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3053 Vorrede zur Apostelgeschichte (1533) 1

Martin Luther

Vorrede zur Apostelgeschichte


(1533)

[WA DB 6, 414–416]

Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther


3054 Vorrede zur Apostelgeschichte (1533) 2

Dies Buch soll man lesen und ansehen – nicht, wie


wir es früher1 getan haben -, als hätte Lukas darin al-
lein die den Aposteln eigenen persönlichen Werke
oder ihre Geschichte beschrieben, zum Vorbild guter
Werke oder guten Lebens, wie z.B. Augustin und
viele andere dies für das beste Exempel darinnen an-
gesehen haben, wie die Apostel mit den Christen alle
Güter gemeinsam gehabt haben usw., was doch nicht
lange währte und bald aufhören mußte. Sondern man
soll darauf achten, daß Lukas mit diesem Buch die
ganze Christenheit, bis an der Welt Ende, das rechte
Hauptstück christlicher Lehre lehret, nämlich: wie wir
alle allein durch den Glauben an Jesus Christus ge-
recht werden müssen, ohne alles Zutun des Gesetzes
oder Hilfe unsrer Werke.
Solches Stück ist seine vornehmste Absicht und die
Ursache (für ihn), dieses Buch zu schreiben. Darum
behandelt er auch so gewaltig nicht allein die Predigt
der Apostel vom Glauben an Christus: wie beide,
Heiden und Juden, dadurch haben gerecht werden
müssen, ohne alle Verdienste und Werke, sondern
auch die Exempel und Geschichte solcher Lehre: wie
die Heiden sowohl wie die Juden allein durchs
Evangelium ohne das Gesetz gerecht geworden sind,
und, wie Petrus im 10. und 15. Kapitel bezeugt (10,
34; 15, 9), wie Gott in solchem Stücke keinen Unter-
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schied zwischen Juden und Heiden beobachtet habe,


sondern gleichwie er den Heiden, die ohne Gesetz leb-
ten, den heiligen Geist durchs Evangelium gab, so
habe er denselben auch den Juden durchs Evangelium
und nicht durchs Gesetz oder um ihrer Werke und
Verdienste willen gegeben. (Lukas) setzt also in die-
sem Buch nebeneinander sowohl die Lehre vom Glau-
ben wie auch die Beispiele des Glaubens.
Darum könnte dies Buch wohl eine Erläuterung2
zu den Briefen des Paulus heißen. Denn was Paulus
mit Worten und Sprüchen aus der Schrift lehret und
betreibt, das zeiget hier Lukas an und beweiset es mit
Exempeln und Geschichten, daß es so zugegangen sei
und so zugehen müsse, wie es Paulus lehret, nämlich
daß kein Gesetz, kein Werk die Menschen gerecht
mache, sondern allein der Glaube an Christus. Du fin-
dest hier in diesem Buch einen schönen Spiegel, darin
du sehen kannst, daß es wahr sei: allein der Glaube
macht gerecht. Denn da sind alle Exempel und Ge-
schichten dafür drinnen, gewisse und tröstliche Zeu-
gen, die dich nicht belügen noch dich in die Irre füh-
ren.
Denn da siehe an, wie Paulus selbst bekehrt wor-
den ist, ebenso wie der Heide Kornelius durch das
Wort des Petrus bekehrt wird, wie der Engel ihm
zuvor sagte, Petrus würde ihm verkündigen, wodurch
er selig werden sollte. Ebenso ist es mit dem Land-
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vogt Sergius und allen Städten, wo Paulus und Barna-


bas predigten. Siehe das erste Konzil der Apostel zu
Jerusalem im 15. Kapitel an, siehe alle Predigt des
Petrus, Stephanus und Philippus an, so wirst du fin-
den, daß es alles dahin gehet, daß wir allein durch den
Glauben an Christus, ohne Gesetz und Werke zur
Gnade kommen und gerecht werden müssen. So kann
man mit diesem Buch auf diese Weise den Widersa-
chern das Maul gar meisterlich und gewaltig stopfen,
welche uns auf das Gesetz und unsere Werke weisen
und ihren törichten Unverstand vor aller Welt offen-
baren.
Darum sagt auch Lukas, daß solche Exempel des
Glaubens auch die frommen Juden (die gläubig ge-
worden waren) sehr verwirrt machten, und daß die an-
dern, ungläubigen Juden toll und töricht drüber wur-
den, welches doch kein Wunder war, weil sie im Ge-
setz auferzogen und an es von Abraham her gewohnt
waren, und (ihnen) verdrießlich sein mußte, daß die
Heiden, die ohne Gesetz und Gott waren, ihnen in der
Gnade Gottes gleich sein sollten. Aber daß unsere
Leute, die wir alle Heiden sind, solchen Artikel (von
der Gerechtigkeit aus dem Glauben) so lästern und
verfolgen, das ist zehnmal ärger, da wir doch hier
sehen und nicht leugnen können, daß Gottes Gnade
und Christi Erkenntnis auf unsere Vorfahren gekom-
men sei, ohne Gesetz und Verdienst, ja in greulichen
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Abgöttereien und Lastern. Aber sie werden auch


ebenso viel mit ihrem Lästern und Verfolgen dran ge-
winnen, wie die Juden mit ihrem Wüten und Toben
daran gewonnen haben. Denn der zuvor den Juden
solches gedroht und durch Mose hatte sagen lassen
(5. Mose 32, 21): »Ich will euch erzürnen über dem,
das nicht mein Volk ist, und an einem törichten Volk
euch toll machen«, und Hosea 2, 25: »Ich will mein
Volk nennen, das nicht mein Volk ist« (das ist, wel-
ches ohne Gesetz und Werke lebet), und hats ihnen
gehalten, eben derselbe drohet solches auch unsern
Lästerern, und wird es ihnen (wie er schon recht ange-
fangen hat) gewißlich halten. Das glauben sie aber
nicht, bis sie es (wie die Juden) erfahren, Amen.

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Editorische Bemerkung

Diese Vorrede zur Apostelgeschichte enthält zum er-


sten Mal die Ausgabe des Neuen Testamentes von
1533, sie ist also zwischen 1530 und 1533 von Lu-
ther abgefaßt worden. Von da ab finden wir sie in
allen Ausgaben (auch der Vollbibel).

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Anmerkungen

1 Früher, eig.: »etwan«.


2 Erläuterung, eig.: »glose«.

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