Sie sind auf Seite 1von 8

3848 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 1

Martin Luther

Von der Ordnung des Gottesdiensts


in der Gemeinde
(1523)

[WA 12, 35–37]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3849 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 2

Der Gottesdienst, der jetzt allenthalben geht, hat eine


christliche, feine Herkunft gleichwie auch das Predigt-
amt. Aber gleichwie das Predigtamt durch die geistli-
chen Tyrannen verderbt ist, so ist auch der Gottes-
dienst durch die Heuchler verderbt. Wie wir nun das
Predigtamt nicht abtun, sondern wieder in seinen
rechten Stand zu bringen begehren, so ist es auch
nicht unsere Absicht, den Gottesdienst aufzuheben,
sondern ihn wieder in rechten Schwang zu bringen.
Drei große Mißbräuche sind in den Gottesdienst
eingedrungen. Der erste: daß man Gottes Wort zum
Schweigen gebracht1 und in den Kirchen alleine gele-
sen und gesungen hat, das ist der ärgste Mißbrauch.
Der zweite: nachdem Gottes Wort zum Schweigen ge-
bracht war, sind daneben so viel unchristliche Fabeln
und Lügen hereingekommen, sowohl in Lesestücken,
wie in Gesang und Predigt, daß es greulich zu sehen
ist. Der dritte: daß man solchen Gottesdienst als ein
(gutes) Werk getan hat, damit Gottes Gnade und Se-
ligkeit zu erwerben. Da ist der Glaube untergegangen
und hat jedermann der Kirche Stiftungen machen,
Pfaffe, Mönch und Nonne werden wollen.
Um diese Mißbräuche nun abzutun, ists aufs erste
zu wissen, daß die christliche Gemeinde nimmer zu-
sammenkommen soll, es werde denn daselbst Gottes
Wort gepredigt und gebetet, es sei auch aufs kürzeste,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3850 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 3

wie Ps. 102, 22 f.: Wenn die Könige und das Volk
zusammenkommen, Gott zu dienen, sollen sie Gottes
Namen und Lob verkündigen, und Paulus 1. Kor. 14,
31 sagt, daß in der Gemeinde geweissagt, gelehrt und
ermahnt werden soll. Darum: wo nicht Gottes Wort
gepredigt wird, ists besser, daß man weder singe noch
lese noch zusammenkomme.
So aber ists unter den Christen zur Zeit der Apostel
zugegangen und sollte es auch (heute) noch zugehen,
daß man (in der Woche) täglich des Morgens eine
Stunde2 zusammenkäme und daselbst (die Schrift)
lesen ließe, es seien Schüler oder Priester, oder wer es
sei. Das sollen tun einer oder zwei oder einer nach
dem andern, oder im Chor abwechselnd, wie das am
besten gefällt.
Danach soll der Prediger, oder welchem es befoh-
len wird, hervortreten und diese Lesung ein Stück
auslegen, daß die andern es alle verstehen, lernen und
ermahnt werden. Das erste Werk nennt Paulus 1. Kor.
14, 26 »mit Zungen reden«; das andere »auslegen«
oder »weissagen« und »mit dem Sinn oder Verstand
reden«. Und wo dies nicht geschieht, so ist die Ge-
meinde durch die Lesung um nichts gebessert, wie
bisher in Klöstern und Stiften geschehen ist, da sie
nur die Wände angeblökt haben.
Die Schriftlesung soll aber aus dem Alten Testa-
ment sein, nämlich daß man ein Buch vor sich nehme
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3851 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 4

und ein Kapitel oder zwei oder ein halbes lese, bis
(das Buch) aus sei. Danach (soll man) ein anderes
vornehmen und so fortan, bis die ganze Bibel ausgele-
sen werde (und wo man sie nicht verstehe, daran soll
man vorbeigehen und Gott ehren) so, daß durch tägli-
che Übung in der Schrift die Christen in der Schrift
verständig, geläufig und kundig werden. Denn daraus
wurden vorzeiten gar feine Christen, Jungfrauen und
Märtyrer, und sollten wohl auch noch (heute) werden.
Wenn nun die Schriftlesung und Auslegung eine
halbe Stunde oder länger gewährt hat, soll man drauf
insgemein Gott danken, loben und bitten um Frucht
des Wortes usw.,3 kurz so, daß es alles in einer Stun-
de ausgerichtet werde, oder wie lange sie wollen.
Denn man darf die Seelen nicht überschütten, damit
sie nicht müde und überdrüssig werden; wie sie sich
bisher in Klöstern und Stiften mit Eselsarbeit beladen
haben.
Desgleichen (sollen sie) an dem Abend4 wieder so
zusammenkommen. Und hier sollte aber (eigentlich)
aus dem Alten Testament ein Buch nach dem andern
vorgenommen werden, nämlich die Propheten, gleich-
wie am Morgen Mose und die Geschichtsbücher.
Aber weil nun das Neue Testament auch ein Buch ist,
laß ich das Alte Testament dem Morgen und das Neue
dem Abend, oder umgekehrt, und genau so lesen, aus-
legen, loben, singen und beten, wie am Morgen, auch
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3852 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 5

eine Stunde lang. Denn es ist alles zu tun um Gottes


Wort, daß dasselbe im Schwang gehe und die Seelen
immer aufrichte und erquicke, daß sie nicht müde
werden.
Will man nun solche Versammlung des Tages noch
einmal halten nach dem Essen, das stehe in freiem Er-
messen.
Wenn auch an solchem täglichen Gottesdienst viel-
leicht nicht die ganze Versammlung teilnehmen könn-
te, sollen doch die Priester und Schüler und vor allem
diejenigen, von denen man hofft, daß sie gute Predi-
ger und Seelsorger werden, solches tun. Und daß man
sie ermahne, solches freiwillig, nicht aus Zwang oder
Unlust, nicht um Lohn, zeitlich noch ewig, sondern
alleine Gott zu Ehren, dem Nächsten zu Nutz zu tun.
Des Sonntags aber soll solche Versammlung für
die ganze Gemeinde geschehen, über das tägliche
Versammeln der kleinern Menge (hinaus), so daß man
zu beider Zeit der ganzen Gemeinde predige, des
Morgens das gewöhnliche Evangelium, des Abends
die Epistel;5 es stehe bei dem Prediger, ob er auch ein
Buch für sich nehme oder zwei, wie es ihm am nütz-
lichsten zu sein dünkt.
Will nun jemand alsdann das Sakrament empfan-
gen, dem laß mans geben, wie man das alles gut nach-
einander nach Gelegenheit der Zeit und Person ordnen
kann.6
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3853 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 6

Anderes mehr wird sich mit der Zeit von selbst er-
geben, wenn es einmal angefangen hat.7 Aber die
Summa sei die, daß ja alles geschehe, daß das Wort
im Schwang gehe und nicht wiederum ein Plärren und
Tönen draus werde, wie bisher gewesen ist. Es ist
besser alles unterlassen als das Wort. Und es ist
nichts besser getrieben als das Wort. Denn daß das-
selbe im Schwang unter den Christen gehen soll, zeigt
die ganze Schrift an, und Christus selbst sagt auch,
Luk. 10, 42: »Eins aber ist not«, nämlich, daß Maria
zu Christi Füßen sitze und höre sein Wort täglich, das
ist das beste Teil, das zu erwählen ist und nimmer
weggenommen wird. Es ist ein ewiges Wort, das
andre muß alles vergehen, wieviel es auch der Martha
zu schaffen gibt. Dazu helf uns Gott, Amen.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3854 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 7

Editorische Bemerkung

Diese Schrift ist ebenso wie die »Daß eine christliche


Versammlung oder Gemeinde ...«(vgl. S. 306f.) auf
die Bitte und als Hilfe für die Gemeinde zu Leisnig
geschrieben. Genauso wie dort ist auch hier jedes Ein-
gehen auf den speziellen Fall vermieden und das All-
gemeingültige ins Auge gefaßt. Der Leitsatz Luthers
bei der Neuordnung, auf den ihm alles ankommt,
heißt: Ohne Schriftauslegung kein Gottesdienst. Alles
andere ist demgegenüber zweitrangig: wann man zu-
sammenkommt, in welcher Ordnung die Texte gelesen
werden, was gesungen wird usw. Manches vom über-
kommenen Kirchen- und Gemeindegesang wird bei-
behalten, weil es gut und zweckmäßig ist. Aber: Le-
sung der Schrift und Gesang (d.h. Liturgie) allein ma-
chen noch keinen evangelischen Gottesdienst, sondern
Schriftauslegung und Gebet müssen dazukommen.
Diese grundsätzlichen Bemerkungen Luthers sind das
entscheidend Wichtige und für alle evangelischen
Christen zeitlos Gültige an dieser Schrift. Was er an
Regeln zur Durchführung der Gottesdienste und An-
dachten im einzelnen gibt, ist (weil an die Vorausset-
zungen der damaligen Zeit gebunden) demgegenüber
von minderer Bedeutung (vgl. auch die Vorbemer-
kung zur Deutschen Messe S. 315f.).
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3855 Von der Ordnung des Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) 8

Anmerkungen

1 Eig.: »geschwygen«.
2 Luther schlägt vor: »frue umb vier odder funffe«.
3 Luther fügt hinzu: »Dazu soll man brauchen der
psalmen und ettlicher gutten Responsoria, Antiphon«.
4 »umb sechs odder funffe«.
5 »und da selbs, wie biß her gewonet, Messz und
Vesper singen«.
6 Folgt eine kurze Anweisung, was vom alten Got-
tesdienst abzuschaffen (die täglichen Messen, Heili-
genfeste usw.) oder beizubehalten sei (mit speziellen
Angaben zu den Gemeindegesängen).
7 Eig.: »angehet«.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther