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3042 Vorrede zum Neuen Testament (1522) 1

Martin Luther

Vorrede zum Neuen Testament1


(1522)

[WA DB 6, 2–10]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3043 Vorrede zum Neuen Testament (1522) 2

Es wäre wohl recht und billig, daß dies Buch ohn


alle Vorrede und fremden Namen ausginge und nur
seinen ihm selbst eigenen Namen und Rede führete.
Aber dieweil durch manche unbegründete Deutung
und Vorrede der Christen Sinn dahin irregeführt ist,
daß man schier nicht mehr weiß, was Evangelium
oder Gesetz, Neues oder Altes Testament bedeute,
fordert die Notdurft einen Hinweis und Vorrede,
damit der einfältige Mann aus seinem alten Wahn
auf die rechte Bahn geführet und unterrichtet werde,
wessen er in diesem Buch gewarten solle, auf daß er
nicht Gebot und Gesetz suche, da er Evangelium
und Verheißung Gottes suchen soll.
Darum ist aufs erste zu wissen, daß der Wahn
abzutun ist, daß es vier Evangelien und nur vier
Evangelisten gebe, und ganz zu verwerfen, daß etli-
che des Neuen Testaments Bücher in Gesetz-, Ge-
schichts-, prophetische und Weisheitsbücher2 teilen
und damit glauben, ich weiß nicht wie, das Neue dem
Alten Testament gleichzumachen. Sondern es ist
daran festzuhalten: gleichwie das Alte Testament ein
Buch ist, darinnen Gottes Gesetz und Gebot, daneben
die Geschichten sowohl derer, welche dieselben ge-
halten wie derer, die sie nicht gehalten haben, ge-
schrieben sind, so ist das Neue Testament ein Buch,
darinnen das Evangelium und Gottes Verheißung, da-
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neben auch die Geschichte beider, derer die dran glau-


ben und die nicht glauben, geschrieben sind. So daß
man gewiß sei, daß es nur ein Evangelium gebe,
gleich wie nur ein Buch des Neuen Testaments und
nur einen Glauben und nur einen Gott, der da (die Se-
ligkeit) verheißet.
Denn Evangelium ist ein griechisches Wort und
heißt auf deutsch »gute Botschaft«, »gute Märe«,
»gute Neuigkeit«, »gute Nachricht«,3 davon man sin-
get, saget und fröhlich ist. Zum Beispiel: als David
den großen Goliath überwand, kam eine gute Nach-
richt und tröstliche Neuigkeit unter das jüdische
Volk, daß ihr greulicher Feind erschlagen und sie er-
löset, zu Freud und Frieden gebracht wären, darüber
sie sangen und sprangen und fröhlich waren. So ist
dies Evangelium Gottes und Neue Testament ein gute
Märe und Nachricht, in alle Welt erschollen durch die
Apostel, von einem rechten David, der mit der Sünde,
Tod und Teufel gestritten und sie überwunden habe,
und damit alle die, so in Sünden gefangen, mit dem
Tod geplagt, vom Teufel überwältigt gewesen, ohn
ihr Verdienst erlöset, gerechtfertigt, lebendig und
selig gemacht, und damit zum Frieden und zu Gott
wieder heimgebracht hat, darüber sie singen, Gott
danken, loben und fröhlich sind ewiglich, sofern sie
das fest glauben und im Glauben beständig bleiben.
Solche Nachricht und tröstliche Märe oder evange-
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lische und göttliche Neuigkeit nennt man auch ein


neues Testament. Und zwar deshalb: ein Testament
ist es, wenn ein sterbender Mann seinen Besitz ord-
net, ihn nach seinem Tod den von ihm benannten
Erben auszuteilen. So hat auch Christus vor seinem
Sterben befohlen und angeordnet, solches Evangelium
nach seinem Tod in alle Welt auszurufen und damit
allen, die da glauben, all sein Gut zu eigen gegeben,
das ist: sein Leben, womit er den Tod verschlungen,
seine Gerechtigkeit, womit er die Sünde vertilgt, und
seine Seligkeit, womit er die ewige Verdammnis über-
wunden hat. Nun kann ja der arme Mensch, in Sün-
den, Tod und zur Hölle verstrickt, nichts Tröstlicheres
hören, als solch teure, liebliche Botschaft von Chri-
stus, und muß sein Herz von Grund auf lachen und
fröhlich drüber werden, wo er glaubt, daß es wahr sei.
Nun hat Gott solchen Glauben zu stärken, dieses
sein Evangelium und Testament vielfältig im Alten
Testament durch die Propheten versprochen, wie Pau-
lus Röm. 1, 1-3 sagt: »Ich bin ausgesondert zu predi-
gen das Evangelium Gottes, welches er zuvor verhei-
ßen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift,
von seinem Sohn, der ihm geboren ist von dem Samen
Davids« usw. Und daß wir der (Schriftstellen) etliche
anführen, hat ers zuerst versprochen, da er zu der
Schlange 1. Mose 3, 15 sagt: »Ich will Feindschaft
setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem
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Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir deinen


Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen.«
Christus ist der Same dieses Weibes, der dem Teufel
seinen Kopf, das ist, Sünde, Tod, Hölle und alle seine
Kraft zertreten hat. Denn ohne diesen Samen kann
kein Mensch der Sünde, dem Tod, der Hölle entrin-
nen.
Ebenso versprach ers 1. Mose 22, 18 dem Abra-
ham: »In deinem Samen sollen alle Geschlechter auf
Erden gesegnet werden.« Christus ist der Same Abra-
hams, sagt Paulus Gal. 3, 16. Der hat alle Welt
durchs Evangelium gesegnet. Denn wo Christus nicht
ist, da ist noch der Fluch, der auf Adam und seine
Kinder fiel, da er gesündigt hatte, daß sie allzumal der
Sünde, des Todes und der Hölle schuldig und zu
eigen sein müssen. Dem Fluch entgegen segnet nun
das Evangelium alle Welt damit, daß es öffentlich
ruft: wer an diesen Samen Abrahams glaubt, soll ge-
segnet, das ist, von Sünde, Tod und Hölle los sein,
und gerechtfertigt, lebendig und selig bleiben ewig-
lich, wie Christus selbst Joh. 11, 25 f. sagt: »Wer an
mich glaubt, der wird nimmermehr sterben.«
Ebenso versprach ers David 2. Sam. 7, 12-14, da
er sagt: »Ich will erwecken deinen Samen nach dir,
der soll mir ein Haus bauen, und ich will sein Reich
festigen ewiglich. Ich will sein Vater sein und er soll
mein Sohn sein« usw. Das ist das Reich Christi,
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davon das Evangelium spricht: ein ewiges Reich, ein


Reich des Lebens, der Seligkeit und Gerechtigkeit,
darein aus dem Gefängnis der Sünde und des Todes
alle kommen, die da glauben. Solcher Verheißung des
Evangeliums gibt es viel mehr auch in den andern
Propheten, wie z.B. Micha 5, 1 »Und du Bethlehem,
du bist klein unter den Städten in Juda, aus dir soll
mir kommen, der ein Herzog sei meines Volkes Isra-
el«, und weiter Hosea 13, 14: »Ich will sie von der
Hand des Todes erlösen, vom Tod will ich sie erret-
ten.« So sehen wir nun, daß es nicht mehr als ein
Evangelium gibt, gleichwie nur einen Christus. Sinte-
mal »Evangelium« nichts anderes ist noch sein kann,
als eine Predigt von Christus, Gottes und Davids
Sohn, wahrem Gott und Mensch, der für uns mit sei-
nem Sterben und Auferstehen aller Menschen Sünde,
Tod und Hölle überwunden hat, die an ihn glauben,
so daß also das Evangelium eine kurze und eine lange
Rede sein, und einer (dasselbe) kurz, der andere lang
beschreiben kann. Der beschreibts ausführlich, der
viele Werke und Worte Christi beschreibt, wie es die
vier Evangelisten tun. Der beschreibts aber kurz, der
nicht von Christi Werken (redet), sondern mit weni-
gen Worten anzeigt, wie er durchs Sterben und Aufer-
stehen Sünde, Tod und Hölle überwunden habe,
denen, die an ihn glauben, wie Petrus und Paulus (es
tun).
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Darum siehe nun drauf, daß du nicht aus Christus


einen Mose machest, noch aus dem Evangelium ein
Gesetz oder Buch der Lehre, wie bisher geschehen
ist.4 Denn das Evangelium fordert recht eigentlich
nicht unser Werk, daß wir damit fromm und selig
werden, ja es verdammt (vielmehr) solche Werke und
fordert nur Glauben an Christus, daß derselbe für uns
Sünde, Tod und Hölle überwunden hat und also nicht
durch unsere Werke, sondern durch seine eigenen
Werke, Sterben und Leiden, fromm, lebendig und
selig macht, auf daß wir uns seines Sterbens und
Überwindens annehmen möchten, als hätten wirs sel-
ber getan.
Daß aber Christus im Evangelium, und dazu Petrus
und Paulus viel Gesetz und Lehre geben und das Ge-
setz auslegen, soll man allen andern Werken und
Wohltaten Christi gleich rechnen. Und gleichwie
seine Werke und (Lebens)geschichte kennen, noch
nicht bedeutet, das rechte Evangelium kennen, denn
damit weißt du noch nicht, daß er Sünde, Tod und
Teufel überwunden hat. Ebenso bedeutet auch das
noch nicht das Evangelium kennen, wenn du solche
Lehre und Gebot weißt, sondern (erst,) wenn die
Stimme kommt, die da sagt, Christus sei dein eigen
mit Leben, Werken, Sterben, Auferstehen und allem,
was er ist, hat, tut und vermag.
So sehen wir auch, daß er nicht nötigt, sondern
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freundlich locket und spricht: »Selig sind die Armen«


usw. (Luk. 6, 20). Und die Apostel gebrauchen des
Worts: »Ich ermahne«, »ich flehe«, »ich bitte«, daß
man allenthalben siehet, wie das Evangelium nicht ein
Gesetzbuch ist, sondern nur eine Predigt von den
Wohltaten Christi, uns erzeiget und zu eigen gegeben,
so wir glauben. Mose aber in seinen Büchern treibt,
dringt, droht, schlägt und straft greulich; denn er ist
ein Gesetzschreiber und -treiber. Daher kommts auch,
daß einem Gläubigen kein Gesetz gegeben ist, wie
Paulus 1. Tim. 1, 9 sagt, deshalb weil er durch den
Glauben gerecht, lebendig und selig ist. Und ist ihm
nicht mehr nötig, als daß er solchen Glauben beweise.
Ja, wo der Glaube ist, kann er nicht an sich halten,
er beweiset sich, bricht heraus und bekennet und leh-
ret solch Evangelium vor den Menschen und waget
sein Leben dran. Und alles, was er lebet und tut, das
richtet er zu des Nächsten Nutz, ihm zu helfen, nicht
allein auch zu solcher Gnade zu kommen, sondern
auch mit Leib, Gut und Ehre, wie er siehet, daß ihm
Christus getan hat, und folget so dem Vorbild Christi
nach. Das meinet auch Christus, da er beim Abschied
kein anderes Gebot gab als die Liebe, daran man er-
kennen sollte, wer seine Jünger wären und rechtschaf-
fene Gläubige (Joh. 13, 35). Denn wo die Werke und
die Liebe nicht herausbrechen, da ist der Glaube nicht
recht, da haftet das Evangelium noch nicht und ist
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Christus nicht recht erkannt. Siehe, nun schicke dich


so in die Bücher des Neuen Testaments, daß du sie
auf diese Weise zu lesen wissest.

Welches die rechten und edelsten Bücher des Neuen


Testaments sind5

Aus diesem allen kannst du nun recht über alle Bü-


cher urteilen und unterscheiden, welches die besten
sind. Denn das Evangelium des Johannes und die
Briefe des Paulus, insbesondere der an die Römer,
und der erste Brief des Petrus sind nämlich der rechte
Kern und das Mark unter allen Büchern, welche auch
billig die ersten sein sollten.
Und einem jeglichen Christen wäre zu raten, daß er
dieselben am ersten und allermeisten lese und sich
durch täglich Lesen so vertraut machte wie das tägli-
che Brot. Denn in diesen findest du nicht viel Werke
und Wundertaten Christi beschrieben, du findest aber
gar meisterlich dargelegt, wie der Glaube an Christus
Sünde, Tod und Hölle überwindet und das Leben, Ge-
rechtigkeit und Seligkeit gibt, welches die rechte Art
des Evangeliums ist, wie du gehört hast.
Denn wenn ich je auf deren eins verzichten sollte,
auf die Werke oder die Predigten Christi, dann wollte
ich lieber auf die Werke als auf seine Predigten ver-
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zichten. Denn die Werke hülfen mir nichts, aber seine


Worte, die geben das Leben, wie er selbst sagt (Joh.
6, 63). Weil nun Johannes gar wenig Werke von
Christus, aber gar viele seiner Predigten beschreibt,
umgekehrt die andern drei Evangelisten aber viele sei-
ner Werke und weniger seiner Worte beschreiben, ist
das Evangelium des Johannes das einzige, schöne,6
rechte Hauptevangelium und den andern dreien weit,
weit vorzuziehen und höher (als sie) zu heben. Eben-
so gehen auch des Paulus und Petrus Briefe weit den
drei Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas
voran.
In Summa: das Evangelium des Johannes und sein
erster Brief, die Briefe des Paulus, insbesondere der
an die Römer, Galater, Epheser und der erste Brief
des Petrus, das sind die Bücher, die dir Christus zei-
gen und dich alles lehren, was dir zu wissen not und
selig ist, ob du schon kein ander Buch und Lehre nim-
mer sehest noch hörest. Darum ist der Jakobusbrief
eine rechte stroherne Epistel gegen sie; da er doch
keine evangelische Art an sich hat. Doch davon weiter
in andern Vorreden.

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Anmerkungen

1 Die ersten Absätze der Vorrede (bis Zeile 23) ste-


hen in den Ausgaben des Neuen Testaments nur bis
1537; von da ab, wie die in den Vollbibeln über-
haupt, beginnt die Vorrede: »gleichwie das Alte Te-
stament ...« (Z. 23). Auch sonst differiert der Text ge-
legentlich.
2 Eig.: »ynn legales, historiales, Prophetales vnnd sa-
pientiales«.
3 Eig.: »gutte newzeytung, gutt geschrey«.
4 Folgt nach geschehen ist eig.: »vnd ettlich vorrhede
auch Sanct Hieronymi sich horen lassen«. Gemeint
sind die Vorreden des Hieronymus zu den Evangelien
in seiner Ausgabe der Vulgata.
5 Diesen Abschnitt enthalten die Ausgaben des
Neuen Testaments nur bis 1537, von da ab fehlt er,
ebenso wie ihn die Vollbibeln (ab 1534) überhaupt
nicht bieten.
6 Schöne, eig.: »zartte«.

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