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6660 Der Christ in der Welt 1

Martin Luther

Der Christ in der Welt

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6661 Der Christ in der Welt 2

533. Die Schöpfung der Welt

Gott hätte wohl die Welt ungeschaffen lassen können,


aber er hat sie geschaffen, um seine Herrlichkeit und
Macht zu erweisen. Man soll unsern Herrgott nicht
fragen: Warum hast du das getan?
[WA 1833

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6662 Der Christ in der Welt 3

534. Der Welt Bild

Die Welt ist wie ein trunkener Bauer. Hebt man ihn
auf einer Seite in den Sattel, so fällt er zur andern
wieder herab. Man kann ihr nicht helfen, man stelle
sich wie man wolle. Sie will des Teufels sein.
[WA 631

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6663 Der Christ in der Welt 4

535.

Glaube
Die Welt begreift nicht Liebe deren Leben und
Kreuz Weisheit.

Denn sie fürchtet sich vor dem Kreuz wie vor einem
Unglück und weiß nicht, daß der Glaube sich im
Kreuz bewährt und daß Gottes Kraft in ihm sichtbar
wird. Sie scheut sich vor der Liebe, weil diese Gutes
tut um Gottes willen, aber die Welt tut Gutes um der
Belohnung, der Ehre und der Gegengabe willen. Sie
weiß nicht, daß der Glaube notwendig ein festes Ver-
trauen auf die Gnade Gottes ist; sie meint dagegen,
daß der Glaube nur ein Wahn ist von einem Gott, der
Gerechtigkeit fordert. So sieht sie auch das Ziel (des
Glaubens, der Liebe und des Kreuzes) nicht:

Gott für ihren Feind;


den Nächsten hält sie dafür, daß es keinen gibt
außer sich selbst;
den Gegner für ihren Freund.

Daraus folgt, daß die Welt dieses Gebot: »Liebe dei-


nen Nächsten wie dich selbst« (3. Mose 19, 18) nicht
versteht. Denn sie muß Gott und das Seine hassen,
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d.h. sein Wort und seine Heiligen. Sie liebt nur sich
selbst und in allem das Ihre. Sie verlangt nach dem
Teufel und dem, was sein ist, d.h. nach (zeitlichem)
Frieden und nach Ehre des Fleisches, wie das bei
sämtlichen Taten und Worten aller Heiden, Weisen
und Könige der Fall ist.
[WA 759

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6665 Der Christ in der Welt 6

536. Welt wird je länger je ärger

Ich meine, es solle so sein, daß, je größer und heller


das Licht des Evangeliums ist, desto böser ist die
Welt. So machte Christus zu seinen Zeiten aus übel
ärger, und Paulus machte nicht viele fromme Chri-
sten.
[WA 6574

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6666 Der Christ in der Welt 7

537.

Es wird noch so böse werden auf Erden, daß man in


allen Winkeln wird schreien: Oh Herr, komm mit dem
Jüngsten Tage!
[WA 2345

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6667 Der Christ in der Welt 8

538.

Der gnädige Gott sei mir armen Sünder gnädig und


gebe mir ein gnädiges Ende! Denn die Welt kann
mich nicht ertragen und ich umgekehrt nicht die Welt.
[WA 61

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6668 Der Christ in der Welt 9

539. Die Welt und Gottes Gaben

Die Welt mißbraucht gleicherweise alle menschlichen


und göttlichen Gaben.
[WA 2314

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6669 Der Christ in der Welt 10

540.

Die Welt besteht aus einem Haufen Menschen, der


wohl alle Wohltaten des Vaters empfängt, darauf aber
nur mit Lästerungen und jeder Undankbarkeit antwor-
tet.
[WA 1072

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6670 Der Christ in der Welt 11

541. Gottes Güter achtet die Welt nicht

Gott betört die Welt und machte sie zur Närrin, da-
durch daß er auch den ärgsten Schälken so viel Gutes
tut: vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gibt,
aus der Erde Korn, Wein und allerlei Früchte, ja auch
Gold und Silber und andere Metalle, aus dem Meer
und Wasser allerlei Arten Fisch gibt, ihr Herz auch
mit köstlicher Speise und Trank erfüllt und fröhlich
macht. Da wähnt die Welt nicht anders, ihre Güter
seien die rechten Güter, ihre Freude sei die rechte
Freude.
Darum laßt uns ja schlicht am Wort hängen, fest
daran halten und uns nach demselben richten, welches
uns lehrt, daß alles, womit die Welt umgeht, prangt,
hoch damit hereinfährt, zeitlich, befleckt und verwelk-
lich ist und keinen Bestand hat, sondern mit allem
ihrem Wesen, Gütern, Freude, Lust usw. vergeht.
(Das Wort) zeigt daneben auch an, was die rechten,
beständigen Güter und Freuden usw. sind, nämlich
die Gnade und Erkenntnis unsers Herrn und Heilands
Jesus Christus, die ein weit besserer und köstlicherer
Schatz ist als viel tausend Stück Gold oder Silber.
So höre ich wohl: Wir können dieser Welt Güter,
Freude usw. ohne Sünde nicht gebrauchen? Das sage
ich nicht, denn Gott hat sie deshalb geschaffen, daß
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wir sie gebrauchen und genießen sollen nach dieser


Regel des Paulus 1. Kor. 7, 29-31: »Liebe Brüder,
die Zeit ist kurz. Weiter ist das die Meinung: die Wei-
ber haben, daß sie seien, als hätten sie keine; und die
da weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen,
als freuten sie sich nicht; und die da kaufen, als besä-
ßen sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, daß
sie dieselbe nicht mißbrauchen, denn das Wesen die-
ser Welt vergeht.«
[WA 6548

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6672 Der Christ in der Welt 13

542.

Gott gibt Sonne, Mond, Sterne, die Elemente und die


ganze Schöpfung, den Leib, das Leben und die Nut-
zung aller Dinge, dazu auch noch sich selbst. Was
aber erwirbt er sich damit? Daß er gelästert wird und
der Sohn und seine Diener getötet werden usw. Um-
sonst hat er uns geschaffen, umsonst ernährt er uns,
umsonst erhält er uns usw.
[WA 905

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6673 Der Christ in der Welt 14

543.

Da ich mein Söhnlein fragte, was er mir für ein Jahr


als Kostgeld gäbe? antwortete das Kind: Ei, Vater,
Essen und Trinken kauft ihr nicht, allein Äpfel und
Birnen kosten viel Geld. So verachten die Menschen
die täglichen Gaben Gottes; welche aber wirklich
klein sind, die achten sie hoch usw.
[WA 2531

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6674 Der Christ in der Welt 15

544. Die Gaben Gottes erkennen wir nicht an

Am 28. Dezember 1531: Wenn uns Gott ein Jahr lang


entzöge, was wir zum Leben brauchen, oh, was würde
es dann für ein Schreien in der Welt geben! Nun aber,
wo er uns damit überschüttet, so sind wir alle undank-
bar, und keiner ist, der danket.
[WA 1273

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6675 Der Christ in der Welt 16

545.

Unser Herrgott hat mit der Welt ungleich geteilt: der


Welt hat er Reichtümer und Gewalten gegeben, sich
selbst hat er das Leben und den Tod vorbehalten.
Wenn er die zwei verkaufen wollte, so würde er bald
alle Schätze wieder an sich bringen.
[WA 214

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6676 Der Christ in der Welt 17

546. Die Welt will immer etwas Neues

Martin Luther beklagte die erstaunliche Stumpfheit


und Undankbarkeit der Menschen, welche die Gaben
und großen Wohltaten Gottes so geringschätzen. Ehe
das Neue Testament übersetzt war, wollte es jeder
gern haben und lesen. Nachdem es dann übersetzt
war, hielt das nur vier Wochen an, dann verlangten
sie Mose. Als der übersetzt war, lasen sie ihn vier
Wochen lang. Dann forderten sie dringend den Psal-
ter; als der übersetzt war, erwarteten sie anderes. So
wirds auch mit Jesus Sirach gehen, auf dessen Über-
setzung wir viel Mühe aufgewandt haben. Alles dau-
ert immer nur vier Wochen, danach wird etwas Neues
gesucht. Dieses Verlangen nach immer Neuem ist für
das Volk die Mutter aller Irrtümer.
[WA 2761b

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6677 Der Christ in der Welt 18

547.

Je größer Gottes Gaben und Wunder sind, um so we-


niger werden sie geachtet. Denn wo ist eine größere
Gabe, als daß der Mensch sehen, hören und sprechen
kann? Und doch dankt niemand Gott dafür oder er-
kennt diese Gabe an und achtet sie hoch. Indessen be-
wundert die Welt den Reichtum, die Ehre und andere
nichtige Dinge. Das alles würde ein Blinder gern
drangeben, wenn er wieder sehen könnte. Der Grund
aber, warum solche Gedanken so geringgeachtet wer-
den, liegt darin, daß Gott das alles auch den niedrig-
sten Tieren schenkt. Christus ist um solcher Wohlta-
ten willen, daß er die Aussätzigen heilte usw., gekreu-
zigt worden. So ganz verkennt die Welt die Wohlta-
ten Gottes.
[WA 883

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6678 Der Christ in der Welt 19

548.

Ich glaube, wenn Mose die Zeichen, die er in Ägypten


tat, zwei oder drei Jahre lang getan hätte, dann hätte
man sich an sie gewöhnt, wie man sich an die Sonne
gewöhnt hat. So böse ist die Welt und so wenig will
sie sich nach der Strafe bessern.
[WA 1639

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6679 Der Christ in der Welt 20

549. Gott gibt seine Güter nicht teuer genug

Gott will nicht reich sein; er gibt seine Güter nicht


teuer genug; er könnte es wohl besser haben, wenn er
wollte. Wenn er zu König Ferdinand, Herzog Georg,
zum Papst oder zu Doktor Jonas käme und sagte: Du
Ferdinand, Georg, Papst, Jonas, in dieser Stunde
mußt du sterben, wenn du mir nicht hunderttausend,
zehntausend oder dreitausend Gulden gibst. Dann
würde jeder sagen: Oh gern, nur laß mich leben! Aber
jetzt sind wir so undankbar für seine unendlichen
Wohltaten, daß wir ihm nicht einmal danken. Wenn
Gott sparsamer mit seinen Gaben umginge (er macht
sie zu allgemein), dann wären wir auch dankbarer.
Wenn Gott einen jeden nur mit einem Bein geboren
werden ließe und gäbe ihm das andere erst, wenn er
sieben Jahre alt ist, die eine Hand gäbe er ihm mit
vierzehn, die andere mit zwanzig Jahren, dann würden
wir die Wohltaten Gottes erkennen, wenn wir ihrer
beraubt sind. Aber Gott schüttet auf einmal alles über
uns aus, er gibt alles ganz auf einmal, darum achtet
mans nicht. Das Alltägliche erscheint uns als wertlos.
Jetzt hat Gott uns das ganze Meer seines Wortes ge-
schenkt, allerlei Sprachen und die freien Künste
haben wir umsonst, die Bücher kauft man um einen
ganz geringen Preis: sämtliche Werke des Ovid für
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6680 Der Christ in der Welt 21

sieben, die des Vergil für fünf Groschen. Terenz, Li-


vius, Plinius, Homer und die Briefe von Froben wer-
den für die Hälfte des Preises verkauft. Wehe, daß wir
so träge sind! Gott wird seine Milde vor uns ver-
schließen und sie uns bescheiden zuteilen. Dann wer-
den wir die Truggebilde und Spötter Gottes wiederum
anbeten, die wir jetzt sein Wort und seine Diener ge-
ringschätzen.
[WA 2407b

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6681 Der Christ in der Welt 22

550.

Das ständige Vorhandensein macht eine Sache wert-


los, Seltenes achtet man.
[WA 3390a

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6682 Der Christ in der Welt 23

551. Einem ein Ding zu verleiden

Wenn man einem ein Ding verleiden will, so sage


man nur, es sei ganz gewöhnlich und allgemein be-
kannt, dann wirds verachtet.
[WA 2878

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6683 Der Christ in der Welt 24

552. Gottes Gaben recht erkennen

Er sah seinen Hund Tölpel an und sagte: Sehet den


Hund an! Er hat nicht einen einzigen Fehler an seinem
ganzen Leibe, hat feine frische Augen, starke Beine,
schöne weiße Zähne, einen guten Magen usw. Das
sind die höchsten körperlichen Gaben, und Gott gibt
sie einem solchen unvernünftigen Tier.
[WA 869

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6684 Der Christ in der Welt 25

553.

Dieser Unterschied ist von Christus gemacht, daß die


Frommen nur einen Brocken an leiblichen Dingen in
dieser Welt haben und den vollen und ganzen Segen
an allen geistlichen Dingen Gottes in jenem Leben,
daß die Gottlosen aber alle Fülle an Dingen dieser
Welt haben, aber im ewigen Leben nichts. Und so ge-
schieht, wie man sagt: Der Kaiser hat eine mit Jupiter
geteilte Herrschaft. Und Isaak segnet den Jakob, Esau
aber empfängt die Besitztümer dieser Welt (1. Mose
27, 27 ff.).
[WA 2240

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6685 Der Christ in der Welt 26

554.

Als der Doktor einmal die Wolken am Himmel sah,


die einen reichen Regen verhießen – es hatte seit lan-
gem nicht geregnet, und dennoch verzogen sie sich
wieder usw. – da sagte er: So steht es mit den Verhei-
ßungen dieser Welt. Und er führte einen Vers aus den
Sprüchen Salomos an (25, 14): »Wer viel verspricht,
und hält es nicht, der ist wie Wolken und Wind ohne
Regen.«
[WA 703

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6686 Der Christ in der Welt 27

555.

Daß die Ehe eine Ehe, die Hand eine Hand und
Reichtum Reichtum ist, das begreifen alle Menschen
und glauben es. Aber zu glauben, daß die Ehe von
Gott gestiftet, daß die Hand eine Hand ist durch die
Schöpfung Gottes, und daß die Nahrung, die ich ge-
nieße und alles andere zu meinem Gebrauch mir von
Gott gegeben und Gottes Schöpfung ist – das zu glau-
ben ist nicht ein Werk der Menschen sondern Gottes
an den Menschen.
[WA 2206A

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6687 Der Christ in der Welt 28

556.

Als er einmal sehr guten Wein trank, sagte Luther:


Wir glauben nicht, daß uns unser Herrgott mehr
geben werde als den Bauern, denen er doch einen so
guten Wein, Ackerfrüchte, Schafe, Hühner usw., ja
alle Kreaturen gibt, eins aber gibt er nicht: nämlich
sich selbst. Daraus können wir schließen, was er uns
geben wird, wenn er schon den Gottlosen und denen,
die ihn lästern, so große Dinge gibt.
[WA 443

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6688 Der Christ in der Welt 29

557. Gott kanns der Welt nicht recht machen

Wie solls doch Gott mit uns machen? Gute Tage kön-
nen wir nicht ertragen, böse können wir nicht leiden!
Gibt er uns Reichtum, so sind wir stolz, gibt er
Armut, so verzagen wir. Darum ist nichts besser, als
uns nur bald mit den Schaufeln zum Tanze geleitet
(d.h. gestorben und begraben)! Wir sind eine böse
Art. Wir sollen glauben, daß unser Gott gnädig sein
will, sonst ists ganz aus mit uns.
[WA 1700

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6689 Der Christ in der Welt 30

558. Die sichtbaren Dinge verachtet man

Wie ist Gott ein so reicher Gott! Er gibt genug. Aber


wir achten dessen nicht. Adam schenkte er die ganze
Welt. Das genügte ihm nicht; um den einen Baum
war es ihm zu tun, da mußte er fragen, warum Gott
ihm den verboten hätte. So geht es auch heute. Gott
hat uns in seinem offenbarten Wort genug zu lernen
gegeben. Darum kümmern wir uns nicht und suchen
nach seinem verborgenen Willen, und können ihn
doch nicht erfahren. Deshalb geschieht es uns recht,
wenn wir deshalb zugrunde gehen.
[WA 5224

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6690 Der Christ in der Welt 31

559. Welt sucht Unsterblichkeit in ihrem Stolz

Doktor M. Luther redete von der Welt Hoffart: Weil


alle Menschen fühlen und erkennen, ja sehen, daß sie
sterben und vergehen müssen, sucht ein jeglicher hier
auf Erden Unsterblichkeit, daß seiner ewig gedacht
werde. Einst suchtens große Könige, Fürsten und
Herren damit, daß sie sich große Marmorsäulen und
sehr hohe Pyramiden, Gebäude und Pfeiler setzen lie-
ßen, viereckig aufgeführt und immer höher und spit-
zer. Damit vermeinten sie unsterblich zu werden, wie
jetzt mit großen Kirchen, köstlichen, herrlichen Häu-
sern und Gebäuden. Kriegsleute jagen und trachten
nach großen Ehren und Lob mit ruhmreichen Siegen.
Gelehrte suchen einen ewigen Namen mit Bücher-
schreiben, wie wir es denn jetzt in unserer Zeit auch
sehen. Aber auf die ewige, unvergängliche Ehre und
Ewigkeit Gottes sieht man nicht. Ah, wir sind arme
Leute!
[WA 6577

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6691 Der Christ in der Welt 32

560. Vom Bau der Welt

Wir wissen nicht, wie unser Herrgott seinen Bau zu-


rüstet. Wir sehen nur das Gerüst von Stangen und
Bastseilen. Deswegen verachten wir den Willen Got-
tes. Aber im künftigen Leben werden wir den Bau
und das Haus Gottes sehen. Wir werden es bewun-
dern und uns freuen, daß wir in den Versuchungen be-
standen haben. Denn wunderbar ist Gott, und er wird
von seinen Frommen auf wunderbare Weise erkannt,
wie Paulus (1. Kor. 1, 23) sagt: »durch törichte Pre-
digt« – nämlich vom gekreuzigten Christus, der ein
Ärgernis für die ganze Welt ist.
[WA 3644bb

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6692 Der Christ in der Welt 33

561.

Da er bei Nacht den Himmel anblickte, sagte er: Er


muß ein guter Meister sein, der ein solches Gewölbe
ohne Pfeiler gebauet hat.
[WA 2005

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6693 Der Christ in der Welt 34

562. Über die Astronomie

Er (Luther) sprach über die Sterndeuter. Sie seien


allzu dreist und unterstünden sich zuviel in ihren
Weissagungen: Die Astronomie wollen wir ihnen
gern lassen, die Astrologie aber kann nicht bestehen.
Sie stützt sich auf keinerlei Beweise. Ihre zweifelhaf-
ten Prophezeiungen nämlich sind so: wenn sie nicht
zutreffen, muß man sie (um)deuten.
[WA 4705

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6694 Der Christ in der Welt 35

563.

Ich lobe die Astronomie und die Mathematik, welche


mit Beweisen umgehen, von der Astrologie erwarte
ich nichts.
[WA 2413a

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6695 Der Christ in der Welt 36

564.

Die Astronomie ist eine sehr alte Wissenschaft und


hat viele andere mit sich gebracht.
[WA 2730a

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6696 Der Christ in der Welt 37

565. Astrologie

Niemand, auch nicht Paulus, kein Engel vom Himmel


und ganz und gar nicht Philippus (Melanchthon) kann
mich dazu bringen, den Weissagungen der Astrologie
zu glauben. Sie sind so oft falsch gewesen, daß es gar
nichts Unzuverlässigeres gibt. Wenn sie nämlich
zwei- oder dreimal richtig geweissagt haben, dann
spielen sie sich damit auf. Haben sie sich aber ge-
täuscht, dann verheimlichen sie es.
[WA 5113

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6697 Der Christ in der Welt 38

566.

Der Sternenglaube ist Aberglaube; denn er ist gegen


das erste Gebot.
[WA 1026

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6698 Der Christ in der Welt 39

567. Träume

Ich habe Gott gebeten, daß er mich mit Träumen ver-


schone; sie sind sehr zweideutig und trügerisch. Er
möchte mir auch keine Zeichen oder Engelsmächte of-
fenbaren; ich kann mich solcher Dinge nicht anneh-
men, habe sie auch nicht nötig, da mir nun Gott ein-
mal sein Wort gegeben hat, das ich jetzt habe. Dem
hange ich an, daran glaube ich.
[WA 801

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6699 Der Christ in der Welt 40

568. Die Sicherheit der Welt

Nach der Offenbarung des Antichrist soll die Welt tun


was sie will; dann muß Christus kommen mit seinem
Gericht.
[WA 1477

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6700 Der Christ in der Welt 41

569.

Wir sind schon im Morgenrot des künftigen Lebens,


denn wir beginnen schon damit, die Kenntnis der
Schöpfung wieder zu erwerben, die wir durch den Fall
Adams verloren haben. Jetzt sehen wir diese Gaben
ganz anders an als einst unter dem Papsttum. Erasmus
kümmert sich nicht darum, wie die Frucht im Mutter-
leibe geformt wird; er weiß nichts von der Würde der
Ehe. Wir aber fangen durch Gottes Güte an, die herr-
lichen Taten Gottes sogar aus einer kleinen Blume
herauszulesen, wie allmächtig und gut Gott ist. Des-
halb loben und preisen wir ihn, wir sagen ihm Dank
und erkennen in seiner Schöpfung die Macht seines
Wortes. »Denn so er spricht, so geschiehts« (Ps. 33,
9). Auch der Pfirsichkern, dessen Schale sehr hart ist,
muß sich zu seiner Zeit auftun mit seinem sehr wei-
chen Kern. Doch das übergeht Erasmus, er sieht die
Schöpfung nicht anders an als die Kuh (das neue
Tor).
[WA 1160

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6701 Der Christ in der Welt 42

570.

Nichts kann die Welt schwerer ertragen als gute Tage;


sie kann das Glück nicht (recht) brauchen. Sie hat zu
schwache Beine dazu, als daß sie gute Tage ertragen
könnte. Im Glück ist sie allzu übermütig und über-
heblich, im Unglück verzagt sie. Allein Christus kann
beides ertragen. Alle Hilfsmittel der Welt können ihr
nicht helfen; es ist das Öl und die Taufe an ihr verlo-
ren. Gott sagt Hosea 6, 5, er habe sie geschlagen, aber
umsonst. Es stellt sich die Welt jetzt gegen Gottes
Wort wie vor 2000 Jahren, denn Gottes Wort trifft
immer auf ganz ähnliche Umstände. Des gleichen Ar-
gumentes bedient man sich auch heute wie (damals),
Joh. 7, 48: »Glaubt auch irgendein Oberster an ihn?«
So auch heute: glauben die Bischöfe und Fürsten der
lutherischen Lehre? Die »Ratschläge« (zu Zeiten) des
2. Psalmes (V. 2 ff.) und die unserer Zeit stimmen
miteinander überein.
[WA 1001

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6702 Der Christ in der Welt 43

571. Daß man sich vor der Welt hüten soll

Der Aberglaube findet immer eine Möglichkeit und


einen Vorwand für seine Heuchelei. So war es bei den
Mönchen ihr Rühmen mit der Verachtung dieser
Welt. Denn Paulus sagt Röm. 12, 2: »Stellet euch
nicht dieser Welt gleich«, gleichsam als ob es gottlos
wäre, sich ihren Ordnungen und staatlichen Einrich-
tungen zu beugen. Dabei verbietet Paulus und die
ganze Schrift doch nur jene böse Lust und die Begier-
den des Herzens nach Art dieser Welt, nämlich Ehr-
sucht, Geiz, Wollust, Rache usw. Diesen Gelüsten
huldigt die ganze Welt. So konnte man vor zwei Jah-
ren in Antwerpen ein schönes Bild dieser Welt sehen,
wo ein besonderes Schauspiel geboten wurde: Man
hatte ein Bild von Antwerpen angefertigt und fuhr es
auf einem Wagen durch die Straßen. Das Bild trug die
Überschrift: Antwerpen – Königin der Welt. Auf der
einen Seite stand Neptun, der dieser Königin große
Reichtümer schenkte; auf der anderen Seite war Mer-
kur und brachte ihr viele Gaben. Das ist die wirkliche
Haltung dieser Welt: Verachtung Gottes, Hoffart und
Überheblichkeit gegen seine Gaben und Mißbrauch
der Schöpfung.
[WA 3960

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6703 Der Christ in der Welt 44

572. Nachahmung

Nachahmung ist eine teuflische und menschliche


Sache, darum ist sie einfach schädlich oder wenig-
stens unnütz. So ahmen die Ketzer das Wort Gottes
nach, die Heuchler die Werke des Glaubens, die Ab-
göttischen die Zeremonien, Tyrannen und verwegene
Leute den Krieg, Toren die Regierung, Ungeschickte,
d.h. die Pfuscher die Handwerke, Esel die Künste.
Wenn also Gott das Wort, die Werke, die Künste
usw. in der Welt aufrichtet, so richtet er nichts ande-
res auf und macht er nichts als Affen, und die Menge
folgt den Affen. Aber Gott allein ist es, der die noch
übrigen Vorbilder erhält. So ist die Welt von Anfang
an.
[WA 3054a

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6704 Der Christ in der Welt 45

573.

Die Welt wird nicht durch Religion regiert, sondern


durch Aberglauben und Tyrannei und nicht durch Bil-
ligkeit, weil die Welt unter dem Teufel ist. Und wenn
wir predigen, daß der Glaube frei mache, und die
Welt dies hört, will sie auf jede Weise frei sein, aber
auf fleischliche Weise. So verkehrt sie die wahre Reli-
gion in Aberglauben oder vielmehr in die Lüge des
Teufels.
[WA 2148

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6705 Der Christ in der Welt 46

574. Gottes Unvorsichtigkeit

Gott scheint unbedachtsam gehandelt zu haben, als er


befahl, die Welt solle regiert werden durch das Wort
der Wahrheit, besonders weil er die Wahrheit beklei-
det hat mit dem schwachen Worte des Kreuzes. Und
die Welt will die Wahrheit nicht, sondern ihr Gegen-
teil – Lügen. Das scheint aber doch unbedachtsamer
gehandelt, daß er diese Wahrheit solchen Menschen
anbietet, welche sie noch dazu nicht aufnehmen wol-
len. Denn die Welt gehorcht nicht freiwillig, sondern
kaum endlich, durch die größte Gewalt gezwungen,
und wird nur durch die größte Härte von Verbrechen
abgehalten und recht regiert. Das Kreuz aber verab-
scheut sie durchaus und will lieber des Satans Ver-
gnügungen als Christi Kreuz haben. Darum, wer die
Welt wohl regiert, das ist der Teufel, der allein dies
wohl versteht und der die Welt regiert, wie sie es wert
ist.
[WA 2168A

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6706 Der Christ in der Welt 47

575. Der Teufel kann die Welt


am besten regieren

Gott weiß die Welt nicht zu regieren, weil die Welt


Gott nicht zum Regenten haben und leiden will, son-
dern den Satan. Der versteht es auch, die Welt zu re-
gieren. Aber den Vorteil hat Gott, daß er die Welt und
des Teufels Regiment in der Welt zu Trümmern und
Pulver zerstößt, wenn sie es zu grob machen.
[WA 2062

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6707 Der Christ in der Welt 48

576. Wir sind nichts im Vergleich zum Teufel

Wir sind im Vergleich zum Teufel wie die Samen-


körnchen des Löwenzahns, welche die Kinder wegpu-
sten. Ebenso besiegt Gott aber den Satan durch die
Schwachheit (vgl. 2. Kor. 12, 9).
[WA 1233

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6708 Der Christ in der Welt 49

577.

Die Welt wird durch Gleisnerei und ein epikureisches


Leben regiert.
[WA 1903

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6709 Der Christ in der Welt 50

578.

Diejenigen, die Fortuna zu einer Göttin gemacht


haben, sind weise Männer gewesen; denn sie haben
gesehen, daß alles, was in der Welt geschieht, nicht
durch die menschliche Vernunft regiert werde, daß es
auch nicht durch menschliche Kräfte Bestand habe,
sondern durch göttliche usw.
[WA 2237

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6710 Der Christ in der Welt 51

579. Die Weisheit der Welt

Obgleich es nichts Großes ist, daß diejenigen die


Weisheit der Welt verstehen, welche die Weisheit
Gottes haben, so glaubt man doch, es sei unmöglich,
daß ein Theologe sie verstehe.
[WA 2222

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6711 Der Christ in der Welt 52

580.

Staupitz sagte, es sei die höchste Wissenschaft, wel-


che alle lernen müßten: daß es in der Welt nicht recht
zugeht.
[WA 2241

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6712 Der Christ in der Welt 53

581. Über die Lüge

Die Welt will betrügen oder betrogen werden, darum


hat die Welt mit der Wahrheit nichts zu schaffen.
[WA 2117

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6713 Der Christ in der Welt 54

582.

Der Mensch ist ein Lügner, aktiv und passiv, das


heißt, er begeht und erleidet die Lüge. Denn wer sich
auf Menschenkinder verläßt, wird betrogen (Jer. 17,
5).
[WA 2227

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6714 Der Christ in der Welt 55

583.

Die Schlange ist das Abbild der Lüge. Denn sie win-
det sich immer, ob sie läuft oder ob sie liegt, nur
wenn sie tot ist, ist sie gerade.
[WA 4890

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6715 Der Christ in der Welt 56

584.

Ein Lügner muß ein gutes Gedächtnis haben, weil


jeder aus seinen Worten gerechtfertigt oder verdammt
wird.

[WA 2084

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6716 Der Christ in der Welt 57

585. Das Urteil der Welt

1. Die Welt verdammt das Wort Gottes. 2. Der Teufel


erregt viele Ärgernisse und Ketzereien. 3. Wir selbst
sind schwach, wenn wir auch gläubig sind.
Durch diese drei Dinge wird das Urteil der Welt
gegen uns bestärkt, daß wir gottlos scheinen, sie
selbst gerecht. Aber dies ist ein Urteil, welches im
Fürsten der Welt gerichtet ist. Darum darf weder die
Gewalt der Tyrannen, noch die Weisheit und Heilig-
keit der Ketzer, noch unsere Schwachheit uns von
dem Glauben an Christus abwendig machen. Denn es
stehet geschrieben (Ps. 51, 6): »Auf daß du recht be-
haltest, wenn du gerichtet wirst.« Es ist notwendig,
daß dies Übel in der Welt sei, aber noch notwendiger
ist, daß das Wort siege und die Welt verdammt
werde.
[WA 3405

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6717 Der Christ in der Welt 58

586. Man nimmt Gott die Ehre

Was unser Herrgott den Menschen in der Welt für


Gaben gibt, da nimmt man ihm die Ehre davon. So
rühmen sich die Menschen des Reichtums, der Macht,
der Weisheit usw. Das läßt unser Herrgott so passie-
ren und leidets, allein Gottes Wort und die Religion
ists, da er allein die Ehre behalten will. Darum hängt
er uns Kreuz und Schmach, die Welt und den Teufel
an den Hals, daß er ja die Ehre behalte und wir nicht
hoffärtig werden. Deshalb reimt es sich, wenn einer in
der Theologie und beim Wort Gottes Ehre suchen
will, ebenso als wollte einer Kohlen aus einem feuri-
gen Ofen nehmen. Danach wisse sich ein jeder Theo-
loge, ja ein jeder Christ zu richten.
[WA 136

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6718 Der Christ in der Welt 59

587. Daß Gott schier alle seine Titel


und Namen verloren habe

Gott hat nun schon alle seine Titel verloren: denn es


scheint, als wäre er ohnmächtig wider die gewaltigen
Gottlosen dieser Welt und ratlos wider die Weisen ge-
worden. Und sooft die Christen in üble Lage kom-
men, ist sogleich die Anfechtung da, welche uns
quält, daß wir glauben, es habe Gott seiner Barmher-
zigkeit vergessen, als sei auch er ein Geselle der
Bösen geworden, der doch von Natur gut ist. Denn
den Gottlosen scheint er wohlzutun und wohlzuwol-
len. So glauben wir, daß er sich umgekehrt hat. Dies
alles kommt aber daher, daß alles, was Gottes ist in
diesem Leben, sehr verborgen ist, wie geschrieben
steht 1. Kor. 1, 18 ff., Matth. 6, 4. 6. 18. Denn seine
Macht wird angesehen für Schwachheit, seine Weis-
heit für Torheit, und seine Güte wird für Bosheit ge-
halten.
[WA 2169A

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6719 Der Christ in der Welt 60

588. Die Sicherheit der Menschen

Im November 1531: Verwunderlich ist es, daß die


Menschen so selbstsicher und anmaßend sind. Dabei
hätten wir bei uns reichlich und unermeßlich genug
Anlaß, demütig zu sein. In keiner Stunde sind wir
sicher vor dem Tode. Auch das Wachstum des Getrei-
des, von dem wir uns nähren, liegt nicht in unserer
Hand. Ebenso ist die Sonne und die Luft, von der wir
leben, nicht in unserer Gewalt, noch der Tag und der
Schlaf, ganz zu schweigen von den geistlichen Din-
gen, z.B. die nicht öffentlichen wie die öffentlichen
Sünden, von denen wir angefochten werden. Aber un-
sere Herzen sind stahlhart, wir fragen nach nichts von
alledem.
[WA 87

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6720 Der Christ in der Welt 61

589. Die Gottlosen haben den meisten Besitz

Unseres Herrgotts Güter genießen die bösen Buben


am besten. Denn die Tyrannen haben die Gewalt, die
Bauern Käse, Eier, Butter, Korn, Gerste, Äpfel, Bir-
nen. Die Christen aber müssen im Turm sitzen, daß
sie weder Sonne noch Mond bescheint. Nun wohlan,
es muß gewiß einmal anders werden.
[WA 1707

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6721 Der Christ in der Welt 62

590. Gottes Kreaturen, wie sie


den Gottlosen sind

Alle Kreatur ist den Gottlosen zugleich offenbar und


verborgen. Sie sehen nämlich alle Kreatur an wie ein
Esel den Rosmarin, der ihm zum Fressen vorgeworfen
wird. Der glaubt, er fresse Heu. Die Kreatur ist ihnen
aber auch offenbar, weil sie sie sehen; verborgen aber,
weil sie in der Kreatur den Schöpfer nicht wahrneh-
men.
[WA 1966

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6722 Der Christ in der Welt 63

591. Undankbarkeit

Die Undankbarkeit gegen das Wort ist immer der


größte Greuel gewesen und es ist nicht zu verwun-
dern, daß auch gottseligen Menschen diese Undank-
barkeit das größte Ärgernis verursacht, und daß Gott
dieselben Gedanken hat wie die Gottseligen.
[WA 2853

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6723 Der Christ in der Welt 64

592. Über den Regen

Als Luthers Frau einmal betete: Herr Gott, gib uns


einen guten Regen!, da fuhr der Doktor fort: Warum
solltest du das nicht tun, Herrgott? Wir sind doch
rechtschaffen, verfolgen dein Wort, töten deine Heili-
gen, sind Habsüchtige, Wucherer, fluchwürdige Mis-
setäter. Wir haben uns doch sehr um dich verdient ge-
macht!
[WA 4859

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6724 Der Christ in der Welt 65

593. Von etlichen Gelehrten unserer Zeit

Der Humanist Doktor Mutianus glaubte, daß kein


Gott sei. Endlich verzweifelte er wegen seiner Armut
und tötete sich selbst mit Gift. Dieser hinterließ ein
Buch über seine Religion, welches er bei seinem
Leben nicht herauszugeben wagte. Ja, auch Erasmus
will seinen Glauben hinter sich lassen, welchen er bei
seinem Leben nicht zu bekennen wagt. Solche Leute
wissen, was sie nicht reden wollen. Sie sind Wind-
beutel, welche alles an ihrer Weisheit messen wollen
und meinen, wenn es Gott gäbe, würde er wohl eine
andere Welt machen, die frommer wäre. Aber unser
Gott wird das für jene Welt aufsparen. Diese Welt ist
Gott nur eine Vorbereitung zu jener Welt. Das Gerüst
reißt man ein, wenn der Bau fertig ist. Pinsel und
Farbe bedarf der Maler, bis er das Bild gemacht hat.
So ist diese Welt eine Vorbereitung für die andere.
[WA 2741a

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6725 Der Christ in der Welt 66

594. Die Welt reißt sich um die eigene


Gerechtigkeit

Die ganze Welt reißt sich um die eigene Gerechtigkeit


und will sich nicht durch eine fremde erlösen lassen.
Das ist der Teufel! Die eigene Gerechtigkeit kitzelt
unsern Adam immer mehr als fremde.
[WA 2328b

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6726 Der Christ in der Welt 67

595. Wir vertrauen den Menschen mehr als Gott

Es ist das unverschämteste Laster und der größte Be-


trug des Satans, daß wir Menschen mehr als Gott ver-
trauen. Ich versehe mich mehr Gutes zu meiner Käthe
und euch allen als zu Christus, obwohl ich doch weiß,
daß niemand solches für mich getan hat wie er. Und
obgleich er mir so Großes erwiesen hat, fürchte ich
ihn mehr als ich ihn liebe. Sogleich wie ich sage: Ja,
ich bin ein armer Sünder, sobald antwortet Christus:
Ich bin ja für dich gestorben, darum habe ich dich ge-
tauft, darum unterrichte ich dich täglich. Wie geduldig
er den Unverstand der Apostel getragen hat und wie
gütig er mit ihnen umgegangen ist, darauf müssen wir
fleißig Acht haben. Christus ist, verglichen mit allen,
die von Natur die Allergütigsten sind, doch allein das
Lamm, jene die Löwen. Dies alles kehrt der böse
Geist mit der höchsten Kunst um und macht aus dem
gütigsten Christus einen strengen Richter. Du aber
sollst wissen, daß es nicht Christus ist, der schreckt,
sondern der Teufel.
[WA 2458

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6727 Der Christ in der Welt 68

596.

Die Gott nicht vertrauen, vertrauen auf die Kreatur:


die Papisten auf ihre Werke, die Heiden auf ihre Göt-
zen, die Geizigen auf ihren Besitz, andere auf Fürsten
usw. Die Welt will und muß einen Abgott haben;
denn sie ist des Teufels, der so geehrt werden will.
Darum laß dich durch ihre Undankbarkeit und Bos-
heit nicht bewegen, laß immer gehen.
[WA 3407

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6728 Der Christ in der Welt 69

597.

Uns wird die Vergebung der Sünden gelehrt, nicht die


Freiheit zu sündigen. Darum ist die Welt mit Recht
verdammt, welche dieses heilige Evangelium Gottes
nur zur Sünde, Gewinnsucht, Wohlleben usw. miß-
braucht.
[WA 2944

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6729 Der Christ in der Welt 70

598.

Von neuem rast die Welt gegen Christus. Wir aber


wollen mit dem Mann Christus untergehen und mit
ihm wieder auferstehen.
[WA 47

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6730 Der Christ in der Welt 71

599. Drei Arten von Menschen

Es gibt drei Arten von Menschen: 1. die Mehrzahl der


Menschen, die ganz selbstsicher ohne die geringste
Gewissenspein so dahinleben und kein Gefühl für den
Zorn Gottes haben; 2. die Gott, durch das Gesetz er-
schreckt, fliehen und mit der Verzweiflung ringen wie
Saul; 3. die, welche in ihrem Schrecken schließlich
die Predigt des Evangeliums von der gnädigen Verge-
bung der Sünden hören und sie annehmen.
[WA 5956

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6731 Der Christ in der Welt 72

600. Christus und die Christen


der Welt unbekannt

Ebenso wie Christus selbst, so sind wir in dieser


Welt – nämlich unsichtbar. Und wie die Welt uns, die
wir an Christus glauben, nicht kennt, so kennt sie
auch Christus nicht, der ganz gewiß in der Welt ist
nach dem Wort (Matth. 28, 20) »Siehe, ich bin bei
euch« usw.
[WA 1988

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6732 Der Christ in der Welt 73

601. Ans Evangelium soll man alles setzen

Am Evangelium verliert man nichts; darum soll man


alles dran setzen.
[WA 3380a

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6733 Der Christ in der Welt 74

602.

Viele auch von den Dienern der Kirche sagen, sie ver-
trauten Gott ihren Leib und Seele an, und zwar unbe-
dingt. Wenn sie aber aus dieser Welt scheiden oder
fürs Wort sterben müssen, dann bekommen sie Angst
um ihrer Frauen und Kinder willen. Heißt das nicht,
Gott im Wesentlichen vertrauen, aber das Unwesentli-
che wollen sie ihm nicht anvertrauen? So etwas heißt
vielmehr, Gott gar nicht zu vertrauen.
[WA 2179

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6734 Der Christ in der Welt 75

603.

Einem gewissen Doktor Voigt, der an ihn schrieb:


Mein lieber Luther, ich will mit dir bis auf den Schei-
terhaufen gehen – ihn jedoch ausgenommen; fahre nur
tapfer fort! antwortete Luther: Solche Märtyrer führt
Christus zum Himmel – ihn jedoch ausgenommen.
[WA 242

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6735 Der Christ in der Welt 76

604. Ein Christ ist passiv

Ein Christ ist vor Gott passiv, weil er hier nur emp-
fängt, und vor den Menschen, denn hier duldet er nur.
Das Gute empfängt er von Gott und das Böse von den
Menschen.
[WA 654

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6736 Der Christ in der Welt 77

605.

Um zweierlei müssen sich die Christen in der Welt


sorgen: um das Wort Gottes und um das Werk Got-
tes.
[WA 63

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6737 Der Christ in der Welt 78

606. Vernunft bedeutet bei den Gläubigen etwas


anderes als bei den Ungläubigen

Auf die Frage, ob man in Glaubensartikeln die Ver-


nunft ausschalten müsse, ob sie im Leben der Chri-
sten überhaupt eine Rolle spiele, antwortete Luther:
Die Vernunft ist vor Erlangung des Glaubens und der
Erkenntnis Gottes Finsternis, aber bei den Gläubigen
ist sie eine sehr wichtige Hilfe. Denn wie alle Gaben
und natürlichen Hilfsmittel bei den Gottlosen gottlos
sind, so sind sie bei den Frommen heilsam. Der Glau-
be wird dann durch die Vernunft, Beredsamkeit und
durch die (Beherrschung der) Sprache gefördert, was
vor Erlangung des Glaubens alles nur hinderlich war.
Die vom Glauben erleuchtete Vernunft empfängt
Leben vom Glauben, denn sie ist getötet und wieder-
um lebendig gemacht. So wie unser Leib herrlicher
auferstehen wird, so ist auch die Vernunft in den
Frommen etwas anderes, wenn sie nicht mehr den
Glauben bekämpft, sondern ihn fördert. Dann wird
auch die Zunge, die früher gottloses und lästerliches
Zeug redete, Gott und seine Gnade verkündigen und
rühmen. So ist auch meine Zunge jetzt eine andere als
früher; jetzt ist sie erleuchtet, so wie zwischen dem
glühenden und dem nicht glühenden Eisen ein Unter-
schied ist. Und das bewirkt die Wiedergeburt durchs
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6738 Der Christ in der Welt 79

Wort, wenn auch die Person und die Glieder die glei-
chen bleiben.
Die Vernunft, ebenso die ganze Schöpfung Gottes,
ist der Eitelkeit unterworfen, dem Narrenwerk. Aber
der Glaube sondert das Wesen von der Eitelkeit.
David gebrauchte den Bogen, das Schwert und andere
Waffen, aber er sagte (Ps. 44, 7): »Ich verlasse mich
nicht auf meinen Bogen.« Trotzdem hat er ihn nicht
weggeworfen. So sagen auch die Frommen: Mein
Weib, meine Kinder, mein Geld usw. helfen (mir)
nicht in den Himmel. Trotzdem stoßen sie das alles
nicht von sich, aber sie sondern das Wesen von der
Eitelkeit. Gold bleibt Gold – auch am Hals einer
Dirne. Der Leib einer Hure ist ebenso eine Schöpfung
Gottes wie der einer ehrbaren Ehefrau. So ist die Ei-
telkeit zu verwerfen, nicht das Wesen als solches. So
auch Hiob: er nannte sein Weib zurechtweisend tö-
richt. Obwohl sie – wie die meisten Frauen – Unsinn
redete, schonte er ihr Geschlecht und sagte (Hiob 2,
10): »Du redest, wie die närrischen Weiber reden.«
Das aber kann das Volk nicht, es will das Wesen
der Dinge zugleich mit ihrem Mißbrauch verwerfen.
Das ist unmöglich. Denn wenn nichts Gutes wäre,
könnte auch nichts Böses sein, wie Aristoteles sagt.
Denn das Böse kann als solches nicht bestehen, son-
dern es wird durch sich selbst zerstört. So ist der
Mißbrauch in guten Dingen (mit enthalten). So sind
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6739 Der Christ in der Welt 80

also die Vernunft, die Sprache, alle Gaben und


Schöpfungen etwas anderes bei den Frommen und
Christen als bei den Ungläubigen.
[WA 2938b

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6740 Der Christ in der Welt 81

607.

Ach, was versteht die Vernunft davon? Sie kann es


nicht ergründen, wie aus einem Tropfen Samen ein
Mensch, aus einer Blüte eine Kirsche entsteht, wie
Fleisch und Knochen zustandekommen. Die Welt ist
voller täglicher Wunder, aber wie Augustin über Joh.
6, 9 sagt: Dies alles ist ihr wegen der Fülle (der
Gaben) wertlos geworden. Christus hat einmal mit ei-
nigen Broten fünftausend Menschen gespeist. Und
was tut er heute? Das Alltägliche wird einem gleich-
gültig. Auf felsigem Boden läßt er Wein wachsen, aus
Sand kann er Butter und Brot machen. So hat er ein-
mal aus Erde einen Menschen gemacht, und täglich
läßt er aus einem Tropfen Samen einen Menschen
werden. Da ist kaum ein Unterschied. Er nahm einen
Klumpen Erde in die Hand und sagte: Werde zu
einem Menschen! und heute sagt er zu dem kleinen
Tropfen: Werde zu einem Menschen!
Groß sind diese Wunder, aber sie verblassen, weil
sie täglich geschehen. Aber wer könnte wohl mit sei-
ner Vernunft etwas davon verstehen? Das ist wohl
wahr, daß die Vernunft, die (durch den heiligen Geist)
erleuchtet ist, die Zehn Gebote und ebenfalls die Got-
tesverehrung der Juden einigermaßen verstehen kann.
Aber die Glaubensartikel, die Dreifaltigkeit und die
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6741 Der Christ in der Welt 82

Menschheit Christi – das reimt sich nicht. Denn zu


sagen, der König von Frankreich und dieser Stein
sind eine Person, oder dieses kleine Messer und ich
sind dieselbe Person – das reimt sich nicht. So (ist es
aber, wenn man sagt) Gott ist Mensch geworden.
Daran haben wir zu studieren. Ich denke auch darüber
nach, verstehe es aber nicht. Paulus hat ein gut Stück
davon verstanden, obwohl ers nicht ganz ergriffen hat.
Da fährt er hinaus (und sagt Kol. 2, 3); »Im Herrn lie-
gen alle Schätze der Weisheit Gottes.« Denn in die-
sem Christus erkennt man alles, die ganze Schöpfung
und die ganze Gottheit. Hier ist die größte Stärke und
die größte Schwäche vereint, der Tod und das Leben,
die Gerechtigkeit und die Sünde, die Gnade und der
Zorn. Ach, es ist ein hoher Artikel, und wenige neh-
men sich seiner ernstlich an.
[WA 5015

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6742 Der Christ in der Welt 83

608.

Die Vernunft verleumdet die Worte des Zöllners und


spricht, sie seien ungerecht; denn sie sagt, ein Sünder
sei seiner Strafe wert, nicht der Barmherzigkeit. Die
Worte des Pharisäers aber ergreift sie als heilige, zu-
meist, weil er so gelebt hat, wie er spricht, und die
Werke getan hat, die Gott durch das Gesetz befiehlt.
[WA 2103

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6743 Der Christ in der Welt 84

609.

Einer fragte: Warum gibt uns Gott nicht vollkommene


Erkenntnis? Ich antwortete: Wenn es einer ganz glau-
ben könnte, so würde er vor Freude nicht essen noch
sonst etwas tun. Er will aber das Menschengeschlecht
erhalten, damit die Kirche nicht untergehe. Die Welt
kommt mir vor wie ein baufälliges Haus: David und
die Propheten sind die Sparren, Christus ist die Säule
mitten im Haus, die hält alles zusammen.
[WA 429

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6744 Der Christ in der Welt 85

610.

Den Gott, der menschliche Gestalt angenommen hat,


d.h. der geboren ist, der predigt, der die Welt anklagt
und der gekreuzigt wurde, will die Welt nicht haben
noch leiden, sondern sie schlägt ihn tot. Dagegen
sucht sie den unsichtbaren Gott und verehrt ihn mit
höchstem Fleiß und jedem Aufwand. Den aber kann
sie doch nicht erkennen, wie Gott 1. Kor. 1, 21 sagt.
[WA 925

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6745 Der Christ in der Welt 86

611. Gottes und der Menschen Trost

Der Menschen Trost steht in äußerlicher, sichtbarer


Hilfe, die man greifen, sehen und fühlen kann. Gottes
Trost steht allein im Wort und in der Zusage, wo
weder Sehen, Hören noch Fühlen ist.
[WA 1893

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6746 Der Christ in der Welt 87

612. Christus ist dieses Lebens bald müde


geworden, ebenso auch seine Christen

Christus wollte nicht länger hier auf Erden sein, son-


dern übergab dem Vater das Reich und setzte Apostel
ein. Von diesen ruft Paulus und die übrigen auch aus:
»Ich begehre aufgelöset zu werden« (Phil. 1, 23). Die
haben dieses Lebens auch genug. So rufen wir jetzt
auch. Unser Herrgott muß ein geplagter Mann sein,
daß er die Welt mit Menschen versorge.
[WA 161

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6747 Der Christ in der Welt 88

613. Dieses Leben ist eine Vorbereitung


auf das zukünftige

Dieses Leben ist eine Vorbereitung auf das zukünfti-


ge. Wenn Gott dieses verderbte Leben mit so unzähl-
baren Gütern ziert, was wird er mit dem zukünftigen
tun, wo die Sünde aufhören und nur ewige Gerechtig-
keit walten wird?
[WA 5085

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6748 Der Christ in der Welt 89

614. Im ewigen Leben werden alle Kreaturen


lieblich und die Leiber verkläret sein

Wenn diese Welt so voll von Eintracht, Frieden und


Gerechtigkeit wäre, daß der Bauer dem Fürsten allent-
halben gehorsam wäre, das Gesinde dem Herrn, das
Weib dem Manne, so würde sich niemand ins künfti-
ge Leben sehnen. Darum macht Gott diese Welt voll
von Unruhe, damit wir uns nach einem anderen Leben
sehnen.
[WA 2652a

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6749 Der Christ in der Welt 90

615. Welt vor der Sintflut, wie sie gewesen

Die Welt vor der Sintflut war sehr gelehrt wegen ihrer
langen Erfahrung, aber auch die Gottlosigkeit war
sehr groß, darum ist sie auch zugrundegerichtet. Jetzt
aber müssen wir früh sterben und es wird uns nicht
zugelassen, zu einer größeren Kenntnis zu kommen,
als nötig ist, den Bauch zu ernähren.
[WA 3102

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6750 Der Christ in der Welt 91

616. Welt sieht, was vor Augen ist

Die Meinung der Welt hängt von dem ab, was vor
Augen liegt. (Sieht sie dann), was sich daraus in der
Folge ergibt, so sagt sie: ich hätte es nicht geglaubt.
Der Glaube aber hält sich an das Zukünftige und an
das, was entfernt ist. Deshalb sagt ein Christ auch
nicht: ich hätte es nicht geglaubt. Was auch immer in
dieser Welt ist, das ist jenem reichen Mann (Luk. 16,
19 ff.) zu vergleichen: der gönnt dem Lazarus die
Brosamen nicht. Lazarus (aber) ist Christus.
[WA 808

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6751 Der Christ in der Welt 92

617. Von Uneinigkeit

Und sagte der Herr Doktor drauf: Wie wollen alle


gern Einigkeit haben, aber das Mittel zur Einigkeit
sucht niemand, welches wäre gegenseitige Liebe. So
suchten wir auch alle Reichtum, aber das rechte Mit-
tel, reich zu werden, nämlich durch Gottes Segen, das
suchte niemand. So wollten wir auch alle selig wer-
den, aber das Mittel, dadurch wir selig werden, den
Mittler Christus, das will alle Welt nicht haben!
[WA 6962

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6752 Der Christ in der Welt 93

618.

Niemand kann das machen, was er will; er tut nicht


einmal das, was seine Pflicht wäre zu tun. Dennoch
soll er tun, was er kann, und sagen: »Vater unser, der
du bist im Himmel« usw.
[WA 1124

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6753 Der Christ in der Welt 94

619. Vier Haupttugenden

Die vier Haupttugenden hat man gut aufgeteilt: die


Mäßigkeit erhält den Leib, die Gerechtigkeit ernährt,
die Tapferkeit wehrt, die Weisheit regiert alles.
[WA 32

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6754 Der Christ in der Welt 95

620. Geduld

Die beste Tugend ist die Geduld, die in der Schrift


vom heiligen Geist sehr empfohlen wird und in der
Erfahrung des Kreuzes erprobt wird. Obwohl auch die
Philosophen sie sehr rühmen, kennen sie doch weder
deren wesentliche Grundlage, noch können sie sich im
Willen und der Hilfe Gottes vorstellen. Epiktet hat
sehr schön gesagt: Leide und meide!
[WA 6018

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6755 Der Christ in der Welt 96

621.

Ich muß Geduld haben mit dem Teufel, ich muß Ge-
duld haben mit den Schwärmern, ich muß Geduld
haben mit dem Adel, ich muß Geduld haben mit den
Hausgenossen, ich muß Geduld haben mit der Käthe
von Bora, und der Geduld ist noch so viel, daß all
mein Leben nichts anders sein will als Geduld.
[WA 2173A

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6756 Der Christ in der Welt 97

622.

»Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.«


(Jes. 30, 15). Habt Geduld, leidet und hoffet und ver-
zweifelt nicht im Gewissen.
[WA 2360

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6757 Der Christ in der Welt 98

623. In Stillesein und Hoffnung


werdet ihr stark sein

Willst du die größten, greulichsten und schädlichsten


Feinde überwinden lernen, die einen sonst wohl ver-
schlingen und an Leib und Seele schaden können, da-
wider einer sich wohl allerlei Waffen kaufen und alles
Geld dafür geben sollte, diese Kunst zu lernen? Es ist
ein süßes, liebliches Kräutlein, das heißt Geduld.
Ja, wie kann ich zu solcher Arznei kommen? Dar-
auf antworte ich: Nimm den Glauben für dich, der da
spricht, daß dir niemand schaden könne ohne Gottes
Willen; geschiehts aber, so geschiehts aus Gottes
freundlichem, gnädigem Willen, so daß der Feind sich
selber hundertmal größeren Schaden zufügt als dir.
Daraus fließt nun die Liebe, die spricht: So will ich
ihm alles Gute tun für Böses und ihm feurige Kohlen
auf sein Haupt sammeln. Das sind die Waffen, womit
man die Feinde gewinnt, die wie die großen Berge
scheinen und sonst nicht zu stürzen oder mit Eisen
und Stahl zu gewinnen sind.
[WA 3643

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6758 Der Christ in der Welt 99

624. Unterschied der Gaben

Es ward geredet, wie so ein großer Unterschied unter


den Gelehrten wäre, daß sie nicht alle gleich wären,
die da studierten, und mancherlei unterschiedliche
Köpfe wären, und nicht alle würden mit ihrer Kunst
Tote aufwecken. Da sprach D. Martinus Luther: Es ist
nicht allen, noch einem jeglichen gegeben; wems Gott
gibt, der hats. Dennoch hats Gott sehr fein ausgeteilt,
daß der Gelehrtere dem Ungelehrten dienen, der Un-
gelehrte sich vor dem Gelehrten demütigen muß, des-
sen er bedarf. Wenn alle Menschen gleich wären, so
könnte niemand aufkommen, niemand würde dem an-
dern dienen, kein Friede würde sein.
Der Pfau klagte, daß er nicht der Nachtigall Stim-
me hätte. Darum hat Gott mit der Ungleichheit die
größte Gleichheit gemacht. Denn wir sehen, wenn
einer etwas Vortreffliches ist, hat er mehr und größere
Gaben als ein anderer, so wird er hoffärtig und stolz,
will über die andern alle herrschen und sie verachten
und regieren. Er meint, sein Dreck stinke alleine.
Darum hat Gott sehr fein und wohl die menschliche
Gesellschaft untereinander an den Gliedern des
menschlichen Leibes abgemalt und dargestellt, da
viele und ungleiche Glieder sind, und eines muß dem
andern die Hand reichen und helfen, keins kann des
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6759 Der Christ in der Welt 100

andern entbehren.
[WA 7037

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6760 Der Christ in der Welt 101

625. Luthers Reim

Es ist auf Erden kein besser List,


Denn wer seiner Zungen ein Meister ist.
Viel wissen und wenig sagen,
Nicht antworten auf alle Fragen.
Rede wenig und machs wahr,
Was du borgst, bezahle bar.
Laß einen jeden sein, wer er ist,
So bleibst du auch wohl, wer du bist.
[WA 7062

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6761 Der Christ in der Welt 102

626.

Glaube hörst.
Liebe nicht alles, was du siehst.
Sage weißt
Tue willst.
[WA 3450

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6762 Der Christ in der Welt 103

627.

Befiehl dem Herrn deine Wege

Schweig, leid, meid und vertrag,


Deine Not niemand klag,
An Gott nicht verzag,
Deine Hilfe kommt alle Tag.
[WA 5375q

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6763 Der Christ in der Welt 104

628. Was Luther mit eigener Hand an seine


Wand nahe dem Ofen geschrieben hat

»Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen


treu; wer im Geringsten untreu ist, der ist auch im
Großen unrecht« (Luk. 16, 10). Die Ursache dafür:
An den Lappen lernen die Hunde Leder fressen.
Ebenso ist auch, wer im Geringsten fleißig ist, auch
im Großen fleißig.
Wer den Pfennig nicht achtet, der wird keines Gul-
dens Herr.
Wer eine Stunde versäumt, der versäumt auch wohl
einen Tag.
Wer das Geringe verschmäht, dem wird das Große
nicht (zuteil).
Wer den Kopf verschmäht, dem wird das Huhn
nicht (zuteil).
Jesus Sirach (19, 1): »Wer ein Geringes nicht zu
Rat hält, der nimmt für und für ab.«
Sprüche Salomos (18, 9); »Wer lässig ist in seiner
Arbeit, der ist ein Bruder des, der sich selber um-
bringt.«
Zu späte Sparsamkeit: Mit dem Sparen hat man zu
lange gewartet, wenn nichts mehr da ist.
Sparsamkeit als gute Einnahmequelle: Der Spar-
pfennig ist einbringlicher als der Zinspfennig.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6764 Der Christ in der Welt 105

Wer die Buchstaben gering achtet, der wird nim-


mermehr etwas Großes lernen.
Wer sich mit hundert Gulden nicht ernähren kann,
der ernährt sich auch mit tausend nicht.
Vorn an der Stirn hat die Gelegenheit Haare, hinten
ist sie kahl.
[WA 4801

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6765 Der Christ in der Welt 106

629. Sorge um kleine und große Dinge

Die kleinen und unbedeutenden Dinge bewegen mich


sehr, die großen aber berühren mich gar nicht. Ich
denke nämlich so: Das ist dir zu hoch, du kannst es
nicht halten, also laß es gehen. Genau das Gegenteil
macht Melanchthon: Ihn kümmert nicht dasselbe wie
mich, aber er sorgt sich um die wichtigen Angelegen-
heiten des Staates und der Religion. Mich bedrücken
nur die Dinge, die den einzelnen Menschen betreffen.
So verschieden sind die Gaben.
[WA 80

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6766 Der Christ in der Welt 107

630.

Wo du nicht Herr bist, so laß einen jeglichen gehen,


tun, machen, wie er will. Gehe du desto weniger
damit um, sonst bringst du nichts davon als Ungunst,
vergebene Mühe und sorge.
[WA 3133

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6767 Der Christ in der Welt 108

631.

Das wahre und eigentliche Ziel des Prediger Salomo


ist: Laß es gehen, wie es geht, weil es gehen will, wie
es geht.
[WA 2018

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6768 Der Christ in der Welt 109

632. Leiden sind eine gute Lehre

Martin Luther sagte: Meine Leiden waren für mich


eine gute Lehre. Sie haben mich demütig gemacht,
d.h. sie haben die Sucht nach Ruhm und Eitelkeit ver-
scheucht.
[WA 5782

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6769 Der Christ in der Welt 110

633.

Es ist eine große Wohltat Gottes, daß er nicht alles


gibt, was wir begehren. So gäbe er uns nämlich Ursa-
che, betrübt zu sein.
[WA 125

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6770 Der Christ in der Welt 111

634.

Wer an einem Weg baut, findet viele Ratgeber.


[WA 227

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6771 Der Christ in der Welt 112

635. Vielredner

Ich hasse die Vielredner. Denn meistens, wenn sie


sehr Großes zu sagen scheinen, reden sie Lügen. Die
Wahrheit aber, so wie sie wenigen eigen ist, macht sie
auch nicht viele Worte.
[WA 2401

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6772 Der Christ in der Welt 113

636. Abstreiten

Luther tadelte seinen Famulus wegen eines Vergehens


und sagte: Hast dus getan, so bekenne es mir; so ist
die Sache schon in Ordnung. Ich hasse am meisten
die, welche sich vergehen und es dann nicht zugeben.
So ist aber die Welt: etwas tun und dann abstreiten.
Weder Gott noch die Welt kann so etwas leiden. Des-
halb sagte David (Ps. 32, 5): »Ich sprach: Ich will
dem Herrn meine Übertretungen bekennen.« Und Ci-
cero schreibt in seinem Buch über die Grenzen des
Guten und des Bösen: das Maß, wonach die Strafe
zugemessen wird, richtet sich danach, ob ein Schuld-
bekenntnis vorliegt. Ach, nur frei bekannt, so wird der
Sache Rat!
[WA 3536

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6773 Der Christ in der Welt 114

637. Nachbedenken und Vorbedenken

Alle Menschen sind von Natur mehr Nachbedenker


als Vorbedenker, weil alle klug sind, nachdem etwas
geschehen ist. Wir alle müssen Lehrgeld geben und
aus Schaden klug werden.
[WA 3314

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6774 Der Christ in der Welt 115

638. In Frieden leben wollen

Einer beklagte sich, daß er mit allen in Frieden leben


wolle, und trotzdem wären ihm viele Leute feind. Da
gab Martin Luther zur Antwort: Habe Geduld und
frage nicht nach dem Grund der Feindschaft gegen
dich! Lieber Freund, was tun wir Christen dem Teu-
fel? Was fehlet ihm, daß er uns so feind ist, außer
dem, daß er das nicht hat, was unser Herrgott hat?
Deswegen ist er in ewigem Zorn gegen uns entbrannt.
[WA 6019

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6775 Der Christ in der Welt 116

639. Gegen die Rachsucht

Hast du nicht wenigstens das gelernt, wenn du einem


ein Leid antust, daß dir dann ein hundertmal schlim-
meres Leid geschehen muß? Wenn du also in einem
hohen Amt bist, wo du viele ärgern und bei vielen
Anstoß erregen mußt, so gib nicht deinen Rachegelü-
sten Raum, sondern strebe nach Gerechtigkeit. Denn
Unrecht ertragen und Rachegelüste unterdrücken, gibt
ein sicheres und fröhliches Gewissen, aber Rache gibt
notwendig ein schuldiges und schlechtes Gewissen.
Was ist also? Sowie du einen anderen schlägst, ver-
wundest oder durchbohrst du dich selbst. Jener leidet
die ungerechte Strafe mit fröhlichem Herzen, du aber
trägst mit verwundetem Gewissen die Schuld. Du
schadest dir selbst am allermeisten, wenn du einen an-
deren schädigst. Überlaß also Gott oder der öffentli-
chen Rechtsprechung die Rache.
[WA 552

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6776 Der Christ in der Welt 117

640. Ob der Beleidigte den um Verzeihung


bitten soll, der ihn beleidigt hat

Nein, sagte der Doktor, denn das hat Christus weder


befohlen noch selbst getan, sonst hätte er ja auch Pila-
tus (um Verzeihung) gebeten. Es ist genug, wenn man
ihm in seinem Herzen vergibt und ihm – wenn er
darum bittet – gern die Schuld erläßt und für ihn
betet. Ich wollte mich nämlich auch einmal bei Agri-
cola und Hieronymus (Schurff) entschuldigen, die
mich beleidigt hatten, aber es traf sich, daß keiner von
beiden zu Hause war. Dafür bin ich Gott jetzt noch
dankbar, daß es nicht geschehen ist.
So edel ist keiner, daß er nicht auf die, die ihn be-
leidigt haben, unwillig ist und seine Beleidiger mit
Haß verfolgt, sagte ich (Mathesius) darauf. – Der
Doktor: Fürwahr, tut einer Unrecht, dann muß ers
auch bekennen. Soll ich dessen nicht gedenken, was
allgemein ist und was mir Karlstadt, Müntzer und
Agricola angetan haben? Wer wollte es mir verweh-
ren? Ich habe ihnen nichts Böses, sondern alles Gute
getan.
[WA 5195

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6777 Der Christ in der Welt 118

641. Notwehr

Man fragte ihn: Ob er sich auch wehren wollte, wenn


er von Räubern in der Dübener Heide angegriffen
würde? Ja, sprach der Doktor, ganz gewiß! Da wollte
ich Fürst sein und das Schwert führen, weil sonst nie-
mand um mich wäre, der mich schützen könnte, und
wollte totschlagen, soviel ich könnte, und danach das
heilige Sakrament nehmen und wollte ein gut Werk
getan haben.
Wenn man mich aber angriffe als einen Prediger
um des Evangeliums willen, so wollte ich mit gefalte-
ten Händen sagen: Mein Herr Christus, hier bin ich,
ich habe dich gepredigt; ists nun Zeit, so befehl ich
meinen Geist in deine Hände; und wollte so sterben.
[WA 1815

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6778 Der Christ in der Welt 119

642.

Wenn mich einer in meinem Hause überfiele, bin ich


als der Hausbesitzer dazu verpflichtet, mich zu weh-
ren. Noch viel mehr (bin ich dazu verpflichtet), wenn
sie mich unterwegs überfallen; denn weder die Diebe
noch die Straßenräuber belagern die Wege um des
Evangeliums willen und tun uns Gewalt an, oder weil
sie einem Prediger nachstellen, sondern (sie tun das)
dem Angehörigen des Fürsten, nicht dem Glied Chri-
sti. Darum will ich helfen, das Land rein zu erhalten,
so sehr ich kann. Soll ich doch in der Not den näch-
sten besten retten, wieviel mehr (bin ich dann dazu
verpflichtet), einem Fürsten sein Land (retten zu hel-
fen).
[WA 2666a

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6779 Der Christ in der Welt 120

643. Einer muß dem andern um des Friedens


willen weichen

Doktor Martin Luther sagte: Wenn sichs begibt, daß


zwei Ziegen einander auf einem schmalen Stege be-
gegnen, der über ein Wasser geht, wie verhalten sie
sich? Sie können nicht wieder zurückgehen, ebenso
können sie auch nicht nebeneinander vorbeigehen, der
Steg ist zu schmal. Sollten sie denn einander stoßen,
so möchten sie beide ins Wasser fallen und ertrinken.
Wie tun sie denn? Die Natur hat ihnen gegeben, daß
sich eine niederlegt und läßt die andere über sich hin-
gehen, so bleiben sie beide unbeschädigt.
So sollte ein Mensch gegen den andern auch tun
und auf sich mit Füßen gehen lassen, ehe er denn mit
einem andern sich zanken, hadern und bekriegen soll-
te!
[WA 6963

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6780 Der Christ in der Welt 121

644. Was zu einem Christen gehört

Zu einem Christen gehört es, daß er in der größten


Schwachheit am stärksten, in der größten Torheit am
weisesten ist. Das eine den Sinnen nach, das andere
durch den Glauben.
[WA 1084

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6781 Der Christ in der Welt 122

645. Wann wir gut und wann wir schlecht


handeln

Nie handeln wir besser und heiliger, als wenn wir


nicht wissen, was und wieviel wir tun. Ebenso han-
deln wir nie weiser, als wenn uns das, was wir tun, tö-
richt zu sein scheint. »Denn meine Kraft ist in den
Schwachen mächtig« (2. Kor. 12, 9), und meine
Weisheit vollendet sich in der Torheit. Deshalb ist
Leiden die beste Handlungsweise.
Nie handeln wir schlechter, als wenn wir wissen,
was und wieviel wir tun. Denn es ist unmöglich, daß
wir uns nicht mit diesem Tun ein wenig selbst gefal-
len, und mit dieser Sucht nach Ruhm beschmutzen
wir auch die (an sich gute) Tat, dienen und preisen so
Gott nicht rein. Sondern auf diese Weise wird seine
Kraft durch unsere Kraft geschwächt, und seine Weis-
heit wird durch unsere Weisheit zunichtegemacht.
[WA 5771

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6782 Der Christ in der Welt 123

646. Drei böse Hunde

Ich habe drei böse Hunde: Undankbarkeit, Hochmut


und Neid. Wen die drei Hunde beißen, der ist sehr
übel gebissen.
[WA 5022

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6783 Der Christ in der Welt 124

647. Neid und Hoffart

Der Neid und die Hoffart sind zwei Laster, die


schmücken sich, wie sich der Teufel in die Gottheit
kleidet. Der Neid will Gerechtigkeit sein, die Hoffart
Wahrheit.
[WA 382

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6784 Der Christ in der Welt 125

648. Die Mißgunst der Heuchler

Es gibt keine schlimmere Mißgunst in der ganzen


Welt als die der Heuchler. In einem Wegelagerer und
in einer Hure ist mehr Barmherzigkeit als in einem
Heuchler.
[WA 1711

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6785 Der Christ in der Welt 126

649. Der Heuchler Hoffart

Die Hoffart der Heuchler ist am anmaßendsten, wenn


sie sich demütigen. Das sehen wir am Pharisäer, und
doch beschmierte er alle seine Demut mit Dreck, als
er sagt (Luk. 18, 11): »Ich bin nicht wie« usw.
[WA 2376a

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6786 Der Christ in der Welt 127

650.

Wahre Gerechtigkeit empfindet Mitleid; falsche Ge-


rechtigkeit Entrüstung.
[WA 1081

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6787 Der Christ in der Welt 128

651. Die Ehrgeizigen

Viel redete er über die Ehrgeizigen und die Anmaßen-


den, als er den Brief eines klug sein wollenden Schrei-
bers an ihn las: Die Kunst kann nicht verborgen wer-
den: wenn der Bauch bersten will, ist es Zeit, daß man
das durch Predigen und Schreiben wieder los wird. –
Das sagte er ironisch und fügte hinzu: Die Anmaßung
ist das Haupt der Schlange.
[WA 3559

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6788 Der Christ in der Welt 129

652. Gleisnerische Ratgeber

Nichts ist so verderblich wie ein gleisnerischer Ratge-


ber. Wenn man es hört, so hat es Hand und Fuß; soll
es aber losgehen, so steht es wie ein störriger Gaul,
den man nicht von der Stelle bringen kann.
[WA 366

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6789 Der Christ in der Welt 130

653. Lügen

Eine Lüge ist wie ein Schneeball; je länger man ihn


wälzt, je größer wird er.
[WA 340

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6790 Der Christ in der Welt 131

654. Vielerlei Strafe

Gott straft selbst, aber heimlich, entweder durch


Armut, eine böse Frau, durch ungehorsame Kinder
und auf viele andere Weise. Was für eine Strafe
wünschst du also?
[WA 5948

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6791 Der Christ in der Welt 132

655.

Die Sünder werden gestraft entweder durch Reue oder


durch Zorn.
[WA 3387

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6792 Der Christ in der Welt 133

656. Die Gnade ist mächtiger als die Sünde


(Röm. 5, 20)

Einige gottlose Leute meinen, Gott mit ihren Sünden


eine Ehre zu erweisen, und sagen: Ich muß sündigen;
wenn ich nicht sündigte, so würde Gott zum Lügner,
»auf daß du recht behaltest in deinen Worten« (Ps.
51, 6). Pfui, schäme dich, du schändliche Weisheit,
die so Gottes spottet!
[WA 1318

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6793 Der Christ in der Welt 134

657. Sünde gegen den heiligen Geist

Man zählt sechs Sünden gegen den heiligen Geist,


welche, obwohl sie der Sache nach praktisch auf eins
hinauskommen, doch in ihren Taten, oder vielmehr
Übeltaten verschieden sind: 1. Vermessenheit, 2.
Streiten wider die erkannte Wahrheit, 3. Verstockung,
4. Verzweiflung, 5. Neid auf die Gnade des Bruders
und 6. Unbußfertigkeit bis ans Ende.
Und diese folgen so aufeinander oder üben ihre
Wirkung aus: Nämlich zur Zeit der Sicherheit und des
Friedens herrscht die Vermessenheit, das Streiten
wider die erkannte Wahrheit und die Verstockung,
aber zur Zeit der Angst und der Trübsal die drei übri-
gen, die Verzweiflung, der Neid und die Unbußfertig-
keit.
Denn in der Zeit der Sicherheit ist der Gottlose ver-
trauensvoll und vermessen, und es scheint ihm gewiß,
daß seine Werke Gott gefallen, und er will einfach ge-
recht sein, wie es die Pharisäer beständig wollen. Das
ist die Vermessenheit. Wenn sie von jemandem zu-
rechtgewiesen werden, so werden sie stolz und wider-
stehen der Wahrheit, welche ihnen entgegengehalten
wird. Und obgleich sie wissen, daß es die Wahrheit
ist, wollen sie doch von ihrer Vermessenheit nicht ab-
lassen. Darum folgt auf diese Vermessenheit das
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6794 Der Christ in der Welt 135

Streiten wider die erkannte Wahrheit. Wenn sie das


nicht aufgeben, werden sie so verstockt in Vermessen-
heit und im Streiten, daß sie, verhärtet, ärger und un-
verbesserlich geworden, in ihren Sünden sterben.
Umgekehrt verhält sich die Sache bei den andern
dreien, und zu der Zeit, wo jemand anfängt, den Zorn
Gottes zu empfinden, wie Kain und Judas. Diese ver-
zweifeln zuerst und vertrauen nicht, daß ihnen ihre
Sünden vergeben werden; sie glauben, daß sie größer
seien, als die vergebende Barmherzigkeit Gottes. Da-
nach, wenn sie sehen, daß sie verworfen werden, nei-
den sie allen Menschen ihr Heil und wollen, daß nie-
mand selig würde und alle mit ihnen sündigten. Sie
beharren verstockt in ihrem Neide und der Verzweif-
lung und lassen die Reue nicht zu. Und wie die Ver-
stockung eine Art Unbußfertigkeit bis ans Ende ist
zur Zeit der Sicherheit, das ist in der Vermessenheit
und dem Streiten, so ist die Unbußfertigkeit bis ans
Ende eine Art Verstockung zur Zeit der Angst, das ist,
in der Verzweiflung und dem Neide.
[WA 2251a

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6795 Der Christ in der Welt 136

658. Gewißheit der Christen

Allein der heilige Geist ist es, der in der Gewißheit


des Glaubens an Christus ohne allen Zweifel einher-
geht. Die Anhänger der Sekten reden immer etliche
Worte, aus denen man wahrnimmt, daß ihr Herz im
Zweifel ist: Ich hoffe, ich sei fromm, ich sei gerecht.
Ein Christ aber: Ich tue, was ich kann. Was ich nicht
tue, das zahlt das Leiden Christi für mich. Ich bin
selig in Christus, diese Zuversicht soll mir niemand
nehmen. Jesus ist mein Heiland, und es gibt nichts an-
deres, wodurch unser Gott und unser Gewissen beru-
higt werden. Diejenigen aber, welche auf ihre Gerech-
tigkeit, nicht auf Christus vertrauen, vertrauen natür-
lich ihrer Gerechtigkeit und sind darum immer im
Zweifel.
[WA 2935a

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6796 Der Christ in der Welt 137

659. Ein Christ ist beherzt

Gleich wie der heilige Geist beherzt ist und den Tod
und alle Gefahr verachtet, so sind auch rechtschaffene
Christen, in welchen der heilige Geist ist, entschlos-
sen und mutig. Denn ein Christ trotzt und spricht:
Will mich Gott nicht lebendig haben, so will ich ster-
ben; will er mich nicht reich haben, so will ich arm
sein. Aber des Teufels Geist betrübt und macht
schwermütig; darum muß er mit den Schlangen und
Pharisäern, den Heuchlern, anders reden; wie er im 5.
Mose 28, 63 spricht: Er wird sich aufmachen und
euch umbringen.
[WA 6896

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6797 Der Christ in der Welt 138

660. Das beste Geschenk ein fröhliches Herz

Das beste Geschenk und Wesen ist ein heiteres und


fröhliches Herz. Im Gesetz des Mose werden nämlich
die Traurigen nicht zum Altar und Opfer zugelassen
(3. Mose 10, 6; 21, 10).
[WA 4328

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6798 Der Christ in der Welt 139

661. Ein Christ muß ein fröhlicher Mensch sein

Ein Christ muß ein fröhlicher Mensch sein. Wenn er


es nicht ist, dann ist er vom Teufel versucht.
[WA 522

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6799 Der Christ in der Welt 140

662.

Wir haben mehr Ursache uns zu freuen als traurig zu


sein; denn wir hoffen auf Gott, der da sagt (Joh. 14,
19): »Ich lebe, und ihr sollt auch leben.« Aber die
Traurigkeit ist uns angeboren. Der Gott der Traurig-
keit, der Satan, tötet, aber unser Herrgott erhält uns.
[WA 1104

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6800 Der Christ in der Welt 141

663.

Flieht die Traurigkeit, deren Urheber der Satan ist,


und dienet Gott mit Freude. Gott ist ein Feind aller
Traurigkeit und verfolgt sie mit allen seinen Worten,
dem heiligen Geist, den Sakramenten, dem Wort des
Evangeliums usw. So sagt Jesus Sirach (30, 25):
»Traurigkeit tötet viele Leute und dient doch zu
nichts.«
[WA 676

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6801 Der Christ in der Welt 142

664.

Gott will, daß wir fröhlich seien, und haßt die Trau-
rigkeit. Wenn er nämlich gewollt hätte, daß wir trau-
rig seien, hätte er uns nicht die Sonne, den Mond und
die anderen Schätze der Erde geschenkt. Dies alles
gibt er uns zur Freude. Sonst hätte er Finsternis ge-
schaffen und nicht zugelassen, daß die Sonne immer
wieder aufgeht oder daß der Sommer (immer) wieder-
kommt.
[WA 124

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6802 Der Christ in der Welt 143

665. Fröhlich sein und fürchten

Das reime mir einer zusammen, fröhlich sein und


fürchten! Mein Hans kann es tun mir gegenüber, aber
ich kann es nicht gegen Gott. Wenn ich etwas schrei-
be oder (sonst) etwas tue, dann singt mir mein Hans
ein Liedchen daher; und wenn ers zu laut machen
will, so fahre ich ihn ein wenig an. Dann singt er
gleichwohl fort, machts aber verborgener, mit einer
gewissen Ehrerbietung und mit Scheu. Dasselbe will
Gott: Wir sollen stets fröhlich sein, aber mit Ehrerbie-
tung gegen ihn.
[WA 148

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6803 Der Christ in der Welt 144

666. Ein Angefochtener

Einem Angefochtenen gab er diesen Rat, daß er nicht


allein und nicht auf sich selbst gestellt sein sollte,
sondern er sollte den Rat und die Tröstungen anderer
durch das Wort Gottes gebrauchen, weil kein Ange-
fochtener seiner selbst mächtig wäre.
[WA 3897

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6804 Der Christ in der Welt 145

667.

Wenn jemand in der Anfechtung ist oder bei Ange-


fochtenen, so schlage er nur Mose tot und werfe alle
Steine auf ihn. Wenn einer aber wieder gesund wird,
dann soll ihm das Gesetz gepredigt werden. Dem Be-
trübten aber soll keine Betrübnis gepredigt werden.
[WA 2523

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6805 Der Christ in der Welt 146

668. Woher die Anfechtungen kommen

Dann gab er einem in seinen Anfechtungen einen Rat


und sagte schließlich: Keines Menschen Leben ver-
läuft völlig in Frieden, denn jeder hat seine Anfech-
tung und sollte er sich gleich selbst Unruhe machen.
Denn niemand ist mit seinem Los zufrieden. Der Ver-
heiratete möchte unverheiratet, der Unverheiratete
verheiratet sein; der Herr möchte ein Knecht, der
Knecht der Herr sein; der Arme möchte reich sein,
und der Reiche möchte gern noch mehr haben.
[WA 3816

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6806 Der Christ in der Welt 147

669. Trost für Angefochtene

Zu einem Angefochtenen sagte Luther einmal: Bist du


etwa nicht getauft? Oh, was für eine große Gabe sind
die Taufe und das Wort Gottes! Deshalb müssen wir
Gott hohen Dank sagen, daß wir diese haben. Gott ist
es, der uns stärkt und uns das Unterpfand des heiligen
Geistes gibt.
[WA 894

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6807 Der Christ in der Welt 148

670.

Je tiefer einer in Traurigkeit und Anfechtungen ist, ein


um so geeigneteres Werkzeug ist er für den Satan.
Denn unsere Anfechtungen sind es, durch die der Teu-
fel bei uns Eingang findet und in uns wirkt. Wo es
naß ist, da kann man leicht gießen; wo der Zaun ka-
putt ist, da kann man leicht hinüber. Ebenso hat der
Satan dort, wo Traurigkeit ist, einen leichten Zugang.
Darum muß man beten und Umgang mit (anderen)
Gläubigen pflegen.
[WA 2840a

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6808 Der Christ in der Welt 149

671.

Eines Tages kam er zu jemandem, der von Gewis-


sensnöten und Verzweiflung angefochten war. Den
tröstete er so: Mein lieber Bruder, laß dich nicht da-
durch schrecken, daß dich der Teufel so quält! Chri-
stus sagt (Joh. 15, 19); »Wäret ihr von der Welt, dann
würde euch die Welt nicht hassen. Weil ihr aber nicht
von der Welt seid« usw. Deine Anfechtungen mögen
dir also ein Beweis dafür sein, daß du ein Kind Gottes
bist. Der Satan quält dich so deshalb, um dich in Ver-
zweiflung zu stürzen und dich zu seinem Sohn zu ma-
chen.
[WA 114

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6809 Der Christ in der Welt 150

672. Die schwersten Gedanken des Teufels

Die schwersten Anfechtungen sind, wenn der Teufel


uns dahin bringt, daß wir nach den Ursachen des
Wohlergehens und des Unglücks forschen. Keine An-
fechtung bringt leichter zu Fall, als danach zu for-
schen, warum dies oder jenes geschieht. Das dauert
von Adam an bis auf alle unsere Nachkommen. Das
»Warum« hat alle Heiligen gequält.
[WA 3107

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6810 Der Christ in der Welt 151

673. Trost wider die Anfechtung der Vorsehung

»Wenn die Gerechtfertigten Frieden haben, so sind


also diejenigen, welche keinen Frieden haben, nicht
gerechtfertigt.« Wer so angefochten werden sollte, der
sollte wissen, daß das christliche Leben oder die Ge-
rechtigkeit mitten in Traurigkeit, Unruhen, Trübsalen
und Tod gelebt wird. Es sind aber doch Gottes Kin-
der, die das erleiden, nach dem: »Mein Sohn, achte
nicht gering die Züchtigung des Herrn«, Hebr. 12, 5.
Wenn sie also Gottes Kinder sind, so werden sie von
Gott nicht vernachlässigt, wenn sie gleich sehr hart
vom Satan geplagt werden. Und wegen des guten
Willens Gottes gegen sie geziemt es sich, daß sie mit-
ten in den Anfechtungen fröhlich sind und guten Ge-
wissens aus dem Glauben, durch den Glauben.
Der Friede aus dem Glauben, von dem Paulus sagt
(Röm. 5, 1), ist so viel höher als alle Vernunft, daß er
auch im Tode da sein muß, in welchem nichts weniger
als Friede zu sehen ist. Das Fleisch und die Sinne
kennen ihn nicht, sondern fühlen den Kampf und die
Unruhe. So beklagt sich David (Ps. 38, 4), daß kein
Friede in seinen Gebeinen sei. Auch Christus am
Kreuze fühlte den Frieden nicht. Und wenn ein Christ
nicht Gleiches empfände, worauf sollten die Verhei-
ßungen und Tröstungen des Evangeliums, desgleichen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6811 Der Christ in der Welt 152

die Predigt der Gnade sich beziehen? Wie Matth. 11,


5: »Den Armen wird das Evangelium gepredigt«,
Luk. 12, 32: »Fürchte dich nicht, du kleine Herde«,
Röm. 14, 1: »Den Schwachen im Glauben nehmet
auf«, 2. Kor. 13, 11: »Tröstet euch untereinander«,
und viele ähnliche Worte, welche hauptsächlich für
solche Leute geredet und geschrieben sind.
Die Christen haben immer Trübsale und fühlen
Traurigkeit. Dafür ist das erste Gebot gegeben, daß
die Traurigen und Betrübten getröstet werden, wenn
sie nur die Tröstungen an sich heranlassen.
[WA 3344

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6812 Der Christ in der Welt 153

674.

(Am 14. Dezember 1531 beim Frühstück): Das ist die


größte Anfechtung des Teufels, wenn er sagt: Gott
haßt die Sünder. Du aber bist ein Sünder, also haßt
Gott auch dich. Diese Anfechtung bekommt der eine
so, der andere so zu spüren. Mir wirft er meine Übel-
taten nicht vor, daß ich Messe gehalten habe, daß ich
dies und das in meiner Jugend getan habe. Anderen
hält er ihr Leben vor. Bei einem solchen Streitge-
spräch ist schlankweg der Obersatz zu verneinen: daß
es nämlich falsch ist, daß Gott die Sünder haßt. Wenn
dir hier der Teufel Sodom oder andere Beispiele des
Zorns vorhält, so halte du ihm dagegen Christus, den
Sohn Gottes, der ins Fleisch gekommen ist, vor.
Wenn er die Sünder haßte, dann hätte er bestimmt
nicht seinen Sohn für sie geschickt. Er haßt nur die,
die sich nicht rechtfertigen lassen wollen, d.h. die
nicht Sünder sein wollen.
Solche Anfechtungen sind uns sehr dienlich und
nicht, wie es scheint, zum Verderben. Sie sind eine
Unterweisung und jeder Christ soll bedenken, daß er
ohne Anfechtungen Christus nicht recht erfahren
kann.
[WA 141

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6813 Der Christ in der Welt 154

675. Poltergeister, die D. Luther auf seinem


Patmos auf der Wartburg geplagt haben

Anno 1546, als D. Luther zu Eisleben war, erzählte er


diese folgende Historie, wie ihn der Teufel auf der
Wartburg geplagt hätte, und sprach: Als ich Anno
1521 von Worms abreiste und bei Eisenach gefangen
ward und auf dem Schloß Wartburg auf Patmos saß,
da war ich fern von Menschen in einer Stube und
konnte niemand zu mir kommen als zwei Edelknaben,
die mir des Tages zweimal Essen und Trinken brach-
ten. Nun hatten sie mir einen Sack mit Haselnüssen
gekauft, die ich zu Zeiten aß, und hatte denselbigen in
einen Kasten verschlossen. Als ich des Nachts zu
Bette ging, zog ich mich in der Stube aus, tät das
Licht auch aus, und ging in die Kammer, legte mich
ins Bett. Da kommt mirs über die Haselnüsse, hebt an
und quetscht eine nach der andern mächtig hart an die
Balken, rumpelt mir am Bette; aber ich fragte nichts
danach. Wie ich nun ein wenig entschlief, da hebts an
der Treppe ein solch Gepolter an, als würfe man ein
Schock Fässer die Treppe hinab; so ich doch wohl
wußte, daß die Treppe mit Ketten und Eisen wohl
verwahrt war, daß niemand hinauf konnte; dennoch
fielen so viel Fässer hinunter. Ich stehe auf, gehe auf
die Treppe, will sehen, was da sei; da war die Treppe
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6814 Der Christ in der Welt 155

zu. Da sprach ich: Bist du es, so sei es! Und befahl


mich dem Herrn Christus, von dem geschrieben steht:
»Du hast alles unter seine Füße getan«, wie Psalm 8,
7 sagt, und legte mich wieder nieder ins Bett.
Nun kam Hans von Berlepschs Frau nach Eisenach
und hatte gemerkt, daß ich auf dem Schloß wäre, hätte
mich gerne gesehen; es konnte aber nicht sein. Da
brachten sie mich in ein anderes Gemach und hatten
dieselbe Frau von Berlepsch in meine Kammer gelegt.
Da hats die Nacht über ein solch Gerumpel in der
Kammer gehabt, daß sie gemeint hätte, es wären tau-
send Teufel drinnen. Aber das ist die beste Kunst, ihn
zu vertreiben, wenn man Christus anruft und den Teu-
fel verachtet; das kann er nicht leiden. Man muß zu
ihm sagen: Bist du ein Herr über Christus, so sei es!
Denn so sagte ich auch zu Eisenach.
[WA 6816

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6815 Der Christ in der Welt 156

676. Die Frucht der Anfechtungen

Am 28. März 1537 erwähnte Luther seine Krankheit


(die mehr geistlicher Natur war, denn vierzehn Tage
lang hatte er nämlich so gut wie nichts gegessen,
nichts getrunken und auch nicht geschlafen): In dieser
Zeit habe ich des öfteren mit Gott gehadert: in meiner
Ungeduld warf ich ihm seine Versprechungen vor. Da
lehrte mich Gott die heilige Schrift recht verstehen.
Denn es ist sonst unmöglich, daß ein Mensch die hei-
lige Schrift verstehe, wenn es ihm immer nach seinem
Willen geht. Denn Gott will, daß wir nicht an unserer
Ungeduld zerbrechen. Er sagt nämlich in seiner gan-
zen Schrift (Ps. 130, 6): Warte, warte »von einer
Morgenwache bis in die Nacht!« Und er ist wahrlich
ein feiner Gott. Wenn er schon nicht sofort hilft, so
gibt er doch ein Maß, das man tragen kann. So sagt
auch Hiob (13, 15 ff.): Wenn mich Gott schon er-
würgte, so will ich doch auf ihn hoffen. Mag es im-
merhin sein, daß du dein Antlitz vor mir verbirgst, so
kann ich dennoch nicht glauben, daß du mein Feind
bist. Deshalb gehört das Buch Hiob zu den besten.
Obwohl er nicht gegen Gott gesündigt hat, ist er doch
das herrlichste Beispiel eines angefochtenen, ja ei-
gentlich toten Menschen. Denn dieses Buch ist nicht
für Hiob oder über jenen einen Hiob geschrieben,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6816 Der Christ in der Welt 157

sondern es gilt allen leidenden Menschen. Hier sehen


wir, wie Gott bei den Anfechtungen der Seinen vor-
geht: daß der Teufel und die Chaldäer zornig sind und
ihn angreifen; er aber kanns leiden und sagt (1, 21):
»Der Name des Herrn sei gelobt.« Aber als Gott mit
ihm zürnen will, da kann ers nicht ertragen. Dort
nimmt er Anstoß am Glück der Gottlosen. Und den-
noch überwindet er diesen Anstoß und sagt: Ich weiß,
daß du gnädig bist, obwohl es ihm schwer fällt, das
zu sagen. In Summa: jeder Mensch murrt und rebel-
liert seinem Fleische nach gegen Gott. Es ist eben zu
schwer zu ertragen, daß uns Gott ungnädig ist. Wenn
ich in meiner Krankheit hätte predigen können, wollte
ich manche schöne Predigt und Lektion gehalten
haben. Denn da verstand ich den Psalter und seinen
Trost ein wenig.
Die Frommen sollen auf keine Weise davon bewegt
werden, daß es den Gottlosen in diesem Leben besser
gelingt. Es soll ihnen ein Trost sein, daß sie dessen
harren sollen, was ihnen Gott im Himmel so reichlich
geben will.
[WA 2558A

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6817 Der Christ in der Welt 158

677. Des Teufels Waffe ist die Krankheit

Eines Tages fuhr er auf einem Wagen in den Wald


und durch die Äcker, um sich zu erholen, sang und
war fröhlich zur Ehre Gottes und sagte: Meine Gesän-
ge tun dem Teufel sehr wehe, dagegen unsere Unge-
duld und unser Wehgeschrei ist ihm eine Freude. Er
hat Lust uns zu plagen, besonders die Christus beken-
nen und predigen. Weil er der Fürst dieser Welt und
unser Feind ist, so müssen wir ihm durch sein Land
passieren. Dafür will er auch wahrlich den Zoll von
uns haben und schlägt unseren Leib mit mancherlei
Plagen. Die Ärzte sehen bei den Krankheiten immer
nur auf die naturbedingten Ursachen und bemühen
sich, mit ihren Mitteln zu helfen, und tun es gut. Aber
sie sehen nicht auf den Teufel als den Urheber der
sonst natürlichen Ursache einer Krankheit. Er kann
die Krankheiten und ihre Ursachen sofort und leicht
ändern, aus Hitze macht er Kälte und Gutes verwan-
delt er in Böses. Darum muß eine höhere Arznei sein,
nämlich der Glaube und das Gebet, wie es Psalm 31,
16 heißt: »Mein Schicksal steht in deinen Händen.«
Diese Stelle habe ich jetzt in dieser Krankheit gelernt
und will den Psalm korrigieren. Denn bisher habe ich
diese Stelle nur auf die Stunde des Todes bezogen, es
soll aber heißen: »Meine Zeit steht in deinen Hän-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6818 Der Christ in der Welt 159

den«: »Kairos«, d.h. mein ganzes Leben, all meine


Tage, Stunden und Augenblicke.
Gleich als wenn man sagte: Meine Gesundheit,
Krankheit, Unfall, Glück, Leben, Sterben, Freude und
Traurigkeit steht in deiner Hand. Das wird durch die
Erfahrung bewiesen. Wenn wir denken, wir möchten
fröhlich, lustig, fromm, gesund sein, dann tritt das
Gegenteil ein und umgekehrt.
[WA 3945

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6819 Der Christ in der Welt 160

678.

Ich glaube, daß bei allen schweren Krankheiten der


Teufel der Urheber und Anstifter ist. Erstens: er ist
der Urheber des Todes; zweitens: Petrus sagt in der
Apostelgeschichte (10, 38), Christus habe alle ge-
heilt, »die vom Teufel überwältigt waren.« Christus
aber hat nicht nur die Besessenen geheilt, sondern
auch Gelähmte, Blinde usw. Ich glaube überhaupt,
daß alle gefährlichen Krankheiten Schläge des Teufels
sind. Er bedient sich gleichwohl hierzu ganz natürli-
cher Mittel. Wie der Straßenräuber mit dem Schwert
mordet, so verpestet der Satan die Natur. Ebenso be-
dient sich auch Gott bestimmter Mittel, um uns bei
Gesundheit zu erhalten, als da sind der Schlaf, die
Speise, der Trank; denn er wirkt nichts außer durch
bestimmte Mittel. Ebenso fügt uns der Teufel auch
nur durch ihm geeignet erscheinende Mittel Schaden
zu. Wenn sich der Zaun ein wenig nach vorn neigt, so
stößt er ihn vollends zu Boden. Wie der Arzt unseres
Herrgotts Flicker ist in bezug auf den Körper, so sind
wir Theologen es in bezug auf den Geist, daß wir die
Sache (wieder) gutmachen, wenn es der Teufel ver-
derbt hat. Wo der Arzt ein Heilmittel gibt, da gibt der
Teufel Gift. Er heilt die Kreatur durch Anwendung
natürlicher Mittel. Die Medizin ist nämlich von Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6820 Der Christ in der Welt 161

her offenbart, sie ist nicht aus Büchern hervorgegan-


gen, wie auch die Wissenschaft der Rechtsprechung
nicht aus Büchern stammt, sondern sie ist der Natur
entnommen. Unser Herrgott hat selbst alles geschaf-
fen, und es ist gut. Deshalb sollen wir ruhig die Medi-
zin als eine Schöpfung Gottes gebrauchen. So habe
ich auch dem (Bürgermeister von Wittenberg) Hohn-
dorf geantwortet, der von Karlstadt gehört hatte, daß
man keine Arznei anwenden dürfe, und der mich des-
wegen fragte. Ich sagte zu ihm:
»Eßt Ihr auch, wenn Euch hungert?«
[WA 360

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6821 Der Christ in der Welt 162

679. Von denen, die sich selbst


ums Leben bringen

Diejenigen, welche sich selbst erhängen oder sonst


töten, leiden Gewalt vom Teufel, wie der, welcher von
einem Räuber getötet wird. Sie sind ihrer selbst nicht
mächtig. Deshalb kann ich sie nicht verdammen, ob-
gleich man dies dem Volke nicht sagen soll. Und der
Teufel muß zu Zeiten so hart sein, und solche Bei-
spiele müssen den Menschen vor Augen gestellt wer-
den, sonst würde niemand Gott fürchten. Oh, man
muß hart mit solchen Gedanken (nämlich des Selbst-
mordes) umgehen, daß man sie überwinde, wie man
auch mit solchen Toten hart umgehen muß, sie ver-
brennen usw., damit die Welt (davon ab)geschreckt
werde.
[WA 2597

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6822 Der Christ in der Welt 163

680.

Ich bin nicht der Meinung, daß die ganz und gar zu
verdammen seien, die Selbstmord begehen. Mein
Grund dafür: sie tun es nicht gern, sondern werden
von der Macht des Teufels überwältigt – wie (wenn)
jemand in einem Wald von einem Wegelagerer ermor-
det würde. Dennoch darf das dem Volk nicht so ge-
sagt werden, damit dem Satan nicht Gelegenheit ge-
boten wird, ein Blutbad anzurichten. Ich bin auch der
Meinung, daß man an den Bräuchen (in bezug auf die
Selbstmörder) streng festhalten soll. Sie sind ihrer
selbst nicht mächtig, sondern unser Herrgott richtet
sie hin, wie er einen durch einen Straßenräuber hin-
richtet. Die Obrigkeit soll gleichwohl streng in dieser
Sache sein, wenn auch die Seele nicht einfach ver-
dammt ist. Es gibt aber Beispiele dafür, daß uns unser
Herrgott damit beweisen will, daß der Teufel ein
(mächtiger) Herr sei, ebenso daß man fleißig beten
soll. Gäbe es nämlich solche Beispiele nicht, so wür-
den wir Gott nicht fürchten; also muß er uns so leh-
ren.
[WA 222

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6823 Der Christ in der Welt 164

681. Niemand ist mit seinem Los zufrieden

Das ist der Teufel mit uns, daß niemand genug hat!
Wie es Gott mit einem schickt, so gefällt es ihm nicht.
Das Los der anderen gefällt uns immer besser: die er-
giebigere Saat steht immer auf fremdem Felde; und
der Nachbar hat immer das fruchtbarere Vieh.
So ist es auch auf unserem Gebiet: Niemand ist mit
seinem Beruf zufrieden: das träge Rind möchte gern
einen Sattel tragen, und das Reitpferd möchte vor den
Pflug gespannt werden. Je mehr wir haben, um so
mehr wollen wir haben.
[WA 3662

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6824 Der Christ in der Welt 165

682.

Die Gegenwart, so gut und schön sie auch sein mag –


verschmähen wir immer, wir streben nach dem, was
wir nicht haben. Sobald wir das erreicht haben, wird
es sogleich wertlos. So möchte, wer ein Fürst ist, gern
König sein, der König Kaiser. Wer ein Mädchen
liebt, dem steht der Sinn allein danach, es zu besitzen,
in seinen Augen scheint es nichts Schöneres zu geben,
er würde sich glücklich schätzen, wenn er sie für sich
haben könnte. Hat er sie aber, so fängt er schon nach
drei oder vier Tagen an, ihrer überdrüssig zu werden.
Er meint, er könne eine noch viel schönere haben. So
denkt auch der Arme: Wenn ich hundert Goldstücke
hätte, wäre ich der Reichste. Hat er sie aber, will er
immer mehr haben usw.
So ist des Menschen Herz mit dem Quecksilber zu
vergleichen, das jetzt da, bald anderswo ist, heute ist
es so, morgen anders gesinnt. Daher ist es ein großes
Elend, wie der Prediger Salomo sagt, daß der Mensch
nach so Unzuverlässigem verlangt und nach dem, von
dem er nicht weiß, wie es geraten wird. Aber das Zu-
verlässige, worauf Verlaß ist und was bereits geraten
ist, das verachtet er. Als wir Friedrich den Weisen als
Kurfürsten hatten, gefiel uns bald er selbst, bald sein
Maßhalten nicht. Wir hofften auf einen besseren Für-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6825 Der Christ in der Welt 166

sten als Nachfolger. Ei, wenn wir Herzog Johann hät-


ten, wärs fein! Als wir den hatten – nach dem Tode
Friedrichs – da wollten wir wieder den jetzigen (Jo-
hann Friedrich) haben. Der wirds tun! Aber nach drei
Jahren wird er gewiß auch nichts taugen, und wir wer-
den auf einen jungen (Fürsten) hoffen. Darum: was
uns Gott gibt, das wollen wir nicht. Deshalb wollte
Christus auch nicht regieren, sondern er überließ das
dem Satan, zu dem sagte er: Regiere du! Gott ist aber
ein anderer, er hat eine andere Natur und einen ande-
ren Geist. Er sagt: »Ich bin der Herr und wandle mich
nicht.« (Mal. 3, 6) Ich halte fest an meinen Verspre-
chungen und Drohungen. Die Christen müssen Gott
für die gegenwärtigen Dinge dankbar sein; so wie sie
verläßlich sind, sind sie auch gut und sind uns nach
Gottes unermeßlicher Barmherzigkeit zuteil gewor-
den. Christen sollen den Psalm (117) singen: »Lobet
den Herren« usw.
[WA 814

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6826 Der Christ in der Welt 167

683.

Das menschliche Herz kann weder Gutes noch Böses


ertragen. Haben wir Geld und Gut, so ist keine Ruhe
vorhanden; ist Armut da, so ist kein Friede. In der
Mitte liegt das Rechte, das ist, mit seinem Schicksale
zufrieden zu sein.
[WA 2799

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6827 Der Christ in der Welt 168

684.

Eines Menschen Gut und Mut sind seine größten


Feinde. Was gut ist, das ist von Gott; was böse ist,
das ist vom Teufel. Der Mensch braucht Gut und Mut
mehr gegenüber Gott als zu seinem Lobe.
[WA 1921

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6828 Der Christ in der Welt 169

685.

Ein verhärtetes Herz läßt sich durch Versprechungen


nicht rühren, wird durch Wohltaten nicht bewegt,
durch Drohungen nicht erschreckt und durch Heimsu-
chungen nicht gebessert.
[WA 1092

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6829 Der Christ in der Welt 170

686. Gott und nicht Geld erhält allzeit die Welt

Geld kann den Hunger nicht stillen, sondern ist im


Gegenteil der Grund für Hunger. Denn wo reiche
Leute sind, da ist alles teuer. Außerdem macht das
Geld niemanden fröhlich. Es macht einen mehr be-
trübt und voller Sorgen. Das sind nämlich die Dor-
nen, welche die Menschen stechen, wie Christus
(Matth. 13, 22) den Reichtum nennt. Dennoch ist die
Welt so töricht und will all ihre Freude darin suchen.
[WA 3145c

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6830 Der Christ in der Welt 171

687.

Geld ist das Wort des Satans, durch das er alles in der
Welt schafft, wie Gott alles durch das wahre Wort
schafft.
[WA 391

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6831 Der Christ in der Welt 172

688. Von denen, die an der Welt


Reichtum hängen

Ein Mensch, der sich der Welt Reichtum und Ehre er-
geben hat und indessen seiner Seele und Gottes ver-
gißt, der ist gleich einem kleinen Kindlein, das einen
Apfel in der Hand hält, der schön ist von Gestalt und
äußerlicher Farbe, und meint, es habe etwas Gutes;
inwendig aber ist er faul und voller Würmer.
[WA 6582

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6832 Der Christ in der Welt 173

689. Reichtum

Reichtum ist das allergeringste Ding auf Erden, die


kleinste Gabe, die Gott einem Menschen geben kann.
Was ists im Vergleich zu Gottes Wort? ja, was ists
noch im Vergleich zu leiblichen Gaben und Schönheit
und im Vergleich zu den Gaben des Gemüts? Den-
noch strebt man so emsig danach! In keiner Hinsicht
ist am Reichtum etwas Gutes. Darum gibt unser Herr-
gott für gewöhnlich Reichtum den groben Eseln,
denen er sonst nichts gönnt.
[WA 5559

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6833 Der Christ in der Welt 174

690.

Wo viel Besitz ist, da sind auch allerlei Sünden; denn


Gut macht Mut,
Mut macht Armut,
Armut macht Demut.
Darum werden die Reichen auch große Rechenschaft
geben müssen; denn wem viel befohlen ist, der muß
viel abrechnen. Reichtum, Verstand, Schönheit sind
feine Gaben Gottes, aber wir mißbrauchen sie übel.
Doch ist großer Verstand auch ein böses Ding, wenn
er übel gerät.
Niemand will von seinem Sinn weichen. Es ist bes-
ser, daß einer von Angesicht wenig schön ist, denn es
kann eine Krankheit kommen, die kanns ihm nehmen;
aber der Sinn läßt sich nicht sobald ändern. Es steht
geschrieben 1. Mose 3, 5: »Ihr werdet sein wie Gott.«
Diese Krankheit ist uns so von Adam angeboren: Ihr
werdet sein wie Gott.
[WA 5395

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6834 Der Christ in der Welt 175

691.

Jeder Götzendiener ist geizig; je frömmer er sich gibt,


um so geiziger ist er.
[WA 1080

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6835 Der Christ in der Welt 176

692.

Das gegenwärtige Geld läßt den gegenwärtigen Gott


verachten.
[WA 2347

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6836 Der Christ in der Welt 177

693. Klage der Prediger

Die Welt will uns armen Predigern niemals glauben.


Wenn wir aber Geld hätten wie die Papisten, so woll-
ten wir die Welt leicht bekehren. Weil wir aber arm
sind, so haben wir kein Ansehen.
[WA 1445

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6837 Der Christ in der Welt 178

694.

Die ärmsten Jünglinge sind die fleißigsten. Denn der


arme Christus will sein überaus armes Reich durch
die Armen erbauen. Die reichen Jünkerlein, die der
Beutel und Vorrat drückt, studieren nicht.
[WA 3599

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6838 Der Christ in der Welt 179

695.

Von Herzen bitten und armer Leute Klagen richten


ein Geschrei an, daß es alle Engel im Himmel hören
müssen.
[WA 1912

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6839 Der Christ in der Welt 180

696.

Bei einem wahren Diener Christi darf keine Frage


nach Geld und Luxus sein, die eine Ursache der Hab-
sucht sind, sondern die Sorge, wie er sein Amt treu-
lich ausrichte. Und das Geld ist nicht wert, daß man
darüber streite, weil es hoffärtig macht und das nur
auf eine gar kurze Zeit, und es geht nicht mit uns,
wenn wir sterben.
[WA 2796

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6840 Der Christ in der Welt 181

697. Habgier

Groß ist die Habgier der Menschen, die auch zu der


Zeit des Evangeliums niemandem in seiner Not zu
Hilfe eilen. Luther antwortete: Wenn auch unser Herz
nicht so sehr zum Geben geneigt ist, so muß doch ein
Christ seiner Pflicht zur Liebe eingedenk sein, daß er
um dieser Pflicht willen fröhlich (zum Geben) sei, wie
dagegen die Verprasser beinahe alles vergeuden, wie
Seneca zu einem Verschwender sagt: Du hast die
Krankheit, daß du zu gern gibst. Denn die Ver-
schwendung ist auch nicht zu loben, welche die Spar-
samkeit ganz vernachlässigt.
[WA 4152

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6841 Der Christ in der Welt 182

698.

Was mir unser Herrgott gibt, das nehme ich gern; was
er nicht gibt, das kann ich gut entbehren. Das ist mein
Wahlspruch, daß ich mir genügen lassen kann. So
halte ich Haus.
[WA 479

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6842 Der Christ in der Welt 183

699. Reichtum

Große Schätze bringen große Not. Ich bin reich, wenn


ich auch nicht viel habe, weil ich das Meine genieße.
Ich mache mir keine Sorgen, wie ich meinen Reich-
tum vor anderen verheimliche. Die Sorge darum, wie
man sein Geld erhält, ist die schrecklichste Knecht-
schaft.
[WA 1475

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6843 Der Christ in der Welt 184

700. Geiz vernichtet den Glauben

Am 2. Oktober (1538) klagte er über die mehr als


elende Verwirrung der öffentlichen Ordnung durch
jenen teuflischen Geiz, der jede weltliche Gerechtig-
keit, jedes Pflichtgefühl, alle Ordnungen und Verträge
auflöse. Jeder sieht darauf, sich möglichst viel Geld
zusammenzubringen. Getreide und Nahrungsmittel
halten diese Geizhälse nicht für so wichtig wie Geld,
das sie aber doch nicht verzehren können. Dennoch
ist der Welt alles um das Geld zu tun, als hinge Seele
und Leib daran. Man verachtet Gott und den Näch-
sten und dient dem Mammon. Ich bitte euch, seht un-
sere Zeit an! Wie treten diese übergeizigen Leute vom
Adel, die Bürger und Bauern den Glauben mit Füßen,
sie verjagen die Prediger durch den bittersten Hunger.
Sie wollen unserem Herrgott sein Haus nicht bauen,
so wird ihnen ihr Haus wieder zerfallen, wie die Pro-
pheten Haggai (1, 5 ff.) und Maleachi (3, 8 ff.)
schrecklich genug ihren Verächtern drohen, die gar
nichts für die Verehrung geben wollen. Deshalb
werde Gott ihnen auch nichts geben, sondern sie
durch Hunger und Krieg vernichten. Schlag selbst die
Stellen bei den Propheten nach! Warum sollte dassel-
be nicht unserer Zeit geschehen? Es werden greuliche
Zeiten kommen, viel größere Strafen als über Sodom
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
6844 Der Christ in der Welt 185

usw.
[WA 4036

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6845 Der Christ in der Welt 186

701. Der Geiz der Bauern

Im Jahre 1539 fuhr Doktor Martinus sehr heftig gegen


den Geiz der Bauern los, die ihr Getreide versteckten,
weil sie eine Teuerung erwarteten, so daß sich – gott-
lob – drei Bauern bereits erhängt haben. Denn solche
Räuber am ganzen Land sind einer solchen Strafe
würdig. Denn diese Teuerung ist eine willkürliche
Teuerung. Gott hat bisher genug gegeben, es wächst
auch noch alle Tage. Allein daß uns der Teufel beses-
sen hat, willkürlich eine Teuerung zu machen. Wir
werden zu Mördern und Dieben an unsern Nächsten.
Denn Christus sagt (Matth. 25, 42); »Ich bin hungrig
gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist.« Denke du
nur nicht, daß du der Strafe entgehen werdest, der du
das Getreide teurer verkaufst, denn du bist schuld am
Tod und dem Verschmachten des Armen. Der Teufel
wird dich wegführen. Wer also fromm ist und sein
Vertrauen auf Gott setzt, die sollen um das tägliche
Brot bitten und gegen diese Räuber, auf daß sie zu-
grundegehen oder sich bessern.
[WA 4746

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6846 Der Christ in der Welt 187

702.

Ich wollte, daß ich nur drei Tage lang ein Engelein
sein könnte, so wollte ich den Bauern alle ihre Schät-
ze stehlen, die wollte ich in die Elbe werfen. Oh, da
würden alle Stricke zu wenig werden, so würden sie
sich erhängen, dort einer, hie einer.
[WA 2295 a

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6847 Der Christ in der Welt 188

703.

Als die Sprache auf die Mißachtung des Wortes (Got-


tes) kam, die unter Bauern, dem Adel und den Bür-
gern um sich greift, sagte er: Diese Mißachtung soll
uns ein Trost sein und eine Ermahnung, Gott für diese
Gabe Dank zu sagen: daß wir die sind, die sein Wort
lieb haben, fleißig das Wort Gottes hören und lernen
und daß wir Lust zur heiligen Schrift haben. Denn es
ist eine große Strafe und ein sehr hartes Gericht Got-
tes, daß der Mensch Gott und sein Wort so verachtet,
daß er es nicht hören will und seine Diener nicht ehrt
noch achtet.
[WA 115

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6848 Der Christ in der Welt 189

704. Öffentliche Wucherer soll man


in den Bann tun

Öffentliche Wucherer soll man in den Bann tun, wie


ich einem Edelmann jetzt getan habe, das heißt, man
soll ihm nicht das Sakrament reichen. Da aber einer
sagte: wie, wenn er Buße täte? Darauf antwortete D.
M. Luther: Das hat sein Maß; er muß aber ein Zachä-
us werden (Luk. 19, 2 ff.), was er zuviel geraubt hat
wiedergeben, denen ers abgeschunden hat, oder er
büßt nicht recht. Denn nach bürgerlichem Recht kann
ers auch nicht mit gutem Gewissen behalten, ge-
schweige denn nach göttlichem Rechte. Und wer mit
ihm ißt und trinkt, der macht sich teilhaftig an seinen
Sünden.
[WA 5216

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6849 Der Christ in der Welt 190

705. Ob man Wucherer absolvieren dürfe

Als jemand fragte, ob auch einer (in der Beichte) los-


zusprechen sei, von dem alle wüßten, daß er ein Wu-
cherer sei, wenn er im Todeskampf aufrichtig bereute,
antwortete Luther: Ja! – wenn er sagt und es auch tut,
daß er alles das, was er erwuchert und erschunden hat,
wiedergeben will, gemäß dem Wort (3. Mose 6, 4 ff.):
Sünde wird nicht vergeben, wenn nicht das Wegge-
nommene wiedererstattet wird. Er soll und muß es zu-
rückgeben, sonst ist die Reue falsch.
[WA 5593

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6850 Der Christ in der Welt 191

706. Vom Umgang mit dem Gelde

Eine Geldstrafe ist keine Strafe, weil die Leute entwe-


der reich sind, oder das auf irgendeine Weise erlangte
Geld nicht groß achten. Aber die Strafe der Schande
oder die Leibesstrafe oder die Todesstrafe, das sind
die eigentlichen Strafen.
[WA 2054

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


6851 Der Christ in der Welt 192

707.

D. Martin Luther wurde nach einem gottesfürchtigen


Mann gefragt, der einem hundert Gulden geliehen
hatte, welcher ihn dagegen aus Gefälligkeit einen Kel-
ler gebrauchen ließ, ob ers auch mit gutem Gewissen
tun könnte? Er antwortete: Es muß ein frommer Mann
sein, der sich darüber ein Gewissen macht. Warum
sollte er nicht einen Dienst für den andern nehmen?
[WA 4718

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6852 Der Christ in der Welt 193

708.

Es ist ein ungleicher Vertrag, wenn der eine Teil nach


freiem Ermessen handeln kann, der andere aber unter
Zwang; denn jener setzt (den Preis) der Ware nach
seinem Gefallen fest.
[WA 3020

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6853 Der Christ in der Welt 194

709.

Das Geld ist eine unfruchtbare Sache. Ebenso sollen


wir nicht den Fleiß, den Gewinn und Erwerb verkau-
fen; denn er ist ungewiß. Das Volk aber soll dazu an-
gehalten werden, mit seinen Händen zu arbeiten, und
die Reichen sollen ermahnt werden, Werke der Barm-
herzigkeit zu tun. Weltliche Abmachungen verwerfen
wir nicht, wenn sie durch gerechte Verträge miteinan-
der zustandegekommen sind – ohne Habsucht und
ohne Betrug. Aber zu unserm Schmerz sehen wir, daß
die Welt unverbesserlich ist, sie ist hochmütig und
rühmt sich ihrer Schlechtigkeit. Eine solche Schlange
ist Leipzig, das ganz in Habgier untergegangen ist. In
Summa: Die Welt ist des Teufels und besteht aus
Teufeln. Laßt unsbeten!

[WA 4805

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6854 Der Christ in der Welt 195

710. Vom Geldverleihen

Die Frau Doktor sagte: Ja, man gibt einem nichts zu-
rück! – Der Doktor: Darauf muß man gefaßt sein.
Darum muß ein Christ diese drei Eigenschaften
haben: er muß geben, leihen und leiden. Aber derer ist
keiner mehr in der Welt.
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6855 Der Christ in der Welt 196

711.

Leihst du, so kriegst du es nicht wieder. Kriegst du es


wieder, so doch nicht schnell. Wenn auch schnell, so
doch nicht so gut. Wenn nicht so gut, verlierst du
einen Freund.
[WA 175

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6856 Der Christ in der Welt 197

712. Wie man den Armen


zu Hilfe kommen solle

Herr Perknowsky legte folgende Frage vor: Herr Dok-


tor, wenn ich viel Geld hätte oder einen anderen
Schatz, den ich nicht ausgeben wollte, und es käme
einer zu mir, um mich anzuborgen – könnte ich dem
das mit gutem Gewissen verweigern und sagen: Ich
habe kein Geld? Da antwortete der Doktor, daß das
mit gutem Gewissen geschehen könne, als ob man
sage: Ich habe kein Geld, das ich ausgeben will. Jo-
hannes sagt zwar (1. Joh. 3, 17): »Wenn aber jemand
dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder dar-
ben« usw., und auch Christus sagt (Matth. 5, 42)
»Gib dem, der dich bittet«, d.h. dem, der es bedarf. Er
sagt nicht: Gib jedem Müßiggänger und Verschwen-
der, die doch im allgemeinen die größten Bettler sind.
Selbst wenn ihm einer gleich viel gäbe, so ist ihm
doch damit nichts geholfen. In dieser Stadt gibt es
keine Notleidenden außer den Studenten. Die Armut
ist in dieser Stadt groß, aber die Faulheit ist noch grö-
ßer. Man kann doch schier keinen armen Menschen
mit Geld zur Arbeit bringen, alle wollen (lieber) bet-
teln. Es ist kein recht Regiment hier. Dem Christian
und dem Pacaeus usw. ist nicht zu helfen. Selbst
wenn ich es könnte, so wollte ich es nicht tun. Je
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6857 Der Christ in der Welt 198

mehr man ihnen hilft, um so mehr kommen sie (in die


Schulden) hinein. Ich wills meinem Weib und den
Kindern nicht vom Munde absparen und denen geben,
denen es nicht hilft. Den wirklich Armen muß man
helfen. Wenn jemand wirklich arm ist, dann will ich
von Herzen gern mit allen Kräften helfen. Niemand
soll diesen Spruch (Luk. 3, 11): »Wer zwei Röcke
hat, der gebe dem, der keinen hat« spitzfindig ausle-
gen. Denn die Schrift versteht unter einem »Rock« die
ganze Kleidung, die einer nach seinem Stande und
Bedürfnis braucht. Ebenso versteht sie unter »Brot«
die gesamte Leibesnahrung. Darum bedeutet »Rock«
(hier) die gesamte Kleidung. Der Teufel möchte mit
solchen Spitzfindigkeiten uns gern wieder erneut zu
Mönchen machen und den Gottlosen und Müßiggän-
gern Gelegenheit zur Ausschweifung geben. Es wollte
vorweilen alles bei mir reich werden; des Bettelns war
kein Ende.
[WA 2769 b

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6858 Der Christ in der Welt 199

713.

Wenn jemand dieser Welt Güter hat, kann er in der


Welt sagen: das ist mein. Aber vor Gott ists nötig,
daß er sage: Gott, das ist dein.
[WA 2932

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6859 Der Christ in der Welt 200

714.

Wir müssen uns halten wie Gott, der alles verliert und
weggibt. Er gibt den Himmel, die Erde, Gold, Silber,
Getreide weg, und läßt seine Sonne aufgehen über
Gute und Böse, deren Zahl immer größer gewesen ist
als die der Guten.
[WA 1962

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6860 Der Christ in der Welt 201

715. Über die Barmherzigkeit

»Gebt, so wird euch gegeben« (Luk. 6, 38). Das ist


ein unangreifbarer Spruch, der die Welt reich und arm
macht. Die, welche nichts geben und meinen, dadurch
ihren Kindern mehr zu hinterlassen, die werden nichts
übrigbehalten. Diese Krankheit wird alles verderben,
wie es vielen Reichen geschieht und bald geschehen
wird. Das Sprichwort bleibt wahr: Unrecht Gut gedei-
het nicht, kommt an den dritten Erben nicht.
[WA 5181

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6861 Der Christ in der Welt 202

716. Wie man wohltun soll

Jemand entschuldigte sich, daß er den Leuten gerne


mit Wohltaten helfen wollte, wenn ihn die Undank-
barkeit der Menschen nicht so abschreckte. Luther
antwortete: Wohltaten müssen verborgen sein und
nicht prahlerisch, es soll stille und ohne (Eigen)nutz
geschehen.
[WA 4162

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6862 Der Christ in der Welt 203

717.

Es ist natürlich, daß der, welcher von anderen Wohl-


taten verlangt, selbst auch wohltätig gegen andere
sein muß.
[WA 2175

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6863 Der Christ in der Welt 204

718.

Wer keine Wohltat verlieren will, der möge nie eine


erweisen.
[WA 3282

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6864 Der Christ in der Welt 205

719.

Vor einem Baum, von dem man Schatten hat, soll


man sich verneigen.
[WA 92

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6865 Der Christ in der Welt 206

720.

Gute Werke haben keinen Namen.


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6866 Der Christ in der Welt 207

721.

Wenn wir täten, was wir sollten, und nicht machten,


was wir wollten, dann hätten wir auch, was wir haben
sollten. Nun tun wir, was wir wollen, und nicht, was
wir sollen, darum müssen wir auch (aus)halten, was
wir auch nicht wollen.
[WA 1896

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6867 Der Christ in der Welt 208

722. Alle Menschen verlangen nach einem


müßigen Leben

Die höchste Anfechtung in der Welt ist es, daß nie-


mand getreu seinem Beruf nachgeht, sondern alle
möchten gern ein müßiges Leben führen. Ich selbst
bin schon ganz erschöpft, und werde voller Sorgen
von vielen Aufgaben geplagt. Andere gehen müßig
und wollen nichts tun. Ich bin der Meinung, wenn
wirs nicht gezwungen tun müßten, so täten wirs auch
nicht.
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6868 Der Christ in der Welt 209

723. Das Seine in Acht zu nehmen


ist nicht verboten

Das Seine in Acht zu nehmen oder den Lebensunter-


halt zu schützen, hat Christus nicht verboten. Sonst
würde es niemanden erlaubt sein, ein Lamm gegen
den Wolf zu verteidigen. Aber er will, daß man dem
Nächsten Liebe erweise, und will nicht, daß die Chri-
sten Herzen haben, welche auf Rache sinnen, wie er
auch nicht will, daß sich christliche Brüder mit heid-
nischen Richtern zusammentun, wie wir im ersten Ko-
rintherbriefe (Kap. 6) sehen. Etwas anderes aber ist
Habgier oder Geiz, etwas anderes die Rachgier als die
dringende Notwendigkeit der helfenden Gerechtigkeit.
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