solchem Gebet des Her-
zens soll das mündliche Gebet auch gehen. Wie nun
dieses Gebet gestaltet sein soll, lehrt der Herr hier.
Zum ersten sagt er, man müsse sich im Gebet etwas
vornehmen, worum man bitte. Was dieses »Etwas«
sei, bringt allewege die Zeit mit sich. So braucht man
nicht dafür sorgen noch sich darum bekümmern, was
man vorbringen wolle. Wir haben allenthalben Ursa-
chen genug, die uns zum Gebet treiben. Wer aber
nicht alle solche Not bedenken kann, der nehme nur
das heilige Vaterunser vor sich. Das hat sieben Stük-
ke, in welche alle Nöte und alles Anliegen gefaßt
sind. Es ist überaus fein alles miteinander in das Va-
terunser gefaßt, was uns bekümmern und anliegen
oder aber uns zum Besten dienen mag.
Das ist nun das erste, daß man etwas vornehme,
worum man bitte. Das will unser Herrgott tun und
geben. Denn der Befehl ist schon da, daß wir beten
sollen, und die Zusagung ist auch da, daß es ja und
gewiß erhöret sein soll. Und zum Überfluß hat uns
unser lieber Herr Christus selbst beides, Wort und
Weise, vorgestellt, in die alle Not inbegriffen ist, wie
man im Vaterunser sieht.
Zum zweiten sagt er, das Gebet solle in seinem
Namen geschehen. Denn wir müssen bekennen, daß
wir arme Sünder sind, nicht wert, daß wir vor Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5461 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 7

treten und mit Gott reden sollen, und noch unwürdi-


ger, daß wir etwas von ihm erlangen sollen. Auf daß
wir uns nun durch solche unsere Unwürdigkeit nicht
am Gebet hindern ließen, befiehlt der Herr hier mit
ausdrücklichen Worten: Wir sollen in seinem Namen
bitten. Er sagt uns gewiß zu: was wir in seinem
Namen bitten, das soll erhöret werden. Mit diesen
Worten ist der Gottesdienst des Gebets und Anrufens
ganz und gar aus der ganzen Welt in die einzige Per-
son Jesus Christus gezogen. Deshalb ist alles Gebet,
das nicht im Namen Jesu geschieht, kein Gebet noch
Gottesdienst.
Solches soll man gut merken, daß man in Christi
Namen bitten soll. Denn Christus macht das Gebet,
welches in seinem Namen geschieht, so gewiß, daß er
spricht: Ich sage euch nicht, daß ich den Vater für
euch bitten will, sondern der Vater selbst wird euch
freiwillig und gern hören, wenn ihr nur an mich
glaubt und Liebe zu mir habt und in meinem Namen
bittet. Als wollte er sagen: Wenn ihr auf Befehl mei-
nes Mundes und nach der Lehre des Vaterunsers in
meinem Namen vor Gott tretet und sprecht: Vater
unser, der du bist im Himmel, höre, lieber Vater, um
deines Sohnes Jesus Christus willen; so ist es recht
gebetet und ist euer Gebet erhöret. So soll das Gebet
durch und in Christus geschehen, das heißt alsdann
recht gebetet, und es muß folgen, daß wir erlangen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5462 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 8

werden, um was wir bitten, nämlich daß wir ewig


selig und fröhlich seien. So lockt uns unser lieber
Herr Jesus Christus mit dieser Vermahnung auf das
allerfreundlichste, daß wir freudig und willig zu beten
sein sollen. Denn was wir den Vater in seinem Namen
bitten werden, das soll durchdringen und nicht ruhen,
bis es vor Gottes Thron komme, und da ist schon Ja
und Amen drüber gesprochen.
Nach solcher Verheißung spricht der Herr weiter zu
seinen Jüngern: »Bisher habt ihr nichts gebeten in
meinem Namen«. Denn sie verließen sich auf ihn, wie
die Bauern sich auf ihren Pfarrer verlassen, daß er für
sie beten soll, und meinen, sie brauchen nicht zu
beten. Aber das soll hinfort von euch, sagt er, nicht
mehr geschehen. »Bittet, so werdet ihr nehmen, daß
eure Freude vollkommen sei.« Da heißt er die Jünger
selbst beten und vermahnt uns mit diesen Worten, daß
niemand sich auf den andern verlassen noch denken
solle: Ich brauche nicht zu beten; es ist genug, daß
dieser und jener für mich betet. Sondern ein jeglicher
Christ soll beten, sowohl für sich selbst wie für die
andern, vornehmlich aber für die Not der allgemeinen
Christenheit. Denn die zwei Dinge müssen die Chri-
stenheit auf Erden erhalten: Gottes Wort und der
Christen Gebet. Ebenso wie die christliche Kirche
durch das Wort Gottes und Predigtamt erhalten wird,
so wird sie auch erhalten durch eines jeden Christen
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5463 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 9

Gebet.
Wer nun die christliche Kirche und das Evangelium
liebhat und gern ihre Wohlfahrt sähe, der denke, er
müsse auch dazu helfen, daß sie erhalten werde. Sol-
ches aber geschieht allein durchs Gebet, wenn du be-
test, daß deines Gottes Name im Himmel geheiligt
werde, sein Reich komme und sein Wille geschehe
und daß umgekehrt des Teufels Name geschändet,
sein Reich zerstört und all sein Wille und Anschläge
gehindert werden. Wenn du das tust, so stehst du und
ein jeder Christ als ein Krieger mit seiner Waffe im
Feld und hilfst, die christliche Kirche wider den Teu-
fel und die Welt zu schützen und schirmen. Denn ein
jeder Christ ist ein Krieger und liegt gegen den Teufel
zu Felde. Wie fest wir mit dem Predigen und Lehren
streiten, so fest sollt ihr mit uns zusammen mit dem
Beten streiten. Diese zwei Stücke tun dem Teufel das
Herzeleid an, wo man auf diese Weise fleißig predigt
und ernstlich betet. Und soll er geschlagen und ihm
Abbruch getan werden, so muß es mit diesen zwei
Waffen geschehen. Denn der droben im Himmel lügt
nicht.
Dagegen ist es nicht gut, ja gefährlich, wo man so
denken will: Lasse andere beten, dein Gebet ist nichts
Besonderes. Davor hüte dich und denke so: Ich habe,
Gottlob, Christus und sein Evangelium lieb und woll-
te eher alles verlassen, als meinen Herrn Christus ver-
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5464 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 10

leugnen. Daraus muß folgen, daß mich der Vater auch


liebhabe und mein Gebet erhöret werde, wie mir Chri-
stus hier zusagt. Deshalb will ich mich durch nichts
am Beten hindern oder aufhalten lassen. Deshalb
spreche man so zum Teufel, welcher uns zum Gebet
träge und faul machen will: Heb dich weg, Teufel! Ich
will mich nicht hindern lassen, Christus, mein Herr,
hat mich anders gelehret, nämlich daß ich getrost in
seinem Namen beten und glauben soll, daß mein
Gebet erhöret sei laut seiner Zusage: »Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch, wenn ihr den Vater etwas bit-
ten werdet, so wird ers euch in meinem Namen
geben.« Wenn ich das tue, so soll es nicht Not haben.
Das ist die Vermahnung zum Gebet. Gott, unser
lieber Vater, gebe seinen Heiligen Geist in unsere
Herzen, daß wir in allen Nöten und Anfechtungen so
bitten und Gott diesen Dienst leisten und von allem
Jammer zeitlich und ewiglich erlöst werden mögen,
Amen.

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5465 Sonntag Rogate. Joh. 16, 23-30 11

Editorische Bemerkung

Von den zehn erhaltenen Nachschriften Rörers wählte


die HP die WA 37, 391-392 abgedruckte als Vorlage
(Hauspredigt von 1534), wie Dietrich, aber »in ge-
nauem Anschluß« daran, ohne dessen Weglassungen
und Zusätze.

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5466 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 1

Martin Luther

Himmelfahrtstag
Mark. 16, 14-20

[HP 234–240;
WA 37, 77–82]

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5467 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 2

Zuletzt, da die Elf zu Tische saßen, offenbarte er


sich und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens
Härtigkeit, daß sie nicht geglaubt hatten denen, die
ihn gesehen hatten auferstanden. Und er sprach zu
ihnen: Gehet hin in alle Welt und prediget das
Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubet und ge-
tauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht
glaubet, der wird verdammt werden. Die Zeichen
aber, die da folgen werden denen, die da glauben,
sind die: in meinem Namen werden sie böse Geister
austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen ver-
treiben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wirds
ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die
Hände legen, so wirds besser mit ihnen werden. Und
der Herr, nachdem er mit ihnen geredet hatte, ward
er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur rech-
ten Hand Gottes. Sie aber gingen aus und predigten
an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und
bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zei-
chen.

Das Hauptstück in diesem Evangelium ist der Befehl,


den der Herr Christus seinen Jüngern gibt, da er sagt:
»Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium
aller Kreatur.« Es ist ein besonders starker und gewal-
tiger Befehl, daß der Herr seine Jünger nicht in eine
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5468 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 3

Stadt oder ein Dorf sendet, nicht allein in das jüdische


Land zu dem Volk Israel, nicht allein nach Jerusalem
zu den Priestern und Leviten, nicht in ein Königreich
und Fürstentum der Heiden, sondern in die ganze
Welt, zu allen Königen, Fürsten, Herren und allen
Menschen unter dem Himmel, es seien Juden oder
Heiden, Edle oder Unedle, Mann oder Weib, Jung
oder Alt, so daß es alle Menschen hören können, auf
daß sich niemand zu entschuldigen habe noch sagen
dürfe, er habe es nicht gehört.
In Summa, das Evangelium soll allenthalben gepre-
digt werden, in der ganzen Welt. Obgleich die Apo-
stel nicht persönlich in alle Welt gekommen sind
noch alle Winkel des Erdkreises gesehen haben, ist
dennoch ihre Predigt in alle Welt gekommen, wie
Psalm 19, 5 sagt: »Ihr Schall gehet aus in alle Lande
und ihr Reden bis an die Enden der Welt.« Der Apo-
stel Wort und Predigt ist nach dem Befehl Christi in
alle Welt gekommen, obschon ihre Person und ihre
Füße nicht in alle Welt gekommen sind. Unsere Väter
und Voreltern haben dasselbe Wort (obwohl es zu
einer Zeit klarer gepredigt worden ist als zu der an-
dern) vor uns gehört; wir hörens jetzt nach ihnen. Das
Wort geht immerdar fort, durch andere und andere
Menschen. Die Apostel haben es angefangen, in aller
Welt zu predigen, der Apostel Nachkommen treiben
es fort bis an den Jüngsten Tag.
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5469 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 4

Wie lautet aber das Evangelium, welches aller


Kreatur gepredigt werden soll? »Wer da glaubt und
getauft wird, der wird selig werden.« Er sagt nicht:
Wer da hält das Gesetz Moses, der Juristen Bücher,
der weisen Leute Sprüche; sondern sagt: Wer da an
die Vergebung der Sünden glaubt, oder was ebenso-
viel ist: wer da an mich glaubt, der wird selig. Das
sollt ihr aller Kreatur predigen, allen Königen, Kai-
sern, Fürsten, Edlen, Unedlen, Männern, Weibern,
Jungen und Alten, daß sie an mich glauben, wenn sie
selig werden wollen. Das ist, als wollte er sagen: die
Welt ist lange genug geplagt gewesen mit Gesetzen,
mit Gerechtigkeit und Werken, durch die doch nie-
mand selig zu werden vermag, sintemal sie niemand
tun kann. Jetzt aber will ich es kurz fassen: Selig wer-
den geht so zu, daß man an mich glaube.
Wollte hier jemand sagen: Was soll denn das welt-
liche Recht und das Gesetz oder die Zehn Gebote
Gottes? Ist denn die Gerechtigkeit der Welt und des
Gesetzes zu nichts nütze? Antwort: Die Gerechtigkeit
der Welt und des Gesetzes soll und muß bleiben.
Denn dazu hat Gott weltliche Obrigkeit, Vater, Mut-
ter verordnet und gibt Vernunft, Verstand, Weisheit
und alle Kreaturen, auf daß solche Gerechtigkeit ge-
schehe. Weil aber diese Gerechtigkeit der Welt und
des Gesetzes wegen der verderbten Natur nicht ge-
schieht oder aber gar unzureichend geschieht, und
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5470 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 5

deshalb kein Mensch dadurch selig zu werden ver-


mag, deshalb läßt Christus eine höhere Predigt in die
Welt ausgehen, die lautet so: »Wer da glaubet und ge-
tauft wird, der wird selig werden.«
Das ist eine andere Predigt als die der Juristen und
des Gesetzes. Die schließt mit kurzen Worten die
Hölle zu und tut den Himmel auf. Es sind kaum zwei
Worte: »glauben« und »selig werden«. Aber diese
zwei Worte bringen doch solche Gewalt mit sich, die
über alle Gewalt ist, nehmen der Sünde die Kraft,
dem Tod den Stachel, der Hölle den Sieg, werfen alle
Furcht, Schrecken und Zagen hinweg, erquicken ein
betrübtes Herz und machen es lebendig. So vermag
die ganze Welt nicht zu reden, daß sie mit einem
Wort Sünde, Tod, Teufel, Hölle, alle Rechtsbücher
und das ganze Gesetz Gottes wegnehmen und frei den
Himmel auftun und die Seligkeit zusagen sollte, und
das alles unverdient und unerworben, frei umsonst ge-
schenkt. Aber Christus vermag das durch sein
Evangelium und befiehlt, das aller Kreatur zu predi-
gen.
Das mag ein Befehl heißen, den Christus durch die
Apostel in alle Welt ausgehen läßt. Wenn wir das nun
glauben könnten, so würden wir die Apostel und Pre-
diger, welche diesen Befehl ausführen, vor Liebe fres-
sen und auf den Händen tragen. Ja, wenn wir es nur
dahin bringen könnten, daß wir es für Gottes Wort
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5471 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 6

hielten, was die Apostel und ihre Nachkommen predi-


gen, so würde ein jeder, der es hört, seine Hände auf-
heben und sagen: Herr Gott, dir sei ewig Dank gesagt,
daß ich die Zeit erlebt habe, daß ich solches hören
kann. Ich will dir von Herzen gehorsam sein und gern
mit Leib und Gut dienen. Aber das Evangelium wird
wohl gepredigt und gelehrt; es fehlt jedoch daran, daß
man es glaubt.
»Glauben« heißt aber nicht, bloß davon reden und
die Worte erzählen, sondern sich von Herzen auf das
Wort verlassen und in Anfechtungen, in Gefahr des
Todes, in Verfolgung gegen Menschen, Tod und Teu-
fel trotzen und sagen: Wohlan, da steht die Verhei-
ßung, dabei bleibe ich und gebe daran Leib und
Leben, Gut und Ehre und alles, was ich habe. Wenn
man sich so auf das Wort und Verheißung Gottes von
ganzem Herzen verläßt, das heißt Glaube.
Von solchem Glauben weiß die Welt nichts. O,
was Glaube, sagt mancher, Glauben ist eine einfache
und leichte Sache. Aber, lieber Mann, ist es so ein-
fach und leicht, so fange an und versuche es einmal,
was du davon kannst, besonders dann, wenn der Teu-
fel sich mit aller Macht wider dein Herz stellt und
dich ängstet. Da wirst du wohl erfahren, daß es Mühe
und Anstrengung kostet, an Christus zu glauben, so
daß du, wenn der Tod über dich kommt, sagen
kannst: Ich fürchte mich dennoch nicht so sehr vor
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5472 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 7

dir. Denn ich glaube an Jesus Christus und bin auf


ihn getauft, deshalb steht mir der Himmel offen usw.
Denn der Glaube wagt es getrost auf Christus, ist
fröhlich und guter Dinge, fürchtet sich nicht vor dem
Tode, erblaßt nicht vor Gottes Gericht. Weil du aber
in der Anfechtung noch so traurig und verzagt bist,
dich vor dem Tode noch so fürchtest und vor Gottes
Gericht erblassest, so ist es ein sicheres Zeichen
dafür, daß es dir noch am Glauben mangelt.
Daß solche Heuchler die Lehre vom Glauben so
gering achten und meinen, sie haben bald geglaubt:
das kommt daher, daß sie noch nie erfahren haben,
wie ein verzagtes Herz und erschrockenes Gewissen
tut. Darum gehen sie so sicher dahin. Wenn aber der
Tod und Schrecken sie übereilen, fallen sie plötzlich
in Verzweiflung. Alsdann werden sie gewahr, was es
für eine Kunst um den Glauben sei, nämlich: nicht
bloße Worte auf der Zunge, noch ein leerer, fauler Ge-
danke; sondern den Kopf aufrichten und einen unver-
zagten Mut fassen und auf Christus trotzen, gegen
Sünde, Tod, Hölle, Gesetz und böses Gewissen.
Wenn das Gesetz dich beschuldigt und anklagt, daß
du sagest: Disputiere, du Gesetz, mit wem du willst,
ich kann mich jetzt um dich nicht kümmern; ich will
jetzt von meinen Sünden gar nichts wissen. Kannst du
mir viel predigen: dem Recht muß Genüge geschehen,
so kehre ich dir den Rücken und sage: Das Recht blei-
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5473 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 8

be, wo es wolle, ich will jetzt nicht davon handeln,


sondern ich wende mich hierher zu Christus und höre
dem zu, wie er predigt: »Wer da glaubet und getauft
wird, der wird selig werden.« Das heißt Glaube.
Wider diese Lehre vom Glauben und der Seligkeit
ficht der Teufel mit aller Macht durch seine Lügen-
apostel und Rotten; die hängen ihre Anmerkungen
daran und sagen, man müsse es so verstehen: Wer da
glaubt und gute Werke tut, der wird selig werden. Da
ist es abermals nötig, daß du gerüstet seiest und es
recht unterscheidest und sagest: Das weiß ich sehr
wohl, daß der Glaube gute Werke tut, wenn er recht-
schaffen ist, und daß kein rechtschaffener Glaube da
ist, wenn die guten Werke nicht folgen. Aber den
Himmel auftun und selig werden, das gehört allein
dem Glauben zu und nicht den Werken. Das Hauptgut
der Seligkeit muß ich zuvor haben. Wenn mir aber
durch den Glauben an Christus die Sünden vergeben
sind, der Himmel aufgetan ist und ich selig bin, so
sage ich dann: dem Recht muß Genüge geschehen.
So soll man die Predigt vom Glauben und die
Lehre von guten Werken recht unterscheiden und ein
jedes an seinem Ort bleiben lassen, wo es hin gehört.
Denn obwohl es auch nötig ist, die Lehre von guten
Werken zu treiben, so sind doch die guten Werke nur
wie das Laub oder wie Äpfel, Birnen oder andere
Früchte am Baum. Der Glaube aber ist der Baum, der
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5474 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 9

beides, Laub und Frucht, bringt. Die guten Werke


sollen hienieden auf Erden unter den Menschen blei-
ben und dem Nächsten dienen. Der Glaube aber
kommt hinauf und handelt mit Gott, empfängt Verge-
bung der Sünden, das Leben und die Seligkeit, durchs
Evangelium in Christus angeboten. Dieser Glaube ist
aber, wie gesagt, nicht ein einfacher, leerer Gedanke,
sondern eine lebendige Zuversicht, so daß man sich
von ganzem Herzen auf die Verheißung verlasse, dar-
auf trotze und einen Mut fasse wider Sünde, Tod und
Teufel.
Deshalb, sage ich, versteht die Welt nichts. Den-
noch steht das Urteil da wie ein gewaltiger Donner-
schlag und schlägt alles zu Boden, was nicht des
Glaubens an Christus ist. »Wer aber nicht glaubet,
der wird verdammt werden«, er sei Jude oder Heide,
Mönch oder Nonne, Bischof oder Bader, Kaiser,
König oder Fürst, Bürger oder Bauer, niemand ausge-
nommen, und tue gleich, was er wolle: glaubt er nicht,
das heißt, kennt er Christus nicht und trotzt nicht auf
ihn wider Sünde, Tod und Teufel, so ist er verdammt.
Dagegen hilft nichts, weder Beschneidung noch Ge-
setz Moses, weder Mönchskappe noch Tonsur, weder
Messe noch Wallfahrt, weder Fasten noch Beten noch
irgendein gutes Werk, denn es heißt: »Wer dem Sohn
nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern
der Zorn Gottes bleibt über ihm«, Joh. 3, 36.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5475 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 10

Aber gleichwie der Glaube nicht ein schläfriger Ge-


danke noch ein menschlicher Wahn ist, sondern eine
lebendige Zuversicht im Herzen auf Gottes Gnade
und eine Quelle, daraus alles Gute fließe: so ist auch
der Unglaube nicht ein müßiger Gedanke oder Traum,
sondern eine Eiterquelle im Grunde des Herzens, wor-
auf andere Sünden in Menge folgen, daß man entwe-
der sicher und vermessen dahingeht, Gott verachtet,
den Nächsten haßt und beneidet und ihm allerlei
Böses tut und sich dennoch kein Gewissen darüber
macht oder gar zu erschrocken ist und in Verzweif-
lung fällt. Denn die Werke des Unglaubens sind nicht
verborgen, sondern offenbar, wie Paulus (Gal. 5, 19
f.) lehrt, wo er die Werke des Fleisches aufzählt. Des-
halb ist der Unglaube nicht ein stilles Ding, das im
Herzen liegt, ruhet und feiert, sondern das heraus-
quillt und alle möglichen bösen Früchte bringt. Dage-
gen ist der Glaube aber auch nicht ein totes, sondern
ein lebendiges, mächtiges Ding, da das Herz mutig
und fröhlich ist und wider die Sünde und den Tod
trotzt und sagt: Ich will mich nicht so schrecken las-
sen. Denn ich habe einen Mann, Christus, der hat ge-
sagt: »Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig
werden.« Dabei bleibe ich und wage es getrost auf
ihn.
Solcher Glaube aber, wie gesagt, läßt sich nicht auf
einmal vollständig lernen. Es bleibt auch in den Heili-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5476 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 11

gen noch große Schwachheit; wie hier von den elf


Aposteln steht, daß sie noch harte Herzen zu glauben
haben, und deshalb von Christus getadelt werden. Sie
glauben wohl, aber gar schwach, und wenn Christus
ihr Pflänzlein nicht begossen hätte, so wäre es ver-
welkt. Deshalb sind die gute Gesellen, die meinen,
der Glaube werde auf einmal mit Kübeln eingegossen.
Wenn ich einen solchen schelten wollte, daß er nicht
glaubte, würde er vor Zorn brennen und sagen: Mei-
nest du, daß ich ein ungläubiger Türke oder Heide
sei? Denn sobald sie den Glauben haben nennen
hören, ist kein Unglaube mehr bei ihnen, wie sie sich
dünken lassen. Aber es ist nicht allein von den Elfen
gesagt, was hier steht: »Jesus schalt ihren Unglauben
und ihres Herzens Härtigkeit«, sondern es ist auch
von mir und dir und von uns allen insgemein gesagt,
daß wir nicht glauben und ein hartes Herz haben.
Denn wo wir glaubten, so würde unser Herz mutiger
und fröhlicher sein und sich nicht so bald schrecken
lassen. Ebenso würden wir frömmer und bereiter sein
zu allen guten Werken. Weil wir aber noch traurig
und erschrocken, dazu kalt und faul sind, Gutes zu
tun, und es nirgends mit uns fort will, so ist es ein si-
cheres Zeichen dafür, daß unser Herz noch voll Un-
glauben steckt. Deshalb kann ich mich von diesem
Text nicht ausschließen, sondern muß bekennen, daß
ich und meinesgleichen noch im Unglauben und in
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5477 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 12

des Herzens Härtigkeit stecken. Weil wir aber noch


am Wort hangen, das Christus spricht: »Wer da glau-
bet und getauft wird, der wird selig werden«, so wird
uns der Text forthelfen.
Deshalb will das Wort immerdar getrieben und ge-
lernt und der Glaube geübt sein, auf daß wir, wenn
die Anfechtung kommt, fest stehen. Wo du sicher und
schläfrig sein und dich nicht im Wort und Glauben
üben willst, so hat dich der Teufel bald mit einem
Sturmwind gestürzt und gleich wie mit einem Platzre-
gen weggeschwemmt. Wo du aber am Wort fleißig
bist und dich im Glauben übst, so wird mit der Zeit
ein Mann aus dir, der das Pflänzlein immerdar be-
gießt, daß es nicht verwelkt, und der dem Teufel einen
Kampf ausstehen kann. Deshalb läßt sich der Glaube
nicht auf einmal vollständig lernen, sondern will stets
geübt, und das Wort will ohne Unterlaß getrieben
sein. Denn das Wort und der Heilige Geist ist das
Wasser, damit das Pflänzlein begossen wird.
So sollen wir nun aus diesem Evangelium lernen,
was der Unterschied zwischen der Lehre des Glau-
bens und zwischen andern Lehren sei. Andere Lehren
von menschlichen Werken sind höllische Lehren, die
zur Hölle predigen. Aber die Lehre vom Glauben ist
eine himmlische Lehre, die über alle geht. Das Gesetz
soll und muß gehalten sein. Aber weil wir es nicht
halten können, so hängen wir uns an Christus, auf daß
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5478 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 13

wir durch den Glauben an ihn selig werden. Und in


solchem Glauben gehen wir hin und tun, was wir ver-
mögen. Das läßt sich aber nicht auf einmal voll ler-
nen. Darum will das Wort immerdar getrieben und
der Glaube geübt sein. Dazu verleihe uns Gott seine
Gnade durch Christus, unseren Heiland, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5479 Himmelfahrtstag. Mark. 16, 14-20 14

Editorische Bemerkung

Die zweite der von der HP gebotenen Predigten (Pre-


digt von 1533, Vorlage WA 37, 77-82) wurde ge-
wählt (nicht bei Dietrich, der zum Himmelfahrtstag
eine eigene Bearbeitung des Stückes Conciunculae
WA 45, 443, 9-444, 26 gibt, die WA Bd 52 gar nicht
erst abgedruckt wird).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5480 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 1

Martin Luther

Sonntag Exaudi
Joh. 15, 26-16, 4

[HP 241–243;
WA 36, 175–177]

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5481 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 2

Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen ich


euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahr-
heit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von
mir. Und auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn
ihr seid von Anfang bei mir gewesen.
Solches habe ich euch geredet, damit ihr nicht Är-
gernis nehmt. Sie werden euch in den Bann tun. Ja,
es kommt die Stunde, daß wer euch tötet, wird mei-
nen, er tue Gott einen Dienst damit. Und solches
werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater
noch mich erkennen. Aber solches habe ich zu euch
geredet, damit, wenn die Stunde kommen wird, ihr
daran gedenket, daß ichs euch gesagt habe. Solches
aber habe ich euch von Anfang nicht gesagt, denn
ich war bei euch.

Im heutigen Evangelium sind zwei Stücke: das erste


vom Heiligen Geist, das andere von der künftigen
Verfolgung, welche denen begegnen wird, die das
Evangelium vor der Welt bekennen und predigen.
Vom Heiligen Geist wißt ihr, daß wir im christli-
chen Glauben glauben und bekennen, daß der Heilige
Geist ewiger, allmächtiger Gott sei. Dem gibt der
Herr Christus hier einen besonderen Namen und nennt
ihn einen Tröster. Das stellt er gegen die künftige
Verfolgung, die den Aposteln und Christen über der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5482 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 3

Predigt und dem Bekenntnis des Evangeliums in der


Welt begegnen wird, wovon er nachher redet. Wollt
ihr meine Jünger und Christen sein, sagt er, so werdet
ihr leiden müssen. Denn was bedarf es da des Trostes,
wo nicht Leiden und Kümmernis ist? Darum werdet
ihr leiden müssen, daß man euch nicht allein töte (das
wäre noch gering und leidlich), sondern daß man euch
so töte, daß die, welche euch töten, Recht haben, ja
Gott einen Dienst dazu getan haben wollen, und ihr,
die ihr getötet werdet, müßt Unrecht haben. Das heißt
nicht einfach töten, sondern schändlich und schmäh-
lich töten, da jedermann sagen wird: Ei, dem Ketzer
geschieht recht; man sollte nicht wollen, daß es ihm
anders ginge usw. So zeigt also der Herr an, daß bei
der Apostel und Christen Tod kein Trost sein werde.
Die Welt, sagt er, wird euch als Ketzer erwürgen.
Da wird denn euer Gewissen auch schwach sein, daß
ihr oft denken werdet: Wer weiß, ob ich es auch recht
gemacht habe? Ah, ich habe in der Sache zuviel
getan. Ihr müßt also vor der Welt und in euern Gewis-
sen Unrecht haben. Weil ich nun weiß, wie es euch
gehen wird, daß ihr bei euch selbst wenig und in der
Welt gar keinen Trost finden werdet: so will ich euch
in solcher Not nicht stecken lassen, will euch nicht so
in den Schlamm hineinführen, daß ihr darin ertrinken
sollt. Sondern wenn kein Trost mehr in der Welt ist
und ihr ganz erschrocken und verzagt seid, will ich
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5483 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 4

euch den Heiligen Geist senden, der ein Tröster heißt


und ist. Der soll euch gegen alles Verzagen im Herzen
Trost zusprechen und sagen: Sei getrost und unver-
zagt, kehre dich nicht an der Welt Urteil, auch nicht
an deine Gedanken, sondern halte dich an das, was
ich dir sage.
Nun ist zweierlei Trost. Der eine ist ein weltlicher
Trost. Das ist ein falscher und lügenhafter Trost, denn
er steht darauf, daß ein Mensch sich auf Gut, Ehre,
Gewalt, auf großer Fürsten und Herren Freundschaft
und Vorschub verläßt. Daran werdet ihr, meine Jün-
ger, spricht Christus hier, keines haben. Sondern es
soll noch wohl alles wider euch und nicht mit euch
sein: daß die Welt ihre Gewalt, Ehre, Gut und Ver-
mögen wider euch brauchen und euch damit wird un-
terdrücken wollen. Darüber sollt ihr nicht erschrek-
ken, daß ihr solchen Trost nicht habt. Es ist ja doch
ein elender, schlechter, unsicherer Trost. Er hilft und
tröstet nicht länger, als bis ein Fieber, eine Pest oder
eine andere Krankheit kommt, so ist es schon ausge-
tröstet.
Ich aber will euch einen anderen Tröster schaffen,
den Heiligen Geist, der euch alsdann trösten soll,
wenn ihr erschrocken, verzagt, elend, armselig und
verlassen seid, beides, vor den Menschen und in
euerm Herzen vor euch selbst. Denn deswegen führt
der Heilige Geist den Namen, daß er ein Tröster heißt
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5484 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 5

und nicht ein Betrüber. Denn wo Traurigkeit und Be-


trübnis ist, da ist der Heilige Geist, der Tröster, nicht
daheim. Der Teufel ist ein Schreckgeist und Betrüber,
aber der Heilige Geist ist ein Tröster.
Danach gibt er dem Heiligen Geist noch einen
Namen und nennt ihn den Geist der Wahrheit. Er will
damit sagen: der Heilige Geist, welchen ich vom
Vater senden will, soll ein Tröster heißen und sein,
aber ein Tröster in der Wahrheit. Er soll nicht ein
Tröster sein, wie in der Welt Trost ist, wo keine
Wahrheit noch Bestand dabei ist, sondern ein Trost
soll ein wahrhaftiger, ewiger, beständiger Trost sein
ohne Falschheit und Lüge, der niemand betrügen
kann.
Aber hier hats wieder seine Schwierigkeit. Denn
das Gewissen spricht: du redest mir wohl von einem
Trost, aber ich fühle den Trost nicht, von dem du mir
redest. Ja, das Gegenteil fühle und sehe ich, daß die
Welt Freude und Trost hat, während die Christen lei-
den müssen. Johannes der Täufer muß seinen Kopf
hergeben, Herodes und seine Hure bankettieren der-
weil miteinander und haben einen guten Mut. Das ist
eine schlechte Freude und ein passender Trost, daß
die Hure Herodias dem lieben, heiligen Mann den
Kopf abtanzt. Mit uns geht es auch so. Die Christen
werden unterdrückt und geplagt. Heißt das nun getrö-
stet? Ja, sagt Christus, es heißt getröstet. Aber du
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5485 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 6

mußt es recht unterscheiden. Der Heilige Geist heißt


ein Tröster in der Wahrheit. Die Welt hat auch ihren
Trost, denn sonst könnte sie nicht so sicher, fröhlich
und guter Dinge sein. Aber es ist nicht ein Trost, der
da vom Geist der Wahrheit kommt, sondern es ist ein
lügenhafter Trost. Denn sehr bald kann sichs zutra-
gen, daß alles, womit die Welt sich tröstet, nicht mehr
trösten noch helfen kann. Dagegen ist aber dieser Trö-
ster, den die Christen haben, ein Geist der Wahrheit,
der einen beständigen Trost in unsere Herzen gibt.
Die Welt kann Johannes den Täufer nicht trösten,
sondern läßt ihn in Traurigkeit liegen, Herodes und
seine Hure werfen ihn in den Turm und nehmen ihm
endlich den Kopf. Aber der Tröster, der Geist der
Wahrheit, tröstet Johannes, sagt ihm ins Herz: Lieber
Johannes, kehre dich an den Schrecken nicht, daß du
so elendig daliegst und die arge Welt ihren Mutwillen
an dir übt; du bist dennoch Gottes Freund und das
liebe Kind. Die ganze Welt verzweifelt wohl an dir;
aber ich tröste dich, und mein Trost ist ein zuverlässi-
ger, ewiger Trost. Die Welt hat einen falschen, unsi-
cheren Trost, ihr Trost heißt eine kurze Freude und
langes, ja, unendliches Leid. Dagegen soll aber dein
Leiden kurz sein und eine ewige Freude darauf folgen,
von der ein Augenblick mehr und besser ist als tau-
send Jahre hier auf Erden, wenngleich aller Welt
Freude und kein Leid da wäre. Dieser Trost füllt dem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5486 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 7

Johannes dermaßen das Herz, daß er sich nicht allein


vor dem Tode nicht entsetzt, sondern wohl Gott noch
dafür dankt, daß er so von diesem armen, sündlichen
Leib und Leben befreit und zum ewigen Leben beför-
dert werden soll.
Woher nimmt aber der Heilige Geist solchen
Trost? Vom Vater, spricht Christus hier. Warum trö-
stet aber der Heilige Geist? »Von mir«, spricht der
Herr, »wird er zeugen«, als wollte er sagen: Mein lie-
bes Kind, der Teufel wird dich schrecken und ängsti-
gen, die Welt dich gefangennehmen und töten, darauf
mußt du gefaßt sein, anderes wird nicht daraus wer-
den. Dagegen soll aber der Heilige Geist ein Zeuge
von mir sein, soll dich aufwecken und dir eingeben,
daß du an mich gedenkest. Der wird dir nicht ein oder
mehrere tausend Taler geben, wie die Welt, sondern
von mir wird er zeugen, daß du wirst sagen können:
Wenn schon alles dahin ist, Weib und Kind, Haus
und Hof, Gut und Ehre, ja es jetzt an dem ist, daß
Leib und Leben auch hintennach soll: so lebt dennoch
der droben, der da heißt Jesus Christus, der um mei-
netwillen Mensch geworden, für mich gestorben und
auferstanden und gen Himmel gefahren ist, wie ich
täglich in meinem Glaubensbekenntnis bete. Ist das
wahr, wovor will ich mich denn fürchten? Gottes
Sohn, mein lieber Herr, der für mich den Tod leidet,
der wird wahrlich mein Feind nicht sein, er wird es
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5487 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 8

treu und gut mit mir meinen. Wer einen liebhat, vor
dem braucht man sich nicht fürchten. Hat mich nun
Gottes Sohn lieb, so habe ich ja nicht Ursache, mich
vor ihm zu fürchten oder ihm etwas Böses zuzu-
trauen.
Es sagt aber Christus deutlich: Der Heilige Geist
wird von mir zeugen, von mir, und nicht von einem
anderen. Außer diesem Zeugnis des Heiligen Geistes
von Christus ist kein zuverlässiger, beständiger Trost.
Darum sollte man dies Wort »von mir« mit großen,
dicken Buchstaben schreiben und fleißig merken.
Denn dabei können wir gewiß sein, daß der Heilige
Geist mit keiner anderen Lehre kommen, weder Mose
noch andere Gesetze predigen soll, die Gewissen
damit zu trösten. Wenn die Gewissen getröstet wer-
den sollen, so muß es allein die Predigt von Christi
Sterben und Auferstehen tun; die tröstet allein. Alle
anderen Predigten aber von Gesetz, guten Werken,
heiligem Leben, sei es von Gott oder Menschen gebo-
ten, vermögen den Menschen in Not und Tod dagegen
nicht zu trösten, sondern machen schwach und ver-
zagt, schrecken und plagen. Denn selbst Gott, wenn
man ohne Christus mit ihm verhandeln will, ist ein
schrecklicher Gott, an dem man keinen Trost, sondern
eitel Zorn und Ungnade findet. Aber wer von Christus
predigt, der verkündigt und bringt den rechten Trost,
da es unmöglich ist, daß die Herzen sich dessen nicht
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5488 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 9

freuen und nicht guter Dinge drüber sein sollten.


Darum liegt es alles an dem, daß man diesen Trost
sicher fasse und festhalte und sage: Ich glaube an
Jesus Christus, der für mich gestorben ist, und weiß,
daß der Heilige Geist, der ein Zeuge und Tröster heißt
und ist, von niemand anders predigt oder zeuget in der
Christenheit als von Christus, um alle Betrübten zu
trösten und zu stärken. Dabei will ich bleiben und
mich sonst an keinen Trost halten. Denn sollte ein
besserer oder zuverlässigerer Trost sein als dieser, der
Heilige Geist würde ihn auch bringen. Aber er soll
nicht mehr tun als von Christus zeugen. Der Trost soll
nicht fehlen, wenn wir uns nur fest daran halten und
fest glauben, daß es wahr und des Heiligen Geistes
Zeugnis sei.
Warum braucht der Herr aber hier soeben das
Wörtlein »zeugen«? Er hätte doch wohl anders reden
können, Antwort: Er braucht ein besonderes Wort
dafür, sagt nicht: Der Heilige Geist wird von mir
reden, sondern: Der Heilige Geist wird von mir »zeu-
gen«. Das tut er deshalb, damit wir desto mehr auf
das Wort Achtung haben und demselben glauben sol-
len. Denn »Zeugen« geschieht durchs Wort, und dem
Zeugnis muß man glauben. Deshalb will Christus so
sagen: Der Heilige Geist wird mich euch nicht per-
sönlich vor die Nase stellen, so daß ihrs sehen, grei-
fen und fühlen werdet. Sondern ihr werdet des Heili-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5489 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 10

gen Geistes Stimme in euren Herzen hören, daß ich


für euch gestorben und euch zugut Sünde, Tod, Welt,
Teufel, Hölle überwunden habe.
Er setzt auch des Heiligen Geistes und der Apostel
Zeugnis zusammen und spricht: Der Heilige Geist
»wird zeugen von mir, und auch ihr werdet meine
Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang bei mir gewe-
sen«. Denn wahr ist es, der Heilige Geist hat seine
Wirkung inwendig im Herzen. Aber doch will er sol-
che Wirkung in der Regel und im allgemeinen nicht
anders als durch das mündliche Wort ausrichten, wie
Paulus Röm. 10, 14 sagt: »Wie sollen sie aber an den
glauben, von dem sie nichts gehört haben?«, ebenso
Vers 17: »Der Glaube kommt aus der Predigt, das
Predigen aber durch das Wort Christi.« Darum nennt
Christus den Heiligen Geist auch einen Zeugen, nicht
allein weil er inwendig und heimlich im Herzen zeu-
get, sondern auch weil er äußerlich und öffentlich
durch den Mund und durch das Wort der Apostel und
aller Prediger zeuget, die das Evangelium von Chri-
stus rein und lauter verkündigen. Denn zum Zeugen
gehört der Mund und das Wort.
Darum soll niemand warten, der Trost begehrt, bis
der Heilige Geist persönlich und in seiner Majestät
vom Himmel mit ihm rede. Denn er führt sein Zeug-
nis öffentlich in der Predigt: da mußt du ihn suchen
und seiner warten, bis er durch solches Wort, das du
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5490 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 11

mit deinen Ohren hörst, dein Herz anrühre und so


auch durch seine Wirkung inwendig im Herzen von
Christus zeuge. Aber solch inwendiges Zeugnis
kommt nicht eher, es habe denn zuvor das andere öf-
fentliche und mündliche Zeugnis des Wortes stattge-
funden, da man höre, daß Christus um unsertwillen
Mensch geworden, gekreuzigt, gestorben und wieder
auferstanden sei.
So ist nun dies die Summe von dem heutigen
Evangelium, daß wir uns willig drein ergeben sollen,
so wir Christen sein wollen, daß wir nicht viel Geld
und Gut, Freude und Herrlichkeit hier auf Erden
haben werden, sondern wir sollen die Welt darüber
zum Feinde kriegen, Sünde, Tod und ein böses Ge-
wissen tragen. Wenn nun ein Christ solches so leidet,
daß das Herz kleinlaut, betrübt und bekümmert wird
und denkt: Siehe, wie geht es dir? Was hast du ange-
richtet? Du hättest wohl ein Christ sein können und
dich dennoch nicht in solche Gefahr zu begeben brau-
chen; geht es dir nun übel, so ist es deine eigene
Schuld usw. Da kommen denn auch schreckliche Ex-
empel mit dazu, wie das Beispiel der ersten Welt,
welche Gott durch die Sintflut vertilgt, ebenso das
Beispiel der Städte Sodom und Gomorra, welche Gott
mit Schwefel und Feuer umkehrt und verdammt, und
andere schreckliche Beispiele mehr, durch die dem
Herzen bange und angst wird und es sich vor Gottes
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5491 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 12

Zorn und Gericht fürchtet. Da ist es Zeit, spricht Chri-


stus, daß ihr wisset, daß solche schrecklichen Bei-
spiele und Anblicke alle außerhalb meiner sind. Wenn
ihr aber von mir hören werdet, daß ich für euch ge-
storben bin und euch durch mein Blut erlöset habe,
werdet ihr bald schließen können, daß ich euch nicht
verderben noch verdammen will.
Besonders aber soll man gegen Rottengeister und
falsche Prediger gut merken, daß hier beschlossen ist,
daß der Heilige Geist, wenn er trösten soll, nichts an-
deres tun, als von Christus zeugen und ihn in die Her-
zen einprägen soll. Der böse Geist dagegen schreckt
die Gewissen, pflegt ihnen den Tod und die Sünde
vorzuhalten. Dem muß der Heilige Geist durch sein
Zeugnis wehren und durchs Wort in unsere Herzen
reden und sprechen: Ach, Mensch, was tust du doch?
Kannst du sonst nichts anderes, als an den Tod,
Sünde und Verdammnis denken? Wende die Augen
von diesem greulichen, schrecklichen Anblick und
siehe hierher. Kennst du nicht einen Mann, der Jesus
Christus heißt? Von dem steht so geschrieben: Er sei
»empfangen von dem Heiligen Geist, geboren aus der
Jungfrau Maria, gelitten und begraben, niedergefahren
zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den
Toten und aufgefahren gen Himmel«. Warum, mei-
nest du, daß solches geschehen sei? Ist es nicht des-
halb geschehen, damit du dich des gegen den Tod und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5492 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 13

die Sünde trösten sollst? Deshalb höre auf, dich so zu


fürchten und zu zagen, du hast ja keine Ursache.
Wenn Christus nicht bei dir und um dich wäre und
solches für dich nicht getan hätte, so hättest du Ursa-
che genug, dich zu fürchten. Aber er ist bei dir und
um dich, wie er spricht: »Ich bin bei euch alle Tage
bis an der Welt Ende.« Dazu hat er den Tod für dich
gelitten und sitzt dir zum Trost und zum Schutz zur
Rechten seines himmlischen Vaters usw.
Wo diese Predigt erschallt, da hört man des Heili-
gen Geistes Stimme, Zeugnis und Lehre. Wo es aber
nicht auf diese Weise lautet, das mag, wo es am be-
sten ist, des Mose Zeugnis sein oder des leidigen Teu-
fels und der Ketzer Zeugnis, da man nichts von hat als
Angst und Schrecken. Gott wolle uns davor behüten
und bei diesem Zeugnis des Heiligen Geistes in unse-
rem letzten Stündlein erhalten, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5493 Sonntag Exaudi. Joh. 15, 26-16, 4 14

Editorische Bemerkung

Von den acht erhaltenen Nachschriften Rörers nahm


die HP die WA 36, 175-177 abgedruckte (Hauspre-
digt von 1532) als Vorlage, wie Dietrich, der ihr dann
aber noch »eine sehr freie Bearbeitung von Gedanken
aus der Predigt des Jahres 1531« anschließt.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5494 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 1

Martin Luther

Erster Pfingsttag
Apg. 2, 1-13

[HP 244–248;
WA 37, 399–405]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5495 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 2

Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie
alle beieinander an einem Ort. Und es geschah
plötzlich ein Brausen vom Himmel wie eines gewal-
tigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie
saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie
von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen
unter ihnen, und sie wurden alle voll des heiligen
Geistes und fingen an zu predigen in anderen Zun-
gen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es
waren aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren
gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter
dem Himmel ist. Da nun diese Stimme geschah, kam
die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein
jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie
entsetzten sich aber, verwunderten sich und spra-
chen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus
Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine
Sprache, darin wir geboren sind? Parther und
Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Meso-
potamien und in Judäa und Kappadozien, in Pontus
und der Landschaft Asien, Phrygien und Pamphyli-
en, in Ägypten und der Gegend von Libyen bei Ky-
rene und Ausländer von Rom, Juden und Judenge-
nossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unseren
Zungen die großen Taten Gottes reden. Sie entsetz-
ten sich aber alle und wurden bestürzt und sprachen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5496 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 3

einer zu dem anderen: Was will das werden? Die


anderen aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie
sind voll süßen Weins.

Auf dies Pfingstfest begehen wir und danken unserem


lieben Herrgott für die große, unendliche Wohltat, die
er auf Erden damit erzeigt hat, daß er uns armen Men-
schen sein heiliges liebes Wort vom Himmel herab
hat offenbaren lassen. Heute, an diesem Tag, hat das
Reich Christi durch die Apostel angefangen und ist
durch das Evangelium vor aller Welt geoffenbaret
worden. Christus hat wohl in seiner Person sein Reich
von Ewigkeit gehabt, aber heute am Pfingsttage ist es
von dem Heiligen Geist durch die Apostel der ganzen
Welt geoffenbart. Und solche Offenbarung ist mit
großem Mut, Trotz und Freude der elenden Fischer,
der Apostel, geschehen, die Christus zuvor aus Furcht
verleugnet und verlassen hatten und furchtsam, er-
schrocken und verzagt waren.
Das ist das Neue Testament und Reich Christi, das
fängt mit so geringer Macht an, und doch mit all-
mächtiger Gewalt und Macht, der niemand widerste-
hen kann. Närrisch scheint es zu sein, daß Christus
das Neue Testament auf diese Weise anfängt. Es be-
ginnt mit der Predigt der Apostel am Pfingsttage. Wie
lautet aber diese Predigt? Sie lautet so: Wir Apostel
predigen, daß der gekreuzigte Jesus von Nazareth, der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5497 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 4

vor sieben Wochen zum Tode verdammt und öffent-


lich hingerichtet worden ist, der Herr ist, von dem alle
Propheten geweissagt haben. Wer da von Sünden los
sein und das ewige Leben haben will, der tue Buße
und lasse sich auf den Namen Jesu Christi zur Verge-
bung der Sünden taufen. Da ist doch alles gering und
nichtig anzusehen. Die Predigt ist gering, die Apostel
und Jünger, welche Christus als die Werkzeuge zu
dieser Predigt braucht, sind noch geringer. Und doch
beginnt durch diese geringe Predigt und nichtigen
Werkzeuge das Neue Testament und Reich Christi.
Es ist, wie Paulus 1. Kor. 1, 23 sagt: »Wir predi-
gen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärger-
nis und den Griechen eine Torheit.« Und doch ist
unter dieser Narrheit und Schwachheit die größte
Weisheit und Kraft verborgen, welcher niemand wi-
derstehen kann. Denn wie weise und gewaltig auch
die Hohenpriester und Pilatus sind, müssen sie das
dennoch leiden. Gott schlägt sie mit Furcht, daß sie
sich vor dem Volk fürchten müssen, daß sie nicht ge-
steinigt werden. Es klingt wohl aufrührerisch, daß die
Apostel auftreten und von dem gekreuzigten Jesus
von Nazareth predigen, der geistlichen und weltlichen
Obrigkeit zu Trotz, dennoch müssen sich beide, Ho-
hepriester und Pilatus, fürchten. Sie sind auch nicht
Besseres wert, als daß sie sich fürchten, da nichts zu
fürchten ist, auf daß Gott seine Kraft in den Schwa-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5498 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 5

chen beweise. So, sage ich, fängt die Christenheit in


öffentlicher Schwachheit an; und doch ist in dieser
Schwachheit eine so große, mächtige Gewalt und
Kraft, daß sich alle Weisen und Gewaltigen davor
entsetzen und dieselbe fürchten müssen.
Worin besteht nun diese Gewalt und Kraft? In
nichts anderem, als in Wort und Geist. Siehe, welche
Gewalt Petrus hat, und zwar Petrus nicht allein, son-
dern die anderen allesamt! Wie gewiß sind sie der
Sache! Wie gewaltig greifen sie in die Schrift, als hät-
ten sie hunderttausend Jahre darin studiert und sie
aufs beste gelernt. Diese ungelehrten Leute und armen
Laien, die nichts gelernt haben, greifen in die Schrift
und wissen die Schrift besser zu führen als die
Schriftgelehrten, die täglich darin studieren. So be-
weist Gott durch die größte Narrheit und Torheit der
elenden, schwachen Bettler die größte Weisheit, die
auf Erden gekommen ist, daß ihnen niemand das
nachtun kann, weder Hannas noch Kaiphas noch ein
anderer Mensch auf Erden.
Diese Pfingstpredigt sollen wir nimmermehr ver-
gessen, sondern immer daran denken und allezeit Gott
dafür danken, daß sie von den Aposteln durch den
Heiligen Geist zu uns gekommen ist und durch des-
selben Kraft auch in der Welt bleiben wird bis an das
Ende. Denn wo der Heilige Geist sie nicht bis heute
erhalten hätte, so wüßten wir nichts davon, der Teufel
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5499 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 6

hätte sie lange weggerissen und völlig vertilgt. Nun


sie aber der Heilige Geist für und für kräftig erhält, so
ist das liebe Pfingstfest und die tröstliche, fröhliche
Pfingstpredigt geblieben und auch zu uns gekommen.
Obschon viel Rotten und Sekten sich dagegen gestellt
und sich unterstanden haben, sie auszurotten und zu
unterdrücken, haben sie sie dennoch nicht unterdrük-
ken können.
Darum wollen wir auch von dieser fröhlichen Pre-
digt reden, weil sie durch Gottes Gnade zu uns ge-
kommen ist, auf daß wir einen klaren Unterschied be-
halten zwischen der Predigt des Rechtes und Gesetzes
und zwischen der Predigt der Gnade, welche des
Herrn Christus eigene Predigt ist. Gleichwie wir nun
im Gewissen einen Unterschied zwischen Schrecken
und Freude machen müssen, so sollen wir auch einen
großen Unterschied machen zwischen dem alten jüdi-
schen Pfingsten, da das Gesetz auf dem Berge Sinai
gegeben worden ist, und zwischen dem neuen Pfing-
sten, da das Evangelium durch den Heiligen Geist ge-
offenbart worden ist. Wir können einen Unterschied
machen zwischen Traurigkeit und Freude, zwischen
Tod und Leben. Gleichwie das alte jüdische Pfingst-
fest ein Fest der Traurigkeit, des Schreckens, des Za-
gens und des Todes war, wie man an dem ganzen am
Berge Sinai versammelten Volk Israel sieht, daß sie
alle erschrecken, zittern und fliehen (2. Mose 20, 18):
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5500 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 7

so soll deshalb das neue Pfingstfest ein Fest der Freu-


de sein, des Trostes und des Lebens, an dem man die
fröhliche, liebliche Predigt behandeln soll, die ein
fröhliches, mutiges Herz macht. Wie das an den Apo-
steln und Jüngern geschehen ist, sehen wir hier, da
der Heilige Geist aus den mutlosen, verzagten und
fliehenden Menschen eitel kühne Helden, treffliche
Riesen und solche unüberwindlichen Menschen
macht, welche der ganzen Welt und dem Teufel in der
Hölle trotzen dürfen.
Das soll unsere Pfingstpredigt sein wider alles
Schrecken der Sünden und des Todes. Je fröhlicher du
bist und je sicherer und fester dein Glaube im Herzen
ist, desto näher ist dir der Heilige Geist und desto
mehr hast du von dem neuen Pfingstfest. Je mehr aber
die Traurigkeit in deinem Herzen herrscht und je er-
schrockener und verzagter du bist, desto näher ist dir
Mose und desto mehr hast du von dem alten Pfingst-
fest des Berges Sinai. Darum sage ich: so wie wir
einen Unterschied machen können zwischen Traurig-
keit und Freude, zwischen Tod und Leben, so sollen
wir auch das alte und das neue Pfingsten unterschei-
den. Das alte Pfingsten des Mose müssen wir haben
um der bösen Buben, rohen und sicheren Menschen,
ja auch um der vermessenen Heiligen willen. Aber
das neue Pfingsten des Heiligen Geistes müssen wir
haben um der verzagten, erschrockenen Gewissen wil-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5501 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 8

len. Aus dem neuen Pfingsten und aus des Heiligen


Geistes Predigt werden rechte fröhliche Christen und
mutige, kühne Menschen, wie es hier die Apostel und
Jünger sind, die sich weder vor der Welt noch vor
dem Teufel fürchten. Aus dem alten Pfingsten und aus
des Gesetzes Predigt werden furchtsame und fliehende
Menschen, wie das Volk am Berge Sinai flieht, von
ferne tritt und spricht: O lieber Mose, rede du mit uns
und laß Gott nicht mit uns reden, wir möchten sonst
sterben. Solche Menschen macht das alte Pfingstfest
und des Gesetzes Predigt, die erschrocken, verzagt
und mutlos sind. Und durch solchen Schrecken und
die Furcht des Todes müssen sie die Sünde lassen und
aufhören mit Sündigen.
So hat der Heilige Geist an dem heutigen Pfingstta-
ge des Neuen Testaments angefangen, sein Amt und
Werk auszurichten, wie Christus ihn einen Tröster
und Geist der Wahrheit nennt. Denn er hat den Apo-
steln und Jüngern einen rechten, zuverlässigen Trost
ins Herz und einen sicheren, kühnen Mut gegeben,
daß sie nichts danach fragen, ob die Welt und der
Teufel lustig oder unlustig, Freund oder Feind sei,
zürne oder lache. Sie gehen in aller Sicherheit auf den
Gassen der Stadt daher und denken so: Hier ist weder
Hannas noch Kaiphas, weder Pilatus noch Herodes
etwas, sondern wir sind alles. Jene alle sind unsere
Untertanen und Knechte, wir aber sind ihre Herren
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5502 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 9

und Obersten. So treten sie aufs allermutigste ohne


Erlaubnis daher, fragen nicht zuvor, ob sie predigen
sollen, oder ob die Priester und Leviten zu Jerusalem
auch Ja dazu sagen, sondern treten frei hervor und tun
den Mund frisch auf, tadeln und schelten alles Volk,
Oberste wie Unterste, als Mörder, Bösewichter und
Verräter, die den Fürsten des Lebens getötet haben.
Solche Pfingstleute macht der Heilige Geist, die da
wissen, daß sie einen gnädigen Gott und Vater in
Christus haben und frei herausfahren, Christus vor
aller Welt bekennen und um seinetwillen zu leiden
bereit sind.
Solcher Geist ist den Aposteln und Jüngern zu
jener Zeit auch vonnöten gewesen, gleichwie er auch
uns noch heutigen Tages vonnöten ist. Deshalb müs-
sen wir diese Pfingstpredigt des Heiligen Geistes
haben, der uns ein Herz und Mut mache, daß wir hin-
durchbrechen, es ärgere sich gleich, wer da wolle,
man lästere uns, wie man wolle, daß wir uns doch
nicht daran kehren. Solcher Mut muß da sein, der
nichts danach frage, sondern der Christus, welcher so
schändlich gerichtet, verdammt und getötet ist, frei
unerschrocken bekenne und öffentlich predige.
Denn das ist des Evangeliums Art und Eigenschaft,
daß es eine törichte, ärgerliche Predigt ist, die allent-
halben in der Welt verworfen und verdammt wird.
Wenn das Evangelium keinen Bürger noch Bauern,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5503 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 10

keinen Bischof noch Fürsten erzürnte, so wäre es eine


feine, süße Predigt, wäre gut zu predigen, und die
Menschen würden sie gern hören und mit Freude an-
nehmen. Aber weil es eine solche Predigt ist, die die
Menschen erzürnt, besonders was hoch, gewaltig und
weise in der Welt ist: so gehört ein Mut und der Hei-
lige Geist dazu, wer sie predigen soll. Daß die armen
Bettler und Fischer, die Apostel, auftreten und so pre-
digen, daß sie den ganzen Rat zu Jerusalem erzürnen
und das ganze weltliche Regiment, den geistlichen
Stand und dazu den römischen Kaiser auf sich laden,
ja, was mehr ist, den Mund so weit auftun und sagen:
Ihr seid Verräter und Mörder usw., und erwarten, daß
sie deswegen auf das Maul geschlagen werden: das ist
ohne den Heiligen Geist nicht geschehen. Deshalb ist
der Heilige Geist mit dieser Pfingstpredigt unser
Trost und Freude, daß wir nichts nach der Welt Zorn
und Lästerung fragen. Diese Predigt macht so fröhli-
che Leute in Christus, die um Christi willen alles
wagen dürfen und bereit sind, um seinetwillen zu lei-
den.
Unser lieber Gott und Vater wolle uns durch seinen
Heiligen Geist bei dieser Pfingstpredigt erhalten und
uns ein dankbares Herz geben, auf daß wir dabei zu
bleiben vermögen, um Jesu Christi, unseres Herrn,
willen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5504 Erster Pfingsttag. Apg. 2, 1-13 11

Editorische Bemerkung

Von den elf erhaltenen Nachschriften Rörers wählte


die HP die WA 37, 399-405 abgedruckte (1534 ge-
halten), die Quelle der bei Dietrich über Apg 2, 1-4,
abgedruckten Predigt ist nicht nachzuweisen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5505 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 1

Martin Luther

Erster Pfingsttag
Joh. 14, 23-31

[HP 253–256;
WA 36, 177–180]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5506 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 2

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt,


der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn
lieben, und wir werden zu ihm kommen und Woh-
nung bei ihm machen. Wer aber mich nicht liebt, der
hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr
höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich
gesandt hat.
Solches habe ich zu euch geredet, während ich
bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der heilige
Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem
Namen, der wird euch alles lehren und euch erin-
nern alles des, was ich euch gesagt habe.
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe
ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Ihr habt gehört, daß ich euch gesagt habe: Ich gehe
hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb,
so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe,
denn der Vater ist größer als ich. Und nun habe ichs
euch gesagt, ehe es geschieht, auf daß ihr glaubet,
wenn es nun geschehen wird.
Ich werde nicht mehr viel mit euch reden, denn es
kommt der Fürst der Welt. Er hat keine Macht über
mich, aber die Welt soll erkennen, daß ich den Vater
liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat. Stehet
auf und lasset uns von hinnen gehen.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5507 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 3

Dies Evangelium ist auch ein Stück der Trostpredigt,


welche der Herr am Gründonnerstag nach dem
Abendmahl bei Tisch tut. Es folgt auf die Frage, da
Judas fragt und spricht: »Herr, was ists, daß du dich
uns willst offenbaren und nicht der Welt?« Auf die
Frage antwortet hier der Herr und sagt: »Wer mich
liebet, der wird meine Worte halten; und mein Vater
wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und
Wohnung bei ihm machen.«
Den Text soll man gut merken. Denn der Herr will
uns damit lehren, daß es verlorene Mühe sei, sich
darum zu bemühen, wie man Gott erkennen und zu
Gott kommen möge, wenn man es nicht so anfängt,
daß man Christus liebt. Es ist, als wollte er sagen:
Wenn man selbst lange spekuliert, wo Gott ist und
wie man zu ihm komme, so ist es doch umsonst. Man
sehe auf mich, daß man mich habe und liebe. Man
will immerdar außerhalb meiner herumflattern und
Gott treffen. Aber wenn man schon viel von Gott
denkt oder hört, wird man ihn dennoch nicht treffen
noch fassen können. Dabei wird es wohl bleiben:
»Wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und
mein Vater wird ihn lieben« usw.
Was mag es aber für eine Bedeutung haben, daß
der Herr so besonders der Liebe gedenkt? Er sollte so
sagen: Wer an mich glaubt, der wird meine Worte
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5508 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 4

halten, und mein Vater wird ihn lieben; wie er denn


sonst an anderen Orten so zu reden pflegt. Aber hier
kehrt er es um und sagt: »Wer mich liebt, der wird
mein Wort halten.« Tun es denn die Liebe und der
Glaube nicht? Antwort: Es ist praktisch eins. Denn
Christus kann niemand lieben, er glaube denn an ihn
und tröste sich seiner. Der Herr hat aber deshalb in
dieser Absicht reden wollen, daß er anzeige, wie man
die Augen und das Herz von allem anderen abkehren,
was im Himmel und auf Erden ist, und allein auf den
Mann Jesus Christus sehen müsse. Denn das ist der
Liebe eigentliche Art: wessen sie sich annimmt, des-
sen nimmt sie sich allein an, da bleibt sie und beruht
darauf und achtet auf nichts sonst in der weiten Welt
mehr. So will der Herr von uns auch gehalten sein,
daß wir ihn lieben und unser Herz auf ihn setzen sol-
len. Den Glauben muß man zuvor haben, wie denn
Christus auch den Glauben als zuvor bestehend ver-
standen haben will. Nach dem Glauben soll die Liebe
folgen, daß uns nichts, weder im Himmel noch auf
Erden, lieber sein soll, als der Mann Jesus Christus.
Darum nimmt dieser Spruch dem Glauben nichts,
sondern dient dazu, daß man des Glaubens Art und
rechte Wirkung desto besser erkennen möge.
Danach gebraucht er das Wörtlein »Lieben« auch
deshalb, weil er genau sieht, wer sein Wort annehmen
und dabei beharren wolle, den werde es sauer ankom-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5509 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 5

men. Denn da finden sich mancherlei Anfechtungen,


die zu Ungeduld und Unwillen erregen können. Soll
man solche Anfechtung ausstehen und nicht darunter
zu Boden gehen, sondern fest am Worte halten, so ge-
hört dazu, wie der Herr hier sagt, daß man ihn lieb
habe, und wir zuvor ein herzlich Wohlgefallen an ihm
haben. Deshalb sagt er: Habt ihr im Glauben an mich
angefangen und sollt dabei bleiben, so muß ich euch
zuvor wohlgefallen, auf daß ihr sagen könnt: Es gehe,
wie es wolle, so will ich fest stehen und meinen lieben
Herrn Christus nicht verleugnen: ist es doch allein
ihm und nicht den Menschen zu Ehren angefangen,
deshalb muß es ausgestanden sein.
Wo aber solche Liebe nicht ist, da wird man auf
die Dauer nicht an meinem Wort festhalten, sagt Chri-
stus. Denn ich teile nicht Taler noch Kronen aus, son-
dern das ewige Leben. Das nimmt man nicht hier auf
Erden ein, sondern erst nach diesem Leben. Darum
liegt es alles daran, daß ihr Lust und Liebe an mir
habt. Ist die Liebe da, so werdet ihr mein Wort halten
und fest dabei bleiben, und soll es euch gleich Leib
und Leben kosten; ist aber die Liebe nicht da, so wer-
det ihr mein Wort nicht halten. Denn da werden sich
so viel Gefahr, Anfechtung und Widerwärtigkeit fin-
den, die euch alle zu Ungeduld und Verzweiflung
bringen und treiben werden.
So will Christus den Glauben als vorausgehend
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5510 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 6

verstanden haben, daß wir von ihm gehört haben, was


er uns zugute getan hat. Wenn wir aber von ihm ge-
hört haben und an ihn glauben, so ist die Frage: Wie
behalten wir es, daß wir dabei bleiben, weil uns so
viel Gefahr, Unglück und Widerstand darüber begeg-
net? Da steht nun die Ursache hier, daß der Herr sagt:
Sollt ihr mein Wort halten und dabei bleiben, so müßt
ihr mich recht erkennen lernen und glauben, daß ich
für euch gestorben, begraben und wieder auferstanden
bin. Daraus muß ja folgen, daß ich es nicht böse mit
euch meine. Wenn ihr solches erkennt und mich liebt,
so werdet ihr mein Wort recht halten und dabei blei-
ben. So muß die Liebe aus dem Glauben herfließen.
Wenn die da ist, so geht einer danach gut durch alles
hindurch; und wenn die Welt schon darüber murrt und
zürnt, so sagt er: Wollt ihr nicht lachen, so zürnt, es
gilt mir gleichviel, mir ist an Christus und seinem
Wort mehr gelegen als an eurem Zorn.
Christus redet aber deutlich und sagt: »Wer mich
liebt, der wird mein Wort halten« – mein Wort von
meinem Sterben und Auferstehen, nicht als Moses
Wort oder die Zehn Gebote. Dieses Wort soll man
zwar auch halten und nicht dagegen handeln. Denn
Gott hat das schon lange zuvor befohlen. Aber bei
diesem Wort des Mose ist der Trost nicht, der bei
meinem Wort ist: man kriegt kein gutes Gewissen
davon, sondern je mehr man sieht, daß es uns an sol-
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5511 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 7

chem Gehorsam fehlt, desto mehr fürchtet man sich


vor Gottes Ungnade und Zorn. Aber das Wort unseres
lieben Herrn Christus ist der höchste und beste
Schatz. Wer den hat, sagt Christus, hält daran fest
und setzt alles darüber zu, ehe er ihn sich nehmen
läßt. Der sei nur gewiß, daß ihn mein Vater auch
liebe.
Das ist recht johanneisch geredet. Johannes hat
seine besondere Art, welche die anderen Evangelisten
so nicht haben, daß er die Menschen zuerst zu Chri-
stus zieht, und danach bringt er sie durch Christus
zum Vater. Denn so folgt es nacheinander, wie Chri-
stus es hier lehret: daß man zuerst Christus erkennen,
ihn lieb gewinnen und dafür halten soll, daß er
freundlich sei und es mit uns mit aller Treue meine.
Wo nun das Vertrauen auf Christus ist, da folgt dann
die Liebe. Wer aber Christus liebt und auf ihn hofft,
den soll der Vater wieder liebhaben. Das ist sehr tref-
fend gesagt, daß ein Mensch allen Zorn und Ungnade
Gottes durch Christus verlieren, und Sünde, Tod,
Teufel, Hölle und alles Unglück hinweg sein soll, und
nichts anderes da sein soll als eitel Liebe des Vaters,
allein deshalb, weil er an Christus glaubt und ihn
liebhat. Denn Christus nimmt mit diesen Worten alles
hinweg. Wer ihn liebhat, den hat der Vater auch lieb.
Das ist ein großer und starker Trost in aller An-
fechtung – wer ihn nur recht fassen und das fest glau-
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5512 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 8

ben könnte. Wenn man unlustig ist, soll man denken:


Der Vater lacht dich jetzt an. Aber es will nicht in
unser Herz, besonders in der Stunde der Anfechtung.
Das Gegenteil denken wir: Gott sei uns feind, er achte
unser nicht und wolle mit der Keule zuschlagen. Aber
ein solcher Gedanke ist falsch, denn Christus lügt be-
stimmt nicht, da er hier sagt: Wenn es mit euch dahin
kommt, daß ihr mich liebt und mein Wort haltet, das
ist, eure höchste Freude und Lust daran habt, daß ich
euch von des Teufels Gewalt erlöst habe, daß euch
hinfort die Sünde nicht schaden und der Tod nicht
verschlingen soll noch kann, und ihr nun des ewigen
Lebens und Seligkeit gewiß seid, wie mein Wort lau-
tet, so ist es sicher, daß euch der Vater auch liebhaben
und seine Liebe gegen euch so beweisen wird, daß er,
der Vater, mit dem Sohn und Heiligen Geist zu euch
kommen und bei euch Wohnung nehmen wird.
Das ist ja ein trefflicher Trost, daß ein Christ nicht
darauf zu denken braucht, wie er hinauf gen Himmel
steigen wolle. Er bleibe zu Jerusalem, zu Rom oder
wo er wolle auf Erden, es sei auf dem Felde oder im
Hause, so soll er doch im Himmel sein. Denn Gott
Vater, Sohn und Heiliger Geist wollen bei ihm sein
und bei ihm wohnen. Das haben wir hier auf Erden im
Wort und fühlen es durch den Glauben im Herzen;
aber es soll im künftigen Leben endlich auch tatsäch-
lich hernach folgen. Denn daß Gott bei uns hier auf
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5513 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 9

Erden wohnt, heißt nichts anderes, als daß alles, was


wir tun, reden, denken und leiden, wohlgetan sein
soll: wir essen, trinken, arbeiten, stehen auf, legen uns
zum Schlaf nieder, wir beten, studieren, singen oder
lesen, so will Gott es sich alles gefallen lassen. Das
kann ja doch wohl ein Himmelreich heißen, wenn wir
nur die Gnade hätten und die Augen recht auftäten
und das glauben könnten. Wenn Gott bei einem Men-
schen wohnt, so wird dieser Mensch mächtiger als
Tod, Teufel, Hölle, Donner, Blitz und alles Unglück.
Das ist nicht allein ein trefflicher Trost, sondern auch
eine große Herrlichkeit und Ehre. Der Himmel selbst
soll die Ehre nicht haben, die ein Christ hat. Ursache:
Vom Himmel sagt Gott nicht, daß er drinnen wohnen
wolle, sondern er sagt, er solle sein Stuhl und die
Erde sein Fußschemel sein. Aber eines Christen Herz,
das soll die rechte Wohnung sein, da Gott drinnen
wohnen will, wenn es Christus nur so ergreifen kann,
daß es weiß, daß er für uns gelitten habe und gestor-
ben sei, und ihn um solcher Wohltat willen liebhabe.
Gefällt ihm der Mann Jesus Christus, so ist es gewiß
Gottes Tempel und Wohnung.
Also liegt es alles daran, daß wir uns Christus ge-
fallen lassen, dann soll es nicht Not haben. Denn sol-
che Liebe wird uns alles sanft und leicht machen, was
wir um seinet- und seines Wortes willen leiden sollen.
Sonst wäre es unmöglich, daß einer nicht kleinmütig,
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5514 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 10

traurig und ungeduldig werden und vom Wort abfal-


len sollte, wie Christus bald darauf sagt: »Wer aber
mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht.« Wer
Christus liebt und sich fröhlich darein ergibt und sagt:
Ich will um Christi und seines Evangeliums willen
alles leiden, der hat den Trost, daß der Vater ihn um
Christi willen nicht allein liebhaben, sondern selbst
zu ihm kommen und bei ihm samt dem Herrn Chri-
stus und dem Heiligen Geist wohnen wolle. Das ist ja
ein herzlicher, seliger Trost, an den wir uns halten
und uns willig darein ergeben sollten, was uns deswe-
gen auch zu leiden auferlegt würde.
Der Herr will mit seinen Worten seine Jünger war-
nen und lehren, als wollte er sagen: Wollt ihr Gott
hören, Gott bei euch haben und bei Gott sein, so dürft
ihr eure Ohren und Augen nicht anderswohin kehren
als zu mir. Höret ihr nun mich, so höret ihr Gott,
sehet ihr mich, so sehet ihr Gott. Denn das ist be-
schlossen: entweder durch mich Gott gehört und gese-
hen oder nimmermehr gehöret und erkannt. Daraus
folgt nun weiter, daß wenn Christus ein freundliches
Wort redet, daß die ganze Gottheit »Ja« dazu sage,
geschweige, daß die Welt, Tod, Teufel und Hölle ein
»Nein« daraus machen könnte. Ursache ist diese:
Christi Wort ist nicht sein Wort, es ist des Vaters
Wort; wie er sagt: »Das Wort, das ihr höret, ist nicht
mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.«
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5515 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 11

Das ist doch so ganz einfältig geredet, daß man es


nicht stärker machen kann. Aber was für Leben und
Trost in solchen einfältigen Worten steckt, findet sich
dann, wenn die rechten Schwierigkeiten herankom-
men. Darum läßt es der Herr hier so bewenden und
sagt: »Solches habe ich zu euch geredet, während ich
bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige
Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem
Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern
alles des, was ich euch gesagt habe.« Denn wo man
gleich viel Worte davon macht, so versteht man es
doch nicht, wenn der Heilige Geist nicht dabei ist.
Weil unser lieber Herr Christus denn sagt: die
Worte, die er rede, seien nicht sein, sondern des Va-
ters: soll sich ein jeder hüten und gut vorsehen, daß er
sonst kein Wort noch Lehre annehme, sie gehe denn
durch dieses einzigen Mannes Mund. Dann trifft er
unseren Herrgott gewiß und kann ihn nicht verfehlen,
was man sonst nirgends finden noch antreffen kann.
Denn da steht Gottes Befehl (Matth. 17, 5): »Das ist
mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den
sollt ihr hören.« Du sollst keine andere Predigt hören,
nichts anderes lesen, lehren, lernen, sondern es soll
alles aus dieses Mannes Munde gehen. Denn da steht
der Befehl: »Den sollt ihr hören«, und Christus sagt
hier: Die Worte, die ich rede, sind meines Vaters.
Darum ist es unmöglich, daß der Gott hören oder zu
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5516 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 12

seiner Liebe kommen könne, wer Christus nicht allein


liebt und hört. Der gnädige Vater verleihe uns solche
Gnade auch, daß wir Christus lieben und an seinem
Worte bleiben, und das durch seinen Heiligen Geist
halten und so ewig selig werden mögen, Amen.

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5517 Erster Pfingsttag. Joh. 14, 23-31 13

Editorische Bemerkung

Von den zwölf erhaltenen Nachschriften Rörers haben


HP wie Dietrich die WA 36, 177-180 abgedruckte
(Hauspredigt von 1532) zur Vorlage gewählt, wobei
Dietrich allerdings »ziemlich frei« damit schaltet.

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5518 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 1

Martin Luther

Zweiter Pfingsttag
Joh. 3, 16-21

[HP 260–264;
WA 37, 409–414]

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5519 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 2

Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen


eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn
glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige
Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht ge-
sandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern
daß die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn
glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht
glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht
an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das
ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt ge-
kommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis
mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
Wer Arges tut, der hasset das Licht und kommt nicht
zu dem Licht, auf daß seine Werke nicht an den Tag
kommen. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu
dem Licht, daß seine Werke offenbar werden, denn
sie sind in Gott getan.

Dieses Evangelium ist der herrlichsten Predigten eine,


die man im ganzen Neuen Testament finden kann, so
daß es wohl billig wäre, wenn es möglich wäre, daß
man sie mit goldenen Buchstaben in das Herz schrie-
be. Und ein jeder Christ sollte diesen tröstlichen Text
zum wenigsten auswendig können und alle Tage ein-
mal seinem Herzen vorsprechen, auf daß solche
Worte uns geläufig würden und wir sie desto besser
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5520 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 3

lernten. Denn es sind solche Worte, die ein trauriges


Herz fröhlich und einen toten Menschen wieder leben-
dig machen können, wenn man nur fest daran glauben
könnte. Dieweil es aber unmöglich ist, daß man sol-
che herrliche Predigt mit Worten ergründen könne,
wollen wir sie dennoch besprechen und Gott mit Ernst
bitten, daß er diese Worte durch seinen Geist in unse-
ren Herzen erklären und so licht und klar machen
wolle, daß wir Trost und Freude davon empfinden,
Amen.
Die Summe dieser herrlichen, trostreichen und seli-
gen Predigt ist diese, daß Gott die Welt geliebt habe,
und so sehr, daß er seinen einzigen Sohn gegeben
habe, damit wir Menschen nicht des ewigen Todes
sterben, sondern das ewige Leben haben sollen. Das
ist so, als sollte Christus, unser lieber Herr, sagen:
Höre zu, lieber Mensch, ich will dir eine unerhörte,
seltene Sache vor Augen stellen, bei welcher der
Geber, der Nehmer, das Geschenk, die Frucht und der
Nutzen des Geschenks so groß sind, daß es nicht al-
lein nicht zu sagen, sondern auch mit Gedanken nicht
zu erreichen ist.
Denn siehe hier zum ersten den Geber an: der ist
der größte Geber, der sein kann. Denn hier gibt nicht
Kaiser, König, Fürst, welche in der Welt für groß ge-
achtet sind, sondern Gott selbst, der unbegreiflich und
allmächtig ist, der alles miteinander durch sein Wort
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5521 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 4

erschaffen hat und alles erhält. Und was bedarf es vie-


ler Worte? Man kann es nicht genugsam sagen. Gott
ist über alles und im Vergleich zu ihm sind alle Krea-
turen, Himmel und Erde und was nur drinnen ist, wie
ein Sandkörnlein, und wie der Prophet Jesaja (Kap.
40, 15) sagt, wie ein Tropfen, der im Eimer bleibt,
und wie ein Sandkorn, das in der Waage bleibt, ja,
wie ein Stäublein. Der ist der Geber und mag wohl
ein großer Geber genannt werden.
Zum zweiten siehe die Weise an, auf welche Gott
gibt, so findest du, daß Gott, der größte und höchste
Geber, auf eine solche Weise gibt, die auch über alle
Maßen ist. Denn was er gibt, gibt er nicht als einen
verdienten Lohn, aus Pflicht, nicht aus Geduld, Recht
noch Verdienst, sondern aus der höchsten Tugend, die
da heißt Liebe. Da sollte uns das Herz auch wachsen
und alle Traurigkeit verschwinden, wenn wir solche
grundlose Liebe göttlichen Herzens in die Augen faß-
ten und von Herzen glaubten, daß Gott der höchste
und größte Geber ist und so gibt, daß es aus der höch-
sten Tugend herfließt.
Solche Weise zu geben, wenn es aus rechter Liebe
herkommt, macht das Geschenk auch kostbarer und
größer; wie man zu sagen pflegt: Das ist mir lieb, es
kommt von lieber Hand, wenn man weiß, daß das
Herz dabei ist. Umgekehrt achtet man das Geschenk
auch nicht groß, wo man an der Gesinnung des Her-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5522 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 5

zens zweifelt. Denn man sieht das Geschenk nicht so


hoch an wie das Herz.
Zum dritten ist die Gabe oder das Geschenk auch
groß und unaussprechlich. Was gibt der große Geber
aus seinem großen, göttlichen Herzen? Seinen einzi-
gen Sohn. Das heißt ja gegeben, nicht einen Groschen
noch Gulden, nicht eine Kuh noch Pferd, nicht ein
Auge noch Fuß noch Hand, nicht ein Königreich, ja,
nicht den Himmel mit der Sonne und den Sternen
noch die ganze Kreatur, sondern er gibt seinen einge-
borenen Sohn, der so groß ist wie er selber.
Solch Geschenk sollte ja eitel Feuer und Licht in
unseren Herzen machen, daß wir nimmermehr aufhör-
ten, vor Freude zu tanzen und zu springen. Denn
gleichwie der Geber, Gott selbst, und die Haltung,
das ist, seine herzliche Liebe, unendlich und unaus-
sprechlich ist: ebenso ist es auch die Gabe, daß er sei-
nen einzigen Sohn gibt. Denn wenn er den Sohn gibt,
was behält er? Er gibt sich selbst mit allem, was er
hat, zugleich mit dem Sohn. Wie Paulus (Röm. 8, 32)
sagt: »Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat
verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahingege-
ben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?«
Es muß alles mit dem Sohn gegeben sein, es heiße
Teufel, Sünde, Tod, Hölle, Himmel, Gerechtigkeit,
Leben: alles muß unser sein, weil der Sohn uns als ein
Geschenk gegeben und unser ist, in welchem alles
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5523 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 6

beieinander ist (Kol. 2, 3). Wenn wir deshalb recht


glauben und dies edle Geschenk durch den Glauben
empfangen und annehmen, so muß alle Kreatur, sie
sei gut oder böse, Leben oder Tod, Himmel oder
Hölle, uns zum Besten dienen; wie Paulus (1. Kor. 3,
21-23) sagt: »Es ist alles euer, es sei Paulus oder
Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder
Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist
euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.«
Das sind ja Worte, die wir in diesem Leben nicht
genügend lernen oder begreifen können. Darum soll
ein Christ täglich bitten, daß Gott ihm diese Worte
durch seinen Heiligen Geist ins Herz drücken und
darin anzünden wolle: so möchten wir denn rechte
Theologen werden, die von Christus recht reden und
alle andere Lehre beurteilen und alles um solchen
Glaubens willen willig leiden könnten, was uns Gott
zuschickt. Weil das aber nicht geschieht und wir sol-
che Predigt bloß mit den Ohren hören, aber nicht zu
Herzen nehmen, daß sie recht haften bleiben und
Frucht bringen könnte, so bleiben wir, heute wie ge-
stern, so daß es wohl Schade und Schande ist, daß wir
mit sehenden Augen so blind und mit hörenden Ohren
taub sind. Und ohne Zweifel werden die Verdammten
am Jüngsten Tag darüber klagen und schreien, daß sie
solche trostreichen Worte so vergebens in die Luft
haben predigen lassen und nicht angenommen haben.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5524 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 7

Was ist nun die Weise, auf die man solch Ge-
schenk annehmen soll? Welches ist die Tasche oder
das Kästlein, da man diesen teuren und edlen Schatz
hineinlegt? Denn an solchem ist sehr viel gelegen.
Das zeigt Christus mit dem Wort an, in dem er sagt:
»Auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren wer-
den, sondern das ewige Leben haben.« Das ist ein
klares, helles Zeugnis dafür, daß allein der Glaube,
das ist, die Zuversicht auf Gottes Gnade und Barm-
herzigkeit durch Christus, der rechte Beutel oder Be-
hälter sei, den wir aufhalten und solche Gabe darein
empfangen und fassen sollen. Denn gleichwie Gott
durch die Liebe Geber ist, so sind wir durch den
Glauben Nehmer. Unsere Werke gehören zu solchem
großen Schatz gar nicht; das allein gehört dazu, daß
man durch den Glauben die Hände aufhalte, stillhalte
und sich geben lasse. Also wird dieser Schatz von
Gott durch die Liebe gegeben und von uns durch den
Glauben angenommen und empfangen, das ist, wenn
wir glauben, wie wir hier hören, Gott sei gnädig und
barmherzig und beweise solche Barmherzigkeit und
Liebe gegen uns damit, daß er seinen eingeborenen
Sohn Mensch werden läßt, und auf ihn alle unsere
Sünde wirft, wie Johannes der Täufer mit dem Pro-
pheten Jesaja sagt (Joh. 1, 29): »Dies ist Gottes
Lamm, welches der Welt Sünde trägt.«
Wer solches glaubt, der ist bestimmt selig. Denn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5525 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 8

das Geschenk ist ja so groß, daß es Tod, Sünde und


alles Unglück verschlingt. Gleich als wenn man ein
Tröpflein Wasser in einen großen Feuerofen gösse, so
sind aller Welt Sünden gegenüber diesem Schatz zu
rechnen. Sobald sie Christus anrühren und dieser
Schatz durch den Glauben erfaßt wird, so sind sie ver-
schlungen und aufgefressen, wie ein Strohhalm vom
großen Feuer verzehrt oder ein Sandkörnlein vom
weiten Meer verschlungen wird. Je fester aber der
Glaube ist, desto mehr Freude, Lust und Sicherheit
findet man im Herzen, so daß man danach alles gern
tut und leidet, wovon man nur weiß, daß Gott es for-
dert und haben will. Alles aber deshalb, weil Gott
gnädig ist und eitel Liebe gegen uns walten lassen
will.
Ja, sagst du vielleicht, wenn ich so fromm und hei-
lig wäre wie Petrus, Paulus usw., so wollte ich gern
glauben und mich solchen Geschenks auch trösten.
Diese sind heilig, und für die ist ohne Zweifel solch
Geschenk bestimmt. Wie komme aber ich armer Sün-
der dazu, daß ich sicher werde, daß das Geschenk für
mich bestimmt ist, der ich Gott doch auf so mancher-
lei Weise erzürnt und so oft beleidigt habe? Solche
Gedanken bleiben nicht aus, wenn das Herz sich bei
solcher Predigt recht ansieht und an seine Missetat
denkt. Da soll man sich hüten, daß man nicht außer-
halb des Wortes Gottes gehe, noch solchen Gedanken
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5526 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 9

zu lange nachhänge; sondern man soll sich schnell


wieder zum Wort kehren und nach dem urteilen. Denn
solche Gedanken sind nichts als der rechte Unglaube,
welcher uns von solchem Geschenk und der tröstli-
chen Predigt abziehen will.
Nun kann man dem Unglauben mit nichts anderem
wehren als mit dem Wort Gottes. Das predigt uns
unser lieber Herr Christus selber, daß wir ja keine Ur-
sache haben, an solcher Predigt und Wort zu zwei-
feln. Er spricht, sein Vater im Himmel, der rechte,
ewige Gott, habe die Welt so geliebt, daß er ihr sei-
nen eingeborenen Sohn gegeben habe. Nun mußt du
ja und alle Menschen bekennen, daß die »Welt« nicht
bedeute Petrus, Paulus usw., sondern »Welt« bedeutet
das ganze menschliche Geschlecht ohne Ausnahme.
Glaubst du nun, daß du ein Mensch bist? Wenn du
das nicht glauben noch wissen könntest, so fasse dich
an und betaste dich, ob du nicht ebensowohl ein
Mensch seiest wie andere Menschen. Warum willst
du dich denn aus dem Wörtlein »Welt« ausschließen,
weil Christus mit deutlichen, klaren Worten sagt,
Gott habe seinen Sohn nicht allein Petrus oder Paulus
gegeben, sondern der Welt, daß sich alles an ihn wen-
den soll, was nur Menschenkinder sind?
Wenn ich mich nun nicht an ihn wenden wollte, als
hätte ich kein Teil an ihm, und du wolltest dich auch
nicht an ihn wenden, so müßte ja daraus folgen, daß
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5527 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 10

diese Worte Christi nicht wahr wären, da er sagt, er


sei der Welt gegeben. Darum sollst du aus solchen
Worten das Gegenteil schließen, daß du dieses Ge-
schenk ebensogut annehmen und daran nicht zweifeln
sollst, es gehöre dir so gut wie Petrus und Paulus,
weil du so gut ein Mensch bist und ein Stück der
Welt wie sie. Denn Gott hat seinen Sohn nicht dem
Teufel gegeben, auch nicht den Hunden oder Gänsen,
sondern hat ihn uns Menschen gegeben. Darum soll
man Gott in seinem Wort nicht Lügen strafen noch
sagen: Wer weiß, ob ich auch unter denen sei, wel-
chen dieser Sohn geschenkt und das ewige Leben
durch ihn verheißen ist? Denn dies heißt unseren
Herrgott zum Lügner gemacht.
Wo dir solche Gedanken einfallen, so schlage des-
halb das Kreuz vor dich, als wäre der Teufel selbst
da, und lasse dich durch solche Gedanken nicht betrü-
gen. Sondern sprich: Was frage ich danach, daß ich
nicht Petrus noch Paulus bin? Wenn Gott diesen
Schatz nur ihnen und ihresgleichen hätte geben wol-
len, die es würdig gewesen wären, würde er ihn den
Engeln gegeben haben, welche reine und unbefleckte
Geister sind, oder Sonne und Mond, die stets ihren fe-
sten Lauf nach Gottes Ordnung haben. Aber hier
steht, er habe ihn der Welt gegeben; diese ist dessen
würdig, wie wir gezeigt haben. Ob ich gleich weder
Petrus noch Paulus bin, will ich deshalb trotzdem von
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5528 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 11

diesem Geschenk unausgeschlossen sein, ja ebenso-


viel daran haben wie David und alle Apostel. Denn
was ist David gewesen? Hat er nicht auch grob und
schwer gesündigt? Wer sind die Apostel gewesen?
Sind sie nicht alle Sünder und unwürdig genug gewe-
sen?
Deshalb soll niemand diesem Argument folgen: Ich
bin ein Sünder, bin nicht heilig und fromm wie Pe-
trus, deshalb darf ich dieses Geschenk nicht anneh-
men noch mich seiner trösten. Beileibe nicht, sondern
sage so: Ich sei, was ich wolle, so darf ich dennoch
meinen Gott nicht Lügen strafen. Denn ich gehöre ja
in die Welt. Wenn ich solches Geschenk nicht anneh-
men wollte, so täte ich deshalb über alle anderen Sün-
den hinaus auch diese, daß ich Gott Lügen strafte.
Ja, sagst du, wenn mirs Gott insonderheit zusagte,
so wollte ich es glauben, könnte dann auch gewiß
sein, daß es mir gälte. Nein, lieber Freund, er erklärt
es insgemein, daß dieser Sohn und das ewige Leben
aller Welt zugesagt und geschenkt sei, auf daß er gar
niemand ausschließe. Denn weil er alle Menschen ein-
begreift, so kann weder ich noch du noch jemand an-
ders daran zweifeln. Wer sich aber selber ausschließt,
der wird dafür Rechenschaft geben müssen. Ich will
sie nicht richten, sagt er, sondern ihr eigener Mund
wird sie richten, weil solches Geschenk der ganzen
Welt verheißen und gegeben ist, das sie aus eigenem
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5529 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 12

Unglauben, wider Gottes Wort, dennoch nicht haben


annehmen wollen. Denn wenn man es recht bedenken
will, so sind doch die Sakramente der Taufe und des
Leibes und Blutes Christi von unserem Herrn Chri-
stus eben um dieser Ursache willen eingesetzt, daß
ein jeder insonderheit sich solches Geschenk zueignen
und für das seine halten und gebrauchen soll.
Dies sei auf das einfältigste von diesen Worten ge-
sagt. Es ist eine rechte, schöne Predigt, die man nim-
mermehr ganz lernen kann. Denn es ist die Haupt-
lehre, darauf wir sterben und selig werden sollen, in
welcher uns Christus auf das reinste und lieblichste
vorgebildet ist, daß er unser eigen sei, vom Vater uns
aus lauter Liebe geschenkt, welche Liebe er, als ein
gnädiger Gott, gegen die böse, undankbare Welt hat.
Das mag nun jedermann lernen, was wir Christen für
einen Schatz und Trost haben, was die Welt und Gott
sei und wie wir zu solcher Gnade allein durch den
Glauben kommen. Denn die Predigt von den guten
Werken, welche nach solchem Glauben durch den
Heiligen Geist folgen sollen, gehört an einen anderen
Ort. Hier handelt man allein von dem, was wir von
Gott empfangen und wie wir es annehmen und fassen
sollen.
Wir wollen Gott anrufen, daß wir es so glauben
können, und fröhlich darüber alles leiden, und sterben
und ewig selig werden. Dazu helfe uns unser lieber
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5530 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 13

Gott durch seinen Sohn, unserern Herrn Jesus Chri-


stus, Amen.

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5531 Zweiter Pfingsttag. Joh. 3, 16-21 14

Editorische Bemerkung

Die hier wiedergegebene zweite Predigt der HP


(Hauspredigt von 1534) folgt der WA 37, 409-414
abgedruckten Nachschrift Rörers und benutzt den
1538 erschienenen Druck der Predigt, den Dietrich
wiederholt, als Ergänzung. Zum Text sind acht Nach-
schriften Rörers erhalten.

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5532 Sonntag Trinitatis. Joh. 3, 1-15 1

Martin Luther

Sonntag Trinitatis
Joh. 3, 1-15

[HP 265–268;
WA 36, 184–187]

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5533 Sonntag Trinitatis. Joh. 3, 1-15 2

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit


Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden.
Der kam zu Jesus bei der Nacht und sprach zu ihm:
Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott
gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die
du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete
und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage
dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren
werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Ni-
kodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch gebo-
ren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum
in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir:
Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser
und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kom-
men. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch;
und was vom Geist geboren wird, das ist Geist. Laß
dichs nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr
müsset von neuem geboren werden. Der Wind bläst,
wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du
weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So
ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist. Ni-
kodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann
solches zugehen? Jesus antwortete und sprach zu
ihm: Bist du ein Meister in Israel und weißt das
nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden,
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5534 Sonntag Trinitatis. Joh. 3, 1-15 3

was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen


haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an.
Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Din-
gen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch
von himmlischen Dingen sage? Und niemand fährt
gen Himmel, denn der vom Himmel hernieder ge-
kommen ist, nämlich des Menschen Sohn.
Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht
hat, so muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf
daß alle, die an ihn glauben, das ewige Leben
haben.

Ich kann nicht wissen, warum man dieses Evangelium


auf den heutigen Sonntag der heiligen Dreifaltigkeit
gelesen hat, weil nichts Besonderes von diesem Arti-
kel darin abgehandelt wird. Der eigentliche Inhalt die-
ses Evangeliums ist von der geistlichen Geburt und
Aufhebung des Gesetzes, daß wer gen Himmel kom-
men wolle, der müsse etwas Besseres und Höheres
haben als das Gesetz und des Gesetzes Werke, näm-
lich, er müsse von neuem geboren werden. Das pre-
digt Christus hier dem Pharisäer Nikodemus und sagt:
Wollt ihr Pharisäer gen Himmel kommen, so müßt ihr
andere Menschen werden, als ihr bisher gewesen seid.
Das wird es nicht tun, wie ihr bisher getan habt. Es
geht nicht so zu, wie ihr denkt, wenn man gen Him-
mel kommen will. Das ist die Frage und das Haupt-
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stück in diesem Evangelium: Wie soll man selig wer-


den.
So hebt Christus hier auch bei der Antwort auf
diese Frage an und sagt: Willst du selig werden?
Mose tut es nicht; und sogleich darauf stellt er fest,
was es sei, das solches tue: »Wahrlich, wahrlich, ich
sage dir, es sei denn, daß jemand von neuem geboren
werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.« Das
ist die Definition: Wer da selig werden will, der muß
von neuem geboren werden. Ist er nicht von neuem
geboren, so kann er nicht selig werden. Das ist die
Frage: Was vermögen wir? Was vermag Mose? Wie
gehen wir ein zum Leben? Wie kommen wir in das
Reich Gottes? Antwort: In das Reich Gottes und zum
Leben kommen wir nicht durch das Gesetz, nicht
durch unsere Werke, nicht durch unseren freien Wil-
len und menschliche Kräfte, sondern durch die Wie-
dergeburt. Das Gesetz ist nicht ein Gesetz des Le-
bens, sondern das Leben ist: wiedergeboren werden.
Darum ist die Frage in diesem Evangelium: Ob das
Gesetz gerecht und selig mache oder nicht? oder, ob
es genug sei zur Seligkeit, daß man Mose und die
Propheten habe, mit dem Gesetz und mit dem Treiben
des Gesetzes? Da sagt hier Christus »Nein« zu: das
Gesetz sei nicht genug, sondern man müsse von
neuem geboren werden.
Da wird Nikodemus irre und kann das nicht verste-
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hen, wie denn keine menschliche Vernunft daraus


kommen noch das fassen kann, daß die Seligkeit au-
ßerhalb des Gesetzes sei. Es steckt in unserer Natur
und ist uns angeboren, daß jedermann gern will, Gott
solle ihn als einen frommen Mann ansehen, der viel
Gutes getan habe. Sobald uns Gott diesen Ruhm ent-
zieht und uns als Sünder beschuldigt, tadelt und an-
klagt, an denen nichts Gutes sei, so heben wir an,
wider Gott zu murren. Aber es heißt: »Wer nicht von
neuem geboren wird, der kann das Reich Gottes nicht
sehen.« Der ganze Mensch muß neu und anders wer-
den. Der Baum muß zuvor gut werden, ehe er gute
Früchte bringt: also muß der Mensch zuvor gut und
fromm werden, soll er etwas Gutes tun.
Daß Nikodemus spricht: »Wie kann ein Mensch
geboren werden, wenn er alt ist?« das reimt sich nicht
zur Sache. Denn Christus redet von der geistlichen
Wiedergeburt, aber Nikodemus versteht es von der
leiblichen, fleischlichen Geburt. Zwar ist dem Niko-
demus diese ganze Predigt vor seinen Ohren eitel un-
gereimt Ding gewesen; denn menschliche Vernunft
kann die geistliche Geburt und so hohe Sachen Gottes
nicht begreifen, wie Paulus (1. Kor. 2, 14) sagt: »Der
natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist
Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht
erkennen.« Der Evangelist Johannes hat es einfältig
beschrieben und die Juden damit verspotten wollen,
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daß sie so grobe Gesellen waren und stolz daher


prahlten und sprachen: Wie? Sollten wir nicht fromm
sein und in das Reich Gottes kommen, die wir die Be-
schneidung und das Gesetz Moses haben?
Doch meint Nikodemus, er vernehme es sehr gut.
Er will deshalb, so wie ich meine und seine Worte
nicht anders verstehe, Christus in seinen Worten fan-
gen und also sagen: Du sagst, wer da in das Reich
Gottes kommen wolle, der müsse von neuem geboren
werden; wahrlich, das wäre eine schöne Sache, daß
ein alter Mann sollte wieder in seiner Mutter Leib
gehen, neu und jung werden. Christus antwortet: Lie-
ber Nikodemus, ich rede nicht von der Mutter Leib,
wie Mose redet, sondern ich rede von einer anderen
und geistlichen Geburt, die nicht aus Fleisch und Blut
geschieht, sondern aus Wasser und Geist.
Wer das glaubt, der hat das ewige Leben. Gleich-
wie die Juden dies zeitliche, vergängliche Leben hat-
ten, wenn sie die eherne Schlange, in der Wüste auf
dem Pfahl erhöhet, ansahen, so haben das ewige, un-
vergängliche Leben alle, die Christus so ansehen, daß
sie glauben, er sei ihnen zugute gestorben und von
den Toten auferstanden. So werden wir von des Teu-
fels Biß und Gift geheilt. Gleichwie die Juden man-
nigfaltig von den feurigen Schlangen gebissen wur-
den, keiner ward heil und gesund, er sah denn die
eherne Schlange an, welche Mose auf Gottes Befehl
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
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auf einem Pfahl erhöhet hatte; so werden wir auch auf


mancherlei Weise vom Teufel angefochten und ge-
plagt und haben mancherlei Gift an uns, fallen hier in
diese, dort in jene Sünde über das hinaus, daß uns der
Teufel durch die Erbsünde gebissen und an Leib und
Seele verwundet, vergiftet und verderbet hat. Und
unser keiner vermag von solchem Schaden und tödli-
chem Gift los zu werden, er sehe denn Christus an,
auf welchen Gott unser aller Sünde geworfen hat.
Dies Stück und Bild von der ehernen Schlange,
darin Christus abgemalt ist, ist etwas leichter und
besser zu verstehen. Das vorige Stück aber, das der
Herr mit dem Nikodemus disputiert, ist schwer und
nicht so leicht zu verstehen, besonders von den Kin-
dern und einfältigen Leuten. Denn diese Weise hat der
Herr, daß er mit den Klugen und Weisen schwerver-
ständlich und aus der Weisheit redet. Weil denn nun
Nikodemus ein Pharisäer und dazu ein Meister und
Lehrer in Israel ist, redet der Herr mit ihm scharfsin-
nig von der Wiedergeburt, stößt alles zu Boden, was
die Seligkeit belangt, Natur, Vernunft, freien Willen,
menschliche Kräfte, ja auch das Gesetz Gottes, und
sagt: Dies alles hilft nicht; wer in das Reich Gottes
kommen will, der muß von neuem geboren werden.
Er redet in einem Gleichnis von dem Winde: »Der
Wind«, spricht er, »bläst, wo er will, und du hörst
sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er
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kommt und wohin er fährt. So ist ein jeglicher, der


aus dem Geist geboren ist«. Das ist, als wollte er
sagen: den Wind hörst du wohl blasen, aber du weißt
nicht, woher er kommt, wo er anfängt und wo er auf-
hört. Gleichwie du nun den Wind mit deiner Vernunft
nicht fassen kannst, was er sei, und ob du schon sein
Sausen äußerlich hörst, kannst du dennoch weder sei-
nen Anfang noch Ende wissen, noch merken, wie fern
von dir er angefangen hat, oder wie weit hinter dir er
aufhört, so wirst du viel weniger mit deiner Vernunft
begreifen, wie die Wiedergeburt zugehe, durch die ein
Mensch zu Gottes Reich geboren wird. Das Wort, das
ich rede, hörst du wohl, aber du weißt weder Anfang
noch Ende davon. Gleichwie du nicht weißt, wo der
Wind anfängt und wo er aufhört, so weißt du auch
nicht, wo das Wort herkommt und wo es hinaus will.
Die leibliche Stimme und das äußerliche Wort hörst
du wohl, aber des Wortes Kraft siehst du nicht, was
es ausrichtet, wie der Geist mit und bei dem Worte
wirkt. Darum muß das Wort geglaubt sein, wider
alles Sehen und Fühlen der Vernunft. Wenn man viel
disputieren will, wie es zugehe, so ist es aus.
Doch muß man gleichwohl auch fromm sein und
gute Werke tun, gleichwie die Juden in der Wüste ar-
beiten und etwas tun mußten: einer mußte den andern
warten und ihn pflegen, da sie von den feurigen
Schlangen gebissen worden und krank waren usw. So
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müssen wir auch in diesem Leben arbeiten, unsern


Beruf und Amt ausrichten, unserm Nächsten dienen
usw. Aber damit verdienen wir nicht die Seligkeit,
sondern die Seligkeit und das ewige Leben kommt
uns allein durch das Ansehen des erhöhten und ge-
kreuzigten Christus. Gleichwie es der Juden Warten,
Pflegen, Arbeiten nicht getan hat, daß sie vom Biß
der feurigen Schlange heil wurden und lebten, so tun
es auch unsere Werke nicht, daß wir von des Teufels
Gewalt errettet werden und ewig leben.
Das ist die Summe von diesem Evangelium. Der
Artikel soll es ganz und alles sein, daß wir an Jesus
Christus glauben, für uns gekreuzigt; der ist unsere
Schlange, von Gott aufgerichtet, den sollen wir anse-
hen, auf daß wir durch ihn genesen und ewig leben.
Unser lieber Gott und Vater wolle uns um seines lie-
ben Sohnes Jesus Christus willen durch seinen Heili-
gen Geist bei dieser Lehre erhalten und von Tag zu
Tag darin wachsen lassen, daß wir in rechter Erkennt-
nis Christi und im Glauben zunehmen und endlich
selig werden mögen, Amen.

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Editorische Bemerkung

Die erste der zwei Predigten der HP zum Text (neun


Nachschriften Rörers zu ihm sind erhalten) folgt der
WA 36, 184 bis 187 abgedruckten Nachschrift
(Hauspredigt 1532), die Quelle Dietrichs ist nicht
nachzuweisen.

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