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3102 Vorrede zur Offenbarung Johannes (1522) 1

Martin Luther

Vorrede zur Offenbarung Johannes


(1522)

[WA DB 7, 404]

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3103 Vorrede zur Offenbarung Johannes (1522) 2

An diesem Buch der Offenbarung Johannes laß ich


auch jedermann seines Sinnes walten, will niemand
an meine Meinung oder Urteil gebunden haben. Ich
sage, was ich fühle. Mir mangelt an diesem Buch ver-
schiedenes,1 so daß ichs weder für apostolisch noch
für prophetisch halte: aufs erste und allermeiste, daß
die Apostel nicht mit Gesichten umgehen, sondern mit
klaren und dürren Worten weissagen, wie es Petrus,
Paulus, Christus im Evangelium auch tun. Denn es
gebührt auch dem apostolischen Amt, klar verständ-
lich und ohne Bild oder Gesicht von Christus und sei-
nem Tun zu reden.
Auch gibt es keinen Propheten im Alten Testament,
geschweige denn im Neuen, der so ganz durch und
durch mit Gesichten und Bildern umgehe, daß ich (die
Offenbarung Johannes) bei mir fast dem vierten Buch
Esra2 gleich achte und in allen Dingen nicht spüren
kann, daß es von dem heiligen Geist verfaßt sei.
Dazu dünkt mich das allzuviel, daß er so streng (in
bezug auf) solch sein eigenes Buch, mehr als irgend-
ein anderes heiliges Buch tut – woran viel mehr gele-
gen wäre – befiehlt und drohet, wer etwas davon tue,
von dem werde Gott auch tun (22, 19) usw. Umge-
kehrt sollen selig sein, die da halten, was drinnen ste-
het (1, 3), obwohl doch niemand weiß, was es ist, ge-
schweige, daß ers halten sollte, und es ebenso viel ist,
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3104 Vorrede zur Offenbarung Johannes (1522) 3

als hätten wirs nicht, auch wohl viele edle Bücher


vorhanden sind, die zu halten sind.
Es haben auch viele der Väter dieses Buch vorzei-
ten verworfen3 und wenns auch Hieronymus mit
hohen Worten anführt und sagt, es sei über alles Lob
(erhaben) und so viel Geheimnisse drinnen wie Wör-
ter, so kann er davon doch nichts beweisen und ist
wohl an mehr Orten mit seinem Lob zu freigebig.
Endlich meine davon jedermann, was ihm sein
Geist gibt, mein Geist kann sich in das Buch nicht
schicken, und ist mir dies Ursache genug, daß ich sein
nicht hochachte, daß Christus drinnen weder gelehret
noch erkannt wird, welches zu tun ein Apostel doch
vor allen Dingen schuldig ist, wie Christus Apg. 1, 8
sagt: »Ihr sollt meine Zeugen sein.« Darum bleibe ich
bei den Büchern, die mir Christus hell und rein darge-
ben.

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3105 Vorrede zur Offenbarung Johannes (1522) 4

Editorische Bemerkung

Diese Vorrede Luthers hat bis zum Jahre 1530 in den


Ausgaben des Neuen Testamentes gestanden (letzter
Druck von 1527). Die Ausgabe von 1530, die auch in
anderen Zusammenhängen eine Milderung des Urteils
Luthers bringt (vgl. z.B. die Vorrede zum Jakobus-
brief) ersetzt die kurze Vorrede mit ihrer rundweg ab-
lehnenden Haltung zur Offenbarung dann durch eine
sehr viel ausführlichere, aus welcher wir erfahren, daß
Luthers Stellung zur Offenbarung Johannes sich in-
zwischen wesentlich gewandelt hat. Trotz nicht weni-
ger Vorbehalte hat er es jetzt gelernt, die Offenbarung
in ihrer Bedeutung für den einzelnen Christen wie die
Kirche zu schätzen. Während er sie vorher – wenig-
stens für seine Person, ohne dadurch das Urteil ande-
rer beeinflussen zu wollen – mit schroffen Worten ab-
lehnt, ist er jetzt zwar auch noch der Meinung, die Of-
fenbarung stamme nicht vom Apostel Johannes. Sie
gehöre auch zur niedrigsten Stufe der Weissagung,
welche solange verborgen bleibe, wie die rechte Deu-
tung für ihre Bildsprache nicht gefunden sei. Aber er
will doch jetzt selbst einen solchen Versuch der Deu-
tung des geheimnisvollen Buches machen, welches
der Christenheit zur Tröstung und zur Warnung ge-
schrieben sei.
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3106 Vorrede zur Offenbarung Johannes (1522) 5

Wir werden Luthers Deutung der Offenbarung


nicht für uns übernehmen können, dafür ist sie zu sehr
zeitgeschichtlich bedingt. Aber darauf kommt es auch
gar nicht an. Wichtig sind uns die beiden Vorreden in
ihrem Neben- bzw. Gegeneinander, als Dokument für
die Haltung Luthers zur Schrift, die bestimmt ist vom
Geist und nicht vom Buchstaben und als Trost für
jeden, dem sich die Rätsel des Offenbarungsbuches
nicht voll erschließen wollen.

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3107 Vorrede zur Offenbarung Johannes (1522) 6

Anmerkungen

1 Verschiedenes eig.: »nit eynerley«.


2 Spätjüdische Offenbarungsschrift aus der Zeit um
100 v. Chr.
3 Die Offenbarung des Johannes hat im Abendland
zwar früh Anerkennung gefunden, in der Kirche des
Ostens ist sie jedoch lange – bis zum Ende des 4.
Jahrhunderts – umstritten gewesen (noch länger in der
syrischen Kirche, wo sie sich erst vom 6. Jahrhundert
ab langsam durchsetzt).

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