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3722 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 1

Martin Luther

Von den Konzilen und der Kirche


(1539)

[WA 50, 606–650]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3723 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 2

Was ist ein Konzil, oder was ist seine Aufgabe?1


Denn wenn es nicht neue Artikel des Glaubens auf-
stellen soll, so wäre bisher alle Welt jämmerlich be-
trogen, die es nicht anders weiß noch dafür hält, als:
was ein Konzil beschließt, das sei für einen Artikel
des Glaubens oder doch zum wenigsten für ein zur
Seligkeit nötiges Werk zu halten, so daß, wer des
Konzils Dekret nicht hält, nimmermehr selig werden
könne, weil er dem heiligen Geist, des Konzils Mei-
ster, ungehorsam ist. Wohlan, ich bin fest davon
überzeugt,2 daß kein Konzil Macht habe, neue Arti-
kel des Glaubens festzusetzen, weil es die vier Haupt-
konzile nicht getan haben. Deshalb will ich meine
Meinung hier sagen, und auf die Hauptfrage so ant-
worten:
Erstens hat (ein Konzil) keine Vollmacht, neue Ar-
tikel des Glaubens aufzustellen, wenn auch der heilige
Geist bei ihm ist. Denn auch der Apostel Konzil zu
Jerusalem, Apg. 15, setzt nichts Neues für den Glau-
ben fest, sondern (wie Petrus Apg. 15, 10 f. folgert,
daß auch alle ihre Vorfahren diesen Artikel geglaubt
haben) man müsse ohne das Gesetz, allein durch die
Gnade Christi selig werden.
Zum zweiten hat ein Konzil Vollmacht und ists
auch schuldig zu tun, neue Artikel des Glaubens zu
unterdrücken3 und zu verdammen, nach der heiligen
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Schrift und dem alten Glauben.4


Zum dritten hat ein Konzil keine Vollmacht, neue
gute Werke zu gebieten, kanns auch nicht tun. Denn
in der heiligen Schrift da sind bereits alle guten
Werke im Überfluß geboten. Was kann man mehr an
guten Werken erdenken, als die der heilige Geist in
der Schrift gelehrt hat, wie Demut, Geduld, Sanftmut,
Barmherzigkeit, Treue, Glaube, Gütigkeit, Friede,
Gehorsam, Zucht, Keuschheit, Geben, Dienen usw.
(Gal. 5, 22) und in Summa, die Liebe? Was kann
doch für ein gutes Werk erdacht werden, das nicht in
der Liebe geboten ist? Ists aber außer(halb) der Liebe,
was ists dann für ein gutes Werk, sintemal die Liebe,
nach der Lehre des Paulus (Gal. 5, 14), »aller Gebote
Erfüllung« ist, wie auch Christus Matth. 5, 44 selbst
sagt.
Zum vierten hat ein Konzil Vollmacht, ists auch
schuldig zu tun, daß es böse Werke, die der Liebe wi-
derstreben, nach der heiligen Schrift und der alten
Weise der Kirche verdamme, und die Täter strafe, wie
das Dekret des Konzils zu Nicäa der Bischöfe und
Diakone Ehrsucht und andere Laster. Hier wäre aber
wohl von zweierlei bösen Werken zu reden: etlichen,
die ganz offenbar böse heißen und sind, wie Geiz,
Mord, Ehebruch, Ehrsucht und dergleichen. Solche
finden wir von den Konzilen verdammt, wie sie auch
ohne die Konzile in der Schrift verdammt sind, dazu
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auch vom weltlichen Recht bestraft werden. Aber da-


neben sind andere, neue »gute Werke«; die heißen
nicht böse, sondern sind schön böse, feine Laster, hei-
lige Abgötterei, von den besonders Heiligen (oder
auch tollen Heiligen) erdichtet, und Summa, der
weiße Teufel und lichte Satan. Solche bösen (ich soll-
te sagen, »neuen guten«) Werke sollen die Konzile
aufs höchste und schärfste verdammen; denn sie sind
dem christlichen Glauben gefährlich und dem christli-
chen Leben ärgerlich und machen beides (den Men-
schen) ungestaltet oder verachtet.
So z.B., wenn ein schwacher Christ einen heiligen
Einsiedler oder Mönch hört oder sieht, der eine be-
sonders strenge (Lebens)weise führt, über den alten
allgemeinen Stand oder das Wesen der Christen hin-
aus, so stößt er sich daran und denkt, daß im Ver-
gleich zu diesem neuen Heiligen aller alten Christen
Leben nichts oder gar weltlich und gefährlich sei.
Daher ist denn der Greuel in aller Welt eingerissen,
daß ein christlicher Bürger oder Bauer, der einen
rechten reinen Glauben an Christus hat und sich in
den rechten, alten, guten Werken übt, von Gott in der
Schrift geboten, wie in Demut, Geduld, Sanftmut,
Keuschheit, Liebe und Treue gegen seinen Nächsten,
Fleiß und Sorge in seinem Dienst, Amt, Beruf und
Stand: dieser ist ein rechter alter Heiliger und Christ,
aber er muß verächtlich werden5 und nichts sein im
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Vergleich zu dem neuen Heiligen, der unter einem be-


sonderen Kleide, Speise, Fasten, Lager, Gebärde und
dergleichen neuen »guten Werken« ein hochmütiger,
ehrsüchtiger, zorniger, ungeduldiger, gehässiger,
fleischbrünstiger, eingebildeter, falscher Christ ist.
Solche nennt Paulus selbst (2. Tim. 3, 2 ff.) hoffärtige
und eigenwillige Heilige, die sich selbst ein neues, ei-
genes Wesen und Gottesdienst erwählen (von Gott
nicht geboten), über das alte, rechte allgemeine
Wesen und den Gottesdienst der christlichen Kirche,
von Gott gestiftet und geboten, hinaus.6
Zum fünften hat ein Konzil nicht Vollmacht, den
Christen neue Zeremonien aufzuerlegen, die bei (Ge-
fahr) einer Todsünde oder bei Gefahr des Gewissens
zu halten sind, wie Fasttage, Feiertage, Speise, Trank,
Kleider. Weil sie nicht Vollmacht haben, sie zu ge-
bieten, so haben wir auch Vollmacht, sie zu unterlas-
sen. Ja, es ist uns (sogar) durch Paulus Kol. 2, 16 ver-
boten, sie zu halten: »So lasset nun niemand euch ein
Gewissen machen über Speise oder über Trank und
bestimmte Feiertage« usw.
Zum sechsten hat ein Konzil Vollmacht und ists
schuldig zu tun, solche Zeremonien nach der Schrift
zu verdammen. Denn sie sind unchristlich und richten
eine neue Abgötterei oder Gottesdienst an, der von
Gott nicht geboten, sonderen verboten ist.
Zum siebenten hat ein Konzil nicht Vollmacht, sich
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in weltliches Recht und Regiment einzumengen usw.


Denn Paulus sagt (2. Tim. 2, 4); Wer Gott im geistli-
chen Streit dienen will, der soll sich weltlicher Ge-
schäfte enthalten.7
Zum achten hat ein Konzil Vollmacht und ist es
schuldig, solche willkürlich vorgenommene Weise
oder neuen Rechte nach der heiligen Schrift zu ver-
dammen.8
Zum neunten hat ein Konzil nicht Vollmacht, sol-
che Statuten oder Dekrete zu machen, die nichts mehr
als Tyrannei suchen, das ist: wie die Bischöfe Gewalt
und Macht haben sollen, zu gebieten, was sie wollen,
und jedermann müsse zittern und gehorsam sein. Son-
dern es hat Vollmacht und ists schuldig, solches nach
der heiligen Schrift zu verdammen: 1. Petr. 5, 3: ihr
sollt nicht herrschen über das Volk, und Christus
(Luk. 22, 26); »Ihr aber nicht also! Wer (unter euch)
der Vornehmste sein will, soll euer Diener sein«.
Zum zehnten hat ein Konzil Vollmacht, etliche Ze-
remonien festzusetzen, aber mit solcher Unterschei-
dung: erstens, daß sie nicht der Bischöfe Tyrannei
stärken, zum zweiten, daß sie dem Volke vonnöten
und nützlich seien und eine feine, ordentliche Zucht
und Wesen ergeben. So ist es z.B. vonnöten, etliche
Tage zu haben, auch Orte, da man (zum Gottesdient)
zusammen kommen könne, desgleichen bestimmte
Stunden, zu predigen und öffentlich die Sakramente
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zu reichen und zu beten, zu singen, Gott zu loben und


zu danken usw., wie Paulus 1. Kor. 14, 40 sagt:
»Lasset aber alles ehrbar und ordentlich zugehen«.
Mit solchen Stücken wird nicht der Bischöfe Tyran-
nei, sondern bloß des Volkes Not, Nutzen und Ord-
nung gesucht. Und in Summa: man muß es haben und
kanns nicht entbehren, soll anders die Kirche bleiben.
Jedoch: wo jemand aus Not, Krankheit, (anderem)
Hindernis, oder was da sein mag, solches zuweilen
nicht halten könnte, muß es nicht Sünde sein. Denn es
geschieht i h m und nicht dem Bischof zugute. Ist er
ein Christ, so wird er seinen eigenen Schaden hierin
nicht suchen. Was fragt Gott danach, wer nicht bei
solchem Haufen oder Wesen sein will, ein jeglicher
wirds wohl finden. Und in Summa: wer ein Christ ist,
der ist durch solche Ordnung nicht gebunden. Er tuts
lieber, als ers läßt, wo ers ungehindert tun kann.
Darum kann man ihm hier kein Gesetz vorschreiben,
will und täte er (doch) lieber mehr, als solches Gesetz
fordert. Wer aber solches hochmütig, stolz und mut-
willig verachtet, den laß fahren. Denn ein solcher
wird wohl höhere Gesetze verachten, es sei Gottes
oder menschliches Gesetz.
Vielleicht möchtest du hier sagen: Was willst du
zuletzt aus den Konzilen machen, wenn du sie so
genau beschneiden willst? Auf diese Weise hätte wohl
ein Pfarrherr, ja ein Lehrer (will von den Eltern
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schweigen) mehr Macht über seine Schüler, als ein


Konzil über die Kirche? Da antworte ich: Meinst du
denn auch, daß ein Pfarrherr oder Schulmeister so ge-
ringe Ämter sind, daß sie nicht etwa den Konzilen zu
vergleichen sein möchten? Wenn keine Pfarrherrn
oder Bischöfe wären, wo wollte man ein Konzil her-
sammeln? Wenn keine Schulen wären, wo wollte man
Pfarrherrn hernehmen? Ich rede von solchen Schul-
meistern, die nicht allein die Kinder und die Jugend
Wissen lehren, sondern sie in der christlichen Lehre
erziehen und sie ihr treulich einprägen, ebenso auch
von solchen Pfarrherrn, die treu und rein Gottes Wort
lehren. Denn das will ich gar leicht beweisen, daß der
arme, geringe Pfarrherr zu Hippo, Augustin, mehr ge-
lehrt hat als alle Konzile (von den heiligen Päpsten zu
Rom will ich vorsichtshalber9 schweigen). Ich will
(noch) mehr sagen: es ist in dem Kinderglauben10
mehr gegeben als in allen Konzilen. Ebenso lehren
auch das Vaterunser und die zehn Gebote mehr, als
alle Konzile lehren. Dazu lehren sie nicht (nur), son-
dern wehren, daß nichts Neues wider die alte Lehre
gepredigt werde.11
Ein Konzil ist nichts anderes als eine Rechtsbehör-
de,12 Hofgericht, Kammergericht oder dergleichen,
darinnen die Richter, nach Verhör der Parteien, das
Urteil sprechen, doch mit solcher Demut: »von Rechts
wegen«, das ist: unser Amt ist es zu verdammen, aber
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nicht nach unserm Kopf noch Willen oder neuem er-


dichteten Recht, sondern nach dem alten Recht, das
im ganzen Reich für Recht gehalten wird. So ver-
dammt ein Konzil auch einen Ketzer nicht nach sei-
nem Belieben,13 sondern nach des Reiches Recht, das
ist, nach der heiligen Schrift, wie sie bekennen, wel-
che der heiligen Kirche Recht ist. Solches Recht,
Reich und Richter ist wahrlich bei ewiger Verdamm-
nis zu fürchten, denn solches Recht ist Gottes Wort,
das Reich ist Gottes Kirche, der Richter ist beider
Amtmann oder Diener.
Solcher Diener oder Richter dieses Rechtes und
Reiches ist nicht allein das Konzil, sondern auch jeg-
licher Pfarrherr und Schulmeister. Dazu kann ein
Konzil solches Richteramt auch nicht ewig und ohne
Unterlaß ausüben. Denn die Bischöfe können nicht
ewig beieinander versammelt bleiben, sondern können
allein zu etlichen Zeiten der Not zusammenkommen
und Richter sein. Wenn z.B. ein Arius zu Alexandria
seinem Pfarrherrn oder Bischof zu mächtig wird, das
Volk an sich zieht, auch auf dem Lande, andere Pfar-
rer und Menschen darein mengt, daß der Pfarrherr zu
Alexandria unterliegt und sein Richteramt nicht mehr
das Recht dieses Reiches, das ist den rechten christli-
chen Glauben verteidigen kann: in solcher Not und zu
solcher Zeit sollen die anderen Pfarrherrn und Bischö-
fe mit aller Kraft herbeikommen14 und dem Pfarr-
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herrn zu Alexandria wider den Arius helfen, den rech-


ten Glauben verteidigen und Arius verdammen zur
Rettung der anderen, damit der Jammer nicht ganz
überhand nehme. Und wo die Pfarrer nicht zu kom-
men vermöchten, soll der fromme Kaiser Konstantin
auch mit seiner Macht dazu tun und (mit) den Bischö-
fen zusammen helfen. (Das ist so), als wenn ein Feuer
ausbricht: wenn es der Hausbesitzer allein nicht ein-
dämmen kann, sollen alle Nachbarn herzulaufen und
löschen helfen. Und wenn sie nicht kommen, soll die
Obrigkeit helfen und gebieten, daß sie kommen müs-
sen, und das Feuer bannen,15 zur Rettung der anderen
Häuser.
So ist denn das Konzil der große Diener oder Rich-
ter in diesem Reich und Recht. Aber wenn die Not
vorüber ist, so hat es sein Amt ausgerichtet, so wie in
dem weltlichen Regiment die hohen, großen Richter
da helfen müssen, wo die niedrigen, kleinen Gerichte
zu schwach werden wollen, um dem Übel zu wider-
stehen, bis es zuletzt an das höchste, größte Gericht,
an den Reichstag, kommt, welcher auch nicht ewig
sein kann, sondern, wenn die Not beendet ist, wieder
auseinander ziehen und die Sachen den niederen Ge-
richten wiederum befohlen sein lassen muß. Aber auf
den Reichstagen trägt sichs zu, daß man zuweilen
neue oder mehr Rechtssatzungen verordnen, die alten
andern und verbessern oder gar abtun muß, und nicht
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ewig nach einem ewigen Recht Recht sprechen kann.


Denn es ist ein weltliches Regiment, das regiert zeitli-
che Dinge, die sich andern und wandeln; darum müs-
sen sich die Rechtssatzungen, die für solche wandel-
baren Dinge festgesetzt sind, auch andern. Denn wo
das Ding nicht mehr existiert, darauf das Recht bezo-
gen ist, so ist das Recht auch nichts mehr. Gleichwie
die Stadt Rom jetzt nicht mehr die Zustände und Ein-
richtungen hat, die sie zuvor gehabt hat: deshalb sind
die Rechtssatzungen, die dafür verordnet gewesen
sind, auch tot und gelten nichts mehr. Vergängliches
Ding hat vergängliches Recht.
Aber in diesem Reich der Kirche heißts so: »Das
Wort unseres Gottes bleibt ewiglich«(Jes. 40, 8),
nach dem muß man richten und nicht neue oder ande-
re Worte Gottes machen, neue oder andere Artikel des
Glaubens festsetzen. Deshalb sind Pfarrherrn und
Schulmeister die niedrigen, aber täglichen, bleiben-
den, ewigen Richter, die ohne Unterlaß verdammen,
das ist: dem Teufel und seinem Toben wehren. Ein
Konzil muß als ein großer Richter alte, große Böse-
wichte rechtschaffen machen oder töten, kann aber
keine anderen erzeugen. Pfarrherrn und Schulmeister
haben es mit kleinen, jungen Bösewichten zu tun und
erzeugen immer neue Leute zu Bischöfen und zu Kon-
zilen, wo es nötig ist. Ein Konzil haut die großen
Äste an den Bäumen ab oder rottet die bösen Bäume
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ganz aus. Aber Pfarrherrn und Schulmeister pflanzen


und zeugen lauter junge Bäumlein und Sträuchlein in
dem Garten. O, sie haben ein köstliches Amt und
Werk und sind die edelsten Kleinode der Kirche; sie
erhalten die Kirche. Darum sollen alle Herren dazu
helfen, daß man Pfarrherrn und Schulen erhielte.
Denn wo wir die Konzile ja nicht haben können, so
sind die Pfarren und Schulen, wiewohl kleine, doch
ewige und nützliche Konzile.16
Und damit wir auch einmal von den Konzilen los-
kommen, meine ich, daß man hieraus gut verstehen
können sollte, was ein Konzil sei, was sein Recht,
Vollmacht, Amt und Werk sei, auch welche Konzile
rechte oder falsche Konzile seien: nämlich, daß sie
wider die neuen Artikel des Glaubens den alten Glau-
ben bekennen und verteidigen sollen und nicht neue
Artikel des Glaubens wider den alten Glauben festset-
zen, auch nicht neue »gute Werke« wider die alten
guten Werke aufstellen, sondern die alten guten
Werke wider die neuen »guten Werke« verteidigen
sollen. Wer allerdings den alten Glauben wider den
neuen Glauben verteidigt, der verteidigt auch die alten
guten Werke wider die neuen »guten Werke«. Denn
wie der Glaube ist, so sind auch die Früchte oder
guten Werke. Und was will man viel sagen? Wenn du
alle Konzile hast, so bist du dennoch dadurch kein
Christ, sie geben zu wenig. Wenn du auch alle Väter
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hast, so geben sie dir auch nicht genug; du mußt doch


in die heilige Schrift, darin es alles ausführlich gege-
ben ist, oder in den Katechismus, da es kurz gegeben,
und (wo) auch weit mehr als in allen Konzilen und
Vätern gefunden wird.
Endlich: ein Konzil soll allein mit den Sachen des
Glaubens zu tun haben, und das, wenn der Glaube
Not leidet. Denn öffentlich böse Werke kann man
wohl daheim durch die weltliche Herrschaft, Pfarr-
herrn, Eltern verdammen und die guten schützen. Es
gehören aber die falschen »guten Werke« auch zu den
Sachen des Glaubens, weil sie den rechten Glauben
verderben. Deshalb gehören sie auch, wo die Pfarr-
herrn zu schwach sind, ins Konzil, obwohl die Konzi-
le, wie gesagt, sich darum, außer ein oder zwei klei-
nen Konzilen, nicht gekümmert haben. Die Zeremoni-
en sollte man ganz aus den Konzilen heraus und bei
den Pfarren, ja in den Schulen lassen, so daß der
Schulmeister neben dem Pfarrherrn Zeremonienmei-
ster wäre. Denn von den Schülern lernen es die andern
alle, ohne alle besonderen Vorschriften und Inan-
spruchnahme. So lernt die Menge hernach, was, wann
und wie die Schüler in der Kirche singen oder beten,
und was sie über der Leiche oder beim Grabe singen,
das lernen die anderen auch. Jedoch muß man hier
auch auf die Zahl sehen, auf daß der Zeremonien zu-
letzt nicht zuviel werden. Vor allem aber muß man
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darauf achten, daß sie ja nicht als für die Seligkeit


nötig erachtet werden, sondern allein zur äußerlichen
Zucht und Ordnung dienen, die man alle Stunde an-
dern könne, und nicht als ewiges Recht (wie der
Papstesel tut) in der Kirche geboten und mit tyranni-
schem Drohen in die (in der Kirche als Rechtsord-
nung geltenden) Bücher aufgenommen werden. Denn
das sind ganz und gar äußerliche, leibliche, vergängli-
che, wandelbare Dinge.17
Das sei genug von den Konzilen, wollen nun zum
Schluß auch von der Kirche reden.
Gleichwie sie von den Vätern und Konzilen schrei-
en und nicht wissen, was Väter und Konzile sind, und
uns allein mit den leeren Buchstaben überwinden
wollen, so schreien sie auch von der Kirche. Aber
wenn sie sagen sollen, was doch, wer doch, wo doch
die Kirche sei, da tun sie weder der Kirche noch Gott
so viel Dienstes, daß sie danach fragten oder trachte-
ten.
Wohlan, mancherlei Beschreibung und Aufteilung
des Wortes »Kirche« hintangesetzt, wollen wir dies-
mal einfältig bei dem Katechismus bleiben, der da
sagt: »Ich glaube an eine heilige, christliche Kirche,
die Gemeinde der Heiligen«. Da deutet es das Glau-
bensbekenntnis klar, was die Kirche sei, nämlich eine
Gemeinde der Heiligen, das ist eine Schar18 oder
Versammlung solcher Menschen, die Christen und
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heilig sind; das heißt eine christliche, heilige Schar


oder Kirche. Aber dies Wort »Kirche« ist, bei uns
zumal, undeutsch und gibt den Sinn oder Gedanken
nicht, den man daraus19 entnehmen muß.
Denn Apg. 19, 39 nennt der Kanzler »Ecclesia« die
Gemeinde oder das Volk, das auf dem Marktplatz zu
Hauf gelaufen war, und sagt: »Man mags in einer or-
dentlichen Volksversammlung ausrichten«. Weiter:
»Da er das gesagt, ließ er die Versammlung gehen«.
An diesen und mehr Stellen bedeutet »Ecclesia« oder
»Kirche« nichts anderes als ein versammeltes Volk,
ob sie wohl Heiden und nicht Christen waren, gleich-
wie die Ratsherren ihre »Gemeinde« aufs Rathaus
laden. Nun sind in der Welt mancherlei Völker; aber
die Christen sind ein besonders berufenes Volk und
heißen nicht schlechthin Ecclesia, Kirche oder Volk,
sondern Sancta, Catholica, Christiana, das heißt ein
christliches, heiliges Volk, das da an Christus glaubt,
weshalb es ein christliches Volk heißt und den heili-
gen Geist hat, der sie täglich heiligt, nicht allein durch
die Vergebung der Sünden, die ihnen Christus erwor-
ben hat, sondern auch durch Abtun, Ausfegen und
Töten der Sünden, wodurch sie ein heiliges Volk hei-
ßen. Und (die) »heilige, christliche Kirche« ist nun so
viel wie ein Volk, das (aus) Christen (besteht) und
heilig ist, oder wie man auch zu sagen pflegt, »die
heilige Christenheit«, oder »die ganze Christenheit«.
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Im Alten Testament heißt es »Gottes Volk«.


Und wären im Kinderglauben solche Worte ge-
braucht worden: ich glaube, daß da sei ein christli-
ches, heiliges Volk, so wäre aller Jammer leicht zu
vermeiden gewesen, der durch das unklare, undeutli-
che Wort »Kirche« eingerissen ist. Denn das Wort:
»christliches, heiliges Volk« hätte klar und unwider-
leglich beides mit sich gebracht, Verständnis und Ur-
teil, was Kirche oder nicht Kirche wäre. Denn wer da
dies Wort gehört hätte: »christliches, heiliges Volk«,
der hätte flugs urteilen können: Der Papst ist kein
Volk, viel weniger ein heiliges, christliches Volk.
Ebenso sind auch die Bischöfe, Pfaffen und Mönche
kein heiliges, christliches Volk; denn sie glauben
nicht an Christus, leben auch nicht heilig, sondern
sind des Teufels böses, schändliches Volk. Denn wer
nicht recht an Christus glaubt, der ist nicht christlich
oder ein Christ. Wer den heiligen Geist nicht hat
wider die Sünde, der ist nicht heilig. Deshalb können
sie nicht ein christliches, heiliges Volk sein, d.h.
Sancta et Catholica Ecclesia.
Aber weil wir dies unklare Wort »Kirche« im Kin-
derglauben gebrauchen, verfällt der gemeine Mann
auf das steinerne Haus, das man Kirche nennt, wie es
die Maler malen. Oder gerät es gut, so malen sie die
Apostel, Jünger und die Mutter Gottes, wie am
Pfingsttag, und den heiligen Geist oben drüber schwe-
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bend. Das geht noch hin; aber das ist (doch) nur das
heilige, christliche Volk zu e i n e r Zeit, nämlich im
Anfang (der Kirche). Aber »Ecclesia« soll das heilige,
christliche Volk nicht allein zu der Apostel Zeit hei-
ßen, die nun längst tot sind, sondern bis an der Welt
Ende. So daß also immerdar auf Erden ein christli-
ches, heiliges Volk am Leben sei, in welchem Chri-
stus lebt, wirkt und regiert durch Gnade und Verge-
bung der Sünden und der heilige Geist durch tägliches
Ausfegen der Sünden und Erneuerung des Lebens, auf
daß wir nicht in Sünden bleiben, sondern ein neues
Leben führen können und sollen in allerlei guten Wer-
ken und nicht in alten bösen Werken, wie die zehn
Gebote oder zwei Tafeln des Mose fordern. Das ist
die Lehre des Paulus. Aber der Papst mit den Seinen
hat beides Namen und Bild der Kirche allein auf sich
und auf seinen schändlichen, verfluchten Haufen be-
zogen unter dem unklaren Wort »Ecclesia«, »Kirche«
usw.
Sie haben eine gar viel größere Heiligkeit erfunden,
als der Christen Heiligkeit ist, oder als sie das heilige,
christliche Volk hat, (wahre) christliche Heiligkeit
können sie nicht leiden. Deshalb können sie den
Namen »christliche Kirche« oder »christliches Volk«
nicht haben, auch aus der Ursache, daß »christliche
Kirche« und »christliche Heiligkeit« ein allgemeiner
Name und allen Kirchen und Christen in der Welt ge-
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meinsame Sache ist. Sie aber achten solchen allgemei-


nen Namen und Heiligkeit gering und für fast nichts;
dafür haben sie eine besondere, höhere, andere, vor
andern bessere Heiligkeit erdacht.
Denn christliche Heiligkeit oder allgemeiner Chri-
stenheit Heiligkeit ist die: wenn der heilige Geist den
Menschen macht, das ist, ein neues Herz, Seele, Leib,
Werk und Wesen Glauben an Christus gibt und sie
dadurch heiligt, Apg. 15, 9, und die Gebote Gottes
nicht in steinerne Tafeln, sondern in menschliche Her-
zen schreibt, 2. Kor. 3, 3, auf daß ichs deutlich sage.
In bezug auf die erste Tafel20 gibt er rechte Erkennt-
nis Gottes, daß sie, von ihm erleuchtet, mit rechtem
Glauben allen Ketzereien widerstehen, alle falschen
Gedanken und Irrtümer überwinden können und
damit rein im Glauben wider den Teufel bleiben. Er
gibt auch Stärke und tröstet die einfältigen, verzagten,
schwachen Gewissen wider das Anklagen und die An-
fechtung der Sünde, damit die Seelen nicht verzagen
oder verzweifeln, auch nicht erschrecken vor der Mar-
ter, Pein, Tod, Zorn und Gericht Gottes, sondern in
der Hoffnung gestärkt und getrost, keck und fröhlich
den Teufel überwinden. Ebenso gibt er auch rechte
Furcht und Liebe gegen Gott, daß wir Gott nicht ver-
achten und wider seine wunderbaren Gerichte nicht
murren noch zürnen, sondern ihn in allem was vor-
fällt, es sei Gutes oder Böses, lieben, loben, danken
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und ehren. Solches heißt ein neues, heiliges Leben in


der Seele, nach der ersten Tafel des Mose. Man
nennts auch die drei Haupttugenden der Christen;
Glaube, Hoffnung, Liebe (1. Kor. 13, 13), und der
heilige Geist, der solches (uns von Christus erworben)
gibt, tut und wirkt, heißt deshalb Heiligmacher oder
Lebendigmacher. Denn der alte Adam ist tot und
kanns nicht tun und muß es dazu noch durchs Gesetz
lernen, daß ers nicht tun könnte und tot sei; sonst
wüßte er solches auch von sich selbst nicht.
In bezug auf die zweite Tafel und nach dem Leibe
heiligt er die Christen auch und gibt, daß sie willig
den Eltern und Oberherren gehorsam sind, sich fried-
lich, demütig halten, nicht zornig noch rachgierig oder
boshaft, sondern geduldig, freundlich, dienstbereit,
brüderlich, liebevoll sind, nicht unkeusch, Ehebre-
cher, unzüchtig, sondern keusch, züchtig, mit Weib,
Kind und Gesinde oder ohne Weib und Kind, weiter-
hin nicht stehlen, wuchern, geizen, übervorteilen
usw., sondern ehrlich arbeiten, sich redlich nähren,
gern leihen, geben, helfen, wo sie können, ebenso
nicht lügen, betrügen, verleumden, sondern gütig,
wahrhaftig, treu und beständig sind, und was mehr in
den Geboten Gottes gefordert wird. Solches tut der
heilige Geist, der heiligt und erweckt auch den Leib
zu solchem neuen Leben, bis es in jenem Leben voll-
bracht werde. Und das heißt die christliche Heiligkeit.
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Und solche Menschen müssen immer auf Erden sein,


und sollten es gleich nur zwei oder drei, oder allein
die Kinder sein. Der Alten sind leider wenig. Und
welche es nicht sind, die sollen sich nicht für Christen
rechnen, man soll sie auch nicht trösten, als seien sie
Christen, durch viel Gerede von der Vergebung der
Sünde und Gnade Christi.21
Denn wie kann der recht von den Werken des heili-
gen Geistes in der ersten Tafel, von Trost, Gnade,
Vergebung der Sünde reden, der die Werke des heili-
gen Geistes in der zweiten Tafel für nichts achtet,
noch sie treibt, welche er (doch) verstehen und erfah-
ren kann, jene aber (in der ersten Tafel) nie versucht
und erfahren hat?
Wohlan, der Katechismus lehrt uns, wie gesagt,
daß ein christliches, heiliges Volk auf Erden sein und
bleiben müsse bis an der Welt Ende. Denn das ist ein
Artikel des Glaubens, der kann nicht aufhören, bis da
kommt, woran er glaubt, wie Christus verheißt
(Matth. 28, 20); »Ich bin bei euch alle Tage bis an
der Welt Ende«. Woran will oder kann doch solch ein
armer, irrender Mensch merken, wo solch christliches,
heiliges Volk in der Welt ist? Es soll ja (sicher) in
diesem Leben und auf Erden sein: denn es glaubt
wohl, daß ein himmlisches Wesen und ewiges Leben
kommen werde, es hats aber noch nicht; darum muß
es noch in diesem Leben und in dieser Welt sein und
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bleiben bis an der Welt Ende. Denn es sagt: Ich glau-


be an ein anderes Leben; damit bekennt es, daß es
noch nicht in diesem Leben sei, sondern glaubt
(daran), hofft (darauf) und liebts als sein rechtes Va-
terland und Leben, muß dieweil (aber) in der Fremde
bleiben und warten, wie man im Liede vom heiligen
Geist singt: »Wenn wir heimfahren aus diesem Elen-
de. Kyrieleis«.22 Davon ist zu reden.
Erstens ist dies christliche heilige Volk daran zu er-
kennen, daß es das heilige Wort Gottes hat, obwohl
das ungleich zugeht, wie Paulus 1. Kor. 3, 12 sagt:
Etliche habens ganz rein, etliche nicht ganz rein. Die,
welche es rein haben, heißen die, welche Gold, Silber,
Edelsteine auf den Grund bauen; die es unrein haben,
heißen die, welche Heu, Stroh, Holz auf den Grund
bauen, (aber) doch durchs Feuer selig werden. Dies
ist das Hauptstück und das hohe Hauptheiligtum,
durch welches das christliche Volk heilig heißt. Denn
Gottes Wort ist heilig und heiligt alles, was es an-
rührt. Ja, es ist Gottes Heiligkeit selbst, Röm. 1, 16:
»Es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die
daran glauben«; und 1. Tim. 4, 5: »es wird geheiligt
durch das Wort Gottes und Gebet«. Denn der heilige
Geist führt es selbst und salbt oder heiligt die Kirche,
das ist das christliche heilige Volk.
Dies Heiligtum ist das rechte Heiligungsmittel, die
rechte Salbe, die zum ewigen Leben salbt, wenn du
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3743 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 22

schon keine Papstkrone noch einen Bischofshut haben


kannst, sondern bloßen, nackten Leibes leben und
sterben müßtest; gleichwie die Kindlein (und wir alle)
nackt und ohne allen Schmuck getauft werden. Wir
reden aber von dem äußerlichen Wort, durch Men-
schen, wie durch dich und mich, mündlich gepredigt.
Denn das hat Christus als ein äußerliches Zeichen
hinterlassen, daran man seine Kirche oder sein christ-
liches heiliges Volk in der Welt erkennen sollte. Auch
reden wir von solchem mündlichen Wort, wo es mit
Ernst geglaubt und öffentlich vor der Welt bekannt
wird, wie er sagt (Matth. 10, 32 f.): »Wer nun mich
bekennet vor den Menschen, den will ich auch beken-
nen vor meinem himmlischen Vater« und seinen En-
geln. Denn viele sind, die es wohl heimlich wissen,
wollens aber nicht bekennen. Viele habens, die aber
nicht daran glauben noch danach tun. Denn wenige
sind ihrer, die daran glauben und danach tun, wie das
Gleichnis von dem Samen (Matth. 13, 4 ff.) sagt, daß
ihn drei Teile Ackers kriegen und haben, daß aber al-
lein der vierte Teil, der feine, gute Acker, Frucht
bringt in Geduld.
Wo du nun solches Wort predigen hörest oder
glauben, bekennen und danach tun siehest, da habe
keinen Zweifel, daß daselbst gewißlich eine rechte
»Ecclesia sancta catholica« sein muß, ein christliches
heiliges Volk (1. Petr. 2, 9), wenn ihrer gleich sehr
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3744 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 23

wenige sind. Denn Gottes Wort geht nicht ohne


Frucht ab (Jes. 55, 11), sondern muß zum wenigsten
ein Viertel oder ein Stück vom Acker haben. Und
wenn sonst kein Zeichen wäre, außer diesem allein, so
wäre es doch Beweis genug, daß daselbst ein christli-
ches, heiliges Volk wäre. Denn Gottes Wort kann
nicht ohne Gottes Volk sein, und umgekehrt kann
Gottes Volk nicht ohne Gottes Wort sein. Wer wollte
sonst predigen oder predigen hören, wo kein Volk
Gottes da wäre? Und was könnte oder wollte Gottes
Volk glauben, wo Gottes Wort nicht da wäre? Und
dies ist das Stück, das alle Wunder tut, alles zurecht
bringt, alles erhält, alles ausrichtet, alles tut, alle Teu-
fel austreibt.
Zum zweiten erkennt man Gottes Volk, oder das
christliche, heilige Volk an dem heiligen Sakrament
der Taufe, wo es recht, nach Christi Ordnung, gelehrt,
geglaubt und gebraucht wird. Denn das ist auch ein
öffentliches Zeichen und köstliches Heiligungsmittel,
durch das Gottes Volk geheiligt wird. Denn es ist ein
heiliges Bad der neuen Geburt durch den heiligen
Geist (Tit. 3, 5), darin wir baden und vom heiligen
Geist (ab)gewaschen werden von Sünden und Tod, in
dem unschuldigen, heiligen Blut des Lämmleins Got-
tes. Wo du solches Zeichen siehst, da wisse, daß
gewiß die Kirche oder das heilige christliche Volk da
sein muß. Ja, es soll dich auch nicht irre machen, wer
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3745 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 24

der Täufer sei. Denn die Taufe ist nicht des Täufers,
noch ihm gegeben, sondern des Täuflings, der getauft
wird, dem sie von Gott gestiftet und gegeben ist,
gleichwie das Wort Gottes nicht des Predigers ist (er
wolle denn selbst auch mit hören und glauben), son-
dern des Jüngers, der es hört und glaubt, dem ists ge-
geben.
Zum dritten erkennt man Gottes Volk oder ein
christliches, heiliges Volk an dem heiligen Sakrament
des Altars, sofern es recht nach Christi Einsetzung ge-
reicht, geglaubt und empfangen wird. Denn es ist
auch ein öffentliches Zeichen und teueres Heiligungs-
mittel, von Christus hinterlassen, durch das sein Volk
geheiligt wird, mit dem es sich auch übt und öffent-
lich bekennt, daß es Christi sei, wie es das mit dem
Wort und mit der Taufe tut. Du brauchst auch hierin
nichts danach zu fragen, ob du Mannsbild oder
Weibsbild, jung oder alt seiest, ebenso wenig wie du
nach solchem allen in der Taufe und Predigt fragst.
Laß es dir auch gleich sein, wie heilig der Mann sei,
der dirs reicht. Denn das Sakrament ist nicht dessen,
der es reicht, sondern dessen, dem es gereicht wird (es
sei denn, daß ers selbst auch mit nimmt. Alsdann ist
er deren einer, die es empfangen, und wird es damit
auch ihm gegeben).
Wo du nun solches Sakrament siehst, in rechtem
Brauch gereicht, da wisse mit Sicherheit, daß da Got-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3746 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 25

tes Volk sei. Denn wie oben vom Wort gesagt: wo


Gottes Wort ist, da muß die Kirche sein, ebenso auch,
wo die Taufe und das Sakrament (des Abendmahls)
sind, da muß Gottes Volk sein, und umgekehrt. Denn
solche Heiligungsmittel hat, gibt, übt, braucht, be-
kennt niemand als allein Gottes Volk, ob auch gleich
etliche falsche und ungläubige Christen verborgen
darunter sind. Aber diese entheiligen das Volk Gottes
nicht, insbesondere solange sie es im Verborgenen
sind. Denn die offenbaren leidet die Kirche oder Got-
tes Volk nicht unter sich, sondern weist sie zurecht
und macht sie auch heilig, oder, wo sie nicht wollen,
stößt sie sie durch den Bann von dem Heiligtum aus
und hält sie für Heiden, Matth. 18, 17.
Zum vierten erkennt man das Gottesvolk oder die
heiligen Christen an der Absolution,23 die sie öffent-
lich gebrauchen. Das ist (wie Christus Matth. 18, 15
ff. festsetzt): wo ein Christ sündigt, daß derselbe zu-
rechtgewiesen werden solle, und wo er sich nicht bes-
sert, soll er gebunden und verstoßen werden; bessert
er sich, so soll er losgesprochen werden. Das sind die
Schlüssel. Nun ist der Schlüssel Gebrauch zweierlei,
öffentlich und im Verborgenen. Denn es sind etliche
so schwach und verzagt im Gewissen: wenn sie schon
nicht öffentlich verdammt sind, daß sie sich dennoch
nicht trösten können, bis sie vom Pfarrer eine beson-
dere Absolution kriegen. Umgekehrt auch sind etliche
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3747 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 26

so verhärtet, daß sie auch im Herzen und vor dem


Pfarrer insgeheim nicht vergeben noch von Sünden
ablassen wollen. Darum muß der Schlüssel Gebrauch
auf verschiedene24 Weise, öffentlich und verborgen
vor sich gehen. Wo du nun siehst, daß man Sünde
vergibt oder zurechtweist an etlichen Personen, es sei
öffentlich oder verborgen, da wisse, daß Gottes Volk
da sei. Denn wo nicht Gottes Volk ist, da ist die Ab-
solution nicht, und wo die Absolution nicht ist, da ist
Gottes Volk nicht. Denn Christus hat sie deshalb hin-
terlassen, damit ein öffentliches Zeichen und Heilig-
tum sein sollte, durch das der heilige Geist (aus Chri-
sti Sterben erworben) die gefallenen Sünder wieder
heiligt und mit dem die Christen bekennen, daß sie
ein heiliges Volk unter Christus in dieser Welt sind.
Und welche sich nicht bekehren noch wieder heiligen
lassen wollten, die sollten aus solchem heiligen Volke
ausgestoßen, das ist gebunden und durch die Schlüs-
sel ausgeschlossen werden.25
Zum fünften erkennt man die Kirche äußerlich
daran, daß sie Diener der Kirche weiht oder beruft,
oder Ämter hat, die sie bestellen soll. Denn man muß
Bischöfe, Pfarrer oder Prediger haben, die öffentlich
und verborgen die obengenannten vier Stücke oder
Heiligungsmittel geben, reichen und üben, von wegen
und im Namen der Kirche, vielmehr aber aus der Ein-
setzung Christi, wie Paulus Eph. 4, 11 sagt: »Er hat
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3748 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 27

etliche zu Aposteln gesetzt, etliche zu Propheten, etli-


che zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern«
usw. Denn die Gemeinde26 im ganzen kann solches
nicht tun, sondern sie muß sie einem befehlen oder
befohlen sein lassen. Was wollte sonst werden, wenn
ein jeglicher reden oder reichen, und keiner dem an-
dern weichen wollte? Es muß einem allein befohlen
werden, und ihn allein (muß man) predigen, taufen,
absolvieren und Sakramente reichen lassen; die an-
dern alle (müssen) damit zufrieden sein und darein
willigen. Wo du nun solches siehst, da sei gewiß, daß
da Gottes Volk und das christliche heilige Volk sei.27
Gleichwie oben von den andern vier Stücken des
großen göttlichen Heiligtums gesagt ist, wodurch die
heilige Kirche geheiligt wird: daß du nicht darauf ach-
ten sollst, wer und wie die sind, von denen man sol-
ches empfängt; so sollst du auch hierin nichts fragen,
wer und wie der ist, der es dir gibt oder das Amt hat.
Denn es ist alles gegeben, nicht dem, ders hat, son-
dern dem, ders durch sein Amt empfangen soll (außer
daß ers auch mit dir (zusammen) empfangen kann, so
er will). Laß ihn sein, was er will und wie er kann;
weil er im Amt ist und von der Gemeinde geduldet
wird, so laß du es auch (hin)gehen: seine Person
macht dir Gottes Wort und Sakrament weder ärger
noch besser. Denn es ist nicht sein, was er redet oder
tut; sondern Christus, dein Herr, und der heilige Geist
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3749 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 28

redet und tuts alles, sofern er in der rechten Weise zu


lehren und zu tun bleibt (nur daß die Kirche öffentli-
che Laster nicht leiden soll noch leiden kann. Aber du
allein sei zufrieden und laß es hingehen, weil du Ein-
zelner nicht die ganze Gemeinde oder das christliche,
heilige Volk sein kannst).28 Zum sechsten erkennt
man äußerlich das heilige christliche Volk am öffent-
lichen Gebet, Gott Loben und Danken. Denn wo du
siehst und hörst, daß man das Vaterunser betet und
beten lernt, auch Psalmen oder geistliche Lieder singt,
nach dem Worte Gottes und dem rechten Glauben,
ferner das Glaubensbekenntnis, die zehn Gebote und
den Katechismus öffentlich treibt, da wisse mit Si-
cherheit, daß da ein heiliges, christliches Volk Gottes
sei. Denn das Gebet ist auch eins der teuren Heili-
gungsmittel,29 durch das alles heilig wird, wie Paulus
sagt (1. Tim. 4, 5). So sind die Psalmen auch lauter
Gebete, darin man Gott lobt, dankt und ehrt. Und das
Glaubensbekenntnis und die zehn Gebote sind auch
Gottes Wort und alles lauter Heiligungsmittel, durch
die der heilige Geist das heilige Volk Christi heiligt.
Zum siebenten erkennt man äußerlich das heilige
christliche Volk an dem Heiligungsmittel des heiligen
Kreuzes, daß es alles Unglück und Verfolgung, aller-
lei Anfechtung und Übel (wie das Vaterunser betet)
vom Teufel, von Welt und Fleisch (inwendig: trauern,
verzagt sein, erschrecken, auswendig: arm, verachtet,
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3750 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 29

krank, schwach sein) leiden muß, damit es seinem


Haupte, Christus, gleich werde. Und die Ursache
dafür soll auch allein diese sein, daß es fest an Chri-
stus und Gottes Wort hält und so um Christi willen
leide, Matth. 5, 11: Selig sind, die um meinetwillen
Verfolgung leiden. Sie müssen rechtschaffen sein, ge-
horsam, bereit, der Obrigkeit und jedermann mit Leib
und Gut zu dienen, sie tun niemand ein Leid. Aber
kein Volk auf Erden braucht solchen bittern Haß zu
leiden: sie müssen ärger als Juden, Heiden, Türken, in
Summa, sie müssen Ketzer, Buben, Teufel, verflucht
und die schädlichsten Leute auf Erden heißen, so daß
auch die einen Gottesdienst (zu) verrichten (meinen),
von welchen sie erhenkt, ertränkt, ermordet, gemar-
tert, verjagt, gequält30 werden, und daß sich niemand
über sie erbarme, sondern sie dazu auch mit Myrrhe
und Galle tränke, wenn es sie dürstet; und doch nicht
deshalb, weil sie Ehebrecher, Mörder, Diebe oder
Schälke sind, sondern weil sie Christus allein und kei-
nen andern Gott haben wollen. Wo du nun solches
siehst oder hörst, wisse, daß da die heilige christliche
Kirche sei, wie er Matth. 5, 11 f. sagt: »Selig seid ihr,
wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen
und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so
sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird
euch im Himmel wohl belohnt werden«. Denn mit
diesem Heiligungsmittel macht der heilige Geist dies
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3751 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 30

Volk nicht allein heilig, sondern auch selig.


Und kehre dich dieweil nicht an der Papisten Hei-
ligtum von toten Heiligen, vom Holz des heiligen
Kreuzes. Denn das sind ebensooft Knochen vom
Schindanger wie Heiligengebeine, und ist ebensooft
vom Galgenholz wie vom heiligen Kreuze. Es ist
nichts als Betrügerei dabei, womit der Papst die Men-
schen ums Geld betrügt und von Christus wegführt.
Und wenns schon ein rechtes Heiligtum wäre, so
machte es doch niemand heilig. Aber wenn man dich
um Christi willen verdammt, verflucht, schilt, lästert,
plagt, das macht dich heilig. Denn es tötet den alten
Adam, daß er Geduld, Demut, Sanftmut, Lob und
Dank lernen und im Leiden fröhlich sein muß. Das
heißt denn durch den heiligen Geist geheiligt und zum
neuen Leben erneuert in Christus, und so lernt sichs
Gott glauben, trauen, hoffen, lieben, wie Röm. 5, 3 ff.
sagt: »Trübsal bringt Geduld; Geduld aber bringt Be-
währung; Bewährung aber bringt Hoffnung«.31
Dies sind nun die rechten sieben Hauptstücke des
hohen Heiligungsmittels durch das der heilige Geist
in uns eine tägliche Heiligung und Lebendigmachung
in Christus übt. Und das (geschieht) nach der ersten
Tafel Mose, die erfüllen wir hierdurch, wenn auch
nicht so reichlich wie Christus getan hat: wir streben
aber immer nach32 seiner Erlösung oder der Verge-
bung der Sünden, bis wir auch einmal ganz heilig
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3752 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 31

werden und keiner Vergebung mehr bedürfen. Denn


dahin ist das alles gerichtet. Ich wollte sie wohl auch
die sieben Sakramente nennen; aber weil dies Wort
»Sakrament« durch die Katholiken in Mißbrauch ge-
kommen ist und in der Schrift anders gebraucht wird,
laß ich sieben Hauptstücke christlicher Heiligung
oder sieben Heiligungsmittel (bestehen) bleiben.
Über diese sieben Hauptstücke hinaus gibt es nun
mehr äußerliche Zeichen, daran man die heilige christ-
liche Kirche erkennt, nämlich, daß uns der heilige
Geist auch nach der zweiten Tafel Mose heiligt: wenn
er uns hilft, daß wir Vater und Mutter herzlich ehren,
und sie umgekehrt (ihre) Kinder christlich erziehen
und ehrlich leben. Wenn wir unsern Fürsten und
Herrn treulich, gehorsam dienen und untertan sind
und sie umgekehrt ihre Untertanen liebhaben, sie
schützen und beschirmen. Ferner: wenn wir niemand
gram sind, keinen Zorn, Haß, Neid noch Rachgier
gegen unseren Nächsten hegen, sondern gern verge-
ben, gern leihen, helfen und raten. Wenn wir nicht un-
züchtig und Säufer, stolz, hoffärtig, prächtig, sondern
keusch, züchtig, nüchtern, freundlich, gelinde, sanft-
und demütig sind; nicht stehlen, rauben, wuchern, gei-
zen, überteuern, sondern milde, gütig, genügsam, mit-
teilsam; nicht falsch, verlogen, meineidig, sondern
wahrhaftig, beständig sind und was mehr an solchen
Geboten gelehrt wird, wie das alles Paulus hin und
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3753 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 32

her (vgl. Röm. 13, 1 ff.; Gal. 5, 19 ff.) reichlich lehrt.


Denn deshalb müssen wir auch die zehn Gebote
haben, nicht allein, damit sie uns als Gesetz sagen,
was wir zu tun schuldig sind, sondern auch, daß wir
daran sehen, wie weit uns der heilige Geist mit seiner
Heiligung gebracht hat und inwiefern es noch fehlt,
auf daß wir nicht sicher werden und denken, wir hät-
tens nun alles getan, und so immerfort in der Heili-
gung wachsen und stets immer mehr eine neue Krea-
tur in Christus werden. Es heißt »Wachset aber in der
Gnade und Erkenntnis«(2. Petr. 3, 18), und »Nehmet
immer mehr zu«(1. Thess. 4, 1, 10).
Solch Zeichen kann aber nicht als so zuverlässig
angesehen werden, wie die oben (angeführten), weil
auch etliche Heiden sich in solchen Werken geübt
haben und zuweilen wohl heiliger scheinen als die
Christen: aber das geht doch nicht33 so rein und ein-
fältig aus dem Herzen um Gottes willen hervor, son-
dern sie suchen etwas anderes dabei, weil sie keinen
rechten Glauben noch Erkenntnis Gottes haben. Hier
aber ist der heilige Geist da, der das Herz heiligt und
solche Furcht aus »gutem feinen Herzen« (her-
vor)bringt, wie Christus im Gleichnis vom Sämann
(Luk. 8, 15) sagt.34 Und weil die erste Tafel gleich-
wohl höher ist und das größere Heiligungsmittel da
sein muß, habe ich in der zweiten Tafel alles zusam-
menfassen wollen; sonst hätte ichs, entsprechend den
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3754 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 33

sieben Geboten (der zweiten Tafel), auch wohl in sie-


ben Heiligungsmittel oder Hauptstücke aufteilen kön-
nen.
Da haben wir nun zuverlässig: was, wo und wer sie
sei, die heilige christliche Kirche, das heißt: das heili-
ge christliche Volk Gottes. Und das kann uns nicht
fehlgehen, dessen sind wir ganz sicher. Alles andere
außerhalb dieser Stücke kann fehlgehen und geht
gewiß fehl.35
Das sei genug geredet von der Kirche. Mehr kann
man nicht von ihr sagen, nur daß man ein jegliches
Stück weiter ausführen kann. Das andere alles muß
eine andere Bedeutung haben; davon wollen wir auch
reden.
Über solche äußerlichen Zeichen und Heiligungs-
mittel hinaus hat die Kirche andere mehr äußerliche
Weisen, davon und dadurch sie nicht geheiligt wird,
weder an Leib noch an Seele, die auch von Gott nicht
eingesetzt noch geboten sind, sondern wie oben auch
viel davon gesagt ist, daß es äußerlich notwendig oder
nützlich36 ist, gut und fein ansteht: wie z.B., daß man
für die Predigt oder für das Gebet etliche Feiertage,
etliche Stunden, am Vormittag oder am Nachmittag,
freihält, daß man Kirchen oder (Gemeinde)Häuser
baut, Altar, Kanzel, Taufstein, Leuchter, Kerzen,
Glocken, Priesterkleider und dergleichen gebraucht.
Diese Stücke bewirken nichts noch tun sie etwas an-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3755 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 34

deres, als ihrem Wesen entspricht:37 gleichwie Essen


und Trinken nicht mehr bewirken um der Kinder
Tischgebet willen. Denn die Gottlosen oder rohen
Menschen, die kein Tischgebet sprechen, das ist Gott
weder bitten noch danken, werden ebenso groß und
stark vom Essen und Trinken wie die Christen. Die
Christen können wohl ohne solche Stücke geheiligt
werden und bleiben, wenn man schon auf der Straße
ohne Kirchengebäude, ohne Kanzel38 predigt, Sünde
vergibt, ohne den Altar das Abendmahl39 reicht, ohne
Taufstein tauft; wie es täglich geschieht, daß man da-
heim predigt, tauft, das Abendmahl reicht, aus beson-
deren Gründen. Aber um der Kinder und des einfälti-
gen Volks willen ists fein und gibt eine feine Ord-
nung, daß sie eine gewisse Zeit, Stätte und Stunde
haben, danach sie sich richten und wo sie sich zusam-
menfinden können, wie Paulus 1. Kor. 14, 40 sagt:
»Laßt aber alles ehrbar und ordentlich zugehen« Und
solche Ordnung soll niemand (wie auch kein Christ
tut) ohne Ursache, aus lauter Stolz (allein um eine
Unordnung dagegen anzurichten), verachten, sondern
der Menge zugute (soll er) solche Ordnung mit halten
oder wenigstens nicht anfechten noch hindern.40
Denn das wäre wider die Liebe und Freundlichkeit ge-
handelt.
Gleichwohl sollen sie frei bleiben: z.B. wenn wir
aus Not oder aus anderen Gründen oder Zweckmäßig-
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3756 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 35

keitserwägungen41 nicht um 6 oder 7, um 12 oder 1


Uhr, am Sonntag oder Montag, in der Kirche oder der
Kapelle42 predigen können, so predige man an ande-
ren Stunden und Tagen und Orten, nur so, daß man
die Gemeinde nicht irre mache, sondern sie solcher
Änderung43 sich freiwillig anschließen lasse. Denn
solche Stücke sind ganz und gar äußerlich, auch (wie
es die Zeit, Stätte und Person erfordern) der Vernunft
zu entscheiden voll und ganz überlassen.44 Gott,
Christus und der heilige Geist fragen nichts danach,
ebenso wenig wie danach, was und wo wir essen, trin-
ken, kleiden, wohnen, freien, gehen oder stehen wol-
len: nur daß (wie gesagt) niemand ohne Ursache ein
eigenes vornehmen und die Gemeinde irre machen
oder hindern soll. Gleichwie sich auf der Hochzeit
oder andern Geselligkeiten niemand der Braut oder
der Menge zum Verdruß etwas Besonderes oder Hin-
derliches vornehmen soll, sondern sich mit der Menge
gleich halten, sitzen, gehen, stehen, tanzen, essen und
trinken soll. Denn man kann nicht einem jeglichen
einen besonderen Tisch, Küche, Keller, Diener bestel-
len. Fehlt ihm etwas, so stehe er vom Tische auf und
lasse die andern in Frieden sitzen und bleiben. So hier
auch: es soll alles friedlich, ordentlich zugehen und
doch frei sein, wo es Zeit, Person oder andere Ursa-
chen erfordern, das zu andern. Dem folgt dann die
Menge auch einträchtig nach. (Das alles soll so sein),
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3757 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 36

weil es (wie gesagt) keinen Christen heiliger noch un-


heiliger macht.45

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3758 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 37

Editorische Bemerkung

Luthers Schrift heißt eigentlich »Von den Conciliis


vnd Kirchen«. »Kirchen«ist aber keine Mehrzahl,
sondern Dativ, wie der Titel jener 1537 erschienenen
lateinischen Übersetzung von Justus Jonas beweist.
Die Schrift gehört in den Zusammenhang der durch
die Einberufung eines Konzils durch Paul III. ausge-
lösten Ereignisse und stellt den Abschluß einer langen
Entwicklung dar. Seinerzeit, als Luther seine Schrift
»An den christlichen Adel deutscher Nation« verfaßte,
im Juni 1520, erhoffte er noch von einem Konzil die
Abstellung aller die Kirche bedrükkenden Nöte. Jetzt
gibt er die Hoffnung darauf auf. Der Papst kann kein
Konzil wollen, welches die Mißstände in der Kirche
abstellt. Das, was er einberuft, ist nur zur Stärkung
seiner Macht bestimmt und verdient den Namen eines
Konzils nicht. Der einzige Zweck, welcher mit diesem
Konzil verfolgt wird, ist der, »daß alle Welt an der
Reformation der Kirche verzweifeln soll. Sie wollen
eher die Christenheit zugrunde gehen lassen, das ist,
den Teufel selber zum Herrn und Abgott haben, ehe
sie Christus haben und ein klein Stück ihrer Abgötte-
rei lassen wollten« (WA S. 511 f.). Ja, eine Reforma-
tion der Kirche aus den Vätern und Konzilen ist über-
haupt unmöglich (WA S. 519 f.).
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3759 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 38

Die Schrift hat ihre Vorgeschichte. Bereits 1535


hatte der Papst einen besonderen Nuntius nach
Deutschland gesandt, um den Boden für seine Kon-
zilspläne vorzubereiten. Im November 1535 war Ver-
gerio auch nach Wittenberg gekommen, hier hatte der
päpstliche Beauftragte friedlich an einem Tisch mit
Luther zusammengesessen, dem seit 15 Jahren Ge-
bannten und in zahllosen Verlautbarungen immer
wieder als Erzketzer Verdammten – eigentlich ein un-
erhörtes Ereignis. Damals hatte Luther erklärt, er
wolle zum Konzil kommen und seine Sache vertreten.
Als am 12. Juli 1536 der Papst dann das Konzil für
den Mai 1537 nach Mantua einberufen hatte und der
sächsische Kurfürst sich im Zweifel darüber war, ob
für die Protestanten eine Teilnahme daran möglich
sei, hatte sich Luther wieder dafür ausgesprochen. Die
Schmalkaldischen Artikel sind das Ergebnis seiner
Vorbereitungen für das Konzil. Zwar lehnten die in
Schmalkalden versammelten evangelischen Stände die
Teilnahme am Konzil ab – übrigens im Gegensatz zu
Luthers und der anderen Theologen Meinung – aber
das Konzil kam ohnehin nicht zustande. Zunächst auf
Mai 1538 aufgeschoben, wurde es bald endgültig ver-
tagt, erst 1545 ist es in Trient tatsächlich zusammen-
getreten.
Luther schreibt seine Schrift, nachdem er sie bereits
1538 begonnen hat, im wesentlichen in den ersten
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3760 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 39

Monaten des Jahres 1539 (am 14. März berichtet er


Melanchthon die Fertigstellung des Manuskripts, im
Sommer werden die ersten Exemplare versandt). Mit
umfangreichen historischen Darlegungen (beinahe
100 Seiten in der WA) beginnt er, insbesondere den
vier Hauptkonzilen – Nicäa 325, Konstantinopel
381, Ephesus 431, Chalcedon 451 – zugewandt, um
daraus dann die Summe zu ziehen: Was ist ein Kon-
zil, oder was ist seine Aufgabe? Hier, bei der Antwort
auf die »heubt frage, darum ich dis büchlein schrei-
be«, setzt unser Abdruck ein. Die unübersichtliche –
und sehr weitschweifige – historische Darlegung ist
für uns ohne Interesse, auf die Ergebnisse kommt es
an. Auch hier ist des öfteren gekürzt (neben den grö-
ßeren Kürzungen, welche in den folgenden Anmer-
kungen mit Inhaltsangabe verzeichnet sind, ist auch
eine Reihe von kleineren Kürzungen vorgenommen
worden, welche nicht besonders angegeben sind),
damit nicht das Entscheidende, die positive Darle-
gung dessen, was ein Konzil sei und solle, überwu-
chert werde vom Negativen, der Polemik gegen die
katholische Kirche. (Selbstverständlich ist es, wenn
nicht die historische Situation entstellt werden soll,
nicht möglich, die Polemik ganz zu unterdrücken, je-
doch sind die verstreuten Ausfälle gegen die katholi-
sche Kirche in dieser ersten Schrift und anderswo auf
ein Mindestmaß beschränkt worden und zwar ohne
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3761 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 40

besondere Erwähnung, wenn es sich lediglich um die


Auslassung kurzer Stücke handelt). Denn das, was
Luther hier über die Aufgaben, aber auch die Grenzen
eines Konzils darlegt, ist zwar von den Voraussetzun-
gen und der Sicht des 16. Jahrhunderts aus geschrie-
ben, aber es ist zeitlos gültig und, lösen wir uns ein-
mal von der Historie los, von überraschender Aktuali-
tät für unsere Zeit und auch für die Aufgaben unserer
Synoden. Der dritte Teil der Schrift schließlich (S.
30-43 dieses Bandes), in welchem Luther danach
fragt, »was die Kirche sey«, ist bezeichnenderweise
schon 1540 als Sonderdruck erschienen: »Von der
Kirche, was, wer und wo sie sei und woran man sie
erkennen soll«. Er setzt das in der grundsätzlichen Er-
örterung über die Aufgabe der Konzile (lies Synoden)
Begonnene fort und stellt für uns den Höhepunkt und
die Zusammenfassung dessen dar, was Luther uns in
seiner Schrift »Von den Konzilen und der Kirche« zu
sagen hat.

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3762 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 41

Anmerkungen

1 Eig.: »werck«.
2 Eig.: »ich achte mein gewissen frey«.
3 Unterdrücken eig.: »dempfen«.
4 Folgt ein kurzer Hinweis auf die Konzile von
Nicäa 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431 und
Chalcedon 451, die das getan haben.
5 Verächtlich werden eig.: »stincken«.
6 Folgt WA S. 608-613: einzelne mögen trotz der
neuen Werkheiligkeit selig geworden sein, sie haben
vorher aber all diese neuen »guten Werke« wieder ab-
legen müssen. (Beispiele aus den Vitae patrum, Hin-
weis auf Bonaventura und Bernhard von Clairvaux.)
Mit Ausnahme eines oder zweier kleiner haben die
Konzile jedoch diese neuen »guten Werke« nicht ver-
dammt, sondern vielmehr die neue Heiligkeit über-
hand nehmen lassen, bis man die christliche Kirche
schier nicht mehr wiedererkannt hat.
7 Übersetzung nach der Vulgata.
8 »das ist, des Bapsts Decretal ins feur werffen«.
9 Eig.: »von furcht wegen«.
Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther
3763 Von den Konzilen und der Kirche (1539) 42

10 U.ö. Kinderglauben = Glaubensbekenntnis, das


die Kinder lernen.
11 Folgt eine Polemik gegen die katholische Auffas-
sung von Aufgabe und Stellung eines Konzils.
12 Rechtsbehörde eig.: »Consistorium«, aber nicht in
unserem Sinne gemeint, sondern unter Bezugnahme
auf die Einrichtung des Konsistoriums, wie wir es seit
Konstantin finden, wo das Konsistorium die ständige
Behörde zur Beratung des Kaisers war. Von da ist
Name und Einrichtung in die Kirche übernommen.
13 Eig.: »nach jrem dunckel«.
14 Eig.: »zulauffen«.
15 Luther fällt aus dem Bild: müßte heißen »lö-
schen«, »verdammen« ist auf das geistliche Feuer, die
Ketzerei, bezogen, der durch gemeinsame Verurtei-
lung gesteuert werden muß.
16 Folgt in WA 617 f. ein kurzer Seitenblick auf den
Zustand der Schulen früher und heute.
17 Folgt in WA 619-624 die Zusammenfassung des
Angriffs: wir »hetten den Bapst zu verklagen sampt
den seinen«. Er hat »die gantze Christliche Kirche an-
gesteckt und verbrand, damit das er den alten, rechten
glaubens Artickel S. Petri (das wir allein durch die
gnade Christi selig müssen werden) zu grund vertilget
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hat, so viel an jm gewest . ... Hie ruffen wir und


schreien umb ein Concilium«. Dieser alte, rechte
Glaubensartikel soll wieder hergestellt werden. »Dar-
umb sol er alle seine Bullen, Decret, Bücher vom
Ablas, vom Fegfeur, Klösterey, Heiligendienst, Wal-
farten sampt allen unzeligen lügen und Abgöttereyen
verdamnen und verbrennen, als die stracks wider die-
sen Artickel S. Peters toben, Sol auch alles widerge-
ben, was er damit erkaufft, gestolen, geraubt, geplün-
dert oder erworben hat, Sonderlich seinen erlogen Pri-
mat, welchen er rhümet so nötig, das niemand könne
selig werden, wer jm nicht unterthan sey, Denn des
Bapsts hut ist nicht fur meine sunde gestorben, heist
auch nicht Christus, Und sind alle Christen für jm und
unter jm, on seinen hut heilig und selig wurden«.
Solch Konzil ist allerdings nicht zu erhoffen. Aber
wenn man schon von der Einberufung eines Konzils
redet, dann soll man von der Einberufung eines sol-
chen Konzils sprechen oder ganz davon schweigen.
Nur ein solches Konzil kann in der gegenwärtigen
Not helfen. Ist es nicht möglich, so »wollen wir die
Kleinen Concilia und die Jungen Concilia, das ist
Pfarrhen und Schulen foddern«.
18 U.ö. Schar immer eig.: »hauffe«, Menschen meist:
»Leute«.
19 Eig.: »aus dem Artickel«.
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20 Eig.: »Nach der ersten tafel«.


21 Folgt Polemik gegen die Antinomer, bzw. das
Papsttum.
22 Vgl. S. 261.
23 U.ö. Absolution eig.: »schlüssel«.
24 Verschiedene eig.: »allerley«.
25 Folgt wieder eine Polemik gegen die Antinomer
(die Unbußfertigen unter ihnen würden aus der Kirche
ausgeschlossen werden) und gegen das Papsttum (was
der Papst gebraucht, sind nicht die Schlüssel, sondern
Dietriche »zu aller Könige Kasten und Kronen«).
26 Gemeinde eig.: »hauffe«.
27 Folgt eine Bemerkung darüber, daß »allein tüchti-
ge mans Personen« zu diesem Amt auserwählt sind
und über die Forderung der katholischen Kirche nach
höheren Ämtern über das Pfarramt hinaus.
28 Folgt WA S. 634-641 eine Betrachtung über die
Forderung der katholischen Kirche nach der Ehelosig-
keit für die Träger des geistlichen Amts mit ausführli-
cher Polemik dagegen.
29 Hier wie S. 36,2; 36,20,37; 38,4,20 steht immer
»heilthum«, mit einer Ausnahme (S. 38,20) immer
mit »Heiligungsmittel« wiedergegeben, weil so die
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Absicht doch wohl am besten getroffen ist.


30 Gequält eig.: »zeplagt«.
31 Luther zitiert abgekürzt: »wie Ro. 5.: Tribulatio
spem &. c.«.
32 Eig.: »folgen aber jmer nach unter. ...«
33 Eig.: »So gehet doch jr ding ...«
34 Luther führt Matth. 13 an, gemeint kann aber nur
die Fassung von Luk. 8 sein.
35 Folgt WA S. 644-649 eine ausführliche Polemik
gegen die katholische Kirche: sie ist die Kapelle, wel-
che der Teufel baute, als er Gott die Kirche erbauen
sah. Da wurden die Sakramente, die Predigt, die Ab-
solution usw. nachzuahmen versucht, es kam aber nur
ein Zerrbild heraus.
36 Eig.: »von ausswendig not oder nütz«.
37 Eig.: »denn jr natur ist«.
38 Eig.: »auff dem Pflaster, on haus«.
39 Eig.: »Sacrament«.
40 Eig.: »jrren«.
41 Eig.: »oder ander nützlichen ursachen«.
42 Eig.: »im Chor oder zu S. Peter«.
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43 Eig.: »sondern mitneme in solcher enderung«.


44 Eig.: »zu regirn mechtiglich und gentzlich unter-
worffen«.
45 Folgt WA S. 650-653 wieder die Polemik gegen
die katholische Kirche, die in bezug auf diese Dinge
»die welt vol Bücher geklickt« hat. Was gut daran ist,
findet man viel besser in der hl. Schrift. Abschließend
ein Abschnitt über die Notwendigkeit der Schulen, die
»eitel junge, ewige Concilia« sind, »die wol mehr
nutz schaffen« als »viel andere grosse Concilia«, und
über die »drei Hierarchien«: »Haushalten ... Stad re-
girn ... Kirche«.

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