Sie sind auf Seite 1von 247

5542 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk.

16, 19-31 1

Martin Luther

Erster Sonntag nach Trinitatis


Luk. 16, 19-31

[HP 271–278;
WA 41, 293–300]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5543 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 2

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit


Purpur und köstlicher Leinwand und lebte alle Tage
herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit
Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voller
Schwären und begehrte, sich zu sättigen von dem,
was von des Reichen Tische fiel; dazu kamen auch
noch die Hunde und leckten ihm seine Schwären. Es
begab sich aber, daß der Arme starb und ward ge-
tragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Der Rei-
che aber starb auch und ward begraben. Als er nun
bei den Toten war, hob er seine Augen auf in seiner
Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in
seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abra-
ham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er
das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche und
kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser
Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß
du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, La-
zarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er
hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und über das
alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft be-
festigt, daß, die da wollten von hier hinüberfahren
zu euch, könnten nicht, und auch nicht die von dort
zu uns herüber können. Da sprach er: So bitte ich
dich, Vater, daß du ihn sendest in meines Vaters
Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, daß er sie
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5544 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 3

warne, auf daß sie nicht auch kommen an diesen Ort


der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die
Propheten; laß sie dieselben hören. Er aber sprach:
Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den
Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er
sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten
nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn je-
mand von den Toten aufstünde.

In diesem Evangelium hat uns unser lieber Herr Jesus


Christus ein Bild und Exempel eines reichen und
armen Menschen vorgemalt, welches nicht so schwer
zu verstehen ist. Denn ein jeglicher hört bald, was die
Absicht ist, daß Gott nämlich über beide zu urteilen
habe, Reiche und Arme, wenn es nur uns ins Herz
gehen wollte, daß wirs glaubten.
Besonders hat Christus dieses Gleichnis zu jener
Zeit wider die Pharisäer gerichtet, die waren geizig.
Deren Geiz hat er hier strafen wollen, nicht allein
durch das Gleichnis von dem ungerechten Haushalter,
und was er mehr zu demselben Gleichnis gepredigt
hat, wie es kurz vor diesem Evangelium steht. Son-
dern er hat ihnen auch dies Beispiel des göttlichen
Gerichts und Urteils, das über den reichen Mann er-
gangen ist, vor Augen stellen wollen, sie zu schrek-
ken, daß sie sich vor solchem Urteil fürchten, Buße
tun und sich bessern sollten.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5545 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 4

Aber es half solch Warnen zu jener Zeit bei den


geizigen Pharisäern so viel, wie zu unserer Zeit unser
Warnen bei den reichen und verstockten Menschen
dieser Welt hilft. Denn dahin ist die Welt heutigen
Tages geraten, Gott sei es geklagt, daß sie alle recht-
schaffen sind und niemand mehr geizig ist. Und tat-
sächlich sind fast alle Laster leider heute zu Tugenden
geworden. Geizig sein muß jetzt heißen: tüchtig sein,
vorbildlich handeln, bescheiden und auf Nahrung be-
dacht sein. Und wie man es mit dem Geiz tut, so
schmückt man jetzt alle Sünde und Untugend in Tu-
gend. Mord und Hurerei sieht man noch ein wenig für
Sünden an, aber andere Sünden müssen fast alle den
Namen haben, als wären sie nicht Sünde, sondern Tu-
gend. Besonders der Geiz hat sich so schön ge-
schmückt und geputzt, daß er nimmer Geiz heißt.
Kein Fürst, kein Graf, kein Edelmann, kein Bürger
noch Bauer ist mehr geizig, sondern alle sind recht-
schaffen, so daß sie sagen: Das ist ein auf Nahrung
bedachter Mann, das ist ein geschickter Mann, der
denkt sich zu nähren.
So gehts mit anderen Sünden auch: Hoffart muß
nicht Hoffart noch Sünde, sondern Ehre heißen. Wer
hoffärtig ist, da sagt man: Das ist ein ehrlicher Mann,
der hält sich stattlich und ehrbar, der will seinem Ge-
schlecht einen Namen machen. Zorn und Neid darf
nicht mehr Zorn, Neid und Sünde heißen, sondern Ge-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5546 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 5

rechtigkeit, Eifer und Tugend. Wer zürnt, neidet,


haßt, da sagt man: Der Mensch ist so emsig, so ernst-
haft und eifrig um die Gerechtigkeit, er hat billige Ur-
sache zu zürnen, man hat ihm Gewalt und Unrecht
getan usw. So ist kein Sünder mehr in der Welt, son-
dern, Gott sei es geklagt, die Welt ist voll Heiliger.
Wer nun nicht geizig sein will, den geht dieses
Gleichnis so wenig an, wie es die Pharisäer anging.
Wer hoffärtig ist und es doch nicht für Hoffart und
Sünde, sondern für Ehre und stattlich Wesen hält,
dem braucht man nicht mehr von Hoffart zu predigen;
denn wenn er kein Sünder, sondern heilig ist, wie
kann man ihn denn tadeln? Desgleichen, wer neidisch,
gehässig und rachgierig ist, und hält es doch dafür,
daß er Ursache dazu habe, billig zürne und sich räche,
denn sein Nächster hat ihm Unrecht getan, das kann
er nicht leiden usw.: dem kann man nicht mehr helfen.
Wer will die tadeln und bessern, die da Untugend zu
Tugend, Sünde zu Gerechtigkeit, Schande und Laster
zu Ehre machen? Wenn Geiz Erwerbsinn heißt, Hof-
fart Ehre heißt, Zorn Eifer heißt, da muß man es wohl
ungetadelt gehen lassen, wie es geht.
Solcher Art ist dieser reiche Mann auch gewesen.
Er meint, er sei fromm, sitzt in den Gütern vor der
Welt mit allen Ehren, schmückt sich mit dem Wort,
das Gott durch Mose geredet hat: Wer fromm ist, den
will ich segnen; läßt sich dünken, er brauche niemand
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5547 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 6

etwas mitteilen noch jemand seiner Güter genießen


lassen. Er denkt so: Wer arm ist, der ist verflucht;
umgekehrt, wer reich ist, der ist gesegnet. Ich bin
reich, darum bin ich gesegnet und habe Gottes Gebot
gehalten. Lazarus dagegen ist arm, deshalb ist er ein
Sünder und Gott hat ihn gestraft. Der arme Lazarus
stirbt. Er hat niemand auf Erden, der ihn herrlich be-
gräbt, aber er wird von den Engeln in Abrahams
Schoß getragen. Der reiche Mann stirbt auch und wird
begraben, ohne Zweifel aufs allerherrlichste. Aber da
sind andere Engel, die warten auf ihn und tragen ihn
in die Hölle. Da ist es ganz umgekehrt. Der arme La-
zarus ist nach der Pharisäer Urteil verflucht und ver-
dammt, der reiche Mann hat nach der Pharisäer Urteil
umgekehrt Gottes Segen erlangt und ist ein seliger
Mann.
Und doch sagt der Text: Lazarus kommt in Abra-
hams Schoß, der reiche Mann aber kommt in die
Hölle. Darum muß man recht urteilen, nicht wie die
Pharisäer, sondern wie hier geschrieben steht.
Aber man muß es hier auch recht unterscheiden und
sagen: Ein Armer kommt nicht deshalb in den Him-
mel, weil er arm ist, und ein Reicher fährt nicht des-
halb in die Hölle, weil er reich ist. Sondern es ge-
schieht so, weil jener sich recht in seine Armut schickt
und sie recht gebraucht, und dieser sich nicht recht in
seinen Reichtum schickt und ihn übel gebraucht. Das
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5548 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 7

ist rasch geredet, aber dieser Unterschied ist nicht


rasch gehalten. Denn der alte Adam ist ein besonders
böser Schalk, der spricht so: ich kenne den Unter-
schied gut, Armut macht niemand selig, Reichtum
verdammt niemand. Wenn ich schon reich bin, so ver-
dammt mich doch solcher Reichtum deshalb nicht. Er
fährt danach zu, wird sicher und stolz und meint, er
könne mit seinem Besitz machen, was er wolle. So
geschickt ist der Schalk, der alte Adam. Da sehe nun
ein jeder gut zu, daß er sich nicht selbst betrüge, auf
daß ihm nicht geschehe, wie diesem reichen Wanst
geschehen ist. Denn Gott, der aller Herzen Kündiger
ist, läßt sich nicht täuschen; er kennt eines jeden
Herz, und ihm ist nichts verborgen. Und das ist nun
das Bild, mit dem der reiche Mann und arme Lazarus
abgemalt ist, im Leben und im Sterben. Aber lasset
uns auch hören, wie es dem reichen Mann weiter in
der Hölle geht.
Man ist der Meinung, daß dies die größeste Plage
sein werde, daß die Reichen und Verdammten dort
werden die Armen im Himmel sitzen sehen müssen,
die sie hier auf Erden verachtet haben, wie auch
Weish. 5, 2 ff. geschrieben steht. Darum wird es dem
reichen Mann herzlich wehe getan haben, daß er La-
zarus in Abrahams Schoß gesehen hat. Das höllische
Feuer wird ihm noch einmal so heiß gewesen sein,
weil er Lazarus in so großer Ehre hat sehen müssen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5549 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 8

den er zuvor verspottet hat. Und Abraham tut solches


auch dem reichen Manne zur Strafe, daß er ihm nichts
anderes als Lazarus zeigt. Denn es heißt so: Womit
jemand sündigt, damit wird er auch geplagt, Weish.
11, 17. Der reiche Mann hatte an Lazarus gesündigt,
deshalb muß er auch durch ihn gestraft werden. So
wird es auch am Jüngsten Tage gehen: unser Herrgott
wird die armen Waisen und die Reichen, Geizigen
und Wucherer einander gegenüberstellen. Wenn ein
Wucherer in der Hölle brennen wird, so wird ein
armer Mensch, der sich von ihm hat schinden und pla-
gen lassen müssen, in Abrahams Schoß sitzen. Das
wird der Wucherer zu seinen großen Schmerzen sehen
müssen.
Das ist nun das Urteil, welches der reiche Mann in
der Hölle hören muß: Wir wollen und können dir
nicht helfen. Da muß der reiche Mann ewig an aller
Hilfe verzweifeln.
Es darf dem Verdammten sein Wille auch in dem
Allergeringsten nicht erfüllt werden. Der reiche Mann
wird drunten in der Hölle ja so schlecht gespeist und
so trocken getränkt, wie er Lazarus hier auf Erden ge-
speist und getränkt hat; es muß ihm alles abgeschla-
gen sein, was er bittet und begehrt. Wollen sie Mose
und die Propheten nicht hören, sagt er, das ist, können
sie Gottes Wort verachten, da sie doch wissen, daß es
Gottes Wort ist: so werden sie auch nicht nach den
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5550 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 9

Toten fragen. Und das ist wahr. Wenn Gott schon


heutigen Tages einen Engel sendete und täte das drei-
oder viermal, so würde man sich daran ebensogut ge-
wöhnen und so viel davon halten, wie von des Pfar-
rers Predigt. Das gleiche würde auch geschehen, wenn
schon einer von den Toten auferstünde. Denn wen
Gottes Wort an sich nicht bewegt, den bewegt nichts,
es sei gleich ein Toter aus der Hölle oder ein Engel
vom Himmel.
Man mag es wohl so vorgeben und sagen: Die Pre-
digt durch Menschen ist allgemein, wenn aber jemand
von den Toten auferstünde, so wollten wir glauben.
Ebenso: Wenn das Evangelium durch große Leute,
durch Fürsten, Könige und Kaiser auf Erden oder
durch Engel vom Himmel gepredigt würde, so wollten
wir glauben. Wie können wir aber glauben, dieweil es
Menschen und dazu arme Fischer und geringe, ver-
achtete Leute predigen? Solches läßt sich wohl reden,
aber im Grunde ist es nichts. Denn die Person bringt
keinen Menschen dahin, daß er recht glaubt, sondern
Gottes Wort muß ihn dahin bringen, daß er mit Si-
cherheit wisse, daß es Gottes Wort ist, der die höchste
Person ist. Wer das verdauen kann, daß er Gottes
Wort verachtet, von dem er doch fürwahr weiß, daß
es Gottes Wort ist: wie sollte der nicht auch eines En-
gels und Toten Wort verachten? Darum sagt er recht:
»Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5551 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 10

sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten


aufstünde.« Denn des Mose und der Propheten Beruf
und Sendung ist ein höherer Beruf und Sendung als
die eines Toten. Wer nun Mose und die Propheten
nicht hört, der wird die Toten viel weniger hören. Aus
Vorwitz möchte er vielleicht einen von den Toten eine
kleine Zeit hören, heute und morgen, aber übermorgen
würde doch solche Sendung der Toten auch nichts
sein.
Wer fromm werden will, der muß bei Gottes Wort
anfangen, das in der Kirche vom Pfarrer gepredigt
wird. Wenn es schon Paulus, Petrus, ja, Christus
selbst predigt, so ist es doch nichts, wenn man es ver-
achten will. Aber so fängt es an, wenn man Gottes
Wort liebhat und dem glaubt, es predige gleich Pau-
lus oder Petrus, Christus oder Johannes der Täufer,
der Pfarrer oder der Vikar; an der Person liegt nichts,
aber an dem Wort liegt alles. Wer seine Taufe allein
deshalb hochachtet, weil er von einem Bischof getauft
ist, der gründet sich nicht auf die Taufe, sondern auf
die Person. Solcher Grund wird nicht lange bestehen.
Wer aber seine Taufe deshalb hochachtet, weil sie
Gottes Sakrament, Ordnung und Befehl ist, der hat
einen sicheren, beständigen Grund für sich. Die Per-
son macht die Taufe nicht besser, es taufe gleich Bi-
schof, Pfarrer oder Vikar, so ist es doch nicht eine
bessere Taufe als der Hebamme Taufe, die in der Not
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5552 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 11

daheim im Hause tauft. Ebenso ist das Wort, das der


Pfarrer predigt nicht ein besseres Wort als das, wel-
ches der Vikar predigt. In Summa, es steht nicht auf
der Person, sondern auf dem Wort.
So haben wir nun dies Bild des reichen Mannes
und des armen Lazarus, welches ein schrecklich und
ernstlich Bild wider den Geiz ist. Es ist ein besonders
schändliches Laster, welches eitel unbarmherzige
Leute macht, voll alles Unrechts, und alle Früchte des
Evangeliums hindert. Darum ist der Herr diesem La-
ster nicht ohne Ursache feind, besonders weil es sich
so schmückt und keine Sünde sein will. Unser lieber
Herrgott wollte uns gnädiglich davor behüten, daß
wir nicht dareinkommen. Sind wir aber darinnen, so
wolle er uns helfen, daß wir wieder herauskommen
mögen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5553 Erster Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 19-31 12

Editorische Bemerkung

Rörer/Poach bietet die Predigt, genau nach seiner


Nachschrift, die WA 41, 293-300 abgedruckt ist (Pre-
digt von 1535), nicht bei Dietrich. Sechs Nachschrif-
ten Rörers zu Predigten über Luk. 16, 19 ff. sind er-
halten, die abgedruckte Predigt ist 1535 gehalten.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5554 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 1

Martin Luther

Zweiter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 14, 16-24

[HP 279–282;
WA 36, 187–191]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5555 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 2

Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der


machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu.
Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des
Abendmahls, zu sagen den Geladenen: Kommt, denn
es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinan-
der, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm:
Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen
und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
Und der andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen
gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich
bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach:
Ich habe ein Weib genommen; darum kann ich nicht
kommen. Und der Knecht kam und sagte das seinem
Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und
sprach zu seinem Knechte: Gehe schnell hinaus auf
die Straßen und Gassen der Stadt und führe die
Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen her-
ein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen,
was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf
die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie
hereinzukommen, auf daß mein Haus voll werde.
Denn ich sage euch, daß der Männer keiner, die ge-
laden waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Wenn ich dem Evangelium glaube, so esse ich von


Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5556 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 3

Christus und weidet und stärkt sich meine Seele, das


schmeckt nach Vergebung der Sünden, ewigem Leben
und Seligkeit. Wenn wir im Tode, Sünden, Pest, Le-
bensmittelknappheit, Gefahr, Schrecken, Furcht und
allerlei Jammer sind: das ist unser Hunger und Durst,
da bedürfen wir dieser Speise. Und eben die sind es,
die in solchen Nöten sind, welchen diese Speise recht
schmeckt. Wenn solche erschrockenen und geängstig-
ten Herzen und Gewissen im Evangelium hören, daß
Christus, der für ihre Sünde gelitten habe, gekreuzigt
und gestorben sei, sich habe zurichten, auftragen und
vorlegen lassen zur Speise für alle hungrigen und dur-
stigen Seelen, das ist für alle erschrockenen und ge-
ängstigten Herzen, und wenn sie solches ohne allen
Zweifel glauben, dann wird ihr verschmachtendes
Herz, betrübt Gewissen und bekümmerte Seele ge-
stärkt, getröstet und erquickt.
Durch solchen Glauben muß man in Christus Ver-
gebung der Sünden, Gerechtigkeit, ewiges Leben und
Seligkeit ergreifen. Denn Christus allein kann diesen
Seelenhunger dämpfen und diesen Seelendurst lö-
schen, den Teufel und Tod verjagen und vertreiben,
daß sie nicht mehr schaden können. Wenn du deshalb
von dieser Speise ißt, an Christus glaubst, welcher dir
durchs Evangelium vorgetragen wird, kannst du dich
nicht fürchten, sondern hast ein frei, fröhlich Herz.
Wer diese Speise schmeckt, an Christus glaubt,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5557 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 4

dem soll es zugesagt sein und der soll es haben, daß


er nicht sterben, sondern durch den Glauben an Chri-
stus ein Kind des ewigen Lebens sein soll, als der den
Tod in Christus überwunden hat. Obschon der Tod in
seinem Leib noch ist und er sterben muß, so soll es
ihm dennoch nicht schaden. Sondern wenn er nun be-
graben und von den Würmern gefressen ist, soll er
wieder von den Toten auferstehen, und der Leib soll
am Jüngsten Tage wiederum hervorkommen. Denn
seine Speise, Christus, dem er einverleibt ist durch
den Glauben, lebt; er ist »von den Toten erwecket und
stirbt hinfort nicht, der Tod kann hinfort über ihn
nicht herrschen« (Röm. 6, 9), und wird alles lebendig
machen. Von dieser Speise sagt Christus zu den
Juden (Joh. 6, 53-56): »Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Men-
schensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein
Leben in euch. Wer mein Fleisch isset und trinket
mein Blut, der hat das ewige Leben, und ich werde
ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein
Fleisch ist die rechte Speise und mein Blut ist der
rechte Trank. Wer mein Fleisch isset und trinket mein
Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.« Das ist so viel
gesagt wie: Wer von Herzen glaubt, daß ich mein
Fleisch für ihn gegeben und mein Blut für ihn vergos-
sen habe, der soll vor dem Tode sicher sein. Wenn ihn
schon der Tod frißt, soll er doch wieder hervorkom-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5558 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 5

men. So wahr ich lebe, so soll er auch leben; ob er


schon zeitlich stirbt, so bin ich doch in ihm und er in
mir, weil er an mich glaubt, und er soll die Kraft
haben, daß er nicht sterben könne. Der Tod wird über
ihn nicht herrschen. Ich will seine ewige Speise sein
und will ihm das ewige Leben geben. Denn in mir ist
kein Tod, sondern eitel Leben.
So ist auch in Christus eitel Gerechtigkeit und
keine Sünde; die Sünde hat nichts an ihm. Wer nun
Christus hat und von dieser Speise ißt, wo eitel Ge-
rechtigkeit und keine Sünde ist, der ist auch durch
diese Speise gerecht. Die Sünde soll ihn nicht verkla-
gen noch Gottes Zorn wider ihn erregen. Denn Chri-
stus ist seine Speise: weil er an den glaubt, muß die
Sünde hinweg sein. Ob er schon die Sünde noch fühlt,
soll er dennoch getrost hinaufsehen zu Christus, zur
Rechten des himmlischen Vaters, und das Wort des
Evangeliums fest fassen, darin Christus vorgetragen
wird. Wenn er das tut, so lasse er die Sünde danach
böse sein: sie soll schließlich nichts ausrichten; denn
Christus, unsere Speise, ist größer als unsere Sünde.
Darum heißt auch unsere Gerechtigkeit nicht die un-
sere (wenn sie auch unser durch den Glauben wird),
sondern Christi.
Das heißt ein großes Abendmahl, welches der
himmlische Vater und ewige Hausherr bereitet hat
und schenkt, nicht einem, zwei oder drei Menschen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5559 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 6

allein auf Erden, sondern der ganzen Welt. Und so


noch zwei oder mehr Welten wären, könnten sie alle
gespeist und gesättigt, das heißt von Sünden, Tod und
Teufel erlöst und selig werden, wo sie nur dem
Evangelium glauben und von dieser Speise essen
wollten. So ein großes Abendmahl ist es. Leibliches
Brot und Speise hält einen Tag vor, bis auf den
Abend. Vergängliche Speise hilft nicht länger als bis
ins Grab. Das ist ein kleines, enges Abendmahl. Aber
dies ist ein großes, ewiges, wahrhaftiges und unver-
gängliches Abendmahl, das da nährt, stärkt, Trost,
Freude, Leben und Seligkeit gibt. Deshalb heißt es
auch ein großes Abendmahl, weil es unendlich und
unbegreiflich ist und ewige Gerechtigkeit, Freude und
Leben gibt, so sicher wie Christus selbst diese Güter
hat. Nur daß wir zu diesem Abendmahl kommen,
diese Speise annehmen und an diesem Tische im Rei-
che Gottes essen und trinken. Und so nährt man sich
und ißt das Brot im Reich Gottes. Das ist ein anderes
Essen als das Essen in dieser Welt.
So lehrt und vermahnt uns unser lieber Herr Jesus
Christus in diesem Gleichnis vom Abendmahl, daß
wir den Glauben gut üben und ihn recht fassen sollen,
daß er unsere Speise, Gerechtigkeit, Trost, Freude
und Leben sei und sein will, auf daß wir nicht so
schnell erschrecken vor Sünde, Tod und Teufel. Denn
er kann das alles leicht wegnehmen. Und das ist unser
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5560 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 7

einziger, wahrhaftiger Trost. Denn wir Menschen


haben alle die Sünde und den Tod vor uns und kön-
nen nicht entlaufen. Da ist nun kein anderer Rat, als
daß wir zu diesem großen, köstlichen Abendmahl
kommen und uns unseren lieben Herrn Jesus Christus
im Evangelium vortragen lassen und von ihm essen.
Das geschieht, auf daß unser Herz durch den Glauben
an ihn getröstet und gestärkt werde, und wir, wenn da
Traurigkeit oder Schrecken kommt, sagen können:
Ha, Christus ist unerschrocken. Kommt Krankheit,
daß wir sagen: Christus wird deswegen nicht sterben,
kommt Sünde, daß wir sagen: Christus wird nicht
zum Bösewicht und Sünder im Himmel. Bin ich böse,
ist das unserem Herrn Christus ohne Schaden; bin ich
traurig, ist Christus fröhlich; bin ich hungrig, arm, be-
trübt, ist Christus satt, reich und voll Trostes. Weil er
nun gerecht, heilig und lebendig ist, so bin ich auch
gerecht, heilig und lebendig. Weil ihm weder Hunger
noch Armut noch Trübsal schaden, so soll mirs auch
nicht schaden, denn er ist mein, und ich bin sein. Und
dies sei genug vom ersten Stück dieses Evangeliums.
Das andere Stück in diesem Evangelium ist, daß
unser lieber Herr Jesus Christus über die große Ver-
stockung der Welt klagt, daß die Menschen diese
Speise nicht mögen und andere Speise suchen. Sie
verachten dies reiche, große, köstliche Abendmahl,
mögen nicht die Predigt des lieben Evangeliums, dar-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5561 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 8

innen Christus aufgetragen und vorgelegt wird. Und


das tun die großen Heiligen, die können das Evange-
lium Christi nicht annehmen noch zu diesem Abend-
mahl kommen vor ihrem Acker- und Ochsenkaufen,
Weibnehmen usw.
Nun ist es nicht böse noch von Gott verboten, zeit-
liche Güter zu haben, Äcker und Ochsen zu kaufen,
ein Weib zu nehmen. Denn Weib und Kind muß man
haben, wenn sie Gott bescheret; und die müssen essen
und trinken, wozu man denn Kühe, Ochsen, Äcker,
Wiesen usw. haben muß. Deshalb ist das nicht der
Schaden, daß sie Äcker, Ochsen, Weib und Kind
haben (denn das alles möchten sie wohl haben, wenn
sie nur dies Abendmahl nicht verachteten), sondern
das ist die Klage, daß sie nicht zum Abendmahl kom-
men wollen und dem Acker, Ochsen, Weib so anhän-
gen, daß sie dies Abendmahl darüber verachten und
versäumen.
Und das ist es, daß Christus diesen Tischgesellen,
welcher trefflich klug sein und weise von der Sache
reden wollte, zurückweist, daß er schweigen muß.
Denn da er sagt (Luk. 16, 15): »Selig ist, der das Brot
isset im Reiche Gottes!«, antwortet ihm Christus mit
diesem Gleichnis, als sollte er sagen: Ja, es ist gut, du
redest recht und trefflich; alle Welt wäre selig und
möchte das Brot im Reiche Gottes essen. Das Abend-
mahl ist bereitet, und das Brot und die Speise im Rei-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5562 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 9

che Gottes wird aufgetragen und vorgelegt, wenn sie


sie nur nicht verachteten. Ja, du und deinesgleichen
wäret vor andern selig, wenn ihr es nur tun wolltet.
Denn ihr werdet zum Abendmahl des Reiches Gottes
geladen, wenn ihr nur dazu kommen wolltet. Die
Speise steht auf dem Tische, Johannes der Täufer
zeigt mit Fingern und sagt (Joh. 1, 29); »Siehe, das
ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.«
Aber wo nehmen wir Gäste her, die da kommen, essen
und trinken wollen? Welche zu diesem Abendmahl
geladen und gebeten werden, die bleiben draußen,
welchen Christus verheißen und zugesagt ist, die wol-
len ihn nicht annehmen. Darum soll man diese zwei
Dinge gut unterscheiden: Äcker, Ochsen, Weib
haben, und zum Abendmahl des Reiches Gottes kom-
men, und soll ein jedes in seiner Ordnung bleiben las-
sen. Äcker und Ochsen kaufen, Weib nehmen, ist je-
dermann wohl erlaubt. Gott fragt nichts danach, ja, er
will, daß ein jeder sein Weib habe, um Unkeuschheit
zu vermeiden (1. Kor. 7, 2). Aber das ist es, worüber
Christus hier klagt, daß man um des Ackers, Ochsen,
Weibes willen zu seinem Reich nicht kommen will
und nach seinem großen, herrlichen Abendmahl nichts
fragt. Wir beten im Vaterunser zuerst: Geheiligt
werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille ge-
schehe; danach beten wir: Unser täglich Brot gib uns
heute. Das ist recht und gut gebetet. Denn Christus
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5563 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 10

selbst hat das Gebet so aufgestellt, auch geheißen und


befohlen, so zu beten. Wenn man aber das Vaterunser
umkehren wollte und zuerst das tägliche Brot suchen
und erbitten, unangesehen, wo das erste, nämlich Got-
tes Name, Reich und Wille bliebe, das wäre unrecht
und falsch gebetet. So sollen wir auch zuerst das
Evangelium hören und lernen und danach den Bauch
ernähren. Aber um des Bauches willen das Evange-
lium fahren lassen, das ist verboten und sträflich.
Nun taten die Juden so, sie blieben bei ihrem Ak-
ker, Ochsen, Weib und ließen Christus und sein
Evangelium fahren. Unsere Geistlichen unter dem
Papsttum tun heutigen Tages auch so: sie wollen den
Christus nicht essen, sondern laufen dafür ins Kloster,
geloben Armut, Keuschheit, Gehorsam und vermei-
nen, dadurch in den Himmel zu kommen. Wo bleibt
aber Christus? Diese verlassen die große, ewige Spei-
se und kochen sich selbst Speise, Kröten, Schlangen
und anderes Ungeziefer. Und, auf daß ich vom Papst
und den Seinen schweige, was tun die Unsern, die
sich Evangelische rühmen? Bauern, Bürger, Adel kle-
ben so fest an dem Zeitlichen und Vergänglichen, daß
sie den Herrn Christus und sein Evangelium darüber
vergessen. Nun hätten sie an Christus genug, sie
könnten auch bei Weib und Kind wohl bleiben, aber
sie wollen zu Christus nicht kommen. Sie sollten so
sagen: Wir wollen zeitlich essen und trinken, aber un-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5564 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 11

terdes wollen wir das große Abendmahl nicht verach-


ten noch versäumen und Christus unsere rechte Speise
sein lassen. Wo sie das täten, so wären sie selig. Aber
das tun sie nicht.
Darum laßt uns gut zusehen, daß uns der Welt
Güter, Freude, Ehre nicht betrügen. Alle Welt hört
jetzt das Evangelium, aber wenn sie es gehört haben,
sucht jedermann seinen Mutwillen mehr als zuvor.
Das ist hier die Klage, daß niemand nach dem
Evangelium fragt; sondern jedermann bleibt bei sei-
nen Käfern, Raupen, Ungeziefer. Wer aber ein Christ
sein will, der hüte sich davor, daß er diese Mahlzeit
nicht vorübergehen lasse.
Der Hausvater fällt ein schreckliches Urteil über
die Geladenen, die nicht kommen wollten, und
spricht: »Ich sage euch, daß der Männer keiner, die
geladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.«
Das ist soviel gesagt wie: sie sollen ewig in der Höl-
lenglut brennen, sollen nicht getröstet noch gestärkt
werden. Denn es ist kein Trost, Freude, Leben, Selig-
keit, Gerechtigkeit, außer allein in Christus. Wenn
man nun Christus verloren hat, so muß Sünde, Tod,
Teufel, Hölle, Ach und Wehe dableiben. Darum will
uns der Herr warnen und sagen: Sehet euch ganz
genau vor. Welche mein Wort und Evangelium ver-
achten, die sollen meine Gerechtigkeit, Leben, Selig-
keit, Friede und Freude nimmermehr schmecken, son-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5565 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 12

dern in Sünden, Tod, Hölle, Unfrieden und Traurig-


keit ewiglich bleiben.
Aber solches alles verachtet die Welt und läßt sich
nichts sagen. Wir aber sollen uns warnen lassen; denn
uns ist es gesagt, daß wir nicht auch roh werden, son-
dern an Jesus Christus glauben, der uns im Evange-
lium vorgelegt wird. Wer den rechten Glauben an
Christus hat, der hat das ewige Leben. Wenn er auch
noch Sünde, Tod, Traurigkeit fühlt, hat er dennoch
Gerechtigkeit, Leben, Trost und Freude durch Chri-
stus im Himmel. Dazu helfe uns der Hausvater, durch
Jesus Christus samt dem Heiligen Geist, gelobet in
Ewigkeit, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5566 Zweiter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 16-24 13

Editorische Bemerkung

Sieben Nachschriften Rörers zu Predigten Luthers


über diesen Text sind erhalten, Rörer/Poach bringt die
Predigt (1532 im Hause) »genau nach seiner Nach-
schrift« WA 36, 187-191; nicht Dietrich, dessen
Quelle nicht nachzuweisen ist.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5567 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 1

Martin Luther

Dritter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 15, 1-10

[HP 282–285;
WA 37, 90–91]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5568 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 2

Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder,


daß sie ihn hörten. Und die Pharisäer und Schrift-
gelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die
Sünder an und isset mit ihnen. Er sagte aber zu
ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch
ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er
deren eines verliert, der nicht lasse die neunund-
neunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlo-
renen, bis daß ers finde? Und wenn ers gefunden
hat, so legt ers auf seine Achseln mit Freuden. Und
wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und
Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit
mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verlo-
ren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im
Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr
als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße
nicht bedürfen.
Oder welches Weib ist, die zehn Groschen hat, so sie
deren einen verliert, der nicht ein Licht anzünde und
kehre das Haus und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn
finde? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre
Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freuet
euch mit mir; denn ich habe meinen Groschen ge-
funden, den ich verloren hatte. Also auch, sage ich
euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über
einen Sünder, der Buße tut.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5569 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 3

Dies ist der tröstlichsten Evangelien eines, das im


ganzen Jahr sein kann. Denn es ist ja ein schönes,
liebliches Bild, daß sich Christus einem Hirten ver-
gleicht, welcher den armen Sündern nachgehen, sie
suchen und wieder zurecht bringen will, daß sie dem
Wolfe, dem Teufel, nicht zuteil und ewig verdammt
werden. So sind es auch über die Maßen süße und
tröstliche Worte, da er sagt: Die Engel Gottes im
Himmel, die hohen Kreaturen, freuen sich über einen
Sünder, der Buße tut.
Es sagt aber der Evangelist, daß allerlei Zöllner
und Sünder zu Jesus gekommen seien, auf daß sie ihn
hörten. Damit zeigt er die Ursache an, weshalb die
Zöllner und Sünder zu Christus gekommen seien, und
weshalb ihr Kommen dem Herrn Christus so lieb und
angenehm gewesen sei, welche Ursache sie ihm auch
so lieb und angenehm gemacht habe, nämlich das
Hören seines Wortes und Evangeliums, daß sie seine
Predigt zu hören herzlich begehrt und sie mit allem
Fleiß und Ernst gehört und gelernt haben. Solches
taten die Zöllner und Sünder.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten opferten dage-
gen aber im Tempel zu Jerusalem, ließen sich und
ihre Kinder beschneiden, taten des Gesetzes Werke,
beflissen sich, in äußerlicher Frömmigkeit unsträflich
zu leben, führten einen guten Wandel und feines äu-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5570 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 4

ßerlich ehrbares Leben vor den Menschen. Sie mein-


ten, der Messias würde auch so heilig sein wie sie und
mit heiligen Leuten umgehen, würde um solcher äu-
ßerlichen Heiligkeit und Frömmigkeit willen kommen
und sich zu solchen heiligen Leuten halten, wie es die
Pharisäer und Schriftgelehrten waren. Und das würde
Christi Reich und Amt sein. Da sie nun sahen, daß
der Herr Christus sich zu den Zöllnern und Sündern
gesellte, sie in Gnaden annahm und sich aufs aller-
freundlichste gegen sie stellte, murrten sie und spra-
chen: »Dieser nimmt die Sünder an und isset mit
ihnen.«
Und in der Tat konnten die Pharisäer und Schrift-
gelehrten nicht anders urteilen und folgern. Denn sie
wußten nichts von Christi Reich und Amt, daß er auf
Erden gekommen wäre, die Sünder selig zu machen,
wie große Sünder sie auch seien und wie große und
viele Sünden sie begangen haben mögen, wenn sie
nur sein Wort und Evangelium hören, Buße tun und
an ihn glauben. Davon verstanden sie nichts, wußten
von Gottes Wort nicht mehr, als was Mose und das
Gesetz lehrt. Das Gesetz aber lehrt allenthalben so (so
wie auch alle Vernunft urteilt und nicht anders urtei-
len kann): Gott wolle denen wohltun, die fromm sind
und seine Gebote halten, und umgekehrt die Bösen
strafen, die seine Gebote nicht halten (2. Mose 20, 5.
6): »Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5571 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 5

der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und
vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,
aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die
mich liebhaben und meine Gebote halten.« Darum
konnten sie nicht anders folgern als so: Weil der Mes-
sias von Gott gesandt würde, wollte ihm nichts ande-
res gebühren, als mit den Sündern so umzugehen, wie
das Gesetz lehrt. Weil nun das Gesetz sagt, daß Gott
über die Sünder zürne und sich ihrer nicht annehme,
sondern sie strafe, müsse und solle Christus sich auch
so verhalten, die Zöllner und Sünder unfreundlich von
sich weisen und sie fahren lassen.
Denen antwortet der Herr Christus mit diesen zwei
Gleichnissen vom Hirten mit dem verlorenen Schaf
und vom Weibe mit dem verlorenen Groschen. Doch
bildet er mit diesen Gleichnissen nicht allein sein
Reich und Amt lieblich und tröstlich ab, sondern zeigt
damit auch einen besonderen Gedanken an, welchen
er in solcher Sache habe, nämlich, daß ers nicht las-
sen könne, er müsse um die Sünder sein, sie suchen
und alles vornehmen, was zu ihrer Seelen Seligkeit
dienstlich ist.
Das heißt ja doch unseres Herrn Christus Herz auf
das freundlichste und lieblichste abgemalt, daß es un-
möglich ist, daß mans holdseliger und freundlicher
machen könnte, weil er eine solche Kümmernis,
Sorge, Mühe und Arbeit deswegen hat, wie er die
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5572 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 6

armen Sünder wieder zurechtbringen könne. Er führt


uns in unser eigenes Herz, daß wir doch daran denken
sollen, wie uns zu Sinne sei, wenn wir etwas verlie-
ren, was uns lieb ist. So sagt er, steht mein Herz, so
wallet es und ist unruhig, wenn ich sehe, daß der Teu-
fel einen armen Menschen in die Sünde und Irre ge-
bracht hat.
Und er setzt dazu, gleichwie er gegen die armen
Sünder gesinnet und wie sein Herz beschaffen sei, so
sei auch im Himmel Freude über einen Sünder, der
Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der
Buße nicht bedürfen. Und er wiederholt denselben
Spruch zum zweiten Mal und sagt, daß Freude im
Himmel sei vor den Engeln Gottes über einen Sünder,
der Buße tut. Die lieben Engel und himmlischen Gei-
ster haben ein Freudenfest, wenn ein armer Sünder
zurechtkommt und sich bekehrt. Wenn nun ein
Mensch sich über ein verlorenes Schaf freut, wenn er
es wiederfindet, und ein Weib freut sich über einen
verlorenen Groschen, wenn sie ihn wiederfindet, und
die Engel im Himmel freuen sich über einen Sünder,
der wieder umkehrt und Buße tut; warum tadelt und
verurteilt ihr Pharisäer und Schriftgelehrten denn
mich, will Christus sagen, daß ich Zöllner und Sünder
annehme, die sich mir nahen und meine Predigt mit
allem Fleiß und Herzenslust hören?
Solche lieblichen Gleichnisse und Bilder und sol-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5573 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 7

che süßen und tröstlichen Worte sollen wir mit allem


Fleiß merken, auf daß wir uns damit wider das böse
Gewissen und Sünde trösten und retten lernen. Denn
wir Menschen sind allzumal Sünder und ist unser kei-
ner, den der Teufel nicht in die Wüste gescheucht
hätte, das heißt, der so gelebt hätte, daß er sich nicht
nach der Taufe verirrte wie ein verlorenes Schaf, der
nicht aus dem Wege träte und sich an seinem Gott
versündigte. Wo aber Sünde ist, da folgt, daß man
sich vor Gott fürchtet. Denn der Sünde Art ist, daß sie
ein furchtsames und verzagtes Herz macht, das sich
vor Ungnade und Strafe sorgt. So kann menschliche
Vernunft nicht anders folgern und das Gesetz lehrt es
auch nicht anders, als daß Gott den Sündern feind sei.
Darum kann ein Herz, das sich schuldig weiß, es von
Natur nicht anders, als sich fürchten und sich deshalb
selbst alle Gnade absagen und die Strafe erwarten.
Da kommt nun alles darauf an, daß wir gegen unser
eigenes Herz und Gewissen mit Christus folgern und
sagen: Ich bin ein armer Sünder, das kann, ja will ich
nicht leugnen. Ich will aber deshalb keineswegs ver-
zweifeln, als wollte Gott mich nicht. Ursache: mein
Herr Jesus Christus sagt, es sei mit einem armen Sün-
der gleichwie mit einem Schäflein, das seinen Hirten
verloren hat und in die Irre geraten ist. Solch verirrtes
Schäflein will er nicht in die Irre lassen, sondern su-
chen und zu den anderen Schäflein tragen. Das ist ja
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5574 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 8

ein Beweis dafür, daß er uns der Sünden wegen nicht


wegwerfen, sondern allen Fleiß darauf wenden wolle,
wie er uns von den Sünden weg und wieder zur Gnade
bringen könne. Und er sagt dazu, daß beide, er selbst
und die Engel im Himmel droben, alle Lust und Freu-
de daran haben, wenn die Sünder zur Buße kommen
und sich bekehren.
Es tröstet dieses Evangelium aber nicht allein die
armen Sünder, daß Christus solcher Hirte und König
sei und solch Reich und Amt habe, daß er die irrenden
Schäflein sucht, annimmt und trägt. Sondern es lehrt
auch, wie wir uns gegen diesen Hirten verhalten und
was wir tun sollen, damit wir wieder in das Reich
Christi gebracht und seiner Gnade und Liebe teilhaf-
tig und aus verirrten, verlorenen Schäflein liebe, ange-
nehme Schäflein, aus Gottes Feinden Gottes Freunde
werden. Wie diese Zöllner und Sünder tun, sollen wir
uns Christus nahen, sein Evangelium fleißig und mit
Ernst hören und lernen und uns daraus bessern. Denn
das Hören des heiligen Evangeliums, oder wie es Pau-
lus nennt, der Gehorsam des Glaubens, nimmt hinweg
und tilgt die Sünde und alles, was auf die Sünde folgt,
nämlich Gottes Zorn, den ewigen Tod und Verdamm-
nis, macht, daß ein Sünder nicht mehr ein Sünder,
Gottes Feind nicht mehr Gottes Feind, sondern ge-
recht, Gottes Freund und den lieben Engeln im Him-
mel eine Freude sei.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5575 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 9

Damit macht dies Evangelium einen Unterschied


zwischen den Sündern und begegnet allen, die sich
»Evangelisch« rühmen, welche diese Gnade und lieb-
lichen, tröstlichen Gleichnisse und Beispiele miß-
brauchen und sagen: Christus hat die Sünder lieb, die
Engel im Himmel freuen sich über einen Sünder, der
Buße tut und vergessen doch die Buße, fahren in al-
lerlei Sünden, Trotz und Mutwillen wider Gott und
ihren Nächsten fort, ohne alle Furcht und Scheu, in
großer schändlicher Sicherheit. Sie sündigen nicht al-
lein frei auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit hin,
sondern hassen und verfolgen auch dazu Gottes Wort
und die Diener, welche solch Wort predigen, hören
die Predigt nicht mit Ernst, haben keine herzliche
Reue noch Leid über ihr gottloses Leben und große
Sünde und Laster, haben aus dem Evangelium nichts
mehr gelernt, als daß sie mit dem Munde sagen kön-
nen: Unser Herrgott will die Sünder nicht verwerfen,
Christus ist um der Sünder willen gekommen usw.
Von solchen Sündern redet dieses Evangelium
nicht. Sie dürfen sich auch auf diesen Trost nicht be-
rufen, sie wollten sich denn selbst betrügen und zu
ihrem eigenen Schaden und Verderben heucheln, auf
daß sie je länger je mehr in die Irre geraten und sich
so tief in die Sünden vertiefen, bis daß sie dem Teufel
ganz und gar ins Garn kommen und sich nicht mehr
herausfinden können. Sondern es redet von den Sün-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5576 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 10

dern, die sich Christus nahen, damit sie ihn hören, das
ist, die das Wort lernen, ihre Sünde bekennen, zu
glauben und sich zu bessern anheben. Solche Sünder
sind die rechten Schäflein, die vom Irrtum ablassen
und sich von ihrem Hirten Christus finden lassen wol-
len, auch aus der Ursache Gottes Wort hören, daß sie
sich daraus zu bessern gedenken. Über solche Sünder
macht Christus ein Kreuz und spricht ihnen die tröst-
liche, fröhliche Absolution: Euch sind alle eure Sün-
den vergeben; ihr sollt wissen, daß euch Gott gnädig
ist, nur daß ihr nicht daran zweifelt, sondern zuver-
sichtlich und fest glaubet, es sei so, wie ich euch pre-
dige. Weil ihr mein Wort hört und an mich glaubt, so
will ich euch auf meine Achseln nehmen und in die
Kirche, ja in das Himmelreich tragen. Ich will, ja ich
habe schon für euch genug getan, darum sollt ihr
einen gnädigen Gott und Vater im Himmel haben.
Das sollen alle armen Sünder, die Gottes Wort gern
hören und Christus als ihren Hirten, Heiland und
König erkennen, gut erfassen und daraus Trost und
Freude schöpfen und ihrer Sünden wegen nicht ver-
zweifeln. Denn unser lieber Herr Jesus Christus nennt
sich einen guten getreuen Hirten, und er ist es auch.
Denn er hat sein Leben um solcher Sünder willen da-
hingegeben, auf daß er sie mit allen Freuden ins Him-
melreich und ewige Leben trüge und führte.
Das heißt ja süß und lieblich gepredigt und Gottes
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5577 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 11

Wort sehr gerühmt und gepriesen, als den einigen


Schatz, der die Sünde und allen Jammer wegnimmt,
der aus der Sünde folgt, als da ist Tod, Verdammnis,
Teufel und die Hölle, daß wir nicht mehr Sünder und
Feinde Gottes, sondern den lieben Engeln im Himmel
und allen Heiligen auf Erden eine besondere Freude
sind. Deshalb sollen wir es in allen Ehren und Wür-
den halten, es gern und von Herzen hören, die, welche
es predigen, lieb und wert halten, auf daß wir zu sol-
cher seligen Frucht auch kommen und – aus der Irre
und von aller Gefahr des leidigen Teufels frei und
los – ewig selig werden können. Das verleihe uns
allen der liebe und getreue Hirte und Bischof unserer
Seelen, unser lieber Herr Christus, durch den Heiligen
Geist, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5578 Dritter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 15, 1-10 12

Editorische Bemerkung

Zehn Nachschriften Rörers sind erhalten, die HP folgt


der der WA 37, 90-91 abgedruckten, »aber in ge-
nauem Anschluß an die Vorlage«, während Dietrich
die Vorlage, z.T. »in sehr freier Weise« bearbeitet.
Allerdings hat die HP bei der Ausfüllung von in ihrer
Vorlage fehlenden Stücken sich weithin an Dietrich
angelehnt. Die Predigt ist 1533 im Hause gehalten.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5579 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 1

Martin Luther

Vierter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 6, 36-42

[HP 292–294;
WA 37, 468–469]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5580 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 2

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig


ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht ge-
richtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht ver-
dammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebet, so
wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und
überfließend Maß wird man in euren Schoß geben;
denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird
man euch wieder messen. Er sagte ihnen aber auch
ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden
den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die
Grube fallen? Der Jünger ist nicht über seinen Mei-
ster; wenn der Jünger vollkommen ist, so ist er wie
sein Meister.
Was siehest du aber den Splitter in deines Bru-
ders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du
nicht gewahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bru-
der: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus dei-
nem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Bal-
ken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den
Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, daß du
den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!

Dieses Evangelium lehrt uns, daß wir rechtschaffene


Christen sein und nicht allein mit Worten den Glau-
ben und das Evangelium rühmen sollen, wie jetzt die
Welt »Evangelisch« sein will. Jedermann weiß von
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5581 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 3

Christus viel zu sagen, aber in der Tat und im Werk


ist nichts dahinter. So täuscht also der größte Teil
derer sich selbst, die das Evangelium haben und
hören, und fahren zum Teufel mit ihrem Glauben und
Christus, denn sie haben ihn nicht recht erfaßt. Sol-
cher Gefahr wollte Christus gern wehren und uns
recht glauben lehren. Er stellt uns deshalb nicht ein
fremdes, unbekanntes, sondern unseres Vaters und
unser eigenes Beispiel vor, das wir selbst erfahren
haben, daß er so mit uns gehandelt hat. Das ist, als
wollte er sagen: Ihr glaubt dann recht, wenn ihr eurem
Nächsten tut, wie euer Vater im Himmel euch getan
hat.
Ihr seid alle eurer Sünden halber im Gericht Gottes
und in Verdammnis gewesen. Was hat nun euer Vater
im Himmel getan? Ist es nicht wahr, er hat euch
weder richten noch verdammen wollen, sondern euch
alle eure Sünde vergeben, sein Gericht ganz aufgeho-
ben, Hölle und Verdammnis hinweggetan und euch in
Gnaden angenommen? Da sollt ihr ihm nun dankbar
dafür sein und eurem Nächsten auch so tun, wie euer
Vater euch getan hat, ihr sollt barmherzig sein, nicht
richten noch verdammen, sondern vergeben und
geben, wie euer Vater im Himmel euch vergeben und
gegeben hat. Tut ihr das, so ist es ein Zeichen, daß ihr
die Vergebung eures Vaters im Himmel, der euch alle
eure Sünde und Schuld vergeben hat, wahrhaftig und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5582 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 4

fest glaubt und bei solcher Vergebung bleibt. Tut ihr


es aber nicht, sondern wollt mit dem Schalksknecht
dort Gnade empfangen und sie hier nicht anderen
auch beweisen, so sollt ihr wissen, daß ihr nur Maul-
christen und nicht rechtschaffene Christen seid. Und
Gott wird euch wiederum aus der Barmherzigkeit in
das Gericht und die Verdammnis werfen und euch
aller Güter berauben, die er euch gegeben hat, und
euch alle Schuld, die er euch erlassen hat, wieder auf
den Hals legen; das sollt ihr für gewiß haben.
Der Vater im Himmel wird so zu euch sagen: Ihr
Schalkschristen, ich habe euch mein Wort, Taufe, Sa-
krament, ewiges Leben und Seligkeit, gut Gewissen
und Freudigkeit gegeben, danach Leib, Leben und
alle Güter. Da hättet ihr auch so gegen euern Näch-
sten tun sollen, hättet auch Zorn und Rache gegen ihn
aufheben sollen, wie ich meinen Zorn und Gericht
gegen euch aufgehoben habe. Das sollte das Wahrzei-
chen gewesen sein, daran ihr hättet erkennen sollen,
ob ihr es wahrhaftig glaubt oder nicht, daß ich meinen
Zorn und Gericht aufgehoben hatte. Weil ihr aber
eurem Nächsten nicht tut, wie ich euch getan habe, so
will ich euch wiederum tun, wie ihr eurem Nächsten
tut. Ihr seid nicht barmherzig gewesen. Ich habe euch
alle eure Sünde vergeben, habe euch mein Wort und
Taufe gegeben, und ihr habt dagegen eurem Nächsten
das hundertste Teil nicht tun wollen. Wohlan, so will
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5583 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 5

ich euch auch alle Gnade und Barmherzigkeit neh-


men, meine Vergebung, ewiges Leben und Seligkeit,
die ich euch geschenkt hatte, wieder zu mir ziehen,
will euch ebenso nicht vergeben, wie ihr eurem Näch-
sten nicht vergebt. Ich hatte euch mit meiner Gnade
und Barmherzigkeit geziert, geschmückt und geprie-
sen; weil ihr mich aber nicht ehret noch preiset, son-
dern mit eurem unchristlichen Leben und Wandel
vielmehr verunehret, schändet und lästert, will ich
euch auch nicht ehren noch preisen.
So predigt unser lieber Herr Jesus Christus hier den
falschen Christen. Denn die lassen sich gern von
Gnade und Vergebung der Sünde predigen, daß der
Vater im Himmel um seines Sohnes Jesus Christus
willen Gericht und Verdammnis aufgehoben hat, Tod
und Hölle, Schuld und Pein, böses Gewissen und
alles Unglück und an deren Stelle Gnade, Leben, Se-
ligkeit, gutes Gewissen und das Himmelreich ge-
schenkt hat, ohne unser Verdienst und Werk. Solche
Predigt, sage ich, hören die falschen Christen gerne.
Aber daß sie ihrem Nächsten auch Barmherzigkeit,
Liebe, Güte, Freundlichkeit und alles Gute erzeigen
sollen, da wollen sie nicht hinan.
Das ist eine wunderbare Predigt, in welcher man
sieht, daß Gott sich schier mehr des Dienstes gegen
den Nächsten annimmt als seines eigenen Dienstes.
Denn in seiner Seele, und soviel es ihn betrifft, ver-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5584 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 6

gibt er alle Sünde und wills nicht rächen, was wir


wider ihn getan haben. Umgekehrt aber, wenn wir uns
gegen unseren Nächsten übel verhalten, so will er mit
uns auch uneins sein und gar nichts vergeben. Des-
halb muß man das »Messen« hier auf die Zeit nach
dem Glauben und nicht vor dem Glauben beziehen.
Denn ehe du zum Glauben gekommen bist, da hat
Gott mit dir nicht nach deinem Verdienst, sondern
nach Gnaden gehandelt. Er hat dich zu seinem Wort
kommen lassen und dir Vergebung deiner Sünden zu-
gesagt. Das ist das erste Maß, mit dem wir gemessen
werden, da wir angefangen haben zu glauben. Weil
wir nun solch Maß von Gott empfangen haben, sagt
er: Gedenke daran, und miß du andere Menschen auch
so. Tust du es aber nicht, so soll es dir ebenso gehen,
wie du anderen tust. Du bist ihnen ungnädig, ich will
dir auch ungnädig sein. Du richtest und verdammst
sie, ich will dich auch richten und verdammen. Du
nimmst ihnen und gibst nichts, ich will dir auch neh-
men und nichts geben. Da fängt das Maß nach dem
Glauben an, daß sich unser lieber Herrgott der Werke
gegen den Nächsten so sehr annimmt, daß er zurück-
rufen will, was er zuvor Gutes getan hat, wenn wir
unserem Nächsten nicht auch Gutes tun wollen. Wer
da gedenkt, Gott treulich zu dienen, der tue deshalb
seinem Nächsten, wie Gott ihm getan hat. Das ist: er
richte nicht, er verdamme nicht, er vergebe und gebe
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5585 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 7

gern, sei seinem Nächsten freundlich und hilfreich,


wo er kann. Denn sonst wirds uns gehen wie dem
Schalksknecht in Matth. 18. Dem war eitel Gnade zu-
gemessen, daß der Herr ihn freiließ und ihm alle seine
Schuld ganz freiwillig schenkte. Da er aber seinem
Nächsten nicht die hundert Silbergroschen schenken
noch Geduld haben wollte, bis er sie bezahlte, da
kamen die zehntausend Pfund wieder auf ihn, und er
ward den Peinigern überantwortet, bis er alles bezahl-
te.
Nun ist es wohl wahr: es ist nicht möglich, daß wir
uns immer nach dieser Regel verhalten können. Wir
vergessen die Barmherzigkeit sehr oft, und wo wir
freundlich sein sollten, da fluchen wir. Wenn sich das
nun zuträgt, daß wir dabei gegen den hier gegebenen
Befehl Christi handeln, da lasse uns Acht drauf
haben, daß wir uns vor allem vor der Pharisäer Sünde
hüten und nicht ohne Gewissensbisse hingehen und so
fortfahren, sondern daß wir bald umkehren, an dieses
Bild gedenken und tun, wie uns unser Vater getan hat,
daß wir auch vergessen und vergeben und uns durch
keine Unbilligkeit noch Undank bitter machen lassen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5586 Vierter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 6, 36-42 8

Editorische Bemerkung

Die HP bietet die Hauspredigten von 1532, 1533 und


1534 zu diesem Text im Anschluß an Rörers Nach-
schriften, während Dietrich die drei Predigten zu einer
einzigen zusammenarbeitet. Hier wird die von 1534
geboten, deren Nachschrift WA 37, 468-469 abge-
druckt ist. Zum Text sind insgesamt neun Nachschrif-
ten Rörers erhalten.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5587 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 1

Martin Luther

Fünfter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 5, 1-11

[HP 295–299;
WA 36, 201–204]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5588 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 2

Es begab sich aber, da sich das Volk zu ihm dräng-


te, zu hören das Wort Gottes, daß er stand am See
Genezareth und sah zwei Schiffe am See liegen; die
Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre
Netze. Da trat er in der Schiffe eines, welches Si-
mons war, und bat ihn, daß ers ein wenig vom
Lande führte. Und er setzte sich und lehrte das Volk
aus dem Schiff. Und als er hatte aufgehört zu reden,
sprach er zu Simon: Fahre auf die Höhe und werfet
eure Netze aus, daß ihr einen Zug tut! Und Simon
antwortete und sprach zu ihm: Meister, wir haben
die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen;
aber auf dein Wort will ich das Netz auswerfen. Und
da sie das taten, fingen sie eine große Menge Fi-
sche, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie
winkten ihren Gesellen, die im anderen Schiff
waren, daß sie kämen und hülfen ihnen ziehen. Und
sie kamen und füllten beide Schiffe voll, also daß sie
sanken. Da das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu
Füßen und sprach: Herr, gehe von mir hinaus! Ich
bin ein sündiger Mensch. Denn es war ihn ein
Schrecken angekommen und alle, die mit ihm waren,
über diesen Fischzug, den sie miteinander getan
hatten; desgleichen auch Jakobus und Johannes, die
Söhne des Zebedäus, Simons Gesellen. Und Jesus
sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! denn von nun
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5589 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 3

an wirst du Menschen fangen. Und sie führten die


Schiffe zu Lande und verließen alles und folgten ihm
nach.

Das sind die zwei Stücke, von denen uns unser lieber
Herr Christus in diesem Evangelium predigt: zum er-
sten, daß er uns tröstet, er wolle uns nicht Hungers
sterben lassen, zum anderen, daß er uns auch tröstet,
er wolle uns nicht an der Seele verdammt werden las-
sen. Es seien auch die Sünden so groß wie sie wollen,
sollen wir dennoch nicht verzweifeln. Die erste und
leibliche Not, da Hunger und Elend sind, ist groß, da
will er uns genug geben. Die andere und geistliche
Not, da Sünden sind, wie wir Menschen alle Sünder
sind, ist auch eine große Not, ja, es ist eine viel grö-
ßere Not als die leibliche Not des Hungers. Die Jün-
ger sind allhier in Sünden, deshalb sind sie erschrok-
ken und zweifeln. Je näher ihnen der Heiland ist,
desto mehr wollen sie fliehen. »Herr, gehe von mir
hinaus«, spricht Petrus, »ich bin ein sündiger
Mensch.« Er wird so irre und toll, daß er den wegsto-
ßen will, der die Sünde vergeben will. In solcher Not
will Christus auch reichlich trösten, wie er die Jünger
allhier tröstet. Diese zwei Stücke wollen wir ein
wenig weiter ausführen.
Zum ersten: ein Christ soll unserem Herrgott Leib
und Seele anvertrauen. Den Leib: wenn er schon eine
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5590 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 4

ganze Nacht nichts fängt, soll er dennoch nicht ver-


zweifeln, sondern fest glauben, Gott werde ihn ernäh-
ren, so soll er genug haben. Die Seele: daß Gott hel-
fen will, wie Christus hier dem Petrus hilft, und ihn
darüber noch zu einem Apostel macht. Ein Gläubiger
hat Essen und Trinken, wenn er schon nicht Kaiser
ist, darauf kommt es nicht an. Denn Gott verheißt den
Seinen nicht dieser Welt Güter, großen Reichtum, Ge-
walt, viel weniger die halbe Welt, sondern er verheißt
ihnen das ewige Leben und will ihnen dennoch hier
auf Erden zu essen und zu trinken geben. Da laß nun
sehen, wie sich die Menschen dazu stellen.
Gott achtet es für eine große Ehre, wenn wir gegen
ihn und sein Wort so handeln wie hier Petrus. Ob-
gleich die Vernunft uns anderswohin führen will, daß
wir doch an uns halten und sprechen: Vernunft hin,
Vernunft her, da steht Gottes Wort und Befehl, dabei
will ich es bleiben lassen. Wer sich so an das Wort
halten kann, da lacht unser Herrgott und das ganze
himmlische Heer. Den Menschen gefällt solcher Ge-
horsam gut. Wenn ein Fürst seinem Diener etwas auf-
trägt und dieser flugs hingeht und es tut, nicht lange
disputiert, wie es geraten werde, sondern denkt: Mein
Herr hat mirs so aufgetragen, ich will es im Namen
Gottes tun. Gerät es, so gerät es ihm und mir, gerät es
nicht, so mißrät es ihm und nicht mir. Ist es närrisch
befohlen, so ist es närrisch ausgerichtet, was gehts
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5591 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 5

mich an? Ich bin dazu da, daß ich folgen soll usw.
Ebenso gefällt es Gott im Himmel gut, wenn ein
Mensch sich an das Wort hält und spricht: Weg, weg,
Vernunft! Gott hat mir in seinem Wort so befohlen;
ich will so tun, wie er mir befohlen hat.
Wenn man Gott und seinem Wort gegenüber so
handelt, wie man zu tun schuldig ist, so würde großer
Friede auf Erden sein. Es würden weder Rotten noch
Ketzer aufstehen, sondern alle Kirchen würden in der
Lehre fein einträchtig und gesund bleiben. Es würde
kein Krieg noch Uneinigkeit sondern eitel Friede im
Lande, in der Menschen Herzen, in den Häusern.
Aber weil man es nicht tut und der größte Teil klug
sein will und disputiert, auf Gottes Wort weder fußen
noch demselben bloß folgen will, so kommt daher
aller Irrtum und Uneinigkeit.
Es ist wahr, ohne Anfechtung geht das nicht ab.
Wenn es uns wie Petrus geht, daß wir auch eine
Nacht vergebens arbeiten, da fehlt es nicht, wir be-
kümmern uns und murren bald deswegen, werden un-
geduldig und denken, wir wollen alles stehen und lie-
gen lassen und davongehen. Aber solcher Anfechtung
soll man nicht Raum geben, sondern in jedem Fall bei
der Arbeit bleiben und Gott dafür sorgen lassen. Denn
das sehen wir oft, daß es feine, fromme, gehorsame
Kinder sind, denen nichts geraten noch vor sich gehen
will. Dagegen gerät anderen bösen, ungehorsamen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5592 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 6

Buben alles gut, und es geht ihnen nach Wunsch hin-


aus. Aber es dauert nicht lange, und am Schluß findet
sich, daß das Übelgeraten zu Anfang schließlich be-
steht, und das Gutgeraten zu Anfang schließlich übel
ausgeht. Wenn sichs mit dir auch so zuträgt, daß dirs
zu Anfang nicht gut geht, so halte deshalb nur fest
und lasse dich nicht müde machen. Denn das Mißra-
ten ist besser da, wo du im Gehorsam bleibst, als dort
das Wohlgeraten. Ursache: Gott stößt doch zuletzt
den Ungehorsam mit dem Glück zusammen zu
Boden, es sei so groß es immer wolle, und hilft dem
Gehorsam mit dem Unglück auf und gibt Glück dazu.
Deshalb sollen wir solches gut merken und dem
schönen Vorbild folgen, daß Petrus allein auf das
Wort sieht und dem folgt. Er läßt sich durch andere
Gedanken, die mir und dir eingefallen wären und ihm
ohne Zweifel auch eingefallen sind, an solchem Ge-
horsam nicht irremachen noch hindern. Bist du ein
Pfarrer, so sprich: Ich habe angefangen, zu predigen
und das Volk zu lehren, es will aber nicht vorange-
hen, es stößt sich hier und da, aber das schadet nichts.
Weil mir Gott befohlen hat, sein Wort zu predigen,
will ich davon nicht ablassen. Mißrät es, so mißrät es
unserem Herrgott, gerät es, so gerät es mir und ihm.
Ebenso soll man auch in einem anderen Amt und
Beruf tun und sagen: Hier ist Gottes Wort und Befehl,
darauf gehe ich hin und werfe mein Netz aus und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5593 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 7

lasse Gott sorgen, wie es geraten werde. Denn gleich-


wie Petrus das Wort hat, daß er das Netz auswerfen
soll, so steht Gottes Wort und Befehl über uns, daß
Gott uns befiehlt, daß wir arbeiten und tun sollen,
was unser Beruf erfordert. Wer nun auf solchen Beruf
sieht, fleißig mit der Arbeit fortfährt, obgleich das
Glück sich sperrt und der Segen eine Zeitlang aus-
bleibt, so wird es ihm doch endlich gut geraten müs-
sen.
Das sei genug von dem ersten Trost und der Lehre,
die leiblich ist und auf die Nahrung geht, daß Chri-
stus seine Christen nicht auf die Dauer vergeblich ar-
beiten lassen will. Er will mit seinem Segen bei ihrer
Arbeit sein und sie nicht Hungers sterben lassen,
wenn sie es nur auf sein Wort hin getrost und fröhlich
wagen. Der andere Trost ist geistlich. Ein Christ soll
unserem Herrgott auch die Seele anvertrauen. Denn
Gott tröstet im Evangelium reichlich, daß er die Sün-
der um seines lieben Sohnes willen annehmen, ihnen
die Sünde vergeben und sie selig machen will. Aber
in solchem Reichtum des geistlichen Trostes, der die
Vergebung der Sünden und die Seligkeit betrifft, will
es mit uns Menschen, ob wir schon Christen sind und
Gottes Wort haben, auch nirgends fortgehen. Unser
Herz spricht immerdar: Ich wollte wohl gern beten
und Gott vertrauen. Aber ich bin ein Sünder, wie
komme ich dahin, daß ich fromm werde? Unser Herr-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5594 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 8

gott ist zu groß, ich darf nicht vor ihn kommen und
beten. In solcher Kleinmütigkeit, Schrecken und
Zagen tröstet Christus auch reichlich in diesem
Evangelium und sagt: Ei, erschrecke nicht, sondern
wage es getrost und fröhlich auf mein Wort. Denn Pe-
trus ist auch ein Sünder, aber ich will es nicht haben,
daß er verzweifelt, sondern daß er sich ein Herz und
Mut fasse und in fröhlicher Zuversicht stehe, daß ich
ihn seiner Sünde halber nicht verstoßen noch verwer-
fen wolle.
Er will es aber auf sein Wort hin gewagt haben.
Gleichwie er Petrus einen reichen Fischzug beschert,
da er es aufs Wort hin wagt, so will er uns in dieser
geistlichen Anfechtung nicht versinken lassen, wenn
wirs auf sein Wort hin wagen. Sollte Petrus diesen
Fischzug des Nachts in seiner Arbeitszeit getan
haben, so würde er gedacht haben, er hätte die Fische
durch seine Fischerkunst und Mühe erlangt. Weil er
aber die ganze Nacht hindurch fischt und nichts fängt
und der Herr ihm zuvor das Wort gibt und es ihn noch
einmal versuchen heißt: da muß Petrus begreifen, er
habe es nicht gefangen, das Wort und der Segen Got-
tes habe es getan, seine Arbeit gar nicht. Gleichwie
nun dort die Fische umsonst und aus Gnade beschert
werden, so geschieht es auch hier. Die Sünden werden
vergeben, nicht wegen unseres Verdienstes, sondern
aus Gnade durchs Wort. Darum soll man sich daran
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5595 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 9

gewöhnen, daß man aufs Wort poche und baue, im


Beten und sonst, und die Unwürdigkeit fahren lasse.
Es ist aber schwer, aufs Wort zu bauen und die Un-
würdigkeit auszuschlagen. Denn der Teufel erregt im-
merdar die Gedanken im Herzen: Ich bin ein Sünder,
ich darf nicht vor Gott kommen. Mit diesem Gedan-
ken zerstört er manch Gebet und Freude im Herzen.
So sind wir auch von Natur dazu geneigt, daß wir im-
merdar gern auf unsere Würdigkeit fußen wollen und
nicht glauben können, daß uns unsere Sünden aus
Gnaden vergeben werden. Nun ist es wahr, Petrus
lügt darin nicht, daß er sagt, er sei ein sündiger
Mensch; dieses Bekenntnis ist richtig. Aber das ist
nicht richtig, daß er Christus von sich gehen heißt.
Denn in diesem Fall, wenn es gilt, bei Christus zu
sein und zu bleiben, muß man die Augen stracks von
unserer Würdigkeit oder Unwürdigkeit, Sünde oder
Gerechtigkeit wegwenden, und deren keines ansehen,
sondern sich fest an das Wort halten und Christus im
Wort ergreifen. Zuerst vergißt Petrus fein, was er ist,
und sagt: Herr, ich bin ein Fischer und kann fischen,
doch lasse ich die Handwerksregeln fallen, und auf
dein Wort hin werfe ich das Netz aus. So sollte er hier
auch tun und sagen: Herr, ich bin ein Sünder und
nicht wert, daß du bei mir seiest, doch sehe ich jetzt
nicht meine Sünde an, sondern auf dein Wort hin
wage ich es und bleibe bei dir. Aber Petrus läßt das
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5596 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 10

Wort hier fallen und sieht seine Unwürdigkeit an und


sagt: »Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger
Mensch.« Ei, lieber Petrus, warst du doch vorher so
ein feiner Meister und vergißt hier die Kunst ganz und
gar. Zuerst sagst du: Weg, weg mit dem Fischer, hier
ist ein Wort, dem ich folgen soll. So solltest du hier
auch sagen: Weg, weg mit dem Sünder, hierher gehört
ein anderer Mann, der nicht darauf sehe, ob er ein
Sünder oder heilig sei, sondern der sich nicht fürchte,
sich an das Wort von der Vergebung der Sünden
hänge und dem glaube. Vorher sahst du nicht darauf,
ob du ein Fischer wärest, so solltest du hier auch nicht
darauf sehen, ob du ein Sünder seiest.
Da kommt nun Christus dem Petrus in solchem
Schrecken und Zagen zu Hilfe und sagt: Warum willst
du dich denn fürchten? Will ich dich doch nicht ver-
dammen. Ich bin nicht gekommen, daß ich die Sünder
mit meiner Gerechtigkeit und Heiligkeit messen woll-
te. Es ist wohl wahr, ich könnte es tun, ich hätte auch
wohl gut Fug und Recht dazu. Aber ich will es nicht
tun, ich will von meinem Recht keinen Gebrauch ma-
chen, wie fromm und heilig ich auch bin, will ich
doch deshalb nicht von euch gehen. Und meine Ge-
rechtigkeit soll euch auch nicht hinwegtreiben, son-
dern euch zu mir locken, daß auch ihr durch mich ge-
recht und heilig werdet. Und ich will das so reichlich
tun, daß ihr auch andere herzubringen sollt, ganze
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5597 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 11

Königreiche und Fürstentümer. Solch Netz will ich


euch geben, nämlich mein liebes Evangelium. Darum
fürchte dich nicht, Petrus; du sollst nicht allein einen
gnädigen Gott haben, sondern sollst auch vielen ande-
ren dazu helfen, daß sie zu dem kommen, wozu du ge-
kommen bist. Mit solchem Netz fischt man noch heu-
tigen Tages. Wenn das Evangelium gepredigt wird, so
wirft man das Netz aus, das fällt denn über die Her-
zen, die Menschen sind die Fische, die gefangen wer-
den. Das ist eine andere Fischerei.
So erbietet sich Christus in diesem Evangelium,
uns reichlich an Leib und Seele zu helfen. Er gibt Pe-
trus zwei Schiffe voll Fische, daß er genug hat, nicht
allein für sich, sondern auch für die anderen alle.
Ebenso gibt er auch Petrus einen reichen Trost und
befiehlt ihm solches Amt, wodurch nicht er allein ge-
recht und heilig wird, sondern auch andere herzuge-
bracht werden, daß sie auch gerecht und heilig wer-
den. Das heißt ja reichlich gegeben, es mangelt leider
nur an uns, daß wirs nicht glauben können, da wir
nicht denken können: Gott wird dir das tägliche Brot
nicht versagen, er wird dich nicht in die Hölle werfen
lassen.
Darum ist es der Teufel, der uns ins Herz predigt:
Fürchte dich. Ebenso: Was werde ich essen und trin-
ken? Womit werde ich mich ernähren? Christi Wort
lautet so: Du sollst einen Fischzug tun. Ebenso:
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5598 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 12

Fürchte dich nicht. Deshalb sind die Gedanken, die in


Verzweiflung bringen, es sei am Leibe oder an der
Seele, vom Teufel. Christus will nicht allein Petrus,
sondern auch andere Menschen mit den Fischen spei-
sen. Ebenso will er auch nicht allein Petrus, sondern
auch andere Menschen trösten und ihnen zum Him-
melreich helfen, wenn man nur seinem Wort folgen
will. So reichlich will er den Glauben ehren, wie er
denn auch mit diesem Wunderwerk anzeigen will,
welch eine Ehre und Opfer es sei, an ihn zu glauben.
Er hat es von Herzen gern und alle Engel lachen dazu,
wenn wir an ihn glauben und sagen: Herr, auf dein
Wort will ich es getrost wagen, es seien auch geistli-
che oder leibliche Sachen.
Wenn wir das täten, so wären wir selig, und es
ginge zu wie im Paradies. Danach würden wir uns
auch in alle Dinge recht schicken, in Leben, Sterben,
Krankheit, Armut usw. Wir würden sagen: Herr, auf
dein Wort hin will ich krank sein, auf dein Wort hin
will ich ein Sünder sein, auf dein Wort hin komme ich
vor dich und bete, auf dein Wort hin will ich sterben,
an dein Wort halte ich mich. Du sagst, ich solle einen
Fischzug tun, ebenso sagst du, ich solle mich nicht
fürchten; dabei bleibe ich, und alles, was solchem
Wort entgegen in meinem Herzen gepredigt wird, von
dem weiß ich, daß es nicht Christi Wort ist, sondern
bin gewiß, daß es der Teufel rede. Die kleinen Kinder
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5599 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 13

können die Kunst, sie fürchten nicht den Hunger, sie


fürchten sich auch nicht vor dem Tode. Wenn sie ster-
ben, fahren sie dahin in den Himmel wie die Engel; es
fürchtet sich weder ihre Seele noch Leib, sie fürchten
nicht, wo sie hinfahren sollen. So sollten wir auch
tun, sollten auf des Herrn Wort hin einen Fischzug
tun und uns nicht fürchten. Die Worte sollen wir so
groß achten wie Himmel und Erde. Gott helfe uns,
daß wir es einmal lernen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5600 Fünfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 5, 1-11 14

Editorische Bemerkung

Auch hier verarbeitet Dietrich die drei Hauspredigten


derselben Jahre zu einer einzigen, während die HP sie
einzeln im Anschluß an Rörers Nachschriften (aber
z.T. anscheinend an Dietrichs Formulierungen ange-
lehnt) bringt. Wir drucken die erste Hauspredigt (von
1532), die Nachschrift Rörers (insgesamt sind neun
erhalten) steht WA 36, 201-204.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5601 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 1

Martin Luther

Sechster Sonntag nach Trinitatis


Matth. 5, 20-26

[HP 305–308;
WA 37, 111–115]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5602 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 2

Denn ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit


besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist (2.
Mos. 20, 13; 21, 12): »Du sollst nicht töten; wer
aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.« Ich
aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der
ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bru-
der sagt: Du Nichtsnutz! der ist des Hohen Rats
schuldig; wer aber sagt: Du gottloser Narr! der ist
des höllischen Feuers schuldig. Darum: wenn du
deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda
eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe,
so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe
zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und
alsdann komm und opfere deine Gabe. Sei willfährig
deinem Widersacher bald, solange du noch mit ihm
auf dem Wege bist, auf daß dich der Widersacher
nicht überantworte dem Richter und der Richter dem
Diener und werdest in den Kerker geworfen. Wahr-
lich, ich sage dir: Du wirst nicht von dannen her-
auskommen, bis du auch den letzten Heller bezah-
lest.«

In diesem Evangelium lehrt unser lieber Herr Jesus


Christus die christliche Liebe, die wir untereinander
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5603 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 3

haben sollen, und zeigt das Gegenteil oder die Hin-


dernisse an, die solche Liebe zu hindern pflegen, und
will uns lehren, daß wir uns nicht dünken lassen, wir
hätten die christliche Liebe, wenn wir in diesen Stük-
ken sind, die er hier aufzählt. Denn wer Zorn und Haß
wider seinen Nächsten in seinem Herzen hat, der kann
ihn nicht lieben. Desgleichen, wer zu seinem Näch-
sten sagt: du Nichtsnutz, das ist, wer allerlei zornige
Zeichen im Gesicht zeigt und Gebärden macht und al-
lerlei Flüche und Lästerworte mit seiner Zunge wider
seinen Nächsten herausschüttet. Darum lehrt uns der
Herr Christus solche Stücke meiden, auf daß die
christliche Liebe sich frei, ohne alles Hindernis gegen
unseren Nächsten erzeige.
Es ist aber allezeit so zugegangen, daß die, welche
zürnen und neidisch sind, nicht Zornige und Neidi-
sche gescholten sein wollen. Sondern sie sagen, sie
täten das aus rechtem gutem Eifer, um der Gerechtig-
keit willen. Ei, sagen sie, die Menschen sind böse, der
lebt so, jener so; sollte ich nun nicht zürnen, so wür-
den sie in ihrer Bosheit gestärkt. So zürnt man denn
unter dem Deckmantel, der da heißt Eifer um die Ge-
rechtigkeit, so daß die Schuld allwege dessen sein
muß, über den man zornig ist.
Diesen Deckmantel will uns unser lieber Herr Chri-
stus abziehen und uns zeigen und beweisen, daß wir
in der Haut Schälke sind. Denn wenn wir mit unserem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5604 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 4

Nächsten zürnen und auf ihn neidisch sind, so denken


wir so: Ich tue nicht Unrecht, daß ich den hasse und
beneide; wir vergessen so, daß wir unseren Nächsten
lieben sollen und meinen, wir seien es unserem Näch-
sten nicht schuldig. Sollte ich ihm, sagen wir, das
Meine umsonst geben? Hab ichs doch mit Mühe und
Arbeit erwerben müssen. Er erwerbe es für sich auch.
Daraus werden endlich solche Leute, die niemand
nütze sind; gerade als hätte unser Herrgott alle Dinge
für sie allein wachsen lassen und um ihretwillen allein
gegeben, daß sie niemand Gutes tun oder etwas davon
geben sollten. Und über das alles hinaus gehen sie
noch dahin und machen sich rechtschaffen, kratzen
alles in ihre Tasche, helfen keinem Menschen auf
Erden und sagen dennoch: Sie täten solches nicht aus
Neid und Haß wider den Menschen, sondern aus be-
sonderem, trefflichen Eifer wider die Bosheit der
Menschen. So täuschen sie unseren Herrgott im Him-
mel, den einfältigen unverständigen Mann.
Wider solch Laster predigt hier unser lieber Herr
Christus. Denn es ist in der Welt ein sehr allgemeines
Laster, welches über die Maßen viel Menschen be-
schmutzt, und heißt mit seinem rechten Namen, wie
es der Herr hier selbst nennt, der Pharisäer und
Schriftgelehrten Gerechtigkeit und Heiligkeit. Das ist,
als wollte der Herr Christus sagen: Wahr ist es, es
gibt eine Gerechtigkeit und Heiligkeit, und die Höch-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5605 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 5

sten, Hochgelehrten, die etwas Besonderes sein und


für die größten Leute von der Welt geachtet werden
wollen, die führen diese Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Aber wer da mein Jünger und ein rechtschaffener
Christ sein will, der hüte sich vor diesem Laster.
Christus sagt: Unsere Gerechtigkeit solle besser
sein, als die der Pharisäer und Schriftgelehrten. Die
Pharisäer und Schriftgelehrten stellen sich wohl
freundlich, aber im Herzen behalten sie eitel Haß und
Neid. Die christliche Liebe aber soll rechtschaffen
sein, daß man sich nicht allein äußerlich freundlich
stelle, sondern auch den Haß und Neid im Herzen fal-
len lasse. Denn wenn einer dem anderen von Herzen
vergeben hat, so kann es nicht anders sein, es muß
einer auch den Zorn vergessen. Vergißt er den Zorn
nicht, so ist es eine pharisäische Vergebung. Darum
soll sich die Liebe nach der Versöhnung wieder so
stellen, wie sie sich zuvor vor der Beleidigung gestellt
hat.
Die Heiden sagen so: Eine geflickte Freundschaft
wird doch nicht wieder ganz. Ja, nach der Welt ist es
richtig geredet. Denn Fleisch und Blut ist von der Art,
daß es den Groll nicht aus dem Herzen läßt, sondern
Raum und Gelegenheit sich zu rächen sucht. Darum
gehört solche Lehre in die Welt, daß man da so
denke: Der hat mirs wohl vergeben, aber wer weiß, ob
er es auch vergessen hat? Die Christen sollen aber
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5606 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 6

nicht so tun und leben, sondern so denken: Unser


Vater im Himmel, den wir alle beleidigt und erzürnt
haben, vergibt uns alle unsere Sünde und Missetat. Er
beweist das auch mit der Tat und tut uns so viel
Gutes, daß man sagen muß, er habe es vergessen. So
sollen wir auch tun; ich soll mich vor dir, wenn du ein
Christ bist, nicht fürchten als vor einem solchen ver-
söhnten Freunde, dem nicht zu trauen wäre; und um-
gekehrt sollst du nicht sagen: Ich will vergeben, aber
nicht vergessen, sondern Groll und Zeichen des Grolls
sollen weg, und soll alles rein und von Herzen verge-
ben sein.
Das meint Christus, da er spricht: Eure Gerechtig-
keit soll besser sein als die der Pharisäer und Schrift-
gelehrten. Christus greift hier ins Herz hinein, da er
sagt: »Ich sage euch, wer mit seinem Bruder zürnt,
der ist des Gerichts schuldig«, als wollte er sagen:
Töten heißt nicht allein mit der Faust totschlagen,
sondern auch gegen seinen Bruder einen Groll im
Herzen tragen. Das laßt uns gut merken, daß Christus
den Zorn hoch veranschlagt und uns alle darin Brüder
nennt. Es ist ein schändliches Laster, mit dem Bruder
zürnen und den Bruder totschlagen, das heißt, dem
bedürftigen Bruder nicht aushelfen. Naturgemäß ist
es, daß sich Brüder untereinander liebhaben. Deshalb
nennt Christus alle, die Not leiden und unserer Hilfe
bedürfen, unsere Brüder, damit er die Not, darin unser
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5607 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 7

Bruder steckt, und die Sünde, die da bedeutet, den be-


dürftigen Bruder in der Not verlassen, umso besser
hervorhebe und uns lehre, daß wir nicht zweifeln sol-
len wenn wir unseren Bruder in der Not verlassen,
daß wir unseren Bruder totgeschlagen haben. Denn so
wird das Urteil am Jüngsten Tag gehen: Du reicher
Mann hast so viel Brüder erwürgt, du hättest es wohl
vermocht, daß du diesem und jenem geholfen und ge-
raten hättest, aber weil du es nicht getan hast, so bist
du an ihnen ein Mörder geworden. So wird Gott dem
reichen Mann zwanzig oder dreißig Brüder vorstellen,
die er erwürgt hat.
Das macht Christus hier deshalb so streng, damit
man sich gut vorsehe und nicht an seinem Bruder zum
Mörder werde. Er macht auch dreierlei Stufen, auf
daß er anzeige, wie solche Sünde immer schwerer und
schwerer werde. Die erste Stufe ist: »Wer mit seinem
Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig«, als woll-
te er sagen: es ist nicht genug, daß du deinen Bruder
nicht mit der Faust tötest, denn du kannst ihn auch
mit dem Herzen töten, wenn du nicht mit Ernst um
ihn bemüht bist. Wer mit seinem Bruder zürnt, der
hat das Urteil verdient. Die andere Stufe ist: »Wer zu
seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz, der ist des Hohen
Rats schuldig«. Das will also besagen: Jener, der mit
seinem Bruder zürnt, hat sein Urteil dahin, daß er ein
Mörder ist, aber dieser, der da »Du Nichtsnutz« sagt,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5608 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 8

hat ein noch höheres Urteil verdient, so daß man nicht


weiß, wie man ihn strafen soll. Die dritte Stufe ist:
»Wer aber sagt: Du gottloser Narr, der ist des hölli-
schen Feuers schuldig.« Wer seinen Bruder lästert
und schändet, der hat ein noch ärgeres Urteil zu er-
warten. Unser lieber Herr Christus will also keinen
Heuchler in seinem Reich haben, sondern will die
rechte christliche Liebe unter seinen Jüngern und
Christen haben. Aber alle Welt steckt tief in diesem
Laster, welches heißt: den Bruder totschlagen. Alle
Handwerker sind eitel Mörder und Diebe. Ja, nicht al-
lein die Handwerker, sondern auch alle Stände durch
und durch, vom höchsten an bis auf den untersten
sündigen schwer gegen dieses Gebot. Denn da ist bei
allen eitel Verlassen des Bruders. Man könnte dem
Bedürftigen wohl zur Zeit helfen, wenn man wollte,
aber das Gegenteil geschieht, nur zusammengescharrt
und Geld gesammelt und niemand einen Heller gege-
ben, und doch wollen alle gute Christen sein.
Deshalb lehrt Christus in diesem Evangelium, daß
wir unser Leben recht ansehen und rechte, gründliche
Christen sein und bleiben sollen, uns herzlich unter-
einander liebhaben sollen. Das geschieht, wenn ich
sage: Hat mich mein Bruder erzürnt, so hat er sich
selbst mehr Schaden getan als mir. Ich will ihm von
Herzen vergeben und mich gründlich mit ihm versöh-
nen lassen. Das ist christlich gelebt. Meinen Bruder
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5609 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 9

kann ich wohl schelten und tadeln, aber ich soll ihm
nicht feind sein. Wenn ich aus brüderlichem Herzen
zu ihm sage: »Du Narr«, so wie Christus zu seinen
Jungern sagt: »O ihr Toren und trägen Herzen«, und
Paulus zu den Galatern: »O ihr unverständigen Gala-
ter«: das ist kein Zorn, sondern freundliche Liebe.
Denn sonst schwiege ich wohl stille und ließe meinen
Bruder hinfahren, wenn ichs nicht gut mit ihm meinte.
Weil ich aber den Mund auftue und ihn tadle, ist das
ein Zeichen, daß ich ihn liebhabe und sein Bestes
suche. Denn es ist auch ein Zorn, wenn ich meinen
Bruder nicht unterweise noch tadle. Wen ein Christ
liebhat, den tadelt er; so wie der himmlische Vater
züchtigt und straft, welchen er liebhat, Spr. 3, 12;
Hebr. 12, 6.
Deshalb soll unser Herz gegen den Bruder so ge-
sinnt sein, daß wir denken: Ob mir mein Bruder
gleich feind ist, was kann er mir schaden? Erzürnt er
mich, so ist es gut. Bessert er sich nicht, so will ich
gleichwohl Ruhe und Frieden haben und ihm Gutes
tun. Aber solches tut allein ein Christ und sonst nie-
mand. Die Heiden rächen sich selbst. Denn die Rach-
gierigkeit ist allen Menschen angeboren. Und ob-
gleich die Rachgierigkeit zuweilen unterbleibt, kommt
sie doch wieder, wenn Gelegenheit da ist. Der Herr
Christus setzt aber ein Stücklein dazu und steckt den
Riegel vor die Tür, daß solche Leute nicht ins Him-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5610 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 10

melreich kommen werden. Denn seinen Bruder nicht


lieben, ist ein Zeichen dafür, daß man weder Christus
noch Gott liebt, wie 1. Joh. 4, 20 sagt: »Wer seinen
Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lie-
ben, den er nicht sieht?«
Darum laßt uns aus diesem Evangelium lernen, daß
jedermann in der Liebe rechtschaffen sei. Unser lieber
Herrgott und Vater verleihe uns seine Gnade, daß wir
in rechtschaffener christlicher Liebe wachsen und zu-
nehmen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5611 Sechster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 5, 20-26 11

Editorische Bemerkung

Dietrich verarbeitet hier die Hauspredigten von 1533


und 1534 »in sehr freier Weise« zu einer, während die
HP die Predigten getrennt nach Rörers Nachschriften
(insgesamt sind vierzehn zu diesem Text erhalten)
bringt. Hier die Hauspredigt von 1533 (Vorlage WA
37, 111-115).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5612 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 1

Martin Luther

Siebenter Sonntag nach Trinitatis


Mark. 8, 1-9

[HP 311–313;
WA 36, 214–217]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5613 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 2

Zu der Zeit, da wieder viel Volks da war und sie


nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich
und sprach zu ihnen: Mich jammert des Volks, denn
sie haben nun schon drei Tage bei mir ausgeharrt
und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie ohne
Speise ließe heimgehen, würden sie auf dem Wege
verschmachten; denn etliche sind von ferne gekom-
men. Seine Jünger antworteten ihm: Wie kann sie je-
mand hier in der Wüste mit Brot sättigen? Und er
fragte sie: Wieviel Brote habt ihr?
Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk,
daß sie sich auf die Erde lagerten. Und er nahm die
sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie sei-
nen Jüngern, daß sie sie vorlegten, und sie legten
dem Volk vor. Und sie hatten etliche Fischlein, und
er dankte und hieß diese auch vorlegen. Sie aßen
aber und wurden satt und hoben die übrigen Brok-
ken auf, sieben Körbe. Und ihrer waren bei viertau-
send; und er ließ sie von sich.

In diesem Evangelium wird uns zweierlei Trost vor-


gehalten, daß unser lieber Herr Christus beides, die
Seele mit dem Wort und den Leib mit dem Brot ver-
sorgen will. Wenn er auch die Seinen auf Erden arm
und verachtet sein läßt, so daß man ihrer nicht achtet,
wie der anderen Leute in der Welt, sondern jedermann
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5614 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 3

ist ihnen feind und gönnt ihnen nicht einen Bissen


Brot (denn sie sollen und müssen der arme, geringe
Haufe heißen), sollen sie dennoch nicht so arm und
gering sein, daß sie gar nichts haben und Hungers
sterben, sondern er will ihnen ein angenehmes Aus-
kommen schaffen, daß der Leib versorgt werde.
Der Herr Christus hält aber hier seine eigene Lehre
und Regel, die er Matth. 6, 33 gibt: »Trachtet am er-
sten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerech-
tigkeit, so wird euch das andere alles zufallen.« Das
ist, als wollte er sagen: »Ihr braucht nicht zu sorgen,
daß ihr Hungers sterben werdet, sondern denket nur
darauf, wie ihr mein Wort höret. Wenn das geschehen
ist, so laßt den Vater im Himmel für euren Leib sor-
gen; er hat schon beschlossen, daß ihr nicht Hungers
sterben sollt.« Diese Regel hält Christus hier. Denn
der Evangelist berichtet, wie das Volk wohl drei Tage
bei dem Herrn ausgeharrt habe. Wes meinst du aber,
haben sie bei ihm getan oder gesucht? Ohne Zweifel
nichts anderes, als daß sie dem Wort nachgegangen
und das zu hören begehrt haben. Das ist danach die
Ursache, daß er sich ihrer so herzlich annimmt und
sich dünken läßt, er müsse sorgen, wie sie zu essen
kriegen, daß sie nicht verschmachten. So soll dies die
vornehmste Lehre sein, daß wir am allerersten nach
dem Wort trachten und dem nachgehen sollen. Wenn
das geschehen ist, so sollen wir danach den Herrn
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5615 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 4

Christus für den Leib sorgen lassen.


Ebenso berichtet der Evangelist Markus auch im 6.
Kapitel, als Christus die fünftausend Mann in der
Wüste mit fünf Broten und zwei Fischen speist, daß
er über den See gefahren sei und sich vom Volk an
einen besonderen Ort in der Wüste abgesondert habe.
Da aber das Volk seiner innegeworden sei, seien sie
aus allen Städten und Flecken ihm nachgelaufen,
gegen fünftausend Mann. Als aber er das große Volk
gesehen habe, spricht Markus, habe ihn dessen ge-
jammert. Denn sie waren wie die Schafe, die keinen
Hirten haben, und er habe eine lange Predigt angefan-
gen.
Das ist der erste Jammer, welchen der Herr als ein
frommer Prediger ansieht: daß sie wie eine zerstreute
Herde waren. Da waren wohl Priester und Leviten
verordnet, daß sie von dem zukünftigen Christus und
seinem Gnadenreich predigen sollten. Aber was taten
sie? Sie wurden aus Hirten schädliche Wölfe und pre-
digten ihre eigenen Träume, daß die armen Schäflein
verschmachteten, gleichwie im Papsttum geschah.
Denn da wußte niemand, daß Gott uns um Christi
willen gnädig sein und die Sünde vergeben wollte, sie
konnten deshalb nicht wissen, wie sie mit unserem
Herrgott dran wären. Jedermann meinte, wenn er selig
werden sollte, so müßte er mit seinen Werken und
Leben dazu helfen. Das ist nun der erste Jammer und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5616 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 5

Schade, den der Herr an dem armen Volk sieht. Und


er läßt sichs zu Herzen gehen, hält ihnen eine schöne
lange Predigt, als wollte er sagen: Was machen doch
die heillosen Pfaffen? So viel Volks ist da, wollten
gern auch etwas von unserem Herrgott hören und ler-
nen, aber da ist niemand, der es täte; die Pfaffen
haben mit ihrer Pracht, Geiz, Schwelgen und Opfern
zu tun.
Deshalb sagt Markus: Das arme Volk war anzuse-
hen wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Ach
Herrgott! Wenn ein Schaf keinen Hirten hat, so ist es
ein armes, elendes Tierlein. Ursache, es hat Not
genug, wenn es schon einen Hirten, Hund und Stall
hat. Was will denn werden, wo kein Hirte, kein
Knecht, kein Hund, keine Hürde ist? Alsdann verlau-
fen sich die Schafe von selbst. Ebenso ist es mit uns
auch. Sollte der Teufel nicht da regieren, wo kein
Wort Gottes noch rechte Predigt ist? Haben wir doch
genug zu schaffen, wenn wir das Evangelium gern
hören, lesen, predigen, beten, wenn fromme Pfarrer
und treue Seelsorger da sind. Was sollte es sein, wo
sie nicht sind? Da ist es bald geschehen, daß man die
Leute beredet, daß dieser ein Mönch, jene eine Nonne
wird, daß der diesen, jener einen anderen Heiligen
zum Heiland annimmt und alle in die Irre und unter
die Wölfe kommen.
Das heißen ja doch freundliche und liebliche Augen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5617 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 6

unseres lieben Herrn Jesus Christus, daß er den Men-


schen so in die Herzen hineinsieht und sich so herz-
lich ihres Irregehens annimmt, daß sie so ohne Hirten
hingehen. Ob er gleich seiner Ruhe halber, wie Mar-
kus sagt, in die Wüste entwichen war, macht er sich
dennoch hervor und läßt sich zuerst ihren geistlichen
Hunger befohlen sein und hält ihnen eine schöne Pre-
digt, speist und tröstet sie so zuerst an der Seele.
So ist es im heutigen Evangelium auch, in dem der
Evangelist anzeigt, das Volk habe drei ganze Tage
bei dem Herrn Christus ausgeharrt, ohne Zweifel, weil
sie Predigten von ihm gehört haben. Und es wäre gut,
daß solche Predigt auch aufgeschrieben wäre; aber der
Evangelist Markus hat allein das Werk beschreiben
wollen. Wenn es Johannes gewesen wäre, der hätte
auch des Herrn Predigt neben dem Werk beschrieben.
Aber Matthäus und Markus beschreiben mehr des
Herrn Werke und Geschichte als seine Predigten.
Das ist nun das erste Stück, daß unser lieber Herr
Jesus um die verlassenen Seelen besorgt ist und ein
mitleidiges Herz für sie hat, deshalb sein Gebet anste-
hen läßt, das er zu seinem Vater zu tun hat, und sich
des armen Völkleins annimmt und ihnen predigt.
Weil er nun ein solches Herz hat, wie, meinst du
wohl, werde er am Jüngsten Tage die unfleißigen
Pfarrer empfangen, die ihr Amt nicht treulich führen?
Ebenso die Regierungen, die das Volk zur Abgötterei
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5618 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 7

zwingen und ihnen das Wort nicht rein lassen wollen?


Was wollen ebenso Vater und Mutter sagen, die ihre
Kinder und Gesinde nicht fleißig zur Kirche und dem
Wort halten? Da wird er ohne Zweifel sagen: Ihr
Väter, Mütter, Herren und Frauen habt soviel Seelen
unter euch gehabt, die ihr zur Gottesfurcht erzogen
und fleißig zum Wort gehalten haben solltet. Aber ihr
habt es nicht getan, habt sie ruchlos werden und ohne
alle Gottesfurcht aufwachsen lassen. Von wem soll
ich für solchen unsäglichen Schaden Rechenschaft
fordern? Von niemand, als eben von euch Eltern, Her-
ren und Frauen, denen ich befohlen habe, darauf zu
sehen. Ihr seid dem aber nicht nachgekommen, daß
Kinder und Gesinde etwas gelernt hätten. So wird
Christus am Jüngsten Tage Bischöfe, Pfarrer, Predi-
ger, Väter, Mütter, Obrigkeiten ansprechen und Re-
chenschaft von ihnen fordern. Er gibt nicht allein dem
Leib sein Futter, sondern vor allen Dingen speist und
nährt er die Seele mit dem Wort, daß die Menschen
zur Erkenntnis der Wahrheit geführt, gottesfürchtig,
fromm und selig werden. Solch Beispiel stellt er uns
vor, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen.
Darum ist kein höheres und größeres Werk, das wir
auf Erden tun können, als daß wir Menschen mit Pre-
digen und Lehren erziehen. Solchem guten Werk ist
der Teufel sehr feind, setzt ihm auch darum so hart zu
mit Spaltungen, Tyrannei, Gewalt und Verfolgung. So
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5619 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 8

ist es auch an sich selbst eine schwere Sache und ko-


stet viel Mühe und Arbeit, ehe man die Kinder und
das junge Volk ein wenig auf die Beine bringe, daß
sie die Lehre aufnehmen und gottesfürchtig werden.
In Summa, es ist keine schwerere Arbeit, als andere
Menschen fromm aufzuziehen, ist aber auch kein grö-
ßerer Gottesdienst.
Deshalb richtet der Herr Christus die größte Wohl-
tat hier zuerst aus und tut das höchste Werk und den
vornehmsten Gottesdienst, hilft den armen Menschen
an der Seele. Mit diesem Werk hat er Gott mehr ge-
dient und den Menschen besser geholfen, als wenn er
einem Jeglichen unter ihnen, die seine Predigt hörten,
tausend Gulden geschenkt hätte. Denn die geistliche
Speise, durch welche der Mensch ewiglich lebe, über-
trifft die leibliche weit. Solchem Vorbild sollen Vater,
Mutter, Herren und Frauen folgen, so können sie an
ihren eigenen Kindern und Gesinde den Himmel ver-
dienen, das ist, das höchste und Gott wohlgefälligste
Werk nach dem Glauben tun, wenn sie nach dem Vor-
bild Christi zuerst den Seelen hülfen, daß sie nicht
zum Teufel führen.
Nach dieser geistlichen Wohltat, nach der Predigt,
beginnt auch die leibliche Wohltat, daß der Herr auch
dem Leib hilft und dem Volk Brot und Speise ver-
schafft. Denn wie bei Markus, so ruft er hier auch
seine Jünger zu sich und spricht zu ihnen: »Mich jam-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5620 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 9

mert des Volks, denn sie haben nun drei Tage bei mir
ausgeharrt und haben nichts zu essen. Und wenn ich
sie ohne Speise heimgehen ließe, würden sie auf dem
Wege verschmachten.« Und da die Jünger sagen: Sie
haben nicht soviel Brot in der Wüste, daß sie das
Volk sättigen, bricht er sieben Brote unter viertau-
send, so daß sie alle essen und satt werden und sieben
Körbe voll Brocken aufheben.
Das ist die andere Wohltat. Daß Christus zuerst
dem Volk predigt und die Menschen mit dem Wort
unterrichtet, das ist die reiche Wohltat; daß er dem
Leibe hilft und den Bauch füllt, das ist die geringere
Wohltat. Denn er ist nicht dazu gekommen, daß er
Seele oder Leib verderben wolle, sondern ist gekom-
men, beiden zu helfen. Christus nimmt sich auch un-
seres Leibes an, der sterblich ist. Deshalb soll man
den Leib versorgen und ihn danach an die Arbeit füh-
ren, doch so, daß er gesund bleibe. Jes. Sirach 33, 25
sagt: »Dem Esel gehört sein Futter, Geißel und Last,
also dem Knecht sein Brot, Strafe und Arbeit«, doch,
spricht er bald danach (V. 307), »lege keinem zuviel
auf und halte Maß in allen Dingen.« Dem Leibe soll
man seine Speise geben, daß er erhalten werde und
gesund bleibe. Danach soll man ihn an die Arbeit
jagen, daß er etwas vorhabe und nicht geil werde.
Zum dritten muß die Geißel oder Strafe auch da sein,
daß er darin immer anhalte und fortfahre, nicht faul
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5621 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 10

noch nachlässig werde. Es heißt 1. Mose 3, 19: »Im


Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen,
bis du wieder zur Erde werdest, davon du genommen
bist«, ein Ackermann mit Pflügen, Graben und Acker-
bauen, ein Prediger mit Predigen und Lehren, ein
Schulmeister mit Lesen und Kindererziehen, und so
fort ein jeder mit seinem ihm befohlenen Werk.
Doch soll das sein Maß haben. Denn der Mensch
kann nicht immerdar arbeiten, er muß auch seine
Ruhe haben, ohne welche niemand lange ausdauern
kann. Daher hat auch Gott nicht allein den Tag zur
Arbeit, sondern auch die Nacht zum Schlaf und zur
Ruhe geordnet, und wir halten die Mittagsstunde zum
Essen. Denn Gott ist kein Mörder, wie der Teufel,
welcher damit umgeht, daß die Werkheiligen sich zu
Tode fasten, beten, wachen sollen. Aber Gott hat
daran kein Gefallen, sondern so heißt es: Wenn der
Esel sein Futter hat und nicht arbeiten will, so schlage
zu mit der Geißel, doch so, daß du Maß haltest in
allen Dingen, wie der weise Mann Jesus Sirach sie
auch vermahnt.
Das ist der andere Trost, daß wir uns recht in die
Sache schicken lernen und vornehmlich nach dem
Wort Gottes trachten. Ob wir das nun in der Wüste
suchen und Mangel darüber leiden müssen, darauf
kommt es nicht an. Wir haben einen reichen Herrn,
der sich unserer Not annimmt und zu dem wir uns
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5622 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 11

alles Guten versehen sollen. Wenn es auch so scheint,


daß wir Mangel haben werden, will er uns dennoch
versorgen und uns nicht verlassen, wenn wir nur sein
Wort fleißig hören, daran glauben und fromm sind.
Wo aber Christus versorgt, da muß sich alle Fülle fin-
den, wenngleich gar nichts da wäre, wie man hier
sieht.
Denn laßt uns die Rechnung machen und sieben
Brote unter viertausend teilen und sehen, wie weit sie
nach unserer Rechnung reichen werden. Da werden
wir sehen, sieben Brote reichen kaum unter vierzig
oder fünfzig Mann, daß sie satt werden. Wovon essen
aber die andern, daß sie auch satt werden? Nun hat
Christus hier nicht mehr als sieben Brote und ein
wenig Fischlein und reicht doch damit so weit, daß
viertausend Mann genug daran haben und noch sieben
Körbe voll Brocken übrigbleiben, Weiber und Kinder
ungezählt, derer ohne Zweifel auch viel gewesen sein
werden. Mit diesem Wunderwerk hat unser lieber
Herr Jesus Christus anzeigen wollen, daß wenn es
schon Not haben will, er dennoch auch heutigen
Tages die Kunst wisse, daß er mit sieben Broten und
ein wenig Fischlein viertausend Mann speisen könne.
Solch Beispiel sollen wir gut einprägen, auf daß
wir glauben lernen: wenn wir Gottes Wort getreu und
fleißig anhangen, wir seien so arm, wie wir wollen,
wolle uns unser Herr Christus dennoch unsere Speise
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5623 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 12

geben und ernähren. Man hat es auch nie gehört, daß


ein Christ Hungers gestorben wäre, wie auch der
Psalm 37, 25 bezeugt. Sie, die Christen, sind wohl
verfolgt, ins Gefängnis geworfen und getötet worden.
Aber wenn sie zuvor die erste und reiche Wohltat hin-
weghaben und dem Wort glauben, haben sie doch alle
zu essen gefunden und sind ernährt worden.
So dient uns das heutige Evangelium dazu, daß wir
unseren lieben Herrn Jesus Christus als einen gnädi-
gen Herrn und Vater erkennen lernen sollen, der uns
an Leib und Seele gern helfen will. Für solche Lehre
sollen wir Gott heute danken, und bitten, daß er uns
durch Christus mit seinem geistlichen und zeitlichen
Segen versorgen wolle, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5624 Siebenter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 8, 1-9 13

Editorische Bemerkung

Von den neun erhaltenen Nachschriften Rörers wählt


Rörer/Poach (wie Dietrich) die der Hauspredigt von
1532 (WA 36, 214-217), aber »in genauem Anschluß
an seine Vorlage«, der Predigtschluß wird von Diet-
rich übernommen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5625 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 1

Martin Luther

Achter Sonntag nach Trinitatis


Matth. 7, 15-23

[HP 314–316;
WA 36, 219–224]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5626 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 2

Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in


Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind
sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie
erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den
Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jegli-
cher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fau-
ler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann
nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum
kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher
Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehau-
en und ins Feuer geworfen. Darum: an ihren Früch-
ten sollt ihr sie erkennen.
Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr,
Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den
Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden
viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr,
haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?
Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister aus-
getrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele
Taten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich
habe euch nie gekannt; weichet von mir, ihr Übeltä-
ter!

Aus diesem Evangelium sollen wir lernen, besonders


die wir Christen sein wollen, daß uns unser lieber
Herr Christus mit allem Fleiß dazu ermahnt, Gottes
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5627 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 3

Wort fleißig und gern zu hören und sich vor falschen


Propheten zu hüten. Als wollte er sagen: Liebe Kin-
der, ich vermahne und warne euch treulich. Man pre-
digt euch jetzt Gottes Wort in der Schule und in der
Kirche; sehet zu und nehmet es an, dieweil ihr es
habt. Tut ihr es nicht, so soll es wieder dazu kommen,
daß es von euch genommen werden wird und ihr den
Teufel hören müßt.
Denn so geht es zu: wer Christus nicht hören will,
der muß den Teufel hören. Wer aus Gottes Wort nicht
seine Seligkeit, Ehre und Zucht lernen will, der lerne
vom Teufel alle Schande und Schaden. In Gottes
Wort lernt man, wie man in den Himmel komme, vom
Teufel lernt man, wie man in die Hölle fahre. In Got-
tes Wort lernt man Frieden und alles Gute, vom Teu-
fel lernt man Jammer und Herzeleid. Das hat der liebe
Herr richtig gesehen, deshalb warnt er seine Jünger
und Christen treulich und sagt: Sehet zu, hört und
lernt Gottes Wort fleißig und gern, solange ihr es
habt. Werdet ihr das tun, so wird es mit euch gut ste-
hen, werdet ihr es aber nicht tun, so wird die Zeit
kommen, daß ihr es gern hören wolltet, wenn ihr es
haben könntet.
So lehrt und warnt nun uns unser lieber Herr Jesus
Christus in diesem Evangelium, wie gesagt, daß wir
bei Gottes Wort fest bleiben und das mit allem Fleiß
lernen sollen. Werden wir das tun, so habe es mit uns
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5628 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 4

nicht Not. Wo wir das aber nicht tun, so müssen wir


den Teufel hören. Nun ist ja niemand, wie wir uns
dünken lassen, der den Teufel gern hören wollte, denn
er ist ein Lügen- und Mordgeist, der nichts anderes
kann, als erwürgen, verführen und den Menschen
alles Herzeleid zufügen, wie er das denn schon am
menschlichen Geschlecht genügend bewiesen hat.
Denn gleich im Anfang hat er es durch den Fall
Adams und Evas erreicht, daß wir Menschen alle ster-
ben müssen. Aus dem seligen Stand, darin der
Mensch anfänglich geschaffen war, hat er uns in den
Tod gebracht, daß wir voller Sünden sind, dem Zorn
Gottes unterworfen, unter die Erde müssen und ster-
ben. Das hat uns der leidige Geist, der Teufel, getan,
daß wir alle Sünder und Kinder des Zorns sind und
sterben müssen.
Das sollte uns ja eine starke Warnung sein, daß wir
lieber Gottes Wort als den Teufel hören sollten. Denn
hier hören wir, daß Christus sagt: Gott wolle es zulas-
sen und über uns verhängen, wo wir sein Wort nicht
hören wollen, daß wir den Teufel hören müssen, als
wollte er sagen: Adam und Eva haben mit ihrer Über-
tretung den Tod und Gottes Zorn verdient und euch
alle mit sich hinweggerissen, daß ihr und alle eure
Nachkommen Sünder seid und sterben müßt. Aber ich
habe euch wiederum aus solchem Schaden geholfen,
daß ihr von Sünde und Tod frei geworden seid, und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5629 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 5

will euch noch helfen. Dazu habe ich euch mein Wort
gegeben: faßt ihr das nun, so ist euch durch mich ge-
holfen. Werdet ihrs aber versäumen, so wird es euch
wiederum so gehen, wie es Adam und Eva im Para-
dies gegangen ist, da sie sich durch den Teufel vom
Wort abführen ließen.
Da warnt unser Herr Christus treulich vor und sagt:
»Sehet euch vor«, bleibt bei Gottes Wort, hört es gern
und lernt es mit allem Fleiß. Werdet ihr das tun, so
will ich mit Gnaden bei euch sein. Werdet ihr es aber
nicht tun, so sage ich euch das zu: es werden falsche
Propheten und Wölfe kommen, die werden euch zer-
reißen. Darum seht ja zu, daß ihr euch fest an mein
Wort haltet, damit euch der Teufel nicht wiederum
verführe. Denn wo ihr mein Wort fahren laßt, so wer-
det ihr wiederum betrogen werden. Dies ist nun eine
treue Warnung, die uns billig bewegen sollte, Gottes
Wort fleißig zu hören und lernen. Aber es hilft leider
wenig; jetzt sind ihrer viele, die da sagen: O, ich habe
das Evangelium schon gelernt, ich kann es nun gar
wohl, es hat keine Not mit mir. Ja, viele dürfen auch
wohl herausfahren und sagen: Was brauchen wir wei-
ter Pfarrer und Prediger?
Können wir es doch wohl selbst daheim lesen? So
gehen sie sicher dahin – und lesen es daheim doch
nicht. Oder wenn sie es schon daheim lesen, so ist es
doch nicht so fruchtbar und so kräftig, wie das Wort
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5630 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 6

durch die öffentliche Predigt und den Mund des Predi-


gers kräftig ist, den Gott dazu berufen und verordnet
hat, daß er dirs predigen und sagen soll. Solche Leute
warnt Christus hier und sagt: Sehet euch vor, ihr wer-
det betrogen werden. Es werden falsche Propheten zu
euch kommen, und die werden in Schafskleidern kom-
men. Ihr braucht nicht zu denken, daß ein falscher
Prophet komme, der da bekenne, er sei ein Lügner,
und sagte: Ich will euch betrügen, verführen und zum
Teufel bringen. Das unterläßt er sehr wohl. Alle fal-
schen Propheten kommen in Schafskleidern, deshalb
ist solche deine Sicherheit nicht gut. Hüte dich, denn
eben du bist der Schüler einer, die der Teufel betrügen
wird. Weil du so unfleißig bei Gottes Wort bist, so
sollst du wissen, daß der Teufel seine Füße schon zu
deiner Tür hineingesetzt hat.
Dies Stücklein sollen wir gut merken, daß der Teu-
fel nicht in einem Wolfspelz kommen werde, sondern
daß er ein Schafsfell um sich haben werde. Das ist
wie zu unserer Zeit die Sektengeister mit guten, glat-
ten Worten geschlichen kommen: Liebes Kind, du
hast bisher viel Prediger gehabt und viel gehört, man
hat dir aber nicht recht gepredigt. Du mußt nicht al-
lein Gottes Wort haben, sondern den Geist, Geist
mußt du haben. Christus ist dir durch die Predigt des
Glaubens nicht recht eingeprägt worden; du mußt
höher kommen. Mit solchen Worten machen sie die
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5631 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 7

Leute vorwitzig, daß sie ihnen zuhören und sagen:


Wohlan, es ist dennoch nicht zu verachten. So
schleicht der Teufel herein, daß man denkt, es sei
Paulus, ja ein Engel vom Himmel.
Darum sollen wir uns gut vor dem Teufel hüten.
Der Wolf würde niemand betrügen, wenn er in Wolfs-
gestalt käme, ebensowenig wie ein Schaf stille steht
und sich willig und gern fressen läßt, wenn es des
Wolfs gewahr wird. Wenn aber der Wolf einen
Schafspelz um sich hat, so wird das Schaf betrogen,
geht zu ihm und befürchtet keine Gefahr. So tut der
Teufel auch. Wenn er in seiner Gestalt käme, so hätte
es keine Not. Denn wer wollte dem Teufel zuhören
oder des Teufels Apostel werden? Weil aber der Teu-
fel sich zum Engel des Lichtes verstellt, wie Paulus 2.
Kor. 11, 14 sagt, so hats Gefahr. Deshalb sei ein
jeder gewarnt und lerne es mit Fleiß. Denn man
glaubt es nicht, was für ein Schalk der Teufel ist, und
wie er sich schöner als irgendein Engel, ja schöner als
Christus selbst schmückt, und seine Diener verstellen
sich als Prediger der Gerechtigkeit, daß wer sie hört,
zuletzt anhebt und sagt: Ei, bin ich so lang an dem
Ort gewesen und habe da Predigt gehört, aber solches
habe ich nie gehört, was ich jetzt höre; hier ist der
Geist recht. Da sitzt der arme Tropf, sperrt das Maul
auf, hört zu und meint, es sei alles die lautere reine
Wahrheit, was der Teufel durch seine Apostel sagt,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5632 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 8

und so geht es dahin.


Deshalb warnt hier Christus und sagt: Lieber
Mensch, liebes Kind, hüte dich, höre niemand anders
zu als mir und meinen Aposteln. Kehre dich an keinen
Schleicher, halte dich an mein Wort und zu der Kir-
che, die da sagt: Ich glaube an Jesus Christus, der um
uns Menschen und um unserer Seligkeit willen vom
Himmel gekommen ist usw. Derselben sprich nach
und sage: ich glaube, daß ich getauft bin und allein
selig werde durch meinen lieben Herrn und Erlöser
Jesus Christus. Deshalb schweige still, du honigsüßes
Maul, du kommst in einem Schafskleid geschlichen
und bist doch der leidige Teufel.
So soll man auch im Hause tun. Vater und Mutter
soll man gehorsam sein. Wenn nun ein böses Maul
kommt und sagt: Liebes Kind, siehst du nicht, wie
hart man mit dir umgeht? Man meint es nicht recht
mit dir, du könntest deine Sache wohl verbessern und
an einem Ort sein, wo du bessere Tage hättest. Wenn
ein armes Kind solches hört, so denkt es, man meine
es gut mit ihm, folgt, meint, es tue recht und sieht
nicht, daß es Gottes Wort verleugnet, welches gebie-
tet, daß es Vater und Mutter ehren soll. Wer aber un-
betrogen sein will, der hüte sich vor solchen bösen
Mäulern und folge Gottes Wort. Denn eines der zwei
muß sein: entweder Gott mit Fleiß gehört oder den
Teufel, da wird nichts anderes draus.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5633 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 9

Was gibt der Wolf oder Teufel aber zu Lohn?


Vater und Mutter strafen wohl, geben aber gleichwohl
Essen und Trinken, lassen dich im Hause wohnen.
Gott straft wohl in seinem Wort mit Ernst, straft auch,
wenn man seinem Wort ungehorsam ist, bietet aber
gleichwohl an und gibt seine Gnade und ewige Selig-
keit denen, die sich zu ihm durch die Buße bekehren
und an seinen Sohn glauben. Was gibt aber der Teu-
fel? Er zerreißt, sagt Christus hier. Wenn man schon
lange den Teufel hört und ihm folgt, so ist man des-
halb zerrissen, das heißt nach der Heiligen Schrift so-
viel wie ewig verloren und mit dem Teufel ewig ver-
dammt sein in den Abgrund der Hölle.
So ging es Adam und Eva im Paradies. Zu denen
kam der Teufel mit guten, süßen Worten (1. Mose 3,
1 und 4): »Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht
essen von allen Bäumen im Garten? Ihr werdet kei-
neswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an
dem Tage, da ihr von dem Apfel esset, werden eure
Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und
wissen, was gut und böse ist.« Das war das Schafs-
kleid, darin der Teufel geschlichen kam. Da sie aber
folgten und den Apfel aßen, war der Lohn: ewig ver-
loren sein. So lohnt der Teufel seinen Kindern zum
Schluß, wenn er auch zu Anfang mit schönen, süßen
Worten geschlichen kommt.
Das soll man gut lernen. Denn in allen Ständen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5634 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 10

geht es so zu und soll es nicht anders gehen: Wer Gott


nicht hören will, der muß den Teufel hören. Willst du
nun da dem Teufel glauben, so fahre hin, liebes Kind;
du wirst es wohl finden, wie dich diese Schafskleider
verführen und von Gott reißen werden. Daher kommt
es, daß es heutigen Tages in der Welt so wüste zu-
geht, daß niemand mit den Menschen, mit den Kin-
dern, mit den Angestellten und Mitarbeitern auskom-
men kann, und daß allenthalben solch Rauben, Steh-
len, Ungehorsam und Untreue ist. Denn jedermann
verachtet Gottes Wort und hört anstatt des Wortes
den Teufel in seinen Propheten, in der Kirche sowohl
wie im Hause. Darum kann kein rechter Glaube gegen
Gott und kein rechter Gehorsam gegen die Menschen,
keine Liebe noch Treue sein. Wo aber kein rechter
Glaube gegen Gott und kein rechter Gehorsam gegen
die Menschen ist, da muß hernach folgen Pest, Teue-
rung, Hunger, Krieg und alles Unglück. Das ist der
Lohn, daß man Gottes Wort so verachtet.
Darum lerne ein jeder auf Gottes Wort fleißig mer-
ken und spreche: Ich will bei Gottes Wort bleiben,
will dem glauben und folgen und in solchem Glauben
dahingehen, Vater und Mutter gehorsam sein, meinem
Herrn fleißig dienen. Was dem entgegen lautet, das
will ich nicht hören noch dem folgen, es klinge auch
so süß es immer wolle. Denn das weiß ich mit Sicher-
heit: bleibe ich bei dem Wort, glaube an Gott und bin
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5635 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 11

meinen Eltern usw. gehorsam, so habe ich einen gnä-


digen Gott und kann mich der Teufel nicht zerreißen.
Ob ich schon etwas darüber leiden muß, das schadet
nichts. Es ist besser, hier bei Gott etwas zu leiden, als
dort bei dem Teufel zerrissen zu werden. So tue ich,
halte mich bei dem Wort, predige das mit Fleiß und
lebe meinem Beruf. Ob ich schon über dem Wort und
über meinem Amt leiden muß, da liegt nichts dran. Es
ist mir besser, daß ich um Christi willen gescholten
werde, als daß ich Christus verleugnen und ewig mit
dem Teufel verdammt sein sollte.
So sollen wir nun aus diesem Evangelium lernen:
Wer Gott in seinem Wort nicht hören will, der muß
den Teufel hören. Wer Vater und Mutter nicht gehor-
chen will, der gehorche dem Henker. Wer einem guten
Freund nicht folgen will, der folge einem Bösewicht
und Schalk. Wenn der Teufel kommt, so kommt er in
Schafskleidern, gibt gute Worte, aber endlich heißt es
doch zerrissen, hier an Leib, Ehre und Gut, dort an
der Seele. Darum sollen wir Gott in seinem Wort ge-
horchen lernen, auf daß wir nicht zerrissen werden,
sondern hier gute Tage haben und dort ewig selig
werden mögen. Das verleihe uns unser lieber Gott
und Vater durch seinen Heiligen Geist, um Jesu Chri-
sti, unseres Herrn, willen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5636 Achter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 7, 15-23 12

Editorische Bemerkung

Dietrich gestaltet aus den Hauspredigten von 1533


(fast vollständig übernommen) und 1532 (nur einige
Gedanken daraus) sowie umfangreichen eigenen Zuta-
ten eine neue Predigt, die HP druckt beide Predigten
nach Rörers Nachschriften (insgesamt fünfzehn). Hier
die Hauspredigt von 1532 (WA 36, 219-224).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5637 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 1

Martin Luther

Neunter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 16, 1-9

[HP 320–322;
WA 36, 223–224]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5638 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 2

Er sprach aber auch zu seinen Jüngern: Es war ein


reicher Mann, der hatte einen Haushalter; der ward
vor ihm beschuldigt, er vergeude ihm seine Güter.
Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre
ich da von dir? Tu Rechnung von deinem Haushal-
ten! denn du kannst hinfort nicht Haushalter sein.
Der Haushalter sprach bei sich selbst: Was soll ich
tun? Mein Herr nimmt das Amt von mir; graben
kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich
weiß wohl, was ich tun will, daß sie mich in ihre
Häuser nehmen, wenn ich nun von dem Amt gesetzt
werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines
Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem er-
sten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? Er
sprach: Hundert Tonnen Öl. Und er sprach zu ihm:
Nimm deinen Schuldbrief, setze dich und schreib
flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem andern: Du
aber, wieviel bist du schuldig? Er sprach: Hundert
Scheffel Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm dei-
nen Brief und schreib achtzig. Und der Herr lobte
den ungerechten Haushalter, daß er klüglich gehan-
delt hatte, denn die Kinder dieser Welt sind unter-
einander klüger als die Kinder des Lichts. Und ich
sage euch auch: Machet euch Freunde mit dem un-
gerechten Mammon, auf daß, wenn es damit zu
Ende ist, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5639 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 3

An diesem ungerechten Haushalter und ungetreuen


Bösewicht, der seinen Herrn um seine Güter gebracht
hatte, stellt uns unser lieber Herr Christus vor zweier-
lei Lehre. Die erste ist, daß wir uns Freunde mit dem
ungerechten Mammon machen sollen, auf daß sie uns,
wenn wir nun darben, in die ewigen Hütten aufneh-
men. Die andere Lehre ist, daß wir von diesem unge-
rechten Haushalter und von den Kindern dieser Welt
lernen sollen klug zu sein.
Die erste Lehre gibt der Herr mit klaren Worten, da
er dieses Gleichnis von dem ungerechten Haushalter
beschließt, und spricht: »Und ich sage euch auch, ma-
chet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon«
usw. Als wollte er sagen: Von dem ungerechten Haus-
halter sollt ihr etwas Gutes lernen, der hat gewußt,
sich zu versorgen. Da er gesehen hat, daß sein Herr
das Amt von ihm nehmen wollte, machte er sich die
Schuldner seines Herrn zu Freunden, auf daß sie ihn
in ihre Häuser nähmen, wenn ihn sein Herr von dem
Amt absetzte. So sollt ihr auch treue Predigt und
fromme Christen liebhaben und die euch zu Freunden
machen, auf daß sie für euch beten, daß ihr fromm
werden möget.
Der Herr gibt aber dem Reichtum einen besonderen
Namen und nennt ihn ungerechten Mammon, um des
unrechten Gebrauchs willen, dem das Gut unterwor-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5640 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 4

fen ist. Denn gleichwie dieser Haushalter ein Schalk


ist und die Güter umbringt, die nicht sein, sondern
seines Herrn sind, so sind wir auch Schälke bei den
Gütern, die uns Gott gibt, und brauchen sie nicht zur
Ehre Gottes und Nutzen des Nächsten, sondern viel-
mehr Gott zu Unehren und unserem Nächsten zu
Schaden. Wer nicht gottesfürchtig ist, der mißbraucht
seine Güter wider Gott und seinen Nächsten, wie wir
täglich genug in aller Welt erfahren. Deshalb ist der
Reichtum in Wahrheit bei allen Menschen nichts an-
deres als ein ungerechter Mammon. Die Christen kön-
nen es kaum dahin bringen, daß sie das Gut recht
brauchen, so ganz ist der Mammon dem Mißbrauch
und der Eitelkeit unterworfen, wie alle anderen Krea-
turen Gottes, doch ohne ihren Willen (Rom. 8, 20).
So will der Herr nun sagen: Dieser ungerechte
Haushalter und andere, welche die Güter mißbrau-
chen, machen sich Freunde mit dem fremden Gut, sie
brauchen ihrer Herren Güter so, daß sie dabei selbst
nicht verderben; wieviel mehr sollt ihr Christen das
tun, rechte Haushalter über die Güter sein, über die
Gott zu Haushaltern gesetzt hat, daß ihr sie Gott zu
Ehren und eurem Nächsten zu Nutzen gebraucht!
Damit sollt ihr euch Freunde machen, von denen ihr
auf eine andere und bessere Weise Nutzen haben
möget, als dieser ungerechte Haushalter Nutzen von
den Schuldnern seines Herrn gehabt hat. Das ist die
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5641 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 5

erste Lehre in diesem Evangelium, daß wir dieses Ex-


empel des ungerechten Haushalters zur guten Lehre
brauchen und mit dem ungerechten Mammon uns
Freunde machen sollen.
Die andere Lehre ist, daß der Herr den ungerechten
Haushalter lobt, daß er klüglich getan hat, und die
Kinder des Lichts schilt, daß sie nicht untereinander
gleiche Klugheit anwenden. Die Kinder dieser Welt,
sagt er, sind klüger als die Kinder des Lichtes unter-
einander, als wollte er sagen: Die Buben und Böse-
wichte dieser Welt tun es euch Christen untereinander
weit zuvor. So sondert er Gottes Kinder und des Teu-
fels Kinder voneinander, daß er jene Kinder dieser
Welt nennt, diese aber nennt er Kinder des Lichtes,
ob sie gleich nach dem Fleisch auch nicht sehr from-
me Kinder Gottes sind. Die Kinder dieser Welt, sagt
er, d.h., die weltlichen Leute, die nach der Welt da-
hingehen, ohne Gottes Furcht und Glauben, sind klü-
ger als die Christen und Kinder Gottes untereinander.
Dieser ungerechte Haushalter ist ein zwiefältiger
Schalk: erstens ist er ein Sünder vor Gott, danach ist
er auch ein Betrüger vor seinem Herrn. Dennoch ist er
klug und weiß sich so seltsam und meisterlich zu ver-
sorgen, damit er am Leibe nicht Not leide, daß es
über alle Maßen ist.
Das muß man nicht dahin deuten, als wollte der
Herr des ungerechten Haushalters Untreue und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5642 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 6

Schalkheit loben und es sich gefallen lassen, wo wir


anderen Menschen Unrecht tun, sondern allein die
Schlauheit und Klugheit des Haushalters lobt er als
Vorbild, um uns damit anzureizen, daß wir in einer
guten Sache auch den Ernst und Fleiß brauchen, den
dieser Haushalter in einer bösen gebraucht hat, sich
zu Nutzen und seinem Herrn zu Schaden. Das ist
ebenso, als wenn ich ein unzüchtiges Weib sehe, das
sich auf das schönste schmückt. Da kann das arme
Gold, Samt und Seide nichts zu, daß sie es miß-
braucht. Aber dennoch kann ich es rühmen und zu dir
sagen: Siehst du auch, wie dies Weib sich bereitzu-
machen weiß? Warum brauchst du solchen Fleiß nicht
auch dazu, daß du deinem Bräutigam, unserem lieben
Herrn Christus, gefallen mögest? Mit diesen Worten
lobe ich die Unzucht nicht, sondern den Fleiß, die
Sorge und Klugheit, daß wir diese in göttlichen,
guten, redlichen Sachen gebrauchen sollen.
Nun aber spricht der Herr hier ein sehr schreckli-
ches Wort, da er sagt: »Die Kinder dieser Welt sind
untereinander klüger als die Kinder des Lichts.« Das
bedarf nicht viel Deutens, wir sehen es täglich leider
mehr vor Augen als gut ist, wie die Welt so überaus
genau bemüht ist, wenn sie ihren Vorteil sieht, und
sich deswegen keine Mühe noch Arbeit verdrießen
läßt. Es geht nach dem allgemeinen Sprichwort, daß
es die Gottlosen zweimal saurer ankommt, die Hölle
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5643 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 7

zu verdienen, indem sie dem Teufel so fleißig dienen


und ihm zuliebe alles tun und leiden, als die Gottseli-
gen den Himmel.
Darum ist dies ein sehr feines Gleichnis, das der
Herr uns hier vorhält. Wenn wir Christen sind und tun
wollen, was wir tun sollen, so brauchen wir nicht in
die Bücher zu sehen. Ein jeglicher sehe in sein eige-
nes Haus. Da wirst du einen so großen Fleiß spüren,
daß die Menschen in der Schalkheit so beflissen sind,
daß sie nicht wissen, wie sie sich genug garstig und
rücksichtslos stellen sollen. Da lerne, daß du derglei-
chen auch tuest, aber gegen Gott und sein Wort und
deiner Seligkeit zugute, und nimm dir eine nützliche
Lehre und Beispiel an solchem argen Wesen. Denke
daran: Ei, kann denn der Bauer, Bürger, Kaufmann,
die Frau, Magd usw. dem Teufel mit solchem Fleiß
dienen und sich keine Mühe verdrießen lassen, warum
sollte ich doch meinem Herrn, von dem ich in Ewig-
keit Gaben haben soll, nicht auch so dienen? Sie lau-
fen, als wären sie unsinnig, jedoch ihrem ewigen
Schaden und Verderben nach. Wie bin ich denn so
schläfrig und faul, da es meiner Seelen Seligkeit be-
trifft, daß mich Gott noch mit den Haaren dazu ziehen
muß? Ich sollte mich doch anspeien, daß ich nicht
dem Himmel wenigstens zukrieche, da jene so zur
Hölle laufen und rennen.
Besonders aber zeigen die Kinder der Welt den
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5644 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 8

Kindern des Lichtes ein feines Beispiel in dem Fall,


von dem der Herr hier spricht. Denn siehe auf einen,
den der Geiz recht besessen hat, so wirst du finden,
daß er weder Tag noch Nacht vor seinen eigenen Ge-
danken Ruhe hat. All sein Denken und Trachten ist
auf Geld gerichtet, und dauert ihn keine Mühe und
Arbeit. Ein Kaufmann ist unverdrossen und begibt
sich in alle Gefahr, auf daß er der Armut entrinne und
sich ernähre. Da sollten wir lernen, daß wie ein Geizi-
ger sich des Geldes und ein Weltkind sich der Nah-
rung annimmt, wir uns auch des Ewigen so mit Ernst
annähmen. Aber wo findest du einen Christen, der es
tut, der gern eine Viertelmeile zur Kirche gehe, auf
daß er Gottes Wort hören könne, wie ein Kaufmann
durch alle Lande reiset, auf daß er reich werde, der
um Christi willen bereit ist, sich in Gefahr zu begeben
und zu leiden, wie ein Kaufmann um des zeitlichen
Gewinns willen sich in allerlei Not und Gefahr wagt?
Wo findest du einen, der sich so freut, wo er einen
armen Menschen findet, dem er mit hundert Mark
mehr oder weniger helfen kann, je nachdem sein Ver-
mögen und jenes Bedürfnis erfordert, wie sich ein rei-
cher Wucherer freut, wenn er mit seinem Gelde gro-
ßen Gewinn zu schaffen weiß?
Deshalb zieht Christus die rechte Schlußfolgerung
und sagt, daß die Weltkinder bei dem Ihren viel flei-
ßiger und klüger sind als seine Kinder. Denn so findet
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5645 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 9

sichs immer wieder, daß der Teufel bei den Seinen


stets hundert Dienste hat, wo Christus bei den Seinen
kaum einen hat. Was sollen wir dazu tun? Ändern
können wir es nicht, denn die Welt läßt sich nichts
sagen. Predigen sollen wir und immer mit Strafen,
Drohen, Vermahnen anhalten, daß wir an solchem
Fleiß, welchen die Welt in des Teufels Diensten ge-
braucht, ein Vorbild nehmen, daß wir uns auch in
dem Guten üben, wie sich die Weltkinder in dem
Bösen üben, ob wir doch ein wenig solchem Vorbild
gleichkommen möchten, besonders weil wir den Vor-
teil haben (es gehe gleich so beschwerlich, wie es
wolle), daß wir Kinder des Lichtes sind. Wenn wir
bei diesem Namen bleiben, daß wir zu dem Licht ge-
hören, so hat es nicht Not, wenn wir gleich nicht ganz
so fleißig sind, es nicht ganz so klug machen wie die
Weltkinder. Wichtig ist, daß wir wenigstens etwas
tun und so erfunden werden, daß wir zum wenigsten
angefangen haben, unter dem Häuflein zu sein, das da
heißt »Kinder des Lichts«.
Das nehme sich aber niemand vor, daß wirs dahin
bringen werden, wohin es die Weltkinder untereinan-
der bringen.
Es sollte wohl so sein, daß wirs ihnen weit zuvortä-
ten, weil wir die Verheißung haben, daß wir die ewige
Krone empfangen. Aber der Hindernisse liegen zu
viele im Wege. Gleichwohl sollen wir uns mit rech-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5646 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 10

tem Ernst befleißigen, daß wir von Tag zu Tag in


Gottseligkeit, Zucht, Geduld, Sanftmut, Freundlich-
keit, Barmherzigkeit und anderen christlichen Werken
fortfahren. Denn wenn wir nur im Beginnen und auf
dem rechten Wege sind und bleiben, so wird der
Schritt, er sei gleich so langsam und kurz, wie er
wolle, ergeben, daß wir vorankommen, nur daß wir
uns nicht dünken lassen, wir hätten es ganz erlangt.
So ist nun unser Trost, daß wo wir so anfangen,
Gott uns nicht wie die Weltkinder verurteilen will, die
sicher zur Hölle rennen und sich das sauer werden
lassen. Sondern er will in allen Gnaden zu uns sagen:
Du solltest mir ja treulicher gedient haben und fleißi-
ger gewesen sein, weil du ein Kind des Lichtes bist.
Aber es ist nicht geschehen; darum muß ich den Man-
tel darüber decken, der da Gnade und Vergebung der
Sünden heißt. Die muß in unser Leben geworfen, ja
darüber gezogen werden, daß wir darunter wie unter
dem freien, weiten Himmel wandeln. Dort werden wir
dennoch ein Freundlein oder zwei finden, besonders
aber den rechten Freund, der den Himmel geben und
selig machen kann, unseren lieben Herrn Jesus Chri-
stus.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5647 Neunter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 16, 1-9 11

Editorische Bemerkung

Auch hier verfahren Dietrich und HP wie beim vori-


gen Sonntag. Allerdings ist Rörers Nachschrift zur 1.
Predigt der HP an diesem Sonntag (1532 gehalten,
WA 36, 223-224) nur bruchstückhaft erhalten, so
schließt sich die HP streckenweise an Dietrich an.
Acht Nachschriften Rörers zum Text sind erhalten.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5648 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 1

Martin Luther

Zehnter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 19, 41-48

[HP 325–328;
WA 36, 224–228]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5649 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 2

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt an und


weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du er-
kenntest zu dieser Zeit, was zu deinem Frieden
dient? Aber nun ists vor deinen Augen verborgen.
Denn es werden über dich die Tage kommen, daß
deine Feinde werden um dich und deine Kinder
einen Wall aufwerfen, dich belagern und an allen
Orten ängstigen; und werden dich schleifen und kei-
nen Stein auf dem ändern lassen, darum daß du
nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht
bist.
Und er ging in den Tempel und fing an auszutrei-
ben, die da verkauften, und sprach zu ihnen: Es
steht geschrieben: »Mein Haus soll ein Bethaus
sein«; ihr aber habt es gemacht zur Räuberhöhle.
Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohen-
priester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten
im Volk trachteten danach, daß sie ihn umbrächten,
und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn
alles Volk hing ihm an und hörte ihn.

Christus hat das mit sehr betrübtem Herzen geredet


und bitterlich darüber geweint, daß die schöne Stadt
so jämmerlich umkommen und zerrissen werden soll,
daß nicht ein Stein auf dem anderen bleibe. Ah Jeru-
salem, sagt er, wenn du es wüßtest und solchen künf-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5650 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 3

tigen Jammer glaubtest, der über dich kommen wird,


so würdest du gewiß nicht so sicher sein, sondern be-
denken, was zu deinem Frieden dienet, heulen und
bitten, daß dir Gott gnädig sein wollte.
Wenn der Herr nun auch von der Stadt Jerusalem
redet, so will er doch damit gewarnt und allen denen
gedroht haben, die Gottes Wort haben und es doch
vergeblich hören und verachten, daß sie nicht sicher
sein noch sich darauf verlassen sollten, als sollte Gott
ihnen das schenken. Nein, die Strafe wird sich finden
und so sicher kommen, so wahr Gott lebt. Darum soll
man sich vor allen Sünden, besonders aber vor der
Sünde hüten, die da heißt, Gottes Wort oder die Zeit
der Heimsuchung verachten, das heißt: die Predigt
hören und sich doch nicht bessern, sondern immerdar
in Sünden fortfahren, man predige und sage, was man
wolle. Die Strafe für solche Sünde bleibt gewiß nicht
aus, ob sie gleich eine Zeitlang aufgehalten wird. Wer
Gottes Wort verachtet, der entläuft der Strafe nicht.
Und um solche Warnung und Drohung zu verstär-
ken, setzt er seine liebste und heiligste Stadt Jerusa-
lem zum Exempel und sein eigenes Volk, welche
Stadt unsers lieben Herrgottes eigenes Haus, Woh-
nung und Herdstätte und das Volk sein eigenes Haus-
gesinde gewesen ist. Denn unser Herrgott ist zu Jeru-
salem wie ein Bürger gewesen, und die Stadt ist wie
ein halber Himmel gewesen, da Gott selbst mit seinen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5651 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 4

Engeln gewohnt hat, da aller Gottesdienst hingeordnet


war, da fast alle Patriarchen gelebt und ihr Begräbnis
gehabt haben, da endlich Christus, der Sohn Gottes,
selbst gewandelt, gepredigt, gestorben, begraben, auf-
erstanden ist und den Heiligen Geist gegeben hat, so
daß diese Stadt also mit Heiligkeit dermaßen über-
häuft war, daß ihresgleichen auf der ganzen Welt
nicht gewesen ist noch bis an den Jüngsten Tag sein
wird. Da sie Gottes Wort nicht annehmen und dem
nicht folgen wollte, hat unser Herrgott das alles nicht
angesehen und so fest über seinem Wort gewacht, daß
seine liebste Stadt auf das greulichste hat verwüstet
werden müssen. Wieviel weniger wird ers andern
Städten schenken, die Jerusalem das Wasser nicht rei-
chen können, wo Gott auch nicht selbst gewohnt hat.
Er wird es auch anderen Völkern nicht schenken, die
ihm nicht so nahe zugehören wie die Juden, die seine
Blutsfreunde waren.
Darum soll man Gottes Zorn an diesem Exempel
merken und sich vor Verachtung des Worts hüten,
daß man nicht sage, wie wir gemeinhin pflegen: Ei,
Gott wird nicht so zornig sein, er wird nicht so hart
strafen. Denn wenn er die heilige Stadt Jerusalem,
sein höchstes Kleinod auf Erden, so hat zerreißen las-
sen, daß kein Stein auf dem andern blieb, um der
Menschen willen, die sein Wort hörten und sich nicht
besserten: so darfst du nicht denken, daß er es uns
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5652 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 5

schenken werde, wenn wir auch in der gleichen Sünde


liegen.
Dies ist nun die klägliche und jämmerliche Strafe,
welche Gott über sein Volk verhängt und damit mit
ihm ganz ein Ende gemacht hat, welches er doch ge-
liebt und mit so großer Herrlichkeit und Wunderzei-
chen aus Ägypten geführt, in das Land Kanaan ge-
setzt hat, ihr Vater gewesen und so freundlich mit
ihnen geredet und umgegangen ist. Da sie aber sein
Wort verachten und ihm nicht folgen wollten, hat er
solchen Zorn und greuliche Strafe über sie ergehen
lassen. Solchen Jammer sieht der Herr, daß er nicht
weit sei, weint deshalb und sagt: Wenn du es wüßtest,
so »würdest du auch erkennen zu dieser Zeit, was zu
deinem Frieden dient. Aber nun ists vor deinen Augen
verborgen.« Deshalb gehst du sicher dahin, als hätte
es nicht Not mit dir. Aber es wird nicht lange so blei-
ben, es wird brechen müssen, und es ist schon vor-
handen, nur daß es noch verborgen ist und du es nicht
siehst.
Hier möchte einem einfallen: Warum verbirgt doch
unser Herrgott die Strafe? Warum offenbart er sie
nicht? Warum läßt er sie nicht gleich ergehen? Wenn
Gott die Strafe offenbarte, so würden sich die Men-
schen bekehren. Antwort: Es kann nicht sein, daß
unser Herrgott die Strafe gleich ergehen lasse. Denn
sollte er sogleich dreinschlagen, wenn man es verdient
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5653 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 6

hat, so würde unser keiner das siebente Jahr erreichen.


Dazu könnte unser Herrgott seine Geduld auch nicht
beweisen, wenn er mit der Strafe eilen und gleich
dreinschlagen sollte. Gott muß geduldig sein, daß er
sehe, ob man sich bessern und Gnade suchen wolle.
Wenn er sogleich mit dem Donner und Blitzen drein-
schlagen sollte, das stünde Gott nicht wohl an. Darum
hält er mit der Strafe an sich, gibt Zeit und Raum,
sich zu bessern, damit preist er seine Barmherzigkeit
gegen uns. Der Teufel ist ein zorniger Geist, der tut
das nicht; wenn er einen mit einem Haar totschlagen
könnte, so täte er es und würde nicht lange säumen.
Aber Gott ist gnädig, deshalb will er die Strafe auf-
schieben, aber nicht ganz erlassen. Das macht dann
die Menschen sicher, daß sie sich nicht allein nicht
bessern, sondern je länger desto ärger werden. Wie
man sieht, läßt sich ein Ehebrecher, ein Wucherer,
Dieb dünken, weil die Strafe nicht sogleich kommt, es
habe noch lange nicht Not, er könne wohl noch seine
Lust befriedigen. Aber hüte dich, laß dich nicht ver-
führen noch betrügen. Denn hier hörst du, daß Gott
die Strafe wohl aufhalte und verberge, aber deshalb
bleibt sie nicht ganz aus. Darum kehre beizeiten um,
tue Buße und bessere dich.
Das meint hier Christus, da er zu der Stadt Jerusa-
lem sagt: »Aber nun ist es vor deinen Augen verbor-
gen«, als wollte er sagen: laß dich nicht dadurch be-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5654 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 7

trügen, daß die Strafe verborgen ist. Die Strafe wird


wohl eine Zeitlang aufgehalten, aber damit wird sie
nicht aufgehoben und weggenommen. Du wirst mich
töten und mein Blut vergießen, wie du mit anderen
Propheten vor mir getan hast.
Ich schweige still dazu, lasse es geschehen und
leide es. Das macht, daß du denkst, es werde immer
so hingehen und wohl ungestraft bleiben. Deshalb tut
niemand etwas mit Ernst dafür, daß er frömmer würde
und sich bekehrte und besserte. Aber sieh dich vor, du
bist vor der Strafe nicht sicher. Wenn du zu überreden
wärest, daß du es glauben könntest, so würdest du
darauf denken, wie du der Strafe entliefest. Aber du
glaubst es nicht, deshalb gehst du so sicher hin, läßt
die Zeit deiner Heimsuchung, darin du gewarnt wirst
und du wieder zu Gnaden kommen könntest, vorüber-
rauschen, bist sicher und besserst dich nicht. Das ist
eben die Sünde, weshalb Gottes Zorn dich überfallen
und überraschen wird.
Hier lerne ja mit Fleiß und merke, was Gott für die
größte Sünde erachtet, die er am wenigsten dulden
und leiden kann, daß sein Volk nämlich die Zeit sei-
ner Heimsuchung nicht erkannt hat. Denn der Herr
faßt hier alle Sünden in einer Sünde zusammen,
schweigt von allen anderen Sünden und nennt allein
die, daß sie sicher dahingingen, sich nicht allein
nichts an der Propheten Vermahnung und Drohung
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5655 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 8

gekehrt, sondern sie auch verfolgt haben, viel un-


schuldiges Blut vergossen, bis daß, wie die Schrift
sagt, Jerusalem hier und da voll Bluts ward (gleich-
wie Deutschland sich immer wieder auch greulich um
der mannigfaltigen Verfolgung des Wortes und seiner
Diener willen versündigt). Neben dieser Sünde gingen
(gleichwie auch zu unserer Zeit) mit Macht Ehebruch,
Hurerei, Wucher, Geiz, Stehlen, Schwelgen, Saufen,
Prassen her, und was dergleichen mehr ist.
Solche Untugend, sagt hier Christus, habe ich mit
dem Wort strafen und euch lehren wollen, daß ihr
fromm sein und euch bessern sollt. Um solcher Ursa-
che willen habe ich zuvor meine Propheten gesandt,
Johannes den Täufer und meine Apostel geschickt, ja
ich selbst bin aufgetreten, habe gepredigt, Wunderzei-
chen getan und alles vorgenommen, was euch zur
Besserung dienen möchte. Nun sollten alle anderen
Sünden euch nicht schaden, so große und viele ihrer
auch sind, sondern vergeben sein und ihrer in Ewig-
keit nicht mehr gedacht werden. Jerusalem sollte fest
stehen und von den Feinden unangefochten bleiben,
wenn ihr nur die Zeit eurer Heimsuchung erkenntet.
Denn ich komme zu euch nicht mit dem Schwert,
nicht mit der Keule, sondern sanftmütig und als ein
Heiland. Ich komme als ein Heimsucher, ich suche
euch, predige und schreie: Tut Buße, bessert euch und
seid fromm, höret doch und folgt, ehe der Zorn mit
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5656 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 9

Macht kommt. So suche ich euch heim.


Darauf ist besonders zu merken, daß der Herr sagt:
»Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.« Denn
so geht es im allgemeinen zu, daß man nicht denkt,
daß Gott strafen werde. Sondern weil Gott aus Güte
die Strafe aufschiebt und auf Besserung wartet, denkt
die Welt, er werde immer stillschweigen. Zu Jerusa-
lem ging es auch so zu. Die Juden versündigten sich
an ihrem Gott, wie sie wollten, dennoch taten sie die
Strafe aus den Augen und meinten, Gott sollte ewig
dazu stillschweigen.
Das ist nun die Ursache dafür, daß unser lieber
Herr Christus so treulich warnt, weint und sagt: Siehe
dich vor, Jerusalem; weil die Strafe verborgen ist,
meinst du, sie werde ganz ausbleiben. Aber du fehlest
weit. Denn die Strafe ist nicht deshalb verborgen,
damit du frei von ihr sein sollst, sondern damit du nur
desto sicherer getroffen werden sollst, wenn du die
Zeit deiner Heimsuchung nicht erkennen willst. Willst
du nun solchen Vorzug nicht mißbrauchen, sondern
recht gebrauchen, so höre beizeiten auf zu sündigen,
halte dich hierher zum Wort und bessere dich, so wird
dir Rat geschaffen, wo nicht, so mußt du hinunter.
Auf solche Weise predigt uns 2. Petr. 3, 15: »Die
Geduld unseres Herrn achtet für eure Rettung.« Das
bedeutet: laßt euch dünken, es sei euer Heil, es ge-
schehe euch zum Besten, daß ihr nicht verdammt wer-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5657 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 10

det. Denn wenn Gott immer so strafte, wie und nach


dem wir es verdienen, so würde (wie oben gesagt)
unser keiner über sieben Jahre hinauskommen. Nun,
er tuts nicht, sondern ist langmütig, hält an sich und
wartet mit der Strafe. Das, sagt Petrus, achtet dafür,
es geschehe um eurer Rettung willen, daß ihr sagen
sollt: Ach Herr, ich habe leider viel und oft gesündigt,
jetzt in dem, jetzt in einem anderen, nun kommt die
Strafe nicht, sondern verzögert sich. Was bedeutet das
aber? Gewiß nichts anderes, als daß, wenn die Strafe
gleich verborgen ist, sie doch gewiß kommen wird.
Darum, lieber Vater, vergib, ich will ablassen und
mich bessern.
Darum sollen wir das Wort des Petrus: »Die Ge-
duld unseres Herrn achtet für eure Rettung« gut mer-
ken. Denn Gott, sagt er kurz zuvor (3, 9), »will nicht,
daß jemand verloren werde, sondern daß sich jeder-
mann zur Buße kehre.« Und schiebt Gott die Strafe
auf, so geschieht es uns zum Besten. Wo man nicht
ablassen, sondern in Sünden fortfahren und solche
Geduld Gottes mißbrauchen will, da muß der Krug
zuletzt brechen. Wie man sieht: weil der Dieb vom
Stehlen nicht beizeiten abgehen will, wird er zuletzt
dem Henker zuteil; ein unzüchtig Weib, die von ihrer
Büberei nicht ablassen will, wird endlich vor jeder-
mann zu Schaden. Besonders aber hat es Gott mit der
Stadt Jerusalem bewiesen, daß er doch endlich kom-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5658 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 11

men und den Ungehorsam uns nicht schenken will,


wenn er auch die Strafe verbirgt und aufhält.
Deshalb lerne jedermann Gott fürchten. Jedermann,
Groß und Klein, Jung und Alt, lerne, wenn er Unrecht
tut und davon nicht ablassen will, daß die Strafe nicht
ausbleiben werde. Denn da steht Jerusalem zum ewi-
gen Beispiel, die heilige, schöne Stadt, welcher auch
die heidnischen Geschichtsschreiber das Lob geben,
daß sie die herrlichste, berühmteste Stadt im Morgen-
land gewesen sei. Die ist dahin und völlig vertilgt
deshalb, weil sie von den Sünden nicht hat ablassen
und sich an das Wort nicht hat kehren wollen.
Dieses Beispiel hält uns der Herr im heutigen
Evangelium vor, daß wir es zu Herzen nehmen und
uns bessern oder wissen sollen: wenn wir von Sünden
nicht ablassen, dem Wort nicht folgen und es im
Glauben annehmen wollen, daß es Gott nicht unge-
straft lassen will, ob er gleich die Strafe eine Zeitlang
verbirgt, welches doch uns, wie gesagt, zum Besten
geschieht, daß wir die Zeit gut gebrauchen und von
Sünden ablassen sollen. So du dich aber nicht bes-
sern, sondern deshalb nur umso frecher werden und
deinem Mutwillen desto mehr nachkommen willst, so
wisse, daß das böse Stündlein kommen wird, ehe du
dichs versiehst, da dich unser Herrgott auch wird
schreien lassen, aber nicht hören.
So laßt uns nun dieses Beispiel mit Fleiß merken.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5659 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 12

Weil doch Gott mit der Strafe schließlich nicht aus-


bleibt, wollen wir ihn fürchten und, weil er nicht so-
gleich zuschlägt, sondern Frist gibt, bis wir uns be-
kehren, ihn auch als einen gnädigen Vater liebhaben
und sagen: O lieber Vater, du läßt die Sünde gewiß
nicht ungestraft, so verleihe mir deine Gnade und Hei-
ligen Geist, daß ich mich bessern und der wohlver-
dienten Strafe entlaufen möge. Wer sich so zur Buße
begibt, der soll Gnade finden.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5660 Zehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 19, 41-48 13

Editorische Bemerkung

Die Situation ist dieselbe wie am 8. Sonntag nach


Trinitatis, nur daß diesmal die Hauspredigten von
1532 und 1534 als Ausgangsbasis dienen. Wir bieten
die erste Predigt der HP (Hauspredigt von 1532, ins-
gesamt neun Nachschriften Rörers zum Text sind er-
halten), die der WA 36, 224-228 abgedruckten Nach-
schrift Rörers folgt.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5661 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 1

Martin Luther

Elfter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 18, 9-14

[HP 333–336;
WA 37, 129–133]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5662 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 2

Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen,


daß sie fromm wären, und verachteten die anderen,
dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in
den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der ande-
re ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei
sich selbst: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin
wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebre-
cher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal
in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was
ich einnehme. Und der Zöllner stand von ferne,
wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Him-
mel, sondern schlug an seine Brust und sprach:
Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser
ging hinab gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener.
Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt
werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird er-
höht werden.

Unser lieber Herr Jesus Christus hat uns in diesem


Evangelium an diesen zwei Personen, am Pharisäer
und Zöllner, eine Lehre vorgehalten. Die Pharisäer
waren bei den Juden gleichwie im Papsttum die Mön-
che, hatten besondere Kleidung, besondere Tage zum
Fasten und Beten und trieben so viel Heiligkeit, daß
die anderen Menschen eitel Sünder gegen sie waren.
Daher hatten sie auch den Namen, daß sie »Pharisä-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5663 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 3

er« hießen: die sich aussondern aus der Allgemeinheit


und etwas Besonderes sein wollen.
Dagegen hatten die Zöllner die Zölle und Steuern
und anderes um ein festgesetztes Geld von den Rö-
mern erstanden und angenommen, schunden und er-
preßten danach die Menschen, wie sie wollten. Darum
wurden sie von jedermann für habsüchtige Menschen
und öffentliche Sünder gehalten, die ein solches Amt
hätten, darin sie gierig nach Geld trachteten und den
Menschen alle Plage zufügten. Darum war es nicht zu
vermuten, daß einer unter ihnen fromm wäre, gleich-
wie nicht zu vermuten war, daß einer unter den Phari-
säern ein Bösewicht wäre.
Aber unser lieber Herr Christus fällt hier ein ganz
anderes Urteil: er sagt, der Zöllner sei fromm und ge-
recht, der Pharisäer aber sei ein Sünder, dazu ein sehr
großer, schändlicher Sünder. Denn Lukas macht es
sehr verdrießlich und unerfreulich, daß es zu verwun-
dern ist. Denn so fängt er dieses Gleichnis an: »Er
sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen, daß
sie fromm wären, und verachteten die anderen.«
Das ist ja eine verdrießliche Rhetorik und das sind
ja zwei häßliche Untugenden der Pharisäer, daß sie
solche Menschen waren, die nicht allein von sich
selbst viel hielten, was Sünde genug gewesen wäre
(denn es ist eine teuflische Sünde, sich selbst für hei-
lig und hoch zu halten), sondern sie verachteten auch
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5664 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 4

die anderen. Da denke du, was es einem solchen stol-


zen Tropf und Heuchler helfen soll, wenn er sich
gleich zu Tode betet und fastet? Denn ihm sitzt ein
solcher Teufel im Herzen, mit einer solchen Hoffart,
daß er sich selbst aufbläst und sagt: Wenn ich mich
nicht selbst heilig machte, so müßte ich lange auf un-
seren Herrgott warten. Aber da faste ich so viel, da
bete ich so viel, da tue ich dies, da das, was andere
Juden nicht tun. Ich gebe meinen Zehnten treulich,
wenn die anderen den Priestern nichts als Stroh und
Stoppeln geben könnten, sie tätens. Aber ich bin nicht
so, ich bin frömmer usw.
So kommen die zwei greulichsten Untugenden in
dem »heiligen« Mann zusammen: erstens eine gräßli-
che Hoffart, daß er so hoch vermessen ist, zweitens
daß er an solcher Sünde nicht genug hat, sondern
auch andere Menschen so tief verachtet. Das ist der
leidige Teufel, daß er sich so hoch erhebt und damit
nicht zufrieden ist, sondern auch zufährt und die ande-
ren richtet und verdammt und sagt: Sie sind nichts als
Räuber, Ungerechte und Ehebrecher. Besonders
nimmt er sich den Zöllner zum Ziel. Der, sagt er, steht
da, schindet und erpreßt jedermann, nimmts, wo er
kann. So ein arger Bube bin ich nicht; ich bin im Ver-
gleich ein lebendiger Heiliger. Solcher Stolz und Hof-
fart ist auch vor der Welt ein sehr verdrießliches La-
ster, wie das allgemeine Sprichwort bezeugt, da man
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5665 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 5

sagt: Bist du etwas, so sei es, aber laß andere Leute


auch etwas sein. Wie kann denn solch Laster vor un-
serem Herrgott sein? Dem muß es tausend- und aber-
tausendmal mehr entgegen sein, wo man gegen ihn
vermessen und hoffärtig sein will.
So geht dies Evangelium vornehmlich dahin, daß
unser lieber Herr Christus uns vormalt, was da die
rechte Gerechtigkeit sei und wie man sie von der Heu-
chelgerechtigkeit unterscheiden und erkennen soll.
Als wollte er sagen: Du sollst wohl einen Mann fin-
den, der als ein lebendiger Heiliger dahergeht, er fa-
stet, er gibt Almosen, er bricht die Ehe nicht, tut nie-
mand Unrecht, geht gern zur Predigt. Wer kann dies
alles anders auslegen, als daß er ein frommer Mann
sei? Aber ich sage dir: willst du ihn recht erkennen, so
mußt du nicht auf solchen äußeren Schein sehen, den
auch ein Bösewicht haben kann: sondern darauf mußt
du sehen, was es heiße, vor Gott gerecht sein. Denn
dem äußerlichen Leben nach ist dieser Pharisäer so
fromm, daß man wünschen sollte, es wäre alle Welt,
wie er ist, soviel den äußerlichen Wandel anlangt.
Aber das ist noch nicht genug. Denn einen solchen
äußeren Schein kann auch ein Bösewicht haben. Des-
halb verlasse dich nicht drauf. Denn hier siehst du,
wie unter solchem heiligen Leben eine so große Teu-
felshoffart steckt. Um solcher Hoffart willen konnte
der Teufel nicht im Himmel bleiben, Adam und Eva
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5666 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 6

konnten nicht im Paradies bleiben, wie sollte denn


dieser in der Kirche bleiben? Fasten ist recht, Beten
ist recht, Zehnten geben ist recht, seine Ehe halten ist
recht, nicht Rauben, niemand Unrecht tun, ist alles
recht und gut an sich, aber der Pharisäer beschmutzts
mit solcher Hoffart dermaßen, daß lauter Teufelsdreck
draus wird.
Der Herr beschließt nun das Evangelium so: »Wer
sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und
wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden«,
auf daß jedermann demütig sein lerne und niemand
verachte. Denn das heißt Demut, daß ich von mir
nichts, aber von anderen viel halte. Wer aber von sich
selbst viel hält und denkt, wie er gelehrt, schön, reich,
fromm sei, das heißt Hoffart, wie der Pharisäer tut.
Das will der Herr verboten haben. Dagegen sieht man
an dem Zöllner keine Hoffart, sondern eine rechte
Demut. Denn er rühmt gar nichts, sondern bittet nur
darum, daß Gott ihm gnädig sein wolle. Das, spricht
der Herr, lernet ihr auch, daß ihr saget: Ich kann mich
nichts rühmen, denn ob ich schon mich rühmen woll-
te, ich wäre gelehrt, reich, mächtig, so kann unser
Herrgott sagen: Lieber, woher hast du es? Hast du es
von dir selbst? Nein. Woher denn? Ist es nicht mein
Geschenk? Ja, Herr, dein ist es. Warum rühmst du
dich denn? Sollte jemand sich rühmen, so sollte ich es
tun, der ich dir alles gebe. Du sollst es nicht tun, son-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5667 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 7

dern solltest sagen: Ob ich schon reich bin, so weiß


ich doch, daß du mich in einer Stunde arm machen
kannst; ob ich weise und gelehrt bin, so kannst du
mich mit einem Wort zum Narren machen. Das hieße
demütig sein und sich nicht selbst brüsten und andere
verachten deshalb, weil du schöner, frömmer, reicher
bist als andere.
In der Welt muß die Ungleichheit der Personen,
Stände und Gaben bleiben, daß einer mehr und höher
als der andere gehalten wird. Aber deshalb sind wir
vor unserem Herrgott nicht ungleich. Denn weil bei
ihm nichts als Gnade gilt, ist es unmöglich, daß je-
mand sich vor ihm rühmen und stolz sein könnte. Alle
sollen sie sich demütigen und wissen, obgleich wir
untereinander ungleich sind, wird Gott deshalb nicht
ungleich. Er hat kein anderes Auge auf den, der viel
hat, als auf den, der wenig hat. So sollen wir alle ler-
nen, uns an seine Gnade und Barmherzigkeit zu hal-
ten. Denn beide, Gerechte und Sünder, Reiche und
Arme, Starke und Schwache sind unseres Herrgotts.
Was sie haben, das haben sie alles von ihm, von sich
selbst aber nichts als Sünde. Deshalb soll sich keiner
über den anderen erheben, sondern sich demütigen
und fürchten. Was aber Gutes da ist, ist alles unseres
Herrgotts Gabe, der soll davon rühmen, du nicht, son-
dern sollst es mit Danksagung und in der Furcht Got-
tes gebrauchen. Denn er kann kein Stolzieren, kein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5668 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 8

Pochen noch Trotzen leiden.


Gleich aber wie niemand sich seiner Frömmigkeit
oder anderer Gaben halber überheben soll, so will
Gott ebensowenig, daß du verzweifeln solltest, wenn
du findest, ein wie armer Sünder du bist. Sondern du
sollst auf seine Güte trauen und dich seiner trösten
und sagen: Wohlan, habe ich nicht so viel wie der
oder jener, so habe ich doch ebendenselben Gott, der
will mir auch gnädig sein. Deshalb will ich zufrieden
sein, hingehen, meines Amtes und Standes in dem
Maß warten, das Gott mir bescheret hat. Ich will nie-
mand verachten, mich wegen keiner Sache überheben,
will mich aber auch deshalb nicht bekümmern, daß
andere mehr als ich haben. Denn mir genügt, daß ich
eben den Gott habe, den sie haben, und daß Gott des-
halb nicht ein ungleicher Gott ist, obschon wir Men-
schen untereinander ungleich sind. Das meint der
Herr, da er dies Gleichnis beschließt und sagt: »Wer
sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und
wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.«
Wenn der Pharisäer nicht so hoffärtig gewesen
wäre, sondern in aller Demut Gott seine Gaben heim-
getragen und gesagt hätte: Herr, du hast mir viel
Gnade erwiesen, daß du mich vor dieser und anderen
Sünden so gnädig behütet hast. Das ist deine Gabe,
deren freue ich mich; ich überhebe mich aber deswe-
gen nicht, verachte deshalb auch niemand, denn du
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5669 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 9

kannst es wieder nehmen, wenn du willst usw. Dann


hätte ihm Gott von Tag zu Tag noch mehr Gaben ge-
geben und ihm nicht feind sein können. Weil er aber
damit Hoffart treibt und andere deswegen richtet und
verachtet und sagt: Ich bin alles, der Zöllner ist
nichts; da zieht ihn unser Herrgott so völlig aus, daß
nichts mehr an ihm bleibt, was zu loben wäre. Denn
da steht unseres Herrn Christi Urteil: Der Zöllner
ging gerechtfertigt hinab vor jenem, das heißt: der
Pharisäer ist ungerecht, verdammt und gehört in die
Hölle zum Teufel. Was hat er nun von seinem Rüh-
men? Der Zöllner aber, der da spricht: »Gott, sei mir
gnädig!«, wird ein Heiliger in der Kirche und hat
einen gnädigen Gott, so wie er betet.
Das will Christus uns alle lehren, daß wir von Tag
zu Tag erkennen sollen, was wir sind und haben: hast
du Geld, gesunden Leib, Haus und Hof; gebrauche
das, ich gönne dirs und gebe dirs gern und will dir
noch mehr geben; nur rühme dich nicht deshalb und
verachte keinen lebendigen Menschen. Denke daran,
wenn du einen siehst, der nicht hat, was du hast, daß
er ebenso wie du einen gnädigen Gott haben kann.
Deshalb verachte ihn nicht, lasse ihn neben dir gehen,
so wird Gott von beiden gepriesen, wo sonst die fal-
schen Heiligen Gott verunehren und schmähen, wenn
sie es auch nicht mit dem Munde und öffentlich tun.
Denn wer bloß nach dem Wort urteilen wollte, der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5670 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 10

muß sagen, daß es nicht unrichtig ist, wenn der Phari-


säer hier sagt: »Gott, ich danke dir.« Denn solche
Worte gebrauchen die rechten Heiligen in ihrem
Gebet auch, aber mit einem anderen Herzen. Denn
wenn sie Gott für etwas danken, bekennen sie damit,
es sei sein Werk und Gabe, sie haben es nicht von
sich selbst. Aber das ist des Pharisäers Meinung
nicht, sonst würde er gesagt haben: Daß ich kein Ehe-
brecher, kein Räuber noch Ungerechter bin, Herr, das
habe ich niemand als dir zu danken; von mir aus, wo
es außerhalb deiner Gnade gewesen wäre, würde ich
mich ebenso verhalten haben wie andere Menschen.
Denn wir sind alle gleich, einer darf sich nicht mehr
als der andere zu sein rühmen. Aber so denkt dieser
Pharisäer nicht, sondern kehrts um und sagt: »Ich
danke dir Gott, daß ich nicht bin wie die anderen
Leute.« Er bezieht also alle seine Tugend auf sich
selbst, als hätte er sie aus sich selbst und nicht von
Gott; denn sonst würde er ja sagen: Du hast es gege-
ben. Das tut er nicht, stellt sich nicht anders, als sei er
so reich und könne Gott etwas geben. Er dankt also
nicht Gott, sondern sich selbst, seiner Vernunft, sei-
nem freien Willen und Kräften, daß er so viel habe
tun können.
Nun ist es wahr: wem Gott etwas Besonders gibt,
der soll es erkennen und hochachten. Denn was sollte
das sein, daß du leugnen wolltest, du wärest gelehrter
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5671 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 11

oder besser als ein Esel oder ein anderes unvernünfti-


ges Tier? Wem Gott Geld und Gut bescheret, der soll
also nicht so unvernünftig sein, daß er sagen wollte:
Ich bin ein armer Bettler und habe nichts. Wer etwas
Gutes getan, armen Menschen geholfen und geraten
hat, soll das auch nicht leugnen, so daß er sagt: Ich
habe nichts Gutes getan. Nein, so soll es nicht sein,
Gottes Gaben soll man erkennen, rühmen und hoch-
halten. Aber daneben soll man sich demütigen und
sagen: Mein Gott, es ist dein und nicht mein; du hast
es gegeben, sonst müßte ichs ebensogut wie andere
entbehren, ich danke dir dafür. Das wäre recht getan,
daß ein jeder sich demütige. Aber unseres Herrgotts
Güter soll man nicht klein noch gering achten, son-
dern erkennen und groß achten und doch nicht dabei
stolz werden noch andere verachten, sondern du
sollst, wie nun oft festgestellt, sagen: Lieber Gott, es
ist deine Gabe, die du mir gegeben hast. Wenn ein an-
derer sie nicht hat, das schadet nichts, denn er hat
doch ebenso wie ich einen gnädigen Gott, weshalb
wollte ich ihn denn verachten? Solche Demut will der
Herr uns im heutigen Evangelium lehren und uns vor
Hoffart und Stolz warnen. Denn es ist beschlossen:
Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedrigt werden.
Darum, so lerne, daß du sagest: Herr, was ich habe,
das ist dein, du hast mirs gegeben, kannst mirs auch
wieder nehmen, so wird die Hoffart außen bleiben.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5672 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 12

Denn wer wollte auf etwas Ungewisses pochen? Wer


aber das nicht tut und sich dafür halten will, als habe
er es alles von sich selbst, der findet hier sein Urteil,
daß Gott ihn so völlig ausziehen will, daß er nichts
behalten und noch dazu ungerecht und des Teufels
sein soll. Gott gebe seine Gnade, daß wir solche
Lehre merken und uns danach halten, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5673 Elfter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 18, 9-14 13

Editorische Bemerkung

Wir bieten die 2. Predigt der HP (Hauspredigt von


1533), welche der Nachschrift Rörers WA 37,
129-133 folgt (insgesamt sind zehn Nachschriften
Rörers zum Predigttext erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5674 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 1

Martin Luther

Zwölfter Sonntag nach Trinitatis


Mark. 7, 31-37

[HP 337–339;
WA 37, 134–136]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5675 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 2

Und da er wieder fortging aus der Gegend von


Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer,
mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie
brachten zu ihm einen, der taub und stumm war,
und sie baten ihn, daß er die Hand auf ihn legte.
Und er nahm ihn von dem Volk besonders und legte
ihm die Finger in die Ohren und berührte mit Spei-
chel seine Zunge und sah auf gen Himmel, seufzte
und sprach zu ihm: Hephatha! das ist: Tu dich auf!
Und alsbald taten sich seine Ohren auf, und das
Band seiner Zunge ward los, und er redete recht.
Und er gebot ihnen, sie solltens niemand sagen. Je
mehr er aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.
Und sie wunderten sich über die Maßen und spra-
chen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht
er hören und Sprachlose reden.

Das scheint ein schlichtes und leichtes Evangelium zu


sein, weil es nicht mehr tut, als daß es vom Wunder-
werk redet, welches der Herr hier am stummen und
tauben Menschen getan hat. Von diesem und derglei-
chen Wunderwerken hört ihr das Jahr über oft, daß
Christus sich damit gezeigt und es habe sehen lassen,
daß er der Heiland sei, der uns gegen des Teufels
Zorn helfen und beistehen wolle. Deshalb sollen wir
unserem lieben Herrgott billig danken, daß er sich un-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5676 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 3

seres Jammers angenommen und seinen Sohn, unse-


ren Herrn Jesus Christus, gesandt hat, der diesem
armen Menschen geholfen und uns auch gnädig gehü-
tet hat, daß wir mit dergleichen Plage vom bösen
Feind nicht auch heimgesucht sind. Denn dafür soll es
ein jeder Mensch halten: wenn er gesunde Augen,
Ohren, Hände, Füße und andere Gliedmaßen hat, daß
das nicht ein natürliches, zufälliges Wachstum sei,
wie die Welt es ansieht, sondern es sind lauter Gaben
Gottes. Weil die Welt das aber nicht glaubt, sondern
für eine natürliche, gewöhnliche Sache hält, weil es so
allgemein ist, deshalb muß Gott es zuweilen gesche-
hen lassen, daß der Teufel da einen stumm und taub,
dort einen blind macht oder wohl gar tötet, auf daß je-
dermann lerne, Gott habe es dem Teufel erlaubt, und
Gott desto fleißiger dafür danke, daß er uns so gnädig
vor solchem Unheil bewahrt.
Es ist des Teufels Werk, daß er die Leiber tötet, die
Herzen durch irrige, falsche Lehre verblendet, daß sie
die Wahrheit nicht sehen noch annehmen können.
Alle Gotteswerke aber sind gut, denn Gott ist gut und
schafft nichts, als was gut ist. Der Teufel aber ist
böse, deshalb richtet er, wo Gott es ihm zuläßt, nichts
Gutes an, und was verletzt wird, das tut der Teufel.
Nun ist es aber schrecklich, daß der arge, böse,
mächtige Feind so viel Jammer anrichten soll. Dage-
gen tröstet uns das heutige Evangelium mit dem Be-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5677 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 4

richt über eine sichere Hilfe gegen solchen Feind;


denn da sehen wir, wie 1. Joh. 3, 8 sagt, daß »der
Sohn Gottes dazu erschienen ist, daß er die Werke des
Teufels zerstöre«. Denn weil der Teufel deshalb ins
Paradies gekommen ist, daß er unserem Herrgott sein
Werk zerbrechen und aus den heiligen, frommen
Menschen Adam und Eva ungehorsame, böse Men-
schen machen wollte, deshalb macht Gott wieder ganz
und besser, was der Teufel zerbrochen hat, zerbricht
dem Teufel auch sein Werk, die Sünde, den Tod und
Hölle. Er macht auch, wie wir hier sehen, die Zunge
wieder los, die der Teufel gebunden hat, und tut die
Ohren auf, die er verstopft hatte. Dies Werk auszu-
richten, ist Christus gekommen und treibt es für und
für unter seinen Christen, wie ihr jetzt hören werdet.
Das sei dem Text nach von dem Wunderzeichen
und Werk unseres Herrn Christus gesagt, mit dem er
sich heute erzeigt hat, daß er ein Helfer der geplagten
Menschen sei und alle Gebrechen heilen wolle, die
der Teufel auf uns geladen hat, und ihn von uns hin-
wegjagen wolle.
Der Herr will aber mit diesem Wunderwerk uns
auch das anzeigen, wie diese zwei Stücke einem Chri-
sten besonders zugehören, daß ihm die Ohren aufge-
tan und die Zunge gelöset werde, und daß er dies
Werk täglich in seiner Kirche geistlich wider den
Teufel üben wolle. Die leibliche Wohltat, daß er ge-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5678 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 5

sunde Ohren und Zunge gibt, läßt er auch den Heiden


widerfahren. Aber bei den Christen allein geschieht
diese geistliche Wohltat, daß er ihnen die Ohren öff-
net und die Zunge löst. Denn das ist ja sicher, daß wir
alle unsere Seligkeit allein durch das Wort Gottes
haben. Was wüßten wir sonst von Gott, vom Herrn
Christus und seinem Opfer und vom Heiligen Geist?
Darum ist dies noch heutigen Tages das größte Wun-
derwerk und die höchste Wohltat, wenn Gott ein sol-
ches Ohr gibt, das sein Wort gern hört, und eine
Zunge, die Gott ehrt und nicht lästert.
Unsere Widersacher sind tausendmal elender als
dieser Stumme und Taube hier. Denn sie haben taube-
re und verstopftere Ohren. Wenn sie gleich Gottes
Wort hören, so können und wollen sie es dennoch
nicht hören, ebenso wie wir es an den ungläubigen
Juden sehen: wenn unser lieber Herr Christus die
schönsten Predigten über die Vergebung der Sünden
und das ewige Leben hielt, wurden sie toll und tö-
richt, wollten es nicht allein nicht hören, sondern lä-
sterten noch dazu. So sind noch heute alle, die Gottes
Wort nicht hören wollen, taub und stumm und viel
gefährlicher als dieser arme Mensch hier. Denn sie
können mit ihrer Zunge nicht anders, als Gott lästern
und von seinem Wort, dem höchsten Schatz, auch das
Ärgste reden. Die aber Gottes Wort gern hören und
zu denen Christus wie hier zum Stummen sagt: »He-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5679 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 6

phatha«, Ohr, du sollst offen stehen!, die sind es,


denen recht geholfen ist wider den Teufel. Denn Gott
hat uns keinen anderen Weg gewiesen, darauf wir
zum Himmel gehen können, als sein liebes Wort, das
heilige Evangelium. Wer das gern hört, mit Fleiß
merkt und Lust und Liebe daran hat, dem ist geholfen.
Das ist das eine Wunderwerk, welches noch täglich in
der Christenheit zugeht, daß unsere Ohren, welche der
Teufel durch die Sünde verstopft hat, durch das Wort
wieder aufgetan werden, daß wir Gottes Wort hören.
Das andere ist, daß er auch die Zunge anrührt und
uns reden macht, wie Paulus (Rom. 10, 10) sagt:
»Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht,
und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man
gerettet.« Durch den Glauben an Christus kommen
wir zur Vergebung der Sünden; danach soll auch das
Bekenntnis folgen, daß wir nicht stumm seien, son-
dern reden, wie wirs im Herzen glauben. Das macht
alsdann einen Christen, alle anderen Werke machen
keinen Christen.
Das mag wohl sein: ein Mönch fastet und wacht
und tut seinem Leibe weher als ein Christ. Aber da-
durch kann er kein Christ werden, denn es mangelt
ihm daran, daß er noch taub und stumm ist. Das Wort
will er nicht hören, viel weniger bekennen. Ein Christ
aber, der hört es und glaubt es und bekennt es danach:
diese zwei Stücke machen einen Christen vollständig.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5680 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 7

Unser lieber Herr Christus übt solche Werke so noch


täglich in seiner Kirche im Geist und durch das Wort.
Dort hat er dieses Werk deshalb leiblich getan, damit
er zeigte, wie er uns gegen allen Schaden, den der
Teufel uns zufügt, besonders aber gegen den geistli-
chen Schaden helfen könnte und wollte, auf daß wir
an ihn glauben und unsere Hoffnung auf ihn setzen
lernen.
Nun müssen wir auch sehen, was der Herr mit den
besonderen äußeren Umständen hier meint. Das Volk
bringt den armen Menschen zu ihm und bittet, er
wolle ihm die Hände auflegen. So fährt er zu, führt
ihn abseits vom Volk, legt ihm die Finger in die
Ohren und berührt seine Zunge mit Speichel. Danach
sieht er auf gen Himmel, seufzt und sagt: »Hepha-
tha!« Das alles ist eine besondere Gebärde, die der
Herr insbesondere bei diesem Wunderwerk gebraucht.
Weil wir nun gehört haben, was es sei, recht stumm
und taub sein, müssen wir auch sehen, warum der
Herr hier bei diesem Wunderwerk eine besondere Ze-
remonie hat brauchen wollen, obwohl er doch solch
Werk mit einem einzigen Wort hätte ausrichten kön-
nen. Denn wir sehen überall im Evangelium, daß es
nur um ein Wort zu tun ist; wenn er etwas haben will,
so geschieht es, wie der Psalm 33, 9 bezeugt: »Wenn
er spricht, so geschiehts; wenn er gebietet, so stehts
da.«
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5681 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 8

Aber der Herr macht hier so viel Wesens um des


geistlichen Wunderwerks willen. Denn er will damit
anzeigen, wie es so viel Mühe kostet, bis man einen
Tauben hörend und einen Stummen redend macht. La-
zarus weckt er mit einem Wort auf. Zum Gichtbrüchi-
gen sagt er: »Stehe auf und wandele«, da war ihm
schon geholfen. Aber mit diesem Tauben und Stum-
men geht er so kurz und einfach nicht um, sondern ge-
braucht eine besondere Gebärde, daß er ihm mit den
Fingern in die Ohren greift, seufzt und dann erst sagt:
»Tue dich auf«. Das geschieht, um uns damit anzuzei-
gen: wenn wir von des Teufels Banden los werden
und eine rüstige Zunge und zuverlässige Ohren be-
kommen wollen, so müsse es durch das äußerliche
Wort, d.h. das Predigtamt, und durch äußere Zeichen
geschehen. Denn das Wort müssen wir zuerst hören
und danach Taufe und Sakrament nicht dahinten las-
sen, so will alsdann der Heilige Geist dabei sein,
Ohren und Zunge frei machen.
Deshalb soll man sich vor denen hüten, die das äu-
ßerliche Wort und Sakrament verachten und warten,
bis Gott mit ihnen in ihrem Herzen rede. Nein, sagt
Christus, da ist mein Finger, das äußere Wort, das
muß in den Ohren erschallen; da ist mein Speichel,
der muß die Zunge berühren und befeuchten, dann
wird mein Werk recht und rüstig vonstatten gehen.
Wie man sieht: wo das äußere Wort recht geht, da fin-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5682 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 9

det man gewiß Christen, wo es nicht recht geht, da


findet man keine; denn wie der Hirt ist, so sind die
Schafe.
Darum sei jedermann darauf bedacht, daß er sich
auf dieser Bahn finden lasse und Gottes Wort gern
höre. Denn Gott will sich ohne das Wort in deinem
Herzen nicht offenbaren. Sollst du ihn sehen und er-
kennen, so muß es allein durch das Wort und die äu-
ßeren Sakramente geschehen. Sonst will der Heilige
Geist sein Werk nicht tun, wie Gott uns vom Himmel
herab lehrt, da er (Luk. 9, 35) sagt: »Das ist mein
auserwählter Sohn, den sollt ihr hören«, und Christus
ebenso seinen Jüngern (Mark. 16, 15; Matth. 28, 19)
befiehlt: »Gehet hin in alle Welt, lehret und taufet alle
Völker«; ebenso (Luk. 10, 16): »Wer euch hört, der
hört mich.« Da hat unser lieber Herr Christus befoh-
len, man solle den Mund auftun, den Menschen das
Evangelium predigen und sie taufen. Das ist die rech-
te Weise, auf die wir selig werden müssen, sonst ist
alles vergebens und verloren. »Wer euch hört«, sagt
er, »der hört mich«.
Nach dem Predigtamt hat Gott auch Vater und
Mutter im Hause geordnet; die sind nicht um ihretwil-
len allein da, sondern sie sitzen an Gottes Statt. Die
sollst du auch hören, soviel es das äußerliche Leben
und all dein Tun und Lassen gegen andere betrifft,
und wissen, wenn du dies hörst, so hörst du Gott;
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5683 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 10

außer wenn sie ihr Amt mißbrauchen, wider Gott und


sein Wort etwas reden, heißen oder gebieten wollten,
da soll man sie nicht hören. Denn man muß »Gott
mehr gehorchen als den Menschen«. Und wie gemel-
det, sollst du zuerst Gott in der Kirche durch seine
Diener hören, danach zuallererst die Menschen wie
Vater und Mutter; was die dir ihres Amtes halber
sagen, das sagt dir Gott. Darum sei darauf bedacht,
daß du es annehmest und ihnen folgest. Nun ist es ja
wahr: unser keiner ist, der nicht denkt, er wollte hun-
dert Meilen Weges zu einer solchen Kirche laufen, wo
unser Herrgott selbst redete und predigte, denn jeder-
mann würde die Stimme hören wollen. Aber unser
Herrgott sagt: Ich will dirs wohl näher machen, daß
du nicht so weit danach zu laufen brauchst; höre dei-
nen Pfarrer, deinen Vater und Mutter, so hast du mich
gehört. Denn sie sind meine Jünger und Amtsleute;
wenn du sie hörst, so hörst du mich.
Das ist das Zeremoniell, das Christus mit diesem
stummen und tauben Menschen veranstaltet, um anzu-
zeigen, daß er unsere Zungen nicht lösen, unsere
Ohren nicht öffnen, den Glauben nicht in unser Herz
geben will ohne die äußere Predigt und das mündliche
Wort und äußere Sakramente. Darum sind Vater und
Mutter, Pfarrer und Prediger unseres Herrgotts Finger,
Diener und Speichel, mit denen er unsere Zungen löst
und unser Ohren öffnet. Wenn du die hörst, so will
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5684 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 11

dir Gott in dein Herz sagen, wie diesem Tauben: »He-


phatha!«, daß deine Ohren sich auftun und deine
Zunge frei sein soll und du fortan ein hörender und re-
dender Mensch seiest, nicht mehr taub und stumm wie
zuvor.
Darum laßt uns dieses Wunderwerk gut und mit
Fleiß merken und lernen, daß wir durch das Wort und
Bekenntnis rechte Christen werden. Denn das kann
durch nichts anderes geschehen als durch das Wort,
das der Pfarrer und Prediger in der Kirche, Vater und
Mutter im Hause treibt. Durch diesen Finger und
Speichel schafft Christus für und für in seiner Chri-
stenheit, daß der Tauben Ohren geöffnet und die
Sprachlosen redend werden. Deshalb sollen wir uns
umso fleißiger zum Wort halten, weil das der nächste
und sicherste Weg ist, daß unsere Ohren aufgetan und
unsere Zungen gelöst und wir selig werden. Das ver-
leihe uns unser lieber Herr und Heiland Jesus Chri-
stus, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5685 Zwölfter Sonntag nach Trinitatis. Mark. 7, 31-37 12

Editorische Bemerkung

Die HP bringt (wie Dietrich) die Hauspredigt von


1533. Als Vorlage hat gedient die WA 37, 134-136
abgedruckte Nachschrift Rörers (acht seiner Nach-
schriften zum Text sind erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5686 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 1

Martin Luther

Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 10, 23-37

[HP 340–343;
WA 37, 136–140]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5687 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 2

Und er wandte sich zu seinen Jüngern besonders


und sprach: Selig sind die Augen, die da sehen, was
ihr sehet. Denn ich sage euch: Viele Propheten und
Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben es
nicht gesehen, und hören, was ihr höret, und haben
es nicht gehört.
Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, ver-
suchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun,
daß ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu
ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liesest
du? Er antwortete und sprach: »Du sollst Gott, dei-
nen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer
Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte
und deinen Nächsten wie dich selbst.« Er aber
sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tue das,
so wirst du leben.
Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und
sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da
antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch,
der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel
unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen
ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen.
Es begab sich aber von ungefähr, daß ein Priester
dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er
vorüber. Desgleichen auch ein Levit; da er kam zu
der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. Ein Samari-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5688 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 3

ter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah,


jammerte ihn sein, ging zu ihm, goß Öl und Wein
auf seine Wunden und verband sie ihm und hob ihn
auf sein Tier und führte ihn in eine Herberge und
pflegte sein. Des anderen Tages zog er heraus zwei
Silbergroschen und gab sie dem Wirte und sprach
zu ihm: Pflege sein und so du was mehr wirst dar-
tun, will ich dirs bezahlen, wenn ich wiederkomme.
Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der
Nächste sei gewesen dem, der unter die Räuber ge-
fallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an
ihm tut. Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin und
tue desgleichen.

Das ist ein langes Evangelium, darum wollen wir ein


oder zwei Stücke daraus nehmen, daß wirs merken
und uns daraus bessern können. Das erste Stück ist,
daß der Herr Christus hier sein Wort, das heilige
Evangelium, sehr hoch preist und zu seinen Jüngern
besonders sagt: »Selig sind die Augen, die da sehen,
was ihr sehet. Denn ich sage euch: viele Propheten
und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben
es nicht gesehen, und hören, was ihr höret, und haben
es nicht gehöret.« Damit zeigt er den Jammer an, den
wir jetzt auf Erden sehen, daß in der Welt keine ver-
achtetere Sache ist als das liebe Evangelium. Alle an-
dere falsche Lehre, des Teufels Lügen und Ketzerei
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5689 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 4

kann die Welt hören und dulden; aber das Evange-


lium will sie weder hören noch sehen, sondern lästert
es und verfolgt es aufs höchste, fügt denen das ge-
brannte Herzeleid zu, die es predigen und hören. In
Summa, es ist der Welt Fußabtreter; Fürsten und Her-
ren verfolgen es, böse Buben schänden es und lästern
es, wie denn der Beispiele leider mehr als zuviel in
ganz Deutschland und in vielen anderen Reichen vor
Augen sind. Das sieht der Herr, tröstet seine Jünger
deswegen und sagt: Die Welt schilt und lästert mein
Evangelium, aber wer die Gnade hat, daß er es haben
und hören kann, der hat ja selige Ohren und soll Gott
von Herzen dafür danken, daß er dazu gekommen ist
und das für köstlich halten kann, was die Welt so sehr
verachtet und haßt. Denn es ist bestimmt wahr, daß
ihr seliger seid als David und alle anderen Könige.
Denn das ist aller Propheten und Könige höchstes
Verlangen gewesen, daß sie diese Zeit erlebt und
mich gesehen und gehört hätten, aber es hat ihnen
nicht zuteil werden können. Ihr habt es, darum danket
Gott dafür, daß euch so große Seligkeit widerfahren
ist, daß ihr mich sehen und hören könnt.
Das ist das erste Stück, über das unser lieber Herr
Christus hier klagt, daß sein Gnadenwort, welches
Vergebung der Sünden und ewiges Leben verkündigt
und anbietet, mit so großer Sicherheit verachtet wird.
Das andere Stück ist, daß der Herr uns die Früchte
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5690 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 5

des Evangeliums vorhält, nämlich die guten Werke,


die folgen sollen, wenn man Gottes Wort gehört hat.
Das malt er ab mit einem feinen, schönen Beispiel
von dem, der von Jerusalem hinab gen Jericho zog
und unter die Mörder fiel.
Das ist das rechte Gemälde, in welchem fein abge-
malt wird, wer Christus sei, wie er uns liebhabe und
welches die rechten Früchte seines Wortes und derer
sind, die sein Wort und Evangelium gern hören, näm-
lich: daß sein Wort, wo es mit Ernst gehört und mit
Glauben angenommen wird, solche Menschen mahnt,
wie es der Samariter hier ist, mitleidige und barmher-
zige Menschen, die nicht sehen können, daß jemand
Not leidet. Das sind die rechten Heiligen.
Aber die anderen stolzen Heiligen, die viel und
Großes von sich selbst halten, haben natürlich keine
Barmherzigkeit mit den Armen, sondern sind harte,
greuliche Leute. Denn sie meinen, unser Herrgott sei
froh, daß sie ihm dienen, denken deshalb, sie brauch-
ten anderen Menschen nichts tun noch dienen, eben
wie der Priester hier tut. Der war des Amtes und der
Geburt halber heilig. Aber was sagt der Text von
ihm? Als er den armen verwundeten Menschen sah,
ging er vorüber. Das mögen ja heillose Heilige sein,
die da sehen, daß ihr Nächster Not leidet und ihm
wohl helfen könnten, es aber doch nicht tun. Worauf
verlassen sie sich anders, als daß sie meinen, sie seien
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5691 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 6

unserem Herrgott nichts schuldig? Wenn sie das Ge-


setz äußerlich nach dem Buchstaben gehalten und im
Tempel geopfert haben, wenn sie Messe gehalten und
gesungen haben, denken sie, sie hätten alles verrich-
tet. Die heißen Stockheilige und Steinheilige, ja des
Teufels Heilige, die sich dünken lassen, unser Herr-
gott sei ihnen alle Dinge schuldig und sie seien umge-
kehrt niemand etwas schuldig.
Gegen solche schändlichen Heiligen geht dies
Gleichnis hier. Denn der Herr hat auch so einen stol-
zen Heiligen, einen Schriftgelehrten, vor sich, der will
sich nicht allein sehen lassen, wie fromm er sei, son-
dern auch den Herrn Christus Lügen strafen und ein
besserer Lehrer sein, als er es ist. Er denkt so: O lie-
ber Jesus, wüßtest du, wie heilig ich bin, so würdest
du dich schämen, daß du den Mund vor mir auftätest.
Ich will dich eins fragen, sage mir: »Was muß ich tun,
daß ich das ewige Leben ererbe?« Jesus antwortet
ihm: Frage dich selbst danach. Was schreibt Mose im
Gesetz? Er antwortet: Ei, das weiß ich wohl: »Du
sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem
Gemüte und deinen Nächsten als dich selbst.« Jesus
sagt: Weißt du es, so tue es. Er antwortet: Ich habe es
getan, wer ist mein Nächster?, als wollte er sagen: Ich
weiß keinen Menschen, dem ich dienen soll; sie sind
mir etwas schuldig, ich bin ihnen nichts schuldig.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5692 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 7

Da schlägt ihn der Herr mit dem Gleichnis von dem


verwundeten Menschen und sagt: Ein Priester sah ihn
und ging vorüber, ein Levit desgleichen; die beiden
waren ebenso fromm wie du. Aber der Samariter
nahm sich des armen Menschen an. Sage nun, welcher
war des Verwundeten Nächster? Da antwortet der
Schriftgelehrte: »Der die Barmherzigkeit an ihm tat«;
er will den Samariter mit Namen nicht nennen, der
hoffärtige Tropf und Heuchler. Deshalb bringt ihm
der Herr heimlich eine gute Schlappe bei, als wollte er
sagen: du bist ein ebenso frommer Heiliger wie der
Priester und Levit, du hülfest deinem Nächsten nicht
mit einem Pfennig, wenn er jetzt auch sterben sollte,
und fragst noch, was du tun sollst, daß du das ewige
Leben ererbest? Hast du nicht arme Freunde, arme
Nachbarn, betrübte Menschen? Ist nicht Unglück,
Angst und Not genug da? Und du fragst erst, wer dein
Nächster sei?
Deshalb liegt alles daran, daß wir lernen, was es
heißt: Gott und den Nächsten lieben. Es ist schnell
gesagt: Ich habe Gott lieb. Man braucht ihm nicht viel
zu erklären, aber man würde dennoch fein sehen,
wenn er plötzlich da wäre, wer ihn liebhätte und
etwas für ihn wagte. Nun ist er aber nicht persönlich
da, daß man ihn sehen und ihm dienen könnte, wie
anderen Menschen, die mit und um uns sind.
Wenn man deshalb wissen will, wer Gott recht
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5693 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 8

liebe, so habe man Acht darauf, wie die Kinder Vater


und Mutter ehren, wie man seinen Berufspflichten
nachkommt, dann wird man spüren, wer Gott liebt
und wer ihn nicht liebt. Denn in bezug auf die Kinder
steht Gottes Befehl und Wort da: Du sollst Vater und
Mutter ehren. Ja, spricht Mönch oder Nonne, Vater
und Mutter laß ich fahren; es ist besser, daß ich dich,
Gott im Himmel, ehre und liebe. Nein, sagt Gott, ich
will, daß du Vater und Mutter ehrest. Da steht mein
Wort; willst du mich nun lieben und ehren, so ehre
und liebe deinen Vater und deine Mutter, das heißt
alsdann Gott geliebt.
Aber was geschieht? Der geistlose Haufe läßt diese
Liebe anstehen und sucht etwas Besseres. Die ande-
ren, die evangelisch sein wollen, gehen ihren Weg,
die Kinder wünschen, daß die Eltern schon tot und
unter der Erde wären, damit sie nur ihren Mutwillen
haben möchten. In anderen Ständen geht es auch so.
Eine Obrigkeit hat ihre Amtsleute, denen befiehlt sie,
daß sie recht und treulich ihrem befohlenem Amt vor-
stehen sollen. Fragst du sie nun, ob sie auch Gott
liebhaben, da wird ihrer keiner Nein sagen, sondern
werden alle rühmen: Ja, ich habe Gott lieb, warum
sollte ich Gott feind sein? Ja, Lieber, so sage an:
Warum bist du deiner Obrigkeit ungehorsam und un-
treu? Hättest du Gott von ganzem Herzen lieb, ja von
halbem Herzen, ja nur den zehnten Teil, so würdest
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5694 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 9

du deiner Obrigkeit viel fleißiger dienen.


Ebenso würden auch, wo Knechte, Mägde usw.
Gott liebhätten, sie seinem Wort folgen und gehorsam
sein, da er (Eph. 6, 5) sagt: »Ihr Knechte, seid gehor-
sam euern leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, in
Einfalt eures Herzens, als dem Herrn Christus; nicht
mit Dienst allein vor Augen, um den Menschen zu ge-
fallen, sondern als Knechte Christi.« Wo Eheleute
Gott liebhätten, würden sie sich desgleichen nach
Gottes Wort halten, da er (Eph. 5, 22) sagt: »Die
Frauen seien untertan ihren Männern als dem Herrn«,
ebenso (Kap. 5, 25): »Ihr Männer, liebet eure Frauen«
usw. und so fortan. Ein jeglicher würde in seinem
Stande mit der Tat beweisen, daß er Gott liebt. Aber
wie fein sie Gott lieben, das spürt man an ihren
Früchten. Denn ein jeder will seinen Mutwillen
haben, Gottes Liebe bleibe, wo sie wolle.
Deshalb ist die Welt nicht allein ohne Gottesliebe,
sondern sie ist auch voll Haß gegen Gott, so daß es
beinahe eher zu leiden wäre, daß sie ihn nicht liebhät-
te, wenn sie ihm nur nicht dazu noch feind wäre. O
nein, sagt jedermann, da behüte mich Gott vor, sollte
ich Gott feind sein? Ja, freilich bist du ihm feind.
Denn wenn du wider deinen Vater und Mutter, wider
deinen Vorgesetzten oder die Obrigkeit murrst und
nicht tust, was dir zu tun befohlen ist, so verachtest
du Gott, hassest ihn und bist ihm feind. Denn es ist
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5695 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 10

sein Befehl, daß du sie ehren, ihnen untertan und ge-


horsam sein sollst, ihnen treulich und fleißig in dei-
nem Beruf dienen usw. Diesem Befehl bist du feind,
den willst du nicht befolgen, magst ihn auch nicht
hören. Heißt denn das Gott geliebt? Es heißt Gott ge-
haßt.
So lieben Bürger und Bauern und böse Buben Gott
auch, wenn sie hören, daß es Gottes Befehl sei, sie
sollen nicht geizig sein, nicht zu teuer verkaufen, treu
im Handel sein usw. Je mehr man predigt, desto toller
und bissiger werden sie und tun es nur desto mehr zu
Trotz aus lauter Mutwillen. Die Amtsleute tun auch
so. Wenn sie der Pfarrer vermahnt und sagt: Das ist
Gottes Gebot, so antworten sie: Nun will ich es nicht
tun, gerade weil es der Pfaffe sagt; was geht es den
Pfaffen an, wie ich mein Amt führe? Sollte er mich
schulmeistern? Wohlan, geht es den sogenannten
Pfaffen nicht an, so geht es Gott an, der wird dir, ehe
du dichs versiehst, mit Pest, Teuerung, mit Feuer, mit
Wasser, mit Krieg, Plünderung und anderen Plagen
lohnen. Diese werden dir dein Geld ganz hinwegneh-
men und dir keinen Dank dazu wissen; womit du
sonst, wenn du ein Christ wärest, vor Gott und Men-
schen Gunst und Dank verdienen könntest, und an
Gut von Tag zu Tag mehr zunehmen würdest.
Darum laßt uns mit Fleiß lernen und gut merken,
was es heiße, Gott zu lieben. Dieser Samariter hat
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5696 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 11

Gott lieb, nicht deswegen, weil er Gott etwas gegeben


hätte, sondern weil er dem armen verwundeten Men-
schen hilft, soviel er kann.
Denn Gott sagt so: Willst du mich liebhaben und
mir dienen, so tue es deinem Nächsten, der bedarf
dessen, ich bedarf es nicht. Deshalb dient dieser Sa-
mariter hier mit dem, was er tut, unserem Herrgott im
Himmel. Nicht daß unser Herrgott dessen für seine
Person bedürfe oder er es unserem Herrgott tue, er tut
es seinem Nächsten. Es heißt aber deswegen Gott
getan und Gott damit gedient, weil es Gott so gehei-
ßen und befohlen hat.
Alles andere, womit die Welt Gott zu dienen ge-
denkt, hat er nicht befohlen. Er will, daß einer dem
andern dienen und helfen soll. Zu Rom brauchen wir
ihn nicht zu suchen, wir finden ihn daheim in unserem
eigenen Hause, an unserem Weib, Kind, Gesinde,
Vorgesetzten, Obrigkeit, ebenso in unseres Nachbarn
Haus, auf der Straße, auf dem Markt und allenthal-
ben. Das sollen wir tun, was wir jedermann zu
Freundschaft, Liebe und Dienst tun können, so will
Gott es dafür halten und rühmen, wir hätten es ihm
getan. Wie könnte er es uns näherlegen? Aber der
Teufel blendet die Welt, daß sie es nicht sehen kann,
was es da eigentlich heiße, Gott lieben und dem Teu-
fel feind sein.
Darum laßt uns danach trachten, daß wir es lernen.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5697 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 12

Dieser Samariter tut an dem armen Menschen, wie er


wollte, daß man seinem eigenen Leib getan hätte. Er
hätte begehrt, daß man ihn verbände, wenn er ver-
wundet gewesen wäre. Wie er nun sich selbst liebt, so
liebt er den armen Menschen und bringt dadurch das
Lob davon, daß er Gott und seinen Nächsten geliebt
habe. So sollen wir auch tun. Denn diese Frucht soll
bei den Christen folgen, die Gottes Wort haben.
Wenn sie nicht folgt, so sind es falsche Christen, wie
dieser Priester und Levit, die sind Stockheilige, ja
Teufelsheilige. Denn wer an seinem Nächsten vor-
übergeht, der geht auch an Gott vorüber. Lasset uns
uns hüten vor der Welt Exempel, die beiden, Gott und
dem Nächsten, feind ist. Denn Gott ist mehr als die
böse Welt, böse Fürsten, böse Amtsleute, böse Bür-
ger und Bauern. Wer Gott liebt und seinen Nächsten,
dem wird es nicht unbelohnt bleiben. Wer Gott nicht
liebt, das ist, seinem Nächsten in seiner Not nicht
nach Gottes Befehl zu Hilfe kommt noch beisteht,
sondern vorübergeht und sich seiner Not nicht an-
nimmt, dem wird es nicht unvergolten bleiben. Der
liebe Gott helfe uns dazu, daß wir ihn lieben mögen,
durch Jesus Christus, unseren Herrn, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5698 Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 10, 23-37 13

Editorische Bemerkung

Die HP bietet zwei Predigten, hier die erste davon


(nach der WA 37, 136-140 gedruckten Nachschrift
Rörers, von denen insgesamt siebzehn Nachschriften
zum Text erhalten sind). Die Predigt ist 1533 im
Hause gehalten.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5699 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 1

Martin Luther

Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 17, 11-19

[HP 347–349;
WA 37, 146–148]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5700 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 2

Und es begab sich, da er reiste nach Jerusalem, zog


er zwischen Samarien und Galiläa hin. Und als er in
ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Män-
ner, die standen von ferne und erhoben ihre Stimme
und sprachen: Jesu, lieber Meister, erbarme dich
unser! Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Gehet
hin und zeiget euch den Priestern! Und es geschah,
da sie hingingen, wurden sie rein. Einer aber unter
ihnen, da er sah, daß er gesund geworden war,
kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und
fiel auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte
ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwor-
tete und sprach: Sind ihrer nicht zehn rein gewor-
den? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner
gefunden, der wieder umkehrte und gäbe Gott die
Ehre, denn dieser Fremdling? Und er sprach zu
ihm: Stehe auf, gehe hin; dein Glaube hat dir gehol-
fen.

In diesem Evangelium hört ihr zum Schluß, wie der


Herr den Glauben preist. Denn daß diese zehn Aus-
sätzigen gesund geworden sind, führt er auf ihren
Glauben zurück und nicht auf sich selbst. »Dein
Glaube«, sagt er zum Samariter, »hat dir geholfen«.
Er sagt nicht: Ich habe dir geholfen, sondern gibt die
Ehre dem Glauben. Er will uns damit reizen, daß wir
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5701 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 3

solchem Vorbild nach Gott auch mutig und mit gan-


zer Zuversicht glauben und sicher sein sollen, daß wir
durch Christus haben sollen, was wir glauben. Glau-
ben wir durch Christus Vergebung der Sünden und
ein ewiges Leben, so soll es uns gegeben sein. Glau-
ben wir, daß Gott uns um Christi willen gnädig und
barmherzig sei, so will er gnädig und barmherzig
sein. So soll es also alles dem Glauben zugeeignet
werden, nicht Gott, der es doch allein tut; auf daß je-
dermann lerne, wo wir etwas nicht erlangen, was wir
doch gern hätten, dessen wir bedürften, daß das nicht
an Gott liege, sondern allein an unserem Unglauben.
Sonst, wo wir fest glaubten, würden wir es gewiß
haben.
So ist nun das die erste Lehre aus dem heutigen
Evangelium, daß wir wissen sollen, es soll alles gege-
ben sein, was wir uns zu Gott versehen und trösten
können. Wer aber Gott nicht glauben und sich nicht
Gutes von ihm versehen will, der denke nur nicht, daß
er etwas kriegen werde. Es ist, wie der Jakobusbrief
im 1. Kapitel sagt: Wer mit Gott zu tun haben und
etwas von ihm erbitten will, der darf nicht zweifeln
noch wanken und sagen: Wer weiß, ob es mir Gott
geben will oder ob ich es wert bin? Nein, beileibe
nicht! Sondern so sollst du sagen: Ich weiß, daß Gott
um Christi willen gern tun und geben will, was ich
von ihm erbitte. Und ob er es schon jetzt auf diese
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5702 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 4

Weise nicht tut, wie ich es gern hätte, so wird er es


auf eine andere Zeit und Weise tun.
Denn ein wankelmütiges Herz, das nicht glaubt,
noch für sicher hält, daß es etwas erlangen werde, er-
langt sicher nichts. Denn unser Herrgott kann ihm
nichts geben, wenn er gleich gern wollte. Es ist damit
wie mit einem Gefäß, das man in Händen hält und
will es doch nicht stillhalten, sondern bewegt es
immer hin und her, da wird man nichts eingießen kön-
nen. Und wenn man schon gern etwas eingießen woll-
te, so läuft es doch daneben und kommt um. So ist es
um ein ungläubiges, wankendes Herz auch beschaf-
fen. Gott wollte gern geben, was wir bedürfen; aber
da stehen wir wie ein toller Bettler: wir halten den
Hut auf, daß er uns etwas dreinwerfe, und schütteln
den Hut doch ohne Unterlaß und wollen nicht stillhal-
ten. Unser Herrgott will seine Gaben auch nicht so
vergebens hinschütten, daß sie nebenhin fallen und
verloren sein sollen. Wenn du eine Kanne oder Fla-
sche in den Händen hättest und begehrtest, man sollte
dir Wein dreingießen, und wolltest mit der Hand
immer hin- und herschlenkern: das würde einen sehr
unwilligen Wirt machen, besonders wenn er dir den
Wein schenken und kein Geld von dir nehmen wollte.
Er würde sagen: Immer trolle dich, meinst du denn,
ich wolle den Wein auf die Erde gießen? Ebenso ein
Ding ist es um ein wankendes, ungläubiges Herz, da
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5703 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 5

kann Gott nicht eingießen, wenn er gleich gern wollte.


Wo man nicht wankt, sondern fein stillhält, da will
er umgekehrt gern geben, wie wir hier an den zehn
Aussätzigen sehen. Die stehen still und schreien:
»Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!« Sie halten
fein still und zweifeln gar nicht daran, er werde hel-
fen; deshalb geschieht ihnen auch, wie sie glauben.
Das sollen wir gut merken, auf daß wir auch lernen,
auf Gottes Güte fest zu trauen und mit dem Herzen
nicht zu wanken, sondern fein stillzuhalten in allem,
was wir erbitten, es sei Gesundheit bei Krankheit,
oder Nahrung bei Armut, oder Gerechtigkeit ange-
sichts Ungerechtigkeit und Sünde, oder das Leben an-
gesichts des Todes. Denn Gott will das alles gern
geben, nur daß er es zuweilen verzögert, um uns so zu
versuchen, ob wir mit dem Gebet und Glauben auch
anhalten wollen. Das ist das erste Stück aus dem heu-
tigen Evangelium, daß wir in festem Glauben beten
und an Gottes gnädigem Willen durch Christus nicht
zweifeln sollen.
Das zweite Stück ist ein sehr schreckliches Exem-
pel, daß ihrer zehn so einen feinen Glauben haben
und gesund werden und nur einer von ihnen diese
Wohltat erkennt und dem Herrn Christus dafür dankt.
Die anderen neun fallen wieder ab und sagen Christus
solcher Wohltat halber keinen Dank. Solch Exempel
soll uns dazu dienen, daß wir dankbar sein lernen und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5704 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 6

uns vor dem schändlichen Laster der Undankbarkeit


hüten. Denn unser Herrgott will, und nicht unbillig,
die Ehre haben, daß wir ihm für alle seine Wohltat
danken sollen.
Das sollten wir auch gern und willig tun. Denn es
ist ja eine Sache, die nicht viel Mühe und Arbeit ko-
stet. Was kann es dir doch schaden, daß du dich zu
Gott kehrest und sagest: Ach Herr, du hast mir gesun-
de Augen, gesunde Hände und Füße, dies und anderes
gegeben, ich danke dir von Herzen dafür, denn es ist
ja deine Gabe. Was kann es dir ebenso schaden, daß
du deinem Vater und Mutter, deinem Freunde usw.
dankst, wenn dir eine Wohltat von ihm widerfahren
ist? Bricht es dir doch kein Bein, es ist allein darum
zu tun, daß du es bekennest und mit deiner Danksa-
gung bezeugest, daß man sehe, ob es bei dir auch gut
angelegt sei. So tut der Samariter hier, kehrt um zum
Herrn und dankt. Das hat ihn weder Heller noch Pfen-
nig, sondern wenige Worte gekostet, und gefällt doch
dem Herrn so gut, daß es zu verwundern ist.
Den Menschen gefällt Dankbarkeit auch gut und
tut ihnen wohl; sie werden auch dadurch angereizt,
daß sie ein andermal mehr helfen. Die Heiden haben
gesagt: Der Undank sei das größte Laster; wenn man
einen undankbar schelte, so habe man ihn deshalb auf
das höchste gescholten. Gleichwohl erfahren wir, daß
solche Untugend sehr verbreitet ist und denen am
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5705 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 7

meisten begegnet, die allen Dank an uns verdient


haben, als da sind Vater und Mutter, die an ihre Kin-
der Leib und Leben wagen, Ehre und Gut und was sie
haben. Aber wie lohnen ihnen die Kinder? Was erle-
ben sie an ihnen? Selten gerät es, daß ein Kind dank-
bar ist, fast alle Kinder werden undankbar und sähen
es gern, daß die Eltern nur bald stürben. Das macht
der leidige Teufel. In anderen Ständen geht es auch so
zu.
Deshalb lerne, dich zu hüten vor dem großen und
schändlichen Laster, durch das, wie man sagt, die
Quelle aller Treue und Güte der Menschen versiegt.
Und das ist auch die lautere Wahrheit. Denn die Men-
schen sind zu schwach und können die Undankbarkeit
nicht ertragen. Wo man ein undankbares Herz findet,
da vergeht Lust und Liebe, daß man ferner helfen und
solchen Menschen etwas zugute tun sollte. Wer ande-
ren Menschen helfen soll und ist kein Christ und soll
keinen anderen Dank dafür bekommen, als daß man
ihn dafür beschmutze: das ist eine sehr verdrießliche
Sache. Da ist das erste Wort, daß man sagt: Es ist
alles mit dem heillosen Menschen verloren, laß ihn
immer in des Teufels Namen hinfahren, ich wollte ihn
nicht ansehen, daß ich ihm mit einem Heller hülfe. So
werden die Menschen unwillig. Das richtet der
schändliche Undank an, und er ist doch in der Welt
ein sehr allgemeines Laster.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5706 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 8

Darum lehrt dies Exempel, wenn wir fromme Chri-


sten sein wollen, daß wir lernen dankbar zu sein, zu-
erst Gott, unserem gnädigen Vater im Himmel, der
Leib und Leben schenkt und erhält, danach auch alles
gibt, was zum ewigen Leben gehört. Danach sollen
wir auch lernen, dankbar zu sein gegen unsere Eltern,
Freunde und Nachbarn, die uns Gutes bewiesen,
Wohltat erzeigt, geraten oder geholfen haben, daß wir
es anerkennen und dafür danken, ob wir es schon
nicht wiedervergelten können. Das steht uns gut an
und Gott will es von uns haben, aber der geringste
Teil tut es. Man kann es bei der Welt nicht erreichen,
daß sie sich wenigstens mit Worten dankbar erzeigte,
viel weniger wird man die Menschen zum Wiederver-
gelten bringen.
Das dritte Stück in diesem Evangelium ist ein fei-
nes Vorbild, daß Christus sich durch die Undankbar-
keit der neun Aussätzigen, die gereinigt wurden, nicht
abschrecken läßt, anderen Menschen Gutes zu tun.
Sondern er hat Geduld und läßt sich daran genügen,
daß der Zehnte kommt und ihm danksagt. Da sollen
wir lernen, nicht allein dankbar zu sein, sondern uns
auch an die Tugend zu gewöhnen, die den Undank lei-
den kann. Diese Tugend hat niemand als Gott und die
rechten Christen, die Welt hat sie nicht. Denn da sind
Beispiele genug vor Augen, die da bezeugen, daß die
Welt Undank nicht leiden kann. Die Griechen haben
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5707 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 9

sehr feine Leute gehabt, die dem Vaterland treulich


beigestanden und Leib und Leben daran gewagt
haben. Aber sobald sie fanden, daß der Dank ausblieb
und sie von solcher Wohltat nichts hatten, sondern
man ihnen noch zusetzen und sie bedrücken wollte,
wurden sie deswegen ungeduldig, so daß sie, gleich-
wie sie zuvor das Vaterland gegen die Feinde ge-
schützt hatten, danach den Feinden gegen das Vater-
land halfen und seine ärgsten Feinde wurden.
Das ist unsere Art und Natur, aber es ist eine böse
Art, die wir von uns abtun sollen. Wer ein Christ sein
will, der sei ganz darauf gefaßt, daß er mit aller seiner
Wohltat, Treue und Dienst Undank verdienen werde,
und hüte sich davor, daß er sich dadurch bewegen las-
sen und anderen nicht mehr dienen noch helfen wollte.
Denn das ist eine christliche Tugend und rechte
Frucht des Glaubens, daß, wenn du dein Bestes getan
hast und man dich zum Lohn dafür beschmutzt, du
Geduld habest und sagest: Nein, damit sollst du mich
nicht erzürnen noch unlustig machen. Ich will es lei-
den und dennoch helfen, wo ich kann. Willst du un-
dankbar sein? Ich weiß einen über uns im Himmel,
der wird mir an deiner Stelle danken, das soll mir lie-
ber sein, als wenn du mir dankst. Das heißt sich
christlich halten und, wie es Sprüche Salomos 25, 22
nennt, feurige Kohlen auf des Undankbaren Haupt
sammeln.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5708 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 10

Diese Kunst wirst du von der Welt nimmermehr


lernen. Sie tut das Gegenteil. Will man nicht dankbar
sein, so läßt sie sich dünken, was sie getan habe, das
sei hin und verloren, sie wolle hinfort ihre Wohltat
nicht so übel anlegen. Aber unser Vater im Himmel
und unser lieber Herr Jesus Christus ist es, von dem
wir solche Kunst lernen sollen. Der Vater im Himmel
läßt seine Sonne scheinen nicht allein über die From-
men, die ihm dafür danken, sondern auch über die
Bösen, die ihm nicht danken, sondern alle Gaben
mißbrauchen. Er könnte von Rechts wegen auch
sagen: Ich habe die Sonne so viele Jahre scheinen las-
sen, Korn, Wein und allerlei Früchte und Wohltat ge-
geben, aber ich verdiene geringen Dank. Deshalb will
ich die Sonne nicht mehr scheinen und die undank-
bare Welt Hungers sterben lassen. Aber er tut es
nicht, der gnädige Vater. Nein, sagt er, so groß soll
der Welt Undank nicht sein, daß sie mich damit böse
machen sollte; will sie nicht dankbar sein, so will ich
dennoch gütig sein und die Undankbaren zu seiner
Zeit wohl deswegen finden.
Unser lieber Herr Christus tut auch so und duldet
die Undankbarkeit, wie man in diesem Evangelium
sieht. So soll ein Christ auch tun. Denn das ist der
christlichen Liebe Art, daß sie alles trägt und duldet,
auch den Undank, und sich dennoch nicht bitter ma-
chen läßt. Aber sehr wenige sind ihrer, die solche
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5709 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 11

Liebe haben, deshalb sind auch sehr wenige rechte


Christen. Wollen wir nun in der Welt leben und den-
noch Christen sein, so sollen wir lernen, daß wir den
Menschen gern Gutes tun und helfen. Verdienen wir
damit Undank, so sollen wir uns das nicht verdrießen
noch seltsam dünken lassen, wie die Welt. Der tut es
wehe und es verdrießt sie sehr, wo die Wohltat nicht
vergolten wird, aber du denke und gewöhne dich
daran. Hast du heute einem Gutes getan und er ent-
läuft dir durch den Undank morgen, laß dichs nicht
anfechten, Gott wird ihn wohl finden, daß er bezahlt
werde. Du fahre fort und sage: Ich habe an dem meine
Wohltat verloren, nur einen anderen her und dem auch
wohlgetan; entläuft mir der auch, so laß den dritten
herkommen, und so fort, auf daß du sagen lernest, wie
unser Herr Christus hier sagt: »Sind ihrer nicht zehn
rein geworden? Wo sind aber die neun?«
Der liebe Herr verdient auch wenig Dank. Aber er
läßt sich daran genügen, daß doch einer von den zehn
wiederkommt, der die erzeigte Wohltat erkennt und
ihm dankt. Er fragt aber gleichwohl nach den anderen
und sagt: »Wo sind die neun?«, auf daß sie nicht den-
ken, sie haben recht getan. Es ist, als wollte er sagen:
Warte, wollt ihr undankbar sein, ihr werdet mir so
nicht entgehen, ich will einmal danach fragen, wo ihr
geblieben seid, daß ihr mir nicht einmal dafür gedankt
habt, daß ich euch geholfen habe. So wird er zu seiner
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5710 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 12

Zeit alle Undankbaren fragen: Warum habt ihr nicht


die herrliche Gabe und das schöne Licht der Sonne er-
kannt? Warum habt ihr nicht erkannt, daß ich euch
Leib und Leben gegeben und alles geschaffen habe,
was euch vonnöten ist? Da wird sichs denn finden,
was für eine schändliche Untugend der Undank sei.
So haben wir nun aus dem heutigen Evangelium
diese drei Lehren: die erste vom Glauben, die andere
von der schönen Tugend, die da Dankbarkeit heißt,
die dritte von der Tugend, daß wir den Undank leiden.
Ein Beispiel des Glaubens sollen wir auch an den
Aussätzigen nehmen, daß wir stillhalten und nicht im
Glauben wanken, auf daß uns Gott geben könne. Die
Dankbarkeit sollen wir vom Samariter lernen und uns
nach seinem Vorbild halten, daß wir nicht gegen Gott
und die Menschen undankbar erfunden werden. Von
Christus aber sollen wir lernen, daß wir keinen Dank
verdienen und unsere Wohltat verloren ist, wenn wir
gleich jemand wohltun und es übel angelegt wird, daß
wir uns darüber nicht ärgern, viel weniger andere dies
entgelten lassen. Unser lieber Herrgott gebe seine
Gnade, daß wir es behalten und uns bessern, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5711 Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 17, 11-19 13

Editorische Bemerkung

Von neun Nachschriften Rörers benutzt die HP die


WA 37, 146-148 abgedruckte (Hauspredigt 1533) als
Vorlage (wie Dietrich, an den sie sich anscheinend
anlehnt).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5712 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 1

Martin Luther

Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis


Matth. 6, 24-34

[HP 353–356;
WA 37, 530–533]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5713 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 2

Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er


wird den einen hassen und den andern lieben, oder
er wird dem einen anhangen und den andern ver-
achten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mam-
mon. Darum sage ich euch: Sorget nicht um euer
Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht
um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht
das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr
als die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Him-
mel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln
nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater
nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine
Spanne zusetzen kann, ob er gleich darum sorget?
Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die
Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten
nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß
auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht be-
kleidet gewesen ist wie derselben eine. So denn Gott
das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute
steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte
er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubi-
gen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was
werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit
werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trach-
ten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5714 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 3

daß ihr des alles bedürfet. Trachtet am ersten nach


dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so
wird euch solches alles zufallen. Darum sorget nicht
für den andern Morgen, denn der morgende Tag
wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeg-
licher Tag seine eigene Plage habe.

Dies ist ein reiches Evangelium und eine lange Pre-


digt wider den Geiz. Dem ist unser Herr Christus be-
sonders feind. Denn es ist sonst kein Laster, welches
das Evangelium mehr hindert und den Christen mehr
Schaden tut als der Geiz. Und es ist dennoch so allge-
mein, daß die ganze Welt darin ersoffen ist, wie wir
sehen. Denn jedermanns größte Sorge ist Tag und
Nacht, wie er ernährt werden solle. Und das fördert
den Geiz besonders, daß keiner sich an dem genügen
läßt, was ihm Gott gönnt und gegeben hat. Alle wol-
len sie mehr haben und höher fahren. Wem Gott ein
schönes Haus beschert hat, der wollte gern ein Schloß
haben; hat er ein Schloß, so wollte er gern ein Dorf
dazu haben und so fort, daß sich niemand genügen
läßt, jedermann wollte gern höher kommen und mehr
haben. Wo der Geiz und Stolz nicht wäre, hätten wir
sonst alle genug und würde kein solch Sorgen, Zu-
sammenscharren und -kratzen unter den Menschen
sein.
Solchem unchristlichen Wesen wollte der Herr gern
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5715 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 4

mit dieser Predigt wehren. Er macht es deshalb sehr


heftig und sagt: »Niemand kann zwei Herren dienen:
entweder er wird einen hassen und den anderen lie-
ben« usw. Er nennt die zwei Herren: der eine heißt
Gott, das ist der rechte Herr, dem wir zu dienen schul-
dig sind, der andere Herr heißt Mammon, das ist nicht
der rechte Herr, darum will er, daß wir ihm nicht die-
nen sollen.
Was es aber heiße, dem Mammon dienen, erklärt er
auch, nämlich: für das Leben sorgen, was man essen
und trinken werde, und für den Leib sorgen, was man
anziehen werde. Er richtet die ganze Predigt dahin,
daß wir solche Sorge ganz fallen lassen sollen. Denn
sie ist nicht allein eine vergebliche Sorge, deren wir
nicht bedürfen und mit der wir nichts ausrichten kön-
nen, sondern solche Sorge hindert auch den rechten
Gottesdienst. Deshalb soll man sich davor hüten und
sich dahin gewöhnen, daß man Gott diene und des
sich zu ihm versehe: er wisse, wessen wir bedürfen, er
wolle es uns auch schaffen und gern geben, wenn wirs
nur bei ihm suchen.
Zu solchem Vertrauen haben wir eine große Hilfe
dadurch, daß wir sehen, daß Gott uns bereits, ohne
unsere Vorsorge, Leib und Leben gegeben hat. Da laß
nun alle Welt darüber urteilen. Ist es nicht wahr,
wenn gleich alles Essen auf einem Haufen da wäre,
nichts wäre dir so lieb wie dein Leben? Ebenso ist
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5716 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 5

dein Leib dir lieber als alle Kleidung. Sind wir denn
nicht heillose, undankbare Leute, über die Gott billig
zürnen sollte? Wir müssen bekennen, daß er uns das
Meiste und Größte bereits gegeben hat, und wollen
ihm nicht trauen, daß er auch das Geringere geben
werde? Es sollte ja einem reichen Mann wehe tun,
wenn er dir tausend Gulden geschenkt hätte, daß du
ihm nicht so viel vertrauen wolltest, daß er dir auch
ein altes Paar Schuhe schenken würde. Ebenso tun
wir in Wahrheit gegen unseren Herrgott im Himmel,
wenn wir für Essen und Trinken sorgen, sintemal er
bereits das Größte und Meiste geschenkt hat. Wie
ihm aber solches Mißtrauen gefalle, darüber mögen
wir nachdenken.
Deshalb sagt Christus: Wollt ihr Christen sein, so
habt Gott in eurem Herzen, laßt ihn für Essen, Trin-
ken und Kleidung sorgen, er will euer Vater sein. Hat
er euch das Leben und den Leib gegeben, so wird er
euch auch Speise und Kleider geben. Geizt nur nicht,
sorgt nicht, verzweifelt nicht so an ihm. Hat er sich
nicht bereits genug erzeigt? Er hat euch Leib und
Leben gegeben, alles habt ihr von ihm; danach gibt er
täglich Fleisch, Fisch, Vögel, Brot, Wein, Gold, Sil-
ber usw. Das alles ist euer. Was soll er mehr tun? Hat
er sich nicht genug erzeigt, daß ihr ihm vertrauen
dürftet? Er will euch nichts mangeln lassen, glaubt
nur, daß es wahr sei und daß er euer Gott und Vater
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5717 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 6

sein wolle.
Solches alles dient dazu, daß wir Gott vertrauen
lernen, so daß wir an den geringen Dingen, welche
zur Nahrung dieses Lebens und zur Kleidung des Lei-
bes gehören, unserem Herrgott auch das Größere zu
befehlen anfangen. Denn wenn wir nicht glauben, daß
uns Gott den Brotkasten füllen und den Leib beklei-
den werde, wie wollen wir ihm unsere Seele befehlen,
wenn wir nun sterben sollen? Da sehen wir weder
Haus noch Herberge, da ist weder Korn noch Rock,
da ist weder Speise noch Kleidung, sondern wir müs-
sen allein glauben und uns auf das bloße Wort erge-
ben und so im Glauben dahinfahren. Wie wollen wir
Gott nun diese hohen Dinge vertrauen, die das ewige
Leben betreffen, wenn wir ihm den Bauch nicht ver-
trauen können?
Gleich wie wir nun an uns selbst, an unserem Leib
und Leben, an Augen, Ohren, Händen, Füßen und
allen unseren Gliedmaßen lernen und bekennen müs-
sen, Gott habe uns viel gegeben und Gutes getan, so
stellt der Herr uns das Beispiel anderer Kreaturen vor
Augen, daß wir an ihnen lernen sollen, Gott zu ver-
trauen und nicht zu sorgen. »Sehet die Vögel unter
dem Himmel an«, so sagt er, »und lernet von ihnen.«
Es ist kein Rabe, der da für die Nahrung sorge, was er
morgen essen werde. Sondern er setzt sich des Nachts
in das Nest, des Morgens flieget er aus und findet zu
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5718 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 7

essen, wo es ihm Gott hingelegt hat. Desgleichen tun


alle Vögel, sie finden allesamt genug zu essen, ohne
alle ihre Sorge. Wenn nun euer himmlischer Vater die
Vögel ernährt, sollte er denn euch nicht auch ernäh-
ren? Seid ihr nicht viel mehr als die Vögel?
Damit verbietet aber Christus nicht, daß man arbei-
ten solle. Denn auch die Vögel haben ihre Arbeit,
wenn sie auch nicht säen, nicht ernten, nicht in die
Scheuern sammeln, noch solche Arbeit wie die Men-
schen tun. Sie müssen die Flügel ausbreiten und nach
ihrem Essen suchen. So sollen wir auch arbeiten.
Denn das ist dem Menschen von Gott auferlegt, wie
1. Mose 3, 19 geschrieben stehet: »Im Schweiße dei-
nes Angesichts sollst du dein Brot essen«, und 2.
Thess. 3, 10: »Wenn jemand nicht will arbeiten, der
soll auch nicht essen«. Aber das Sorgen ist verboten,
daß die Menschen denken, Gott habe sie vergessen,
und meinen, sie müssen es mit ihrem Sorgen ausrich-
ten. Etliche wollen Gott auch nicht in ihrem großen
Überfluß vertrauen, wenn sie alles genug haben. Das
ist verboten, denn wir sind doch lauter Narren mit un-
serem Sorgen. Soll das Korn auf dem Felde geraten,
so muß es Gott allein geben, unser Sorgen wird es
nicht ausrichten. Denn was können wir dazu tun?
Man sieht es und begreift es, daß es alles in Gottes
Händen steht, der muß es tun. Aber wir sind verzwei-
felte Leute, lernen nicht glauben, sondern setzen an
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5719 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 8

die Stelle des Glaubens die Sorge. Die ganze Welt ist
ein Haufe verzweifelter Geizhälse, die Gott nicht trau-
en, Gott nicht dienen, sondern dem Teufel. Denn der
Mammon ist der Gott der Welt. Mammon heißt Be-
sitz. Nun sucht alle Welt am Besitz nicht, daß sie
davon essen und trinken (welches jedermann voll ge-
gönnet wäre), sondern daß sie nur viel Geld und den
Mammon im Kasten haben und ihn anbeten. Deshalb
ist die Welt voller Mammonsdiener. Nun sage mir, ist
es nicht wahr? Wenn du auf diese Weise schon das
Haus voll Geld hättest, und das Haus wäre dazu gol-
den, und in Elbe oder Rhein flösse Gold, was könnte
dir das helfen, wenn sonst nichts da wäre, kein Korn,
kein Bier, kein Wein, kein Wasser? Ei, wie fein hast
du alsdann dem Mammon gedienet! Du wirst ja das
Gold nicht fressen können.
Das kann ja doch ein schändlicher Mammonsdienst
heißen, über den die Heiden gespottet und eine Fabel
von einem reichen König in Phrygien, Midas genannt,
gemacht haben. Der war so geizig, daß er wünschte,
daß alles, was er anrührte, zu Gold würde. Der
Wunsch wurde ihm erfüllt. Da er nun seinen Rock,
Tisch, Bank, Bett, Tür, Säulen erfaßte, wurde so-
gleich alles golden; das Messer, der Tisch, das Brot,
der Wein, alles wurde Gold, so daß der Geizhals kein
Brot und Trinken hatte und Hungers sterben mußte:
da hatte er gut gewünscht! Darum fluche dem Geiz
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5720 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 9

und fliehe ihn, wer da kann.


Christus sagt weiter: Was richtet ihr damit aus,
wenn ihr euch schon zu Tode sorgt? Eine sehr närri-
sche Sache wäre es, wenn ein kleines Männlein sich
in einen Winkel setzen und da sein Lebtag sorgen und
daran denken wollte, wie es größer werden könnte.
Meinst du nicht, alle Welt würde seiner spotten und
ihn für einen vollständigen Narren halten? Genauso,
sagt Christus, tut die Welt, wenn sie sorgt. Es wird
sich keiner reich oder satt sorgen. Es liegt ganz und
gar daran, ob Gott seinen Segen gebe, und nicht am
Sorgen. Ist der Segen Gottes da, so hat man es; ist er
nicht da, so wird man es doch nicht genießen noch be-
halten können, wenn man es auch hat, wie die Bei-
spiele dafür vor Augen sind.
Wer nun ein Christ ist, der lasse sich von Geiz und
Sorge nicht überwältigen, sondern lerne Gott vertrau-
en, er arbeite und lasse Gott sorgen. Denn wir sollen
arbeiten und es uns sauer werden lassen, jedoch sollen
wir wissen, daß es unsere Arbeit nicht tut. Wir sollen
den Acker pflügen, säen, wird es reif, sollen wir ern-
ten; dennoch sollen wir bekennen und sagen: Wo es
Gott nicht gegeben hätte, so wäre all unsere Arbeit
umsonst gewesen, lieber Herrgott, es ist deine Gabe.
So gebe man Gott die Ehre, erkenne seinen Segen und
danke ihm dafür.
Danach setzt uns Christus die Blümlein auf dem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5721 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 10

Felde zum Beispiel und sagt: Die Blümlein auf dem


Felde arbeiten nicht, sie spinnen nicht, sie nähen
nicht, dennoch haben sie so schöne Röcklein, daß sie
alle Seidensticker mit all ihrer Kunst zu Schanden
machen. Das laßt euch zum Beispiel gesagt sein. Weil
Gott die Blümlein so schmückt, welche doch kaum
auf einen Tag und schier vergebens auf dem Felde ste-
hen: wie seid ihr denn so heillose Leute, daß ihr nicht
glaubt, Gott werde euch auch ernähren und Kleider
schaffen, sondern meint, er habe euer ganz vergessen?
Zuletzt redet er gar betrüblich und sagt: »Nach sol-
chem allen trachten die Heiden.« Nun sollt ihr aber
nicht Heiden, sondern Christen sein. »Darum sollt ihr
nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was
werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?«
Die Heiden verzweifeln an Gott, stecken voll Sorge,
meinen nicht, daß Gott ihnen etwas geben werde. Ihr
aber habt einen Vater im Himmel, der weiß, wessen
ihr bedürft. Darum braucht ihr nicht sorgen, sondern
laßt euren Vater im Himmel für euch sorgen.
Er beschließt diese Predigt so und sagt: »Trachtet
am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Ge-
rechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen«; als
wollte er sagen: der Mammon läßt es nicht zu, daß ihr
Gott vertraut. Darum muß an Gott verzweifeln und
sein Vertrauen auf Geld und Gut setzen, wer des
Mammons Diener ist. Nun weiß aber euer himmli-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5722 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 11

scher Vater wohl, daß ihr essen und trinken und euch
kleiden müßt; darum hat er auch das Herz zu euch,
daß er es euch geben will. Deshalb laßt die Sorge für
den morgigen Tag anstehen (denn dafür braucht ihr
nicht zu sorgen, weil euer himmlischer Vater dafür
sorgt) und trachtet am ersten nach Gottes Reich und
nach seiner Gerechtigkeit, daß Gott in euch regiere.
Was aber Gottes Reich sei und worin es bestehe,
lehrt Christus anderswo, Luk. 17, 20 f.: »Das Reich
Gottes kommt nicht so, daß mans mit Augen sehen
kann. Man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder:
da! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter
euch.« Darum heißt Gottes Reich nichts anderes, als
Gottes Wort hören und dem glauben. Alsdann regiert
Gott in uns, wenn wir an ihm nicht verzweifeln, son-
dern ihm von Herzen vertrauen und ihn für unseren
Gott und Vater halten. Wo solcher Glaube ist, da
wohnt Gott und folgt alsbald die Gerechtigkeit, das
ist: Vergebung der Sünden. Ein gläubiges Herz denkt
an Gott, redet von ihm, betet zu ihm. Und umgekehrt:
Gott wohnt daselbst, das Wort, das wir reden und
hören, ist Gottes Wort, die Zunge ist Gottes Zunge,
die Ohren sind Gottes Ohren. Darum ist Gottes Reich
der Glaube. Denn wo ein gläubiges Herz ist, da ist
Gottes Reich. Die Werke folgen hernach, daß solcher
Mensch in seinem Beruf dahingeht, arbeitet, ißt,
trinkt, ist fröhlich und guter Dinge, wie ein Vöglein.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5723 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 12

So geht Gottes Reich und seine Gerechtigkeit an.


Das laßt eure erste Sorge sein, sagt Christus, daß
ihr nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtig-
keit trachtet. Das ist: Sorget zuerst, wie ihr gläubig
werdet und Gott in euch regiere; wenn ihr das habt, so
will euch Gott den Bauch nicht leer lassen. Er hat
euch zu Herren über alles gemacht, was auf Erden
wächst. Die Erde soll euch genug geben: Korn, Wei-
zen, Gerste, Hafer, Wein und was ihr bedürft. Die
Luft soll euch Vögel, das Wasser Fische geben.
Glaubt nur, daß euer himmlischer Vater euch versor-
gen werde. Werdet ihr aber ungläubig sein, so sollt
ihr nichts haben.
So reizt uns unser lieber Herr Jesus Christus in die-
sem Evangelium mit schönen Bildern und Beispielen,
daß wir Gott vertrauen lernen, und verheißt uns, Gott
werde uns genug geben, wenn wir ihm nur vertrauen
und arbeiten.
Und zwar hat Gott es schon bewiesen und beweist
es noch alle Tage, daß er uns ernähren wolle. Denn
was er auf Erden, in der Luft, im Wasser täglich be-
schert und gibt, das beschert und gibt er uns Men-
schen; denn die Engel bedürfen solches alles nichts.
Himmel und Erde ist voll, dennoch sind wir so heil-
lose Leute, daß wir Gott nicht vertrauen können.
Besonders sollen wir merken, daß er sagt: »Ihr
könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Niemand
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5724 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 13

kann zwei Herren dienen.« Entweder ihr werdet den


Mammon hassen müssen und Gott lieben, oder ihr
werdet Gott hassen und den Mammon lieben, von den
zweien muß eins sein. Denn das Bett ist kurz, so daß
nichts übrig ist, und die Decke ist so schmal, daß man
sich dareinschmiegen muß, wie Jes. 28, 20 geschrie-
ben steht. Gott und Mammon können nicht miteinan-
der in einem Herzen liegen, es muß einer herausfallen,
entweder Gott oder der Mammon.
Das sei aus dem heutigen Evangelium zur War-
nung gesagt, daß wir glauben lernen und uns vor dem
Geiz und Mammonsdienst hüten. Unser lieber Herr-
gott gebe durch Christus seinen Heiligen Geist, daß
wir uns durch ihn bessern und frömmer werden,
Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5725 Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 6, 24-34 14

Editorische Bemerkung

Wieder hat Dietrich die Predigten zweier Jahre (dies-


mal die Hauspredigten von 1532 und 1534) zu einer
zusammengefügt, die HP bietet beide getrennt nach
den Nachschriften Rörers (im ganzen sind zehn erhal-
ten), hier die von 1534 (= WA 37, 530-533).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5726 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 1

Martin Luther

Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 7, 11-17

[HP 357–359;
WA 36, 327–329]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5727 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 2

Und es begab sich danach, daß er in eine Stadt mit


Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm
und viel Volks. Als er aber nahe an das Stadttor
kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der
einzige Sohn war seiner Mutter, und sie war eine
Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr.
Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben,
und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu
und rührte den Sarg an, und die Träger standen.
Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf!
Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden,
und er gab ihn seiner Mutter. Und es kam sie alle
eine Furcht an, und sie priesen Gott und sprachen:
Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden,
und: Gott hat sein Volk heimgesucht. Und diese
Rede über ihn erscholl in das ganze jüdische Land
und in alle umliegenden Länder.

Aus diesem Evangelium sollen wir zwei Stücke ler-


nen: das erste vom Glauben, daß wir unseren Herrn
Christus an seinen Werken erkennen und an ihn glau-
ben sollen, das andere von christlicher Barmherzig-
keit und Mitleiden, das wir untereinander haben sol-
len.
Vom ersten Stück: Der Evangelist Lukas sagt am
Ende dieses Evangeliums, wie alles Volk, da es gese-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5728 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 3

hen hat, daß Christus den Jüngling von den Toten


auferweckt, sich gefürchtet und Gott gepriesen habe.
Und diese Rede sei von ihm in das ganze jüdische
Land und in alle umliegenden Länder erschollen. Das
ist ein Exempel, daß wir Gottes Wort und Wunder
hochhalten und preisen sollen. Die Werke unseres
Herrn Jesus Christus sollen wir anders und höher an-
sehen als der Menschen Werke. Denn um dieser Ursa-
che willen sind sie uns auch berichtet, daß wir an die-
sen Werken erkennen sollen, was er für ein Herr sei,
nämlich solcher Herr und Gott, der helfen kann, wo
sonst niemand zu helfen vermag. Kein Mensch ist so
hoch oder so tief gefallen, dem er nicht aushelfen
könne, es sei auch die Not, wie sie wolle.
Das hat er an dieser armen Witwe genugsam be-
wiesen. Denn mit der hat es nicht gut ärger werden
können. Erstens ist sie eine verlassene Witwe, was
bereits Elend genug ist. Denn eine Witwe ist sonst in
der Welt geplagt genug und hat Leid genug, so daß
man sie nicht weiter betrüben darf, wie die Schrift be-
zeugt. Danach kommt zu diesem Elend noch ein ande-
res Leid, daß ihr einziger Sohn von ihr genommen
wird, so daß er stirbt, und so gestorben ist, daß man
ihn nun hinaustragen und begraben will. Da ist keine
Hoffnung des Lebens mehr vorhanden; und wenn man
schon die ganze Welt zu Rat nähme, so ist doch
weder Hilfe noch Rat da. Der beste Rat ist, daß man
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5729 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 4

ihn zum Friedhof tragen lasse, ins Grab lege und es


zuschaufele; denn kein Doktor, kein König, kein Kai-
ser kann da helfen. Da läßt sich Christus sehen, was
er für ein Herr sei, und hilft der armen Witwe so, daß
ihr einziger Sohn, der schon im Sarge lag und vor das
Tor hinausgetragen war und jetzt ins Grab eingelegt
werden sollte, wieder lebendig wird und sie ihn mit
sich wieder in ihr Haus heimführt.
Solche und dergleichen von Christus getane Werke
sollen dazu dienen, daß wir lernen, einen großen Mut
und ein unerschrockenes Herz in Krankheit, Pest, To-
desgefahr und in allerlei Nöten zu haben. Wenn alle
Welt sagt und sagen muß: Nun ist es verloren; daß
ein Christ allwege sage: Es ist nicht verloren, Gott
lebt noch, Christus sitzt zur Rechten Gottes und re-
giert noch. So preist der 112. Psalm den Gottesfürch-
tigen und Frommen die herzliche Zuversicht und
Trotz auf Gottes Gnade und Hilfe an, daß sie unver-
zagt und unerschrocken sind, und sagt Vers 7 und 8:
»Vor schlimmer Kunde fürchtet er sich nicht; sein
Herz hofft unverzagt auf den Herrn. Sein Herz ist ge-
trost und fürchtet sich nicht, bis er auf seine Feinde
herabsieht.«
Und was ist bei unserem Herrgott unmöglich, daß
wir es nicht getrost auf ihn wagen wollten? Er hat ja
aus Nichts Himmel und Erde und alles geschaffen, er
macht noch alle Jahre die Bäume voll Kirschen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5730 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 5

Pflaumen, Äpfel und Birnen und bedarf nichts dazu.


Gott ist der Mann, der alles zurechtbringen kann: der
da lebendig machen kann, was tot ist, und dem rufen,
was nicht ist, daß es sei. In Summa, es sei so tief ge-
fallen, wie es wolle, so ist es unserem Herrgott nicht
zu tief gefallen, daß er es nicht emporheben und auf-
richten könnte. Das ist notwendig, daß wir solche
Werke an Gott erkennen und wissen, daß ihm nichts
unmöglich ist, auf daß wir lernen, wenn es übel zu-
geht, auf seine Allmächtigkeit hin unerschrocken zu
sein, daß wir denken, es sei ein Helfer und Retter da,
der eine Hand habe, die allmächtig ist und helfen
könne. Das ist der rechte, wahrhaftige Glaube.
Das ist das erste Stück, das wir aus dem heutigen
Evangelium lernen sollen, nämlich unseren Herrgott
loben und preisen, der helfen kann, es sei die Not so
groß sie wolle, und daß wir an ihm nicht verzagen.
An uns selbst und an den Menschen soll und muß
man verzagen. Denn die Not ist oft so groß, daß kein
Mensch helfen kann, besonders ist der Tod zu mäch-
tig, daß ihm niemand, er sei Kaiser, König, reich oder
gewaltig, steuern kann. Aber an Gott soll man nicht
verzagen. Denn was ich und andere Menschen nicht
können und vermögen, das kann und vermag er. Kann
ich und andere Leute mir nicht helfen, so kann er mir
helfen und mich auch vom Tode erretten, wie es Ps.
68, 21 sagt: »Wir haben einen Gott, der da hilft, und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5731 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 6

den Herrn, der vom Tode errettet.« So sei unser Herz


immer keck und getrost und halte an Gott fest. Und
das sind die Herzen, die Gott recht dienen und ihn lie-
ben, die unverzagt und unerschrocken sind. Die ande-
ren, welche zagen und verzweifeln, lieben ihn nicht,
sondern sind ihm feind, ja, halten ihn nicht für Gott,
schlagen sein Wort und Werk in den Wind.
Das zweite Stück ist, daß wir vom Herrn Christus
lernen sollen barmherzig zu sein. Ihr habt oft und viel
gehört und hört noch täglich viel von der Liebe, daß
einer dem anderen dienen soll. Aber barmherzig sein
ist etwas mehr, nämlich daß man sich anderer Leute
Jammer und Elend annehme. Wenn ich z.B. einen
armen oder kranken Nachbarn habe, da soll ich ihm
nicht allein gern helfen, sondern sein Elend soll mich
auch jammern, als wäre es meine eigene Sache. Wie
wir hier am Herrn sehen, der ist ein fremder, unbe-
kannter Gast. Als er aber das Elend der Witwe sieht,
nimmt er sich dessen an, als wäre es sein eigener
Sohn, weint mit der Mutter, tröstet sie und hilft ihr.
Das ist auch das Vorbild der Liebe, welche auf den
Glauben folgen soll. Sie wird auch nicht ausbleiben,
sofern der Glaube rechtschaffen ist, auf daß wir nicht
tun wie die bösen, ruchlosen Menschen, Bauern und
Bürger, deren jetzt über die Maßen viele sind, auch
unter uns, die steinerne und eiserne Herzen haben. Sie
machen sich noch ein Gelächter daraus und freuen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5732 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 7

sich, wenn sie sehen, daß es ihren Nachbarn übel


geht; es tut ihnen wehe, daß jemand einen Pfennig
hat. Aber mit den Christen soll es so nicht sein: die
sollen sichs erbarmen lassen, wo sie Not sehen, und
fröhlich sein, wenn sie sehen, daß andere Leute
Essen, Trinken, Kleider, Schuhe haben und daß es
ihnen gut geht, wie Paulus Römer 12, 15 sagt, daß
man mit den Weinenden weinen und mit den Fröhli-
chen sich freuen soll. Ein Christ soll nicht ein Teu-
felskopf sein und wie die Klötze und Steine tun, die
sich über anderer Menschen Unglück freuen, guter
Dinge sind, wenn der Nächste darbt und Not leidet,
und sich umgekehrt betrüben, wenn es ihm gut geht.
Nun ist die Barmherzigkeit aber zweierlei, wie
denn die Not auch zweierlei ist: geistlich und leiblich.
In leiblichen Nöten soll man herzulaufen, helfen und
raten, womit man kann, wenn man sieht, daß der
Nächste der Kleidung und Wartung bedarf, nackt und
krank ist, das Kind möchte verderben, und arme Men-
schen können die Hilfe nicht entbehren und sich
selbst nicht helfen.
Geistliche Not heißt, wenn der Mensch an der
Seele Not leidet, wenn ich z.B. sehe, daß ein junger
Mensch daherwächst und nichts vom Evangelium ver-
steht, nicht beten kann, unzüchtig, ungehorsam und
voll Untugend ist. Wenn man einen solchen vermahnt
und, wo es nicht helfen will, mit ernsten Worten ta-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5733 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 8

delt, ja selbst Rute und Stock anwendet, daß der


Sünde und Unart zur rechten Zeit gewehret werde: das
heißt Barmherzigkeit geübt. Denn das ist eine große
Krankheit. Wo die Seele solche Untugend auf sich
hat, das ist weit gefährlicher und ärger, als wenn der
Leib krank ist. Alle Pest und Krankheit am Leibe ist
nicht so arg und schrecklich wie der Seele Untugend.
Deshalb ist man schuldig, einem solchen Menschen
Barmherzigkeit zu erweisen, wie man immer kann.
Ja, erwiderst du, es ist eine greuliche Barmherzig-
keit, die Rute anzuwenden. Antwort: Was soll man
tun? Wenns vonnöten ist, kann man es nicht umge-
hen. Müssen doch zuweilen die Ärzte ein Bein oder
Arm abnehmen, auf daß der Leib errettet werde. So ist
es hier auch. Denn solche Strafe nimmt man darum
vor, daß du fromm und vom Teufel und seinem Reich
befreit werdest. Ist es nicht wahr: wenn du in ein
Wasser fielest, würdest du es mir zugut halten und
noch dazu danken, daß ich dich bei dem Haar er-
wischte und dich festhielte, und nicht danach fragen,
daß dir das Haareraufen wehe täte? Denn es ist bes-
ser, in die Haare gegriffen als ertrinken lassen. Wenn
du das in leiblichen Nöten leiden kannst und es gern
leidest, daß man dir wehe tut, weil es dein Nutzen ist:
warum wolltest du denn nicht in geistlichen Nöten lei-
den, daß man dich straft, wenn du sündigst und Un-
recht tust, wo es nicht um das zeitliche Leben, son-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5734 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 9

dern um das ewige, und nicht um den Leib, sondern


um die Seele zu tun ist?
So ist es auch ein Werk der Barmherzigkeit, das
Gott belohnen will, daß man einen eichenen Butter-
wecken in die Hand nehme, wo böse Kinder im Hause
sind, und ihnen damit eine Butterbemme auf die Haut
streiche, daß sie davon weich werde. Das ist eine
geistliche Salbe wider die Krankheit der Seelen, die
da Ungehorsam gegen Vater und Mutter heißt. So ist
es nun ein Werk der Barmherzigkeit, wenn man den
Menschen ansieht in seinem Jammer und Elend und
ihm hilft.
Auf solche Barmherzigkeit sollen Pfarrer und Seel-
sorger in der Kirche mit ihren Pfarrkindern sehen,
Vater und Mutter im Hause mit den Kindern, die Ob-
rigkeit im Regiment mit den Untertanen und ein jeder
mit seinem Nächsten, wo es die Not und Liebe erfor-
dert. Und sie sollen sich ja hüten, daß sie in ihrem
Amt zu solcher Barmherzigkeit nicht unwillig noch
faul würden, wie doch für gewöhnlich geschieht.
Denn wer da so barmherzig sein wollte, daß er die
Sünde und das Unrecht nicht strafte, der würde eine
zwiefältige Unbarmherzigkeit seinem Nächsten be-
weisen und deshalb Gottes Zorn auf sich laden.
Deshalb merkt das Beispiel unseres lieben Herrn
Christus hier und lernt, was Barmherzigkeit sei, näm-
lich eine solche Tugend, die sich des Nächsten Jam-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5735 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 10

mer annimmt. Das sind die zwei Lehren aus dem heu-
tigen Evangelium: die eine Lehre vom Glauben: daß
wir unerschrocken sein sollen, wenn es übel zugeht
und besonders wenn wir sterben sollen, und denken,
daß wir am Herrn Christus so einen Helfer haben, der
eine Hand hat, die allmächtig ist. Deshalb soll man an
ihm nicht verzagen. An uns selbst und an den Men-
schen kann man verzagen, ja man muß wohl an ihnen
verzagen, denn dem Tode können sie nicht steuern, er
ist ihnen zu mächtig. Aber in Gott und seinem Sohn
Jesus Christus sollen wir mutig sein. Denn was wir
nicht können, das kann er, was wir nicht haben, das
hat er. Können wir uns nicht helfen, so kann er helfen,
und will es sehr gern und willig tun, wie man hier
sieht. Wo ein solches Herz ist, das getrost am Herrn
Christus festhält, das geht im rechten Dienst, der Gott
gefällt. Die anderen, die verzagen und verzweifeln,
die sind ihm feind und halten ihn für keinen Gott,
sonst würden sie sich trösten können. Die andere
Lehre ist, daß wir uns, wie Christus, unseres Näch-
sten Not annehmen und jammern lassen sollen, es sei
leiblich oder geistlich. Unser lieber Herr verleihe
seine Gnade, daß wir beides lernen und mit den from-
men Menschen hier im Evangelium den Herrn Chri-
stus um seiner Wohltat willen in Ewigkeit preisen
und uns unseres Nächsten erbarmen lassen, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5736 Sechzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 7, 11-17 11

Editorische Bemerkung

Dieselbe Situation wie beim vorigen Sonntag, hier die


erste Predigt der HP (Hauspredigt von 1532) nach der
»in genauem Anschluß an die Vorlage« wiedergege-
benen Nachschrift WA 36, 327-329 (zwölf Nach-
schriften Rörers sind erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5737 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 1

Martin Luther

Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis


Luk. 14, 1-11

[HP 364–367;
WA 37, 168–171]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5738 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 2

Und es begab sich, daß er kam in ein Haus eines


Obersten der Pharisäer an einem Sabbat, das Brot
zu essen; und sie lauerten ihm auf. Und siehe, da
war ein Mensch vor ihm, der war wassersüchtig.
Und Jesus hob an und sagte zu den Schriftgelehrten
und Pharisäern und sprach: Ists recht, am Sabbat
zu heilen oder nicht? Sie aber schwiegen stille. Und
er faßte ihn an und heilte ihn und ließ ihn gehen.
Und er sprach zu ihnen: Welcher ist unter euch, dem
sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen fällt, und
der nicht alsbald ihn herauszieht am Sabbattage?
Und sie konnten ihm darauf nicht Antwort geben.
Er sagte aber ein Gleichnis zu den Gästen, da er
merkte, wie sie suchten, obenan zu sitzen, und
sprach zu ihnen: Wenn du von jemand geladen wirst
zur Hochzeit, so setze dich nicht obenan, daß nicht
etwa ein Vornehmerer als du von ihm geladen sei,
und dann komme, der dich und ihn geladen hat, und
spreche zu dir: Weiche diesem! und du müssest dann
mit Scham untenan sitzen. Sondern wenn du geladen
wirst, so gehe hin und setze dich untenan, auf daß,
wenn da kommt, der dich geladen hat, er spreche zu
dir: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre
haben vor denen, die mit dir zu Tische sitzen. Denn
wer sich selbst, erhöht, der soll erniedrigt werden;
und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht wer-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5739 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 3

den.

Dies Evangelium hat zwei Stücke: Das erste ist der


Streit über den Sabbat; das andere ist, daß sich die
Pharisäer um das Obenansitzen drängen und deshalb
vom Herrn Christus getadelt werden.
Das erste Stück ist vom Sabbat. Der wurde von den
Juden hochgehalten, weil er in der ersten Tafel der
Zehn Gebote von Gott geboten ist. Deshalb wachten
sie so streng drüber, daß sie an ihm gar keine Arbeit
taten und auch am Sabbat nicht kochten. So waren
diese Schriftgelehrten und Pharisäer, von welchen das
heutige Evangelium berichtet, daß sie darüber murr-
ten, daß Christus einen kranken Menschen am Sabbat
gesundmachte.
Denen antwortet der Herr hier und sagt: »Welcher
ist unter euch, dem sein Sohn oder Ochse in den
Brunnen fällt, und der nicht alsbald ihn herauszieht
am Sabbattage?«, als wollte er sagen: O ihr Narren
und unverständigen Schriftgelehrten und Pharisäer,
seid ihr nicht unbehauene Klötze und grobe Narren?
Ihr helft den Ochsen am Sabbat und brecht doch den
Sabbat nicht. Wieviel besser aber ist ein Mensch als
ein Ochse oder Esel? Der Schade am Ochsen und
Esel, wenn man sie verderben läßt, ist ja nicht so groß
wie am Menschen, wenn ihm nicht geholfen wird.
Bleibt ihr nun heilig und brecht den Sabbat nicht,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5740 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 4

wenn ihr einem Ochsen am Sabbat helft: warum tadelt


ihr denn mich, daß ich einem Menschen helfe? Sollte
es nicht mehr sein, einem Menschen helfen als einem
Ochsen? Solche Narren seid ihr! Was ihr tut, das muß
heilig und recht getan sein; was aber ich tue, und
wenn es schon eben das ist, was ihr tut oder etwas
Besseres, als ihr tut, das muß unheilig und ungerecht
getan sein.
Und das ist die Natur und Art aller Werkheiligen
und Heuchler, die können nichts anderes, als andere
Leute schulmeistern und tadeln. Ihre beste Kunst ist,
den Splitter aus eines anderen Auge zu ziehen und des
Balkens in ihrem Auge nicht gewahr zu werden. Sol-
chen Splitterrichtern und Balkenträgern ist der Herr
feind. Es ist auch zumal ein verdrießliches und feind-
seliges Volk, welches allein sein Tun kostbar achtet
und hochhält, aber was andere Menschen tun, muß
alles stinken. In Summa, es sind Menschen, denen
nichts gefällt, als sie sich selbst allein. Das ist der
Streit über den Sabbat und die Strafe, mit welcher der
Herr Christus den jüdischen Narren, den Schriftge-
lehrten und Pharisäern das Maul verstopft.
Damit ist angezeigt, daß, wer den Sabbat heiligen
wolle, der müsse das mit Übung des Wortes Gottes
und mit heiligen, göttlichen Werken tun, z.B. wenn
man am Sabbat zur Kirche geht, Gottes Wort hört
und lernt, Gott dankt, lobt und betet und heilige
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5741 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 5

Werke tut. Davon wird der Sabbat heilig; denn Gottes


Wort ist das rechte Heiligtum, welches alles, was es
anrührt, heilig macht, wie 1. Tim. 4, 5 lehrt: »Alles
wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.«
Deshalb wird der Sabbat geheiligt durch Gottes Wort,
durch das Gebet, durch den Glauben usw.
So hat es Gott geordnet: sechs Tage hat er zur Ar-
beit bestimmt, daß die Menschen diese sechs Tage
über in der Woche mit der Arbeit ihre Nahrung su-
chen sollten. Aber den siebenten Tag bestimmte er
dafür, daß sie ihn heiligen sollten, und nennt ihn Sab-
battag, das ist Feiertag oder Ruhetag, da beide, Men-
schen und Vieh, von der Arbeit stillhalten und ruhen
mußten. Über das Feiern aber oder Ruhen hat er ge-
boten, daß sie den Sabbat oder Ruhetag mit Gottes
Wort heiligen sollen, daß sie Gott erkennen lernen
und das Gesetz hören usw. Daraus sieht man, wie
närrisch und tölpisch diese Schriftgelehrten und Pha-
risäer sind, daß sie am Sabbat nicht allein die äußerli-
chen Werke und die Handarbeit niederlegen und
ruhen, sondern auch dies ein Werk nennen, wodurch
der Sabbat unterbrochen würde, wenn man einen
Kranken gesundmacht, einem Armen hilft und dient,
dem Dürftigen Geld gibt usw. Diese Schriftgelehrten
und Pharisäer sind so dumm, daß sie sagen: Wenn
man am Sabbat einem armen Menschen in seinen
Nöten hilft, das sei den Sabbat verunheiligt und ge-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5742 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 6

brochen. Man sollte solche Werke vielmehr am Sab-


bat besonders treiben, nämlich von der Arbeit abste-
hen und den armen, bedürftigen Menschen helfen und
dienen. Die närrischen Juden hätten einen Menschen
eher Hungers sterben lassen, als daß sie ihm am Sab-
bat geholfen hätten; und doch halfen sie ihrem Ochsen
am Sabbat, wenn es die Not erforderte. Das ist ein
Hinweis, an dem wir merken sollen, was aus gelehr-
ten, geschickten und verständigen Leuten wird, wenn
man dahin gerät, daß man Gottes Wort nicht achtet.
So lerne nun ein jeder, was da heiße, den Sabbat
heiligen, nämlich Gottes Wort hören und lernen und
dem Nächsten helfen, wo er unserer Hilfe bedarf. Das
ist die erste Lehre aus dem heutigen Evangelium. Die
andere Lehre ist, daß man nicht hochfahrend sein
noch sich selbst erhöhen soll. Nun verdammt Christus
hier nicht die Stände und Ämter, daß einer höher ist
als der andere. Denn auf Erden muß solcher Unter-
schied sein und bleiben, daß einer größer und höher
ist als der andere: Vater und Mutter über die Kinder,
die Obrigkeit über die Untertanen, der Pfarrer über
die Zuhörer und Pfarrkinder, was das Amt und Wort
antrifft. Solchen Unterschied kann man in dieser Welt
nicht umgehen; denn die Stände und Ämter sind un-
gleich. Deshalb muß man solchen Unterschied und
Ungleichheit haben.
Was heißt denn »sich selbst erhöhen«? Christus,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5743 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 7

wie gesagt, verbietet nicht das Obenansitzen; denn es


müssen ja etliche sein, die da obenan sitzen, sintemal
sie bei dieser Ungleichheit der Stände und Ämter auf
Erden nicht alle unten sitzen können. So verbietet er
auch nicht, daß jemand erhöht ist, daß einer in der
Regierung, ein anderer ein Prediger ist; das ist ihnen
durchaus gegönnt. Aber das verderbt es, wenn man
sich selbst dazu drängt und sich niemand an seinem
Stande und Beruf genügen läßt. Das Erhöhen ist nicht
unrecht, wo es durch Gottes Ordnung und durch or-
dentliche Berufung und Wahl der Menschen ge-
schieht: aber sich selbst erhöhen, das ist unrecht,
wenn einer sich selbst obenan setzt und der Höchste
sein will, obenhinaus will und nirgends anhalten, wie
man es jetzt sieht. Das heißt sich selbst erhöhen, näm-
lich nicht durch Gottes Ordnung und Berufung der
Menschen emporkommen, sondern ohne göttliche
Ordnung und menschliche Berufung. Denn sein unru-
higes Herz ist da, das kann nicht ruhen noch zufrieden
sein, sondern will obenan sitzen. Solche Leute geben
vieles vor und wollen den Namen haben, als stiegen
sie deshalb empor, weil sie großen, trefflichen Nutzen
schaffen wollen. Aber wenn sie das erlangt haben und
emporgekommen sind, tun sie nichts mehr, als daß sie
ihren eigenen Nutzen schaffen, gute Tage, Ehre und
Wollust suchen. Nun aber legt man die Ämter nie-
mand auf, daß er allein seinen Nutzen, Ehre und Wol-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5744 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 8

lust davon haben solle, sondern daß er arbeite und an-


deren Menschen nützlich sei.
Es geht so zu, wie man täglich vor Augen sieht.
Ehe man hinaufkommt, ist jedermann lüstern, obenan
zu sitzen. Wenn man aber hinaufgekommen ist und
ein Amt hat und tun soll, was recht ist, so findet sichs
denn, was es sei, ein Amt zu haben und obenan zu sit-
zen. Denn wer da zu tun gedenkt, was recht ist und in
seinem Amt anderen nützlich zu sein, der wird der Ar-
beit soviel finden, daß er bald überdrüssig und müde
werden und zum wenigsten im Herzen denken wird,
sofern er es nicht mit dem Munde sagt: Ei, hat mich
denn der Teufel in dies Amt gebracht?
Ein junges Mädchen sieht die Schwierigkeiten im
Ehestand nicht, solange sie noch nicht verheiratet ist;
deshalb ist sie nicht zufrieden, sie komme denn in den
Ehestand und habe einen Mann. Desgleichen ist ein
junger Gesell nicht zufrieden, er habe denn ein Weib.
Wenn sie nun in den Ehestand gekommen sind, und
jene einen Mann und dieser ein Weib hat, so wären
sie lieber heraus und wieder frei. So läßt sich auch ein
einfacher Bürger an seinem Beruf nicht genügen, son-
dern denkt: Ei, daß ich auch ein Bürgermeister wer-
den sollte! Wenn es aber dazu gekommen ist, daß er
Bürgermeister geworden ist und Unlust, Mühe und
Arbeit haben soll, so spricht er: Gott gebe dem Amt
das höllische Feuer, wäre ich des Amtes wieder los.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5745 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 9

Das heißt Ämter haben. Denn Obenansitzen ist nicht


ein Freudenspiel und Tanz, sondern bringt soviel Ar-
beit und Unlust, daß wer vernünftig ist, nicht sehr da-
nach trachtet.
1. Tim. 3, 1 sagt: »Wenn jemand ein Bischofsamt
begehrt, der begehret ein köstlich Werk.« Es heißt
nicht: Der begehrt gute Tage oder ein köstliches
Leben, sondern: ein gutes, köstliches Werk. Denn es
ist gut, köstlich und lobenswert, wenn man den Men-
schen dienen will, wie Bischof, Prediger, Lehrer es
tun müssen, wollen sie ihrem Amt genug tun. Es ist
recht, sagt der 1. Timotheusbrief, wenn jemand be-
gehrt, den Menschen nützlich zu sein. Willst du allein
auf das Obenansitzen sehen, so suchst du allein das
Deine und bleibst ein fauler Schelm, der niemand von
Nutzen ist, sondern allein nach Gut, Ehre und Wol-
lust trachtet. Ei, Lieber, wer möchte das nicht, wenn
es recht wäre? So du aber zu einem Amt gerufen wirst
und sagst: Wohlan, soll ich das Amt haben, so ge-
schehe Gottes Wille; ich will meinen möglichen Fleiß
anwenden, will nicht feiern, sondern Amt und Beruf
treulich wahrnehmen, und tust es auch, das ist recht.
Aber die Welt bedenkt das nicht, sondern jeder-
mann will empor, daß er Ehre habe. Aber arbeiten
und dem Amt recht vorstehen mag niemand. Da geht
es oft so zu: sie sitzen oben, aber kaum drei oder vier
arbeiten, die anderen allesamt tun nichts, als daß sie
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5746 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 10

fressen, saufen, schwelgen usw. Dies sind Raupen im


Kohl und Fliegen in der Suppe, ein sehr nützliches,
liebliches Vieh. Desgleichen geschieht in anderen
Ständen auch. Deshalb soll sich ein jeder an seinem
Stande und Amt genügen lassen und Fleiß anwenden,
daß er darin den Menschen nützlich sei. Denn Gott
hat Lust und Gefallen an denen, die in ihrem Stande
bleiben und ihr Amt getreulich ausrichten. Ein junger
Geselle sei fleißig und studiere, bis unser Herrgott
komme, ihn emporziehe und zu ihm sage: Du hast
lang genug studiert, werde ein Lehrer oder ein Predi-
ger usw. Wenn solches von uns geschähe, so bliebe es
wohl dabei, daß ein jeder sagen würde: Ich begehre
keine Ehre, will mich aber unser Herrgott brauchen,
so will ich gern folgen und tun, was ich kann, Gott zu
Ehren und meinem Nächsten zum Nutzen.
Der Herr fällt ein Urteil über die, welche sich
selbst erhöhen, und tröstet die, welche sich selbst er-
niedrigen, und sagt: »Wer sich selbst erhöht, der soll
erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedriget, der
soll erhöht werden.« Das bedarf nicht vieler Beweise,
die öffentliche Erfahrung bezeugt es genug. Ich habe
selbst oft gesehen, daß die schändlich herunter gepur-
zelt sind, die zuvor hinaufgeklettert waren. Denn dies
Evangelium lügt nicht. Wer sich selbst groß machen
und seine Lust darin suchen will, dem soll es nicht ge-
lingen. Wer aber dazu berufen und gefördert wird und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5747 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 11

sich brauchen läßt, dem soll es gut geraten. Wenn die


Obrigkeit zu einem sagt: Sei du mein Ratgeber, so
soll er es tun, wenn er geschickt dazu ist. Aber sol-
ches erwählen und sich selbst eindrängen, das will
Gott nicht haben.
Ehre und Gewalt muß man in der Welt haben, und
da können wir nicht alle gleich sein. Obwohl es oft
geschieht, daß eine einzige Person durch alle Stände
steigt von unten an bis oben hinauf, bleiben die Stän-
de doch gleichwohl ungleich. Darum ist Obenansit-
zen, Ehre oder Gewalt haben nicht böse; aber sich
selbst hineindrängen ist böse, wenn man nicht Gott
und das Werk, sondern seine eigene Ehre und Nutzen
darin sucht, so daß alles allein meinem schändlichen
Herzen dienen soll. Ein Prediger soll nicht allein Ehre
haben, sondern auch arbeiten und die Ehre verdienen,
wie Petrus, Paulus und andere getan haben, sonst ist
kein Glück bei der Ehre. Jemand in der Regierung
soll nicht allein obenan sitzen, sondern auch seine
Untertanen schützen, Frieden im Lande erhalten,
Zwietracht aufheben usw. Wenn er aber nur banket-
tieren und schlemmen will, das heißt nicht gut regiert.
Ein solcher Regent ist wie ein böser Amtmann in
einem guten Amt.
In Summa: Ämter soll man nicht verwerfen, son-
dern man soll nicht eigene Ehre darin suchen. Die
sich aber selbst emporheben, auf daß sie Ehre haben,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5748 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 12

die stürzt unser Herrgott herab, wie er vielen Königen


und Fürsten getan hat. Die Juden hat Gott gestürzt.
Sie waren die Höchsten auf Erden, saßen obenan über
unseres Herrgotts Tisch, hatten Gottes Wort, waren
Gottes auserwähltes Volk; aber jetzt sitzen sie unten-
an. Denn Gott kann Hoffart nicht leiden. Er hat die
Stolzen von Anbeginn gestürzt und hat die Hoffart
auch oben im Himmel nicht leiden wollen, wie Luzi-
fers Exempel bezeugt.
Darum ist hoch sitzen nicht böse, aber sich selbst
erwählen, hoch zu sitzen, das ist böse. Wenn einer
z.B. nicht zu einem Lehrer oder Prediger taugt und
dennoch ein Doktor und Lehrer sein will, oder sonst
ein Schelm, der zu nichts taugt, hoch herfahren will
und nicht das Amt, sondern allein die Ehre und den
Nutzen sucht, der soll und muß herunter. Das sollen
wir recht unterscheiden. Hoch sein ist nicht böse, aber
hoch sein wollen und seine eigene Ehre und Nutzen
darin suchen, das ist böse. Unser lieber Herrgott gebe
uns seine Gnade und helfe uns, daß wir das behalten
und tun mögen, was recht ist, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5749 Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis. Luk. 14, 1-11 13

Editorische Bemerkung

Von den zwei Predigten der HP hier die zweite, die


Hauspredigt von 1533 (nicht bei Dietrich) nach der
WA 37, 168-171 gedruckten Nachschrift Rörers
(neun sind im ganzen erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5750 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 1

Martin Luther

Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis


Matth. 22, 34-46

[HP 371–373;
WA 37, 171–172]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5751 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 2

Da aber die Pharisäer hörten, daß er den Sadduzä-


ern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich.
Und einer unter ihnen, ein Schriftgelehrter, versuch-
te ihn und fragte: Meister, welches ist das vornehm-
ste Gebot im Gesetz? Jesus aber sprach zu ihm: »Du
sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Her-
zen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte« (5
Mos. 6, 5). Dies ist das vornehmste und größte
Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst
deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3 Mos. 19,
18). In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz
und die Propheten.
Da nun die Pharisäer beieinander waren, fragte
sie Jesus und sprach: Was denkt ihr von dem Chri-
stus? Wessen Sohn ist er? Sie sprachen: Davids. Er
sprach zu ihnen: Wie kann ihn dann David im Geist
einen Herrn nennen, wenn er sagt: »Der Herr hat
gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rech-
ten, bis daß ich lege deine Feinde unter deine
Füße?« So nun David ihn einen Herrn nennt, wie ist
er denn sein Sohn? Und niemand konnte ihm ein
Wort antworten, und wagte auch niemand von dem
Tage an, ihn hinfort zu fragen.
In dem heutigen Evangelium sind vornehmlich zwei
Stücke: das erste vom Schriftgelehrten, der da fragt,
welches das vornehmste Gebot im ganzen Mose sei,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5752 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 3

das andere, daß der Herr Christus die Pharisäer wie-


der fragt, was Christus für ein Mann sei, sintemal er
Davids Sohn ist und David ihn dennoch im Geist sei-
nen Herrn nennt.
Die erste Frage zeigt an, daß die Juden in eine so
große Blindheit gefallen gewesen sind, daß sie die
zehn Gebote vergessen haben, welche doch die klei-
nen Kinder können. Darum sollte ja ein Schriftgelehr-
ter und Pharisäer auf solche Frage antworten können.
Das erste Gebot: Du sollst nicht andere Götter haben,
ist gewiß das vornehmste und größte Gebot. Die Pha-
risäer und Schriftgelehrten aber sind davon abgekom-
men und in die Torheit geraten, daß einer gesagt hat,
wenn man über das vornehmste und größte Gebot dis-
putierte: Es sei Opfern, der andere: es sei Almosen
geben, der dritte: es sei fasten, sich auf besondere
Weise kleiden usw. Daran sieht man, wie es geht,
wenn die Menschen von den Geboten Gottes und sei-
nem Wort abgefallen sind und sich andere Werke aus
eigenen Gedanken, ohne Gottes Wort, vorgenommen
haben. Aber ein Christ spricht: Vollkommen sein
heißt, Gott fürchten und lieben, danach Vater und
Mutter gehorsam sein, nicht töten, dem Nächsten alles
Gute tun. Denn Gott hat ja sonst nichts anderes zu tun
befohlen. Das wissen jetzt die Kinder.
Solcher Unverstand und Blindheit kommt daraus,
wenn man auf äußerliche Werke fällt, die einen äuße-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5753 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 4

ren Schein und besonderes Aufsehen machen, wenn


man z.B. besondere Tage beobachtet, sich auf beson-
dere Weise kleidet, nicht ißt noch trinkt, was andere
essen und trinken, nicht heiratet usw. Das genügt und
täuscht die Menschen. Indessen verliert man aber die
höchsten Werke und Gebote, daß man Gott liebhaben
und den Menschen alles Gute tun soll, wie wir hier an
den Pharisäern und Schriftgelehrten sehen, welche
eben um dieser Ursache halber nach dem vornehmsten
Gebot im Gesetz fragen, weil sie darüber untereinan-
der selbst nicht eins sind, und einer das, der andere
jenes für das Beste hält.
Deshalb tut Christus recht, daß er uns dies Beispiel
vor Augen stellt und uns warnt, auf daß wir auf Got-
tes Gebot und Wort fleißig Acht zu haben lernen und
wissen, daß wir recht tun und Gott dienen, wenn wir
Gott und unseren Nächsten lieben. Er rückt die
Schriftgelehrten und Juden herum und weist sie von
ihren Werken, Opfer, Almosen, Fasten usw. weg auf
die Zehn Gebote Gottes hin. Es ist, als wollte er
sagen: Fragt ihr, welches das vornehmste und größte
Gebot im Gesetz sei? Ich will es euch sagen, Moses
hat es selbst festgestellt, da er sagt: »Du sollst Gott
lieben von ganzem Herzen usw., und deinen Nächsten
wie dich selbst.«
Das soll uns eine treffliche Warnung sein, daß so
hohe Leute so blind geworden sind und nicht gewußt
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5754 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 5

haben, welches das kleinste oder größte Gebot sei im


Gesetz. Dieser Schriftgelehrte ist ein Doktor und Leh-
rer im Volk und weiß selbst nicht, was ein gutes
Leben oder welches das vornehmste Gebot sei. Wie
will er andere Menschen lehren und sie im rechten
Gottesdienst unterweisen, wenn er selbst es nicht
weiß?, wie er denn seinen Unverstand und seine Un-
wissenheit damit genügend bekennt und an den Tag
bringt, daß er den Herrn fragt.
Welches ist endlich der Lohn von Menschenlehren?
Wenn man solche Werke aufbringt und herausstellt,
davon Gott nichts geboten hat, werden die Menschen
dadurch geblendet, daß sie die Zehn Gebote nicht
mehr sehen, sondern ganz verlieren. Denn sonst sollte
man ja so klug sein und sagen können: Das vornehm-
ste und größte Gebot ist, was Gott befohlen und ge-
heißen hat. Aber alle, die mit Menschengeboten um-
gehen, können es nicht. Darum rückt Christus diesem
Schriftgelehrten seinen Unverstand billig vor, als
wollte er sagen: Bist du ein Schriftgelehrter und Mei-
ster in Israel und hast noch nicht die Zehn Gebote ge-
lesen, daß du wüßtest, welches das vornehmste und
größte Gebot im Gesetz wäre? Was lehrt ihr denn das
Volk, die ihr so grobe, unverständige Gesellen seid?
Solche Blindheit, wie gesagt, kommt aus der Men-
schenlehre.
Deshalb soll man sich recht hüten und Menschen-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5755 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 6

lehre und eigene Andacht fliehen. Umgekehrt soll man


den Katechismus mit den Zehn Geboten Gottes nicht
eine geringe Lehre sein lassen, wenn man die Men-
schen über dieses äußerliche Leben unterrichten soll,
was sie tun sollen. Denn wie man selig werden solle,
da gehört eine andere Lehre zu, als es die Zehn Gebo-
te sind, nämlich die Lehre von Christus, welche unser
Herr Christus hernach verkündet. Aber wie man sich
in diesem Leben halten soll, da gehören die Zehn Ge-
bote zu. Da hören wir, daß man Gott lieben und keine
anderen Götter haben soll. Das ist, du sollst ihn dei-
nen Gott sein lassen und nichts über seine Liebe set-
zen, du sollst ihm und seinem Wort anhangen, eher
alles lassen und leiden; wenn du das tust, bist du im
höchsten Stande.
Ja, sagt ein Mönch, das tun die Laien und einfa-
chen Christen, ich will etwas Besonders vornehmen.
Ein Laie und gewöhnlicher Christ steht des Nachts
nicht auf zum Beten, ich will zu der Mette aufstehen
und beten. Er ißt Fleisch, ich will Fisch essen, er klei-
det sich auf gewöhnliche Weise, ich will mir ein be-
sondere Kleidung machen lassen, er ist in der Welt,
ich will aus der Welt gehen. Denn so nannten sie es,
wenn einer ins Kloster lief, gerade als hätten sie die
Welt und was in der Welt ist; Hoffart, Neid, Haß,
Wollust usw., ja auch den Tod ganz überwunden und
säßen schon im Himmel und hätten nichts lieber als
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5756 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 7

Gott. So kommt es schließlich dahin daß die blinden


Leute sich so viel mit eigener Andacht zu schaffen
machen, daß sie die Zehn Gebote ganz vergessen.
Darum heißt es so:- Wer da wissen will, welches das
vornehmste und größte Gebot im Gesetz sei, der lerne
die Zehn Gebote Gottes, die lehren recht, welches
große und kleine Werke sind, und daß es kein größe-
res Werk gibt, als Gott lieben, ihm zu Liebe und
Ehren das gebrauchen, was er uns gibt, und um sei-
netwillen gern und willig Mangel an dem haben, was
er uns nicht gibt.
Die andere Frage ist, daß Jesus seinerseits die Pha-
risäer fragt und sagt: »Was denkt ihr denn von Chri-
stus?«, als wollte er sagen: Ihr Pharisäer seid Meister
und Lehrer im Volk Israel, deshalb solltet ihr gelehrt
und in der Schrift erfahren sein, weil ihr andere Men-
schen lehren und unterrichten sollt. Aber ihr seid
dumme, unverständige Menschen, die das Gesetz
nicht kennen; denn ihr fragt mich, welches das vor-
nehmste und größte Gebot sei. Darum will ich euch
wieder fragen und von euch hören, was ihr von Chri-
stus wißt, wessen Sohn er sei? Ihr kennt seinen
Stamm gut, aus welchem er geboren werden soll,
nämlich aus Davids Stamm. Weil ihr das wißt, so
meint ihr von ihm, er sei bloßer purer Mensch und
Davids Sohn. Aber ich frage euch, meint ihr denn
sonst nichts mehr von ihm, als daß er allein Mensch
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5757 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 8

und Davids Sohn sei? Sagt mir, wie ist Christus Da-
vids Sohn, wenn ihn David seinen Herrn nennt?
Das vierte Gebot stellt den Sohn nicht über den
Vater, sondern gibt dem Vater die Gewalt und Ehre,
daß der Sohn dem Vater gehorsam und untertan sein
solle, wie die Worte dieses Gebotes lauten: »Du sollst
deinen Vater und deine Mutter ehren.« So war auch
im jüdischen Volk diese Vorschrift aus dem vierten
Gebot geflossen, daß der Vater seinen Sohn nicht sei-
nen Herrn nannte, sondern der Sohn mußte den Vater
seinen Herrn nennen. Deshalb will Christus hier also
sagen: es sollte billig umgekehrt sein; Christus, Da-
vids Sohn, sollte David, als den Vater, billiger seinen
Herrn genannt haben. Nun fährt David zu, ob er
schon Vater ist, und nennt seinen Sohn Christus im
Geist seinen Herrn. Wie kann das zugehen? Ist er Da-
vids Sohn, wie ist er denn Davids Herr?
Mit dieser Frage will der Herr die Juden aufwek-
ken, daß sie Christus recht erkennen lernen sollen. Es
ist, als wollte er sagen: Wollt ihr wissen, wer Christus
sei, so müßt ihr ihn mit anderen Augen ansehen, als
daß er allein Davids Sohn sein sollte. Denn weil ihn
David im Geist seinen Herrn nennt, so wird er nicht
allein Mensch, sondern auch wahrhaftiger Gott sein,
vom Vater in Ewigkeit geboren. Sonst würde ihn
David nicht seinen Herrn nennen, wo er nicht mehr
als ein Mensch und allein Davids Sohn wäre.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5758 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 9

Da sind die Pharisäer eingeschlossen und können


ihm kein Wort antworten, darf ihn auch niemand wei-
ter fragen. Denn David ist der größten Heiligen einer
und der gelehrteste, größte König auf Erden; dennoch
nennt er Christus, der sein Sohn ist, seinen Herrn.
Daraus folgt unwidersprechlich, daß Christus größer
und heiliger sein muß als David. Was tut David ande-
res, wenn er Christus seinen Herrn nennt und sagt: O,
mein Sohn Christus ist weit über mir: ich bin auch ein
König und heiße sein Vater; aber er ist mein Herr,
und nicht allein mein Herr, sondern auch ein Herr
aller Könige, Propheten und der heiligsten Menschen
auf Erden, und ein solcher Herr, der zur Rechten Got-
tes sitzt und aus Gottes Befehl über alle seine Feinde
herrscht.
So führt uns der Herr mit dieser Frage auf die rech-
te Bahn zum ewigen Leben und lehrt uns, daß wenn
wir selig werden wollen, so müssen wir nicht allein
das Gesetz wissen, sondern eine andere Lehre hinzu-
setzen, die nicht lehrt, welches das vornehmste Gebot
im Gesetz sei, und uns nicht unterweist, welche
Werke wir tun sollen, sondern uns lehrt, wer Christus
sei, wie und wodurch wir zu dem, was das Gesetz von
uns fordert, kommen und es erlangen können. Solche
Lehre aber ist nichts anderes als das Evangelium von
Christus, der Davids und aller Herr ist. Das lehrt uns
so: da wir unter der Sünde gefangen lagen und das
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5759 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 10

Gesetz nicht halten konnten, da sei Christus gekom-


men und für uns in das Sündenbad gestiegen, auf daß
er uns heraushülfe; wie Paulus Röm. 8, 3 f. sagt:
»Was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das
Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen
Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und um
der Sünder willen und verdammte die Sünde im
Fleisch, auf daß die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefor-
dert, in uns erfüllt würde.« Wir konnten das Gesetz
nicht erfüllen; denn wir sind unter der Gewalt des
Teufels gefangen und gebunden und unter die Sünde
verkauft. Deshalb hat Christus kommen müssen, auf
daß er uns hülfe. Der hat uns auf seine Schulter ge-
legt, unsere Sünde getragen, das Gesetz, das wir nicht
erfüllen konnten, für uns gehalten und erfüllt, Sünde,
Tod und Hölle uns zugute überwunden und spricht
nun zu uns durch sein Evangelium: Ich will euer Herr
werden. Haltet euch nur an mich und lernt mich er-
kennen, daß ich ein solcher Herr sei, der Sünde, Tod
und Hölle zerbrochen habe, so will ich euch helfen,
daß die Sünde von euch weichen müsse und euch
weder Tod noch Hölle schaden solle.
Das sind eitel göttliche Werke dieses Mannes, der
da heißt Christus, Davids Sohn und Herr. Denn
Sünde tilgen, den Tod überwinden, von der Hölle er-
lösen und das ewige Leben schenken, sind nicht eines
Engels, viel weniger des Teufels Werke, sondern es
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5760 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 11

sind hohe, herrliche Werke der göttlichen Majestät


selber. Wenn ich nun höre und glaube, daß Christus
solche Person sei, die von Sünde, Tod und Hölle er-
löst und das ewige Leben schenkt, so nenne ich ihn zu
Recht Herr. Denn so haben ihn David und die Pro-
pheten einen Herrn geheißen, daß sie ihm diese göttli-
chen, der ewigen Majestät Werke, daß er von Sünde,
Tod und Hölle errettet und das ewige Leben schenkt,
zugeeignet haben. Davon wißt ihr Pharisäer, spricht
Christus, nichts. Ihr heißt wohl Schriftgelehrte und
Meister und führt den Titel und den Namen als Lehrer
des Volkes Israel; aber ihr predigt weder vom Gesetz
noch von Christus. Ihr lehrt das Volk nicht, wie es
hier auf Erden leben und Gott dienen soll. Ihr lehrt es
auch nicht, wie sie durch Christus gen Himmel kom-
men und ewig selig werden sollen. Ihr predigt nur von
eurem Opfer, von Kälbern, von Zehnten, von Fasten
usw., aber das alles dient vor Gott weder zu diesem
noch zu jenem Leben. So tadelt er die Pharisäer und
Schriftgelehrten und überführt sie, daß sie ganz blind,
toll und töricht sind.
Das ist ein besonders schreckliches Beispiel dafür,
daß die Finsternis und Blindheit in dem Volk so groß
gewesen ist, daß auch die obersten Regenten und hei-
ligsten Leute, die im Amt saßen und anderen Men-
schen den Weg zum Himmelreich weisen sollten, so
unverständig sind. Solche Finsternisse werden auch
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5761 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 12

am Ende der Welt sein, wo nicht der Jüngste Tag bald


dareinkommt. Zwar sind unter dem Papsttum, wie ge-
sagt, solche Finsternisse schon gewesen, da wir in un-
sern eigenerdichteten Werken dahin gegangen sind
und weder vom Gesetz noch vom Evangelium etwas
gewußt haben. Wird der Jüngste Tag nicht zur Zeit
kommen, so wird es wieder so, ja, ärger werden, so
daß auch die Doktoren und Lehrer nichts mehr von
Gott und seinen Geboten wissen werden, viel weniger
werden sie von Christus wissen; auf daß ja unser lie-
ber Herr Jesus Christus nicht zu einem Lügner werde,
da er gesagt hat (Luk. 18, 8): »Wenn des Menschen
Sohn kommen wird, meinest du, er werde den Glau-
ben finden auf Erden?« Denn vor dem Jüngsten Tage
werden die falschen Lehrer allenthalben regieren.
Darum will uns der Herr Christus in diesem
Evangelium warnen, daß wir uns fürchten und auf
diese zwei Lehren recht Acht haben sollen. Es ist, als
wollte er sagen: Sehet euch vor und lernet Gottes Ge-
bote und das Evangelium von Christus. Die Zehn Ge-
bote lehren euch, was ihr tun sollt und welches die
rechten Stände sind, die Gott geordnet hat und die
ihm Wohlgefallen. Aber mein Evangelium lehret
euch, wie ihr dem Tode entlaufen und selig werden
sollt. An diesen zwei Lehren werdet ihr euer Leben
lang genug zu lernen haben, und niemand wird sie
genug auslernen können.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5762 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 13

Und das ist auch bestimmt wahr: wo diese zwei


Lehren, nämlich Gesetz und Evangelium, hell und
klar und in rechtem Verständnis bleiben, da leuchten
Sonne und Mond, die zwei großen Lichter, die Gott
geschaffen hat, den Tag und die Nacht zu regieren, da
kann man Licht und Finsternis unterscheiden. Das
Evangelium von Christus ist die Sonne, das Gesetz ist
der Mond. Der Mond sieht verfallen aus, wenn er die
Sonne nicht hat. Wenn das Evangelium nicht dabei
ist, so ist das Gesetz scheußlich und schrecklich.
Wenn aber die Sonne in den Mond scheint, so hat der
Mond ein helles, weißes Licht. Der Mond regiert die
Nacht, die Sonne regiert den Tag: das Gesetz dient zu
diesem zeitlichen Leben, das Evangelium dient zum
ewigen Leben. Solange diese zwei Lichter leuchten,
kann man Tag und Nacht, Licht und Finsternis, in
ihrem Unterschied erkennen. Wenn aber diese zwei
Lichter hinweg sind, so ist da eitel Nacht und lauter
Blindheit und Finsternis, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5763 Achtzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 34-46 14

Editorische Bemerkung

Dietrich arbeitet zwei Predigten (die Hauspredigten


von 1532 und 1533) mit eigenen Zutaten zu einer zu-
sammen, die HP bringt sie getrennt nach den Nach-
schriften Rörers und fügt als dritte noch die Hauspre-
digt von 1534 hinzu (im ganzen sind elf Nachschrif-
ten Rörers überliefert). Hier die Predigt von 1533 (=
WA 37, 171-172) »in genauem Anschluß« an die
Vorlage.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5764 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 1

Martin Luther

Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis


Matth. 9, 1-8

[HP 377–381;
WA 37, 174–179]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5765 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 2

Da trat er in das Schiff und fuhr wieder herüber und


kam in seine Stadt. Und siehe, da brachten sie zu
ihm einen Gichtbrüchigen, der lag auf einem Bette.
Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem
Gichtbrüchigen: Sei getrost, mein Sohn, deine Sün-
den sind dir vergeben. Und siehe, etliche unter den
Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lä-
stert Gott. Da aber Jesus ihre Gedanken merkte,
sprach er: Warum denkt ihr so Arges in euren Her-
zen? Was ist leichter, zu sagen: Dir sind deine Sün-
den vergeben, oder zu sagen: Stehe auf und wandle?
Auf daß ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn
Vollmacht hat, auf Erden die Sünden zu vergeben –
sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Stehe auf, hebe
dein Bett auf und gehe heim! Und er stand auf und
ging heim. Da das Volk das sah, fürchtete es sich
und pries Gott, der solche Macht den Menschen ge-
geben hat.

Aus dem heutigen Evangelium sollen wir die gnaden-


reiche Predigt lernen, welche Gott den Menschen ge-
schenkt hat, so daß wir hier auf Erden zueinander
sagen können: Dir sind deine Sünden vergeben. Mit
den frommen Menschen hier sollen wir uns darüber
verwundern und Gott von Herzen danken, daß er den
Menschen solche Macht gegeben hat. Denn es ist
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5766 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 3

wahrlich eine große Gewalt, daß ein Christ zum an-


dern sagen kann: Mein Bruder, sei unerschrocken, du
hast einen gnädigen Gott, glaube nur der Zusagung,
die ich dir im Namen Jesu mache, so soll es so sicher
wahr sein, als wenn Gott selbst zu dir gesagt hätte:
Deine Sünden sind dir vergeben.
Solche Macht hat durch den Herrn Christus, wie
wir hören, angefangen und ist danach bei uns Men-
schen geblieben, besonders bei denen, die im Amt
sind und den Befehl haben, daß sie Buße und Verge-
bung der Sünden im Namen Jesu predigen sollen.
Nichtsdestoweniger hat auch ein jeder Christ inson-
derheit solchen Befehl, wenn du deiner Sünde wegen
verzagt bist, daß er dir sagen soll und kann: Was be-
kümmerst du dich? Ich, als ein Christ, sage dir: Du
tust dir selbst Unrecht, Gott ist dir nicht ungnädig.
Solcher Worte sollst du dich ebenso zuversichtlich
trösten, als spräche sie Christus selbst persönlich vom
Himmel, und keinen Zweifel in sie setzen des Men-
schen wegen, von dem du sie hörst.
Denn daran liegt alles, daß dein Herz sich solcher
Zusagung annehme und es für wahr halte, daß Gott
dir um Christi willen gnädig sein wolle. Deshalb ver-
mahnt der Herr als erstes zum Glauben, da er zu dem
Gichtbrüchigen spricht: »Sei getrost, mein Sohn,
deine Sünden sind dir vergeben.« Sobald nun der
Gichtbrüchige solchem Wort glaubte, waren ihm
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5767 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 4

seine Sünden tatsächlich vergeben. Ebenso, wenn ein


Diener der Kirche oder ein anderer Christ zu dir sagt:
Gott zürnt nicht mit dir, zürne nur du mit ihm nicht,
denn um seines Sohnes Jesus Christus willen hat er
dir alle deine Sünden vergeben, da sollst du solcher
Zusage mit aller Kraft glauben und dich eher zerrei-
ßen lassen, als daß du daran zweifeln wolltest. Denn
wenn du zweifelst, hilft dir die Absolution nichts,
wenn gleich Gott selber mit allen seinen Engeln sol-
che Absolution mündlich über dich spräche.
Ebenso ist auch wahr: wo der Glaube nicht ist, da
schilt man unseren Herrgott einen Lügner, als sei es
nicht wahr, was er uns zusagt, er wolle es uns nicht
leisten noch halten. Vor solchem Unglauben und
Sünde wolle uns der liebe Gott gnädig bewahren, ob-
wohl der Teufel ein besonderer Meister darin ist, der
uns immerdar damit plagt, daß wir unseren Herrgott
gern Lügen strafen, das ist, daß wir Gottes Zusagen
ungern glauben. Ein ungläubiges Herz verunehrt Gott
und straft ihn Lügen.
Umgekehrt ehrt ein gläubiges Herz unseren Herr-
gott mit der höchsten Ehre, die ihm gebührt. Denn es
hält ihn für wahrhaftig, der nicht lügen könne, son-
dern aufs allergewisseste tun werde, was er verheißt.
Deshalb gefällt es dem Herrn Christus an diesen Men-
schen hier auch besonders gut, daß sie eine starke Zu-
versicht zu ihm haben, er werde dem Gichtbrüchigen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5768 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 5

helfen. Er spricht ihm deshalb freundlich zu: Mein


Sohn, du bist krank, der Teufel hat dir die Gicht ange-
hängt, und Gott hat es um deiner Sünde willen ge-
schehen lassen. Da folgt dann Schrecken und ein ver-
zagtes Gewissen, daß du denkst: Ach, Gott zürnt mit
mir, wo will ich hin? Denn es ist natürlich, wenn Got-
tes Strafe sich sehen läßt, daß der Schrecken sich als-
bald auch findet. Aber, mein Sohn, laß solche Gedan-
ken in dein Herz nicht zu tief einsinken, denke nicht
so: O, was fragt Gott nach mir? Wer weiß, ob er mir
gnädig sein will oder nicht? Denn was bin ich gegen
Gott? Siehe nicht auf deine Krankheit, sondern höre,
was ich dir sage, nämlich daß deine Sünden dir verge-
ben sind. Darum folgere so: Gicht hin, Gicht her!
Meine Sünden sind mir vergeben, an solchem Glau-
ben soll mich weder Gicht noch andere Krankheit hin-
dern.
So sollen Wort und Glaube fein beisammenstehen,
denn es kann keines ohne das andere sein. Wer da
glaubt und hat das Wort nicht, der glaubt wie Mo-
hammedaner und Juden. Die haben den Glauben, Gott
sei gnädig und barmherzig, aber es fehlt ihnen an der
Zusage, denn Gott will außerhalb Christi nicht gnädig
sein. Wer umgekehrt das Wort hat und nicht den
Glauben, bei dem schafft das Wort auch nichts.
Darum sind die zwei, Wort und Glaube, zusammen
gegeben, und kann sich keines von dem anderen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5769 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 6

scheiden lassen.
Uns Christen mangelts nicht am Wort. Denn das
Wort haben wir durch Gottes Gnade recht und rein.
Es mangelt uns aber am Glauben, daß wir nicht so
fest am Wort festhalten können, wie wir sollten, ob-
wohl doch jene ohne Wort fest und stark glauben kön-
nen. Das machen der Teufel und die Erbsünde, die
ziehen uns so vom Wort und der Wahrheit zu der
Lüge, daß wir der gern glauben. Das ist des Teufels
Trug und unseres Fleisches Art, weil unsere Natur
durch die Erbünde so verderbt ist: wo kein Wort ist,
da glauben wir fest, wo wir umgekehrt das Wort
haben, da hat es Mühe, daß wir uns des Unglaubens
erwehren. Denn unser Fleisch und Vernunft will an
das Wort nicht heran, soll es glauben, so wollte es
den Glauben gern in Händen haben.
Dazu hilft auch der böse Geist, daß es so nirgends
mit uns fort will, sonst sollten unsere Herzen wohl
fröhlicher und getroster sein. Denn rechne du, so ich
es recht und vollkommen glauben könnte, was Chri-
stus hier zum Gichtbrüchigen sagt, und was zu mir
und zu dir in der Taufe auch gesagt worden ist und in
der Absolution, auch in der öffentlichen Predigt täg-
lich gesagt wird, daß ich mich keines Zorns noch Un-
gnade zu Gott versehen soll: meinst du nicht, ich
würde vor Freuden auf dem Kopf gehen? es würde
mir alles eitel Zucker, eitel Gold, eitel ewiges Leben
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5770 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 7

sein? Daß das aber nicht geschieht, ist ein Zeichen


dafür, daß uns der alte Adam und der Teufel immer-
dar vom Glauben und vom Wort herunterziehen.
Darum so lerne es: es muß beides sein. Das Wort
mußt du haben und dich danach mit dem Glauben an
das Wort halten und daran nicht zweifeln, soviel
möglich ist. Alsdann sollst du alles haben, was das
Wort dir zusagt und dessen du zur Erhaltung des Lei-
bes und der Seele bedarfst. Die nun das Wort nicht
haben, die haben sehr gut glauben. Ursache: Was sie
glauben, das ist eitel natürlich Ding, außerdem sind
wir von Natur aus dahin geneigt, daß wir der Lüge
gern glauben. Unser Herz hängt immer dahin, der
Teufel hat unsere Natur im Paradies so verderbt.
So soll man nun aufs erste aus dem heutigen
Evangelium lernen, daß wir zuerst das Wort haben
müssen, danach sollen wir auch fest daran glauben.
So ist es dann eine göttliche Kraft, durch die wir Ver-
gebung der Sünden und die Seligkeit erlangen, daß
wir hier und dort Hilfe und Trost finden. Wenn aber
das Wort nicht da ist, da wird wohl auch ein Glaube
daraus. Aber es ist ein Glaube, der den Menschen
durch Adams Fall angeboren ist, das heißt, es ist ein
Lügenglaube ohne Wort, daran sie fester hängen als
wir an Gottes Wort.
Als nun unser lieber Herr Christus dem Gichtbrü-
chigen so gepredigt und ihm seine Sünde vergeben
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5771 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 8

hat, heben die Schriftgelehrten an und sprechen bei


sich selbst: »Dieser lästert Gott«, daß er Sünde verge-
ben will. Das ist auch ein notwendiges Stück, da viel
dran gelegen ist, weshalb wir es auch fleißig merken
sollen. Deshalb lerne hier, daß du so von der Sache
reden könntest: Ich weiß wohl, ich bekenne auch, daß
Gott allein die Sünde vergibt. Aber ich muß auch die-
ses wissen, woran ich es merken könne, daß mir die
Sünden vergeben sind, oder welches das Mittel sei,
wodurch mir die Sünden vergeben werden. Da lehrt
mich die Heilige Schrift und alle Christen: Wenn ich
Vergebung der Sünden haben will, darf ich mich nicht
in den Winkel setzen und sagen: Mein Gott, vergib
mir meine Sünde! und alsdann warten, bis ein Engel
vom Himmel komme und zu mir sage: Deine Sünden
sind dir vergeben. Sondern Gott findet sich zu mir
herunter, er hat die heilige Taufe und sein Wort ver-
ordnet, daß man mich taufen soll im Namen des Va-
ters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und er
hat seine Verheißung an solchen Befehl geheftet:
»Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig wer-
den.«
Ja, erwiderst du, ist doch die Taufe nur Wasser?
Wahr ist es, aber solch Wasser ist nicht allein, es ist
Gottes Wort dabei. Wenn du zu deinem Seelsorger
gehst, der einen besonderen Befehl dazu hat, oder
sonst zu einem Christen und begehrst, daß er dich trö-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5772 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 9

ste und von deinen Sünden absolviere, und wenn er zu


dir spricht: Ich, an Gottes Statt, verkündige dir durch
Christus Vergebung aller deiner Sünden: hier sollst
du ebenso gewiß sein, daß dir deine Sünden durch
solch äußeres Wort wahrhaftig und gewiß vergeben
sind. Denn die Taufe und das Wort werden dir nicht
lügen.
Wenn du Vergebung der Sünden haben willst, so
brauchst du deshalb nicht in den Himmel hinaufzu-
klettern. Sondern gehe hin, laß dich taufen, wenn du
nicht getauft bist, oder bist du getauft, so erinnere
dich der Zusage, welche Gott dir in der Taufe gegeben
hat. Gehe hin und versöhne dich mit deinem Näch-
sten, begehre danach die Absolution, da man dir im
Namen Jesu Vergebung der Sünden verkündigt. Die-
sem Wort glaube, empfange das hochwürdige Sakra-
ment, den Leib und das Blut Christi, auf daß du
gewiß werdest, solcher teure Schatz gelte dir und sei
dein eigen, daß du sein genießen sollst usw.
Man soll also die Taufe, Absolution, Predigt und
Sakrament nicht verachten, sondern durch sie Verge-
bung der Sünden suchen und holen. Denn dazu hat
Gott deinen Pfarrer, deinen Vater und Mutter und dei-
nen nächsten Christenmenschen berufen und geordnet
und sein Wort in ihren Mund gelegt, daß du Trost und
Vergebung der Sünden bei ihnen suchen sollst. Denn
ob es gleich Menschen reden, so ist es doch nicht ihr,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5773 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 10

sondern Gottes Wort. Darum soll man fest daran


glauben und es nicht verachten. Wenn der Pfarrer ein
Kind tauft, so denke: Gott hat das Kind getauft, wenn
der Pfarrer dir die Absolution spricht, so denke: Das
hat Gott geredet, der hat solches Urteil über mich ge-
sprochen und gesagt, ich soll von den Sünden frei und
los sein.
Gleichwie nun Gott das Wort gibt, das sein, nicht
unser Wort ist: ebenso gibt er auch den Glauben an
das Wort, so daß also beides Gottes Werk ist, Wort
und Glaube, oder Vergebung der Sünden und Glaube.
Denn Vergebung der Sünden soll man im Wort, wel-
ches in der Menschen Mund liegt, und in den Sakra-
menten suchen, die durch die Menschen gereicht wer-
den, und sonst nirgends.
Wer sieht aber nicht, daß meine Werke, die ich tue,
eine ganz andere Sache sind als das Wort und die
Werke Gottes? Wie kommen denn die heillosen Men-
schen dahin, daß sie Vergebung der Sünden in ihren
eigenen Werken suchen? Wenn sie am Jüngsten Tage
mit ihren Werken und Verdienst hervortreten werden,
da wird Christus sie deshalb fragen und sagen: Wo ist
denn mein Wort? Habe ich doch in meiner Kirche
Taufe, Abendmahl, Absolution und Predigt bestellt,
daß die Menschen dadurch zur Vergebung der Sünden
kommen und meiner Gnade gewiß werden sollen,
weshalb habt ihr euch nicht dahin gehalten? Da hätte
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5774 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 11

es euch nicht fehlen können, mit euren Werken soll


und muß es euch fehlen.
Das habe ich zur Unterrichtung sagen wollen, auf
daß man wisse, was Vergebung der Sünden sei und
wo man sie suchen und finden soll, daß du nämlich
nirgends hinlaufen sollst als nur zu der christlichen
Kirche, die das Wort und Sakrament hat. Da sollst du
sie gewiß finden und nicht im Himmel, wie die Phari-
säer hier meinen und denken, Christus lästere Gott,
daß er Sünde vergibt: Sünde könne niemand vergeben
als Gott. Da hüte dich vor, und sprich: Gott hat die
Vergebung der Sünden in die heilige Taufe gesteckt,
in das Abendmahl und in das Wort. Ja, er hat sie
einem jeden Christenmenschen in seinen Mund ge-
legt, wenn er dich tröstet, dir Gottes Gnade durch das
Verdienst Jesu Christi zusagt, daß du es nicht anders
annehmen und glauben sollst, als wenn es Christus
selbst mit seinem Munde dir zugesagt hätte, wie hier
dem Gichtbrüchigen.
Wahr ist es, ich soll bereuen und mir meine Sünden
herzlich leid sein lassen. Aber dadurch komme ich
nicht zur Vergebung der Sünden. Wodurch denn? Al-
lein dadurch, daß ich auf das Wort und Verheißung
Acht habe und daß ich dem Herrn Christus glaube,
der durch seine verordneten Diener, ja in der Not auch
durch alle Christen, mit mir redet: auf den Mund sehe
ich und nicht auf mein Bereuen und Büßen. Die Buße,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5775 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 12

die mir Gott auferlegt, soll ich leiden; aber allein des
Worts, das mir Christus durch den Pfarrer und Bruder
sagen läßt, soll ich mich trösten.
Gott verleihe seine Gnade, daß wir bei solcher
Lehre rein bleiben und bis ans Ende beharren und
selig werden, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5776 Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9, 1-8 13

Editorische Bemerkung

Diesmal schließt sich auch Dietrich »genau an Lu-


thers Predigt an«. Er und HP benutzen die Nach-
schrift WA 37, 174-179 (Hauspredigt von 1533) als
Vorlage (im ganzen sind sechs Nachschriften Rörers
zum Text erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5777 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 1

Martin Luther

Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis


Matth. 22, 1-14

[HP 384–387;
WA 37, 180–183]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5778 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 2

Und Jesus hob an und redete abermals in Gleichnis-


sen zu ihnen und sprach: Das Himmelreich ist
gleich einem Könige, der seinem Sohn Hochzeit
machte. Und er sandte seine Knechte aus, daß sie
die Gäste zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht
kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus
und sprach: Saget den Gästen: Siehe, meine Mahl-
zeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mast-
vieh ist geschlachtet und alles bereit; kommt zur
Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen hin,
einer auf seinen Acker, der andere zu seiner Hantie-
rung; etliche aber griffen seine Knechte, höhnten
und töteten sie. Da ward der König zornig und
schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder
um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu
seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber
die Gäste warens nicht wert. Darum gehet hin auf
die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet.
Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und
brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute;
und die Tische wurden alle voll. Da ging der König
hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen
Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an, und
sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen
und hast doch kein hochzeitlich Kleid an? Er aber
verstummte. Da sprach der König zu seinen Die-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5779 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 3

nern: Bindet ihm Hände und Füße und werfet ihn in


die Finsternis hinaus! Da wird sein Heulen und
Zähneklappen. Denn viele sind berufen, aber wenige
sind auserwählt.

In dem heutigen Evangelium hört ihr, wie das Reich


Gottes einer Hochzeit gleich sei, und zwar einer sol-
chen Hochzeit, da man Gäste zu ladet, die nicht allein
ausbleiben und sie verachten, sondern ein Teil von
ihnen fährt auch noch zu, höhnt und tötet die Knechte,
welche ihnen diese herrliche Hochzeit anzeigen und
sie dazu laden und bitten.
Hier soll man zuerst lernen, was das Wort »Him-
melreich« bedeutet, daß es nämlich nicht ein König-
reich auf Erden, sondern ein Reich im Himmel bedeu-
tet, da Gott selbst allein König ist. Das nennen wir
die christliche Kirche, die hier auf Erden ist. Nun ver-
gleicht der Herr das Himmelreich einer königlichen
Hochzeit deshalb, weil er, der Herr Christus, des Kö-
nigs Sohn, sich die Kirche zur Braut nimmt. Er ist der
Bräutigam, die christliche Kirche ist die Braut, die
traut Gott der Vater, der König, seinem Sohne Chri-
stus an und ladet viele Gäste zu solcher Hochzeit.
Deshalb soll man das Himmelreich so verstehen ler-
nen, daß es hier unten auf Erden sei und doch nicht
ein weltliches noch zeitliches Reich sei, sondern ein
geistliches und ewiges. Denn mit uns Christen hier
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5780 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 4

auf Erden geht es so, daß wir schon mehr als zur
Hälfte im Himmelreich sind, nämlich mit der Seele
und dem Geist, oder nach dem Glauben. Wenn du nun
vom Himmelreich hörst, sollst du nicht allein hinauf
gegen Himmel gaffen, sondern hier unten bleiben und
es unter den Menschen suchen, soweit die ganze Welt
ist, wo man das Evangelium predigt, an Christus
glaubt und die heiligen Sakramente in rechtem Brauch
hat.
Auf gut Deutsch heißt das »Himmelreich« ebenso-
viel wie das Reich Christi, das Reich des Evangeli-
ums und des Glaubens. Denn wo das Evangelium ist,
da ist Christus. Wo Christus ist, da ist der Heilige
Geist und sein Reich, das rechte Himmelreich. Es
heißt das Himmelreich deswegen, weil alle, die das
Wort und Sakrament haben und glauben und durch
den Glauben in Christus bleiben, himmlische Fürsten
und Kinder Gottes sind. Es ist allein darum zu tun,
daß unser Herrgott die Wand abbreche und wegtue,
die noch dazwischen ist, das heißt, daß wir sterben,
so wird es alsdann eitel Himmel und Seligkeit sein.
So soll man nun als erstes lernen, daß das Himmel-
reich unseres Herrn Christi Reich heiße, welches ein
Reich des Worts und des Glaubens ist. In solchem
Reich haben wir das Leben in der Hoffnung und sind,
dem Wort und Glauben nach zu rechnen, rein von
Sünden und frei von Tod und Hölle, nur daß es noch
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5781 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 5

am alten Madensack und faulen Fleisch fehlt: der


Leib ist noch nicht zerrissen, das Fleisch ist noch
nicht weggetan; das muß zuvor geschehen, alsdann
soll es mit uns eitel Leben, Gerechtigkeit und Selig-
keit sein.
Zu solcher Hochzeit, sagt Christus, habe unser
Herrgott sein Volk, die Juden, berufen und zu der Zeit
durch die heiligen Propheten laden lassen, ehe Chri-
stus gekommen ist. Denn deren vornehmstes Amt ist
es gewesen, daß sie die Juden auf diese Hochzeit
haben warten heißen, das ist, sie haben ihr Volk ver-
tröstet, daß der Sohn Gottes Mensch werde und durch
sein Sterben für aller Welt Sünde bezahlen werde.
Und durch seine Auferstehung werde er des Todes
und des Teufels Reich und Gewalt zerreißen und da-
nach das Evangelium durch die ganze Welt ausgehen
lassen und Vergebung der Sünden und das ewige
Leben jedermann in seinem Namen predigen lassen.
Auf solche gnadenreiche Predigt haben die heiligen
Propheten die Menschen warten und sich ihrer trösten
und durch Christus Vergebung aller Sünden und das
ewige Leben hoffen heißen.
Aber sie wollten nicht kommen, wie Christus hier
sagt, und blieben draußen, eben wie die Juden in der
Wüste, die wieder zurück nach Ägypten begehrten.
Danach schickte er andere Knechte aus, da es jetzt an
der Zeit war, daß Christus kommen und sich mit Pre-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5782 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 6

digen hören und mit Wunderzeichen sehen lassen


sollte. Denn da waren Johannes und die Jünger Chri-
sti, die sagten, es wäre die Mahlzeit bereitet und es
fehlte an nichts mehr, als daß sie alles liegen- und ste-
henlassen, sich schmücken und zur Hochzeit zurecht-
machen sollten. Aber es war auch umsonst. Sie ver-
achteten es, sagt der Herr, und gingen hin, einer zu
seinem Acker, der andere zu seiner Hantierung. Das
heißt, sie hatten ihren Geiz, Geld und Gut lieber als
das Reich Christi, wie heutigen Tages viele nicht
kommen wollen, die zu dieser Hochzeit geladen wer-
den und sich durch den Geiz abhalten lassen, so daß
sie zu Christus und zum ewigen Leben nicht kommen.
Etliche sind rechte Scheinheilige, die ergreifen des
Königs Knechte, höhnen und töten sie. Das sind die
Juden, welche die Propheten, Apostel und Christus,
den Bräutigam selbst, totschlugen. Aber höre, wie
geht es ihnen? Da das der König hört, sagt Christus,
»ward er zornig und schickte seine Heere aus und
brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.«
Das ist die Stadt Jerusalem und das jüdische Volk.
Unser lieber Herr Jesus Christus will uns mit solchem
Beispiel warnen, auf daß wir lernen, die Predigt sei-
nes Evangeliums mit Danksagung zu hören, der glau-
ben und seine Ankunft fröhlich erwarten, wenn er in
seiner Herrlichkeit kommen wird, da er uns auch nach
dem Leibe selig und herrlich machen wird, wie er uns
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5783 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 7

jetzt nach Seele und Geist schon ins Himmelreich ge-


setzt hat.
In Summa, die Juden sind hinweg. Lasset uns nun
weiter hören, wie es den Heiden geht. Die lagen drau-
ßen auf der Straße, hatten kein Gesetz noch Gottes
Wort wie die Juden, waren also nicht durch Mauern
geschützt, so daß der Teufel hindurch und wieder her-
durch rennen konnte, wie es ihn gelüstete. Die befiehlt
dieser König auch zu laden, ohne allen Unterschied,
wie sie gefunden werden, Mann und Weib, jung und
alt, reich und arm, so wie wir noch heutigen Tages
sehen, daß Gott seine Taufe, sein Wort, sein Abend-
mahl so eingesetzt hat, daß es jedermann, wer es be-
gehrt, mitgeteilt werden soll. »Gehet hin«, spricht der
König zu seinen Knechten, »auf die Straßen und ladet
zur Hochzeit, wen ihr findet«. Das ist, er beruft alle
ohne allen Unterschied und sagt zu ihnen: Kommt zur
Hochzeit, glaubt an Christus, laßt euch taufen, hört
das Evangelium, habt euch untereinander lieb, ihr
sollt unseres Herrgotts Gäste sein und an seinem Ti-
sche zu essen und zu trinken genug finden, das ist,
Vergebung der Sünden, das ewige Leben und Sieg
wider den Teufel und Hölle haben. So sind wir Hei-
den alle zu dieser Hochzeit geladen und kann uns kei-
ner sagen, daß er nicht zur Gemeinschaft des Evange-
liums berufen sei. Die Knechte sind hinausgegangen
und gehen noch heutigen Tages hinaus und laden aus
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5784 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 8

allen Landen und Völkern, wen sie finden.


Als nun die Tische alle voll sind – denn da steht es
klar:
es sind Böse und Gute ohne Unterschied zusammen
geladen – da geht der König hinein und besieht seine
Gäste und findet einen, d.h., eine große Menge, die
haben kein hochzeitliches Kleid an. Denn unter den
Christen geht es so zu, daß etliche, und deren nur zu
viele, böse sind und doch den Namen haben, daß sie
Christen heißen, darum weil sie getauft sind, zum
Abendmahl gehen, die Predigt hören, aber doch nicht
mehr davon bringen als den Namen, denn sie halten
es nicht für Wahrheit.
Daran müssen wir uns gewöhnen. Denn dahin wer-
den wir es mit dem Predigen nimmermehr bringen,
daß eine ganze Stadt, Dorf oder Haus fromm werde,
da wird nichts draus, sondern, wie hier steht, es kom-
men Gute und Böse herein. Das müssen wir leiden
und ihnen den Namen gönnen, daß sie Christen hei-
ßen. Sie sind wohl alle geladene Gäste, aber sie sind
nicht alle gleich geschmückt. Das geht bis an den
Jüngsten Tag, da wird sich alsdann ein anderes Urteil
finden.
Vor dem Jüngsten Tage sitzt der Mensch, der kein
hochzeitliches Kleid anhat, mitten unter den Gästen
und tut doch nicht mehr, als daß er des Bräutigams
spottet, weil er nicht geschmückt ist. Denn auf der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5785 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 9

Hochzeit soll man sich dem Bräutigam und der Braut


zu Ehren schmücken, und es ist dem Bräutigam und
der Braut ein großer Hohn, wenn man sich zur Hoch-
zeit nicht schmückt. So tut dieser ungeschmückte
Gast auch, weshalb ihn auch der König anspricht:
»Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch
kein hochzeitliches Kleid an?« Als wollte er sagen:
Daß du dich nicht geschmückt hast, das tust du nicht
mir zu Ehren, sondern tust mirs zum Hohn. Das sind
die, welche auch mit in der Kirche sind, die Predigt
hören, getauft sind, zum Abendmahl gehen und doch
kein hochzeitliches Kleid anhaben, das ist, sie glau-
ben nicht, lassen sichs keinen Ernst sein, lassen sich
für Christen halten und denken, vom Christennamen
nur Nutzen zu haben. Sie werden nicht um Gottes
willen Christen noch um ihrer Seelen Seligkeit willen,
sondern nur darum, damit der Name ihnen den Bauch
ernähre. Und solche schändlichen Leute sind doch
auch unter den Christen von heute. Die tun wie alle
falschen Christen, die etwas anderes am Evangelium
suchen als Gottes Ehre und ihre Seligkeit, nämlich ei-
gene Ehre, Reichtum und Gewalt.
Wenn das – entweder im Gewissen oder am Jüng-
sten Tage – solchen losen Christen vorgehalten wer-
den wird, da werden sie verstummen, sagt der Herr,
das ist, sie werden keine Entschuldigung vorbringen
können. Denn womit wollten sie sich doch entschuldi-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5786 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 10

gen? Gott hat getan, was er sollte. Er hat dir seine


heilige Taufe gegeben, er hat dir das liebe Evange-
lium vortragen und in Haus und Hof bringen lassen,
ebenso die Absolution und sein Abendmahl, er hat dir
in der Kirche seine Diener verordnet, im Haus Vater
und Mutter, die dir sagen sollen, was du glauben und
wie du dein Leben anstellen sollst. Deshalb wirst du
nicht sagen können, du habest es nicht gewußt, sonst
wolltest du geglaubt haben. Sondern du wirst beken-
nen müssen: Ja, ich bin getauft, man hat mirs genug
gepredigt und gesagt, ich habe mit der Menge das
Abendmahl empfangen. Aber ich habe mich dessen
nicht mit Ernst angenommen, ich habe nicht geglaubt,
ich habe mir die Welt lieber sein lassen.
Was ist aber das Urteil über den ungeschmückten
Gast und die ungläubigen Christen? »Bindet ihm
Hände und Füße«, spricht der König zu seinen Die-
nern, »und werfet ihn in die Finsternis hinaus! Da
wird sein Heulen und Zähneklappen.« Das ist, sie
müssen mit dem Teufel in der Hölle und im hölli-
schen Feuer ewig gefangenliegen. Das wird die Strafe
dafür sein, daß man die Zeit der Heimsuchung nicht
erkannt noch angenommen hat, daß wir geladen sind,
Abendmahl, Taufe, Evangelium, Absolution gehabt
haben und haben es doch nicht geglaubt noch uns zu-
nutze gemacht. Dafür wird man ewiges Gefängnis,
Finsternis, Qual, Heulen und Zähneklappen haben
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
5787 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 11

müssen. Der liebe Herr wollte uns also gern lehren


und dahin bringen, daß wir erkennten, eine wie große
Gnade uns damit widerfahren ist, daß wir zu solcher
seligen Mahlzeit geladen sind, da wir Errettung von
Sünde, Teufel, Tod und dem ewigen Heulen und Zäh-
neklappen finden sollen. Wo wir aber solche selige
Mahlzeit nicht mögen und solche Gnade verschmä-
hen, da sollen wir den ewigen Tod dafür haben. Denn
deren zwei muß eins sein: entweder das Evangelium
angenommen und geglaubt und selig geworden oder
nicht geglaubt und ewig verdammt worden.
So ist nun dies die Summe der heutigen Predigt,
daß uns der Herr gern reizen und schrecken wollte,
daß wir das Wort mit Ernst hören, glauben und fassen
lernten und so auf seine fröhliche Ankunft hofften,
wenn er am Jüngsten Tage wiederkommen wird, uns
von aller Not zu erlösen und an Leib und Seele zu
helfen. Das verleihe uns der barmherzige Gott durch
Christus, seinen Sohn, und den Heiligen Geist, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


5788 Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis. Matth. 22, 1-14 12

Editorische Bemerkung

Dietrich macht wieder aus drei Nachschriften eine


Predigt, dabei die Hauspredigt von 1532 mitten in die
von 1533 einfügend, die HP bringt die Predigten wie
üblich getrennt und Rörers Nachschriften folgend, als
dritte die Hauspredigt von 1534 hinzufügend. Hier
die von 1533 (= WA 37, 180-183, zwölf Nachschrif-
ten Rörers zum Text sind im ganzen erhalten).

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther