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4490 Sendbrief in der Wurzener Fehde (1542) 1

Martin Luther

Sendbrief in der Wurzener Fehde


(1542)

[WA Br 10, 32–36]

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4491 Sendbrief in der Wurzener Fehde (1542) 2

Meine untertänigen willigen Dienste und mein armes


Pater noster zuvor! Gnädigster, Gnädiger, Wohlge-
borne, Edle, Gestrenge, Feste,1 und wie einem jeden
sein Titel gebührt. Mir ist solch ernstes Vornehmen
und plötzlicher Zorn zwischen beiden, Ew. Kur- und
Fürstlichen Gnaden,2 ebenso wie andern, heut erst
recht kund geworden. Und obwohl mir, als Prediger
und (Inhaber) geistlichen Amts, hierin weder zu rich-
ten noch zu handeln etwas gebührt, weil es so aus-
schließlich weltliche3 Sachen sind, da mir auch nicht
viel zu wissen befohlen ist; so steht doch da Gottes
Wort 1. Tim. 2, 1 f., welches uns Predigern und der
ganzen Kirche gebietet, für die weltlichen Herrschaf-
ten zu sorgen und um Frieden und stilles Wesen auf
Erden zu beten, wider den Teufel, allen Unfriedens
Stifter und Anfänger. Nun, das eine Stück unseres
Sorgens ist geschehen und geschieht noch täglich von
ganzem Herzen, nämlich das Gebet, wie das beide,
Bücher und Gesänge,4 bezeugen, besonders jetzt,
weil der Teufel so eilend und plötzlich diese Unruhe5
erregt hat.
Das andere (ist), daß wir auch Gottes Wort und
Befehl in allen Anfechtungen anzeigen müssen, es sei
die Betrübten zu trösten, oder die Angefochtenen zu
vermahnen oder die Halsstarrigen zu schrecken, und
dergleichen. Damit ich nun hierin das Meine auch tue
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und vor Gott mein Gewissen entschuldigt habe, so


bitte ich aufs untertänigste, E.K.- und F.G. wollten
mich gnädig hören. Denn ich will nicht mein, sondern
Gottes Wort reden, besonders weil E.K. und F.G.
samt beiden Landständen das Evangelium angenom-
men und bekannt haben, Christen zu sein, das ist,
Christi Wort hören und gehorchen wollen und sollen.
Und weil ich bei beiden Seiten dafür gehalten werde,
daß ich Christi Diener und Prediger des Evangeliums
bin (wie es die Wahrheit ist), gilt sicherlich: wer mich
hört, hört Gott, wie er Luk. 10, 16 spricht: »Wer euch
hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der ver-
achtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet
den, der mich gesandt hat«; da behüte Gott vor,
Amen.
Er sagt aber: »Selig sind die Friedfertigen; denn sie
werden Gottes Kinder heißen«, Matth. 5, 9. Ohne
Zweifel wirds umgekehrt heißen: Verflucht sind, die
den Frieden hassen, denn sie müssen des Teufels Kin-
der heißen. Solcher Spruch, weil er Gottes des All-
mächtigen ist, wird keinen Unterschied der Personen
achten, wie hoch sie seien, sondern alle unter sich
haben, und gebieten, Frieden zu halten, bei Verlust
ewiger Seligkeit oder (was ebensoviel ist) der Kind-
schaft Gottes.
Darum ist dies das erste Gebot Gottes, daß E. K
und F.G. schuldig sind, vor allen Dingen zum Frieden
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zu trachten, zu raten und zu helfen, und sollts auch


Leib und Gut gelten, von solchem unbedeutenden und
geringen6 Schaden zu schweigen, der jetzt in diesem
gegenwärtigen Fall bevorstehen kann. Denn ohne
Verletzung des Gewissens, ja Gefahr ewiger Ver-
dammnis, werden E.K. und F.G. in diesem vorschnel-
len7 Zorn und Unfrieden gegen solch göttliches Gebot
nicht fortfahren können.
Ja, mag man sagen: niemand kann länger Frieden
haben, als sein Nachbar will. Das ist wahr. Darauf
sagt Gott aber so, Röm. 12, 18: »Soviel an euch ist,
so habt mit allen Menschen Frieden«. Demnach müs-
sen E.K. und F.G. samt beiden Landständen hierin
Gott auch Gehorsam schuldig sein bei ewiger Ver-
dammnis, und ein Teil muß dem andern Friede und
Recht8 anbieten. Wenn alsdann der Rechtsspruch und
Urteil ergangen ist, so mag sich dann wehren, wer da
kann. Denn auch das Recht sagt: Niemand soll seiner
selbst Richter sein, viel weniger seiner selbst Rächer;
und: wer zurückschlägt, ist im Unrecht, ausgenommen
den einzigen elenden (Fall der) Notwehr. Ebenso hat
Gott die Rache wahrlich hart verboten, Röm. 12, 19:
»Die Rache ist mein, ich will vergelten«. Wer nun
Gott das Gericht und die Rache nehmen will, den
wird sein Urteil treffen, Röm. 13, 2.
Und wenn mir jemand meinen Vater oder Bruder
erschlüge, so bin ich dennoch über den Mörder nicht
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4494 Sendbrief in der Wurzener Fehde (1542) 5

Richter noch Rächer. Und was bedarf man des Rechts


und der Obrigkeit, ja was bedarf man Gottes, wenn
ein jeder selbst Richter, Rächer, ja Gott selbst sein
will gegen und über seinen Gleich (gestell) ten oder
Nächsten, besonders in weltlichen Sachen? Denn in
geistlichen Sachen ists etwas anderes, wo ein Christ
wohl über Welt und alle Teufel Richter,9 das ist, Got-
tes Worts Werkzeug oder Zunge ist. Denn sein Wort
ist Gottes Wort, der keinen Gleichen noch Nächsten
hat, sondern über alle Richter, Rächer und Herr ist.
So ist in dieser plötzlichen Entzweiung noch keine
Rechtsverhandlung vorgenommen,10 viel weniger ein
endgültiges Urteil gesprochen, auf das hin man mit
gutem Gewissen die Rache oder Strafe vornehmen
möchte, obwohl doch das feine Kleinod, das fürstli-
che Hofgericht,11 vorhanden ist, ebenso so viel feine,
löbliche Grafen, Herren Ritterschaft und gelehrte Juri-
sten, die solches wohl zuvor hören und erwägen
könnten, zuletzt auch die erbvereinigten Fürsten,12
und vielleicht mehr (Stellen) als ich weiß, bei welchen
man zuvor Recht oder Unrecht beider Teile könnte er-
forschen und schließen, damit man nicht gegen Gott
und eigene Seligkeit dreinfahre und ohne einen
Schiedsspruch versucht, ohne darüber verhandelt und
eine Entscheidung gefällt zu haben13 Land und
Leute, Leib und Seel so dem Teufel zu Ehren und
Gott zu Unehren opfern müßte.
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4495 Sendbrief in der Wurzener Fehde (1542) 6

Ist doch das Städtlein Wurzen nicht die Unkosten


wert, die bereits draufgegangen sind, geschweige denn
solchen großen Zorn so großer mächtiger Fürsten und
trefflicher Landstände. Es sieht bei vernünftigen Leu-
ten nicht anders aus, als ob zwei betrunkene Bauern
sich im Gasthof um ein zerbrochenes Glas schlügen,
oder zwei Narren um ein Stück Brot. Nur daß der
Teufel und seine Glieder aus solchem Funken gern ein
großes Feuer aufblasen, und so den Feinden eine
Freude, dem Türken ein Gelächter, dem Evangelium
eine besondere Schande bereiten wollten, auf daß er
durch seine Lästermäuler rühmen könnte: Siehe da,
das sind evangelische Fürsten und Landstände, die
aller Welt den Weg zum Himmel weisen wollen und
alle Menschen die Wahrheit lehren. Sie sind solche
Narren und Kinder geworden, daß sie selbst auch ge-
ringe weltliche Sachen noch nicht mit Recht und Ver-
nunft vorzunehmen wissen, Pfui über die Evangeli-
schen! Ja freilich, solches würden wir vom Teufel und
aller Welt hören müssen. Das würde Gott trefflich
übel gefallen, daß sein Name so um unsertwillen ent-
heiligt werden sollte, Röm. 2, 24.
So wäre auch dieser Krieg (wie beide Teile gut
wissen, wenn sie es bedenken) kein Krieg, sondern
ein rechter Aufruhr, jawohl ein Hausaufruhr, da Vater
und Sohn, Bruder und Vetter übereinander herfallen.
Denn die beiden Fürstentümer sind so nahe unterein-
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ander verwandt, daß es billig ein Haus, ein Geblüt


von oben an bis unten hinaus heißen kann. Da sind
beide Fürsten unter zweier Schwestern14 Herzen ge-
legen, danach ist der Adel untereinander vervettert,
verschwistert, verschwägert, befreundet, ja fast Brü-
der, Väter, Söhne,15 daß es gut ein Haus, ein Blut
heißen kann. Auch Bürger und Bauern haben einander
Söhne und Töchter gegeben und genommen, daß es
nicht näher sein könnte.
Und solches nahe, ja ein und dasselbe Blut16 sollte
durch den Teufel so ineinander gestürzt und gemengt
werden, um einer Laus oder Nisse17 willen? Denn
was kann Wurzen mit aller seiner bischöflichen Herr-
lichkeit im Vergleich zu solchem teuren, edlen, nahen
und so vielem Blut sein als eine nichtige Laus? (Da)
sollte doch Gott mit Blitz und Donner plötzlich drein-
schlagen, besonders weil wir Christen so unsinnige
Teufel sein wollen, und wäre es besser, Türken und
Tataren im Lande zu leiden!
Ich denke an Herzog Friedrichs des Seligen18
Wort: als er mit Erfurt übel stand, wollten ihm etliche
Krieger Erfurt erstürmen,19 wenn er fünf Mann
wagen wollte. Es wäre zu viel, sprach er, an einem
Mann – obwohl doch Erfurt ein ganz andrer Braten in
der Küche wäre, als Wurzen. Das war ein Fürst!
Demnach ist meine untertänige Bitte, E.K. und
F.G. wollten Gott ehren. Ihre Seligkeit betrachten, die
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ewige Schande und böse Nachrede nicht auf ein so


herrliches, löbliches Fürstentum ererben, auch die
armen Untertanen bedenken, das Kreuz gegen den
Teufel vor sich schlagen, und doch (um) meiner
armen Bitte (willen) in Gnade soviel tun: in ein Käm-
merlein allein gehen, niederknien, die Augen gen
Himmel heben und mit Ernst ein Vaterunser beten.
Dann wird, so Gott will, der Heilige Geist E.K. und
F.G. Herzen ändern.
Was an frommen Herzen in den beiderseitigen
Landständen ist, möge auch wohl dasselbe tun. Die
andern tollen Hunde mögen dieweil fluchen und ihr
Herzeleid haben mit ihrem Gott, dem Teufel, dem
Gott durch unser Vaterunser wohl steuern kann.
Und, da Gott vor sei (wovor du mich ja, mein lie-
ber Herr Jesus Christus samt allen die mit mir beten,
gnädig behüten wollest), daß ein Fürst oder Landstän-
de Frieden und Recht verweigern und mit dem Kopf
gegen Gott anlaufen und nach dem rachgierigen Zorn
toben, niemand hören noch sehen wollte: wohlan, in
dem Fall (den Gott gnädig abwende) trete ich zu dem
Teil, es sei mein gnädigster Herr, der Kurfürst und
seine Landstände, oder mein gnädiger Herr Herzog
Moritz und seine Landstände – denn es gilt hier kein
Heucheln, ich rede vor Gott auf mein Gewissen: ich
trete, sage ich, in dem Fall zu dem Teil, der Recht
(sspruch) und Frieden anbietet und leiden kann oder
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begehrt. Denn wenn gleich der andere Teil das höch-


ste Recht hätte und billig Zorn vorwenden könnte, so
verdammt er sich doch selbst damit, daß er Gott in
seine Gewalt eingreift, selbst Richter und Rächer sein
will und damit die Gegenseite zur Notwehr zwingt.
Damit gibt er ihr durch die Tat recht und macht sie
unschuldig,20 sich selbst aber stürzt er aus dem
Recht ins Unrecht; wie oben gesagt ist.21 Denn so
heißts: »Was recht ist, dem sollst du nachjagen« (5.
Mose 16, 20), und: »Mein ist die Rache« (Röm. 12,
19).22
Und alsdann soll der Teil, der Recht und Frieden
sucht, sich getrost und fröhlich wehren, und sich auf
mich berufen, daß ichs an Gottes Stelle geheißen, ge-
raten und dazu vermahnt habe. Denn ich will solches
Blut und Verdammnis jenes Teils auf mich nehmen,
muß es auch wohl tun.
Und wo es dahin käme, da Gott vor sei, daß man
zu Felde zöge oder sonst zum Angriff schritte, so
neigt eure Häupter hierher gegen Wittenberg zu uns,
und empfangt unser Hände (zum Segen) auf euch, den
ich euch hiermit verheiße zur Vergebung eurer Sünde,
als die sich aus Not wehren müssen und gerne Recht
leiden und haben wollten. Damit seid ihr in dieser
Sache vor Gott gerecht,23 und glaubt unserer Absolu-
tion. Danach seid getrost und unerschrocken, laßt Ka-
nonen und Spieße in die Kinder des Unfriedens, des
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Zorns und der Rache gehen. Gottes Wille geschehe:


wer stirbt, der sterbe selig als in Gehorsam und Not-
wehr, seinen Fürsten und sein Land zu schützen. Wir
müssen uns nicht vor einem lebendigen Teufel zu
Tode fürchten, viel weniger vor sterblichen, armen
Menschen.
Dem andern, unfriedlichen, rachgierigen Haufen
verkündige ich hiermit, daß sie wissen, und sich nicht
am Jüngsten Gericht entschuldigen sollen, daß sie
sich selbst in den Bann getan und in Gottes Fluch ge-
geben haben, und, wenn sie im Kriege umkommen,
ewig verdammt sein müssen mit Leib und Seele.
Denn sie führen nicht allein ohne Glauben Krieg, son-
dern bringen auch nach weltlichem Recht böse Ge-
wissen in die Schlacht.
Und ich rate auch treulich: wer unter solchem un-
friedlichen Fürsten Krieg führt, daß er aus dem Felde
laufe, was er laufen kann. Er errette seine Seele und
lasse seinen rachgierigen, unsinnigen Fürsten allein
und selbst mit denen, die mit ihm zum Teufel fahren
wollen, Krieg führen. Denn niemand ist gezwungen,
sondern (es ist ihm) vielmehr verboten, Fürsten und
Herren gehorsam zu sein, oder Eide zu halten zu sei-
ner Seelen Verdammnis, das ist gegen Gott und
Recht. Es heißt: Wir vermögen das, was wir rechtmä-
ßig tun können. Und ich bitte und hoffe, daß Gott
dem rachgierigen Haufen ein verzagtes Herz, zitternde
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Hände und bebende Kniee geben werde, wie Mose 5.


Mose 28, 25 sagt, daß sie durch sieben Wege fliehen,
da sie aus einem herausgezogen sind, Amen.
Der barmherzige Gott schicke seinen friedlichen
Engel, der zwischen beiden, Fürsten und Landstän-
den, rechte Einigkeit erwecke, wie wir uns eines
Glaubens und Gottes Evangeliums rühmen.

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Editorische Bemerkung

Die Schrift von 1523 »Von weltlicher Obrigkeit« gibt


Luthers grundsätzliche Gedanken über Stellung und
Aufgabe der Obrigkeit wie des einzelnen Christen.
Hier spricht Luther ganz allgemein und ohne konkrete
Beispiele. Denn noch ist er nicht in die Lage versetzt
worden, seine Gedanken und Forderungen praktisch
bewähren zu müssen. Im Bauernkrieg trat die Not-
wendigkeit zum ersten Mal ein. Seine Schriften zum
Bauernkrieg (vgl. Nr. VII bis X) bedeuten so die erste
praktische Anwendung seiner grundsätzlichen Er-
kenntnisse. Die Schrift von 1526 »Ob Kriegsleute
auch in seligem Stande sein können« nimmt mehrfach
auf die Ereignisse von 1525 Bezug. Sie stellt trotz-
dem aber nicht eine grundsätzliche Zusammenfassung
n e u e r Gedanken dar, sondern lediglich eine weitere
Ausführung dessen, was Luther bereits in seiner
Schrift von 1523 kurz dargelegt hatte. Als dann der
Krieg gegen die Türken zunehmend ins Bewußtsein
der abendländischen Christenheit trat, war Luther
zum zweiten Male genötigt, das, was er früher grund-
sätzlich ausgesagt hatte, nun auf einen konkreten Fall
anzuwenden. Aus den Schriften Luthers zum Türken-
krieg wird S. 94ff. dargeboten, was zum Verständnis
dessen notwendig ist. Aufs Ganze gesehen wird man
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sagen müssen, daß durch sämtliche Schriften, von


1523 bis 1530, eine einheitliche Linie geht. Sie reprä-
sentieren eine geschlossene Gesamtauffassung.
Gleich, wie man Luthers Stellungnahme wertet, man
wird ihm nicht Schwanken oder Uneinheitlichkeit in
seinen Ansichten vorwerfen können. Der ursprüngli-
che Ansatz wird lediglich von Mal zu Mal weiter ent-
faltet. Gegen diesen Ansatz, gegen die Gesamtkon-
zeption muß man polemisieren, wenn man Luther an-
greifen will, nicht gegen einzelne Punkte. Was wir
beispielsweise in den Schriften zum Bauernkrieg von
ihm hören, stellt nur die Anwendung seiner grund-
sätzlichen Erkenntnis auf den vorliegenden konkreten
Fall dar. Die Kritik darf also nicht erst hier ansetzen,
sondern muß bis zu Luthers Schrift von 1523 zurück-
gehen. Dasselbe gilt für manche Auseinandersetzung
mit Luther von theologischer Seite her. Auch sie greift
oft nur einzelne Punkte an (während sie die Gesamt-
auffassung bejaht), übersieht aber dabei, daß das eine
das andere bedingt, und daß in solchem Fall die Kri-
tik schweigen muß, sie sei denn bereit, die Gesamt-
konzeption zu verwerfen und eine völlig andere an
ihre Stelle zu setzen. Ob diese neue Gesamtkonzep-
tion dann besser (und schriftgemäßer!) als die Luthers
sein wird, kann abgewartet werden.
Mit Luthers Stellungnahme in der sog. Wurzener
Fehde von 1542 wird sozusagen die Probe aufs Ex-
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empel in bezug auf seine früheren Äußerungen über


Krieg und Aufruhr gemacht. Denn hier war sein eige-
ner Landesherr, Kurfürst Johann Friedrich, in eine
Fehde mit Herzog Moritz von Sachsen verwickelt, die
sich leicht zu einem Krieg der führenden evangeli-
schen Mächte in Mitteldeutschland hätte ausweiten
können. Herrschaftsansprüche (das Amt Wurzen un-
terstand dem Bistum Meissen, das seinerseits unter
der Hoheit beider Fürsten stand), Finanzfragen (der
Bischof weigerte sich, die Türkensteuer an Johann
Friedrich abzuführen, wozu er verpflichtet war) wie
strategische Gesichtspunkte (durchs Amt Wurzen
führten militärisch wichtige Pässe) stehen im Hinter-
grund der Auseinandersetzung. Jedenfalls besetzte Jo-
hann Friedrich Ostern 1542 die Stadt Wurzen, um
dort die Türkensteuer einzutreiben. Moritz erhielt
nicht einmal eine Mitteilung davon. Aufs äußerste
aufgebracht bot er Truppen auf, alsbald standen die
Heere sich kampfbereit gegenüber.
In dieser Situation verfaßt Luther am 7. April sei-
nen Sendbrief. Er soll kein Privatschreiben an die
streitenden Fürsten sein, sondern als Flugblatt öffent-
lich verbreitet werden. Dem Eingreifen des Landgra-
fen Philipp in den Streit war es zu verdanken, daß die
Gefahr eines bewaffneten Zusammenstoßes nur kurze
Zeit dauerte, Luther und er haben alles getan, um den
Kurfürsten zum Einlenken zu bewegen. Luthers Herz
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war auf Seiten seines Kurfürsten (wir wissen aus pri-


vaten Briefen und Äußerungen, daß er über Herzog
Moritz sehr erbittert war). Aber in seiner öffentlichen
Kundgebung (deren Druck schon begonnen hatte, die
dann aber wegen des Ausgleiches zwischen den Strei-
tenden nicht erschien) stellt er sich mit allem Nach-
druck, ja man muß beinahe sagen, mit prophetischer
Gewalt, auf die Seite dessen, der den Frieden sucht –
als Luther das schrieb, war es noch ganz unsicher,
wer das sein würde. Der »Sendbrief« zeigt, wie bei
Luther Theorie und Praxis sich auch dann decken,
wenn er persönlich aufs lebhafteste engagiert ist (zu
weiteren Einzelheiten vgl. K. Aland, Martin Luther
als Staatsbürger. Kirchengeschichtliche Entwürfe,
1960, S. 420-451 und insbesondere das im Vorwort
genannte Buch von H. Kunst).

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Anmerkungen

1 Anrede an den Kurfürsten, den Herzog, das Hofge-


richt und alle beteiligten Stellen, nach der Titelord-
nung der Zeit abgestuft.
2 Kurfürst Johann Friedrich und Herzog Moritz,
künftig nach dem Original E.K. und F.G.
3 Eig.: »gar eitel«.
4 Mit den Gesängen meint Luther anscheinend die
um Frieden bittenden Kirchenlieder, vgl. Bd. 6, S.
282.
5 Eig.: »diesen vnlust«.
6 Eig.: »liderlichen«.
7 Eig.: »geschwinden«.
8 Recht = Bereitschaft zu Rechtsverhandlungen.
9 Vgl. 1. Kor. 6, 2 f.
10 Eig.: »kein recht weder Handel furgenomen«.
11 1493 war das für das Kurfürstentum und das Her-
zogtum Sachsen gemeinsame Hofgericht errichtet
worden, das jährlich viermal zu 10tägigen Sitzungen
zusammentrat.
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12 D.h. Hessen und Brandenburg.


13 Eig.: »vnd vnuersuchtes, vnuerhortes, vnerkandtes
rechtes«.
14 Die Mütter Kurfürst Johann Friedrichs (Sophie
von Mecklenburg) und Moritz' (Katharina von Meck-
lenburg) waren Schwestern.
15 Eig.: »fast gebrüdert, geüetert, gesonet«.
16 Eig.: »ia einerley geblute«.
17 Nisse: Lausei.
18 Friedrich der Weise, 1525 gestorben.
19 Eig.: »erlauffen«.
20 Eig.: »dasselb mit der that recht spricht vnd
vnschuldig macht«.
21 Vgl. S. 88, 32 ff.
22 Beide Zitate lateinisch.
23 Eig.: »vnd damit auch des fals fur Gott gerecht
seid«.

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