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3696 Unterschied des rechten und falschen Gottesdienstes (1522) 1

Martin Luther

Unterschied des rechten und falschen


Gottesdienstes
(1522)

[WA 10, I, 1, 674–677]

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Keinen bessern Unterschied kann man hierin haben


als Gottes Wort: welcher Gottesdienst darin gelehrt
wird, der muß freilich der rechte Gottesdienst sein;
welcher aber neben und außerhalb Gottes Wort aufge-
richtet ist, durch Menschen erfunden, der muß be-
stimmt der falsche, scheinbar glänzende Herodes-
dienst sein. Nun ist Gottes Dienst nirgendwo als in
seinen Geboten verfaßt. Denn ohne Zweifel dient der
allein Gott, der seine Gebote hält; gleichwie ein
Knecht im Hause so genannt wird, damit er seinem
Herrn diene (und richtig handelt), wenn er tut und
wahrnimmt, was ihm sein Herr aufträgt. Wenn er das
aber nicht tut, heißt es doch nicht seinem Herrn die-
nen, wenn er sonst (auch) der ganzen Stadt Willen
täte. Also: wer Gottes Gebot nicht tut, dient nicht
Gott, wenn er gleich aller Menschen Lehre und Gebot
hielte.
So besteht nun Gottes Dienst darin, daß du Gott er-
kennest, ihn ehrest, liebest aus ganzem Herzen, alle
deine Treu und Zuversicht auf ihn setzest, an seiner
Güte nimmer zweifelst, weder im Leben noch Ster-
ben, weder in Sünden noch Rechttun, wie das erste
Gebot lehrt. Zu dem können wir allein durch Christi
Verdienst und Blut gelangen, der uns solches Herz er-
worben hat und gibt, wenn wir sein Wort hören und
glauben. Die Natur kann ein solches Herz nicht von
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sich selbst haben. Siehe, das ist der Hauptgottesdienst


und das höchste Stück, den wir einen aufrichtigen
christlichen Glauben und Liebe zu Gott durch Chri-
stus nennen. So wird das erste Gebot von uns durch
Christi Blut erfüllt und Gott recht und wahr gedient.
Zum zweiten: wenn du Gottes Namen ehrst, densel-
ben in Nöten anrufst und ihn öffentlich vor den Ty-
rannen und Verfolgern dieses rechten Gottesdienstes
bekennst, sie nicht fürchtest, die Herodisten strafst
und ihnen wehrst so viel du vermagst, daß sie Gottes
Namen nicht mit ihrem falschen Wesen und Lehren
verunehren, das sie unter dem Namen Gottes vortra-
gen, was eine sehr große Sache ist und (womit man)
die Welt auf sich lädt. Siehe, das ist das zweite Stück
des Gottesdienstes, im zweiten Gebot enthalten.
Zum dritten: wenn du das heilige Kreuz trägst und
mußt viel um solchen Glaubens und Bekenntnisses
willen leiden, so daß du Leib und Leben, Gut und
Ehre, Freund und Gunst daran setzen mußt, das heißt
recht gefeiert und den Sabbat geheiligt, da nicht du
selbst, sondern Gott allein in dir wirkt, und du nur ein
leidender, verfolgter Mensch bist. Das ist das dritte
Stück des Gottesdienstes, im dritten Gebot zusam-
mengefaßt. Siehe, das ist die erste Tafel mit den er-
sten drei Geboten, welche in die drei Stücke inbegrif-
fen werden: Glauben, Bekennen und Leiden; dadurch
wird diesem Leben und der Welt entsagt und allein
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Gott gelebt.
Zum vierten – damit kommen wir in die zweite
Tafel – dienst du Gott besonders, wenn du Vater und
Mutter ehrst, ihnen untertänig und gehorsam bist,1
ihnen hilfst, wo sie es bedürfen, vor allen Menschen
auf Erden.
Zum fünften: daß du niemand am Leibe Schaden
tust, sondern jedermann wohl tust, auch deinen Fein-
den, die Kranken und Gefangenen besuchst und allen
Bedürftigen deine Hand reichst, für alle Menschen ein
gutes, freundliches Herz hast.
Zum sechsten: daß du keusch und mäßig lebst, oder
ja deine Ehe recht hältst und andern halten hilfst.
Zum siebenten: daß du niemand betrügst noch
schädigst, noch in zeitlichem Gut übervorteilst, son-
dern jedermann leihst, gibst, wechselst, wo du ver-
magst, und deines Nächsten Schaden verhütest.
Zum achten: daß du deine Zunge hütest, niemand
schändest, ins Gerede bringst, belügst; sondern jeder-
mann deckst, entschuldigst und verschonst.
Zum neunten und zehnten: daß du niemandes Weib
noch Gut begehrst.
Siehe, das sind die Stücke göttlichen grundguten
Dienstes, den fordert er von dir und sonst keinen; was
du darüber hinaus tust, das achtet er nicht. Er ist auch
klar und leicht genug bei jedermann zu verstehen.
Nun siehst du, daß der rechte Gottesdienst für alle
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Stände, alle Menschen gilt, und nur dieser einzige in


Gottes Volk gefunden werden darf. Und wo ein ande-
rer Gottesdienst gefunden wird, der muß bestimmt
falsch und verführerisch sein; wie der es ist, der nicht
allgemein sein will, sondern sich auf etliche besonde-
re Stände und Menschen beschränkt. Das sei von dem
rechten allgemeinen, einzigen Gottesdienst gesagt.

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Editorische Bemerkung

Die im Jahre 1523 in Breslau unter diesem Titel er-


schienene Schrift Luthers bedeutet nichts anderes als
den Separatdruck des einen Teiles der Predigt über
das Evangelium am Tage der Heiligen drei Könige,
Matth. 2, 1-12, welche Luther für die Weihnachtspo-
stille 1522 geschrieben hatte. (Die Predigt selbst WA
10 I, 1, 555-728, der Sonderdruck umfaßt davon S.
674, 22-680, 2). Auf diese Art sind noch mehrere
Teildrucke aus den von Luther selbst verfaßten Postil-
lenteilen veranstaltet worden, die zweite Schrift dieses
Bandes gibt ein weiteres Beispiel dafür, ebenso wie in
Bd. 5 dieser Ausgabe Luthers berühmter »Kleiner
Unterricht, was man in den Evangelien suchen und er-
warten solle«. Hier wird nur der erste Teil wiederge-
geben, welcher den wahren Gottesdienst behandelt,
der zweite Teil, welcher (in scharfer Wendung gegen
den Katholizismus) den falschen Gottesdienst erör-
tert, ist ausgelassen (vgl. dazu das Vorwort S. 9).

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Anmerkungen

1 Folgt die Ermahnung, nicht gegen den Willen der


Eltern in den geistlichen Stand einzutreten, S. 13, 11
der zweite Teil: »Nun laß uns den falschen, besonde-
ren, parteiischen, mannigfaltigen Gottesdienst anse-
hen, in bezug auf den Gott nichts geboten hat, son-
dern der vom Papst und seinen Geistlichen erdichtet
ist.« Dieser erste Satz Luthers gibt den Tenor für das
Ganze.

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