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3818 Vorrede zu Melanchthons Unterricht der Visitatoren an die 1

Martin Luther

Vorrede zu Melanchthons Unterricht


der Visitatoren an die Pfarrherrn im
Kurfürstentum zu Sachsen
(1528)

[WA 26, 195–201]

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Ein wie göttlich, heilsam Werk es sei, die Pfarren und


christlichen Gemeinden durch verständige, geschickte
Leute zu besuchen, zeigen uns sowohl das Neue wie
das Alte Testament genugsam an. So lesen wir, daß
Petrus im jüdischen Lande umherzog (Apg. 9, 32);1
Paulus und Barnabas durchzogen auch aufs neue alle
Orte, da sie gepredigt hatten (Apg. 15, 36). Und in
allen Briefen bezeugt er, wie er Sorgfalt trägt für alle
Gemeinden und Pfarren. Er schreibt Briefe, sendet
seine Jünger, kommt auch selber, gleichwie auch die
Apostel, Apg. 8, 14, als sie hörten, wie Samaria das
Wort angenommen hätte, Petrus und Johannes zu
ihnen sandten. Und im Alten Testament lesen wir
auch, wie Samuel jetzt zu Rama, jetzt zu Nob, jetzt zu
Gilgal (1. Sam. 7, 16 f.), und so fortan umherzog,
nicht aus Freude am Reisen, sondern aus Liebe und
Amtspflicht, dazu um der Notdurft des Volkes willen;
wie denn auch Elias und Elisa taten, wie wir in den
Büchern der Könige lesen. Dieses Werk hat auch
Christus selbst aufs fleißigste vor allen getan; so daß
er auch deswegen nicht einen Ort behielt auf Erden,
da er sein Haupt hinlegte, der sein eigen wäre. Er fing
das auch schon im Mutterleibe an, als er mit seiner
Mutter über das Gebirge ging und Johannes besuchte.
Diesem Exempel sind auch die alten Väter, die hei-
ligen Bischöfe, vorzeiten mit Fleiß nachgefolgt, wie
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auch noch viel davon in päpstlichen Gesetzen gefun-


den wird.2 Denn aus dieser Aufgabe sind ursprüng-
lich die Bischöfe und Erzbischöfe3 hergekommen, je
nachdem einem jeglichen befohlen ward, viel oder
wenig zu besuchen und zu visitieren. Denn eigentlich
ist ein Bischof ein Aufseher und Visitator, und ein
Erzbischof der, welcher über diese Aufseher und Visi-
tatoren (gesetzt) ist. Und zwar deshalb, weil ein jegli-
cher Pfarrer seine Pfarrkinder besuchen, sie warten
und beaufsichtigen soll, wie man da lehrt und lebt.
Und der Erzbischof soll solche Bischöfe besuchen, sie
warten und beaufsichtigen, wie dieselben lehren; bis
daß zuletzt solch ein Amt eine solche weltliche,
prächtige Herrschaft geworden ist, da die Bischöfe
sich zu Fürsten und Herren gemacht und solch Be-
suchsamt etwa einem Propst, Vikar oder Dechant be-
fohlen haben. Und hernach, da Pröbste und Dechan-
ten und Domherrn auch faule Junker geworden, wurde
solches den Offizialen befohlen, welche die Leute mit
Vorladungen in Geldsachen plagten und niemand be-
suchten.
Endlich, da es nicht ärger noch tiefer fallen konnte,
blieb Junker Offizial auch daheim in warmer Stube
und schickte etwa einen Schelmen oder Buben, der
auf dem Lande und in den Städten umherlief, und wo
er etwas durch böse Mäuler und Nachreder in den
Schenken von Manns- oder Weibspersonen hörte, das
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zeigte er dem Offizial an. Der faßte sie dann seinem


Schinderamt entsprechend an, schindete Geld heraus,
auch von unschuldigen Leuten, und brachte sie dazu
um Ehre und guten Leumund, woraus Mord und Jam-
mer kam. Von daher ist auch das heilige Sendgericht
oder Synodus übriggeblieben. In Summa, solch hohes
edles Werk ist ganz zerfallen und nichts davon übrig-
geblieben, als daß man die Leute um Geldes, Schuld
und zeitlichen Gutes willen vorgeladen und in den
Bann getan hat. Aber wie man lehre, glaube, liebe,
wie man christlich lebe, wie die Armen versorgt (wer-
den möchten), wie man die Schwachen tröstet, die
Wilden straft, und was mehr zu solchem Amt gehört,
daran ist nie gedacht worden. Lauter Junker und Pras-
ser sind es geworden, die den Leuten das Ihre verzehr-
ten und nichts, ja eitel Schaden dafür taten. Und so ist
dies Amt, gleichwie alle heilige, christliche alte Lehre
und Ordnung, auch des Teufels und Endchrists Spott
und Gaukelwerk geworden, mit greulichem erschreck-
lichem Verderben der Seelen.4
Denn wer kann erzählen, wie nützlich und notwen-
dig solch Amt in der Christenheit sei? Am Schaden
kann mans merken, der daraus gekommen ist, seit der
Zeit es zerfallen und verkehrt ist. Ist doch keine Lehre
noch Stand recht oder rein geblieben, sondern es sind
dagegen so viel greuliche Spaltungen und Sekten auf-
gekommen, wie es die Stifte und Klöster sind, wo-
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durch die christliche Kirche ganz unterdrückt gewe-


sen, der Glaube erloschen, die Liebe in Zank und
Krieg verwandelt, das Evangelium unter die Bank ge-
steckt ist und nichts als Menschenwerk, Lehre und
Träume anstatt des Evangeliums regiert haben. Da
hatte freilich der Teufel gut wirken, weil er solch Amt
danieder und unter sich gebracht, und lauter geistliche
Larven und Mönchskälber aufgerichtet hatte, so daß
ihm niemand widerstand. Das macht schon dann
große Mühe, wenn gleich das Amt recht und fleißig
im Schwang geht, wie Paulus in den Briefen an die
Thessalonicher, Korinther und Galater klagt (1.
Thess. 2, 9; 2. Kor. 1, 8; Gal. 1, 7 ff.), so daß auch
die Apostel selbst alle Hände voll damit zu tun hat-
ten. Was sollten dann die müßigen, faulen Bäuche
hierfür Nutzen schaffen?
Demnach, da uns jetzt das Evangelium durch un-
aussprechliche Gnade Gottes barmherzig wiederge-
kommen oder wohl auch überhaupt erst aufgegangen
ist, wodurch wir gesehen, wie elend die Christenheit
verwirrt, zerstreut und zerrissen ist, hätten wir auch
das rechte bischöfliche und Besuchsamt, als aufs
höchste vonnöten, gerne wieder aufgerichtet gesehen.
Aber weil unser keiner dazu berufen war oder einen
sicheren Befehl dazu hatte, und 1. Petr. 4, 11 nichts in
der Christenheit einrichten lassen will, man sei denn
gewiß, daß es Gottes Sache sei, hat sichs keiner vor
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dem andern zu unterfangen gewagt.


Da haben wir das Gewisse dem Ungewissen vor-
ziehen wollen5 und uns an das Amt der Liebe (wel-
ches allen Christen gemeinsam und geboten ist) ge-
halten, und sind an den Kurfürsten zu Sachsen,6 als
den Landesfürsten und unsere gewisse, von Gott ver-
ordnete weltliche Obrigkeit mit der demütigen Bitte
herangetreten,7 daß Se. Kurfürstl.
Gnaden aus christlicher Liebe (da sie es nach welt-
licher Obrigkeit nicht schuldig sind), und um Gottes
Willen, dem Evangelium zugut und den elenden Chri-
sten in Sr. Kurfürstl. Gnaden Landen zu Nutz und
Heil, gnädiglich etliche tüchtige Personen zu solchem
Amt auffordern und verordnen wollen. Welches dann
Se. Kurfürstl. Gnaden also gnädig durch Gottes
Wohlgefallen getan und angerichtet haben. Gott gebe,
daß es ein seliges Vorbild sei und werde, allen andern
deutschen Fürsten fruchtbar nachzutun, welches auch
Christus zuletzt reichlich vergelten wird. Amen.
Weil aber der Teufel durch seine giftigen, unnützen
Mäuler kein göttlich Werk ungeschändet und ohne
Schabernack lassen kann, und bereits durch unsere
Feinde viel drinnen zu meistern und zu verdammen
hat, so daß auch etliche rühmen, unsere Lehre habe
uns gereut, und wir seien zurückgegangen und hätten
widerrufen: (wollte Gott, daß solch ihr Rühmen recht
wäre und unser Widerrufen bei ihnen gelten müßte,
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dann würden sie freilich viel mehr zu uns als wir zu


ihnen herzutreten, unsere Lehre8 bestätigen und ihre
Sache widerrufen müssen!) bin ich veranlaßt, solches
alles, was die Visitatoren ausgerichtet und schriftlich
unserm gnädigsten Herrn angezeigt haben (nachdem
ichs, mit allem Fleiß durch sie zusammengebracht, er-
halten habe), öffentlich durch den Druck an den Tag
zu geben, damit man sehe, daß wir nicht im Winkel
noch Dunkel handeln, sondern das Licht fröhlich und
sicher suchen und leiden wollen.
Und obwohl wir solches nicht als strenges Gebot
ausgehen lassen können, auf daß wir nicht neue
päpstliche Dekretalen aufwerfen, sondern (nur) als
eine Historie oder Geschichte, dazu als ein Zeugnis
und Bekenntnis unseres Glaubens, so hoffen wir
doch, alle frommen, friedsamen Pfarrer, welchen das
Evangelium mit Ernst gefällt, und die Lust haben,
einmütig und sich mit uns gleich zu halten (wie Pau-
lus Phil. 2, 2 lehrt, daß wir tun sollen), werden sol-
chen unsers Landesfürsten und gnädigsten Herren
Fleiß, dazu unsere Liebe und unser Wohlmeinen nicht
undankbar noch stolz verachten, sondern sich willig,
ohne Zwang, nach der Liebe Art, solcher Visitation
unterwerfen, und samt uns nach derselben friedlich
leben, bis daß Gott der Heilige Geist Besseres durch
sie oder durch uns anfange.
Wo aber etliche sich mutwillig ihr widersetzen
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würden und ohne guten Grund etwas Besonderes ma-


chen wollten (wie man denn wilde Köpfe findet, die
aus lauter Bosheit etwas Allgemeines oder (für alle)
Gleiches nicht ertragen können, sondern ungleich und
eigensinnig sein ist ihr Herz und Leben): müssen wir
dieselben sich von uns, wie die Spreu von der Tenne,
trennen lassen und können um ihretwillen unser Ge-
meinsames nicht lassen; obwohl wir auch hierin un-
sers gnädigsten Herrn Hilfe und Rat nicht ungesucht
lassen wollen. Denn obwohl Sr. Kurfürstl. Gnaden zu
lehren und geistlich zu regieren nicht befohlen ist, so
sind sie als weltliche Obrigkeit doch schuldig, darauf
zu achten, daß nicht Zwietracht, Spaltungen und Auf-
ruhr sich unter den Untertanen erheben (wie auch der
Kaiser Konstantin die Bischöfe nach Nicäa forderte,
als er nicht leiden wollte noch sollte die Zwietracht,
die Arius unter den Christen im Kaisertum angerichtet
hatte, und sie zu einträchtiger Lehre und Glauben an-
hielt).
Aber Gott, der Vater aller Barmherzigkeit, gebe
uns durch Christus Jesus, seinen lieben Sohn, den
Geist der Einigkeit und Kraft, seinen Willen zu tun.
Denn ob wir gleich aufs allerfeinste einträchtig sind,
haben wir dennoch alle Hände voll zu tun, daß wir
Gutes tun und bestehen in göttlicher Kraft. Was sollts
denn werden, wo wir uneins und ungleich untereinan-
der sein wollten? Der Teufel ist dieses Jahr nicht
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fromm noch gut geworden, wirds auch nimmermehr.


Darum laßt uns wachen und sorgfältig (bedacht) sein,
die geistliche Einigkeit (wie Paulus Eph. 4, 3 lehrt) zu
halten im Bande der Liebe und des Friedens. Amen.

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Editorische Bemerkung

Bisher sind grundsätzliche Fragen erörtert: die Be-


rechtigung und Geltung von Synoden, was ist es um
das geistliche Amt, worin besteht die Heiligkeit der
Kirche usw. Jetzt treten zusammen mit den grundsätz-
lichen Problemen auch Fragen des kirchlichen Auf-
baus in unser Blickfeld, zunächst die der Visitation
der Kirche. Luthers Vorrede ist zwar weithin histo-
risch gehalten. Aber das entsprach dem Auftrag, den
er vom Kurfürsten hatte, und das, worauf es uns an-
kommt, kommt dabei trotzdem zur Geltung, wenn wir
es uns auch manchmal erst herausklauben müssen,
weil es in den historischen Stoff eingewickelt ist. Un-
sere Absicht ist ja nicht, über die Visitation im dama-
ligen Kursachsen etwas zu hören, so interessant das
auch wäre, wir wollen wissen, welche Bedeutung der
Visitation für u n s zukommt. Aber es war nicht mög-
lich, durch Streichungen bzw. Kürzungen im Text das
nur für Luthers Zeitgenossen Geschriebene fortfallen
zu lassen. Es ist mit dem für uns Geltenden zu eng
verbunden.
Gewählt ist für den Abdruck die Vorrede von
1528. Als sie 1538/39 bzw. 1545 neu gedruckt
wurde, änderte Luther an einigen Stellen. Aber diese
Änderungen betreffen nichts, was für uns hier von Be-
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deutung wäre, deshalb war es nicht einmal nötig, in


den Anmerkungen darauf einzugehen, wie die Anmer-
kungen überhaupt eine Diskussion des historischen
Tatbestands vermeiden, soweit das irgend möglich
war.

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Anmerkungen

1 Gemeint sein kann nur diese Stelle, obwohl sie nur


von der Absicht des Paulus spricht, mit Barnabas zu-
sammen die Gemeinden zu besuchen. Er ist, nach dem
Streit zwischen ihnen, nachher zusammen mit Silas
gereist, Apg. 15,41.
2 Eig.: »exempel ... getrieben haben«.
3 Das bischöfliche Sittengericht, das entsprechend
der von Luther hier skizzierten Entwicklung aber
nicht mehr vom Bischof selbst, sondern die Rangliste
abwärts schließlich vom Offizial, dem bischöflichen
Gerichtsbeamten, bzw. vom Pfarrer selbst gehalten
wurde.
4 Folgt ein Ausfall gegen die katholische Geistlich-
keit.
5 Eig.: »Da haben wir des gewissen wollen spielen«.
6 Im Druck von 1528 stehen die umständlichen Titel,
hier ist der Kürze halber die Form von 1545 gewählt
worden.
7 Folgen die Namen der vier Visitatoren, hier ausge-
lassen. Die Drucke gehen hier auch sämtlich ausein-
ander, weil die Visitatoren selbstverständlich je nach
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den Umständen wechselten.


8 Auf den Inhalt des »Unterrichts« selbst, der zum
überwiegenden Teil von Melanchthon stammt (von
Luther nur Einzelnes), braucht hier nicht eingegangen
zu werden.

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