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3840 Vorrede zu Johann Spangenbergs deutscher Postille (1543) 1

Martin Luther

Vorrede zu Johann Spangenbergs


deutscher Postille
(1543)

[WA 53, 216–218]

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Paulus schreibt an verschiedenen Stellen (1. Tim. 3,


16 u.ö.), daß Christus, unser Herr, ein Geheimnis,
Mysterium sei. Auch die heilige Kirche (Eph. 5, 32)
darf wohl mit Christus, ihrem Bräutigam, ein Ge-
heimnis heißen. Solches hielt ich vorzeiten, da ich
mich einen Doktor der heiligen Schrift nennen lassen
mußte, für eine einfache Rede, die ich sehr wohl ver-
stände. Aber nun ich (Gott Lob!) wiederum ein armer
Schüler in der heiligen Schrift geworden bin, und je
länger je weniger kann, fange ich an, solche Worte
mit Verwunderung anzusehen, und finde aus der Er-
fahrung dieser Auslegung, daß es müsse ein Geheim-
nis heißen. Denn so deutlich und klar die Apostel
(auch mit Wunderzeichen) davon predigten, bliebs
dennoch den allerhöchsten und klügsten Leuten auf
Erden verborgen und geheim, wie er Matth. 11, 25
sagt: »Du hast solches den Weisen und Klugen ver-
borgen, aber den Unmündigen offenbart« usw.
Ist es nicht Wunders genug? Heißt das nicht ge-
heim genug: was so öffentlich gepredigt wird und hel-
ler als die Sonne leuchtet, dazu mit so großen, vielen
Wunderzeichen (von denen man nicht leugnen kann,
daß Gott sie getan haben müsse) bestätigt ist, daß
dennoch hier die Allerhöchsten, Klügsten, Heiligsten,
Besten blind, taub und verständnislos sein sollen, daß
sie es nicht sehen, hören noch fühlen können? Rate
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hier gut! Was ist das: Es ist nichts Offenbareres und


doch nichts Geheimeres? Nichts Begreiflicheres ist
als Christus in der Krippe und am Kreuz, nichts Un-
begreiflicheres ist als Christus zur Rechten Gottes
und Herr über alles. So ist sein Wort, das von ihm ge-
predigt wird, auch beschaffen.
Unsere Erfahrung muß das auch bezeugen; wie gar
reichlich, hell und klar haben wir das heilsame Wort
von Christus? Aber wem ist solch offenbares, helles,
klares Licht bekannt und angenehm? Ists nicht ein
Mysterium und geheim genug, nicht allein den Katho-
liken, sondern auch den Unsern, die sich evangelisch1
zu sein rühmen? Welche nicht anders meinen: wenn
sie es einmal gelesen oder gehört hätten, seien sie
davon so ganz satt und voll,2 daß sie auch wohl alle
Apostel belehren könnten, geschweige denn euch
arme Pfarrer und Prediger. Solche meinen, es sei kein
Mysterium noch tiefe Kunst, sondern ein Löffel voll
Weisheit, den sie in einem Schluck austrinken kön-
nen.
Nun, was wollen wir Prediger tun, die unter sol-
chen Erzengeln und Übererzengeln die Kirche regie-
ren sollen? Das wollen wir tun: wir wollen sie alles
lassen besser und hundertmal besser wissen als wir
selbst, und Christus soll bei ihnen kein Mysterium
noch Geheimnis, sondern eine leere Nußschale sein,
bei der sie den Kern längst, (noch) ehe sie geboren
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sind, ausgehöhlt und die Schale weggeworfen haben.


Wir aber wollen dieweil an diesem Geheimnis sau-
gen, wie ein Kind an der Brust seiner Mutter, bis wir
auch einmal etwas davon kriegen, und uns nicht so
frühe und zeitig davon entwöhnen lassen, wie sich
diese hohen Leute selbst entwöhnen und sich schä-
men, der Mutter Zitzen zu saugen. Denn sie können
selbst laufen, ehe ihnen die Beine und Füße gewach-
sen sind.
In Summa: wir müssen der Welt und dem Teufel
ihren Lauf lassen, und mit Predigen, Schelten, Ver-
mahnen immer um derer willen fortfahren, die solche
Geheimnisse erkennen sollen. Den andern ists gepre-
digt, wie der Regen ins Wasser fällt, oder wie unser
Herr sagt (Matth. 13, 19), wie an den Weg gesät
wird. Es will das Geheimnis doch allein auf dem vier-
ten Teil des Ackers Frucht bringen. Deshalb sehe ich
sehr gern, daß dieses und dergleichen Bücher3 unter
die Menschen kommen, nicht allein um solch Ge-
heimnis zu offenbaren, sondern auch um andere, fal-
schere Bücher zu verdrängen. Denn sie sind nicht alle
rein, die jetzt schreiben, und jedermann will (ge-
druckt) im Laden feil stehen, nicht weil er Christus
oder sein Geheimnis offenbaren wolle, sondern weil
er sein eigenes Geheimnis und seine schönen Gedan-
ken, die er über Christi Geheimnis hat, nicht umsonst
gehabt haben will. Damit hofft er, auch schier die
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Teufel zu bekehren, obwohl er noch nie eine Mücke


bekehrt hat oder bekehren kann (sofern nicht das Ver-
kehren das Schlimmste dran wäre).
Aber gleichwohl sind umgekehrt etliche faule Pfar-
rer und Prediger auch nicht gut, die sich auf solche
und andere bessere Bücher verlassen, auf daß sie eine
Predigt draus nehmen können. Sie beten nicht, studie-
ren nicht, lesen nicht, untersuchen nichts in der
Schrift, gerade als müßte man die Bibel nicht deshalb
lesen. Sie gebrauchen solche Bücher, wie die Formu-
lare und Kalender, ihre jährliche Nahrung zu verdie-
nen. Sie sind nichts als Papageien oder Dohlen, die
ohne eigentliches Verständnis nachsprechen lernen,
obwohl doch unser und solcher Theologen Absicht
die ist, sie damit in die Schrift zu weisen und sie zu
vermahnen, daß sie darauf denken sollen, auch selbst
unseren christlichen Glauben nach unserem Tode zu
verteidigen, wider den Teufel, Welt und Fleisch. Denn
wir werden nicht ewig an der Spitze stehen, wie wir
jetzt stehen.
Und wie uns unsere Vorfahren dieses Geheimnis
vererbt haben, obwohl es durch den Papst greulich
vernichtet war, so vererben wirs ihnen auch weiter.
Und wenn sie (auch) nicht so viel zu tun haben wer-
den, solche Greuel auszufegen, wie wir getan haben,
so werden sie doch ebensoviel (wenn nicht mehr) zu
tun kriegen, dem Teufel zu widerstehen und zu weh-
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ren, daß er nicht wiederum solche Greuel in die Kir-


chen werfe. Darum heißts: wache, studiere, habe acht
auf das Lesen der Schrift. Fürwahr, du kannst nicht zu
viel in der Schrift lesen, und was du liest, kannst du
nicht zu gut lesen, und was du gut liest, kannst du
nicht zu gut verstehen, und was du gut versteht,
kannst du nicht zu gut lehren, und was du gut lehrst,
kannst du nicht zu gut leben. Glaube dem, ders erfah-
ren hat.4 Der Teufel ists, die Welt ists, unser Fleisch
ists, die wider uns wüten und toben. Darum, liebe
Herren und Brüder, Pfarrer und Prediger, betet, lest,
studiert, seid fleißig. Fürwahr, es ist nicht Faulenzens,
Schnarchens und Schlafens Zeit, zu dieser bösen
schändlichen Zeit. Gebraucht eure Gabe, die euch an-
vertraut ist, und offenbart das Geheimnis Christi.
Wers nicht wissen will, der sei unwissend, wie Paulus
sagt (1. Kor. 14, 38). Dieweil die Taufe und das
Abendmahl da sind, dürfen wir das Wort des Geheim-
nisses nicht schweigen machen. Es wird sich wohl
finden, wenn wir das Unsere getan haben. Amen.

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Editorische Bemerkung

Luther schrieb seine Vorrede zum Winterteil (Postilla


deutsch von Advent bis auf Ostern) der von Johann
Spangenberg (1484 bis 1550, seit 1524 Pfarrer in
Nordhausen, Verfasser mehrerer Lehrbücher für den
Jugendunterricht, um den er sich besonders verdient
gemacht hat, nicht zu verwechseln mit seinem Sohn
Cyriakus Spangenberg) nach dem Vorbild der schon
vorliegenden Postillen insbesondere für die Schulju-
gend verfaßten Postille. Hier wird aufs eindrücklich-
ste und aktuellste vom Mysterium Christi und der
Kirche gesprochen, das aller Welt offenbar und zu-
gleich doch aller Welt verborgen ist, vom Stand und
von der Aufgabe des Theologen und Predigers, ein
rechter Abschluß des ersten Teiles dieses Bandes.

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Anmerkungen

1 Eig.: »fast (= sehr) Evangelisch«.


2 Eig.: »haben sie sein so gar sat und gnug«.
3 D.h. eben die Spangenbergsche Postille.
4 Eig. in Abwandlung eines Sprichwortes: »Experto
crede Ruperto«.

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