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4038 Vorrede zu Kaspar Aquila, Sermon vom Almosengeben (1533) 1

Martin Luther

Vorrede zu Kaspar Aquila,


Sermon vom Almosengeben
(1533)

[WA 38, 72–74]

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Es ist die Undankbarkeit der Welt so überschweng-


lich groß, und wird von. Tag zu Tag größer, so daß
wir, wenn nicht der Jüngste Tag dazwischen kommen
wird, befürchten, ja nicht befürchten, sondern gewiß
weissagen und erwarten müssen die gräuliche,
schreckliche Plage und den Zorn Gottes, daß er sein
Licht wieder zu sich ziehe und die Finsternis über
alles kommen lasse. Und solche Plage fängt schon
zum größeren Teil an, weil fast der ganze Haufe Got-
tes Wort im Herzen verloren hat und so jämmerlich
verachtet, dagegen aber dem Abgott Mammon mit
solchem Fleiß anhängt und ihm nachläuft, als wollte
ein jeglicher gerne aller Welt Güter an sich reißen, so
daß man wohl sieht, wie das liebe Wort noch allein
ein wenig leuchtet auf der Kanzel, durch die leibliche
Stimme, obwohl dieser Kanzeln auch wenig sind.
Weil wir denn sehen und begreifen, wie das göttli-
che Wort schon in den Herzen verloschen ist, so fehlt
fortan nur ein Geringes, daß es auch auf der Kanzel
verlösche. Denn wer kein Herz dafür hat, der wird
nicht lange die Ohren oder den Mund dafür hergeben.
Wenn aber die Kanzel nimmer leuchtet, so hat dann
die Welt, was sie haben soll und verdient hat, nämlich
daß sie, von Gott verlassen und verstoßen, dem Teu-
fel in seine Gewalt gegeben wird, der sie von einem
Irrtum in den andern führe, mit allerlei Lügen, Abgöt-
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terei, Ketzerei erfülle, danach zu Aufruhr, Krieg,


Mord, Geiz, in Summa zu aller Untugend und Laster
treibe und jage, wie Christus sagt, daß der ausgetrie-
bene Teufel mit sieben Geistern, die ärger sind als er
ist, sein voriges Haus einnimmt und besitzt (Luk. 11,
26).
Solches, sage ich, dürfen wir für uns nicht allein
befürchten, sondern müssen wir für uns so gewiß er-
warten, wie Gott lebt, weil wir bereits den Anfang
solchen Unglücks so gewaltig vor Augen sehen und
alle Herzen des großen Haufens schon darinnen stek-
ken. Das heißt denn recht Sodom und Gomorrha mit
Feuer und Schwefel versenkt, das heißt die Welt mit
der Sintflut ersäuft, das heißt Jerusalem zerstört, daß
nicht ein Stein auf dem andern bleibt. Und es ist keine
Hoffnung noch Rat, solches abzubitten oder abzuwen-
den (es tue das denn der Jüngste Tag), denn niemand
wills hören noch glauben, und wenn mans gleich singt
und sagt, so ists ein Spott. O recht, recht! So soll dich
Gott strafen, du verzweifelte Welt, um deiner Un-
dankbarkeit und Verachtung des göttlichen Wortes
willen, daß du nicht wert sein kannst, an deine künfti-
ge Strafe zu glauben, die man dir so heftig verkün-
digt, sondern eher mit Sodom und Gomorrha in den
Abgrund versenkt bist, ehe du es merken kannst.
So hat Jesaja 6, 9-10 dir auch verkündigt: »Geh
hin und verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre
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Ohren taub sein und ihre Augen blind, daß sie nicht
sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren
noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht be-
kehren und genesen.« Dieser Text fängt an und geht
mit Gewalt bei den undankbaren Menschen der Welt
einher. Da ist kein Sehen noch Hören noch Bedenken
noch Bessern noch Bekehren. Darum wird auch das
Letzte sich mit Sicherheit finden müssen, daß er sie
verlassen und ihnen nicht helfen will. Das ist schreck-
lich, gräulich. Aber was können wir dazu? Wir müs-
sens gehen und kommen lassen, wie es geht und
kommt. Denn wenn wir uns darum (auch) zerrissen
und krank klagten, so fragt die Welt doch nichts da-
nach. Sie fährt dahin, wie sie toll und töricht und mit
allen Teufeln besessen ist. So fahre auch hin, du
edles, zartes Früchtlein, und finde, was du suchst und
ja nicht entbehren noch anders haben willst: wir sind
leicht geschieden. Wir können dich nicht halten, wenn
du ungehalten sein willst. So singen wir mit den En-
geln über Babylon: »Wir wollten Babel heilen; aber
es wollte nicht geheilt werden. So laßt es fahren und
laßt uns ein jeder in sein Land ziehen!« (Jer. 51, 9).
Doch weil (wir) indessen, da wir solche Plage oder
den Jüngsten Tag erwarten müssen, und noch eine
kleine Zeit lang (wie Christus Joh. 12, 35 f. sagt) das
Licht haben, so wollen wir, die das Licht liebhaben,
in diesem Licht wandeln, solange wirs haben, auf daß
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wir des Lichtes Kinder werden, und wenn die Stunde


kommen wird, daß unser Sodom und Gomorrha mit
Schwefel und Feuer versinken muß, wir mit dem
frommen Lot erhalten und errettet werden. Denn Gott
weiß wohl (sagt 2. Petr. 2, 9), wie er die Frommen er-
retten soll, wenn er die ungläubige Welt straft. Darum
wollen wir immer anhalten mit Lehren und uns selbst
untereinander vermahnen zum Glauben und guten
Werken und das liebe Licht unter dem argen, verkehr-
ten Geschlecht erhalten, wie die Lampen und Leuchter
usw., und auch so tun, als sähen oder kennten wir die
feindseligen, undankbaren Verächter nicht.
Demnach habe ich es mir wohl gefallen lassen, die-
ses Büchlein Magister Caspar Aquilas durch den
Druck an das Licht zu bringen, damit solche Vermah-
nung uns helfe, bei dem lieben Licht zu bleiben. Denn
wenns auch der große verlorene Haufe nicht achtet, so
müssen doch ja etliche das kleine Häuflein sein, die es
mit Liebe und Dank annehmen, und Gott dafür dan-
ken, wie auch Paulus, als er lange an dem verlorenen
Haufen vergeblich gearbeitet hatte, sich zu den Auser-
wählten kehrt und (2. Tim. 2, 10) sagt, er tue alles um
der Auserwählten willen. So wollen wir auch tun.
Denn obgleich wir gerne mehr tun wollten bei den an-
dern, so wills doch nicht sein und ist alles verloren.
Christus, unser Herr und Heiland, erhalte uns, sein
kleines Häuflein, und sei mit uns bis auf den Tag sei-
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ner Herrlichkeit und unserer Seligkeit. Und daß der-


selbe bald kommen wollte. Amen, Amen.

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Editorische Bemerkung

Mit dieser Schrift beginnt der dritte Abschnitt dieses


Bandes. Der erste war der Leitung der Kirche gewid-
met, den Aufgaben der Synoden, des geistlichen
Amtes usw. Der zweite beschäftigte sich mit den Fra-
gen des Gottesdienstes und der kirchlichen Handlun-
gen. Der dritte – und mit Recht umfangreichste – gilt
dem Christenmenschen selbst, seinen Pflichten, aber
auch seinen Nöten und Anfechtungen. Das ist nun
nicht im Sinne einer Unterscheidung von Geistlichen
(Teil 1) und Laien (Teil 3) gemeint, sondern so, daß
dieser dritte Teil in den ersten übergreift. Denn was
für das Gemeindeglied gilt, gilt ebenso für den
»Amtsträger«, und zwar nicht nur kraft des allgemei-
nen Priestertums der Gläubigen, sondern auch umge-
kehrt, weil nämlich das geistliche Amt und die Lei-
tung der Kirche nur dann ihre Aufgabe erfüllen kön-
nen, wenn sie sich in Schuld und Verheißung jedem
Glied der Gemeinde gleichgestellt wissen.
Mit Recht steht am Anfang dieses Abschnittes die
Vorrede Luthers zu der Predigt Kaspar Aquilas über
das Almosengeben. Sie ist seinerzeit von Amsdorf als
Vorwort zum zweiten Band der Jenaer Ausgabe der
Werke Luthers verwandt worden. Dementsprechend
erscheint sie in den späteren Lutherausgaben unter der
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Überschrift: Ermahnung, Warnung und Erinnerung,


die Verachtung göttlichen Wortes betreffend. Dieser
Titel kennzeichnet den Inhalt dieser kurzen Vorrede.
Der leidenschaftliche Aufruf Luthers ist wie für heute
geschrieben. Nur eine Frage bleibt offen. Luther
schreibt das ja alles als Urteil über s e i n e Zeit.
Wenn er die schon so beurteilt, was würde er zu der
unseren sagen?

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