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3896 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 1

Martin Luther

Vermahnung zum Sakrament des Leibes


und Blutes unsers Herrn
(1530)

[WA 30, 2, 595–626]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


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Daß man durch die ganze Christenheit in aller Welt


die unmündigen Kinder tauft und nicht wartet, bis sie
groß werden oder zur Vernunft kommen, scheint mir
aus besonderem Rat und der Vorsehung Gottes ge-
schehen und aufgekommen zu sein. Und wo man jetzt
die Großen und Alten taufen sollte, meine ich wahr-
lich, daß sich der zehnte Teil nicht taufen ließe. Ja,
wir wären gewiß, so viel an uns läge, längst, längst
eitel, eitel Türken geworden. Denn welche nicht ge-
tauft wären, die würden nicht zu der Christen Predigt
gehen und all ihre Lehre und Wesen verachten, weil
es lauter heilige, fromme Menschen machen will; wie
sie doch (schon) jetzt tun, ob sie gleich getauft sind
und Christen sein wollen. Wenn nun solche ungetauf-
te Menge überhand nähme, was sollte anders bald
daraus werden als ein reines Türkentum oder Heiden-
wesen? Und ob gleich etliche wenige darunter wären,
die zu der Christen Predigt gingen, die würden doch
die Taufe aufschieben bis auf das letzte Stündlein;
wie man jetzt mit der Buße und Besserung des Lebens
tut.
Und ich würde wohl teuer und hoch darum zu wet-
ten wagen, ob nicht der Teufel solches alles damit im
Sinn habe, daß er durch die Sektengeister und Wie-
dertäufer die Kindertaufe aufhebt und bloß Alte,
Große taufen will. Denn seine Gedanken stehen
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gewiß so: Wenn ich die Kindertaufe weg hätte, so


wollte ich mit den Alten dann wohl (so) handeln, daß
sie die Taufe verzögern und aufschieben würden, bis
sie ausgesündigt hätten, oder bis aufs letzte Stündlein.
Neben solchem Aufschub wollte ich sie fein von der
Predigt fernhalten, daß sie mir nichts, weder von
Christus noch von der Taufe, lernten noch hielten.
Ebenso hätte ich schon vorher die große Menge in der
Welt als gewaltiges Vorbild, wie Türken, Perser, Ta-
taren, Juden und Heiden, daß sie zuletzt gleichgültig
würden und sagten: Was Taufe! was Christen! wo die
Menge bleibt, da bleibe ich auch. Meinst du, daß Gott
um dreier oder vier Christen willen alle Welt verdam-
men werde? Was sollte ich bei den verachteten, weni-
gen, den Bettlern und elenden Leuten leben?
Augustin schreibt von sich selbst,1 daß seine Mut-
ter und andere gute Freunde seine Taufe aufgeschoben
haben und ihn nicht in der Jugend taufen lassen woll-
ten, damit er nicht danach daraufhin in Sünden fiele,
sondern wollten warten, bis er über die Jugend hinaus
wäre und die Taufe desto fester halten möchte. Diese
gute Absicht geriet dahin, daß Augustinus je länger je
mehr von beidem, von Taufe und Evangelium abkam,
bis er in der Manichäer Ketzerei fiel und beide, Chri-
stus und seine Taufe, für ein Gespött hielt bis in sein
dreißigstes Jahr und über die Maßen schwer wieder
zu Christus aus der Ketzerei kam, so daß seine Mutter
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manche heißen Tränen darüber vergoß und so ihre


gute Absicht und Meinung büßen mußte, daß sie ihres
Sohnes Taufe hatte verzögern helfen.
Denn der Teufel sieht gut, wie die Menschen ohne-
dies so roh und gottlos sind, daß der zehnte Teil
nichts danach fragt, was die Taufe sei, und auch schi-
er nimmer daran gedenkt noch Gott dafür dankt, daß
er getauft sei, viel weniger, daß sie sich der Taufe an-
nehmen und ihr entsprechend mit würdigem Wandel
leben sollten. Was sollte dann werden, wenn sie gar
nicht getauft wären und die Predigt nicht hörten, wenn
es jetzt Mühe für sie hat, Christen zu sein und zu blei-
ben, wenn man gleich täglich lehrt, betet und die
Taufe übt? Solche Taufe und Lehre ist dennoch ein
großer Vorteil und eine starke Ermahnung, die zuletzt
etliche bewegen muß, daß sie weiter denken als ein
ungetaufter Heide.
Das alles kann jedermann an diesem Stücke gut
merken und begreifen, daß die Menschen jetzt das
heilige Sakrament des Leibes und Blutes unseres
Herrn so gering achten und sich dagegen stellen, als
sei nichts auf Erden, dessen sie weniger bedürften als
eben dieses Sakrament. Und dennoch wollen sie Chri-
sten heißen; lassen sich dünken, sie seien gar nicht
mehr schuldig, dies Sakrament zu gebrauchen, weil
sie nun vom päpstlichen Zwange frei geworden sind,
sondern könnten es gut entbehren und frei ohne alle
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Sünde verachten. Und wenn solch Sakrament nir-


gends gebraucht würde oder ganz unterginge, das
wäre ihnen gleich viel. Damit zeigen sie an und be-
kennen mit der Tat, mit wie sehr großer Andacht und
Liebe sie vorher zu diesem Sakrament gegangen sind,
da sie vom Papst dazu gezwungen wurden und wie
feine Christen sie gewesen sind. Auch lernt man dar-
aus, wie gar fein man die Menschen mit Zwang zu
Christen und fromm machen kann, wie der Papst sich
mit seinen Gesetzen unterstanden hat, daß nämlich
lauter falsche Heuchler, unwillige und gezwungene
Christen daraus geworden sind. Ein gezwungener
Christ aber ist ein sehr fröhlicher und angenehmer
Gast im Himmelreich, zu dem Gott besondere Lust
hat, er wird ihn bestimmt unter die Engel obenan set-
zen – wo die Hölle am tiefsten ist.
Ich habe aber Sorge und meine, daß solches alles
zum großen Teil auch unsere Schuld sei, die wir Pre-
diger, Pfarrherrn, Bischöfe und Seelsorger sind, die
wir die Menschen so in ihrem eigenen Saft2 hingehen
lassen, vermahnen sie nicht, treiben sie nicht an, hal-
ten sie nicht an, wie doch unser Amt fordert. Sondern
wir schnarchen und schlafen ja so sicher wie sie es
tun, denken nicht weiter als: wer da kommt, der
kommt, wer nicht kommt, der bleibt draußen, und ver-
fahren auf beiden Seiten so, daß es wohl besser sein
könnte. Denn wir wissen, daß der höllische Satan und
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Fürst dieser Welt nicht feiert, sondern mit seinen En-


geln Tag und Nacht umhergeht und beide, uns selbst
und die Menschen, anficht, aufhält, hindert, faul und
lässig zu allem Gottesdienst macht, damit er beides,
Taufe und Sakrament, Evangelium und alle Ordnung
Gottes, zum wenigsten schwäche, wo er sie nicht ganz
unterdrücken kann. Deshalb sollten wir ja umgekehrt
dagegen darauf bedacht sein, daß wir unsers Herrn
Christi Engel und Wächter wären, die wider solche
Teufelsengel täglich über das Volk wachen sollten
mit unablässigem Antreiben, Lehren, Vermahnen,
Reizen und Locken, wie Paulus seinem lieben Timo-
theus (1. Tim. 4, 13) befiehlt, damit der Teufel doch
nicht so ganz sicher und ohne Widerstand unter den
Christen seinen Mutwillen üben könnte.
Deshalb will ich hiermit beide, mich selbst und alle
Pfarrherrn und Prediger, mit Fleiß und ganzem Ernst
gar brüderlich gebeten haben, sie wollten hierin samt
mir eine fleißige Aufsicht auf das Volk haben, wel-
ches Gott uns als sein Eigentum befohlen hat, durch
seines Sohnes Blut erworben und zur Taufe und sei-
nem Reich berufen und gebracht, und gar strenge
Rechnung dafür fordern wird, Apg. 20, 28, wie wir
das alles wohl wissen. Denn wo wir, die das Amt und
den Befehl haben, hierin lässig und faul sind, so müs-
sen wir lange warten, ehe das Volk sich von selbst
vermahnt und herzu kommt; da es doch noch schwer
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(genug) kommt, wenn wirs gleich aufs härteste dazu


anhalten. Denn, wie gesagt, der Teufel ist da mit sei-
nen Engeln und wehrt dem. Auch so müssen die Men-
schen auf uns sehen und unser Wort hören und nicht
umgekehrt wir auf sie und ihr Tun sehen. Und was
sollte das Predigtamt und Pfarramt, wo sich das Volk
selbst lehren und vermahnen könnte? Christus hätte
es wohl behalten können und nicht so teuer erwerben
müssen. Und was sitzen wir denn auch in solchem
Amt, wenn wir nicht das Lehren und Vermahnen trei-
ben wollen? Auf die Weise würden wir um gar nichts
besser oder vielleicht ärger sein als bisher Päpste, Bi-
schöfe, Pfarrherren und Mönche gewesen sind, die
sich auch des Volkes rein gar nicht angenommen
haben, weder mit Lehren noch Vermahnen.
Ich weiß wohl, daß etliche Menschen so ganz ver-
rucht und verstockt sind, daß sie sich an gar keine
Lehre noch Vermahnen kehren, wie wollen wir dem
abhelfen? Wir werdens nicht besser haben als Chri-
stus und seine Apostel samt allen Propheten selbst es
gehabt haben. Christus sagt Matth. 11, 17, daß seine
Juden weder tanzen noch trauern wollten, man spiele
auf oder klage, und Paulus spricht, 2. Tim. 4, 3: »es
wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht lei-
den werden«. Dennoch gebietet er, daß man deshalb
nicht ablassen, sondern getrost fortfahren solle, ob es
gefällt oder nicht.3 Denn wir wissen umgekehrt, daß
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Lehren und Vermahnen Gottes Wort, Amt und Befehl


ist und wie Jesaja 55, 11 sagt, »nicht leer zurückkom-
men« kann, und sollts auch nur einen Zachäus oder
einen Zöllner oder einen Schächer am Kreuz gewin-
nen.4 Es werden ja noch etliche vorhanden sein: wenn
sie die Vermahnung hören, daß sie an ihre Taufe den-
ken werden und nicht gern wie die Unchristen ihr Sa-
krament verachten wollen, welches ihnen Christus so
reichlich geschenkt und so teuer erworben hat. An
diesem Beispiel würden sich zuletzt die rauhen,
rohen, losen Christen auch stoßen und vielleicht an-
ders werden, so wie ein Messer das andere wetzt.
Nicht, daß ich hiermit geraten haben will, die Men-
schen mit Gesetzen auf bestimmte Zeit und Tage zum
Sakrament zu treiben, wie es der Papst aufgefaßt hat.
Denn damit hat der Papst sich selbst und den Pfarr-
herrn faule, sichere Tage verschafft, daß sie sich nicht
mit Lehren und Treiben zum Sakrament haben abmü-
hen müssen, und er hat die Gewissen gefangen und
gezwungen, daß sie ohne Lust und Willen, ohne Nut-
zen und Heil hinzugelaufen sind, und (so haben sie)
nicht ein Sakrament des Glaubens, sondern ein Werk
des Verdienstes daraus gemacht. Und der Teufel hätte
gewiß keinen näheren noch mächtigeren Griff erden-
ken können, das Sakrament ganz zu vernichten als mit
solchen Gesetzen: da sind der äußere Schein und die
Hülsen geblieben, aber der Kern und die Kraft wegge-
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nommen, was doch niemand gemerkt hat. Es muß


gleichwohl ein Sakrament Christi heißen, obwohl
doch nichts als Opfer und Werk der Menschen daraus
gemacht war.
Und das Predigtamt hat Gott doch nicht dazu ge-
stiftet, daß es ihm sichere, faule Prediger und unwilli-
ge, gezwungene Christen machen solle. Und wer nicht
willig und gern ein Christ ist oder zum Sakrament
geht, der bleibe nur weit davon weg und fahre, wohin
er fährt; Gott mag keinen gezwungenen Dienst haben,
wie Paulus 2. Kor. 9, 7 sagt: »Einen fröhlichen Geber
hat Gott lieb«. Sondern dazu ists gestiftet, daß es die
Menschen herzu bringen, locken und ziehen soll, daß
sie willig und gerne kommen, ja, daß sie danach mit
Gewalt laufen, ringen und dringen, wie Christus
Matth. 11, 12 spricht: »Das Himmelreich leidet Ge-
walt, und die Gewalt tun, reißen es weg«. Er will
nicht die überdrüssigen, heikeln, satten Seelen haben;
sondern die hungrigen und durstigen, die sich danach
drängen und reißen, wie er Matth. 5, 6 sagt: »Selig
sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtig-
keit; denn sie sollen satt werden«.
Darum will ich hiermit den Pfarrherren und Predi-
gern Ursachen geben, ihre Gemeinde zu vermahnen
und zum Sakrament zu locken, und etliche Dinge an-
zeigen, mit denen man sie bewegen soll, daß sie frei-
willig und ohne Zwang von Menschen zum Sakra-
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ment gehen und es mit Freude empfangen; wie ich


solches auch früher im Katechismus getan habe.5
Welche Prediger das nun besser machen können, die
bedürfen dieser Darlegung6 nicht, es ist genug, daß
sie dazu vermahnt sind. Die andern aber, die es nicht
besser können, möchten wohl hieraus etliche Stücke
aufzeichnen oder Wort für Wort dem Volk vorlesen,
wo es ihnen gefällt; damit doch dies heilige Sakra-
ment nicht so ganz daniederliege und verachtet werde.
Ich will das Ganze in zwei Teile gliedern:7 der erste
betrifft Christus selbst; der andere uns, die wir Chri-
sten sein wollen.

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Erster Teil8

Es sollte ja billig einem Christen voll bewußt sein,


daß solch Sakrament nicht von Menschen erdichtet
noch erfunden ist, sondern von Christus selbst aus
Gottes, seines Vaters Willen und Befehl gestiftet und
aufgerichtet ist. Es ist auch nicht für die Hunde,
Säue, Holz oder Steine, sondern für uns Menschen,
und besonders für uns Christen aus großer, herzli-
cher, grundloser Liebe geordnet und eingesetzt, es zu
gebrauchen. Wo aber ein christlich Herz solches be-
denkt: wie ists möglich, daß es nicht von Andacht be-
wegt werden soll, dasselbe freiwillig mit Lust und
Liebe zu suchen und ohne allen Zwang und Gesetze
zu begehren? Wirds aber davon nicht bewegt, so ist
kein Funke noch Tropfen christlicher Gedanken in
demselben Herzen, und es ist ohne Zweifel ein un-
christliches, türkisches, heidnisches Herz, das da be-
stimmt nicht glaubt, daß Christus dies Sakrament
eingesetzt und zu gebrauchen befohlen habe, viel we-
niger glaubt es, daß Christus uns solches aus unendli-
cher, herzlicher Liebe verordnet habe. Denn wo deren
eines wahrhaftig geglaubt wird, da kann ein Herz
sich nicht so nachlässig, faul und verächtlich dazu
stellen.
Deshalb sehe ein jeder auf sich und prüfe sein ei-
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genes Herz: erstens, ob er auch glaube, daß Christus,


Gottes Sohn, solch Sakrament uns Menschen gestiftet
und hinterlassen habe? Zum andern, ob er auch glau-
be, daß ers mit uns so herzlich und treu aus grundlo-
ser Liebe gemeint habe? Glaubst du das nicht, so
wisse, daß du kein Christ, sondern ein abtrünniger,
verdammter Heide und Türke bist. Denn du hältst gar
nichts weder von Christus noch von seinem Befehl,
weder von seiner Liebe noch Treue gegen dich; son-
dern du stellst dich, als sei es alles erlogen und eitel
Narrenwerk. Glaubst du es aber, so wird derselbe
Glaube dir in deinem Herzen eine solche Predigt tun
und sagen: Du willst ein Christ sein und weißt, daß
es Christi Befehl und Ordnung ist, dies Sakrament zu
gebrauchen. Aber du läßt es ein halbes Jahr, ganzes
Jahr, drei Jahre und wohl länger anstehen. Hörst du
es, lieber Junker? Wie reimt sich das zu einem Chri-
sten? Was gilts, du wirst dich über solcher Predigt
vor dir selbst schämen und fürchten? Geschieht sol-
che Predigt in deinem Herzen nicht, so ist der Glaube
nicht da, daß dies Sakrament Christi Stiftung sei, und
dein Mund lügt, wenn er sagt, daß du solches wohl
glaubst, und du bist ein zwiefältiger Heide und ärger
als kein Türke. Denn du glaubst nicht (das ist das
eine) und lügst noch dazu, daß du sagst, du glaubtest
es.
So siehst du und mußt bekennen, daß alle Lügen,
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falsches Leben, Verachtung göttlicher Ordnung,


Trägheit, Faulheit und Nachlässigkeit gegenüber dem
Sakrament, dazu Undankbarkeit und Vergessen sol-
cher unaussprechlichen Liebe Christi alles aus dem
Unglauben zu uns fließt und kommt, daß ein Herz
nicht glaubt, dies Sakrament sei Christi Liebe und
herzliche Ordnung. Denn was ein Herz nicht glaubt,
das kanns auch nicht achten, ehren, lieben noch
loben. Und was man verachtet, unterläßt oder vergißt,
da ist ein sicheres Zeichen, daß man nichts davon
hält, auch nichts davon glaubt, sich seiner auch nicht
annimmt. Umgekehrt: was man glaubt und für sicher
hält, das kann man nicht verachten, es sei gut oder
böse. Ists gut, so liebt und begehrt es das Herz; ists
böse, so fürchtet und verabscheut es das Herz; wie
wir erfahren, daß das auch im falschen Glauben und
irrigen Wahn geschieht, da sich einer fürchtet, wo
keine Furcht ist, und freut, wo keine Freude ist: so
ein gar unruhig und geschäftig Ding ists um einen
Glauben.
Darum sollen die Prediger dem Volk diese erste
Ursache gut vor Augen stellen, daß sie zusehen und
ja glauben, daß dies Sakrament Gottes gnädige und
väterliche Ordnung ist, für uns Menschen gestiftet.
Wir zwingen hiermit niemand zum Glauben; aber wir
zeigen an, was zum Glauben gehört, und wer ein
Christ sein will, daß er wisse, was und wie er glau-
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ben solle, damit er sich selbst nicht unter dem christ-


lichen Namen und Schein betrüge und sich für einen
Christen halte, obwohl er doch ein Unchrist und
Heide, ja wohl ärger als ein Heide und Unchrist ist.
Will jemand Christus deswegen verleugnen, ein Un-
christ sein und ungläubig bleiben, den lassen wir un-
gezwungen fahren und fragen auch nicht nach ihm,
nur daß wir ihm sagen: »Wer nicht glaubt, der ist
schon gerichtet«, Joh. 3, 18. Er wird seinen Richter
und Bezwinger wohl finden, wir sind entschuldigt
und haben das Unsere getan. Denn es ist Gott kein
Scherz noch vergeblicher Plan gewesen, daß er uns
Menschen dies Sakrament gestiftet und eingesetzt
hat; deshalb will ers auch nicht verachtet noch unge-
braucht haben;9 viel weniger, daß mans für eine un-
nötige und geringe Sache halte. Sondern er will, daß
mans brauchen und recht üben soll.
Und wenn es gleich ein solch geringes Sakrament
wäre, daß es uns weder nützlich noch nötig wäre, weil
es uns weder Gnade noch Hilfe gäbe, sondern es al-
lein ein bloßes leeres Gebot und Gesetz Gottes wäre,
der es von uns aus seiner göttlicher Macht zu gebrau-
chen fordert, der wir untertan und Gehorsam schuldig
sind; so sollte es uns doch um dieses Gebots willen
allein genug antreiben und reizen, daß wirs nicht ver-
achten, noch für unnötig oder gering hielten, sondern
mit allem Ernst und treuem Gehorsam fleißig übten
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und hoch ehrten. Denn es kann nichts Größeres und


Herrlicheres sein, als was Gott gebietet und durch
sein Wort befiehlt. Nun ists aber nicht ein solches ge-
ringes Sakrament, daß es ein leeres bloßes Gebot sei,
das wir ohne Nutzen und Notwendigkeit üben müß-
ten, wie die Juden ihre Opfer und äußerlichen Gebär-
den ohne Nutzen und Notwendigkeit, allein als Last
und Pflicht halten mußten, unter die sie gezwungen
und gefangen waren, wie die Leibeigenen oder Fron-
leute es im weltlichen Regiment sind. Sondern es ist
ein gnadenreiches Sakrament, voll Nutzen und Heil,
dazu unzähliger und unaussprechlicher Güter voll.
Darum soll es nicht allein unverachtet und unverges-
sen sein, sondern aufs höchste geehrt und aufs fleißig-
ste gebraucht werden.
Und damit wir das zum Teil anzeigen, so siehe zum
ersten das an, daß er dies Sakrament zu seinem Ge-
dächtnis eingesetzt hat, wie er sagt: »Solches tut zu
meinem Gedächtnis«. Dies Wort »Gedächtnis« merke
und bedenke gut. Es wird dir viel anzeigen und dich
sehr reizen. Ich rede aber jetzt noch nicht von unserm
Nutzen und unserer Notwendigkeit, die wir im Sakra-
ment suchen mögen, sondern vom Nutzen, der Chri-
stus und Gott selbst daraus kommt, und wie notwen-
dig es zu seiner göttlichen Ehre und Dienst ist, daß
mans fleißig gebrauche und ehre. Denn du hörst hier,
daß er seine göttliche Ehre und Gottesdienst in dieses
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Sakrament gibt, daß man sein hierin gedenken soll.


Was ist aber »sein gedenken« anders, als seine Gnade
und Barmherzigkeit preisen, zuhören, predigen,
loben, danken und ehren, die er uns in Christus er-
zeigt hat? Auf diesen Christus hat er alle seine Ehre
und Gottesdienst gewiesen und bezogen, so daß er au-
ßerhalb des Christus von keiner Ehre noch Gottes-
dienst wissen will, ja, sie auch nicht anerkennt, noch
jemandes Gott sein will. Deshalb hat er auch seinen
eigenen alten Gottesdienst, im Gesetz des Mose gege-
ben, verdammt und aufgehoben samt allen Gottes-
diensten in der ganzen Welt, sie seien wie groß,
schön, alt oder herrlich sie immer sein mögen.
Ein jeglicher will nun geneigt und fromm sein,
Christi Leiden zu ehren und Gott einen Dienst zu tun,
und einer nimmt dies, der andere das vor: einer läuft
gen Rom, der andere wird ein Mönch, der dritte fa-
stet – wer kann alle die Gottesdienste aufzählen, die
wir aus des Teufels Eingebung und eigener Andacht
bisher gestiftet und gehalten haben? Damit haben wir
diesen hohen, schönen Gottesdienst, nämlich sein Ge-
dächtnis und die Ehre des Leidens Christi verfinstert
und vergessen, welchen Gott selbst gestiftet und be-
zeugt hat, daß er ihm herzlich wohlgefalle, und er hat
ihn gestiftet, daß er nimmermehr zu Ende gedient
noch genug gehalten werden kann. Denn wer kann
Gottes genug gedenken? Wer kann ihn zu viel loben?
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3912 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 17

Wer kann ihm zu sehr danken? Wer kann Christi Lei-


den zu viel ehren?
Warum sind wir tollen Heiligen denn so schändlich
dahin geschwärmt, als hätten wir in diesem Sakra-
ment keinen Gottesdienst oder hätten den längst aus-
gerichtet und ganz abgedient? Wir haben daneben und
darüber so viele schändliche, greuliche, stinkende
Gottesdienste eigener Andacht und selbsterwählter
Werke angerichtet und die Welt damit erfüllt, dazu
diesen rechten Gottesdienst verleugnet, geschändet
und gelästert. Willst du nun Gott einen herrlichen,
großen Gottesdienst tun und Christi Leiden recht
ehren, so denke und gehe zum Sakrament, darin sein
Gedächtnis ist, wie du hörst, das ist sein Lob und
Ehre, und übe damit, oder hilf dasselbe Gedächtnis
mit Fleiß üben, so wirst du die selbst erwählten Got-
tesdienste wohl vergessen. Denn, wie gesagt, du
kannst Gott nicht zu oft oder zu viel loben und für
seine Gnade danken, in Christus erzeigt.
Solch Gedächtnis scheint wohl ein geringer Gottes-
dienst zu sein, weil es nicht viel äußerliches Prangen
mit Kleidern, Gebärden, Gebäuden und dergleichen
treibt, damit die Augen und Ohren gefüllt werden.
Sondern allein mit dem mündlichen Wort wird es aus-
gerichtet, welches vor den Augen auf Erden ein gerin-
ges Ansehen hat, aber wie hoch und herrlich es vor
Gott und seinen Engeln sei, kann kein Auge sehen,
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noch Ohr hören, noch Herz begreifen. Gottes Wort


und Werke haben allzumal zuerst ein geringes Anse-
hen, deshalb wollen sie mit Fleiß und Ernst bedacht
sein. Wer das tut, der findet sie, wie groß sie sind. Er
sagt selber, Ps. 50, 23: »Wer Dank opfert, der preiset
mich«. Was ist das anders gesagt als so viel: Dank
opfern gibt mir meine göttliche Ehre, es macht mich
zum Gott und behält mich zum Gott. Gleichwie um-
gekehrt die Werkopfer ihm seine göttliche Ehre neh-
men und ihn zum Götzen machen und ihn nicht Gott
bleiben lassen. Denn wer nicht dankt, sondern (etwas)
verdienen will, der hat keinen Gott und macht inwen-
dig in seinem Herzen und auswendig in seinen Wer-
ken aus dem rechten Gott einen andern Gott, das ist,
unter dem Namen des rechten Gottes; wie er oft in Je-
saja und andern Propheten beklagt, und im ersten
Gebot verbietet er ganz hart, daß man keine Götter
machen, auch ihn selbst nicht anders machen soll.
Willst du nun ein »Gottmacher« werden, so komm
her, höre zu, er will dich die Kunst lehren, daß du es
nicht verfehlest und einen Götzen, sondern den rech-
ten Gott zum rechten Gott machest: nicht, daß du
seine göttliche Natur machen sollst, denn die ist und
bleibt ewiglich ungemacht, sondern du kannst ihn dir
zum Gott machen, daß er dir, dir, dir auch ein rechter
Gott werde, wie er vor sich selbst ein rechter Gott ist.
Das ist aber die Kunst, kurz und sicher dargelegt:
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»Das tut zu meinem Gedächtnis«. Lerne sein geden-


ken, das ist, wie gesagt: predigen, preisen, loben, zu-
hören und danken für die in Christus erzeigte Gnade.
Tust du das, siehe, so bekennst du mit Herz und
Mund, mit Ohren und Augen, mit Leib und Seele, daß
du Gott nichts gegeben habest noch geben könntest,
sondern daß du alles und alles von ihm habest und
nehmest, besonders das ewige Leben und die unendli-
che Gerechtigkeit in Christus. Wo aber das geschieht,
da hast du ihn dir zum rechten Gott gemacht und mit
solchem Bekenntnis seine göttliche Ehre erhalten.
Denn das heißt ein rechter Gott, der da gibt und nicht
nimmt; der da hilft und nicht helfen läßt; der da lehrt
und regiert und sich nicht lehren noch regieren läßt. In
Summa: der alles tut und gibt, und der niemandes be-
darf, und solches alles umsonst aus lauter Gnade tut,
ohne Verdienst, den Unwürdigen und Unverdienten,
ja den Verdammten und Verlornen. Solches Gedächt-
nis, Bekenntnis und solche Ehre will er haben.
Siehe, dieser Gottesdienst geht wohl ohne alle
Pracht daher und füllt nicht die Augen, er füllt aber
das Herz, welches doch sonst weder Himmel und
Erde füllen kann. Wenn aber das Herz voll ist, muß
alsdann auch beides, Augen und Ohren, Mund und
Nase, Leib und Seele und alle Glieder voll sein. Denn
wie sich das Herz hält, danach halten und stellen sich
alle Glieder, und ist alles und alles nichts als Zunge,
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voll Loben und Danken gegen Gott. Das ist dann


wohl ein anderer Schmuck und Zierde als die goldnen
Messgewänder, ja Kaiser-, Königs, Papstkronen.
Aller Kirchen und aller Welt Schmuck und Prangen
ist ein Scheusal im Vergleich zum herrlichen Ge-
dächtnis Christi, und ein Gedanke von diesem Gottes-
dienst klingt heller, tönt besser, schallt weiter als alle
Trommeln, Posaunen, Orgeln, Glocken und was auf
Erden tönen kann, wenn sie auch alle auf einem Hau-
fen wären und alle zugleich mit aller Macht erklän-
gen. Siehe, das ist wohl ein anderer Klang und Ge-
sang als aller Gesang und Klang auf Erden und tönt
doch gering von außen zu den Ohren hinein; aber von
innen aus dem Herzen heraus tönt er so stark, daß dir
alle Kreaturen dasselbe zu tönen scheinen, und aller
Menschen Gesänge eitel stumm und taub sind.10
Wenn du nun keine andere Ursache noch Nutzen in
diesem Sakrament hättest als allein solch Gedächtnis,
solltest du nicht darin genug Treiben und Reizen fin-
den? Sollte nicht dein Herz so zu dir sagen: Wohlan,
wenn ich sonst gleich keinen Nutzen davon hätte, so
will ich doch meinem Gott zu Lob und Ehre hinge-
hen, will ihm seine göttliche Ehre erhalten helfen und
auch mit dabei sein, daß er zu einem rechten Gott ge-
macht werde. Kann oder muß ich nicht predigen, so
will ich doch zuhören. Denn wer zuhört, der hilft auch
danken und Gott ehren; sintemal da, wo kein Zuhörer
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3916 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 21

wäre, kein Prediger sein könnte. Kann ich nicht zuhö-


ren, so will ich dennoch unter den Zuhörern sein und
will zum wenigsten der Tat nach mit dem Leibe und
meinen Gliedern da sein, wo man Gott lobt und ehrt.
Und wenn ich gleich nicht mehr tun könnte, so will
ich doch das Sakrament eben deswegen empfangen,
daß ich mit solchem Empfangen bekennen und bezeu-
gen kann, daß ich auch deren einer sei, der Gott loben
und danken wolle, und will so meinem Gott zu Ehren
das Sakrament empfangen. Und solch Empfangen soll
mein Gedächtnis sein, damit ich an seine Gnade, in
Christus mir erzeigt, denke und dafür danke.
Denn es ist nicht ein geringes Tun, daß jemand
gern unter der Schar ist, wo man Gott lobt und dankt;
welches die alten Väter mit tiefem Seufzen gewünscht
haben, wie Psalm 42, 5 sagt: »Wie ich einherzog in
großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da
feiern«. Und im schönen Confitemini Ps. 118, 15:
»Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der
Gerechten« und dergleichen viel mehr. Denn wer
unter der Schar ist, der ist, wenn er nicht falsch ist,
aller Ehren und Dank teilhaftig, die Gott daselbst er-
wiesen werden. Darum mußt du ja ein verzweifelter
Schelm sein, weil du Gott solchen Dienst und solche
große Ehre tun kannst, und es dir weder Kosten noch
Mühe macht, sondern du kannst alles mit willigem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3917 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 22

Zuhören oder mit leiblichem Empfangen und mit


dankbarem Herzen ausrichten, und willst das doch
deinem Gott nicht erweisen. Du solltest doch billig
gern bis an der Welt Ende laufen, wenn du da eine
solche Schar zu finden wüßtest, wo man Gott lobt
und ehrt, und dich so zum Glied der heiligen Gesell-
schaft machen. Wie bist du vorher zu der Heiligen
Gräber, Kleider, Gebeine gelaufen? Wie ist man nach
Rom, nach Jerusalem, zu St. Jakob gewallt, bloß
damit man Stein, Knochen, Holz und Erde sehen
möchte, und obwohl in nichts an Christus gedacht
wurde? Und hier ist in deiner Stadt oder Dorf, vor
deiner Tür Christus selbst mit Leib und Blut gegen-
wärtig, mit seinem Gedächtnis, Lob und Ehren leben-
dig, und du willst nicht hinzugehen und auch helfen
danken und loben? Du bist gewiß nicht ein Christ,
auch nicht ein Mensch, sondern ein Teufel oder Teu-
felsgesinde.
Es wäre unrecht, daß es solchen Verächtern und
verlorenen Christen11 anders ginge, als daß sie zur
Strafe für ihre schändliche Undankbarkeit durch den
Teufel besessen, betrogen und verführt würden, damit
sie nimmermehr etwas vom Sakrament hörten noch
lernten. Sondern sie sollten Papisten oder Schwärmer
zu Lehrern haben, daß die Schwärmer eitel Brot und
Wein daraus machen, den Kern ausschälen und ihnen
die Hülsen geben, die Papisten aber ein Opfer und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3918 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 23

Geschäft daraus machen, die Sünden zu vergeben und


aus aller Not zu helfen, es danach in die Monstranzen
und auf die Altäre setzen, Prozessionen damit ma-
chen, ein Schauspiel daraus machen12 und eitel Gau-
kelwerk damit treiben, bis sie auch nur eine Gestalt
davon behalten, und dennoch ohne Frucht, mit eitel
Schaden. Dafür sollen sie Geld und Gut geben, bis
daß sie aus solchen ihren Lehrern Kaiser, Könige und
Fürsten machen. Recht (geschieht ihnen, in) allen
Dingen Recht, »gegen die Verkehrten bist du ver-
kehrt«, sagt Psalm 18, 27. Warum haben sie diesen
Gottesdienst samt Christi Gedächtnis verachtet, der so
herrlich, schön und groß ist, und den sie ohne Kosten
und Mühe haben konnten? Wohlan, so lasse man sie
die Hülsen davon haben mit allem Schaden an Leib
und Seele, Gut und Ehre; wie sie wollen, so geschieht
ihnen.
Wer aber in der obenangezeigten Meinung Christi
Gedächtnis hält und sein Leiden ehrt, der ist sicher
und frei vor allem Irrtum und vor aller Teufel Betrug,
braucht auch keine Kosten noch Mühe daran zu
wagen und schafft unzähligen Nutzen dazu. Denn er
tut Gott zwei große Gottesdienste, zwei große Ehren.
Die erste, daß er seine Stiftung und Ordnung nicht
verachtet, sondern untertänig und gern gebraucht,
welche Ehre Gott ohne Zweifel wohlgefällt, als der
solch Sakrament nicht ohne Zweck, sondern um es zu
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3919 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 24

gebrauchen eingesetzt hat, und keinen Gefallen daran


haben kann, wo mans so leer stehen läßt und nicht ge-
braucht. Denn damit stellt man sich fast, als hielte
man Gott für einen Narren, der uns unnötige Stiftun-
gen verordnet und nicht wüßte, was er uns stiften
solle; oder als wäre er ein Hausierer, der schlechte,
unbrauchbare Ware umhertrüge und uns anböte. Und
wer kann es ausrechnen, welche Unehre Gott und un-
serm Herrn Christus allein damit geschieht, daß man
sein Sakrament so verachtet, ungenutzt und unge-
braucht läßt, und (solche Menschen) wollen dennoch
nicht papistisch, sondern evangelisch sein? Diese Un-
ehre hebt auf und hilft abtun, wer sich zu dem lieben
Sakrament hält und solche Stiftung Gottes ehrt und
gebraucht. Dafür wird ihn Gott wieder ehren, wie 1.
Sam. 2, 30 geschrieben steht: »Wer mich ehrt, den
will ich auch ehren; wer aber mich verachtet, der soll
wieder verachtet werden«.
Die andere Ehre ist, daß er Christi Gedächtnis hält
und erhalten hilft, das ist: das Predigen, Loben und
Danken für die Gnade Christi, uns armen Sündern
durch sein Leiden erzeigt. Um des Gedächtnisses
daran willen hat Gott dieses Sakrament vornehmlich
gestiftet und sucht und fordert auch solche Ehre drin-
nen, auf daß er in Christus als unser Gott erkannt und
gehalten werde. Eine wie große Ehre und herrlicher
Gottesdienst das sei, ist oben gesagt:13 daß damit
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3920 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 25

göttliche Ehre erhalten und Gott zum rechten Gott ge-


macht wird. Dafür wird er wieder denselben ohne
Zweifel zur göttlichen Ehre bringen und auch einen
Gott und Gottes Kind daraus machen. Und wer kann
hier auch ausrechnen, was für Gutes solche Ehre und
Gottesdienst schaffen? Denn damit dankt und lobt er
nicht allein Gott in Christus, welches dieser göttli-
chen Stiftung eigentliche Aufgabe ist, sondern er be-
kennt auch damit seinen Herrn Christus öffentlich vor
der Welt, und daß er ein Christ sei und sein will, und
richtet so zugleich eines rechten Priesters doppeltes
höchstes Amt auf einmal aus.
Mit dem Gott Danken, Loben und Ehren vollbringt
er das schönste Opfer, den höchsten Gottesdienst und
das herrlichste Werk, nämlich ein Dankopfer. Mit
dem Bekenntnis vor den Menschen tut er so viel, als
predigte er und lehrte die Menschen an Christus glau-
ben. Damit hilft er die Christenheit mehren und erhal-
ten, hilft Evangelium und Sakrament stärken, hilft die
Sünder bekehren und dem Teufel sein Reich stürmen,
und in Summa: was die Lehre des Worts in der Welt
tut, da hilft er mit und ist dieses Werks teilhaftig. Wer
kann aber erzählen, wie großer Nutzen hier geschehe?
Dagegen ist umgekehrt zu bedenken, was die für
unselige Menschen sind, die das Sakrament verachten
und so faul und lässig sind, es zu gebrauchen. Denn
die mögen ihre Untugend aus dem Gegenteil dieser
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3921 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 26

Übersicht zählen und errechnen: erstens, daß sie Gott


selbst in seiner Stiftung verunehren und ihn für einen
Narren halten, daß er solche unnötigen Gottesdienste
anordnet. Ja, weil sie nicht glauben, daß ein Gottes-
dienst seine göttliche Ordnung und gnadenreiche Stif-
tung ist, so schänden sie ihn mit solchem Unglauben
als einen Lügner und nichtigen Mann. Denn Unglau-
be ist nichts anderes als Gotteslästerung, womit er für
einen Lügner gehalten wird.
Danach verachten sie auch das Gedächtnis Christi,
das Gott in solchem Sakrament gestiftet hat und
(darin) gehalten wird, und tun dem Leiden Christi
keine Ehre an, danken ihm nicht dafür, sondern bege-
hen das allergreulichste Laster der Undankbarkeit.
Dazu stellen sie sich, was noch ärger ist, als ob sie
ungern von Dank und Ehre des Leidens Christi hörten
oder nicht gern dabei sein möchten, wo mans ehrt und
ihm dankt. Damit nehmen sie Gott seine göttliche
Ehre, hindern es und wehren dem, daß er ihr Gott sein
und in Christus für einen Gott14 erkannt werden
kann, wie oben gesagt.15 Und so viel an ihnen liegt,
wollten sie, daß beide, Christi Leiden und alle göttli-
che Ehre, in aller Welt gar nichts gälten und ganz auf-
gehoben wären und lauter Teufel unsere Götter wür-
den. Denn sie fragen nichts danach, wie Christi Lei-
den geehrt, sein Gedächtnis gehalten, sein Wort ge-
predigt oder Gott erkannt werden möchte. Das ist
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3922 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 27

vielmals ärger als wenn jemand Gottes Bild mit


Schmutz bewürfe oder Christus selbst verunehrte.
Darüber hinaus geben sie den andern damit ein
böses, ärgerliches Vorbild und sind schuldig an allen
denen, die ihrem Vorbild nach dies Sakrament auch
vernachlässigen und verachten. Damit wird, so viel an
ihnen liegt, Christi Gedächtnis vergessen, sein Leiden
ganz umsonst und unnütz und wird endlich der christ-
liche Glaube ganz untergehen. Dazu kommt noch das
Gute, das sie unterlassen und verhindern: daß sie Gott
kein Dankopfer darbringen, ihren Herrn Christus
nicht bekennen, ihren Nächsten nicht mit Tat und
Vorbild lehren, anreizen und bessern, sondern Gott
das Dankopfer entziehen, Christus verleugnen und
ihren Nächsten (von ihm) wegführen. Lieber, wäre es
ein Wunder, wenn Gott lauter Teufel über uns wüten
ließe mit täglicher Pestilenz, Krieg, Teuerung, Mord
und Jammer? Es sind hier Türke, Tatar und alle Teu-
fel zu wenig, solche Bosheit zu plagen, wo nicht al-
lein solche große, greuliche Unehre und Verachtung
Gottes, sondern auch eine so schändliche und ver-
fluchte Undankbarkeit gegen Christus über die Maßen
im christlichen Volk ist.
Die Juden mußten ihren Auszug und ihre Erlösung
aus Ägyptenland und durchs Rote Meer jährlich gar
herrlich preisen, loben und dafür danken,16 und die
lieben Propheten können dieses Wunderwerk Gottes
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3923 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 28

nirgends genug erheben und preisen. Und wir Heiden,


die sonst des Teufels eigen gewesen sind und denen
nicht gebührt hat, etwas von Christus zu wissen noch
zu haben, sind zu solcher Gnade und Ehre gekommen,
daß wir der Erlösung Christi teilhaftig geworden sind,
welcher uns nicht aus Ägypten und dem Roten Meer,
sondern von Sünde, Tod, Hölle, Teufeln, Gottes Zorn
und allem Jammer erlöst hat. Er hat uns auch nicht in
das leibliche Land Kanaan, sondern in eine ewige Ge-
rechtigkeit, Leben, Himmel, Gnade und zu Gott selbst
gebracht. Und das alles nicht durch Mose noch durch
Engel, sondern durch sich selbst. Er hats sich so von
Herzen schwer werden lassen, Blut darüber ge-
schwitzt, sein Herz wie ein Wachs zerschmelzen las-
sen, sich am Kreuz töten lassen, für uns geweint und
geseufzt, sich aufs allerschändlichste lästern lassen.
Und ach, welche Zunge, welch Herz ist hierzu genug,
solche Liebe, Gnade und Barmherzigkeit zu bedenken
oder darüber zu reden?
Und für das alles soll er von denen, für die er sol-
ches getan hat, nicht mehr verdient haben als solchen
Dank und Ehre, daß man sein nicht gedenken, noch
davon etwas hören oder unter denen sein möchte, die
sein Gedächtnis halten und danken. Sie wollen sein
Sakrament zu seinen Ehren nicht brauchen, sondern
lassen ihn da mit seinem Sakrament vergeblich sitzen
und uns umsonst dazu fordern, dieweil sie hingehen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3924 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 29

fressen und saufen oder wohl Ärgeres tun. Es ist ein


Wunder, daß die Sonne nicht längst kohlschwarz ge-
worden ist. Es sollte kein Laub noch Gras wachsen,
kein Tropfen Wasser noch Luft in der Welt bleiben
vor solcher unmenschlichen Undankbarkeit. Die
Juden sind böse gewesen, die ihn gekreuzigt haben,
aber wir Heiden sind viel ärger, die wir so schändlich
sein Leiden verachten und so undankbar dafür sind,
die wir nicht so viel ihm zu Liebe und Ehre tun, daß
wir solches Sakrament gebrauchten und hülfen, solch
sein Gedächtnis zu halten. O Papst, o Bischöfe, o So-
phisten, o Mönche, o Pfaffen, was habt ihr getan? Ihr
seid Schuld und Ursache für das alles, die ihr dies Sa-
krament zu einer Opfermesse und einem Werk ge-
macht, damit den Menschen diesen rechten Gebrauch,
Ehre und Dank verdunkelt und geraubt habt. Denn sie
haben nichts anderes darin gesucht, außer ihrem eige-
nen Werk, Gehorsam und Verdienst, das habt ihr sie
gelehrt und mit Gebot zu solchem Werk gezwungen
und ihnen dennoch die eine Gestalt17 genommen.18
Wo ist hier die Lehre vom Gedächtnis Christi ge-
blieben? Wann habt ihr das Volk unterrichtet, daß sie
solch Sakrament aus Liebe gebrauchen sollten, es als
eine Stiftung Gottes ehren und Christus hierin prei-
sen, loben und ihm danken sollten, dasselbe zu Ehren
seines Leidens empfangen und seine Gnade erkennen,
uns ohne unser Werk und Verdienst geschenkt? Ja, ihr
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3925 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 30

habt sie, solchem Gedächtnis entgegen, das eigne


Werk und den freien Willen gelehrt und aus dem Sa-
krament selbst auch ein Werk gemacht und alles ver-
kehrt, und wollt das nicht büßen, sondern verteidigts
auch noch dazu. O Spötter! o Gaukler! o Heuchler! o
Lästerer! Ach, mein Herr Christus, komm doch bald
mit Feuer und Schwefel vom Himmel und mach mit
solchem Spotten und Lästern ein Ende, wie übertrei-
ben sie es doch so ganz unleidlich und unerträglich!
Damit ich aber einmal von diesem Stück weg-
komme: du hast hier eine mächtige und treffliche Ur-
sache, die dich reize, zum Sakrament zu gehen, daß
dein Herz dich auf diese Weise ermahnen kann:
Wohlan, ich will zum Sakrament gehen, nicht daß ich
damit ein gutes Werk tun oder Verdienst erwerben
wollte. (Ich gehe) auch nicht um des Gehorsams oder
des Gebots des Papstes oder der Kirche willen, son-
dern meinem Gott zu Lob und Ehren, der mir solches
gestiftet hat, damit ich es empfange, und meinem
Herrn und Heiland zu Liebe und Dank, der mir sol-
ches zu Ehren seines Leidens eingesetzt hat, es zu ge-
brauchen und ihm zu danken. (Ich tue das), damit ich
deren einer sei, der ihm für sein Leiden danke und
nicht unter den Verächtern und Undankbaren erfunden
werde, auch nicht den andern ein böses Beispiel zum
Ärgernis gebe und mich so ihrer Verachtung und Un-
dankbarkeit teilhaftig mache, sondern vielmehr ein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3926 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 31

gutes Beispiel gebe und andere herzulocke, daß sie es


auch ehren und loben, und so das Gedächtnis des Lei-
dens Christi halten und stärken helfe und zugleich als
ein Christ meinen Herrn vor der Welt bekenne. Solch
Dankopfer will ich ihm bringen, wenn ich gleich kei-
nen andern Nutzen davon haben sollte. Denn es soll
dem Herrn mein Dank sein für sein bittres Leiden, das
er um meinetwillen erlitten hat.
Ich hoffe aber, es sei nicht nötig, hier lange zu leh-
ren, was »Christi Gedächtnis« bedeute, was wir an-
derswo oft und viel gelehrt haben: nämlich, daß es
nicht das Betrachten des Leidens sei, womit etliche,
wie mit einem guten Werk, Gott gedient und Gnade
erlangt haben wollen, die mit Trauern für das bittere
Leiden Christi usw. umgehen. Sondern das ist Christi
Gedächtnis, wenn man die Kraft und Frucht seines
Leidens lehrt und glaubt, (und zwar) so, daß unsere
Werke und Verdienste nichts sind, der freie Wille tot
und verloren sei, sondern daß wir allein durch Christi
Leiden und Tod von Sünden frei und fromm werden,
daß es ein Lehren oder Gedächtnis von der Gnade
Gottes in Christus sei und nicht ein Werk, Gott von
uns dargebracht. Solcher Lehre und Glauben wider-
strebt das ganze Papsttum mit seinen Stiften, Klöstern
und eigenen Werken. Sie haben dazu aus dem Sakra-
ment auch das allgemeinste größte Werk gemacht, wo
man doch am allerwenigsten von unsern Werken, son-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3927 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 32

dern allein von lauter bloßer Gnade reden sollte. Sie


haben Christi Gedächtnis so in allen Dingen unter-
drückt und diese gnadenreiche Stiftung Gottes in sol-
chen angsterregenden Greuel verkehrt. Da hüte dich
vor und lerne hier nichts mehr tun, als deinem Herrn
Christus für sein Leiden und Gott für seine Gnade
und Barmherzigkeit danken. Zum Zeichen und Be-
kenntnis solchen Danks und Lobes nimm und emp-
fange das Sakrament mit Freuden.19
Das sei von dem ersten Stück oder der Ursache ge-
sagt, die uns reizen und bewegen soll, mit Lust und
Liebe zum Sakrament zu gehen, nämlich, daß wir es
Gott zu Lob und Dank tun, Christus zu Liebe und Be-
kenntnis, unserem Nächsten zum guten Beispiel und
Besserung, und endlich zur Erhaltung des Sakra-
ments, Lehrens, Glaubens und der ganzen Christen-
heit. (Das geschieht) ungeachtet (dessen), ob wir
gleich dadurch nichts verdienen sollten noch könnten,
sintemal wir ohnedies schuldig sind solches alles zu
tun, denn es ist ja ein allgemeines Gebot Gottes, daß
wir ihn loben und ihm danken sollen, Christi Leiden
lieben und ehren, den Nächsten bessern und die
Lehre, Glauben und Christenheit erhalten helfen; wie-
viel mehr sollen wir es hier tun, wo er eine besondere
Stiftung dazu eingesetzt hat und uns auch dazu ruft
und lockt. Und ob wirs nicht empfangen wollten oder
könnten, (wollten wir) doch gerne dabei sein und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3928 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 33

sehen (wie es andere) empfangen, und hören Gott


loben und Christus danken; denn das geschieht nicht
aus eigenem Gutdünken oder Menschenwahl, sondern
steht hier im Worte Christi gegründet: »Solches tut zu
meinem Gedächtnis«.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3929 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 34

Der zweite Teil

Bis hierher haben wir nichts von unserm Nutzen ge-


sagt, den wir im Sakrament suchen oder holen kön-
nen, sondern allein von dem Nutzen, den du Gott
selbst, Christus, dem Nächsten, dem Evangelium und
Sakrament, dazu der ganzen Christenheit tun kannst.
Wer kanns allerdings (ganz) begreifen, was da alles
für großer Nutzen ist, wenn du Gott lobst, Christus
dankst, sein Leiden ehrst, deinen Nächsten besserst,
das Sakrament und Evangelium samt der Christenheit
fördern und erhalten hilfst, dazu dem Gegenteil aller
dieser Früchte steuern und wehren hilfst? Dennoch:
damit wir ja sehen, welch eine volle, volle gnadenrei-
che Stiftung Gottes es sei, damit wirs ja herzlich lieb-
gewinnen und gerne brauchen, wollen wir nun sehen,
was für Nutzen auch besonders uns selbst darin ange-
boten und gegeben wird, und wie Christus unser in
diesem Sakrament nicht vergessen hat. Zwar habe ich
das fast alles früher im Kleinen Katechismus be-
rührt,20 so daß ein Pfarrherr, der fleißig sein will
oder dessen bedarf, sich gut damit behelfen kann.
Doch will ichs auch hier wiederum behandeln.
Aufs erste: So wie ich oben vermahnt habe,21 daß
du das Wort »zu meinem Gedächtnis« gut merken
solltest, mit dem dich Christus reizt und lockt, daß du
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3930 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 35

ihm zu Liebe und Dank und seinem Leiden zu Lob


und Ehr gern zum Sakrament gehen oder doch wenig-
stens gern dabei sein solltest; ebenso ist hier das
Wort: »für euch« auch mit Fleiß zu merken, da er
sagt: »das für euch gegeben, das für euch vergossen
wird«. Denn die zwei Worte »mein« und »euch« sind
ja gewaltige Worte, die dich billig antreiben sollten,
daß du gern hundert und tausend Meilen zu diesem
Sakrament laufen müßtest. Denn wo du bedenkst, wer
der sei, der da spricht: »mein«, da er sagt: »Das tut zu
meinem Gedächtnis«, so wirst du ja finden, daß es
dein lieber Herr Christus Jesus, Gottes Sohn sei, der
für dich sein Blut vergossen hat und gestorben ist.
Und er begehrt mit diesem Wort »mein« nicht mehr,
als daß du doch solches erkennen und glauben woll-
test, es dir doch gefallen ließest und ihm dafür dan-
kest, daß es ihm so von Herzen sauer geworden ist,
und (daß du ihn) nicht so schändlich verachtest und
sein Sakrament so gering hieltest und unterließest, da
dichs doch gar nichts kostet noch zu stehen kommt.
Wenn du also bedenkst, wer die sind, von denen er
sagt: »für euch«, so wirst du ja finden, daß es seien:
du und ich, samt allen Menschen, für die er gestorben
ist. Sind wir aber die, für welche er gestorben ist, so
muß das folgen, daß wir in Sünden, Tod, Hölle und
unter dem Teufel gewesen sind, wie es auch die Worte
klar mit sich bringen »für euch vergossen zur Verge-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3931 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 36

bung der Sünden«. Sind Sünden da, so ist gewiß auch


der Tod da, ist der Tod da, so ist gewiß auch die
Hölle und der Teufel da. So hilft solches Bedenken,
daß du ihm desto fleißiger danken und desto lieber zu
seines Leidens Ehre zum Sakrament gehen mußt.
Denn welch Herz kann jemals genug begreifen, welch
eine Wohltat und Gnade das ist, daß er vom Tode und
Teufel, von Sünde und allem Übel erlöst, gerecht, le-
bendig und selig wird ohne sein Verdienst und Zutun,
allein durch das Blut und Sterben des Sohnes Gottes,
welcher doch nichts dafür begehrt als Lob und Dank,
daß mans erkenne und glaube und nicht so schändlich
verachte oder anstehen lasse?
So ist nun das der erste Nutzen und Frucht, die dir
aus dem Gebrauch des Sakraments kommt, daß du
damit an solche Wohltat und Gnade erinnert wirst und
dein Glaube und Liebe gereizt, erneuert und gestärkt
wird, auf daß du nicht in Vergessen oder Verachtung
deines lieben Heilandes und seines bittern Leidens
und deiner großen mannigfaltigen ewigen Not und
Tod gerätst, daraus er dir geholfen hat. Lieber! laß
solchen Nutzen nicht gering sein. Ja, wenn sonst kein
Nutzen im Gebrauch des Sakraments wäre als diese
Erinnerung an solche Wohltat Christi und deine Not,
durch die du zum Glauben und Liebe gegen deinen
Heiland gereizt wirst: so wäre es dennoch überaus
genug Nutzen und Frucht. Denn solcher Glaube ist
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3932 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 37

uns hoch vonnöten, daß wir bei Christus bleiben kön-


nen, bei welchem kein Bleiben ist ohne solchen Glau-
ben; und der Unglaube ist dagegen ein gefährlicher,
täglicher, unablässiger Teufel, der uns von unserm
lieben Heiland und seinem Leiden mit Gewalt wie mit
List wegreißen will. Es macht Mühe und Arbeit, wo
man solchen Glauben täglich treibt, reizt und übt, daß
wir Christi Wohltat und Leiden nicht vergessen, was
soll dann (daraus) werden, wenn man sich dem ent-
zieht, ihn selten treibt und sein Gedächtnis und Sakra-
ment verachtet oder unterläßt?
Der andere Nutzen ist: Wo solcher Glaube immer
so erfrischt und erneuert wird, da wird zusätzlich auch
das Herz immer von neuem erfrischt zur Liebe des
Nächsten und zu allen guten Werken (sowie) stark
und gerüstet, der Sünde und aller Anfechtung des
Teufels zu widerstehen; sintemal der Glaube nicht
müßig sein kann, er muß Früchte der Liebe üben,
indem er Gutes tut und Böses meidet. Der Heilige
Geist ist dabei, der uns nicht feiern läßt, sondern wil-
lig und geneigt macht zu allem Guten und ernst und
fleißig wider alles Böse. So erneuert sich also ein
Christ durch solchen rechten Gebrauch des Sakra-
ments immerdar und von Tag zu Tag mehr und mehr
und nimmt zu in Christus, wie uns Paulus auch lehrt,
daß wir uns immerdar erneuern und zunehmen sollen.
Wo man sich umgekehrt vom Sakrament enthält und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3933 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 38

es nicht gebraucht, da muß der Schade folgen und


kann nicht fehlen, daß sein Glaube täglich mehr und
mehr schwach und kalt wird. Daraus muß dann weiter
folgen, daß er in der Liebe gegen den Nächsten faul
und kalt wird, müde und unlustig zu guten Werken,
ungeschickt und unwillig dem Bösen zu widerstehen,
und so je länger je weniger Lust zum Sakrament ge-
winnt, bis daß er es ganz überdrüssig wird, an seinen
lieben Heiland zu denken, und verachtet ihn und ver-
dirbt so in sich selbst von Tag zu Tag (mehr) und
wird geneigt und bereit zu allem Übel. Denn der Teu-
fel ist da, der feiert auch nicht, bis daß er ihn in Sünde
und Schande bringt.
Ich will allen zum Exempel, die sich warnen lassen
wollen, hier meine eigene Erfahrung anzeigen, damit
man lerne, welch ein listiger Schalk der Teufel ist. Es
ist mir etliche Male widerfahren, daß ich mir vorge-
nommen habe, auf den oder den Tag zum Sakrament
zu gehen. Wenn der Tag gekommen ist, so ist solche
Andacht weg gewesen, oder sonst irgendein Hindernis
gekommen, oder ich habe mich nicht recht vorbereitet
gefühlt,22 so daß ich sprach: Wohlan, über acht Tage
will ichs tun! Der achte Tag fand mich abermals
ebenso unvorbereitet und gehindert wie jener. Wohl-
an, abermals über acht Tage will ichs tun! Von sol-
chen »acht Tagen« hatte ich so viele, daß ich wohl
ganz davon abgekommen und nimmermehr zum Sa-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3934 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 39

krament gegangen wäre. Als mir Gott aber die Gnade


gab, daß ich des Teufels Büberei merkte, sprach ich:
Wollen wir darum wetten, Satan,23 so habe du ein
gutes Jahr mit deiner und meiner Vorbereitetheit! Und
ich brach hindurch24 und ging zum Abendmahl,25
auch wohl etlichemal ungebeichtet, was ich doch
sonst nicht tue, dem Teufel zum Trotz, besonders des-
halb, weil ich mir keiner groben Sünde bewußt war.
Und habe also bei mir selbst gefunden: Wenn einer
schon keine Lust noch Eifer zum Sakrament hat und
doch mit Ernst dahin zu gehen beabsichtigt,26 so ma-
chen ihm solche Gedanken und die Handlung selbst
auch Andacht und Lust genug, vertreiben auch fein
solche schlechten, unlustigen Gedanken, die einen
hindern und ungeeignet machen. Denn es ist ein gna-
denreiches kräftiges Sakrament: wenn man nur ein
wenig mit Ernst daran denkt und sich zu ihm begibt,
so zündet es an, reizt und zieht ein Herz weiter zu
sich.27 Versuchs nur, und wo du es nicht so findest,
so zeihe mich der Lüge, was gilts: du wirst auch fin-
den, wie dich der Teufel so meisterlich genarrt und so
listig vom Sakrament abgehalten hat, damit er dich
mit der Zeit ganz vom Glauben und ins Vergessen
deines lieben Heilandes und aller deiner Not bringen
möchte.
Und wenn du sonst keine Ursache noch Notwen-
digkeit zum Sakrament zu gehen hättest, Lieber! wäre
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3935 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 40

das nicht böse und Notwendigkeit genug, daß du dich


zum Sakrament kalt und unlustig findest? Was ist das
anders, als daß du dich kalt und unlustig findest an
deinen lieben Heiland zu glauben, ihm zu danken und
an ihn zu denken und an alle Wohltat, die er dir durch
sein bitteres Leiden erzeigt hat, auf daß er dich von
Sünde, Tod und Teufel erlöse, gerecht, lebendig und
selig mache? Womit willst du dich aber wider solchen
Frost und (diese) Unlust erwärmen? Womit willst du
deinen Glauben erwecken? Womit willst du dich zum
Danksagen reizen? Willst du warten, bis du es von
selbst bekommst28 oder der Teufel dir Raum dazu
gebe oder seine Mutter dich dahin halte? Da wird
nimmermehr was draus. Hier an das Sakrament mußt
du dich schmiegen29 und hinzuhalten, da ist ein
Feuer, das die Herzen anzünden kann. Da mußt du
deine Not und Bedürftigkeit bedenken und die Wohl-
tat deines Heilandes hören und glauben, so wird dir
dein Herz anders werden und andere Gedanken fas-
sen.
Deshalb hat Gott recht und gut daran getan, daß er
uns in solchem Stande hat bleiben lassen, da wir mit
der Sünde, Tod, Teufel, Welt, Fleisch und allerlei An-
fechtung kämpfen und ringen müssen, auf daß wir ge-
nötigt und gezwungen werden, seine Gnade, Hilfe,
Wort und Sakrament zu suchen und zu begehren.
Sonst, wo das nicht wäre, würde kein Mensch ein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3936 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 41

Haar breit weder nach seinem Wort noch nach seinem


Sakrament fragen, weder Gnade noch Hilfe suchen.
Nun aber solche Jagdhunde, ja Teufel hinter uns her
sind und uns aufstöbern, so müssen wir wohl munter
werden, und wie ein gejagter Hirsch zum frischen
Wasser, so müssen auch wir nach Gott schreien, wie
Psalm 42, 2 sagt, damit unser Glaube wohl geübt, er-
fahren und stark werde und wir so in Christus bleiben
und fest werden.
Sagst du aber, du fühlst keine Sünde, Tod, Welt,
Teufel usw. und hast keinen Kampf noch Streit mit
ihnen, darum zwinge dich auch keine Not zum Sakra-
ment? Antwort: Ich hoffe nicht, daß das dein Ernst
sei, daß du allein unter allen Heiligen und Menschen
auf Erden ohne solch Fühlen sein solltest. Und wo ich
wüßte, daß es dein Ernst wäre, so wollte ichs wahr-
lich bestellen, daß man auf allen Gassen, wo du gin-
gest, alle Glocken läuten und vor dir her ausrufen
müßte: Hier geht daher ein neuer Heiliger über alle
Heiligen, der keine Sünde fühlt noch hat. Aber ich
will dir ohne Scherz sagen: Fühlst du keine Sünde, so
bist du gewiß in Sünden ganz tot und die Sünde
herrscht mit Gewalt über dich. Und auf daß ich von
den groben äußerlichen Sünden schweige, wie Lust zu
Unzucht, Ehebruch, Zorn, Haß, Neid, Rache, Hoffart,
Geiz, Wollust usw., so ist das schon allzuviel und
große Sünde, daß du zum Sakrament keinen Drang
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3937 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 42

noch Lust hast. Denn daran merkt man, daß du auch


keinen Glauben hast, das Wort Gottes nicht achtest,
Christi Leiden vergessen hast und voll Undankbarkeit
und aller geistlichen Greuel steckst.
Darum ist mein Rat, wenn du dich ja so ganz un-
empfindlich findest, daß du nicht Sünde, Tod usw.
fühlst, so greife an deinen Mund, Nase, Ohren, Hände
und fühle, obs Fleisch oder Stein sei. Ists Fleisch,
wohlan, so glaube doch der Schrift, kannst du deinem
Fühlen nicht glauben. Die Schrift sagt aber Gal. 5,
17: »das Fleisch streitet wider den Geist«, ebenso
Röm. 7, 18: »In meinem Fleische wohnt nichts
Gutes« und dergleichen. Denselben Sprüchen sprich
also nach: Wahrlich, ich fühle, daß ich Fleisch an
meinem Leibe habe, also wird gewiß nichts Gutes
darin sein. Darum ists mir freilich nötig, solange ich
Fleisch habe, zum Sakrament zu gehen, meinen Glau-
ben und Geist wider das Fleisch zu stärken, welches
meinem Geist entgegen ist. Die Schrift lügt dir nicht,
aber dein Fühlen und Nichtfühlen betrügt dich. Denn
obwohl die Sünde durch Christus vergeben und so
überwunden ist, daß sie uns nicht verdammen, noch
das Gewissen beschuldigen kann, so ist sie doch inso-
fern noch dageblieben, daß sie uns anfechten und so
unsern Glauben erproben30 kann.
Ebenso: Fühlst du die Welt nicht, so sieh dich um,
wo du bist, ob du nicht unter Menschen wohnst, wo
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3938 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 43

du Mord, Ehebruch, Raub, Irrtum, Ketzerei, Verfol-


gung und allerlei Untugend siehst, hörst und erfährst.
Wenn du das siehst, so glaube der Schrift, die da (1.
Kor. 10, 12) sagt: »Wer sich läßt dünken, er stehe,
mag wohl zusehen, daß er nicht falle«. Denn in solche
Stücke kannst du auch alle Stunde fallen, nicht allein
mit dem Herzen, sondern auch mit der Tat, denn du
kannst wohl deinen Feind hassen und ihm Schaden
tun oder am Guten hindern usw. Demnach mußt du
sagen: Wahrlich, ich sehe, daß ich in der Welt bin,
mitten unter allerlei Sünden und Lastern, darin ich
wohl fallen kann. Deshalb bedarf ich dessen wohl, so-
lange ich in der Welt bin, daß ich zum Sakrament
gehe, auf daß ich mich an meinen Heiland halte und
meinen Glauben stärke, damit ich solcher bösen Welt
widerstehen und vor Sünden und Laster behütet wer-
den möge. Denn obwohl Christus die Welt (für) uns
überwunden hat, daß sie uns nicht zur Sünde zwingen
kann, so ist sie doch insofern dageblieben, daß sie uns
anfechten, plagen und verfolgen und damit unsern
Glauben erproben kann.
Desgleichen: fühlst du den Tod nicht, so geh zu
den Gräbern31 auf den Kirchhof, oder glaube der
Schrift, die (Hebr. 9, 27) sagt: »Den Menschen ist ge-
setzt, einmal zu sterben«, so wirst du finden, daß du
noch nicht leibhaftig im Himmel bist, sondern du hast
den Tod auch noch vor dir und dein Grab wartet dein
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3939 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 44

auch unter den anderen, und du bist keinen Augen-


blick sicher davor. Wenn du das siehst, so gedenke:
Wahrlich, ich bin noch nicht hinüber, ich muß mit
dem Tode auch noch kämpfen. Solange ich nun noch
lebe, ist es mir nötig, zum Sakrament zu gehen, auf
daß ich meinen Glauben stärke, damit der Tod mich,
(wenn er mich überrascht), nicht erschrecke und ver-
zagt mache, denn er ist ein grausamer Feind, den Un-
gläubigen unerträglich, ja, auch den Schwachgläubi-
gen schrecklich. Und wenn ihn Christus auch wohl
überwunden hat, daß er uns nicht fressen noch behal-
ten kann, so ist er doch insofern dageblieben, daß er
uns erschrecken und mit Verzagen anfechten und so
unsern Glauben erproben kann.
Ebenso: fühlst du den Teufel nicht, wie er zum
Mißglauben, Verzweifeln, Gott lästern und Haß trei-
ben kann, so glaube der Schrift, die uns bezeugt, wie
er mit solchen Stücken Hiob, David und Paulus und
andere mehr geplagt hat und dich auch noch so plagen
kann. Demnach sprich: Wahrlich, der Teufel ist noch
ein Fürst in der Welt, und ich bin ihm noch nicht ent-
ronnen. Solange ich aber in seinem Fürstentum bin,
bin ich vor ihm nicht sicher, deshalb muß ich zum Sa-
krament gehen und mich zu meinem lieben Helfer und
Heiland halten, damit mein Herz und Glaube täglich
gestärkt werde, auf daß mich der Teufel mit seinem
Pfahl nicht auch aufspieße oder mit seinen feurigen
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3940 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 45

vergifteten Pfeilen erwürge. Denn obwohl Christus


den Teufel für uns überwunden hat, so ist er dennoch
insofern noch ein Herr der Welt geblieben, daß er uns
mit den hohen geistlichen Anfechtungen bekriegen
und so unseren Glauben erproben kann.
Solches hab ich so grob und einfach daher sagen
müssen um der groben faulen Christen willen, die
über die Dinge nicht sehr nachzudenken wissen und
so unversehens müde und sicher werden, als bedürften
sie weder Gottes noch seines Wortes, gehen dahin, als
hätte es weder Gefahr noch Not mit ihnen; darüber
verlieren sie dann den Glauben und werden untüchtig
zu guten Werken. Aber Gott hat uns solche Feinde
übrigbleiben lassen, daß wir zu kämpfen hätten und
nicht faul und sicher würden, gleichwie Richt. 3, 1 ff.
geschrieben steht, daß er für sein Volk Israel (in Ka-
naan) auch etliche Könige und Fürsten bleiben ließ,
auf daß sie Kriegführen lernten und in der Gewohn-
heit des Krieges blieben. Denn Gottes Wort ist all-
mächtig, ebenso ist der Glaube und Geist geschäftig
und unruhig, muß immer zu tun haben und zu Felde
liegen. So muß das Wort Gottes nicht geringe, son-
dern die allermächtigsten Feinde haben, an welchen es
nach seiner großen Gewalt Ehre einlegen kann, wie es
denn diese vier Gesellen sind: Fleisch, Welt, Tod,
Teufel; daher heißt Christus der Herr Zebaoth, das ist
ein Gott der Heerfahrt oder der Heerscharen, der
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3941 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 46

immer Krieg führt und in uns zu Felde zieht.


Deshalb bedürfen wir dessen über die Maßen sehr,
daß wir einen gnädigen Gott haben, der uns helfen
kann. Und nicht allein das, sondern wir müssen auch
gewiß und sicher sein, daß er uns ohne Zweifel gnä-
dig sein und helfen wolle. Wie können wir aber des-
sen gewiß und sicher sein, wenn er uns nicht ein si-
cheres unbezweifelbares Zeichen seiner Gnade und
Liebe gegen uns gäbe! Wer könnte es sonst erraten,
wie er gegen uns gesinnt wäre?32 Das hat er nun hier
mit dem Sakrament getan und uns ein sicheres Zei-
chen seiner Liebe und Gnade aufgestellt. Denn das
Sakrament ist ja kein Zeichen seines Zornes, und er
würde es uns nimmermehr geben, wenn er mit uns
zürnte, sondern es ist ein Zeichen seiner höchsten
Liebe und unergründlichen Barmherzigkeit. Und wie
kann er höhere Liebe und tiefere Barmherzigkeit er-
zeigen, als daß er uns wahrhaftig sein eigen Leib und
Blut zur Speise dargibt? Das soll nicht allein ein gnä-
diges Zeichen, sondern auch eine Speise sein, mit der
wir uns laben und stärken sollen, alle, die in seinem
Heer mit ihm zu Felde liegen. Und es ist eigentlich
der Sold und Proviant, mit dem er sein Heer und
Kriegsvolk besoldet und speist, bis sie endlich siegen
und mit ihm das Feld behalten. O, es ist gute Münze,
köstliches rotes Gold und reines weißes Silber, hüb-
sches schönes Brot und guter süßer Wein, und von
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3942 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 47

dem allen die Fülle und reichlich vollauf, daß es gar


lieblich ist, in dieser Heerfahrt zu sein.
Sagst du aber: Ja, Paulus machts aber besonders
schrecklich, wenn er 1. Kor. 11, 27. 29 spricht: »Wel-
cher nun unwürdig von diesem Brot isset oder von
dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem
Leib und Blut des Herrn«, »der isset und trinket sich
selber zum Gericht«. Damit macht er uns verzagt und
schüchtern zum Sakrament, denn wer ist, der sich für
würdig achten könnte? Antwort: Ei, Lieber, siehst du
auch, gegen welche Paulus sich wendet, nämlich
gegen die, welche wie die Säue hereinfielen und aus
dem Sakrament ein leibliches Gefresse machten und
es nicht anders handhabten als sonst ein täglich Brot
und Wein, dazu untereinander verachteten, und ein
jeglicher ein eigenes Mahl hielten. Wir aber reden von
denen, die glauben, daß es nicht ein Schweinemahl
sei, sondern der wahrhaftige Leib und Blut Christi,
und die da wissen, daß Christus es zu seinem Ge-
dächtnis und unserm Trost eingesetzt hat und gerne
auch Christen sein wollten, ihren Herrn loben, danken
und ehren, dazu auch gerne seine Gnade und Liebe
haben wollten und sich ihrer Person und Unwürdig-
keit halber fürchten und so wegbleiben, durch solche
falsche Furcht gehindert und abgeschreckt.
Lieber, du mußt nicht auf dich sehen, wie würdig
oder unwürdig du seist, sondern auf dein Bedürfnis,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3943 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 48

darauf, daß du der Gnade Christi wohl bedarfst.


Wenn du das Bedürfnis siehst und fühlst, so bist du
würdig und geeignet genug, denn er hats uns nicht zu
Gift oder Ungnade, sondern zu Trost und Heil einge-
setzt. Vor allen Dingen aber mußt du ansehen, daß
dein Herr Christus, wie unwürdig du bist, gleichwohl
allzu würdig ist, den du loben, ehren und dem du dan-
ken und seine Ordnung und Stiftung, wie oben gesagt,
handhaben helfen sollst, wie du ihm schuldig bist und
in der Taufe gelobt hast. Dein Herz soll so denken:
Wohlan! bin ich unwürdig, das Sakrament zu emp-
fangen, so ist mein Herr Christus desto würdiger, daß
ich ihm damit danke und ihn lobe und seine Stiftung
ehre, wie ich schuldig bin und in meiner Taufe gelobt
habe, und abermals: bin ich unwürdig, so bin ich des-
sen aber bedürftig. Wer betteln will, der darf sich
nicht schämen; Scham ist ein unnützes Hausgesinde
in eines armen Bettlers Haus. So lobt Christus Luk.
11, 5 ff. auch selbst einen unverschämten Dränger.
Sieh, so hast du denn zwei gute Weisen und Ursa-
chen, das Sakrament zu empfangen: die erste, daß du
Christus damit dankst und lobst, die andere, daß du
für dich auch Gnade und Trost holst. Diese zwei Wei-
sen können nicht böse noch Mißbrauch sein, sondern
müssen recht sein und Gott recht gefallen. Denn
gegen Gott können wir nicht mehr als auf zwei Wei-
sen handeln, nämlich mit Dank und Bitten. Mit dem
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3944 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 49

Dank ehren wir ihn wegen der Güter und Gnaden, die
wir schon bereits empfangen haben, mit dem Beten
ehren wir ihn wegen Güter und Gnaden, die wir hin-
fort gerne hätten. Denn wer in solcher Absicht zum
Sakrament geht, was tut der anders, als spräche er mit
der Tat: Herr, ich danke dir für alle deine mir gege-
bene Gnade und bitte weiter, du wollest meiner Not-
dürftigkeit noch weiter helfen. Das ist ein Lobopfer
und ein Bittopfer. Mehr kannst du Gott nicht tun,
noch ihn höher ehren.
So sieh doch, welch ein feines Sakrament das ist,
wo du zugleich für die frühere Gnade dankst und um
die künftigen Gnaden bittest. Wer kann aber jemals
genug danken und bitten? Darum ist ja hier keine Ur-
sache, müde und faul zu werden, sondern, eitel bren-
nende, heftige Reizung, daß man das Sakrament ja
gerne, mit Lust und Freuden empfangen soll. O hätten
die lieben Propheten und alten Väter solch Sakrament
allein sehen und hören sollen, wie sollten sie so fröh-
lich und begierig dazu gewesen sein, wie sollten sie
sich über uns verwundert haben, daß wir solche seli-
gen Leute im Vergleich zu ihnen wären! Aber wie
wehe sollte es ihnen auch umgekehrt getan haben,
wenn sie gesehen haben sollten, daß wirs so schänd-
lich verachten. Aber noch viel weher sollts ihnen
getan haben, wenn sie den verfluchten greulichen
Jahrmarkt gesehen hätten, den die Papisten und So-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3945 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 50

phisten mit Winkelmessen und dergleichen daraus ge-


macht haben.
Darum siehe ja zu, daß du dies Sakrament nicht an-
ders als auf diese zwei Weisen gebrauchst, nämlich
auf Dankweise und Betweise. Und hüte dich vor der
Papisten Greuel, die machen ein Opfer daraus, womit
sie nicht für die frühere Gnade danken, sondern wie
mit einem Werk die künftige Gnade erwerben und
verdienen wollen, dazu nicht für sich selbst, sondern
auch für andere, welchen sie solche Opfermesse ver-
kaufen. Aber du sollst im Sakrament Gott danken und
loben helfen für die frühere Gnade, besonders die,
welche dir in Christus erzeigt ist, und um die künftige
Gnade für dein Bedürfnis begehren und bitten. Dann
wirst du keinen Jahrmarkt noch Verdienst daraus ma-
chen können, den du andern mitteilen oder verkaufen
möchtest. Ein jeglicher muß hier für sich Gott danken
und zu ihm beten, mit allen andern.
Soviel will ich diesmal den Predigern, die es nicht
besser wissen, angezeigt und daneben gebeten haben,
daß sie helfen wollten, solches gut in das Volk zu
bringen und ihm ausführlich darzulegen. Denn ob-
wohl etliche verstockte, unbußfertige, rohe Menschen
das nicht achten werden, so wirds doch bei vielen
Frucht schaffen, wie man sagt; Ein gut Wort findet
eine gute Statt. Und Gott selbst spricht Jes. 55, 11:
»Mein Wort wird nicht leer zu mir zurückkommen,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3946 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 51

sondern ihm wird gelingen, wozu ich es sende«. Wo


aber dieser Verächter etliche gefunden werden, die
sich an solche Vermahnung nicht kehren, dazu das
Sakrament bei gesundem und lebendigem Leibe nicht
gebrauchen, da soll man sie auch an ihrem Tode und
letzten Ende liegen lassen und ihnen das Sakrament
nicht geben. Haben sie gelebt wie die Hunde und
Säue, so lasse man sie auch sterben wie Hunde und
Säue, es sei denn, daß sie ganz starke Zeichen eines
reuigen, gläubigen Herzens beweisen. Denn wir sol-
len das Heiligtum nicht den Hunden geben, noch die
Perlen vor die Säue werfen, spricht Christus, Matth.
7, 6. Und Gott wird auch selbst mit zuschlagen unter
solche Verächter, daß sie des Abendmahls Christi
nicht wert sein noch es genießen können. Davon will
ich hier ein Beispiel erzählen, das unlängst in der
Stadt Torgau geschehen ist, wo man dafür noch beide,
Pfarrherrn und Kaplan, zu Zeugen haben kann.
Es ist auch ein solcher Mann gewesen, dessen
Namen ich nicht nennen will, der in sechs oder sieben
Jahren unter dem Schanddeckel der christlichen Frei-
heit nicht zum Sakrament gegangen ist und solches
bis in seine Krankheit aufgeschoben und gespart und
in derselben noch dazu verschoben hat, bis das letzte
Stündlein daherkam. Als er nun ein Ende seines Le-
bens zu fühlen begann, forderte er den Kaplan und bat
um das Sakrament: da der Kaplan es bringt und ihm
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3947 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 52

gerade in den Mund reicht, fährt die Seele aus und


läßt das Sakrament auf der Zunge im offenen Munde,
daß der Kaplan es wieder zu sich nehmen mußte. Als
er aber heikel war, daß ers nehmen sollte, und mich
fragte, wo ers hintun sollte, hieß ichs ihn mit Feuer
verbrennen. Lieber, laß dir das ein Beispiel und Zei-
chen sein, daß du nicht so roh dahinlebst, ob du wohl
jetzt nicht zum Sakrament gezwungen bist. Kannst du
Gott in seinem Sakrament verachten, kann er dich
wieder in deinen Nöten verachten, wie er, Sprüche 1,
25 f. sagt: »Wenn ihr fahren laßt all meinen Rat und
meine Zurechtweisung nicht wollt, dann will ich auch
lachen bei eurem Unglück und euer spotten, wenn da
kommt, was ihr fürchtet« usw. Und es ist auch recht,
daß der, welcher ein Christ sein will und solchen
Namen mit Schande führt, so daß er das Sakrament
nicht gebrauchen will, wenn er gut kann, daß ers auch
nicht gebrauchen soll, wenn ers gerne haben wollte.
Nicht, daß ich deshalb jemand zum Sakrament nö-
tigen oder zwingen, noch Gebot oder Zeit festsetzen
wollte, wie der Papst getan hat. Denn Gott mag kei-
nen gezwungenen Diener haben, viel weniger will er
jemandem gegen seinen Willen33 etwas geben. Son-
dern ich wollte gern damit dazu vermahnen, daß sich
ein jeglicher selbst zwinge und sich aus eigenem Eifer
selbst nötige, solchen edlen lieben Schatz der Seele zu
holen, und daneben anzeigen, wie Gott mit Recht
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3948 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 53

daran ein großes Mißfallen habe, daß man seine ange-


botene Gnade und Güte so schändlich verachtet, obs
helfen wollte, daß die Menschen ohne Zwang und Ge-
setz Gottes Gnade zu suchen und zu empfangen ler-
nen. Denn solche große Verachtung und Undankbar-
keit verdient wohl größere Strafe als es die ist, daß
einer bei seinem Tode das Sakrament entbehren muß,
wie denn gewiß auch eine viel größere folgen wird.
Denn bedenke du selbst, eine wie unsinnige, ver-
zweifelte Verachtung und Undankbarkeit das ist. Vor-
her unter dem Papsttum, als wir zum Sakrament ge-
zwungen und gedrungen wurden, liefen wir in Men-
gen hinzu, mußten dazu genug Geld dafür geben und
alles teuer erkaufen. Und man gab uns doch nicht
mehr als das halbe Sakrament in einer Gestalt. Und
was noch ärger war: wir mußtens nicht zu unserem
Nutzen noch zu Gottes Ehren holen, sondern nur, daß
man dem Papst gehorsam wäre wie mit einem Fron-
dienst. Denn er fragte nicht viel danach, was wir für
Nutzen oder was Gott für Ehre davon hätte, die Sei-
nen predigten und lehrten es auch nicht. Sondern das
suchte er allein, wie großen Gehorsam er bei uns
haben möchte; ja, zu unserm Schaden mußten wirs
holen, an Leib wie an Seele. Denn da wurde nichts
vom Glauben gelehrt, sondern es mußte ein Werk
sein, mit dem man Gott gegenüber wohl tat, worunter
der rechte Gebrauch, Nutzen und Frucht des Sakra-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3949 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 54

ments verborgen und uns geraubt wurde.


Jetzt aber, wo mans nicht allein umsonst hat, son-
dern auch den rechten Gebrauch lehrt, und es, in
Summa, zu unserem Nutzen und Gottes Ehre gebrau-
chen kann, stellen wir uns so heikel und schändlich
dazu, als wären wir nicht Menschen, (ich will von
Christen schweigen) sondern als wären wir Stöcke
und Steine, die dessen nicht bedürften, und (als ob es)
uns gar nichts anginge. Was solls denn Wunder sein,
daß uns Gott umgekehrt auch plagt und straft? Ja,
weil wir Christen heißen wollen und uns so verächt-
lich und lästerlich gegen unsern Heiland stellen, so
wäre es kein Wunder, daß uns Gott ohne Aufhören
mit Teuerung und Hungersnot, Pestilenz, Krieg und
allem Unglück plagte. Denn was soll es doch sein,
daß wir aus so greulichem Gefängnis der Seelen und
aus des Papstes Stricken so gnädig erlöst sind, und
uns dazu solche reiche Gnade angeboten wird, wir
aber nicht allein nicht für solche Erlösung danken,
sondern auch der angebotenen Gnade gleichsam als
eines unnötigen, unnützen Dinges spotten?
Darum sage ich, von Gott aus gesehen,34 mit
Recht: Willst du von meinem Abendmahl nicht essen
und trinken, das ich dir so von Herzen gut zugerichtet,
so will ich dir umgekehrt auch Teuerung und Hun-
gersnot zuschicken, daß du weder Abend- noch Mor-
genmahlzeit finden sollst. Bist du so satt, daß du
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3950 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 55

meine Speise nicht magst, so will ich dich hungrig


genug machen, daß du auch deine Speise nicht haben
sollst. Willst du das Brot des Lebens nicht haben, das
ich dir so reichlich darbiete, so habe die Pestilenz,
Fieber und alle Krankheit, und stirb immer zum Teu-
fel hin. Willst du das Sakrament der Liebe, der Gnade
und des Friedens nicht, die ich dir darin schenke, so
habe Krieg, Zwietracht, Unfriede und alle Unruhe.
Denn was soll Gott uns doch anders tun? Wie kann
ers leiden, daß seine Gnade immer für und für, je län-
ger je mehr verachtet und die Undankbarkeit immer
größer wird, und er hats doch so teuer erworben und
seinen eigenen Sohn dafür kreuzigen lassen. Er muß
dreinschlagen und alle Plagen über uns ergehen las-
sen, wie es denn schon anfängt und dahergeht. Wir
zwingen und dringen ihn zum Zorn, daß er seine
Gnade aufheben und Ungnade walten lassen muß. Er
kann vor unserer unablässigen Verachtung und Un-
dankbarkeit nichts anderes tun.
Wohlan, ich will das Meine getan und die Prediger
treulich gebeten haben, daß sie mir hierin fleißig dar-
auf bestehen helfen, damit wir den Zorn Gottes doch
nicht so ganz über uns heraufbeschwören. Ohne
Zweifel werden etliche fromme Herzen solches anneh-
men und sich bessern; der andern halber will ich ent-
schuldigt sein, ihr Blut sei auf ihrem Kopf, es ist
ihnen genügend gesagt. Derselbe Gott aller Gnade
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3951 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 56

und Barmherzigkeit verleihe uns seinen Heiligen


Geist, der uns erwecke und vermahne, seine Ehre mit
Ernst zu suchen und mit aller Andacht des Herzens
für alle seine unzähligen, unaussprechlichen Güter
und Gaben zu danken, durch Jesus Christus, unsern
Herrn und Heiland, dem sei Lob und Dank, Ehre und
Preis in Ewigkeit, Amen, Amen.

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3952 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 57

Editorische Bemerkung

Diese Schrift hat Luther während des Augsburger


Reichstags von 1530 verfaßt. Auf dem Reichstage
konnte der von Kaiser und Reich Geächtete selbstver-
ständlich nicht erscheinen, aber er sollte (und wollte)
den entscheidungsvollen Ereignissen doch so nahe
wie möglich sein. So wurde die Feste Koburg ge-
wählt, die Augsburg auf kursächsischem Gebiet am
nächsten ist. Hier hat er die Schrift vor dem 17. Okto-
ber vollendet, in der zweiten Novemberhälfte 1530 ist
sie im Druck erschienen. Sie handelt vom Abendmahl
und seiner zentralen Bedeutung für die Gemeinde wie
für den einzelnen Christen und gibt dabei zugleich
eine Summe evangelischer Glaubenshaltung. Damit
ist aber eine ganze Reihe anderer Themen verbunden,
welche dieser Schrift genau die Stellung zuweisen, die
sie jetzt im vorliegenden Band zwischen denen zum
Aufbau von Gemeinde und Gottesdienst und denen
zur Aufrichtung und Ausrichtung des einzelnen Chri-
sten einnimmt: Taufe und Kindertaufe, der innere Zu-
stand der Gemeinde (damals und heute), die Pflichten
des geistlichen Amtes (damals und heute) usw. usw.
Die Schrift ist vollständig wiedergegeben, lediglich
zwei kurze Absätze mit einem Angriff gegen die ka-
tholische Kirche und ein längerer mit einer kontro-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3953 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 58

verstheologischen Auseinandersetzung über den Op-


fercharakter des Abendmahls sind ausgelassen wor-
den, der eine, weil die Abgrenzung gegen den Katho-
lizismus vorher und nachher in der Schrift schon voll-
zogen ist, der andere, weil die sehr speziellen Ausfüh-
rungen über den Rahmen des Bandes hinausgehen
und die Fragestellung sich außerdem seit dem 16.
Jahrhundert wesentlich verschoben hat.

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3954 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 59

Anmerkungen

1 Confessiones I, 11, 17; CSEL 33, 1, S. 16 vgl.


auch V, 9, 16, 88 CSEL 33, 1, S. 103.
2 Eig.: »inn ihrem eigen sode«.
3 Eig.: »mit fug und unfug«.
4 Vgl. Luk 19, 1-10; Matth. 21, 32; Luk 23, 42 f.
5 Vgl. S. 141,14ff. WA 30, 1, 227 ff.
6 Eig.: »dieses sermons«.
7 Eig.: »die ursachen jnn zwey teil stellen«.
8 Eig.: »Von der Ersten«.
9 Eig.: »nicht veracht, mussig noch ungebraucht
haben«.
10 Folgt WA S. 603, 35-604, 17 eine etwas zuge-
spitztere Fassung des bereits gegen den katholischen
Gottesdienst Ausgeführten.
11 Eig.: »verleugten Christen«.
12 Eig.: »Procession machen und spiel tragen«.
13 Vgl. S. 113,27ff.
14 Eig. mit doppelter Negation: »nicht kan ihr Gott
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3955 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 60

sein noch inn Christo«.


15 Vgl. S. 116.
16 Kein Passahfest.
17 Nämlich die des Bluts, in der katholischen Messe
wird dem Gläubigen das Abendmahl nur in der Ge-
stalt der Hostie gereicht.
18 Folgt WA S. 608, 26-609, 2 ein weiterer Ausfall
gegen die katholische Kirche, wie S. 114,36 ausgelas-
sen, weil zur Sache unnötig.
19 Folgt WA S. 610, 10-615, 12 eine Erörterung der
Frage, ob und wie weit das Sakrament des Abend-
mahls ein Opfer sei.
20 Vgl. S. 154f. in der dritten und vierten Frage zum
fünften Hauptstück.
21 Vgl. S. 111ff.
22 Eig.: »ungeschickt gedaucht«.
23 Eig.: »Wollen wir des, Satan«.
24 Eig.: »mit deiner und meiner geschicklichkeit«.
»Und reiss hindurch ...«.
25 Dem Abendmahl geht in der Reformationszeit in
der Regel die (Privat)beichte voran. Im »Unterricht
der Visitatoren« heißt es 1528: »Man soll auch nie-
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3956 Vermahnung zum Sakrament des Leibes und Blutes unsers Herrn 61

mand zum heiligen Sakrament gehen lassen, er sei


denn von seinem Pfarrherrn besonders verhört, ob er
zum heiligen Sakrament zu gehen vorbereitet
sei«(WA 26, 220, 7-10). Luther hatte diesem Text
Melanchthons in der Ausgabe von 1538/39 hinzuge-
setzt: »Diejenigen sollen nicht (zur Beichte) gezwun-
gen werden, besonders wenn sie im Glauben und in
der Lehre Christi gut unterrichtet sind, wenn sie allein
Gott beichten und das Sakrament darauf nehmen.
Denn es nimmts ein jeder auf sein Gewissen, wie Pau-
lus 1. Kor. 11, 28 sagt«(WA 26, 220, 34-38).
26 Eig.: »sich erwegt«.
27 Eig.: »hinzu schickt«.
28 Eig.: »bis es dich selber an kome«.
29 Eig.: »reiben«.
30 Hier und in den folgenden Fällen eig.: »uben«.
31 Eig.: »zum bein hause und zun grebern«.
32 Eig.: »was er gegen uns gedecht«.
33 Eig.: »on seinen danck«.
34 Eig.: »von Gottes wegen billich«.

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