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3768 Vorrede zu Alexius Krosners Sermon von der heiligen Kirche 1

Martin Luther

Vorrede zu Alexius Krosners


Sermon von der heiligen Kirche
(1531)

[WA 30, 3, 407–409]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3769 Vorrede zu Alexius Krosners Sermon von der heiligen Kirche 2

Es haben die Katholiken einen neuen Glaubensartikel


aufgebracht, der heißt: Wir Geistlichen sind die heili-
ge christliche Kirche, und malen sich im Schiffe sit-
zend, und die andern Christen im Meer schwimmend
und ersaufend.1 Darauf steht ihr ganzes Gebäude im
Lehren und Leben. Sie schließen daraus, daß sie gar
nicht irren können. Sondern was sie lehren und tun,
das sei völlig recht und Artikel des christlichen Glau-
bens. Denn die christliche Kirche sei so heilig, daß sie
nicht irren könne, weder im Leben noch Lehren, so
gewiß regiere sie der Heilige Geist. Als dieser Artikel
in seiner Geltung2 stand und herrschte, da hatten sie
gut tun: was sie wollten, das mußte recht oder unrecht
sein, wie wir allzumal und leider allzusehr erfahren
haben. Und wenn er auch noch heutigen Tages bewie-
sen werden könnte, so müßten wir alles gehen und ge-
schehen lassen, was sie wollten.
Aber nun sind die Früchte der Geistlichen, sowohl
im Lehren wie im Leben, so helle am Tage, daß sie
selber bekennen müssen, und bekennens auch, daß es
nicht heilig, sondern schädlich, ärgerlich, böses Ding
sei, und der heiligen christlichen Kirche nicht zuge-
messen werden könne. Darum ist wohl vonnöten zu
erkennen, was doch die heilige christliche Kirche sei.
Wenn es die Geistlichen mit ihren Spaltungen sind, so
hat der Teufel gewonnen und wird beides,3 Gott und
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sein Wort verloren. Denn, wenn sie gleich aufs aller-


gräulichste irren, wer will sie des Irrtums zeihen oder
verurteilen? Führt man Gottes Wort wider sie (ins
Feld), so können sie sagen: Wir können nicht irren,
wir sind die heilige Kirche. Und so muß jeder Irrtum
frei und ungestraft für Heiligtum gehalten werden.
Aus dem muß folgen, daß ihr Geiz, Hurerei und an-
dere Laster lauter Tugenden sein müssen. Denn wo du
sagen wolltest: In etlichen Stücken und offenbaren
Lastern, die wider Gottes Wort sind, kann man sie
wohl beschuldigen,4 beurteilen und tadeln, wie z.B.
die Hurerei mit dem sechsten Gebot und mit den Wor-
ten des Paulus; das hilft und schafft nichts. Denn da
sie öffentlich wider Gottes Wort die eine Gestalt des
Sakraments verdammen und verbieten, wollen sie mit
solchem Gottes Wort unbeurteilt und ungetadelt sein.
Sondern sie sagen: Die Kirche könne hierin nicht
irren, wenn sie auch gleich wider Gottes Wort tut, sie
habe die Eingebung des heiligen Geistes dagegen.
»Können sie nun gegen solchen großen, hohen Ar-
tikel des Sakraments handeln und sagen: Wir können
nicht irren, der heilige Geist regiert uns so; wie viel-
mehr mag ein Pfaff gegen das geringe Gebot Gottes
ein Hürlein haben und sagen: Ich kann nicht irren, der
heilige Geist regiert mich so. Können sie aber das
nicht tun in einem geringern Artikel, wie sollten sie es
denn in einem so großen hohen Artikel tun können?«
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Darum habe ich diesen Sermon Magisters Alexius


ausgehen lassen wollen, auf daß ein jeglicher hinfort
zusehe oder lerne, was doch die heilige christliche
Kirche heiße oder sei. Wo das recht wohl erkannt
wird, so hat man einen großen tröstlichen Schutz
wider alle falsche Lehre. Denn freilich muß das wahr
sein, daß die christliche Kirche heilig sei und im
Glauben nicht irren könne, weil sie mit Christus ein
Leib und ein Geist ist. Aber hier muß man wahrlich
mit Fleiß auch darauf achten und wissen, was heilig
heiße, und was Irrtum im Glauben heiße. Denn unsere
Papisten lehren uns noch heutigen Tages keine andere
Heiligkeit, als die, welche in uns ist und mit Werken
erlangt wird: obwohl doch hier eine ganz scharfe und
bestimmte Unterscheidung zwischen Heiligkeit des
Werks und Heiligkeit der Kirche und zwischen Glau-
ben und Werken (oder Leben) festzuhalten ist.
Denn das muß man ja bekennen, daß die Kirche
nicht durch Werk oder Verdienst die heilige Kirche
geworden ist noch werden kann. Was wäre sonst
Christus mit seinem Tod uns not oder nutz? So kann
die heilige Kirche auch in bezug auf das Leben nicht
ohne Irrtum und Sünde sein. Sonst müßte sie lügen
und Gottes spotten, wenn sie im Vaterunser betet:
Vergib uns unsere Schuld. Und Christus selbst müßte
auch lügen, da er (Matth. 15, 16; Mark. 7, 18) zu sei-
nen lieben Aposteln, die heilig waren, sagt. Ihr seid
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böse und unverständig usw. Es kann ja kein Heiliger


sein, der das Vaterunser nicht beten müsse; dazu die
Kirche ganz und gar, wenn sie gleich am heiligsten
ist, muß sie es auch bitten. Siehe, solches haben die
Katholiken nie bedacht, plumpsen hinein und machen
lauter Werkheilige im Himmel. Unter so viel Legen-
den der Heiligen ist nicht eine, die doch einmal einen
Heiligen beschriebe, der nach der christlichen Heilig-
keit oder nach des Glaubens Heiligkeit heilig gewesen
wäre. Alle ihre Heiligkeit ist, daß sie viel gebetet, ge-
fastet, sich abgemüht, kasteit, hart gelegen und ge-
kleidet gewesen sind, welche Heiligkeit schier allzu-
mal auch ein Hund und Schwein täglich üben kann.
Darum müssen wir anders von der Sache reden und
wissen, die christliche Kirche sei heilig, nicht in sich
selbst, insbesondere in diesem Leben, sondern in
Christus. Und das ist eine Heiligkeit aus Gnade, hier
angefangen und in jener Welt vollbracht. Aber in sich
selbst ist sie noch nicht heilig, wie Paulus Röm. 6, 22
und 8, 1 ff. deutlich von allen Christen lehrt.5 Gott
helfe uns allen, bei der reinen Wahrheit zu bleiben,
bis ans Ende. Dem sei Lob und Dank in Ewigkeit.
Amen.

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Editorische Bemerkung

Was ist gemeint, wenn wir von der Heiligkeit der


christlichen Kirche sprechen? Auf diese Frage ant-
wortet Luther in seiner Vorrede zu der Schrift des
Alexius Krosner. Um ihrer gedrängten Kürze willen
ist diese Vorrede in dem ersten Teil dieses Bandes,
der nach dem evangelischen Verständnis der Kirche
fragt, besonders willkommen. Eines Kommentares im
einzelnen bedarf sie nicht. Selbst die Person Krosners
(ursprünglich Hofprediger Herzog Georgs von Sach-
sen, von 1527 ab dann in Altenburg in gedrückten äu-
ßeren und inneren Verhältnissen lebend) kann uns
hier gleichgültig sein, obwohl sie ein gutes Demon-
strationsobjekt dafür abgäbe, daß in Fragen des Glau-
bens nur eine klare Entscheidung helfen kann und daß
jeder, der hier versuchen will, einander ausschließen-
de Haltungen miteinander zu verbinden, von dieser
Zwiespältigkeit zerrieben wird, mag er dabei auch
von den besten Absichten geleitet sein.

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Anmerkungen

1 In der damaligen Zeit mehrfach wiederkehrendes


Thema, vgl. Luthers ausführliche Stellungnahme in
seiner »Verantwortung der aufgelegten Aufruhr von
Herzog Georg«, 1533, WA 38, 96-127.
2 Eig.: »macht«.
3 Eig.: »und wir beide«, gibt so keinen rechten Sinn.
4 Beschuldigen eig.: »zeihen«.
5 Luther fügt hinzu: »Doch wirstu jnn diesem Ser-
mon weitern sinn wol finden«.

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