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3703 Von dreierlei Weise, Menschenlehre zu meiden (1522) 1

Martin Luther

Von dreierlei Weise,


Menschenlehre zu meiden
(1522)

[WA 10, 1, 725–728]

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Es sind aber drei Weisen, Menschenlehren zu meiden:


einmal, daß sie allein mit dem Gewissen vermieden
werden und nicht mit der Tat. So z.B., wenn ich nach
des Papsts Gesetz beichte, bete, faste, und zwar nicht
in der Meinung, daß ichs tun müsse, oder es sei
Sünde, wenn ichs unterließe; sondern daß ichs freiwil-
lig von mir selbst tue, ohne Notwendigkeit, ich könn-
te es wohl unterlassen, wenn ich wollte. Hier ge-
schieht wohl das Werk der menschlichen Lehre, aber
das Gewissen ist frei, und achtet das Tun wie das
Lassen (gleich hoch), es ist ihm keine Sünde, wenn es
es unterläßt, kein Gutes, wenn es es tut; denn es lei-
stet nicht Gehorsam, sondern tut darin, was ihm ge-
fällt; das sind wohl die besten. So sind auch die Ma-
gier noch in des Herodes Land, ziehen auch unter sei-
ner Herrschaft; aber sie achten sein nicht, kommen
nicht zu ihm, leisten ihm auch keinen Gehorsam. Wer
nun auch so unter dem Papst ist und wirkt, daß er
nicht aus Gehorsam, sondern aus eigenem freien Wil-
len sein Gesetz hält, wie, wann, wo und wie lange er
will, dem schaden sie nicht. Aber das ist ein hohes
Verständnis, das wenige Menschen haben, und wird,
wie von diesen Magiern im Schlaf und Geheimen, al-
lein durch Gottes Geist im Herzen erkannt, was man
freilich niemand mit Worten von außen einreden
kann, wo es das Herz nicht selbst vom Himmel her
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empfindet.
Die andere Weise ist (Menschenlehren) sowohl mit
dem Gewissen wie mit der Tat meiden; wie die tun,
die sie ganz und gar mit Füßen treten und nur das
Entgegengesetzte mit fröhlichem und sicherem Ge-
wissen tun. Und diese Weise ist die nötigste und beste
um der schwachen Gewissen willen, daß man sie gut
(aus den Menschenlehren) herausbringe und mache
sie den ersten stärksten gleich, vollkommen und frei,
was man mit Worten und Gewissen allein nicht gut
tun kann, man greife denn energisch ein und zeige
ihnen das Entgegengesetzte auch mit praktischen Bei-
spielen, gleichwie Christus tat und seine Jünger der
Pharisäer Gesetz zuwider die Hände nicht waschen
ließ. So wäre es gut, daß man jetzt die gebotene
Beichte, Gebet und Fasten auf bestimmte Zeit anste-
hen ließe, daß man mit praktischen Beispielen be-
wiese, wie des Papstes Gesetze Narrenwerk und Be-
trügerei wäre, täte aber solches alles zu anderer Zeit
freiwillig.
Die dritte Weise ist, (Menschenlehren) allein mit
der Tat zu meiden und nicht mit dem Gewissen, wie
die tun, die sie frech unterlassen und doch glauben,
daß sie damit unrecht tun, daß sie es nicht halten. Und
solches Gewissen steckt, leider, in aller Welt im
Mann auf der Straße. Um dieser willen nennt Paulus
2. Tim. 3, 1 diese Zeit eine gefährliche Zeit. Denn
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solche Gewissen sündigen ohne Unterlaß, sie halten


die Menschenlehren oder halten sie nicht, und der
Papst ist ihr Seelenmörder und mit seinem Gebot Ur-
sache solcher Gefahr und Sünde. Halten sie sie, so tun
sie gegen den Glauben, der von allen Menschenlehren
frei sein soll; halten sie sie nicht, so tun sie gegen ihr
Gewissen, welches da glaubt, es müsse sie halten.
Diesen ist es nötig, daß man sie im freien christlichen
Glauben gut unterrichte und das falsche Gewissen ab-
legen (lehre); oder wo sie das nicht vermögen, (soll
man) ihre Schwachheit, wie Paulus Röm. 15, 1 lehrt,
eine Zeitlang tragen und sie neben dem Glauben sol-
chem Gewissen folgen und (Menschenlehren) halten
lassen, bis daß sie auch groß und stark werden.
Siehe, das ist der andere Weg heim zu ziehen, nicht
wieder zu Herodes kommen. Denn aller Anfang,
fromm zu werden, geschieht im allgemeinen durch
Menschenlehre und äußerliche Heiligkeit; aber man
muß heraus kommen in den reinen Glauben und da-
nach nicht wiederum aus dem Glauben in die Werke
fallen. So kommen wir recht in unser Vaterland, aus
dem wir hergekommen sind, das ist, zu Gott, von dem
wir geschaffen sind, und kommt das Ende mit dem
Ursprung wieder zusammen, wie ein goldener Ring.
Dazu helfe uns Gott durch Christus, unsern König
und Priester, gesegnet in Ewigkeit!1

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Editorische Bemerkung

Für diese Schrift gilt das zum Vorangehenden Gesag-


te: der Sonderdruck erschien ebenfalls 1523 in Bres-
lau, er ist der gleichen Predigt entnommen und umfaßt
ihren Schluß (S. 725, 23-728 in WA 10, I). Bei der
Lektüre muß berücksichtigt werden, daß wir uns am
Beginn der Reformation befinden, später hätte Luther
sicher sehr viel entschiedener geurteilt (und sicher
vieles von dem bestritten, was er jetzt noch zuge-
steht). Dennoch schienen einige Gesichtspunkte so
beachtenswert, daß die Schrift ganz wiedergegeben
wurde.

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Anmerkungen

1 Folgt dem Text in WA 10, I, 728, 5-22 das


Schlußwort zur Weihnachtspostille.

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